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Auf den Wogen der Liebe

RUTH RYAN LANGAN

Auf den Wogen der Liebe

Meer der Sehnsucht

„Führen Sie mein Boot!“ Verzweifelt fleht Ambrosia Lambert den attraktiven Kapitän Riordan Spencer an. Auf hoher See will sie den Piraten stellen, der ihren Vater auf dem Gewissen hat! Zwar lehnt Riordan ab, aber Ambrosia gibt nicht auf: Sie verfällt auf eine verführerisch weibliche List, um ihn doch noch für ihren Racheplan zu gewinnen – und für sich …

Die Freibeuterin des Königs

Auf See kämpft Bethany mutig gegen Piraten, zu Land dagegen muss sie hilflos erleben, wie ein Straßenräuber ihr bei einem Überfall einen Kuss stiehlt! Warum nur brennt die Erinnerung an jene zügellose Zärtlichkeit besonders heiß, als sie ihren neuen Nachbarn Lord Alsmeeth aufsucht? Sie ahnt nicht, wie viel gerade er mit dem unvergesslichen Kuss zu tun hat …

Das Herz kennt die Wahrheit

Das Schiff ihres Verlobten ist vor Cornwall gekentert – und mit ihm Darcys Hoffnung auf ein Leben voller Liebe! Traurig sucht sie Vergessen in ihrer Aufgabe als Captain der „Undaunted“, die sie couragiert durch Wind und Wogen steuert. Bis sie eines Tages einen mysteriösen Mann an Bord nimmt, der in ihr die verloren geglaubte Leidenschaft wiedererweckt …

Ruth Langan
Meer der Sehnsucht

PROLOG

Land’s End, Cornwall, 1665

„Ich überbringe eine Nachricht von unserem gemeinsamen Freund.“ Zwei schemenhafte Gestalten standen dicht an die Wand der Kajüte gepresst, auf einem Schiff, das ohne Flagge fuhr. Die Kerzen waren gelöscht. Nur das Mondlicht, das durch das kleine Bullauge fiel, spendete etwas Helligkeit.

„Ich hoffe, er hat auch Gold mitgeschickt.“ Die Stimme klang rau und kratzig von den vielen Jahren auf See.

Münzen klirrten, als der gut gekleidete Mann in seine Tasche griff und einen Beutel hervorzog. „Wenn du tust, was unser Freund verlangt, wirst du bald ein reicher Mann sein.“

„Oder ein toter“, erwiderte der andere trocken, griff gierig nach dem Säckchen und ließ es verschwinden. „So, und jetzt sag mir, was er von mir will.“

„Nun, was er will, was wir alle wollen, ist, dass Charles ein schwacher König bleibt. Damit, wenn der rechte Augenblick gekommen ist, ein gemeinsamer Freund von uns vortreten und Anspruch auf den Thron erheben kann. Das wird unser Glück besiegeln. Doch um das zu erreichen, müssen wir sicherstellen, dass bestimmte Schiffsladungen mit Gold, die für den König bestimmt sind, niemals in London eintreffen.“

Auf diese Worte hin erklang ein tiefes, raues Lachen. „Meine Männer und ich haben mit so etwas keine Schwierigkeiten. Wir waren schon als Piraten in jenen Gewässern unterwegs, als der König noch laufen lernte.“

„Aber die Zeiten haben sich geändert. Charles hat seine eigenen Freibeuter, die sich zu verteidigen wissen. Deshalb ist unser gemeinsamer Freund auch so großzügig. Wenn nötig, kannst du von dem Gold eine ganze Armee zu deiner Unterstützung anwerben.“

„Ich verstehe“, murmelte der andere.

Der Gentleman zog eine Schriftrolle hervor. „Hier ist eine Liste mit Namen von Kapitänen, die dem König treu ergeben sind. Schon bald werde ich diese Liste noch erweitern. Deine Aufgabe ist es, sie alle unschädlich zu machen.“

„Mit Vergnügen!“

Beide Männer schenkten sich aus einem Krug Ale in bereitstehende Becher und prosteten einander zu.

„Auf England“, sagte der elegante Herr. „Und einen neuen Monarchen.“

Der andere Mann stieß ein kurzes, trockenes Lachen aus. „Auf Gold in meinen Taschen. Das ist der einzige König, dem ich diene!“

1. KAPITEL

„Ambrosia!“ Bethany Lambert und ihre jüngere Schwester Darcy traten in das Gemach ihrer ältesten Schwester und blieben wie angewurzelt stehen.

„Oh, wie wunderschön du aussiehst!“ Bethany ließ den Blick über Ambrosias Gewand aus rotem Satin gleiten, bewunderte den tiefen runden Ausschnitt und die zu den Handgelenken hin spitz zulaufenden Ärmel. „Wurde dieses Kleid nicht aus dem Ballen Satin gefertigt, den Papa von seiner letzten Reise aus Paris mitgebracht hat?“

„Ja, das ist gut möglich.“ Ambrosia wandte sich vom Fenster ab, an dem sie die letzte halbe Stunde gestanden und in die Ferne geblickt hatte. Schöne Kleider hatten ihr seit ihrer Kindheit noch nie etwas bedeutet. Und so war es auch heute noch. Als junge Frau von siebzehn Jahren zog sie meistens das an, was die Haushälterin für sie zurechtlegte. Mistress Coffey kümmerte sich um die Garderobe aller Bewohner von Mary Castle.

„Von der Undaunted ist weit und breit nichts zu sehen.“ Ambrosia schaute ihre Schwestern mit unverhohlener Sorge an.

Bethany, ein Jahr jünger, griff nach den Händen der Älteren und versuchte, sie in Richtung Tür zu ziehen. „Sie wird schon kommen“, versicherte sie und setzte hinzu: „Wenn nicht heute Nacht, dann eben irgendwann morgen. Keine Angst, Papa und James werden bald wieder zu Hause sein.“

Darcy war mit fünfzehn Jahren das Küken in der Familie. Jetzt trat sie ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. „Großvater und die anderen sind schon in der Kutsche. Kommt, wir müssen uns beeilen.“

Die drei Mädchen waren sowohl rein äußerlich als auch in ihrem Wesen so unterschiedlich, dass niemand, der sie nicht kannte, sie für Schwestern gehalten hätte. Ambrosia war von großer, aufrechter Gestalt und so hartnäckig und unerbittlich wie ein Mann. Sie hatte lange, wohlgeformte Beine und eine unübersehbar weibliche Figur. Als älteste von den drei Lambert-Schwestern galt sie als Anführerin und stand in dem Ruf, Furchtlos und unerschrocken zu sein.

Bethany war ein Rotschopf mit grünen Augen und einem mit weiblichen Attributen üppig ausgestatteten Körper, der auch in den bescheidensten Kleidern immer noch verlockend wirkte. Ihr übersprudelndes Temperament passte zu den roten Haaren, und kein Mann konnte sich ihrer Ausstrahlung entziehen. Ihr Vater behauptete stets, sie habe bereits bei ihrer Geburt mit den langen Wimpern geklimpert und Alt und Jung praktisch um den kleinen Finger gewickelt.

Darcy, das Nesthäkchen, war von zierlicher Gestalt und hatte blondes Haar sowie stets strahlende blaue Augen. Es war unmöglich, sie nicht aus tiefster Seele zu lieben, denn ihre liebreizende Scheu und ihr hilfsbereites Wesen waren einfach unwiderstehlich.

Nur zögernd ließ sich Ambrosia von ihren Schwestern aus dem Zimmer und weiter die breite Treppe hinunterführen. Widerstrebend folgte sie ihnen durch das schwere Portal nach draußen, wo die Kutsche mit dem Wappen der Lamberts bereits vorgefahren war.

Der alte Newton Findlay reichte ihr die Hand, um ihr beim Einsteigen behilflich zu sein. „Du siehst bezaubernd aus, Ambrosia“, versicherte er und machte eine kleine Verbeugung vor ihr.

„Danke, New.“ Sie lächelte Findlay zu, ihrem Vertrauten seit frühester Kindheit. Er war schon sowohl mit ihrem Großvater als auch mit ihrem Vater zur See gefahren. Erst der Verlust eines Beins bei einem Kampf mit einem Hai hatte ihn dazu gezwungen, die Seefahrt aufzugeben. Seitdem kümmerte er sich um Kutschen und Pferde, machte sich auf dem großen Anwesen überall nützlich und unterhielt die Lambert-Mädchen, seit diese alt genug zum Zuhören waren, mit einem schier unerschöpflichen Vorrat an Seemannsgeschichten.

Jetzt hatte er eine saubere Jacke über seine Seemannskluft gezogen, die er tagaus, tagein trug. Er wollte einen guten Eindruck auf Mistress Coffey, die Haushälterin, machen, die größten Wert auf tadellose Manieren legte.

Sie stand neben der Kutsche und beobachtete, wie Ambrosia in das Gefährt stieg und neben ihren Schwestern Platz nahm. Seit dem Tod ihres Mannes vor mehr als zwanzig Jahren trug sie nur noch schwarze Gewänder, vorzugsweise hochgeschlossen und so sehr gestärkt, dass sie stets leise raschelten, wenn sich Mistress Coffey bewegte.

„Beeil dich, Newton“, sagte sie jetzt und runzelte unwillig die Stirn. „Wir wollen doch nicht zu spät zu Edwinas Teestunde erscheinen.“

„Ich weiß sowieso nicht, warum wir überhaupt zu Edwina zum Tee fahren müssen“, bemerkte Ambrosia missgelaunt. „Das ist doch reine Zeitverschwendung. Edwina Cannon ist eine dumme, aufgeblasene Gans.“

„Also, Ambrosia, ich muss doch sehr bitten!“ Miss Winifred Mellon, das alte Kindermädchen, legte sich erschrocken die Hand auf den Mund. Sie war schon seit dem plötzlichen Tod von John Lamberts innigst geliebter Gattin Mary im Haus. Damals hatte sie als Amme und Kinderfrau die Schwestern in ihr Herz geschlossen und sie erzogen, als wären es ihre eigenen Kinder.

Erst als die Mädchen erwachsen wurden und kein Kindermädchen mehr brauchten, hatten sie erfahren, dass Miss Mellon weder Angehörige noch eine eigene Bleibe hatte, und so hatte man sie einfach auf Mary Castle, wie der Familiensitz genannt wurde, behalten.

Sie kümmerte sich weiterhin um die Erziehung der Lambert-Mädchen und achtete peinlichst genau auf stets untadelige Manieren ihrer Schützlinge und auch darauf, dass diese ihren Pflichten als junge Damen nachkamen. Wann immer sich eines der Mädchen in einer Weise aufführte, die Grund zur Empörung gab, erlitt Miss Mellon unweigerlich einen Ohnmachtsanfall. Diese Anfälle traten so häufig auf, dass sich inzwischen niemand mehr darüber aufregte. Familie und Bedienstete gingen einfach ihrer jeweiligen Beschäftigung nach und warteten in Ruhe ab, bis sich Miss Mellon wieder erholt hatte.

„Es ist unter deiner Würde, Edwina mit Schimpfnamen zu titulieren, Ambrosia“, erklärte sie jetzt streng und mit jenem missbilligenden Unterton, den die jungen Frauen seit ihrer Kindheit kannten. „Dein Vater wäre zutiefst schockiert, wenn er seine Älteste in dieser vulgären Art würde reden hören. Und was, glaubst du, würde dein Bruder sagen zu derart undamenhaftem Benehmen?“

„James würde mir recht geben, Winnie.“ Ambrosias Augen glitzerten. „Er hat mir erzählt von dem Tag, an dem er Edwina zum Picknick begleitet hat. Er meinte, er habe nicht einen noch so winzigen Funken Verstand bei ihr bemerkt. Sie habe die ganze Zeit über nur an ihr Hütchen denken können. Man stelle sich so etwas vor: Einen ganzen Tag zu vergeuden, indem man nur über einen Hut redet! James kann froh sein, dass er sie los ist.“

Winifred und die Haushälterin wechselten einen Blick des Einverständnisses. Wenn es um die Verteidigung ihres Bruders ging, waren die drei Schwestern in ihrer Kampfeslust kaum zu bremsen. Ihrer Meinung nach konnte keine Frau jemals gut genug für ihren Bruder sein. Und was ihren Vater betraf, so waren Ambrosia, Bethany und Darcy noch besorgter um sein Wohl und seinen Ruf. Niemand durfte ihn auch nur ansatzweise kritisieren. Sie bewunderten und verehrten ihn grenzenlos, und er vergalt ihnen ihre Liebe hundertfach.

Wann immer er nach langer Fahrt von See heimkehrte, klang das glückliche Lachen seiner Töchter durch die ehrwürdigen alten Mauern und erfüllte das Schloss mit Leben und Freude.

Captain John Lambert verfügte über einen wachen Geist, Witz und Charme. Diese Eigenschaften machten ihn zu einem sehr beliebten Anführer in der kleinen dörflichen Gemeinde von Land’s End, und in ganz Cornwall sprach man von ihm in lobenden Worten.

In der Tat galten alle Mitglieder der Lambert-Familie als gut aussehend. John und James waren von großer, kräftiger Gestalt, ihre Haut war rau und gebräunt von Wind und Wetter auf hoher See. So manche Frau in Cornwall hoffte, das Interesse von Vater oder Sohn zu wecken.

Die Mädchen hatten, bedingt durch den allzu frühen Tod ihrer Mutter und die oft monatelange Abwesenheit von Vater und Bruder, eine besondere Beziehung zueinander. Manchmal schien es so, als brauchten sie nur sich selbst und einander. Sie waren gegenseitig die besten Freundinnen und Vertrauenspersonen. Aber daraus entwickelte auch jede der drei eine ausgeprägte Form von Unabhängigkeitsstreben, welches Kindermädchen und Haushälterin mit Sorge beobachteten.

„Es wäre besser, du würdest endlich lernen, deine Zunge zu hüten“, sagte Winifred streng, woraufhin Bethany anfing zu lachen. Die alte Kinderfrau wandte sich um und meinte: „Und du solltest auch besser zuhören, anstatt dich über mich lustig zu machen. Solch ungebührliches Benehmen könnte ein ernstes Hindernis darstellen auf der Suche nach einer guten Partie.“

Ambrosia runzelte unwillig die Stirn. „Wenn dem so sein sollte, werde ich einfach so bleiben, wie ich bin, und mich an meiner eigenen Gesellschaft erfreuen, Winnie. Nie und nimmer würde ich meine Unabhängigkeit für einen Mann aufgeben.“

„Ich auch nicht“, bekräftigte Bethany. „Wenn ein Mann mich nicht so liebt, wie ich bin, dann ist er nicht mal die Zeit der Werbung um mich wert.“

Die süße Darcy nickte, woraufhin Mistress Coffey verzweifelt den Kopf schüttelte. „Darf ich euch drei darauf hinweisen, dass ihr unter solchen Umständen womöglich als die einzigen Jungfern in ganz Cornwall enden werdet?“

Winifred Mellon stieß einen unterdrückten Laut aus, und die Haushälterin erkannte, dass sie eine Taktlosigkeit begangen hatte, denn die alte Kinderfrau hatte nie geheiratet und auch niemals die Liebe eines Mannes kennengelernt. Um ihrer Bemerkung den Stachel zu nehmen, fügte Mistress Coffey hastig hinzu: „Wenigstens benehmen Sie sich stets wie eine Dame, Miss Mellon. Welcher Mann will schon eine Ehefrau, die lieber ein Segelschiff steuert, als sich mit Näharbeiten zu beschäftigen?“

„Na, ein echter, richtiger Mann natürlich“, erklang die Stimme des alten Newton, der der Unterhaltung bisher belustigt gelauscht hatte, vom Kutschbock. „Ein Seemann.“

Nun ließ sich auch der Großvater der Mädchen, Geoffrey Lambert, vernehmen. „Sehen?“ Er wandte den Kopf, um Newton besser verstehen zu können. „Was hast du gesehen?“ Früher einmal war er einer der besten Kapitäne zur See von ganz England gewesen. Eine versehentlich abgefeuerte Kanone hatte dem ein jähes Ende gesetzt, denn der Knall hatte sein Gehör dermaßen geschädigt, dass er von Stund an fast nichts mehr hören konnte.

Er verbrachte seine Tage damit, seinen Enkeltöchtern von seinen Abenteuern auf hoher See zu erzählen und ihnen alles beizubringen, was er über das Leben und Überleben auf See wusste.

Wollte man jedoch Mistress Coffey Glauben schenken, so nutzte er seine Behinderung schamlos dazu aus, immer nur das zu hören, was er hören wollte, und sich ansonsten taub zu stellen. „Was ich sehe, ist ein alter Dummkopf“, stieß sie halblaut hervor. Und im nächsten Moment rief sie aus: „Oh, da sind wir ja schon! Dort drüben ist das Anwesen der Cannons. Und seht nur, wie viele Wagen noch vor uns sind.“

Die Schwestern tauschten wissende Blicke. Ihnen war sattsam bekannt, dass Mistress Coffey nichts mehr verabscheute, als als eine der Letzten zu einer Einladung einzutreffen. Sie nutzte die Wartezeit, um den Mädchen noch einige Ratschläge mit auf den Weg zu geben.

„Denkt daran“, sagte sie, „dass Lord Silas Fenwick aus London anwesend sein wird. Man munkelt, dass er auf Brautschau sei. Benehmt euch untadelig, und vielleicht gelingt es einer von euch, einen äußerst wohlhabenden, begehrten Junggesellen für sich zu gewinnen.“

„Ambrosia, Bethany, Darcy!“ Edwina Cannon stieß einen schrillen Schrei aus, der ihre Freude ausdrücken sollte. „Ihr müsst unbedingt Lord Fenwick kennenlernen.“ Sie hielt den Arm eines elegant gekleideten, gut aussehenden Herrn mit sandfarbenem Haar und edel geschnittenen Gesichtszügen fest umklammert. „Lord Fenwick, darf ich Ihnen die Lambert-Schwestern vorstellen?“

Er nahm die jeweils dargebotene Hand und zog sie an die Lippen. Dabei bedachte er die jungen Frauen mit Blicken, die schon so manches Mädchenherz in Verwirrung gestürzt hatten.

Edwina plapperte unaufhörlich drauflos, wobei sie keine Gelegenheit ausließ, mit ihrem Zuhause zu prahlen und gleichzeitig Lord Fenwick schmachtende Blicke zuzuwerfen.

„Was für ein beeindruckender junger Herr“, bemerkte Mistress Coffey an Edwinas Mutter gewandt.

„Ja, er und Edwina sind ein wundervolles Paar“, bekräftigte Mistress Cannon und fügte triumphierend hinzu: „Edwinas Schönheit und sein Vermögen ergeben eine perfekte Verbindung. Er hat bereits erwähnt, dass seine zukünftige Frau auf jeden Fall ein Haus in London wird führen müssen.“

„Wie kann jemand freiwillig Cornwall gegen London eintauschen?“, warf Ambrosia ein, und plötzlich war es vollkommen still im Raum. Ambrosia jedoch war das gleichgültig. Sie langweilte sich und musste die ganze Zeit daran denken, dass ihr Vater womöglich inzwischen zurückgekehrt war und sie seine Ankunft verpasst haben könnte.

Lord Fenwick räusperte sich und versuchte, die plötzlich gespannte Atmosphäre wieder zu lockern. „Um diese Zeit ist es einfach zauberhaft in Cornwall“, versicherte er. „Ich sah ziemlich viele Schiffe im Hafen vor Anker liegen.“

„Die Undaunted, das Schiff unseres Vaters, wird täglich erwartet.“ Ambrosia nippte an ihrem Tee und nahm sich eines der angebotenen kleinen Gebäckstücke.

„Ich habe von Ihrem Vater gehört. Ist nicht Ihr Bruder James ebenfalls an Bord?“

„Ja.“ Ambrosias Augen leuchteten auf. „Kennen Sie die beiden, Lord Fenwick?“

„Nein, ich bin ihnen leider noch nicht begegnet. Aber ich habe viel von ihnen gehört. Mein Großvater vererbte mir sein Importgeschäft, eines der erfolgreichsten seiner Art in ganz England. Ich lege Wert darauf, so viele Schiffe wie möglich zu kennen und auch die Bekanntschaft ihrer Kapitäne zu machen.“

„Segeln Sie selber auch?“, wollte Ambrosia wissen.

Lächelnd schüttelte er den Kopf. „Meine Interessen liegen eher auf der geschäftlichen Seite. Aber ich nenne ein wunderbares Schiff mein Eigen. Es heißt Sea Devil, und ich hatte sogar die große Ehre, es dem König für die eine oder andere Kreuzfahrt auf der Themse zur Verfügung zu stellen.“

„Was?“ Edwina riss die Augen unnatürlich weit auf. „Sie haben wirklich den König unterhalten, Silas?“

„Ja, meine Liebe.“ Er tätschelte ihre Hand. „Vielleicht mache ich Sie eines Tages mit ihm bekannt. Er wird Sie genauso charmant finden wie ich.“

Edwina kicherte dümmlich, und Ambrosia setzte ihre Tasse etwas zu heftig ab. „Mistress Coffey, ich denke, wir müssen aufbrechen.“

„Aber wieso denn? Wir sind doch gerade erst angekommen.“

„Großvater macht einen erschöpften Eindruck. Wir sollten ihn besser nach Hause bringen.“ Sie neigte sich zu dem alten Herrn hinunter und sagte laut und vernehmlich: „Nicht wahr, Großvater, du möchtest doch gern nach Hause, oder?“

„In der Tat. Hab genug Tee getrunken und auch die köstlichen Süßigkeiten genossen.“ Er gähnte unverhohlen. „Vielleicht mache ich vor dem Dinner noch ein kleines Nickerchen.“

Edwina folgte der Lambert-Gesellschaft auf dem Fuß, wobei sie Lord Fenwick energisch mit sich zog. „Aber ich habe euch doch noch gar nicht erzählt, wie Silas und ich uns kennengelernt haben.“ Mit einem hingebungsvollen Augenaufschlag sah Edwina ihm in die Augen.

Er wirkt vollkommen gelangweilt, erkannte Ambrosia. Wie dringend muss es ihn nach einer Ehefrau verlangen, wenn er seine Zeit mit dieser albernen Edwina vergeudet. Laut sagte sie: „Spar dir die Geschichte für unser nächstes Treffen auf, Edwina. Du verstehst sicher, dass Großvaters Wohlergehen an erster Stelle steht.“

„Nun ja …“ Edwina bot den drei Schwestern die Wange zu dem üblichen, nur hingehauchten Abschiedskuss. Gemeinsam mit Lord Fenwick schaute sie den Gästen von Mary Castle nach.

Er spürte, wie sie ihn prüfend ansah, und wandte sich ihr mit einem aufgesetzten Lächeln zu. „Eine … nun ja, eine schillernde Familie, finde ich.“

„Jeder hier in Land’s End findet die Mädchen ziemlich seltsam. Die Seeleute behaupten, sie könnten ein Schiff so gut segeln wie jeder Mann. Und es ist auch allgemein bekannt, dass sie außerdem mit Waffen umzugehen wissen.“

„Waffen? Sie scherzen!“

„Nein, nein.“ Edwina kam sich ungeheuer wichtig vor, weil sie Lord Fenwick mit ihrem Wissen beeindrucken konnte. „Ambrosia kann ein Schwert so gut wie jeder Mann schwingen. Bethany wurde dabei beobachtet, wie sie mit der Pistole ihres Vaters eine Münze von einem Ast herunterschoss, und Darcy kann mit ihrem Messer einen Vogel im Flug treffen.“

Inzwischen hatten die Lamberts ihre Kutsche erreicht, und kurz darauf setzten sich die Pferde in Bewegung. Edwina seufzte. „Jeder in Land’s End ist davon überzeugt, dass die drei Schwestern als alte Jungfern enden werden. Welcher Mann gibt schließlich einer Frau den Vorzug, die über männliche Tugenden verfügt, aber völlig unfähig ist, wenn es um die Kunst des Nähens und Kochens geht?“

„Habt ihr schon gehört, was man sich über das Kleid erzählt, das sich Edwina Cannon für den großen Dorfball schneidern lässt?“ Mistress Coffey verhielt sich wie eine Glucke, die über ihren Nachwuchs wacht. Ihre Schützlinge Ambrosia, Bethany und Darcy saßen wie kleine Häufchen Unglück an dem langen Esstisch und stocherten lustlos in ihrem Essen herum.

„Das Tuch ist so fein wie gesponnenes Gold“, schwärmte die Haushälterin. „Das Kleid ist fast so schön wie das, welches die Geliebte des Königs voriges Jahr zum Maskenball trug.“

Mistress Coffeys Stimme klang hoch und laut, wie immer, wenn sie sich für eine Sache erwärmte. „Stellt euch nur mal vor, was Edwina für ein Leben führen wird, wenn Lord Fenwick, wie ihre Mutter andeutete, tatsächlich um ihre Hand anhalten sollte.“

Da keine der Lambert-Schwestern dazu etwas sagte, fügte sie noch hinzu: „Und dabei zählt Edwina erst sechzehn Lenze.“ Sie warf Ambrosia bei diesen Worten einen bedeutungsvollen Blick zu, doch diese war und blieb vollkommen unbeeindruckt von Mistress Coffeys Andeutungen, wusste sie doch, dass sich die alte Haushälterin Sorgen machte, sie, Ambrosia, könne womöglich als alte Jungfer enden.

Bevor irgendjemand Gelegenheit zu einem Gesprächsbeitrag bekam, ertönte ein lautes Klopfen an der Eingangstür.

„Nanu! Wem fällt es ein, während der Dinnerzeit zu Besuch zu kommen?“ Mistress Coffey setzte die große Teekanne ab, aus der sie soeben reihum allen Familienmitgliedern eingegossen hatte, und eilte hinaus.

Als sie nach kurzer Zeit wieder zurückkam, war sie im höchsten Maße erregt. Aus ihrem Gesicht war alle Farbe gewichen. „Draußen steht ein Fremder. Er bittet darum, euch drei Mädchen sprechen zu dürfen.“

„Hat er seinen Namen genannt?“ Ambrosia setzte ihre Teetasse ab.

„Ja, ein gewisser Captain Spencer. Er hat Neuigkeiten von eurem Vater und Bruder … und …“, Mistress Coffeys Lippen zitterten, „… und sowohl der Vikar als auch der junge Ministrant sind bei ihm.“

In angespanntem Schweigen begaben sich die Lamberts in den Salon. Geoffrey Lambert hatte seinen breiten Schal eng um die Schultern geschlungen und geleitete Miss Mellon in den Raum. Der alte Newton stellte sich wie ein Wächter neben die Tür, während Mistress Coffey wenige Schritte in den Salon trat und dort stehen blieb.

Ein Fremder stand vor dem offenen Kamin und streckte die Hände dem wärmenden Feuer entgegen. Als die drei Schwestern eintraten, drehte er sich um, und der Vikar sagte: „Meine Damen, das hier ist Captain Riordan Spencer.“

Der Mann war groß und schlank. Das dunkle Haar fiel ihm in die Stirn, und sein von Wind und Sonne gebräuntes Gesicht hätte durchaus als attraktiv gelten können, wären da nicht die tiefen Schatten unter den Augen und die Züge im Schmerz wie erstarrt gewesen.

Ein endlos scheinendes Schweigen folgte auf diese kurze Vorstellung. Dann trat Ambrosia entschlossen einen Schritt vor und reichte dem Mann die Hand. „Captain Spencer, ich bin Ambrosia Lambert. Und das hier sind meine Schwestern Bethany und Darcy sowie unser Großvater Geoffrey Lambert. Außerdem sehen Sie hier noch unsere Kinderfrau Miss Mellon, die Haushälterin Mistress Coffey und unseren Freund Newton Findlay.“

„Miss Lambert.“ Er hielt ihre Hand fest und schaute ihr tief in die Augen. Ambrosia fühlte, wie sie von einer unbekannten Empfindung durchzuckt wurde. Der Mann strahlte eine ungeheure Kraft und Energie aus. Seine Augen waren grau und wirkten wie von unaussprechlicher Qual verschleiert.

Mit einer Verneigung begrüßte der Captain die anderen Anwesenden und wandte sich dann wieder an Ambrosia. „Ich bringe Nachricht von Ihrem Vater und Bruder.“

„Sind sie …?“ Es war ihr schier unmöglich, die schrecklichen Worte auszusprechen. Denn in diesem Moment wusste sie um die grauenvolle Realität. Sie schwankte kaum merklich, und unwillkürlich zog Captain Spencer ihre Hand an seine Schulter, um Ambrosia Halt und Unterstützung zu geben.

„Es gab einen furchtbaren Sturm“, setzte er behutsam an. „Den schlimmsten, den wir jemals erlebt hatten. Wir verloren viele Männer. Darunter auch Ihren Vater und Bruder.“

„Nein, o nein!“ Bethany ließ sich in einen Sessel sinken und begann zu weinen. Darcy kniete sich vor sie hin und barg das Gesicht in den Händen. Mistress Coffey stürzte mit einem jammervollen Aufschrei aus dem Raum. Die anderen blieben reglos stehen.

Ambrosia verschränkte die Finger ineinander, um das Zittern zu unterdrücken. „Waren Sie bei ihnen, Captain?“ Ihre Stimme klang heiser.

Er nickte. „Mein eigenes Schiff, die Warrior, ging unter. Ich brachte die Undaunted hierher zurück in ihren Heimathafen, an Bord die Überlebenden. Das war der letzte Befehl von Captain Lambert.“

Ambrosia brachte es nicht über sich, zu ihren weinenden Schwestern zu schauen. Sie war noch nicht fertig. „Ihre Leichname …?“

Er schüttelte den Kopf. „Es tut mir so unendlich leid, Miss Lambert. Aber vielleicht ist es Ihnen ein kleiner Trost, zu wissen, dass die See ihr Grab geworden ist.“

Ambrosia biss sich auf die Lippe und wandte sich ab. Dieser Fremde sollte ihren Schmerz nicht sehen. Doch auch in diesem Augenblick durfte sie ihre Aufgaben als Gastgeberin nicht vernachlässigen. „Sie haben eine weite und gefahrvolle Reise hinter sich, Captain Spencer“, sagte sie schließlich gepresst und sah ihn wieder an. „Sie müssen hungrig sein.“

„Ich werde in der Taverne ein Mahl einnehmen, bevor ich zum Schiff zurückkehre“, erwiderte er schroff, als wäre er ungehalten über Ambrosias bemühte Höflichkeit in dieser so schweren Stunde.

„Sie können unmöglich noch heute Nacht zurückkehren“, erklärte Ambrosia bestimmt, obwohl es sie verwirrte, dass der Captain sie weiterhin unverwandt ansah. Seinen Einwand verhinderte sie mit einer Handbewegung und sagte zu Mistress Coffey, die in diesem Augenblick wieder hereinkam: „Bitte bereite etwas zu essen für Captain Spencer. Und …“, sie schaute den Vikar und seinen Begleiter an, „… für unsere Freunde hier ebenso. Ich vermute, Sie haben auch noch nicht zu Abend gegessen.“

Vikar Goodwin trat vor und legte ihr tröstend eine Hand auf die Schulter. „Wir müssen zurück ins Pfarrhaus, um dort die wöchentliche Bibelstunde abzuhalten. Aber wir könnten jetzt, wenn es dir recht ist, für euren Vater und Bruder beten.“

Ambrosia nickte und gab ihren Schwestern ein Zeichen, zu ihr zu kommen. Sie standen zusammen mit ihrem Großvater, Mistress Coffey und Mistress Mellon sowie Newton, hielten sich an den Händen, neigten die Köpfe und lauschten dem Gebet des Pfarrers.

Bethany und Darcy schluchzten herzzerreißend, und Ambrosia zog die beiden an sich und küsste sie auf die Wangen. „Geht nach oben“, wies sie ihre Schwestern sanft an. „Nehmt Großvater und Winnie mit. Sowie ich hier fertig bin, komme ich zu euch. Versprochen.“

Nachdem Ambrosia die beiden Geistlichen verabschiedet hatte, kehrte sie in den Salon zurück. Dort hielt sich jetzt nur noch Captain Spencer auf. Newton war verschwunden, und Ambrosia vermutete, dass er sich in sein Quartier zurückgezogen hatte, um dort auf seine Weise um die Toten zu trauern.

Sie sah, dass Libby, die Dienstmagd, inzwischen bereits ein Tablett mit Getränken gebracht hatte. Sie goss Ale in einen Becher und trat neben Captain Spencer, der wieder starr in die Flammen blickte. „Hier, trinken Sie etwas. Das wird Ihnen guttun.“

Er nahm ihr den Becher ab. „Vielen Dank, Miss Lambert.“ Er deutete mit einem Kopfnicken auf das Speisebrett. „Wollen Sie mir nicht Gesellschaft leisten?“, bat er. „Ich glaube, Sie können eine kleine Stärkung gut gebrauchen.“

Ambrosia ließ sich von ihm zu den Stühlen führen, die neben dem Tischchen standen. Wieder verspürte sie dieses seltsame Kribbeln unter der Haut, als er sie am Ellbogen berührte. Ihr war so, als ob er die gleichen aufwühlenden Gefühle hegte wie sie und sie durch ein unsichtbares Band der Trauer und des Schmerzes miteinander verbunden wären.

Nachdem sie Platz genommen hatte, setzte sich Captain Spencer auf den Stuhl ihr gegenüber und streckte die langen Beine in Richtung des Kaminfeuers aus. „Ich bedauere über alle Maßen, Ihnen und Ihrer Familie diesen Kummer bereitet zu haben.“

Nachdenklich drehte Ambrosia ihren Becher mit Ale zwischen den Händen. „Nun, nachdem wir allein sind“, begann sie, „möchte ich von Ihnen hören, was genau geschehen ist. Ich will sämtliche Einzelheiten wissen“, setzte sie noch hinzu.

Captain Spencer nickte. „Es geschah unmittelbar vor meinen Augen. Das Schiff schlingerte erbärmlich und war nur noch ein Spielball der Wellen. Ihr Vater und Bruder wurden über Bord gespült, zusammen mit der Hälfte der Besatzung. Es gab keine Möglichkeit, sie zu retten, denn jeder kämpfte ums pure Überleben.“

Ambrosia schloss in jäh aufwallendem Schmerz die Augen. Das Gefühl, einen unerträglichen Verlust erlitten zu haben, wurde beinahe übermächtig. Sie wollte so gern noch ein einziges Mal Vater und Bruder sehen, sie noch ein letztes Mal berühren, sich von ihnen verabschieden. Doch das blieb ihr nun verwehrt. Jetzt hatte sie nur noch ihre Erinnerungen voller Wärme und Liebe an die wunderbaren Gemeinsamkeiten.

Sie zwang sich dazu, die Augen wieder zu öffnen. „Und was geschah mit dem Schiff meines Vaters? Wurde es sehr schwer beschädigt?“

„Ja, leider. Wenn Sie es morgen früh sehen, werden Sie feststellen, dass wir nur mit Mühe und Not überhaupt noch den sicheren Hafen erreicht haben. Das Hauptdeck ist überflutet, Masten sind gebrochen. Doch die Undaunted ist immer noch ein feines, stolzes Schiff. Aber es bedarf aufwendiger Arbeit, sie wieder seetüchtig zu machen.“

Nach kurzem Anklopfen betrat die Haushälterin den Salon. Ihre Augen waren gerötet vom Weinen, aber ihre Stimme klang beherrscht, als sie sagte: „Ich habe ein Mahl für unseren Gast zubereitet.“

„Vielen Dank, Mistress Coffey.“ Ambrosia erhob sich und reichte Captain Spencer die Hand. „Ich bin sicher, Sie haben Verständnis dafür, dass ich mich jetzt um meine Familie kümmern muss“, erklärte sie. „Und ich hoffe, Sie werden die Einladung, die Nacht hier auf Mary Castle zu verbringen, annehmen.“

Er erwiderte ihren Händedruck. „Es ist mir eine große Ehre, Miss Lambert.“

Ambrosia nickte. „Wenn Sie so weit sind, wird Mistress Coffey Sie zu dem Schlafgemach meines Bruders führen. Ich denke, Sie werden dort alles finden, was Sie brauchen.“

Captain Spencer hielt noch immer ihre Hand. „Ich möchte, dass Sie Folgendes wissen, Miss Lambert.“ Er hatte die Stimme gesenkt. „Ihrem Vater war die Gefahr, in der er schwebte, durchaus bewusst. Während wir gemeinsam, Seite an Seite, dem Sturm trotzten, erzählte er voller Liebe und Stolz von seinen drei Töchtern. Er sprach von den Hoffnungen, die er sich für Ihre Zukunft machte. Und er bat mich um einen Gefallen, von dem ich inständig hoffte, dass ich ihn niemals würde erfüllen müssen, denn ich liebte Ihren Vater, als wäre er mein eigener gewesen.“

Die Stimme versagte ihm, und er musste sich mehrmals räuspern, bevor er weitersprechen konnte. „Captain Lambert bat mich, so ich das Unglück überleben sollte, die Undaunted nach Hause zu bringen und Ihnen zu sagen, wie sehr er Sie liebte und dass er sich wünschte, Sie würden seine Mission fortführen.“

Ambrosia stockte der Atem. „Fortführen? Das hat er gesagt?“

„Ja.“

Nur mit größter Mühe gelang es Ambrosia, die Tränen zurückzudrängen. Sie blinzelte mehrmals heftig und stieß dann mit letzter Kraft hervor: „Danke, Captain Spencer. Danke für alles.“

Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und eilte, so schnell sie konnte, die Treppe hinauf. Riordan Spencer blieb mit der Haushälterin zurück, die leise vor sich hin schluchzte.

2. KAPITEL

Riordan trank langsam und genussvoll von dem starken heißen Tee, den Mistress Coffey ihm mit dem Abendessen serviert hatte. Er konnte sich kaum noch daran erinnern, was er zu sich genommen hatte. In seinem Kopf wirbelten die Gedanken nur so durcheinander; die meisten davon drehten sich um Ambrosia Lambert.

Nichts von all dem, was er erwartet hatte, war eingetreten. Er hatte felsenfest damit gerechnet, dass die Bewohner von Mary Castle schier zusammenbrechen würden. Er hatte sich gewappnet gegen den erwarteten Schmerz, die wehklagenden Laute. Auch war er darauf vorbereitet gewesen, dass die jungen Frauen in Ohnmacht fallen würden und er dabei behilflich sein müsste, sie zu Bett zu bringen. Deshalb hatte er auch die Geistlichen gebeten, ihn auf seinem schweren Gang zu begleiten.

Ihr Schmerz und ihre Trauer waren aufrichtig gewesen. Doch was ihn zutiefst beeindruckt hatte, war die außergewöhnliche innere Kraft, die die jungen Damen ausgestrahlt hatten, ganz besonders Ambrosia.

Sie hatte geahnt, was auf sie alle zukam. Schon im ersten Augenblick war ihr klar gewesen, welche Nachricht er zu überbringen hatte. Die Art und Weise, wie sie den Schicksalsschlag hingenommen und sich tapfer gehalten hatte, nötigte ihm den größten Respekt ab. Gleichzeitig hatte er das Bedürfnis verspürt, Ambrosia in die Arme zu nehmen und ihr Trost zu spenden, ihr zuzuflüstern, dass irgendwie und irgendwann alles wieder gut werden würde. Aber natürlich war ihm klar, dass ihr Leben eine unumkehrbare dramatische Wendung genommen hatte.

Riordan setzte seine Tasse ab. Ihm war nach einem stärkeren Getränk als Tee zumute. Gerade wollte er nach der Dienstmagd läuten, als es leise an der Tür klopfte und im nächsten Moment Mistress Coffey eintrat.

„Haben Sie noch einen Wunsch, Captain Spencer, bevor ich Ihnen Ihr Zimmer zeige?“

„Ja, in der Tat“, erwiderte er. „Ein Ale wäre jetzt genau das Richtige für mich.“

„Ich werde es Ihnen bringen lassen“, erklärte die Haushälterin und läutete nach dem Zimmermädchen. „Bitte folgen Sie mir jetzt.“

Riordan ging hinter Mistress Coffey die breite gewundene Treppe hinauf in das zweite Stockwerk. Hinter einer der geschlossenen Türen, an denen er vorbeikam, hörte er gedämpfte Frauenstimmen und ein herzzerreißendes Schluchzen.

Langsam folgte er der Haushälterin, die schließlich vor einer Tür stehen blieb und sie öffnete. „Eine Magd wird in Kürze Ihr Getränk bringen“, versicherte sie. „Ich hoffe, dass Sie hier alles zu Ihrer Zufriedenheit und Bequemlichkeit vorfinden. Sollte irgendetwas fehlen, brauchen Sie nur Libby Bescheid zu sagen. Sie wird sich dann um alles kümmern.“

„Vielen Dank, Mistress Coffey.“

Riordan schaute sich angelegentlich um. Die Betttücher waren bereits zurückgeschlagen. Im Kamin brannte ein Feuer, und das Wasser in der Schüssel auf dem Waschtisch dampfte. Trotz ihres Kummers waren die Lamberts und ihre Dienerschaft in der Lage gewesen, umsichtig für ihren unerwarteten Übernachtungsgast zu sorgen.

An einer Wand des Raums standen ein Tisch und ein Stuhl. Riordan griff nach dem Bilderrahmen, der auf dem Tisch stand, und betrachtete eingehend das kleine Gemälde darin. Es zeigte einen jungen Mann mit seiner wunderschönen Frau und den vier gemeinsamen Kindern. Sofort wurde Riordans Blick wie magisch angezogen von dem Mädchen mit den auffallend dunklen Haaren und Augen. Schon als Kind war Ambrosia außergewöhnlich schön gewesen.

Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. „Herein!“, rief er.

Libby, die Dienstmagd, trat ein und stellte ein Auftragebrett auf dem Nachttisch ab. Auch sie hatte, wie die Haushälterin, rote, geschwollene Augen vom Weinen. „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Captain Spencer?“, fragte sie höflich.

„Nein, danke, Libby. Ich brauche heute nichts mehr.“

Das Mädchen knickste und huschte hinaus.

Mit einem tiefen Seufzer entledigte sich Riordan seiner Jacke und seines Hemdes, goss sich aus der Kanne Ale in den bereitstehenden Becher und ging hinüber zum Kamin. Nachdenklich blickte er in die Flammen und trank dabei gelegentlich einen Schluck.

Die Reise zurück nach Cornwall war schwierig und voller Gefahren gewesen. Am letzten Tag der ohnehin beschwerlichen Fahrt war schlagartig dichter Nebel aufgekommen, und Riordan hatte all sein Können aufbieten müssen, um den Weg nach Land’s End zu finden. Sie waren vor der Küste vor Anker gegangen, und dann hatte es noch mehrerer Fahrten in den kleinen Beibooten bedurft, bevor alle Männer von Bord der Undaunted sicher an Land gebracht worden waren.

Riordan hatte dafür gesorgt, dass die Seeleute in der Taverne unten im Hafen untergebracht wurden, hatte ihnen ihren Lohn ausgezahlt und als Zeichen seiner besonderen Anerkennung sogar noch die Unterkunft und ein deftiges Essen bezahlt. Bestimmt hatten sie inzwischen jede Menge Ale getrunken und lagen mit irgendwelchen hübschen Dirnen in den Betten. Bei dem Gedanken musste Riordan lächeln.

Er füllte seinen Becher abermals bis zum Rand, stellte ihn ab und zog sich dann aus. Nackt schlüpfte er unter die Decken, stopfte sich das Kissen als Stütze in den Rücken und griff nach seinem Ale. Dann wartete er darauf, dass sich sein Geist und Körper an die unnatürliche Stille im Haus gewöhnten.

Die ersten Tage an Land waren für ihn stets aufs Neue gewöhnungsbedürftig. Nach dem Stampfen und Rollen des Schiffes auf hoher See und dem Geräusch der ständig an den Bug klatschenden Wellen konnte er die Ruhe und Stille in Gebäuden nur schwer aushalten.

Nun zwang er sich dazu, sich Gedanken um seine Zukunft zu machen. Er war ein Kapitän, der ein Schiff und eine Mannschaft brauchte. Beides stand ihm in Land’s End zur Verfügung. Zwar mussten an der Undaunted umfangreiche Reparaturen vorgenommen werden, doch dann würde sie wie neu sein. Die Besatzung hatte sich als zuverlässig und arbeitsam erwiesen. Schon bald würden die Matrosen ohne Geld und des Lebens an Land überdrüssig sein. Es wäre dumm, sie nicht wieder anheuern zu lassen. Sie würden geradezu nach einer neuen Herausforderung lechzen.

Ambrosia wäre eine Herausforderung, dachte Riordan plötzlich.

Ihr Bruder James hatte ihm verraten, dass seine Schwester wie ein Mann mit einem Schwert umgehen konnte. Damals hatte Riordan diese Behauptung mit einer verächtlichen Handbewegung abgetan. Doch nachdem er Ambrosia nun kennengelernt hatte, zweifelte er kaum noch daran, dass James die Wahrheit gesagt hatte. Ambrosia strahlte eine ruhige Kraft aus. Sie glich einer Eiche, die groß und mächtig allen Stürmen trotzte, während um sie her alles zerbrach.

Jeder Mann könnte sich glücklich schätzen, eine solche Frau an seiner Seite zu haben. Sie verfügte nicht nur über Schönheit und Willenskraft. Zweifellos war sie außerdem auch noch sehr klug. Ein Mann konnte die ganze Welt gesehen und doch keine Frau gefunden haben, die sich mit Ambrosia vergleichen ließ.

Riordan stieß einen Seufzer aus. Er musste es schließlich wissen. Hatte er nicht schon alle Weltmeere befahren, und war er nicht an den exotischsten Plätzen gewesen, ohne dass er jemals sein Herz verloren hätte? Eigentlich hatte er schon die Hoffnung aufgegeben, jemals eine Frau zu treffen, die ihn länger als eine Nacht zu fesseln verstand.

Vielleicht hatte er in Ambrosia endlich die Frau gefunden, nach der er gesucht hatte!

Als ihm klar wurde, in welche Richtung seine Gedanken gingen, stellte Riordan mit einer heftigen Bewegung seinen Becher Ale ab. Sei kein Dummkopf, schalt er sich im Stillen. Ich kenne diese Frau erst seit einer Stunde und fange schon an, mich Fantastereien über sie hinzugeben.

Er blies die Kerzenflamme aus, legte sich in die Kissen zurück und schloss die Augen. Offenbar hatte er zu lange auf körperliche Freuden verzichten müssen. Es war doch schließlich allgemein bekannt, dass ein Mann, dessen Herz der See gehörte, keiner anderen Liebe frönen konnte.

Entschlossen schob er den Gedanken an die älteste Lambert-Tochter beiseite. Er brauchte jetzt ein paar Stunden Schlaf.

Ambrosia fand keine Ruhe. Sie ging im Arbeitszimmer ihres Vaters umher, berührte die Dinge, die auf seinem Schreibtisch lagen. Da war das alte Logbuch, das seinem Großvater gehört hatte. Und dann der Sextant, mit dessen Hilfe er schon als kleiner Junge eine Route um die Küste von Cornwall herum ausgetüftelt hatte. Ambrosia nahm das Gerät in die Hand, schloss die Augen und hoffte inbrünstig, dadurch irgendwie die Wärme ihres Vaters spüren zu können. Doch sie fühlte nur die Kälte des Metalls.

Nun entrollte sie die Weltkarte. Auf die vier Ecken stellte sie Gegenstände, damit sie sich nicht wieder aufrollte. Dann beugte sie sich tief darüber und studierte im Schein der Kerzen die Routen, die ihr Vater über die Weltmeere genommen und fein säuberlich auf der Karte eingetragen hatte. Er war so stolz gewesen auf seine Arbeit und darauf, dass er seinem König unschätzbare Dienste erweisen konnte.

Ambrosias Blick fiel auf den schweren dunklen Umhang, der an einem Haken an der gegenüberliegenden Wand hing. Er hatte ihrem Vater gehört, und ohne zu überlegen, was sie tat, nahm Ambrosia das Kleidungsstück vom Haken und hüllte sich darin ein. Erinnerungen stiegen in ihr hoch, und sie meinte, das Herz müsse ihr zerbrechen vor Schmerz und Verzweiflung.

„Vater, geliebter Vater“, stieß sie hervor und atmete tief den Duft ein, der von dem Umhang aufstieg, den Duft ihres Vaters. „Ich kann es nicht ertragen, zu wissen, dass ich dich niemals wiedersehen werde. Ich brauche dich so sehr, wir alle hier brauchen dich doch. Bitte, lass uns nicht ohne Führung und Unterstützung in diesem gewaltigen Sturm zurück, der über unser Leben hinwegbraust.“ Die Tränen drohten sie zu überwältigen, aber mit schierer Willenskraft gelang es Ambrosia, sie zurückzuhalten.

Es fiel ihr unendlich schwer, doch irgendwie schaffte sie es, den Kopf aus den Umhangfalten zu heben und mehrmals tief durchzuatmen. Sie rang um Fassung, richtete sich kerzengerade auf und wandte sich zum Gehen. In der geöffneten Tür stand eine große Gestalt, und Ambrosia wich zurück.

„Verzeihen Sie, Miss Lambert.“ Riordan trat näher, sodass er nun im Licht der Kerzen deutlich zu erkennen war. „Ich habe vergessen, Ihnen das hier zu geben. Es steckte noch in der Tasche meines Mantels, den ich an Bord der Undaunted trug. Es handelt sich um das Logbuch. Ihr Vater bestand darauf, dass ich es Ihnen bringen würde.“

Riordan reichte Ambrosia das in Leder gebundene Buch. „Es lag nicht in meiner Absicht, Sie in Ihrem Kummer und Ihrer Trauer zu behelligen“, versicherte er. Und damit sagte er die Wahrheit. Er ärgerte sich über sich selbst und machte einen Schritt zurück. „Ich werde jetzt gehen.“

„Nein, Captain, warten Sie“, bat Ambrosia ihn, als er sich zum Gehen wandte. Sie presste das Logbuch fest an ihre Brust und straffte die Schultern. „Bitte, bleiben Sie noch. Ich brauche jemanden, mit dem ich über meinen Vater und meinen Bruder sprechen kann.“

Riordan nickte. „Das kann ich gut verstehen. Wäre es Ihnen recht, wenn ich ein Feuer im Kamin mache? Es scheint mir doch recht frisch hier drinnen zu sein.“

„Ja, das ist ein guter Vorschlag. Ich hole uns inzwischen Tee, oder würden Sie lieber Ale trinken?“

„In der Tat. Ale wäre genau richtig jetzt.“

Eine Weile später kehrte Ambrosia mit einem Auftragebrett zurück, auf dem alles stand, was sie und Captain Spencer benötigten. Als sie in das Arbeitszimmer ihres Vaters trat, blieb sie einen Moment stehen und nahm fasziniert das Bild auf, das sich ihr bot.

Riordan Spencer richtete sich soeben aus seiner gebückten Haltung vor dem Kamin auf. Er hatte seine Jacke abgelegt, und Ambrosia konnte sehen, dass er schlank und gleichzeitig muskulös war. Wie bei ihrem Vater, so hatte auch bei ihm das Leben und Arbeiten unter freiem Himmel an Bord seines Schiffes für eine tiefe Bräunung der Haut in Gesicht und auf den Armen gesorgt. Eine Strähne des dunklen Haars war ihm in die Stirn gefallen, und er schob sie mit dem Handrücken zurück.

Er schaute auf und bemerkte, dass Ambrosia ihn beobachtete. „Warten Sie, lassen Sie mich das tragen.“ Mit wenigen Schritten durchmaß er den Raum und nahm ihr das Brett ab. „Wohin damit?“, erkundigte er sich.

„Dort drüben.“ Ambrosia deutete auf eine kleine Sitzgruppe, bestehend aus einem runden Tisch und zwei Stühlen, die in der Nähe der offenen Feuerstelle standen.

Riordan stellte das Brett mit den Getränken ab und rückte dann einen Stuhl für Ambrosia zurecht. Sie schenkte ihm Ale in einen Becher, bevor sie sich selber eine Tasse Tee eingoss. Vorsichtig nippte sie an dem heißen Getränk, bevor sie leise sagte: „Mein Bruder sprach oft von Ihnen, Captain Spencer. Er hielt große Stücke auf Sie.“ Sie verzichtete darauf zu bemerken, dass James in seinen Erzählungen von Riordan wie von einem Helden geschwärmt hatte.

„Für mich war James ein guter Freund, und Ihren Vater liebte ich, als wäre es mein eigener gewesen. Unsere Wege kreuzten sich häufig, und wann immer wir im selben Hafen vor Anker gingen, verbrachten wir dort unsere freie Zeit gemeinsam. Immer, ausnahmslos, sprachen sowohl James als auch Ihr Vater von ihrem Zuhause in Land’s End und von den drei bezaubernden jungen Damen, denen ihre Herzen gehörten. Nachdem ich Sie heute kennengelernt habe, kann ich James und John verstehen.“

„Berichten Sie mir über den letzten Tag im Leben meines Vaters.“

„Das habe ich bereits getan.“

Ambrosia schüttelte so heftig den Kopf, dass die schwarze Lockenpracht zu tanzen schien. „Ich will alles, absolut alles wissen. Alles, was er und James gesagt oder getan haben. Ich habe dieses überwältigende Bedürfnis, wirklich ausnahmslos alles über ihren letzten Tag zu erfahren.“

Riordan schaute sie lange unverwandt an. Er sah den Ausdruck unendlichen Schmerzes in ihren Augen, spürte ihre Verzweiflung über den unsagbaren Verlust. Und gleichzeitig kam sie ihm unerhört tapfer vor.

Schließlich konzentrierte er sich mit aller Kraft auf die Erinnerung an jenen Tag. Dabei suchte er nach Einzelheiten, die es Ambrosia etwas leichter machen würden, mit ihrer Trauer umzugehen. Leise erzählte er ihr von dem Tag, der wie jeder andere auf See begonnen hatte, bis der furchtbare Sturm losgebrochen war und so viel Unheil angerichtet hatte.

Ambrosias hing wie gebannt an seinen Lippen, und als Riordan mit seiner Schilderung zum Ende kam, sagte sie sanft: „Seit James ein kleiner Junge war, wollte er immer in Vaters Fußstapfen treten und ein ebenso guter Kapitän werden wie er. Als er elf Jahre alt war, gab es kein Halten mehr für ihn, und Vater nahm ihn zum ersten Mal mit auf eine Seereise. Als James dann wieder zu Hause war und all die Seemannsgeschichten und von den angeblichen Abenteuern erzählte, war ich schrecklich neidisch.“

„Verzeihen Sie, Miss Lambert, aber das kann ich kaum glauben.“

„Und doch ist es die Wahrheit. Meine Schwestern und ich gaben keine Ruhe, bis auch wir echte Seeleute geworden waren. Es gibt nichts an Bord eines Seglers, das wir nicht geradeso gut verrichten könnten wie jeder beliebige Matrose.“

Ambrosia bemerkte den überraschten Blick, mit dem Captain Spencer sie bedachte, durchaus, doch sie ging nicht darauf ein. „Es geschah recht häufig“, erzählte sie weiter, „dass Vater uns auf kurze Reisen entlang der Cornischen Küste mitnahm, wenn er nicht genügend Matrosen zur Verfügung hatte. Als ich dann elf Jahre alt war, bat ich ihn, mich auf große Fahrt mitzunehmen, wie er es auch mit James gemacht hatte. Ich war am Boden zerstört, als er mir diesen Wunsch nicht erfüllte.“

Riordan hatte eine ganze Weile starr in die Flammen geblickt, doch jetzt schaute er Ambrosia offen an. „Die Arbeit Ihres Vaters war gefährlich, oftmals von Gewalt begleitet. Dadurch werden die Männer, die diese Arbeit verrichten, manchmal ebenfalls gewalttätig. Ich kann verstehen, warum er nicht wollte, dass seine Töchter in solche Dinge verwickelt werden.“

„Aber …“

„Manchmal ist diese Arbeit schmutzig und undankbar. Und ganz gewiss ist sie nichts für furchtsame Herzen.“ Seine Stimme klang merkwürdig erstickt.

Erregt sprang Ambrosia auf. Ihre Augen schienen Blitze zu sprühen. „Captain Spencer, ich kann Ihnen versichern, dass meine Schwestern und ich weder schwächlich sind noch ein furchtsames Herz haben, womit Sie wahrscheinlich Feigheit meinen.“

Er lächelte, als er sich ebenfalls erhob. Er überragte sie um Haupteslänge, und einmal mehr fiel ihr auf, wie gut aussehend er war. Gut aussehend und auf eine geheimnisvolle Art gefährlich.

„Bitte verzeihen Sie mir, Miss Lambert. Ich habe mit meinen Äußerungen weder Sie noch Ihre Schwestern gemeint, sondern lediglich eine der auf See üblichen Tatsachen erwähnt.“

Während er sprach, hatte er unwillkürlich nach Ambrosias Arm gegriffen. Das war ein Fehler, denn diese einfache Berührung verursachte ihm sofort ein Prickeln in der Hand. Gleichzeitig wurde ihm unnatürlich heiß.

Sehr behutsam löste er den Griff und trat einen Schritt zurück. „Mir wird immer klarer, warum Ihr Vater so ungeheuer stolz auf seine Kinder war, Miss Lambert.“

„Ach, hat er darüber gesprochen?“ In ihren Augen stand ein Ausdruck brennender Sehnsucht, alles zu erfahren, was es über ihren Vater zu wissen gab – den Vater, der niemals wieder zu ihr zurückkehren würde.

„Allerdings, er sprach sehr oft über Sie alle. Und zwar so, wie er auch von seiner Arbeit erzählte.“

„Wie denn?“

„Mit einer Leidenschaft, die nur ein echter Seefahrer verstehen kann.“ Riordan bemerkte nicht, dass er in beinahe beschwörendem Tonfall redete. „Wenn ein Mann erst einmal die Erfahrung gemacht hat, wie das Leben auf See ist, dann ist er ihm mit Herz und Hand verfallen. Die Liebe zur See bringt eine Ruhelosigkeit mit sich, die sich tief in seine Seele einnistet und dort wächst, bis kaum noch Raum für etwas anderes ist. Die See ist seine Heimat, seine Zuflucht und seine Geliebte, eine oftmals grausame und launische Geliebte.“

Bei seinen so eindringlich hervorgestoßenen Worten lief Ambrosia ein eigentümlicher Schauer über den Rücken, denn sie hatte ihren Vater häufig in ganz ähnlichen Worten seine Leidenschaft für die Seefahrt beschreiben hören. „Und was ist mit Ihnen, Captain Spencer? Werden Sie, nachdem Sie Ihr Schiff und die Hälfte der Besatzung verloren haben, wieder in See stechen? Oder haben Sie genug Tod und Verderben gesehen, die von dieser launischen Geliebten ausgehen?“

„Glauben Sie mir, Miss Lambert“, erklärte Riordan Spencer fest, „nichts auf der Welt könnte mich dazu veranlassen, die Seefahrt aufzugeben.“

Ambrosia nickte. „Nichts anderes habe ich erwartet.“ Sie wandte sich zum Gehen, doch Riordan hielt sie unvermittelt am Arm fest. Dieses Mal wappnete er sich rechtzeitig gegen die unerwünscht in ihm aufsteigende Hitze.

„Obwohl mir klar ist, Miss Lambert, dass jetzt nicht der beste Zeitpunkt für mein Anliegen ist, so möchte ich Ihnen doch eine Frage von großer Wichtigkeit stellen.“ Er machte eine kleine Pause, ehe er fortfuhr: „Ich möchte mit Ihnen über die Undaunted sprechen.“

„Was gibt es denn so Dringendes über das Schiff meines Vaters zu bereden?“

„Nun, ich würde gern die Ausbesserungsarbeiten überwachen und dafür sorgen, dass es wieder seetüchtig wird.“

„Das würden Sie tun?“ Mit großen Augen sah sie ihn erstaunt an.

Riordan war einen Moment sprachlos. Er hatte das Gefühl, in der Tiefe von Ambrosias wunderschönen großen Augen zu ertrinken. „Ich habe mein eigenes Schiff verloren“, erklärte er schließlich rau. „Die Undaunted kann im günstigsten Fall in zwei Wochen wieder auslaufen. Und wenn Sie und Ihre Schwestern damit einverstanden sind, würde ich mich glücklich schätzen, sie Ihnen dann abkaufen zu können.“

Ambrosia schüttelte entschieden den Kopf. „Vielen Dank für das Angebot. Aber das Schiff meines Vaters steht nicht zum Verkauf.“

„Aber, Miss Lambert …“

„Nein, Captain Spencer. Es gibt auch keine Verhandlungen darüber.“

„Das verstehe ich nicht. Wollen Sie es hier im Hafen vor Anker liegen lassen als eine Art Schrein für Ihren Vater und Bruder?“

„Ach, glauben Sie das? Sie glauben tatsächlich, meine Schwestern und ich hätten keine andere Verwendung für die Undaunted, als sie zur Erinnerung zu behalten?“

„Sie ist ein Schiff, Miss Lambert, und ein außergewöhnlich seetüchtiges noch dazu. Sie ist dazu bestimmt, zu fernen Ufern zu segeln. Es wäre eine Schande, sie nur noch für unzählige Teepartys oder ähnliche Veranstaltungen zu nutzen.“

„So schätzen Sie uns also ein, Captain Spencer!“

„Was ich jetzt sehe“, erwiderte er, wobei er erneut ihren Arm umklammerte und Ambrosia so dicht an sich zog, dass er ihren Atem auf der Wange spürte, „… ist jemand, der zu schmerzerfüllt ist, um im Moment einen klaren Gedanken fassen zu können.“

„Ich versichere Ihnen, Captain Spencer, dass mein Verstand einwandfrei arbeitet und ich …“

Ambrosia kam nicht dazu, ihren Satz zu Ende zu bringen, denn Riordan neigte den Kopf und verschloss ihre Lippen mit einem Kuss.

So etwas hatte er nicht beabsichtigt. Er hatte ja nicht einmal vorgehabt, sie anzufassen. Aber bei dem Blick in ihre vor Zorn glitzernden Augen hatte körperliche Begierde ihn wie ein Blitz durchzuckt. Er musste sie einfach berühren, sie schmecken. Und genau das würde er jetzt tun.

Ihre Lippen schienen ihm so süß wie noch kein Lippenpaar je zuvor. Kühl zunächst wie eine frische Brise, aber mit einer unerwarteten Leidenschaft, die ihn überraschte. Sie schmeckte wild und süß zugleich.

Er erstickte ihren Protest, indem er den Kuss vertiefte. Dann hörte er Ambrosia leise seufzen und spürte, wie sie sich an ihn schmiegte.

Ohne sich dessen bewusst zu sein, schob er die Hände in ihre Lockenpracht. Er löste sich von ihrem Mund und ließ die Lippen über ihr Gesicht gleiten, liebkoste ihre Stirn und Wangen, um dann erneut mit wachsender Leidenschaft ihren Mund zu erobern.

Ambrosia war noch nie zuvor so überrascht worden. In dem einen Augenblick war sie noch ruhig und gelassen gewesen, hatte Captain Spencer gegenüber ihre Meinung geäußert. Und im nächsten konnte sie keinen einzigen klaren Gedanken mehr fassen. Es war ein unglaubliches Gefühl, gerade so, als ob eine fremde Macht die Herrschaft über ihren Willen übernommen hätte.

Ihre Lippen fühlten sich heiß und weich unter seinen Küssen an. Ihre Haut schien zu glühen, wo immer Riordan sie berührte. Selbst das Blut in ihren Adern schien sich zu verändern und wie ein Strom heißer Lava durch ihren Körper zu fließen. Ambrosia fühlte ihren Pulsschlag in der Brust, in den Schläfen, ja sogar in den Fingerspitzen.

Riordan wusste, dass er eine unsichtbare Linie überschritten hatte. Er spürte, wie sich Ambrosia Halt suchend an ihn klammerte. Er hatte ihre Verletzlichkeit in dieser schweren Stunde schamlos ausgenutzt. Und deshalb musste er sofort aufhören!

Doch das fiel ihm unendlich schwer. Noch einen Moment, flüsterte eine innere Stimme. Ihre Lippen sind so warm und willig. Und wie sie sich an mich presst.

Das Begehren in ihm wurde beinahe unerträglich. Er konnte und wollte Ambrosia einfach noch nicht freigeben.

Riordan hörte sie leise stöhnen und gestattete sich noch einen Augenblick länger, diese wunderbaren Gefühle auszukosten. Schließlich hob er unter Aufbietung aller Willenskraft den Kopf, ließ Ambrosia los und trat schwer atmend einen Schritt zurück. „Ich werde jetzt gehen“, erklärte er mit leicht heiserer Stimme. „Wir können über das Schicksal der Undaunted ein anderes Mal sprechen.“

„Ich habe Ihnen meinen Standpunkt doch eindeutig klargemacht. Es gibt darüber keine Diskussionen mehr, Captain Spencer.“

„Riordan.“ Er bedachte sie mit einem plötzlichen umwerfenden Lächeln. „Nach dem, was wir beide gerade gemeinsam erlebt haben, scheint mir die Anrede ‚Captain Spencer‘ doch ein wenig steif, Ambrosia.“

Er musste sich von ihr abwenden und unbedingt mehr räumlichen Abstand zwischen sich und Ambrosia bringen. Ihre Augen übten eine geradezu magische Anziehungskraft auf ihn aus, und beim Anblick ihrer ärgerlich geschürzten Lippen setzte sein Herzschlag einen Moment lang aus.

Ambrosia Lambert, so dachte Riordan, ist wie der Ozean an einem strahlenden Sommertag, nämlich kühl und glatt an der Oberfläche. Doch darunter liegen eine Kraft und Strömung, die ein Schiff oder einen Mann mit sich in die Tiefe reißen können.

3. KAPITEL

Ambrosia stieg hinauf zu dem Widow’s Walk genannten Balkon, der im ersten Stockwerk von einer Ecke der Längsseite der dem Meer zugewandten Gebäudeseite bis zum gegenüberliegenden Ende reichte. Sie brauchte diese Abgeschiedenheit dringend, um mit ihren aufgewühlten Gefühlen ins Reine zu kommen.

Noch nie zuvor war sie so geküsst worden. Sie war ihren Empfindungen völlig ausgeliefert und fühlte sich verletzbar wie noch nie in ihrem Leben.

Riordan Spencer hatte nichts, aber auch wirklich gar nichts gemein mit irgendeinem Mann, den sie kannte. Von ihm ging eine unbezähmbare, mitreißende Leidenschaft aus, die Ambrosia unbeschreiblich aufregend fand, die sie aber gleichermaßen auch ängstigte.

Vielleicht war es nicht so sehr der Kuss, der sie so aufgewühlt hatte, sondern vielmehr ihre eigene Reaktion auf die Aura von Gefahr und Geheimnissen, die den Captain umgab.

Ambrosia dachte an den jungen Diakon. Ian Welland hatte beinahe zwei Jahre gebraucht, bevor er endlich den Mut aufbrachte, Ambrosia nach dem sonntäglichen Gottesdienst die Hand zu schütteln. Er hatte ihr Einverständnis als ausgesprochen kühn und wagemutig empfunden.

Wie würde er wohl reagieren, wenn er wüsste, dass Ambrosia innerhalb weniger Stunden nach dem Kennenlernen einem Fremden gestattet hatte, sie zu küssen? Und was würde er von ihr denken, wenn er erführe, dass sie eine derartige Intimität nicht nur geduldet hatte, sondern vielmehr aktiv an dieser Handlung beteiligt gewesen war?

Käme die Wahrheit heraus, würde man sie vermutlich als Dirne brandmarken. Doch aus irgendeinem unerfindlichen Grund fühlte sich Ambrosia keineswegs verdorben oder schuldbewusst. Sie war ganz und gar erfüllt von dem Gefühl, ein Wunder erlebt zu haben. Gerade so, als hätte sie heute Abend einen tief verborgenen Teil ihrer selbst entdeckt, den sie ihr ganzes bisheriges Leben lang vergraben hatte.

Sie hielt in ihrer ruhelosen Wanderung entlang dem Balkon inne und legte sich einen Finger auf die Lippen. Sie fühlten sich verändert an, irgendwie weicher. Riordans Geschmack lag noch immer auf ihren Lippen. Er hatte nach Meer geschmeckt. Von seinem Kuss war etwas Dunkles, Verlockendes ausgegangen, wie von dem Sog der Gezeiten. Berauschend und fremd, gleichzeitig überaus gefährlich.

Ambrosia liebte die Gefahr, so lange sie zurückdenken konnte. Ja, es war sogar so, dass sie daraus, wie ihre gesamte Familie, ihr Lebenselixier bezog.

Ambrosia ging weiter, schritt den Balkon auf und ab. Sie war fest entschlossen, Riordan Spencer aus ihren Gedanken zu verbannen. Es gab andere, wichtigere Dinge, denen sie sich endlich stellen musste.

Ihre Welt und ihr gesamtes Leben sowie das ihrer Schwestern und das der Bediensteten würden niemals wieder so werden, wie sie es gewohnt waren. Ihr über alles geliebter Vater und ihr Bruder würden niemals wieder nach Hause zurückkehren.

Gleich morgen in aller Frühe musste sie Pläne machen, wie Vater und Sohn hier an Land würdig Tribut gezollt werden konnte. Außerdem musste sie sich um den Haushalt kümmern und auch für die Zukunft ihrer Schwestern Sorge tragen. Ältere Familienangehörige und Bedienstete waren nun abhängig von ihrer, Ambrosias, Großzügigkeit. Sie hatten sonst niemanden mehr, der ihnen ein sorgenfreies Leben im Alter ermöglichen konnte.

Wie sollte sie all dies nur bewerkstelligen? Ambrosia blieb stehen und sah zum nächtlichen Himmel hoch. Der Nebel hatte sich gelichtet, sodass sogar schon wieder einzelne Sternbilder erkennbar waren.

Was, um alles in der Welt, konnte sie tun, um für alle Sicherheit zu schaffen? Ihr Vater hatte ihnen lediglich Mary Castle und die Undaunted hinterlassen.

Nun, für eine Weile würden sie sich gut halten können. Der Sommer hatte gerade erst begonnen, und die Scheunen und Kammern wurden täglich mit Vorräten gefüllt. Auch der großzügig angelegte und gut bewirtschaftete Gemüsegarten warf eine Menge an Nahrungsmitteln ab. Sie würden also so bald gewiss nicht hungern müssen. Doch irgendetwas musste sich Ambrosia einfallen lassen, um Sicherheit für den nächsten Winter zu schaffen und für die vielen Winter, die noch vor ihnen lagen.

Ihr blieb selbstverständlich die Möglichkeit, Sicherheit in einer guten Ehe zu suchen. Sie müsste sich nach jemandem umschauen, der bereit und in der Lage war, gut für sie und alle, für deren Wohlergehen sie Verantwortung trug, zu sorgen. Das zumindest würde Mistress Coffey empfehlen, dessen war sich Ambrosia vollkommen sicher.

Doch die Vorstellung, jemanden nur aus Gründen der Sicherheit zu ehelichen, fand Ambrosia abstoßend. Dabei wusste sie sehr wohl, dass Ehen häufig nur aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen wurden. Doch sie war in der glücklichen Lage gewesen, die Liebe zwischen ihren Eltern zu sehen und zu erleben. Bis zum Tod ihrer Mutter hatte es zwischen ihnen eine tiefe gegenseitige Zuneigung und Zärtlichkeit gegeben. Die Trauer über den Verlust seiner innigst geliebten Frau war so überwältigend und dauerhaft gewesen, dass keine andere Frau mehr ihren Platz in John Lamberts Herz hatte einnehmen können.

Ambrosia schloss kurz die Augen und sah Riordan Spencer vor sich, wie er sie mit unergründlichem Blick ansah und ihren Puls zum Rasen brachte.

Nein! Sie würde nie und nimmer eine Ehe aus Gründen der Sicherheit eingehen. Sie wollte einen Mann, der ihr Blut in Wallung brachte und jedes Geheimnis entdeckte, das Ambrosia jemals im hintersten Winkel ihres Herzens verborgen hatte.

Sie schauerte. Ihr war kalt geworden hier draußen. Außerdem spürte sie eine bleierne Müdigkeit und sehnte sich nach etwas Ruhe vor den Gedanken, die sie plagten. Also hob sie ihre Röcke ein wenig an, um nicht zu stolpern, und machte sich eilig auf den Weg in ihr Schlafgemach.

Dort schlüpfte sie rasch in ihr Nachtgewand, bürstete sich gründlich das lange Haar und glitt schließlich unter die Decken. Dabei fiel ihr Blick auf das Logbuch, das sie von Captain Spencer in Empfang genommen und auf ihren Nachttisch gelegt hatte.

Behutsam und mit einem Gefühl tiefer, niemals endender Liebe strich Ambrosia über den ledernen Einband, bevor sie es schließlich aufschlug. Dabei fiel ein dicker Umschlag, der das königliche Siegel trug, heraus. Sie bückte sich danach, holte den Brief heraus und begann zu lesen:

Für einige Ihrer Mitmenschen mögen Sie lediglich der Kommandant eines gemeinen Kaperschiffes sein. Aber für mich sind Sie so viel mehr als das. Dank Ihres Mutes und Ihrer Unerschrockenheit, lieber Freund, kann England ein freies Land bleiben. Im Gegensatz zu den Adeligen, die von ihrem dankbaren König mit Ländereien und wunderschönen Anwesen belohnt werden, müssen Männer wie Sie ihre Arbeit in aller Heimlichkeit tun. Die einzige sichtbare Anerkennung Ihres Königs ist diese versiegelte Botschaft, mit der er Ihnen dankt für Ihre Treue und Ergebenheit. Mit dieser Botschaft seien Sie gewiss, dass Sie Ihrem Land mit Tapferkeit und Ehre gedient haben, mein lieber Freund.

Lange Zeit blieb Ambrosia reglos sitzen und blickte starr auf das Schreiben, dessen Buchstaben vor ihren Augen verschwammen. Sie empfand eine dermaßen überwältigende Liebe, ungeheuren Stolz und grenzenlose Trauer. Ihr Vater war also nicht ein einfacher Handelskapitän gewesen, der mit der Undaunted Frachten in aller Herren Länder brachte und von dort holte.

Vielmehr war er ein treuer und angesehener Freund von König Charles gewesen und hatte sein Leben Krone und Vaterland gewidmet. Auf Wunsch des Königs hatte er sich und sein Schiff in den Dienst der Verteidigung seines Landes und Volkes gestellt, indem er Schiffe angriff und vernichtete, die unter der Flagge feindlicher Länder segelten.

Ambrosia dachte an die Ballen kostbarster Seide und anderer Stoffe, die ihr Vater im Laufe der Jahre mitgebracht hatte. Auch die Getränke, Gewürze, wunderschönes Porzellan und gelegentlich mit Gold und Silber gefüllte Säckchen fielen ihr jetzt ein. Diese Dinge waren das einzige Entgelt gewesen, das er für den steten Einsatz von Leib und Leben erhalten hatte.

Und plötzlich kannte sie die Antwort auf all ihre Fragen. Es gab keinerlei Zweifel mehr. Sie und ihre Schwestern würden ganz einfach die ehrenvolle Aufgabe ihres Vaters weiterführen.

Schwungvoll stand sie auf und zog sich ihren breiten Schal fest um die Schultern. Auf der Stelle wollte sie Bethany und Darcy wecken. Diese Sache duldete keinerlei Aufschub.

„Ihr stimmt also mit mir überein?“ Ambrosia hatte Bethany energisch aus dem Schlaf gerissen und sie in Darcys Gemach gezogen. Gemeinsam hatten sie sie wachgerüttelt, und nun saßen die drei Lambert-Schwestern auf Darcys Bett zusammengekauert und hüllten sich in die wärmenden Decken.

„Allerdings.“ Bethany nickte heftig, sodass die rot schimmernden Locken um ihr Gesicht wippten. „Es ist doch genau das, was er damit meinte, als er uns durch Captain Spencer ausrichten ließ, wir mögen für ihn weitermachen.“

Darcy lächelte in liebevoller Erinnerung. „Vater hätte uns nicht beigebracht, wie die Undaunted gesegelt werden muss, wenn er nicht gewollt hätte, dass wir genau an der Stelle mit seiner Arbeit fortfahren, an der er aufgehört hat. Niemand weiß besser mit dem Schiff umzugehen als wir. Doch …“, sie unterbrach sich kurz, weil ihr etwas eingefallen war, „… wird die Mannschaft unsere Befehle befolgen? Ihr wisst ja, wie die Männer die Anwesenheit einer Frau an Bord beurteilen.“

„Daran habe ich auch schon gedacht“, erklärte Ambrosia und senkte dann die Stimme. In vertraulichem Ton sagte sie: „Wir brauchen einen Kapitän für das Schiff. Es muss jemand sein, der willensstark genug ist, um die Mannschaft unter Kontrolle zu halten. Gleichzeitig muss er sich verpflichtet fühlen, unseren Befehlen Folge zu leisten. Vater hat ihn zu uns geschickt in der Stunde unserer größten Not.“

„Du meinst Captain Spencer, nicht wahr?“ Bethany schaute die Ältere aufmerksam an. „Aber wir kennen ihn doch kaum. Was wissen wir schon von ihm? Vielleicht hat er einige anstößige Charaktereigenschaften?“

Ambrosia ließ sich durch diesen Einwand nicht aus der Ruhe bringen. Sie zuckte mit den Schultern. „Ich denke, wir werden es genauso machen wie Papa, wenn er eine Mannschaft angeheuert hat. Wir verlassen uns einfach auf unser Gefühl und den gesunden Menschenverstand. Ich bin fest davon überzeugt, dass Captain Spencer unseren Vater und Bruder so aufrichtig geliebt hat, als wäre er mit ihnen blutsverwandt. Außerdem hat James des Öfteren von ihm gesprochen, und zwar immer nur voll des Lobes.“

„Nun gut. Glaubst du, er wird bei uns bleiben?“ Bethanys Anspannung ließ ein wenig nach.

„Er braucht ein Schiff und eine Besatzung. Wir können ihm beides bieten – aber selbstverständlich nur, wenn er die Tatsache akzeptiert, dass wir drei Teil des Angebots sind.“

„Und wie willst du ihn dazu bringen?“

„Das weiß ich auch noch nicht.“ Ambrosia biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. „So weit habe ich bisher noch gar nicht gedacht. Ich musste erst herausfinden, was ihr beiden von meinem Plan halten und ob ihr mir zustimmen würdet.“

„Ich glaube, er wird sich auf den Handel einlassen“, fasste Darcy ihre Meinung kurz zusammen.

„Und warum bis du dir dessen so sicher?“

„Weil er Vater und James aufrichtig geliebt hat. Ich glaube, wenn Ambrosia an das Gute in ihm appelliert und an seine Treue und Aufrichtigkeit, soweit es unseren Vater und Bruder betrifft, dann wird ihm kaum eine andere Wahl bleiben, als unser Angebot anzunehmen.“ Darcy schaute ihre Schwestern erwartungsvoll an.

Ambrosia runzelte die Stirn. „Wäre es nicht unehrenhaft, ihn mit seinen Gefühlen derart zu erpressen?“

„Ja, allerdings“, bestätigte Darcy unbekümmert und lachte. Einen Moment später stimmten ihre Schwestern in die Fröhlichkeit mit ein.

„Eben, ganz genau so wird es sein.“ Bethany strahlte Ambrosia an, wobei ihre Augen vor Vergnügen glitzerten. „Du, liebste Ambrosia, wirst ihn auf seine Seemannsehre ansprechen. Es wird unmöglich sein für ihn, uns irgendetwas abzuschlagen.“

Ambrosia drohte ihren Schwestern liebevoll mit dem Finger. „Ihr beide seid hinterhältig, wisst ihr das?“

„Ja, und schlau und berechnend obendrein. Das alles sind Eigenschaften, die wir dringend benötigen, wenn wir Vaters Erbe fortführen wollen.“ Plötzlich wurde Bethany wieder ernst, denn ihr war gerade ein neues mögliches Hindernis in den Sinn gekommen, woran bisher noch keine von ihnen gedacht hatte.

„Ist euch klar“, gab sie zu bedenken, „dass wir gezwungen sein werden, zwei getrennte Leben zu führen? Wir müssen in Zukunft nicht nur bei Nacht Piraten sein, sondern bei Tag das Bild der wohlerzogenen, feinen Lambert-Damen und angesehenen Bürgerinnen von Land’s End verkörpern.“

„Wir sollen wir das denn bewerkstelligen?“, ließ sich Darcy vernehmen. Sie und Bethany schauten wie auf ein geheimes Kommando hin Ambrosia erwartungsvoll an. Sie würde einen Ausweg finden.

„Es ist möglich“, erklärte die Älteste der drei schließlich. „Aber es wird nicht einfach. Wir werden uns abwechseln müssen. Damit meine ich, dass immer nur eine jeweils von uns zur See fährt, während die anderen beiden zu Hause bleiben und ein ganz normales Leben führen.“

„Dazu müssen wir aber jemanden ins Vertrauen ziehen“, gab Bethany zu bedenken. „Es erscheint mir unmöglich, diese Pläne in die Tat umzusetzen, wenn wir dabei nicht wenigstens die Unterstützung der Bediensteten haben.“

„Also, Newton können wir blindlings vertrauen.“

„Aber er wird einen furchtbaren Aufstand machen“, meinte Darcy.

„Allerdings.“ Ambrosia konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. „Aber letztendlich wird er sich auf unsere Seite schlagen. Der alte Pirat hat doch niemals aufgehört, das Meer und die Seefahrt zu lieben. Und das gilt auch für Großvater. Auf uns ruhen doch jetzt alle seine Hoffnungen, die Familientradition fortzuführen. Dann wäre da Libby …“

Darcy schüttelte den Kopf. „Nein, sie ist eine richtige kleine Plaudertasche. Sowie ihr unten im Dorf der Stoff zum Klatschen und Tratschen ausgeht, wird sie jedem erzählen, was hier vor sich geht.“

„Und was ist mit Winnie und Mistress Coffey? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie wir das alles ohne ihre Unterstützung schaffen sollen.“

„Winnie ist so schüchtern und verschreckt wie eine kleine graue Maus“, beschrieb Bethany die alte Kinderfrau. „Sie wird entweder einen ihrer Ohnmachtsanfälle bekommen oder uns verlassen. In diesem Fall würde sie jedem, der es hören will oder auch nicht, erzählen, dass wir alle drei völlig den Verstand verloren haben.“

„Und Mistress Coffey wird unser Vorhaben im höchsten Maße missbilligen. Das läuft doch allem zuwider, was ihrer Meinung nach eine wahre Lady ausmacht.“ Darcy blickte Beifall heischend von Bethany zu Ambrosia.

Diese glitt vom Bett herunter und ging zur Tür. „Ich denke, fürs Erste sollten wir Winnie und Mistress Coffey über unser Vorhaben im Unklaren lassen und sie erst dann in unsere Pläne einweihen, wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt. Newton werde ich unser Geheimnis heute Nachmittag anvertrauen, wenn wir vom Pfarrhaus zurückkehren.“

Ambrosia stand bereits an der Tür. Sie atmete einmal tief durch und straffte die Schultern. „Wir sollten versuchen, jetzt noch etwas Schlaf zu finden, bevor wir den Pfarrer und den jungen Diakon treffen. Wir müssen mit ihnen ja eine würdige Abschiedsfeier für Vater und James planen.“

„Und was ist nun mit Captain Spencer?“, wollte Darcy wissen.

„Da bleibt mir nichts weiter übrig, als einen geeigneten Moment abzupassen, um ihm unser Angebot zu unterbreiten.“

Als Ambrosia gerade die Tür von Darcys Schlafgemach hinter sich zuzog, fand sie sich urplötzlich dem Mann gegenüber, der soeben die Hauptperson in ihren Überlegungen gewesen war.

„Guten Morgen, Ambrosia.“ Riordan blieb wie angewurzelt stehen und schaute verwundert auf ihren ungewöhnlichen Aufzug. Unter dem Saum des langen Nachtgewands lugten die nackten Zehen hervor, und das breite Umschlagtuch, das sie sich achtlos über die Schultern geworfen hatte, verbarg nichts von den Konturen ihres Körpers, wie sie sich unter dem Stoff abzeichneten. Das prachtvolle Haar fiel ihr in dichten Wellen bis über die Hüfte.

Riordan erinnerte sich daran, wie weich es sich unter seinen Händen angefühlt hatte. Er musste sich über alle Maßen beherrschen, um nicht nach der Fülle zu greifen. „So früh schon auf den Beinen?“, erkundigte er sich mit rauer Stimme.

„Das Gleiche könnte ich Sie fragen, Captain“, gab Ambrosia zurück.

„Riordan“, verbesserte er sie, wobei ein unwiderstehliches Lächeln über seine Züge glitt. „An Bord bin ich es gewohnt, im Morgengrauen aufzustehen. Ich hatte vor, hinunter an den Strand zu gehen und mit einem kleinen Boot hinaus zur Undaunted zu rudern.“

„Ich würde gern mitkommen.“

Er war überrascht und zugleich von einer stillen Freude erfüllt. „Ich warte unten. Da die Bediensteten bestimmt noch nicht auf sind, wollte ich mir in der Küche etwas zu essen einpacken, was ich mit an Bord nehmen kann.“

„Bitte genug für zwei. Ich bin in Kürze passend angekleidet und bereit für den Ausflug.“

Im Osten war der erste Lichtschimmer des neuen Tages zu sehen, als Ambrosia und Riordan nacheinander die Strickleiter zur Undaunted hochkletterten. Dabei hatte er Gelegenheit, ihre schlanken Fesseln und sogar ein beträchtliches Stück ihrer Beine zu bewundern, denn natürlich musste sie ihre Röcke beim Aufstieg ein wenig raffen.

Als sie schließlich auf Deck standen, setzte Riordan den Korb, in dem er Speisen und Getränke mitgebracht hatte, ab. Schweigend beobachtete er, wie Ambrosia langsam hin und her ging. Prüfend ließ sie die Hände über die Reling gleiten, berührte das Steuerrad. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie unter Deck.

Riordan wusste, dass sie die Kapitänskajüte aufsuchen würde. Er beschloss, sich anderweitig nützlich zu machen, damit Ambrosia ungestört sein und ihrer Trauer nachspüren konnte.

Unter Deck, in der Kajüte ihres Vaters, stand Ambrosia eine Weile völlig reglos und nahm den vertrauten Anblick, die Gerüche und Geräusche tief in sich auf. Das Knarren und Ächzen der Balken in der sanften Brandung, das Rollen der an den Bug schlagenden Wellen.

Von einem Tischchen, das am Boden festgeschraubt war, nahm Ambrosia die Pfeife ihres Vaters auf, atmete tief den Duft nach Tabak ein. Sie setzte sich in den Stuhl ihres Vaters und schaute auf die gegenüberliegende Wand. Dort hatte er in kleinen, eigens dafür geformten Einbuchtungen seine sauber aufgerollten Karten aufbewahrt, die er während seiner Reisen oftmals benutzt hatte.

Auf der anderen Seite der Kajüte war die schmale Koje, ebenfalls fest und sicher auf dem Boden und auch noch in der Wand verankert. Darüber befand sich das kleine Bullauge.

Ambrosia schloss die Augen und stellte sich vor, wie ihr Vater gerade aufwachte und einen ersten Blick durch das Bullauge warf, um zu sehen, wie der Seegang war und ob das Schiff ordentlich Fahrt machte.

Plötzlich, ohne Vorwarnung, begann Ambrosia zu weinen. All der Schmerz, den sie bislang in sich verschlossen und unter Kontrolle gehalten hatte, brach sich nun Bahn. Mit zwei Schritten durchmaß sie die Kajüte, warf sich in die Koje und rollte sich zusammen. Jetzt endlich erlaubte sie den Tränen, ungehindert zu fließen. Sie weinte, als ob sie niemals wieder würde aufhören können.

Ambrosia hatte jegliches Zeitgefühl verloren und keine Ahnung, wie lange sie sich schon an Bord befand. Sie war vollständig in ihrem Kummer gefangen gewesen. Der Schmerz saß tief in ihrem Herzen.

Doch irgendwann hatte sie sich so weit beruhigt, dass sie die Kajüte verlassen und sich auf die Suche nach Riordan machen konnte. Sie fand seine Stiefel sowie sein Hemd neben einer Leiter, die hinunter in den Laderaum führte. Sie spähte hinab und formte die Hände zu einem Trichter. „Hallo, ist da unten jemand?“, rief sie.

Als keine Antwort kam, befiel Ambrosia panische Angst. War er ertrunken? Gestürzt?

„Riordan!“ Ohne zu zögern, raffte sie ihren Rock und begann, die Leiter hinabzusteigen.

Es war dunkel dort unten, und sie konnte kaum die Umrisse der verschiedenen Gegenstände erkennen, die in dem trüben Wasser trieben. Der Ekel erregende Geruch nach Tod und Verfall war fast unerträglich. Ambrosia fing an zu zittern. Es war ihr unmöglich, ihre schreckliche Angst zu beherrschen. Als irgendetwas ihren Knöchel streifte, hätte sie beinahe aufgeschrien.

Gerade wollte sie sich noch eine Sprosse tiefer wagen, als etwas an die Oberfläche des undurchdringlich schwarzen Wassers kam. Ambrosia blieb wie erstarrt stehen, und ihr stockte der Atem. Doch dann atmete sie langsam und tief aus. „Riordan!“

„Ambrosia, du hast hier unten nichts verloren. Du dürftest überhaupt nicht hier sein.“

„Ich … ich habe mir Sorgen um dich gemacht.“ Wie selbstverständlich kam ihr die vertrauliche Anrede über die Lippen. „Ich habe gerufen, und als du keine Antwort gabst, fing ich an, dich zu suchen.“

„Es ist alles in Ordnung, mach dir keine Sorgen. Ich wollte nur schnell den Rumpf überprüfen. Geh jetzt zurück an Deck.“

Er schwamm zur Leiter und beobachtete, wie Ambrosia sich an den Aufstieg machte. Kurz darauf folgte er ihr. Als er oben an Deck vor ihr stand, konnte sie ihn eine Weile nur sprachlos anschauen.

Riordan war bis zur Taille nackt. Aus seinen schwarzen Kniehosen troff das Wasser. Der nasse Stoff schmiegte sich wie eine zweite Haut um seine Hüften und entblößte mehr von seiner Figur, als er verbarg. Wie gebannt beobachtete Ambrosia, wie er den Kopf schüttelte, wobei die Wassertropfen wie Sprühregen im Licht glitzerten.

Er war der überwältigendste Mann, dem sie je begegnet war. Die beeindruckenden Muskeln wirkten wie gemeißelt. Er ähnelte einem griechischen Gott, der soeben den Fluten des Meeres entstiegen war.

Ambrosia bemerkte die Gänsehaut auf seinen Armen. „Hier“, sagte sie und reichte ihm den Mantel ihres Vaters, den sie sich um die Schultern gelegt hatte.

„Danke.“ Riordan schlüpfte hinein und schien die Wärme des Kleidungsstücks sehr zu genießen. Er bückte sich, krempelte die Hosenbeine noch ein Stückchen höher und zog seine Stiefel an.

„Hast du schon etwas gegessen?“, wollte Ambrosia wissen.

„Nein, ich habe auf dich gewartet.“

„Dann werden wir jetzt essen“, erklärte sie bestimmt. „Außerdem wird dir auf diese Weise auch schneller wieder warm.“

Ambrosia stand neben Riordan auf dem Oberdeck. „Nun, was meinst du, nachdem du den Schaden begutachtet hast? Lässt sich die Undaunted schnell reparieren?“, wollte sie wissen.

„Ja, ich denke schon. Ich habe den Rumpf überprüft und keine einzige Leckage gefunden. Das Wasser im Laderaum rührt von den hohen Wellen her, die über uns hinweggerollt sind.“

Prüfend sah sich Ambrosia um. „Gab es ein Feuer an Deck? Was ist das für ein Loch da an der Außenwand?“

„Ach, du meinst die Brandspuren im Holz?“ Riordan vermied es, sie anzusehen. „Da muss während des Sturms eine Kohlenpfanne umgekippt sein. Und wahrscheinlich sind wir in dem dichten Nebel gegen eine Sandbank gestoßen.“

„Sandbank? Kohlenpfanne?“ Ambrosia deutete auf die Bugspitze.„Da, sieh nur, noch mehr Brandspuren. Wie willst du die denn wohl erklären?“

Als er angelegentlich zu Boden blickte und ihr eine Antwort schuldig blieb, reckte sich Ambrosia ein wenig, stemmte die Hände in die Hüften und sah ihn herausfordernd an. „Also, Riordan, ich glaube, es ist höchste Zeit, dass du mir ein paar Dinge erklärst.“

„Ich habe keine Ahnung, worauf du hinauswillst.“

„Und ob! Ich will die Wahrheit von dir hören. Der Schaden unten im Frachtraum mag durchaus von dem Sturm verursacht worden sein. Aber diese Brandspuren und Löcher haben eine völlig andere Ursache.“ Sie senkte die Stimme, als sie fragte: „Könnte es sein, dass die Beschädigungen hier oben von Kanonenfeuer herrühren?“

„Wie kommst du denn bloß auf eine solche Idee?“, wich Riordan einer Antwort aus.

„Ich habe eine Botschaft gefunden, die zwischen den Seiten des Logbuchs steckte und von König Charles stammt. Er dankt darin meinem Vater für seine Dienste als Pirat im Namen der Krone. Und nun wirst du mir endlich die Wahrheit sagen, Riordan! Wurde die Undaunted von einer Kanonenkugel getroffen?“

„Würde es für dich und deine Schwestern einen Unterschied in eurer Trauer machen, wenn ihr ganz genau wüsstet, wie euer Vater und euer Bruder gestorben sind?“, stellte er die Gegenfrage.

Ambrosia atmete tief durch. „Ich muss und will wissen, was genau geschehen ist, egal wie schmerzlich die Wahrheit auch sein mag. Nachdem ich nun weiß, dass mein Vater in gefährlichen Angelegenheiten für unser Land unterwegs war, muss ich den Schluss ziehen, dass das Schiff in einen Kampf verwickelt wurde.“

Im Stillen zollte Riordan ihr Hochachtung. Trotz ihrer Trauer konnte sie klar denken und messerscharfe Schlüsse ziehen. Er sah ein, dass er ihr die ganze Wahrheit schuldete.

„Ja, es gab einen heftigen Kampf mit einem Schurkenschiff. Das sind Schiffe, die irgendwo auf hoher See auf Frachtschiffe lauern. Die Männer an Bord sind Schurken und Verbrecher, denn sie dienen keinem Herrn, keinem König und keinem Land. Sie haben ausschließlich ihr eigenes Wohl im Sinn und nehmen sich, was sie wollen. Dazu ist ihnen jedes Mittel recht.“ Er sah Ambrosia abwartend an, doch sie verzog keine Miene.

„Sie tauchten plötzlich aus dem Nebel auf und hatten die englische Fahne gehisst. Doch das war ein Täuschungsmanöver. Sie hatten uns aufgelauert.“

„Uns?“, unterbrach Ambrosia. „Du fuhrst mit meinem Vater und Bruder gemeinsam?“

„Ja, in Wales liefen wir nacheinander mit unseren Schiffen aus. Mein Segler, die Warrior, wurde von den Burschen zuerst attackiert. Sie steckten sie in Brand, und ich hatte ihnen nichts entgegenzusetzen. Es war dein Vater, der meine Männer und mich in letzter Sekunde rettete.“

Riordan blickte verloren in die Ferne. In der Erinnerung sah er noch einmal die Bilder des grausamen Geschehens. „Eine Weile tobte der Kampf ständig hin und her. Es gelang uns sogar, das Schiff der Schurken zu entern. Dein Vater und James kämpften tapfer und unerschrocken. Doch dann tauchten wie aus dem Nichts weitere Gegner auf. Zwar konnten wir uns erfolgreich wehren, doch dann brach der Sturm los, und wir mussten zurück auf die Undaunted, die auseinanderzubrechen drohte. Also packten wir unsere Toten und Verletzten auf die Schultern und machten uns auf die Heimreise.“

„Waren mein Vater und Bruder bereits tot, als das Unwetter begann?“

Riordan nickte. „Ja, sie haben heroisch gekämpft. Im Laufe des Sturms wurden ihre Leichname über Bord gespült. Es gab keine Möglichkeit für uns, sie aus den Fluten zu bergen.“

Ambrosia kniff die Augen zusammen, um die Tränen zurückzudrängen.

Riordan legte ihr behutsam eine Hand unter das Kinn, sodass sie ihn ansehen musste. „Wenn dir irgendetwas ein Trost ist, Ambrosia“, sagte er, „dann vielleicht die Tatsache, dass sie den Heldentod starben.“

„Jeder Mann, der für England sein Leben riskiert, ist ein Held“, erwiderte sie.

„Ja, aber du hast noch nicht verstanden, was ich sagen will. Wenn sie nicht gekommen wären, um meine Männer und mich zu retten, dann wären sie schon vor Tagen zu Hause bei dir und deinen Schwestern gewesen. Ich trage die Schuld daran, dass sie tot sind. Es war mein Kampf, nicht der ihre.“ Riordan drohte vor Rührung und Reue die Stimme zu versagen.

„Ich muss irgendwie weitermachen, einen Sinn für mein Leben finden in dem Wissen, dass meine zwei besten Freunde ihres dafür hingaben.“

Ambrosia hätte ihn gern getröstet, doch ihr eigener Schmerz war so groß, dass ihr die Kehle wie zugeschnürt war. Mit großer Willensanstrengung gelang es ihr schließlich, zu fragen: „Wie lautete der Name des Schiffes und seines Kapitäns?“

„Es war die Skull unter dem Kommando von Captain Eli Sledge. Warum willst du das wissen?“

Ambrosia atmete tief durch. Jetzt war der Augenblick gekommen, Riordan in ihre Pläne einzuweihen. „Folgenden Schwur lege ich hiermit ab: Sowie das Schiff meines Vaters instand gesetzt ist, wird die Undaunted erneut in See stechen und nicht eher zurückkehren, als bis diese Schurken unschädlich gemacht sind und ihre Leichname für alle Zeit auf dem Meeresgrund liegen.“

Riordan musterte sie misstrauisch. Er wusste nicht so recht, was er von Ambrosias Schwur halten sollte. „Du hast also deine Meinung geändert?“, erkundigte er sich vorsichtig. „Und wirst mir die Undaunted doch verkaufen?“

„Nein, Riordan, du missverstehst mich“, erwiderte Ambrosia stolz. „Mit dir als Kapitän werden meine Schwestern und ich das Werk unseres Vaters fortsetzen und außerdem seinen Tod rächen.“

„Als Seeleute?“ Riordan traute seinen Ohren nicht.

„Allerdings. Aber nicht nur das. Wir werden außerdem als Piraten im Namen des Königs über die Meere segeln und würdige Nachfolger unseres Vaters und Bruder sein.“

4. KAPITEL

Riordan war dermaßen überrascht, dass ihm zunächst keine Antwort auf Ambrosias Eröffnung einfiel. Schließlich stieß er hervor: „Was soll das denn für eine Torheit sein?“

„Nenn es, wie du willst.“ Ambrosia versuchte, seinem Blick standzuhalten, doch er sah sie mit so einem Ausdruck schieren Unglaubens an, dass sie sich halb von ihm fortdrehte und einen Schritt zur Seite trat, um den Abstand zu ihm zu vergrößern.

„Meine Schwestern und ich sind uns bereits einig“, erklärte sie. „Noch heute werden wir eine Botschaft an König Charles in London schicken. Wenn du es ablehnen solltest, für uns als Kapitän auf der Undaunted zu fahren, werden wir eben einen anderen für diese Aufgabe finden.“

„Kein Seemann wäre so dumm, sein Leben drei kopflosen, überspannten Frauen anzuvertrauen.“

Ambrosia wirbelte herum. Ihre Augen schienen vor Zorn Blitze zu sprühen. „Willst du damit etwa andeuten, dass unser Geschlecht ausschlaggebend sei für unseren Verstand?“

„Selbstverständlich nicht, aber …“

„Oder dass wir, nur weil wir weiblichen Geschlechts sind, womöglich eine Waffe nicht mit der gleichen Fertigkeit schwingen können wie ein Mann?“

„Nun, die Fertigkeit will ich einer Frau nicht absprechen. Aber allein die Größe von Frauen …“

Abermals unterbrach ihn Ambrosia. „Ich bin genauso groß wie so mancher Mann, Riordan. Und ein Schwert in meiner Hand wiegt für eine körperliche Unterlegenheit auf. Willst du meine Worte auf ihren Wahrheitsgehalt hin prüfen?“

„Prüfen?“ Riordan traute seinen Ohren nicht. Dann fing er unvermittelt an zu lachen. „Es gibt kaum Männer, die es mit mir im Schwertkampf aufnehmen können. Und ich habe erhebliche Zweifel daran, dass es auch nur eine einzige Frau unter der Sonne gibt, die dazu imstande wäre.“

„Nun gut.“ Ambrosia begann, die Essensreste zurück in den Korb zu packen. „Ich habe nachher eine Besprechung mit dem Vikar. Anschließend können wir uns über einen Ort unterhalten, an dem wir unsere Fertigkeiten miteinander messen.“

Riordan griff nach ihrem Arm. „Das kann doch nicht dein Ernst sein.“

Sie machte sich aus der Umklammerung frei und sah ihm entschlossen ins Gesicht. „Und ob!“

Er murmelte einen Fluch vor sich hin. Schließlich reichte er Ambrosia den Umhang. „Wir werden sehen“, meinte er.

Ohne sie noch eines Blickes oder Wortes zu würdigen, zog er Hemd und Jacke an und folgte Ambrosia. Als er an der Stelle ankam, an der die Strickleiter über der Reling hing, sah er, dass Ambrosia bereits ohne fremde Hilfe hinabgeklettert war und in dem kleinen Kahn saß, in dem sie vom Festland zum Ankerplatz der Undaunted gekommen waren.

Am Ufer angelangt, zog Riordan das Boot auf den Strand und reichte Ambrosia die Hand, um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein. Dabei beschloss er, noch einmal zu versuchen, sie von ihrem Vorhaben abzubringen.„Ambrosia, ich bitte dich, gib diesen wahnwitzigen Plan auf.“

Sie bemühte sich sehr, den Schauer zu ignorieren, den sie bei seiner Berührung empfand. „Du kannst davon halten, was du willst, und die Angelegenheit nennen, wie es dir beliebt. Meine Schwestern und ich haben unsere Entscheidung getroffen und werden unter gar keinen Umständen mehr davon abrücken.“ Sie wandte sich zum Gehen.

„Du kleine Närrin!“, rief Riordan aus. „Was muss ich denn nur tun, damit du Vernunft annimmst?“ Mit festem Griff umfasste er ihre Oberarme und zog Ambrosia an sich.

„Hände weg“, wies sie ihn zurück. „Was fällt dir überhaupt …“

Ihre weiteren Worte wurden erstickt von einem leidenschaftlichen Kuss, mit dem er ihr den Mund verschloss. Gleichzeitig schienen sie beide in diesem Augenblick von der Heftigkeit ihrer Gefühle überwältigt zu werden. Während Riordan immer mehr ihre körperliche Nähe suchte, tat Ambrosia alles, um ihn von sich zu schieben.

Erst als sie einen kleinen Schmerzensschrei ausstieß, wurde ihm klar, was er getan hatte. Als könnte er damit sein Verhalten rückgängig machen, ließ er sie unvermittelt los und trat einen Schritt zurück. Doch für Zurückhaltung war es nun zu spät, denn auch bei Ambrosia schienen alle Dämme gebrochen zu sein.

Sie hielt sich an Riordans Hemd fest, zog ihn wieder zu sich heran. Leise stöhnend presste sie die Lippen auf seine.

Er wusste kaum mehr, wie ihm geschah. Was auch immer er noch kurz zuvor an Reue verspürt haben mochte, war nun völlig ausgelöscht. Er legte die Arme um Ambrosia, zog sie an sich und küsste sie voller Leidenschaft.

Es war helllichter Tag, und jedermann konnte Riordan und Ambrosia dort am Strand sehen, eng umschlungen, als wären sie ganz allein auf der Welt. Riordan dachte nicht daran. Allein der Wunsch, Ambrosia hier und jetzt zu nehmen, erfüllte sein Denken und sein Fühlen.

Trotz der frischen Brise, die vom Meer her wehte, verspürten sie keinerlei Kälte. Vielmehr schienen sie von glühender Hitze umgeben zu sein.

Schließlich lösten sie sich voneinander. Ihre Blicke waren verschleiert, als wären sie soeben erst aus tiefem Schlaf erwacht. Sie schauten einander verwundert an.

Ambrosia versuchte, zur Ruhe zu kommen und wieder normal zu atmen. Doch das fiel ihr schwer. Scham erfüllte sie, als sie daran dachte, was sie getan hatte. Diese leidenschaftliche Begegnung war nicht gegen ihren Willen geschehen, o nein! Ganz im Gegenteil.

Unvermittelt verspürte Ambrosia den heftigen Wunsch, Riordan zu zeigen, dass sie dem, was zwischen ihnen geschehen war, nicht die geringste Bedeutung beimaß. „Wenn ich aus dem Pfarrhaus zurückkehre, möchte ich, dass wir uns im Arbeitszimmer meines Vaters treffen. Und denk daran, deine Waffe mitzubringen.“ Ihre Stimme klang ein wenig heiser, doch die Worte trafen Riordan trotzdem wie kleine Pfeile.

„Ambrosia, bitte! Bei allem, was dir heilig ist: Lass von diesem Unterfangen ab!“

„Niemals!“ Ambrosia lief, so schnell sie konnte, davon.

Riordan schaute ihr ungläubig hinterher. Seine Gedanken waren so düster wie der Himmel über ihm. Dieses widerspenstige kleine Frauenzimmer hatte eine Lektion verdient. Zwar widerstrebte es ihm, ihr eine Verletzung zuzufügen, doch er musste ihr gerade so wehtun, dass sie endlich Vernunft annahm. Es war einfach blanker Unsinn und völlig unmöglich, dass sie dabei war, wenn Schiffe gekapert wurden. Noch unvorstellbarer war der Gedanke, Ambrosia könnte Seite an Seite mit hartgesottenen Seeleuten kämpfen.

Riordan hielt sich im Garten von Mary Castle auf, als die Kutsche mit Ambrosia und ihren Schwestern vom Pfarrhaus zurückkehrte. An ihrer Gesichtsfarbe und dem angestrengten Ausdruck auf den Gesichtern konnte er unschwer erkennen, dass der Besuch beim Pfarrer sehr gefühlsbetont und eine große seelische Belastung gewesen war.

Newton half den drei Lambert-Damen aus der Kutsche, bevor er das Gespann zu den Stallungen lenkte. Ambrosia blieb kurz stehen und warf einen Blick zu der großen, kräftigen Gestalt im Garten. Als sie merkte, dass Riordan sie beobachtete, hielt sie den Kopf noch ein bisschen höher, reckte kaum merklich das Kinn ein wenig vor und griff nach den Händen ihrer Schwestern. Gemeinsam machten sich die drei auf den Weg ins Innere des Gebäudes.

Riordan wartete, um Ambrosia Gelegenheit zu geben, den Tee zu trinken, den Mistress Coffey zweifellos vorbereitet hatte. Er wusste, dass nicht nur der Großvater, sondern auch die Haushälterin und die alte Kinderfrau sehnsüchtig auf die Rückkehr der drei Mädchen gewartet hatten. Sie wollten mit Sicherheit jede einzelne, noch so winzige Kleinigkeit über den Gottesdienst hören, der für Vater und Sohn geplant war.

Eine Stunde später schließlich machte sich Riordan auf den Weg zu John Lamberts Arbeitszimmer. Er hoffte noch immer, auch wenn es für diese Hoffnung keine Chance auf Erfüllung mehr gab, dass Ambrosia das Irrwitzige ihres Plans erkannt habe und sich bei ihm für ihr unvernünftiges Verhalten entschuldigen würde.

Als er den Raum betrat, sah er sie nachdenklich in die Flammen des Kaminfeuers blicken. Wortlos beobachtete er, wie sie zur Tür ging, sich davon überzeugte, dass sie geschlossen war, und den Riegel vorlegte.

„Nanu, Ambrosia“, sagte er, „was ist los? Hast du etwa Angst, du könntest doch noch deine Meinung ändern und davonlaufen?“

„Ich wollte nur sicherstellen, dass niemand das Geräusch sich kreuzender Schwerter hört und herbeieilt, um nach dem Rechten zu sehen.“

„Wenn du glaubst, es handele sich hierbei um so etwas wie ein Spiel, so befindest du dich in einem tragischen Irrtum“, erklärte Riordan und zog sein Schwert aus der Scheide. „Es gibt nur einen einzigen Grund, aus dem man eine Waffe in die Hand nimmt.“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause, bevor er fortfuhr: „Um sie gegen einen anderen Menschen zu benutzen. Verstehst du das?“

„Ja.“ Ambrosia wischte sich die Hände an ihrem Rock ab und hob ihr eigenes Schwert hoch. Ruhig schaute sie Riordan an.

Er wollte noch immer nicht glauben, dass Ambrosia es ernst meinte. Er sah sie an, wie sie groß, schlank und anmutig mit ihrem perfekt frisierten Haar und in dem bescheidenen, wenngleich der Mode entsprechenden Kleid vor ihm stand.

Doch er hatte entschieden, wie er mit dieser ganz und gar unmöglichen Situation umgehen würde. Wenn sie diesen Kampf brauchte, um von der Aussichtslosigkeit ihres Planes überzeugt zu werden, so sollte sie ihn haben.

„Da du die Herausforderin bist, Ambrosia, sollst du auch den ersten Schlag ausführen.“

Sie lächelte. „Wie überaus galant von dir.“ Im selben Moment schlug sie ihr Schwert schwungvoll und mit einer solchen Kraft gegen seine Waffe, dass sie ihm beinahe aus der Hand gefallen wäre.

Für Sekunden war er wie gelähmt. Er hatte sich fest vorgenommen, Ambrosia unter gar keinen Umständen auch nur den geringsten Kratzer beizubringen. Wohingegen es ihr Anliegen war, ihn nicht nur in der Kunst der Schwertführung zu übertrumpfen. Nein, sie wollte ihn außerdem auch noch demütigen.

Ambrosia nutzte den Augenblick seiner Verwirrung, um ihn an die Wand zu drängen und dann die Spitze ihres Schwertes auf seine Schulter zu richten. „Wenn dies ein echter Kampf wäre, Riordan“, erklärte sie triumphierend, „wäre dein Hemd jetzt blutdurchtränkt und du würdest höllische Schmerzen erleiden.“

„Wie großzügig von dir, mir dieses Leid zu ersparen“, erwiderte er und lächelte böse. Im nächsten Augenblick führte er sein Schwert mit ungeheurer Kraft gegen Ambrosias Waffe. Er wusste, dass sie den Schlag durch den ganzen Arm hindurch bis in die Fingerspitzen spürte.

Mit größter Mühe gelang es Ambrosia, ihr Schwert in der Hand zu behalten, doch ihre Finger fühlten sich völlig taub an. Um Zeit zu gewinnen, tänzelte sie aus Riordans Reichweite, doch er folgte ihr unerbittlich, trieb sie vor sich her, bis sie mit dem Rücken zu dem Kaminfeuer stand. Rechts und links von ihr befanden sich Möbel, und sie musste erkennen, dass es keinen Ausweg für sie gab.

Minutenlang kämpften sie, dass die Klingen der Schwerter ein singendes Geräusch verursachten. Mit jedem Hieb von Riordans Schwert spürte Ambrosia, wie ihre Kräfte nachließen.

Sie hatte schon lange nicht mehr geübt, mit der schweren Waffe umzugehen.

„Nun, bist du erschöpft?“

Erneut holte sie aus. „Ich fühle mich so frisch wie ein Neugeborenes.“

„Und ebenso gefährlich, vermute ich.“

Der Hohn in seiner Stimme war Ambrosia unerträglich. Wütend trat sie einen kleinen Schritt vor, schwang die Waffe über ihrem Kopf und ließ sie mit aller Kraft herniedersausen. Mit der Spitze traf sie Riordans Arm. Blut sickerte durch den Stoff seines Hemdes.

Er spürte den Schmerz wie eine weiß glühende Spitze und dann die Wärme des Blutes.

Ambrosia war wie erstarrt. „O Riordan, vergib mir. Das wollte ich nicht.“

„Natürlich hast du das mit Absicht getan“, tat er ihre Entschuldigung ab. Er war geradezu dankbar für den Schmerz, der durch seinen Arm fuhr. Er erinnerte ihn daran, all sein Können aufzubieten, um Ambrosia zu entwaffnen, ohne ihr auch nur ein Härchen zu krümmen.

Wieder klirrten die Schwerter, und plötzlich verließen Ambrosia die Kräfte.

„Gib endlich auf, Ambrosia“, bat Riordan eindringlich.

„Niemals.“ Sie umfasste den Griff ihrer Waffe mit beiden Händen und wollte zu einem letzten furchtbaren Hieb ausholen. Doch Riordan fasste überraschend nach ihrem Arm, und im nächsten Moment fiel Ambrosias Schwert klirrend zu Boden.

Riordan drehte sie zu sich herum, zog sie näher zu sich heran und deutete mit der Spitze seines Schwertes auf ihren Hals. „Wäre ich tatsächlich dein Feind, so würde ich dir jetzt deine bezaubernde Kehle durchschneiden. Du wärest so gut wie tot.“

Ambrosia bewunderte im Stillen die scheinbare Leichtigkeit, mit der Riordan jede Lebenslage zu meistern schien. Gleichzeitig lauerte sie jedoch auf eine Möglichkeit, ihn doch noch zu bezwingen. Als sie schließlich spürte, wie er den Griff um ihren Arm ein wenig lockerte, wirbelte sie herum. In einer Hand hielt sie ein kleines, zweifelsohne sehr wirkungsvolles Messer.

„Woher hast du das?“, wollte er wissen.

„Ich hielt es in den Falten meiner Röcke verborgen. Schon mein Großvater pflegte zu sagen, dass ich mich niemals mit nur einer einzigen Waffe in einen Kampf begeben sollte. Und wenn ich tatsächlich deine Feindin wäre, Riordan, dann hätte dieses Messer längst den Weg mitten in dein Herz gefunden.“

Er lächelte. „Ich hege größte Bewunderung für deine Voraussicht und auch dafür, wie du dein Schwert zu handhaben weißt.“

„Ach, Schmeicheleien aus dem Mund des stolzen Captain Riordan Spencer?“

„Wenn sie angebracht sind, warum nicht?“, erwiderte er ungerührt. „Aber ich möchte dein Augenmerk auf Folgendes lenken, Ambrosia: Das Messer ist zu klein, und du hast es zu spät benutzt. In einem echten Kampf auf Leben und Tod wärest du längst tot oder zumindest lebensbedrohlich verletzt.“

„Diese Worte empfindest du in deiner Lage als die einzig passenden. Aber ich habe mir dieses Messer mit voller Absicht bis zum Schluss aufgehoben, weil ich wusste, dass du niemals damit rechnen würdest. Gib es zu, dass ich dich überrascht habe in einem Moment völliger Schutzlosigkeit.“

„Ja, womöglich hast du recht.“ Er ließ sie nicht aus den Augen, als er ihr in einer blitzschnellen ausholenden Bewegung das Messer aus der Hand schlug. Klirrend fiel es zu Boden.

„Und was gedenkst du jetzt zu tun? Aufgeben?“ Seine Stimme klang rau und dunkel vor kaum unterdrücktem Ärger.

„Nie und nimmer. Wenn es sein muss, werde ich mit Fingernägeln, Händen, Füßen und Zähnen kämpfen. Soll ich dir zeigen, welchen Schaden ich damit anrichten kann?“

„Das ist nicht nötig. Aber lass dir sagen, dass Nägel und Zähne zwar sehr schmerzhafte Wunden verursachen, aber niemals töten können. Und ich möchte dich außerdem warnend darauf hinweisen, dass dieses Arbeitszimmer ein kleiner, in sich abgeschlossener Raum ist.“

„Das sind die Quartiere an Bord ebenfalls.“

„Unter Deck ist das sicher so. Aber oben gibt es viel Platz für einen Feind, wegzulaufen, sich zu ducken, zu verstecken. Und während du versuchst, ihm auf den Fersen zu bleiben, schlingert unter dir der Boden, bewegt sich das Schiff auf und ab. Oftmals ist der Grund, auf dem du stehst, auch glitschig von salziger Gischt oder gar Blut. Es reicht eben nicht, nur zu wissen, wie man ein Schwert handhabt. Du musst blitzschnell sein, sicher auf den Beinen und deinem Gegner immer einen Schritt voraus.“

Er sah, wie Ambrosia eine Bewegung machte, als wollte sie nach ihren Waffen greifen. Doch schon hatte er sich der Waffen bemächtigt und legte sie neben sein eigenes Schwert, und zwar alle außer Ambrosias Reichweite.

„Ich habe dich falsch eingeschätzt“, gab er zu. „Du bist eine viel bessere Schwertkämpferin, als ich jemals erwartet hätte.“

In gespieltem Erstaunen legte Ambrosia die Hand aufs Herz. „Vorsicht, Captain. Sonst bin ich womöglich noch überwältigt von diesen schmeichelhaften Worten.“

„Bitte schätze meine Anerkennung nicht falsch ein, Ambrosia“, erwiderte er. „Obwohl deine Fähigkeiten in der Tat erstaunlich sind, bleibe ich doch bei meiner Meinung, dass du an Bord nichts zu suchen hast. Was du mit deinen Schwestern ausgeheckt hast, ist außerordentlich dumm und überdies äußerst gefährlich.“

Ambrosia war, als hätte in seiner Stimme eine widerstrebende Zustimmung gelegen. Sie beschloss, alles auf eine Karte zu setzen. „Du brauchst dich an unserer Mission ja nicht zu beteiligen, Riordan“, versicherte sie. „Meine Schwestern und ich werden es dir nicht verübeln, wenn du deiner Wege gehst, obwohl du behauptest, unseren Vater wie deinen eigenen zu lieben. Schlag ein.“ Sie hielt ihm die Hand hin. „Besiegeln wir unsere Abmachung, oder wendest du dich von uns ab?“

Das folgende Schweigen schien sich endlos auszudehnen. Ambrosia war sicher, dass sie ihn nicht so hätte bedrängen dürfen. Ihr Vater hatte sie stets gewarnt, nicht so vorzupreschen.

Riordan schaute lange auf ihre Hand, bevor er Ambrosia ins Gesicht sah. Als er schließlich die dargebotene Hand ergriff, nutzte er die Berührung, um Ambrosia so dicht an sich zu ziehen, dass er ihr tief in die Augen sehen konnte.

„Du kleine Hexe“, stieß er hervor. „Du weißt ganz genau, dass es für mich längst zu spät ist, um noch davonzulaufen. Aber wir werden unseren Handel auf meine Weise besiegeln.“

„Nein!“ Vergeblich setzte Ambrosia sich gegen die plötzliche Umarmung zur Wehr. Mit einer Hand hielt er sie wie in einem Schraubstock fest, mit der anderen griff er in das prachtvolle Haar und bog Ambrosias Kopf ein wenig nach hinten. „Du weißt ganz genau, was du anrichtest, nicht wahr, Ambrosia?“

„Ich … ich weiß nicht, was du meinst.“

„O doch, ich glaube schon.“ Ohne den Blick von ihr abzuwenden, umfasste er ihr Gesicht mit beiden Händen und neigte den Kopf.

Schon bei der ersten Berührung seiner Lippen spürte Ambrosia Hitze in sich aufsteigen. Und so wie Riordan den Kuss vertiefte, schmolz ihr Widerstand vollends dahin. Sie konnte ihm nur noch die Arme um die Taille legen und sich an ihm festhalten. Der Boden unter ihren Füßen schien plötzlich ins Wanken geraten zu sein.

„Gibst du jetzt endlich auf, Ambrosia?“

„Aufgeben?“ Sie hasste dieses Wort. „Nein, Riordan Spencer, ich gebe niemals auf und ergebe mich erst recht keinem Mann.“

„Dann muss ich einfach meinen Sieg verkünden und mir nehmen, was ich haben will.“ Nun küsste er sie nicht mehr langsam und zärtlich, sondern fordernd und mit kaum gezügelter Begierde.

Ambrosia hatte das Gefühl, er wolle sie ganz und gar nehmen, und obwohl sie es niemals zugegeben hätte, so wünschte sie doch, er würde es tatsächlich tun.

Sie hörte einen Laut und erkannte, dass es ihr eigenes Stöhnen war. Atemlos und sehnsüchtig erschauerte sie vor Begehren. Sie spürte, wie er die Hände über ihren Rücken gleiten ließ.

Unwillkürlich zuckte sie vor der Berührung zurück, doch Riordan hatte dies erwartet. Er vertiefte den Kuss, erforschte mit der Zunge das warme Innere ihres Mundes.

Langsam ließ er die Hände erneut über ihren Rücken gleiten und spürte, wie sie weich und nachgiebig in seinen Armen wurde. Durch den Stoff ihres Kleides hindurch tastete er nach der verheißungsvollen Wölbung ihrer Brüste und strich mit dem Daumen zärtlich über die Spitzen.

Ambrosia seufzte vor Verlangen, und ihr lustvoller Seufzer brachte Riordan beinahe um den Verstand. Er wusste, dass er sofort aufhören musste. Er hatte ihr lediglich eine Lektion erteilen wollen, doch irgendwann war sein Plan aus dem Ruder gelaufen. Er begehrte sie und wollte sie nehmen, hier und jetzt.

Noch eine kleine Weile überließ er sich dem Vergnügen und Genuss, sie in den Armen zu halten und die Zärtlichkeiten mit ihr auszutauschen, die sie so bereitwillig gab. Doch schließlich riss er sich mit aller ihm zur Verfügung stehenden Willenskraft zusammen und löste sich von ihr.

„So, lass dir das eine Lehre sein. Es gibt eine Zeit des Kampfes und eine Zeit der Aufgabe.“

„Ich bleibe dabei, Riordan: Niemals werde ich mich einem Mann ergeben. Und schon gar nicht dir.“

„Ja, das habe ich bemerkt an der Art und Weise, wie du dich gegen meine Küsse gesträubt hast.“

Ambrosia errötete leicht. Riordan hatte recht. Um ihre Verlegenheit zu überspielen, nahm sie hastig ihre Waffen an sich und hoffte inständig, dass ihm das Zittern ihrer Hände entging.

Rasch ging sie zur Tür und entriegelte diese. „Soll ich also Mistress Coffey sagen, dass du noch länger bei uns bleibst?“

„Ja.“ Riordan bemerkte den Anflug eines triumphierenden Lächelns auf Ambrosias Gesicht. „Zumindest so lange, bis die Undaunted wieder seetüchtig ist.“

„Wir haben eine Abmachung, die du besiegelt hast“, erinnerte Ambrosia ihn.

„Ja, und ich hoffe inständig, dass du mich davon entbinden wirst, sobald du endlich wieder bei Sinnen bist. Nur deshalb bleibe ich hier. Das schulde ich deinem Vater.“

Das Lächeln verschwand von ihren Zügen, und Riordan erkannte, dass seine Worte sie getroffen hatten. Er war zufrieden und machte keinerlei Anstalten, sie zurückzuhalten, als sie die Tür aufriss und nach draußen eilte.

Als er allein war, ging Riordan zum Kamin hinüber und blickte sinnend in das Feuer. Noch immer war er erfüllt von körperlichem Begehren. Ihm war, als stünde sein Körper innerlich in Flammen.

Worauf hatte er sich da nur eingelassen? Bis zu dem Tag, an dem das Schiff auslaufen würde, musste er Ambrosia und ihre Schwestern zu der Einsicht bringen, dass ihr Plan völlig unmöglich war.

Und als wäre das allein nicht schon schwierig genug, musste er gleichzeitig auch noch für Abstand zwischen sich und der ältesten Lambert-Tochter sorgen. Sie war starrköpfig und versetzte ihn in Zorn und Wut wie noch keine andere Frau vor ihr. Wann immer er Ambrosia zu nahe kam, schienen Funken zwischen ihnen beiden zu sprühen. Und irgendwann würden sie sich, wenn er nicht sehr viel mehr Selbstbeherrschung aufbrachte als bisher, aneinander verbrennen.

5. KAPITEL

Ambrosia saß mit ihren Schwestern und ihrem Großvater in der Kutsche. Der alte Herr hatte sich anscheinend völlig in sich selbst zurückgezogen, was verständlich war. Schließlich würde er in wenigen Minuten Abschied nehmen müssen von Sohn und Enkel. Dieses Schicksal war grausam genug, wurde sogar noch erschwert dadurch, dass es keine Beisetzung geben würde.

Neben ihm saß Riordan Spencer, dessen Züge wie aus Stein gemeißelt schienen. Nach einem kurzen Blick zu ihm schaute Ambrosia für den Rest des Weges aus dem Fenster oder blickte starr vor sich hin.

Newton lenkte das Gefährt die Straße zum Dorf hinunter. Ambrosia atmete tief durch, als sie draußen die vertrauten Hügel sah, auf denen Schafe weideten. Sie liebte diese Landschaft mit ihren grünen Wiesen, die langen Sandstrände mit den schroffen Felsbrocken, und der Anblick des endlosen Meeres berührte sie immer wieder zutiefst.

Doch heute hatte sie keinen Blick übrig für die zauberhafte Umgebung. Das Herz war ihr zu schwer. Heute würden sie und ihre Schwestern sich vor den Augen sämtlicher Dorfbewohner von Land’s End der traurigen Wirklichkeit ihres kaum zu ertragenden Verlustes stellen müssen.

Nun rollte die Kutsche hinauf zur Dorfkirche. Viele Gespanne standen dort bereits. In dem geöffneten Portal warteten der Vikar und der Diakon auf die Familie Lambert und deren nächste Freunde.

Riordan stieg als Erster aus und bot den jungen Frauen nacheinander hilfreich die Hand. Als er Ambrosias Hand berührte, zuckte er unmerklich zusammen. Seit ihrer Begegnung im Arbeitszimmer hatte er sie nicht mehr gesehen. Sie hatten sich beide erfolgreich bemüht, einander aus dem Wege zu gehen.

Nun folgte er den Lamberts das Mittelschiff entlang bis kurz vor den Altar, wo die Bänke den Angehörigen vorbehalten waren. Dabei hörte er einige der geflüsterten Bemerkungen der Dorfbewohner.

„So eine traurige Verschwendung“, wisperte eine junge Frau. „James hätte jedes Mädchen hier in Land’s End haben können, aber er hatte sein Herz der See geschenkt.“

„Sein Vater war nicht viel besser“, sagte nun die neben ihr Sitzende. „Ohne Frau all diese Jahre. Aber er wollte nie wieder heiraten, und das nur wegen der Mädchen. Welche Frau hätte schon sein Herz gewinnen können mit den dreien in der Nähe?“

„Sie haben immer geglaubt, besser zu sein als alle anderen.“ Edwina Cannon trug einen für den Anlass viel zu koketten Hut und beobachtete, wie die Lambert-Mädchen an ihr vorbeigingen. Dabei schürzte sie geringschätzig die Lippen.

„Als wir noch klein waren, wollten sie nie mit uns anderen spielen. Sie waren stets viel zu beschäftigt damit, mit ihrem Vater auf dem Schiff zu fahren oder sich von ihrem Bruder im Schwertkampf unterrichten zu lassen.“ Ihr Gesichtsausdruck war feindselig und überheblich.

Riordan runzelte unwillig die Stirn. Er hoffte, dass Ambrosia, Bethany und Darcy diese abfälligen Bemerkungen nicht gehört hatten. Verstohlen blickte er sich um und sah, dass die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt war. Sogar Seeleute waren gekommen, die nun im hinteren Teil der Kirche standen. Sie hatten ihre Mützen abgenommen und hielten die Köpfe respektvoll gesenkt.

Ambrosia hatte dafür gesorgt, dass nicht nur für die engsten Verwandten der Verstorbenen Plätze frei gehalten worden waren, sondern auch für die Bediensteten von Mary Castle sowie für die überlebenden Besatzungsmitglieder der Undaunted. Diese waren von der ihnen erwiesenen Ehre zutiefst gerührt und nahmen zwischen Küchenpersonal und Dienstmädchen Platz.

Als die Glocken zu läuten begannen, begaben sich der Pfarrer und sein junger Gehilfe zum Altar und zelebrierten den Trauergottesdienst mit den von alters her bekannten Gebeten, Fürbitten und Liedern.

Ambrosia und ihre Schwestern sahen sich außerstande, in das Singen einzustimmen. Sie mussten an die wenigen Gelegenheiten denken, als ihr Vater und Bruder zufällig zu Gottesdiensten jedweder Art in Land’s End gewesen waren. Meistens befanden sie sich auf See.

Dann hielt der Vikar eine besonders zu Herzen gehende Ansprache, in der er der Verstorbenen in eindringlichen Worten gedachte. Riordan sah, wie Ambrosia sich immer mehr versteifte.

Riordan wusste, sie bewahrte ihre Haltung nur deswegen, weil alle Dorfbewohner sie beobachteten und nur darauf warteten, dass sie die Beherrschung verlor und ihrem Schmerz freien Lauf ließ. Doch Ambrosia würde alles tun, um keinerlei Mitleid zu erregen. Erst zu Hause würde sie ihrer Trauer nachgeben.

Endlich war der Gottesdienst zu Ende. Ambrosia und ihre Schwestern sowie ihr Großvater nahmen im Kirchhof die Beileidsbezeugungen der Dorfbewohner entgegen. Riordan hielt sich etwas zurück und beobachtete das Geschehen aus einiger Entfernung.

„Oh, ihr armen, armen Kinder“, rief eine alte, weißhaarige Frau aus, die sich schwer auf den Arm ihrer Tochter stützte. Sie war die Dorfälteste, und jedermann wich respektvoll zur Seite. „Was werdet ihr jetzt nur tun? Welch ein Unglück, dass euer Vater keinen Sohn hinterließ, der sich nun um euch hilflose Frauen kümmern könnte.“

„Wir sind nicht hilflos, Mistress Clay“, versicherte Ambrosia. Sie konnte zwar die Anteilnahme der Alten verstehen, nicht aber deren Begründung. Doch sie wusste, dass es sinnlos war, darüber zu streiten. Schon drängten sich weitere Leute nach vorn, um ihr die Hand zu schütteln.

„Was für ein grauenvoller Verlust“, jammerte eine andere ältere Frau. „Wirst du das schöne Haus jetzt verkaufen, Ambrosia?“

„Auf gar keinen Fall“, antwortete Ambrosia. Aus den Augenwinkeln heraus sah sie, dass Bethany vor Zorn rot wurde.

„Aber wer wird sich um eure Zukunft kümmern? Wenn ihr nur Männer hättet, die auf euch aufpassen würden.“

„Wir werden uns selber um unsere Zukunft kümmern, Mistress Heathrow. Wir brauchen keine Männer, denn wir können bestens selber auf uns aufpassen.“

Mit Unbehagen sah Riordan, wie sich die junge Dame mit dem auffallenden Hut vor den Schwestern aufbaute.

„Ambrosia, Bethany, Darcy!“, rief sie mit durchdringender Stimme, sodass man sie weithin deutlich verstehen konnte.

„Edwina“, stieß Ambrosia zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, als die junge Dame ihren Arm umfasste. Sie wusste, dass Edwina immer und überall nach Aufmerksamkeit lechzte, und machte sich auf eine unangenehme Begegnung gefasst.

„Es tut mir so leid, was geschehen ist. Und ich bedauere es so sehr, dass mein Verlobter vor Ende der Trauerfeier abfahren musste. Du wusstest doch, dass Silas und ich heiraten werden?“

„Nein, aber da du ja diesen Augenblick dazu auserkoren hast, deine Verlobung bekannt zu geben, weiß nun jeder davon. Die gesamte Bevölkerung von Land’s End wünscht dir sicherlich viel Glück“, erwiderte Ambrosia mit eisiger Stimme.

Doch Edwina ließ sich davon nicht beirren. „Silas versichert dir seine aufrichtige Anteilnahme.“ Sie platzte beinahe vor Stolz über ihre Eroberung.

„Er sagte, auch er sei von dem Verlust betroffen, da sein Importgeschäft abhängig sei von den Schiffen, die für England segeln.“ Edwina neigte sich plump vertraulich Ambrosia zu. Mit gesenkter Stimme verriet sie: „Er weiß auch sehr viel über den Mann, der das Schiff eures Vaters nach Hause brachte. Über Riordan Spencer.“

„Ach ja?“ Ambrosia sah kurz zu Riordan hinüber, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder Edwina zuwandte.

Riordan hatte gehört, dass diese seinen Namen genannt hatte, doch mehr konnte er nicht verstehen. Beunruhigt sah er, wie Ambrosia die Stirn runzelte, als Edwina weiter auf sie einredete.

„Silas meinte, dass du Vorsicht ihm gegenüber walten lassen solltest. Er ist der älteste Sohn eines sehr wohlhabenden Adeligen, der riesige Ländereien vor den Toren Londons besitzt.“

Darcy stieß einen Laut des Erstaunens aus, und Edwina sonnte sich in der Überzeugung, mehr über den Kapitän zu wissen als dessen Gastgeberinnen. „Ja, als Erstgeborener hätte Riordan das Vermögen erben sollen, als sein Vater starb. Doch dieser lehnte Riordans geschäftliches Tun ab und enterbte ihn. Ein unehelicher Bruder von Riordan erbte das gesamte Vermögen.“

Ambrosias Stimme klang mehr als frostig. „Vielen Dank für deine Anteilnahme und Fürsorge, Edwina. Mir scheint, der Tod unseres Vaters und Bruders ist bedeutungslos angesichts des kleinlichen Tratsches aus London.“

Röte schoss in Edwinas Wangen. „Tratsch? Mama und ich meinen es nur gut mit euch. Nachdem ihr kein männliches Wesen mehr habt, das euch schützt, solltet ihr rechtzeitig gewarnt sein vor Männern, wie ihr gegenwärtig einen so großzügig in eurem Haus aufgenommen habt.“

„Wie schön, Edwina, dass du wenigstens noch anerkennst, dass es sich in der Tat um unser Haus handelt. Wenn du uns jetzt bitte entschuldigen würdest. Es warten noch viele wahre Freunde darauf, uns ihr Mitgefühl auszusprechen.“ Ambrosia drehte sich um und ging.

Es dauerte noch mehr als eine Stunde, bevor sämtliche Einwohner von Land’s End den Lambert-Schwestern und ihrem Großvater ihre Anteilnahme ausgesprochen hatten.

Als schließlich die meisten Dorfbewohner in ihre Häuser zurückgekehrt waren, denn an diesem Tag dachte niemand mehr ans Arbeiten, führte Newton in der Lambert-Kutsche eine Prozession von Wagen an, die zurück nach Mary Castle fuhr. Dort, von einem kleinen Anlegeplatz am Strand aus, wurden sämtliche Bediensteten und Besatzungsmitglieder in kleinen Booten hinaus aufs offene Meer gerudert, wo die Undaunted vor Anker lag.

Nachdem alle an Bord geklettert waren, wurden diejenigen unter den Matrosen, die lange Jahre unter dem Kommando von Captain John Lambert gesegelt waren, gebeten, ein paar Worte zu sprechen.

Anschließend sangen die Seeleute mit ihren tiefen, rauen Stimmen einige der Lieblingslieder von John und James Lambert, während Ambrosia, Bethany und Darcy Blumen ins Wasser warfen und zusahen, wie die farbenfrohen Sträuße zunächst eine Weile auf den Wellen tanzten und schließlich von ihnen aufs offene Meer hinausgetragen wurden.

Schließlich gingen sie hinüber zu ihrem Großvater, der allein an der Reling stand und auf den Ozean hinausschaute, und umarmten ihn mit aller Kraft.

Riordan, der dies aus einiger Entfernung vom Bug aus betrachtete, fühlte sich zutiefst berührt. Die Trauerfeier in der Kirche hatte etwas Steifes an sich gehabt. Doch die hier draußen an Bord gesprochenen Worte kamen aus tiefster Seele. Die Seeleute weinten, ohne sich ihrer Tränen zu schämen. Winifred Mellon, Mistress Coffey und Newton standen Seite an Seite, wischten sich immer wieder mit Tüchern über die tränenüberströmten Gesichter.

Riordan kam der Gedanke, wie sehr sich wohl Captain John Lambert und sein Sohn hatten glücklich schätzen können, eine derart liebevolle Familie zu haben und sich auf so treue Freunde und Bedienstete verlassen zu können.

Ein Mann konnte wahrscheinlich die ganze Welt bereisen, ohne jemals solche Schätze zu finden, die nicht mit allem Gold der Erde zu bezahlen waren. Und als das letzte Lied verklang, erkannte Riordan, dass es ihm unmöglich sein würde, diese Familie in einer Zeit großer Bedürftigkeit sich selbst zu überlassen.

Er fühlte sich unendlich einsam, denn für sein Herz gab es keinen Trost. Es war zerbrochen, und es ging ihm nicht, wie er Ambrosia Lambert versichert hatte, darum, nur ein Schiff zum Segeln zu haben. Vielmehr dürstete es ihn nach Rache.

Rache gegenüber dem Mann, der ihm sein Schiff genommen hatte. Der seine besten Freunde umgebracht hatte. Der drei zauberhaften jungen Frauen unsäglichen Schmerz bereitet und sie dazu getrieben hatte, einen für ihr eigenes Wohlbefinden viel zu gefährlichen Plan auszuhecken.

„Kommst du, Riordan?“

Er zuckte zusammen, als Ambrosia ihn sacht am Arm berührte. Er war so sehr in Gedanken versunken gewesen, dass er nichts mehr um sich herum wahrgenommen hatte.

Die letzten Matrosen waren gerade dabei, in das tief unten schaukelnde Boot zu klettern und an Land zurückzurudern. Viele Bedienstete waren bereits dort und befanden sich auf dem Weg zu dem großen Haus, das in einiger Entfernung zu erkennen war.

„Vielleicht könntest du Newton noch einmal herschicken, wenn alle anderen versorgt sind“, bat er.

Ambrosia nickte zustimmend, ließ ihn dort am Bug stehen und ging auf die andere Seite an die Reling. Dort drehte sie sich nach einiger Zeit noch einmal nach Riordan um. Er stand noch immer reglos an derselben Stelle wie zuvor und sah blicklos aufs Meer hinaus.

Ob er wohl an das Vermögen dachte, das sein Vater ihm verweigert hatte? Wünschte er sich, lieber an jedem anderen Ort zu sein als ausgerechnet hier in Land’s End?

Ambrosia stieß leise einen sehr undamenhaften Fluch aus, der sich gegen Edwina Cannon richtete. Sie wünschte, sie hätte nie etwas von Riordans Vergangenheit erfahren, und erst recht nicht durch Edwinas gehässiges Tratschen.

Hatte er ihr Angebot angenommen, weil er von den gleichen Beweggründen getrieben wurde wie sie? Oder war es vielmehr so, dass er darin seine einzige Möglichkeit sah, wieder ein Schiff befehligen zu können?

Es ist bedeutungslos, redete sich Ambrosia ein, aus welchen Gründen er sich auf den Handel eingelassen hat. Für sie zählte einzig und allein, den begonnenen Weg fortzusetzen und das selbst gesteckte Ziel zu erreichen. Auch wenn Riordans mögliche Unaufrichtigkeit ihr das Herz zu brechen drohte.

Sie begab sich unter Deck, denn das Bedürfnis, die Dinge anzusehen und zu berühren, die ihr Vater benutzt und geliebt hatte, wurde übermächtig in ihr. Als sie in seine Kajüte trat, glaubte sie beinahe, seine tiefe Stimme und sein mitreißendes Lachen zu hören.

Doch statt der Geräusche, nach denen sie sich so sehr sehnte, vernahm sie lediglich das Knarren der Balken in dem alten Schiff und das leise Platschen der Wellen am Bug. Wie ein Messerstich durchfuhr sie der Schmerz.

„Ich werde das Schiff finden, Papa, das verantwortlich ist für alles. Und die Männer, die darauf fahren. Und wenn ich sie gefunden habe, werden sie bezahlen für ihr schändliches Tun. Das verspreche ich dir, Papa.“

Ambrosia dachte an ihren Bruder und daran, wie eifersüchtig und wütend sie gewesen war, als ihr Vater ihn zur See hatte gehen lassen. Wie hatte sie damals gefleht und gebettelt, ihn begleiten zu dürfen.

„Es tut mir so leid, James“, flüsterte sie vor sich hin. „Ich hatte geglaubt, wir hätten noch viele Jahre vor uns, in denen wir zusammen lachen und allmählich älter werden würden. Und die schrecklich kurze gemeinsame Zeit, die uns vergönnt war, scheint mir vergeudet.“ Eine dicke Träne rollte langsam über Ambrosias Wange.

„Vergeudet deshalb, weil ich sie damit verbrachte, das haben zu wollen, was du hattest.“ Sie legte die Arme um sich, weil ihr plötzlich furchtbar kalt war und sie sich unendlich einsam fühlte. „Wie sehr wünschte ich, dich noch einmal haben zu dürfen. Ich gäbe alles darum …“, die Tränen flossen jetzt gleichmäßig, „… alles in der Welt, wenn ich dich nur wieder bei mir und um mich herumhaben könnte.“

„Ambrosia, das Boot …“ Riordan blieb am Eingang zu der Kajüte stehen. Ambrosia stand mit dem Rücken zu ihm. Ihr Körper wurde von wildem Schluchzen geschüttelt. Einen Moment lang glaubte er, sie würde seine Anwesenheit ablehnen. Doch das war ihm jetzt gleichgültig. Er musste ihr jeglichen Trost und jede Unterstützung anbieten, die er zu geben hatte.

Er ging zu ihr und nahm sie in die Arme.

Für den Bruchteil einer Sekunde versteifte sie sich. „Ich brauche kein …“

„Doch, Ambrosia. Manchmal müssen wir alle die Möglichkeit haben, unsere Tränen einfach fließen zu lassen.“

Bei diesen Worten schienen alle Dämme gebrochen. Nur für eine kleine Weile wollte sie sich diese Schwäche gestatten und Riordan erlauben, für sie beide stark zu sein.

Ambrosia ließ sich gegen ihn fallen. Und dann weinte sie, als wollte sie niemals wieder aufhören.

„Jetzt geht es mir wieder gut.“ Ambrosia hob den Kopf und schaute Riordan aus rot geweinten Augen an. Sie wirkte sehr verletzlich.

Wortlos reichte er ihr ein sauberes Tuch, mit dem sie sich die Tränen abwischte. Dann trat sie einen Schritt zurück.

„Danke.“

Er wusste, wie schwer ihr dieses einfache Wort gefallen sein musste. Sie hatte sich selbst zwar gestattet, in seinen Armen Augenblicke der Trauer auszuleben, würde dies aber weiterhin lediglich als eine Schwäche betrachten.

„Bist du bereit, nach Mary Castle zurückzukehren?“, fragte er behutsam.

„Ja.“ Sie straffte die Schultern, nickte und folgte Riordan die schmale Treppe hinauf an Deck. Überrascht stellte sie fest, dass die Sonne bereits sehr tief stand und die ersten Nebel aus den Wiesen stiegen. Der ganze Tag war der Trauer gewidmet gewesen.

„Newton wartet auf uns“, erklärte Riordan und führte Ambrosia zu der Stelle, wo die Strickleiter hing, an der sie nach unten in das kleine Ruderboot klettern würden.

Sie stieg als Erste hinunter, und Riordan folgte dicht hinter ihr. Als sie beide sicher unten angekommen waren und ihre Plätze eingenommen hatten, begann Newton zu rudern.

„Eine gute Nacht, um draußen auf dem Wasser zu sein“, bemerkte der alte Mann und warf Ambrosia einen verstohlenen Blick zu. Ihm entging nicht, dass ihre Augen vom Weinen gerötet waren.

„Ja, vollständig ruhig“, bestätigte Riordan.

„Allerdings.“ Newton fiel auf, dass die beiden zwar nebeneinandersaßen, doch offenbar äußerst bemüht waren, jegliche Körperberührung zu vermeiden. Irgendetwas geht hier vor sich, dachte er, aber ich weiß nicht, was das sein könnte. Naheliegend war für ihn, dass sich Ambrosia und Captain Spencer gegenseitig überhaupt nicht ausstehen konnten. Schade eigentlich!

„Glaubst du, es wird morgen Regen geben, Newt?“, fragte Riordan.

Der alte Seebär warf einen prüfenden Blick zum abendlichen Himmel. „Nein, aber es wird wärmer.“

Riordan nickte zum Zeichen seines Einverständnisses. „Sehr gut. Dann werde ich morgen mit den Ausbesserungsarbeiten anfangen können.“

„Auf der Undaunted?“, vergewisserte sich Newt ungläubig.

„Ja, aber selbstverständlich nur, wenn du nichts dagegen hast.“

„Wenn es Sie nicht stört, würde ich gern helfen“, erklärte Newt, und Riordan lächelte.

„Das würde mir sehr gut gefallen“, versicherte er. „Aber bitte nicht deswegen irgendwelche Aufgaben auf Mary Castle vernachlässigen.“

„Nein, nein“, entgegnete Newton hastig. „Das wird mir nicht passieren.“ Sie hatten inzwischen das Ufer erreicht, und der alte Mann sprang behände aus dem Boot, um Riordan dabei zu helfen, es weiter hinauf an den Strand zu ziehen, wo es geschützt vor den Wellen liegen bleiben sollte.

„Danke vielmals, Newt“, sagte Riordan und reichte dem alten Mann die Hand. „Ich werde dann morgen nach dir Ausschau halten.“ Er streckte Ambrosia ebenfalls die Hand hin, um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein.

Sowie sie einigermaßen festen trockenen Boden unter den Füßen hatte, entzog sie ihm hastig ihre Hand, als hätte sie sich verbrannt. „Gute Nacht, Newt“, sagte sie leise.

„Gute Nacht, mein Mädchen“, erwiderte er liebevoll und schaute ihr und Riordan hinterher, wie sie nebeneinander den Weg zum Haus einschlugen. Nachdenklich rieb er sich das Kinn.

Er hatte Ambrosia schon gekannt, bevor sie laufen gelernt hatte. Sie war für ihn immer das Furchtloseste weibliche Wesen gewesen, das ihm je unter die Augen gekommen war. Doch heute stimmte irgendetwas nicht mit ihr. Sie war schreckhaft und ängstlich, als fühlte sie sich von einem gefährlichen Tier verfolgt.

Und da er es noch niemals erlebt hatte, dass sie einer Auseinandersetzung ausgewichen wäre, begann er zu überlegen, ob wirklich große Abneigung gegenüber Captain Spencer der Grund für ihr ungewöhnliches, seltsames Verhalten war. Vielleicht war ja gerade das Gegenteil eingetreten. Möglicherweise gefiel ihr diese Fremde mehr, als ihr guttat.

Newton lächelte still vor sich hin. Ja, das allerdings würde Ambrosia in der Tat einen riesigen Schrecken einjagen. Sie war noch nie so gewesen wie alle ihre Altersgenossinnen, die ab einem bestimmten Alter nur noch Männer im Kopf hatten und in jedem einen möglichen Heiratskandidaten sahen. So ein Gefühl für einen Mann wäre für Ambrosia äußerst beunruhigend, zumal für jemanden wie Riordan Spencer, der es ohne Schwierigkeiten in jeder Hinsicht mit ihr aufnehmen konnte.

Newton berührte das kleine Messer, das er in dem Gürtelband verborgen hatte, mit dem er seine Hosen in der Taille zusammenband. Diese Maßnahme war noch ein Überbleibsel aus jener Zeit, als er selbst noch zur See gefahren war.

Vielleicht sollte er Captain Spencer sicherheitshalber genau im Auge behalten. Sollte dieser Neuankömmling in Land’s End etwas anderes im Sinn haben als Ambrosias Wohlergehen, würde er sich Newtons Waffe gegenüber verantworten müssen.

6. KAPITEL

„Das muss geschmeidiger sein.“ Riordan ließ prüfend die Finger über die Bohle gleiten, die ihm einer der Seeleute reichte, die bei der Reparatur der Undaunted mitarbeiteten.

„Newt?“ Er drehte sich suchend um, konnte den alten Mann, der verantwortlich für die Mannschaft war, aber nirgends entdecken. „Wo ist er denn bloß?“

„Er hat uns erzählt, er habe heute Vormittag eine Aufgabe zu erledigen, Capt’n“, rief einer der Arbeiter.

Riordan stieß einen unwilligen Laut aus. „Dieses Brett muss noch einmal nachgeschliffen werden“, ordnete er an. „Und wir brauchen noch viel mehr heißes Pech, um die Verbindungsstellen miteinander zu verkleben und die Nähte abzudichten.“

„Sehr wohl, Capt’n.“ Der Seemann gab den Befehl weiter an die anderen Matrosen. Gemeinsam hievten sie die Bohle auf einige nebeneinanderliegende Felsbrocken und begannen erneut, das Holz zu bearbeiten.

Ein Matrose, nackt bis zur Hüfte, strich den Schiffsrumpf dick mit Pech ein.

Wie die meisten Männer, so hatte sich auch Riordan seiner Kleidung bis auf die Hosen entledigt. Allmählich ging der Frühling in den Sommer über, und die Tage waren des Öfteren schon recht warm.

Die meisten Seeleute waren geradezu erpicht darauf, an der Undaunted mitzuarbeiten. Je eher das Schiff wieder seetüchtig war, desto eher konnten sie damit rechnen, endlich wieder schwankenden Boden unter den Füßen zu spüren. Ihre erste und große Liebe galt immerhin der Seefahrt, und je länger sie gezwungenermaßen an Land bleiben mussten, desto unruhiger wurden sie.

Riordan wischte sich mit einer Hand den Schweiß von der Stirn und schaute dabei zufällig aufs Wasser hinaus, wo soeben ein kleineres Schiff in Sicht kam. Es war ein schnittiges Boot, dessen weiße Segel sich in der frischen Brise blähten. Ein Besatzungsmitglied kletterte behände am Mast hoch und löste eine Leine, um sich dann mit der Anmut eines Tänzers am Seil nach unten zu schwingen.

Ein weiterer Seemann stand am Ruder und steuerte das Schiff durch die Untiefen. Nur die besten Seefahrer schafften das schwierige Manöver, unbeschadet zwischen den unter der Wasseroberfläche verborgen liegenden schweren Felsbrocken in sichere Gefilde zu fahren. Die cornische Küste war berüchtigt für ihre tückischen Felsformationen, und so mancher Kapitän hatte die Gefahr erst erkannt, als sein Schiff bereits leckgeschlagen war.

Riordan sah, wie nun zwei der Seeleute hoch in die Takelage kletterten und die Segel einholten. Der Anblick verursachte ihm ein seltsam sehnsüchtiges Ziehen in der Herzgegend.

Das fremde Boot verlangsamte die Fahrt und nahm Kurs auf den Strand einer abseits gelegenen, privaten Bucht, die einige hundert Yard von dem Ankerplatz der Undaunted entfernt lag. Als es dicht an ihm vorbeizog, betrachtete Riordan verblüfft und ungläubig das sich ihm bietende Bild.

Die drei Seeleute waren gekleidet wie jeder beliebige Matrose, nämlich in eng anliegenden Hosen, die in hohe Stiefel gesteckt waren, die Haare waren stramm nach hinten gebunden und mit bunten Tüchern zusammengehalten, dazu trugen sie die typischen Hemden mit den weiten Ärmeln.

Obwohl die Männer um ihn herum keinerlei Notiz von dem kleinen Schiff und seiner Besatzung nahmen, wurde Riordan klar, dass er Seeleute wie jene noch niemals zuvor gesehen hatte. Erstens waren sie auffallend klein, kleiner als die beiden weißhaarigen Männer, die ebenfalls an Deck standen. Außerdem presste der frische Wind die Hemden dicht an die Körper der drei, und so konnte es nicht verborgen bleiben, dass die Gestalten sehr ansprechende Kurven hatten, dort, wo Männer gemeinhin eher flach sind.

Riordan rief seinen Männern zu, sie sollten eine Weile ohne ihn weiterarbeiten, und rannte los.

Als Riordan die versteckt liegende Bucht erreichte, wo das fremde Boot Anker geworfen hatte, war dessen Mannschaft bereits von Bord gegangen und suchte sich vorsichtig einen Weg durch das seichte Wasser.

„Das habe ich mir gedacht.“ Er hielt die Arme vor der Brust verschränkt und sah zu, wie Ambrosia ihrer Schwester Darcy hilfreich die Hand entgegenstreckte.

„Riordan!“ Die jungen Frauen blieben stehen und warfen sich gegenseitig bestürzte Blicke zu.

Er hatte nur Augen und Ohren für Ambrosia. Ihre Kleidung war völlig durchnässt und klebte wie eine zweite Haut an ihrem Körper. Auch durch das grobe Tuch, aus dem das Hemd gearbeitet war, konnte man die Rundungen ihrer Brüste deutlich erkennen. Ohne seinen Willen in dieser Hinsicht lenken zu können, sah Riordan wie gebannt auf die reizvolle Stelle.

Ihr Gesicht war von der Sonne leicht gebräunt, ihre Handflächen wiesen Spuren von der harten körperlichen Arbeit auf, die sie geleistet hatte. Ambrosia war es gewesen, die das Schiff durch die gefährlichen Untiefen gesteuert hatte, und zwar mit einer Fertigkeit, für die ihr Riordan, wenn auch widerwillig, große Anerkennung zollte.

Nun kam auch Bethany ins Blickfeld. Sie blieb unvermittelt stehen und ließ die Waffen, die sie auf den Armen getragen hatte, in den Sand fallen.

Riordan traute seinen Augen kaum. „Was ist das denn?“

„Arbeit.“ Newton ließ sich im warmen Sand auf die Knie fallen. „Wenn sie die Familiengeschäfte weiterführen sollen, müssen sie sich schließlich auch darauf vorbereiten.“

„Die Familiengeschäfte.“ Riordan lachte verächtlich auf. „Glaubt ihr etwa, mit einem Vormittag auf dem Segelschiff wäre der Vorbereitung Genüge getan?“

Ambrosia verzichtete darauf, auf diese sarkastische Bemerkung zu antworten. Sie hob lediglich das Kinn.

Als Letzter erschien jetzt Geoffrey Lambert. Er keuchte vor Erschöpfung und ließ sich schwer in den weichen Sand fallen. Als er wieder ein wenig zu Atem gekommen war, erklärte er: „Die Mädchen sind zugegebenermaßen ein wenig aus der Übung. Aber wenn die Undaunted wieder einsatzbereit ist, werden diese drei es auch sein. Dessen bin ich ganz sicher.“

„Ach, wirklich?“ Riordan schaute so böse drein, dass man beinahe Angst vor ihm bekam. „Und wenn sie nicht bereit sind für die Aufgabe, die sie sich selbst gestellt haben? Werden wir noch einen Trauergottesdienst in der Dorfkirche abhalten, in dem weitere Mitglieder der Lambert-Familie beweint werden? Ich hätte gedacht, Geoffrey Lambert, dass wenigstens Sie Ihren Einfluss geltend machen würden, um diesen drei jungen Damen klarzumachen, dass ihr Plan nicht mehr ist als ein dummes, gefährliches und unmögliches Unterfangen.“

Ambrosia konnte sich nicht länger beherrschen. „Darf ich Sie daran erinnern, Captain, dass Sie lediglich auf Einladung von drei dummen Weibsbildern, die nichts im Kopf haben als Unsinn, überhaupt noch hier sind?“ Ihre Augen blitzten vor unterdrückter Wut.

Er fuchtelte mit einem Zeigefinger vor ihrer Nase herum. „Und darf ich Sie, verehrte Ambrosia Lambert, daran erinnern, dass ich aus freien Stücken hier bin? Und ich werde nur so lange bleiben, wie ich es wünsche. Ich allein bin Herr meiner Entscheidungen.“

Der alte Newton trat zwischen Ambrosia und Riordan. „Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, Captain“, warf er beschwichtigend ein. „Das Mädchen ist noch immer aufgewühlt von dem Kampf, den es heute Morgen hatte.“ Stirnrunzelnd wandte er sich an Ambrosia. „Und du, junge Dame, hältst den Captain von seiner Arbeit ab.“

Als sie zu einer empörten Erwiderung ansetzte, bedachte Newt sie mit einem Blick, den sie seit frühester Kindheit kannte. Wortlos drehte sie sich um und bückte sich nach ihrem Schwert. Gefolgt von ihren Schwestern, machte sie sich dann auf den Weg zum Haus.

Riordan beobachtete sie unentwegt und wie gebannt. Obwohl er immer noch von Ärger erfüllt war, konnte er nicht umhin zu denken, dass das Rauschen des Blutes in seinen Ohren noch verstärkt wurde durch den Anblick von Ambrosias Rückenansicht. Die Hosen lagen eng um ihre Hüften, und für Riordan gab es keinerlei Zweifel daran, dass sie der bezauberndste Matrose war, den er je gesehen hatte.

Als er sich schließlich umwandte, um zu seinen Leuten zurückzukehren, merkte er, dass ihn die beiden alten Männer unablässig beobachteten. Schnell und ohne ein Abschiedswort ging Riordan fort.

„Wo ist Ambrosia, Mistress Coffey?“ Nach einem erfrischenden Bad war Riordan bereit, einen weiteren Versuch zu unternehmen, Ambrosia ihre Pläne auszureden.

„Sie ist in dem kleinen Salon, Captain“, gab die Haushälterin bereitwillig Auskunft.

„Vielen Dank. Würden Sie freundlicherweise Libby mit einem Ale für mich dorthin schicken?“

„Ich weiß nicht, ob Ale jetzt angebracht wäre“, wandte Mistress Coffey ein. „Möglicherweise möchten Sie lieber …“

Riordan war bereits auf dem Weg zum Salon, sodass sie ihre Bedenken gar nicht bis zum Ende vorbringen konnte. Also zuckte sie mit den Schultern und klingelte nach dem Dienstmädchen. Der Captain würde schon bald genug herausfinden, dass Ambrosia nicht allein war.

Riordan trat nach kurzem Anklopfen in den Salon und blieb im nächsten Moment wie angewurzelt stehen. Er hatte nicht gewusst, dass Ambrosia und ihre Schwestern Besuch hatten.

„Verzeihung, meine Damen. Ich wusste nicht, dass Sie Gäste haben.“ Er wollte umgehend den Rückzug antreten, doch Ambrosia hielt ihn mit einer Handbewegung zurück.

„Riordan, komm doch bitte herein. Ich bin sicher, dass unsere Gäste entzückt sind, mit einem Mann ins Gespräch zu kommen, der schon in so vielen wunderschönen und exotischen Ländern dieser Welt war.“ Sie sah, wie Edwina bei Riordans Anblick anfing zu strahlen, und beschloss, sich einen Spaß mit ihr zu machen.

„Nicht einmal im Traum würde es mir einfallen, deine …“ Er wollte sich umdrehen, doch für einen Rückzug war es zu spät. Das Dienstmädchen stand bereits hinter ihm, um auf einem Auftragebrett einen gefüllten Krug und Becher für ihn zu bringen.

„Hier ist Ihr Ale, Captain“, erklärte Libby, drängte sich an ihm vorbei und stellte alles auf einem kleinen Tischchen in der Mitte des Salons ab. Sie knickste kurz und huschte hinaus.

Ambrosia bemerkte seine Unsicherheit und ging Riordan ein paar Schritte entgegen. Sie fasste ihn am Arm und zog ihn mit sich zu der Sitzgruppe vor dem Kamin. „Riordan Spencer, darf ich vorstellen: Das hier sind Edwina Cannon und ihre Mutter.“

Er biss unmerklich die Zähne zusammen und brachte ein halbwegs erfreutes Lächeln zustande. In der jüngeren der beiden Damen erkannte er die Frau aus der Kirche, der es nach dem Trauergottesdienst so ungeheuer wichtig gewesen war, so viel Aufmerksamkeit wie möglich auf sich selbst zu lenken.

„Also, Captain.“ Edwina klopfte einladend auf den Platz neben sich auf der Chaiselongue. „Erzählen Sie uns alles über diese aufregenden Orte, an denen Sie gewesen sind.“

Riordan tat so, als hätte er die einladende Handbewegung nicht bemerkt. Er goss sich Ale in den Becher und stellte sich neben die Feuerstelle. „Die meisten meiner Reisen verliefen eher langweilig.“

„Nichts kann so langweilig sein wie das Leben in Land’s End“, widersprach Edwina und verzog die Lippen zu einem Schmollmund. „Bitte, Captain, erzählen Sie uns etwas über die Welt außerhalb von Cornwall.“ Sie streckte ihm eine Hand entgegen, und es blieb Riordan nichts anderes übrig, als die Geste anzunehmen und zwischen Edwina und ihrer Mutter Platz zu nehmen.

„Nun gut.“ Er trank einen Schluck und beschloss, diese kleine Charade mitzuspielen, zumal Ambrosia einen für ihn äußerst rätselhaften Ausdruck hatte.

Ihr Kleid hatte die Farbe hellsten Rosas, und zusammen mit der in dicken Ringellocken, die ihr über eine Schulter fielen, gebändigten Haarflut bot sie das Bild einer perfekten Lady. In einer Hand hielt sie eine Tasse Tee.

Tee! Riordan hätte beinahe lauthals aufgelacht. Dieselben Hände hatten noch vor kurzer Zeit das Steuer eines Segelschiffs gehalten.

Ambrosias Schwestern wirkten gleichermaßen wie die perfekten Töchter aus bestem Hause. Keine Spur mehr von den durchnässten, müden und verschmutzten kleinen Gestalten, die am Morgen von ihrem Boot gestolpert waren.

Ob es sie wohl sehr viel Mühe gekostet hatte, sich auf den Besuch der Damen Cannon einzustellen? Es war durchaus möglich, dass Edwina und ihre Mutter ohne Vorankündigung zu einer Visite aufgetaucht waren. Umso mehr Respekt nötigte ihm die äußere Erscheinung der Lambert-Schwestern ab, denen man die Strapazen des Vormittags beim besten Willen nicht anmerken konnte.

Riordan richtete seine Aufmerksamkeit auf Edwina. „Sie wären begeistert von Indien, Miss Cannon. Es ist ein Land ungeheurer Gegensätze. Rajahs, wie die Stammesfürsten dort genannt werden, sind so reich wie ein König. Sie lassen sich in Sänften durch die Straßen tragen. In den Basaren bieten Händler ihre Delikatessen und Kostbarkeiten feil. Der Duft erlesener Düfte hängt in der Luft, und atemberaubend schöne Frauen verbergen ihre Gesichter hinter Schleiern.“

„O Captain, wie ich Sie um diese Erlebnisse beneide.“ Edwina bedachte ihn mit einem betörenden Lächeln. „Sind Sie auch schon in der Neuen Welt gewesen?“

„Allerdings.“ Riordan lehnte sich ein wenig zurück, streckte die Beine aus und kreuzte sie an den Fußgelenken.

Edwina rückte näher an ihn heran, sodass sie seine Schulter berührte. Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte er, dass Ambrosia die Stirn ein wenig runzelte, und lächelte kaum merklich vor sich hin. Wenn sie Rachegelüste hegte, so sollte ihm das recht sein. Er würde aus der Situation alle nur möglichen Vorteile ziehen, die sich ihm boten.

„Ich war beispielsweise bei der Seeschlacht gegen die Holländer dabei, als es um New Netherland ging. Wir gewannen die Schlacht, wie allgemein bekannt sein dürfte, und gaben der für England eroberten Stadt den Namen New York.“

„Sie waren dabei!“ Andächtig und bewundernd sah Edwinas Mutter ihn an.

Ambrosia setzte sich ganz aufrecht hin. Warum hatte Riordan ihr bisher nie davon erzählt? Vielleicht, so wurde ihr mit einem Anflug des Bedauerns klar, weil sie ihn nie danach gefragt hatte. Sie war so sehr mit ihren eigenen Sorgen und Angelegenheiten beschäftigt gewesen, dass sie noch keinen Augenblick wirklich an den Menschen Riordan Spencer und das Leben, das er bis zu seiner Ankunft in Land’s End geführt hatte, gedacht hatte.

Edwina legte ihm in einer Geste der Vertraulichkeit die Hand auf seine. „Wie wundervoll! Wie hat es Ihnen in der Neuen Welt gefallen?“

„Es ist ein großartiges Land“, antwortete Riordan. „Rau und unzivilisiert, gleichzeitig aber wunderschön und atemberaubend. Ich möchte gern eines Tages noch einmal dorthin. Ich glaube sogar, dass dieses Land eines Tages sogar mit England und Frankreich in Wettbewerb treten könnte.“

„Nun machen Sie aber Scherze, Captain. Man sagt doch, es sei geradezu barbarisch dort.“

„Das mag teilweise zutreffen“, gab Riordan zu. „Aber je mehr Menschen dorthin auswandern, desto mehr Kultur verschiedener Richtungen wird sich dort ausbreiten. Das Leben in der Neuen Welt könnte sich ganz und gar anders entwickeln als in jedem anderen Land, das wir kennen. Stellen Sie sich nur vor, Franzosen, Engländer, Spanier, Holländer würden alle unter denselben Bedingungen und Gesetzen leben und nur diesem ihrem Land treu ergeben sein. Ein Land ohne Monarchie, in dem die Gesetze unmittelbar vom Volk gemacht werden.“

Edwina hielt seine Hand umklammert und schaute ihm tief in die Augen. „Das klingt alles unglaublich spannend, Captain Spencer. Bitte, erzählen Sie uns mehr aus Ihrem aufregenden Leben als Seefahrer.“

Riordan musste sich zu einem Lächeln zwingen. Zwar bereitete ihm Ambrosias offenkundige Verärgerung insgeheim Vergnügen, doch er konnte Edwina kaum noch ertragen. Beim Klang ihrer hohen, affektierten Stimme hätte er sich am liebsten die Ohren zugehalten. Der süßliche Duft ihres überreichlich aufgetragenen Rosenwassers verursachte ihm Übelkeit. Auch der Geruch des Ale brachte keine Erleichterung. Er bevorzugte eine tiefe, immer etwas atemlos klingende Stimme sowie den kaum wahrnehmbaren Duft von Wildblumen.

Er löste sich sanft, aber bestimmt aus dem Griff ihrer Hand, stand auf und ging zu dem Tischchen, wo er sich noch einmal Ale nachgoss. „Ich bedauere, Miss Cannon, dass ich Sie enttäuschen muss. Ich habe gewiss nicht das aufregende Leben geführt, das Sie sich nach meinem Erzählen jetzt womöglich vorstellen.“

„O, da hat mein Verlobter, Lord Silas Fenwick, mir aber ganz andere Dinge berichtet. Er sagte schon oft, dass Ihr Leben ausnahmslos bunt, aufregend und außergewöhnlich verlaufen sei.“

Riordan sah Edwina mit neu erwachtem Interesse an. „Sie sind mit Silas Fenwick verlobt?“, vergewisserte er sich.

„Ja, und sie werden in London getraut werden“, verkündete Edwinas Mutter stolz.

„Und wann soll diese großartige Hochzeit stattfinden?“ Riordan trank schnell ein paar Schlucke in der Hoffnung, damit den plötzlich unangenehmen Geschmack auf der Zunge wegspülen zu können.

„Silas ist der Meinung, wir sollten bis zum Winter warten, weil dann all seine wichtigen und bedeutenden Freunde aus der Sommerfrische nach London zurückkehren.“

„Eine weise Entscheidung, in der Tat.“ Riordan schaute kurz zu Ambrosia hinüber. Sie saß völlig reglos da und verzog keine Miene.

Edwina folgte seinem Blick. „Ich hatte Ambrosia vorhin gerade erzählt, dass Silas Ihre Familie gut kennt, Captain. Es ist wirklich äußerst schade um Ihr Erbe.“

Riordan schien innerlich zu erstarren.

Ambrosia sah seine wie versteinert wirkenden Züge und spürte eine Woge von Schuld und Mitgefühl in sich aufsteigen. Zwar hatte sie ihn mit voller Absicht in den Salon gelockt, aber doch nur, weil sie Edwinas dummes Geplapper nicht mehr ertragen konnte. Ihr wäre niemals in den Sinn gekommen, dass so etwas wie diese peinliche Lage für ihn entstehen könnte.

Um dem Gespräch vielleicht noch gerade rechtzeitig eine andere Richtung zu geben, warf sie hastig ein: „Ich bin sicher, Riordan würde lieber über seine ausgedehnten Reisen plaudern als über seine persönlichen Angelegenheiten.“

„Aber, liebste Ambrosia, so persönlich sind seine Angelegenheiten nicht, das kann ich dir versichern.“ Edwina kicherte hinter vorgehaltener Hand ein wenig dümmlich. „Silas sagt, jeder, absolut jeder in London weiß um die Einzelheiten des Skandals.“

„Das mag so sein, Edwina.“ Ambrosia setzte ihre Teetasse ab und erhob sich. „Aber ich wiederum kann dir versichern, dass die meisten Menschen genug Anstand und Vernunft besitzen, über diese Dinge nicht in Riordans Anwesenheit zu sprechen.“ Sie griff nach Edwinas Arm und zog die junge Frau hoch.

„So erfrischend und nett euer Besuch auch war, Edwina“, erklärte sie, „so muss er doch jetzt bedauerlicherweise zum Ende kommen. Mistress Coffey bedarf unserer Hilfe im Speisesaal.“

Unwillig schüttelte Edwina Ambrosias Hand ab und wandte sich Riordan zu. „Auf Wiedersehen, Captain Spencer. Ich bin so froh, dass ich diese Gelegenheit hatte, Ihnen, einem von Geheimnissen umwobenen Mann, persönlich zu begegnen.“

Er schaute auf die dargebotene Hand und führte sie höflich an die Lippen.„Das Vergnügen war ganz auf meiner Seite, Miss Cannon“, versicherte er. „Es hat ganz den Anschein, als hätte Silas Fenwick die … nun … sagen wir, ideale Partnerin gefunden.“

Edwina kicherte immer noch, als sie mit ihrer Mutter und mit ihren Schwestern den Salon bereits verlassen hatte. Die Lambert-Schwestern geleiteten ihre Gäste nach draußen zu der bereitstehenden Kutsche.

Als Ambrosia wenig später wieder in den Salon trat, hatte sich Riordan bereits erneut eingeschenkt und stand nun vor dem Kamin, in dem ein kleines Feuer flackerte. Sein Gesichtsausdruck zeugte von großer Erschütterung und Verzweiflung.

„Es tut mir so leid, Riordan. Es lag bestimmt nicht in meiner Absicht, dem Gespräch eine solche Wendung zu geben.“

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Ambrosia. Dich trifft keine Schuld.“

„Doch. Ich wollte mich ein wenig rächen für den Vorfall am Strand. Und ich dachte …“ Sie überlegte kurz, bevor sie fortfuhr: „Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als zu einer Unterhaltung mit Edwina Cannon gezwungen zu werden. Aber nicht in meinen kühnsten Träumen hätte ich damit gerechnet, dass sie dermaßen taktlos sein kann.“

„Es ist ja nichts passiert“, versicherte Riordan. „Sie hat ja weiter kein Unheil angerichtet.

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