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HISTORICAL LORDS & LADIES BAND 59

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Verzaubertes Herz

1. KAPITEL

August 1816

Als die beiden Mietdroschken die Bergkuppe erreichten, brachte der Kutscher des ersten Gefährts sein Gespann rasch zum Stehen, nachdem er ein heftiges Klopfen von innen vernommen hatte.

„Wir sind da, David“, sagte Matt Beresford zu seinem Mitreisenden. Er ließ das Fenster herunter und wies mit einer ausholenden Geste auf die Ländereien seines verstorbenen Vaters, die sich vor ihren Augen erstreckten. „Thornfield – mein ‚Familiensitz‘ gewissermaßen!“

Er öffnete den Schlag, sprang leichtfüßig aus der Kutsche und informierte den Fahrer: „Ich schätze, Sie werden ungefähr eine halbe Meile die Straße entlang die Tore des Anwesens erreichen.“

Dann wandte er sich wieder David Seymour zu: „Ich werde versuchen, durch die Pforte in der Mauer, an der wir vorhin vorbeikamen, in den Park zu gelangen. Du fährst weiter, und wir treffen uns vor dem Haus.“

Mit einem resignierten Seufzen sah Seymour ihm nach, wie er entlang der Straße zurückging. Er kannte Beresford schon seit mehr als neun Jahren. Damals waren sie gemeinsam nach Indien aufgebrochen und hatten unter der Schirmherrschaft von Seymours Vater, des Bezirksbevollmächtigten der britischen Ostindien-Handelsgesellschaft, Karriere gemacht. Dann, vor gut sechs Monaten, war Matthew völlig unerwartet vom Anwalt seines verstorbenen Vaters angeschrieben und dringend nach London vorgeladen worden.

Im Laufe der Jahre hatte Seymour einiges über Matthew Beresfords Kindheit erfahren. Er wusste, dass Matts Vater, Sir Matthew Beresford, der zu der Zeit Gouverneur von Madras gewesen war, seinem neugeborenen Sohn die Schuld am Dahinscheiden seiner geliebten Gattin im Kindbett gegeben und den Säugling, lediglich von einer eilig angeheuerten Amme und einem Gehilfen der Gesellschaft begleitet, auf das erste verfügbare Schiff nach England verfrachtet hatte, wo der Junge der Obhut seiner Großeltern mütterlicherseits übergeben wurde. Sir Matthew kam zwar für den Unterhalt seines Sohns auf, doch die alternden Verwandten mussten das Wohlergehen ihres Enkels von Anfang an Kinderfrauen und Gouvernanten überlassen. Infolgedessen wäre dem jungen Beresford vermutlich eine freudlose, nüchterne Erziehung zuteil geworden, hätte nicht ein Bekannter seines Großvaters einen hervorragenden und überdies recht fortschrittlichen Lehrer empfohlen, der nicht nur für eine umfassende Bildung seines jungen Schülers sorgte, sondern sich auch darum kümmerte, dass der Knabe alle nötigen sportlichen Fähigkeiten erwarb, die von einem Gentleman seines Standes erwartet wurden. Dass Beresford es in Indien zu etwas gebracht hatte, war zweifellos auf die hingebungsvollen Bemühungen seines ausgezeichneten Mentors zurückzuführen.

„Hast du denn nie versucht, Kontakt zu deinem Vater aufzunehmen?“, hatte Seymour seinen Freund erstaunt gefragt, als er zum ersten Mal dessen Geschichte gehört hatte.

„Meine Großeltern haben ihn mehrfach angeschrieben“, erzählte Beresford ihm, „aber er hat auf keinen ihrer Briefe reagiert.“

„Und als du selbst älter warst?“

„Natürlich habe ich es probiert“, sagte Beresford. „Sobald ich großjährig war, wollte ich ihn ausfindig machen, doch da seine Anwaltskanzlei sich weigerte, mir seine Adresse zu verraten, war dies ein schwieriges Unterfangen. Durch Zufall traf ich ihn dann eines Tages in seinem Club in St. James und nahm all meinen Mut zusammen, um ihn anzusprechen.“

Bei der Erinnerung an diese schicksalhafte Begegnung verdüsterten sich seine strahlend blauen Augen. „Zu dem Zeitpunkt wollte ich unbedingt zu meinen Freunden aus dem College auf die iberische Halbinsel, daher ersuchte ich ihn, seinen Einfluss zu nutzen und mich für ein Offizierspatent zu empfehlen.“

„Und dein Vater hat sich immer noch geweigert, dich anzuerkennen? Nach einundzwanzig Jahren hätte er seinen Groll überwunden haben können, sollte man meinen.“

Beresford schüttelte den Kopf. „Das war nicht der Fall. Bei meinem Anblick wurde er leichenblass und beschuldigte mich, ausgesprochen unverschämt zu sein und so weiter. Doch da er mich nicht mehr finanziell unterstützen wollte, nachdem ich meinen Abschluss in Oxford gemacht hatte, blieb mir keine andere Wahl, als auf meiner Bitte zu beharren. Daraufhin behauptete er, er habe keine Kontakte zum Militär – was nicht stimmte, wie ich später herausfand.“

„Wenigstens hat er dir eine Stellung bei der Gesellschaft verschafft“, meinte Seymour. Es fiel ihm schwer, die Haltung Sir Matthews zu begreifen, denn er selbst hatte eine enge, harmonische Beziehung zu seinem Vater.

„Ja“, räumte Beresford ein. „Ich wollte schon gehen, da bot er mir an, mir eine Passage auf der ‚East Indiaman‘ zu bezahlen, die kurz darauf in See stechen wollte. Er ließ sich Schreibzeug bringen und setzte unverzüglich den Brief auf, in dem er mich deinem Vater vorstellte. Den Rest kennst du ja.“

Seymour nickte. „Angeblich hat Sir Matthew in Indien ein riesiges Vermögen gemacht. Man behauptete, er sei reich wie Krösus.“

„Das passt recht gut zu dem Eindruck, den ich von ihm gewonnen habe“, erwiderte Beresford sachlich. „Gerechterweise muss ich jedoch sagen, dass ich ihm die Bekanntschaft mit dir verdanke, und ich wüsste keinen besseren und treueren Freund als dich, David.“

Ohne die finanzielle Zuwendung seines Vaters war Beresford gezwungen gewesen, Sir Matthews Empfehlungsschreiben anzunehmen, und er hatte sich umgehend bei der Hauptverwaltung der Gesellschaft vorgestellt. Von dort hatte man ihn zu David Seymours Wohnung geschickt, der gerade selbst im Begriff war, zu seinem Vater nach Indien aufzubrechen.

Seit diesem schicksalhaften Tag waren neun Jahre vergangen, während derer sich weder für Seymour noch für Beresford die Gelegenheit ergab, nach England zu reisen. Matthews Großeltern lebten nicht mehr, und soviel er wusste, hatte er keine Verwandten außer seinem Vater, der auf keinen der Briefe reagierte, die er ihm in der ersten Zeit schickte. Daher war er ziemlich erstaunt, als der Anwalt Sir Matthews ihn anschrieb, um ihn vom Tod seines Vaters in Kenntnis zu setzen. Weit mehr indes überraschte Beresford die Information, dass er aufgrund einer Unregelmäßigkeit im Wortlaut des väterlichen Testaments möglicherweise Sir Matthews Erbe sei und daher umgehend nach England zurückkehren müsse.

Beresford hätte der Aufforderung keine Beachtung geschenkt, doch mit dem Argument, dass eine Reise in die Heimat, nun, da der Krieg in Europa vorbei war, sich als recht vergnüglich erweisen könne, vermochte Seymour ihn zu überzeugen.

„Denk nur an die vielen hübschen jungen Damen, die wir dort kennenlernen werden!“, erklärte er mit vor Freude leuchtenden Augen. „Was meinst du? Die Probleme mit dem Vermächtnis deines Vaters sind sicher rasch geregelt, und dann werden wir uns ausgiebig im guten alten London vergnügen!“

Tatsächlich jedoch erwiesen sich die Schwierigkeiten mit dem Testament Sir Matthews als ein ziemlicher Albtraum, da er offenbar neunzehn Jahre zuvor noch einmal geheiratet und eine zweite Familie gegründet hatte. Matthew hatte er über die neue Gattin und die beiden gemeinsamen Kinder in Unkenntnis gelassen. Obwohl es zweifellos seine Absicht gewesen war, die Hinterbliebenen gut versorgt zu wissen, konnte seinen Verfügungen nicht stattgegeben werden, solange nicht geklärt war, welcher seiner männlichen Nachkommen der rechtmäßige Erbe war.

Sir Matthew hatte den Großteil seines Grundbesitzes seinem „Sohn“ vermacht und damit offenbar den inzwischen sechzehnjährigen Nicholas gemeint. Vor der Existenz seines Erstgeborenen schien er völlig die Augen verschlossen zu haben, oder er war, wie Matt argwöhnte, davon ausgegangen, dass der hellhäutige Junge den Unbilden des unbarmherzig heißen Klimas in Indien erlegen war.

Beresford wies den Anwalt kühl an, die Angelegenheit ganz im Sinne Sir Matthews zu regeln. Er selbst war in den Jahren in Indien zu großem Reichtum gelangt, sodass er lebenslang ausgesorgt hatte. Mit der Erbschaft seines Vaters wollte er nichts zu tun haben.

„Unglücklicherweise, Sir“, informierte Mr. Robbins ihn streng, „befindet sich das Anwesen aufgrund der seit dem Tod Sir Matthews ausgebliebenen Finanzierung in einem prekären Zustand, und Lady Beresford – Ihre Stiefmutter, wenn ich so frei sein darf, Sie darauf hinzuweisen – hat das Recht, mit Ihrer Unterstützung zu rechnen!“

Jeder weitere Protest erwies sich als vergeblich, da Mr. Robbins Beresford nur ein ums andere Mal an seine Pflicht seiner Familie gegenüber erinnerte.

„Ich werde mein Bestes tun, um von hier aus die Anwartschaft auf den Titel zu klären, aber Sie müssen nach Lincolnshire fahren und in Thornfield nach dem Rechten sehen. Die Familie hat seit fast einem Jahr kein Geld mehr bekommen, da es so lange gedauert hat, Ihren Aufenthaltsort festzustellen. Ihre Angehörigen benötigen dringend die Hilfe und Anleitung eines Mannes, der von der Gutsverwaltung so viel versteht wie Sie, Sir“, beharrte der Anwalt auf seinem Standpunkt. „Wenn Sie die Dinge auf dem Anwesen in Ordnung gebracht haben, können Sie reinen Gewissens nach Hause zurückkehren.“

2. KAPITEL

Ein wenig beklommen näherte Beresford sich der Mauer, die den Park von Thornfield umgab. Vor dem Durchlass mit dem schmalen Eisengittertor hielt er inne. Er ließ sich sonst nicht so leicht aus der Ruhe bringen, doch bei dem Gedanken, in Kürze seinen völlig unbekannten, ungewollten Verwandten gegenüberzustehen, war ihm nicht allzu wohl zumute.

Zu seiner Überraschung war die Pforte unverschlossen. Hoffentlich keine gewohnheitsmäßige Nachlässigkeit, dachte er, während er das Gittertor hinter sich verriegelte und sich in dem kleinen Wäldchen umsah, durch das der Weg zum Haus verlief. Sofort fielen ihm Anzeichen der Vernachlässigung auf: umgestürzte junge Bäume, wild wuchernde Brombeerhecken und überall Unkraut.

Auf einmal hörte er nicht weit entfernt aufgebrachte Stimmen. Neugierig schlich er in die Richtung, aus der die lautstarke Auseinandersetzung zu ihm drang.

Er lugte zwischen den Sträuchern hindurch auf eine Lichtung und sah einen Mann und eine junge Frau, die sich heftig stritten. Plötzlich machte der Mann eine unmissverständliche Drohgebärde und schien das Mädchen im nächsten Moment schlagen zu wollen. Ohne zu überlegen, brach Beresford durch das Gebüsch, um der jungen Frau zu Hilfe zu kommen.

Bei seinem Auftauchen stolperte der Mann verblüfft rückwärts. Im nächsten Moment schwang er sein Gewehr in Beresfords Richtung.

„Wer, zum Teufel, sind Sie?“, stieß er hervor. „Und was machen Sie hier?“

Beresford blieb wie angewurzelt stehen. Die Flinte zielte genau auf seine Brust. Mit blitzenden dunklen Augen musterte der Mann ihn und bemerkte offenbar, dass der Eindringling mit der eleganten Reithose und dem maßgeschneiderten Rock kein Vagabund sein konnte. Verunsichert zögerte er, als unterdrücktes Gelächter ihn veranlasste, zornig zu der jungen Frau herumzuwirbeln.

„Was ist hier so lustig?“, verlangte er zu wissen. „Kennen Sie diesen Gentleman?“

Erheitert schüttelte das Mädchen den Kopf. „Er muss Matthew Beresford sein“, äußerte sie. „Der neue Herr von Thornfield, Mr. Wentworth. Man hat uns mitgeteilt, dass er bald eintreffen würde, und, wie es scheint, ist er nun hier!“

Wentworths Blick wanderte zurück zu Beresford. „Sie sind Matthew Beresford?“, fragte er aufsässig. „Wie kommt es dann, dass Sie den Weg durch das Gehölz nehmen?“

„Ich vermute, Sie gehören zu meinen Bediensteten“, erwiderte Beresford kalt. „Und ich gehe davon aus, Sie möchten Ihre Stellung behalten?“

Der Mann erbleichte, während die junge Frau das Wort ergriff. „Das ist Philip Wentworth, Sir. Er ist – war – seit Sir Matthews Tod für das Anwesen verantwortlich.“

Beresford sah sie an. Sie war außergewöhnlich hübsch mit ihrem weichen braunen Haar und den großen grauen Augen. Ihr verblichenes blaues Baumwollkleid und der ziemlich ramponierte Strohhut ebenso wie der Korb mit Walderdbeeren in ihren Händen ließen darauf schließen, dass er eines der ranghöheren Hausmädchen vor sich hatte.

„Und wer sind Sie?“, fragte er.

Sie wurde augenblicklich ernst, und ihre Wangen röteten sich. Offenbar konnte sie eine herabsetzende Bemerkung als solche erkennen. „Ich bin Imogen Priestley“, erwiderte sie gleichmütig, ohne seinem Blick auszuweichen.

Beresford nickte nur und setzte sich in Bewegung. „Sie sollten in Zukunft darauf achten, dass der Durchlass in der Mauer verschlossen ist“, warf er dem mürrisch dreinschauenden Wentworth an den Kopf, als er an ihm vorbeiging.

Das Mädchen rief ihm nach, und als er sich umwandte, stand sie bereits neben ihm.

„Ich fürchte, das war ich“, sprudelte sie hervor. „Ich habe auf der anderen Straßenseite Beeren gepflückt und muss vergessen haben, das Tor zu versperren, als ich zurückkam. Es ist nicht Wentworths Schuld – in diesem Fall nicht.“

Beresford betrachtete sie eingehender. Etwas an ihrer Haltung oder vielleicht auch der beschwingte Klang ihrer Stimme veranlasste ihn, seinen ersten Eindruck von ihr zu revidieren. Sie war keine Dienstbotin, da war er sicher. Eher eine Gouvernante.

„Wollen Sie zurück zum Haus?“, erkundigte er sich.

Sie nickte. „Es wäre mir ein Vergnügen, Ihnen den Weg zu zeigen, aber Sie können sich kaum verirren, da der Pfad direkt in die Auffahrt mündet.“

Er lächelte. „Das hatte ich gehofft.“

Während sie nebeneinander herwanderten, bewunderte Imogen seine Erscheinung. Er war hochgewachsen und unbestreitbar gut aussehend. Sein Teint wies selbst nach der langen Heimreise noch einen Rest der tropischen Sonnenbräune auf, die er während der Jahre in Indien erworben hatte. Sie betonte seine strahlend blauen Augen und sein hellblondes Haar.

Beresford fühlte sich bei ihren forschenden Blicken ein wenig unbehaglich. „Wie konnten Sie erraten, wer ich bin?“, wollte er wissen, nachdem sie eine Weile schweigend weitergegangen waren.

„Ich kenne das Porträt Ihrer Mutter. Sie sehen ihr so ähnlich, wie ein Mann einer Frau nur ähnlich sehen kann – die gleichen goldenen Locken, die gleichen blauen Augen …“ Sie brach verwirrt ab, als Beresford sie am Arm packte und zu sich herumwirbelte.

„Ein Porträt meiner Mutter?“, wiederholte er. „Wo haben Sie es gesehen?“

Sie versuchte sich ihm zu entziehen. „Sie tun mir weh, Sir“, protestierte sie.

Er ließ sie los. „Verzeihung. Ich wollte Sie nicht erschrecken. Sie sagten, Sie hätten ein Bildnis meiner Mutter gesehen?“

„Nun ja“, gab sie zu, „es ist allerdings schon Jahre her. Das Gemälde befand sich auf einem der Dachböden, wo wir gerne Verstecken spielten. Ich habe mich oft gefragt, wer die Dame sein könnte, doch als ich Sir Matthew danach fragte, wurde er sehr böse und verbot uns allen, dort hinaufzugehen. Daher ist es gut möglich, dass man es inzwischen weggeschafft hat.“

Er dachte über ihre Worte nach. „Wollen Sie damit sagen, dass Sie seit Ihrer Kindheit auf Thornfield leben?“

Sie lächelte bei dem verwirrten Ausdruck in seinem Gesicht. „Lady Beresford hat mich aufgenommen, als ich sechs Jahre alt war“, erklärte sie geduldig. „Zu der Zeit war Jessica nicht einmal zwei …“

„Jessica?“

„Ihre Halbschwester.“ Sie sah ihn eine Weile zweifelnd an. „Mir scheint, Sie sind nicht sehr gut über uns informiert, wenn ich das so sagen darf.“

„Eigentlich weiß ich überhaupt nichts“, gestand er geradeheraus. „Bis vor zwei Wochen war mir nicht einmal die Existenz dieser Familie bekannt. Wie es aussieht, haben Sie in diesem Fall die Oberhand.“

„Wie meinen Sie das?“

Er stopfte die Hände in die Hosentaschen und ging zielstrebig weiter. „Nun, ich habe den Eindruck, Sie alle sind bestens über meine Person unterrichtet.“

Sie eilte ihm nach. „Nein, gar nicht!“, protestierte sie. „Erst vor ein paar Monaten erfuhren wir, dass es Sie überhaupt gibt. Lady Beresford hat sich bis heute kaum von dem Schock erholt. Anscheinend war Mr. Robbins der Einzige, dem Sir Matthew sich anvertraut hat!“

Beresford stieß ein unfrohes Lachen aus. „Robbins deutete an, dass er bald ein halbes Jahr brauchte, um mich aufzuspüren. Ich persönlich wünschte, er hätte sich nicht die Mühe gemacht!“

„Oh, nein! Bitte sagen Sie doch nicht so etwas! Ich jedenfalls bin froh, dass er Sie gefunden hat!“, gab sie fassungslos zurück.

Überrascht bemerkte Beresford den lebhaften Ausdruck, der plötzlich in ihr Gesicht getreten war. Noch verblüffender erschien ihm, dass ihre Augen, die ihm vorhin unbestimmbar grau erschienen waren, nun eine viel intensivere Färbung angenommen hatten und höchst erstaunliche silberne Blitze zu sprühen schienen. Einen Moment lang starrte er fasziniert in ihr schönes Antlitz, dann riss er sich zusammen, blinzelte und schüttelte den Kopf.

„Da ich nun einmal hier bin, werde ich auf jeden Fall alles in meiner Macht Stehende tun, um das Durcheinander in Ordnung zu bringen, in dem Sir Matthew Sie zurückgelassen hat“, hörte er sich selbst sagen, dann schalt er sich im Stillen für seine gefühllose Bemerkung.

Imogen schien jedoch keinen Anstoß an seinem mangelnden Taktgefühl zu nehmen. „Ja, ich war mir sicher, dass Sie das tun würden“, gab sie zu. „Und ich muss Ihnen berichten, welche Probleme ich die ganze Zeit hatte! Wentworth war überhaupt nicht zu einer Zusammenarbeit bereit, und die Bücher sind in einem beklagenswerten Zustand!“

Beresford runzelte die Stirn. „Das können Sie von jetzt an beruhigt alles mir überlassen“, erwiderte er. „Haben Sie deswegen vorhin mit Wentworth gestritten?“

Sie zögerte. „Nun … nein. Es handelte sich um etwas anderes …“

Der Waldweg hatte sie bis zu der Kiesauffahrt geführt, und als er einen ersten Blick auf das Gebäude erhaschte, musste er zugeben, dass Thornfield ein ausgesprochen vorzeigbarer Herrensitz war. Das Haus hatte drei Stockwerke, und allein an der östlichen, mit cremefarbenem Stuck verzierten Fassade zählte er mehr als zwanzig elegante Fenster. Die Vorderfront zierte eine protzige, mit Säulen versehene Kutschenauffahrt.

Imogen bedeutete ihm, sich zur Eingangstreppe zu begeben, und ging selbst durch einen Torbogen, der zum Nordflügel des Hauses führte. „Ich muss diese Erdbeeren der Köchin bringen.“ Sie lächelte. „Sonst bekommen wir kein Dessert zum Dinner!“ Damit eilte sie davon.

Beresford sah ihr ein wenig verwirrt nach, bis sie außer Sicht war, dann bemerkte er plötzlich, dass seine beiden Mietdroschken bereits eingetroffen waren und Seymour Schwierigkeiten zu haben schien, einer Reihe recht unglücklich aussehender Diener Anweisung zu geben, das Gepäck abzuladen. Er seufzte und eilte zu seinem Freund. Da er an das gut geregelte, ordentliche Leben einer indischen Bergwarte gewohnt war, schien es ihm, dass sich der gesamte Haushalt Thornfields in einem heillosen Durcheinander befand.

Als alle Koffer und Kisten endlich in die staubige, indes prächtig eingerichtete Eingangshalle gebracht worden waren, blickte Beresford sich in der Erwartung um, eine Art Willkommenskomitee zu sehen. Doch abgesehen von einem betagten Diener war niemand da.

„Wo befindet sich Lady Beresford?“, fragte er den Domestiken. „Ich nehme an, sie erwartet mich. Wenn Sie so freundlich sein wollen, mich unverzüglich zu ihr zu bringen.“

Der alte Mann schüttelte den Kopf. „Ihre Ladyschaft ist indisponiert, Sir … das heißt, sie steht nie vor Mittag auf.“

Beresford runzelte verärgert die Stirn, verzichtete jedoch auf eine zornige Antwort und bemühte sich um Geduld. Er holte tief Luft und ging auf einen Raum zu, der, den Bücherregalen nach zu schließen, die er durch die offene Tür erblickt hatte, die Bibliothek oder irgendein Arbeitszimmer sein musste.

„Na schön“, sagte er kurz angebunden. „Bringen Sie mir eine Karaffe Weinbrand. Mr. Seymour und ich werden eine kleine Erfrischung zu uns nehmen, während wir warten, bis es der Dame des Hauses genehm ist.“

„Sehr wohl, Sir. Ich werde sehen, was ich tun kann, Sir.“ Der Diener verbeugte sich und eilte davon.

Es handelte sich tatsächlich um eine große, sehr gut ausgestattete Bibliothek, doch zu Beresfords Missfallen wurde sie von einem riesigen Porträt Sir Matthews beherrscht, das über dem Kamin hing. Sein verstorbener Vater schien mit einem Gesichtsausdruck äußerster Missbilligung auf ihn und David herabzublicken. Beresford erschauerte und drehte einen der Ledersessel so um, dass er dem Kamin den Rücken zukehrte, bevor er Platz nahm.

„Was für ein merkwürdiger Empfang!“, bemerkte Seymour und folgte dem Beispiel seines Freundes. „Es sieht jedenfalls so aus, als ob du hier alle Hände voll zu tun haben wirst, mein Lieber. Soviel ich sehen konnte, gibt es hier weit und breit kein freundliches Gesicht.“

Aus keinem ersichtlichen Grund kam Beresford plötzlich das Bild eines lachenden grauen Augenpaars in den Sinn. Er schüttelte den Eindruck ab und sagte: „Eine so schludrige Dienstbotenschaft ist mir noch nicht begegnet, David. Darum muss ich mich unbedingt kümmern – ist dir aufgefallen, wie wenig Personal es gibt? Man hätte angenommen, dass in einem so großen Haus …“

Er wurde von dem alten Diener unterbrochen, der mit einem Silbertablett hereinkam, auf dem eine halb leere Karaffe und zwei Gläser standen.

„Mehr konnte ich nicht tun, Sir“, verkündete der betagte Mann schwer atmend und stellte seine Last auf dem Beistelltisch neben Beresford ab. „Mr. Wentworth hat die Kellerschlüssel, Sir, und ich konnte ihn nirgends finden.“

„Was glaubst du, wer dieser Mr. Wentworth ist?“, erkundigte sich Seymour neugierig, nachdem der Bedienstete hinausgegangen war.

„Oh, ich hatte bereits das fragwürdige Vergnügen, die Bekanntschaft des Burschen zu machen“, erwiderte Beresford. „Anscheinend ist er der Gutsverwalter meines Vaters – und ein ziemlich zwielichtiger Kerl, wenn du meine Meinung hören willst. Ich gehe davon aus, dass ich ihn nicht behalten werde. Es ist allerdings schwer zu verstehen, weshalb er die Kellerschlüssel hat. Ich würde denken, sie gehörten eher in den Zuständigkeitsbereich des Butlers.“

In einvernehmlichem Schweigen tranken die beiden Männer ihren Weinbrand.

Plötzlich wurde die Bibliothekstür aufgestoßen, und ein junges Mädchen stürzte mit vor Aufregung leuchtenden Augen herein.

„Es ist also wirklich wahr!“, rief sie aus und klatschte in die Hände. „Sie sind endlich eingetroffen!“

Beresford und Seymour erhoben sich sichtlich verwirrt, und das nicht allein wegen des unvermittelten Auftauchens der jungen Dame, sondern weil sie zweifellos das schönste Geschöpf war, das sie je gesehen hatten. Ihr hinreißendes Gesicht wurde von honigblondem Haar umrahmt, das ihr in bezaubernden Locken auf die Schultern fiel, und sie besaß riesige smaragdgrüne Augen, die von langen dunklen Wimpern gesäumt waren, und rosarote Lippen, die ein so gewinnendes Lächeln zeigten, wie ein Mann es sich nur wünschen konnte.

Beide Gentlemen hielten den Atem an, als das Traumwesen zwischen ihnen hin und her blickte und verwirrt die Stirn runzelte.

„Wer von Ihnen ist denn nun mein Bruder?“, fragte sie ein wenig schmollend. „Keiner von Ihnen hat die geringste Ähnlichkeit mit Papa!“

Beresford seufzte und ging auf sie zu. „Ich bin Matthew Beresford“, bekannte er. „Du musst … Jessica sein?“

Sie nickte eifrig, ergriff seine ausgestreckte Hand und zog ihn mit sich zu einem in der Nähe stehenden Sofa.

Wider Willen amüsiert, wehrte Matthew sich nicht und nahm neben ihr Platz. Sie klimperte gekonnt mit den Wimpern, bevor sie ihm den vollen Genuss des Anblicks ihrer außerordentlich schönen Augen gewährte.

„Es hat so lange gedauert, bis du gekommen bist“, sagte sie klagend, hielt seine Hand fest und streichelte sie sanft.

Du kleines Biest, dachte Beresford innerlich schmunzelnd. Kaum achtzehn Jahre alt und schon in der Lage, versiert zu flirten! Sicher hatte sie einigen ihrer hiesigen Verehrer das Herz gebrochen. Er wollte Seymour verschwörerisch zuzwinkern, blinzelte dann jedoch nur verzweifelt, als er den Gesichtsausdruck seines Freundes gewahrte. Oh Gott, seufzte er innerlich, der arme David! Es war klar, dass er von dieser Seite keine Unterstützung erhalten würde.

„England ist ziemlich weit von Indien entfernt“, antwortete er seiner Schwester entschuldigend.

Sie knabberte höchst aufreizend an ihrer Unterlippe. „Ich habe so auf dich gewartet! Seit Papa gestorben ist, ist es hier furchtbar gewesen. Ich habe seit über einem Jahr kein einziges neues Kleid mehr bekommen!“

Beresford unterdrückte ein Lächeln. „Nun, wie du siehst, bin ich da“, sagte er tröstend und tätschelte ihre Hand. „Und ich bin sicher, wir werden eine Lösung für deine Probleme finden.“

„Erhalte ich dann auch wieder mein Nadelgeld?“ Erneut blickte sie ihn mit ihren großen Augen an und rang flehend die Hände.

„Ich denke, das lässt sich einrichten“, versicherte er ihr ernst. „Indes muss ich unverzüglich mit deiner Mama sprechen – der Butler erklärte mir, sie sei indisponiert?“

„Oh, Mama ist immer indisponiert“, gab sie zurück und warf ihre schimmernden Locken zurück. „Sie wird wohl bald herunterkommen, um im kleinen Salon ihr Mittagessen zu sich zu nehmen. Den Nachmittag verbringt sie meistens damit, sich auf der chaise-longue auszuruhen.“

„Aber sie weiß doch sicher, dass ich eingetroffen bin?“, fragte er verdutzt.

Jessica überlegte einen Moment, dann nickte sie. „Ich glaube schon“, antwortete sie. „Imo wird es ihr gesagt haben.“

„Imo?“

Jessica sprang auf. „Cousine Imo. Wahrscheinlich ist sie sowieso diejenige, mit der du reden musst. Mama beschäftigt sich nie mit Haushaltsangelegenheiten. Imo kümmert sich um alles.“ Sie schenkte ihm ein weiteres strahlendes Lächeln. „Ich werde sie holen gehen, wenn du willst“, bot sie an und war bereits halb aus dem Raum.

Beresford blickte ihr stirnrunzelnd nach. Was für ein Erbe hatte er da nur angetreten? Eine widerwillige Dienerschaft, ein unfähiger Verwalter, eine Schwester, die eindeutig mehr von der Kunst des Tändelns verstand, als sie sollte, eine kränkliche Stiefmutter und nun, wie es schien, irgendeine von ihnen abhängige, altjüngferliche Cousine.

Er hörte Seymour schwer seufzen, drehte sich zu ihm um und sah, dass sein Freund verzückt vor sich hin starrte.

„Was für eine vollkommene Schönheit!“, hauchte er. „Hast du diese Augen gesehen?“

„Hör auf damit, David“, entgegnete Beresford gereizt. „Ich muss dich doch gewiss nicht daran erinnern, dass das Kind meine Schwester ist.“

„Sie ist kein Kind mehr, alter Freund“, betonte Seymour umgehend. „Aber ich versichere dir – durch mich wird sie nicht zu Schaden kommen, Ehrenwort.“

„Ich habe nichts anderes von dir erwartet“, erwiderte Beresford geistesabwesend, da er bereits über wichtigere Dinge nachdachte. „Und jetzt müssen wir, wie es scheint, wohl oder übel auf diese geheimnisvolle Imo warten, wer auch immer sie sein mag.“

3. KAPITEL

Imogen hatte sich gerade umgekleidet, als sie zu ihrer Tante gerufen wurde. Eilig begab sie sich zum Schlafgemach Ihrer Ladyschaft.

„Oh, Imogen“, jammerte Lady Beresford, kaum dass sie das Zimmer betreten hatte, und rang die Hände. „Er ist da! Er wird uns alle hinauswerfen! Was soll bloß aus uns werden?“

Blanche Beresford war ein rundlicheres, bereits etwas verblühtes Ebenbild ihrer Tochter. Nur ungern bekannte sie sich zu ihren achtunddreißig Jahren. Sir Matthew hatte die gefeierte Schönheit auf dem Höhepunkt ihrer ersten Saison geheiratet. Doch anders als Jessica war sie ein eher zurückhaltendes und empfindliches Wesen, und ihr Leben mit dem strengen, selbstgerechten Sir Matthew hatte dazu geführt, dass aus ihr ein ängstlicher Schatten ihres früheren Selbst geworden war. Insgeheim war ihr der plötzliche Tod ihres Gatten wie eine willkommene Begnadigung von ihren ehelichen Pflichten erschienen, aber die Komplikationen nach der Testamentseröffnung und die zunehmenden Entbehrungen hatten ihre Nerven zerrüttet.

„Mach dir nicht solche Sorgen, Tante“, beruhigte Imogen sie. „Das wird er sicher nicht tun. Meines Erachtens ist er ein recht vernünftiger Gentleman.“

„Versprichst du mir, dass du Thornfield nicht verlassen wirst, bis wir wissen, welche Absichten dieser Mann hat?“

„Ich werde nirgendwohin gehen, solange ich nicht genau weiß, dass ihr in gesicherten Verhältnissen seid, Tante Blanche.“

„Ich weiß gar nicht, wie ich ohne dich zurechtkommen soll“, setzte Lady Beresford ihre Klage fort.

„Tante Blanche, du hast mir doch versprochen, nicht mehr über meinen Fortgang zu murren. Wir haben oft genug über dieses Thema gesprochen, und du musst einsehen, dass ich nicht hierbleiben kann. Mr. Beresford ist nicht mein Verwandter, und wenn er der neue Herr von Thornfield wird, kann ich seine Großzügigkeit nicht für mich beanspruchen.“

Ihre Ladyschaft starrte entsetzt zu ihr hoch. „Dann hältst du ihn für einen Tyrannen, wie ich es vermutet hatte?“

Imogen lachte, neigte sich hinab und küsste die bleiche Wange ihrer Tante. „Eigentlich nicht“, sagte sie. „Ich habe eher den Eindruck gewonnen, dass er nicht … wie soll ich es ausdrücken … unnahbar ist.“

„Anders als dein Onkel“, rief Lady Beresford bitter aus, dann schloss sie die Augen und lehnte sich in ihre Kissen zurück. „Ich bekomme wieder meine Kopfschmerzen, meine Liebe. Ich glaube, ich sollte heute im Bett bleiben. Wenn du Francine zu mir schicken könntest …?“

Leise verließ Imogen das Zimmer und begab sich zu der langen, geschwungenen Treppe. Die Hand auf dem Geländer, stand sie einen Moment lang auf dem Podest und fragte sich, wie sie ihre Tante dazu überreden konnte, sich aus ihrem Schlafgemach hinauszuwagen, damit sie ihren Stiefsohn kennenlernen konnte.

Plötzlich runzelte sie die Stirn. Unten in der Halle war die Tür zur Bibliothek aufgerissen worden, und Jessica stürzte aus dem Raum, um dann, in höchst undamenhafter Weise immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinaufzustürmen.

„Oh, da bist du ja, Imo“, keuchte sie. „Weshalb hast du mir nicht erzählt, dass er ein solcher Mann von Welt ist!“

Imogen schüttelte den Kopf. „Ich wünschte, du würdest dich etwas mehr um schickliches Benehmen bemühen, Jess. Es gehört sich nicht, in deinem Alter noch herumzurennen, weißt du. Wenn Widdy dich gesehen hätte …“

Jessica zog einen Schmollmund. „Es tut mir leid, Imo. Ich war so aufgeregt. Ich werde mein Nadelgeld bekommen, sobald Matthew …“ Sie brach ab und biss sich auf die Lippe. „Ich darf ihn doch Matthew nennen?“, fragte sie dann.

„Ich glaube schon.“ Imogen lächelte. „Er ist schließlich dein Bruder … obwohl du das besser erst mit ihm besprechen solltest. Möglicherweise bevorzugt er eine andere Anrede.“

Sie wandte sich zum Gehen.

„Oh, Imo, das hätte ich fast vergessen! Ich bin gekommen, um dich zu holen – er wartet mit dem anderen Gentleman in der Bibliothek auf dich.“

„Er wartet auf mich?“ Imogen war verwirrt. „Weshalb sollte er?“

„Nun, ich habe ihm zu verstehen gegeben, dass du den Haushalt führst“, antwortete Jessica und errötete.

„Oh, Jess, du bist wirklich unmöglich!“, begann Imogen verärgert, hielt dann jedoch inne. Eigentlich stimmt es ja, dachte sie. Während der vergangenen zwölf Monate war sie es gewesen, die sich zusammen mit Miss Jane Widdecombe, der getreuen Gouvernante der Beresfords, um sämtliche hauswirtschaftlichen Angelegenheiten gekümmert und ihrer aller Köpfe über Wasser gehalten hatte. Mithilfe ihrer eigenen, recht großzügigen Zuwendung, die sie aus dem Vermächtnis ihrer Eltern bezog, war es ihr gelungen, den Lebensunterhalt der Familie zu bestreiten, nachdem die Geldmittel des Besitzes allmählich versiegt waren. Durch umsichtige Einteilung hatte sie es sogar geschafft, einigen Dienern einen Teil ihres Lohns zu zahlen, obwohl ein Großteil des Personals sich nach und nach um eine andere Stellung bemühen musste. Ihrer Meinung nach war Matthew Beresford nicht einen Augenblick zu früh eingetroffen, und sobald sie ihn mit den zahlreichen Problemen vertraut gemacht hatte, die auf ihn warteten, würden sie und Widdy sich auf den Weg in den Lake District begeben, um in der Schule von Miss Widdecombes Freundin Margery Knox tätig zu werden.

Sie begab sich in die Halle hinunter. Vor der Tür zur Bibliothek strich sie ihr blau geblümtes Musselinkleid glatt, klopfte zögernd an und trat ein.

Beresford saß am anderen Ende des Raums auf dem Fenstersitz. Er schien in trübe Gedanken versunken und hatte ihr Klopfen offenbar nicht gehört, doch Seymour erhob sich eilig, um sie zu begrüßen.

„Guten Tag“, sagte er eifrig und streckte ihr lächelnd die Hand entgegen. „David Seymour, zu Ihren Diensten, Madam – ich bin ein Freund von Matt.“

Die leichte Anspannung, die Imogen empfunden hatte, verschwand, als sie sein Lächeln erwiderte. Ihr fiel auf, dass er nicht so groß war wie Beresford und von etwas kräftigerer Statur. Seine Haut war etwas tiefer gebräunt, und er hatte kurzes dunkles Haar. Indes bemerkte sie, dass Seymours ziegenlederne Reithosen und sein eleganter Rock nicht annähernd so gut saßen wie die Kleidung seines Freundes.

Beresford war verblüfft über Imogens veränderte Erscheinung. Diese anziehende junge Frau war Cousine Imo? Er musterte ihr reizvolles ovales Gesicht mit der geraden, wohlgeformten Nase und dem großzügigen Mund. Sie besaß nicht nur eine makellose, cremeweiße Haut, sondern auch eine schlanke, an den richtigen Stellen gerundete Figur und war kaum einen Kopf kleiner als er.

Beresford räusperte sich. „Ah! Cousine Imo!“, rief er aus und trat auf sie zu.

Ihre Blicke trafen sich, und wieder fielen ihm die winzigen Silberblitze in ihren Augen auf.

„Ich glaube, ich sagte Ihnen schon, dass mein Name Imogen Priestley lautet“, ließ sie in gleichmütigem Ton wissen. „Und Sie irren sich, was unsere Verwandtschaft betrifft, Mr. Beresford. Mein Vater und Lady Beresford waren Geschwister. Ihre Ladyschaft war so gut, mich aufzunehmen, nachdem meine Eltern bei einem Kutschenunfall ums Leben kamen.“

„Bitte vergeben Sie mir meine Unwissenheit“, erwiderte er und beugte sich über ihre Hand. „Wie es scheint, habe ich noch eine Menge zu lernen.“

Sie sah ihn argwöhnisch an. Sie hätte schwören können, dass seine Lippen amüsiert gezuckt hatten. Der Mann lachte sie doch hoffentlich nicht aus? Sie entzog ihm ihre Finger und nahm anmutig auf dem Sofa Platz. „Jessica teilte mir mit, dass Sie mich zu sprechen wünschen“, erklärte sie. „Wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein kann, stehe ich gern zu Diensten. Und wie ich bereits erwähnte, gibt es die eine oder andere Angelegenheit, über die ich Sie meinerseits gerne in Kenntnis setzen würde.“

Sie warf einen bedeutungsvollen Blick in Seymours Richtung und wandte sich dann wieder Beresford zu. „Vielleicht würde Ihr Freund gerne wissen, wo sein Gemach ist?“, schlug sie vor. „Soll ich nach Allardyce klingeln? Ich bin sicher, dass Ihr Gepäck inzwischen nach oben gebracht wor…“

„Nicht nötig, Madam“, fiel Seymour ihr fröhlich ins Wort, bereits auf halbem Weg zur Tür. „Es macht mir überhaupt nichts aus, den alten Herrn selbst zu suchen.“

„Es scheint hier unglaublich wenig Personal zu geben“, bemerkte Beresford, der sich halb erhoben hatte, und nahm wieder Platz. „Ich hätte gedacht, dass bei einem Anwesen dieser Größenordnung wesentlich mehr Hilfskräfte nötig wären.“

„Die meisten Bediensteten verließen uns innerhalb von drei Monaten nach Sir Matthews Tod“, antwortete Imogen. „Die Geldmittel reichten nicht aus, um sie alle zu entlohnen, und diejenigen, die eine Familie zu unterstützen haben, waren gezwungen, sich einen anderen Posten zu suchen. Bei den wenigen, die geblieben sind, handelt es sich um Diener, die schon seit vielen Jahren hier sind“, fügte sie hinzu.

Beresford schwieg eine Weile, dann sagte er: „Ich werde so bald wie möglich mit Wentworth sprechen.“ Seine Stimme klang fest, obwohl ihm das Herz bei dem Gedanken an all die Probleme, die sich ihm stellten, schwer wurde. „Er wird sicher eine Aufstellung aller fälligen Rechnungen haben. Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen. Ich werde mich unverzüglich dieser Sache annehmen.“

„Da gibt es eine Schwierigkeit“, stammelte Imogen errötend. „Das heißt … ich bin mir nicht ganz sicher … ich habe nur einen Verdacht …“ Sie verstummte.

Beresford runzelte die Stirn. „Wenn Sie mir etwas mitzuteilen haben, Miss Priestley“, versetzte er energisch, „insbesondere wenn es etwas damit zu tun hat, wie ich das Anwesen in Ordnung bringen kann, dann schlage ich vor, Sie sagen mir geradeheraus, worum es sich handelt!“

Imogen schwieg beschämt. Sie hatte sich so gut darauf vorbereitet, Beresford mit ihren Befürchtungen zu konfrontieren, doch nun, da sie tatsächlich vor ihm saß und sein durchdringender Blick auf sie geheftet war, während er ungeduldig auf ihre Erklärung wartete, begann sie sich zu fragen, ob ihre Vermutung in Bezug auf Wentworth richtig war. Hatte sie vielleicht überreagiert? Sie spürte, wie ihre Wangen sich röteten, und bemühte sich, ruhiger zu atmen.

„Es ist nur, dass ich nicht verstehen kann, was mit den ganzen Einkünften geschehen ist“, begann sie. „Es hätte mehr als genug da sein müssen, um das letzte Jahr zu überstehen. Bedauerlicherweise ist es mir kaum gelungen, einen Blick in die Bücher zu werfen, aber was ich gesehen habe, ergab für mich einfach keinen Sinn – und ich könnte schwören, dass ein Teil der Bestände verschwunden ist …“

„Meine liebe Miss Priestley …“, unterbrach Beresford sie mit beruhigender Stimme. „… Gutsverwaltung ist eine komplizierte Angelegenheit und kaum für eine junge Dame geeignet. Es wäre wirklich das Beste, wenn Sie das alles mir überließen. Ich werde es in kürzester Zeit in Ordnung bringen, das versichere ich Ihnen.“

Imogen sprang bestürzt auf. „Nein, nein … Sie verstehen mich nicht … es gibt so vieles, das Sie nicht wissen …“

Er erhob sich ebenfalls, und sein Miene verdüsterte sich. „Sie brauchen mich nicht daran zu erinnern, dass ich mit der Situation hier nicht vertraut bin, Miss Priestley“, sagte er kalt. „Ich habe die Absicht, diesem Mangel so bald wie möglich abzuhelfen. In der Zwischenzeit würde ich es wirklich zu schätzen wissen, wenn Sie mir gestatten, die Sache auf meine eigene Weise anzugehen. Lassen Sie mich Ihnen versichern, dass ich sehr viel Erfahrung auf diesem Gebiet habe. Und nun, mit Ihrer Erlaubnis?“ Er wandte sich um und ging zur Tür, wo er knapp hinzusetzte: „Wenn Sie vielleicht für ein paar Erfrischungen sorgen könnten? Man hat mir zu verstehen gegeben, dass das zu Ihren Aufgaben gehört?“

In ohnmächtigem Zorn starrte Imogen ihm nach. Es war nicht zu glauben! Er hatte sie wie ein dummes Kind behandelt. Sie, die jahrelang die rechte Hand von Wentworths Vorgänger gewesen war, die die kniffligen Feinheiten der Gutsverwaltung so hervorragend beherrschte, dass sie sich damit sogar den widerwilligen Respekt des kompromisslosen Sir Matthew verdient hatte.

Sie zitterte am ganzen Körper, und der Tumult in ihrem Inneren zwang sie, sich zu setzen. Als ihre Empörung allmählich abebbte, begann sie über Beresfords Verhalten nachzudenken. Sie konnte diesen arroganten Flegel sich selbst überlassen und sehen, ob er von alleine hinter Wentworths Machenschaften kommen würde.

Es war offenbar ein Fehler gewesen zu erwarten, dass Beresford ihr ernsthaft zuhören würde. Sie hatte geglaubt, mit ihm vernünftig über das Problem reden zu können. Es war ihr überhaupt nicht in den Sinn gekommen, dass der Mann nicht nur ihren – zugegebenermaßen ungeschickten – Versuch, ihm ihren Verdacht über die unerwartete Verarmung des Landsitzes mitzuteilen, geringschätzig abtun würde, sondern sie obendrein beleidigte!

Am liebsten wäre sie umgehend aus Thornfield abgereist, so wie sie und Widdy es schon im letzten Jahr hatten tun wollen, bevor die Komplikationen mit dem Testament sie daran gehindert hatten.

Als ob Imogens Gedanken sie herbeigerufen hätten, erschien Jane Widdecombe in der Tür.

„Oh, da bist du ja, meine Liebe.“ Lächelnd betrat die Gouvernante den Raum. „Jessica sagte mir, dass ich dich in der Bibliothek finden würde. Aber wo ist Mr. Beresford? Ich dachte, er wäre auch hier.“

Miss Widdecombe war eine kleine rundliche Frau, die ihre Stellung angetreten hatte, kurz nachdem Imogen nach Thornfield gekommen war, und die seit dieser Zeit als Stütze der Familie fungierte. Sie hatte nicht nur für die Schulbildung aller drei Kinder gesorgt, sondern es war hauptsächlich sie gewesen, die ihnen Anstand und Sitte beibrachte, da Lady Beresford sich kaum um Erziehungsfragen gekümmert hatte.

Imogen schüttelte den Kopf. „Ich glaube, er wollte nach seinem Freund sehen“, erwiderte sie achselzuckend.

Miss Widdecombe runzelte die Stirn und sah über den Rand ihrer Augengläser hinweg ihren ehemaligen Schützling an. „Ist etwas nicht in Ordnung, meine Liebe?“, fragte sie besorgt. „Du scheinst ein wenig verärgert zu sein.“

Imogen biss die Zähne zusammen. „Ehrlich, Widdy! Dieser Mann ist dermaßen überheblich! Er hat mir überhaupt nicht zugehört!“

„Vielleicht war er müde von der langen Reise“, gab Miss Widdecombe zu bedenken.

„Lange Reise!“, spottete Imogen. „Sie haben die Nacht unten in Kirton Priors verbracht – die Köchin hat den Kutscher des Gasthofs ‚The Wheatsheaf‘ erkannt.“

„Nun, dann bleibt dir nichts anderes übrig, als es noch einmal zu versuchen, meine Liebe. Er muss auf jeden Fall wissen, was hier vor sich gegangen ist.“

Imogen sprang auf. „Soll er doch selbst dahinterkommen! Ich habe beschlossen, dass wir so bald wie möglich nach Kendal aufbrechen, Widdy!“, verkündete sie.

„Aber meine Liebe!“ Die Gouvernante starrte sie bekümmert an. „Ich habe nicht die nötigen Mittel für die Reise, solange das Testament nicht vollstreckt ist. Du weißt, Sir Matthew hat mir außer meiner Rente eine kleine Summe vermacht, die ich nutzen will, um mich in Margerys Schule einzukaufen.“ Miss Widdecombe schüttelte langsam den Kopf. „Außerdem können wir Lady Beresford nicht mit ihrem Stiefsohn alleine lassen, wenn er so anmaßend ist, wie du sagst. Sie hat einfach nicht die Kraft, mit ihm fertigzuwerden.“

Imogen verzog das Gesicht. „Ich weiß, Widdy“, seufzte sie. „Und ich habe ihr versprochen, dass ich bleibe, bis alles geregelt ist. Als ich Beresford das erste Mal begegnete, schien er mir Sir Matthew so gar nicht ähnlich – obwohl“, erinnerte sie sich, „er genau wie sein Vater in die Luft gegangen ist, als ich das Porträt seiner Mutter erwähnte.“

Miss Widdecombe nickte. „Sir Matthews erste Gattin. Ich fürchte, sie ist unfreiwillig die Ursache für sehr viel Kummer in dieser Familie gewesen – dein Onkel hat sie Lady Beresford ständig als Musterbeispiel einer Ehefrau vorgehalten, aber wie sehr Ihre Ladyschaft sich auch bemühte, sie konnte nie gegen die angebliche Fehlerlosigkeit ihrer toten Vorgängerin ankommen.“

„Wahrscheinlich war mein Onkel von der Erinnerung an sie besessen“, erwiderte Imogen nachdenklich. „Vielleicht war das der Grund für seine ständige schlechte Laune.“

„Das könnte sein.“ Die Gouvernante legte den Kopf ein wenig schräg. „Jessica war die Einzige, die keine Schwierigkeiten hatte, ihn aufzumuntern.“

Imogen lachte. „Ich würde gerne den Mann kennenlernen, der der Raffinesse dieses Mädchens widerstehen kann. Ich weiß wirklich nicht, was aus ihr werden soll!“

„Sie ist ein Sorgenkind“, stimmte Miss Widdecombe zu. „Wenn ihr Vater nicht gestorben wäre, hätte sie vielleicht ihre Saison in London gehabt und wäre inzwischen unter der Haube.“ Plötzlich leuchteten die blassblauen Augen der Gouvernante auf. „Weißt du was, meine Liebe? Wir sollten Mr. Beresford überreden, das Debüt seiner Schwester zu finanzieren.“

„Ich glaube nicht, dass man Mr. Beresford zu irgendetwas überreden kann, das er nicht will“, erklärte Imogen und rümpfte verächtlich die Nase.

„Unsinn! Wir müssen einfach nur etwas tun, wofür er uns dankbar ist!“

„Oh, Widdy, wirklich! Weswegen sollte er uns dankbar sein? Ich bezweifele, dass wir überhaupt in der Lage sind, den beiden ein anständiges Mittagessen zu bieten – ach du Schreck! Das habe ich ja ganz vergessen! Ich muss gehen, Widdy! Ich sollte mich um Erfrischungen für sie kümmern!“ Sie umarmte die Gouvernante kurz. „Uns wird schon etwas einfallen, meine Liebe, mach dir keine Sorgen.“

4. KAPITEL

Man hatte Beresford die Zimmer seines Vaters zugewiesen, und er war alles andere als glücklich darüber. Die schweren, dunklen Möbel in dem Schlafgemach waren überhaupt nicht nach seinem Geschmack, und die pflaumenfarbenen Samtvorhänge an den Fenstern und um das Bett wirkten trist auf ihn.

Er warf dem Kammerdiener seines verstorbenen Vaters, der unbehaglich mitten im Raum stand und auf Anweisungen wartete, einen Blick zu.

„Sind dies die einzigen Gemächer, die zur Verfügung stehen, Babcock?“, fragte er.

Der Diener zuckte zusammen. „Dies ist die Suite des Hausherrn, Sir“, stammelte er. „Mr. Allardyce dachte, Sie wünschten, hier untergebracht zu werden.“

„Nun, sagen Sie Mr. Allardyce, dies sei keineswegs der Fall gewesen!“

„Ziemlich bedrückend, das Ganze, nicht wahr, alter Freund?“, erklang eine vertraute Stimme von der Tür her.

„Gott, David, viel schlimmer, als ich erwartet hatte! Je schneller wir dieses verdammte Durcheinander in Ordnung bringen, umso besser! Ich kann es nicht erwarten, von hier wegzukommen.“

„Dann hast du von der hübschen Imo wenig Nützliches erfahren?“

„Nichts, um genau zu sein. Sie redete davon, dass die Bücher nicht stimmen – obwohl ich mir nicht vorstellen kann, woher zum Teufel sie etwas über Gutsangelegenheiten weiß. Meiner Meinung nach haben Frauen sich nicht in Männerangelegenheiten einzumischen!“

„Ruhig, alter Junge!“ David schmunzelte. „Mein Vater pflegte zu behaupten, dass Mutter die Steuereinnahmen der Provinz besser prüfen könne als er.“

Beresford verzog das Gesicht. „Vielleicht war ich ihr gegenüber ein wenig kurz angebunden“, gab er zu. „Das lag wahrscheinlich daran, dass dieses verdammte Porträt meines Vaters über mir schwebte wie ein Damoklesschwert – das Bild muss auf jeden Fall abgenommen werden, bevor ich die Bibliothek wieder betrete!“

In diesem Augenblick ertönte der durchdringende Klang eines Gongs, und Beresford drehte sich zu Babcock um.

„Sie können zum Essen gehen, Babcock, aber anschließend entfernen Sie bitte alles, was Sir Matthew gehörte, aus diesen Räumen! Ich möchte kein einziges seiner Besitztümer mehr sehen, wenn ich wiederkomme. Verstanden?“

Eingeschüchtert nickte der Diener und eilte hinaus.

Seymour schüttelte den Kopf. „Normalerweise bist du nicht so unhöflich, Matthew“, sagte er mit gerunzelter Stirn.

Beresford zog die Schultern hoch. „Das muss an diesem abscheulichen Ort liegen, David. Es ist fast so, als ob er noch hier wäre und mich beobachtet. Ich kann das Gefühl einfach nicht abschütteln.“ Er lächelte seinen Freund entschuldigend an. „Ich brauche wohl eine kleine Stärkung. Warum gehen wir nicht nachsehen, welche Köstlichkeiten man für uns zusammengestellt hat?“

Zu Beresfords Überraschung führte Allardyce ihn und Seymour in den Frühstücksraum, wo an einem Ende der langen Mahagonitafel für sechs Personen gedeckt worden war. Imogen und Jessica hatten bereits Platz genommen, zusammen mit einer untersetzten grauhaarigen Dame unbestimmbaren Alters und einem schmalen, bebrillten Jugendlichen mit blassem Gesicht, von dem Beresford annahm, dass es sich um Nicholas handeln musste.

Als die beiden Männer hereinkamen, erhob sich der Junge. Zögernd streckte er die Hand aus, die Beresford sofort ergriff und fest drückte. Er hatte den beklommenen Gesichtsausdruck des Sechzehnjährigen bemerkt und bedauerte, dass sein Halbbruder offenbar nur wenig Selbstvertrauen besaß. Noch ein Punkt, den man meinem Vater zum Vorwurf machen kann, dachte er finster.

„Du musst Nicholas sein“, sagte er und lächelte warmherzig. „Ich freue mich, deine Bekanntschaft zu machen!“

„Gleichfalls, Sir“, erwiderte der Junge vorsichtig.

„Matt, bitte, junger Mann – wenn wir Freunde werden wollen – und das hoffe ich doch?“

„J…ja, natürlich, Sir … das heißt … ich meine … M…Matt, Sir“, lautete Nicholas’ unsichere Antwort.

„Dies ist mein Freund Seymour“, erklärte Beresford und nickte David zu. Es wird nicht leicht sein, das Vertrauen des Jungen zu gewinnen, dachte er und fuhr fort: „Miss Priestley und deine Schwester haben wir bereits kennengelernt. Sei so gut und stell uns der anderen Dame vor, dann können wir uns alle setzen und etwas essen. Ich bin jedenfalls sehr hungrig!“

Als Seymour ihm breit grinsend die Hand schüttelte, erschien ein schwaches Lächeln auf Nicholas’ Lippen. Dann bot der Junge Miss Widdecombe den Arm und führte sie zu Beresford, um die beiden miteinander bekannt zu machen.

„Wir sind seit Kurzem dazu übergegangen, unsere Mahlzeiten hier einzunehmen, Mr. Beresford“, klärte Imogen ihn auf, als alle schließlich am Tisch Platz genommen hatten. „Wir waren der Meinung, dass dies die vernünftigste Lösung ist, angesichts der wenigen Diener, die wir haben.“ Die überraschend freundliche Art, mit der er ihren Cousin behandelt hatte, war ihr nicht entgangen, und sie hatte beschlossen, dass er an ihrem Verhalten nichts auszusetzen haben sollte. „Ich fürchte jedoch, dass unsere Stärkungen Ihnen ziemlich armselig vorkommen werden. Aber die Köchin hofft, zum Dinner etwas Gehaltvolleres zustande zu bringen.“

„Ich bitte Sie, Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Miss Priestley“, erwiderte er. „Es sieht alles köstlich aus.“

Während alle am Tisch mit großem Appetit den Speisen zusprachen, herrschte einige Minuten lang Schweigen.

„Das war vortrefflich!“, befand Beresford, als er schließlich sein Besteck ablegte. „Und bitte gestatten Sie mir, die Gelegenheit zu nutzen, Ihnen zu sagen, wie leid es mir tut, dass Sie in diese schrecklich peinliche Situation geraten sind.“

„Oh, es war wirklich schrecklich!“, platzte Jessica heraus, ohne Miss Widdecombes mahnenden Blick zu beachten. „Sie haben ja keine Vorstellung! Jeden Tag Kanincheneintopf oder Taubenpastete – je nachdem, was Nicky erlegt hat – und in letzter Zeit gibt es meistens nicht einmal mehr ein Dessert! Du wirst doch dafür sorgen, dass es bei uns wieder normal zugeht, nicht wahr, liebster Matt?“

„Jessica!“

Äußerst schockiert über das empörende Betragen ihrer Cousine, setzte Imogen an, um dem Mädchen Vorhaltungen zu machen. Indes zögerte sie, als sie spürte, dass Miss Widdecombe ihr unter dem Tisch sanft gegen das Schienbein trat.

„Die arme Jessica vermisst ihre kleinen Vergnügungen“, schaltete sich die Gouvernante ein und nickte Beresford zu. „Eine junge Dame ihres Alters sollte sich mit Soireen und Bällen und anderen Unterhaltungen dieser Art beschäftigen.“ Sie lächelte ihn verschwörerisch an und fuhr fort: „Aber da Sie nun hier sind, werden Sie zweifellos schon selber daran gedacht haben, die Einführung Ihrer Schwester in die Gesellschaft vorzubereiten, nicht wahr, Mr. Beresford?“

Er räusperte sich. „Ich fürchte, es gibt eine Reihe von Schwierigkeiten, mit denen ich mich auseinandersetzen muss, bevor wir uns darum kümmern können, Miss Widdecombe“, brachte er nur heraus, obwohl er bemerkte, dass Jessica enttäuscht das Gesicht verzog. „Möglicherweise lässt sich das Debüt im kommenden Jahr arrangieren.“

Insgeheim war er jedoch entschlossen, lange vor dem nächsten Frühling alle Probleme gelöst zu haben.

„Grämen Sie sich nicht, Miss Beresford!“ David Seymour lächelte Jessica beschwichtigend zu. „Mein Wort darauf, dass London zu dieser Jahreszeit nicht viel zu bieten hat. Allerdings gibt es hier in der Gegend doch sicher ebenfalls Veranstaltungen, an denen man Ihnen die Teilnahme gestattet, selbst wenn Sie der Gesellschaft noch nicht offiziell präsentiert wurden. Ist dem nicht so, Miss Priestley?“

Angesichts seines fragenden Blicks fühlte Imogen sich verpflichtet zu lächeln und zustimmend zu nicken, obwohl auch sie ihre Flucht aus Thornfield plante.

„Na also!“, rief Seymour und lehnte sich zufrieden zurück. „Sehen Sie, Miss Beresford! Sie haben in Ihrer Cousine eine ausgezeichnete Anstandsdame, und mir selbst wäre es eine große Ehre, bei einer der hiesigen Soireen Ihr Begleiter zu sein.“

Sofort erhellte sich Jessicas Gesicht, und sie begann, Seymour unter halb gesenkten Wimpern bewundernde Blicke zuzuwerfen.

„Ich würde meinen, dass Miss Priestley zu jung für eine so verantwortungsvolle Rolle ist, David“, bemerkte Beresford trocken und sah Imogen über den Tisch hinweg an.

Eine leichte Röte überzog ihre Wangen. „Ich glaube, ich bin durchaus in der Lage sicherzustellen, dass meine Cousine sich bei einer öffentlichen Veranstaltung so benimmt, wie sie es sollte, Mr. Beresford“, brachte sie zu ihrer Verteidigung hervor.

„Dann haben Sie bereits Erfahrung auf diesem Gebiet?“

Sie war verwirrt, da ihr der sarkastische Unterton in seiner Stimme nicht entgangen war.

„Ich war oft Gast bei Gesellschaften, als mein Onkel noch lebte“, erwiderte sie. „Es mag Sie überraschen zu hören, dass ich nicht ganz so unbedarft bin, wie Sie mich anscheinend einschätzen, Sir.“

Sein tiefes Lachen hallte durch den Raum, als er seinen Stuhl zurückschob und aufstand.

„Offensichtlich nicht, Miss Priestley! Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen? Wo könnte ich wohl Mr. Wentworth finden?“

Nicholas erhob sich. „Ich werde Sie zu ihm bringen, wenn Sie möchten“, bot er schüchtern an. „Normalerweise ist er um diese Zeit in seinem Kontor anzutreffen – falls er die Tür nicht abgeschlossen hat.“

„Weshalb sollte er das tun?“, fragte Beresford verdutzt.

Nicholas errötete. „Das ist in letzter Zeit immer so, Sir. Mr. Wentworth mag es nicht, wenn einer von uns herumschnüffelt – nicht dass ich das überhaupt tun würde“, fügte der Junge rasch hinzu. „Ich bin ziemlich nutzlos, was solche Dinge wie Getreideerträge und Viehverkäufe angeht. Vater war deswegen immer recht böse auf mich.“

„Thornfield wird eines Tages dir gehören, Nicholas“, erinnerte Beresford ihn. „Denk nicht, ich sei hergekommen, um dir dein Erbe zu stehlen. Ich möchte nur die dringendsten Angelegenheiten in Ordnung bringen und dann alles dir überlassen.“

Auf dem Gesicht des Jungen erschien ein beunruhigter Ausdruck. „Oh, ich wünschte, das würden Sie nicht tun, Sir! Ich möchte den Besitz wirklich nicht – und Mama auch nicht – abgesehen von ihrem Wittum natürlich. Ich bin völlig zufrieden mit der Zuwendung, die Vater mir hinterlassen hat.“

Beresford musterte seinen Bruder mit gerunzelter Stirn. „Du hast kein Interesse daran, Thornfield zu übernehmen, wenn du großjährig wirst?“

Nicholas schüttelte heftig den Kopf. „Niemals! Ich war heilfroh, als ich erfuhr, dass Sie der Erbe sind. Ich will ein Mann der Kirche werden, das war schon immer so. Und wenn Sie das Anwesen nicht haben wollen, werde ich es veräußern, sobald ich kann!“

Atemlose Stille herrschte im Raum, während der bestürzte Beresford diese unerwartete Wendung der Dinge zu begreifen versuchte.

Seymour erhob sich. „Trotzdem muss der Besitz in Ordnung gebracht werden, alter Junge“, machte er geltend. „Ob er behalten oder verkauft wird, macht zum jetzigen Zeitpunkt kaum einen Unterschied.“

„Es tut mir schrecklich leid, Sir.“ Nicholas’ Stimme zitterte. „Ich wollte Ihnen keine zusätzlichen Sorgen bereiten.“

Imogen stand auf und trat an die Seite ihres Cousins. „Es ist wahrscheinlich das Beste, wenn Mr. Beresford über deine Pläne Bescheid weiß, Nicky“, sagte sie bestimmt. „Es gab Seiten an deinem Vater, von denen er kaum wissen kann.“

„Ich glaube, ich hatte vor Jahren das Vergnügen, einige von Sir Matthews charmanten Eigenarten kennenzulernen“, entgegnete Beresford.

Sie errötete. „Oh, natürlich. Verzeihen Sie mir.“

Er ertappte sich dabei, dass er über die außergewöhnliche Farbe ihrer Augen nachsann. Erst waren sie von einem strahlenden klaren Grau gewesen, um plötzlich die Farbe einer Gewitterwolke anzunehmen. Und dann waren jene faszinierenden kleinen Silberblitze am deutlichsten zu erkennen. Ein nützliches Warnzeichen für die Zukunft, dachte er, während er sich mit einem anerkennenden Lächeln abwandte.

Von seiner eindringlichen Musterung ihrer Gesichtszüge beunruhigt, hatte Imogen Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Ihr Herz begann unkontrolliert zu pochen, und sie war gezwungen, sich hinzusetzen. Der Gedanke, dass Beresford sich über sie lustig machen könnte, erfüllte sie mit kalter Wut. Und doch – sie hätte schwören mögen, dass da noch etwas anderes in seinem Blick gelegen hatte – etwas, das sie nicht beschreiben konnte.

5. KAPITEL

Beresford folgte Nicholas in die Halle. Von dort führte der Junge ihn durch einen langen Korridor zu einer Tür an dessen Ende.

„Hier ist das Kontor“, sagte er und drückte die Klinke herunter. Zu seiner Überraschung war die Tür nicht abgeschlossen. „Ich nehme an, Wentworth hat schon mit Ihrem Besuch gerechnet.“

Wie es schien, hatte Wentworth sie tatsächlich erwartet, denn er saß an einem großen Mahagonischreibtisch und blätterte einen Stapel Papiere durch. Bei ihrem Eintreten erhob er sich und streckte seine Hand aus.

„Mr. Beresford“, sagte er mit kriecherischer Stimme. „Es tut mir so leid, dass wir heute Morgen einen schlechten Anfang hatten, Sir. Ich habe Sie zuerst für einen Eindringling gehalten – unter den Umständen ein erklärliches Missverständnis, da stimmen Sie mir doch sicher zu.“

Er verzog die Lippen zu einem unecht wirkenden Lächeln. „Sie möchten zweifellos einen Blick in die Bücher werfen – ich denke, Sie werden feststellen, dass alles in Ordnung ist, Sir.“

Mit seinen durchdringenden schwarzen Augen und den krausen dunklen Locken sah Philip Wentworth auf eine verwegene Art recht gut aus. Darüber hinaus hatte er eine unverfrorene selbstsichere Art an sich. Beresford kam zu dem Schluss, dass sein erster Eindruck von dem Mann richtig gewesen war und er ihn bei der zweiten Begegnung nicht besser leiden konnte.

„Ich werde sie mir vielleicht später anschauen“, erwiderte er. „Als Allererstes müssen wir, glaube ich, dem Mangel an Personal abhelfen. Wie viele Hilfskräfte haben Sie von außerhalb?“

„Niemanden, der ständig kommt – außer wenn Sie den alten Chadwick und seinen Sohn mitzählen.“

„Und wer ist das?“

„Chadwick war mein Vorgänger als Gutsverwalter“, erklärte Wentworth. „Sir Matthew hat mich hergeholt, um ihn zu ersetzen – er meinte, der alte Mann würde allmählich senil, und er hatte recht! Chadwick streift nach wie vor überall auf dem Land umher und macht irgendwelche Dinge. Ich kann ihn nicht von hier fernhalten, da er immer noch auf dem Hof lebt – wie es scheint, hat Sir Matthew ihm das Haus vor vielen Jahren auf Lebenszeit überlassen, und das bedeutet, dass ich mich mit dem mickrigen Cottage des Wildhüters begnügen muss.“

Beresford beschloss, die Beschwerde des Mannes nicht zu beachten. „Und der Sohn?“

„Ben ist bei Waterloo der Fuß abgeschossen worden. Er ist erst spät im letzten Jahr zurückgekommen – und zu nichts zu gebrauchen, wenn Sie mich fragen.“

„Wie schäbig von Ihnen, Wentworth!“, warf Nicholas hitzig ein. „Ben Chadwick war ein guter Soldat und ein tapferer Mann. Er wurde verwundet, weil er für König und Vaterland gekämpft hat!“

„Seine eigene Dummheit, das ist meine Ansicht.“ Wentworth rümpfte die Nase.

Als er sah, dass Nicholas den Verwalter erneut anfahren wollte, legte Beresford dem Jungen die Hand auf die Schulter. „Lass es gut sein, Nicky“, sagte er freundlich. „Mr. Wentworth hat ein Recht auf seine eigene Meinung, selbst wenn sie vielleicht nicht sehr aufgeklärt ist.“ Ohne den feindseligen Gesichtsausdruck des Mannes zu beachten, fuhr er fort: „Wir müssen schleunigst eine ganze Reihe neuer Leute einstellen – ich vermute, es gibt in der Gegend einen Markt, wo man Hilfskräfte anheuern kann?“

Wentworth schüttelte den Kopf. „Der Jahrmarkt ist erst am Michaelistag – allerdings finden sich heutzutage auch viele Arbeitswillige auf dem Wochenmarkt in Ashby. Der ist morgen.“

„Morgen? Ausgezeichnet! Ich denke, dass für den Anfang ein Dutzend Männer reichen werden. Vermutlich können wir so viele in den leer stehenden Cottages unterbringen. Wir brauchen zudem Hausdienerschaft – obwohl, wenn ich darüber nachdenke, vielleicht sollten wir das lieber Miss Priestley überlassen?“

„Warum nicht. Sie wird bestimmt sowieso etwas dazu zu sagen haben. Sie steckt ständig ihre Nase in Angelegenheiten, die …“ Er brach ab, als er Beresfords versteinerte Miene gewahrte. „Nun, Frauen – wissen Sie“, setzte er mit einem halbherzigen Lachen hinzu.

Beresford betrachtete ihn verächtlich schweigend, bis ihm der Schlüsselbund ins Auge fiel, der auf dem Tisch lag. „Man hat mir zu verstehen gegeben, dass Sie die Kellerschlüssel in Verwahrung haben. Verraten Sie mir bitte, weshalb das so ist?“, fragte er.

Unbehaglich verlagerte Wentworth sein Gewicht von einem Bein aufs andere. „Ich dachte, ich sollte nicht zulassen, dass jemand sich einfach aus Sir Matthews Weinkeller bedient.“

Beresford nahm die Schlüssel an sich. „Ich werde sie vorläufig behalten“, sagte er knapp. „Und da Sie sicher noch viel zu erledigen haben, können Sie nun mit Ihren Tätigkeiten draußen fortfahren. Ich werde nach Ihnen schicken, falls ich Ihre Hilfe brauche.“

Einen Moment lang sah es so aus, als wolle Wentworth protestieren, doch dann zuckte er nur gleichgültig die Achseln und stolzierte in den Stallhof hinaus.

„Was für ein unausstehlicher Kerl!“, äußerte Nicholas und schlug die Tür hinter dem Verwalter zu. „Würde mich gar nicht überraschen, wenn Imo recht hätte mit ihrem Verdacht.“

Beresford blickte von den Papieren hoch, die er gerade gelesen hatte. „In welcher Hinsicht?“

Der Junge errötete und sah auf seine Schuhspitzen.

„Heraus damit, Nicky“, verlangte Beresford. Ihm war plötzlich wieder Imogens zusammenhangloses Gerede eingefallen. „Falls irgendetwas Zweifelhaftes vor sich geht, so glaube ich, sollte ich davon in Kenntnis gesetzt werden, denkst du nicht auch?“

„Imo erzählte mir, dass sie versucht hat, es Ihnen zu sagen, aber sie meinte, Sie hätten sie nicht ausreden lassen“, platzte Nicholas unbehaglich heraus. „Sie müssen sie wirklich anhören, Sir! Seit Vaters Tod hat sie hier alles am Laufen gehalten, und es ist uns nur gelungen, bis heute über die Runden zu kommen, weil sie ihr eigenes Geld zugeschossen hat!“

„Miss Priestley besitzt Vermögen?“, fragte Beresford überrascht.

„Ein großes. Ihr Vater war furchtbar reich, und ihre Eltern haben ihr alles, was sie hatten, hinterlassen. Bis sie fünfundzwanzig ist, bekommt sie zwar lediglich eine vierteljährliche Zuwendung, gleichwohl hat sie es während des vergangenen Jahres geschafft, die Summe so zu strecken, dass es für uns alle reichte.“

Beresford holte tief Luft. „Was genau hat sie dir über Wentworth gesagt?“

„Tatsache ist, dass mir selber Einkünfte und Einnahmen und dergleichen ein völliges Rätsel sind, Imo indes vermutet, dass er die Bücher gefälscht hat. Sie ist überzeugt, dass mehr als genug Geld da gewesen sein müsste, um den Besitz mindestens zwölf Monate lang ohne irgendwelche Einschnitte zu führen!“

„Willst du damit sagen, deine Cousine versteht etwas von Buchhaltung?“ Beresford machte ein ungläubiges Gesicht.

„Gott, ja!“, bekräftigte der Junge. „Chadwick behauptet, sie ist ein absolutes Genie, was Zahlen angeht! Sie hat die ganzen Jahre mit ihm zusammen die Bücher geführt!“

Beresford schwieg bestürzt. Da habe ich ja einen schönen Narren aus mir gemacht, dachte er betroffen, als er sich daran erinnerte, wie er Imogens zaghafte Versuche, ihn zu warnen, schroff zurückgewiesen hatte. Es war kaum verwunderlich, dass sie ihm mit solcher Verachtung begegnet war. Er musste die Sache unbedingt wieder in Ordnung bringen, zumal er festgestellt hatte, dass er es nicht gut haben konnte, bei Miss Priestley schlecht angeschrieben zu sein.

„Was für ein Idiot ich gewesen bin!“, sagte er schließlich reuevoll. „Ich hätte ihr wirklich zuhören sollen!“

Die Miene des Jungen erhellte sich. „Kein Grund, sich deswegen Sorgen zu machen, Sir. Imo grollt niemandem lange, das kann ich Ihnen versichern.“

„Würde es dir etwas ausmachen, zurückzulaufen und deine Cousine zu fragen, ob sie vielleicht einige Minuten Zeit für mich hat – und Mr. Seymour auch, falls er zugegen ist?“

Nicholas nickte und begab sich zu der Tür, die in den Korridor führte.

„Oh … eins noch, Nicky!“, hielt Beresford ihn auf. „Nenn mich nicht ‚Sir‘! Mein Name ist Matt … klar?“

„Klar … äh, Matt!“, erwiderte Nicholas über die Schulter hinweg.

Beresford zwinkerte ihm zu und nahm auf dem Schreibtischstuhl Platz, um den Stapel Papiere durchzublättern, den Wentworth zurückgelassen hatte. Auf einmal hörte er das schäkernde Lachen eines Mannes und ein atemloses Kichern, das er ohne Schwierigkeiten als das seiner jüngsten Schwester erkannte.

Er erhob sich und blickte neugierig aus dem Fenster. Angesichts der Szene auf dem Stallhof überkam ihn die Wut.

Philip Wentworth lehnte über der Halbtür des Stalls und plauderte müßig mit Jessica Beresford. Sein Verhalten wirkte höchst unverschämt und viel zu vertraulich. Auch seine Schwester benahm sich völlig unmöglich. Sie flirtete heftig mit dem grinsenden Verwalter.

Zornig riss er die Außentür des Kontors auf und marschierte auf das Paar zu.

„Geh sofort auf dein Zimmer, Jessica“, knurrte er.

Bei seinem plötzlichen Erscheinen schrie das Mädchen bestürzt auf.

„Oh, ehrlich, Matt, wir haben nur …“, begann sie zu protestieren, aber als sie das warnende Leuchten in Beresfords Augen gewahrte, senkte sie den Blick und verschwand in Richtung Küche.

„Mr. Beresford, Sie werden doch nicht wegen einer kleinen harmlosen Neckerei aus der Haut fahren“, wiegelte Wentworth ab, den Beresfords plötzliches Auftauchen anscheinend unberührt ließ. „Jess und ich plaudern oft ein bisschen, wenn sie im Hof ist.“

Beresford biss die Zähne zusammen. „Ihre Einstellung gefällt mir nicht, Wentworth“, sagte er dann. „In Zukunft werden Sie sich allen Mitgliedern der Familie gegenüber korrekt verhalten, und sollten Sie sich je wieder eine solche Unverschämtheit erlauben, werde ich nicht zögern, Sie zu entlassen. Seit Sir Matthews Tod scheinen Sie sich weit mehr herauszunehmen, als Ihnen gebührt. Seien Sie versichert, dass ich nicht die Absicht habe, dergleichen zu dulden!“

Er drehte sich auf dem Absatz herum und ging zum Kontor zurück. Imogen und Seymour standen auf der Türschwelle. Offenbar hatten sie die letzten Augenblicke der Auseinandersetzung miterlebt.

„Allmächtiger, Matt!“, äußerte Seymour. „Wenn du dir da keinen Feind gemacht hast. Du hättest sein Gesicht sehen sollen! Was zum Teufel hat er getan, das dich derart verärgert hat?“

Immer noch vor Wut schäumend, schilderte Beresford die Ereignisse, die zu der Konfrontation geführt hatten. „Ich muss den Kerl so bald wie möglich loswerden“, sagte er. „Indes glaube ich nicht, dass er weiterhin Schwierigkeiten machen wird – nicht wenn ihm sein Posten lieb ist!“

Insgeheim bezweifelte Imogen, dass Wentworth seine öffentliche Zurechtweisung so sanftmütig hinnehmen würde, aber sie war froh, dass Beresford ihn gewarnt hatte, Jessica zu nahe zu treten. Sie dankte ihm dafür und fügte hinzu: „Ich muss zugeben, ich habe mir ziemliche Sorgen gemacht, weil sie sich ständig bei den Ställen herumtrieb, wenn er da war. Miss Widdecombe und ich hielten ihr bereits mehrmals ihr unschickliches Benehmen vor, und als ich ihn wegen dieses Themas heute früh im Wald zur Rede stellte, wurde er wütend und warf mir an den Kopf, ich solle mich um meine eigenen Angelegenheiten kümmern.“

Genau wie ich es getan habe, dachte Beresford zerknirscht, und da er entschlossen war, die Sache unverzüglich ins Reine zu bringen, räusperte er sich und sagte: „Ich glaube, ich muss Sie für mein eigenes grobes Benehmen heute Morgen um Vergebung bitten, Miss Priestley.“

„Ich denke, wir sollten diese bedauernswerte Episode einfach vergessen, Mr. Beresford“, erwiderte Imogen. Sie bemühte sich um einen leichten Tonfall, denn sie hatte ihm seine geringschätzige Haltung ihr gegenüber noch nicht ganz verziehen. „Ich bin sicher, es war nur ein unglückliches Missverständnis Ihrerseits. Es gab keinen Grund für Sie anzunehmen, ich verstünde etwas von Verwaltungsangelegenheiten. Wie ich hörte, hat Nicholas Sie informiert, dass ich Mr. Chadwick gewöhnlich bei der Buchführung zur Hand ging, bevor Wentworth den Posten übernommen hat?“

„Sie müssen zugeben, eine ungewöhnliche Betätigung für ein Mitglied des schönen Geschlechts“, machte er mit einem Lächeln geltend, das bei Imogen ein höchst merkwürdiges Herzklopfen verursachte.

Sie zwang sich mühsam, den Blick von ihm abzuwenden, und hievte zwei schwere Bücher aus einem Schrank hinter dem Schreibtisch. „Das ist sicher richtig“, brachte sie ein wenig atemlos heraus.

Beresford nahm ihr die Last ab, während Seymour, der den spannungsgeladenen Austausch zwischen den beiden mit unverhohlenem Interesse beobachtet hatte, die Papierstapel auf dem Schreibtisch beiseite schob, um Platz für die Bücher zu machen.

„Ihr Cousin meinte, Sie hätten den Verdacht, dass es Unregelmäßigkeiten bei den Abrechnungen gibt“, sagte Beresford. „Glauben Sie, Sie könnten uns zeigen, was Sie herausgefunden haben?“

„Sie müssen sich die Zahlen der letzten beiden Jahre anschauen“, erwiderte sie und blätterte bereits einen der beiden Bände durch. Sie hatte sich wieder beruhigt, und ihre Stimme klang jetzt völlig gelassen.

„Dieser Band ist von 1813“, fuhr sie fort. „So erhalten Sie einen Einblick, was wir normalerweise von den Pächtern bekommen haben und wie viel Ertrag das Getreide einbringt. Die Getreidepreise sind, wie Ihnen bekannt sein dürfte, während der Kriegsjahre dramatisch angestiegen, aber wenn Sie sich die Einnahmen des letzten Jahres ansehen“, sie zeigte auf die betreffende Zahlenkolonne in dem zweiten Band, „werden Sie feststellen, dass die Getreideeinkünfte anscheinend beträchtlich niedriger sind, als zu erwarten war.“

Beresford und Seymour verglichen die Eintragungen und waren sich schnell einig, dass der Unterschied schwer erklärbar war.

„Vielleicht war die Ernte im letzten Jahr nicht so gut“, meinte Seymour. „Soviel ich hörte, war das Wetter in England während der Sommermonate ziemlich schlecht.“

„Ja, das stimmt“, räumte Imogen ein. „Indes haben sich infolge des Kriegs die Getreidepreise seit 1813 fast verdoppelt und jetzt – wenn einer der beiden Gentlemen so nett wäre, mir den Band von 1814 zu reichen …?“

Beresford beeilte sich, ihr die Bitte zu erfüllen, und legte ihr das Buch vor. Er sah interessiert zu, wie sie die Seiten durchblätterte.

„Ja, hier ist es“, verkündete sie schließlich, und ihr Gesicht leuchtete auf. „Wenn Sie genau hinsehen, werden Sie bemerken, dass viele der Ziffern manipuliert wurden …“, sie deutete auf mehrere Stellen in den Zahlenreihen, „… sodass die Einnahmen wesentlich niedriger erscheinen, als sie wohl tatsächlich waren!“

„Es sind in der Tat Änderungen vorgenommen worden“, stimmte Beresford ihr überrascht zu. „Dennoch können wir nicht wissen, ob es sich nicht lediglich um ganz normale Korrekturen handelt.“

Imogen seufzte. „Ich kann Ihnen beweisen, dass ich recht habe, Mr. Beresford“, erwiderte sie müde. „Zunächst einmal werden Sie feststellen, dass die Summen nicht stimmen, wenn Sie die Kolonnen addieren. Doch was viel wichtiger ist: Ich habe diese Aufstellung seinerzeit selbst eingetragen!“

Er hob eine Braue, und der spöttische Klang seiner Stimme war nicht zu verkennen. „Und Sie, Miss Priestley, machen natürlich niemals Fehler“, sagte er schleppend.

Imogens Feindseligkeit ihm gegenüber kehrte mit Macht zurück.

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