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HISTORICAL LORDS & LADIES BAND 41

MEG ALEXANDER

Herz in Gefahr

Schockiert erfährt Dan Ashburn, dass seine große Liebe Judith heiraten wird – ausgerechnet den undurchsichtigen Charles Truscott. Als Dan Nachforschungen über den Mann anstellt, offenbart sich Böses. Er muss verhindern, dass Judith diesem Ganoven in die Hände fällt. Doch die Zeit wird knapp, denn sein Gegner scheut weder vor Betrug noch vor Mord zurück!

MARY BRENDAN

Ein unerhörtes Angebot

Ihr Bruder hat den Familiensitz verkauft! Helen ist zutiefst entrüstet. Doch sie hat Glück im Unglück: Ausgerechnet der vermögende Sir Jason Hunter, mit dem sie einst zarte Bande geknüpft hat, bietet den höchsten Preis für Westlea House. Um herauszufinden, ob er noch an die verstohlenen Küsse von damals denkt, fasst Helen einen gewagten Entschluss …

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Herz in Gefahr

1. KAPITEL

Elizabeth Wentworth schnappte entsetzt nach Luft. „Judith, das kann unmöglich dein Ernst sein! Willst du uns damit sagen, dass du eingewilligt hast, Truscott zu heiraten?“

Ein leises Hüsteln der dritten Dame im Salon des Hauses in der Mount Street unterband für den Augenblick einen weiteren Ausbruch. Elizabeth sah ihre Schwägerin Hilfe suchend an, aber Lady Wentworth schenkte ihr keine Beachtung.

In den zwölf Jahren ihrer Ehe hatte Prudence gelernt, ihr Temperament zu zügeln. Außerdem war sie bereits im vorgerückten Stadium ihrer Schwangerschaft und versuchte mühsam, aufrechter auf dem Sofa zu sitzen.

„Das ist wirklich eine große Überraschung, Judith.“ Ihre Stimme klang sanft, und ihr Blick ruhte voller Zuneigung auf ihrer Freundin.

Aber Elizabeth ließ sich nicht beschwichtigen und sprang erregt auf. „Warum hast du ihn erhört?“, rief sie bedrückt. „Oh Judith, er wird dich nicht glücklich machen. Der Mann ist ein entsetzlicher Scharlatan! Ich weiß, er ist zurzeit sehr in Mode wegen seiner feurigen Predigten, aber er glaubt selbst kein einziges Wort von dem, was er sagt. Trotz all seines Geredes von Höllenfeuer und Verdammnis hat er nichts Besseres zu tun, als sich mit genau jener Gesellschaft abzugeben, die er vorgibt, zu verachten.“

„Elizabeth, du gehst zu weit!“, sagte Prudence streng. „Bitte erlaube Judith wenigstens, sich zu äußern. Du könntest ihr zugestehen, dass sie ihre eigene Meinung zu dem Thema hat.“

Elizabeth sah aus, als wolle sie widersprechen, hielt jedoch den Mund und ließ sich in einen Sessel fallen.

„Prudence, schimpf nicht“, sagte Judith leise. „Ich wusste, dass es ein Schock für euch sein würde. Immerhin hat Reverend Truscott mir niemals Anlass gegeben zu glauben, er hätte mich je beachtet … bis vor wenigen Wochen.“

Elizabeth presste die Lippen zusammen, als ein Blick von Prudence sie traf. Beide dachten dasselbe. Vor weniger als einem Monat hatte Judith von einer ansehnlichen Erbschaft erfahren, die ihr der Bruder ihrer Mutter hatte zukommen lassen. Der verschrobene alte Mann hatte die vornehme Welt damit überrascht, dass er sein beachtliches Vermögen seiner einzigen Nichte vermachte.

„Ich war selbst erstaunt“, fuhr Judith in ihrer ruhigen Art fort und lächelte ihre Zuhörerinnen an. „Ich bin keine Schönheit und glänze auch sonst nicht in Gesellschaft. Es fällt mir schwer, mit Leuten zu plaudern, die ich nicht kenne, und mein Humor …“ Sie verzog das Gesicht zu einer hilflosen Grimasse.

„Liebste Judith, du unterschätzt dich“, rief Elizabeth voller Wärme aus. „Wie oft haben wir uns gekrümmt vor Lachen, wenn du eine deiner Geschichten erzähltest!“

„Weil ich euch gut kenne und mich in eurer Gegenwart wohlfühle. Eure Familie war immer so gut zu mir … Die Dowager Countess fehlt mir entsetzlich.“

„Sie war auch sehr von dir eingenommen“, gab Elizabeth zurück. „Was hätte sie wohl gesagt, wenn sie von deiner Entscheidung erfahren hätte?“

„Sie wollte immer, dass ich heirate“, sagte Judith ruhig. „Es machte sie so glücklich, als ihre Söhne dich und Prudence zur Frau wählten. Und sie hoffte, dass ich das gleiche Glück erleben würde.“

„Das ist etwas ganz anderes!“, sagte Elizabeth fest. „Willst du mir etwa sagen, Judith, dass du ein Tendre für diesen Mann hast?“

Judith errötete. „Nicht jede Frau kann hoffen, so glücklich zu sein wie ihr und den Menschen zu finden, für den sie ihr Leben geben würde.“

„Dann warte noch!“ Elizabeth konnte ihre Verzweiflung nicht verbergen. „Du bist jung. Es muss doch ein Dutzend Männer geben, die passender wären als Truscott.“

„Ich bin fünfundzwanzig, und ich hatte mehrere Saisons. Wie viele Männer haben um mich angehalten? Nein, gib dir nicht die Mühe zu antworten. Du weißt, dass ich nie ein Erfolg war.“

„Nur weil du so still bist! Du gibst niemandem die Chance, dich kennenzulernen. Ach, wir alle lieben dich von Herzen, Judith. Einmal hatten wir gehofft, du und Dan …“

„Elizabeth, das reicht jetzt!“ Bei der Erwähnung ihres Adoptivsohns hielt Prudence es für klüger, Elizabeths unbedachten Bemerkungen ein Ende zu setzen.

Vor sechs Jahren hatte sie auch gehofft, dass Judith und Dan zueinanderfinden würden. Sie hatte erfreut die wachsende Freundschaft zwischen den beiden beobachtet, die so ganz anders als ihre eigene feurige Beziehung zu Sebastian oder Eli­zabeths und Perrys stürmische Werbung war.

Judith und Dan saßen stundenlang zusammen und wechselten oft nur wenige Worte, waren aber offensichtlich zufrieden in der Gesellschaft des anderen. Dan zeichnete seine Verbesserungsvorschläge für die Kriegsschiffe der britischen Flotte, und Judith brachte ihre Gedanken aufs Papier.

Nur unter Freunden konnte sie dazu überredet werden, diese Worte laut vorzulesen, aber es lohnte sich jedes Mal, darauf zu warten. Ihre scharfsinnigen kleinen Skizzen menschlicher Schwächen brachten ihre Zuhörerschaft dazu, Tränen zu lachen.

Als Judith jetzt Dans Namen hörte, wandte sie betroffen das Gesicht ab. Doch gleich darauf hatte sie sich gefangen. „Wie geht es Dan?“, fragte sie mit ruhiger Stimme. Ihre Freunde durften nicht wissen, wie bitter sie bereute, vor sechs Jahren den Mann, den sie liebte, abgewiesen zu haben.

„Er ist endlich heimgekehrt“, sagte Elizabeth. „Er hat sich natürlich verändert. Jetzt ist er so hochgewachsen und kräftig, dass er wie ein Mann von Welt aussieht. Aber im Grunde ist er noch der gleiche alte Dan.“

Judith spürte einen Anflug von Panik. Eine Begegnung mit Dan wäre eine unerträgliche Qual. Sie stand auf, um sich zu verabschieden.

„Bitte, bleib!“, bettelte Elizabeth. „Die Männer werden bald kommen. Perry und Sebastian wären traurig, dich verpasst zu haben, und du hast Dan seit Jahren nicht gesehen.“

„Judith hat vielleicht andere Verpflichtungen, Elizabeth“, warf Prudence ein. Sie wusste sehr wohl, was vor sechs Jahren geschehen war. Hatte sie nicht monatelang einem untröstlichen Dan ihr mitfühlendes Ohr geliehen? Sie hatte versucht, ihn durch unzählige Zerstreuungen abzulenken, aber nichts hatte ihm Trost gebracht. Schließlich hatte Sebastian eine Lösung vorgeschlagen, und bald darauf hatte sich Dan einer Expedition zu den Antipoden-Inseln als Kartograf angeschlossen.

„Meine Lieben, ihr braucht euch keine Sorgen um mich zu machen. Ich werde mein eigenes Heim haben und hoffentlich eine Familie. Das muss genügen.“ Ihr Lächeln zitterte kaum merklich.

Elizabeth umarmte sie impulsiv. „Versprich nur eins!“, sagte sie. „Setz noch keinen Termin fest. Lass dir noch ein wenig Zeit zum Nachdenken.“

„Ich habe nachgedacht“, erwiderte Judith. „Wir werden in vier Wochen heiraten.“

„Oh nein!“ Was immer Elizabeth diesem ungehörigen Ausruf hatte hinzufügen wollen, wurde verhindert, da in diesem Augenblick die Tür zum Salon geöffnet wurde und drei Gent­lemen den Raum betraten.

Es war offensichtlich, dass zwei von ihnen Brüder waren. Die Familienähnlichkeit zwischen Lord Sebastian Wentworth und dem jüngeren Peregrine war sehr stark. Beide Männer waren hochgewachsen und kräftig gebaut, doch Peregrine überragte seinen Bruder noch um einige Zentimeter. Sie besaßen die gleichen dunklen Augen und markanten Gesichter und das gleiche gebieterische Auftreten. Ein gewisser unbeugsamer Zug um ihren Mund ermutigte wenig dazu, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

In diesem Moment jedoch lächelten beide Männer, während sie ihren Begleiter zu Judith führten.

„Hier ist ein alter Freund, der dich begrüßen will“, verkündete Peregrine. „Er ist so gewachsen, dass es mich nicht wundern würde, wenn du ihn gar nicht erkennst.“

Judith war gezwungen, ihm zitternd die Hand zu reichen, aber sie konnte Dans Blick nicht standhalten. Dann beugte er den vertrauten Kopf mit den rotblonden Locken über ihre Fingerspitzen. Die Geste war genau so, wie sie die Höflichkeit vorschrieb, aber bereits die leichte Berührung genügte, um Judith bis ins Innerste erbeben zu lassen.

Sie entzog ihm ihre Hand, als ob sie gestochen worden wäre, aber Dan schien ihre seltsame Reaktion nicht zu bemerken.

„Ich hoffe, Sie befinden sich wohl, Miss Aveton“, sagte er kühl.

Elizabeth sah ihn verblüfft an. „Gütiger Himmel, Dan, was soll das? Das ist doch unsere liebe Judith! Erinnerst du dich nicht?“

„Ich erinnere mich sehr wohl.“ Er legte keine besondere Betonung auf seine Worte, aber Judith begriff, was er sagen wollte. Die Wunde war zu tief gegangen. Er würde ihr keine Gelegenheit geben, ihm etwas zu erklären, und vielleicht war es auch besser, es gar nicht erst zu versuchen. Sie mussten jeder seiner Wege gehen, wenn auch der Gedanke an ihre Zukunft Judith mit Verzweiflung erfüllte.

Später konnte sie sich nicht erinnern, wie sie den Salon verlassen hatte und in ihre Kutsche gestiegen war. In ihrem Kopf drehte sich alles, und sie brachte es nur mit größter Anstrengung fertig, sich zu verabschieden, ohne sich ihre Verwirrung anmerken zu lassen.

Als die Tür sich hinter ihr schloss, sah Peregrine seine Frau an.

„Nun, meine Liebe, solltest du uns nicht besser alles sagen? Ich kenne doch diesen gewissen Ausdruck. Etwas ist geschehen, das dich bekümmert.“

„Judith wird heiraten“, sagte Elizabeth bedrückt.

Sebastian lächelte. „Aber das ist doch sicher eher ein Grund zur Freude, oder?“

„Nein!“, rief Elizabeth. „Oh Perry, du wirst es nicht glauben! Sie wird diesen fürchterlichen Reverend Truscott heiraten!“

„Mein Liebling, ich hoffe, du hast ihr deine Ansicht nicht mitgeteilt. Es ist ihre Entscheidung, und somit kaum deine Angelegenheit.“

„Es ist sehr wohl meine Angelegenheit. Ich kann es nicht ertragen, mit anzusehen, wie sie sich an diese Schlange wegwirft!“

„Das sind harte Worte, Elizabeth.“ Sebastians Lächeln verschwand. „Der Mann ist ein Geistlicher. Warum hast du so eine Abneigung gegen ihn?“

Elizabeth warf ihrem Mann einen Blick zu und wusste, dass Vorsicht geboten war. Peregrine geriet ebenso leicht außer sich wie sie selbst. Elizabeth durfte die lüsternen Blicke nicht erwähnen, mit denen der Priester sie maß, wenn er sie begrüßte, und ebenso wenig das zweifelhafte Angebot, ihr seinen Beistand zu geben, wenn sie beide allein waren, oder die Tatsache, dass Reverend Truscott ihre Hand jedes Mal länger hielt, als es der Anstand erlaubte.

„Ich weiß auch nicht“, sagte sie. „Ich traue ihm nicht. Er hat etwas Zwielichtiges.“

„Es muss deine Einbildung sein, Liebste.“ Peregrine nahm Elizabeths Hand.

Sebastian sah Prudence an. „Du bist so still, mein Liebling. Hast du keine Meinung zu diesem Thema?“

„Judiths Ankündigung war ein ziemlicher Schock für uns“, sagte sie leichthin. „Wir wussten nicht, dass Truscott sie im Auge gehabt hatte, oder Judith ihn. Er hatte nicht die geringsten Anzeichen einer Zuneigung zu ihr zu erkennen gegeben.“

„Bis sie geerbt hat“, warf Elizabeth grimmig ein.

„Mein Liebling, das ist nicht fair“, protestierte Peregrine. „Wir alle lieben Judith wegen ihrer ganz besonderen Eigenschaften. Ich verstehe nicht, wieso sie nicht schon längst geheiratet hat.“

An diesem Punkt entschuldigte Dan sich, indem er von einer Verabredung sprach, die er ganz vergessen hatte. Er war so blass geworden, dass seine Sommersprossen sich deutlich von seiner hellen Haut abhoben, und ein seltsam verlorener Ausdruck lag in seinen Augen.

„Alle sind heute so komisch“, beschwerte sich Elizabeth. „Dan kennt Judith doch. Ich hätte gedacht, dass er mehr über den Mann erfahren wollte, den sie heiraten wird. Oh, Prudence, jetzt, da er wieder da ist, meinst du, dass sie ihre Absicht ändern wird?“

„Das bezweifle ich. Sie schien mir sehr entschlossen zu sein.“

„Ich gehe jede Wette ein, dass ihre fürchterliche Stiefmutter hinter alldem steckt. Diese Frau hätte bei der Geburt ertränkt werden sollen!“

Prudence musste ihr insgeheim zustimmen. Sie wusste, dass es Mrs Avetons heftiger Widerstand gegen Dans Werbung gewesen war, der den beiden Verliebten damals so viel Unglück gebracht hatte. Dan Ashburn war in ihren Augen nichts als ein junger Habenichts gewesen, der einem schmutzigen Slum im industriellen Norden Englands entstammte. Und ihre giftige Zunge hatte ihr böses Werk getan. Dan war daraufhin von den meisten Angehörigen des ton geschnitten worden. Viele sogenannte Freunde wiesen ihm kühl die Tür, und Prudence hatte verblüfft erkennen müssen, dass er in den Einladungen, die sie täglich erreichten, nicht mehr eingeschlossen wurde.

Sie hatte den Grund dafür herausgefunden und daraufhin Mrs Aveton zur Rede gestellt. Es war ein unerfreuliches Gespräch geworden, bei dem Judiths Stiefmutter ihre Unschuld beteuert und Prudence in solch eine Wut geraten war, dass Mrs Aveton sich gezwungen sah, ihre verleumderischen Bemerkungen zurückzunehmen.

Doch da war der Schaden schon geschehen, und Judith hatte es nicht mehr ertragen. Obwohl es ihr das Herz brach, es zu tun, hatte sie Dan fortgeschickt, damit er nicht mehr unter der Boshaftigkeit ihrer Stiefmutter zu leiden hatte.

Dan kämpfte mit allem, was in seiner Macht lag, gegen ihre Entscheidung an, aber Judith blieb fest. Seine Ehre und sein guter Name standen auf dem Spiel, und Judith traute Mrs Avetons Versprechen nicht, ihre Angriffe zu unterlassen. Die Intrigen ihrer Stiefmutter mochten vielleicht subtiler werden, aber sie würden niemals aufhören.

Als Judith jetzt ins Haus zurückkehrte, das sie mit ihren beiden Halbschwestern und deren Mutter teilte, bedauerte sie, heute in der Mount Street vorgesprochen zu haben. Prudence und Elizabeth waren über ihre Verlobung schockiert gewesen, aber wie hätte sie ihnen ihre Gründe erklären können?

Seit der Neuigkeit von ihrer Erbschaft war das Leben mit ihrer Familie unerträglich geworden. Mrs Aveton und ihre Töchter machten sie unablässig zur Zielscheibe ihrer missgünstigen Attacken, aber sie konnte nichts dagegen tun. Einer Dame ihres Alters war es nicht gestattet, einen eigenen Haushalt zu führen, selbst wenn sie die Mittel dazu besaß.

Und dennoch hatte sie den Antrag des Reverend nicht nur deshalb angenommen. Seine Freundlichkeit ihr gegenüber und die Art, wie er gegen ihre Stiefmutter für Judith Partei ergriff, hatten sie gerührt. Mrs Aveton schien sogar ein wenig Angst vor ihm zu haben. Und wirklich bot der Priester mit seiner hochgewachsenen, hageren Gestalt einen einschüchternden Anblick. Immer in Schwarz gekleidet, blitzten seine tief liegenden Augen wie die eines Fanatikers auf, wenn er seine Ermahnungen gegen die Sünde mit Donnerstimme von der Kanzel herunterschallen ließ.

Zu Judiths Überraschung hatte Mrs Aveton seine Werbung kurzerhand akzeptiert. Wahrscheinlich begrüßte sie die Gelegenheit, das Mädchen loszuwerden, das ihr schon immer ein Dorn im Auge gewesen war.

Judith durchquerte die Halle, um ihr schützendes Zimmer aufzusuchen. Dans Anblick hatte sie an ihren überwunden geglaubten Kummer erinnert. Der Schmerz in ihrem Herzen war wieder genauso heftig wie vor sechs Jahren.

Ein Lakai hielt sie auf, bevor sie die Treppe erreichte. „Madam wünscht, Sie zu sehen, Miss.“

Judith ging in den Salon, wo Mrs Aveton an ihrem Sekretär saß.

„Da bist du ja endlich!“ Es klang kein Willkommen in ihrer Stimme mit. „Selbstsüchtig wie immer! Ist dir nicht der Gedanke gekommen, mir bei diesen Einladungen zu helfen?“

„Es tut mir leid, Ma’am. Wenn Sie es erwähnt hätten, wäre ich zu Hause geblieben.“ Judith sah erstaunt den großen Stapel von Karten an. „So viele? Ich glaubte, wir hätten uns auf eine ruhige Hochzeit geeinigt.“

„Unsinn! Reverend Truscott ist ein Mann von Bedeutung. Seine Hochzeit kann nicht als nebensächliche Angelegenheit abgehandelt werden. Sie muss in seiner eigenen Kirche stattfinden, und er sagt, ihr werdet vom Bischof selbst getraut werden.“

„Er ist heute vorbeigekommen?“

„Jawohl, und er war nicht erfreut, dich nicht vorzufinden. Man sollte glauben, dass du auf ihn warten würdest. Was für ein unverständliches Gebaren du doch an dir hast! Du zeigst nicht das geringste Interesse an dem Empfang, dem Menü, den Musikanten oder auch nur an deiner Aussteuer.“

„Ich werde nur sehr wenig brauchen“, sagte Judith ruhig. „Ma’am, wer soll für all das zahlen? Ich möchte Ihnen nicht solche Kosten verursachen.“

Eine hässliche Röte überzog Mrs Avetons Wangen. „Die Kosten tragen selbstverständlich die Braut und ihre Familie. Wenn du verheiratet bist, wird dein Gatte dein Vermögen kontrollieren. Die Gläubiger werden bis dahin warten.“

„Ich verstehe.“ Judith wurde klar, dass sie in die eigene Börse würde greifen müssen. „Soll ich die Einladungen für Sie zu Ende schreiben?“

„Du kannst weitermachen. Herrje, es gibt so viel zu tun. Meine Mädchen sind zumindest mit ihren Roben zufrieden.“

Judith erwiderte nichts, während sie sich die Namensliste ansah. Ein überraschter Ausruf entfuhr ihr.

„Was ist denn nun?“, fragte ihre Stiefmutter ungeduldig.

„Die Wentworths, Ma’am? Lady Sebastian Wentworth ist guter Hoffnung. Sie wird nicht kommen können.“

„Das ist mir bekannt. Aber es braucht uns nicht davon abzuhalten, ihr eine Einladung zu schicken. Ich verabscheue die Frau und ihre hochnäsige Schwägerin, aber wir dürfen Lord Wentworth und seiner Familie nicht unsere Aufmerksamkeit vorenthalten. Immerhin sind es die Brüder des Earl of Brandon, den ich natürlich zusammen mit der Countess als Erste auf die Liste gesetzt habe. Meine liebe Amelia wird sicherlich annehmen.“ Und mit dieser Ankündigung rauschte sie aus dem Zimmer.

Als Judith die Treppe hinaufging, erlaubte sie sich ein freudloses Lächeln. Sie wusste, dass Amelia, Countess of Brandon, wütend wäre, wenn sie wüsste, mit welcher Vertrautheit man ihren Namen im Mund führte. Sie duldete Mrs Aveton nur, weil sie deren wohlbekannten Hang zum Klatschen teilte.

Judith seufzte. Sie mochte den Earl of Brandon. Als Haupt der Wentworth-Familie und wichtiges Mitglied der Regierung, kannte sie ihn nur flüchtig, aber er war ihr immer mit Höflichkeit und Freundlichkeit begegnet. Seine Gattin war ein Kreuz, das er mit Haltung zu tragen wusste.

Judith entledigte sich ihres Mantels und des Häubchens und kehrte in den Salon zurück. Dort saß sie eine Weile in Gedanken versunken und vergaß ganz den Stapel von Einladungen. Ihr Leben hätte so ganz anders sein können, wenn man ihr und Dan erlaubt hätte zu heiraten. Doch jetzt war es zu spät.

„Gütiger Himmel, Judith! Du bist überhaupt nicht weitergekommen.“

Die Tür wurde geöffnet, und Mrs Aveton mit dem Reverend Charles Truscott an ihrer Seite traten ein.

„Aber, Ma’am, Sie sollten meine kleine Braut nicht so schelten. Wenn ich ihr vergebe, bin ich sicher, dass Sie es auch können.“ Der Priester legte die Hand gütig auf Judiths Haupt, als wollte er sie segnen. Judith konnte sich nur mit Mühe beherrschen, um nicht vor ihm zurückzuweichen. Sie erhob sich und wandte sich ihm zu, aber sie konnte sich zu keinem Lächeln aufraffen.

„So ernst, meine Liebe? Nun, das war zu erwarten. Die Ehe ist ein entscheidender Schritt, doch der Herrgott hat sie uns gegeben, damit wir uns vermehren mögen.“

Judith hatte den seltsamen Eindruck, dass er sich fast die Lippen leckte. Sie wurde von einem plötzlichen Gefühl des Ekels erfasst. Wie konnte sie zulassen, dass er sie berührte? Schon beim Gedanken daran bekam sie eine Gänsehaut. Sekundenlang war sie versucht herauszuschreien, dass sie einen großen Fehler gemacht und ihre Meinung geändert habe und nicht länger wünschte, den Reverend zu ehelichen, aber er und Mrs Aveton waren bereits weitergegangen und standen ins Gespräch vertieft am Fenster. Judith konnte nicht hören, was sie sprachen.

„Die Abmachung gilt?“, fragte Mrs Aveton leise.

„Ich gab Ihnen mein Wort, werte Dame. Sobald das Geld in meinen Händen ist, werden Sie Ihren Anteil erhalten.“ Der Prediger blickte zu seiner zukünftigen Braut hinüber. „Ich werde meinen wohl verdient haben, denke ich. Ihre Stieftochter ist ein merkwürdiges Geschöpf. Ich weiß nie, was hinter ihrer hübschen Stirn vorgeht.“

„Das braucht Sie nicht zu kümmern, Sir. Machen Sie ihr genügend Kinder, damit sie beschäftigt ist, aber unterdrücken Sie ihre radikalen Ideen so erbarmungslos Sie können. Sie liest gern, und sie schreibt sogar, soviel ich weiß.“

„Beides sehr unpassende Beschäftigungen für eine Frau, aber ich werde sie lehren, diesen Unsinn zu vergessen.“

Reverend Truscott betrachtete Judith abschätzend. Es gab sehr vieles, was er ihr beibringen würde. Judith war keine Schönheit. Das braune Haar, die ernsten grauen Augen und die zarte Farbe ihrer Haut waren nicht nach seinem Geschmack, aber ihre Figur war aufsehenerregend. Sie war hochgewachsen und schlank. Er schätzte, dass er ihre Taille mit seinen Händen umspannen könnte, aber die Rundungen ihrer Hüften und ihres vollen Busens versprachen ungeahnte Wonnen.

Seine Augen blitzten bei dem Gedanken gierig auf, aber die Aussicht, ihr Vermögen unter seine Kontrolle zu bekommen, verschaffte ihm sogar noch größeren Genuss. Er unterdrückte den lüsternen Ausdruck auf seinem Gesicht und sah sich die Gästeliste an. Es fiel ihm sofort auf, dass die Namen der Wentworths noch nicht abgehakt waren.

„Mein liebes Kind, Sie dürfen nicht vergessen, Ihre Freunde einzuladen“, schalt er sie sanft. „Ich weiß, wie viel sie Ihnen bedeuten, und ich möchte sie besser kennenlernen.“

„Ich könnte gut ohne die Damen der Familie auskommen“, stieß Mrs Aveton hervor. „Lady Wentworth bringt ihre Meinung sehr frei zum Ausdruck, und was ihre Schwägerin angeht … da fehlen mir die Worte!“

„Ein wenig … sagen wir, lebhaft? Das ist das Privileg der Hochgeborenen. Aber wir müssen mit Barmherzigkeit von unseren Mitmenschen sprechen. Und Sie stehen mit der Countess of Brandon auf freundschaftlichem Fuß, nicht wahr?“

„Sie hält auch nicht mehr von ihnen als ich.“

Judith schaffte es nicht, ihre Belustigung zu verbergen. Diese Abneigung beruhte durchaus auf Gegenseitigkeit.

„So etwas, wir haben unsere liebe Judith endlich zum Lächeln gebracht! Glauben Sie mir, meine Liebe, Ihre Freunde werden stets in unserem Heim willkommen sein.“

Judith warf ihm einen dankbaren Blick zu. Vielleicht würde er doch nett sein. Es war ein Glück für ihn, dass sie nicht seine Gedanken lesen konnte. Reverend Truscott erkannte einen Feind, wenn er ihn sah, und Lady Sebastian Wentworth hatte ihn über ihre Meinung nicht im Unklaren gelassen.

Er hatte den Abscheu in ihren Augen erkannt, während sie ihn dabei beobachtete, wie er um die Frauen herumscharwenzelte und den Männern schmeichelte. Sie hatte ihn einmal dabei überrascht, wie er eine junge Frau seiner Gemeinde in der Sakristei in die Ecke gedrängt hatte. An jenem Tag war er zu weit gegangen, und das Mädchen war ganz aufgelöst gewesen.

Ihre Ladyschaft hatte nichts gesagt, aber ihr empörter Blick hatte genügt, um ihn davoneilen zu lassen, während das Mädchen, so gut es konnte, sein Mieder wieder in Ordnung brachte.

Lady Peregrine Wentworth war da schon eine ganz andere Sache. Sie war eine wahre Schönheit, und er hatte das Feuer unter dieser madonnenhaften Erscheinung gespürt. Sie hasste und verabscheute ihn, das war ihm klar geworden. Der Ausdruck ihrer riesigen dunklen Augen konnte nicht missverstanden werden. Aber er hatte Frauen wie sie schon oft mit seinem Gerede über Erlösung und Liebe erobert. Es würde ihm ein großes Vergnügen sein, sie der Liste seiner Opfer hinzuzufügen.

Er sah auf, erhaschte einen Blick von sich im Spiegel und empfand die übliche Zufriedenheit. Sein Aussehen war das Einzige, für das er seiner Mutter, einer Schauspielerin, und seinem unbekannten Vater dankbar war. Wurde er zu hager? Das glaubte er eigentlich nicht. Seine hochgewachsene, dünne Gestalt und der dunkelhaarige Kopf mit den tief liegenden Augen und dem schmalen Kiefer waren sehr beeindruckend. Dieses Strenge, Beängstigende an ihm kam ihm sehr gelegen in seinem selbst erwählten Beruf. Wer konnte ihm widerstehen, wenn er voller Leidenschaft von der Kanzel predigte?

Er spürte, dass Judith ihn beobachtete.

„Vergeben Sie mir, meine Liebe“, sagte er gelassen. „Ich hätte in diesem Zustand nicht zu Ihnen kommen dürfen. Doch die Pflichten bei meinen Gemeindemitgliedern haben mich den ganzen Tag außer Haus gehalten. Sie müssen mich entsetzlich ungepflegt finden, aber ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, Sie aufzusuchen.“

„Judith findet nichts dergleichen“, warf Mrs Aveton ein. „Es ist freundlich von Ihnen, noch einmal vorbeizuschauen, denn das dumme Kind war ja vorhin nicht hier, um Sie zu empfangen.“

„Vielleicht denkt sie, dass Abwesenheit die Sehnsucht erhöht“, sagte er lachend. Mit vielen Beteuerungen seiner Ergebenheit verabschiedete er sich von ihnen.

Am nächsten Tag beschwerte sich ihre Stiefmutter über Judiths Mangel an Interesse, als ihr einige Morgenkleider zur Prüfung vorgelegt wurden.

„Ist es dir denn völlig gleichgültig, was du trägst?“, rief sie mit scharfer Stimme. „Nichts kann dich zu einer Schönheit machen, aber du schuldest es deinem Gatten, respektabel auszusehen. Ach, jetzt habe ich Kopfschmerzen dank deiner Dummheit. Den Rest deiner Kleidung kannst du dir allein besorgen. Ich habe keine Zeit, dich wieder zu begleiten.“

Judith atmete insgeheim erleichtert auf. Jede Ausrede, das Haus verlassen zu können, war ihr recht. Sie würde natürlich ihre Zofe mitnehmen müssen, aber Bessie war der einzige Mensch in diesem Haushalt, der ihre ruhige Herrin verstand.

Das war auch Mrs Aveton nicht entgangen, und sie hatte den Reverend bereits davon in Kenntnis gesetzt. Am folgenden Tag sprach sie Judith deswegen an.

„Du bist viel zu vertraut mit diesem Mädchen“, sagte sie. „Mach ihr am besten klar, dass sie sich nach deiner Heirat nach einer neuen Stellung umsehen muss. Dein Gatte wird es nicht dulden, dass du mit einem Dienstmädchen befreundet bist.“

„Ich hatte gehofft, sie mitnehmen zu können. Sie ist die Tochter der Haushälterin meines Vaters, und ich kenne sie schon mein ganzes Leben.“

„Dein Vater ist seit langer Zeit tot. Ich hätte sie schon längst entlassen sollen.“

Es schnürte Judith vor Entsetzen die Kehle zu, aber sie sagte nichts weiter. Ihr zukünftiger Gatte sah das Mädchen vielleicht mit freundlicherem Auge.

Mrs Aveton blickte aus dem Fenster. „Es sieht nach Regen aus. Ich werde die Kutsche heute Morgen selbst brauchen. Du kannst zu Fuß in die Bond Street gehen, um deine Einkäufe zu machen. Es gibt genügend Unterstände auf dem Weg.“

Judith war es egal, ob es in Strömen gießen würde. Sie konnte einen Regenguss als Ausrede benutzen, so lange wie möglich fortzubleiben. Bald machte sie sich auf den Weg und ging mit Bessie an ihrer Seite die Straße entlang.

„Miss Judith, es fängt schon an zu nieseln. Sie werden bis auf die Haut nass werden. Müssen Sie heute ausgehen?“

„Leider ja, Bessie. Hast du die Liste?“

„Sie ist in meiner Tasche, Miss, aber es regnet immer stärker. Wollen wir nicht in diesen Eingang schlüpfen?“

Der Wind wehte ihnen den Regen ins Gesicht, und beide Mädchen beeilten sich, sich unterzustellen. Judith bemerkte die Droschke erst, als sie neben ihnen hielt. Dann packte eine starke Hand sie am Ellbogen.

„Steig ein!“, sagte Dan. „Ich möchte mit dir reden.“

2. KAPITEL

Judith war zu überrascht, um etwas anderes zu tun, als ihm zu gehorchen. Erst als sie und Bessie ihm gegenüber in der Droschke saßen, erkannte sie, wie unvernünftig sie gehandelt hatte. Sie wollte schon protestieren, aber Dan lächelte Bessie an.

„Ich hoffe, es geht dir gut“, sagte er freundlich. „Bessie, nicht wahr? Erinnerst du dich an mich?“

„Sie haben sich nicht verändert, Mr Dan. Ich würde Sie überall erkennen.“

Er grinste. „Wer mich einmal sieht, vergisst mich nie. Es ist mein Karottenkopf, der mich verrät.“

„Dan, bitte! Es tut mir leid, aber wir haben heute Morgen so viel zu erledigen. Ich muss in die Bond Street. Bessie hat eine Liste …“

„Dann lass Bessie deine Besorgungen für dich erledigen.“

„Nein, das geht nicht! Ich meine, es geht wirklich nicht. Ich muss aussuchen, was …“

„Bessie, willst du uns diesen Gefallen tun? Ich muss mit deiner Herrin sprechen.“

„Nein! Bessie, ich verbiete dir …“

Bessie achtete nicht auf ihr Flehen. Sie strahlte Dan an. „Nichts würde ich lieber tun, Mr Dan.“

„Dann holen wir dich an der Ecke Piccadilly ab. Sagen wir, in zwei Stunden?“

„Dan, das geht nicht! Bitte, setz uns ab. Man wird uns vermissen, und ich bekomme Ärger …“

„Unsinn! Prudence sagt, Frauen brauchen Ewigkeiten für ihre Einkäufe. Außerdem kann ich nicht bis ans Ende meiner Tage vor deiner Haustür warten und hoffen, dich allein anzutreffen.“

„Wir hätten uns wieder in der Mount Street sehen können“, protestierte sie.

Dan sah sie forschend an. „Gestern hatte ich den Eindruck, dass du deine Freunde nicht so bald wieder besuchen würdest.“

Sie hatten die Bond Street erreicht, und er klopfte gegen das Dach der Droschke, damit der Fahrer anhielt. Bessie sprang hinab, aber als Judith ihr folgen wollte, versperrte Dan ihr den Weg.

„Hör mich an!“, bat er ernst. „Es ist wenig genug, worum ich dich bitte.“

Judith sank in die Polster zurück. „Es ist Wahnsinn“, sagte sie leise. „Du hättest das nicht tun dürfen.“

„Wahnsinn?“ Dan wurde noch ernster. „Und was ist mit dem Wahnsinn, den du planst? Was weißt du von dem Mann, den du zu ehelichen gedenkst?“

Judith wandte das Gesicht ab. „Er war freundlich zu mir, und er weiß sich gegen Mrs Aveton zu behaupten. In seiner Gegenwart ist sie nicht so grausam.“

„Und das genügt dir? Du hast dich nicht gefragt, warum die beiden so gut miteinander auskommen? Was für ein Paar! Der Mann ist ein Lügner und Schürzenjäger …“

„Hör auf!“ Judiths Nerven waren zum Zerreißen gespannt. „Du hast kein Recht, mir so etwas zu sagen.“

„Vor langer Zeit glaubte ich, das Recht zu haben, dir alles zu sagen, was ich auf dem Herzen hatte. Aber das ist Vergangenheit, ich weiß. Ich kann nicht leugnen, dass unsere Gefühle füreinander sich verändert haben, aber ich darf doch noch dein Freund sein, hoffe ich?“

„Haben Prudence und Elizabeth dich geschickt? Ich mag es nicht, wenn man meine Angelegenheiten hinter meinem Rücken bespricht.“

„Keiner hat mich geschickt. Ich bin aus eigenem Entschluss hier. Sie haben natürlich von dir gesprochen, aber …“

„Und offensichtlich auch von Mr Truscott. Sie sind beide voreingenommen gegen ihn, aber ich kann mir nicht vorstellen, warum.“

„Vielleicht kennen sie andere Eigenschaften seines Charakters. Du siehst ihn immer nur von seiner besten Seite, aber wie lange wird das so bleiben? Sobald du seine Frau bist, wirst du machtlos gegen ihn sein.“

„Dan, du stellst ihn wie eine Art Monstrum hin. Ich weiß, du meinst es gut, und ich bin dir dankbar …“

„Ich will deine Dankbarkeit nicht“, stieß er gereizt hervor. „Wie alle deine Freunde wünsche ich mir nur, dass du glücklich wirst.“

„Dann darfst du nichts mehr sagen. Du bist erst vor Kurzem nach England zurückgekehrt. Wie kannst du einen Mann beurteilen, von dem du nicht das Geringste weißt?“

„Ich vertraue Prudence und Elizabeth. Sie lieben dich sehr, Judith. Würden sie jemals eine glückliche Heirat zu verhindern suchen? Beide haben ein Herz aus Gold. Und sie wären ohne triftige Gründe nicht gegen diesen Mann eingenommen.“

„Ich habe meine Entscheidung getroffen.“ Ihr Gesicht war verschlossen.

Dan lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Du hast mir nicht gesagt, warum du Truscott zu heiraten gewillt bist. Er ist gerade groß in Mode, wie ich höre, aber ich weiß, dass das für dich kein Gewicht hat.“

„Wenigstens beleidigst du mich nicht, indem du das annimmst.“

„Also wegen seiner Freundlichkeit, und weil er dich vor deiner Stiefmutter beschützt. Das scheinen mir sehr schwache Beweggründe zu sein.“

Judith verlor die Beherrschung. „Du weißt nicht, wie mein Leben gewesen ist. Wie könntest du auch? Es war vorher schon schlimm genug, aber durch das Geld meines Onkels ist es zur wahren Hölle geworden. Hast du von meiner Erbschaft gehört?“

Dan nickte.

„Ich dachte, ich würde den Verstand verlieren“, sagte sie schlicht. „Eine Heirat schien der einzige Ausweg zu sein.“

Dan legte mitfühlend die Hand auf ihre, aber sie entriss sie ihm. „Ich will dein Mitleid nicht“, rief sie erstickt. „Das macht alles nur schlimmer …“

„Oh Judith, gab es denn keinen anderen? Jemanden, der dich glücklich machen könnte?“

Judith hätte ihn fast angeschrien. Natürlich gab es einen anderen. Warum sah er es denn nicht? Aber die Lage war heute anders. Vor sechs Jahren waren beide arm gewesen und hatten nicht hoffen können zu heiraten. Jetzt konnte sie ihm ihr Vermögen anbieten, aber das Geld schuf eine neue Barriere zwischen ihnen. Dan würde sie nicht nehmen, selbst wenn er sie noch liebte.

Aber das tat er nicht. Hatte er nicht eben gesagt, dass ihre Gefühle sich seit ihrer Trennung verändert hatten? Die Sorge, die er um sie an den Tag legte, war nur auf ihre frühere Freundschaft zurückzuführen. Und sicher hatten ihn Prudence und Elizabeth vorher dazu anstacheln müssen.

„Verschiebe wenigstens die Zeremonie“, drängte er sie. „Es würde uns Zeit geben, Nachforschungen anzustellen.“

Ihre Stimme klang kühl. „Schlägst du etwa vor, meinen Verlobten zu bespitzeln?“

„Judith, der Mann ist aus dem Nichts aufgetaucht. Ich kann niemanden finden, der irgendetwas über seinen Hintergrund oder seine Vorfahren weiß …“ Er unterbrach sich, als er ihre empörte Miene sah. „Vergib mir! Ich habe am wenigsten von allen das Recht, solche Dinge zu sagen. Ich werde selbst wegen meines Hintergrundes verhöhnt.“

Judith wurde wütend. „Ich hoffe, du schämst dich nicht plötzlich deswegen. Deine Mutter und dein Vater waren gute Leute vom Land, wie Prudence und Sebastian bald herausfanden.“ Zum ersten Mal schenkte sie ihm ein schwaches Lächeln. „Deine Fähigkeiten müssen von irgendwoher kommen.“

„Leider haben sie mir noch kein Glück gebracht, aber Judith, wir sprachen nicht von meinen Angelegenheiten …“

„Glaub mir, ich ziehe es vor, dass wir über meine kein weiteres Wort mehr verlieren. Dan, ist es nicht langsam Zeit, Bessie abzuholen?“

„Noch nicht. Willst du mir etwas versprechen?“

„Wenn ich kann.“

„Halte dich in den nächsten Wochen nicht von deinen Freunden fern. Komm in die Mount Street. Die Abwechslung wird dir guttun. Es wird sein wie in alten Zeiten.“

Ihre Lippen zitterten leicht. „Ich bin erschöpft“, sagte sie. „Ich kann nicht gegen Mrs Aveton ankämpfen und gleichzeitig gegen meine Freunde.“

„Dann werden sie nichts sagen, was dich betrübt. Ich verspreche es dir. Wirst du kommen?“

„Ich werde es versuchen.“ Sie bemühte sich, ihre Ruhe zurückzugewinnen. „Du hast mir nichts über dich erzählt. Hat diese Reise dir irgendwelche Vorteile gebracht?“

Dan war klug genug, den Themenwechsel zu akzeptieren.

„Ich habe viel über das Steuern eines Segelschiffs und anderer Schiffe gelernt, zum Beispiel auch von Auslegerbooten in der Südsee. Alle sind so konstruiert, dass sie gewisse Wind- und Wetterbedingungen zu ihrem Vorteil nutzen.“

„Und deine eigenen Entwürfe? Du warst doch ständig dabei, etwas zu erfinden.“

„Davon hat sich ein dicker Stapel angesammelt. Einige davon habe ich nach England geschickt, aber die Herren von der Königlichen Admiralität haben mir nicht geantwortet.“

„Könnte der Earl of Brandon deine Werke nicht erwähnen?“, schlug sie schüchtern vor. „Wenn Lord Wentworth ihn bäte …“

„Ich will keine Unterstützung. Meine Arbeit muss aus eigenem Verdienst erfolgreich werden oder gar nicht.“

„Du wirst es eines Tages schaffen“, ermutigte sie ihn. „Du hast noch Zeit.“

„Meinst du?“ Er verzog die Lippen. „Ich bin bereits sechsundzwanzig.“

„Ein sehr hohes Alter, da hast du recht.“ Sie zwinkerte ihm zu.

„Pitt war jünger, als er zum ersten Mal Parlamentsmitglied wurde.“

Judith sah ihn stirnrunzelnd an. „Ich wusste nicht, dass du den Ehrgeiz hattest, Politiker zu werden.“

Sie hatte gehofft, ihn aufzuheitern, und wurde mit einem Lächeln belohnt.

„Den habe ich nicht, und du weißt es ganz genau.“

Judith erwiderte sein Lächeln. „Was für eine Erleichterung! Ich zitterte schon um die Zukunft des Landes. Oh, da ist Bessie! Ich muss jetzt gehen.“

„Noch nicht!“, flehte er. Er versuchte, ihre Hand zu ergreifen, aber Judith schüttelte den Kopf. Mit einem Seufzer ließ er die Droschke anhalten.

Als Dan in die Mount Street zurückkam, musste er das Scheitern seiner Mission berichten.

„Nun, ich jedenfalls gebe nicht auf“, sagte Elizabeth sofort. „Wird Judith heute zu uns kommen?“

„Das bezweifle ich. Sie fürchtet, du könntest deinen Angriff wiederholen“, sagte Dan, sein Lächeln nahm seinen Worten jedoch die Strenge.

„Das werde ich auch tun.“

„Nein, das wirst du nicht, mein Liebling.“ Peregrine schenkte seiner Frau einen Blick voller Zuneigung. „Hier ist Zartgefühl vonnöten.“

„Perry, es bleibt uns nur so wenig Zeit“, erwiderte Elizabeth drängend. „Die Zeit vergeht schnell, und ehe wir uns versehen, steht Judiths Hochzeitstag vor der Tür.“

Sebastians Blick ruhte auf dem Gesicht seiner Frau, und als er sprach, wählte er seine Worte mit Bedacht. „Lasst uns vernünftig über die Sache sprechen. Wir haben keinen Beweis, dass Reverend Truscott ein anderer ist, als er vorgibt zu sein.“

„Wir könnten aber Beweise finden“, sagte Dan schnell.

Sebastian hob die Hand. „Hört mich an. Prudence und Eli­zabeth mögen ihn nicht und misstrauen ihm. Sie mögen recht haben, aber wenn sie sich irren, müsst ihr bedenken, dass Judiths Glück auf dem Spiel steht. Jede Einmischung von unserer Seite kann ernste Folgen haben.“

„Sebastian, wir wollen ihr nicht wehtun“, sagte Prudence.

„Das weiß ich, meine Liebe, aber Judith ist sehr unglücklich gewesen seit dem Tod ihres Vaters. Wir müssen darauf achten, ihre Lage nicht noch zu verschlimmern.“

„Das Schlimmste wäre, wenn sie diesen fürchterlichen Mann heiratete!“ Elizabeth gab nicht auf.

„Was können wir aber tun?“, rief Dan und fuhr sich mit der Hand durch das rote Haar. „Sie läuft vielleicht blindlings in ihr Unglück. Das werde ich nicht tatenlos mit ansehen. Vorher entführe ich sie.“

„Du wirst nichts dergleichen tun!“ Sebastians Stimme klang scharf. „Willst du sie in einen Skandal verwickeln? Ihr Leben wäre ruiniert. Lass mich nicht wieder solchen Unsinn hören.“

„Nicht nötig, Dan so anzufahren, alter Junge“, beruhigte sein Bruder ihn. „Was schlägst du vor?“

„Es kann nichts schaden, einige Erkundigungen einzuziehen. Ich werde sehen, was ich tun kann. Es dürften nicht mehr als ein, zwei Tage nötig sein.“

„Sei dir nicht zu sicher“, warnte Elizabeth. „Diese Schlange weiß ihre Spuren zu verwischen.“

„Doch selbst Schlangen können gefangen und unschädlich werden, meine Liebe.“ Mit diesen Worten von Sebastian mussten die anderen sich zufriedengeben.

Ohne es zu wissen, hatte Elizabeth die Wahrheit erraten. Aber die Vergangenheit, die der Priester mit größter Anstrengung verborgen gehalten hatte, drohte in diesem Moment der Welt enthüllt zu werden.

Truscott war an diesem Morgen in seiner Kirche von einem schmutzigen Straßenkind angesprochen worden.

„Raus!“ Er beäugte die Lumpengestalt voller Ekel. Das Kind sah wenig besser als eine Vogelscheuche aus. „Hier gibt es keine Almosen.“

„Will ja auch keine, Mister. Hab schon meine Knete gekriegt. Aber ich soll Ihn’ das hier geb’n.“ Der Junge hielt ihm ein speckiges Stück Papier hin, aber sein Blick zeigte, dass er auf der Hut war. Er hielt wohlweislich Abstand, als ob er jeden Moment einen Schlag erwartete.

„Was steht darauf?“

„Weiß nich’. Ich sollt’ Sie nur hol’n gehn.“

Ein diskretes Hüsteln zog die Aufmerksamkeit des Priesters auf eine kleine Gruppe von Damen, die über das Mittelschiff auf ihn zukamen.

„Mein lieber Sir, ruhen Sie denn niemals aus?“, fragte eine der Damen. „Wir hatten gehofft, dass Sie heute Ihren Tee mit uns einnehmen. Wir sammeln die Mittel für das Waisenhaus.“

„Gott segne Sie! Traurigerweise befindet dieser kleine Bursche sich in Schwierigkeiten.“ Reverend Truscott erwog einen Moment, eine Hand auf das fettige Haar des Betteljungen zu legen, überlegte es sich aber doch anders.

„Sie ham den Zettel nich’ geles’n“, sagte das Kind anklagend.

„Mein kleiner Mann, du hast mir nicht die Zeit dazu gelassen.“ Mit dem Blick der Damen auf sich, war er gezwungen, das Papier zu entfalten. Zum Teufel mit dem Kind! Wenn sie allein gewesen wären, hätte er ihn entsprechend für seine Unverschämtheit belohnt.

Die Worte waren falsch buchstabiert und mit unsicherer Hand geschrieben, aber die Nachricht war nur allzu deutlich. Als ihre ganze fürchterliche Bedeutung dem Reverend bewusst wurde, verlor sein Gesicht alle Farbe. Er schwankte leicht und blieb nur aufrecht, indem er sich an dem Rücken der nächststehenden Kirchenbank festhielt.

„Schlechte Nachrichten? Mr Truscott, Sie müssen sich setzen. Lassen Sie uns Ihnen ein Glas Wasser holen.“

Er hätte die Sprechende schlagen können. Was er im Augenblick brauchte, war ein Glas starken Weinbrands. Wenn diese lächerlichen alten Hühner doch endlich gehen würden! Er hob eine Hand und bedeckte die Augen.

„Danke, aber bitte bemühen Sie sich nicht“, flüsterte er. „Es ist nur ein Augenblick der Schwäche.“

„Es ist Erschöpfung, Sir. Sie arbeiten zu viel. Dieses Kind darf Sie nicht länger behelligen.“ Sie versuchte, den Jungen fortzuscheuchen. „Ihre zukünftige Braut wird Sie schelten.“

„Lassen Sie ihn! Der Herr wird mir beistehen. Ich werde das Kind begleiten. Ich fürchte, zu einem Sterbebett.“

Wenn das nur die Wahrheit wäre, dachte er grimmig. So viele seiner Probleme würden sich mit einem Schlag lösen. Mit einem tapferen Lächeln führte er die Damen zur Kirche hinaus. Dann ging er zurück in die Sakristei, um einen weiten Umhang zu holen, und zog sich einen breitkrempigen Hut tief in die Stirn.

Das Kind ließ ihn nicht einen Moment aus den Augen. In seinem Blick war bereits die Verschlagenheit zu sehen, eine ganz bestimmte wachsame Art von Intelligenz, die Truscott wohl kannte und die man beim Überleben auf der Straße erwarb.

Er hatte kein Mitgefühl mit dem Jungen. Der Starke überlebte, und der Schwache ging unter. Er selbst hatte Glück gehabt. Nein, das stimmte nicht. Glück hatte in seinem Fall keine Rolle gespielt. Es war eher seine Rücksichtslosigkeit, die ihm geholfen hatte, die Leiter des Erfolgs zu erklimmen.

Und sollte er jetzt alles verlieren? Die Worte der Nachricht brannten in seinem Hirn.

Mein Freund hatt deine Anzaige inner Zaitung geläsn, Charlie. Wird Zeit, deine Muter kricht was ab. Der Jung wird dich zu mir holn. Du komst besser mit sonst tuts dir noch laid.

Es war nicht unterzeichnet, aber das war auch nicht nötig. Der Brief war echt. Nur seine Mutter hatte ihn je Charlie genannt.

„Ist es weit?“, fuhr er den Jungen an.

„Nee. Ich geh den Wech immer, ob’s regnet oder nich’.“ Das Kind betrachtete ihn kritisch. „Versteck’n Sie lieber die Uhr da und die Kette.“

Der Priester sagte nichts. Er ging nie hinaus ohne sein Messer, eine lange, schmale Klinge von bemerkenswerter Schärfe. Als Kind schon hatte er gelernt, auf sich aufzupassen. Er verzog die Lippen zu einem unangenehmen Lächeln. Er war jedem Rüpel mehr als nur gewachsen.

Heiße Wut drohte ihm die Kehle zuzuschnüren. Unglaubliches Pech hatte seine Pläne aufgedeckt. Die Gazette, in der seine Verlobungsanzeige veröffentlicht worden war, hatte nur unter den unwahrscheinlichsten Umständen in die Hände seiner Mutter gelangen können. Und auch in jenem Fall konnte sie nicht lesen. Er hatte sich sicher gefühlt. Doch ein grausamer Streich des Schicksals hatte ihr jemanden an die Hand gegeben, der klüger war als sie.

Er sah sich um und war nicht überrascht zu sehen, dass er in die Gegend von St. Giles geführt wurde. Er kannte jenen Ort gut, aber er hatte nicht geglaubt, dass er ihn jemals wieder betreten würde. Zu sehr in Gedanken mit der kaum verhüllten Drohung beschäftigt, die in der Nachricht enthalten war, bemerkte er nicht, dass er verfolgt wurde. Doch trotz allem zog er seinen Umhang enger um sich und verbarg das Kinn tief in den Falten des Kragens. Dann sah er sich noch einmal kurz um, bevor er das Labyrinth der kleinen berüchtigten Gässchen betrat, die ganz London als „Rookery“ kannte.

Hinter ihm machte Dan sich bereit, ihm zu folgen, aber der Weg wurde ihm von einem vierschrötigen Mann versperrt, der einen Schlapphut und eine grobe Joppe trug.

„Nicht da hinein, Sir. Sie würden nicht lebendig wieder herauskommen.“

Dan starrte den Mann an. Es war ein wenig einnehmender Mensch mit gebrochener Nase und übel zugerichteten Ohren, die seine frühere Karriere als Boxer verrieten. Als er jetzt auch noch lächelte, bestätigte die große Zahnlücke Dans Vermutung.

„Aus dem Weg, Mann!“, rief Dan ungeduldig. Die Gestalt des Reverend war bereits außer Sicht.

„Na, na, Sir, Sie wollen doch nicht, dass ich Ihnen eine verpasse. Was ich aber tun muss, wenn Sie die Absicht haben, unvernünftig zu sein. Ich habe meine Order von Seiner Lordschaft …“

„Wer sind Sie?“

„Ein Beamter der Ordnung, Sir.“

„Sie meinen, Sie sind ein Bow Street Runner?“

Der Mann verdrehte die Augen gen Himmel und zerrte Dan in eine Toröffnung. „Nicht so laut!“, bat er. „Man wird mir wegen Ihnen noch die Kehle aufschlitzen.“

„Ich gehe mit Ihnen.“

„Nein, junger Mann. Sie werden mich nur aufhalten. Das hier ist kein Ort für Sie. Nun seien Sie ein guter Gentleman und überlassen mir alles.“ Sein Ton war respektvoll, aber sehr fest.

Dan dachte einen Augenblick daran, sich an ihm vorbeizuschieben, aber der Runner war auf der Hut. „Wir verlieren Zeit“, sagte er bedeutungsvoll.

„Dann warte ich auf Sie.“

„Am besten gehen Sie zurück in die Mount Street, Sir. Das hier kann noch eine ganze Weile dauern.“ Er drehte sich schnell um und verschwand in einer Gasse.

Enttäuscht und verwirrt ging Dan den Weg zurück, den er gekommen war. Zum Teufel mit Sebastian! Warum musste er ihm immer einen Schritt voraus sein? Dann nahm er Vernunft an. Wenigstens hatte Seine Lordschaft keine Zeit verloren, die nötigen Nachforschungen anzustrengen. Der Runner schien recht kompetent zu sein. Sein raues Aussehen würde in dieser Nachbarschaft kein Misstrauen erwecken.

Dan war unbewaffnet, da ihm nicht in den Sinn gekommen war, er könnte eine Waffe brauchen. Jetzt, im Nachhi­nein, wurde ihm klar, dass der Runner recht gehabt hatte, ihn aufzuhalten.

In der Zwischenzeit war Reverend Truscott in der Höhle des Löwen angekommen. Als Kind war er an den Anblick der verfallenen Hütten, der riesigen Haufen verfaulenden Unrats in den Straßen und an den alles durchdringenden Gestank gewöhnt gewesen. Doch nun war er empfindlich geworden, und der Geruch verursachte ihm Übelkeit. Sein Führer stieß eine Tür auf, die in ihren morschen Angeln knirschte, und deutete ihm an, hineinzugehen.

„Da oben!“ Der Junge wies mit dem Daumen auf eine steile Treppe und verschwand.

Der Priester war versucht, sich auf dem Absatz umzudrehen und zu fliehen, aber er wagte es nicht, alles zu riskieren, was er sich so mühsam hatte erkämpfen müssen.

Er setzte eine sanfte, wohlwollende Miene auf, erklomm die Stufen und klopfte an die einzige Tür im ersten Stock. Sie schwang selbst auf, und einen Moment glaubte er, das Zimmer wäre leer. Er sah sich voller Abscheu um. Fliegen umsummten einen halb leer gegessenen Teller. Der Raum war bis auf einen Stuhl ohne Lehne und eine Holzkiste leer. Ein Haufen von Lumpen lag auf dem Boden, aber es gab weder ein Bett noch eine Matratze.

„Na, Charlie, wie gefällt’n dir das? Ein richtiger Palast, wa?“ Ein Gesicht erschien unter dem Lumpenhaufen.

Der Priester starrte seine Mutter ohne die geringste Zuneigung an. „Was machst du hier?“, fragte er. „Ich dachte, du wärst längst fort.“

„In einer langen Holzkiste? Das hätt’ dir so gepasst.“

Er stimmte dieser Annahme insgeheim aus vollem Herzen zu, aber er durfte sie nicht reizen. „Ich meinte nur, ich dachte, du hättest einen besseren Ort gefunden.“

„Ach ja? Sieh mich mal an, Charlie!“ Mit einer schnellen Bewegung warf sie die Lumpen beiseite und kämpfte sich auf die Füße. Truscott wurde sich des scharfen Gingestanks bewusst.

„Du bist betrunken“, klagte er sie an.

„Mit einem Penny betrunken, mit zwei Pennys besoffen“, sagte sie grinsend. „Na, mein Sohn, wie würd’ es dir gefall’n, mich auf der Bühne zu sehen?“ Sie hielt ihm das Gesicht so nah wie möglich hin. Der Geruch, der von ihr ausging, war kaum zu ertragen.

Er hatte sie seit Jahren nicht gesehen, und ihr stark geschminktes Gesicht erschreckte ihn. Nellie Prescott war eine Schönheit gewesen. Jetzt war sie dürr, ihr graues Haar ungepflegt und ihr Gesicht aufgedunsen. Er versuchte erfolglos, seine Gefühle zu verbergen.

„Feiner Lackel geword’n, wa? Schämst dich für deine alte Mutter? Du hast nichts getan, um mir zu helfen, Charlie. Jetzt ist es Zeit, dass du blechst.“

„Sei nicht dumm“, fuhr er sie rau an. „Ich bin nur ein armer Geistlicher.“

„Und bald ein reicher. Du warst schon immer schlau, mein Kleiner. Jetzt wird mir deine vornehme Frau helfen.“

Sein Gesicht verdüsterte sich und sie wich vor ihm zurück.

„Du hältst dich von ihr fern“, sagte er leise. „Muss ich dich daran erinnern, was ich mit denen tue, die sich mir in den Weg stellen?“

Sie machte den schwachen Versuch, ihm die Stirn zu bieten. „Ich werd’ nichts tun, was du nicht willst, aber ich brauch’ Geld, Charlie. Selbst die Kerle in unsrer Gegend woll’n mich nicht mehr, jetzt wo ich krank bin …“

Der Priester war kurz davor gewesen, ihr Handgelenk zu packen, doch jetzt wich er zurück. Dem Himmel sei Dank, er hatte sie nicht berührt! Es fiel ihm nicht schwer zu begreifen, an welcher Krankheit sie litt. Es war eine häufige Todesursache bei Prostituierten.

„Hier!“ Er warf eine Handvoll Münzen auf die Holzkiste. „Mehr habe ich nicht bei mir.“

„Das ist nicht viel, Charlie. Kannst du morgen komm’?“

„Nein.“ Er wollte weitersprechen, doch in diesem Moment kamen ein Mann und eine Frau herein.

„Is’ egal, Nellie. Morgen geh’n wir in die Stadt und hören den Reverend predigen. Wie ich hör, soll es echt ein Erlebnis sein.“ Die Frau lachte, und sogar ihr Begleiter lächelte. Sie hatten ihn in der Hand, und sie wussten es. Truscott knirschte mit den Zähnen.

„Ich komme morgen zur gleichen Zeit“, sagte er.

3. KAPITEL

Judith hatte versprochen, den Reverend zu einem Wohltätigkeitstee zu begleiten, dessen Erlös den Waisenkindern zugutekommen sollte. Als er nicht erschien, ging sie allein und erfuhr, dass er in Belangen der Gemeinde fortgerufen worden war.

Am Abend des nächsten Tages wurde eine Nachricht gebracht, in der der Reverend ihr erklärte, dass er in dringenden familiären Angelegenheiten unterwegs sei. Das betrübte Judith nicht sehr. Im Grunde war es eher eine Erleichterung.

Sie tadelte sich deswegen. Ihr Verlobter war ein guter Mensch, das glaubte Judith von ganzem Herzen und machte sich Vorwürfe, weil sie nicht vollkommen aufrichtig zu ihm war. Was würde er sagen, wenn er erfuhr, dass sie einen Roman schrieb? Es konnte keinesfalls als passende Betätigung für die Frau eines Priesters gelten.

Es war ihr nicht beschieden, für lange Zeit in Frieden gelassen zu werden. Zur Mittagszeit des darauffolgenden Tages teilte ihr Mrs Aveton ihre Missbilligung mit.

„Muss ich es dir wieder sagen?“, rief sie. „Du hast nicht einmal die Hälfte der Dinge auf deiner Liste eingekauft. Meine Geduld ist am Ende, Judith. Wir werden erst dann wieder Frieden in diesem Haushalt haben, wenn du endlich verheiratet und fort von hier bist.“

„Muss ich wieder in die Bond Street gehen, Ma’am?“, fragte sie hoffnungsvoll. Sie begrüßte jede Gelegenheit, das Haus zu verlassen.

„Ich sehe keinen anderen Weg, wie du deine Besorgungen erledigen kannst“, kam die sarkastische Antwort.

„Und darf ich die Kutsche nehmen?“

„Warum nicht? Wenigstens wirst du dann schneller zurück sein als das letzte Mal. Du musst wirklich deine Neigung zum Trödeln zügeln, Judith. Sie kann deinem Gatten nicht gefallen.“

Judith spürte einen rebellischen Funken in sich aufsprühen. Sollte von jetzt an alles, was sie tat, nur zu diesem einen lobenswerten Zweck geschehen? Sie presste die Lippen zusammen, sagte aber nichts.

Mit Bessie im Schlepptau beeilte sie sich mit ihren Einkäufen. Und als sie endlich fertig war und auf die Uhr in der Bond Street schaute, hatte sie noch mindestens eine Stunde herrlicher Freiheit vor sich, bevor ihre Abwesenheit bemerkt wurde. Es war eine bittere Enttäuschung für sie, als sie in der Mount Street vorsprach und entdeckte, dass Peregrine und Elizabeth nicht zu Hause waren und man Prudence geraten hatte, den ganzen Nachmittag zu ruhen.

„Lord Wentworth empfängt Sie gern, Ma’am. Im Augenblick spricht er mit dem Arzt, aber wenn Sie warten wollen …“

Judith schüttelte den Kopf. „Ich möchte ihn nicht stören. Bitte richten Sie meine Grüße aus. Ich schaue zu einem günstigeren Zeitpunkt wieder vorbei.“

Sie wandte sich schon ab, da kam Dan aus der Bibliothek und eilte auf sie zu. „Ich dachte mir doch, dass ich deine Stimme gehört habe. Judith, lauf nicht fort. Komm und sprich mit mir.“

Sie zögerte, aber er lächelte sie aufmunternd an. „Keine Sorge! Ich habe vor, mein Wort zu halten. Ich werde nichts äußern, das dich betrüben könnte.“

Er hatte beunruhigende Neuigkeiten, aber Sebastian hatte darauf bestanden, dass er sie unbedingt für sich behalten musste. Der Bow Street Runner war Reverend Truscott zu seinem Ziel gefolgt. Sobald der Priester gegangen war, hatte der Runner unter dem Vorwand an die Tür geklopft, einen bekannten Hehler zu suchen. Der Mann, der ihm aufmachte, schickte ihn fort, ohne Verdacht zu schöpfen. Der Runner hatte sich zurückgezogen, und als derselbe Mann die Hütte mit einer Frau an jedem Arm verließ, folgte er unauffällig und betrat hinter ihnen ein schmuddeliges Wirtshaus.

Sie achteten nicht auf ihn, da war er sicher. Immerhin hatte der Mann selbst ihm geraten, in dieser Wirtschaft seinen angeblichen finsteren Geschäften nachzugehen. Mit einem freundlichen Lächeln setzte er sich nicht weit von dem schäbigen Trio an einen Tisch und erhielt ein kurzes Nicken des Wiedererkennens. Er hatte gehofft, sie in ein Gespräch ziehen zu können, aber die ältere Frau stritt sich bereits mit dem Besitzer.

„Kein Kredit mehr, Nellie. Wenn du kein’ Zaster hast, kriegst du von mir nichts.“

„Halt doch die Klappe!“ Die Frau knallte eine Münze auf die Theke. „Davon gibt’s noch sehr viel mehr. Und jetzt gib mir eine Flasche!“

Der Mann biss in die Münze und stieß einen überraschten Pfiff aus. „Bist zu Geld gekommen, was? Wo ist die Leiche?“

Die Frau ignorierte ihn. Sie griff nach der Flasche und kehrte zu ihren Begleitern zurück. Zu dritt leerten sie sie schnell und kauften eine zweite.

Der Runner wartete. Bei der Art, wie sie tranken, würden sie recht bald zu plaudern anfangen. Aber er hatte ihr Fassungsvermögen unterschätzt, obwohl die Ältere schon beim Betreten des Gasthauses alles andere als nüchtern gewesen war. Sie hatten die dritte Flasche schon zur Hälfte ausgetrunken, bevor sie sich den Mund wischte und hilflos zu kichern anfing.

„Ihr hätt’ sein Gesicht seh’n soll’n!“, rief sie. „War ja so erhaben, der Herr, aber jetzt ham wir ihn.“

„Und nicht zu früh!“, stimmte der Mann zu. „Der Teufel hat dich übel behandelt.“

Der Runner runzelte verwundert die Stirn. Wenn die Frau jünger gewesen wäre, hätte er den offensichtlichen Schluss gezogen, aber dieses heruntergekommene Geschöpf musste über sechzig sein. Er betrachtete sie eingehender. Irgendetwas an ihren Zügen kam ihm bekannt vor – die Nase vielleicht, oder doch die eingefallenen Augen?

Da er nur wenig von Reverend Truscotts Gesicht gesehen hatte, konnte er nicht sicher sein, aber sein Verdacht wuchs.

„Was stierst denn so?“, fuhr ihn die jüngere Frau an.

„Ich seh mich nur um. Aber jetzt geh ich wohl besser. Ist keiner hier, der mir von Nutzen sein kann.“ Er verzog mürrisch das Gesicht und ging.

Sein Bericht an Sebastian hatte neue Hoffnung in Dan geweckt. „Offenbar hat er ihnen Geld gegeben“, hatte er aufgeregt gesagt. „Warum sollte er so etwas tun? Und war es möglich, dass er sich in so einer verrufenen Gegend aufhalten konnte, ohne belästigt zu werden? Dein Mann hat mich davor gewarnt, es selbst zu versuchen.“

„Vielleicht kennt man ihn dort“, hatte Sebastian erwidert.

„Stimmt, vielleicht kennt man ihn dort.“ Dan sah Sebastian bedeutungsvoll an. „Hat dein Mann nicht eine Ähnlichkeit mit dieser Frau erwähnt?“

„Selbst wenn es stimmt, beweist es nichts.“

„Aber, Sebastian, nur Diebe und Verbrecher leben in der Rookery. Und was die Frauen angeht …“

„Wie ich sagte“, unterbrach ihn Sebastian. „Wir haben keine Beweise. Der Runner kann sich geirrt haben. Truscotts Besuch ist vielleicht nur ein schlichter Akt christlicher Nächstenliebe gewesen. Aber ich werde keine Zeit verschwenden.“

Dans Gesicht hellte sich auf. „Dann lässt du es also nicht dabei bewenden?“

„Nein, natürlich nicht. Diese Informationen darf niemand außer uns und Peregrine erhalten, Dan. Ich werde dir sagen, ob und wann ich neue Nachrichten erhalte.“

Damit musste Dan sich zufriedengeben, wenn auch nur sehr widerwillig. Sebastian hatte nicht die verstohlene Art des Priesters gesehen, die keinesfalls die eines Mannes gewesen war, der im Begriff stand, einen Akt christlicher Nächstenliebe zu erfüllen …

Jetzt führte Dan Judith in die Bibliothek und verhielt sich ganz so wie ein Mann, der nichts anderes im Sinn hatte, als eine alte Freundin zu begrüßen.

Sie blickte zu den Papieren, die einen großen Tisch bedeckten. „Ich unterbreche dich bei deiner Arbeit.“

„Ich bin froh über die Unterbrechung.“ Er lächelte sie verschmitzt an. „Jetzt kann ich dich mit einigen meiner Einfälle langweilen.“

Sie sah sich die Zeichnungen an. „Kriegsschiffe, Dan? Der Krieg mit Frankreich ist doch zu Ende, oder? Ist nicht der Frieden von Amiens im vergangenen Monat in Kraft getreten?“

„Der Earl of Brandon glaubt, dass es nur eine Unterbrechung der Feindseligkeiten ist. Perry und Sebastian stimmen mit ihm überein.“

„Und was denkst du?“

„Ich glaube, es gibt bald wieder Krieg. Napoleon hat seinen Ehrgeiz, der Herrscher ganz Europas zu werden, nicht eingebüßt. Nur unsere Flotte hat ihn bisher aufgehalten.“

„Aber dieser Friedensvertrag?“

„Gibt ihm die nötige Zeit, seine Reserven aufzubauen und neue Schiffe in Auftrag zu geben. Er hat auf See schwere Verluste erlitten. Dort muss er uns zuerst besiegen.“

„Und sind die französischen Schiffe besser als unsere?“

„Sie sind schneller und auch leichter. Unsere Schiffe bauen mehr auf Kraft. Die wichtigste Rolle eines Kriegsschiffs ist es, Waffen zur Schlacht zu transportieren, und die Kanonendecks müssen in der Lage sein, das Gewicht der Artillerie zu tragen.“

„Es muss schwierig sein, das richtige Gleichgewicht zwischen Kraft und Geschwindigkeit zu finden.“

„Stimmt genau. Ich wusste, dass du es verstehen würdest. Zu viel Gewicht vermindert die Segelqualitäten eines Schiffs. Es gibt so viel zu bedenken. Segeltüchtigkeit, Manövrierfähigkeit, Stabilität, Wetterbedingungen und Unterkünfte.“

„Solch eine Liste!“ Sie lächelte.

„Was ist, Judith?“

„Ach, ich weiß nicht. Ich dachte, du hättest dich in den vergangenen Jahren verändert, aber wie ich sehe, bist du genauso wie früher.“

Er hob fragend die Augenbrauen, aber sie lachte und schüttelte den Kopf. „Ich meine nur, dass du immer noch so fasziniert von technischen Problemen bist. Das ist es, woran ich mich am meisten erinnere.“

„Ja?“ Seine Stimme klang bedeutungsvoll.

Judith versuchte, sich ihre Erregung nicht anmerken zu lassen. „Natürlich“, sagte sie leichthin. „Ich erinnere mich an den Tag, an dem wir uns kennenlernten. Du hingst vom Deck eines Boots herunter. Wir dachten alle, du würdest gleich tauchen, um den Rumpf genauer zu untersuchen.“

Er lachte. „Ich weiß wieder. Perry hat mir später eine Standpauke gehalten.

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