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HISTORICAL LORDS & LADIES BAND XX

JANEANE JORDAN

Der Spion des Königs

Um ihre Familie vor dem Ruin zu retten, soll Claire den gefühlskalten Earl of Kenton heiraten. Dabei liebt sie einen anderen! Schweren Herzens fügt sie sich in ihr Schicksal. Und stellt bald erstaunt fest, wie leidenschaftlich ihr Ehemann ist. Doch erst in der Stunde der Gefahr entscheidet Claire sich für den Richtigen … zu spät für ein Happy End?

SYLVIA ANDREW

Zärtliche Eroberung

Was für ein Wildfang! Lord Adam Calthorpe hat seinem Freund versprochen, dessen Schwester Kate zu beschützen. Aber da wusste er ja noch nicht, wie eigenwillig sie ist! Dennoch schafft er es, sie in die feine Londoner Gesellschaft einzuführen – und mit jedem Kampf, den sie ausfechten, verliebt er sich mehr in die kratzbürstige Schöne …

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Der Spion des Königs

1. KAPITEL

Eine überaus unangenehme Angelegenheit, diese Suche nach einer passenden Gattin, dachte Nicholas Shelby, der 5. Earl of Kenton. Denn diese Suche erforderte, dass man sich während der Saison nach London begab, um dort die Debütantinnen zu begutachten, was wiederum nur möglich war, wenn man an Soireen, Bällen und ähnlich ermüdenden gesellschaftlichen Anlässen teilnahm.

Der Earl seufzte tief auf. Er hasste diese Festlichkeiten, auf denen man von ehrgeizigen Müttern und ihren heiratswilligen Töchtern umgeben war und sich abscheulich langweilte. Er verfluchte die Umstände, die ihn gezwungen hatten, sich in den Trubel des „Heiratsmarktes“ zu stürzen. Aber es war eben unumgänglich, dass er sich möglichst bald verehelichte.

Glücklicherweise hatte seine Suche nach einer Gattin nicht lange gedauert. Zufrieden betrachtete er die junge Dame, die er im Walzerschritt über die Tanzfläche wirbelte. Sie entsprach seinen Vorstellungen wirklich erstaunlich genau.

Ihre Augen waren wunderschön, sehr groß mit einer mehr grünen als braunen Iris und von langen, sanft gebogenen Wimpern beschattet. Eine kleine, wohlgeformte Nase, hohe Wangenknochen, ein fein geschwungener Mund und eine samtweiche Haut machten den Liebreiz ihres Gesichtes aus. Das schwarze Haar glänzte, die Figur war makellos. Ja, Claire Elizabeth Dempsey war wirklich ein Diamant erster Güte.

Auch das Benehmen der jungen Dame war untadelig. Sie war zurückhaltend, ohne schüchtern zu wirken. Sie war freundlich und gewandt im Umgang mit ihren Freunden und Bekannten. Doch der Earl zweifelte nicht daran, dass sie es auch verstand, aufdringliche Menschen in ihre Grenzen zu verweisen. Zweifellos hatte sie eine hervorragende Erziehung genossen. Ihre Ruhe, die Sicherheit ihres Auftretens, ja, alles an ihr bewies, dass sie eine Lady war. Sie war wie geschaffen dafür, Countess of Kenton zu werden.

In diesem Moment geriet diese nahezu perfekte junge Dame, nervös geworden durch den langen, forschenden Blick des Earl, ein wenig aus dem Takt. Nicholas Shelby umfasste ihre schmale Taille noch ein bisschen fester und half ihr, den Rhythmus wiederzufinden. Ihm war plötzlich bewusst geworden, dass er sie entgegen allen guten Sitten angestarrt hatte. Um seinen Fehler abzuschwächen, sagte er mit einem charmanten Lächeln: „Sie sehen hinreißend aus.“

Miss Dempsey errötete kaum merklich und zwang sich, den Earl kurz anzulächeln. Dennoch entging diesem nicht, dass sie durchaus nicht so glücklich aussah, wie man das von einer jungen Dame erwarten konnte, die gerade ein Kompliment von einem der begehrtesten Junggesellen Londons erhalten hatte.

Tatsächlich fühlte Miss Dempsey sich ausgesprochen unwohl. Von jedem Gentleman in London – ja, in ganz England – hätte sie sich lieber zum Tanz auffordern lassen als ausgerechnet von Nicholas Shelby. Der Earl of Kenton war reich, angesehen, attraktiv und noch nicht verheiratet. Ja, schlimmer noch: Es hieß, dass er auf der Suche nach einer passenden Gattin war. Die Vorstellung, dass er vielleicht gerade um sie anhalten könnte, jagte Miss Dempsey einen kalten Schauer über den Rücken.

Ihrer sorgfältigen Erziehung war es zu verdanken, dass weder Claire Dempseys Miene noch ihr Verhalten etwas von dem verrieten, was in ihr vorging. Innerlich verfluchte sie den „Heiratsmarkt“. Welches Unglück, dass ihre Mutter nun auch noch Karten für Almack’s erhalten hatte. Es war bekannt, dass nirgends so viele Ehen angebahnt wurden wie bei den Bällen dort.

Miss Dempsey senkte den Blick. Der Earl durfte nicht merken, was sie von ihm hielt! Oh, wie sie ihn in diesem Moment verabscheute! Er hatte sich bei seinem Eintreffen gleich an Lady Jersey gewandt und war dann in deren Begleitung auf Claire und ihre Eltern zugekommen. Man wechselte ein paar höfliche Worte miteinander, und dann gab Lady Jersey Miss Dempsey großzügig die Erlaubnis, den Walzer zu tanzen.

So kam es, dass Claire wenig später von niemand anderem als dem Earl im Walzertakt über die Tanzfläche gewirbelt wurde.

Miss Dempsey verspürte einen bitteren Geschmack im Mund. Konnte es für ein junges Mädchen etwas Schlimmeres geben, als das älteste von fünf Kindern in einer nicht gerade reichen Familie zu sein? Claire wusste, dass sie sich gut verheiraten musste, damit ihre drei jüngeren Schwestern überhaupt in die Gesellschaft eingeführt werden konnten. Auch die standesgemäße Erziehung ihres Bruders hing davon ab, dass sie, Claire, einen reichen Gatten fand.

Wenn dieser Gatte doch nur nicht der Earl of Kenton sein würde! Nun, noch hatte er nicht um sie angehalten. Doch wenn er sie tatsächlich bitten sollte, seine Frau zu werden, würde sie es dann wagen, ihm eine abschlägige Antwort zu erteilen? Ihr war schließlich bewusst, welche Hoffnungen ihre Eltern in sie setzten. Auch war ihr nicht verborgen geblieben, dass Papa und Mama alles ihnen nur zur Verfügung stehende Geld aufgewandt hatten, um ihre älteste Tochter auf angemessene Art und Weise in die Gesellschaft einführen zu können.

Was zählte es unter diesen Umständen, dass ihr Herz bereits vergeben war, vor allem, da der Mann, den sie liebte, weder vermögend noch einflussreich war! Sicher, äußerlich stellte er den Earl weit in den Schatten, und niemand hatte ein so hinreißendes Lächeln wie er. Aber er besaß nicht einmal einen Titel. Und alles, was er seiner zukünftigen Ehefrau zu bieten hatte, war das Leben einer Soldatengattin.

Insgeheim hatte Claire darum gebeten, keinen besseren Heiratsantrag als den seinen zu erhalten. Sie war verschiedenen begehrten Junggesellen sogar bewusst aus dem Weg gegangen. Allerdings war ihr aufgefallen, dass der Earl of Kenton, auch wenn er sie kaum jemals ansprach, sie doch immer wieder von fern beobachtete.

„Leben Sie gern auf dem Lande, Miss Dempsey?“, fragte er sie in diesem Moment.

Seine ruhige, kultivierte Stimme riss Claire aus ihren Gedanken. Einen Moment lang starrte sie verwirrt sein Krawattentuch an, das, wie ein Teil ihres Gehirns registrierte, überaus kunstvoll gebunden war. Auch fühlte sie die Wärme seiner Hand an ihrer Taille. Sie schluckte.

„Ja“, sagte sie dann höflich, „ich mag das Leben auf dem Lande. London ist zwar überaus unterhaltsam, aber ich glaube, dass ich mich auf dem Lande auf Dauer wohler fühle.“

Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Earls. „Mir selbst behagt das Leben eines Landedelmannes auch mehr als das eines Gesellschaftslöwen“, erklärte er.

„Womit pflegen Sie auf dem Lande Ihre Zeit zu verbringen, Mylord?“, erkundigte Claire sich wohlerzogen, obwohl die Gewohnheiten des Earls sie überhaupt nicht interessierten.

„Hauptsächlich beschäftige ich mich mit meinem Landsitz, obwohl ich auch andere Interessen verfolge“, gab dieser zurück. „Wollen Sie mir nicht etwas über Ihre Familie erzählen?“

So wenig ausführlich wie möglich berichtete Claire ihm von ihren Eltern und ihren jüngeren Geschwistern.

„Ihr Bruder und Ihre Schwestern halten sich wohl zurzeit in Sussex auf? Von dort kommen Sie doch, nicht wahr?“

Claire warf Nicholas Shelby einen kurzen Blick zu, ehe sie erneut seine Krawatte anstarrte. Woher wusste er, wo sie zu Hause war? Warum hatte dieser Mann mit den kühlen grauen Augen sich die Mühe gemacht, solche Dinge über sie herauszufinden? „Sie haben recht, Sir, wir sind aus Sussex. Zurzeit befindet sich die ganze Familie allerdings in London. Es mag Ihnen seltsam erscheinen, doch meine Eltern haben von jeher Wert darauf gelegt, ihre Kinder so oft wie möglich um sich zu haben. Im Allgemeinen speisen wir sogar alle gemeinsam zu Abend.“

„Ein Grundsatz, den ich nur gutheißen kann“, stellte der Earl fest. „Ich würde mit meinen Kindern gern ähnlich umgehen und hoffe, dass ich eine Gattin finde, die in diesem Punkt die gleiche Meinung vertritt wie ich.“

Claire erschrak über seine Worte, doch sie zwang sich zur Ruhe. Allerdings war sie sehr erleichtert, als gleich darauf die Musik verklang und der Earl sie zum Tisch ihrer Eltern zurückbegleitete.

Wie nicht anders zu erwarten, war Lady Dempsey außer sich vor Freude über die Ehre, die ihrer Tochter zuteilgeworden war. Auch Claires Vater machte einen sehr zufriedenen Eindruck. Der Earl verbeugte sich tief vor Claire und bat um einen weiteren Tanz später am Abend. Dann verabschiedete er sich mit ein paar höflichen Worten.

Kaum hatte er sich einige Meter entfernt, als Lady Dempsey aufgeregt nach der Hand ihrer Tochter griff und leise sagte: „Wir sind stolz auf dich, mein Engel. Man stelle sich nur vor: der Earl of Kenton! Zwei Tänze und einer davon sogar der Walzer! Welch herrlicher Erfolg für dich! Wie großzügig Kenton ist, wie freundlich!“

Und wie reich! setzte Claire in Gedanken hinzu. Sie war der Verzweiflung nahe. Sie mochte diesen Earl mit den kühlen grauen Augen nicht! Und jetzt ging er auch noch ins Kartenzimmer, so als wolle er aller Welt zeigen, dass er nur bei Almack’s erschienen war, um mit ihr zu tanzen.

„Das hast du gut gemacht, mein Kind.“ Sir Percival legte seiner Tochter wohlwollend die Hand auf die Schulter. „Mir scheint, du hast eine Eroberung gemacht. Sieh nur, wie viele neidische Blicke man dir zuwirft! Ich glaube fast, dass unsere Träume sich bald erfüllen werden.“

„Aber Papa“, brachte Claire heraus, „es ist doch bestimmt noch zu früh, um sich Hoffnungen zu machen.“

Oh Himmel, dachte sie dabei, wenn ich Papa und Mama doch nur anvertrauen könnte, was ich für Major West empfinde! Ich kann unmöglich die Gattin des Earl werden, wenn mein Herz einem anderen gehört!

Sehnsuchtsvoll dachte sie an Major Wests lustige blaue Augen, an sein jungenhaftes Lachen, an seine sorglose Art, ihr den Hof zu machen. Sie wusste, dass manche ihn für unreif und draufgängerisch hielten. Aber gerade sein unbeschwertes Wesen machte so viel von seinem Charme aus! Es ließ ihn so romantisch, so herrlich lebendig erscheinen!

„Meiner Meinung nach ist es durchaus nicht zu früh“, ließ sich in diesem Moment Sir Percival vernehmen. „Ah, die Vorstellung gefällt mir, dass meine Tochter einen der begehrtesten Junggesellen von ganz London für sich gewonnen hat. Es ist, als seien meine Gebete erhört worden.“

Claire schluckte. Ja, einen Moment lang musste sie sogar gegen die aufsteigenden Tränen ankämpfen. Aber dann hatte sie sich wieder in der Gewalt. Zum Glück blieb ihr noch ein wenig Zeit, ehe der Earl sie zum zweiten Mal zum Tanz holen würde.

Als es dann soweit war, kam es Miss Dempsey vor, als seien die Augen aller Anwesenden auf sie gerichtet. Es konnte wirklich kein Zweifel daran bestehen, dass viele junge Damen und ihre Mütter sie voller Neid beobachteten. Nicholas Shelby galt schließlich als eine der besten Partien der Saison.

Miss Dempsey allerdings war entschlossen, sich von seinem Reichtum, seinem Einfluss und seiner Anziehungskraft nicht beeindrucken zu lassen. Sie fühlte sich wie ein Lamm, das zum Opferaltar geführt wird. Und mit einem Male hatte sie schreckliche Angst vor der Zukunft. Würde sie wirklich zwischen ihm und Major West, zwischen ihrer Pflicht der Familie gegenüber und ihren ureigensten Gefühlen und Wünschen wählen müssen? Die Vorstellung war einfach uner­träglich!

Claire Dempsey stand am Fenster ihres Schlafzimmers und sah dem glänzenden Karriol der Earl nach, das sich jetzt, von zwei herrlichen Pferden gezogen, entfernte. Sie fühlte sich wie gelähmt. Nur ihre Hände bewegten sich. Nervös zerknitterte sie ein Taschentuch zwischen den Fingern.

Seit drei Tagen schon hatte sie gespürt, wie das Verhängnis sich näherte. Major West hatte London in dienstlichem Auftrag verlassen müssen, und Nicholas Shelby hatte täglich bei ihr vorgesprochen. Am Morgen nach dem Ball bei Almack’s hatte er ihr außerdem einen großen Blumenstrauß geschickt.

Claire hatte versucht, ihn zu entmutigen. Statt ihn anzuhimmeln wie die anderen jungen Damen, hatte sie sich zurückhaltend, wenn auch höflich, gegeben. Als sie bemerkte, dass er ihr gelegentlich kurze, irritierte Blicke zuwarf, hatte sie gehofft, er würde es aufgeben, ihr den Hof zu machen.

Unerwartet erhielt Claire einen Stoß in die Rippen. Einen ärgerlichen Ausruf unterdrückend fuhr sie herum und bemerkte ihre Schwester Katie, deren Augen schelmisch blitzten. Katie warf mit einer mutwilligen Bewegung die schwarzen Locken in den Nacken und sagte: „Ich glaube, ich sollte dich von jetzt an Countess nennen. Das hört sich nett an, nicht wahr?“

Claire wurde blass und schüttelte heftig den Kopf. Dann wandte sie sich plötzlich um und stürzte aus dem Zimmer. Was sie jetzt brauchte, war ein bisschen frische Luft!

Doch als sie die Halle des bescheidenen Hauses durchqueren wollte, das die Familie für die Saison in London gemietet hatte, hielt die Stimme ihres Vaters sie zurück. „Claire, mein Liebling“, rief Sir Percival, „komm doch bitte einmal zu mir in die Bibliothek.“

Zögernd gehorchte sie. Ihr Herz klopfte bis zum Halse. Das Unglück war also geschehen! Der Earl hatte eine private Unterhaltung mit ihrem Vater geführt.

Sir Percival machte einen gleichzeitig aufgeregten und zufriedenen Eindruck. Jetzt räusperte er ich und erklärte: „Mein liebes Kind, Gott hat es gut mit uns gemeint. Er hat uns den Earl of Kenton geschickt, der soeben bei mir um deine Hand angehalten hat.“

„Oh …“, murmelte Claire nur.

„Ich habe natürlich ja gesagt“, fuhr Sir Percival strahlend fort. „Ich hoffe, du bist über die Entwicklung der Dinge genauso glücklich wie ich.“

Claire ließ den Kopf hängen. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn heiraten möchte“, sagte sie mit kaum hörbarer Stimme.

Der Gesichtsausdruck ihres Vaters veränderte sich. Einen Moment lang wirkte Sir Percival zutiefst entsetzt. „Bei Jupiter“, rief er dann aus, „meine Tochter hat den Verstand verloren! Denk doch einmal nach, Kind! Niemand anders als der Earl of Kenton hat um dich angehalten! Er ist reich, jung und attraktiv! Er wird dich zu seiner Countess machen, zur Herrin über seinen gesamten Besitz! Du wirst niemals so schwere Zeiten erleben wie diejenigen, die nicht so mit weltlichen Gütern gesegnet sind.

Und auch uns wird es bald besser gehen. Der Earl hat sich überaus großzügig gezeigt. Wir werden deine Schwestern in die Gesellschaft einführen können. Und der kleine Percy wird eine gute Erziehung erhalten. Dank Lord Kentons Entgegenkommen werden wir aller Sorgen ledig sein. Und du willst ihn nicht heiraten?“

Claire wusste natürlich, dass ihr Vater mit jedem Wort recht hatte. Ihre Familie musste sie unweigerlich für verrückt halten, wenn sie sich nicht damit einverstanden erklärte, den Earl zu ehelichen. Alle waren so glücklich über seinen Antrag – einen Antrag, den er zweifellos nicht aus Liebe \ gemacht hatte. Nur zu deutlich sah Claire in diesem Moment seine kühlen grauen Augen vor sich, seinen forschenden Blick, der abschätzend über sie glitt. War sie hübsch genug? War ihre Erziehung zufriedenstellend? Würde sie ihm einen Erben schenken können? War sie anmutig, stolz und klug genug, seine Countess zu werden?

Unmöglich, sie konnte diesen gefühlskalten, berechnenden Mann nicht heiraten! Nicht ein einziges Mal hatte er versucht, mit ihr zu flirten! Nicht ein einziges Mal hatte er ihr gegenüber irgendwelche Gefühle gezeigt! Ach, wie ganz anders war da doch Major West. Er hatte ihr seine Liebe gestanden und ihr die wundervollsten Komplimente gemacht.

„Ich kenne den Earl doch kaum“, sagte Claire leise.

„Du hast den Rest deines Lebens Zeit, ihn besser kennenzulernen“, gab Sir Percival zurück. „Jedenfalls wissen wir genug über ihn, um sicher zu sein, dass er dir ein guter Gatte sein wird. Er ist ein Gentleman, ehrbar, großzügig und wohlhabend. Wenn ich auch nur die geringsten Bedenken gegen ihn hätte, würde ich dich ihm nicht zur Frau geben wollen.“

„Aber ich hatte gehofft, nicht so bald heiraten zu müssen. Ich bin doch noch jung, Papa. Und er erscheint mir so alt.“

„Unsinn! Du bist neunzehn. In deinem Alter sind viele Frauen bereits verheiratet. Und Nicholas Shelby ist achtundzwanzig. Der Altersunterschied zwischen euch ist also gar nicht groß. Deine Mama ist zehn Jahre jünger als ich, und trotzdem haben wir stets eine gute Ehe geführt. Ich bin sicher, dass auch du als Ehefrau nicht unglücklich sein wirst. Lord Kenton hat Verstand, und du solltest stolz darauf sein, dass er gerade dich zur Gattin gewählt hat.“

Ich will ihn aber nicht! hätte Claire am liebsten geschrien. Ich will den Mann heiraten, den ich liebe!

Und ganz leise wagte sie zu sagen: „Ich hatte gehofft … Also, Major West scheint mich auch sehr anziehend zu finden.

„Major West?“ Sir Percival hob die Augenbrauen. „Ein unreifer Junge, wenn du mich fragst. An seiner Seite würdest du ein unsicheres Leben führen. Ja, sehr wahrscheinlich würde er dich nach einigen Aufregungen früh zur Witwe machen. Ein Soldat, der nichts hat und nichts darstellt! Nein, ein solches Schicksal würde ich der Tochter meines ärgsten Feindes nicht wünschen.“

„Ich verstehe, Papa.“ Claire ließ den Kopf hängen. Wie konnte ihr Vater nur so über Major West reden? Wie unfair das war! Natürlich konnte der Major sich in vielen Bereichen nicht mit dem Earl messen. Aber sie liebte ihn – und sie wollte nicht das Opferlamm darstellen!

In diesem Moment betrat Lady Dempsey die Bibliothek. Sie eilte auf ihre Tochter zu und schloss sie in die Arme. „Dein Vater hat mir die herrliche Neuigkeit schon mitgeteilt. Ach, Kind, ich bin ja so glücklich! Wie stolz du auf deine Eroberung sein musst! Der Earl ist ein so charmanter junger Mann! Er …“

„Sie will ihn nicht heiraten“, unterbrach Sir Percival den Redeschwall seiner Gattin.

Das verschlug Lady Dempsey die Sprache. Fassungslos betrachtete sie ihre Tochter. Aber dann huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie ergriff Claires Hände und sagte: „Als junge Braut ist man natürlich verwirrt und aufgeregt. Aber mach dir keine unnötigen Sorgen. Als ich damals von meinem Vater erfuhr, dass ich heiraten sollte, da war ich beinah außer mir vor Angst wegen … bestimmter ehelicher Pflichten.“

„Ha!“ Sir Percival fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Dachte ich’s mir doch, dass es einen Grund dafür geben musste, dass sie nicht außer sich vor Freude war“, murmelte er.

„Mein Liebling“, fuhr seine Gattin unterdes zu Claire gewandt fort, „glaub mir, diese Pflichten sind gar nicht so schlimm. Wir wollen jetzt nicht länger darüber reden, aber bei Gelegenheit werde ich dir einiges erzählen, was dir deine Angst nehmen wird.“

Claire schluckte. All ihre Einwände waren einfach beiseite gewischt worden. Es war offensichtlich, dass nichts und niemand ihre Eltern von der Überzeugung abbringen konnte, dass die Ehe mit dem Earl of Kenton sie ans Ziel all ihrer Wünsche bringen würde. In gewisser Weise war das sogar verständlich, immerhin hatte Nicholas Shelby sich offenbar bereit erklärt, die finanziellen Probleme der Familie zu lösen. Konnte sie sich unter diesen Umständen überhaupt weigern, den Earl zum Gatten zu nehmen? Claire seufzte tief auf.

Sie Percival räusperte sich erneut. „Ich habe Lord Kenton für morgen zum Dinner eingeladen“, erklärte er. „Lind ich hoffe, dass wir uns darauf verlassen können, dass du dich ihm gegenüber nicht abweisend verhältst, Claire.“

Diese fühlte sich plötzlich sehr schwach. Einen Moment lang war ihr, als drehe sich alles um sie herum. Aber dann verging der Schwächeanfall, und Claire zwang sich, den Blick zu heben. Mit Tränen in den Augen schaute sie ihre Eltern an. „Ich werde den Antrag Lord Kentons annehmen“, sagte sie leise.

Ärgerlich zerknüllte Claire das parfümierte Blatt und warf es in den Papierkorb. Dann zog sie ein neues Blatt heran und begann: Teurer Major West …

Doch schon wieder stiegen ihr Tränen in die Augen, sodass sie nicht weiterschreiben konnte. Sie griff nach ihrem spitzengesäumten Taschentuch und tupfte sich die Augen ab. Schon mehrfach hatten ihre Tränen die Tinte des geplanten Briefchens an den Major verlaufen lassen. Doch dies sollte endgültig ihr letzter Versuch sein. Sie wollte, sie musste ihm mitteilen, dass sie sich bald verloben würde.

Claire atmete ein paarmal tief durch und tauchte die Feder in die Tinte. Dann begann sie entschlossen zu schreiben:

Es wäre mir sehr unangenehm, wenn Sie die Neuigkeit von jemand anderem ah von mir erfahren würden.

Tatsächlich bedaure ich es zutiefst, Ihnen die folgende Mitteilung überhaupt machen zu müssen. Ich werde mich noch heute mit Nicholas Shelby, Earl of Kenton, verloben.

An diesem Punkt legte Claire die Feder beiseite, griff nochmals nach ihrem Taschentuch und ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie verfluchte ihr Schicksal, sie verfluchte die Armut ihrer Eltern, sie verfluchte ihre eigene Unfähigkeit, den Antrag des Earls einfach zurückzuweisen. Aber zu deutlich erinnerte sie sich an das Gespräch, das ihre Eltern in Sussex mit ihr geführt hatten, ehe die ganze Familie für die Saison nach London übersiedelte.

In diesem Gespräch hatte Sir Percival seiner ältesten Tochter klar gemacht, welche Verantwortung auf ihr ruhte. Von jeher war Claire sich der Tatsache bewusst gewesen, dass ein junges Mädchen seiner Familie gegenüber bestimmte Pflichten hatte. Auch dass eine Vernunftheirat zu diesen Pflichten gehören konnte, hatte sie seit Langem gewusst. Dennoch hatte sie gehofft, dass sie sich in einen Gentleman verlieben würde, der den Erwartungen ihrer Eltern gerecht wurde. Wie hätte sie damals auch ahnen sollen, dass sie einen so charmanten Mann wie Major West kennenlernen würde?

Und nun würde sie ihrer töchterlichen Pflichten wegen nicht ihrem Herzen folgen können. Sie musste die Gattin eines ungeliebten Mannes werden. Dies war das Opfer, das sie ihrer Familie bringen musste.

Dennoch – und dessen war Claire sich ganz sicher – hatte Major Robert West ein Recht darauf, als erster von ihrer Verlobung zu erfahren. Und sie musste ihm diese Neuigkeit so schonend wie möglich übermitteln. Also griff sie erneut nach der Feder und schrieb:

Für die Zukunft wünsche ich Ihnen nur das Beste. Ihre Claire Dempsey

Dann faltete sie das Briefchen zusammen, versiegelte es und machte sich auf die Suche nach James, einem langjährigen Bediensteten der Familie, zu dem Claire unbegrenztes Vertrauen hatte.

Nachdem sie James die nötigen Anweisungen gegeben hatte, kehrte Claire in ihr Zimmer zurück, wo sie sich aufs Bett warf und aus tränenfeuchten Augen an die Decke starrte. Noch einmal rief sie sich die kleinsten Einzelheiten ihrer Begegnung mit Major West in Erinnerung.

Sie hatten sich bei einer musikalischen Soiree kennengelernt. Die Tochter der Gastgeberin hatte gesungen, was allerdings – nach Meinung der meisten Gäste – kein voller Erfolg gewesen war. Auch Major West hatte manchmal, wenn nur Claire es sah, das Gesicht schmerzlich verzogen. Und später hatte er ihr vertraulich ins Ohr geflüstert: „Ich bin sicher, dass Sie bedeutend besser singen können. Allerdings bezweifle ich, dass das den männlichen Zuhörern überhaupt auffallen würde. Denn diese hätten wahrscheinlich nur Augen für Ihre Schönheit.“

Ein wehmütiges Lächeln huschte über Claires Gesicht. Ganz deutlich sah sie jetzt Major Wests lustige Augen vor sich. Ihr war, als höre sie seine tiefe, zärtliche Stimme. Er hatte ihr die ausgefallensten Komplimente gemacht. Denn seit jenem ersten Abend war er, wo immer sich die Gelegenheit ergab, an ihre Seite geeilt. Ach, wie sehr hatte sie seine Gegenwart stets genossen!

Es war einfach nicht fair, dass es ihm trotz all seiner Anstrengungen und guten Eigenschaften nicht gelungen war, ihre Eltern davon zu überzeugen, dass er ihr ein liebevoller Ehemann sein würde. Stattdessen hatte der Earl of Kenton, ohne auch nur viel dazu tun zu müssen, die begeisterte Zustimmung von Sir Percival und Lady Dempsey gefunden. Es war einfach nicht richtig!

Ärgerlich stand Claire auf und trat an den Schrank. Mit gerunzelter Stirn betrachtete sie ihre Garderobe. Die Auswahl an Kleidungsstücken war nicht gerade groß. Aber da hing ein streng geschnittenes graues Kleid, das sie schon in Sussex getragen hatte. Was würde der Earl dazu sagen? Ob sie es wagen würde, ihm in diesem Aufzug, vielleicht sogar mit nach hinten gekämmten und zu einem Knoten gefassten Haaren gegenüberzutreten?

Ah, wie würde sie sein Entsetzen genießen! Entschlossen schlüpfte Claire in das Kleid, ließ sich dann vor ihrer Spiegelkommode nieder und begann sich zu kämmen. Dabei war ihr klar, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis der Earl erschien, um ihr die bewusste, die verhasste Frage zu stellen.

Ob er dabei vor ihr auf die Knie fallen würde? Claire erschauerte. Sie konnte nur hoffen, dass er sie nicht mit Lügen und schönen Worten überschütten würde. Seine Augen hatten ihr nur zu deutlich verraten, dass er ihr keine zärtlichen Empfindungen entgegenbrachte. Sie würden eine Vernunftehe schließen und …

Ein leises Klopfen an der Tür riss Claire aus ihren Gedanken. Sie fuhr herum, plötzlich schämte sie sich wegen ihres skandalösen Aufzugs. Wenn nun ihre Mutter kam, um nach ihr zu schauen! Claire sprang auf und versteckte sich hinter dem Vorhang.

Gleich darauf wurde die Tür geöffnet, und Katie trat ein. „Claire“, rief sie, „ich weiß, dass du hier bist. Also sei nicht albern, sondern komm aus deinem Versteck.“

Claire gehorchte, sagte jedoch vorwurfsvoll: „Hat dir eigentlich niemand beigebracht, dass man einen Raum erst dann betritt, wenn man dazu aufgefordert wird?“

Katie erwiderte nichts darauf, denn für einen Moment verschlug ihr der Anblick ihrer Schwester den Atem. „Um Himmels willen“, brachte sie schließlich hervor, „wie siehst du denn aus? Du hast hoffentlich nicht vor, dich irgendwem so zu zeigen! Mama würde wahrscheinlich in Ohnmacht fallen, und Papa würde sich in Grund und Boden schämen. Sag mal, was hast du dir denn dabei gedacht?“

„Ach, ich … ich habe nur etwas ausprobiert“, gab Claire mit Tränen in den Augen zurück. „Bitte, steh nicht herum und starr mich an! Such mir lieber ein passendes Kleid heraus und hilf mir beim Frisieren.“

Katie kicherte. „Du hast wohl nach einem verführerischen Gewand für deine Hochzeitsnacht gesucht? Dein Gatte wäre zweifellos begeistert von dir. Du siehst aus, als machtest du dich gerade bereit für deine Hinrichtung. Dabei bist du einem der attraktivsten Männer von ganz England versprochen. Ich finde, dass der Earl wirklich gut aussieht. Hast du eigentlich bemerkt, wie dunkel und voll sein Haar ist? Und diese breiten Schultern. Auch seine Oberschenkel …“

„Still, Katie!“, fiel Claire ihrer Schwester ins Wort. „Ich bin schockiert darüber, wie genau du meinen zukünftigen Gatten begutachtet hast. Junge Mädchen sollten nicht über die Oberschenkel von fremden Männern reden. Sie sollten sie nicht einmal bemerken.“

„Unsinn! Sei doch nicht plötzlich so prüde! Es ist noch gar nicht lange her, da hast du dich in aller Ausführlichkeit über die Vorzüge eines gewissen Major West verbreitet. ‚Macht er in seiner Uniform nicht eine gute Figur?‘, hast du gesagt. Und: ‚Wenn er lacht, dann tanzen kleine Fünkchen in seinen Augen.‘ Ich habe auch bemerkt, wie schamlos er auf der Gesellschaft der Hatchards mit dir geflirtet hat. Wahrhaftig, du kannst von Glück sagen, dass Mama an jenem Abend nicht darauf geachtet hat!“

Claire errötete leicht, aber Katie, die noch immer den Inhalt des Schranks begutachtete, bemerkte das gar nicht. „Ah, hier ist ja dein sonnengelbes Kleid“, rief sie in diesem Moment aus. „Ich glaube, das solltest du heute tragen. Du wirst bezaubernd darin aussehen.“

„Aber ich will gar nicht bezaubernd aussehen!“

Katie nickte. Mit einem Male war sie ernst geworden. „Ich weiß, Liebes. Aber ich denke, dass du dich zusammennehmen solltest. Papa und Mama sind so glücklich darüber, dass du diesen Earl heiraten wirst. Doch all ihre Freude wäre dahin, wenn sie wüssten, dass diese Ehe dir schrecklich ist.“

Claire seufzte tief auf, und Katie ergriff ihre Hände. „Weißt du, Schwesterchen, ich bin sehr dumm gewesen. Ich habe natürlich bemerkt, dass du dich mit Major West gut verstehst. Aber jetzt erst ist mir klar geworden, wie viel du für ihn empfindest. Es tut mir so leid, dass du nicht seine Gattin werden kannst!“

„Ach, Katie!“ Claire unterdrückte ein Schluchzen. „Major West ist so ganz anders als der Earl, unbeschwert, humorvoll, lebendig … Aber er hat kein Geld. Und deshalb muss ich Lord Kenton zum Gatten nehmen. Wir sind auf seine Unterstützung angewiesen.“

Katie nickte. „Wenn es nur möglich wäre, würde ich den Earl an deiner Stelle heiraten.“

Claire schloss ihre Schwester in die Arme. „Du warst schon immer hilfsbereit und großzügig. Aber in dieser Sache kannst du mir leider überhaupt nicht helfen. Komm, ich muss mich fertig machen. Bist du so lieb und frisierst mich? Es kann nicht mehr lange dauern, bis Mama nach mir ruft.“

Katie seufzte noch einmal tief auf. Dann befreite sie sich aus der Umarmung ihrer Schwester und griff nach dem Kamm. Wenig später sah Claire wieder so hinreißend aus, wie man das von ihr gewohnt war.

Die Mädchen waren gerade fertig, als es klopfte. Katie öffnete, und Claire hörte, wie ihre Schwester sagte: „Ach, Sie sind es, James. Was gibt es denn?“ Und dann: „Nein, nein, das ist wirklich nicht nötig. Ich kann ihr den Brief sehr gut selbst übergeben.“

Claire sprang auf und lief zur Tür. „Vielen Dank, James.“ Damit nahm sie dem Bediensteten einen versiegelten Umschlag aus der Hand. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen, und ihre Finger zitterten, als sie das Siegel erbrach. Mit weichen Knien ließ sie sich noch einmal auf den Schemel vor der Spiegelkommode sinken und las:

Mein grünäugiges Hexchen,

Ihr Brief hat mich in tiefe Verzweiflung gestürzt. Wenn wir einander wirklich Lebewohl sagen müssen, so sollten wir das zumindest in anderer Form tun. Daher flehe ich Sie an, mir ein letztes Rendezvous zu gewähren. Wir wollen uns um Mitternacht am Eingang zum Hyde Park treffen. Ich werde Ihnen dorthin folgen und über Ihre Sicherheit wachen. Bitte, erfüllen Sie mir diesen letzten Wunsch!

Auf ewig Ihr ergebener Robert West

2. KAPITEL

Wie betäubt starrte Claire auf Robert Wests Unterschrift. Es war unbegreiflich, was er von ihr forderte. Sie sollte ihn um Mitternacht am Hyde Park treffen? War ihm überhaupt bewusst, um was er sie da bat?

„Mein grünäugiges Hexchen“, zitierte Katie mit leichtem Spott.

Claire legte die Hand flach auf den Brief und sah ihre Schwester ärgerlich an. „Warum kümmerst du dich nicht um deine eigenen Angelegenheiten?“, sagte sie. „Du solltest wissen, dass es sich nicht gehört, die Korrespondenz anderer zu lesen.“

„Du kannst natürlich nicht hingehen“, erklärte Katie in einem Ton, als handele es sich um eine Abendgesellschaft.

„Und warum nicht?“, fragte Claire herausfordernd.

„Aus verschiedenen Gründen.“ Katie nickte zur Bekräftigung ihrer Worte. „Eine junge Dame hält sich um Mitternacht nicht am Eingang zum Hyde Park auf, das gehört sich nicht. Im Übrigen kannst du unmöglich allein gehen, das wäre viel zu gefährlich. Hinzu kommt, dass du um Mitternacht mit dem Earl verlobt wirst. Du willst deinen Bräutigam doch wohl nicht gleich zu Anfang hintergehen, indem du dich mit einem anderen Mann triffst? Major West hätte dich gar nicht um dieses Rendezvous bitten dürfen. Papa hat recht, wenn er ihn unreif und draufgängerisch schimpft. Dein Ruf scheint diesem Major völlig gleichgültig zu sein.“

„Ach, Katie …“ Claire seufzte tief auf. „Es ist offensichtlich, dass du nichts von der Liebe verstehst. Wenn man verliebt ist, dann können einen Risiken nicht erschrecken. Man würde alles für den Geliebten tun! Ich kann sehr gut verstehen, dass Robert mich ein letztes Mal treffen will, um von mir Abschied zu nehmen. Und es macht mir überhaupt nichts aus, dass er sich dabei nicht an die gesellschaftlichen Regeln halten will!“

Katie zuckte die Schultern. „Du bist unvernünftig, Schwesterchen. Es muss dir doch klar sein, dass du gesellschaftlich für immer ruiniert bist, wenn euch jemand beobachtet. Ich finde es verantwortungslos von Major West, dich darum zu bitten, seinetwegen deinen guten Ruf aufs Spiel zu setzen. Das werde ich ihm auch sagen, wenn ich ihn jemals wiedersehen sollte.“

„Das würdest du nicht tun!“, rief Claire aus. „Katie, du kannst einen Mann unmöglich verurteilen, nur weil er der Stimme seines Herzens folgt!“

„Oh doch, das kann ich. Und zwar deshalb, weil es gefährlich für dich ist, mitten in der Nacht allein durch die halbe Stadt zu gehen. Wenn du ihm wirklich etwas bedeuten würdest, dann würde er nicht wollen, dass du dich solchen Gefahren aussetzt!“

„Wie kannst du nur so etwas sagen!“ Claire war zutiefst entrüstet. „Schließlich schreibt er, dass er mir folgen und über meine Sicherheit wachen will. Außerdem liegt die Entscheidung allein bei mir. Er hat nicht einmal versucht, mich zu irgendetwas zu drängen, sondern er hat mich lediglich gebeten, ihn noch einmal zu treffen. Und er würde es mir bestimmt nicht verübeln, wenn ich nicht erschiene.“

„Du willst also dieses Risiko wirklich auf dich nehmen?“, fragte Katie fassungslos. Sie hatte ihre ältere Schwester immer für vernünftiger gehalten.

„Das weiß ich noch nicht“, gab Claire kurz zurück. Und um das Thema endlich abzuschließen, schlug sie Katie vor, sich für den Abend eines ihrer Kleider auszuborgen.

„Oh, danke!“ Mit leuchtenden Augen lief Katie zum Kleiderschrank, während Claire die Gelegenheit nutzte, Robert Wests Schreiben noch einmal zu lesen. Dabei dachte sie daran, wie rasch sich die Liebe zwischen ihr und dem Major entwickelt hatte und wie schnell ihr gemeinsamer Traum vom Glück zerbrochen war. Würde sie es wagen, den bittersüßen Erinnerungen an Robert noch eine weitere hinzuzufügen? Würde sie den Mut aufbringen, sich über alle Konventionen hinwegzusetzen und ihn um Mitternacht ein letztes Mal zu treffen?

Nicholas Shelby war erleichtert, feststellen zu können, dass er sich in Gesellschaft seines zukünftigen Schwiegervaters bedeutend wohler fühlte, als er zunächst befürchtet hatte.

Die beiden Männer saßen in der Bibliothek beim Portwein zusammen und unterhielten sich angeregt über ihre Jagdabenteuer. Mit einem flüchtigen Lächeln rief der Earl sich in Erinnerung, wie er sich ein paar Stunden zuvor mit Schrecken ausgemalt hatte, dass Sir Percival ihn wahrscheinlich mit guten Ratschlägen bezüglich der Behandlung seiner geliebten Tochter überschütten würde.

Die Zeit verging rasch, und schließlich schlug Claires Vater vor, dass sie sich wieder zu den Damen gesellen sollten.

Nicholas Shelby nickte. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern, bis er seinen ersten – und sicher einzigen – Heiratsantrag formulieren würde.

Von Jugend an war Nicholas Shelby in dem Bewusstsein erzogen worden, dass er nur richtig auftreten musste, um seine Ziele zu erreichen. Er verfügte über gesundes Selbstbewusstsein, war entscheidungsfreudig und willensstark. Im Allgemeinen gelang ihm alles, was er begann. Aber an diesem Abend fühlte er sich merkwürdig unsicher. Als er mit Sir Percival den kleinen Salon betrat und den Blick auf seiner zukünftigen Gattin ruhen ließ, zog sich sein Magen einen Moment lang zusammen.

Miss Dempsey war schön, so schön, dass ihre Schönheit ihm für ein paar Sekunden den Atem raubte. Unerwartet verspürte er das Bedürfnis, ihr zärtlich über das dunkle, glänzende Haar zu streichen. Stattdessen ließ er sich neben ihr auf dem Sofa nieder und betrachtete sie nachdenklich.

Claire saß, die Hände im Schoß verschränkt, reglos da und hob nicht einmal den Blick, als der Earl neben ihr Platz nahm. Nicht die Andeutung eines Lächelns zeigte sich auf ihrem Gesicht. Sie war sichtlich nervös.

Nicholas Shelby schlug die Beine übereinander und lehnte sich zurück. Er wollte Miss Dempsey Gelegenheit geben, sich an seine Gegenwart zu gewöhnen, ehe er ihr jene Frage stellte, die sie zweifellos erwartete und die gewiss für ihre Nervosität verantwortlich war.

Lady Dempsey bot ihm eine Tasse Tee an, die er dankend annahm. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit der jüngeren Schwester seiner Braut zu, die am Klavier saß und mit bemerkenswertem Talent eine fröhliche kleine Melodie spielte.

Während der Earl seinen Tee trank, sagte er sich selbst, dass das Dinner recht angenehm verlaufen war. Wie Miss Dempsey ihm einmal erzählt hatte, war die gesamte Familie am Tisch versammelt. Natürlich wusste jeder, warum der Earl an diesem Abend zu Gast war. Dennoch kam sogleich ein ungezwungenes Gespräch zustande, an dem sich nur Claire nicht beteiligte. Sie hatte sich ungewöhnlich still und zurückhaltend gegeben.

Der letzte Ton der Melodie verklang, und Katie erhob sich vom Klavierschemel. Percy, das jüngste Mitglied der Familie, nutzte die entstehende Unruhe, um eine seiner Schwestern am Haar zu ziehen. Das Mädchen – der Earl wusste nicht, ob es sich um Deidre oder Delight handelte, da er die Zwillinge noch nicht unterscheiden konnte – stieß einen Schmerzensschrei aus. Nicholas Shelby zuckte unmerklich zusammen und wandte sich dann an Claire. „Würden Sie so freundlich sein, Miss Dempsey, mich auf einem kleinen Spaziergang durch den Garten zu begleiten?“, fragte er höflich.

Claire erblasste, erhob sich jedoch, ohne zu zögern. Ihre Eltern warfen sich einen raschen Blick zu, die Zwillinge begannen miteinander zu tuscheln, und Percy sagte: „Ich denke, ich werde die beiden begleiten.“

„Oh nein, das wirst du nicht!“, erklärte Katie entschieden.

Der Earl fühlte sich ausgesprochen unwohl, als er seiner Auserwählten den Arm reichte und sie zur Terrassentür hinausführte. Dabei hatte er noch vor Kurzem geglaubt, dass es gar nicht so schwer sei, einer jungen Dame einen Antrag zu machen!

In den letzten Tagen allerdings war ihm klar geworden, dass diese Angelegenheit ein gewisses Maß an Vorbereitung erforderte. Er hatte wieder und wieder seine Garderobe gemustert, und in Gedanken hatte er sich verschiedene Reden zurechtgelegt, mit denen er seinen Antrag einleiten wollte. Jetzt allerdings konnte er sich nicht an einen einzigen Satz dieser wohldurchdachten Reden erinnern. Ja, ihm war, als würde er nie wieder ein Wort über die Lippen bringen.

Wenn Miss Dempsey es ihm doch nur ein wenig einfacher gemacht hätte! Sie wirkte so würdevoll, so damenhaft, geradezu unnahbar. Ihr Verhalten konnte fast den Verdacht erwecken, dass sein Antrag ihr nicht willkommen war. War es denkbar, dass sie ihn abweisen würde?

Erneut zog sein Magen sich für einen Moment zusammen. War er voreilig gewesen, als er bereits am Vortag einen Brief an seine Mutter geschrieben hatte, in dem er sie bat, nach London zu kommen, um bei den Vorbereitungen zur Hochzeit zu helfen? Hatte er einen Fehler gemacht, als er bereits eine Sondererlaubnis zur Eheschließung beantragt hatte?

Nicholas Shelby musste ein Aufseufzen unterdrücken. Sir Percivals Reaktion darauf, dass er ihn um die Hand seiner Tochter gebeten hatte, war überaus ermutigend gewesen. Und im Übrigen wusste der Earl schließlich sehr gut, dass er zu den begehrtesten Junggesellen von ganz England gehörte. Seit Jahren schon verfolgten ihn junge Damen und ihre Mütter mit verträumten, hoffnungsvollen Blicken. Er entstammte einer angesehenen Familie, war vermögend, jung, attraktiv und einflussreich, kurz, ein Mann, wie jede Mutter ihn für ihre Tochter ersehnte.

All das hatte allerdings auch zufolge gehabt, dass er sich recht früh darüber klar geworden war, dass man ihn nie nur um seiner selbst willen lieben würde. Man liebte seine gesellschaftliche Position, seinen Reichtum – und natürlich auch ein wenig den gut aussehenden jungen Mann. Das Wissen darum hatte den Earl bewogen, seine zukünftige Gattin mit besonderer Sorgfalt auszuwählen. Er erwartete eine angemessene Gegenleistung für das, was er zu bieten hatte.

Miss Claire Dempsey schien alles zu verkörpern, was er von seiner Countess erhoffte. Er wollte daher nicht das Risiko eingehen, sie zu verlieren. Gern hätte er ihr die Möglichkeit gegeben, ihn vor der Eheschließung besser kennenzulernen. Doch zwei Dinge standen dem im Wege. Zum einen war es unumgänglich notwendig, dass er, Nicholas Shelby, so bald wie möglich einen Erben bekam. Zum anderen war Miss Dempsey so schön, so begehrenswert, dass kein Zweifel daran bestehen konnte, dass sie im Laufe der Zeit viele Anträge erhalten würde. Und wer konnte dafür garantieren, dass sie nicht einen davon annahm?

Der Earl warf seiner Braut einen langen Blick zu. Ihr Gesicht verriet nichts von dem, was in ihr vorging. Ihr Schweigen allerdings war wirklich auffällig. War sie einfach nur nervös, oder verspürte sie womöglich gar Angst oder Abneigung ihm gegenüber?“ Ihr Verhalten bei seinen täglichen Besuchen hatte keinerlei Hinweis darauf gegeben, was sie für ihn empfand. Sie war stets höflich und zuvorkommend gewesen, hatte jedoch – das musste er sich eingestehen – eine gewisse Wärme vermissen lassen.

Ja, wenn er sich selbst gegenüber ehrlich war, konnte er nicht leugnen, dass er die Gesellschaft ihrer Geschwister oft mehr genossen hatte als die ihre. Katie, die beinah ebenso hübsch war wie ihre ältere Schwester, hatte stets ein Lächeln und eine fröhliche Bemerkung auf den Lippen. Die Zwillinge Deidre und Delight waren noch rechte Wildfange, stets zu Streichen aufgelegt und überhaupt nicht schüchtern in Gegenwart eines Earls. Und Percy, das Nesthäkchen der Familie, war ein überaus sympathischer Junge mit rascher Auffassungsgabe.

Noch einmal musterte Lord Kenton seine Auserwählte nachdenklich. Dann sagte er ohne weitere Einleitung: „Wollen wir uns setzen?“

Claire nickte, und er führte sie zu einer Holzbank am Rande des Rosenbeets. Noch hing der Duft der Blumen in der kühlen Nachtluft. Der Earl atmete tief ein und sagte: „Miss Dempsey, es wäre mir eine Ehre, wenn Sie meine Frau würden.“

Im gleichen Moment wurde ihm klar, dass dies keine Frage war, wie eine junge Dame sie in einem solchen Moment erwartete. Also begann er erneut: „Werden Sie mir die Freude machen, meine Gattin zu werden?“

Claire straffte die Schultern und hob den Blick. Ihre Stimme klang kühl und ruhig, als sie sagte: „Mylord, ich muss gestehen, dass ich von Ihrem Antrag überrascht bin. Was mag Sie bewogen haben, mich zu wählen, da ich Sie doch niemals ermutigt habe? Erwarten Sie denn gar keine Zuneigung von Ihrer zukünftigen Gattin?“

Nicholas Shelby hob die Augenbrauen. „Nein, Miss Dempsey. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass falsche Zuneigung schlimmer ist als keine Zuneigung. Ich hoffe, Sie verübeln mir meine Offenheit nicht. Doch ich stehe auf dem Standpunkt, dass unser Zusammenleben am unkompliziertesten sein wird, wenn wir mit offenen Karten spielen.“

Er ergriff Claires Hände und hielt sie fest, „Miss Dempsey, ich habe Sie erwählt, weil Sie über viele Eigenschaften verfügen, die ich bewundere, und weil ich glaube, dass wir gut miteinander auskommen werden“, sagte er.

Claire hielt seinem Blick stand, obwohl eine abgrundtiefe Traurigkeit sie erfüllte. Ihre schlimmsten Befürchtungen hatten sich also bewahrheitet: Der Earl empfand nichts für sie. Er war kalt und berechnend. Er hatte seine Gattin ausgewählt wie andere Gentlemen ein gutes Pferd.

Überdeutlich erinnerte sie sich plötzlich an Major Wests lachende Augen. Sein Brief fiel ihr ein. Und während sie den Blick senkte und einen Moment lang die schlanken Finger Lord Kentons betrachtete, die noch immer ihre Hände umfangen hielten, fasste sie einen Entschluss.

„Miss Dempsey“, hörte sie die kultivierte Stimme des Earls, „darf ich hoffen, dass Sie meine Werbung annehmen?“

„Ja, Mylord“, gab sie zurück.

„Sie haben mich sehr glücklich gemacht – Claire.“ Und Sie haben mich unvorstellbar unglücklich gemacht, Mylord, dachte Claire.

Nicholas Shelby fühlte sich wie neugeboren, als er schließlich Sir Percivals Haus verließ. Er hatte an diesem Abend sein Karriol daheim gelassen, weil er gehofft hatte, seine Nervosität würde nachlassen, wenn er den Weg zum Hause der Dempseys zu Fuß zurücklegte. Jetzt freute er sich auf den Heimweg durch die kühle Nachtluft.

Der Earl war sehr zufrieden mit sich, eine schwere Last war von seinen Schultern genommen, und er sah voller Zuversicht in die Zukunft.

Nachdem Claire ihr Jawort gegeben hatte, war sie an seinem Arm ins Haus zurückgekehrt, und er hatte sich noch einmal mit seinem zukünftigen Schwiegervater in die Bibliothek zurückgezogen. Dort war er mit einem hervorragenden Brandy bewirtet worden, den der Hausherr zweifellos für einen Anlass wie diesen hatte zurücklegen lassen. Dabei hatten sie sich über die Bedingungen der Eheschließung unterhalten und festgestellt, dass offenbar alles sich zur beiderseitigen Zufriedenheit lösen ließ. Was die finanziellen Regelungen betraf, so hatte der Earl sich als äußerst großzügig erwiesen. Sir Percival wiederum hatte nichts gegen eine rasche Heirat mit Sondererlaubnis einzuwenden gehabt und sogar gesagt, dass er sehr froh sei, London recht bald verlassen zu können.

Nicholas Shelby seufzte zufrieden auf, als er auf die Straße einbog. Am liebsten hätte er leise vor sich hingepfiffen, so unbeschwert fühlte er sich. Er warf einen Blick zurück aufs Haus und nahm in dessen Schatten eine Bewegung wahr. Neugierig blieb er stehen.

Es war eine weibliche Gestalt, die sich an der Mauer des Hauses entlang schlich und sich jetzt dem Tor zur Straße näherte. Sie war in einen weiten Umhang gehüllt und hatte die Kapuze tief in die Stirn gezogen. Wahrscheinlich handelte es sich um ein Hausmädchen, das etwas Wertvolles entwenden wollte. Entschlossen wollte Nicholas Shelby die Verfolgung aufnehmen.

Doch da bemerkte er, wie sich ein paar Häuser weiter eine zweite Gestalt aus den Schatten löste und hinter der ersten herging. Wie die scharfen Augen des Earls erkannten, handelte es sich um einen jungen Mann in Uniform.

Merkwürdig, fuhr es ihm durch den Kopf. Es reizte ihn mehr und mehr, dieses Rätsel zu lösen. In sicherem Abstand folgte er den beiden Gestalten.

Diese näherten sich dem Eingang zum Hyde Park, und als sie ihn erreichten, wandte das Mädchen sich um, stieß einen leisen Ruf aus und warf sich dem Mann in die Arme.

Vorsichtig schlich Nicholas Shelby näher. Dann hielt er plötzlich den Atem an. Der Mann hatte dem Mädchen die Kapuze vom Kopf geschoben, und im Mondschein war deutlich Claires Gesicht zu erkennen.

Claire, seine Verlobte! Einen Moment lang wollte der Earl seinen Augen nicht trauen. Doch es war kein Zweifel möglich. Das Mädchen, das sich so schamlos einem anderen Mann an den Hals geworfen hatte, war niemand anders als die scheinbar so zurückhaltende, tugendhaft junge Dame, die er kurz zuvor gebeten hatte, seine Gattin zu werden.

Durch jahrelange Übung hatte Nicholas Shelby gelernt, sich beinahe geräuschlos zu bewegen. Diese Fähigkeit kam ihm jetzt zugute, als er sich dem sich eng umschlungen haltenden Paar bis auf Hörweite näherte.

„Oh Robert“, hörte er Claire seufzen, „ich hatte solche Angst, dass jemand anders als Sie mir folgen könnte! Ich wagte nicht einmal, mich umzuschauen.“

Robert West lächelte zärtlich und zog das Mädchen fester an sich. „Ich habe Ihnen doch versprochen, für Ihre Sicherheit zu sorgen.“ Sanft fuhr er Miss Dempsey mit den Fingern durchs Haar. „Claire, mein Liebling, bitte, sagen Sie, dass Ihre Nachricht nur eine Lüge war! Sie können, Sie dürfen sich nicht mit einem anderen verlobt haben!“

Claire hätte beinahe laut aufgeschluchzt. Ihre Nerven waren bis aufs äußerste gespannt. Wie sehr litt sie unter der Aussicht, den Earl of Kenton bald heiraten zu müssen, wie sehr sehnte sie sich nach einer Zukunft mit Robert West! Dennoch war ihr bewusst, dass ihr heimliches Treffen ein skandalöser Vorstoß gegen alle gesellschaftlichen Verhaltensregeln war.

Noch einmal schmiegte sie sich aufseufzend an den geliebten Mann. Dann jedoch befreite sie sich sanft aus seiner Umarmung.

„Sie hätten mich gar nicht bitten dürfen, hierher zu kommen, Robert“, sagte sie. „Ich setzte meinen guten Ruf aufs Spiel. Aber ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, Sie noch einmal zu sehen und Ihnen zu versichern, dass ich Sie niemals vergessen werde.“

„Claire!“ Seine Stimme war wie eine Liebkosung. „Meine Geliebte! Sie dürfen diesen Mann nicht heiraten! Werden Sie meine Gattin! Ich liebe Sie. Wir könnten noch heute Nacht nach Gretna Green aufbrechen. Noch ist Ihre Verlobung nicht offiziell bekannt gegeben, und Ihre Familie würde gewiss versuchen, einen Skandal zu vermeiden. Bitte, kommen Sie mit mir!“

Sein Ton war so drängend, seine Augen blickten so leidenschaftlich, dass Claire einen Moment lang fast versucht war, seiner Bitte nachzugeben. Doch sie zwang sich zur Vernunft. „Robert“, begann sie, „Sie wissen selbst, dass das unmöglich ist. Ich habe mein Wort gegeben! Und meiner Familie könnte ich so etwas niemals antun – ebenso wenig wie meinem Verlobten.“

„Verflucht!“, entfuhr es Robert. „Warum denken Sie immer an die anderen? Was ist mit uns, mit Ihnen und mir, Claire? Was ist mit unserer Liebe? Ich hätte niemals gedacht, dass Sie sich verkaufen würden!“

Claire fuhr zurück. Ihre Augen blitzten zornig auf. „Sie haben kein Recht, so zu mir zu sprechen“, sagte sie mit bebender Stimme. „Leben Sie wohl, Major West.“

Sie wandte sich ab, doch er hielt sie zurück. „Vergeben Sie mir“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Vergeben Sie mir! Ich kann den Gedanken, dass Sie einem anderen gehören werden, einfach nicht ertragen.“

„Ich habe keine Wahl.“

„Warum nicht, Claire? Oh, warum denn nicht? Werden Sie mir wenigstens gestatten, Sie zum Abschied zu küssen?“

„Nein“, erklärte Claire entschieden. „Ich bin mit einem anderen verlobt.“

„Aber niemand wird je erfahren, dass Sie mich geküsst haben“, versuchte Major West sie umzustimmen.

„Ich selbst werde wissen, was ich getan habe. Und ich will mich nicht für den Rest meines Lebens mit Selbstvorwürfen quälen.“

„Dann muss ich Ihnen einen Kuss rauben, Geliebte!“

„Das werden Sie, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, nicht tun!“ Plötzlich stand der Earl vor Robert West.

Claire schrie auf, war aber unfähig, sich zu rühren.

„Geben Sie sofort meine Verlobte frei!“, befahl Nicholas Shelby dem Major. „Sonst sehe ich mich gezwungen, Sie zu fordern.“

Robert West ließ Claire los und trat einen Schritt zurück. „Es besteht keine Notwendigkeit, so drastische Schritte zu unternehmen“, bemerkte er.

„Umso besser!“ Die Stimme des Earls klang unvorstellbar kalt und herablassend. „Ich muss Ihnen mitteilen, dass ich alles beobachtet habe. Allerdings bin ich bereit, den Vorfall zu vergessen, wenn Sie mir Ihr Wort geben, dass niemals etwas an die Öffentlichkeit dringt. Andernfalls …“ Die Drohung blieb unausgesprochen in der Luft hängen.

„Sie haben mein Wort.“ Damit wandte Robert West sich noch einmal Claire zu. „Leben Sie wohl“, sagte er leise.

Claire konnte ihm nur stumm nachschauen, als er sich jetzt mit großen Schritten entfernte.

Eine Zeit lang wagte sie nicht, ihren Verlobten anzusehen. Sie war zutiefst beschämt. Nie zuvor hatte sie sich so gedemütigt gefühlt. Gleichzeitig jedoch verspürte sie großen Zorn auf den Earl, der ihr offenbar nachspioniert hatte.

„Wie kommt es, dass Sie hier sind, Mylord?“, fragte sie schließlich.

„Als ich das Haus Ihres Vaters verließ, bemerkte ich eine Person, die ich für ein diebisches Zimmermädchen hielt und der ich darum folgte.“

Am Ton seiner Stimme erkannte Claire, wie sehr er sie verachtete. Erneut stieg ihr die Schamesröte ins Gesicht.

„Miss Dempsey“, fuhr der Earl in diesem Moment fort, „habe ich mich mit einer … unberührten jungen Dame verlobt?“

Vor Entrüstung brachte Claire einen Moment lang keinen Ton über die Lippen. Dann allerdings erklärte sie stolz: „Ich habe ihn nicht einmal geküsst.“

Er nickte, aber sein Blick war nach wie vor kalt und abweisend. „War dieses Treffen das erste seiner Art?“, fragte er. „Ja.“

Er betrachtete sie noch ein paar Sekunden lang forschend und reichte ihr dann den Arm. „Ich werde Sie nach Hause begleiten, Miss Dempsey.“

Es kostete Claire einige Überwindung, aber schließlich legte sie die Hand auf seinen Arm. Sie spürte deutlich, wie angespannt er noch immer war. Schweigend schritt sie neben ihm her.

Unterwegs blieb ihr genug Zeit, über das, was geschehen war, nachzudenken. Sie machte sich die heftigsten Vorwürfe. Niemals hätte sie sich auf dieses heimliche Rendezvous einlassen dürfen. Katie hatte ganz recht gehabt: Sie, Claire, hatte das Schicksal herausgefordert – und sie hatte verloren. Robert West würde sie wahrscheinlich nie wiedersehen. Und ihr Verlobter? Wie würde der Earl of Kenton sich weiter verhalten?

Die wenigen Worte, die er mit dem Major gewechselt hatte, waren Beweis genug, dass er nicht plante, ihren guten Ruf zu zerstören. Aber war er nach allem, was er gesehen hatte, noch gewillt, sie zur Frau zu nehmen? Womit würde er ihren Eltern gegenüber seine Entscheidung erklären, wenn er sich entschloss, die Verlobung zu lösen?

Claire Dempsey seufzte tief auf. Die Straße lag verlassen da, aber die Stille hatte etwas Bedrohliches an sich. Und mit einem Male war Claire trotz allem froh darüber, sich in Begleitung des Earls zu befinden. Er war groß und kräftig, und die festen Muskeln, die sie unter dem feinen Stoff seines Frackrocks spürte, vermittelten ihr ein Gefühl der Sicherheit.

Plötzlich blieb Nicholas Shelby stehen. Er schob Claire eine Locke aus der Stirn und musterte lange ihr Gesicht. Endlich sagte er – und noch immer verriet seine Stimme größten Ärger: „Sie werden verstehen, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich unsere Verlobung aufrechterhalten soll. Wenn Sie die Absicht haben, das Verlöbnis zu lösen, so teilen Sie es mir bitte jetzt mit.“

Claire schluckte. Es fiel ihr unsagbar schwer, seinem Blick standzuhalten, aber unter Aufbietung all ihrer Willenskraft gelang es ihr. „Ich möchte die Verlobung nicht lösen“, erklärte sie.

„Wenn ich beschließe, Sie nach allem dennoch zur Gattin zu nehmen, können Sie mir dann versprechen, mich niemals wieder zu hintergehen?“

Unter seinem Blick erschauerte Claire. „Ich schwöre es“, sagte sie ernst.

„Gut. Ich werde Ihnen morgen Nachmittag einen Besuch abstatten. Wahrscheinlich werden wir eine Ausfahrt unternehmen. Ich teile Ihnen dann mit, wie ich mich entschieden habe.“

Nicholas Shelby klopfte gegen das Dach der Mietkutsche, die er glücklicherweise nach dem Abschied von Miss Dempsey gefunden hatte. Der Kutscher hielt und ließ den Earl aussteigen, der sich, nachdem er bezahlt hatte, mit raschen Schritten entfernte.

Er wusste, dass Lord Renshaw, ein Mitarbeiter Lord Castlereaghs, verärgert über seine Verspätung sein würde, aber das ließ sich nun nicht mehr ändern. Nicholas Shelby bog um eine Ecke und trat in den Schatten der Hauswände. Mit großer Umsicht näherte er sich einem Gebäude in der Nähe der Pall Mall.

In Gedanken war er noch immer bei den Vorfällen der letzten Stunden. Oh, dieser Zorn, den er auf Major Robert West verspürte! Am liebsten hätte er ihn wirklich zum Duell gefordert. Aber der damit verbundene Skandal war unausdenkbar! Glücklicherweise gab es andere Möglichkeiten, den Major aus London zu entfernen. Lord Kenton zweifelte nicht daran, dass Lord Renshaw seiner Bitte nachkommen und dem Major den Marschbefehl geben würde.

Und Miss Dempsey? Dass sie von der Aussicht, seine Gattin zu werden, nicht begeistert war, hatte er spätestens seit ihrer Reaktion auf seinen Antrag gewusst. Dennoch war er entsetzt gewesen, feststellen zu müssen, wie schamlos sie ihn hinterging. Es war ein merkwürdiges Gefühl zu wissen, dass seine Braut weder an ihm noch an dem Reichtum oder an der gesellschaftlichen Stellung interessiert war, die er ihr zu bieten hatte.

Es verwirrte ihn, dass sie seinen Antrag dennoch angenommen hatte. Sir Percival schien durchaus kein Vater zu sein, dem das Wohlergehen seiner Kinder gleichgültig war. Sicher, die finanzielle Situation der Familie war alles andere als gut. Aber wissentlich hätten die Dempseys ihre älteste Tochter gewiss nicht gezwungen, einen Mann zu heiraten, den sie verabscheute.

War es nicht am besten, wenn er die Verlobung unter einem Vorwand löste? Manches sprach dafür. Andererseits … Aufseufzend zuckte Nicholas Shelby die Schultern und betrat durch einen Nebeneingang das Haus, in dem er bereits erwartet wurde.

Auf ein bestimmtes Klopfzeichen hin wurde ihm eine Tür geöffnet, und er sah sich Lord Renshaw gegenüber, der in einen Morgenmantel aus Brokat gekleidet war. „Ah, Kenton“, sagte er kühl.

Lord Renshaw war seit langem Nicholas Shelbys Vorgesetzter, um genau zu sein, seit jenem Tag, da der Earl gemeinsam mit seinem Freund Andrew Marsh, Viscount Rutledge, beschlossen hatte, für England zu spionieren. Monatelang hatten die Freunde Informationen über Napoleons Streitkräfte gesammelt, ohne sich größeren Schwierigkeiten oder Gefahren gegenüberzusehen. Doch plötzlich und unerwartet war ihre Arbeit zu einem lebensgefährlichen Risiko geworden.

„Ich hatte schon befürchtet, Sie würden gar nicht mehr kommen, Kenton“, bemerkte Lord Renshaw.

Der Earl ließ sich auf einen Stuhl fallen und erwiderte offen den Blick seines Vorgesetzten. „Bitte, sagen Sie mir als erstes, ob Sie Nachricht von Andrew haben.“

„Nein, leider nicht.“ Lord Renshaw schüttelte bedrückt den Kopf. „Seit fünf Wochen haben wir nun kein Lebenszeichen mehr von ihm erhalten. Ich fürchte, wir müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, dass er tot ist.“

Nicholas Shelby schüttelte heftig den Kopf. Er wusste alles über Andrews letzte Mission. Dessen Aufgabe war es gewesen, in Frankreich eine Liste mit den Namen von Verrätern an sich zu bringen. Diese hatte er dann Nicholas übergeben sollen. Doch zu der Übergabe war es nie gekommen.

Lord Renshaw nahm ebenso wie Andrew Marsh und der Earl an, dass ein einflussreicher englischer Adliger zu den Verrätern der Krone zählte. Aber noch gab es nicht einmal einen konkreten Verdacht, wer es sein könnte, noch fehlte jeder Beweis.

„Andrew ist nicht tot“, stellte der Earl mit Überzeugung fest. „Warum sollte die Gegenseite so daran interessiert sein, mich aus dem Weg zu räumen? Ich kann ihr nur gefährlich werden, wenn ich die Namensliste von Andrew erhalte und weitergebe.“

„Möglich …“ Lord Renshaw zuckte die Schultern. „Vielleicht denken sie aber auch, Sie wären bereits im Besitz gewisser Informationen. Jedenfalls ist es bedenklich, dass man dreimal versucht hat, Sie umzubringen, als sie in Frankreich waren. Ich fürchte, es ist nur eine Frage der Zeit, bis man auch hier auf englischem Boden den ersten Anschlag auf Sie verübt.“

Nicholas Shelby nickte. Dies war der Hauptgrund für seinen Entschluss, sich so rasch wie möglich zu verehelichen und einen Erben zu zeugen. Und dies war auch der Grund dafür, warum er sich eine Gattin gesucht hatte, die ihm nicht übermäßig zugetan war. Sollte er sterben müssen, so wollte er keine untröstliche Witwe zurücklassen.

„Ich bin sicher, dass Andrew noch lebt“, sagte er. „Und ich bin ebenfalls sicher, dass ich seinem Versteck sehr nahe war, als ich mich wegen dieser Anschläge gezwungen sah, Frankreich zu verlassen. Ich möchte nur wissen, wer …“

„Wer der Gegenseite verraten hat, dass Sie für die Krone spionieren?“, vollendete Lord Renshaw den Satz. „Es gäbe da verschiedene Möglichkeiten …“

„Wollen Sie etwa andeuten, dass Andrew gefasst worden ist und mich verraten hat?“, brauste der Earl auf.

„Aber nein.“ Lord Renshaw reichte seinem Mitarbeiter ein Glas Brandy. „Trotzdem bleibt die Tatsache bestehen, dass wir keine Ahnung haben, wo Rutledge sich aufhalten könnte, und dass wir ebenfalls nicht wissen, wer wie viel über uns herausgefunden hat.“

„Jedenfalls wussten sie, wo mein Boot lag. Wie gut, dass unsere Feinde nicht klug genug waren, es nur leckzuschlagen. Es wäre unweigerlich während der Rückfahrt nach England gesunken, und ich wäre irgendwo im Ärmelkanal ertrunken. Stattdessen haben sie das Boot völlig zerstört und mir die Gelegenheit gegeben, auf anderem Wege nach Hause zurückzukehren.“

„Leider waren sie klug genug, den alten Mann, der Sie übergesetzt hat, zu erwischen und ihn aus dem Weg zu räumen. Einer unserer Männer hat seine Leiche gefunden …“

„Verflucht! Dann müssen wir wohl davon ausgehen, dass er unseren Feinden vor seinem Tode noch eine genaue Beschreibung meines Äußeren gegeben hat.

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