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HISTORICAL LORDS & LADIES BAND 39

NICOLA CORNICK

WENN ZART DIE LIEBE ERWACHT

„Ich will nicht die Gattin eines Fremden sein“, ruft Jemima verzweifelt. Obwohl sie einer Vernunftehe zugestimmt hat, liebt sie ihren Gemahl mittlerweile von ganzem Herzen. Doch seit ihrem ersten sinnlichen Kuss, geht er ihr aus dem Weg – angeblich, weil er enthaltsam leben muss, um sein Erbe zu bekommen. Ist ihm Geld denn wirklich wichtiger als Liebe?

STEPHANIE LAURENS

ALLE FRAUEN LIEBEN BARON RUTHVEN

Seit jeher liebt Antonia den umschwärmten Baron Ruthven. Nach Jahren der Trennung, treffen sie sich erneut. Mit tatkräftiger Unterstützung seiner Stiefmutter versucht sie, den unverbesserlichen Frauenhelden zur Ehe zu bekehren. Als sie sich endlich am Ziel ihrer Wünsche glaubt, kommt ihr jedoch plötzlich eine gefährliche Rivalin in die Quere …

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WENN ZART DIE LIEBE ERWACHT

1. KAPITEL

Die Anwaltskanzlei Churchward & Churchward in High Holborn genoss großes Ansehen. Die Geheimnisse vieler Menschen waren dort gut und sicher aufgehoben. Die Klienten, die überwiegend den besten Kreisen angehörten, schätzten die Diskretion der Rechtsbeistände und zweifelten nicht an der Kompetenz der Mitarbeiter.

Auch der Earl of Selborne, der an einem Augusttag des Jahres 1808 die Büroräume der Sozietät betreten hatte, wusste, dass er dem älteren Mr Churchward vertrauen konnte. Selborne war gekommen, um eine Erbschaftsangelegenheit zu klären.

Mr Churchward begrüßte ihn höflich, drückte ihm sein Beileid zum Tod seiner Angehörigen aus und bat ihn, Platz zu nehmen. Dann holte er die Akte, die sowohl das Testament des Vaters als auch das der Großmutter des jungen Gentleman enthielt. „Ist es Ihnen recht, Mylord, wenn wir mit dem Letzten Willen des verstorbenen Earl beginnen?“, meinte er, wobei er sein Unbehagen nicht ganz verbergen konnte.

Fünfzehn Minuten später starrte Lord Robert Selborne den Anwalt fassungslos an. Die Stirn hatte er in grimmige Falten gelegt. Sein schmales Gesicht, gebräunt durch den langen Aufenthalt in Spanien, wo der junge Earl gegen Napoleon gekämpft hatte, zeigte einen zugleich verwirrten und verärgerten Ausdruck. Mr Churchward wiederum wirkte ungewöhnlich blass. Und in diesem Moment hatte er die Lippen fest aufeinandergepresst.

Lord Selborne warf einen Blick auf die Dokumente, die sein Gegenüber vor sich auf den Schreibtisch gelegt hatte, und sagte: „Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir die Bedingungen, die mein Vater testamentarisch festgelegt hat, noch einmal erläutern könnten. Ich bin nicht sicher, ob ich alles verstanden habe.“

„Gern, Mylord.“ Mr Churchward zweifelte nicht daran, dass Robert Selborne jede Einzelheit begriffen hatte. Der junge Earl war mit seinen sechsundzwanzig Jahren kein unerfahrener Mann, und er hatte von jeher über eine rasche Auffassungsgabe verfügt. Die Jahre, die er als Offizier in Indien und Spanien verbracht hatte, hatten ihn zudem schneller reifen lassen als viele seiner in der Heimat gebliebenen Altersgenossen.

„Wenn ich zusammenfassen darf …“, begann der alte Herr, „… so erben Sie als einziger Sohn des vierzehnten Earl of Selborne den gesamten Landbesitz. Das Barvermögen fällt Ihnen allerdings nur zu, wenn …“

„Ja?“ Die dunklen Augen des neuen Earl spiegelten Resignation wider.

„… wenn Sie heiraten“, beendete Churchward seinen Satz. „Ich zitiere den entsprechenden Passus:

‚Ich wünsche, dass mein Sohn sich eine Braut unter den Hochzeitsgästen seiner Cousine Anne Selborne auswählt und sie innerhalb der vier darauf folgenden Wochen heiratet. Ich erwarte, dass er anschließend sechs Monate lang auf seinem Landsitz Delaval lebt. Wenn er diese Bedingungen nicht erfüllt, so soll mein gesamtes Barvermögen meinem Neffen Ferdinand Selborne zufallen.‘“

„Danke, Mr Churchward. Ich habe mich also nicht verhört, als Sie diesen Abschnitt zum ersten Mal vorgelesen haben.“

Der Anwalt schenkte Seiner Lordschaft ein kurzes, mitfühlendes Lächeln.

„Meinem Vater ist es also zu guter Letzt doch gelungen, mir seinen Willen aufzuzwingen“, erklärte Selborne und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Er hatte geschworen, einen Weg zu finden, mich gefügig zu machen …“

Mr Churchward räusperte sich. „So sieht es aus …“

„Er hat mich schon vor Jahren gedrängt, zu heiraten und für einen Erben zu sorgen.“

„Das ist verständlich, Mylord. Schließlich sind Sie der einzige Sohn.“

Der Earl hob die Augenbrauen. „Vermutlich hätte ich mich in seiner Situation ähnlich verhalten.“

„Vermutlich.“

„Möglicherweise hätte ich sogar ein Testament mit ähnlich strikten Anweisungen aufgesetzt.“

Das allerdings mochte der Anwalt nicht recht glauben. Also zuckte er nur mit den Schultern.

„Trotzdem verspüre ich, so respektlos es klingen mag, im Moment den Wunsch, den alten Herren zu verfluchen!“

„Eine unter den gegebenen Umständen durchaus begreifliche Reaktion, Mylord.“

Robert Selborne ballte die Hände zu Fäusten. „Dann soll Ferdie das Geld eben bekommen. Ich beabsichtige nicht, nur wegen ein paar Pfund zu heiraten.“

Churchward schwieg einen Moment lang. „Ist Ihnen bewusst, Mylord, dass die Summe, über die wir hier sprechen, sich auf circa dreißigtausend Pfund beläuft?“

Der junge Mann senkte den Blick, und seine grimmige Miene wurde noch etwas finsterer. „Allerdings.“

„Ist Ihnen weiterhin bewusst, dass Delaval, obwohl es ein Anwesen ist, das unter normalen Bedingungen ausreichend Gewinn abwirft, seit jener Grippe-Epidemie, die Ihren Vater und so viele andere dahingerafft hat, sehr vernachlässigt worden ist?“

Der Earl seufzte. „Das war zu erwarten, nicht wahr? Aber ich nehme an, Sie wollen mir zu verstehen geben, dass der Zustand des Gutes noch wesentlich schlechter ist, als ich bisher vermutet habe.“

„Leider, Mylord.“

„Ich bin noch nicht dazu gekommen, Delaval einen Besuch abzustatten.“ Robert erhob sich, trat zum Fenster und starrte auf die Straße hinaus. „Sie sollen wissen, Churchward, dass ich England nicht verlassen habe, weil meine Familie oder der Besitz mir gleichgültig sind.“

Der Anwalt erwiderte nichts darauf. Er kannte den jungen Selborne seit Jahren und hatte nie daran gezweifelt, dass er seine Angehörigen ebenso liebte wie das Gut, auf dem er aufgewachsen war.

„Ich wünschte“, sagte Robert, „ich wäre nicht so lange weg gewesen.“ Obwohl er sehr leise sprach, brachte seine Stimme deutlich zum Ausdruck, was er fühlte.

„Ihr Herr Vater“, erklärte Churchward behutsam, „hat als junger Mann eine große Europareise gemacht. Er war damals drei Jahre lang fort.“

Selborne wandte sich um, und ihre Blicke trafen sich. „Danke.“

Schweigen senkte sich über den Raum. Schließlich nahm Robert seinen Platz vor dem Schreibtisch des Anwalts wieder ein. „Wann genau findet die Hochzeitsfeier meiner Cousine Anne statt?“

„Morgen Vormittag.“ Jetzt war es Churchward, der seufzte. Diese ganze Angelegenheit gefiel ihm nicht. Zu Beginn des Jahres hatte Lord William Selborne ihn rufen lassen, weil er im Sterben lag. Er hatte darauf bestanden, sein altes Testament um diesen ungewöhnlichen Zusatz zu erweitern. Churchward hatte wiederholt darauf hingewiesen, dass er die Bedingung für unnötig hielt. Doch der todkranke Earl hatte sich nicht umstimmen lassen. Er wollte auf jeden Fall verhindern, dass sein Sohn den Titel erbte, ohne die Verantwortung für Delaval zu übernehmen. Er hatte befürchtet, das Soldatenleben könne Robert mehr bedeuten als der Familienbesitz.

Sobald der Anwalt nach London zurückgekehrt war, hatte er eine dringende Mitteilung an Robert Selborne geschickt, der sich zu jenem Zeitpunkt irgendwo in Spanien aufhielt. Unglücklicherweise hatte der Brief sein Ziel nie erreicht. Einen Monat später hatte Churchward erneut geschrieben, denn es gab traurige Neuigkeiten: Lord William Selborne hatte die Influenza dahingerafft, und seine Gattin sowie seine Mutter waren ebenfalls schwer erkrankt.

Dieses Botschaft hatte Robert erhalten. Der junge Mann hatte sofort seinen Abschied genommen und sich auf die Rückreise nach England gemacht. Dennoch vergingen mehrere Wochen, ehe er schließlich in London eintraf. Zu diesem Zeitpunkt waren auch seine Mutter und seine Großmutter schon lange begraben.

Die Nachricht traf Robert Selborne zwar nicht unvorbereitet, aber der Tod so vieler Angehöriger musste trotzdem ein Schock für ihn sein. Zusätzlich erschwert wurde seine Situation durch die Tatsache, dass es in Delaval unendlich viel zu tun gab, wenn man den ehemals blühenden und inzwischen völlig verwahrlosten Besitz wieder instand setzen wollte. Das wiederum war nur mit großen, kostenträchtigen Investitionen zu leisten. Und diese konnte der neue Earl nur vornehmen, wenn er über eine Menge Geld verfügte. Das aber würde nur dann der Fall sein, wenn er die Bedingung erfüllte, die sein Vater testamentarisch festgelegt hatte. Denn andernfalls würde das so dringend benötigte Barvermögen Roberts Cousin Ferdie Selborne zufallen.

„Ich muss morgen also eine Braut finden“, stellte der junge Lord fest. Das Lächeln, das um seinen Mund spielte, war bitter. „Vermutlich sollte ich mir Gedanken um meine Garderobe machen und vor allem versuchen, mich daran zu erinnern, wie ein echter Gentleman sich verhält. Ich war so lange im Krieg, dass ich vergessen habe, wie man sich bei den Damen beliebt macht.“ Er schüttelte den Kopf und stieß ein kurzes, freudloses Lachen aus. „Ich frage mich, welche Frau bereit ist, innerhalb von vier Wochen nach der ersten Begegnung mit ihrem Bräutigam vor den Traualtar zu treten. Papa hat, wie ich fürchte, nicht bedacht, welch umfangreiche Vorbereitungen eine Hochzeit erfordert.“

Der Anwalt atmete auf. „Sie haben sich also entschlossen, den Letzten Willen des verstorbenen Earl zu erfüllen?“

„Mir bleibt offenbar keine andere Wahl … Wenn ich Delaval retten will, muss ich tun, was von mir verlangt wird. Sagen Sie, Churchward, haben Sie eine Idee, warum ich mich ausgerechnet mit einer jener Damen vermählen soll, die ich morgen bei meiner Cousine Anne treffen werde?“

„Ich denke, es hat damit zu tun, dass zu der Feier natürlich nur Freunde der Familie eingeladen sind. So kann sichergestellt werden, dass Sie eine passende Frau wählen.“

Robert lachte erneut auf. „Er hätte genauso gut selbst eine Gattin für mich aussuchen können. Bei Jupiter, dies ist schlimmer als eine von den Eltern arrangierte Ehe! Churchward, wünschen Sie mir Glück bei meiner Brautschau!“

„Sie werden nicht viel Glück benötigen, Mylord. Schließlich gelten Sie zu Recht als gute Partie.“

„Sie brauchen mir nicht zu schmeicheln. Drücken Sie mir lieber die Daumen. Ich hoffe, dass Cousine Anne sich für eine lange Gästeliste entschieden hat.“

„Das will ich Ihnen von ganzem Herzen wünschen.“ Der Anwalt war erleichtert, dass diese Angelegenheit so weit geregelt war. Trotzdem begann er unbehaglich mit einer Schreibfeder zu spielen. Schließlich galt es noch, Robert Selborne über die Bestimmungen im Vermächtnis seiner Großmutter zu informieren. Die alte Countess war schon immer etwas exzentrisch gewesen. Und nachdem ihr Gatte vor Jahren bei einem Jagdunfall umgekommen war, hatten manche ihr Verhalten sogar als zunehmend verrückt bezeichnet. „Können wir uns jetzt dem anderen Testament zuwenden, Mylord?“

„Ja, bitte.“

„Sie wissen ja selbst, dass Ihre Großmutter manchmal etwas … unkonventionell war.“

Sofort wurde Robert misstrauisch. „Sie wollen doch damit hoffentlich nicht andeuten, dass auch der Letzte Wille der alten Dame eine Bedingung enthält?“

„Ich fürchte doch …“ Churchward öffnete eine Schublade seines Schreibtischs und holte eine dünne Akte hervor. „Sie waren davon informiert, Mylord, dass die Countess Sie als Erben eingesetzt hat?“

„Sie hat es erwähnt, ehe ich England verließ. Ich war mir natürlich darüber im Klaren, dass sie nicht als reich gelten konnte. Der Familienschmuck war meiner Mutter schon bei ihrer Eheschließung zugefallen. Und Großmama besaß keine Ländereien.“

„Das stimmt. Aber bereits in jungen Jahren hatte sie begonnen, kleinere Summen in verschiedene Unternehmungen zu investieren. Sie scheint dabei eine sehr glückliche Hand gehabt zu haben. Jedenfalls hinterlässt Sie Ihnen beinahe vierzigtausend Pfund.“

Robert konnte sein Erstaunen nicht verbergen. „Sagten Sie vierzigtausend Pfund? Unglaublich …“

„Sie war Mitbesitzerin verschiedener Minen. Ein sehr einträgliches Geschäft, Mylord. Aber natürlich keines, über das man in Gesellschaft spricht.“

Robert zuckte die Schultern. „Großmama konnte sehr vornehm tun und manchmal ziemlich arrogant sein. Wer hätte gedacht, dass sie sich insgeheim mit so vulgären Dingen wie Bergbau beschäftigt? Nun, mir ist es völlig gleichgültig, woher das Geld kommt. Ich bin froh, es zu haben, um damit Delaval wieder herrichten zu können.“

„Die Summe wird Ihnen bestimmt helfen. Allerdings …“ Der Anwalt holte tief Luft.

„Allerdings?“, drängte Robert Selborne.

„Es ist eine Bedingung an das Erbe geknüpft.“

„Selbstverständlich“, meinte der junge Earl ironisch. „Selbstverständlich ist eine Bedingung daran geknüpft. Das erwähnten Sie ja vorhin schon. Lassen Sie hören, Churchward!“

Der Anwalt nahm seine Brille ab und begann umständlich, die makellos sauberen Gläser zu putzen. Jede seiner Bewegungen verriet, wie unbehaglich er sich fühlte.

„Churchward?“

„Mylord?“ Noch immer schien der Anwalt nicht gewillt, das Testament zu verlesen.

„Geben Sie mir die Papiere!“, befahl Robert Selborne.

Mit sichtlicher Erleichterung reichte ihm sein Gegenüber die Akte.

Der junge Mann begann zu lesen. Bereits nach den ersten Worten runzelte er die Stirn. Er schüttelte den Kopf. Und begann noch einmal von vorne zu lesen.

Churchward wartete ein wenig ängstlich auf den unvermeidlichen Ausbruch.

Doch als der Earl schließlich den Kopf hob, verrieten seine Augen nicht Zorn, sondern Belustigung. „Weiß der Himmel“, rief er aus, „es ist wirklich schade, dass mein Vater und seine Mutter sich nicht abgesprochen haben!“

„Wie wahr!“, stimmte der Anwalt zu.

Robert las das Testament zum dritten Mal. „Korrigieren Sie mich, wenn ich etwas falsch verstanden habe, Churchward“, sagte er dann. „Also: Ich erbe dreißigtausend Pfund von meinem Vater, allerdings nur, wenn ich innerhalb von vier Wochen heirate.“

Der Anwalt nickte.

„Weiterhin erbe ich vierzigtausend Pfund von meiner Großmutter, allerdings unter der Bedingung, dass ich …“

Churchward errötete.

„… hundert Tage lang enthaltsam oder besser gesagt keusch lebe.“

„Richtig, Mylord.“

„Das heißt, dass ich innerhalb eines Monats heiraten muss, um dann weitere zwei Monate das Leben eines Mönchs zu führen.“

„So ist es.“ Das Gesicht des Anwalts wies jetzt eine ungesunde Röte auf. „Sie dürfen, um die Bedingung zu erfüllen, an die das Vermächtnis der Countess geknüpft ist, die Ehe in dieser Zeitspanne nicht vollziehen.“

„Genau! Nur auf diese Art erweise ich mich – ich zitiere:

‚… als würdig, das Erbe anzutreten. Denn Mäßigkeit im privaten Bereich ist meist verbunden mit Mäßigkeit im Umgang mit Geld. Schließlich ist beides auf ein gewisses Maß an Selbstbeherrschung zurückzuführen. Zwar denke ich, dass es meinem Enkel Robert Selborne nicht an Selbstdisziplin fehlt, doch habe ich leider die Erfahrung machen müssen, dass die jungen Leute heutzutage nur zu oft ihr Vergnügen über alles andere stellen. Deshalb wünsche ich, dass Robert beweist, dass er zu einem vernunftbestimmten Leben in Mäßigung fähig ist.‘“

Robert legte die Papiere auf den Schreibtisch und grinste. „So etwas ist doch nicht zulässig, oder?“

„Leider doch, Mylord. Der Letzte Wille Ihrer Großmutter ist in jeder Beziehung rechtskräftig. Sie hat das Testament eigenhändig verfasst und, wie Sie sehen können, sogar dafür gesorgt, dass es von zwei Zeugen unterschrieben wurde. Möglicherweise könnten Sie die Bedingung mit Erfolg anfechten, wenn Sie vor Gericht gingen. Ich möchte Ihnen aber dringend davon abraten. Ein solches Verfahren kostet viel Zeit und Geld. Und von beidem haben Sie nicht genug, wenn Sie Delaval retten wollen. Außerdem“, er errötete wieder, „werden Sie kaum wünschen, dass bekannt wird, was die Countess in ihrem Vermächtnis festgelegt hat.“

„Man würde sich köstlich über die Bedingung amüsieren …“ Robert zuckte die Schultern. „Nun, ich werde mich wohl damit abfinden müssen, einige Monate im Zölibat zu leben. Himmel, wenn Großmama wenigstens nicht auf die Idee verfallen wäre, ebenfalls Ferdie als Erben einzusetzen, wenn ich nicht tue, was sie verlangt! Dabei wäre der Gute nicht einmal in der Lage, zehn Tage lang wie ein Mönch zu leben. Nicht ohne Grund warnen die Mütter ihre heiratsfähigen Töchter vor ihm. Er ist ein Frauenheld der schlimmsten Sorte.“

Dem hatte Churchward nichts hinzuzufügen.

Selborne erhob sich und begann, rastlos im Raum auf und ab zu gehen. „Ich nehme an, es wird Ihre Aufgabe sein, darüber zu wachen, dass die Bedingung auch erfüllt wird? Wie gedenken Sie dabei vorzugehen?“

„Mylord“, der Anwalt schien gekränkt zu sein, „bitte machen Sie keine Scherze darüber. Ich bin davon überzeugt, dass Ihre Großmutter sich in dieser Angelegenheit ganz auf Sie und Ihr Gewissen verlassen hat.“

„Natürlich.“ Robert nickte ihm zu. „Bitte verzeihen Sie, wenn ich Ihnen zu nahe getreten sein sollte. Ich bin – wie Sie sich vorstellen können – etwas verwirrt. Meine Zukunft sieht nicht gerade rosig aus, nicht wahr? Erst eine überstürzte Eheschließung und dann eine lange Periode der Enthaltsamkeit!“ Er trat zum Schreibtisch und streckte Churchward die Hand hin. „Ich danke Ihnen für alles, was Sie für mich und meine Familie getan haben.“

Der Anwalt ergriff Selbornes Hand und schüttelte sie kräftig. „Darf ich Ihnen nochmals versichern, dass ich sowohl Ihren Vater als auch Ihre Großmutter gebeten habe, auf die Bedingungen zu verzichten? Leider waren meine Bemühungen vergeblich.“

„Ich zweifle nicht daran, dass Sie alles getan haben, was in Ihrer Macht stand. Auf Wiedersehen, Churchward. Ich werde mich bei Ihnen melden, sobald ich mich in der Lage sehe, die erste der Bedingungen zu erfüllen.“

Miss Jemima Jewell beugte sich nach vorn, umfasste den Metallgriff der schweren Holzkiste und zog sie aus der Ecke in die Mitte des Raums. Dann öffnete sie den Deckel und starrte einen Moment lang, ohne sich zu rühren, auf die Kleidungsstücke, die in der Truhe lagen und einen schwachen Duft nach Lavendel verströmten.

„Was ist?“, fragte ihr Bruder Jack, der es sich auf der Bettkante bequem gemacht hatte.

Jemima holte einen Rock heraus, schüttelte ihn und betrachtete ihn mit schief gelegtem Kopf. „Er muss gebügelt werden. Das ist alles.“

„Dann passt er dir also noch? Du bist nicht schon wieder gewachsen?“

Die junge Frau lachte. „Also wirklich, Jack! Manchmal bist du schlimmer als ein kleines Kind. Hast du vergessen, dass ich einundzwanzig bin? Da wächst man nicht mehr.“

„Nun, ich finde, dass der Rock ein bisschen kurz ist. Man wird deine Fußknöchel sehen.“

Mit einem tiefen Seufzer warf Jemima das Kleidungsstück aufs Bett. Sie hasste ihr sogenanntes Hochzeitskostüm. Tatsächlich war es nichts anderes als das, was eine Kaminkehrerin am Sonntag anzog, wenn sie sich besonders fein machen wollte: ein schwarzer Rock aus glänzendem Stoff, eine weiße Bluse, die unter einem engen schwarzen Spenzerjäckchen mit großen, an Kohlestücke erinnernden Knöpfen getragen wurde, schwarze Seidenstrümpfe und schwarze Escarpins.

Nun ja, eigentlich gab es keine erwachsenen Frauen, die als Schornsteinfegerinnen arbeiteten, nur kleine Mädchen, die – genau wie kleine Jungen – in die rußigen, meist heißen Kamine klettern mussten, um diese zu säubern. Das war eine überaus gefährliche und unangenehme Arbeit. Viele der Kinder starben bei Unfällen oder weil sie krank wurden.

Jemima hatte überlebt. Trotzdem dachte sie verständlicherweise nicht gern an die Zeit zurück, in der sie als Kaminkehrerin hatte arbeiten müssen. Das war einer der Gründe, warum sie ihr Kostüm nicht mochte. Der andere Grund war, dass sie es verabscheute, auf Hochzeiten als Glücksbringerin aufzutreten. Schon als Baby hatten ihre Eltern sie in ein winziges Schornsteinfegerkostüm gesteckt und sie mitgenommen zu Hochzeitsfeiern, wo unzählige Bräute sie geküsst hatten, weil sie glaubten, das würde Glück bringen.

Ihrem Bruder Jack war es nicht anders ergangen. Auch jetzt noch – er war inzwischen dreiundzwanzig und ein attraktiver junger Mann mit dunklen Augen und Locken – leuchtete es in den Mienen der Damen auf, wenn er in seiner Schornsteinfeger-Sonntagskleidung erschien. Sie schämten sich nicht, ihn vor aller Augen zu küssen. Schließlich taten sie es – angeblich – nur, um ihr zukünftiges Glück zu sichern. Jemima allerdings zweifelte nicht daran, dass Jack das eine oder andere unzüchtige Angebot erhalten und angenommen hatte. Offenbar fanden Damen aus den besten Kreisen es sehr reizvoll, sich heimlich mit gut aussehenden Handwerkern einzulassen.

Natürlich hatte auch Jemima eine ganze Reihe solcher Angebote von Gentlemen aller Altersgruppen erhalten. Mit einem charmanten Lächeln und ein paar freundlichen Worten hatte sie sie abgewiesen. Dabei war ihr meist eher danach zumute gewesen, die betreffenden Herren zu schlagen und zu treten, und zwar dorthin, wo es wirklich wehtat. Sie hasste es, wie eine käufliche Frau behandelt zu werden.

„Nimmt Vater auch Sooty mit?“, fragte sie ihren Bruder.

„Aber sicher! Du weißt doch, dass die meisten Menschen davon überzeugt sind, dass eine schwarze Katze ihnen Glück bringt.“

„Wie kann man nur so einen Unsinn glauben!“

„Eigentlich solltest du dich über die Dummheit der Leute freuen. Schließlich verdienen wir damit gutes Geld. Und es ist eine viel angenehmere Arbeit, als Schornsteine sauber zu machen.“

Jemima seufzte nur.

„Bei deiner eigenen Hochzeit kannst du ja auf den ganzen Hokuspokus verzichten.“

Einen Moment lang weiteten die Augen der jungen Frau sich vor Angst und Zorn. Gegen ihren Willen war sie vor zwei Jahren verlobt worden. Jim Veale, ihr Bräutigam, war, ebenso wie ihr Vater Alfred Jewell, ein erfolgreicher Schornsteinfeger. Deshalb vertraten die Männer auch die Ansicht, dass es für alle Beteiligten eine vorteilhafte Verbindung sein würde.

„Ich werde nicht heiraten!“

„Papa wird dich dazu zwingen. Also finde dich besser damit ab, dass du Jims Frau wirst. Er ist kein schlechter Kerl.“

Unwillkürlich ballte Jemima die Hände zu Fäusten. Sie trat ans Fenster und starrte, ohne etwas wahrzunehmen, hinaus. Wie sehr wünschte sie, die Welt ändern zu können!

Schließlich sagte sie, ohne sich umzuwenden zu ihrem Bruder. „Und du wirst Jims Schwester heiraten. Ich hoffe, du wirst glücklich mit Mattie.“

„Bestimmt. Sie ist ein liebes Mädchen. Alle Veales sind irgendwie nett. Und viel gutherziger als zum Beispiel Papa. Bei Jim wirst du keine Hiebe bekommen, da bin ich mir ganz sicher.“

„Papa hat mich glücklicherweise nicht oft geschlagen. Aber ich weiß natürlich, dass ich das dir zu verdanken habe. Du hast mich, wann immer du konntest, vor seinem Zorn beschützt.“

„Ich war älter und kräftiger als du. Ich konnte die Prügel leichter ertragen.“

Jemima wandte sich um und lächelte ihrem Bruder zu. Einen Moment lang herrschte Frieden und Einverständnis zwischen ihnen. Doch dann sagte die junge Frau: „Schade, dass du mir diesmal nicht helfen kannst oder willst …“

Jack hob die Brauen. „Manchmal wünschte ich wirklich, Papa hätte dich nicht auf diese Schule geschickt.“

„Du meinst, dass ich deshalb mehr verlange, als mir aufgrund meiner gesellschaftlichen Stellung zusteht?“

„Ich meine, dass du deshalb unglücklicher bist, als du es ohne diese sogenannte Bildung wärest.“

Dem konnte Jemima nicht widersprechen. Seit sie das Mädchenpensionat verlassen hatte, fühlte sie sich nirgends mehr wirklich zugehörig. Gelegentlich kam sie sich vor wie ein eckiger Würfel, der in ein rundes Loch hineingezwungen werden sollte. Ihr tatsächliches Leben und ihre Erwartungen passten nicht mehr zusammen.

Von diesem Blickwinkel aus betrachtet, war ihr Dasein einfacher gewesen, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, das in die Kamine klettern musste. Sie hatte diese Arbeit gehasst und gefürchtet, aber sie war davon überzeugt gewesen, keine andere Wahl zu haben. Also hatte sie sich mit der Realität abgefunden.

Irgendwann hatte ihr Vater, ein ehrgeiziger und geschäftstüchtiger Mann, genug Geld verdient, um einen Schornsteinfegerburschen einstellen zu können. Daraufhin hatte er seine Tochter auf Mrs Elizabeth Montagus Schule geschickt. Mrs Montagu war bekannt für ihre Gelehrsamkeit und ihr soziales Engagement. Eine ihrer Aufgaben hatte sie darin gesehen, die Kinder von Schornsteinfegern und anderen Handwerkern in eigens dazu von ihr gegründeten Schulen zu unterrichten.

Jemima liebte es zu lernen. Sie besaß eine rasche Auffassungsgabe und war zudem so fleißig, dass ihre Begabung auffiel. Mrs Montagu bot Alfred Jewell an, seine Tochter mit einem Stipendium in das Mädchenpensionat von Strawberry Hill zu schicken. Jewell nahm an. Er war stolz darauf, als einfacher Handwerker eine Tochter zu haben, die gemeinsam mit gesellschaftlich weit höher stehenden Mädchen erzogen wurde.

Es dauerte lange, bis er erkannte, dass sich nicht alles so vorteilhaft gestaltete, wie er angenommen hatte. Irgendwann musste er sich eingestehen, dass er einen Fehler gemacht hatte. Jemima hatte sich auf eine Art verändert, die er nicht verstand und nicht gutheißen konnte. Doch da war es bereits zu spät, um diese Entwicklung aufzuhalten. Seine Tochter hatte gelernt, sich wie eine junge Dame zu benehmen. Aber das würde ihr nicht helfen, sich in das Leben als Gattin eines Schornsteinfegers zu finden. Nur gut, dass Jim Veale trotzdem bereit war, sie zu ehelichen!

All diese Probleme waren auch Jack bewusst. Er erhob sich und trat neben Jemima. Von plötzlichem Mitleid überkommen, schloss er seine Schwester in die Arme. „Ich mag dich sehr, Kleines“, flüsterte er ihr zu.

Einen Moment lang fühlte sie sich bei ihrem Bruder unbeschwert und geborgen.

Dann sagte Jack: „Du würdest am liebsten gar nicht heiraten, nicht wahr? Aber was würdest du tun, wenn du nicht für eine Familie sorgen müsstest?“

„Ich würde viel lesen. Ich würde zu Ausstellungen und wissenschaftlichen Vorträgen gehen. Ich würde Klavier spielen und …“

„… und dich bald langweilen.“ Er hatte sie losgelassen und schaute ihr lachend in die Augen. „Du gehörst nicht zu den Menschen, die ein Leben in Müßiggang genießen können.“

„Nun, ich könnte meine musikalische Begabung beruflich nutzen.“

„Unsinn. Als Musikerin aufzutreten ist keine achtbare Tätigkeit.“

„Aber die Gattin eine Schornsteinfegers zu werden ist etwas Achtbares?“

„Natürlich. Alle Frauen sollten heiraten.“

„Oh nein!“ Jemimas Augen leuchteten zornig auf. „Ich finde es gut, dass es Lehrerinnen und Gouvernanten gibt, die …“

„… die wahrscheinlich viel lieber einen Ehemann hätten, der für sie sorgt“, unterbrach ihr Bruder sie.

„Ich jedenfalls möchte keinen Ehemann haben!“

Jack stieß einen tiefen Seufzer aus. „Du weißt, dass du keine Wahl hast, Kleines. Und ich hoffe sehr, dass du bald zur Vernunft kommst. Ich darf mir gar nicht ausmalen, wie Vater reagieren würde, wenn du es wagen solltest, dich seinen Plänen zu widersetzen. Du wirst dich doch nicht weigern, Jim Veale zu heiraten?“

Sie senkte den Kopf. „Nein, ich werde mich nicht weigern.“

Robert Selborne war, wie es seiner Gewohnheit entsprach, früh aufgestanden. Er hatte, während die meisten Mitglieder der guten Gesellschaft noch tief schliefen, einen langen Spaziergang im Park unternommen, um sich innerlich auf das vorzubereiten, was ihn erwartete: die Brautschau auf der Hochzeitsfeier seiner Cousine Anne.

Am Tag zuvor hatte er zum ersten Mal seit seiner Rückkehr von Spanien Kontakt zu seiner Familie aufgenommen. Nach dem Gespräch mit Churchward hatte er Annes Mutter aufgesucht, um ihr mitzuteilen, dass er wieder im Land weilte und sich freuen würde, zu den Hochzeitgästen zu zählen.

Zu seinem heimlichen Entsetzen hatte er erfahren, dass nur eine kleine Feier geplant war. Seine Tante hatte ihm erklärt, dass Anne und ihr Bräutigam auf einer raschen Eheschließung bestanden hätten. „Natürlich müssen wir nun darauf Rücksicht nehmen, dass dein Vater und deine Großmutter erst vor einigen Monaten dahingeschieden sind. Niemand hätte Verständnis dafür, wenn wir während des Trauerjahrs ein großes Fest gäben.“

Tatsächlich fand die Trauung – wie Robert feststellen musste, als er die Kirche betrat – im kleinsten Kreis statt. Die meisten Bänke waren leer. Robert schaute sich mit wachsender Sorge um. Und als gleich darauf sein Cousin Ferdie Selborne sich neben ihm niederließ, fragte er flüsternd: „Das kann doch nicht die ganze Hochzeitsgesellschaft sein?“

„Doch. Mama hat darauf bestanden, nur die engsten Angehörigen einzuladen.“

„Fünfzig Leute etwa?“

„Eher vierzig.“

Robert unterdrückte ein Stöhnen. Von vierzig Gästen mochte etwa die Hälfte weiblich sein, davon vielleicht ein Drittel noch ledig. Sieben junge Damen also, die zur Auswahl standen? Nein, das war falsch, denn bei den Selbornes hatte es stets mehr Söhne als Töchter gegeben. Seine Tante Clarissa beispielsweise hatte fünf Söhne, aber keine einzige Tochter. Andererseits würde es Brautjungfern geben. Man durfte also die Hoffnung noch nicht aufgeben.

Wenig später spürte er, wie Verzweiflung sich in ihm ausbreitete. Drei der Brautjungfern gingen zweifellos noch zur Schule. Die vierte war seine Cousine Augusta Selborne. Alle anderen anwesenden Damen waren, mit einer Ausnahme, längst über das heiratsfähige Alter hinaus. Die Ausnahme bildete Lady Caroline Spencer, die – wie jedermann wusste – eine leichtlebige Frau war. Warum, um Himmels willen, hatte man sie überhaupt eingeladen? Im Allgemeinen blieb sie wegen ihres schlechten Rufs von allen vornehmen Gesellschaften ausgeschlossen.

Nach der Trauung, die der Pastor mit der gebührenden Feierlichkeit vollzog, schritt das Brautpaar den Gästen voraus zum Ausgang. Robert, der es nicht eilig hatte, die Kirche zu verlassen, trat gerade aus der Tür, als ein hübscher, traditionell gekleideter Schornsteinfeger die frischgebackene Ehefrau in die Arme schloss und ihr einen herzhaften Kuss gab.

Ich könnte wahrhaftig auch etwas Glück gebrauchen, fuhr es Robert durch den Kopf, aber von einem Mann würde ich mich deshalb wohl doch nicht küssen lassen.

Dann bemerkte er, dass der Schornsteinfeger offenbar seine Gattin mitgebracht hatte. Eine junge Frau in glänzendem schwarzen Rock, weißer Bluse und dunklem Spenzerjäckchen stand am Rand der Menge, die sich um das Brautpaar versammelt hatte. Sie hatte kohlschwarzes Haar sowie eine zierliche und dabei gleichzeitig überaus weibliche Figur. Ihr Rock war ein bisschen kurz und gab den Blick auf ein paar hübsche Fesseln frei. In diesem Moment wandte sie sich um, sodass Robert ihr ovales Gesicht, die großen, weit auseinander stehenden Augen und die überraschend helle Haut sehen konnte.

Ohne sich über seine Beweggründe Rechenschaft abzulegen, machte er sich auf den Weg zu ihr. Als er noch vier oder fünf Schritte von ihr entfernt war, wurde ihm klar, dass sie kleiner war, als er angenommen hatte. Sie reichte ihm kaum bis zur Schulter, und vermutlich hätte er ihre Taille mit seinen Händen umspannen können.

Jemima hatte mit einem amüsierten Lächeln beobachtet, wie die Braut strahlte, als Jack sie in die Arme schloss und küsste. Wahrhaftig, das Dummerchen sah aus, als sei es eher in den schmucken Schornsteinfeger verliebt als in den eigenen Ehemann! Nun ja, Jack war wirklich auffallend attraktiv. Kein Wunder, dass es immer wieder Damen aus den besten Kreisen gab, die seine zupackende männliche Art der farblosen Vornehmheit gewisser Gentlemen vorzogen und es genossen, mit ihm zu flirten!

Ein Schauer überlief sie. Und im gleichen Moment wurde ihr klar, dass er nichts mit ihren Überlegungen zu tun hatte. Irgendjemand schaute sie an!

Sie wandte den Kopf und bemerkte einen Gentleman, der ganz und gar nicht zu der farblosen Sorte gehörte. Seine Schultern waren beinahe genauso breit wie die ihres Bruders. Sein gebräuntes Gesicht trug einen entschlossenen Ausdruck, und sein kastanienfarbenes Haar glänzte im Sonnenlicht.

Er kam auf sie zu. Und ihr Herz machte einen Sprung.

Dann stand er auch schon vor ihr. In der Hand hielt er eine Goldguinee. „Ich brauche dringend ein bisschen Glück“, sagte er und hielt ihr das Geldstück hin. „Würden Sie diese Münze gegen einen Kuss tauschen?“

2. KAPITEL

Zu ihrem Entsetzen brachte Jemima kein Wort über die Lippen. Stumm bot sie dem Fremden die Wange zum Kuss. Er jedoch beugte sich lächelnd zu ihr hinab und drückte seine Lippen einen Moment lang fest auf die ihren. Unwillkürlich schloss sie die Augen.

„Ich fürchte, das muss reichen.“ Seine Stimme, angenehm tief und warm, holte sie in die Gegenwart zurück. „Schließlich möchte ich Ihren Gatten nicht verärgern.“

Sie ließ sich nicht anmerken, wie sehr sein Kuss sie erschüttert hatte, sondern erklärte ruhig: „Ich bin mit meinem Bruder Jack hier.“

Das war, wie sie sogleich erfahren sollte, ein Fehler. Der Gentleman nämlich beugte sich erneut zu ihr hinunter und meinte: „Dann steht mir für die Guinee wohl noch etwas mehr zu!“ Und schon küsste er sie noch einmal.

Diesmal wurde ihr schwindlig, und sie musste sich an seiner Schulter festhalten. Es war ein langer, sinnlicher Kuss, eine Liebkosung, die seltsame Empfindungen in Jemima weckte und sie alles um sich her vergessen ließ.

Dabei gehörte sie durchaus nicht zu jenen jungen Frauen, die man während ihres Heranwachsens so streng behütet hatte, dass sie mit einundzwanzig noch über keinerlei Kenntnis der geschlechtlichen Dinge verfügten. Sie hatte einen großen Teil ihrer Kindheit auf der Straße verbracht. Sie hatte viel gesehen und, da sie klug war, ihre Schlüsse daraus gezogen. Sie machte sich keine Illusionen über die romantische Liebe, denn ihrer Meinung nach es gab mehr als genug Beweise dafür, dass es in der Beziehung zwischen Männern und Frauen meist um Geld oder Lust ging.

Wenn doch einmal jemand in tiefen Gefühlen entbrannte, so wurde er – oder sie – dadurch nur angreifbar und verletzlich. Auch dafür gab es Beweise. Man musste sich nur die Geschichte von Jack und Beth in Erinnerung rufen. Die beiden hatten sich aufrichtig geliebt. Doch Beth war im Kindbett gestorben, und ihre Tochter wuchs bei fremden Menschen auf. Jack war damals völlig verzweifelt gewesen …

Aufgrund dieser Erfahrungen war Jemima stets der Meinung gewesen, Liebe sei nichts für sie. Jetzt allerdings, da der Kuss dieses Fremden sie so völlig ihres inneren Gleichgewichts beraubte, ahnte sie, dass die Liebe eine Macht war, die man nicht unterschätzen durfte.

Abrupt stieß sie den Gentleman von sich. Er gab ihre Lippen frei. Unter ihrer flach auf der Brust des Mannes liegenden Hand spürte sie deutlich, wie heftig sein Herz schlug. Auch ihr Puls raste. Dies alles war wirklich sehr verwirrend!

„Sie sind unbescheiden“, brachte Jemima schließlich hervor. Es gelang ihr sogar, ihrer Stimme einen kühlen, abweisenden Klang zu verleihen. „Sie verlangen nach zu viel Glück.“

Roberts Augen blitzten auf. „Nanu, Sie hören sich ja plötzlich an wie eine Dame.“

Einen Moment lang zögerte sie. Himmel, es wäre dumm, sich einem völlig Unbekannten anzuvertrauen! Und dennoch …

Ehe sie eine Entscheidung treffen konnte, sagte eine weibliche Stimme dicht hinter ihr: „Robert, wie schön, dass du kommen konntest. Aber du bist doch wohl nicht hier, um mit einem Schornsteinfegermädchen zu flirten?“ Eine elegante junge Frau schob sich zwischen Jemima und Lord Selborne und bot ihm ihre gepuderte Wange zum Kuss.

„Guten Tag, Cousine Augusta.“ Seine eben noch warme Stimme wirkte plötzlich kalt.

Jemima runzelte unwillkürlich die Stirn. Diese Person gefiel ihr nicht! Überhaupt war die Situation unerträglich!

Das schien auch Jack zu finden. Er stand plötzlich neben seiner Schwester und fragte leise: „Alles in Ordnung? Der Kerl hat dich doch hoffentlich nicht belästigt?“

„Nein, nein.“ Sie legte die Hand auf Jacks Arm. „Lass uns gehen. Wir haben unsere Pflicht erfüllt.“

Doch Alfred Jewell hinderte sie daran. Als habe er ihre Absicht erahnt, stellte er sich ihnen in den Weg. „Man hat uns für den ganzen Tag eingestellt. Jetzt geht es zum Hochzeitsfrühstück, und dann wird getanzt.“

Jemima und Jack wechselten einen Blick. Beide wussten: Es gab kein Entkommen.

Augusta schien zu spüren, dass sie ihren Cousin irgendwie verärgert hatte. Also leistete sie ihm nicht lange Gesellschaft, sondern schloss sich einer anderen, besser gelaunten Gruppe von Hochzeitsgästen an. Sogleich schaute Robert sich nach der hübschen Schornsteinfegerin um. Doch er konnte sie nirgends entdecken.

Bei Jupiter, der Kuss hatte ihn zutiefst aufgewühlt. Er hatte sich seltsam leicht gefühlt und gleichzeitig das Bedürfnis verspürt, diese ihm völlig unbekannte junge Frau zu schützen. Ein Geheimnis schien sie zu umgeben …

In diesem Moment fiel ihm ein Blatt Papier ins Auge, das auf dem Boden lag. Er bückte sich danach und stellte zu seiner Überraschung fest, dass es eine Art Reklamezettel war. Alfred Jewell, stand da, Great Portland Street 3, Schornsteinfegermeister, behebt alle Schwierigkeiten, die Ihr Kamin Ihnen macht.

Er kam nicht dazu, weiter darüber nachzugrübeln, denn jetzt gesellten sich Ferdie Selborne und Bertie Pershore zu ihm. „Was ist los mit dir, alter Junge?“, wollte Ersterer wissen. „Du stehst hier wie angewachsen, während alle anderen sich schon auf den Weg zum Hochzeitsfrühstück machen. Na los, komm schon! Man wartet auf uns!“

Das Frühstück verlief in lockerer Stimmung. Dann begann der Tanz. Robert Selborne hatte heimlich immer wieder nach der jungen Schornsteinfegerin Ausschau gehalten. Aber sie war nicht da. Tatsächlich saß sie mit ihrem Bruder und ihrem Vater in der Küche des Selborneschen Hauses und wartete darauf, dass die durch die Feierlichkeiten überlasteten Dienstboten Zeit fanden, ihr auch eine Kleinigkeit zu servieren.

Nachdem sie sich schließlich gestärkt hatten, erklärte ihr Vater: „Zeit, zu tanzen!“

Sie kannte die Prozedur: Jeder der männlichen Gäste schien darauf zu brennen, mit ihr zu tanzen und sich hier und da kleine Freiheiten herauszunehmen. Sie hasste diese unauffälligen Zudringlichkeiten. Aber sie musste sie ertragen. Es gehörte zu ihren Pflichten. Sie war froh, als sie endlich eine Gelegenheit fand, sich aus dem Saal zu stehlen.

Auf der Terrasse war es kühl. Man konnte den nahen Fluss riechen und die von ihm aufsteigende Feuchtigkeit spüren. Die Musik war hier nur ganz leise zu hören. Jemima atmete ein paarmal tief durch.

„Sie wollen auch ein bisschen frische Luft schnappen?“

Da sie nicht bemerkt hatte, dass noch jemand anwesend war, fuhr sie zusammen, obwohl sie die Stimme sofort erkannte. Es war der Gentleman, dessen Kuss sie so aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Inzwischen wusste sie, dass es sich um den Earl of Selborne, den Cousin der Braut, handelte. Sowohl in der Küche als auch im Festsaal war viel über ihn gesprochen worden. Offenbar war er erst kürzlich aus Spanien zurückgekehrt, wo er gegen Napoleon gekämpft hatte.

Jemima drehte sich zu ihm um. Er lächelte, und sogleich überlief sie ein heißer Schauer. Himmel, warum fühlte sie sich bloß so heftig zu ihm hingezogen? Er war gefährlich, das hatte sie mittlerweile begriffen. Entschlossen wandte sie sich zur Tür. „Verzeihen Sie, Mylord. Ich wollte Sie nicht in Ihrer Einsamkeit stören.“

„Bitte bleiben Sie doch! Sie stören mich überhaupt nicht. Ich genieße nur ein wenig die Aussicht. Dies alles hier“ – mit einer weit ausholenden Geste wies er auf den Garten – „ist so typisch englisch. Ich war lange fort und hatte beinahe vergessen, wie schön es daheim ist.“

„Es ist wirklich hübsch.“

„Möchten Sie etwas trinken?“

Erst jetzt bemerkte sie, dass er eine Flasche in der Hand hielt. Er reichte sie ihr, und, ohne sich über das Fehlen eines Glases zu beschweren, nahm Jemima einen Schluck. „Portwein“, stellte sie mit leichter Ironie fest, „genau das richtige Getränk für einen Spätsommertag.“

Er seufzte auf. „Ein sonniger Tag in London … Was könnte sich ein Mann mehr wünschen?“

Sein Ton weckte ihre Neugier. „Das hört sich beinahe so an, als wären Sie der Stadt überdrüssig.“

„Nein, Miss Jewell, London wird niemals seinen Reiz für mich verlieren. Allerdings muss ich zugeben, dass ich im Allgemeinen das Landleben vorziehe.“

Es wunderte sie, dass er ihren Namen kannte.

„Sind Sie der Stadt überdrüssig?“, fuhr er fort. „Ich vermute, Sie kennen sie von einer anderen Seite als ich.“

„Wie wahr!“ Sie lächelte. „Ich habe so viele Londoner Kamine von innen gesehen, dass es mir für den Rest meines Lebens genügt.“

Er begann zu lachen. „Und wie steht es um Hochzeiten? Haben Sie davon auch schon so viele erlebt, dass Sie genug davon haben?“

„Oh, glauben Sie, dass ich mich beim Tanzen nicht amüsiert habe?“

„Ich habe Ihnen zugesehen. Ihr Mund hat gelächelt, aber Ihre Augen …“

Bei seinen Worten überlief sie erneut ein Schauer. „Sie haben mich beobachtet?“

„Sie sind eine attraktive Frau, Miss Jewell. Die meisten der anwesenden Männer haben Sie beobachtet. Aber ich denke“, fügte er beruhigend hinzu, „dass niemand außer mir Ihre Unzufriedenheit bemerkt hat.“

Ihr Herz klopfte heftig. Dieser Gentleman war wirklich gefährlich! Am besten wäre es zweifellos, ins Haus zurückzugehen. Stattdessen sagte sie: „Es erstaunt mich, dass Sie Zeit hatten, mir so viel Aufmerksamkeit zu schenken, wo sich doch diese charmante Brautjungfer so um Sie bemüht hat.“

„Wie Sie sehen, habe ich es vorgezogen, nicht zu viel Zeit in ihrer Gesellschaft zu verbringen.“

Jemima musterte aufmerksam sein Gesicht. „Ich habe zufällig mitbekommen, wie einige der Gäste sich über Sie unterhielten. Man war der Meinung, dass Sie bald heiraten würden, und zwar höchstwahrscheinlich niemand anderen als besagte junge Dame. Es hörte sich für mich so an, als hätten Sie kaum eine andere Wahl.“

„Ach?“ Unbehaglich zupfte Robert Selborne an seinem kunstvoll gebundenen Krawattentuch. Doch schon hatte er sich wieder vollkommen in der Gewalt. „Wie seltsam, dass man darüber spricht. Es hat vermutlich mit dem Letzten Willen meines Vaters zu tun. Aber ich habe geglaubt, bisher sei niemand darüber informiert.“

„Eine testamentarische Bestimmung? Wie aufregend!“

„Aufregend? Nun ja … Mein Vater hat festgelegt, dass ich eine der Frauen ehelichen muss, die an dieser Hochzeitsfeier teilnehmen. Anderenfalls fällt das Vermögen, das ich benötige, um mein ererbtes Landgut vor dem Ruin zu retten, einem anderen zu.“

„Oh … Und Sie beabsichtigen nun, sich mit der reizenden Brautjungfer zu vermählen?“

„Sie ist meine Cousine, und, wie ich sehr wohl weiß, überhaupt nicht reizend. Wenn ich es irgendwie vermeiden kann, werde ich Sie nicht heiraten.“ Er seufzte auf. „Vielleicht stelle ich ja zu hohe Ansprüche … Können Sie mir nicht einen Rat geben, Miss Jewell?“

„Ich? Du liebe Güte!“ Sie runzelte die Stirn. „Sie meinen in Bezug auf eine mehr oder weniger unfreiwillige Eheschließung? Nun, vermutlich würde ich mich für denjenigen entscheiden, der mich am wenigsten langweilt. Schließlich kann eine Ehe vierzig oder gar mehr Jahre währen. Da ist es schon von Vorteil, wenn das Interesse für den Partner wach bleibt, nicht wahr?“

„Richtig. Aber was ist mit der Liebe?“

Jetzt zuckte sie die Schultern. „Ich bin nicht romantisch.“

„Dann haben Sie also nichts für all die wunderschönen Verse übrig, in denen unsere großen Dichter das Glück der Liebenden besungen haben?“

„Sie vergessen den Schmerz unerwiderter Liebe, der mindestens ebenso häufig Thema solcher Poesie ist.“

Nachdenklich musterte er ihr Gesicht. „Sprechen Sie, was den Schmerz betrifft, aus Erfahrung?“

„Nein. Allerdings habe ich oft genug beobachtet, welches Unglück die Liebe über die Menschen bringen kann. Man denke nur an Romeo und Julia.“

Robert ergriff ihre Hand. „Wie seltsam: Sie lehnen die Liebe ab und küssen doch wie ein Engel.“

„Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun!“ Sie entzog ihm ihre Finger. Aber sie konnte nicht verhindern, dass ihr eine feine Röte ins Gesicht stieg. Die Erinnerung an den Kuss wühlte sie auf.

„Bitte erklären Sie mir, was Sie meinen!“

„Wie man küsst, hängt mit der Anziehungskraft des anderen zusammen. Es ist ein Ausdruck körperlichen Verlangens. Es ist gefährlich …“

„Gefährlich?“

Er beugte sich zu ihr herab, und sie spürte, wie ihr Mund trocken wurde. Sie schluckte. Dieser attraktive Mann war ihr eindeutig viel zu nahe! Entschlossen trat sie einen Schritt zurück. „Entschuldigen Sie mich, Mylord. Ich habe meine Pflichten vernachlässigt. Ich bin hier, um auf der Feier zu tanzen.“

„Es gehört auch zu Ihren Aufgaben, sich küssen zu lassen, um den Menschen Glück zu bringen.“

„Nur direkt im Anschluss an die Trauung.“

„Ja, da haben Sie sich von mir küssen lassen.“ Er lächelte. „Und es hat Ihnen gefallen, nicht wahr?“

Sie schluckte erneut. Dann entschied sie sich, ehrlich zu antworten. „Ja, ich mochte es. Trotzdem werde ich Ihnen keine weiteren Küsse gestatten.“

„Sie könnten sich stattdessen noch etwas mit mir unterhalten.“

„Worüber?“, gab sie abweisend zurück.

„Zum Beispiel darüber, woher Sie Shakespeare kennen und warum Sie sich ausdrücken können wie eine Dame.“

Sie warf ihm einen zornigen Blick zu. Und er begriff sofort. „Verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht kränken. Tatsächlich gehöre ich nicht zu den Menschen, die glauben, nur Mitglieder der sogenannten guten Gesellschaft könnten sich edel, von untadeliger Moral und gebildet zeigen.“

Seine Worte brachten ihm ein strahlendes Lächeln von Jemima ein. „Nun, als Tochter eines Schornsteinfegers gehöre ich bestimmt nicht zur vornehmen Gesellschaft. Allerdings hatte ich das Glück, Mrs Elizabeth Montagus Schule und anschließend das Mädchenpensionat von Strawberry Hill zu besuchen. Wenn ich will, kann ich mich wie eine Duchess benehmen.“

Robert stieß einen Pfiff aus. „Sie hatten ein Stipendium?“

Obwohl er damit seine Überzeugung zum Ausdruck brachte, dass ihr Vater das Schulgeld nicht hatte aufbringen wollen oder können, reagierte sie nicht beleidigt, vermutlich, weil sein Ton so viel Anerkennung zum Ausdruck brachte.

„Ja, aber das macht mich nicht zu einer Dame von Stand …“

Er wollte ihr widersprechen, doch sie kam ihm zuvor. „Sie sehen ja, ich werde dafür bezahlt, dass ich auf den Hochzeiten der Vornehmen tanze und den Gästen gestatte, mich zu küssen.“

„Ich wünschte, Sie würden es mir noch einmal erlauben.“

Sie schüttelte den Kopf und wechselte vorsichtshalber das Thema. „Sie waren lange im Ausland. Ist es da nicht schwierig, sich wieder an das Leben in England zu gewöhnen?“

„In gewisser Weise schon … Als ich zurückkam, musste ich feststellen, dass es manches, für das ich gekämpft hatte, nicht mehr gab. Schlimmer jedoch war, dass viele der Menschen, denen ich nahegestanden hatte, nicht mehr lebten. Mehrere Mitglieder meiner Familie sind im letzten Winter einer Grippe-Epidemie zum Opfer gefallen.“

Voller Mitgefühl legte Jemima ihm die Hand auf den Arm. „Das tut mir sehr leid.“

Seine Finger schlossen sich um ihre Hand, und sie spürte, wie er begann, sie sanft zu streicheln. Ein wunderbares Wohlbehagen durchströmte sie. Gleichzeitig war ihr bewusst, dass es Wahnsinn war, was sie tat.

Als er sich zu ihr herabbeugte, schaute sie ihm fest in die Augen. Einerseits wollte sie nicht, dass er sie küsste. Andererseits wünschte sie es sich von ganzem Herzen. Es war verrückt. Sie musste den Verstand verloren haben.

„Werden Sie mich abweisen, wenn ich Sie um einen weiteren Kuss bitte?“, fragte er leise.

„Sehr wahrscheinlich.“ Ihre Stimme bebte ein bisschen, und in ihrem Bauch tanzten Schmetterlinge. „Brauchen Sie denn wirklich noch mehr Glück?“

„Viel mehr. Aber das ist nicht der Grund, warum ich Sie küssen möchte.“

In seinen Augen lag ein Ausdruck, der Jemima faszinierte – und erschreckte. Ihre Knie wurden weich. Oh Gott, dieser Mann war gefährlich! In seinen Armen würde sie Erfüllung finden, das spürte sie. Aber er musste heiraten. Er suchte eine Gattin. Und das war gewiss nicht die Rolle, die er ihr zugedacht hatte. Seine Mätresse allerdings wollte sie nicht werden!

Abrupt wandte sie sich von ihm ab. „Ich fürchte, mein Vater vermisst mich bereits. Ich muss zurück in den Festsaal!“

„Miss Jewell?“

„Lord Selborne?“

Ihr kühler Ton reichte aus, um ihn zur Besinnung zu bringen. „Auf Wiedersehen! Ich wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute und viel Glück.“

„Das wünsche ich Ihnen auch.“

„Mit meiner Cousine als Gattin?“

„Nein!“ Sie brachte es nicht übers Herz zu lügen. „Ich fürchte, die junge Dame würde Sie innerhalb weniger Monate in den Wahnsinn treiben!“ Damit floh sie ins Haus.

Robert Selborne erwachte schweißnass und mit heftig klopfendem Herzen aus einem Albtraum. Auch jetzt noch sah er die schrecklichen Bilder des Krieges vor sich. Spürte das Entsetzen darüber, dass er das zierliche schwarzhaarige Mädchen nicht hatte retten können. Hörte Kanonendonner und menschliche Schreie. Aber er wusste, dass es vorbei war. Er war wieder in England. Der Kampf gegen Napoleon wurde Hunderte von Meilen entfernt geführt.

Er zwang sich, tief und gleichmäßig zu atmen, und nach und nach verblassten die schrecklichen Eindrücke. Robert erhob sich, schlüpfte in seinen Morgenmantel und trat zum Fenster. Es dämmerte, und auf den Straßen waren bereits die ersten Händler unterwegs. London war eine sehr lebendige Stadt.

Trotzdem verspürte er eine heftige Sehnsucht nach Delaval. Er hatte den Besitz seiner Familie immer geliebt. Und von jeher hatte er das Leben auf dem Lande dem in der Stadt vorgezogen. Er freute sich auf die harte Arbeit, die ihn daheim erwartete. Wenn Delaval wirklich so verwahrlost war, wie Churchward behauptet hatte, dann würde nicht nur Geld nötig sein, um es herzurichten. Es würde viel Mühe kosten, das Haus wieder bewohnbar und das Land fruchtbar zu machen. Nun, er brannte darauf, zu beginnen. Zuerst allerdings galt es, eine Gattin zu finden.

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als ihm einfiel, dass Miss Jewell ihm geraten hatte, die Frau zu wählen, die ihn am wenigsten langweilte. Tatsächlich war unter den Damen, die an der Hochzeitsfeier seiner Cousine Anne teilgenommen hatten, nicht eine gewesen, die ihm auch nur im Entferntesten interessant erschienen war. Wohingegen die hübsche Schornsteinfegerin überaus faszinierend auf ihn gewirkt hatte …

Ein Gedanke begann sich in seinem Kopf zu formen.

„Ich kann nicht!“, rief Jemima.

Obwohl sie Jack versprochen hatte, sich dem Willen ihres Vaters zu beugen, hatte sie in letzter Minute festgestellt, dass es ihr unmöglich war, ihre Zustimmung zu der Hochzeit mit Jim Veale zu geben.

„Ich kann nicht“, wiederholte sie mit ruhigerer Stimme.

Sie saß mit ihren Eltern im Salon des von Wohlstand zeugenden Hauses in der Great Portland Street. Es war ein mit Möbeln und Nippes überladener Raum. Manchmal dachte Jemima, dass die Sammelleidenschaft ihrer Mutter schon beinahe krankhaft war. Ihr Vater schien ähnliche Gedanken zu hegen. Jedenfalls sah man ihm an, dass er sich in dem Zimmer nicht wirklich wohlfühlte. Und wie hatte Mrs Montagu gesagt? „Weniger ist manchmal mehr. Am elegantesten wirkt häufig das, was am einfachsten ist. Das gilt für die Kleidung einer Dame ebenso wie für die Einrichtung eines Hauses.“

Alfred Jewells Gesicht hatte sich vor Zorn über die Widerspenstigkeit seiner Tochter gerötet. Aber noch gelang es ihm, seine Wut zu zügeln. „Du kannst ihn nicht heiraten? Was soll das heißen? Natürlich kannst du. Und du wirst es auch tun. Und zwar noch in diesem Monat.“

Jemima, die auf dem Sofa saß, schüttelte stumm den Kopf.

„Kind“, hörte sie ihre Mutter flüstern, „du musst deinem Vater gehorchen.“

Es war nicht anders zu erwarten gewesen. Noch nie hatte Mrs Jewell es gewagt, Partei gegen ihren Gatten zu ergreifen, egal worum es ging. Und leider war auch Jack nicht da, um Jemima zu unterstützen. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als noch einmal einen Erklärungsversuch zu machen. „Ich weiß, dass Jim ein guter Mann ist“, begann sie zögernd. „Aber für mich ist er nicht der Richtige. An seiner Seite würde ich ersticken. Bitte, Papa, ich kann ihn wirklich nicht heiraten.“

„Unsinn!“, widersprach Jewell heftig.

Sie spürte, dass es sinnlos war. Er würde nicht verstehen, dass ihr vor einem Leben graute, in dem es keine Bücher, keine Musik, keine Gespräche gab, die sich mit etwas anderem als den häuslichen Problemen und dem Schornsteinfegerdasein beschäftigten. Als Mrs Veale würde sie vermutlich nie eine Kunstausstellung besuchen und höchstens einmal im Jahr ins Theater gehen, um sich ein leichtes Stück anzuschauen, das ihren Gatten zum Lachen und sie zum Gähnen brachte.

Alfred Jewell hatte sich aus seinem Sessel erhoben und war zum Sofa getreten. Er stand jetzt vor Jemima, ergriff ihre Schultern und schüttelte sie leicht. „Komm endlich zur Vernunft! Du bist die Tochter eines Handwerkers, und du wirst die Gattin eines Handwerkers sein. Du wirst deinen Mann nach bestem Können unterstützen. Zum Beispiel sollst du ihm beim Führen der Bücher behilflich sein. Deshalb habe ich dir erlaubt, diese Schule zu besuchen. Aber wenn ich geahnt hätte, welche Flausen man dir da in den Kopf setzt …“

„Lass mir doch wenigstens noch ein bisschen Zeit, Papa, ehe ich heiraten muss. Bitte!“

Er schüttelte sie heftiger, und seine Finger gruben sich in ihre Haut. „Du bist einundzwanzig!“, schrie er. „Manche halten dich bereits für eine alte Jungfer! Sei froh, dass Jim dich überhaupt noch will!“

Tränen stiegen ihr in die Augen.

„Hölle und Teufel, ich wünschte, ich hätte dir nicht erlaubt, all diesen Unsinn zu lernen. Bücher lesen, ha!“ Er wandte sich ab, griff nach einem Band, der auf dem Tisch lag – Jemimas Lieblingsroman, Castle Rackrent –, und warf ihn in den Kamin, wo er sofort Feuer fing. Dann drehte er sich wieder zu seiner Tochter um. „Du willst wie eine Dame reden und vornehm tun? Dummkopf! Du weißt genau, was deine Pflicht ist! Und ich werde dafür sorgen, dass du sie erfüllst!“

Jemima zwang sich, ruhig zu bleiben. Da ging ihre kostbare Lektüre in Flammen auf. Aber sie war daran nicht ganz unschuldig. Sie hätte ihren Vater eben nicht provozieren dürfen. Andererseits spürte sie ganz deutlich, dass sie niemals, niemals Jims Frau werden konnte. Was also sollte sie tun?

„Ich verstehe gar nicht, was du gegen Jim hast“, begann ihre Mutter mit leiser Stimme. „Er ist doch ein netter Kerl. Immer freundlich und gut gelaunt. Schon jetzt kann er dir ein bequemes Leben bieten. Er wird dich gut behandeln. Und wenn ihr erst Kinder habt, könnt ihr …“

„Sei still!“, schrie Alfred Jewell in diesem Moment. „Ihr verfluchten Weiber! Müsst ihr denn ständig schwatzen?“

Seine Gattin verstummte, und Jemima hielt den Atem an. Schon immer war ihr Vater jähzornig gewesen. Wenn er nur fluchte, konnte man von Glück reden. Denn leider neigte er auch zu Gewalttätigkeiten.

Jetzt schien er sich gerade in einen seiner berüchtigten Ausbrüche hineinzusteigern. „Und du“, brüllte er Jemima an, „wagst es, dich mir zu widersetzen?“ Er holte aus und schlug sie ins Gesicht.

Ihr Kopf flog zur Seite, und einen Moment lang tanzten Sterne vor ihren Augen. Trotzdem besaß sie die Geistesgegenwart, nach einem Kissen zu greifen und es schützend vor sich zu halten.

„Hast du das in dieser Schule gelernt?“ Ein neuer Schlag. „Hat man euch da beigebracht, die Eltern nicht zu achten?“ Jewell fasste nach dem Kissen, entriss es seiner Tochter und versetzte ihr eine so kräftige Ohrfeige, dass ihr Kopf gegen die hölzerne Lehne des Sofas knallte.

Jemima stieß einen schrillen Schrei aus. Oh Gott, dieser Schmerz! Einen Moment lang schien die Welt aus nichts anderem zu bestehen.

Es dauerte ein paar Augenblicke, ehe Jemima wieder hören und sehen konnte. Voller Entsetzen bemerkte sie, dass ihr Vater nun auf ihre Mutter eindrosch, die wimmernd auf der Erde lag.

Plötzlich schlug jemand gegen die Tür. Jewell ließ von seiner Frau ab und richtete sich auf.

Gerade als Jemima Hoffnung schöpfen wollte, machte er seinen ledernen Gürtel ab, holte aus – und traf. Ein brennender Schmerz durchfuhr die Schulter der jungen Frau. Sie schloss die Augen.

Robert Selborne wäre niemals auf die Idee gekommen, dass es schwierig sein könnte, Miss Jewell zu sprechen. Mithilfe des Werbezettels ihres Vaters fand er das Haus an der Great Portland Street problemlos, zumal es sich durch einen neben der Tür angebrachten vergoldeten Kaminkehrerbesen von den anderen abhob. Er stieg die Stufen zum Eingang hinauf und hob die Hand, um zu klopfen.

Erst jetzt fiel ihm ein, dass möglicherweise die ganze Familie daheim war. Auf keinen Fall wollte er sein Anliegen in Anwesenheit von Menschen vorbringen, die ihn vielleicht für verrückt erklären würden. Es war unumgänglich, zunächst mit Miss Jewell allein zu sprechen.

Er zögerte – und bemerkte, dass die Haustür nur angelehnt war. Im selben Moment hörte er von drinnen ein seltsames Krachen, dem ein Schmerzensschrei folgte.

Bei Jupiter, irgendetwas stimmte da nicht! Robert stieß die Tür auf und trat ein.

In der Eingangshalle empfing ihn ein verwirrendes Bild: Ein Dienstmädchen stand reglos inmitten der Raums. Es wimmerte vor sich hin und hatte die Schürze über den Kopf gezogen, als könne es sich so vor aller Welt verstecken. Auch Jack Jewell – Robert erkannte den Bruder der kleinen Schornsteinfegerin sofort – war da. Er bewegte sich schnell und zielstrebig. Er lief auf eine geschlossene Tür zu und warf sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen. Nichts passierte. Er stieß einen Fluch aus und wollte erneut Anlauf nehmen. Dann bemerkte er den Earl.

Von der anderen Seite der Tür her war ein klatschendes Geräusch zu vernehmen.

„Helfen Sie mir!“, forderte Jack den Besucher auf. „Sie ist dort drin!“

Es war keine weitere Erklärung nötig. Mit vereinten Kräften warfen die beiden Männer sich gegen die Tür.

Sie lag ausgestreckt auf dem Sofa, und irgendwer hatte ihr ein Kissen unter den Kopf geschoben. Außerdem kühlte ein feuchtes Tuch ihre schmerzende Stirn, und jemand hielt sanft ihre Hand.

Jemima nahm diese Dinge wahr, ohne sie wirklich zu begreifen. Sie fühlte sich krank. Ihre Glieder schmerzten, ihr Schädel dröhnte. Doch durch das Dröhnen war eine Stimme zu vernehmen. Eine männliche Stimme, die sich zugleich ruhig und befehlsgewohnt anhörte und die ihr irgendwie bekannt vorkam.

Vorsichtig öffnete sie die Augen.

Niemand anders als Robert Selborne saß neben ihr. Er betrachtete aufmerksam und besorgt ihr Gesicht. Als ihre Blicke sich trafen, begann er zu lächeln. Es war ein so zärtliches Lächeln, dass Jemima das Herz stehen bleiben wollte.

„Bleiben Sie ganz still liegen“, sagte er. „Sie haben nichts zu befürchten. Ihr Bruder hat Ihre Mutter nach oben begleitet und ist jetzt, wenn ich mich nicht täusche, mit Ihrem Vater im Hof. Anscheinend gibt es dort eine Pumpe, und kaltes Wasser hat schon viele Menschen wieder zur Vernunft gebracht.“

„Ich muss Mama helfen.“ Jemima versuchte sich aufzusetzen.

„Das Dienstmädchen ist bei ihr. Und ehe Sie irgendetwas tun, müssen wir klären, ob Sie verletzt sind.“

„Ich glaube …“ Sie unterbrach sich, weil auch die kleinste Bewegung schmerzte. Vergeblich bemühte Jemima sich, ein Stöhnen zu unterdrücken.

Roberts Miene wirkte plötzlich hart. Es kostete ihn nahezu übermenschliche Anstrengung, ruhig zu bleiben. Am liebsten hätte er sich auf Alfred Jewell gestürzt, um ihm eine Lektion zu erteilen, die er nicht so bald vergessen würde. Nur der Respekt, den er Jemima entgegenbrachte, hielt ihn davon ab. Er wollte die Tochter nicht kränken, indem er den Vater strafte. Sie musste auch so zutiefst beschämt sein, weil er Dinge über ihre Familie herausgefunden hatte, die kein Außenstehender je hätte erfahren sollen.

„Es tut mir so leid …“, murmelte sie.

„Es gibt nichts, was Ihnen leidtun müsste. Bitte sagen Sie mir nur, ob Sie verletzt sind.“

„Ich habe Kopfschmerzen“, gestand sie.

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