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HISTORICAL LORDS & LADIES BAND 38

PAULA MARSHALL

Das Testament des Earls

Nur wenn er heiratet, kann er die Erbschaft antreten? Dann nimmt Lord Devereux einfach die erstbeste, die ihm über den Weg läuft: Cassie, das Mündel seines Vaters. An einer Liebesbeziehung ist er sowieso nicht interessiert. Doch da hat er die Rechnung ohne seine Braut gemacht, die ihn schon bald mit ihren sinnlichen Reizen um den Verstand bringt …

JULIA BYRNE

Sie sollten heiraten, Mylord!

Was führt der mysteriöse Earl of Ravensdene nur im Schilde? Obwohl sie sich kaum kennen, spielt er sich auf, als wäre er Sarahs persönlicher Beschützer. Eigentlich müsste sie ihn scharf in seine Schranken weisen. Doch viel lieber würde sie sich an seine männliche Brust schmiegen und bei ihm die Sicherheit finden, nach der sie sich schon so lange sehnt!

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Das Testament des Earls

1. KAPITEL

Meine liebe Constantia, das sieht Papa ähnlich! Rücksichtslos im Leben, konnten wir nicht erwarten, dass er im Tod anders sein würde. Seinen Anwälten den Besitz treuhänderisch zu überlassen und dann sein Testament nach sechs Monaten verlesen zu lassen, damit Gelegenheit besteht, John aufzuspüren! Nun ist das halbe Jahr vorbei; das Testament soll heute verlesen werden, und alles ist noch ganz im Unklaren. Ich nehme an, von John gibt es keine Nachricht? Sinnlos, das zu erwarten. Ich bin erstaunt, dass Papa ihn nach allem, was vor zwölf Jahren geschah, finden will.“

Mrs Constantia Maxwell, die Schwester der Sprecherin – beide waren Töchter des letzten Earl of Devereux – war in Gegenwart von Amelia, Lady Thaxted, ihres älteren Zwillings, immer sehr scheu und antwortete so beschwichtigend, wie es ihr möglich war: „Ich bin sicher, es besteht kein Grund zur Sorge. Mein lieber Edward sagte, es sei in höchstem Maße unwahrscheinlich, dass John noch unter den Lebenden weilt. Da die Güter nicht festvererblich sind, hat Papa ihm gewiss nichts hinterlassen. Und da unser Bruder der letzte männliche Erbe war, ist der Titel, falls John tot ist, mit ihm ausgestorben.“

Lady Amelia warf sich ein wenig in Positur, während sie den beruhigenden Worten lauschte. Als Gattin eines außergewöhnlich reichen Peer, der indes nur Baron war, war sie überzeugt, ihr Vater habe das Testament so abgefasst, dass sie und nicht Constantia den Löwenanteil der einträglichen Lockhart-Besitzungen erben würde. Wenn das der Fall war, bedeutete das mit ziemlicher Sicherheit, dass der Titel des Earl of Devereux bei der nächsten Ernennung von Peers durch den König wiedereingeführt und ihr Mann damit bedacht wurde. „Wir sollten nicht wünschen, dass John tot ist“, sagte Amelia und hielt sich das Taschentuch an das trockene Auge. Es wäre nicht schicklich gewesen, sich offen darüber zu freuen, dass der Tod des Bruders notwendig war, um das gewünschte Ergebnis zu zeitigen. „Doch angesichts der Tatsache, dass niemand John auch nur aus der Ferne gesehen hat, seit Papa ihn fortjagte und enterbte, befürchte ich, dass wir das Schlimmste annehmen müssen. Was mich zu etwas anderem bringt“, setzte Amelia bedeutungsvoll hinzu.

Constantia war sich sehr gut bewusst, an was die Schwester dachte, und sinnierte traurig über den aufgeweckten kleinen Jungen nach, der John einmal gewesen war. Er war ganz anders gewesen als sein ernster älterer Bruder Philip, der vor drei Jahren durch einen Reitunfall ums Leben gekommen war. Wie schade, dass John so zügellos geworden war, dass der Vater es für angebracht gehalten hatte, ihn nach der mysteriösen Sache zum Zeitpunkt des plötzlichen Todes der Mutter so entschieden vor die Tür zu setzen. Und was war das andere, das Amelia angedeutet hatte? „Wovon redest du?“, fragte Constantia wehleidig.

„Natürlich von dem Winzling.“

„Dem Winzling?“

Lady Thaxted hatte keine Geduld mit ihrem Echo. „Natürlich meine ich Cassandra. Mein Mann nennt sie so. Sie ist so winzig. Was in aller Welt sollen wir mit ihr tun, falls Papa nicht für sie vorgesorgt hat? Ich will ganz gewiss keine Debütantin am Hals hängen haben, für die man eine Mitgift finden und sie wie sauer Bier anbieten muss. Ich bin ebenso sicher, dass du und Edward auch nicht mit ihr belastet sein wollt. Ich frage mich, warum Papa sie hergebracht hat. Er hat nie die mindeste Notiz von ihr genommen, und das ist kein Wunder.“

„Papa hat nie die geringste Notiz von jemandem genommen, abgesehen von sich selbst“, sagte Constantia ein wenig aufsässig. „Aber du irrst dich, Amelia. In den letzten sechs Monaten seines Lebens hat er von ihr Notiz genommen.“

„Nun, das hilft uns jetzt nicht. Sie ist inzwischen fast neunzehn, nicht wahr? Und immer noch wird sie von der alten Miss Strood betreut, obwohl sie keine Gouvernante mehr braucht. Welch eine Geldverschwendung! Ich sage, man sollte Miss Strood entlassen und den Winzling zu unserer alten Cousine Flora als Gesellschafterin schicken. Flora hat sich in ihrem letzten Brief beschwert, dass ihre Gesellschafterin pensioniert werden muss, weil sie taub und töricht wird.“

Da Cousine Flora auch taub und töricht genannt werden konnte, schien das in Bezug auf die Gesellschafterin ein sehr harter Vorschlag zu sein, und noch härter hinsichtlich des Winzlings. „Es besteht also keine Hoffnung, den Winzling zu verheiraten?“, wagte Constantia zu fragen. Sie war nicht so hartherzig wie die Schwester.

Amelia hatte ihr jedoch nicht zugehört. Sie schaute sich in der Bibliothek um. „Als erstes werde ich, wenn wir den Besitz übernehmen, das ganze Haus renovieren lassen“, verkündete sie fest. „Dieser Raum zum Beispiel ist schäbig. Mein Mann sagt, Papa habe im Lauf der Zeit zu abgeschieden gelebt. Wir haben auch Pläne für die Ländereien. Sie müssen wirtschaftlicher gemacht werden. Papas Verwalter leben im Mittelalter. Sie werden gehen müssen, und zwar bald.“ Beim Äußern dieser grausamen Worte hatte sie selbstgefällig gelächelt. „Dann ist alles geregelt“, fügte sie hinzu. „Sobald das Testament verlesen wurde, werde ich an Cousine Flora schreiben. Cassandra sollte dankbar dafür sein, dass wir für sie alles so zufriedenstellend geregelt haben.“

Indigniert setzte Cassandra Merton, der Sicht der beiden Frauen entzogen, die so gefühllos über ihre Zukunft und die anderer hilfloser Untergebener sprachen, sich auf und wurde abwechselnd rot und blass. Ihre Augen, das hübscheste an ihrem Gesicht, sprühten vor Ärger. Natürlich hätte sie nicht in der Bibliothek sein und mithören dürfen, was die Erwachsenen besprachen. Der beste Platz zum Verstecken war, wie sie vor langer Zeit herausgefunden hatte, hinter den dicken Damastvorhängen auf einer der breiten Fensterbänke in der Bibliothek, wo das Licht gut war und sie eine herrliche Aussicht auf den Garten des in der Nähe von Piccadilly gelegenen Hauses hatte. Sie war so gut verborgen, dass jeder, der nach ihr suchte, unweigerlich aufgab und annahm, sie habe sich in ihr winziges Zimmer im dritten Stock zurückgezogen, das gleich neben dem früheren Schulzimmer unter dem Dach lag, wo die Dienstboten hausten.

Und dort war, wie Cassandra sich streng vorhielt, der richtige und geeignete Platz für sie, da sie nur die arme, unbedeutende Verwandte war, der der verstorbene Earl of Devereux ein Zuhause gegeben hatte. Er hatte das dem einzigen verbliebenen Spross eines entfernten Zweiges der Familie gegenüber als seine Pflicht empfunden.

Die Schwestern hatten das Gespräch so schnell begonnen, dass Cassie keine Zeit geblieben war, aus dem Versteck hervorzukommen und sie auf ihre Anwesenheit aufmerksam zu machen. Und nachdem die beiden über so vertrauliche Dinge wie das Testament des Vaters und Cassandras abrupte Entfernung aus dem Haus geredet hatten, war es zu spät gewesen, sich zu zeigen. Für alle Beteiligten wäre es im höchsten Maße peinlich gewesen, hätte Cassie zu erkennen gegeben, dass sie die sie betreffenden Pläne belauscht hatte. Und was für Pläne! Wie unfreundlich von den Schwestern, so über sie zu reden! Auch wenn der Earl ihr nie viel Zuneigung bewiesen hatte, war er zumindest doch gewillt gewesen, ihr ein Heim zu bieten, was mehr war, als dessen Töchter offensichtlich zu tun bereit waren.

Sie hörte die Tür sich schließen. Die Schwestern waren gegangen und hatten sie ihrem Buch überlassen. Daran hatte Cassandra jetzt jedoch das Interesse verloren. Sie stand auf, ging in die schöne Eingangshalle und von dort zu der Haushälterin, bei der sich auch Miss Strood befand. Mrs James begrüßte sie herzlich. „Miss Strood, warum wird nie über Mr John geredet?“, fragte sie, nachdem sie eine Tasse Tee getrunken hatte.

Die Reaktionen der beiden Frauen waren interessant. Mrs James schüttelte den Kopf, und Miss Strood verkniff den Mund. „Mein liebes Kind …“ Miss Stroods Tonfall war noch förmlicher gewesen denn sonst, wenn sie mit Cass sprach. „Mr John war Lord Devereux’ jüngster Sohn, der vor zwölf Jahren, weil er sich so wild aufgeführt hatte, enterbt und ohne einen Penny auf die Straße gesetzt wurde. Ich glaube, das hatte etwas mit gestohlenem Geld oder anderem Eigentum zu tun. Das war vor meiner Zeit in diesem Haus. Ich weiß, dass Lord Devereux unter Androhung der Entlassung oder eines endgültigen Zerwürfnisses befohlen hat, der Name seines Sohnes dürfe von niemandem mehr erwähnt werden, weder von den Dienstboten noch von der Familie.“

„Das war mir geläufig“, warf Cassie ein. „Aber was genau hat Mr John sich zuschulden kommen lassen?“ Es stellte sich bald heraus, dass weder die Haushälterin noch Miss Strood wirklich wussten, warum der jüngste Sohn des Earl aus dem Haus vertrieben worden war.

„Er hatte den Ruf eines sehr wilden jungen Mannes“, gab Miss Strood schließlich zu. „Er war gar nicht wie der Viscount, der sehr solide war.“

„Viel zu solide.“ Mrs James, die im Allgemeinen gutmütig war, hatte in scharfem Ton gesprochen. „Ich mochte Mr John. Er hatte immer ein freundliches Wort für uns alle. Der Viscount hingegen fand alles selbstverständlich, was wir für ihn taten.“

„Nirgendwo gibt es ein Bild von Mr John“, merkte Cassie an.

„Oh, Seine Lordschaft hat alle Bilder entfernen lassen. Ich erinnere mich, dass es ein wundervolles Porträt von Mr John als jungem Mann gab, das gemalt wurde, bevor er sich mit seinem Vater überwarf. Es wurde auf den Dachboden gebracht. Auf dem Bild hat er seinen Lieblingsfalken auf der Hand. Er liebte Tiere, ja, das tat er. Der Viscount wiederum konnte sie nicht ausstehen.“

„Oh, das Porträt!“, äußerte Cassie gedankenlos. Eines Tages, als sie sich gelangweilt hatte, war sie auf den Dachboden über dem Dienstbotenquartier gegangen. Sie hatte aus den kleinen Fenstern auf die Stadt geschaut und dann zwischen den zerbrochenen Kisten, dem alten Mobiliar und den an die Wände gestellten Gemälden herumgestöbert. Neugierig hatte sie einige davon umgedreht. Eins hatte sie bezaubert. Damals war sie vierzehn Jahre alt gewesen und hatte sich sogleich in den unbekannten, gut aussehenden jungen Mann verliebt, der auf dem Bild mit dem geschnitzten Goldrahmen dargestellt war. Sie hatte gefunden, er sähe den Helden der Romane sehr ähnlich, die zu lesen Miss Strood ihr seinerzeit widerstrebend erlaubt hatte. Er war groß und stattlich, hatte lange Beine, rötliches Haar und wach blickende grüne Augen. Er trug die modische Version ländlicher Kleidung: eine grüne Jacke, beigefarbene Pantalons und hochglänzende Stiefel. Indes war es sein Lächeln gewesen und der wachsame, auf den ihm auf dem ausgestreckten Handgelenk sitzenden Falken gerichtete Blick, der Cassie verzaubert hatte.

Sie konnte sich vorstellen, dass der Dargestellte ein wilder junger Mann gewesen war, denn sie fand, er sei wie sein Falke. Sie vermochte jedoch nicht zu glauben, dass er etwas so Böses tun konnte, um verdientermaßen für immer aus dem Haus und dem Kreis der Familie vertrieben worden zu sein. Sie konnte auch nicht glauben, dass er tot war, ganz gleich, was Lord Thaxted gesagt hatte. Das Porträt hatte einen Zauber ausgestrahlt, der die Wirkung auf sie nicht verfehlt hatte, sodass sie, wann immer sie sich langweilte oder einsam gewesen war, auf den Dachboden gegangen war, das Gemälde umgedreht und davorgesessen hatte, sich vorstellend, dass der Held des Buches, das sie zu dieser Zeit las, genau so aussah wie der Abgebildete.

Kühl äußerte Miss Strood: „Sie haben das Bild also gefunden, als Sie auf dem Dachboden herumstöberten.“

„Das haben Sie gewusst, meine liebe Stroody?“

„Natürlich. Es schien mir jedoch eine harmlose Art zu sein, einen langweiligen Nachmittag zu verbringen, und ich konnte friedlich mein Nachmittagsschläfchen halten.“ Verschwörerinnen gegen die langweiligen und strengen Verhaltensregeln, die der verstorbene Earl für Cassie bestimmt gehabt hatte, grinsten die beiden Frauen sich an.

„Ich komme mir verraten und betrogen vor“, verkündete Cassie dramatisch. „Ich dachte, dass ich gegen Sie und den Earl rebelliere, und Sie haben die ganze Zeit gewusst, was ich machte.“

„Auch über den Fenstersitz in der Bibliothek weiß ich Bescheid“, bestätigte Miss Strood. „Davon hat Mr Hunt mir erzählt.“

Mr Hunt war der Bibliothekar. Er und Miss Strood hatten Lesestunden für Cassie arrangiert. Ohne Miss Strood, Mrs James und Mr Hunt wäre ihr Leben öde gewesen. Und bald würde sie die drei für immer verlieren. Der arme, unansehnliche Winzling, den man wie ein unerwünschtes Bild entfernte, sollte als Gesellschafterin zu einer eigensinnigen alten Frau geschickt werden. Der einzige Wunsch, den sie hatte, ehe sie für immer ein zurückgezogenes Leben führen musste, war, Mr John Lockhart kennenzulernen, damit sie herausfand, wie er zwölf Jahre nach der Fertigstellung seines Porträts aussah. Das heißt, falls er noch lebte.

Mr Greene, der Butler, kam herein. „Verzeihung, die Damen.“ Er verneigte sich. „Miss Strood und Miss Merton sollen sich bei Lord und Lady Thaxted sowie Mr und Mrs Maxwell in der Bibliothek einfinden. Es scheint so, als würde die Verlesung des Testaments des verstorbenen Earl heute Nachmittag stattfinden. Lord Thaxted legt besonderen Wert darauf, dass alle Mitglieder des Haushaltes des Verblichenen anwesend sind. Das schließt natürlich auch Sie ein, Mrs James.“

Was für ein Getue danach der Fall war! Mrs James und Miss Strood erklärten sofort, sie seien für einen wichtigen Anlass nicht richtig angezogen. Cassie, die ein unscheinbares graues Popelinkleid undefinierbaren Stils trug, war es vollkommen gleich, was sie anhatte. Miss Strood fragte jämmerlich, ob keine Zeit für sie und Miss Merton sei, sich comme il faut zu kleiden. Mr Greenes Kopfschütteln erstickte ihr Gejammer, sehr zu Cassies Erleichterung.

Sobald man die Bibliothek erreicht hatte, stellte man fest, dass Lord Thaxted die Verantwortung für alles übernommen hatte. Warum dem so war, konnte Cassie nicht begreifen. Gewiss, er war der Mann von Lady Amelia, der ältesten Tochter des verstorbenen Earl, doch bis das Testament verlesen worden war, konnte niemand wissen, ob es ihm das Recht gab, so großspurig überall im Haus Befehle zu erteilen. Cassie sagte das zu Miss Strood.

Schockiert erwiderte Miss Strood: „Jungen Damen steht es nicht zu, solche Dinge in Zweifel zu ziehen, Miss Cassandra. Sie überschreiten Ihre Grenzen.“

Sie nannte Cassie nur dann Cassandra, wenn sie wirklich ärgerlich auf sie war. Deshalb sagte Cassie nichts mehr und begnügte sich damit, die Dinge zu denken, die sie offenbar nicht sagen durfte, welche jedoch offensichtlich gesagt werden mussten. Sinnlos, die arme Stroody zu sehr zu bekümmern, besonders, da man sich bald trennen musste.

Stühle waren bereitgestellt worden, und Mr Greene wies jeden der Anwesenden an, Platz zu nehmen. Cassie saß hinten, hinter den dienstälteren Domestiken, und fast außer Sicht. Sie fand, dass, nachdem man sich gesetzt hatte, der Ausdruck in den Augen des Anwaltes leuchtender wurde, als Lord Thaxted, ein rundlicher Mann mit dicklichem Gesicht, brüsk verkündete: „Fangen Sie an, Mann. Worauf warten Sie? Immerhin hatten Sie ein halbes Jahr Zeit, sich auf diesen Tag vorzubereiten.“

Der so Angesprochene, ein gewisser Mr Herriot, wie Cassie später hörte, verbeugte sich, ein wenig zu beflissen, wie sie fand – vielleicht im Stillen jedoch belustigt? In so neutralem Ton, wie er ihm möglich war, murmelte er: „Bei allem Respekt, Mylord …“ Das war eine Phrase, von der Cassie ungeachtet ihrer Jugend wusste, dass sie genau das Gegenteil davon bedeutete, was gesagt worden war. „Bei allem Respekt, Mylord“, wiederholte er, „wir müssen einen Moment warten, bis die restlichen Geladenen eingetroffen sind.“

„Zum Teufel, wer kann das sein?“, brüllte Lord Thaxted, während seine Gattin sowohl die Anwälte als auch die anderen Anwesenden mit tödlichen Blicken bedachte. „Sind wir noch nicht komplett?“

„Nicht ganz“, erwiderte Mr Herriot. Wie auf ein Stichwort öffnete sich die Tür am äußersten Ende der Bibliothek – eine Geheimtür zwischen zwei Bücherregalen, durch die man in das Arbeitszimmer des verstorbenen Lord Devereux kam –, und zwei Männer betraten den Raum.

Bei ihrem Anblick schrie Lord Thaxted beinahe: „Großer Gott, nein! Ich weigere mich, das gutzuheißen.“

Kein Wunder, dachte Cassie, denn der erste Mann, der hereinkam, ähnelte niemandem, den sie zuvor getroffen hatte, weder im Äußeren noch in der Aufmachung. Er war sehr groß, breitschultrig, schmalhüftig und langbeinig. Seine Kleidung war äußerst schäbig. Er trug abgewetzte flaschengrüne Hosen, dazu höchst abgestoßene schwarze Halbstiefel. Sein ebenso schäbiges Jackett war eine langschössige marineblaue Jacke mit großen Messingknöpfen und von der Sorte, die Seeleute an Land trugen. Das Hemd war sauber, einmal weiß gewesen, durch vieles Waschen jedoch ausgefranst und jetzt gelblich geworden. Das Halstuch war ein einfacher schwarzer Seidenschal, lose geknüpft, sodass die Enden vor dem schrecklichen Hemd hingen.

Es war jedoch das Gesicht, das jedermanns Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Es war wirklich so hart und kalt und harsch, dass es das eines jeden anderen Mannes, den Cassie je getroffen hatte, weich und weibisch aussehen ließ. Das Haar war von einem tiefen Braunrot, lang und im Stil des späten achtzehnten Jahrhunderts zurückgebunden. Die Nase war so scharf geschnitten wie der Schnabel eines Falken oder Adlers und der Mund ein grimmiger gerader Strich, der in seiner Verbissenheit einschüchternd wirkte. Es waren jedoch die Augen, die der faszinierten Cassie verrieten, wen sie anstarrte. Sie hatten eine tiefgrüne Farbe und waren die des gut aussehenden jungen Mannes auf dem Bild, das auf dem Dachboden stand. Hier endlich war Mr John Lockhart! Sie war so schockiert durch sein Auftauchen und sein verändertes Aussehen, dass sie den großen, eckigen Mann nicht einmal sah, der ihm wie ein Schatten folgte.

Nach Lord Thaxteds Aufschrei herrschte einen Moment tödliche Stille. Dann fragte der grimmige Mann vor den Anwesenden im Kommandoton: „Zum Teufel, wer sind Sie alle? Was machen Sie in meinem Haus? Ich will das ganze Pack innerhalb der nächsten Stunde verschwinden sehen, nur die Dienstboten nicht.“

Wieder folgte tödliche Stille, bis Gemurmel laut erhobener Stimmen anhub. Lord Thaxted sprang auf und brüllte: „Und ich möchte gern wissen, wer Sie sind, hier Befehle zu erteilen. Und Sie, Sir“, schrie er den Anwalt an, der, wie Cassie vermutete, im Stillen gewiss grinste, „warum haben Sie diesen … Kerl hergebracht, der uns alle beleidigt?“

„Keinen Kerl, Mylord, sondern erwiesenermaßen und zweifelsfroh Seine Lordschaft John Augustus, den fünften Earl of Devereux, der anwesend ist, weil er, den Anweisungen des verstorbenen Earl zufolge, gesucht und aufgespürt und ihm heute Morgen, wie der verstorbene Earl das befohlen hatte, in meinem Büro das Testament verlesen wurde. Er hat, wie seine an Sie gerichteten Worte erkennen ließen, alles geerbt, unter einer Bedingung, die Ihnen mitzuteilen ich Anweisung habe, wie einige Details, die die Legate zugunsten einer Reihe von älteren Dienstboten betreffen.“

Noch mehr Unruhe war die Folge. Amelia verkündete, sie akzeptiere es nicht, von ihrem Vater im Stich gelassen zu werden, der nicht mehr ganz bei Trost gewesen sein könne, sie zu enterben.

Constantia wiederum brachte einen eleganten Ohnmachtsanfall zuwege, wobei sie halb über ihren Mann fiel.

Lord Thaxted, dessen Gesicht noch purpurroter wurde als sonst, verkündete laut: „Sind Sie verrückt geworden, Mann? Sie haben nichts darüber zu mir gesagt, weder vor oder nach dem Tod meines Schwiegervaters. Kein Wort, dass meine Gattin und ihre Schwester nichts erben würden.“

Unbeirrt begann Mr Herriot wieder, nachdem er sich kurz und entschuldigend geräuspert hatte: „Mylord, ich habe versucht, Sie zu warnen, hinsichtlich der Vererbung des Eigentums des verstorbenen Earl nichts als gegeben zu betrachten. Sie haben es jedoch vorgezogen, mich zu ignorieren. Ich konnte mich nicht vollständig klar ausdrücken, weil ich dann, wenn ich das getan hätte, gegen die mich gesetzlich bindenden Anweisungen des verstorbenen Earl verstoßen hätte, nichts zu enthüllen, bis das Testament dem neuen Earl verlesen worden sei.“

Die Anwesenden dachten, der Anwalt hätte nur eine Pause eingelegt, doch das hatte er nicht. Er räusperte sich wieder entschuldigend und sagte nichts mehr. Seit dem Tod des Earl war Edward Maxwell, der milde, träge Mann, es zufrieden gewesen, dass sein dominierender Schwager die Führung übernommen hatte, doch da Lord Thaxted nur noch hilflos Worte heraussprudelte, entschloss er sich, etwas zu äußern. Endlich ergriff er das Wort und fragte: „Ist das alles? Mehr sollen wir nicht erfahren?“

Der Earl of Devereux, der lässig an einer Säule lehnte, fragte in harschem, befehlendem Ton: „Bist du taub? Mein Anwalt hat deutlich gesagt, dass es noch etwas gäbe, außer dass ich, überraschend, wie ich zugeben muss, alles geerbt habe. Würdest du aufhören, ihm zuzusetzen, könnte er dich über den Rest informieren. Er könnte dir dann auch vorlesen, was mein verstorbener Vater dir zu sagen hatte, aber ich rate dir, ihn nicht darum zu bitten. Es könnte dir nicht gefallen, was du hören würdest.“

„Das Ganze gefällt mir nicht“, brüllte Lord Thaxted, stand nun auf und stieß den Stuhl zurück. „Besonders du persönlich passt mir nicht. Zum Teufel, wo warst du in den letzten zwölf Jahren? Und Sie, Sir“, sprach er den Anwalt an, „sind Sie vollkommen sicher, dass dieser Wüstling tatsächlich John Augustus Lockhart ist?“

„Würdest du nicht zustimmen“, sagte John kühl, „dass die Tatsache, dass du mich als Wüstling bezeichnest, zweifellos bestätigt, dass ich der unerwünschte John Augustus Lockhart bin? Du hast mich schon vor zwölf Jahren für einen Wüstling gehalten, als ich noch konventioneller angezogen war. Hast du dir vorgestellt, ich könnte mich geändert haben?“

Was immer Cassie gedacht haben mochte, wie Mr John Lockhart sein könne – den Mann, der vor den Versammelten stand, hätte sie sich nicht vorstellen können. Auch wenn jeder sich genauso aufführte, wie sie es von ihm erwartet hatte, Miss Strood eingeschlossen, die in ihr Taschentuch wimmerte: „Oh, Cassie, wohin sollen wir uns wenden, falls er uns vor die Tür setzt?“, so stellte sich zumindest der Earl als Überraschung heraus. Vielleicht kaum als angenehme, aber nichtsdestoweniger als Überraschung. Cassie war nicht minder um ihre Zukunft besorgt als Miss Strood, fand die ganze Szene jedoch so gut wie eine Theaterdarbietung. Hinter dem dicken Küchenchef und dem gleichermaßen beleibten Mr Greene sitzend, war sie sicher, dass der Earl und sein schweigender Schatten – wer war das überhaupt? – nicht einmal wussten, dass sie existierte. Sie konnte sich nicht vorstellen, was er tun würde, wenn er erfuhr, dass der verstorbene Earl sie vor sechs Jahren bei sich aufgenommen hatte. Vermutlich hatte der verstorbene Earl es nicht einmal für angebracht gehalten, sie in dem Testament zu erwähnen. Es sei denn, er hatte sie zu den Dienstboten gezählt, doch das nahm sie nicht an.

Mr Herriot nahm das Testament aus dem Umschlag und las daraus vor, dass der verstorbene Earl alles seinem angeblich verschollenen Erben John August Lockhart hinterlassen hatte. An dieser Stelle legte der Anwalt eine dramatische Pause ein. Cassie unterdrückte ein nervöses Kichern und fand, er amüsiere sich zweifellos, da alle seine Peiniger ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren. Er fuhr fort: „… unter der Bedingung, dass mein Sohn John, da ich beschlossen habe, dass Name und Titel meines Geschlechtes nicht aussterben sollen, temporär die Verfügungsgewalt über mein gesamtes Eigentum haben soll, und zwar für drei Monate, in denen er sich umgehend verheiraten muss. Von diesem Zeitpunkt an soll er alles, was ich bei meinem Tode hinterlassen habe, uneingeschränkt erben. Falls er jedoch beschließt, nicht zu heiraten, soll das gesamte Eigentum an die Krone fallen, denn ich habe nicht den Wunsch, diejenigen zu bereichern, deren einziges Interesse an mir darin bestand, das zu erben, was ich hinterlasse, und die meinen Tod kaum erwarten konnten. Es ist mein letzter Wunsch, dass mein Sohn John das tut, um was ich ihn bitte, und so die Fortsetzung des Geschlechtes der Lockharts absichert.“

„Mein Vater war verrückt“, verkündete Amelia dramatisch. „Sehr verrückt. Er muss es gewesen sein, wenn er den Sohn, den er einst vertrieben, auf diese Weise zurückgeholt und belohnt hat. Und wie konnte er annehmen, dass mein Bruder ihm gehorchen wird? Das hat John nie zuvor getan.“

John nahm die Hände aus den Hosentaschen, straffte sich und stellte sich neben den Anwalt. „Oh, aber ich bin entschlossen, unserem Vater zu gehorchen“, verkündete er freundlich. Sein Grinsen war so unheilvoll wie sein Blick. „Du musst zustimmen, dass es die Sache wert ist, sich mit einer Frau zu belasten, um ein solches Juwel erben zu können. Bestimmt habt ihr alle es für wert befunden, den größten Teil eures Lebens damit zu verbringen, um Vater zu scharwenzeln, damit ihr erbt. Ihr könnt mich also nicht dafür kritisieren, dass ich mir das sichere, was rechtens mir gehört. Ich habe bereits beschlossen, dass ich die erste heiratsfähige Frau, die ich treffe, bitten werde, meine Gattin zu werden. Ich bezweifele nicht, dass Sie denken wird, zum Ausgleich für den Titel der Countess of Devereux sei die Sache es wert, mich als Gatten ertragen zu können. Und in der Zwischenzeit“, fuhr er im selben drohenden Ton fort, „meine ich, was ich sagte. Ich will das ganze Pack hier nicht mehr sehen. Ich habe jedoch den Sinn geändert und lasse euch allen bis morgen früh Zeit. Darauf zu bestehen, dass ihr auf der Stelle verschwindet, würde die Dienstboten mehr inkommodieren als euch, und das haben sie, im Gegensatz zu euch, nicht von mir verdient. Und da ich soeben von ihnen geredet habe, Mr Herriot, möchte ich den Rest des Testamentes hören.“

Er wurde einer schweigenden Zuhörerschaft verlesen. Seine Lordschaft war mehr denn generös zu denen gewesen, die ihm lange gedient hatten, doch Cassie wurde, wie sie mehr oder weniger erwartet hatte, nicht erwähnt.

Mr Herriot beendete das Verlesen des Testaments, faltete es und legte es vor sich auf den Schreibtisch. „Hat jemand Fragen an mich, bevor ich gehe? Wenn ja, stellen Sie sie bitte jetzt. Das erspart uns eine Menge Zeit.“

Niemand sagte etwas. Cassie wurde sich plötzlich bewusst, dass sie, wenn sie nichts sagte, auch nichts erhalten würde. Sie stand auf, bevor sie Zeit hatte zu befürchten, nicht damenhaft zu sein, indem sie die Aufmerksamkeit auf sich lenkte. „Habe ich richtig verstanden, Mr Herriot“, fragte sie, „dass der verstorbene Earl of Devereux Miss Strood, meine Gesellschafterin, und mich nicht in seinem Testament bedacht hat? Falls dem so ist, sagen Sie uns bitte, wohin wir uns wenden und ob wir bis morgen früh abgereist sein sollen, wie der neue Earl of Devereux wünscht.“

Sie hatte das Vergnügen zu sehen, wie Lord Devereux sich jäh zu ihr hindrehte. Lady Amelia, Constantia und ihre Ehemänner wandten sich ebenfalls zu ihr um.

„Also, wirklich …“, begann Amelia verärgert.

Rüde unterbrach John sie in dem Kommandoton, den er zuvor angeschlagen gehabt hatte: „Also, zum Teufel, wen haben wir denn da?“ Er sah den Anwalt an. „Diese Person ist weder eine Verwandte noch eine Dienerin. Ich habe nichts von ihr gewusst.“

Mr Herriot zupfte ihn am Ärmel und raunte ihm rasch und drängend etwas ins Ohr. Während er sprach, nickte der neue Earl. Dann redete er gleichermaßen rasch und drängend auf den Anwalt ein, eine Hand ausgestreckt, mit der anderen die Finger abzählend, als erteile er Instruktionen. Mr Herriot schaute in die Richtung, wo Cassie zwischen den massigen Gestalten des Küchenchefs und Mr Greenes stand, obwohl Miss Strood durch Zerren an ihrem Kleid versucht hatte, sie auf den Stuhl zurückzuziehen. Da sie niemanden hatte, der sie in Schutz nahm, musste sie die Sache selbst in die Hand nehmen, oder sie würde sich obdachlos auf der Straße wiederfinden. Um dort was zu tun? Der Gedanke war zu schrecklich, um ihn zu verfolgen. Sie beobachtete Mr Herriot, der dem Earl gegenüber Einwände erhob, doch nichts, was er äußerte, schien bei Seiner Lordschaft zu verfangen, denn er schüttelte den Kopf und lächelte.

Er schob den Anwalt von sich und sagte laut: „Genug! Ich habe eine Entscheidung getroffen. Würden Sie mir die Ehre erweisen, Miss Merton, zu mir zu kommen?“

Wieder kam es zu einem Aufruhr. Doch Cassie drängte sich zielstrebig durch die Reihen der neugierigen Dienstboten in den Mittelgang und ging kühl zu der Stelle, wo der Anwalt, der Earl und sein Schatten standen. Sie hatte den Eindruck, dass der Begleiter des Earl ihr einen mitleidigen Blick zuwarf, hatte jedoch nicht die Zeit, sich damit zu befassen. Sie nickte Seiner Lordschaft knapp zu, nicht ehrerbietig, sondern wie unter Gleichrangigen, denn er mochte andere Leute einschüchtern, doch sie würde ihm das nicht gestatten. Nun, da sie bei ihm war, konnte sie den verlorenen Sohn aus der Nähe betrachten, und ihr wurde klar, dass das, was der Earl anhatte, nicht notwendigerweise die Kleidung war, die er für gewöhnlich trug. Zum zweiten wusste Cassie, dass er, was immer er jetzt sein mochte, früher Soldat gewesen war.

„Wie alt sind Sie, Miss Merton?“

„In einem Monat werde ich neunzehn, Mylord.“

Er schüttelte den Kopf. „Nicht Mylord, Miss Merton. Nennen Sie mich John.“

Sie nickte. Oh ja! Er war ein Tyrann, wie sie vom ersten Moment an gesehen hatte, als er in den Raum gekommen war. Wenn er in diesem barschen Ton „Spring!“ sagte, dann erwartete er von den Leuten, dass sie sprangen. Sie jedoch würde nicht für ihn springen.

„Ich habe nicht die Absicht, Sie zu kränken, ganz im Gegenteil.“ Er hielt inne und musterte sie. „Ich habe noch eine Frage an Sie, Miss Merton. Denken Sie sorgfältig nach, ehe Sie mir antworten. Sie haben soeben der Verlesung des Testaments zugehört?“

Wieso erforderte diese Frage eine sorgfältig überlegte Antwort? Trotzdem schwieg Cassie einen Moment, ehe sie sagte: „Ja, Sir.“

„Und Sie haben begriffen, was in dem Testament steht?“

Sie sagte wieder: „Ja, Sir.“ Worauf wollte er hinaus?

„Nun, da Sie hier kein Heim mehr haben, sind Sie obdachlos. Mein Vater hielt es für richtig, Sie bei sich aufzunehmen, hielt es indes nicht für richtig, Ihnen nach seinem Tod die nötigen Mittel zum Leben zu hinterlassen?“

Sie wiederholte: „Ja, Sir“, doch ihre Miene drückte deutlich aus, warum er ihr Fragen stellte, auf die er die Antworten längst kannte. Sie war sich bewusst, dass hinter ihr die versammelte Familie und die Dienerschaft des verstorbenen Earl auf jedes ihrer Worte lauerte und alle genauso verblüfft waren wie sie.

„Ich möchte Ihnen ein Heim bieten, Miss Merton.“

Rettung, ganz sicher. Cassie gefiel der Ausdruck in den eigenartigen Augen des Earl jedoch nicht.

„Haben Sie nichts auf mein freundliches Angebot zu sagen, Miss Merton?“

Jetzt verspottete er sie. Aber sie war entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen, und antwortete in festem Ton: „Der Art nach zu urteilen, wie Sie mit mir reden, Sir, nehme ich an, dass eine Bedingung an Ihr Angebot geknüpft ist. Ich möchte wissen, welche.“ Sie hätte auch gern gewusst, was er dachte, obwohl die Erkenntnis ihr nicht gefallen hätte.

Miss-Haut-und-Knochen ist ein verschlagenes Geschöpf, war das stumme Urteil über Miss Cassandra Merton. „Sie haben recht, Miss Merton, und es war sehr klug von Ihnen, das zu erraten. Sie hörten mich sagen, dass ich die erste heiratsfähige Frau, die ich treffen würde, nachdem ich Earl geworben bin, bitten würde, mich zu heiraten. Sie können also ein Dach über dem Kopf haben, falls Sie meine Gattin werden wollen.“

2. KAPITEL

John hatte das Angebot vor allen Anwesenden gemacht. Zuvor hatte es einen Aufruhr gegeben, doch der war nichts im Vergleich zu dem, der nun erfolgte. Miss Strood gab einen lauten, schrillen Schrei von sich. Er war fast so laut wie der, den Lord und Lady Thaxted ausstießen. Johns schweigender Schatten lächelte mitleidig. Mr Herriot schüttelte den Kopf. Die einzigen unbeteiligten Personen im ganzen Raum waren John und Miss Cassandra Merton, die den Kopf zur Seite gelegt hatte und Seine Lordschaft so gespannt betrachtete, als sei er eine seltene Insektenart. So jedenfalls kam es dem amüsierten John vor.

„Erwarten Sie jetzt eine Antwort, Sir?“, fragte sie ihn, nachdem der Lärm sich gelegt hatte. Miss Strood war aufgestanden und hastete durch den Gang auf sie zu. Zweifellos, um Cassie zu beschützen. Doch Cassie musste nicht beschützt werden.

„Ich möchte so schnell wie möglich eine Antwort“, sagte John, als ob das die natürlichste Sache der Welt sei und er sich nicht so ungeheuerlich benähme, dass seine Zuhörer kaum glauben konnten, was er getan hatte, indem er einer mittellosen jungen Frau, die er soeben erst kennengelernt hatte, in aller Öffentlichkeit einen Heiratsantrag machte. „Falls Sie mich haben wollen, erspart mir das drei Monate ermüdender Suche nach einer heiratsfähigen Frau. Sie sind eine Dame. Sie scheinen gesund zu sein und genügend Elan zu haben, mich als Gatten ertragen zu können. Ein Mann könnte nicht mehr verlangen.“

Eine innere Stimme in Cassie protestierte, dieses Angebot anzunehmen, das sie zu einem Leben ohne Liebe verdammte. Cassie sagte jedoch so kühl, wie der Earl es war: „Dann nehme ich an, Sir, dass ich Ihr Angebot akzeptieren muss. Ich merke, dass ich für Sie im Moment ebenso von großem Vorteil bin, wie Sie es für mich sind, da ich sehe, dass wir, wenn wir heiraten, ein Dach über dem Kopf haben, das wir sonst nicht hätten.“

John warf den Kopf in den Nacken und lachte schallend.

Hinter Cassie stieß die entgeisterte Miss Strood, die Hände auf die Augen gepresst, in Anbetracht der erschreckenden Geschehnisse, die sich über die gesamte Etikette hinwegsetzten, von der ihr Leben bis zu diesem Moment beherrscht worden war, ein leises Stöhnen aus.

John hörte zu lachen auf und sagte: „Bravo!“; dann zu den entsetzten Zuschauern: „Ich nehme an, ihr habt das gehört. Miss Merton hat eingewilligt, mich zu heiraten. Die Bedingungen im Testament meines Vaters werden erfüllt. Ich gestatte euch allen, meine Schwestern und Schwager, hier zu bleiben, damit ihr, sobald die Sonderlizenz vorliegt, Zeugen unserer Hochzeit seid.“

Er verneigte sich vor Cassie, die, während ihr die enorme Tragweite dessen, dem sie soeben zugestimmt hatte, bewusst wurde, schweigend und leicht schwankend vor ihm stand. Aber jetzt war es zu spät, einen Rückzieher zu machen oder in Abrede zu stellen, was sie getan hatte. Sie hatte, ohne dass wirklich Druck auf sie ausgeübt worden war, öffentlich und förmlich erklärt, sie würde die Gattin des Monsters werden. In ihrer plötzlich aus Furcht über ihre Kühnheit entstandenen Benommenheit hörte sie den Earl zu ihr sagen, er wünsche mit ihr unter vier Augen zu reden, und zwar über die Eheschließung, die rechtlichen Bestimmungen und andere Arrangements. Er hatte ihre kleine Hand in seine große genommen und begonnen, sie aus der Bibliothek in das Arbeitszimmer seines verblichenen Vaters zu führen. Er bedeutete seinem Schatten, ihnen zu folgen, und wollte soeben Mr Herriot anweisen, in der Bibliothek zu bleiben, hielt jedoch an, weil die Doppeltür aufgestoßen wurde. Die Aufregungen des Nachmittags waren noch nicht vorbei. Ein eifrig aussehender junger Mann, der knapp über zwanzig sein mochte und eher angenehm denn attraktiv aussah, kam in die Bibliothek gerannt und starrte die Anwesenden an, die sich ernst entfernen wollten, da das Tagesgeschäft eindeutig erledigt worden war.

„Oh! Donnerwetter!“, rief er aus. „Ich habe mich verspätet, nicht wahr? Habe deine Nachricht erst vor einer Stunde erhalten, Papa“, fuhr er an den grimmig-gesichtigen Edward Maxwell gewandt fort, „als ich nach der Reise aus Brighton in meine Wohnung kam. Musste mich doch erst umziehen, nicht wahr? Hoffe, meine Anwesenheit war nicht erforderlich?“

„Nicht unbedingt, Fred.“ Frederick Maxwells im allgemeinen lethargischer Vater hatte einen kurz angebundenen, scharfen Ton angeschlagen.

Freds Blick fiel auf den Fremden, neben dem Cassie stand, und er öffnete den Mund, um den Vater zu fragen, wer zum Teufel der Bürgerliche sei, der den armen Winzling im Schlepptau hatte.

„Wer ist das?“, raunte John Miss Merton zu.

Nun, vielleicht war es nicht überraschend, dass er Fred nicht erkannt hatte, weil der noch ein Junge gewesen war, als er selbst aus dem Nest geworfen worden war.

„Ihr Neffe Frederick Maxwell“, flüsterte Cassie. Sie unterließ es, hinzuzufügen, er sei ziemlich wild, wie der Earl es gewesen war, aber nicht bösartig, sondern reichlich albern. Aus irgendeinem Grund glaubte sie, der Earl könne sehr bösartig sein. Er betrachtete den Schwager, der dem verwirrten Fred erklärte, in welcher Beziehung der Earl zu ihnen stand.

„Mein Onkel John? Der neue Earl? Niemals! Du nimmst mich auf den Arm, Papa. Er sieht wie ein Schauermann aus, der Arbeit sucht.“

Das hatte Fred so laut und so ungläubig gesagt, dass John es gehört hatte und zu lachen anfing. „Wenigstens macht er aus seinem Herzen keine Mördergrube“, bemerkte er zu Miss Merton und grinste breit. Er ließ ihre Hand los und ging zu dem Neffen, der ihn jetzt anstarrte. „Hallo, Fred. Ja, ich bin dein Onkel. Auch ich habe dich nicht erkannt. Das ist nicht überraschend, da du fast noch ein Säugling warst, als ich dich zum letzten Male sah. Seit damals hast du mächtig zugelegt.“

Endlich besann Fred sich seiner Manieren. Er verneigte sich knapp vor dem neuen Earl und sagte fröhlich: „Tut mir leid, dass ich es eben an dem gebührenden Respekt habe missen lassen. Aber du musst zugeben, dass ich wirklich nicht erraten konnte, wer du bist. Du siehst überhaupt nicht wie Großvater oder Onkel Philip aus.“

„Wir müssen uns bald wiedersehen“, schlug John dem jungen Fred freundlicher vor, als er sich zu allen Älteren verhalten hatte. „Aber nicht heute. Ich habe eine Verabredung.“ Er zog eine abgestoßene Uhr aus der Jackentasche und sah nach, wie spät es war. „Wie ich sehe, schon bald. Deshalb muss ich fort, nachdem Miss Merton und ich uns ausgiebig über unsere bevorstehende Hochzeit unterhalten haben.“

Fred wurde hochrot und dann kreidebleich. Er hatte ein Faible für Cassandra, das er niemandem eingestanden hatte, und ganz gewiss nicht ihr. „Du wirst Miss Merton heiraten? Wie lange kennst du sie?“

Wieder schaute John auf die Uhr. „Ungefähr fünfzehn Minuten, würde ich sagen. Falls du wissen willst, warum ich Miss Merton heirate, wird dein Papa dich informieren.“

„Also, das ist die komischste Sache, die ich je gehört habe“, erwiderte Fred. „Ich nehme an, dafür gibt es eine vernünftige Erklärung“, fügte er zweifelnd an.

„Also, ich habe jetzt nicht die Zeit, dir eine Erklärung zu geben.“

Der Earl hatte nicht die mindesten Zweifel, wie Cassie merkte, sondern war nur durch die Ereignisse belustigt.

„Ich habe jetzt auch nicht die Zeit, dir zuzuhören“, sagte Fred eifrig. Freundlich und Eifrig waren sein zweiter und dritter Vorname. „Später am Nachmittag muss ich in Mister Fronsacs Fechtakademie, weil ich Unterricht bei Jacques Duroy, dem neuen Fechtmeister, habe.“

Aus irgendeinem Grund schien das den Earl ungemein zu amüsieren. Er fing wieder zu lachen an. Alle seine entsetzten Verwandten schauten ihn mit steinernen Mienen an. Sie waren noch entsetzter, als er kühl bemerkte: „Also, das ist ein seltsamer Zufall, Fred, mein Junge, dass du zu mir zum Unterricht kommen wirst. Ich bin Louis Fronsacs neuer Fechtlehrer. Einen Fechtmeister kann ich mich kaum nennen.“

„Du? Ein Lehrer? In einer Fechtschule? Das kann nicht sein! Außerdem heißt du nicht Duroy. Du bist ein Lockhart.“ Fred hatte nur die Gedanken aller in der Bibliothek Anwesenden ausgesprochen, ob Herrschaft oder Dienstboten, die diesem Wortwechsel fasziniert zugehört hatten. Einen Moment lang wollte keiner mehr gehen.

„In der Schule heiße ich Duroy, weil die Schüler gern annehmen, dass alle Fechtlehrer Franzosen sind. Und ich unterrichte dort, weil ich sonst verhungert wäre, hätte ich mir bis heute Morgen den Lebensunterhalt nicht verdient.“

„Also, jetzt musst du nicht mehr arbeiten“, behauptete Fred zu Recht.

„Im Gegenteil.“ Zum ersten Male war John jetzt ernst. „Ich habe die Pflicht, für Mister Fronsac zu arbeiten, bis er einen Ersatz für mich gefunden hat. Er hat mich eingestellt, als niemand mir eine Anstellung geben wollte. Ich bin ihm zu Dank verpflichtet, und das ist die größte Schuld, die man jemandem gegenüber haben kann, was du selbst herausfinden wirst, falls du lange genug lebst.“

„Verdammt, John“, brüllte Thaxted, „du bist genau so unmöglich, wie du es warst, als dein Vater dich vor die Tür setzte. Selbst du musst begreifen, dass ein Earl of Devereux nicht damit fortfahren kann, als sogenannter Fechtlehrer in einem üblen Etablissement zu arbeiten, wo Spieler und Grünschnäbel wie Fred sich einfinden.“

Diese hübsche Rede hatte den Nachteil, den Earl wieder zum Lachen zu bringen, und Edward Maxwell, Freds Vater, zu dem Ausruf zu veranlassen: „Na hör mal, Peter, du tust Fred unrecht. Warum sollte er nicht fechten lernen? Und Fronsacs Haus ist so anständig wie jedes andere auch.“

Thaxted war für Vernunft nicht mehr zugängig. „Nicht, wenn John dort arbeitet. Je eher er sich auf seine Manieren besinnt und seinen Platz in der Welt einnimmt, desto besser. Was sollen die Leute denken …“

Er kam nicht weiter. John wandte sich zu ihm und sagte mit zusammengebissenen Zähnen: „Es ist mir verdammt egal, was du und die Leute denken. Und wärest du nicht Amelias Mann, würde ich dir Nachhilfeunterricht in gutem Benehmen geben.“ Er straffte sich und sagte fröhlich zu Fred: „Wir sehen uns später, mein Junge. Beachte deinen Onkel Peter nicht. Seit ich ihn kenne, hatte er keinen Verstand, und das bisschen Grips, das er früher gehabt zu haben schien, ist ihm inzwischen abhandengekommen.“

„Oh, ich werde keine Notiz von ihm nehmen“, sagte Fred glücklich und taktlos.

In der Zwischenzeit hatte Amelia ihren Mann angezischt: „Du lässt John doch nicht durchgehen, dass er so über dich redet, nicht wahr, Peter?“

Endlich ergriff der große Mann, der Begleiter des Earl, das Wort und richtete es in mitleidigem Ton ausgerechnet an Lady Amelia: „Oh, ich rate Ihnen, Missis, John nicht zu sehr zu reizen. Mit Pistolen und Säbeln kann er noch besser umgehen als mit dem Rapier, und das will etwas heißen. Bei ihm brennt leicht die Sicherung durch.“

Missis, wirklich! Als sei sie die Köchin oder die Haushälterin! Sie presste die Hände auf die Ohren und ging zur Tür.

Cassie musste sich zwingen, die Belustigung nicht zu zeigen. Doch das wäre unschicklich gewesen. Man hatte sich aus einem ernsten Anlass versammelt. Doch seit Mr Lockhart angekommen war, hatte er die Bibliothek in ein Tollhaus verwandelt. Cassie war sicher, dass jedes von ihm geäußerte Wort dazu bestimmt gewesen war, ins Schwarze zu treffen. Er hatte nichts Impulsives an sich. Er wirkte nur kühl berechnend. Falls er gedemütigt und in die Welt getrieben worden war, um sich allein durchzuschlagen, ungeliebt und von allen ignoriert, zahlte er es ihnen jetzt mit ihrer eigenen Münze zurück.

Aber warum in aller Welt hatte sie beschlossen, mit diesem kaltherzigen Scheusal, das eine so spitze Zunge hatte, zu leben? Fast wurde sie schwankend, doch dann nahm der Earl sie sanft beim Arm, führte sie in das Arbeitszimmer und schloss die Tür hinter ihnen. Daraufhin wurde sie wieder anderen Sinnes. Denn bot er ihr nicht eine Art Freiheit? Zumindest verschaffte er ihr die Möglichkeit, nicht verhungern zu müssen.

„Es stimmt, was Fred gesagt hat“, teilte er ihr mit. „Ich habe nicht viel Zeit, mit Ihnen zu reden, da ich in der Schule benötigt werde. Aber ich möchte Sie beruhigen. Es war mir ernst, als ich sagte, ich wolle Sie nicht kränken. Aus dem, was Mr Herriot mir soeben kurz anvertraut hat, ist eindeutig klar geworden, dass Sie ein Opfer meiner Verwandten sind. Sie und ihre Gesellschafterin, die Sie beide kurz davor standen, auf die Straße gesetzt zu werden. Ich will Ihre Zukunft absichern, und das kann ich, wie Sie so präzis festgestellt haben, indem ich das für uns beide zum Vorteil tue. Haben Sie mich begriffen?“

Cassie nickte.

Ernst und gemessen fuhr John fort: „Ich muss jedoch etwas klarstellen, bevor Sie mich heiraten. Unsere Verbindung wird für mich eine reine Zweckehe sein. Ich werde Sie nicht berühren, das heißt, höchstens aus Freundschaft. Zum Teil ist das der Grund, weshalb ich Sie zu meiner Gattin gewählt habe. Ich habe nicht den Wunsch nach einer Familie. Mein einziges Bestreben ist es, meinem Vater eins auszuwischen, indem ich Sie heirate, und mir das Erbe sichere, dann jedoch nicht den Erben zeuge, den er so gern gehabt hätte. Ich sage, zum Teufel mit dem Geschlecht der Lockharts. Ich werde dafür sorgen, dass Sie ein bequemes, luxuriöses Leben haben, und zum Ausgleich werden Sie mir treu sein. Sie sehen aus, Miss Merton, als könnten Sie treu sein.“

Er glaubte, sie sei unscheinbar und gefügig. Aber er sollte warten, bis er sie geheiratet hatte! Er sagte, er würde ihr die Freiheit geben, und sie gedachte, sich zu amüsieren, wie ihr das nie zuvor gestattet gewesen war. Wenn er wollte, dass sie ihm treu war, würde sie ihr Wort halten, doch mehr nicht. Sie schwieg und neigte ergeben den Kopf.

Mit einem fragenden Ausdruck im Gesicht sprach er weiter: „Falls dieser Handel Ihnen nicht genehm sein sollte, sagen Sie es gleich. Dann gehe ich hinaus und teile meinen Verwandten mit, Sie hätten den Sinn geändert, und ich müsse mich nach einer anderen Braut umsehen. Ich glaube nicht, dass ich Schwierigkeiten hätte, eine zu finden. Meinen Sie das nicht auch?“

„Ja, ich bin sicher, dass im ton die Hälfte aller Mütter heiratsfähiger Tochter Ihnen ihre Töchter anpreisen würden und Sie die Qual der Wahl hätten. Warum also ich? Sie hätten eine Frau von Rang oder großer Schönheit haben können, sogar von Rang und großer Schönheit. Sie wissen, dass ich gesellschaftlich nicht sehr hoch stehe, und aus der Art, wie Sie mit mir reden, ersehe ich, dass Sie nicht denken, ich sei eine Schönheit. Also, nochmals, warum ich?“

„Aus eben diesem Grund“, antwortete John achtlos. „Ich will keine verzogene, schmollende Miss, die von mir erwartet, dass ich sie mit Komplimenten überhäufe, und die ihrer Mama etwas vorjammern würde, falls ich beschließe, meinen eigenen Weg zu gehen. Also, Mr Herriot zufolge sind Sie eine vernünftige Person, die ihre Pflicht tun wird, wie Sie das getan haben, seit mein Vater Sie hergebracht hat, und mir die ganze Zimperlichkeit erspart, der ich mich sonst ausgeliefert sähe. Sind Sie immer noch nicht anderen Sinnes geworden?“

Ein Kopfschütteln war Cassies Antwort.

„Gut! Also, haben Sie noch Fragen an mich, ehe ich gehe? Aber bitte keine, die lange Antworten erfordern.“

„Ja.“ Cassie legte die Hände hinter den Rücken und äußerte ernst: „Eine Frage. Wer ist Ihr Schatten? Wie heißt er? Und wird er zu unserem Haushalt gehören?“ Die Formulierung „unserem Haushalt“ gefiel ihr. Damit hatte sie dem Earl gesagt, wie entschlossen sie war, ihn als zukünftigen Gatten anzusehen, und das ohne jede Zimperlichkeit.

„Der Mann heißt George Dickson. Er ist mein bester Freund, und wir haben uns gegenseitig das Leben zu verdanken. So etwas verbindet, wie Sie begreifen werden. Ja, er wird zu unserem Haushalt zählen. Er wird mein Faktotum und trotzdem mein Freund sein, also eigentlich gar kein Dienstbote. Wir waren lange Zeit nur Dev und Dickie füreinander.“

Dev und Dickie. Es gab noch eine Frage, die Cassie ihm stellen musste, selbst wenn sie an seinem Benehmen sah, dass er es eilig hatte, fortzukommen. „Dev und Dickie. Das bedeutet, dass er Ihren wahren Namen kannte, nicht wahr?“

John schüttelte den Kopf. „Bis heute haben er und die Welt, oder zumindest der Teil, in dem ich in den vergangenen zwölf Jahren lebte, mich als John Devlin gekannt.“

Cassie fand, es sei nicht klug, ihn zu fragen, in welchem Teil der Welt er gelebt und was er da gemacht hatte. Wenn er wollte, dass sie oder sonst jemand das wusste, würde er es sagen. Offensichtlich wollte er das nicht sagen.

„Genug. Haben Sie noch weitere Fragen an mich?“, fragte er, hob die Brauen und schaute wild Miss Merton an.

Im Moment hatte Cassie keine, doch es gab etwas, das zu äußern sie nicht widerstehen konnte. „Wissen Sie, es wird ihm nicht gefallen“, sagte sie rätselhaft. Erstaunlicherweise wusste der Earl jedoch, was sie meinte.

„Sie meinen Amelias Gatten? Es wird ihm nicht passen, dass Dickie und ich eher Freunde und nicht Herr und Diener sind?“

Sie nickte.

„Dann kann er sich zum Teufel scheren. Ich merke, dass Sie nichts dagegen haben. Gegen meine unkonventionelle Beziehung zu Dickie, meine ich.“

„Oh nein“, erwiderte Cassie. „Das ist Ihr Geheimnis, wie Mr Hunt, unser Bibliothekar, mir einmal sagte, als wir über einige der früheren Sitten und Gebräuche diskutierten. Er sagte, jedes Jahrhundert und jeder Mensch habe die eigenen.“

„Ach, sagte er das?“ John war wieder ernst.

Vielleicht hatte sie ihn tatsächlich ein wenig überrascht. Und nun beugte er sich elegant über ihre Hand, und ehe er sich aufrichtete, küsste er ihr den Handrücken und hinterließ ein seltsames, aber angenehmes Gefühl, das sie immer noch empfand, nachdem er längst gegangen war, um, wie er gesagt hatte, „seine Pflicht zu tun“.

„Kind“, sagte Miss Strood betrübt, „wissen Sie, worauf Sie sich einlassen?“

„Nein“, antwortete Cassie. „Natürlich nicht. Ganz und gar nicht. Aber ich brauche ein Zuhause. Und Sie auch. Er gibt es uns. So einfach ist das.“

„Oh ja, Kind, aber zu welchem Preis! Ihn heiraten zu wollen, solch ein Ungeheuer! Jagt er Ihnen keine Furcht ein?“

„Ja, natürlich“, antwortete Cassie. Sie fand, es hatte keinen Sinn, die Wahrheit zu leugnen. Aber er erregte sie auch, und das konnte sie der armen Stroody nicht anvertrauen.

„Er benutzt Sie.“ Miss Stroods Stimme war jammernd geworden.

Miss Strood sah Cassie eindeutig, wie auf einem Opferaltar, ihr Leib der Preis für die Sicherheit, auf dem Bett des Earl hingestreckt. In Anbetracht der Tatsache, dass er beschlossen hatte, Cassie nicht zu berühren, war das wirklich ein Witz. „Gewiss.“ Sie nickte. „Aber auch ich benutze ihn. Deshalb sind wir quitt. Wäre es Ihnen lieber, dass wir uns auf der Straße wiederfänden? Seine hässlichen Schwestern waren, ganz gleich, was sie mit uns vorhatten, sofort nach der Ankunft des Earl willens, uns fallen zu lassen, weil sie ihm und dem verstorbenen Earl trotzen wollten.“

Miss Strood wusste nichts auf Miss Mertons letzte Bemerkung zu erwidern. Ihre dünnen Hände verkrampften sich heftig. Sie hatte so lange am Rande des Ruins gelebt, dass sie nicht glauben konnte, gerettet zu sein. Sie mochte nicht denken, dass Miss Merton geopfert worden war, um sie selbst zu retten. Zögernd fragte sie: „Wollen Sie, dass ich bei Ihnen bleibe, oder wäre es Ihnen lieber, dass ich mich nach einem anderen Posten umschaue?“ Sie wusste, dass Miss Merton sie nicht im Stich lassen würde, hatte jedoch einen flehenden Unterton angeschlagen, der bedeutete, sie wolle nicht ohne Freunde in die Welt gescheucht werden.

Cassie sagte so freundlich und sanft, wie sie es vermochte: „Natürlich möchte ich, dass Sie bei mir bleiben, Stroody. Ich brauche eine Freundin.“ Kurz ging Cassie der Gedanke durch den Sinn, ob es nicht doch besser gewesen wäre, sich auf die Straße setzen zu lassen und das Risiko, sich verkaufen zu müssen, auf sich zu nehmen. Cassie machte sich keine Illusionen, was ihr Los gewesen wäre. Sie bezweifelte stark, dass Gott ihr eine bessere Möglichkeit gegeben hätte, als sich zu verkaufen. Schließlich hatte Er in ihrem bisher so kurzen Leben sehr wenig für sie gesorgt. So zu denken, hieß jedoch, Ihm gegenüber undankbar zu sein, denn hatte Er ihr nicht den Earl of Devereux über den Weg geschickt? Und mit dem Earl würde sie zufrieden sein müssen.

Miss Strood beachtete Miss Mertons wechselndes Mienenspiel. Ihr kam es vor, als würde das Mädchen vor ihren Augen reifer werden. „Tun Sie das nicht, Kind“, sagte sie und legte die Arme um sie, als wolle sie Miss Merton beschützen. „Irgendwie werden wir überleben, auch ohne dass wir Lord Devereux’ Opfer werden.“

Cassie tröstete Stroody, indem sie ihr den Rücken tätschelte. Sie wünschte sich, sie könne der Gouvernante die Wahrheit sagen. Doch das wäre nicht klug. Bislang hatte sie überlebt, weil sie sich stets zurückgehalten hatte. „Aber, aber, aber“, murmelte sie beschwichtigend. „Es gibt keinen Grund, so unzufrieden zu sein. Ich bin sicher, Seine Lordschaft wird fair zu mir sein.“ Im Stillen kreuzte sie jedoch die Finger, denn was wusste sie wirklich über ihn?

Miss Strood zu trösten, war eine ermüdende Beschäftigung. Schließlich schickte sie die Gesellschafterin zum Ausruhen in ihr Zimmer, das nur einige Türen von ihrem entfernt war, und ging in ihrs, um das Gleiche zu tun. Sie hatte sich jedoch kaum auf das schmale, harte Bett gesetzt, das kaum besser denn das eines der Diener war, als ihre im höchsten Maße benötigte Einsamkeit durch gebieterisches Klopfen an der Tür gestört wurde. Ohne ihre Antwort abzuwarten, wurde die Tür weit aufgestoßen, und Lady Amelia Thaxted kam mit der Miene einer Tragödienkönigin auf sie zu.

„Mein liebes, armes Kind!“, rief Amelia aus. Ihr Ton hatte angedeutet, dass sie und Miss Merton bis zu dem plötzlichen Auftauchen des Bruders Busenfreundinnen gewesen waren, und dass sie diese Freundschaft auf der Stelle erneuern wollte, um Miss Merton in der Zeit der Not beizustehen. „Diese Ehe ist ein Unding. In Ihrem zarten Alter ist es höchst unfair, Sie mit einem so wilden Wüstling, wie mein Bruder das zu sein scheint, zu belasten. Mein Mann und ich sind einer Meinung, und auch die liebe Constantia stimmt uns zu, dass Sie bei einem von uns ein Heim finden sollten, damit Sie nicht die Notwendigkeit empfinden, sich opfern zu müssen, nur um ein Dach über dem Kopf zu haben.“ Amelia legte eine dramatische Pause ein.

Cassie beschloss herauszufinden, welches Schicksal man ihrer Gesellschafterin zugedacht hatte. „Und was ist mit Miss Strood?“, fragte sie umgänglich, als sei sie mit Lady Amelias Vorschlag einverstanden.

Oh, das klang vielversprechend und zeigte, dass das Kind wusste, wo sein Platz war, der keinesfalls der der Countess of Devereux war. „Selbstverständlich werden wir auch Miss Strood aufnehmen, bis sie einen neuen Posten gefunden hat. Natürlich wird das nicht auf lange Dauer sein, wie Sie gewiss verstehen werden.“

„Ich verstehe“, erwiderte Cassie und versank in Schweigen.

Ihr Schweigen wurde rasch als Zustimmung gewertet. „Soll ich meinem Mann sagen, dass Sie die lächerliche Absicht, meinen Bruder zu heiraten, aufgegeben haben und sich von uns unter die Fittiche nehmen lassen?“

Unter deren Fittiche? Wo war der Zufluchtsort vor dem plötzlichen und unerwünschten Erscheinen des Earl gewesen, als Amelia und Constantia und alle anderen derart willens gewesen waren, Cassie fortzujagen? Es war offenkundig, dass seine Schwestern und deren Gatten in ihrem Bestreben, es ihm schwierig zu machen, die Bedingungen im Testament seines Vaters zu erfüllen, bereit waren, alles zu tun, um seine Ehe mit Cassie zu verhindern.

„Miss Merton! Cassie! Cassie!“

Du lieber Himmel! Lady Amelia flehte sie an. Niemals hätte Cassie das für möglich gehalten, da die Unterredungen, die sie bisher mit ihr geführt hatte, stets die Form von einschüchternden Tiraden gehabt hatten. „Oh nein.“ Cassie lächelte süß. „Ich habe Seiner Lordschaft mein Wort gegeben und muss es halten, so gern ich Ihr generöses Angebot annehmen würde. Hätten Sie es eher gemacht, wäre ich durch mein Wort an Sie gebunden gewesen. Aber so …“ Vielsagend zuckte sie mit den Schultern. War das nicht die wundervollste Rache für die eigensüchtige Art, mit der man ihre Entfernung aus dem Haus arrangiert gehabt hatte? Das einzig Bedauerliche war, dass Cassie Lady Amelia nicht wissen lassen konnte, dass sie sich des völligen Meinungsumschwunges bewusst war, den das Angebot des Earl bei allen ausgelöst hatte. Das zu tun, wäre sehr unklug gewesen.

Nach dieser unterwürfigen Antwort lief Amelia wieder hochrot an. Sie hätte schwören können, dass das Kind sich dabei über sie lustig gemacht hatte. Verzweifelt unternahm sie einen neuen Versuch. Sie hatte allen gesagt, dass sie Miss Merton auf ihre Seite ziehen würde, und kampflos würde sie nicht aufgeben. „Sie können kaum den Wunsch haben, diese Ehefarce auf sich zu nehmen, um die Countess of Devereux zu werden. Welchen Vorteil brächte Ihnen der Titel im Vergleich zu dem Unglück, das die Verbindung mit so einem Nichtsnutz wie John Ihnen eintragen würde?“

„Gewiss“, sagte Cassie seufzend. „Ich habe jedoch mein Wort gegeben, vielleicht ein wenig voreilig, doch nun muss ich damit leben. Wir haben es sogar mit Handschlag besiegelt.“

Amelia ballte die Hände und verbarg sie in den Falten des Rocks. Sie trug ein braunes Kleid, dessen Farbe ihrem Teint nicht schmeichelte. „Ich muss sagen, dass ich Sie für ausgesprochen unklug halte. Denken Sie nicht, dass mein Mann und ich oder die liebe Constantia und Edward willens sein werden, Ihnen zu helfen, wenn Sie in einigen Monaten zu uns kommen und Hilfe haben wollen, weil das Leben mit jemandem wie John für Sie unerträglich ist. Ich habe Ihnen die Möglichkeit gegeben, Abstand von der Heirat zu nehmen, und Sie haben sie zurückgewiesen. Denken Sie daran! Sie haben sich das Bett gemacht, mein Mädchen, und müssen nun darin schlafen, und zwar mit John!“

Das war keineswegs eine so schreckliche Drohung, wie sie gedacht hatte.

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