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HISTORICAL EXKLUSIV BAND 69

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Stern der Freiheit

PROLOG

Gedämpft klang das aufgeregte Bellen der Hunde aus dem von Morgentau feuchten Wald zu der kleinen Jagdgesellschaft hinüber, die hoch zu Ross auf den Rand des Waldes zuhielt. Als Lord Matthew Huntington die Hunde anschlagen hörte, ließ er sein Pferd schneller traben und zog eine Flinte aus der Satteltasche. Auch sein Cousin, der Duke of Gravenworth, drückte seinem Hengst die Hacken in die Flanken. Bald würde die kläffende Hundemeute ein Tier aus dem Schutz der Bäume und Sträucher vor ihnen hetzen. Das Bellen wurde lauter und lauter. Brechendes Unterholz knackte zwischen den Bäumen. Doch noch wallten ungestört Nebelschwaden am Boden zwischen den Buchen und Eichen am Waldrand entlang und trieben über die nasse Wiese hinweg, über die die Reiter sich näherten.

Die Duchess of Gravenworth hielt die Zügel locker und zog es vor, langsamer als ihre Gefährten auf den Waldrand zuzureiten. Obwohl sie eine hervorragende Reiterin war, fiel es ihr heute schwer, sich gerade im Damensattel zu halten. Die Erschütterungen, die sich beim Reiten vom Pferdeleib auf sie übertrugen, waren schmerzhafter, als sie beim Aufbruch gedacht hatte. Schon jetzt drückte das Horn, um das sie ihr rechtes Bein gewinkelt hatte, unangenehm in ihre verkrampfte Kniekehle. Nach außen jedoch bot sie vom Zylinderhut bis zur Reitstiefelsohle den Anblick einer Dame von Welt. Der nicht allzu weite Rock ihres Reitkostüms aus schwerem dunkelgrauem Mohairtuch bedeckte schicklich auch noch ihren rechten Fuß, der im Steigbügel steckte.

In merkwürdigem Kontrast zur Eleganz ihrer Haltung und Kleidung stand die ungeschickt wirkende, stockende Bewegung, mit der sie ihren Oberkörper langsam zur Seite drehte. Ihr modisches Kostüm verbarg die blauen Flecken, die ihr Gatte ihr in der vergangenen Nacht wieder einmal zugefügt hatte. Mühsam zog Antoinette die schwere Flinte aus der Halterung, während sie mit der Linken weiter die Stute zügelte. Als sie die Flinte auf ihren Schoß gezerrt hatte und aufstützte, sah sie zu ihrem Mann hinüber. Edmund wartete schon begierig darauf, töten zu können. Ihre Lippen verzogen sich angeekelt. Dann machte sie die Zügel um den Sattelknauf fest und presste ihr linkes Bein an die Flanke des Pferdes. Sie hob die Flinte an ihre Schulter und wartete mit dem Finger am Abzugshahn auf das Tier, das bald aus dem Dickicht brechen musste.

Als sie den Lauf ein wenig zur Seite schwenkte, hatte sie den Hinterkopf ihres Mannes genau vor Augen.

Die Misshandlungen, die sie seit fünf Jahren ertragen musste, waren ihrem schmerzenden Körper nur zu bewusst. Sie hasste Edmund aus ganzem Herzen. So viele Nächte hatte sie verzweifelt darum gebetet, dass ihm bei seinen nächtlichen Eskapaden in London etwas zustoßen möge. Jetzt und hier könnte sie ihren Qualen ein Ende setzen. Alles, was sie tun musste, war den Abzugshahn durchzudrücken.

In diesem Augenblick sprang ein großer Hirsch auf die Lichtung, keine zwei Meter von Edmund entfernt. Er feuerte, aber das Tier eilte mit großen Sätzen den Waldrand entlang weiter. Der Duke hatte sein Ziel verfehlt. Bellend sprangen nun auch die Hunde aus dem Unterholz und setzten dem Hirsch nach. Edmund rief sie zurück.

Antoinette blickte am Flintenlauf entlang noch immer auf ihren Gatten. Könnte sie ihn töten? Wäre sie zu so etwas fähig?

In ihren Ohren hallte ein Schuss wider. Die Hunde tobten laut bellend und jaulend durcheinander und wichen mit eingezogenen Schwänzen vor dem Pferd des Duke zurück. Verwundert sah sie zu, wie Edmund langsam aus dem Sattel rutschte und leblos in den Steigbügeln hing. Sein Wallach tänzelte unruhig hin und her.

Edmund war tot.

Für einen kurzen Moment überkam Antoinette ein nie gekanntes Glücksgefühl.

Dann erst wurde ihr bewusst, was sie getan hatte. Sie musste auf ihren eigenen Ehemann geschossen haben! Sie hatte den Duke of Gravenworth getötet! Die Flinte glitt ihr aus den Händen und fiel zu Boden. Antoinette griff nach den Zügeln. Entsetzt wandte sie ihren Blick von dem Toten ab und blickte sich nach Matthew um. Sie musste ihm erklären, dass der Tod ihres Mannes ein Unfall gewesen war. „Ich … Edmund …“ Sie war wie betäubt, konnte keinen klaren Gedanken fassen.

Matthew pfiff nach den Hunden. Er trabte auf sie zu, und als er näher kam, sah Antoinette, dass er lächelte. Wie konnte er angesichts dieser schrecklichen Bluttat lächeln? Plötzlich fragte sie sich, ob es wirklich sie selbst gewesen war, die den Duke erschossen hatte. Sie konnte sich nicht erinnern, den Rückschlag der Flinte gespürt zu haben. Woher war der Schuss gekommen?

„Sie! Sie haben Seine Gnaden erschossen!“, entfuhr es ihr, bevor sie nachdenken konnte.

„Ich?“, gab Matthew zurück und hob belustigt eine Augenbraue.

Antoinette zuckte zusammen. Er war genauso gefühllos und grausam wie Edmund. Mit einem Mal war sie sich sicher, dass nicht sie es gewesen war, die den Schuss abgegeben hatte. Ihre Gedanken überschlugen sich. Matthew würde auch sie, seine einzige Zeugin, beseitigen. Sie musste so schnell wie möglich zum Schloss zurück und sich vor Matthew in Sicherheit bringen. Aufgeregt wendete sie ihre Stute. Doch sie war zu langsam gewesen.

Matthew war bereits nahe bei ihr und spornte sein Pferd nun zu einem wilden Galopp an. Er beugte sich vor und riss ihr die Zügel aus der Hand. Antoinette konnte sich kaum mehr im Sattel halten, als die sich aufbäumende Stute wild zu tänzeln begann. Sich mit einer Hand am Sattelknauf festhaltend versuchte sie noch, Matthew die Zügel zu entwinden. Doch es war sinnlos. Sie gab auf und sah ihn trotzig an.

„Sie haben Edmund von hinten erschossen! Sie sind ein Mörder! Möge Gott Sie strafen!“

Das grausame Lächeln um Matthews Mund erreichte seine stahlgrauen Augen nicht.

„Ich bitte Sie, Antoinette. Nehmen Sie sich etwas zusammen. Wie kommen Sie dazu, mich als Mörder zu bezeichnen? Es war ein Wilderer, der da geschossen hat. Haben Sie verstanden?“

„Ein Wilderer?“, wiederholte sie verblüfft.

„Entweder war es ein Wilderer, der geschossen hat“, sagte Matthew, „oder Sie.“

Antoinette starrte Matthew mit offenem Mund an. „Ich?“

„Wieso sollte ausgerechnet ich Edmund umbringen? Wer von uns beiden hasste Edmund mehr? Genug um ihn zu töten? Nur Sie, meine Liebe!“

Antoinette spürte, wie sich ihr Puls beschleunigte. „Das ist eine Lüge. Und niemand wird Ihnen glauben. Niemand wird glauben, dass ich zu so etwas fähig bin“, sagte sie mit mehr Überzeugung, als sie selber fühlte. Hatte sie geschossen? Wer hatte geschossen?

Edmund sah ihr direkt in die Augen. „Sie wären nicht die erste, äh, Gattenmörderin. Es wäre für alle nur zu verständlich, dass Sie sich ihres hassenswerten Ehemannes entledigt haben. Ihre Schreie in der vergangenen Nacht … Und Sie sichern mit Ihrer Tat immerhin die Erbfolge Ihres ungeborenen Kindes, während ich von diesem, äh, bedauerlichen Missgeschick nicht im Mindesten profitiere.“ Er lockerte seinen Griff und gab ihr die Zügel zurück.

Antoinettes Gedanken wirbelten wild durcheinander. „Ja, es … es muss wohl ein Wilderer gewesen sein“, sagte sie schließlich mit schwacher Stimme.

„Es ist schön, dass Sie Ihre Fassung wiedergewonnen haben und wir uns über die Umstände dieses Todes einig sind. Ich wusste, dass Sie eine kluge Frau sind.“ Er sah kurz zu einer großen vorüberfliegenden Krähe auf und meinte dann versonnen, während er sich ein Stäubchen von der Reithose klopfte: „Denken Sie nur – wäre Edmunds Vater nicht der Erstgeborene gewesen, dann würde ich heute der Duke of Gravenworth sein. Aber, wie mein verstorbener Vater – Gott habe ihn selig – zu sagen pflegte, damals, in jener Schicksalsnacht seiner Geburt waren böse Mächte am Werk. Der Erstgeborene wurde vertauscht. Sein jüngerer Zwillingsbruder kam nämlich im Aussehen mehr nach der Huntington-Linie. Nun gehen Sie mit Edmunds Kind schwanger, was mich daran hindert, einst den Titel führen zu können, der mir nach dem Recht der Natur eigentlich zusteht. Fünf Jahre lang hatte ich die Hoffnung, dass die böse Saat nicht gedeiht und das Schicksal ein Einsehen hat. Doch nun …“ Antoinette schluckte, als er sie anblickte und die Stirn in Falten legte: „Mir, oder vielmehr Ihnen, bleiben zwei Möglichkeiten. Entweder heiraten Sie mich – oder Sie sterben für das Verbrechen, das Sie begangen haben.“

Die Duchess öffnete ihren Mund, aber kein Laut kam über ihre Lippen. Sie sollte ihn heiraten? Ein Stöhnen entrang sich ihrer Kehle.

Matthew lächelte grimmig. „Ich gestatte mir, anzunehmen, dass Sie damit meinen Antrag angenommen haben. Gut. In der Woche nach Edmunds Beerdigung werden wir unsere Verlobung bekannt geben.“

Antoinette zuckte zusammen, als ob er sie geschlagen hätte. „So bald? Alle werden denken, dass Sie der Vater meines Kindes sind!“, gab sie mit leiser Stimme zu bedenken.

Er nickte bedächtig. „Und da das Kind des Duke als mein Kind gelten wird, bleibe ich der Nächste in der Erbfolge. So wäre uns allen geholfen. Was wäre es für ein Leben für Ihr Kind, wenn Sie, die Mutter am Galgen baumeln würden … Aber nun, meine Liebe, sollten wir uns beeilen und zurückreiten, um das grauenvolle Verbrechen bekannt zu machen, dem der allseits geschätzte Duke of Gravenworth heute zum Opfer gefallen ist.“

1. KAPITEL

Euer Gnaden, draußen wartet ein Bote auf Sie.“

„Ich danke Ihnen, Mrs. Cuthwell.“ Antoinette, die sich nach dem Frühstück zum Sticken in das Wohnzimmer zurückgezogen hatte, folgte der geschäftigen kleinen Frau nach unten zur Haustür des kleinen Cottage und nahm vom Boten einen an sie adressierten Brief in Empfang.

Zurück im Salon öffnete sie das Schreiben und las angespannt, was ihr Vater ihr in seiner charakteristischen großen, nach rechts geneigten Handschrift geschrieben hatte. Nach einem Treffen mit ihrem Onkel, dem Duke of Wilmington, war von den beiden Männern beschlossen worden, dass sie sich zunächst zu ihrer eigenen Sicherheit in die Obhut ihres Cousins Beau Falkner in Amerika begeben und bei ihm die Geburt ihres Kindes abwarten solle, wie er das ja schon früher vorgeschlagen hatte. Würde sie einem Sohn das Leben schenken, würde er der nächste Duke of Gravenworth werden und Matthews Versuche, den Titel zu usurpieren, würden vergeblich sein. Würde sie eine Tochter zur Welt bringen, dann würde man sich etwas überlegen müssen. Als Dowager Duchess wäre in jedem Fall finanziell für sie und Edmunds Tochter gesorgt.

Ihr Vater hatte bereits eine Passage auf der Dolphin um Kap Horn nach San Francisco gebucht. Der Kapitän des Klippers, ein gewisser W. T. Honeycutt, war ein Bekannter ihres Onkels und würde während der langen Überfahrt für ihre Sicherheit garantieren. Fünftausend Pfund, eine ansehnliche Summe Geldes, würde der Duke of Wilmington über die Schifffahrtgesellschaft für sie zur Bank of San Francisco transferieren. Damit sollte sie auch die Weiterreise in das Territorium von New Mexico finanzieren.

Antoinette faltete das raue Papier sorgfältig wieder zusammen. Sie sah hinaus. Große Regentropfen prasselten auf die kleinen Scheiben der beiden Fenster des Wohnzimmers, und dunkle, tief hängende Wolken ließen den Morgen fast ebenso düster wie den vorangegangenen Abend erscheinen.

Dies war das geeignete Wetter, um den gewagten Plan, den sie sich zurechtgelegt hatte, in die Tat umzusetzen. Sie hatte die Dunkelheit und ein gewisses Überraschungsmoment auf ihrer Seite. So sehr sie gegrübelt hatte, ihr war nur diese einzige Möglichkeit in den Sinn gekommen, Matthew daran zu hindern, das Erbe des Duke anzutreten.

Sie verließ den kühlen Raum und machte sich auf den Weg zu Captain Cuthwell, der sich, wie jeden Morgen nach dem gemeinsamen Frühstück, zum Lesen in sein kleines Arbeitszimmer zurückgezogen hatte. Es dauerte etwa zwanzig Minuten, bis sie den skeptischen pensionierten Marineoffizier mit Halbwahrheiten und Lügen so weit hatte, dass er ihr versprach, einen Kutscher kommen zu lassen, der vertrauenswürdig war und ein Paar schneller Pferde besaß.

Während sie ungeduldig die Ankunft des Kutschers erwartete, dachte Antoinette an ihre Flucht von Gravenworth zurück. Auf Edmunds Beerdigung hatte es glücklicherweise nur einiger geflüsterter Worte bedurft, und ihr Vater hatte seine einzige Tochter in seiner Kutsche weit weg von Matthew gebracht. Aber wie wenig verständnisvoll ihr Vater gewesen war, als sie ihm während der schaukelnden Fahrt erzählte, wie Edmund wirklich gestorben war! Obwohl er ihr erst geduldig zugehört hatte, als sie aufgeregt über den Jagdausflug und Matthews Drohungen berichtete, hatte er dann nur bedächtig den Kopf gewiegt und ihr eine Heirat mit Matthew ans Herz gelegt.

Vorsichtig hatte er ihr zu verstehen gegeben, dass ihre Erzählung angezweifelt werden würde, auch wenn er als ihr Vater ihr natürlich Glauben schenkte. In Erinnerung daran schnaubte sie wütend.

„Du bist immer ein liebes, ehrliches Kind gewesen“, hatte er gesagt, „aber für deine Unschuld existiert kein Beweis, meine Liebe. Ein Glück, dass die Geschichte über den Wilderer von allen geglaubt wurde!“ Verlegen hatte er an seinem grauen Schnurrbart gezwirbelt. „Dir ist bewusst, dass Matthew Huntington dich nicht mehr vor Gericht bringen kann, nicht wahr? Er hat dich in einer prekären Situation geschützt und möchte sich mit dir verloben. Wenn du ihn nicht heiraten wirst, dann kann er nur Duke werden, wenn er dich und Edmunds …“, er hatte sich geräuspert, „… nun, ich muss wohl nicht deutlicher werden, Antoinette. Wie bedauerlich, dass du eine Verbindung mit dem jungen Mann ablehnst. Er ist doch eigentlich ein Mann, der Damen gefällt, nicht wahr? Und er ist ja auch nur ein Cousin, nicht der Bruder des Verstorbenen, was die Sache einer Eheschließung erleichtert …“ Er hatte sie zögernd angesehen.

Antoinette war entrüstet gewesen: „Aber Vater! Matthew ist der Mörder meines Mannes!“

Noch einmal hatte ihr Vater gedrängt: „Du solltest vorsichtig sein, Antoinette. Du nimmst an, dass er der Mörder deines Gatten ist. Vielleicht hat er den Hirsch verfehlt und zufällig …? Vielleicht war es tatsächlich ein Wilderer? Vielleicht hast ja doch du selber den tödlichen Schuss …“

Sie hatte ihm einen vorwurfsvollen Blick zugeworfen.

Ihr Vater hatte, ohne sie anzusehen, hastig weiter gemurmelt: „Matthew ist ein kluger, gebildeter junger Mann. Eine Heirat mit ihm wäre vom gesellschaftlichen Standpunkt aus durchaus eine Erwägung wert. Ohne dich kränken zu wollen, meine Liebe – ich bitte dich nur, dein Alter zu beachten. Du bist nicht mehr jung. Und du willst doch nicht als Witwe sterben?“

Sie hatte die Lippen zusammengepresst, die Hände im Schoß gefaltet und mit so viel Bestimmheit, wie sie aufbringen konnte, geantwortet: „Ich will Matthew nicht heiraten. Ich werde zunächst bei dir in Seaborne Manor bleiben und mich von diesem schrecklichen Erlebnis erholen.“

„Nun, es hat wohl keinen Sinn dich zu drängen, nicht wahr? Aber Seaborne Manor? Wird Matthew dich nicht zuerst dort suchen? Nein, mein Kind. Seaborne Manor ist nicht der richtige Aufenthaltsort für dich. Es ist nicht sicher. Die Unannehmlichkeiten …“ Er hatte die Stirn gerunzelt. „Ich werde dich wohl besser zu meinem Freund Captain Cuthwell nach Bath bringen. Niemand wird dich dort vermuten.“ Mit dem Ende seines Gehstocks aus Teakholz hatte er unruhig auf den Kutschenboden geklopft. „Ja, mein Kind, du wirst in Bath bei Captain Cuthwell bleiben, bis wir beschlossen haben, was zu tun ist.“

Antoinette hatte sich erleichtert in den gut gepolsterten Sitz der Reisekutsche zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Sie hatte ihren Willen durchgesetzt. Erst einmal war sie in Sicherheit. Alles würde gut werden. Sie würde Matthew Huntington nicht heiraten müssen.

Die letzten Tage war sie damit beschäftigt gewesen, die Beerdigung und die dazugehörigen Feierlichkeiten zu organisieren: Blumenbuketts in Auftrag geben, Trauerkleidung für sich schneidern lassen und Todesanzeigen versenden. Mit der Köchin hatte sie die Bewirtung der Trauergäste und der Pächter besprochen und die dafür notwendigen Vorräte geschätzt und, so weit nötig, einkaufen lassen. Immer wieder waren Damen und Herren aus der Nachbarschaft vorgefahren, um ihr einen Kondolenzbesuch abzustatten. Matthew Huntington war ihr keine Sekunde von der Seite gewichen und hatte sogar ihre Post gegengelesen. Sie war froh gewesen, wenn sie sich spät am Abend allein in ihr Schlafzimmer hatte zurückziehen können. Erst während der Fahrt nach Bath hatte sie gespürt, wie erschöpft sie war.

Nachdem sie sich ausgeschlafen und ein paar ruhige Tage bei den Cuthwells verbracht hatte, begann Antoinette zu grübeln. Sie hätte sich vermutlich schuldig fühlen müssen, weil sie der Tod ihres Mannes so gar nicht bekümmerte. Doch das Einzige, was sie fühlte, war eine unaussprechliche Erleichterung, wie sie sich im Stillen eingestand. Das erste Mal seit Jahren war sie entspannt. Die Bedrohung, die von Matthew Huntington ausging, erschien hier, im beschaulichen Haushalt der Cuthwells, unwirklich und war so ganz anders als die Angst, die sie Tag und Nacht vor Edmund hatte haben müssen. Sie hatte gewusst, dass ihr niemand beistehen würde, weder, wenn er sie prügelte, noch, wenn sie versuchen würde, ihn zu verlassen – sie, eine kinderlose Ehefrau ohne eigene Mittel. Sie hätte nirgendwohin gehen können. Ihr Vater war stets darauf bedacht gewesen, Edmund Huntington, den mächtigen Duke of Gravenworth, nicht gegen sich aufzubringen. Das eheliche Recht, sie zu züchtigen und ihr beizuwohnen, wann immer ihm der Sinn danach stand, konnte ihm ohnehin niemand streitig machen. Das Recht ist immer auf Seite der Männer, dachte sie bitter.

Aber als Dowager Duchess, als Witwe des reichen Duke, war sie endlich frei. Antoinette lächelte grimmig. Sie würde alles tun, um der Tyrannei und den Schmerzen einer weiteren Ehe zu entgehen.

Das Rollen von Rädern schreckte sie aus ihren Gedanken auf. Offenbar war die Kutsche, die sie bestellt hatte, vorgefahren.

Es war später Nachmittag. Matthew warf erbost den gusseisernen Schürhaken zu Boden und trat einen Schritt zurück. Der Wind stand ungünstig. Das Feuer im Kamin qualmte heute nur und wollte nicht recht brennen. Dabei war dieser Donnerstag besonders kalt und regnerisch, was die schlechte Laune, unter der er seit Wochen litt, noch verstärkte. Wo war die Dowager Duchess? Er wusste mit Sicherheit, dass sie nie in Seaborne Manor eingetroffen war. Aber wo hatte ihr Vater sie versteckt? Er hatte eine hohe Belohnung für Nachrichten über ihren Verbleib ausgesetzt, doch niemand hatte ihm etwas über ihren Aufenthalt sagen können. Sogar die Männer, die er in Bristol dafür bezahlte, dass sie jedes Schiff beobachteten, das ein- und auslief, hatten bislang nichts gemeldet. Irgendwann, irgendwo musste sie doch auftauchen! Was war nur geschehen?

Er war davon überzeugt gewesen, dass er Antoinette mit seinen Drohungen nach der Jagd genügend eingeschüchtert hatte. Sie hatte nicht einmal versucht, mit ihm nochmals über den von ihm angesetzten Verlobungstermin zu verhandeln. Die ganzen Tage über hatte er sie nicht eine Minute aus den Augen gelassen. Nie hatte sie irgendetwas getan, was darauf schließen ließ, dass sie ihn nicht heiraten wollte. Auch als sie sich nach der Beerdigung unter die Gäste gemischt hatten, war er immer in ihrer Nähe geblieben. Wenn ihn doch Westfield nicht in ein Gespräch verwickelt hätte, als sie auf ihren Vater zuging … Als sie auf ihren Vater zuging und ihm hastig ein paar Worte ins Ohr flüsterte, wusste er, dass sie ihn getäuscht hatte. Ihre Unterwürfigkeit ihm gegenüber war nur gespielt gewesen. Er war sich ihrer zu sicher gewesen.

Matthew ballte hilflos die Hände. Als nächster männlicher Verwandter würde er Duke of Gravenworth werden … wenn Antoinette nicht Edmunds Kind erwartete. Er zweifelte nicht daran, dass sie ihren Vater über ihren Zustand in Kenntnis gesetzt hatte, was bedeutete, dass auch ihr Onkel, der Duke of Wilmington, über die Existenz eines möglichen Erben Bescheid wusste. Und der Duke war ein enger Vertrauter der Queen. Matthew wusste, dass er Königin Victoria sofort über die Existenz eines legitimen Erben informieren würde, wenn er Anspruch auf den Titel des Duke of Gravenworth erhob. Er stöhnte. Er musste Antoinette finden und sie heiraten, um als Vater ihres Kindes gelten zu können. Aber nun war sie seit drei Wochen verschwunden und zu tun, was er beabsichtigte, wurde immer schwieriger. Die Zeit lief gegen ihn.

Mit einem gewaltigen Krachen sprang die Tür hinter ihm auf, und er drehte sich erbost herum. „Wie können Sie es wagen, hier so hereinzuplatzen“, grollte er.

„Mylord“, keuchte Thomas, sein Kammerdiener, „die Köchin … hat … soeben berichtet, dass die Dowager Duchess … in Gravenworth war …“

Matthew fluchte. „Und niemand hat es für nötig befunden, sie aufzuhalten? Ich werde dafür sorgen, dass sie alle entlassen werden. Bringen Sie mir Mantel und Hut, Thomas. Und lassen Sie mein Pferd satteln.“ Thomas eilte hinter dem großen Mann her, der nach draußen eilte. „Ja, Mylord. Wie Sie wünschen, Mylord. Mylord, sie hat den Hund und Hester mitgenommen“, keuchte er außer Atem.

Antoinette hielt sich während der schaukelnden Fahrt an den abgegriffenen dunkelbraunen Lederriemen fest, die von der Decke hingen. Es war keine gute Idee gewesen, nach Gravenworth zurückzukehren. Sobald sie durch das Portal auf den Besitz gefahren war, war ihre alte Angst zurückgekehrt. Sogar jetzt, nachdem sie das Gut längst hinter sich gebracht hatten, war ihr Körper angespannt vor Furcht.

Die Kutsche rumpelte auf ihrer schnellen Fahrt durch jedes Schlagloch, das im schlammigen Weg auf sie wartete. Noch immer war der Himmel düster, und es regnete unaufhörlich. Sie konnte im Zwielicht der einbrechenden Dämmerung kaum die schwangere Bedienstete sehen, die ihr gegenübersaß. Antoinette war besorgt. Möglicherweise verlor Hester wegen der unbequemen Fahrt ihr Kind. Aber sie konnte es sich nicht erlauben, langsamer fahren zu lassen. Sie unterdrückte einen Seufzer. Wäre sie in Gravenworth geblieben, wäre es Matthew nicht verborgen geblieben, dass sie gelogen hatte. Ihre Behauptung, guter Hoffnung zu sein, war nur ein Mittel gewesen, erst ihren Gatten und dann Matthew von ihrem Schlafzimmer fernzuhalten.

„Es is’ so verdammt kalt. Und alles tut mir weh“, sagte Hester böse. Sie zog eine dünne Wolldecke, die der Kutscher ihr gegeben hatte, enger um ihre schmalen Schultern.

Antoinette ließ den Revolver in ihre kleine Reisetasche fallen. Hester mit der Waffe zu bedrohen war die einzige Möglichkeit gewesen, die Frau dazu zu bringen, mit ihr zu kommen. Angesichts der Tatsache, dass ihr Bauch flach war und es keinen Hinweis auf ihren Zustand gab, fiel es Antoinette schwer, zu glauben, dass Hester bereits im fünften Monat sein musste. Konnte es sein, dass auch sie eine Schwangerschaft nur vorgetäuscht hatte? Daran wollte sie gar nicht denken.

Und dann Sir Drake, ihr einziger Freund. Dass sie ihren Hund hatte zurücklassen müssen, trieb ihr die Tränen in die Augen. Sogar während sie das Schloss sicher durch den Küchentrakt verließ, hatte sie Hester mit der Waffe in Schach halten müssen, um sie zum Einsteigen zu bewegen. Und da hatte der Hund die Gelegenheit genutzt, aus ihrem Arm zu springen und bellend irgendetwas hinterher zu jagen, wie es seine Art war. Es hätte zu lange gedauert, den kleinen Whippet zu suchen.

„Wo zur Hölle fahren wir hin?“

„Jemand hätte dir schon vor langer Zeit deinen Mund mit Kernseife waschen sollen.“

„Seine Gnaden, der Duke, hat sich nie über meinen Mund beschwert“, sagte Hester anzüglich. Sie spielte kokett mit einer langen goldblonden Locke, die ihr über die Schulter fiel, und warf der Duchess einen abschätzigen Blick zu. „Und zumindest fucht’l ich nich’ mit Schießeisen ‚rum und bin nich‘ unfruchtbar wie Euer Gnaden.“ Ihr Blick wanderte zu der kleinen Reisetasche.

„Schlag dir das aus dem Kopf, Hester. Man würde dich aufhängen“, sagte Antoinette kühl. „Edmund ist tot. Und Matthew hätte dich aufgrund der Schwangerschaft bald entlassen.“

Hester schnaubte verächtlich. „Warum sollt’ er? Ich hab doch nichts getan. Der sieht mich doch nich’ ’mal. Sowieso kann ’n Bastard nich’ erben. Aber der Duke wollt’ dafür sorgen, dass sein Sohn ’mal ’ne anständige Erziehung kriegt. Da is’ irgendwo ’n Pfarrer, der das Kind aufnimmt.“ Sie neigte den Kopf und sah die Duchess erwartungsvoll an.

„Und das haben Sie ihm geglaubt?“, meinte Antoinette zynisch. „Ein Pfarrer? Nun, Edmund hatte einen seltsamen Humor. Vielleicht gibt es tatsächlich irgendwo einen Pfarrer, der seinen Bastard großziehen würde.“ Sie umklammerte den Lederriemen und beugte sich vor, so weit das Ruckeln der Kutsche es ihr gestattete, um die Frau besser sehen zu können. „Lord Matthew Huntington ist Edmunds engster Verwandter. Warum sollte er zulassen, dass ein leiblicher Erbe von Edmund, und sei es ein Bastard, überlebt und ihm eventuell seine Rechte streitig macht?“

Hester sah sie verständnislos an. Dann kniff sie die Augen zusammen.

Antoinette fuhr fort: „Aber ich habe ein Interesse daran, dass Richard der nächste Duke of Gravenworth wird.“

„Richard?“, fragte Hester verwirrt.

„So wird Edmunds Sohn heißen.“

Sie lehnte sich wieder zurück und blickte durch die nassen Scheiben nach draußen. Sicherlich folgte ihr Matthew bereits. Da! Sie glaubte in der Entfernung etwas ausmachen zu können. Von innen klopfte sie hart an den Kutschenwand, um den Fahrer auf sich aufmerksam zu machen.

„Holbert“, rief sie zu ihm hoch, als der Mann endlich das kleine Sprechfenster öffnete. „Biegen Sie bei der Baumgruppe dort vorne nach rechts in die Seitenstraße ab, und halten Sie die Kutsche hinter den Büschen an. Wir werden verfolgt. Sehen Sie zu, dass sie auf dem Ziegelbruch bleiben! Ich will nicht, dass sie die Wagenspuren im Schlamm sehen!“

Als er den Wagen versteckt hatte, legte der Kutscher Tücher über die Nüstern der Pferde. Dann warteten sie. Antoinette zielte wieder mit dem Revolver auf Hester, damit sie nicht schrie, obwohl sie genau wusste, dass sie nicht abdrücken könnte. Sie hoffte nur, dass Hester das nicht auch wusste.

Es dauerte nicht lange, da war das Geräusch von näher kommenden Hufen zu hören. In der Dunkelheit konnte Antoinette nur schemenhaft eine Gruppe von Reitern erkennen. Matthew war sicher einer von ihnen. Die Pferde galoppierten Schlamm aufspritzend an ihnen vorüber. Hester war ruhig geblieben. Die Duchess atmete auf.

Was sollte sie jetzt tun? Irgendwann würden die Reiter zurückkehren und mehr auf die Straße achten, wenn sie sie nicht einholten. Plötzlich erinnerte sie sich an einen alten Weg, der seit Jahren nicht mehr benutzt wurde. Als sie erst frisch mit Edmund verheiratet war, hatte sie ihn für ihre morgendlichen Ausritte benutzt, weil sie wusste, dass er sie dort nicht finden würde. Antoinette warf einen Blick zum Himmel. Ohne Licht würde es schwierig werden, den Weg zu finden. Aber es würde nicht nur für sie schwierig werden, sondern auch für ihre Verfolger.

Der Kutscher hatte skeptisch die Augen zusammengekniffen, als ihm die Duchess neue Fahrtanweisungen gab. Er sollte weiter zum Waldrand und eine alte Straße entlang fahren? Was, wenn der Weg unbefahrbar war und eine Achse brach? Die feine Dame hatte nur mit den Schultern gezuckt und ihm majestätisch versichert: „Ich komme für alles auf.“ Ärgerlich hatte er auf seine durchnässten dunklen Hosen hinabgesehen. Er fror und würde sicher krank werden. Diese Fahrt war nicht das, was er erwartet hatte, als Captain Cuthwell ihn hatte holen lassen. Die Cuthwells waren feine Leute. Mit denen gab es nie Schwierigkeiten. Aber Ihre Gnaden hatte ihm ein ganzes Pfund in die Hand gedrückt und ihm noch mehr versprochen. Daraufhin war er brummelnd auf den Kutschbock zurückgeklettert.

Da sie wusste, dass sie sonst nichts tun konnte, lehnte Antoinette sich wieder zurück in ihren Sitz. Würden sie es auf der schlechten Straße bis zum Morgen zurück nach Bath schaffen? Wenn das nicht der Fall war, dann würde die Dolphin ohne sie absegeln. Sie hatte zu lange gewartet, um Hester abzuholen. Was sollte sie tun, wenn das Schiff nicht mehr im Hafen lag?? Sie versuchte, ihre wachsende Erregung zu unterdrücken. Die Dolphin war nicht das einzige Schiff, das nach Amerika fuhr. Sie atmete tief durch und versuchte zu lächeln. Sie hatte Matthew übertrumpft, und sie war rechtschaffen stolz auf ihren Sieg.

„Euer Gnaden, warum ham Sie mich von Gravenworth weggebracht?“, fragte Hester auf einmal leise und holte sie aus ihren Gedanken in die Wirklichkeit zurück.

„Wegen des Kindes, das du zur Welt bringen wirst. Ich beabsichtige, es als mein eigenes Kind auszugeben.“ Als sie Edmund und alle anderen glauben machen konnte, sie wäre schwanger, war das ein Segen gewesen. Allerdings war ihr nicht wohl bei dem Gedanken, dass auch ihr Vater glaubte, dass sie dem Duke einen legitimen Erben gebären würde. Aber er und der Duke of Wilmington würden sie niemals gegen Matthew unterstützen, wenn sie nicht mit einem Erben aufwarten konnte. Nur wenn sie das Kind der Magd – und sie flehte zu Gott, es möge ein Sohn sein – als das ihre ausgab, würde sie sich als dessen Mutter Gravenworth sichern können. „Du kannst dir bis Bath überlegen, ob dir der Gedanke zusagt, Hester. Wenn ja, werden wir zusammen nach Amerika reisen. Ich werde dafür sorgen, dass sich die Sache finanziell für dich lohnt.“

Hester hatte immer davon geträumt, nach Übersee auszuwandern. Amerika war ein großes, weites Land, hatte sie gehört. Dort konnte sie eigenen Grund und Boden haben. Ein eigenes Haus. Ein paar Kühe … Alle träumten davon, nach Amerika zu gehen. Aber die Überfahrt war so teuer. Nie würde sie so viel sparen können. „Was, wenn’s ein Mädel wird?“, fragte sie vorsichtig und senkte die Lider.

„Huntington-Männer zeugen keine Töchter“, kam die knappe Antwort. Antoinette hatte bereits beschlossen, dass sie auch einen Waisenjungen in Amerika adoptieren würde, um einen Anwärter auf den Titel präsentieren zu können, wenn es denn sein musste.

Schließlich hatten sie die alte Straße erreicht. Das dichte Gesträuch, das den alten Weg im Laufe der Jahre überwuchert hatte, schlug dem Kutscher ins Gesicht. Antoinette konnte ihn fluchen hören. Er ließ die Pferde im Schritttempo vorwärts trotten. Das verlangsamte ihre Fahrt ungemein. Aber es gab keine andere Möglichkeit für sie, ihren Weg ungehindert fortzusetzen.

Hester saß ruhig da und überdachte, was die Duchess gesagt hatte. Der Tod des Duke hatte all ihre hochfliegenden Träume und Pläne zunichtegemacht. Sie hatte sich schon als die inoffizielle Herrin von Gravenworth gesehen. Wer hätte je gedacht, dass Seine Gnaden so jung sterben würde? Sie atmete tief ein. Seit Edmund tot war, war sie nicht weiter interessiert daran gewesen, was aus dem Kind wurde, das sie unter ihrem Herzen trug. Aber jetzt, wo die Duchess das Kind als ihr eigenes ausgeben wollte, sah sie auf einmal völlig neue Möglichkeiten für sich. Sie würde einfach abwarten.

„Euer Gnaden? Wenn’s recht ist, würd’ ich gern’ mit Ihnen nach Amerika geh’n.“

Antoinette legte den Kopf zurück und schloss die Augen. Sie spürte, wie ein Teil der Spannung aus ihren schmerzenden Gliedern wich. Die Huntington-Linie würde intakt bleiben. Es konnte nur Gutes aus ihrer Entscheidung resultieren, den Bastard Edmunds als legitimen Erben großzuziehen.

Soeben war eine Entscheidung gefallen. Jetzt musste sie alles tun, was in ihrer Macht stand, damit Edmunds Sohn auch tatsächlich der nächste Duke of Gravenworth wurde.

2. KAPITEL

Hester schritt angespannt auf dem Parkettboden ihres Hotelzimmers auf und ab und stützte die Hände in den schmerzenden Rücken. Von Zeit zu Zeit sah sie durch die Fenster hinaus auf die breite Straße. Die Zeit verging, und ihre Niederkunft stand unmittelbar bevor. Wer würde ihr beistehen? Sie wusste, dass die Duchess nichts von solchen Frauensachen verstand, und das machte ihr Angst.

Aber sie mussten weiterreisen. Sie mussten bald bei Beau Falkner in New Mexico eintreffen. Ja – wenn sie nicht die Dolphin verpasst hätten, wären sie nicht vor drei Tagen in New York gelandet. Aber sie hatten die Dolphin knapp verpasst und ihre Reise erst auf dem nächsten Schiff nach Amerika antreten können. Durch die Herbststürme hatte sich die Überfahrt sogar noch um einige Wochen verzögert.

Hester blieb stehen und rieb über ihren Bauch. Das Kind trat sie. Es lebte. Das Glück hatte sie nicht ganz verlassen. Dass sie den Sohn des Duke gebären würde, verlieh ihr eine Macht, von der sie nie auch nur zu träumen gewagt hatte.

Während der Überfahrt hatte sie reichlich Zeit gehabt, ihre Zukunft zu planen. Wenn sie erst einmal bei Beau Falkner angekommen waren, würde sie, Hester Potter, die Duchess of Gravenworth sein. Sie lächelte und nahm ihre ruhelose Wanderung zwischen Kleiderschrank und Fenster wieder auf.

Während sie an Bord waren, hatte Hester die seekranke Duchess aufopferungsvoll gepflegt, das Erbrochene weggewaschen und sie gefüttert. Die Enge der Kabine und die Krankheit hatten keinen Raum für Förmlichkeit und Distanziertheit gelassen, und so war der Umgang der Frauen immer vertraulicher geworden. In der dunklen Kajüte hatte die Duchess der neugierigen Hester stundenlang Geschichten aus ihrem Leben erzählt und alle Fragen geduldig beantwortet. Was hätten sie sonst auch tun sollen? Die Fahrt hatte viel länger gedauert als geplant. Hester wusste nun alles über die Ihre Gnaden, sogar alles über ihre Kindheit in Seaborne Manor. Und sie hatte begriffen, warum die Duchess Matthew Huntington so sehr fürchtete. Eines Abends hatte sie ihr anvertraut, dass es kein Wilderer gewesen war, der den Duke erschossen hatte, sondern Lord Matthew Huntington, und dass dieser sie deshalb mit Drohungen zu einer Heirat hatte zwingen wollen.

Doch weitaus wichtiger war, dass Ihre Gnaden ihr erzählt hatte, dass Beau Falkner seine Cousine Antoinette selbst noch nie gesehen hatte. Das hatte sie auf die Idee gebracht, einen Rollentausch vorzunehmen. Sie würde den Platz der Dowager Duchess einnehmen.

Da sie wusste, dass das, was sie über die Vergangenheit Ihrer Gnaden in Erfahrung gebracht hatte, nicht genügte, um ihren Platz einzunehmen, hatte sie begonnen, die Sprache und die Bewegungen ihrer Herrin zu kopieren. Sie hatte die Duchess sogar gebeten, ihr beizubringen, besseres Englisch zu sprechen. Ihre Gnaden war entzückt gewesen, sie korrigieren zu können. Hester verzog das Gesicht. Die dauernde Ermahnung, nicht immer die Endsilben zu verschlucken, klang ihr noch in den Ohren. Ja, es war mühsam gewesen, die ständigen herablassenden Belehrungen zu ertragen, aber es hatte sich gelohnt. Abends beim Waschen oder wenn sie alleine in der Kabine war, hatte sie im Geheimen geübt, sich wie die Duchess zu bewegen. Bald, sehr bald, würden ihre Bemühungen belohnt werden. Sie war stolz auf sich.

Zweifellos hatte der Vater oder der Onkel der Duchess ihren Neffen mittlerweile brieflich von Antoinettes Ankunft unterrichtet und darauf hingewiesen, dass sie ein Kind unter dem Herzen trug. Hester lächelte. Ebenso wie das Ihrer Gnaden war ihr Haar blond, auch wenn es einen helleren Ton hatte. Ja, dachte sie, sie war darauf vorbereitet, in die Rolle der Duchess zu schlüpfen. Natürlich würde sie Vorkehrungen treffen müssen, damit die echte Herzogin niemals die Farm ihres Cousins erreichte. Aber es würde ihr schon noch etwas einfallen – Amerika war so groß, viel größer, als sie es sich je hatte vorstellen können. Ihre Gnaden hatte einige Landkarten gekauft, um eine Reiseroute auszuarbeiten, und sie hatte ihr dabei über die Schulter gesehen, um zumindest das letzte Stück Weg alleine finden zu können. Nur New Mexico, das Ziel ihrer Reise, war auf den meisten Karten nicht verzeichnet. Bislang wussten sie nicht einmal, ob New Mexico eine Stadt oder ein Unionsstaat war.

Hester blickte aus dem Fenster. Es war ein kalter grauer Frühlingstag. Mit jedem Windstoß glitzte das Wasser in den Pfützen auf der Straße. Bald würde es wieder zu regnen beginnen.

Sobald sie an Land gegangen waren, war die Duchess wieder in ihre alte Rolle zurückgefallen und hatte sie wie eine Zofe herumkommandiert. Doch momentan war Hester damit ganz zufrieden. Dieses New York war eine riesige Stadt, und sie hatte Angst, sich in den Straßen zu verirren oder von einem der riesigen Pferdewagen – Omnibus wurden sie genannt – angefahren zu werden. In einer Straße hatte sie sogar Eisenbahnen gesehen, die rasend schnell und mit lautem Kreischen auf Gleisen über den Straßen fuhren. Dass die Duchess die Reisevorbereitungen allein traf, ließ ihr Zeit zu träumen. Sobald das Geld aus England angekommen war, würde sie reich sein. Ihr Kind würde sie in ein Waisenhaus stecken und ihrer Wege gehen.

Eine Kutsche kam auf das Haus zu, und die Duchess öffnete den Wagenschlag. Interessiert zählte Hester vom Fenster aus die Zahl der Päckchen und Pakete, die der Kutscher hinter ihr her zum Hotel trug, und eilte zur Tür, die bald darauf geöffnet wurde.

„Guten Abend, Euer Gnaden“, sagte Hester mit falscher Ehrerbietigkeit. „Ich kann es gar nicht erwarten zu sehen, was Sie eingekauft haben.“

Antoinette schlüpfte aus ihrem Wollmantel und zog die langen Hutnadeln aus der Krempe. Sie lächelte Hester aufmunternd zu. Die arme Frau, dachte sie, als sie den Hut ablegte und sich die kalten Arme rieb. Mittlerweile war Hesters Schwangerschaft nicht mehr zu übersehen. Sie fragte sich, wie sie mit dieser unförmigen Figur noch aufrecht stehen konnte, und deutete auf zwei der Papierschachteln. „Das ist für dich, Hester. Bei dieser Kälte brauchen wir wärmere Kleider.“

Hester versuchte, Freude zu heucheln, als sie das Kleid sah, das die Duchess für sie besorgt hatte. Ein schlichtes graues Wollkleid ohne Spitzenkragen und mit eingelegten Falten! Bald würde sie sich selber Kleider kaufen können. Hellblau stand ihr besser als Grau. „Haben Sie eine Amme finden können?“, erkundigte sie sich, während sie desinteressiert die Schnur von einem anderen Päckchen löste. Als sie das Papier zurückschlug, fand sie schwarze Wollstrümpfe, auch ungemustert und schlicht. Sie machte sich nicht die Mühe, sie anzuprobieren.

Antoinette verzog die Lippen zu einem gequälten Lächeln. „Nein. In England wäre das kein Problem, aber hier, meine Liebe – Amerika ist in dieser Hinsicht trotz aller Modernität überaus unzivilisiert. Offensichtlich wird hier von uns armen Geschöpfen erwartet, dass wir unsere Kinder selber …“ Sie sprach das Wort nicht aus.

Hester folgte ihr schwerfällig in ihr Ankleidezimmer. „Wir sind also noch immer weit von Ihrem Cousin entfernt, und Sie können keine Amme finden. Dabei haben Sie mir versprochen, dass wir nur das Schiff nehmen müssten, um bei ihm zu sein. Das Kind kommt bald zur Welt!“ Sie hatte Mühe, nicht die Beherrschung zu verlieren.

Antoinette fühlte sich schuldig. Die vergangenen Monate waren bestimmt nicht einfach für Hester gewesen, aber bislang hatte sich die junge Frau nie beklagt. Im Gegenteil – Hester hatte ihr beigestanden, als sie seekrank in ihrer Kabine lag. Obwohl sie niemals ganz vergessen konnte, mit wessen Kind Hester schwanger ging, war sie ihr ans Herz gewachsen. Um ihren guten Willen zu zeigen, murmelte sie daher: „Ich bin mir sicher, dass wir bald eine Amme finden werden und aufbrechen können.“ Die Frage war nur, wann und wo.

Sie wickelte ein neues Kleid aus dem Papier, in das es bei der Modistin eingewickelt worden war, um es im Schrank aufzuhängen. Es war ein schönes hellgraues Kleid mit schwarzen Spitzeneinsätzen um die Knopfleiste und einem gerafften Rock. Trotz aller Widrigkeiten bereiteten ihr zumindest ihre Einkäufe in New York einige Befriedigung. Hier musste sie keine Trauer zeigen, die sie ohnehin nicht empfand.

„Haben Sie in Erfahrung bringen können, wo genau Ihr Cousin lebt?“

„Nein“, gestand Antoinette. „Ich habe mir heute eine Landkarte von New Mexico gekauft, aber Mr. Falkners Ranch ist natürlich nicht eingezeichnet. Das Territorium von New Mexico ist offenbar nur ein Grenzgebiet und wurde erst vor nicht allzu langer Zeit von den Vereinigten Staaten annektiert, wenn ich den Herren im Buchladen richtig verstanden habe.“ Sie seufzte. „Ich hoffe nur, dass es dort keine Grenzstreitigkeiten gibt und wir auf der Reise nicht unverhofft zwischen irgendwelche Fronten geraten.“ Von den Indianerüberfällen, vor denen sie sich fürchtete, sagte sie Hester lieber nichts. „Vielleicht ist es ja doch ungefährlicher, wenn wir einfach hier bleiben – selbst wenn Matthew uns findet. Dann haben wir auch noch mehr Zeit, eine Amme für das Kind zu finden.“

Hester war entsetzt. In New York bleiben? Alle ihre Pläne würden damit zunichtegemacht. Nein, sie mussten aufbrechen! „Ich denke, ich habe eine Lösung für dieses Problem gefunden.“ Sie senkte die Lider mit den langen Wimpern. „Da der Sohn des Duke Ihr Sohn sein wird – könnte nicht ich mich als Amme des Kindes ausgeben? Wir könnten schon morgen weiterreisen.“

In Antoinettes grünen Augen zeigte sich ein Funken Interesse, verglimmte aber schnell wieder. „Es ist erwiesen, dass es in solchen Fällen am besten ist, Mütter und Kinder unmittelbar nach der Geburt zu trennen“, sagte sie sanft. „Das erspart allen Seiten viel Schmerz.“

Zum ersten Mal überlegte sie, was passieren würde, wenn Hester plötzlich ihre Meinung ändern würde und sich weigerte, das Kind aufzugeben. Sie konnte ihr das Kind kaum mit Gewalt wegnehmen.

Hester bedrängte sie weiter: „Sogar Sie selbst haben gesagt, dass wir nicht länger hier bleiben können. Ich könnte das Kleine stillen. Niemand muss wissen, dass ich es auch geboren habe. Und das ist das Wichtigste – wir könnten endlich zum Gut ihres Cousins weiterreisen.“

„Wir können nicht abreisen. Das Kind muss geboren sein, bevor wir bei den Falkners eintreffen. Sonst wird jeder wissen, dass ich nicht seine leibliche Mutter bin.“

Hester biss die Zähne zusammen. Je näher sie der Ranch waren, wenn sie das Kind zur Welt brachte, desto besser würde ihr Plan funktionieren. „Aber wir können unterwegs einen Aufenthalt in einer anderen Stadt einlegen.“

Antoinette schürzte die Lippen. „Das geht nicht. Eines Tages würden Sie dann behaupten, die wahre Mutter zu sein.“

„Wer würde mir glauben, Euer Gnaden, wenn Ihr Wort gegen meines steht … Besonders, wenn etwas Zeit vergangen ist …? Euer Gnaden, wie könnte ich, eine einfache Bedienstete, mir nicht wünschen, dass mein Sohn ein Duke of Gravenworth wird? Ich wäre so stolz auf ihn.“

Antoinette machte den Fehler in Hesters blaue, seelenvolle Augen zu blicken, und konnte sich ihrer Bitte nicht widersetzen. Ja, was Hester sagte, machte Sinn. „Wir sollten tatsächlich aufbrechen. Matthew hat bereits in verschiedenen New Yorker Zeitungen Suchanzeigen aufgegeben“, seufzte sie. „Gut, versuchen wir es.“

Aber als sie sich abwandte, wusste sie, dass sie soeben eine falsche Entscheidung getroffen hatte.

Kaum aus der Droschke ausgestiegen, die sie vom Hotel in die East 42nd Street gebracht hatte, musterte Antoinette die Front des riesigen Gebäudes aus braunem Sandstein, das vor ihr lag. Sie hatte irgendwann in der London Times gelesen, dass Cornelius Vanderbilt, ein amerikanischer Eisenbahnbaron, keine Kosten gescheut hatte, als er den Grand Central Terminal, den riesigen Hauptbahnhof, für die New York Central Railroad Gesellschaft errichten ließ. Aber sie hatte keine Zeit, die pompöse Steinfassade genauer zu betrachten, und eilte durch einen mit klassizistischen Ornamenten geschmückten Eingang in das Gebäude. Dort verschlug ihr der Anblick der riesigen Stahlkonstruktion des gewölbten Glasdachs, das sich über das gesamte Bahnhofsinnere spannte, erst einmal den Atem.

Aus irgendeinem Grund hatte sie nicht erwartet, dass Amerika so modern war, als sie sich New York näherten. Die Erzählungen von Bekannten über den amerikanischen Bürgerkrieg und Harriet Beecher-Stowes Onkel Toms Hütte hatten sie mit vagen Vorstellungen auf ein heißes, ländliches Amerika und große Villen vorbereitet. Auch die grausamen Indianer, die sie eigentlich erwartete hatte, waren nirgends zu sehen. Wären nicht die vielen Farbigen überall gewesen, hätte New York genauso gut eine europäische Metropole sein können.

Nachdem sie einige Minuten hilflos in der riesigen kalten Bahnhofshalle umhergeirrt war, fand sie einen Fahrkartenschalter, an dem bereits andere Menschen anstanden. Fünfzehn Minuten später konnte Antoinette aus der Schlange an den Mahagonitresen vor den bebrillten Beamten treten. Sie hob den Schleier an ihrem Hut etwas zurück.

„Ich hätte gerne zwei Fahrkarten für eine Fahrt nach New Mexico. Im Schlafwagen. Erster Klasse.“

„In den Westen, also, Ma’am? Mit dem Hotel-Express?“, fragte der Schalterbeamte geschäftsmäßig.

„Ich würde gerne schon morgen fahren.“ Antoinette versuchte nicht zu zeigen, wie aufgeregt sie war.

„Morgen schon“, wiederholte der Schalterbeamte und blätterte in einem kleinen Buch. „Nun, Sie können mit unserer New York Central bis Chicago reisen.“ Er zog einen bunt bebilderten Prospekt aus einer Ablage und legte ihn vor ihr auf den Tresen. „Von dort bringt sie die Rock Island Railroad nach Omaha, wo sie die Union Pacific bis Cheyenne nehmen können. Dort müssten sie dann nach Pueblo umsteigen. Ab Pueblo gibt es Postkutschenbetrieb nach New Mexico.“ Er sah sie prüfend an. „Morgen Abend um acht Uhr dreißig Uhr geht der nächste Zug nach Chicago, Ma’am.“

In Antoinettes Kopf wirbelten Namen durcheinander. Chicago? New York Central? Omaha? Union Pacific? Sie würde das daheim auf den Karten nachsehen müssen. Sie kramte in ihrem Handtäschchen und legte zwei Banknoten vor sich auf den Tresen. Der Fahrer händigte ihr Wechselgeld und zwei Fahrscheine bis Chicago aus. „Wie lange wird die Fahrt insgesamt dauern?“

„Ein bis zwei Wochen, Ma’am. Je nachdem, wie günstig die Anschlussverbindungen sind.“

Hinter ihr drängte schon der nächste Passagier und sagte mit hartem Akzent: „Sie haben Ihre Fahrscheine, also bewegen Sie sich, damit ich meine kaufen kann.“

Antoinette war empört. Wütend zischte sie: „Sir, Sie verfügen nicht über eine Spur von Anstand!“ und verließ so würdevoll wie möglich den Bahnhofssaal. Es machte ihr große Sorgen, dass ihre Mittel immer weniger wurden. An das Geld, das bei der Bank of San Francisco für sie deponiert worden war, kam sie in New York nicht heran. Ja, sie könnte telegrafieren. Aber dann müsste sie in New York bleiben, bis das Geld hierher transferiert worden war. Und sie konnte unmöglich noch länger hier bleiben. Wenn Hester ihr Kind zur Welt brachte, würden sie ohnehin einen längeren Halt einlegen müssen. Bis dahin musste sie einfach sparsam haushalten. Obwohl sie nicht wusste, wie sie noch sparsamer hätte sein können als bisher – sie hatte nichts gekauft, was sie nicht brauchten.

Sie eilte in einem Gewirr von Reisenden und Neugierigen nach draußen und wollte gerade auf einen der Omnibusse zugehen, da tippte ihr jemand an die Schulter. Rasch drehte sie sich um und erwartete, sich demselben unmöglichen Herrn gegenüberzusehen, den sie soeben in seine Schranken gewiesen hatte. Aber den ausgemergelten Mann, der vor ihr stand, hatte sie nie zuvor gesehen. Er war viel zu armselig gekleidet, um ein Gentleman zu sein. Die Nähte seines fadenscheinigen braunen Jacketts hatten sich teilweise gelöst, die Taschen waren ausgebeult, und auch der Kragen des weißen Hemdes war schmutzig.

„Madam, erlauben Sie mir, mich vorzustellen!“ Er lüpfte seinen fadenscheinigen Hut und verbeugte sich tief. „Mein Name ist Jefferson Davis. Vielleicht haben Sie von mir gehört?“

„Nein.“

Mr. Davis lächelte. „Ich war zufällig zugegen, als Sie mit dem Schalterbeamten sprachen. Ihrem Akzent nach zu schließen sind Sie noch nicht lange im Lande?“

„Ja, das stimmt. Was kann ich für Sie tun, Mister?“

Er blickte sich kurz um, so als ob er vermeiden wollte, dass ihm jemand zuhörte. „Was Ihnen der Schalterbeamte nicht gesagt hat ist, dass Sie, wenn Sie die Stadt in Richtung Westen verlassen, mit Dingen konfrontiert sein werden, von denen Sie noch nie gehört haben.“ Er versuchte sie am Arm zur Seite zu ziehen, aber Antoinette schüttelte ärgerlich seine Hand ab.

„Was hat das mit Ihnen zu tun, Mister?“

„Ich versuche nur, christlich zu handeln und Sie zu warnen. Wenn Sie mit einer Dienstbotin oder schlimmer noch, einem Kind, alleine in den Westen reisen wollen, begeben Sie sich in große Gefahr.“

Antoinettes Besorgnis stieg. Sie hatte schon gehört, dass es im Westen von Gesetzlosen und Indianern wimmelte. Jeden Tag war in der Zeitung ein Bericht über ein Indianermassaker zu lesen. Angeblich war niemand sicher vor ihnen. „Nun – was denken Sie, sollte ich tun?“

„Ich würde vorschlagen, dass Sie jemand einstellen, der Sie begleitet. Jemand, der gut mit einem Gewehr umgehen kann.“

„Können Sie mir jemanden empfehlen?“

„Vertrauen Sie sich ruhig mir an, Madam!“

„Was zum Teufel tust du da, du altes Stinktier?“, ertönte eine laute Stimme. Mr. Davis zuckte zusammen, dann rannte er davon.

Antoinette sah verblüfft zu, wie er vor einem großen bulligen Mann davonlief, und wurde dann auf einen weiteren Zuschauer aufmerksam. Er stand lässig im Schatten des Bahnhofsgebäudes, spielte mit dem Knauf seines Spazierstocks und starrte sie unverhohlen an. War das einer von Matthews Spionen? Sie hätten New York gleich am Tag nach ihrer Ankunft wieder verlassen sollen! Aber sie hatte ja nach einer Amme suchen und wärmere Kleidung besorgen müssen.

Sie reihte sich zwischen den anderen Fußgängern ein, die den Bahnhofsvorplatz verließen, und bemühte sich, nicht weiter aufzufallen. Unmittelbar vor sich sah sie einen weiteren Mann, der verdächtig aussah. Er schien die Menschen zu beobachten, die auf dem Weg zum Bahnhof waren. Antoinette musste sich Mühe geben, damenhaft auszuschreiten und nicht einfach ihre Röcke zu raffen und davonzurennen. Erst nachdem sie an der Straßenecke eine Droschke herangewinkt hatte und den Kutscher durch verschiedene Nebenstraßen hatte fahren lassen, war sie sich sicher, dass man ihr nicht gefolgt war. Warum gab es immer neue Probleme? Warum ließ Matthew sie nicht einfach in Ruhe? Wie sollte sie mit der schwangeren Hester die gefährliche Fahrt in den Westen überstehen?

Als sie aus dem Fenster die Straße entlangblickte, sah sie direkt in das Schaufenster eines Schneidergeschäfts, in dem ein Männeranzug ausgestellt war. Ihr war eine Idee gekommen. Konnte sie das tun? Sie dachte nur kurz nach, dann schrie sie: „Halt!“

Die Kutsche kam so abrupt zu stehen, dass Antoinette vornüber flog. Ihr Hut rutschte zur Seite, und die Hutnadel zog unangenehm an ihren Haaren. Es dauerte, bis sie ihre Frisur wieder hergerichtet hatte.

„Aussteigen oder weiterfahren, Ma’am?“, fragte der Kutscher unwirsch.

„Ich steige aus, aber warten Sie bitte hier auf mich“, antwortete Antoinette dem ungehobelten Mann. Da er keine Anstalten machte, ihr beim Aussteigen zu helfen, musste sie dies alleine tun. Sie mochte New York immer weniger.

Antoinette ging zurück zum Schneidergeschäft und starrte den dunklen Baumwollanzug an, der ausgestellt war. Er könnte ihr passen. Sie war groß, schlank und hatte im Gegensatz zu Hester nur wenig Oberweite.

Obwohl ihr der Gedanke, Männerkleidung anzuziehen, obszön vorkam, war mit einem Kleiderwechsel die Möglichkeit gegeben, gesund und heil nach New Mexico zu gelangen. Hester und sie könnten als Mann und Frau reisen. Sie biss die Zähne zusammen und drückte die Ladentür auf.

Hesters Blicke wanderten von dem schwarzen Hose, die Ihre Gnaden auf dem weißen Leinen des Bettes ausgebreitet hatte, zur Duchess selbst und dann zurück zur Hose. „Wir sollen uns als Mann und Frau ausgeben? Das ist nicht Ihr Ernst, Madam!“

„Sei doch nicht so fantasielos, Hester! Wir müssen etwas tun, um uns zu schützen! Einen Tag wie den heutigen möchte ich nicht noch einmal erleben.“ Antoinette hoffte so sehr, dass Hester ihre Verkleidung überzeugend fand. Dem Schneider, der sie sehr skeptisch beäugt hatte, hatte sie eine wirre Geschichte über einen Maskenball und einen Zwillingsbruder aufgetischt und ihn schließlich dazu gebracht, ihr zwei Anzüge, Hemden, Krawatten und Unterwäsche zu verkaufen, die etwa ihre Größe hatten. Danach hatte sie noch Manschettenknöpfe, eine Taschenuhr und einen Hut erstanden. Leider hatten diese Einkäufe ihre Geldbörse noch weiter strapaziert.

Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Hose zu und fuhr mit der Hand über den glatten Baumwollstoff. Nebenbei bemerkte sie: „Sieh dir den Prospekt an, Hester. Ich bin völlig begeistert. Nach der stürmischen Seereise wird der Rest der Reise ein Erholungsausflug werden! Wir werden in Plüschsesseln sitzen können, und der Zug ist sogar beheizt.“

Vorsichtig hakte Hester nach: „Sie sagten, dass eine Reise über New York nicht zu weiteren Verzögerungen führen würde. Aber warum hatte Ihr Vater dann eine Passage nach San Francisco gebucht?“

„Vermutlich, weil die Dolphin früher auslief oder weil er glaubte, auf der langen Seereise sei ich vor Matthew sicher. Allerdings hätten wir viele Monate gebraucht, um Kap Horn zu umsegeln. Du hättest das Kind also an Bord gebären müssen. Ist das nicht eine schreckliche Vorstellung? Nein, ich denke, wir haben Glück im Unglück gehabt, als wir die kürzere Route nach New York nehmen konnten. Von hier aus könnten wir auch mit der Eisenbahn nach San Francisco fahren, wenn dir das lieber ist, und von dort aus nach New Mexico aufbrechen. Aber das ist noch teurer als die Fahrt, die ich nun gewählt habe.“ Antoinette knöpfte ihren grauen Wollrock auf und ließ ihn auf den Boden fallen.

Hester schnaubte. „Ich werde das Nähzeug holen. Wir werden die Hosen in der Taille etwas einnähen müssen, damit sie passen.“

Antoinette zog die Hosen über. Der Stoff fühlte sich angenehm an. „Hester“, sagte sie nüchtern, als die Frau zurückkam, „wir müssen sehr vorsichtig sein. Wir dürfen mit niemandem sprechen. Ich hatte unklugerweise angenommen, dass wir hier in Amerika in Sicherheit sein würden, aber heute am Bahnhof hat sich das als Irrtum herausgestellt. Ich habe zwei Männer dort getroffen, die beide von Matthew geschickt worden sein könnten. Das hat mich daran erinnert, wie gefährlich unsere Situation noch immer ist.“

Hester ging darauf nicht ein. „Wie werden wir uns nennen?“

„Wie meinst du?“

„Wenn wir als Mann und Frau verreisen – wie sollen wir uns nennen?“

Antoinette hielt einen Moment inne. „Du wirst immer noch Hester sein. Wie war doch gleich dein Nachname?“

„Potter.“

„Gut, dann sind wir eben Mr. und Mrs. Potter. Ich … ich nenne mich Albert. Ich fand den Namen immer schön. Und er ist so patriotisch. Ach, und da ist noch etwas, was zu meinem neuen Kostüm gehört.“ Antoinette fischte etwas aus einer Hutschachtel. Sie zog es heraus und zeigte es Hester. „Ich habe mir auch noch einen Schnurrbart gekauft. Ich dachte, sonst wirkt meine Haut zu glatt.“ Antoinette hielt den Bart an ihre Oberlippe.

„Die Farbe wirkt, äh, unnatürlich.“ Hester begann zu kichern.

„Unsinn. Der Bart ist eben ein bisschen dunkler als meine Haare. Ich habe oft Schnurrbärte gesehen, die nicht denselben Farbton hatten wie die Haupthaare ihrer Träger.“

„Aber mussten Sie ausgerechnet einen so buschigen nehmen?“, prustete Hester.

„Wir können ihn ja noch zurechtstutzen“, verteidigte Antoinette sich.

Hester schüttelte belustigt den Kopf. „Und was ist mit Ihren Haaren?“

„Mit meinen Haaren?“

Hester steckte die Stelle fest, wo sie die Hose enger machen musste. „Gentlemen haben keine hüftlangen Haare.“

Antoinette seufzte. Wie Edmund wiederholt betont hatte, waren ihre Haare das einzig Hübsche an ihr. „Du wirst sie mir abschneiden müssen.“

Hester konnte nur mühsam ein Lächeln unterdrücken. Mit gespieltem Mitleid sagte sie: „Das ist wirklich schade.“

„Es wird wieder wachsen“, murmelte Antoinette, mehr zu sich als zu ihrer Bediensteten.

Die beiden Frauen begannen mit ihrer Arbeit. Sie hatten noch viel zu tun, wenn sie bis zum kommenden Abend fertig gepackt haben wollten.

Während die Gepäckträger die Reisetaschen abholten, warf Antoinette einen prüfenden Blick in den Spiegel. Sie hatte immer noch Probleme damit, zu glauben, dass der knabenhafte blonde Mann, der ihr entgegensah, ihr eigenes Spiegelbild war.

Als Hester am vergangenen Abend im Badezimmer ihr das hüftlange Haar mit einer kleine Schere Strähne für Strähne abgeschnitten hatte, hatte Antoinette mit den Tränen kämpfen müssen. Wie lange würde es wohl dauern, bis ihre Haare wieder so lang gewachsen sein würden? Aber als sie dann zum ersten Mal vorsichtig den Kopf drehte und mit der Hand über ihre weichen, kurz geschnittenen Nackenhaare fuhr, fühlte sich die neue Frisur gut an. Und die Schmerzen, die sie abends fast immer vom Zurückbinden der Haare hatte, würden nun auch ausbleiben.

Ja, dachte sie und blickte in den Spiegel – jetzt sah sie wirklich vom Hut bis zur Sohle wie ein Gentleman aus – wie ein sehr junger Gentleman. Die Uhrkette und der Spazierstock rundeten das Gesamtbild ab. Nur ihr Schnurrbart wirkte sehr unnatürlich, wie Hester schon befürchtet hatte. Glücklicherweise verriet ihre Stimme sie nicht: Edmund hatte immer missfallen, dass sie so tief und ein wenig rau klang.

Antoinette drehte sich und sah sich von der Seite an. Sie wirkte durchaus überzeugend. Männerkleidung war überraschend leicht, hatte sie festgestellt. Und sehr viel bequemer als Schnürleib und Damenkleider. Die Weste saß eng und kaschierte, was sie an Oberweite hatte. Nun würde sich gleich herausstellen, ob sich die Leute täuschen ließen.

Als sie hinter den Gepäckträgern das Hotel verließ, hätte Antoinette am liebsten gejubelt. Weder der verschlafene Portier noch einer der Träger hatte sie genauer gemustert.

Auch am Bahnhof erregte sie kein Aufsehen. Dennoch war sie sehr angespannt. Da sah sie, wie zwei Frauen ihr schmachtende Blicke zuwarfen – nein, nicht ihr: Albert. Ihre Tarnung funktionierte. Antoinette begann sich zu entspannen. In dem Maße, in dem ihre Zuversicht stieg, wurden ihre Schritte länger.

Hester, die zum ersten Mal das große Bahnhofsgebäude betrat, sah sich staunend um und blieb zurück.

Antoinette wollte sich gerade zu ihr umdrehen, um zu sehen, wo sie blieb, da stieß sie gegen ein Hindernis. Nachdem sie nach ihrem schwarzen Hut gehascht hatte, der ihr vom Kopf gefallen war, blickte sie auf, um zu sehen, wogegen sie geprallt war.

Ein großer, breitschultriger Mann war mit seiner Begleiterin im Passantenstrom stehen geblieben. Antoinette erschrak über den zornigen Blick, den er ihr für den Bruchteil einer Sekunde zuwarf. Schließlich war es ja nur ein Missgeschick gewesen. Dann, bevor sie sich noch bei ihm entschuldigen konnte, wandte er sich wieder der rothaarigen Frau zu, die neben ihm stand, und presste seine Lippen auf eine so unanständige Weise auf deren Mund, dass Antoinette das Blut in die Wangen stieg. Kein Gentleman würde eine Dame derart küssen – und schon gar nicht in der Öffentlichkeit! Und seine Haare! Wild und ungebändigt und kinnlang fielen sie über seine markanten Backenknochen bis auf die Wange der Frau. Nein, dieser Mann war entschieden kein Gentleman.

Verlegen und eingeschüchtert eilte Antoinette weiter.

Doch irgendetwas am Äußeren des Mannes hatte sie irritiert und brachte sie dazu, sich noch einmal kurz zu ihm umzudrehen. Sein Hemd! Noch nie hatte Antoinette einen Mann gesehen, der ein Hemd aus weißem Leder trug – ein Lederhemd, das Fransen an den Armen hatte. Aber sie hatte auch noch nie einen so beeindruckenden Mann gesehen, wie den Träger des Hemdes, wie sie aus der Entfernung feststellen musste. Und dieser … dieser Wilde küsste die rothaarige Frau immer noch!

3. KAPITEL

Nachdem ein Schaffner ihnen die Sorge um ihr Gepäck abgenommen und sie zum Pullman-Palace-Sleeping-Car, einer der genialen Erfindungen George Pullmans, geführt hatte, waren sie eingestiegen und hatten auf einer bequemen roten Polsterbank nebeneinander Platz genommen.

Hester musterte anerkennend von ihrem Platz am Gang aus das Innere des Wagens und stellte ihr Handgepäck vor sich auf die andere Bank. Die Wände waren mit Nussholz getäfelt, und Messinglampen mit grünen Glasscheiben hingen von der Decke im Mittelgang. Es war angenehm warm. Dass es eng war, hatte sie erwartet. Außerdem hatte der Schaffner darauf hingewiesen, dass es einen geräumigeren Aufenthaltswagen gab, in den sich die Passagiere begeben konnten, um sich zu unterhalten und zu rauchen.

„Ist es bequem so für dich?“, fragte Antoinette.

„Danke – mir geht es gut.“

Antoinette konnte es kaum erwarten, dass der Zug sich in Bewegung setzte. Bis sie New York nicht hinter sich gelassen hatten, würde sie sich nicht sicher fühlen. Sie spähte hinaus, um zu sehen, ob irgendwelche verdächtig aussehenden Personen draußen herumstanden.

Ihr umherschweifender Blick fiel auf einen großen Mann – auf denselben, mit dem sie versehentlich zusammengestoßen war, wie sie erstaunt feststellte. Er stand vor dem Aufgang zum Pullman-Schlafwagen und küsste – immer noch oder schon wieder, fragte sie sich – die hübsche Rothaarige. Allerdings mit weniger Leidenschaft als vorhin. Schadenfroh sah sie zu, wie er die Arme der Frau sacht von seinem Nacken löste.

Ein lauter Pfiff ertönte, und der Schaffner schrie: „Letzte Aufforderung! Alle in den Zug!“

Ein Rucken durchfuhr den Waggon, und dann setzte der Zug sich ganz langsam in Bewegung. Das Metall der Räder quietschte grell auf. Hester hielt sich die Ohren zu. Antoinette war neugierig geworden. Würde der dunkelhaarige Mann oder die rothaarige Frau einsteigen?

Der Zug gewann an Fahrt, und Antoinette verlor das Pärchen aus den Augen, das offensichtlich sehr verliebt war und nicht voneinander lassen wollte. Sie würde wohl nie erfahren, was aus ihnen geworden war oder warum sie sich trennen mussten.

„’Tag auch, Mister.“

Antoinette blickt auf und sah sich demselben Mann gegenüber, an den sie eben gedacht hatte. Seine Augen waren warm und freundlich und fast schwarz. Obwohl er nicht so schön war wie Edmund, war er unbezweifelbar der attraktivste Mann, den sie je gesehen hatte. Sie nickte ihm zu, antwortete aber nicht.

„Auch eine weite Reise vor sich?“, fragte er, als er sich auf der anderen Seite des Ganges neben Hester niederließ. Seine Stimme gefiel ihr; sie war tief und sonor.

„Ähem …“, sie räusperte sich, weil sie auf einmal eine trockene Kehle hatte, „… eh … bis Chicoga.“

„Sie meinen wohl Chicago?“

„Ja, richtig.“ Antoinette spürte, dass sie rot wurde. Der Fremde verwirrte sie.

„Wir fahren aber eigentlich nach New Mexico“, warf Hester ein und lächelte den Fremden kokett an.

Antoinette ärgerte sich über Hesters Einmischung und mehr noch über deren unverschämtes Lächeln. Außerdem erinnerte sie sich plötzlich daran, dass es weniger Probleme geben würde, wenn sie und Hester nicht zu viel von sich preisgaben.

Der Fremde nahm seinen Hut ab und legte ihn auf den leeren Sitz neben sich. Dann strich er sich die langen Haare aus dem Gesicht hinter die Ohren. „Na, dann haben wir ja ein gutes Stück Weg gemeinsam. Ich heiße Nathan Bishop und bin auf dem Weg nach Denver.“

„Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mr. Bishop. Mein Name ist Potter, Hester Potter, und dies ist mein Gatte Albert Potter“, girrte Hester. Dann fragte sie naiv: „Wissen Sie eigentlich, wo die Betten sind, die man uns zugesichert hat?“

Nathan lachte. „Man kann die Bänke hier, auf denen wir sitzen, zu Betten ausziehen. Und von da oben kann man noch ein Bett herunterklappen. Hat der Schaffner Sie noch nicht über den Komfort der Pullman-Wagen aufgeklärt?“ Er ließ sich tiefer in den Polstersessel sinken. „Sie sind wohl noch nicht lange im Lande? Wann haben Sie England verlassen, wenn ich mir die kühne Frage gestatten darf?“

„Ich bitte um Entschuldigung, Mr. Bishop, aber es ist schon spät am Abend, und meine Frau hätte gerne etwas Ruhe“, zischte Antoinette wütend. Was fanden die Männer nur an Hester?

„Danke, Albert, aber ich fühle mich recht wohl“, sagte Hester und lächelte liebevoll. Dann wandte sie sich wieder zu Mr. Bishop: „Mein Mann macht sich immer so schreckliche Sorgen um mich! Es ist sein erstes Kind, wissen Sie.“ Das Blut dröhnte Antoinette in den Ohren, als Mr. Bishop sie mit wissendem Blick ansah und sich dann mit einem breiten Grinsen wieder Hester zuwandte. Antoinette atmete tief durch. Wieso fühlte sie sich so enttäuscht, dass er Hester so viel Aufmerksamkeit schenkte? Das war lächerlich! Sie kannte den Mann nicht einmal!

Hester lächelte den attraktiven Mann neben sich weiter an. „Wir sind vor ein paar Monaten aufgebrochen.“

Mr. Bishop nickte verständnisvoll.

Besorgt darüber, dass Hester unwillentlich zu viel preisgeben könnte, versuchte Antoinette sie mit einem kleinen Stoß in die Hüfte an die Gefahr, in der sie sich befanden, zu erinnern. Unglücklicherweise waren Hesters Unterröcke zu dick. Sie schien den Knuff jedenfalls nicht zu bemerken. Und eine verbale Zurechtweisung würde nur ungewollt Aufmerksamkeit erregen.

„Und Sie? Sie reisen bestimmt nach Hause zu Ihrer Frau und Ihren Kindern?“ Hesters Stimme klang viel gelassener, als sie selbst war. Sie musste unbedingt wissen, ob dieses Prachtexemplar von Mann verheiratet war oder nicht.

„Nein, ich bin nicht verheiratet.“

„Oh – entschuldigen Sie bitte meine aufdringliche Frage.“ Hester schlug die Wimpern nieder.

Während sie und der gut aussehende Mr. Bishop weiter plauderten, saß Antoinette wie auf Kohlen. Sie musste Hester vor dem Fremden warnen. Mr. Bishop hatte noch vor wenigen Minuten in der Mitte der Bahnhofshalle gestanden und eine Frau auf eine Art und Weise geküsst, die unentschuldbar war. Vor allem, wenn es sich dabei nicht um seine Ehefrau gehandelt haben sollte, wie sie seinen Worten entnahm. Was für einem Kuss! Sie würde nie einem Mann gestatten, sie derart zu küssen!

Antoinette blickte aus dem Fenster. Es wurde früh dunkel, und im Dämmerlicht spiegelte sich Mr. Bishops Gesicht im Fensterglas. Es war ein hartes Gesicht, entschied sie. Die weißen Zähne bildeten einen starken Kontrast zu der sonnengebräunten Haut des Mannes, die sich bis auf die Lachfältchen um die Augen glatt über seine breiten Wangenknochen spannte. Und dieses Hemd! Es war sehr … sehr exotisch. Sie bemerkte, dass Mr. Bishop ebenfalls zum Fenster blickte. Hatte er gespürt, dass sie ihn beobachtete? Sie lehnte den Kopf an das Nackenpolster zurück und schloss die Augen. Wie konnte sie nur einen Mann attraktiv finden?

Nachdem sie Edmunds Gewalttätigkeit ausgesetzt gewesen war, hatte sie gedacht, dass sie sich nie wieder für irgendeinen Mann interessieren würde. Und nun starrte sie Mr. Bishop unverhohlen an. Nein, so durfte sie ihn nicht nennen. Nicht einmal in Gedanken. Männer redeten sich immer mit Vornamen an. Sie sollte ihn Nathan nennen.

Am folgenden Morgen lehnte Nathan, den Hut tief ins Gesicht gezogen, verkrümmt an seinem Sessel und versuchte, etwas Schlaf zu finden. Er hatte schon festgestellt, dass die Betten im Pullmann-Wagen ganz offensichtlich nicht für einen Mann seiner Größe erfunden worden waren. Lag er gerade, musste er die Beine anwinkeln, und streckte er die Beine diagonal aus, ragten sie über den Mittelgang hinweg ins Nachbarabteil. Zu Hester Potter. Die eine bemerkenswert hübsche kleine Blondine war.

Als er den Schaffner hörte, der mit lauter Stimme ankündigte, der Zug würde in Kürze anhalten, damit sie frühstücken konnten, schob er seinen Hut zurück und streckte sich.

„Guten Morgen“, zwitscherte eine weibliche Stimme neben ihm fröhlich. Ein Vorhang wurde zurückgezogen.

„’n Morgen, Ma’am“, antwortete er der englischen Dame.

Nachdem sie die Vorhänge zurückgebunden hatten, verschwanden Hester und Antoinette erst einmal in den Waschräumen und nahmen dann wieder ihre Plätze ein. Antoinette vermied es, Nathan anzusehen. Der große gut aussehende Mann verunsicherte sie. Es wäre gut, wenn Nathan für den Rest der Reise den Mund halten und sich unsichtbar machen würde.

„Ich denke, es ist vielleicht wichtig für Sie zu wissen“, sagte der ahnungslose Nathan höflich, „dass der Zug nur ganz kurz halten wird. Etwa für zwanzig Minuten, wenn Sie Glück haben.“

Antoinette schloss für einen Moment die Augen. Sie wusste, dass ihr Wunsch nicht erhört worden war.

„Warum nur so kurz?“, fragte Hester entsetzt, die sich auf ein ausgiebiges Mahl gefreut hatte.

„Auf einigen Strecken lässt der Schaffner die Leute genau in dem Augenblick einsteigen, in dem das Essen vor ihnen abgestellt wird. Das Essen wird ja im Voraus bezahlt. Die Leute in der Eisenbahnstation tischen dasselbe Gericht dann einfach auch noch den Reisenden der nächsten Züge auf. Von dem, was die Gaststätten verdienen, erhält der Schaffner natürlich einen Anteil.“

„Sie meinen, das Essen wird wieder und wieder serviert?“ Ungläubig starrte Hester Nathan an.

„Ja, manchmal schon. Aber damit sie sich eine eigene Meinung über die Qualität der Speisen bilden können, empfehle ich Ihnen, an der nächsten Station so schnell wie möglich auszusteigen, damit sie überhaupt etwas zu essen bekommen.“

„Bislang sind wir ganz gut ohne Ihre Ratschläge gereist“, meinte Antoinette gereizt. In der vergangenen Nacht hatte sie Hester zugewispert, dass sie sich von ihren Mitreisenden absondern mussten. Obwohl sie Matthews Spitzeln wahrscheinlich entgangen waren, sollte besser nichts darüber bekannt werden, dass eine englische Familie in den Westen gereist war und die Frau sich in anderen Umständen befunden hatte. Aber was tat Hester? Sie lud diesen Mann zu Vertraulichkeiten ein. Böse blinzelte sie ihn an.

Nathan stand leicht verärgert auf, um sich im Waschraum der Herren frisch zu machen und zu rasieren. Dann wartete er, bis in der Ferne die Bahnstation, ein großes hölzernes Gebäude, in Sicht kam. Der Zugführer gab das Haltesignal. Die Räder der Lokomotive bremsten immer noch kreischend ab, als er mit ein paar weiteren erfahrenen Reisenden bereits aus dem Zug sprang und zur Station lief. Im Speisesaal der New York Central warteten hinter der Theke bereits mehrere farbige Kellner darauf, Bestellungen entgegenzunehmen.

Erst als Nathan schon den letzten Bissen seines Frühstücks, das aus Spiegeleiern, Steak und Kartoffeln bestanden hatte, mit einem Schluck wässrigen Kaffees heruntergespült hatte, kamen auch Mr. und Mrs. Potter Arm in Arm in den Speisesaal der Bahnsation geschlendert.

In diesem Moment ertönte ein lauter Pfiff. „Alles zurück in die Wagen“, brüllte der Schaffner, als die Potters sich der Theke nähern wollten, um ihre Bestellungen aufzugeben.

Nathan konnte einen kleinen Anflug von Schadenfreude nicht unterdrücken, als er sah, wie empört die beiden schauten, als der Schaffner sie nochmals dringend aufforderte, in den Wagen zurückzukehren. Er hoffte, dass sie sich das eine Lehre sein ließen, und schritt pfeifend durch die Eingangshalle hinaus auf den schlammigen Bahnsteig und zum Pullmann-Wagen zurück. In Zukunft würde er seine Weisheiten für sich behalten.

Als er seinen Platz einnahm und den anderen Passagieren beim Einsteigen zusah, überlegte er, was ihn zu dem Pärchen hinzog. Gegen Albert verspürte er eine merkwürdige Abneigung, aber Hester … Sie erinnerte ihn an eine andere sanfte, schwangere Frau, die er gekannt hatte. Er schloss die Augen. Einst hatte er gehofft, die Erinnerung an sie mit den Jahren verdrängen zu können. Aber noch immer sah er das Gesicht von Bright Moon in aller Deutlichkeit vor sich, wenn er die Augen schloss wie jetzt und an sie dachte.

Er hatte eine Cheyenne-Indianerin zur Frau genommen, als er noch als Bisonjäger für die Eisenbahntrupps im Westen unterwegs gewesen war. Viele Männer hatten Indianerinnen geheiratet oder mit ihnen zusammengelebt. Es war für viele eine Notlösung gewesen. Aber er hatte, anders als die meisten, seine Frau geliebt. Bright Moon. Obwohl es nun so lange her war, spürte er immer noch den heftigen Schmerz des Verlustes. Er öffnete die Augen.

Da – das britische Pärchen kehrte zu seinen Sitzplätzen zurück. Sie passen nicht recht zueinander, dachte er. Albert sah viel zu jung aus für einen werdenden Vater. Er war selber nur ein zu groß geratener Knabe. Seine Haut war so glatt wie ein Blatt Papier, und Nathan zweifelte stark daran, dass sie jemals eine Rasierklinge gesehen hatte. Und dann dieser Schnurrbart! Glaubte Albert wirklich, irgendjemand hielt seinen Schnurrbart für echt? Er war wohl ein wenig eitel. Hester dagegen … Sie war so klein. Von ihrem Bauch abgesehen, hatte sie eine nette weibliche Figur. Sie war freundlich – Albert nicht. Beide hatten blondes Haar, auch wenn Hesters fast silbrig war. Albert stolzierte einher. Hester ging nicht, sie schwebte, trotz des Kindes, das sie unter ihrem Herzen trug.

Antoinette spürte, dass Nathan sie beobachtete, als sie mit Hester den Gang entlangkam. Nicht nur beobachtete, sondern scharf musterte. Sie fing an zu zittern. Wie lang würde er brauchen, bis er entdeckte, dass sie kein Mann war? Wütend wandte sie sich zu Hester um. Warum hatte sie auch die Aufmerksamkeit dieses Mannes erregen müssen? Die anderen Reisenden waren zwei gut situierte Paare und ihre zwei kleinen Jungen. Warum hatte sich Hester nicht einer der Damen anschließen können? Stattdessen flirtete sie unverhohlen mit dem einzigen allein reisenden Mann, noch dazu einem, der unverheiratet war und über dessen Herkunft sie nichts wussten. Ihre Mitreisenden hatten die Situation zunächst erstaunt, dann mit Missbilligung zur Kenntnis genommen. Nun warfen ihr die Damen ab und zu einen mitleidigen Blick zu, und die Herren taten, als sei sie Luft. Sie war gereizt. Dass sie nun auch nicht zum Frühstücken gekommen war, verdross sie.

„Ich werde an der nächsten Station nicht auf dich warten, Hester“, sagte sie. Der Schnurrbart hatte sie daran gehindert, das Wenige an Essen zu verzehren, dass sie sich noch auf die Schnelle hatte kaufen können. „Du hast absichtlich getrödelt, damit wir das Essen verpassen.“

Hester antwortete nicht und ging weiter. Sie fühlte sich nicht wohl und war hungrig. Außerdem hatte sie nicht vor, sich zu entschuldigen. Die Befriedigung, die sie dabei verspürt hatte, die Dowager Duchess of Gravenworth erst warten zu lassen und sie dann hungern zu sehen, war besser als alles Essen der Welt.

Antoinette seufzte innerlich, als Hester ihren Platz einnahm, sie keines Blickes würdigte und sich Nathan zuwandte.

„Waren Sie schon oft in Chicago?“ Das, was sie ihr in der vergangenen Nacht eingeschärft hatte, war Hester offensichtlich zu einem Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus gegangen.

„Nein“, antwortete Nathan einsilbig.

Aber Hester war beharrlich und stellte eine Frage nach der anderen.

Der Zug hielt in fast jeder Kleinstadt auf der Strecke an. Post wurde ein- und ausgeladen, Passagiere stiegen zu. Die meisten fuhren in den Wagen der zweiten Klasse, in die Antoinette nur kurz einen Blick hatte werfen können. Die Menschen drängten sich dort auf harten Holzbänken, und viele von ihnen sahen aus, als hätten sie schon lange nicht mehr gebadet. Außerdem waren manche recht merkwürdig gekleidet. Beim Essen in den Bahnstationen hatte sie gemerkt, dass viele der Reisenden kein Englisch sprachen. Das waren wohl Einwanderer. Sie hatte in der Gazette, die der Zeitungsjunge ihnen gebracht hatte, gelesen, dass zur Besiedlung des Landes entlang der Eisenbahnlinien sogar Menschen aus Russland angeworben wurden.

Immer, wenn sie in einen Bahnhof einfuhren, achtete sie darauf, wer kam und ging. Obwohl es zweifelhaft war, dass Matthew jeden Zug nach Westen durchkämmen ließ, wusste Antoinette, dass sie es sich nicht leisten konnte, achtlos zu sein. Sie verstand nicht, dass Hester nie um ihre Sicherheit besorgt zu sein schien. Alles, was sie zu interessieren schien, waren die Worte, die über Nathan Bishops Lippen kamen.

Dies war nun schon der dritte Tag ihrer Reise. Vor ihren Augen zog die kahle Landschaft dahin. Sie waren über wenig vertrauenerweckende Holzbrücken gefahren, hatten sanfte Hügel, Wälder, Flüsse gesehen – aber bis jetzt noch keinen Büffel. Nathan hatte Hester erklärt, dass es Büffel nur in den weiten Grasebenen weiter westlich gegeben hatte und die meisten von ihnen zur Verpflegung der Bauarbeiter beim Bau der Eisenbahnen getötet worden waren. Angeblich war er selbst ein Büffeljäger gewesen. Hester hatte ihn gefragt, ob er auch Indianer gesehen hätte. Er hatte genickt, aber nichts weiter gesagt.

Eine kleines Farmgebäude kam hinter einem Wäldchen in Sicht, und von der Farm her galoppierte jemand auf sie zu. Sie musste unwillkürlich lächeln, als sie sah, wie sich die undefinierbare Gestalt in einen kleinen, sommersprossigen Junge verwandelte, der seine Stiefel in die Flanken seines Pferdes hieb und ein Wettrennen mit dem Zug veranstaltete. Er ritt eine Weile ohne Sattel neben dem Zug her und beugte sich immer weiter vor, um sein Pferd anzutreiben. Schließlich gab er auf und ließ die Zügel lang. Er winkte, als der Zug an ihm vorüberfuhr, und trabte zurück. Würde sich auch Richard an so einfachen Dingen freuen können?

Antoinette seufzte. Während der vergangenen Monate hatte sie stundenlang gegrübelt, wer den Duke wirklich getötet hatte – sie oder Matthew. Egal, wer geschossen hatte, sie und Richard würden erst in Sicherheit sein, wenn sie in Beau Falkners Haus Schutz gefunden hatten. Sie schloss die Augen. Sie war müde. In dem Hochbett unter der Decke des Waggons hatte sie in den vergangenen Nächten nur wenig Schlaf gefunden. Auch nachts hörten die Räder nicht auf, über die Schienenübergänge zu holpern. Das Geräusch, das rhythmisch wiederkehrte und ihr Bett erschütterte, hatte sie wach gehalten.

Später standen Antoinette und Hester wieder wie alle anderen in den Gängen an, um rechtzeitig über die Metallstufen nach unten zu springen, sobald der Zug anhielt. Beide waren entschlossen, zur Abendessenszeit ganz vorne zu stehen.

4. KAPITEL

Als er ein Stöhnen vernahm, wachte Nathan sofort auf. Sein Hut fiel zu Boden. Ein vorsichtiger Blick auf Hester verriet ihm, dass sie wach war und sich nur anders hingesetzt hatte. Er atmete erleichtert auf. So, wie er sich benahm, konnte man fast denken, sie würde sein eigenes Kind unter dem Herzen tragen. Aber er konnte nichts gegen die Gefühle tun, die sie in ihm weckte. Sie war so klein und wirkte so hilflos. Und Albert schien ihm keine große Stütze für die schwangere Frau. Er hob den Hut, der ihm vom Gesicht gefallen war, vom Teppichboden auf.

„Entschuldigen Sie“, wisperte Hester leise, „ich wollte Sie nicht wecken.“

„Ach, ich habe ohnehin nur gedöst“, sagte er leichthin und lächelte sie an. „Ich kann einfach nicht nur herumsitzen und nichts tun.“

„Das wird wohl die Ursache sein, warum Sie es nicht lassen können, ständig Ihr Mundwerk zu bewegen.“ Antoinette bereute ihre scharfen Worte, sobald sie sie ausgesprochen hatte. Sie hatte keine Grund, ihn zurechtzuweisen. Er meinte es ja gut. Sie war versucht, sich für das, was sie gesagt hatte, zu entschuldigen, als sie den kalten Blick sah, den Nathan ihr zuwarf. Sie würde sich nicht von ihm einschüchtern lassen. Sobald man sich von Männern einschüchtern ließ, war man verloren. Seinem Blick standzuhalten war schwer, aber sie sah ihm gerade in die Augen und focht ein lautloses Gefecht mit ihm aus.

„Mit irgendjemandem muss sie ja reden“, sagte Nathan schließlich. „Sie, Mister Potter, sind nicht gerade gesprächig.“

Antoinettes Laune, die ohnehin nicht gut war, wurde durch diese Bemerkung nicht besser. „Mr. Bishop – muss ich so peinlich direkt darauf hinweisen, dass Hester meine Frau ist?“ Antoinette verschränkte ihre Finger ineinander. „Wollen Sie nicht lieber die übrigen Männer im Aufenthaltswagen an ihrem enormen Wissen über den Westen teilhaben lassen? Wie ich hörte, werden gerade Manöver für den Fall eines Indianerangriffs diskutiert. Wissen Sie, es gibt hier überall Indianer.“

„Ach wirklich?“

Nathans breites Grinsen ließ Antoinettes Herz höher schlagen. Warum nur hatte er diese merkwürdige Wirkung auf sie?

„Ich hätte gar nicht gedacht, dass ausgerechnet Sie eine Autorität in Sachen Indianer sind.“

Antoinette schob angriffslustig ihr Kinn vor. „Wenn ich verreise, trage ich stets Sorge, mich gut darüber zu informieren, was mich erwartet.“

Hester musste sich sehr zusammennehmen, um nicht laut zu lachen. Ihre Gnaden war in etwa so Angst einflößend wie ein neugeborenes Kälbchen, wenn sie wütend war.

„Ich werde meine Familie bis zum letzten Blutstropfen verteidigen“, fuhr Antoinette fort, „und Sie, Mr. Bishop, sorgen bitte für Ihr eigenes Wohlergehen.“

„Darf ich Sie fragen, wie Sie gedenken, Ihre Familie zu schützen?“, fragte Nathan und weigerte sich, das Thema zu beenden. „Ich sehe kein Gewehr, das Sie dazu benützen könnten. Aber vielleicht planen Sie ja, um Ihr Leben zu boxen? Sie hatten doch sicher Unterricht im Boxen, Sir?“ Der Gedanke, dass Albert seine weichen Hände zu seiner Verteidigung erheben könnte, brachte Nathan zum Schmunzeln.

Antoinette war erbittert. Nein, er sollte nicht das letzte Wort haben. „Hester, wir wechseln die Plätze. Mr. Bishop wird sich jemand anderen suchen müssen, dem er sein Herz ausschütten kann.“

„Aber Albert …“

„Gehorche mir, Hester, und setz dich bitte ans Fenster“, befahl Antoinette wütend.

Die Muskeln in Nathans Kiefer spannten sich an, als er aus seinem Fenster nach draußen blickte. Er würde sich nicht in einen Ehestreit verwickeln lassen.

„Aber wenn ich am Fenster sitze, wird mir so übel“, jammerte Hester.

Antoinette räusperte sich. „Hmmh. Nun …“ Sie war völlig durcheinander. Sie überkreuzte ihre Beine und entkreuzte sie. Dann stand sie auf.

Sie musste sich unbedingt erleichtern, und sie konnte nicht mehr lange damit warten. Es war schlimm genug, dass eine Frau ihres Standes sich mit Männerkleidern kostümieren musste. Aber auch noch das Männerklo benutzen zu müssen, war demütigend. Immerhin würde sie auf der Toilette am anderen Wagenende ein paar Augenblicke ungestört sein.

Später, als Hester sicher sein konnte, dass Ihre Gnaden sich beruhigt hatte, sagte sie mit zuckersüßer Stimme: „Liebling, Nathan weiß, wo dein Cousin lebt.“ Sie sah zu Nathan hinüber. „Vielleicht wäre er ja bereit, uns dorthin zu eskortieren?“

Antoinette starrte Hester mit offenem Mund an. Wie konnte sie nur etwas Derartiges vorschlagen? Das käme einer Anzeige in der New York Times gleich, die besagte, dass Hester Richards Mutter wäre! „Wir können das später diskutieren.“

Hester nickte kurz, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder Nathan zuwandte. „Sie … Ich meine, er wird darüber nachdenken.“

Antoinette blickte aus dem Fenster, ohne irgendetwas wahrzunehmen, und versuchte, das Gemurmel Hesters und Nathans zu ignorieren. Vielleicht hätte sie nicht so vorlaut sein sollen, aber diese Erkenntnis alleine genügte nicht, um ihren Zorn zu dämpfen. Wie konnte er es wagen, zu sagen, sie würde nie mit Hester reden, wenn er ihr die ganze Zeit Hesters Aufmerksamkeit entzog? Dieser Schürzenjäger! Vor wenigen Tagen hatte er in New York leidenschaftlich eine Frau auf dem Bahnsteig geküsst. Mit einem verächtlichen Schnauben sah sie zu Nathan hinüber. Er war auch nicht anders als andere Männer. Kaum hatte er sich aus den Armen der einen gewunden, versuchte er schon die Nächste zu erobern. Sie schloss die Augen. Männer! Was fanden andere Frauen nur an Männern? Diesen grausamen, treulosen Kreaturen!

Zu behaupten, dass Edmund und sie sich geliebt hätten, wäre eine komplette Verdrehung der Tatsachen. Ja, sie hatte seine Werbung angenommen. Er war ein schöner Mann gewesen, und er war der Duke of Gravenworth. Sie war geschmeichelt gewesen, als er ihr einen Antrag machte, und sie hatte ihn gerne geheiratet. Aber schon in den ersten Nacht hatte er ein besonderes Vergnügen daran gezeigt, sie schreien zu hören, wenn er mit brutaler Gewalt in sie eindrang. Sie hatte schnell gemerkt, dass es am besten für sie war, wenn sie beim Beischlaf still blieb. Und schließlich, als sie völlig verzweifelt gewesen war, hatte sie eine Schwangerschaft vorgetäuscht. Aus irgendeinem Grund hatte er ihr geglaubt und war ihrem Bett einige Zeit ferngeblieben. Bis zur Nacht vor seinem Tod.

Antoinettes Finger ballten sich zur Faust. Als ob es wieder passieren würde, sah sie ihn vor sich, nackt und mit einem schrecklichen Lächeln auf den Lippen. Sie hatte würgen müssen vor Angst und wäre in dieser Nacht am liebsten gestorben. Es hatte nichts gegeben, wozu er sie nicht gezwungen hätte, um seine perversen Lüste an ihr zu befriedigen. Diese Nacht war die Schlimmste von allen gewesen.

Wäre sie wirklich schwanger gewesen, hätte sie das Kind auf jeden Fall verloren. Vielleicht war es ja das, was er beabsichtigt hatte. Vermutlich hatte er sie schon lange vorher innerlich so verletzt, dass sie keine Kinder bekommen konnte. Und jetzt wollte Lord Matthew Huntington sie heiraten und verfolgte sie. Nahmen denn die Qualen nie ein Ende? Ihre Kopfschmerzen wurden schlimmer. Sie rieb sich die Schläfen. Hester schien eingeschlafen zu sein. Antoinette wünschte sich manchmal, sie könnte auch so friedlich und unbesorgt schlafen. Weder Sturm und hoher Wellengang noch das Ruckeln der Eisenbahn schienen Hesters Appetit, ihrem Schlaf oder ihrer guten Laune etwas anhaben zu können. Der Schaffner hatte gesagt, dass sie bald für fünfzehn Minuten anhalten würden. Das würde ihr Gelegenheit geben, sich bei einem Spaziergang ein wenig zu strecken und zu dehnen und ihre steifen Beine zu entspannen.

Als der Zug schließlich hielt, stieg Antoinette sofort über Hesters Beine. Nach einem Blick auf ihre schlafende Begleiterin eilte sie durch den Gang nach draußen.

Draußen zog sie ihre Taschenuhr hervor und prägte sich die Uhrzeit ein, damit sie rechtzeitig wieder zurück war, wenn der Zug abfuhr. Dann atmete sie tief ein. Das war ein Fehler: Die Luft war zwar erfrischend kühl, aber vom Rauch der Lokomotive erfüllt. Sie würde ein wenig über die Wiese spazieren. Sie drehte sich um und fand sich in Sichthöhe mit einem ihr bekannten Kinn wieder. Erbost machte sie einen Schritt zurück. „Stehen Sie mir absichtlich im Weg, Mr. Bishop? Ich dachte nicht, dass Sie meine Gesellschaft derart schätzen, dass Sie sogar außerhalb des Wagens in meiner Nähe bleiben wollen!“ Obwohl sie eine große Frau war, kam sie sich neben Nathan immer sehr klein und schwach vor.

„Sie haben recht. Ich würde nur gerne von Ihnen erfahren, warum Sie mich ständig beleidigen. Passt Ihnen meine Nase nicht? Ist Ihnen mein Lederhemd nicht fein genug?“

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden!“, sagte Antoinette verärgert.

„Lassen Sie es mich so ausdrücken: Sie wissen überhaupt nichts über mich, aber dennoch versuchen Sie ständig, mich mit Worten herabzusetzen. Ich wüsste gerne, warum.“

Antoinette drückte ihre Schultern durch und machte sich so groß wie möglich. „Gut.“ Sie hatte es satt. „Ich halte Sie für einen ausgemachten Schürzenjäger. Also für jemanden, auf dessen Gesellschaft weder ich noch meine Frau auch nur den geringsten Wert legen. Deshalb würde ich es begrüßen, wenn Sie sich nach einem anderen Sitzplatz umsehen würden.“

Nathan zog eine Zigarre aus seiner Hosentasche, biss ein Ende ab und spuckte es aus. „Darf ich fragen, wie Sie zu diesem Urteil kommen, Mr. Potter?“

„Ich habe Sie bei der Abfahrt mit einer Frau gesehen. Sie haben sich höchst unschicklich benommen. Ich denke, ich muss nicht deutlicher werden. Doch sobald Sie im Wagen saßen, hatten Sie Ihre Dame offenbar schon vergessen und wandten sich meiner Frau zu.“

„Ich wandte mich Ihrer Frau zu?“ Nathan lachte böse. „Ich dachte, ich wäre einfach nur nett zu der armen Frau.“

„Ich ziehe es vor, Ihnen nicht zu glauben. Ich denke, es wäre für uns alle von Vorteil, wenn Sie in einen anderen Wagen Platz finden würden.“

Nathan zog eine Augenbraue hoch. „Hätten Sie mich das nur ein einziges Mal in nettem Tonfall gebeten, Albert, würde ich mit Vergnügen Ihrer Bitte Folge geleistet und den Zug gewechselt haben. Aber es gibt nur einen einzigen Schlafwagen.“

Antoinette sah ihm gebannt dabei zu, wie er am Daumennagel ein Streichholz entzündete und es dann ans Ende seiner Zigarre hielt. Er hatte wundervolle gebräunte Hände und sehr gepflegte Fingernägel. Dann nahm sie sich zusammen. Was gesagt werden musste, war gesagt worden. Sie wollte ihn umrunden, aber er trat ihr wieder in den Weg.

„Oh, nein, so nicht, Mr. Potter“, warnte er sie. „Sie haben gesagt, was Sie sagen wollten. Jetzt ist die Reihe an mir. Und da Sie mir nicht ausweichen können, sollten Sie mir besser zuhören.“ Er trat auf sie zu. Antoinette sah in seine schwarzen Augen, die ihr bedeuteten, stillzustehen.

„Nun gut“, sagte sie wütend, wich zurück und stieß mit dem Fuß gegen die schweren schmutzigen Stahlräder des Wagens. „Ich höre.“

Nathan sah Antoinette an und brach in schallendes Gelächter aus.

„Darf ich fragen, was Sie so überaus komisch finden?“

„Albert – Sie sind komisch!“ Das Lachen verschwand aus Nathans Gesicht. Er zog einige Mal tief an seiner Zigarre und blies den Rauch dann langsam aus. „Ich habe schon ’ne Menge Burschen wie Sie getroffen. Feiglinge, allesamt. Große Klappe, aber nichts dahinter.“

„Das lasse ich mir von Ihnen nicht bieten“, fauchte sie und versuchte ihn wegzuschubsen. Stattdessen prallte sie zurück und wäre fast hingefallen.

„Ich sagte, ich bin jetzt dran mit dem Reden. Ich möchte Ihnen einen guten Rat geben, auch wenn Sie darauf vermutlich nicht viel geben. Versuchen Sie hier im Westen nicht, jemandem zu drohen. Sie werden Ärger bekommen, und ich möchte eine so nette Frau wie Ihre Hester nicht ohne einen Cent in irgendeinem Kuhdorf stranden sehen, verwitwet und mit einem Kind, das sie allein großziehen muss. Und noch was. Nette Worte kosten nichts, und man hat viel weniger Ärger mit den Frauen, wenn man sie auch mal benutzt.“

„Sind Sie derjenige, der verheiratet ist?“ Antoinette kochte vor Zorn.

„Nö.“

„Dann spielen Sie hier nicht die Autorität auf einem Gebiet, über das Sie nicht das Geringste wissen.“

Nathan stieß zwei perfekte Rauchringe aus. „Ein bisschen Autorität habe ich schon, Mr. Potter. Ich bezweifle, dass Sie das auch von sich sagen können.“

Er ging mit langen Schritten von dannen. Am liebsten hätte er sich selbst getreten. Er verstand nicht, was ihn dazu brachte, sich in die Ehe der Potters einzumischen und seine eigenen guten Ratschläge zu ignorieren. Doch: Albert war der Grund. Er war wie ein Sandfloh, der sich unter die Haut grub, einen erbärmlichen Juckreiz verursachte und unmöglich abzuschütteln war.

Antoinette setzte entnervt ihren Spaziergang fort. Oh, wie sie es genießen würde, diesem Nathan ins Gesicht zu schlagen! Eine Autorität für Frauen war er seiner Meinung nach! Er hatte noch nicht einmal gemerkt, dass er mit einer Frau gesprochen hatte! Er war blind. Blind und dumm, dachte sie. Die Frage, wie er sie wohl behandeln würde, wenn er wüsste, dass sie eine Frau war, schoss ihr durch den Kopf. Würde er sie dann auch so anlächeln wie Hester? Schnell versuchte sie, an etwas anderes zu denken.

Als sie sich die Beine vertreten hatte und zum Zug zurückging, dessen messingfarbene Beschläge in der kühlen Frühlingssonne glänzten, gestand sie sich ein, dass Nathan Grund hatte, über die gehässigen Worte verärgert zu sein und sie ihm unrecht getan hatte. Tatsächlich hatte er nichts anderes getan, als sich wie ein Gentleman um das Wohlbefinden einer Schwangeren zu sorgen.

Es war Hester, die mit ihm flirtete. Warum verstand Hester nur nicht, welche Folgen ihre Handlungen haben konnten? Bei der nächsten Gelegenheit würde sie ein ernstes Wort mit ihrer Bediensteten reden müssen.

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