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HISTORICAL GOLD BAND 261

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Ein Ehrenmann und Herzensbrecher

1. KAPITEL

England, September 1855

Der gestärkte schwarze Taft ihres Trauerkleides raschelte, als sie nur ein paar Häuser von ihm entfernt aus dem Laden der Modistin trat.

Reese Dewar blieb wie erstarrt stehen. Er vergaß den Gehstock mit dem silbernen Knauf und auch den Schmerz in seinem Bein. Er spürte nichts mehr außer dem Zorn, heiß und glühend, der durch seine Adern schoss.

Dass er sie früher oder später treffen würde, hatte er gewusst und sich einzureden versucht, dass es keine Bedeutung habe, dass es ihm nichts ausmachen würde, sie wiederzusehen. Sie bedeutete ihm nichts, jetzt nicht mehr, nicht nach immerhin acht Jahren.

Aber als sie nun aus dem Haus trat, als das Sonnenlicht in ihren rabenschwarzen Locken spielte, da loderte erneut der Zorn in ihm auf. Ein Zorn, wie er ihn seit Jahren nicht mehr empfunden hatte.

Er beobachtete, wie sie auf ihre vierspännige schwarze Kutsche zuging, auf der das Wappen der Aldridges mit den gekreuzten Säbeln in Gold an der Tür prangte. Für einen Moment blieb sie stehen und wartete, bis einer der Lakaien den Schlag für sie geöffnet hatte, und da bemerkte er, dass sie nicht allein war. Ein kleiner dunkelhaariger Junge, der beinahe ganz hinter den üppigen Falten ihres weiten Rockes verschwand, lief neben ihr her. Sie schob ihn die kleine eiserne Treppe hinauf, und das Kind verschwand in der eleganten Kutsche.

Statt nun selbst einzusteigen, wandte die Frau den Kopf und sah ihn über die Schulter hinweg an. Sie blickte ihm mit ihren grauen Augen so direkt ins Gesicht, als habe sie seinen kalten Blick in ihrem Rücken gespürt. Als sie ihn erkannte, erschrak sie sichtlich, obwohl sie gewusst haben musste, dass sich ihre Wege in einer so kleinen Stadt wie Swandsdowne eines Tages kreuzen mussten.

Bestimmt hatte sie den Klatsch gehört, hatte von seiner Rückkehr nach Briarwood erfahren, dem Anwesen, das er von seinem Großvater mütterlicherseits geerbt hatte.

Das Anwesen, auf dem er mit ihr hatte leben wollen.

Sie sahen einander in die Augen. Sie wirkte besorgt. Er sah etwas in ihrem Blick, das er nicht deuten konnte. Er selbst wusste um die Bitterkeit in seinen Augen und die Wut, die er nicht verbergen wollte. Er verachtete sie für das, was sie getan hatte, hasste sie mit jeder Faser seines Herzens.

Und es erschreckte ihn.

Er hatte gedacht, diese Gefühle längst überwunden zu haben. Die meiste Zeit während der letzten acht Jahre hatte er sich nicht in England aufgehalten, sondern als Major in der britischen Kavallerie gedient. Er hatte in mehreren Kriegen gekämpft, hatte Männer kommandiert, hatte einige von ihnen in den Tod geschickt. Er war verwundet worden und beinahe selbst gestorben.

Jetzt war er zu Hause. Wegen des verletzten Beins konnte er keinen Dienst mehr leisten. Deswegen – und wegen des Versprechens, das er seinem sterbenden Vater gegeben hatte. Eines Tages würde er nach Briarwood zurückkehren. Er würde dort leben, so wie er es einst geplant hatte.

Viel lieber wäre Reese bei der Armee geblieben. Er gehörte nicht aufs Land, obwohl er sich auch nicht mehr sicher war, wohin er gehörte. Und er hasste dieses Gefühl der Unsicherheit beinahe so sehr, wie er Elizabeth hasste.

Sie schien zu schlucken, ein wenig zu schwanken, ehe sie sich abwandte, die kleine Treppe hinaufstieg und sich in den Wagen setzte. Sie hatte sich nicht verändert. Mit ihrem rabenschwarzen Haar, den feinen Zügen, der hellen Haut und der zierlichen und doch üppigen Figur war Elizabeth Clemens Holloway, Countess of Aldrige, mit sechsundzwanzig Jahren noch immer genauso schön wie mit achtzehn.

So schön, wie sie gewesen war, als sie ihm gesagt hatte, dass sie ihn liebte, und seinen Heiratsantrag angenommen hatte.

Er sah der Kutsche nach, als sie in Richtung Aldridge Park rollte, dem palastartigen Anwesen, das einst ihrem verstorbenen Ehemann gehört hatte, Edmund Holloway, Earl of Aldridge. Aldridge war im Jahr zuvor im Alter von dreiunddreißig Jahren gestorben und hatte eine Ehefrau und einen Sohn zurückgelassen.

Reese unterdrückte einen Fluch. Allein die Vorstellung, wie Aldridge gemeinsam mit Elizabeth im Bett lag, genügte, damit ihm übel wurde.

Edmund war fünf Jahre älter als er und trug bereits den Titel eines Earls, als er mit Reese um Elizabeths Gunst wetteiferte. Die Aufmerksamkeiten des gut aussehenden eleganten Aristokraten hatte sie amüsiert, aber geliebt hatte sie nur Reese.

Oder zumindest hatte sie das behauptet.

Die Kutsche verschwand um eine Wegbiegung, und Reeses Herzschlag beruhigte sich langsam. Es überraschte ihn selbst, wie feindselig seine Gefühle für Elizabeth noch immer waren. Er war ein Mann, der sich Selbstbeherrschung gelehrt hatte, und diese Beherrschung verlor er nur selten. Er würde nicht zulassen, dass dies noch einmal geschah.

Schwer stützte er sich auf seinen Stock, als der Schmerz in seinem Bein wieder stärker wurde als der Zorn, der ihn für einen Moment abgelenkt hatte. Dann ging er zu seiner eigenen Kutsche und kletterte hinein. Für Aldridges Witwe und ihren Sohn gab es keinen Platz in seinem Leben. Für ihn war Elizabeth tot und das schon seit acht Jahren.

So tot wir ihr Ehemann. Für die Ehe mit ihm hatte sie Reese betrogen.

Und das würde er ihr niemals verzeihen.

Elizabeth lehnte sich in die Samtpolster ihrer Kutsche. Ihr Herz schlug heftig und viel zu schnell. Liebe Güte. Reese.

Sie hatte gewusst, dass sie ihn eines Tages sehen würde. Sie hatte gebetet, dass es zu einem Zeitpunkt geschehen würde, der irgendwann in ferner Zukunft lag. Wenn sie gelernt hatte, damit umzugehen, dass er nun in dem Haus wohnte, in dem sie einst ein gemeinsames Leben hatten führen wollen.

Liebe Güte. Reese. Es hatte eine Zeit gegeben, da war sie überzeugt gewesen, ihn niemals wiederzusehen. Es hatte Gerüchte gegeben. Reese, damals Major bei der Kavallerie, wurde nach einer Schlacht irgendwo an der Krim vermisst. Es war von seinem Tod gesprochen worden. Dann war er zurückgekehrt, und die Nachricht hatte sich in Windeseile verbreitet.

Er war zurück in Briarwood, verwundet, und er hatte den Dienst quittiert. Nun lebte er nur ein paar Meilen von Aldridge Park entfernt. Sie hätte darauf vorbereitet sein sollen, und doch – ihn jetzt zu sehen, den Hass in seinen strahlend blauen Augen zu erkennen, verursachte ihr Schuldgefühle, und sie empfand tiefes Bedauern.

Sie wusste, wie sehr er sie hasste. Wäre sie nicht schon vorher davon überzeugt gewesen, hätte sie es jetzt an seinem eiskalten Blick erkannt. Verachtung hatte in seiner ganzen Haltung gelegen, und sie glaubte, den Zorn in seinem sonnengebräunten Gesicht erkannt zu haben. Sie hatte ihn seit jenem Morgen vor acht Jahren nicht mehr gesehen, als er während seines Urlaubs nach Hause gekommen war und festgestellt hatte, dass sie inzwischen mit einem anderen Mann verheiratet war.

Nicht mehr seit dem Tag, an dem er sie eine Hure genannt und gelobt hatte, dass sie eines Tages für ihre Lügen und ihren Verrat bezahlen würde.

Und sie hatte bezahlt. An jedem einzelnen Tag seit ihrer Heirat mit Edmund Holloway. Sie hatte getan, was ihr Vater von ihr verlangt hatte, und einen Mann geheiratet, der nicht ihre eigene Wahl gewesen wäre.

Aber sie hatte nie aufgehört, Reese zu lieben.

Sie spürte einen Stich im Herzen. Sie dachte an seine schönen, harten Züge, so männlich, so unglaublich attraktiv. In gewisser Weise sah er noch genauso aus wie der junge Mann von zwanzig Jahren, groß und schwarzhaarig, der Körper muskulös und schlank, das Gesicht so markant.

Und doch war er ein ganz anderer Mann. Als er ihr den Hof machte, war er ein wenig schüchtern gewesen, unsicher. Jetzt umgab ihn die Aura eines selbstbewussten Mannes. Sie erkannte es an seinem klaren Blick, an der Art und Weise, wie er sie ein wenig zu dreist gemustert hatte. In seinen Zügen lag eine Härte, die sie in seiner Jugendzeit dort nicht gesehen hatte, und eine Selbstsicherheit und eine Autorität, die ihn nur noch attraktiver erscheinen ließen.

„Mama …?“

Jareds leise Stimme drang durch ihre Gedanken. „Ja, Liebling?“ Sie spürte, wie sie Kopfschmerzen bekam, und rieb sich die Schläfen.

„Wer war der Mann?“ Ihr Sohn saß ruhig auf dem Platz gegenüber, seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Sie wusste, er hätte nichts gesagt, wenn er ihre Verzweiflung nicht gespürt hätte.

Sie zwang sich zu einem Lächeln und klopfte auf den Sitz neben sich. Jared huschte herüber, und sie legte einen Arm um seine schmalen Schultern.

„Major Dewar ist ein alter Freund, Liebling.“ Das war eine glatte Lüge. Der Mann verachtete sie, und sie konnte ihm deswegen nicht einmal einen Vorwurf machen. „Er hat gerade den Dienst bei der Armee quittiert und ist nach Hause zurückgekehrt.“

Jared sah sie nur an. Seine ernsten braunen Augen wirkten viel zu erfahren für ein so kleines Kind.

Elizabeth brachte wieder ein Lächeln zustande und begann, aus dem Fenster zu zeigen, während die Kutsche über die Straße fuhr, die sich zwischen den Feldern entlangwand. Es war Mitte September, die Blätter färbten sich bereits. Zwei kleine Jungen spielten mit einem Ball an der Straße. Elizabeth deutete auf sie.

„Du spielst doch auch gern Ball. Vielleicht hat einer von Mrs Clausens Söhnen heute Nachmittag Lust, mit dir zu spielen.“ Mrs Clausen war die Haushälterin. Eine freundliche Frau, die ihre verwaisten Enkel aufzog, zwei Jungen im Alter von acht und neun Jahren. Sie mochten Jared, kamen aber nur selten zu ihm, weil er so schüchtern war. „Warum fragst du sie nicht, wenn wir wieder zu Hause sind?“

Jared sagte nichts, aber er beobachtete weiterhin die Jungen, und der Ausdruck in seinem Gesicht trieb ihr Tränen in die Augen. Solange er auf Aldridge Park blieb, würde er nicht aus dem Schneckenhaus herauskommen, das er sich geschaffen hatte, um sich zu schützen. Ein Grund mehr, warum es gut wäre fortzugehen.

Nicht fortgehen, korrigierte sie sich im Stillen. Fliehen war das richtige Wort.

Solange ihr Schwager und seine Frau, Mason und Frances Holloway, auf Aldridge Park lebten, war sie eine Gefangene in ihrem eigenen Haus.

Ihre Kopfschmerzen wurden schlimmer, und hinter ihrer Stirn begann es zu pochen, wie so oft in den letzten Tagen. Sie fürchtete sich vor Mason. Er gehörte zu der Sorte Männer, die ihr ein wenig zu dicht auf den Leib rückten und sie ein wenig zu häufig berührten. Sie musste gehen, aber sie war sicher, dass er sie verfolgen würde. Sie wusste nicht, wie weit er es treiben würde, um sie und Jared – der nun der Earl of Aldridge war – unter seiner Kontrolle zu behalten. Aber sie war sicher, dass es nur wenig gab, was er nicht zu tun bereit wäre.

Sie hatte Angst. Nicht nur um sich selbst, sondern vor allem um ihren Sohn.

Sie sah Reese Dewar vor sich. Stark, geschickt, ein Kriegsveteran, ein Mann, der seine Familie beschützen würde, was auch immer es ihn kostete.

Aber Reese war nicht ihr Mann, und er würde es auch niemals sein.

Und sie konnte niemand anderem als sich selbst die Schuld daran geben.

Als Reese nach Briarwood zurückkehrte, war seine Stimmung gedrückt und nachdenklich. Er versuchte, nicht an Elizabeth zu denken, doch er schien sie nicht aus seinem Kopf verbannen zu können. Was hatte sie nur an sich? Wie hatte sie ihn über so viele Jahre gefangen halten können? Warum hatte keine andere Frau die Mauer um sein Herz durchdringen können, so wie sie es getan hatte?

Timothy Daniels, sein Bursche – ein stämmiger junger Corporal, der ihm schon viele Jahre gedient hatte, ehe er verwundet und nach Hause geschickt worden war –, betrat in diesem Augenblick sein Arbeitszimmer.

„Sie sind wieder da“, sagte Daniels. „Brauchen Sie irgendetwas, Sir?“ Als Tim vor Reeses Tür gestanden hatte, war er ohne Arbeit gewesen, dafür aber sehr hungrig. Innerhalb weniger Wochen hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, sich um Reeses Wohlergehen zu kümmern. Da das verdammte Bein Reese ziemlich behinderte, war er froh, einen Mann zu haben, auf den er sich verlassen konnte.

„Mir fehlt nichts, Tim.“

„Rufen Sie mich, wenn Sie mich brauchen.“

Reese runzelte die Stirn. „Ich nehme an, ich werde es schaffen, mich ein paar Stunden lang mit diesen verdammten Büchern zu beschäftigen.“ Tatsächlich hasste er Schreibtischarbeit und wäre viel lieber draußen gewesen, was Tim, der ja selbst Soldat gewesen war, gut zu verstehen schien.

„Jawohl, Sir. Wie ich schon sagte …“

„Das ist alles, Corporal.“ Reese wurde der Fürsorge des jungen Mannes überdrüssig und stieß die Worte im knappen militärischen Kommandoton hervor.

„Jawohl, Sir.“ Tim schloss lautlos die Tür und ließ Reese allein in dem holzgetäfelten Raum zurück. Das Arbeitszimmer war sein Refugium, ein bequemes Zimmer voller Bücher, ein warmer, einladender Ort, wo im Kamin ein Feuer brannte und er sich von den Erinnerungen fernhalten konnte, die in anderen Teilen des Hauses zu wohnen schienen.

In den Tagen seiner Brautwerbung war Elizabeth mehr als einmal auf Briarwood gewesen. Sie liebte den Efeu, der sich an den weiß getünchten Mauern emporrankte und von der Veranda herabhing. Das hatte sie jedenfalls gesagt. Sie liebte auch das steile Dach mit den verspielten Schornsteinen, durch die das Haus aussah, als stamme es aus einem Märchen.

Sie hatte Pläne gemacht, wollte den Salon blassrosa streichen und Spitzenvorhänge aufhängen lassen. Hinter dem Sofa sollte eine geblümte Tapete die Wand zieren. Elizabeth hatte ihm gesagt, dass ihr das Herrenschlafzimmer gefiel. Es sei so sonnig, und von dort ging der Blick in den Garten hinaus. Sie könne es kaum abwarten, das große Himmelbett mit ihm zu teilen, das ein Geschenk seines Großvaters für seine zukünftige Braut gewesen war.

Dieser Gedanke erinnerte ihn an etwas, an das er lieber nicht denken wollte, und er spürte, wie es ihn erregte. Verdammt. Nach all diesen Jahren genügte es, sie ein Mal zu sehen, und schon begehrte er sie wieder. Er zwang sich dazu, daran zu denken, dass sie ihm gesagt hatte, wie sehr sie ihn liebte und wie glücklich es sie machen würde, auf Briarwood als seine Frau zu leben.

Alles Lügen. Nichts als Lügen.

Nur wenige Wochen nachdem er nach London abgereist war, hatte sie ihr Versprechen, ihn zu heiraten, gebrochen. Stattdessen hatte sie einen Earl zum Mann genommen, einen sehr reichen Mann, und dafür den jüngeren Sohn eines Dukes im Stich gelassen, einen Mann, der ihr ein angenehmes Zuhause und ein ausreichendes Einkommen bieten konnte, aber niemals außergewöhnlich reich sein würde.

Reese biss sich auf die Lippe. Seit seiner Rückkehr verfolgten ihn die Gedanken an Elizabeth. Es waren Erinnerungen, die er meinte, vor Jahren begraben zu haben. Zwei Tage nachdem er von ihrer Heirat erfahren hatte, hatte er Wiltshire County verlassen, war nach London zurückkehrt und hatte um Aufnahme in die Kavallerie gebeten, wohl wissend, dass er irgendwo weit weg von England seinen Dienst würde absolvieren müssen.

Wäre er nicht verwundet worden und hätte er nicht seinem Vater ein Versprechen gegeben, so wäre er noch immer dort.

Er ballte die Hände zu Fäusten. Reese holte tief Luft und drängte seine Gedanken zurück zur Gegenwart. Die Abrechnungsbücher lagen aufgeschlagen vor ihm. Er zwang sich dazu, sich zu konzentrieren, und begann die Seiten zu überfliegen. Er würde seine schmerzhafte Vergangenheit bezwingen müssen und sich auf die Zukunft konzentrieren, wenn er seinen Verpflichtungen nachkommen und die Felder von Briarwood wieder gewinnbringend bewirtschaften wollte.

Und das hatte Reese vor.

Elizabeth betrat die prachtvolle Eingangshalle des riesigen georgianischen Hauses, Aldridge Park, dem Landsitz ihres verstorbenen Gemahls. Ihr kleiner Sohn Jared hielt sich dicht neben ihr. Dieses Anwesen gehörte, genau wie alles andere, das mit dem Titel des Earls verbunden war, nun Jared, dem siebenten Earl of Aldridge.

Schritte hallten auf dem schwarz-weißen Marmorfußboden wider und erregten ihre Aufmerksamkeit. Elizabeth sah auf und bemerkte ihre Schwägerin, Frances Holloway, die, ebenfalls ganz in Schwarz gekleidet, auf sie zukam, um sie zu begrüßen.

Missbilligend presste Frances die Lippen aufeinander. „Ich habe dich schon vor Stunden zurückerwartet. Wo bist du gewesen?“ Sie war eine hagere Frau mit hohen Wangenknochen und einer langen, schmalen Nase. Ihre größte Tugend war ihre Willensstärke. Frances gelang es stets, die Dinge so hinzuwenden, dass sie ihrem Ziel dienten, wie schwer das auch sein mochte. Vermutlich war das der Grund, warum ihr Ehemann Mason sie geheiratet hatte.

„Ich habe dir gesagt, dass Jared und ich ins Dorf fahren.“ Vor Monaten schon hatte Elizabeth es aufgegeben, Frances besonders höflich zu behandeln. Diese Frau mochte sie nicht, und das war schon so, seit sie Edmund einen Sohn geboren und damit Mason die Möglichkeit genommen hatte, den Titel zu erben. „Ich musste einige Einkäufe erledigen. Das hat länger gedauert als erwartet.“ In der letzten Zeit hatte sie sich nicht besonders wohl gefühlt. Da tat es nur gut, für eine Weile aus dem Haus und an der frischen Luft zu sein.

Aber das ging Frances genauso wenig etwas an wie die Dauer ihrer Abwesenheit.

„Jareds Lehrer hat nach ihm gesucht. Wir wollen nicht, dass er mit seinen Unterrichtsstunden ins Hintertreffen gerät.“

Schützend legte Elizabeth ihren Arm um die schmalen Schultern ihres Sohnes. „Er wird für ein Weilchen draußen spielen. Danach kann er sich um seinen Unterricht kümmern.“

Jared sah zu ihr auf. Seine Augen wirkten groß und dunkel. „Ich mache das jetzt, Mama. Marcus und Benny werden sowieso nicht mit mir spielen wollen.“

„Aber …“

Frances kam wie eine große schwarze Krähe auf sie zu, packte Jared und zerrte ihn zur Treppe. Elizabeth wollte ihr sagen, dass kleine Jungen auch noch etwas anderes tun müssen, als zu lernen, aber ihr Kopf schmerzte, und sie schien nicht klar denken zu können. Und ihr Sohn stieg bereits die geschwungene Treppe hinauf, dicht gefolgt von Frances. Elizabeth sah zu, wie sie eine zweite Treppe hinaufgingen und dann im Schulzimmer verschwanden.

„Du bist also zu Hause.“ Es war Mason Holloways Stimme, und Elizabeth drehte sich um. „Ich hoffe, deine Einkäufe haben dir Freude gemacht.“

Mason war nur ein Jahr jünger als Edmund, ein großer, beeindruckender Mann, mit breiter Brust und breiten Schultern, braunem Haar und einem dichten Schnurrbart. Er war nicht unattraktiv, doch hatte er etwas Grobes an sich und eine falsche Ernsthaftigkeit, die ihr Misstrauen erregte. Als er den Blick über ihre Brust gleiten ließ, erschauderte sie ein wenig und trat unwillkürlich einen Schritt zurück.

„Alles in allem war es ein angenehmer Ausflug“, erwiderte sie und zwang sich zu einem Lächeln. „Ein netter kleiner Laden mit Kleidern hat kürzlich eröffnet. Mrs O’Neal hat schöne Stoffe.“

„Du hättest mir sagen sollen, dass du ausgehst. Dann hätte ich dich begleitet.“

Mason in ihrer Nähe zu haben war das Letzte, was sie wollte. Schon Edmunds Gesellschaft hatte sie viel zu lange ertragen müssen, und Mason war noch schrecklicher. Mason Holloway hatte jedes Pfund ausgegeben, das er mal geerbt hatte. Würde Edmund nicht für ihn sorgen, wäre er inzwischen mittellos gewesen.

Doch ihr Ehemann hatte sich sehr loyal verhalten. In seinem Testament hatte er Mason und Frances lebenslange Unterkunft im Ostflügel gewährt sowie die Erlaubnis, in seinem Stadthaus zu wohnen. Mason und Frances waren da, ob ihr das nun gefiel oder nicht, und sie hatte keine Möglichkeit, die beiden loszuwerden.

„Ich weiß das Angebot zu schätzen“, sagte sie, „aber Jared hat mir Gesellschaft geleistet.“

Er lachte höhnisch. „Jared ist nur ein kleiner Junge. Eine Frau in deiner Position sollte nicht allein reisen.“

Sie hob den Kopf, doch durch die Bewegung wurde ihr schwindelig. Halt suchend griff sie nach dem Geländer und hoffte, Mason würde es nicht bemerken. „Ich war nicht allein. Der Kutscher und ein paar Diener waren dabei.“

„Das mag sein, aber beim nächsten Mal werde ich dich begleiten.“

Nicht wenn sie es verhindern konnte, aber es war schwer, sich gegen Mason durchzusetzen, und in der letzten Zeit hatte ihr oft die Kraft dazu gefehlt. Schon vor einigen Wochen hatte sie angefangen, sich unwohl zu fühlen, hatte unter Kopfschmerzen gelitten, unter Übelkeit und Schwindel.

Das war einer der Gründe, warum sie nicht nach Holiday House gezogen war, dem Stadthaus, das sie von ihrem Vater geerbt hatte, zusammen mit dem übrigen Vermögen, das er für sie angelegt hatte. Es lag am Stadtrand von London. Sie hatte fortgehen wollen, aber sie war unsicher wegen ihres Gesundheitszustands und außerdem davon überzeugt, dass ihre Verwandten ihr folgen würden. Wenn sie sie hinauswarf, würden sowohl sie als auch Jared unter dem Skandal leiden.

Aber ein Skandal war immer noch besser als das, was geschehen konnte, wenn sie blieb.

Während sie Mason so ansah, keimte wieder der Verdacht in ihr auf, den sie schon während der vergangenen Monate gehegt hatte. Wenn sie aus dem Weg wäre, würden Frances und Mason Jareds Vormundschaft übernehmen. Sie würden die Kontrolle über das riesige Vermögen der Aldridges erlangen.

Die Vorstellung, dass ihr Sohn allein und verwundbar zurückbleiben und immer noch verschlossener werden würde, verursachte ihr Übelkeit. Nur sie allein stand zwischen ihm und den rücksichtslosen Menschen, die sich nicht für ihn interessierten, sondern nur sein Geld wollten.

Früher oder später würde sie etwas unternehmen müssen.

Ihr Kopfschmerz verschlimmerte sich, und ihr wurde wieder schwindelig. „Ich fürchte, ich muss mich entschuldigen. Ich fühle mich nicht sehr gut.“

Ein mitfühlendes Lächeln umspielte Masons Lippen. „Vielleicht wird ein wenig Schlaf helfen.“

Sie wandte sich ab und ging zur Treppe, doch Mason holte sie mühelos ein und ging neben ihr her. Er nahm sogar ihren Arm, um sie hinaufzugeleiten.

„Ich hoffe, du fühlst dich bis zum Essen besser“, sagte er, als sie die Tür zu ihren Gemächern erreichten.

„Bestimmt“, erwiderte sie, doch sie war keinesfalls davon überzeugt.

Die Angst um ihren Sohn kehrte zurück. Sobald es ihr besser ging, würde sie Pläne für ihre Abreise schmieden. Sie schloss die Tür und hoffte, dass es ihr gelingen würde.

2. KAPITEL

Jared saß in einem hochlehnigen, reich mit Schnitzereien verzierten Stuhl am Kopf des langen Mahagonitisches im großen Speisezimmer. Elizabeth saß zu seiner Rechten auf einem der anderen sechsundzwanzig Stühle. Mason und Frances hatten zu seiner Linken Platz genommen. In dem großen Kristallkronleuchter brannten Kerzen, und die Teller waren aus feinstem Sèvres-Porzellan.

Das Ganze war viel zu förmlich für einen schüchternen kleinen Jungen wie Jared. Aber Frances hatte darauf bestanden, denn dies war sein siebter Geburtstag, und die Sache schien Elizabeth nicht wichtig genug zu sein, um deswegen einen Streit heraufzubeschwören.

Das Mahl war so üppig wie das Ambiente: eine reichhaltige Nudelsuppe, geröstetes Rebhuhn mit Pekannussfüllung, Hummer in Sahnesoße, verschiedene Gemüsesorten und frisch gebackenes Brot. Zum Dessert gab es Kuchen und Torten sowie Vanillepudding in der Form eines Schwans.

Es hätte ein Pferd sein sollen, dachte Elizabeth. Pferde hatte Jared immer gemocht.

„Also gut, Junge. Es wird Zeit, dass du deine Geschenke aufmachst.“ Mason schnippte mit den Fingern in Richtung der Diener, die an der Wand warteten. Sie eilten herbei, in den Händen Geschenke, und stellten sie vor ihrem Sohn auf den Tisch.

Jared betrachtete die Geschenke und strahlte Elizabeth an. „Sie sind alle so schön, Mama.“ Es sah ihrem Sohn ähnlich, die Verpackung ebenso zu würdigen wie den Inhalt. Eine in silbernes Papier gewickelte Schachtel mit einer großen blauen Satinschleife stand auf einem größeren Geschenk, das in samtiges Papier gehüllt und mit einem roten Vogel verziert war. Ihr eigenes Geschenk war das kleinste, aber sehr schön in dunkelbraune Seide gewickelt, mit einem einfachen goldenen Band.

„Welches soll ich zuerst aufmachen?“, fragte er und sah sie an.„Wie wäre es mit diesem?“ Mason schob das rote Samtpäckchen zu ihm hinüber. Der scharlachrote ausgestopfte Vogel wackelte dabei.

Jared nahm den Vogel ab und strich mit den Fingerspitzen über dessen Federn. „Ich wünschte, er könnte noch fliegen.“

Er war ein sanftmütiges Kind. Er liebte alle Tiere, selbst die ausgestopften.

„Mach dein Geschenk auf, Junge.“ Mason schob die Schachtel noch näher zu ihm, und als Jared danach griff, wäre sie beinahe vom Tisch gefallen.

Sein Lächeln verschwand. „Es … es tut mir leid, Onkel Mason.“

„Schon gut, Junge. Ich helfe dir.“

Elizabeth biss sich auf die Lippen, als Mason die Schachtel zu sich zog und das rote Papier abriss. Dann riss er auch die Schachtel auf und schob sie zu Jared zurück. Sie sah, dass sie mit einer ganzen Armee aus winzigen Soldatenfiguren gefüllt war.

Jeder einzelne Holzsoldat war kunstvoll geschnitzt und wunderschön bemalt. Die halbe Armee trug die rot-weiße Uniform der Briten, während Napoleons blau Uniformierte die gegnerische Armee bildete. Das war etwas, was einem kleinen Jungen gefiel, und Jareds braune Augen leuchteten.

Elizabeth erschauerte. Sie dachte an Reese und wie die Armee sie auseinandergebracht hatte. Sie erinnerte sich, wie er unangemeldet nach Aldridge Park gekommen war, gekleidet in seine scharlachrote Uniform, so attraktiv, dass es sie schon schmerzte, ihn nur anzusehen. Er hatte von ihrem Verrat erfahren und von ihrer überstürzten Heirat mit dem Earl. Er hatte sie eine Lügnerin genannt und eine Hure, und dann hatte er sie stehen lassen, zitternd und allein, mit gebrochenem Herzen.

Elizabeth schüttelte sich, um das Bild zu vertreiben. Ihr Kopf begann wieder zu schmerzen, und ihr Mund fühlte sich trocken an. Sie sah zu, wie Jared das zweite Geschenk öffnete, eine wollene Jacke, die Frances ihm gekauft hatte. Er dankte ihr freundlich und griff nach dem letzten seiner Geschenke.

Er sah sie an und lächelte. Er wusste, dieses Geschenk war von ihr.

„Ich hoffe, es gefällt dir“, sagte sie. Sie fühlte sich schrecklich müde und hoffte nur, dass er es nicht merkte.

Vorsichtig öffnete Jared das goldene Band, schob behutsam die braune Seide zurück und legte sie zur Seite. Dann hob er den Deckel von der Schachtel. Auf einem weichen Polster aus Seidenpapier lag ein kleines silbernes Einhorn. Es war fünf Inches hoch, hatte den Kopf gesenkt, und seine Beine schienen sich zu bewegen.

Jared griff in die Schachtel, holte das Tier vorsichtig heraus und hielt es bewundernd hoch.

„Ein Einhorn“, sagte er und strich über die Oberfläche, die im Schein der Kerzen glänzte. „Es ist wunderschön, Mama.“

Jared besaß schon eine Sammlung aus vier anderen Einhörnern. Er liebte Pferde in jeder Form und Größe, vor allem das märchenhafte Geschöpf mit dem Horn auf der Stirn. „Ich werde es Beauty nennen.“

Mason tupfte sich sorgfältig mit der Serviette den Schnurrbart ab und schob seinen Stuhl zurück. Mit Kindern hatte er wenig Geduld, und diese Geduld war jetzt definitiv am Ende. „Es wird spät. Nun, da dein Geburtstag vorbei ist, ist es höchste Zeit für dich, ins Bett zu gehen.“

Elizabeth wurde ärgerlich, und dieser Ärger war stärker als ihre Erschöpfung und ihr Kopfschmerz. Sie stand auf. „Jared ist mein Sohn, nicht deiner. Ich bin es, die ihm sagt, wann es für ihn an der Zeit ist, ins Bett zu gehen.“ Jemand zupfte an ihrem blauen Seidenkleid. In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie hatte nicht bemerkt, dass Jared aufgestanden war.

„Ist schon gut, Mama. Mrs Garvey wird auf mich warten.“ Mrs Garvey war sein Kindermädchen, eine freundliche, grauhaarige Frau, deren eigene Kinder bereits erwachsen waren.

Elizabeth kniete sich hin und zog ihren Sohn in ihre Arme. „Alles Gute zu deinem Geburtstag, Liebling. Ich lasse dir deine Geschenke von einem Diener nach oben bringen.“ Sie strich ihm eine Locke seines dichten schwarzen Haars zurück. „Ich sehe dich dann morgen.“

Jared sah hinüber zu Mason, bemerkte dessen finstere Miene und löste sich aus den Armen seiner Mutter. „Gute Nacht, Mama.“

Elizabeth spürte einen Stich in ihrem Herzen. „Gute Nacht, mein Liebling.“

Jared presste das Einhorn an seine schmale Brust, drehte sich um und rannte hinaus.

Eine Stunde später saß Elizabeth auf dem Hocker vor dem Spiegel ihres Frisiertischs. Es war spät. Die meisten im Haus waren bereits schlafen gegangen. Sie hatte vor dem Essen ein wenig geruht und fühlte sich dennoch müde. In letzter Zeit schien sie nie genug Schlaf zu bekommen.

Sie gähnte hinter vorgehaltener Hand und überlegte, ob sie wohl die Kraft zum Lesen hatte, als der Türknauf herumgedreht, die Tür leise geöffnet wurde und Mason Holloway in ihr Schlafzimmer kam.

Elizabeth sprang von ihrem Hocker auf. Sie trug nur ein weißes Baumwollnachthemd, kaum die angemessene Bekleidung, um männlichen Besuch zu empfangen.

„Was willst du hier?“ Sie streckte den Arm nach ihrem Hausmantel aus, der auf dem Schreibsekretär lag, aber Mason griff danach, ehe sie ihn erreichen konnte.

„Ich habe das Licht unter deiner Tür gesehen. Ich dachte, vielleicht bist du in der Stimmung, noch etwas Gesellschaft zu haben.“

„Wo…wovon redest du? Es ist spät, Mason. Deine Frau wird sich fragen, wo du bleibst.“

„Meine Frau hat nichts dazu zu sagen, wie ich meine Abende verbringe.“ Statt zu gehen, warf er ihren Hausmantel beiseite und stellte sich hinter sie, legte ihr seine großen Hände auf die Schultern und begann, sie grob zu massieren.

Elizabeth wurde übel vor Abscheu. Sie stieß seine Hände weg und drehte sich um. Bei der Bewegung wurde ihr schwindelig, und sie schwankte ein wenig.

Mason griff nach ihrem Arm, um sie festzuhalten. „Fühlst du dich noch immer schlecht?“

Es gelang ihr, sich loszureißen. „Hinaus!“, sagte sie, aber ihr Kopf schmerzte, und ihre Worte klangen nicht sehr energisch.

Mason beugte sich zu ihr hinüber, neigte den Kopf und presste seinen Schnurrbart an ihren Hals. Die Haare kratzten auf ihrer Haut, und ihr wurde erneut übel.

„Du willst nicht, dass ich gehe“, sagte er mit heiserer Stimme. „Du brauchst mich, Elizabeth. Du brauchst, was ich dir geben kann.“

Die Übelkeit wurde heftiger. „Ich werde schreien. Wenn du nicht augenblicklich gehst, dann schreie ich das ganze Haus zusammen, ich schwöre es.“

Mason lachte leise. Im Schein der Lampe auf dem Nachttisch glänzten seine Augen vor Verlangen. „Vielleicht ist der Zeitpunkt nicht richtig gewählt. Bald. Bald werde ich kommen, und du wirst mich begrüßen, Elizabeth. Du wirst keine andere Wahl haben.“

Du wirst keine andere Wahl haben. Liebe Güte, diesen Worten wohnte eine Gewissheit inne, bei der sich ihr die Haare sträubten. „Hinaus!“

Mason lächelte nur. „Schlaf gut, meine Liebe. Ich sehe dich dann morgen früh.“

Elizabeth stand da wie erstarrt, als er das Schlafzimmer verließ und die Tür leise hinter sich schloss. In ihrem Kopf pochte es, und das Schwindelgefühl war zurückgekehrt. Sie ließ sich wieder auf den Hocker fallen und versuchte, ruhiger zu werden und einen klaren Kopf zu bekommen. Sie dachte an Jared und an die Gefahr, in der er schwebte, und Tränen stiegen ihr in die Augen.

Sie war in diesem Haus nicht mehr sicher, und ihr Sohn war es ebenso wenig. Der Zeitpunkt war gekommen. Sie musste fort.

Ohne auf die Schmerzen in ihrem Kopf zu achten, nahm sie all ihre Kraft zusammen und auch all ihren Mut, erhob sich von dem Hocker und lief zum Klingelzug, um nach Sophie zu läuten, ihrer Zofe. Sie bückte sich, um etwas unter dem Bett zu suchen, und dabei wurde ihr wieder schwindelig, doch sie fand ihre große Ledertasche und hob sie auf das Bett.

Sophie erschien, müde und mit zerzaustem Haar. Sie unterdrückte ein Gähnen. „Sie haben nach mir geläutet, Mylady?“

„Ich brauche deine Hilfe, Sophie. Ich gehe fort.“

Das Mädchen sah sie aus ihren grünen Augen erstaunt an. „Jetzt? Es ist mitten in der Nacht, Mylady.“

„Du musst nach oben gehen und Mrs Garvey wecken. Sag ihr, sie soll sich anziehen. Sag ihr, wir gehen, jetzt gleich, und sie muss eine Tasche für sich packen und eine für Jared. Sag ihr, sie soll mich unten an der Tür treffen, die zum Kutschenhaus führt.“

Sophie begriff allmählich, dass Elizabeth es ernst meinte und es dringend war, und sie richtete sich auf. „Wie Sie wünschen, Mylady.“

„Sobald du damit fertig bist, geh hinaus zu den Stallungen und sag Mr Hobbs Bescheid, damit er meine Kutsche vorbereitet – die kleine. Sag ihm, er soll nicht nach vorn kommen. Sag ihm, dass ich zu ihm komme.“

Sophie machte kehrt.

„Und erzähl sonst niemandem, dass ich fortwill!“

Das Mädchen verstand. Obwohl sie nie etwas davon gesagt hatte, mochte auch sie Mr Holloway nicht. Sie knickste kurz und lief dann zur Tür.

Ohne auf einen weiteren Anflug von Schwindel zu achten, machte Elizabeth sich wieder ans Packen. Als Sophie zurückkehrte, war sie in ein einfaches schwarzes Wollkleid gehüllt, hatte ihr Haar im Nacken zu einem straffen Knoten gebunden und eine schwarze Spitzenhaube fest unterm Kinn verknotet.

„Mit den letzten Knöpfen brauche ich Hilfe“, sagte sie zu ihrer Zofe und drehte sich herum, sodass Sophie ihr Kleid schließen konnte. Sobald sie damit fertig war, griff Elizabeth nach dem Umhang, der an einem Haken neben der Tür hing, und legte ihn sich um. Dabei schwankte sie ein wenig.

Beunruhigt lief Sophie zu ihr. „Mylady!“

„Es geht mir gut. Versprich mir nur, dass du bis morgen früh Stillschweigen bewahrst.“

„Natürlich. Sie können mir vertrauen. Passen Sie auf sich auf, Mylady.“

Elizabeth lächelte. Sie war dankbar für die Loyalität des jungen Mädchens. „Ich werde aufpassen.“

Mit der Tasche in der Hand lief sie die Dienstbotentreppe hinunter. Es dauerte nicht lange, bis sie die Tür erreichte, die zu den Stallungen führte. Mit zwei kleinen Taschen in der Hand wartete dort Mrs Garvey zusammen mit Jared, der Elizabeth aus seinen großen braunen Augen besorgt ansah.

„Wohin fahren wir, Mama?“

Bis zu diesem Augenblick war sie in diesem Punkt noch nicht ganz sicher gewesen. Jetzt sah sie ihren Sohn an, fühlte wieder einen Anflug von Schwindel, und dann wusste sie genau, was sie zu tun hatte.

„Wir besuchen einen alten Freund“, sagte sie. Und sie konnte nur beten, dass der irgendwo im hintersten Winkel seines Herzens etwas bewahrt hatte, was diesen Satz rechtfertigte.

3. KAPITEL

Reese erwachte davon, dass jemand laut an seine Tür hämmerte. Er runzelte die Stirn, schwang die Beine über die Bettkante und stemmte sich auf die Füße. Der Schmerz kehrte zurück, als er seinen dunkelblauen Hausmantel überzog.

Verärgert griff er nach seinem Stock, marschierte quer durch seinen Schlafraum und riss die Tür auf. Davor stand Timothy Daniels.

„Um Himmels willen, Mann! Was ist los? Wenn Sie so weitermachen, werden Sie noch das ganze Haus aufwecken!“

Timothys flammend rotes Haar glänzte im Licht der Tranlampe, die er in der Hand hielt. „Es ist ein Notfall, Sir. Eine Dame ist gekommen. Sie ist unten, Sir. Sie sagt, sie muss mit Ihnen sprechen. Es sei eine dringende Angelegenheit.“

„Wir haben weit nach Mitternacht. Warum zum Teufel will mich eine Frau zu dieser Zeit sprechen?“

„Das weiß ich nicht, Sir. Aber sie ist mit ihrem Sohn gekommen, und sie scheint sehr aufgeregt zu sein.“

Eine Ahnung stieg in ihm auf. Vor zwei Tagen hatte er Elizabeth und ihren Sohn gesehen. Aber damit konnte die Sache doch wohl kaum etwas zu tun haben. Allerdings hatte er nie zu den Menschen gehört, die an Zufälle glaubten. „Sagen Sie ihr, ich komme hinunter, sobald ich mir etwas angezogen habe.“

Aye, Sir.“

Timothy verschwand, und Reese trat zu seinem Schrank. Er rieb sich das Bein, dann nahm er eine schwarze Hose und ein weißes Hemd heraus, setzte sich und zog beides an. Als er das Hemd in die Hose steckte, schoss der Schmerz in sein Bein. Seit er einen Schrapnellsplitter abbekommen hatte, war es beinahe steif. Allerdings nicht vollständig und wenn er eine Weile in Bewegung war, wurde es meistens besser. Um diese Uhrzeit allerdings fühlte es sich an, als hätte er einen Stock anstelle eines Beines.

Reese ignorierte das. Sobald er angekleidet war, ging er nach unten und fragte sich, welche Art von Problem ihn wohl zu dieser nachtschlafenden Zeit erwarten mochte.

Auf seinen Stock gestützt, stieg er die Treppe hinunter, so schnell er konnte. Als er unten war, sah er seinen hageren, sehr würdevollen Butler neben einer ganz in Schwarz gekleideten Frau stehen.

Die Zeit schien stillzustehen. Er kannte diese fein geschnittenen Züge, die helle Haut und das rabenschwarze Haar, die perfekt geschwungenen Brauen und die rosenfarbenen Lippen. Bilder stiegen vor seinem geistigen Auge auf. Elizabeth zu Hause in ihrem Garten, lachend, wie sie mit ihm zum Pavillon läuft. Elizabeth, die beim Tanz im Ballsaal in seinen Armen liegt. Elizabeth draußen auf der Terrasse, wie sie die Finger in sein Haar gräbt. Ihr Mund, der sich so weich und zart unter seinen Lippen anfühlt.

Er richtete sich auf und sah ihr ins Gesicht. „Du bist hier nicht willkommen.“

Sie zitterte, das sah er, als sie auf ihn zukam. Ihre Bewegungen waren so anmutig und feminin, wie er sie in Erinnerung hatte. Sie war klein, auch wenn sie ihm nie so erschienen war. „Ich muss mit Ihnen sprechen, Mylord. Es ist dringend.“

An diesen Titel war er nicht gewöhnt. Major passte viel besser zu ihm, und es störte ihn ein wenig. Er hätte ihr vielleicht gesagt, dass er keine Zeit hatte für eine Frau von so niederem Charakter wie dem ihren, aber dann sah er, dass sie nicht allein war. Eine grauhaarige Frau stand ein Stück hinter ihr neben dem Jungen, mit dem er sie im Dorf gesehen hatte. Dem Jungen, der Elizabeths Sohn war.

„Bitte, Mylord.“

„Hier entlang.“ Er ging in Richtung Salon, wobei er nur ein wenig hinkte, und hoffte, dass sein schroffer Tonfall sie zur Abfahrt bewegen würde. Er betrat den Salon und wartete, während Elizabeth an ihm vorbeiging und mit ihren weiten schwarzen Röcken seine Beine streifte. Er schloss die Schiebetür, damit sie etwas Privatsphäre hatten, bot ihr aber keinen Platz an und blieb auch selbst stehen.

„Es ist mitten in der Nacht. Was willst du von mir?“

Sie hob den Kopf, und er bemerkte, dass sie weitaus blasser war, als es gesund war. Sie rang um Fassung, und das zu sehen, erfüllte ihn mit Genugtuung.

„Ich … ich weiß, wie du über mich denkst. Ich weiß, wie sehr du mich hasst.“

Er lachte freudlos. „Du hast keine Ahnung.“

Sie biss sich auf die Unterlippe. Ihre Lippen waren so voll und verführerisch, wie er sie in Erinnerung hatte, und er spürte, wie er sich anspannte. Verdammt sollte sie sein. Verdammt.

„Ich bin gekommen, weil ich um Hilfe bitten möchte. Mein Vater ist tot. Ich habe keine Brüder, keine Schwestern, keine wahren Freunde. Sie sind ein Ehrenmann, ein Kriegsveteran. Ich bin gekommen, weil ich glaube, Sie gehören nicht zu der Sorte Mann, die eine verzweifelte Frau und ihr Kind fortschicken würden. Ungeachtet Ihrer persönlichen Gefühle.“ Sie schwankte ein wenig, und an ihren Schläfen bildeten sich kleine Schweißperlen.

Reese runzelte die Stirn. „Geht es dir nicht gut?“

„Ich … ich bin nicht sicher. Ich habe mich in der letzten Zeit oft krank gefühlt. Das ist einer der Gründe, warum ich hier bin. Ich mache mir Sorgen, was aus Jared werden soll, falls mein Zustand sich verschlechtert.“

„Jared? Ist das der Name deines Sohnes?“

„Ja.“

Wieder schwankte sie, und er machte einen Schritt auf sie zu. Dabei musste er nur ein einziges Mal seinen Stock einsetzen, bis er sie erreicht hatte und ihren Arm nahm, um sie zu stützen. Er war ein Gentleman, wie schwer ihm das auch manchmal fallen mochte. „Setz dich, bevor du umfällst.“

Unsicher ließ sie sich auf das burgunderrote Sofa sinken, wobei ihr schwarzes Retikül auf ihren Schoß fiel. Mit zitternden Händen fasste sie nach ihrer Stirn, dann blickte sie ihn mit ihren schönen grauen Augen an, die er immer wieder in seinen Träumen sah. Die Erinnerung an unzählige schlaflose Nächte veranlasste ihn, sich auf die Lippe zu beißen, und seine Ablehnung ihr gegenüber wurde stärker.

„Die Hilfe, die du brauchst, kann ich dir nicht bieten.“

„Aber ich kann mich sonst an niemanden wenden.“

„Du bist die Countess of Aldridge. Zweifellos gibt es irgendjemanden.“

Sie griff nach dem Retikül. „Ich wollte nach London fahren. Vielleicht hätte ich es gleich heute versucht, wenn es mir besser gegangen wäre.“ Wieder sah sie ihn an. „Ich glaube, die Verwandten meines Mannes haben mir vielleicht etwas ins Essen getan. Wenn mein Zustand sich weiter verschlechtert, könnte meinem Sohn große Gefahr drohen.“

Er überlegte. „Du sprichst von Mason und Frances Holloway?“

„Ja. Ich fürchte, selbst wenn ich London sicher erreiche, würde mein Schwager innerhalb weniger Tage nachkommen. Und er würde einen Weg finden, mich zur Rückkehr nach Aldridge Park zu zwingen. Wenn ich erst einmal dort bin …“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe Angst, Mylord. Ich bin hierher gekommen, weil ich nicht weiß, wohin ich sonst gehen sollte.“

„Was erwartest du von mir?“

„Ich glaube, ich erwarte, dass Ihr Ehrgefühl Sie zu dem Entschluss führen wird, mir zu helfen. Sie sind ein starker Mann, ein Mann, der meinen Sohn beschützen kann. Ich glaube … ich hoffe, dass – egal, was ich getan habe – Sie es nicht fertigbringen, mich hinauszuwerfen.“

Er spürte, wie er zornig wurde. Sie wusste, wie wichtig ihm die Ehre war. Sie wusste mehr über ihn als irgendein anderer Mensch auf der Welt. Er bemühte sich, seinen Herzschlag zu beruhigen.

„Ich fürchte, Countess, da verlangen Sie zu viel.“ Er benutzte absichtlich ihren Titel, als Zeichen dafür, wie viel sich zwischen ihnen verändert hatte.

„Elizabeth“, korrigierte sie ihn leise. „Wir kennen einander zu gut, um so förmlich zu werden.“

Er lächelte freudlos. „Ich nehme an, man kann sagen, dass wir einander gut kennen. Sehr gut, genau genommen.“

Einen Moment lang errötete sie, und ihre Blässe verschwand, doch sie wandte den Blick nicht ab. „Wirst du mir helfen?“

Er schüttelte den Kopf. Er konnte es nicht. Konnte nicht ertragen, sie in seinem Haus zu wissen, unter seinem Dach. Die Erinnerungen schmerzten zu sehr.

Sie erhob sich und trat näher, so nahe, dass er ihre langen Wimpern erkennen konnte.

Ganz sachte legte sie ihre schwarz behandschuhte Hand auf seinen Arm. „Bitte. Ich bitte dich, mich nicht zurückzuweisen. Mein Sohn braucht dich. Ich brauche dich. Du bist der einzige Mensch auf der Welt, der uns helfen kann. Der einzige Mensch, dem ich vertraue.“

Die Worte trafen ihn tief. Sie vertraute ihm. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte er ihr vertraut. Reese starrte die schöne Frau an. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte er sie geliebt. Sehr geliebt, ohne jeden Vorbehalt. Jetzt hasste er sie mit derselben Leidenschaft.

Doch noch immer sah er ihre Verzweiflung, ihre Angst. Wie sie gesagt hatte, war er ein Mann, der seine Ehre hoch schätzte. Sie war gekommen, um ihn um Hilfe zu bitten. Wie konnte er sie abweisen?

„Ich werde Hopkins veranlassen, Sie und Ihre Begleitung nach oben zu bringen.“ Er lächelte kurz. „Ich denke, Sie erinnern sich, wo die Gästezimmer liegen.“

Sie wandte sich ab, doch er sah, wie erleichtert sie war. „Danke, Mylord. Ich verspreche Ihnen, ich werde einen Weg finden, das wiedergutzumachen.“

Nach diesen Worten brach sie vor seinen Füßen zusammen.

„Corporal Daniels!“

Als Reese sie auf seine Arme hob, bewegte Elizabeth sich ein wenig. Doch sie war benommen. Sie blinzelte, versuchte, seine harten Züge zu erkennen. „Ich … ich bin … es ist gut. Sie müssen nicht …“

„Daniels!“, rief er wieder, und der stämmige, rothaarige junge Mann erschien.

„Ja, Sir?“

Ohne weitere Umschweife legte er Elizabeth dem jüngeren Mann in die Arme. „Ich kann sie nicht die Treppe hinauftragen. Nicht mit diesem verdammten Bein.“

Corporal Daniels sah sie an und lächelte. „Bleiben Sie ganz ruhig, Madam. Ich werde Sie im Handumdrehen hinaufbringen.“

Ihr blieb keine Zeit zu widersprechen, denn der junge Mann trug sie bereits hinaus.

„Mama!“ Jared lief hinterher und hielt sich an ihren Röcken fest.

„Es geht mir gut, Liebling. Mir ist nur ein wenig schwindelig, das ist alles. Hol Mrs Garvey und komm mit nach oben.“

Jared lief dorthin zurück, wo die ältere Frau stand, und nahm ihre Hand. Der Butler geleitete die beiden ein paar Schritte hinter dem Corporal nach oben. Der brachte Elizabeth in eines der Gästezimmer und legte sie behutsam auf das Bett.

„Ich werde Gilda holen, damit sie sich um Sie kümmert, Madam. Gilda ist das Hausmädchen.“

Sie widersprach nicht. Ihr war noch immer schwindelig, auch wenn die Übelkeit nachgelassen hatte. Sie legte den Kopf auf das Kissen und blickte hinauf zur Decke. Die Decke war weiß, während die Wände in hellem Gelb gestrichen waren. Es sah hübsch aus, auch wenn das Zimmer einen neuen Anstrich gebrauchen konnte. Die Vorhänge waren aus gelbem Seidendamast, die Möbel aus Rosenholz, erst kürzlich abgestaubt, aber sie mussten neu geölt werden.

Sie blieb auf Briarwood. Reese hatte sich einverstanden erklärt, ihr zu helfen. Sie konnte es kaum glauben.

Und doch … Tief in ihrem Herzen war sie sicher gewesen, dass er – wie auch immer seine persönlichen Gefühle sein mochten – sie nicht zurückweisen würde.

Ein paar Minuten später betrat er das Zimmer, groß und männlich, die personifizierte Autorität und Strenge. Ganz kurz bemerkte sie den silbernen Knauf seines Stocks. Sie wusste, dass er verwundet worden war, aber sie hatte nicht gewusst wie schlimm.

Er sah sie aus seinen eisblauen Augen an. „Du bist hier – jedenfalls für den Augenblick – und du bist in Sicherheit. Ich lasse Corporal Daniels einen Arzt holen …“

„Das ist nicht nötig. Ich brauche nur Schlaf. Vielleicht morgen …“

„Bist du sicher?“

Sie war ganz und gar nicht sicher, aber für eine Nacht hatte sie ihm schon genug Schwierigkeiten bereitet. „Ja.“

„Na schön, dann warten wir bis morgen.“

„Danke.“

„Ich erwarte, dass du mir morgen früh ganz genau erklärst, was eigentlich los ist.“

Sie versuchte, sich aufzusetzen, und rutschte höher, bis sie sich mit den Schultern gegen das Kopfteil des Bettes lehnen konnte. Reese unternahm keinen Versuch, ihr zu helfen.

„Morgen wird mein Schwager entdecken, dass Jared und ich verschwunden sind. Und früher oder später wird er herausfinden, wo wir sind.“

„Wie ich schon sagte, solange du hier bist, wird dir nichts passieren. Schlaf jetzt. Mrs Garvey ist bei dem Jungen. Wir reden morgen früh weiter.“ Damit machte er kehrt und verließ das Schlafzimmer. Erst jetzt bemerkte Elizabeth, wie schnell ihr Herz schlug. Bis zu diesem Augenblick hatte sie nicht geahnt, wie schmerzlich es sein würde, Reeses Stimme wieder zu hören. Wie schwierig, seinen bitteren Hass zu ertragen.

Sie hatte nicht geahnt, dass die Gefühle, die sie so tief in sich begraben glaubte, so dicht unter der Oberfläche schlummerten.

Sie musste darauf aufpassen und sie sorgfältig verstecken. Wenn ihr das nicht gelang, wenn sie zuließ, dass es in ihrem Herzen auch nur den kleinsten Riss gab, dann würde der Schmerz ganz einfach unerträglich sein.

Das Licht eines kalten Herbsttages fiel ins Haus, als Reese hinunter ins Frühstückszimmer ging, einem sonnigen Raum, von dem aus man in den Garten sehen konnte. Mit den hellgelben Wänden und den moosgrün gepolsterten Stühlen am Tisch war das ein Raum, in dem er gern saß, um seine Zeitung zu lesen und das Frühstück zu sich zu nehmen.

Doch nicht an diesem Tag.

An diesem Tag war seine Stimmung gedrückt, und das war sie schon, seit er nach ruhelosem Schlaf das Bett verlassen hatte. Wie gewohnt war er inzwischen schon mehrere Stunden auf den Beinen, hatte eine Weile in seinem Arbeitszimmer gesessen und war dann nach draußen gegangen, um nach den Tieren zu sehen.

Außer seinem großen schwarzen Wallach Warrior – genau wie er ein Kriegsveteran – hatte er seit seiner Rückkehr noch mehrere Stuten und einen Vollbluthengst gekauft. Mit seinem steifen Bein war er nicht sicher, ob er jemals wieder würde im Sattel sitzen können, aber er hatte Übungen gemacht, um seine Beweglichkeit zurückzuerlangen und die Muskeln zu trainieren, und auch wenn er nicht reiten konnte, so würde er doch nicht die Pferde aufgeben.

Sein letzter Kauf war der Hengst gewesen, Alexander der Große, der aus einer Rennpferdezucht stammte. Reese hatte ihn laufen gesehen und glaubte, das Tier könnte Fohlen zeugen, die die Rennen von Ascot und Epson Downs gewinnen könnten.

Er war noch immer auf dem Weg nach unten, da erregten Geräusche aus dem Frühstückszimmer seine Aufmerksamkeit. Als er eintrat, sah er Elizabeth und ihren Sohn am Tisch sitzen, und bei ihrem Anblick in seinem Haus schnürte es ihm die Brust zusammen.

Er holte tief Luft und atmete dann langsam wieder aus, bevor er weiterging. Die beiden frühstückten gemeinsam Würstchen, Sahnehering und Eier, wobei Elizabeth nicht zu essen schien, sondern die Speisen nur auf dem Teller hin und her schob. In diesem Moment sah sie zu ihm auf, und die Dankbarkeit in ihrem Blick machte es ihm nur noch schwerer zu atmen.

Er sagte sich, das läge nur an seiner Abneigung ihr gegenüber und an seinem Zorn.

„Gewöhnlich isst Jared mit seinem Kindermädchen im Schulzimmer“, erklärte sie ihm ein wenig nervös. „Aber da er das Haus nicht kennt, habe ich ihn mit nach unten genommen, damit er mit mir frühstücken kann. Ich hoffe, es macht dir nichts aus.“

Er sah den Jungen an, dessen Augen groß und dunkel waren und seine Unsicherheit zeigten. Er hockte auf der Stuhlkante, als wolle er jeden Augenblick davonlaufen. Reese sah, dass vor ihm auf dem Tisch ein kleines silbernes Pferd stand, ein Einhorn.

„Es macht mir nichts aus.“ Er wandte sich ab. Es fiel ihm nicht leicht, Aldridges Erben anzusehen und keine Eifersucht zu empfinden. Dies hätte sein Sohn sein sollen und Elizabeth seine Frau.

Aber Geld und Macht waren wichtiger gewesen als die Versprechen, die sie ihm gegeben hatte oder als ihre Liebesschwüre.

Aber vielleicht hatte sie nie auch nur das Geringste für ihn empfunden. Vielleicht war alles eine Lüge gewesen.

„Ich bin fertig, Mama“, sagte der Junge. „Darf ich bitte aufstehen?“

Das Kind hatte in dem Augenblick aufgehört zu essen, als Reese an der Tür erschienen war. Elizabeth schien seine Furcht zu spüren und lächelte ihm zu. Sie wirkte bleich, und ihre Augen schienen von einem blasseren Grau als sonst und ohne das blaue Schimmern, das sie sonst so anziehend machte.

„Du darfst gehen“, sagte sie zu dem Jungen. „Ich werde gleich aufstehen.“ Quer über den Tisch hinweg sah sie Reese an. Ihm schien, als fiele es ihr schwer, sich zu konzentrieren. „Vielleicht wird Seine Lordschaft uns erlauben, einen Spaziergang durch den Garten zu unternehmen. Um diese Jahreszeit sind die Bäume sehr schön.“

Reese nickte nur. Er hatte nicht vor, den Jungen für die Sünden büßen zu lassen, die seine Mutter begangen hatte.

Das Kind rutschte vom Stuhl, nahm das Einhorn und rannte aus dem Zimmer. Reese ging hinüber und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein. Als er hereingekommen war, hatte er Hunger verspürt. Doch Elizabeth dort wie die Ehefrau aus seinen Träumen anzutreffen, hatte seinen Appetit vertrieben.

Als einer der Diener ihren halb vollen Teller nahm und forttrug, zog er einen Stuhl heran und setzte sich ihr gegenüber. Seinen Stock lehnte er an die Tischkante.

Elizabeth blickte aus dem Fenster in den Garten, der komplett zugewuchert war. Die Pflanzen wuchsen über die niedrige Umrandung bis auf die Wege, und herabgefallene Blätter bedeckten den Boden. Der Gärtner war vor Reeses Rückkehr verschwunden, und er hatte noch keine Zeit gefunden, einen anderen einzustellen, aber er nahm sich fest vor, dass er das als Nächstes tun würde.

„Wie fühlst du dich?“, fragte er.

„Ein wenig besser. Ich habe noch immer Kopfschmerzen, aber sie sind heute Morgen weniger.“

„Erkläre mir noch einmal, warum du hier bist.“

Mit zitternder Hand hob sie die Teetasse aus Porzellan und trank vorsichtig einen Schluck, während sie sich Zeit nahm für ihre Antwort. Dann stellte sie die Tasse ein wenig unsicher auf die Untertasse zurück.

„Ich weiß, wie viel dir an Ehrlichkeit liegt, daher werde ich nicht lange herumreden. Ich kann natürlich nicht ganz sicher sein, denn ich habe dafür keine Beweise, aber ich glaube, Mason und Frances Holloway geben mir etwas, damit ich krank werde. Mein Sohn ist der Erbe des Aldridge-Vermögens. Sollte mir etwas zustoßen, würde die Vormundschaft in ihre Hände fallen. Mein Schwager und meine Schwägerin sind außerordentlich rücksichtslos. Ich nehme an, dass sie hinter Jareds Geld her sind.“

Er hatte weder Edmund noch seinen Bruder Mason je gemocht. Edmund war arrogant und überheblich, und Mason war wertlos und gierig. Es war nicht besonders schwer, sich vorzustellen, dass der jüngere Holloway nach dem Vermögen seines verstorbenen Bruders trachtete.

„Sprich weiter“, sagte er nur.

Es schien ihr schwerzufallen, sich zu konzentrieren, doch er war nicht ganz sicher. „Vor einigen Monaten begann ich, mich etwas unwohl zu fühlen. Zuerst … zuerst war es nicht sehr auffallend, nur Kopfschmerzen und hin und wieder ein Schwindelgefühl. Während der letzten Wochen haben sich die Symptome aber verschlimmert. Mein Gedächtnis ist beeinträchtigt. Manches erscheint mir sehr verschwommen und unklar. Ich glaube, mein Schwager hofft, dass ich irgendwann völlig die Orientierung verliere. Vermutlich geht er davon aus, dass ich dann vollkommen hilflos bin.“

Sie hob die Leinenserviette von ihrem Schoß, zog sie zurecht und breitete sie dann wieder aus. „Mehr und mehr versucht er, die Kontrolle zu übernehmen. Er hat sogar angefangen, sich … sich gegenüber der Ehefrau seines verstorbenen Bruders unangemessen zu benehmen.“

Reese richtete sich auf. „Willst du damit sagen, Mason Holloway hat dir unerwünschte Avancen gemacht?“

Sie schluckte. „Ja …“ Sie sagte es so leise, als hoffe sie, dass niemand sie hören könne.

Zorn erfasste ihn. Ein unbändiger Zorn auf Mason Holloway.

Reese war verblüfft. Es war unmöglich, dass er eifersüchtig war. Geradezu lächerlich nach all diesen Jahren. Er holte tief Luft und schob das unerwartete Gefühl beiseite.

Elizabeth sah zu ihm auf. „Ich glaube, Mason versucht, über meinen Geist und auch über meinen Körper Kontrolle zu erlangen und auf diese Weise auch Kontrolle über meinen Sohn und sein Vermögen.“

Er ging die Dinge noch einmal durch, die sie ihm erzählt hatte. Er war nicht sicher, wie viel von dem, was sie ihm sagte, tatsächlich stimmte, aber nachdem sie in der vergangenen Nacht ganz plötzlich ohnmächtig geworden war, konnte es möglicherweise der Wahrheit entsprechen.

„Vorausgesetzt, es stimmt, was du da erzählst … wie, glaubst du, konnte Mason das alles erreichen?“

„Ich … ich weiß es nicht. Vielleicht mit irgendeiner Art von Droge, die er meinem Essen beimischt. Eine Weile habe ich versucht, nichts zu essen, aber dann begann ich, mich schwach zu fühlen, und da ich nicht sicher bin, ob das Essen das Problem war oder ob ich mich in dieser Hinsicht getäuscht habe, habe ich diesen Plan dann aufgegeben.“

„Und du hast nie einen Arzt aufgesucht?“

Sie trank noch einen Schluck Tee, als müsse sie sich stärken. Dann stellte sie die Tasse wieder auf den Tisch, und eine schwarze Haarlocke, die sich aus dem Knoten in ihrem Nacken gelöst hatte, fiel ihr über die Wange. Unter dem Tisch begann sich sein Körper zu regen. Das Blut strömte ihm in die Lenden, und Reese fluchte stumm.

Ich brauche nur eine Frau, sagte er sich. Seine einmalige Reise zu Madame Lafons exklusivem Bordell hatte nicht genügt, um nach so vielen Monaten die Bedürfnisse eines Mannes zu stillen.

„Mason hat jemanden geholt, der mich untersuchen sollte“, fuhr Elizabeth fort und lenkte damit seine Aufmerksamkeit zurück auf das Thema. „Einen Arzt namens Smithson. Er sagte, es ginge mir gut. Ich kannte ihn nicht. Ich bin nicht einmal sicher, ob er überhaupt Arzt war.“

„Der Arzt meines Bruders ist sehr zuverlässig. Ich werde ihn so schnell wie möglich kommen lassen.“ Reese wartete ab, ob sie damit einverstanden war oder ob ihre angebliche Krankheit so etwas wie eine List war.

„Ich glaube, das wäre eine gute Idee. Ich werde ihn natürlich bezahlen.“

Er wurde ärgerlich. „Sie sind vielleicht reich, Countess, aber Sie sind bei mir zu Gast, und daher stehen Sie unter meinem Schutz. Ich gehe nicht am Bettelstab. Obwohl ich in Ihren Augen, verglichen mit einem Earl, vielleicht am Hungertuch nage.“

„Ich wollte nicht …“

Geräuschvoll schob er seinen Stuhl zurück und stand auf. Dann nahm er seinen Stock. „Ich habe noch einiges zu erledigen. Ich nehme an, Ihr Sohn erwartet Sie.“

Elizabeth sagte nichts, sondern saß nur da und sah ihn aus ihren großen grauen waidwunden Augen an. Reese wandte sich ab, fest entschlossen, den Anflug von Schuldbewusstsein zu ignorieren, den er wegen seiner schroffen Worte empfand.

Er schuldete Elizabeth nichts. Weniger als nichts, sagte er sich, als er aus dem Zimmer ging.

4. KAPITEL

Reese schickte seinem Bruder Royal noch am selben Morgen eine Nachricht und bat ihn, ihm den Namen seines Arztes zu nennen, einem Arzt, der in der Nähe von Swansdowne wohnte, doch er erwähnte nicht den Grund, warum er das wissen wollte. Er wusste, die Hölle würde ausbrechen, wenn Royal erfuhr, dass Elizabeth in seinem Haus weilte.

Lange würde sie nicht bleiben, sagte er sich. Er würde sie nach London bringen, vielleicht schon am nächsten Tag.

Der Arzt traf schneller ein, als er es erwartet hatte. Um zwei Uhr am Nachmittag betrat ein hagerer, grauhaariger Gentleman namens Richard Long die Eingangshalle. Elizabeth hatte über Kopfschmerzen geklagt und sich nach oben ins Bett zurückgezogen. Reese begleitete Dr. Long hinauf, damit er sie untersuchen konnte, stellte ihn der bleich aussehenden Frau unter den Laken vor und ging dann nach unten ins Arbeitszimmer, wo er die Diagnose des Arztes abwarten wollte.

Reese versuchte, sich den Büchern zu widmen, die noch immer aufgeschlagen auf dem Tisch lagen, doch wie üblich fiel es ihm schwer, sich zu konzentrieren. Er versuchte, sich einzureden, dass er sich nicht um Elizabeth sorgte, dass er nur begierig darauf war, sie aus dem Haus zu haben.

Er starrte auf die Zahlen, die auf der Seite vor ihm standen, als es leicht klopfte und der Arzt sein Kommen ankündigte. Reese winkte ihn herein, und Dr. Long setzte sich auf einen braunen Lederstuhl auf der anderen Seite von Reeses großem Eichenschreibtisch.

„Wie geht es ihr?“, erkundigte er sich, eine Frage, die zu stellen er sich noch vor ein paar Tagen nicht hätte vorstellen können.

„Nicht gut, fürchte ich. Lady Aldridge ist außerordentlich erschöpft. Sie schwitzt stark, und ich fürchte, sie wird sich bald erbrechen. Ich habe eines der Hausmädchen zu ihr geschickt.“

Er ignorierte einen Anflug von Besorgnis. Wenigstens hatte sie nicht gelogen. Sie war krank, genau, wie sie es gesagt hatte.

„Die Countess war sehr offen zu mir“, fuhr Long fort. „Sie sagte mir, dass sie vermutet, jemand hätte ihr Drogen verabreicht, und ich glaube, dass sie mit dieser Vermutung recht hat.“

Ohne es zu merken, ballte Reese die Fäuste.

„Ich kann nicht sagen, wie die Drogen in ihren Körper gelangt sind“, fuhr der Arzt fort, „aber Ihre Ladyschaft scheint unter dem Einfluss von Laudanum zu stehen.“

Laudanum. Er kannte die Wirkungen dieser Droge, die häufig verabreicht wurde, um Schmerzen zu stillen. Er selbst hatte es in hoher Dosierung bekommen, als er verwundet worden war.

„Nach und nach ist sie abhängig geworden“, sagte Long. „Heute hat sie die Dosis, die man ihr sonst täglich eingeflößt hat, nicht bekommen, aber an diese Dosis ist ihr Körper gewöhnt. Bis die Droge vollständig aus ihrem Körper verschwunden ist, wird sie die Begleiterscheinungen eines Entzugs ertragen müssen.“

Reese hatte Mühe, seinen Zorn zu beherrschen. Elizabeth war unter Drogen gesetzt worden, und sie hatte den Mann, der sie eigentlich beschützen sollte, unter Verdacht. Reese unterdrückte den Impuls, seinen Degen zu ziehen und ihn Mason Holloway ins Herz zu stoßen.

Natürlich hatte er keinen Beweis dafür, dass Holloway verantwortlich war. Soweit er es beurteilen konnte, war es genauso gut möglich, dass sie die Drogen selbst eingenommen hatte. Viele Menschen wurden abhängig von dem Gefühl der Euphorie, das die Droge verursachte und dabei Anspannung und Schmerz unterdrückte – für eine Weile zumindest.

„Wie lange wird das dauern?“

„Einige Tage, denke ich. Nach den Symptomen zu urteilen, die sie beschreibt, muss die Dosis relativ klein gewesen sein.“

„Das ist vermutlich der Grund, warum sie nicht weiß, wie man sie ihr zugeführt hat.“

„Werden Sie Anzeige erstatten?“

„Wie Sie schon sagten, es ist nicht klar, wie sie die Droge eingeflößt bekommen hat. Nicht einmal Lady Aldridge selbst ist ganz sicher, wer dafür verantwortlich ist.“

„Sie sind sich darüber im Klaren, dass der missbräuchliche Einsatz dieser Droge den Geist verändern und sogar zum Tode führen kann?“

„Das weiß ich.“

„Darf ich annehmen, dass Sie der Countess helfen werden, sich zu erholen?“

„Ja.“ Doch das Wort kam ihm nur schwer über die Lippen.

„Dann werden Sie ihr Schutz bieten, bis die Sache vorüber ist.“ Der Arzt musterte ihn aus seinen dunklen Augen. Es war offensichtlich, dass er in Sorge war.

Elizabeth würde bleiben müssen, aber wenn es keine Anstandsdame gab, würde sich diese Neuigkeit irgendwann herumsprechen und einen gewaltigen Skandal verursachen, weil sie in einem Junggesellenhaushalt wohnte. Was Elizabeth anbetraf, war ihm das egal, aber er musste an den Jungen denken.

„Ich werde meine Tante benachrichtigen. Ich bin sicher, sie ist einverstanden, hierher zu kommen, während Elizabeth sich erholt.“

In Wirklichkeit allerdings war er nicht völlig davon überzeugt. Seine Großtante Agatha, Dowager Countess of Tavistock, hatte es stets außerordentlich missbilligt, dass Elizabeth den Earl of Aldridge geheiratet hatte. Da sie keine eigenen Kinder hatte, galt ihre ganze Fürsorge ihren drei Neffen. Und sie wusste, wie tief Reese die ganze Sache getroffen hatte.

Dennoch glaubte er, sie würde kommen, und sei es nur, um ihn vor der Frau zu beschützen, in der sie die Viper sah, die sein Leben zerstört hatte.

Vielleicht hätte er bei der Vorstellung, dass er vor dieser zierlichen, dunkelhaarigen Frau beschützt werden müsse, gelächelt, hätte er sich nicht erinnert, wie sein Körper erst am Morgen auf Elizabeth reagiert hatte. Selbst jetzt, da er nur daran dachte, wie sie in der vergangenen Nacht im Bett gelegen hatte, spürte er seine Erregung.

Ich brauche eine Frau, sagte er sich und nahm sich vor, weibliche Gesellschaft aufzusuchen, sobald es ihm möglich sein würde.

In der Zwischenzeit hatte er vor, ein paar Nachforschungen anzustellen und zu sehen, was er über Mason und Frances Holloway und über das Leben, das Elizabeth mit ihrem Gemahl geführt hatte, herausfinden konnte.

Obwohl das so ziemlich das Letzte war, was er tun wollte.

Elizabeth lag da und zitterte. Ihr Körper war schweißgebadet. Zweimal hatte sie sich in den Nachttopf erbrochen, den Gilda, das Hausmädchen, neben ihr Bett gestellt hatte. Laudanum, hatte der Arzt gesagt. Er hatte ihr erklärt, dass sie unter dem Entzug der Droge litt, die sie vermutlich täglich verabreicht bekommen hatte, aber in ein paar Tagen würde es ihr besser gehen.

So etwas in der Art hatte sie schon vermutet, obwohl sie noch immer nicht herausgefunden hatte, in welcher Form es ihr verabreicht worden war. Vermutlich hatte man das feine weiße Pulver in ihr Essen gemischt. Sie hatte recht daran getan, das Haus zu verlassen. Ihr Magen revoltierte schon wieder.

Bei Reese war sie in Sicherheit, auch wenn er sie ablehnte.

Sie versuchte, nicht daran zu denken, wie gut er ausgesehen hatte, als er ins Frühstückszimmer gekommen war, versuchte, sich nicht zu erinnern, wir ihr Herz dabei schneller geschlagen hatte. Sie fragte sich, ob der Schwindel, den sie in jenem Moment empfunden hatte, von der Droge gekommen war oder nur durch seine Gegenwart.

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