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HISTORICAL EXKLUSIV BAND 66

Marguerite Kaye, Ann Lethbridge, Linda Skye, Christine Merrill, Gail Ranstrom, Michelle Willingham

HISTORICAL EXKLUSIV BAND 66

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Die erotische Wette

* * *

London, 1785

In dem Spielsalon herrschte unerträgliches Gedränge. Die Gäste waren vorwiegend Männer, doch seit die berüchtigte Duchess of Devonshire den Karten offen huldigte, galt das Glücksspiel bei den Damen als modisches Muss, und es fand sich immer häufiger auch die holde Weiblichkeit ein.

Die Atmosphäre war erstickend, getränkt mit dem Duft von Haarpuder und schwerem Parfüm, den Ausdünstungen von Alkohol und schwitzenden Körpern. Darunter mischte sich der Geruch vom heißen Wachs der Kerzen, die flackerten und qualmten und verzerrte Schatten an die Wände malten.

„Die Acht gewinnt.“ Mit Groll im Blick schob die füllige Frau, die beim Faro die Bank hielt, einen Stapel Spielmarken über den Tisch.

Isabella Mansfield, ganz darauf konzentriert, ihren Gewinn abzuschätzen, ignorierte die wachsende Feindseligkeit der Dame. Herrgott, wie heiß es war! Nicht einmal mit dem Fächer konnte sie sich ein wenig Kühlung verschaffen. Ihre Kopfhaut juckte von dem ungewohnten Haarpuder, zu dem sie nur äußerst selten einmal griff, und das Rouge, das sie für diesen Anlass so sorgsam auf Wangen und Lippen aufgetragen hatte, reizte ihre zarte Haut. Zusätzlich bereitete ihr der steife Stoff der Abendrobe mit seinen lächerlichen Unterbauten beträchtliches Unbehagen. Leider war all dies unumgänglich, damit sie in diesem speziellen Umfeld nicht aneckte, sondern aussah wie all die anderen weiblichen Gäste hier. Abgesehen davon, dass sie keinerlei Schmuck trug. Ihren einzigen Besitz von Wert, die Perlen ihrer Urgroßmutter, hatte sie diskret verkauft, um für den heutigen Abend den Spieleinsatz zu haben. Noch zweimal musste Fortuna ihr lachen, zweimal noch musste sie richtig tippen, dann würde ihr Gewinn ausreichen.

Captain Ewan Dalgleish beobachtete interessiert, wie die junge Dame ihren gesamten Gewinn auf die Zwei setzte, was unter den anderen Gästen rings um den Tisch aufgeregtes Tuscheln auslöste. Ihrem Gebaren haftete etwas Getriebenes an, anders als der unbekümmerte Leichtsinn des echten Spielers. Sie war sichtlich angespannt. Ihre schlanken Finger spielten mit den Stäbchen ihres Fächers, und sie hatte den Blick auf das Kartenpaket der Bankhalterin geheftet, als steckte darin der Schlüssel zu ihrem Schicksal. Was höchstwahrscheinlich auch der Fall ist, dachte er, während er kritisch den Stapel Spielmarken musterte, den sie gesetzt hatte. Er war fasziniert.

Nach dem Tod seines Vaters hatte er seinen Abschied vom Militär genommen, und das jährte sich heute. Außerdem war sein dreißigster Geburtstag, und diese Anlässe hatten ihn nun auf der Suche nach Zerstreuung in diese erst vor Kurzem eröffnete Spielhölle geführt, die von dem bekannten Mr. Fox und dessen speichelleckerischem Anhang populär gemacht worden war. Während des letzten Jahres hatte er jedes nur mögliche Vergnügen, legal oder illegal, gekostet, das die Hauptstadt bot, war über die Stränge geschlagen und hatte seinen Kritikern genüsslich seine frisch ererbte Ehrbarkeit vorgeführt. Sport, Frauen, Glücksspiel in Clubs wie diesem hier, das alles bot ihm einen vorübergehend gewissen Nervenkitzel – der dennoch nicht mit der elektrisierenden Spannung vor einer Schlacht, der packenden, fordernden Erregung eines Gefechts verglichen werden konnte. Nach und nach kam er zu der Ansicht, dass der Dienst in der Armee alle Empfindungen in ihm abgetötet hatte. Tödliche Langeweile drohte ihn zu vereinnahmen.

Bisher hatte er beim Kartenspiel teuflisches Glück gehabt, doch das bedeutete ihm wenig. Sein Vater hatte ihm ein immenses Vermögen hinterlassen. Und was die Menge Brandy anging, die er getrunken hatte, so mochte er ganz leicht berauscht sein, doch nicht genug, um seine vergiftete Laune zu besänftigen. Zur Hölle auch! Selbst sein brennendes Verlangen, die Übel der Welt zu richten, verschaffte ihm keinen Trost. Was er brauchte, war ein etwas exotischeres Gegengift.

Und ein solches war definitiv die Schönheit da am Farotisch. Geschminkt und gepudert wie sie, der Mode entsprechend, war, hatte sie dennoch etwas Besonderes an sich. Kühn geschwungene schwarze Brauen über kobaltblauen Augen, in denen Klugheit funkelte. Der Mund nicht die winzige, puppenhafte Rosenknospe, wie es derzeit verlangt wurde, sondern mit voller, sinnlicher Unterlippe. Ein langer, schlanker Hals, anmutig geschwungen, marmorweiß wie die Haut des Dekolletés, das den Ansatz eines wohlgerundeten Busens zeigte. Ebenso weiß die bloßen Arme mit den zarten Handgelenken. Schlummernde Sinnlichkeit, gepaart mit Hochmut, mit dem Anflug von ‚Rühr-mich-nicht-an‘. Eine provozierende, verlockende Mischung.

Am Farotisch nahm Mrs. Bradley, die Bankhalterin, die Wette der Schönheit nicht an, offensichtlich aus Furcht, dass die Bank gesprengt würde. Ihr Doppelkinn wabbelte, so heftig schüttelte sie den Kopf. „Tut mir leid, Madam, das ist doppelt so viel wie der maximal erlaubte Einsatz.“

„Aber …“ Peinlich berührt sah Isabella, dass aller Augen auf sie gerichtet waren. Ungeduldig, abwägend, neugierig, höhnisch. Nicht alle anwesenden Damen gehörten dem ton an. Nicht alle Spieler waren Gentlemen. Sie errötete unter ihrer Schminke. Schweren Herzens nahm sie die Hälfte der Spielmarken wieder an sich. Wenn sie nur so wenig setzen durfte, würde sie nie auf die erhoffte Gewinnsumme kommen. Zu schnell konnte das Glück sich wenden. Zum Wochenende musste sie zahlungsfähig sein, oder es war alles verloren. Heute Abend musste sie einfach genug gewinnen!

„Wenn die Bank erlaubt, nehme ich die Wette an, und jede weitere der jungen Dame, so lange es ihr gefällt.“ Der Mann mit der tiefen Stimme sprach mit einem Hauch schottischen Akzents.

Verdutzt schaute Isabella auf und in die faszinierendsten Augen, die sie je gesehen hatte. Bernsteinfarben wie Herbstlaub, mit winzigen braunen Sprenkeln. Für einen Moment kreuzte sich sein Blick mit dem ihren, und ihr rann ein zarter Schauer den Rücken hinab. Der Mann hatte seinen scharf geschnittenen Mund zu einem ironischen Lächeln verzogen.

„Captain Dalgleish!“, rief Mrs. Bradley verwundert. „Das ist höchst ungewöhnlich.“

Er schenkte ihr einen verführerischen Blick. „Ungewöhnlich ja, aber ich bin mir sicher, Sie werden einen Weg finden, mir gefällig zu sein.“

Kokettierend erwiderte die Bankhalterin seinen Blick. „Captain Dalgleish, ich bin überzeugt, jede einzelne Dame in London wäre nur zu gern bereit, Ihnen auf jede Weise gefällig zu sein. Wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre, wäre ich vielleicht gar selbst versucht.“

Ewan verneigte sich leicht. „Madam, mit diesem Bedauern müssen wir beide leben.“ Die Zuhörer, die bisher nur gekichert hatten, lachten nun laut. „Vielleicht tröstet Sie dies hier ein wenig“, ergänzte er und schob ihr ein Trinkgeld zu, das sie rasch einsteckte, um dann als Zeichen der Zustimmung neckisch mit den Lidern zu klimpern.

Angesichts dieser unerwarteten Entwicklung ging ein Raunen durch den Raum. Abgehärtete Spieler schoben die Hüte, die ihre Augen vor dem grellen Licht der Kerzen schützen sollten, aus der Stirn, um zu gaffen. Auf vornehm getrimmte leichte Dämchen und echte Damen lugten gleichermaßen neugierig hinter ihren bemalten, spitzenverzierten Fächern hervor. Dem kurzen, verblüfften Schweigen folgte aufgeregtes Wispern. „Hat den Jungen mit eigener Hand gerettet. Und soll dessen Meister mit der Peitsche traktiert haben. Ist im Gefängnis kein Unbekannter. War mehr als einmal über Nacht mit gewöhnlichen Schurken zusammen eingesperrt. Angeblich hat er einen entlaufenen Sklaven aus der Gosse aufgesammelt und ihm sogar eine Stelle verschafft.“

Mit derselben Kraft, mit der ein Magnet Eisen anzieht, zog Captain Dalgleish die Aufmerksamkeit des gesamten Raumes auf sich. Und wie die übrigen Gäste starrte auch Isabella ihn an. Als sie das erste Mal Geschichten über ihn gehört hatte, war er neu in der Stadt und ebenso im Gespräch wegen seiner gewagten Attacken auf dem Schlachtfeld wie wegen seiner öffentlichen Verurteilung des Kriegs gegen Amerika, in dem er gekämpft hatte. Immer noch war er nicht weniger berühmt-berüchtigt, nun jedoch wegen seiner Aufsehen erregenden Eskapaden. Ewan Dalgleish hielt sich nicht an die Spielregeln der Gesellschaft. In jeder Beziehung ein Rebell, dachte sie neidvoll.

Warum in aller Welt sollte er ihre Wette halten wollen? Aber wenn sie sich nicht darauf einließ … nein, sie wollte nicht daran denken, welche Folgen ihr Scheitern haben würde.

Unauffällig musterte sie ihn, während er eine Rolle Banknoten auf den Tisch legte. Er war groß und trug einen modisch eng geschnittenen Samtrock, der seine breiten Schultern betonte. Das strenge Schwarz wurde nur durch eine taubengraue Weste gemildert, und das Hemd aus feinem weißen Batist darunter zeigte nur einen Hauch von Spitzenverzierung. Sein dichtes rotbraunes Haar glänzte im Kerzenlicht wie eine frisch geprägte Münze. Er hatte ein Gesicht, das man nicht so rasch vergaß. Hohe Wangenknochen, auf der linken Schläfe eine kurze Narbe, zweifellos von einem Säbelhieb. Ein kräftiges, von Entschlossenheit zeugendes Kinn. Der ganze Mann wirkte ungezähmt, und sein hervorragend geschneiderter Abendanzug lenkte geschickt die Aufmerksamkeit auf seine muskulöse Gestalt. Wie ein Berglöwe, dachte Isabella. Sie erbebte leise. Machtvolle Stärke, nur schwach vom Anstrich der Zivilisation übertüncht. Ein wilder Hochlandkrieger im eleganten Gewand des Gentleman.

Über ihre fantasievollen Gedanken musste sie selbst lächeln. Und dann errötete sie, als sie sah, dass ihr Lächeln sich in der Miene des Mannes spiegelte. Hochmütig hielt sie seinen Blick für einen Moment, Bernsteingold gegen Kobaltblau. Ein beinahe fühlbares Knistern des Erkennens zwischen ihnen. Sie schlug die Augen nieder.

„Madam?“

Mrs. Bradleys Stimme rief Isabella zur Sache. Sie schob ihre sämtlichen Spielmarken über den Tisch. Die Zuschauer reckten ihre Hälse noch mehr.

Die Bankhalterin deckte eine Sechs auf. Isabellas Karte gewann.

„Die Dame gewinnt“, sagte Ewan leise mit seinem ein wenig rauen schottischen Tonfall und schob alle Spielmarken zu ihr hinüber. Gerade hatte er eine stattliche Summe verloren, schien aber deshalb nicht unzufrieden. Fragend zog er eine Augenbraue hoch.

Isabella atmete tief ein, dann schob sie ihren gesamten Gewinn wieder zur Mitte des Spieltischs. Ein hörbares Aufkeuchen ging durch die Zuschauer. Es kostete sie ihren ganzen Mut, diese Summe, ein wahres Vermögen, zu setzen, aber was sie gerade gewonnen hatte, würde nicht genügen. Ein Leben hing davon ab, dass das Glück ihr noch einmal hold war. Angespannt, ganz auf das Spiel konzentriert, presste sie ihre Hände zusammen. Nur ein glücklicher Wurf noch. Nur dieser eine.

Ewan ließ sie nicht aus den Augen. Ihr Gesicht war maskenhaft in seiner Angespanntheit, ihr Blick fest auf die Hände der Bankhalterin geheftet, die nach der nächsten Karte griffen. Worum es der jungen Dame auch ging, sie spielte nicht um des Rausches willen. Irgendwie wünschte ein Teil seiner selbst, dass sie gewinnen möge, obwohl es ihn Tausende kosten würde.

Als die Karten aufgedeckt wurden, erbleichte Isabella. Ein Zischen wie vom Überdruck eines Kessels stieg von den Zuschauern rund um den Tisch auf.

Isabella hatte alles gesetzt, besaß nicht einmal mehr eine einzige Marke, um weiterspielen zu können. Wie blind erhob sie sich und stieß den zierlichen vergoldeten Stuhl zurück, der polternd umfiel. Die Spitzenrüsche ihres Ärmels hatte sich in ihrem Fächer verfangen. Ihre Handschuhe … wo waren ihre Handschuhe?

Unvermittelt stand Dalgleish vor ihr, reichte ihr die Handschuhe und ihren Schal und nahm sie mit festem Griff beim Arm. „Kommen Sie mit.“

„Nein, nein, ich …“

Aber es war zwecklos. Mit starker Hand führte er sie fort, weg von den neugierigen Blicken der Zuschauer, hinaus aus dem überfüllten Saal und in einen kleinen, unbenutzten Raum entlang des Korridors.

Ewan schloss die Tür hinter sich und drückte Isabella auf einen Sessel nahe dem Kamin. Er reichte ihr ein Glas mit einer Flüssigkeit, so goldbraun wie seine Augen. „Trinken Sie!“, befahl er energisch.

Isabella trank. Der Brandy ließ sie kurz nach Luft schnappen, doch er belebte sie. Sie nahm einen zweiten Schluck.

„Langsam, lassen Sie sich Zeit.“

Sein amüsierter Tonfall reizte sie, sodass sie trotzig das Glas leerte. „Was macht es schon, wenn ich betrunken bin? Bettelarm haben Sie mich sowieso schon gemacht.“

„Nicht ich, Sie wollten so hoch spielen“, entgegnete er scharf. „Wenn Sie nun bettelarm sind, haben Sie es sich selbst zuzuschreiben.“

Die Wahrheit seiner Worte traf sie wie ein eiskalter Guss. Verzweifelt sank sie in sich zusammen. Was ihr, als sie heute Abend aus dem Haus ging, wie eine wunderbare Lösung ihrer Probleme erschienen war, hatte dazu geführt, dass sie nun elender dran war als zuvor, denn nun besaß sie nicht einmal mehr ihre Perlen. Mit zitternder Hand setzte sie das Glas auf einem Tischchen ab.

„Wie recht Sie haben. Ich bitte um Entschuldigung. Sie haben gewonnen, ich habe verloren“, sagte sie und erhob sich, um zu gehen.

„Sie könnten es ändern.“ Es war eine verrückte Idee, doch ihm war, als habe das Schicksal sie ihm gesandt. Wie in einem Spiegel glaubte er in ihren schönen Augen seine eigene unterschwellige Verzweiflung zu erkennen. Und noch etwas anderes. Wilden Trotz im Angesicht einer Niederlage. Auch das kannte er – vom Schlachtfeld. Etwas Ungewöhnliches bei einer Frau. Bewundernswert. Und sehr, sehr begehrenswert. Wie ein Ruf zu den Waffen.

Unsicher musterte Isabella ihn. „Sie haben alles, was ich besaß. Ich habe sonst nichts einzusetzen.“

Hoch ragte er vor ihr auf. Sie war sich seiner männlichen Ausstrahlung sehr bewusst. Als er lachte, kam der Klang tief aus seiner Brust, fast wie ein Grollen, und ihr sträubten sich die kleinen Härchen auf ihrem Nacken.

„Die Summe, die Sie verloren haben, bedeutet mir nicht das Geringste. Sie jedenfalls, möchte ich wetten, benötigen sie dringender als ich.“

Mit verzerrtem Lächeln antwortet sie: „Mehr, als Sie sich vorstellen können.“

Bernsteinfarbene Augen hielten ihren Blick, während er mit einem schlanken Zeigefinger ihr Kinn anhob. „Sie können alles zurückhaben, wenn Sie auf meine Bedingungen eingehen.“

Ihr Herz pochte heftig, doch stolz hielt sie seinem Blick stand. „Ich bin keine Kurtisane. Ich bin nicht käuflich.“

Lässig legte Ewan die Rolle Geldes auf den Tisch. „Ich will Sie nicht kaufen. Ich möchte Sie einzig bitten, sich mit mir auf ein Wettspiel einzulassen. Ein etwas anderes als das vorhin.“

Gewaltsam löste Isabella ihren Blick von den Banknoten und schaute dem Mann ins Gesicht. „Was meinen Sie mit ‚etwas anderes‘?“

Ewan war sich bewusst, dass der Brandy, den er konsumiert hatte, ihn, statt zu ermüden, aufreizte und ihn ausgefallen handeln ließ. Er betrachtete die junge Frau abwägend. Ihr entzückendes Gesicht war gerötet, und ihr Busen hob und senkte sich hastig. Aufregung stand in ihren hinreißenden Augen. Und Trotz und Kühnheit. Sie war schön. Und außerordentlich faszinierend.

Es war ein spontaner Einfall, nicht mehr. Er wollte sehen, wie weit zu gehen sie bereit war. Hatte nicht vor, es wirklich zu tun, obwohl er tief drinnen wusste, dass er sie nicht würde weggehen lassen können, zu welchem Preis auch immer. „Sie verbringen drei Nächte mit mir. Wie die verlaufen, sollen die Würfel entscheiden. Wer gewinnt, darf festlegen, was zwischen uns geschieht. Alles …“, er hörte die Worte, ohne so recht zu glauben, dass tatsächlich er sie aussprach, „… oder nichts, wenn das Glück Ihnen hold bleibt. Was meinen Sie?“

Sein Lächeln bat um Vertrauen, doch Isabella ließ sich nicht narren. Er wirkte auf sie wie ein Löwe vor einer Beute auf dem Sprung. Sie schluckte ihre erste Entgegnung – ein entschiedenes Nein – und zwang sich, sachlich zu überlegen. Das Geld würde ihr erlauben, auszuführen, was sie überhaupt hierher gebracht hatte. Dies war ihre letzte Chance, das war ihr klar. Alle anderen Möglichkeiten hatte sie während der vergangenen Monate ausgeschöpft. Doch welchen Preis würde sie möglicherweise in diesen drei kommenden Nächten zahlen müssen?

Der Mann vor ihr war ein vollkommen Fremder, ihr nur vom Hörensagen bekannt, und galt als wenig respektabel.

Wenn er gewann, und wahrscheinlich war, dass er mindestens einmal gewann, würde sie sich ihm hingeben müssen. Allein die Vorstellung war unerhört, empörend. Keine ehrbare Dame mit gesundem Verstand käme auf den Gedanken. Und doch, waren die Umstände nicht so außergewöhnlich, dass sie dieses Spiel rechtfertigten? Wäre es nicht skandalöser, wenn sie sich diese unerwartete letzte Gelegenheit entgehen ließ, die Rettung in letzter Minute versprach?

Immerhin mochte ihr das Schicksal gnädig sein und sie alle drei Würfe gewinnen lassen. Abgesehen von dem letzten Wurf war ihr heute Abend das Glück treu gewesen. Vielleicht hielt es an. Und wenn nicht? Sie forschte tief in ihrer Seele nach Antwort, fand jedoch bei der Aussicht, zu verlieren, nur ein unruhiges, erregtes Vibrieren. Was bedeuteten schon gesellschaftliche Konventionen, wenn so viel auf dem Spiel stand?

„Warum nicht, Captain Dagleish“, sagte sie endlich und lachte ein wenig unsicher. „Ich nehme die Wette an.“

Er ergriff ihre Hände und zog sie an seine Lippen. Wie weich sie waren! „Ewan“, sagte er, „mein Name ist Ewan. Und wie heißen Sie, meine schöne Kontrahentin?“

„Belle“, antwortet sie ohne nachzudenken.

„Belle“, flüsterte er. „Ich hätte diesen Namen nicht für Sie gewählt, aber er beschreibt Sie gut.“ Und dies wäre nun eigentlich für ihn der Augenblick, lachend abzuwehren, das Ganze als einen Scherz abzutun. Sich zurückzuziehen. Stattdessen beugte er sich zu ihr und küsste sie, und damit stieß er sie beide unwiderruflich auf einen Weg, von dem es kein Zurück gab.

Er legte eine Hand in ihren Nacken, spürte die seidigen Locken ihres Haares unter seinen Fingern. Isabella hielt fügsam still, ihr Verstand war wie betäubt, sie war sich nur seines Mundes, seiner Finger bewusst, seiner Nähe und der Wärme seines Körpers, den sie als beunruhigend machtvoll empfand, doch seine Sanftheit beruhigte sie auch. Seltsam losgelöst fühlte sie sich, wunderte sich über die Leichtigkeit, die seine Berührung in ihr wachrief. Jäh erwachte das Verlangen nach mehr in ihr, da aber zog er sich unvermittelt von ihr zurück.

„Eines sollen Sie wissen“, sagte er, ihre Hand nehmend. „Ich werde Ihnen nicht schaden, Ihnen nicht wehtun. Ich habe im Krieg so viele Grausamkeiten gesehen, dass es mir für den Rest meines Lebens reicht. Und nun kommen Sie, ich lasse meine Kutsche vorfahren.“

Was hatte sie getan? Worauf um des Himmels Willen hatte sie sich eingelassen?

* * *

Während sie neben Ewan in der schwankenden Kutsche saß, die dem Cavendish Square mit seinen erst kürzlich erbauten Stadtpalais entgegenratterte, mühte Isabella sich, ihre angespannten Nerven zu beruhigen. Was nun auch geschehen mochte, rief sie sich ins Gedächtnis, sie hatte die nötigen Geldmittel erlangt. Nur rief nicht dieses so sehr herbeigesehnte Ziel das leise Flattern in ihrem Magen hervor.

Jäh schwankte der Wagen auf dem unebenen Pflaster, sodass sie gegen Ewan geschleudert wurde. Sofort stützte er sie mit starkem Arm. In dem dämmrigen Licht des Wagens schienen seine Augen zu leuchten. Ihre Nervosität verwandelte sich in Erwartung. Schuldbewusst gestand sie sich ein, dass nicht nur die Aussicht, zu gewinnen, verlockend war. Allerdings sagte ihr ihre Vernunft, dass sie derartige Gedanken besser für sich behielt.

Die Kutsche hielt vor der Stadtresidenz, sie stiegen aus und die Stufen zum Portal empor. Ein Lakai öffnete ihnen die Tür. Ewan reichte ihm Hut und Stock und gab ihm mit unterdrückter Stimme einige Anweisungen, dann führte er Isabella zu einem kleinen Salon im oberen Stockwerk. Die langen grünen Vorhänge aus schwerem Damast waren schon zugezogen. Ein Feuer brannte knisternd im Kamin, und das Licht der vielen Kerzen spiegelte sich in den beiden hohen Spiegeln zwischen den Fenstern.

Unvermittelt wie ein heftiger Schlag traf Isabella die Erkenntnis, dass diese Situation real war. Was immer nun geschah, war unumkehrbar. Sie war sich nicht sicher, ob sie es tatsächlich durchhalten konnte. Dass sie es nicht sollte, wusste sie.

Dalgleish musste ihr die Panik vom Gesicht abgelesen haben. „Es zwingt Sie niemand zu dieser Sache“, sagte er unvermittelt. „Ich kann verstehen, wenn Sie noch einmal überlegen möchten, ehe es zu spät ist.“

„Nein!“, erwiderte sie mit trotzigem Heben ihres Kinns und warf jedes Fünkchen Vorsicht über Bord. „Ich werde mein Wort nicht zurücknehmen, haben Sie keine Sorge.“

Ewan nickte, sicher, dass sie die Regeln akzeptiert hatte.

Als er ihre Hand berührte, rann ihr ein zarter Schauer bis in den Arm. Sie spürte nachgerade, wie der Blick seiner ungewöhnlichen goldbraunen Augen über sie hinglitt. Verlangend, vertraulich, wissend. Über ihre Kehle hinab bis zum schwellenden Ansatz ihrer Brüste. Sie errötete, und ihr Atem ging schneller.

„Sollen wir?“ Seine Stimme klang verführerisch. Er deutete auf die Würfel, die auf einem kleinen Tisch lagen. „Sie haben die Ehre …“

Isabella nahm die Würfel auf. Sie fuhr sich mit der Zunge über ihre trockenen Lippen, auf denen noch Spuren von Schminke hafteten. „Fünf!“, rief sie. Es fielen eine Sechs und eine Drei. Ewan beobachtete sie. Raubtierhaft. Hungrig. Ja, er wird mich verschlingen, dachte sie entsetzt, doch mit seltsamer Genugtuung.

„Sechs!“, rief Ewan sehr zuversichtlich, ehe er warf. Die Würfel rollten aus und zeigten gehorsam eine Fünf und eine Eins.

Ohne Überraschung oder Enttäuschung zu zeigen, wandte Isabella sich ihm zu. In jäher Erwartung waren ihre Augen ganz dunkel geworden. „Sie haben gewonnen.“

Wortlos führte er sie aus dem Salon, den Gang entlang bis zum Ende und durch eine Tür in ein geräumiges Zimmer, das offensichtlich das seine war. Kerzen in silbernen Leuchtern brannten auf dem Kaminsims und auf einer mit Intarsien verzierten Kommode an der gegenüberliegenden Wand. Vor dem Kamin standen rechtwinklig zueinander ein Sessel und eine Ottomane. Mehrere dicke Teppiche aus Seide und Wolle verdeckten teilweise den glänzenden Boden, und die Fenster waren mit schweren dunkelroten Damastvorhängen verhängt. Aus dem gleichen Material bestanden die Draperien des riesigen Himmelbettes mit seinem Brokatüberwurf, das den Raum beherrschte.

Auf einem kleinen Tisch warteten ein Flasche Champagner und zwei Gläser, wie Ewan befohlen hatte. So sicher war er sich seines Sieges gewesen.

Isabella wählte die Ottomane und ließ sich darauf nieder. Mit zitternden Fingern nahm sie das Glas Champagner entgegen, das Ewan ihr eingeschenkt hatte.

„Warten Sie bitte einen Moment“, bat er dann, indem er die Tür zu einem angrenzenden Raum öffnete, vermutlich sein Ankleidezimmer, und darin verschwand.

Sie nippte an dem eisgekühlten Getränk und spürte die kleinen Bläschen prickelnd auf der Zunge zergehen. Der ungewohnte Alkohol ließ sie ruhiger werden. Sie fühlte sich wie in einem Traum, sah sich wie von Weitem zu, irgendwie losgelöst. Isabella, die im Hintergrund beobachtete, was Belle als Nächstes tun würde. Rasch schenkte sie sich noch einmal ein und trank das Glas in einem Zug aus.

Als Ewan zurückkehrte, trug er eine Art Kimono aus schwerer chinesischer Seide, der nur mit einem Gürtel lose zusammengehalten wurde. Unauffällig musterte sie ihn, während er sich in den Sessel neben ihr sinken ließ. Der Stoff des Kleidungsstückes fiel auseinander und zeigte ein langes, muskulöses Bein mit gut geformter Wade und ein Stück kräftigen Oberschenkels. Offensichtlich war er unter dem Gewand splitternackt. Isabella zwang sich, ihren Blick höher wandern zu lassen. Lockiges Brusthaar spross fast bis zu seinem kräftigen Hals. Er trug nicht die modische Zopffrisur, sondern ließ sein Haar lose über die Schultern fallen, einer Löwenmähne gleich. Es passte zu ihm. Isabella hob ihr Glas, um zu trinken, und stellte erstaunt fest, dass es leer war.

Er nahm es ihr ab. „Sie haben eine Ehrenschuld einzulösen. Mir wäre es lieber, das geschähe in nüchternem Zustand.“

So kühl er sprach, ließ sein volltönender schottischer Akzent die Worte doch drohend und gleichzeitig lockend klingen. Trotzig funkelte sie ihn an. „Ich bin mir meiner Verpflichtungen voll und ganz bewusst, Sir. Ich stehe zu Ihrer Verfügung.“

Ewan griff nach ihrer Hand und umfing sie fest mit der seinen. Schlanke, lange Finger; am Handgelenk pochte sichtbar ihr Puls. Er küsste die Stelle und fuhr sanft mit der Zunge darüber, sog den frischen, blumigen Duft ihrer Haut ein, bis sein eigener Pulsschlag sich ebenfalls beschleunigte. „Nicht ‚zur Verfügung‘ … sagen wir lieber, Sie gehorchen meinen Befehlen.“

Für den Hauch eines Augenblicks glaubte er, Angst in ihrer Miene zu lesen.

„Und was befehlen Sie mir?“, fragte sie ein wenig atemlos.

Wie er erwartet hatte, stellte sie sich der Herausforderung.

„Entkleiden Sie sich, hier, vor mir. Und langsam bitte, ich möchte es genießen.“

Konsterniert starrte Isabella ihn an.

„Sie können sich nicht weigern. Vergessen Sie nicht, ich habe gesiegt. Die Regeln besagen, dass Sie sich meinen Wünschen zu fügen haben.“

Sein spöttisches Lächeln brachte sie auf. Wie anmaßend er war! Er spielte mit ihr, wie sie nun deutlich erkannte. Es war ein Spiel. Sie würde nicht zulassen, dass ihre Hemmungen die Oberhand gewannen. Nein, niemals!

Ewan lehnte sich lässig in seinem Sessel zurück. Der Gürtel des Kimonos lockerte sich. Isabella riss die Augen auf, als sie bemerkte, was sich unter der bestickten Seide abspielte. Er sah ihren Blick! Sie durfte nicht fortschauen! Stattdessen versuchte sie, sich auszumalen, wie es weitergehen würde, doch es gelang ihr nicht. Ein Schaudern, fast wie von Furcht, überlief sie.

Zögernd begann sie, sich zu entkleiden. Verlegen, mit bebenden Fingern, zerrte sie an der Schnürung ihrer Robe, bis sie an ihr herabglitt und zu ihren Füßen landete. Nun stand sie in Schuhen und Unterkleidern da. Errötend lugte sie unter den Wimpern hervor zu ihm hinüber. Seine breiten Schultern kamen in ihr Blickfeld, die prachtvolle Brust bis zum Gürtel frei. Dann sah sie ihm in die Augen. Sie hörte seinen Atem. In kürzeren Zügen als zuvor?

Von Erleichterung erfasst, dachte sie: Ihm gefällt, was er sieht – und er will mehr. Langsam, mach langsamer! Zögere seinen Genuss hinaus. Entblöße dich nicht zu schnell. Mach ein Schauspiel daraus.

Bewusst theatralisch löste Belle – ja, es war Belle, nicht Isabella – die Bänder der Unterröcke, bog und streckte sich, stellte ihren Körper bewusst zur Schau. Ihre Verlegenheit verflog, als sie sich ganz ihrer weiblichen Eingebung überließ, und ihre Selbstsicherheit nahm zu, als sie sah, welche Wirkung sie auf ihren Zuschauer hatte. Sie verhielt sich empörend, schamlos, doch erfreulich erfolgreich.

Nun stand sie in Mieder und Hemd vor ihm; bei jeder ihrer Bewegungen kitzelten die langen seidenen Schleifen ihrer Strumpfbänder ihre Knie. Als Ewan nach ihr griff, wich sie leicht zurück und wusste im gleichen Moment, dass das für sie ein Wendepunkt war. Sie hatte gerade gelernt, wie man neckte und dabei quälte. Wonne und Versagung mischte. Sie sah es in seinem Blick. Spürte, wie sie selbst nach und nach davon erfasst wurde. Nicht nur Ewan genoss, was sie tat.

Auf den Zehenspitzen, wie eine Tänzerin, drehte sie sich sehr langsam um sich selbst, posierte ein wenig, setzte jede ihrer Körperlinien ins rechte Licht, war sich des Hebens und Senkens ihres Busens unter dem Mieder sehr bewusst. Mit ihrer Kleidung hatte sie auch ihre Hemmungen abgeworfen. Hatte sich gewandelt. Sie war nicht die entblößte Isabella, sie hatte sich offenbart, war Belle.

Ewan lächelte nicht länger. Sein Gesicht war starr wie eine Maske; hinter schweren Lidern glomm golden die Iris. Belles Blick huschte zu seinem Schoß; sein Kimono war zur Seite gefallen. Nie zuvor hatte sie einen Mann nackt gesehen. Fasziniert betrachtete sie seine Männlichkeit. Glatt, hart, zum Berühren verlockend.

Sie atmete rascher. Ewan suchte ihren Blick, hielt ihn, beobachtete, wie sie ihn beobachtete, wie sich in ihren Augen sein Verlangen widerspiegelte. Instinktiv wusste sie, was sie tun musste. Sie stieg über den schimmernden Stoffring zu ihren Füßen, drehte sich gemessen, bis sie ihm den Rücken zuwandte, und setzte einen Fuß auf die Kante der Ottomane. Löste ein Strumpfband und rollte den Strumpf langsam über ihr Bein hinab, wobei sie sich provozierend weit vorbeugte. Schlüpfte aus dem Schuh, zog den Strumpf vom Fuß. Sie hörte Ewans Atem. Der andere Fuß, das gleiche Spiel. Dann drehte sie sich ihm zu, trat vor ihn hin und konnte sich kaum enthalten, ihn zu berühren, seine Haut zu fühlen, doch sie kehrte ihm nur auffordernd den Rücken zu.

Sie spürte, wie er die Bänder ihrer Korsage löste, spürte, wie er einen Finger aufreizend über ihre Wirbelsäule gleiten ließ. Jeder einzelne Nerv ihres Rückens schien in Flammen zu stehen.

Ein Schritt zurück. Sie schob ihr Hemd über die Schultern hinab, über ihre Brüste, auf denen sie den hauchfeinen Stoff seltsam rau empfand. Tastend berührte sie mit einem Finger eine rosige Spitze. Verblüfft von der Empfindung, die das auslöste, schloss sie die Augen, schlug sie aber wieder auf, als sie hörte, wie Ewan scharf aufkeuchte.

„Setz dich; mach das noch einmal.“ Seine Stimme klang merkwürdig heiser.

Ganz kurz überkam sie tiefste Peinlichkeit, ein Gefühl der Demütigung. Dann erinnerte sie sich: Spiel deine Rolle.

Sie setzte sich nieder. Zaghaft berührte sie abermals ihre Brust. Schloss die Augen, als die Empfindung sich heiß bis in ihren Schoß fortsetzte. Sie regte sich unruhig.

„Weiter, unten“, sagte Ewan rau.

Verstört sah sie auf. Hatte sie sich verhört? Bestimmt.

Doch er hob nur die Brauen. Wartete. Beinahe fühlbar stand der Kampf um die Oberhand zwischen ihnen. So rasch würde sie nicht nachgeben. Er sollte nicht der Einzige sein, der Macht ausübte.

Ihr war schockierend klar, was er verlangte. Das konnte sie nicht tun! Aber wenn sie sich weigerte, wäre das ein Eingeständnis ihrer Niederlage. Und unterliegen wollte sie auch nicht. In seinen Augen war sie sowieso eine Kokotte. Warum diese Ansicht nicht bestärken?

Sie schloss die Augen und lehnte sich zurück. Auf seinen Befehl hin von Scham befreit, tat sie, was er verlangt hatte. Es war für sie Terra incognita, sodass sie sich, geleitet von seiner sichtbaren Reaktion, ganz ihrer Eingebung überließ. Zuerst zaghaft berührte sie sich, dann intensiver, blendete alles aus, staunend über ihre Empfindungen, die ihr plötzlich so natürlich erschienen. Mehr, dachte sie, mehr …

Eine Hand, die ihren Arm fasste, ließ sie jäh auffahren. Ewan stand über sie gebeugt, sein Züge scharf vor angestrengter Beherrschung. „Noch nicht“, sagte er rau. Er nahm ihre Hand und führte sie an seine Männlichkeit.

Ein wenig benommen richtete Belle sich auf. Sie berührte Ewan, umschloss ihn mit der Hand. Fasziniert beobachtete sie, wie er erschauerte, sich dann gegen sie presste.

Sie lächelte befriedigt, weil sie ihm Genuss schenkte, denn in seinem Genuss lag ihr Sieg. Rasch schlug sie die Augen nieder, um ihre Reaktion nicht preiszugeben. Sie rückte näher heran und schmiegte sich an ihn.

Ewan drückte sie auf den Diwan nieder. Abwartend hielt sie still. Sie wusste nicht, was er nun tun würde, und doch wusste sie es. Heute hatte er gewonnen, also würde sie nun kapitulieren müssen, doch im Augenblick machte es ihr nichts aus, wenn er nur endlich ein Ende machte.

Er kniete sich vor sie, schob behutsam ihre Knie auseinander. Und dann berührte er sie. Legte seine Hand auf den Hügel zwischen ihren Schenkeln, tastete sich vor, behutsam zuerst, dann streichelnd, reibend. Empfindungen überfluteten sie jäh, anders als zuvor bei ihrer eigenen Berührung. Sie drängte gegen seine Hand, wollte sagen ‚fester‘, schwieg aber. Er schien sie durch seine Hand zu beherrschen, sie fühlte sich wie gefangen in ihren Empfindungen. Atmete schwer, wollte ihn aufhalten, konnte nicht. Es war ihr gleich, was er tat, solange er nur nicht aufhörte.

Ewan schwelgte darin zu sehen, welche Wonne ihr seine Liebkosungen bereiteten, und frohlockte in dem Bewusstsein, dass er sie ihr bereitete, dass er ihre Lust beherrschte.

Belle war es, als befinde sie sich auf einer erregenden Reise, deren Vollendung immer näher rückte und endlich die angestaute Spannung lösen würde. Sie konnte es kaum noch ertragen, griff nach Ewan und sah, dass er lächelte. Sieghaft, dachte sie. Und dann war es, als ob etwas in ihr zerbarst, sprühend wie ein Feuerwerk, und im gleichen Moment war er über ihr, in ihr, machte sie sich zu eigen, und sie empfing ihn wie lang ersehnt, zog ihn dichter zu sich heran, spürte, wie ihre Erregung mit jeder seiner Bewegungen stieg, nahm seinen harten, fordernden Rhythmus auf, bis sie glaubte schreien zu müssen. Und dann jähe funkelnde Lust.

Ewan hatte alles um sich vergessen, sah nur sie vor sich, ihre weichen weißen Schenkel, ihre vollen Brüste mit den harten Spitzen, den flachen Bauch, den Venushügel. Er spürte, wie sich ihre Nägel in seine Schultern gruben, und ihrer Lust begegnend ließ er sich mit einem letzten machtvollen Stoß zum erlösenden Gipfel schleudern, glühende Ekstase, gepaart mit dem Gefühl der Macht.

Belle schien sanft zu schweben. Sie fühlte sich gesättigt, zufrieden, glaubte, zum ersten Mal den wahren Gehalt dieser beiden Worte zu erkennen. Was sie getan hatte, war nicht mehr rückgängig zu machen, aber sie hatte es genossen, wonnevoll genossen.

Nach und nach atmete Ewan wieder ruhiger. Er hob den Kopf und sah sie lächelnd an. Dann stand er auf und hob sie mühelos auf seine Arme. „Komm ins Bett“, murmelte er, und auf ihren fragenden Blick hin fuhr er fort: „Schlafen; deine heutige Wettschuld hast du zu vollster Zufriedenheit beglichen.“

* * *

Das graue Licht des anbrechenden Tages, das durch die Spalten zwischen den Vorhängen ins Zimmer fiel, weckte ihn. Ein wenig angeschlagen rappelte er sich hoch, sah umher und entdeckte verblüfft, dass eine außerordentlich schöne, nackte Frau neben ihm lag. Dann fiel es ihm ein. Belle. Ewan stöhnte auf. Er musste wohl gestern mehr Brandy getrunken haben, als er angenommen hatte. Er suchte Bedauern in sich zu finden, doch das Gefühl blieb aus.

Wie sie da vor ihm lag, hätte der Anblick jeden Mann vor Begehren rasend machen können. Ihre Lippen vom Küssen geschwollen, die vollen Brüste, ihr Haar wie ein dunkler Zauberschleier über das Kissen unter ihrem Kopf gebreitet. „Ja, das perfekte Gegengift, ich wusste, das würdest du sein“, murmelte er.

Er schlüpfte vorsichtig aus dem Bett, warf seinen Hausmantel über und schlenderte, die Tür sanft hinter sich schließend, aus dem Zimmer.

Der appetitliche Duft von heißer Schokolade und frischem Brot weckte Isabella. Sie drehte sich auf den Rücken, wobei sie sich fragte, womit sie dieses ungewohnte Vergnügen verdient hatte. Sich aufsetzend rieb sie sich die Augen, spürte eine Gänsehaut und nahm verdutzt wahr, dass sie keinen Faden am Leib trug … und nicht in ihrem eigenen Bett lag.

„Entzückend“, äußerte eine tiefe Stimme.

Ewan stand neben ihrem Bett, ein Tablett in den Händen, und lächelte anerkennend auf sie hinunter, deren schwarzes, nur hier und da noch mit Puder gesprenkeltes Haar sich in glänzenden Strähnen über ihre Schultern und Brüste ergoss.

Tief errötend zerrte Isabella die Bettdecke über sich. Bilder der vergangenen Nacht wirbelten durch ihren Kopf wie Herbstlaub im Sturm. Wie schamlos sie sich aufgeführt hatte! Unter gesenkten Lidern hervor riskierte sie einen zaghaften Blick zu Ewan, der gerade Schokolade in eine Tasse goss. Er wirkte träge, doch sonst war ihm von den Vorgängen der letzten Nacht nichts anzumerken. Vage dachte sie, dass sie äußerlich verändert sein müsse. Zumindest fühlte sie sich so.

Als Ewan ihr die feine Porzellantasse mit dem chinesischen Drachenmuster reichte, nahm sie sie entgegen, ohne ihm in die Augen zu sehen, und murmelte ein leises Danke. Sie hatte keine Ahnung, wie sie sich verhalten sollte.

„Mir ist die Situation genauso wenig vertraut wie dir“, sagte er, ihre Gedanken aussprechend, „gewöhnlich bringe ich keine weiblichen Wesen mit zu mir nach Hause. Du bist tatsächlich das erste.“

In einen schweren Hausmantel aus Brokat gehüllt, stand er vor ihr und lächelte sie ein wenig schief an. Das Tageslicht ließ rotgoldene Strähnen in seinem braunen Haar aufblitzen. Seine Bartstoppeln waren von dem gleichen Haar wie das auf seiner Brust. Durch sein morgendlich-zerzaustes Aussehen schien seine animalische Anziehungskraft, die sie letzte Nacht so verlockt hatte, nur noch verstärkt. Wirklich, er war ganz übertrieben attraktiv!

„Belle?“

Er unterbrach ihr Sinnen. Er klang ein klein wenig amüsiert, was den Schluss zuließ, dass sie ihn wohl angestarrt hatte. Jetzt sah sie ihm in die Augen. „Ich bitte um Verzeihung.“

„Ich fragte gerade, ob du die Wette inzwischen bereust.“

Abwägend musterte sie ihn. „Und wenn ich Ja sage?“

Er lachte, gewiss, dass es ihr nicht leid tat, denn es kamen weder Tränen noch Vorwürfe. „Nun, was sagst du?“

Sie schüttelte den Kopf. „Mir blieb keine Wahl.“

„Also möchtest du dir lieber vormachen, dass du unter Zwang gehandelt hast. Du willst nicht zugeben, dass du dich amüsierst.“

„Ich bin nur an einem interessiert, an dem Geld“, antwortete sie entschieden.

„Du bist nicht sehr ehrlich, Belle.“

Sie hob die schön geschwungenen Brauen, und ihr Mund zuckte. Es kam ihr vor, als steckten sie gerade die Fronten neu ab, und sie wusste, sie musste sich jeden möglichen Vorteil sichern. „Du hattest mich gewonnen. Ich tat nur, was du verlangtest, mehr nicht.“

Jetzt fiel Ewan wieder ein, was ihn an ihr sofort angezogen hatte. Ihr Kampfgeist angesichts widriger Umstände. Die Entschlossenheit, der Wahrscheinlichkeit zum Trotz zu siegen. Das gefiel ihm. Und im hellen Tageslicht, fand er, war sie ganz einfach atemberaubend. Es faszinierte und erregte ihn. „Schließen wir erst einmal Waffenstillstand. Nimm dein Frühstück ein und komm anschließend zu mir hinunter in den Garten. Im Zimmer nebenan findest du Kleidung. Von meiner Schwester. Sie hat vor Kurzem geheiratet und für ihre Brautausstattung alles neu gekauft. Ihre alten Sachen sind noch hier.“ Er sah ihre skeptische Miene. „Ich mag einen schlechten Ruf haben, Belle, aber ich lüge nicht, das kannst du mir glauben.“

Damit verschwand er im Ankleidezimmer. Belle ließ sich Zeit, und während sie die heiße, köstliche Schokolade schlürfte und sich hungrig über die dick gebutterten Milchbrötchen hermachte, grübelte sie über ihre widerstreitenden Empfindungen nach. Wenn sie sich nicht in einer so extremen Situation befände, wäre ihr im Traum nicht eingefallen, sich auf ein Glücksspiel mit solch ungeheuerlichen Bedingungen einzulassen. Da sie es aber nun getan hatte, musste sie sich eingestehen, dass sie es nicht im Mindesten bereute.

Sie hatte sich die benötigte Summe gesichert, und das war doch gewiss das Wichtigste! Noch während sie es dachte, wusste sie, dass sie sich belog. Sie hatte in der vergangenen Nacht etwas sehr Schockierendes über sich herausgefunden: Jede einzelne Minute und alles, was geschehen war, hatte sie genossen, und die Erinnerung daran erregte sie aufs Neue. Und noch schockierender war, sich eingestehen zu müssen, dass es sie nach mehr verlangte. Dazu kam die Einsicht, dass sie nicht nur den körperlichen Akt genossen hatte. Was immer sie bisher an genüsslichen Empfindungen erlebt hatte, nie hatte sie etwas so … so Umfassendes, so Ursprüngliches gekannt. Und es hatte mit Ewan zu tun, er war es. Seine Berührungen haben einen entschiedenen Anteil daran, dass ich derartig intensiv und befriedigend empfunden habe, dachte sie mit verwegenem Lächeln.

Und da war noch etwas. Zu sehen, dass er sie begehrte. Ihn zu reizen, aufzustacheln und sich vor ihm zur Schau zu stellen. Zu wissen, dass sie begehrenswert war, und das Verlangen, noch begehrenswerter zu sein. Ein ganzes Bündel von Gefühlen, nachgerade berauschend und noch gesteigert durch ihre Kämpfe um die Oberhand, um die Macht.

Und darum ging es im Grunde, um Macht. Und um Vertrauen. Sie traute ihm genügend, um vor ihm ihr geheimes Selbst zu enthüllen, obwohl sie nicht hätte sagen können, warum. Und sie wusste, es ging ihm genauso. Er war ein Fremder und dennoch seltsam vertraut. Als hätte sie ihn schon immer gekannt und ihn nur lange Zeit vergessen.

Hochgestimmt und in gespannter Erwartung schlüpfte Isabella in eine entzückende Robe aus hellblauer Seide, und da sie ihr pechschwarzes Haar nicht gepudert hatte, fand sie, dass sie endlich wieder beinahe wie sie selbst aussah. In der vergangenen Nacht hatte sie den Schritt in eine neue Welt getan, oder zumindest kam es ihr so vor. Sie war überrascht, dass ihr Spiegelbild ihr keinen Beweis dafür zeigte.

Leichtfüßig eilte sie die Treppe hinab und betrat durch eine Seitentür den von einer schützenden Mauer umgebenen Garten hinter dem Haus. Köstlicher Duft stieg von den Lavendel- und Thymianbüschen auf, mit denen die Rabatten eingefasst waren. Dazwischen führte ein gepflasterter Weg Isabella zu der Laube im Zentrum der Rosenbeete, wo Ewan auf sie wartete.

Er wirkte ernst, erhob sich aber und grüßte sie mit einem so warmen Lächeln, dass sie nicht anders konnte, als es zu erwidern.

Er sah so prachtvoll aus, und der Tag war so herrlich, und Isabella war so froh, den Sorgen und Nöten der letzten Monate entkommen zu sein. Sie fühlte sich erleichtert. Frei.

„Entschuldige, Belle, aber ich muss dich etwas fragen“, sagte Ewan, als sie, Arm in Arm, die Wege entlangschlenderten. „Sag, wozu brauchst du eine so große Summe Geldes?“

Isabella zögerte. Schließlich antwortete sie zurückhaltend: „Um eine Forderung einzulösen.“

Er hob die Brauen. „Das muss eine enorme Forderung sein. Darf ich fragen, wie es dazu kam? Bestimmt nicht durchs Glücksspiel. Du wirktest gestern beim besten Willen nicht wie eine abgehärtete Spielerin.“

„Und doch ist es in gewisser Weise eine Spielschuld“, entgegnete sie betrübt. „Von meinem Vater gemacht. Und auf meinen Bruder übergegangen.“

„Erzähl es mir“, bat Ewan sanft.

Sie waren am Ende des Gartens angekommen, wo ein hübscher Springbrunnen, ein zierliches Gebilde aus steinernen Nymphen, seine Fontänen in die Luft sprühte. Isabella setzte sich auf den Rand des Beckens und tauchte eine Hand spielerisch in das kalte Wasser. Etwas drängte sie, sich ihm anzuvertrauen.

„Mein Vater war immer ein Träumer, wälzte verrückte, hochfliegende Pläne, die uns riesige Vermögen einbringen sollten. Solange meine Mutter noch lebte, gelang es ihr stets, ihm seine verwegenen Vorhaben auszureden, aber sie ist vor fünf Jahren gestorben und seitdem … nun, lass mich nur sagen, dass er nicht geneigt war, auf meine Ratschläge zu hören.“

„Du erwähntest eben einen Bruder … gewiss konnte er doch Einfluss geltend machen?“, fragte Ewan, während er sich neben ihr niederließ.

Isabella lächelte wehmütig. „Robin und ich sind Zwillinge. Ich liebe ihn von Herzen. Im Aussehen ähneln wir uns sehr, weniger aber vom Wesen her. Als Kind hatte er ein rheumatisches Fieber, das sein Herz schwächte. Seine Veranlagung zusammen mit seiner delikaten Konstitution machen ihn noch weltfremder als meinen Vater.“

„Sodass die Sorge für beide auf dir lastet?“

„Nicht mehr. Robin ist seit letztem Jahr verheiratet, mit Pamela, die ihn innig liebt und hingebungsvoll für ihn sorgt. Vater setzte ihnen als Hochzeitsgabe eine Rente aus, und sie zogen aufs Land. Sie sind sehr glücklich.“

„So glücklich, dass sie nicht nachfragten, wie euer Vater das finanzierte, nehme ich an“, meinte Ewan trocken.

Erstaunt sah Isabella ihn an. „Richtig. Natürlich war auch das einer von Papas Plänen. Der große Wurf, wie er sagte, der unsere gesamte Zukunft verändern würde. Wie recht er damit hatte!“ Sie schwieg einen Augenblick und starrte ins Leere. Als sie fortfuhr, sprach sie in seltsam leblosem Tonfall, als wenn sie etwas auswendig Gelerntes hersagte. „Er borgte sich einen riesigen Betrag – privat, denn keine Bank hätte ihm etwas gegeben – kaufte Schiffe und spekulierte mit der Fracht, kostbaren Gewürzen und Ähnlichem von den Westindischen Inseln. Ich versuchte alles, um ihn umzustimmen, aber ich konnte ihn nicht davon abbringen. Und je mehr ich redete, desto versessener war er darauf, mir meinen Irrtum zu beweisen. Er stach in See, doch die kleine Flotte wurde von Piraten gekapert, und mein Vater kam dabei ums Leben.“ Tränen glänzten in ihren Augen. „Der arme Papa. So töricht er auch handelte, er wollte nur das Beste für uns.“

Dann richtete sie sich energisch auf und schüttelte den Kopf, als wollte sie unerwünschte Gedanken vertreiben. „Das ist ein paar Monate her. Robin als Erbe erbte auch die Schulden, die nicht einmal durch den Verkauf des Besitzes gedeckt werden konnten. Gott weiß, er hat alles versucht, an die nötigen Mittel zu kommen. Nun bleibt uns noch Zeit bis zum Wochenende, dann ist die Summe fällig, und Robin droht das Schuldgefängnis.“ Sie schluckte und wischte sich ungeduldig eine Träne fort. „Der Arzt hat erklärt, dass Robin die Zustände dort nicht überleben würde. Du siehst also, ich musste einfach etwas tun.“

„Weiß dein Bruder von deinem Vorhaben?“, fragte Ewan scharf.

„Nein, natürlich nicht! Ich werde ihm irgendein Märchen erzählen. Keine Sorge.“

„Er hat dich nicht verdient“, sagte Ewan, in seinen Zorn über ihren Bruder mischte sich ein Hauch Schuld. Die Belle, die er hier sah, ungeschminkt und mit ungepudertem Haar, wirkte viel jünger und unschuldiger, als er sie gestern Abend eingeschätzt hatte.

„Du wirst nicht über meinen Bruder urteilen“, sagte sie heftig. „Du kennst ihn nicht. Und auch über mich wirst du dir kein Urteil erlauben!“

Ewan entwaffnete sie, indem er ihre Hand küsste. „Es fiele mir nicht im Traum ein, dich zu verurteilen. Ich bewundere dich zutiefst, Belle. Eher verurteile ich mich.“

„Falls dich das bekümmert – ich bereue die vergangene Nacht nicht, und das sagte ich dir schon einmal.“ Sie wollte nicht, dass er ihre Motive näher erforschte, denn dazu war noch nicht einmal sie selbst bereit. Herausfordernd schaute sie ihn an. „Bereust du es?“

Hier zumindest befand er sich auf sicherem Grund. Er lächelte. „Nicht, wenn du es nicht bereust. Auf den ersten Blick wusste ich, dass wir einander Freude schenken würden.“

Röte stieg ihr in die Wangen. „Mach dich nicht lächerlich.“

„Nun komm, Belle, dir ging es doch genauso, gib es zu.“

Sie schüttelte den Kopf, wandte sich jedoch ab, um ihr Lächeln zu verbergen. „Nun versuchst du schon zum zweiten Mal, mir dieses Eingeständnis zu entlocken. Nein, es ging mir um dein Geld; das machte dich für mich attraktiv.“

Sacht legte er einen Finger an ihr rosige Ohrmuschel und flüsterte mit heiserer Stimme: „Du wolltest mich genauso sehr, wie ich dich begehrte. Deine Küsse haben dich verraten.“ Seinen Mund an dem ihren, raunte er: „Und deine Berührungen.“

Sie stieß seine Hand fort. „Ja, gut, du hast recht.“ Aufsässig sah sie ihn an, das Kinn energisch gereckt, wie er es inzwischen so gut von ihr kannte. „Es war nicht nur das Geld, du warst es – aber aus anderen Gründen, als du glaubst.“

„Mein Gefühl sagt mir, dass du einen Angriff planst. Trotzdem möchte ich es wissen“, erklärte er, sardonisch lächelnd.

Trotzig schlug sie die Arme vor der Brust übereinander. „Ganz einfach. Ich war neugierig. Ich bin vierundzwanzig und habe keine glänzende Zukunft vor mir, keine Aussicht auf Heirat. Ich wollte nicht als Jungfrau sterben. Ich wollte wissen, wie es ist, aber keine Verpflichtung eingehen. Und die Wette, die du vorschlugst, gab mir die Möglichkeit.“

Hatte er es nicht gewusst? Natürlich hatte er gewusst, dass er ihr erster Mann war. So unpassend es war, konnte er doch nicht anders, als Genugtuung zu empfinden, aber auch ein wenig Verwirrung. „Du hättest es mir sagen sollen, dann wäre ich …“

„Was?“, fragte sie, ängstlich darauf bedacht, die Schuldgefühle abzuweisen, die sie in seinem Blick las. „Was wäre dann gewesen? Hättest du dich anders verhalten? Mir war das Risiko bewusst, ich nahm die Bedingungen an. Ich bot dir eine ganz ordentliche Vorführung – zumindest schien es dich zu erfreuen. Aber mehr war es nicht – eine Vorführung.“ Sie zuckte nonchalant die Achseln – hoffte wenigstens, dass sie den Eindruck erweckte – und wollte sich entfernen, doch das Triumphieren verging ihr, als sie seine starke Hand auf ihrem Arm spürte.

„Ich frage mich nur, meine süße Belle, warum du so lange gewartet hast? Du hättest nur irgendwie verlauten lassen müssen, dass du jemanden suchst, der dich entjungfert, und die Männer wären bei dir darum angestanden. Dennoch hast du mich gewählt. Warum?“

Nervös leckte sie sich über die Lippen.

Ewan lachte. „Hör auf den Rat eines kampferprobten Soldaten und tritt den Rückzug an, solange du kannst, Belle.“

Wütend funkelte sie ihn an, wusste jedoch keine Antwort darauf.

Ewan hakte sie unter. „Komm, es ist gleich Mittag“, sagte er in versöhnlichem Ton, „mich jedenfalls macht eine solche Nacht wie die vergangene unglaublich hungrig. Gehen wir hinein und schauen, dass wir etwas zu essen finden.“

Die Nase hoch erhoben und innerlich kochend ging Isabella mit ihm zurück zum Haus. Aber beleidigtes Schmollen lag nicht in ihrer Natur, und während sie einen Imbiss aus kaltem Braten, Salaten und Früchten einnahmen, bemühte Ewan sich charmant um sie. Mit Erfolg, da er nicht auf Persönliches einging. Zum Glück stimmten seine Ansichten auf vielen Gebieten mit den ihren überein. Auch besaß er trockenen Humor und prägnanten Witz, was Isabella erfrischend und ansprechend fand. Er brachte sie zum Lachen, und ihr wurde bewusst, wie lange sie schon nicht mehr gelacht hatte. Fasziniert lauschte sie den Geschichten aus seiner Zeit als Offizier. Er erzählte mit Ironie und ohne aufzutrumpfen, was ihn ihr umso sympathischer machte.

„Du sprichst sehr zurückhaltend über deine Taten“, meinte sie und fügte neckend hinzu: „Nach dem, was ich hörte, sollst du ein richtiger Draufgänger gewesen sein.“

„Ich lasse lieber Taten sprechen als Worte“, entgegnete er daraufhin achselzuckend.

„Erzähl mir, was hat dich dazu gebracht, Mr. Fox und die Kolonisten derart eifrig zu unterstützen? Amerikaner nennen sie selbst sich, glaube ich? Nachdem du so loyal für unseren König gekämpft hast, scheint mir deine Haltung paradox.“

„Manche mögen sie sogar als Verrat betrachten“, sagte er bitter.

„Ich nicht!“

Forschend sah er sie an. „Danke.“

Einen Moment herrschte Schweigen, und Isabella hielt unwillkürlich den Atem an, denn sie spürte, dass diese Sache ihm sehr wichtig war und ihm sehr nahe ging.

„Ich glaube, es begann schon bei Bunker Hill.“ Ewan sprach leise, wie in Gedanken. „Ich war gerade einundzwanzig, zu jung, um infrage zu stellen, warum dort gekämpft wurde, und ich hegte keinerlei Zweifel daran, dass ich auf der richtigen Seite stand. Wir siegten, doch es war ein Pyrrhussieg, zu hoch waren unsere Verluste. Du kannst dir nicht vorstellen …“

Seine grimmige Miene war Beweis für die düsteren Erinnerungen, die ihn immer noch quälten. Isabella griff nach seiner Hand.

„Jedenfalls war es für beide Seiten grauenvoll. Und da wurde mir klar, dass es außerdem Unrecht war. Wir Briten waren die Eindringlinge, die Eroberer. Ich erkannte es, konnte aber nichts dagegen tun. Ich war Soldat, und Auflehnung gegen meinen Vorgesetzten unvorstellbar, auch wenn ich an der Sache zweifelte. Dann verbündeten sich unsere Erzfeinde, die Franzosen, mit den Amerikanern, was zusätzliche Verwirrung schuf. Erst Jahre später, als wir uns bei Yorktown General Washington ergeben mussten, kam ich dazu, meine Eindrücke, meine Gefühle zu ordnen. Und erst als ich meinen Abschied nahm, durfte ich sagen, was ich dachte, ohne illoyal zu erscheinen.“

„Dann aber hast du deine Meinung ziemlich deutlich geäußert“, erklärte Isabella, die sich erinnerte, dass ihr Vater Ewan als Abtrünnigen bezeichnet hatte.

Ewan zuckte die Achseln. „Und es hat zu nichts geführt. Viele meiner ehemaligen Kameraden schnitten mich, und Mr. Gillray zeichnete mich in einer seiner Karikaturen im Kilt, als barbarisch-wilden Schotten.“

„Hättest du nicht Lust, aktiver in die Politik einzugreifen?“, fragte sie.

Ewan schüttelte den Kopf. „Ich halte nichts von Reden und Posieren.“

Die Uhr auf dem Kaminsims, die Fünf schlug, störte ihre Unterhaltung. Erstaunt schauten sie beide auf.

„Wir sollten die Unterbrechung nutzen und vor dem Dinner ein wenig ruhen“, meinte Ewan, ein sündiges Funkeln in seinen Augen. „Mit ein wenig Glück könnte die Nacht recht lebhaft werden.“

Ein erwartungsvoller Schauer überlief Isabella. Was hielten die Schicksalsgöttinnen wohl dieses Mal für sie bereit?

* * *

Zum Dinner wählte Isabella eine schlichte Robe aus zartgrünem Musselin, deren vorn geschlitzter Rock ein weißes Unterkleid sehen ließ. Von den engen, bis zum Ellenbogen reichenden Ärmel rieselte weiter Spitzenbesatz in losem Fall über ihre Unterarme. Eine grüne Schärpe betonte ihre Taille, und ein grünes Seidenband bändigte kunstvoll ihr Haar, aus dem sich eine einzelne rabenschwarze Locke weit über ihre Schulter hinabringelte. Zufrieden betrachtete sie ihr Abbild in dem hohen Spiegel. Ganz naturbelassen, dachte sie lächelnd, in dem Milchmädchenstil, den Königin Marie Antoinette in Mode gebracht hat.

Vor Erwartung und Aufregung angenehm erschauernd eilte sie die Treppe hinab zum Speisezimmer. Ob sie nachher nun gewann oder verlor, sie wollte Ewan wie verrückt vor Begehren sehen.

Im Kerzenlicht und in seinem eleganten Abendanzug wirkte er ganz anders als am hellen Tage. Nicht so umgänglich. Reserviert. Ihr Herzschlag flatterte unruhig wie ein gefangenes Vögelchen im Käfig. In freudiger Vorahnung? Oder wegen einer Empfindung, die sie sich weniger gern eingestehen wollte?

Sie saßen nebeneinander an der ovalen Tafel. Ewan entließ die Lakaien und bediente Isabella eigenhändig. Zu dem Fasan, der schon serviert worden war, trank sie einen leichten Rotwein, er hatte Burgunder gewählt. Gekonnt tranchierte er den Vogel und legte eine knusprige Portion auf ihren Teller.

Zierlich knabberte sie das zarte Fleisch, leckte sich die Finger ab und sog sogar genüsslich daran. Aufreizend der Kontrast ihrer vollen roten Lippen zu dem Weiß der Serviette. Unruhig rückte Ewan auf seinem Stuhl, spürte steigende Erregung. Er konnte nicht anders, als sich ihren Mund, ihre Zunge auf seiner Haut vorzustellen.

„Was wirst du mit mir tun, wenn du heute wieder gewinnst?“, fragte sie, ihm tief in die Augen sehend.

Er grinste. „Man sollte sich nie darauf verlassen zu gewinnen, das führt nur zu Enttäuschungen.“

„Also wärest du enttäuscht, wenn ich gewönne?“, neckte sie.

„Damit wäre ich nicht allein.“

„Sir, Sie schmeicheln sich“, erwiderte sie kühl und fühlte gleich darauf, wie er mit fester Hand ihr Kinn umschloss, damit sie seinem Blick nicht ausweichen konnte.

„Ich wenigstens bin zu mir selbst ehrlich, Belle. Ich begehre dich. Sollte ich heute gewinnen, werde ich dich besitzen, und du wirst mir zu Willen sein. Aber was ist, wenn du richtig rätst? Das wird sehr unbefriedigend werden, denn du wirst aus purer Halsstarrigkeit uns beiden kein Vergnügen gönnen.“

Wut im Blick, weil sie die schmerzliche Wahrheit nicht hören wollte, machte sie sich los. „Es wird vielleicht nur dich treffen, weil du, wie ich dir schon erklärt habe, meinem Zweck gedient hast.“ Ungeduldig stieß sie ihren Stuhl zurück und erhob sich. „Komm, lassen wir die Würfel jetzt gleich sprechen. Offensichtlich kannst du ja nicht abwarten!“

Ewan lachte leise und folgte ihr wortlos hinauf in den Salon, wo der Würfelbecher schon auf dem Tisch stand.

Mit leerem Blick betrachtete Isabella die Würfel, als sie ausgerollt waren. „Wie es aussieht, haben Sie gewonnen, Captain Dalgleish. Ich stehe Ihnen also erneut zur Verfügung. Was wünschen Sie dieses Mal von mir?“

„Komm her, Belle.“ Er sah, wie sich unter dem feinen Musselin ihres Kleides ihr Busen hob und senkte. Eine lange, glänzend schwarze Locke ringelte sich ihren weißen Hals entlang. Entzückend.

Sie trat näher. Er duftete nach Seife und frischer Wäsche; sein Atem kündete von dem Wein, den er getrunken hatte, und strich warm über ihre Haut. Als er spielerisch an der Schärpe ihres Kleides zog, blickte sie auf zu ihm. Erregung schoss ihr durch die Adern, ein anhaltendes, drängendes Verlangen, das ihr bis zum gestrigen Tag fremd gewesen war, und das sich seitdem beharrlich weigerte, abzuflauen.

Er fasste sie bei den Handgelenken und zog ihr die Arme auf den Rücken, wodurch sie dicht gegen ihn gedrängt wurde. Brust an Brust standen sie, so nah, dass sich die Knöpfe seiner Kleidung schmerzhaft in ihr Fleisch drückten. Er lächelte beinahe grausam, doch sie hatte keine Angst.

„Also habe ich meinen Zweck erfüllt? So einfach lasse ich mich nicht abspeisen, Belle. Bald wirst du dich nach mir verzehren, glaub mir.“

Doch seine Worte machten sie nur noch widerspenstiger. „Versuch es, es wird dir nicht gelingen.“ Sie lächelte höhnisch. „So einzigartig sind Sie nicht, Captain Dalgleish. Ich zweifele nicht, dass ich, was Sie mir geben können, auch von jedem anderen Mann bekommen kann. Sagten Sie nicht eben das in unserem Gespräch?“

„Aber ich wies auch darauf hin, dass du gewartet hast, bis du mich trafst“, erinnerte er sie. Abrupt ließ er sie los und ging zur Tür. Dann rastete das Schloss ein.

Entschlossen trat er vor sie hin. „Dreh dich um.“ Er löste die Schärpe ihres Kleides und verband ihr damit die Augen.

„Was tust du?“, fragte sie mir bebender Stimme.

„Ich werde dir etwas beweisen. Da du mich jetzt nicht sehen kannst, steht es in deiner Macht, dir jeden Mann, den du kennst, vorzustellen. Nur wird es dir nicht gelingen. Was du auch sagen magst, ich weiß, dass du nur mich willst, und du wirst es mir eingestehen.“

„Ich muss dir gehorchen, also werde ich sagen, was immer du verlangst.“

„Nein, Belle, du wirst es sagen, weil es die Wahrheit ist.“

Und dann spürte sie seine Hände auf ihrem Körper. Geschickt öffnete er ihr Mieder, löste ihre Röcke, schnürte ihr Korsett auf und entledigte sie ihres Hemdes. Er zog die Nadeln aus ihrem Haar. Wie ein seidener Vorhang wallte es ihren Rücken hinab. Nun stand sie nur in Schuhen und Strümpfen vor ihm, fühlte sich verletzlich, da sie nichts sehen konnte, wagte sich nicht zu bewegen. Doch sie hatte keine Angst.

„Du wirst es nicht von mir hören, denn es ist nicht wahr“, sagte sie, wusste aber, dass sie log und dass er das wusste. Und sie wusste, dass dieser Willenskampf, der zwischen ihnen tobte, die rasende Erregung des Fleisches nur erhöhte.

Einen quälenden Augenblick geschah nichts. Die Zeit schien stillzustehen, ihre Erwartung steigerte sich ins Unerträgliche. Dann fühlte sie seine Hand in ihrem Haar, er kämmte mit den Fingern die seidigen Strähnen. Er stand hinter ihr, der Stoff seines Rockes rieb gegen ihre bloße Haut. Seine Lippen streiften ihren Nacken, kühl strichen sie über ihre heiße Haut, entlang ihrem Ohrläppchen, drückten kleine Küsse auf ihren Hals und wanderten zu ihrer Schulter. Sie spürte, wie seine Hände zu ihren Brüsten glitten, schmeichelnd verharrten und weiter hinab bis zu ihrer Mitte, sanftes Streicheln am Ansatz ihrer Schenkel. Belle stand unbeweglich, blendete alle Gedanken aus und ließ nur die Empfindungen auf sich wirken, sie beherrschen.

Nun führte Ewan sie zu einem Sofa, drückte sie bäuchlings darauf nieder und begann, sie zu streicheln; fest, beinahe massierend, folgte er den Konturen ihres Körpers. So wundervolle Haut, weich wie Seide. Sie duftete würzig nach Blumen. Als sie sich unter seinen Liebkosungen leicht wand, gewährte sie ihm einen Blick auf ihre intimsten weiblichen Geheimnisse. Begierde schoss schmerzhaft durch seine Lenden.

Rasch warf er seine Kleider ab. Alles in ihm schrie danach, sie zu nehmen, zu besitzen; zuerst jedoch, und das gestand er sich nur ungern ein, musste er ein anderes Bedürfnis befriedigen – nämlich sie dazu zu bringen, ihr eigenes Begehren in Worte zu kleiden.

Etwas Zartes, Leichtes, Kitzelndes wurde über ihren Rücken geführt und löste eine Gänsehaut auf ihrer übererregten Haut aus. Belle wand sich unruhig; jetzt fuhr es über ihre Beine, über die Innenseite ihrer Schenkel und wieder zurück über Gesäß und Rücken. Einladend bog sie sich der aufreizenden Berührung entgegen, die jedoch plötzlich aufhörte.

Dann eine andere Empfindung, etwas Feuchtes, Warmes. Ewan liebkoste sie mit seiner Zunge, fuhr entlang ihrer Wirbelsäule, schien überall gleichzeitig zu sein, schien jedes Fleckchen ihres Körpers zu entflammen. Sie setzte all ihre Einbildungskraft ein, um in ihrem Geist das Bild eines anderen Mannes heraufzubeschwören, doch vergebens. Sie musste Ewan gar nicht sehen. Ihr Körper wusste, er war es. Er, kein anderer.

Dann spürte sie ihn, spürte seine Männlichkeit auf ihrer Haut, drängend und doch verweigernd. „Ewan“, sagte sie heiser und bog sich ihm entgegen. Dann nichts.

„Sag, dass du mich willst, Belle“, flüsterte er.

Schweigen.

Wieder kam er näher, heiße, glatte Haut zwischen ihren Schenkeln. Da sie der Sicht beraubt war, empfand sie die zögernde Berührung wie eine Folter für ihre aufgereizten Sinne. Wieder wölbte sie sich ihm entgegen, tastete nach ihm.

„Belle?“

Sie schwieg.

Wieder nur kühle Luft. Dann Hände an ihrer Taille. Sie wurde auf den Rücken gedreht. Abermals tastete sie, suchte ihn zu fassen, doch er schob ihre Hände fort.

Da war dieses aufreizende Kitzeln wieder. Eine Feder, das war es! Strich über ihre Beine, ihren Leib, wischte wie ein Hauch über ihren Venushügel … und nun Ewans Hände … er streichelte sie, zart mit den Fingerspitzen, dann fester mit der ganzen Handfläche … dann seine Zunge … ganz aufs Fühlen konzentriert, kam es ihr vor, als berührte er sie überall gleichzeitig … solch süße Wonne. Sie schmolz dahin, drängte sich gegen ihn. Mehr.

Doch er entzog sich ihr. „Wen begehrst du, Belle?“

Sein Ton war fordernd. Scharf. Leidenschaft oder Ärger? Sie unterdrückte den Wunsch, zu betteln.

Wieder fühlte sie seinen Mund, seine Zunge, kitzelnd, streichelnd, saugend … ah, er ließ von ihr ab! „Ewan!“ Ihr Ton war rau vor Verlangen, und sie klammerte sich an seine Schultern. „Ewan, dich will ich, dich. Komm jetzt.“ Einwilligung, nicht Unterwerfung. Im Widerstreben lag nur begrenztes Vergnügen, und das hatte sie ausgeschöpft.

Ewigkeiten lang, so kam es ihr vor, geschah nichts. Ungeduldig wartete sie in der ihr aufgezwungenen Dunkelheit. Unvermittelt küsste er sie, hart, fordernd, nachdrücklich. Sie spürte seine Anspannung, die jedoch nicht von Ärger herrührte. Nein, er war ebenso wild erregt wie sie, und plötzlich wollte sie ihm nachgeben, ihm die Worte sagen, die er brauchte. „Ich habe dich bewusst gewählt, ich wollte dich, die Wette war nebensächlich. Und ich will dich jetzt.“

Jäh sah sie Licht; mit einem Ruck hatte er die Binde von ihren Augen gelöst. Mit glühendem Blick schaute er ihr ins Gesicht. Er lächelte triumphierend. Doch es machte ihr nichts, denn sie war sich absolut sicher, dass sie ihn ebenso besaß wie er sie. Fester klammerte sie sich an ihn. Erneut beugte er sich über sie, küsste, saugte, streichelte mit seiner Zunge, bis sie zu vergehen glaubte und sich aufbäumend ihm entgegenwölbte.

Er betrachtete sie gierig, ihre Haut vor Erregung gerötet, flammender Mund, wie im Schmerz erstarrte Züge … aufkeuchend fasste er ihre Hüften, zog sie zu sich heran und gab seiner Begierde nach.

Lustvoll ergab sie sich ihm, wiegte sich, schneller, drängte der Erfüllung entgegen, doch er zögerte, hielt sich zurück, spielte mit ihr, langsam … quälend langsam … bis auch dieser Akt zum Kampf zwischen ihnen wurde. Doch er würde unterliegen. Sie suchte seine Lippen, küsste ihn gierig und spürte seinen Widerstand erlahmen. Immer wieder presste sie sich gegen ihn, reizte ihn, beschleunigte ihren Rhythmus, bis er ihr erlag. Ein Schauer durchlief sie und wie im Widerhall auch ihn, und der Höhepunkt schwemmte sie beide wie auf dem Kamm einer Woge ins Meer der Lust.

Später saß sie an seine Schulter gelehnt, und er hielt sie zärtlich im Arm, streichelte ihr Haar und hauchte sanfte Küsse auf ihre Wangen. So blieben sie lange wie verzaubert, bis er endlich aufstand, sie liebevoll bei der Hand nahm und in sein Zimmer führte. Aneinandergeschmiegt lagen sie unter der weichen Bettdecke und schauten ins Dunkel.

Unversehens fragte er sie: „Sag, heißt du wirklich Belle?“

„Warum fragst du?“

„Ich habe so ein Gefühl. Manchmal – in der Nacht nämlich – scheinst du Belle zu sein. Aber am Tage, wenn wir uns unterhalten und ich dich mit Belle anspreche, siehst du mich an, als wäre der Name dir fremd.“

„In gewisser Weise stimmt das auch. Belle ist ein schockierendes Geschöpf mit dunklen, geheimen Gedanken und Wünschen. Isabella – so heiße ich wirklich – ist mein wahres Ich, das von all dem nichts weiß.“

„Isabella. Das gefällt mir, der Name passt zu dir.“ Sanft fügte er hinzu. „Wir alle besitzen eine dunkle, geheime Seite, nur haben die meisten keinen Namen dafür.“

„Und manche missbrauchen sie“, sagte Isabella und fröstelte.

Ewan zog sie dichter an sich. „Ja, im Krieg habe ich es oft genug gesehen. Aber das habe ich nicht gemeint.“

Sie glaubte zu verstehen. „Nein, du hast dich auf das bezogen, was wir beide teilen. Der Kampf, den wir ausfechten – er versüßt gleichermaßen den Sieg wie die Niederlage. Wie vorhin. Sich zu unterwerfen schenkt ebenso viele Freuden wie zu beherrschen. Zumindest, solange wir uns an die Regeln halten.“

Mit einer besitzergreifenden Geste umfing er sie. „Ja, genau so ist es. Ich hätte es nicht besser ausdrücken können. Kaum dass ich dich sah, wusste ich, dass du mich verstehen würdest. Und du wusstest es auch. Wirst du es jetzt zugeben?“

Im Dunkeln konnte er nicht sehen, dass sie lächelte. „Warum nicht? Letztendlich hast du gewonnen“, meinte sie neckend.

„Ja, und ich bin noch nicht fertig mit dir“, grollte er und drückte sie nieder auf die Laken.

Hinterher schlief sie tief und fest und träumte, sie habe Schiffbruch erlitten und es komme nun endlich, nachdem sie lange in unsicherer See getrieben war, ein sicherer Hafen in Sicht.

* * *

Als sie am nächsten Morgen erwachte, war sie allein. Sie fühlte sich seltsam zufrieden, so, als sei sie aus einem dunklen Tunnel ans Licht gelangt. Irgendwie ganz neu. Vollständig. Zum ersten Mal beäugte Isabella diese Belle in sich vorsichtig im hellen Tageslicht, wie ein Wissenschaftler eine neue Spezies untersuchte. Fremd und doch irgendwie vertraut. Ein Teil von ihr, der, bisher eingekerkert, nun befreit worden war, befreit durch dieses Spiel, auf das sie sich mit Ewan eingelassen hatte. Wie ein Alchemist hatte Ewan aus zwei Elementen etwas Neues hervorgebracht.

Etwas, dem keine lange Dauer beschert war, wie ihr bitterlich bewusst wurde. Dieser Abend, diese Nacht noch, danach dann würde dieser Teil ihrer selbst darben müssen. Ohne Ewan würde Belle wohl welken und dahinscheiden. Der Gedanke drückte ihr das Herz ab, und sie verdrängte ihn. Morgen war noch Zeit genug, sich zu grämen.

Nachdem sie sich angekleidet hatte, ging sie hinunter und fand Ewan in der Bibliothek, wo er den Spectator las. Grüßend streckte er ihr eine Hand entgegen. Heute Morgen, im Tageslicht, wirkte er viel jünger, nachgerade jungenhaft. Erfreut, sie zu sehen. Sie erinnerte sich an ihren Traum. Dieser hier war ein Mann, auf den man sich verlassen, dem man trauen konnte. Ein Mann mit Integrität, ganz verschieden von der dunklen Seele, mit der sie des Nachts die Klinge kreuzte. Und dennoch …

Zwei Ewans – einer für Belle, der andere für Isabella. Zwei Seiten einer Münze. Genau wie sie. Sie verstaute dieses Wissen in ihrem Geist für die langen, trostlosen Zeiten, die nun vor ihr lagen.

Wie sie da ziellos im Zimmer umherwanderte, entdeckte sie eine Landkarte von Amerika, die offen auf einem Tisch lag. „Ist das die Neue Welt?“, fragte sie aufgeregt. „Erzähl mir davon, Ewan.“

Er beschrieb ihr Städte und Plantagen, erklärte, dass es ein Land voller Gegensätze sei. „Aber mit Worten nicht zu beschreiben ist seine Weite, seine pure Größe“, sagte er mit einer ausholenden Geste.

Isabella fuhr mit dem Finger über die große, leere Fläche im Westen Neuenglands. „Was das bedeuten könnte!“, seufzte sie. „Die Chance neu zu beginnen, ohne die Vorurteile und Beschränkungen Englands.“

„Aus genau den Gründen brachen die ersten Siedler dorthin auf, doch das Leben dort bedeutet harte Arbeit, und es gibt viele Gefahren“, schränkte er ein.

„Aber welchen Lohn erringt man dafür!“, rief Isabella mit warmem Lächeln.

„Du meinst das ernst“, sagte er verwundert.

Jäh erlosch ihr Lächeln. „Ein Traum, mehr nicht.“ Stumm, die Stirn gerunzelt, betrachtete sie die Karte. „Ehrgeiz, Zielstrebigkeit, das wird einer Frau nicht zugestanden“, fuhr sie bitter fort, „aber du kannst doch tun, was immer du möchtest. All die Eskapaden, für die du so berühmt bist, befriedigen dich nicht, habe ich recht?“

„Du bist sehr scharfsinnig. Aber nicht die Gefahr fehlt mir oder das Schlachtengetümmel – es ist die Herausforderung, das Unvorhersehbare. Ich hatte vergessen, wie das ist, bis ich dich traf.“

„Deine dunkle Seite“, meinte Isabella errötend. „Ab morgen, wenn dies hier vorbei ist, wirst du dir dafür ein neues Ventil suchen müssen.“

Er war verletzt. „Du aber auch“, entgegnete er rau. Er wollte sehen, wie sie reagierte.

Sie schüttelte den Kopf. „Morgen, vielleicht heute schon, falls ich gewinne, wird Belle für immer verschwunden sein.“

„Rede nicht so!“, sagte er und griff nach ihrem Handgelenk.

Sie schob seine Hand fort. „Was hier zwischen uns geschehen ist, ist nicht das richtige Leben. Es ist ein Spiel. Für mich aus Notwendigkeit, für dich eine Zerstreuung, eine Ablenkung.“ Eilig stand sie auf, glättete ihre Röcke und eilte hinaus, in die Zuflucht ihres Zimmers. Sie würde diesem albernen, sentimentalen Gefühl keinen Platz gönnen, das der Ewan, der dem Tageslicht gehörte, in ihr hervorrief. Er war ihr Gegner. Denn wenn er das nicht war, was war er dann?

Doch sie konnte die Frage nicht vergessen. Während sie sich für das Dinner zurechtmachte, badete und eine Abendrobe anlegte, zog Isabella im Geiste gegen Belle zu Felde.

Du machst dich lächerlich, wenn du dir einbildest, dass eine Bekanntschaft, die man gerade einmal in Stunden messen kann, bedeutsam sein könnte. Ich kenne Ewan kaum.

Die bedeutsamen Dinge weiß ich. Die sah ich in ihm auf den ersten Blick.

Uns haben ungewöhnliche Umstände zusammengeführt. Ich bin nur hier, um meinen Bruder vor dem Ruin zu retten.

Sicher, wegen Robin bin ich mit Ewan gegangen, doch ich bleibe um meiner eigenen Sache willen.

Dann bin ich also Sklavin meiner Leidenschaft … ist es das etwa?

Die Anziehung zwischen uns ist ein Symptom, keine Sache an sich. Meine leidenschaftlichen Vorlieben entspringen meinen Gefühlen, nicht umgekehrt.

Also liebe ich ihn?

Ja, ich liebe ihn. Tief und innig. Unwiderruflich. Da, ich habe es ausgesprochen!

Aber ich bin nicht so töricht, zu glauben, dass meine Liebe erwidert wird.

Nein, und sein Mitleid möchte ich auch nicht.

Dann muss es also dabei bleiben – er muss mein Gegner bleiben, sagte Isabella.

Und Belle stimmte traurig zu. Ja, mein Gegner.

Als Isabella sich schließlich Ewan gegenüber an der Tafel niederließ, war sie düsterster Stimmung. Am nächsten Morgen würde sie fort sein. Wenn sie doch nur sicher wüsste, dass Ewan sie vermissen würde. Gleichzeitig wünschte sie, es möge ihr gleichgültig sein, ob er sie vermisste oder nicht. Sie wünschte, sie könnte aufhören zu wünschen. Sie bohrte das Messer in den köstlichen Kapaun auf ihrem Teller, als wäre er ihr Erzfeind.

„Du siehst aus wie jemand, dessen Hunger nicht mit Speisen zu sättigen ist.“

Seine Worte störten sie aus ihren Gedanken auf. Er lächelte nicht, trotzdem fand sie, dass er über sie lache. Gereizt schob sie ihren Teller fort. „Du schmeichelst dir zu sehr, wenn du glaubst, ich hungerte nach dir“, fauchte sie. „Du bist ein geübter Liebhaber, und du hast mich einiges gelehrt, aber ich lerne schnell. Ich brauche dich nicht. Eher glaube ich, dass du mich brauchst.“

Was sie sagte, sollte ihn verletzen, und das wusste er, trotzdem schmerzte es ihn. Er verstand ihre Stimmung nicht. Als sie am Nachmittag hinausgestürmt war, hatte er noch gedacht, das gehöre zu ihrem Spiel. Aber sie war immer noch zornig, zornig über ihn, und er wusste nicht, warum. Da der Vorhang zum letzten Akt ihres Spiels aufgegangen war, kam es ihm vor, als befände er sich im falschen Stück. An das Ende hatte er überhaupt nicht gedacht; was er jedenfalls nicht wollte, war ein solches Ende. „Isabella“, sagte er eindringlich, „weißt du, es muss nicht so sein.“

„Doch, das muss es“, erklärte sie endlich. „Wir hatten uns auf die Regeln geeinigt. Und nenn mich Belle, nicht Isabella“, fügte sie kühl hinzu.

Als er ihr, zum letzten Mal, in den Salon folgte, folterte ihn die Ungewissheit. Er hatte sich eingeredet, dass der Fall der Würfel für die heutige Nacht nicht von Bedeutung wäre. Nun erkannte er, wie sehr er sich geirrt hatte. Er nahm die Würfel auf. „Drei“, verkündete er, für die Anzahl ihrer gemeinsam verbrachten Nächte, korrigierte sich jedoch sofort abergläubisch. „Nein, Vier.“ Nur zögernd warf er. Regungslos nahm Belle das Ergebnis zur Kenntnis. Fünf und Sechs waren gefallen.

Da sie nun an der Reihe war, sah sie Ewan an, nicht die Würfel. „Drei!“, rief sie, und als die Würfel ausrollten, zeigten sie drei Augen.

Er konnte nicht glauben, dass es vorbei war. Mit großen Schritten marschierte er zu dem Tablett, das auf dem Tischchen am Kamin stand, und schenkte sich einen großen Brandy ein, den er in einem Zug hinuntergoss.

„Langsam, nimm dir Zeit.“ Ganz bewusst wählte Belle die Worte, die er in jener ersten Nacht zu ihr gesagt hatte. „Ich möchte, dass Sie nüchtern sind. Sie haben eine Ehrenschuld einzulösen, Captain Dalgleish.“

Ewan schaute auf. Sie sah ihn an, ein unbestimmbares Glitzern in ihren blauen Augen, ihr Mund zu einem spöttischem Lächeln verzogen, in Nachahmung des seinen. „Aber du hast gewonnen“, sagte er benommen.

„So ist es. Woraus folgt, dass ich bestimme, was geschieht.“ Sie winkte ihm befehlend mit einem Finger und rauschte in königlicher Haltung aus dem Salon.

Ungestüm folgte Ewan ihr bis in ihr Zimmer. Er war jetzt schon stark erregt. Nie hatte er etwas – oder jemanden – heftiger begehrt.

Belle ging zu einer Kommode. „Zieh dich aus“, befahl sie, während sie suchend in den Schubladen kramte.

Er gehorchte.

Als sie sich schließlich umwandte, stand er nackt in seiner ganzen Pracht vor ihr. Sie keuchte unmerklich auf. Bedächtig musterte sie seinen Körper – die breiten Schultern, die muskulöse Brust und den flachen Bauch. Beim Anblick seiner Erregung ging ihr Atem rascher. Sie zwang sich gewaltsam, ihren Blick bemüht ungerührt weiterwandern zu lassen, seine kraftvollen Schenkel entlang bis hinunter zu den Waden. Wie er da stand, war er weit entfernt von dem kultivierten Gentleman; er strahlte pure Kraft und überwältigende Männlichkeit aus. Ungezähmt, dachte sie, doch hoffentlich nicht unzähmbar.

Sie fragte sich, ob man einen Mann auf die gleiche Weise aufreizen konnte, wie er es mit ihr gemacht hatte. Ihn immer wieder zur Grenze höchster Lust treiben und dort verharren lassen. Zumindest würde sie alles daransetzen, beschloss sie für sich.

„Nun“, fragte Ewan, den ihre forschenden Blicken eher noch stärker erregt als in Verlegenheit gebracht hatten. „Genüge ich deinen Anforderungen?“

„Du bist ein schönes Exemplar Mann“, entgegnete Belle, scheinbar nur wenig enthusiastisch.

Er lachte, tatsächlich amüsiert, was die Fältchen um seine Augen nicht unattraktiv vertiefte.

Sie konnte sich nicht helfen, sie musste sein Lächeln erwidern.

„Komm zu mir, Belle.“

Seine Bitte ließ sie wieder ernst werden. „Nein!“, gab sie knapp zurück. „Heute Nacht wirst du tun, was ich verlange. Leg dich aufs Bett.“

Fragend schaute er sie an, fügte sich jedoch. „Was hast du mit mir vor?“

Wie er sich da ausgestreckt hatte, sah sie auf ihn nieder, um sein Bild tief in ihr Gedächtnis einzuprägen. Ihr Zorn wich sanfteren Gefühlen. Und wie stets in Ewans Gegenwart lauerte schon die Begierde, bereit, die tragende Rolle zu übernehmen. „Heute Nacht bist du der Unterlegene. Mein Gefangener. Ich werde es weidlich ausnutzen. Heb die Arme.“

Er tat, was sie sagte, wenn auch skeptisch, denn sie zog zwei Bänder hinter ihrem Rücken hervor – seidene Gürtel oder Kleiderschärpen, stellte er fest – und band jeweils eines um seine Handgelenke. Ganz darauf konzentriert, schob sie die Zungenspitze zwischen ihren Lippen. Ob ihr das bewusst war? Er fand es entzückend. Zu gern hätte er sie jetzt geküsst. Nun prüfte sie, ob die Knoten fest genug waren, und band dann die andere Enden der Bänder an die Bettpfosten. Ah, sie wollte Revanche, doch es ging ihr nicht darum, ihn mürbe zu machen, es ging ihr darum, den Ton anzugeben. Waren sie beide nicht, was diese ihre dunklen Wünsche anging, aus dem gleichen Holz geschnitzt? Heute Nacht wollte sie sehen, wie er zu widerstehen suchte, ehe er ihr nachgab. Die Umkehrung der letzten Nacht. Was er sehr gut verstand.

Befriedigt betrachtete Belle ihr Werk. Dann stellte sie sich vor ihn hin und begann langsam, die Verschlüsse ihrer Robe zu lösen. Sie dachte daran, wie sehr er es in jener ersten Nacht genossen hatte, ihr beim Entkleiden zuzusehen. Und wie sehr sie seine Blicke genossen hatte. Dabei hatte sie gelernt, dass es sie ungeheuer aufreizte, seine steigende Erregung zu sehen. Also begann sie nun, sich vor ihm lasziv zur Schau zu stellen, gemächlich ein Kleidungsstück nach dem anderen abzulegen. Seide fiel raschelnd zu Boden, blütenweiße Spitze glitt über schneeige Haut, hauchfeiner Batist sank sanft zu ihren Füßen nieder, bis sie nackt dastand. Während sie Ewan unter halbgesenkten Lidern hervor beobachtete, hob sie anmutig die Arme und löste ihr Haar. Äußerst befriedigt nahm sie zur Kenntnis, dass er sie mit Blicken verschlang, und spürte, wie auch in ihr die Erregung immer höher aufwallte.

Ewan zerrte an den Fesseln, zwang sich dann, zu entspannen, und Belle lachte entzückt auf. Sie kletterte auf das Bett und kniete sich zwischen seine Beine, beugte sich so weit über ihn, bis ihre Brüste über seinen Bauch rieben. Wohlig erschauernd nahm sie die seidige Weichheit seiner Haut wahr. Andächtig fuhr sie mit der Zunge entlang der harten Stränge seiner Muskeln und hauchte kleine Küsse auf seine Brust. Sie hob den Kopf und sah ihm in die Augen. Seine Pupillen waren geweitet vor Begehren. Wieder bäumte er sich gegen die Fesseln auf. „Küss mich, Belle“, flüsterte er heiser.

Sie schüttelte den Kopf, beugte sich erneut über ihn. Bedächtig küsste sie seinen Bauch, Fleckchen für Fleckchen, fuhr der Linie seiner Hüften nach bis hinunter zu seinen Beinen. Provozierend küsste sie die Innenseite seiner Schenkel.

„Gefällt es dir, mein Gefangener zu sein?“, hauchte sie dicht an seiner Haut, sodass er ihren Atem spüren musste.

Er schwieg.

Einem Hauch gleich ließ sie ihre Finger über seine Männlichkeit gleiten. Ewan stöhnte auf. Mit den Fingerspitzen fuhr sie über die zarte Haut seiner Lenden, umzirkelte immer wieder das Zentrum seiner Erregung. Ewan stöhnte erneut auf und wand sich.

„Sag, dass du aufgibst“, flüsterte sie.

„Nein“, presste er zwischen den Zähnen hervor, zerrte aber heftig an seinen Fesseln.

Mehr als alles andere sehnte Belle sich danach, seine Hände auf ihrem Körper zu fühlen, sein Lippen heiß auf den ihren, doch es war nicht an ihr, zu kapitulieren. Wieder beugte sie sich nieder, leckte und küsste seinen Bauch, seine Lenden, immer so aufreizend nah, dass er ihren warmen Atem auf seiner Erektion spüren konnte. Seine Brust hob und senkte sich heftig, er atmete keuchend, fast als hätte er Schmerzen. Als sie ihn anschaute, murmelte er: „Tu es, jetzt.“

„Ergib dich!“, forderte sie.

Flehend sah er sie an, schwieg aber. Ein überwältigendes Bild stand ihr vor Augen. Sie würde ihn besitzen können, ohne dass er sie besaß. Hatte er nicht gestern mit ihr das Gleiche getan? Und sie fuhr mit ihren aufreizenden Spielen fort, küsste, streichelte, berührte ihn, ließ von ihm ab, begann das Spiel immer wieder von vorn, schwelgte darin, ihn in ihrer Gewalt zu haben – bis er, sich aufbäumend, hervorstieß: „Belle, Belle … Ich ergebe mich …“ Doch da war es ihr schon nicht mehr wichtig; es war nicht mehr ihr Triumph, sondern es war einfach so, wie es ihnen beiden richtig erschien.

Sie fühlte seinen rasenden Herzschlag an ihrer Haut. Ihr eigenes Herz schlug ebenso wild vor Erregung. Sie wollte ihn, begehrte ihn, verzehrte sich danach, ihn zu spüren. So weit war sie schon gegangen, sie würde noch weiter gehen, sich ihn nehmen, wie er sie genommen hatte. Mit einer einzigen Bewegung glitt sie über ihn, und nahm ihn in sich auf. Einen Moment verharrte sie so.

„Mach mich los, Belle!“, drängte er und stemmte sich gegen die Fesseln. Die Bewegung lief einer Welle gleich durch ihren Körper und steigerte ihren Rausch. Dennoch gab sie nicht nach, sie genoss ihre Macht – über ihn, über sich selbst – horchte nur auf die Empfindungen ihres Körpers, gehorchte ihrem Körper, hob und senkte und wand sich und spürte, wie Ewan ihren Bewegungen begegnete. Sie beugte sich zu ihm, suchte seinen Blick, hielt ihn, und nun endlich küsste sie ihn, küsste ihn heiß, tief, voller Leidenschaft, und als er den Kuss ebenso glühend erwiderte, löste sich etwas in ihr, sie gab die Kontrolle auf und schien jäh zu fallen, zu schweben, emporgehoben zu werden, spürte, wie Ewan sich lustvoll erschauernd aufbäumt, und ineinander verloren schienen sie in der Schwärze der Nacht zu verglühen …

Kleine zarte Küsse brachten sie in die Wirklichkeit zurück. Abrupt richtet Belle sich auf, löste sich von Ewan und band ihn von den Bettpfosten los.

Träge lächelte er sie an. „Wie fühlst du dich als Sieger?“

„Wie fühlst du dich als Unterlegener?“

„Erstaunlich gut.“ Er setzte sich auf und rieb sich die Handgelenke.

Ein wenig betreten bemerkte sie die roten Striemen dort, wo die Bänder eingeschnitten hatten, als er sich dagegen auflehnte. „Tut mir leid, ich wollte dir nicht wehtun“, sagte sie zerknirscht.

Er zuckte die Achseln. „Was macht es schon?“, murmelte er und zog sie zu sich nieder. Er streichelte ihren Rücken und schloss sie fest in die Arme, sodass sie, an seine Brust geschmiegt, seinen Herzschlag hören konnte.

Wie hatten drei Tage so schnell vergehen können? Warum konnte die Nacht nicht noch andauern? Ihr graute vor dem Morgen.

„Belle …“, sagte er, „… wegen morgen …“

„Es bedarf keiner Worte …“, murmelte sie dicht an seiner Haut. Sie wollte von ihm kein Wort mehr über ihre Abmachung hören, geschweige denn Dank oder Entschuldigungen oder Rechtfertigungen. Sie würde sich nicht untreu werden, sondern einfach fortgehen, und wenn es sie umbrächte.

In dem Gefühl völliger Übereinstimmung lächelte Ewan zufrieden. Sie hatte recht. Etwas so Elementares wie das, was sie teilten, bedurfte keiner Worte. Dennoch würde er sie morgen früh aussprechen. Natürlich war ihr Werben umeinander äußerst unkonventionell verlaufen, trotzdem musste es förmlich besiegelt werden. Er schlief ein, schlief tief und träumte von ihrer gemeinsamen Zukunft. Als er aufwachte, war Belle fort.

* * *

„Warum bist du ohne ein einziges Wort verschwunden?“

Ewan drängte an dem Dienstmädchen vorbei in den kleinen Salon und stieß die Tür hinter sich entschieden zu. Er war zornig und zeigte es. Wie er da stand, mit stählern schimmernden Augen und alle Muskeln angespannt, wirkte er wie zum Sprung bereit. Starr sah er Isabella an, so eindringlich, dass sie den Blick nicht abzuwenden wagte.

Ratlos schüttelte sie den Kopf.

„Ich dachte, es wäre zwischen uns alles klar gewesen“, sagte er schroff und ging auf sie zu. Drei große Schritte, und er stand vor ihr. „Gestern Nacht sagtest du, es gebe nichts zu reden, zwischen uns sei alles klar. Ich dachte, du hättest erkannt …“ Abrupt hielt er inne, fuhr sich mit der Hand über das unrasierte Kinn und harkte dann mit den Fingern durch seine Mähne, die ebenso in Unordnung war wie sein Seelenleben. „Isabella, hast du eine Vorstellung, wie ich mich gefühlt habe? Ich wusste nicht einmal, wo du wohnst.“

Sie lächelte unsicher. „So weit waren wir noch nicht, uns derart alltägliche Dinge zu erzählen.“

„Nein. Was wir geteilt haben, war wesentlich elementarer“, sagte er und ergriff ihre Hand. „Zum Glück hat der Lakai, der heute Morgen die Mietkutsche für dich rief, ein hervorragendes Gedächtnis.“

Ein Fünkchen Hoffnung keimte in ihrer Brust auf, doch sie wagte nicht, es zur Gewissheit werden zu lassen. „Nun, fest steht, dass wir uns nach so kurzer Bekanntschaft mit einer … einer Offenheit begegnet sind, wie sie manche Menschen erst nach vielen, vielen gemeinsamen Jahren erleben.“

Blaue Auge schauten in bernsteingoldene, suchten verzweifelt nach Vertrauen, Gewissheit. Ewan schließlich sprach.

„Nicht mehr als zwei Tage und drei Nächte, und doch spüre ich, dass ich dich ganz genau kenne, und du mich ebenso gut kennst.“

Er schaute düster drein, sein Mund war eine scharfe, dünne Linie. Er wirkte so streng, dass man sich hätte fürchten können, doch Isabella fürchtete sich nicht. Sie sah Unsicherheit, Qual. Bisher hatte sie ihn noch nie so ängstlich besorgt gesehen, nie hatte seine Stimme so geklungen, nicht einmal im Rausch der Leidenschaft. Und sie erkannte, was es war, denn es spiegelte ihre eigenen Empfindungen.

Trotzdem suchte sie Bestätigung. „Du sagtest letzte Nacht, dass wir keiner Worte bedürften.“

„Nein, das hast du gesagt. Du hast mich nicht ausreden lassen …“ Nun dämmerte es ihm langsam. „Du nahmst an, ich meinte, keine Reue.“

Sie lachte abgerissen. „Ich dachte, du wolltest mich an unsere Abmachung erinnern, ich hatte angenommen, dass du genug von mir hattest. Ich brachte es einfach nicht über mich, Lebwohl sagen zu müssen.“

Ein winziges Lächeln hob seine Mundwinkel. „Lebwohl! Das ist das einzige Wort, das wir niemals sagen werden. Nein, was ich sagen wollte, war … wir beide hatten etwas so Elementares geteilt, dass es mir wie ein Sakrileg vorkam, es in Worte zu kleiden.“

„Etwas Elementares“, flüsterte Isabella. „Ja, so empfand ich es auch.“

„Eine unwiderstehliche Kraft. Wir haben es als Kampf bezeichnet, aber es war eher wie ein Ausbruch, eine Urgewalt, eine zwingende Kraft, die uns zusammengeführt hat.“ Er drückte ihre Hand, dann kniete er vor ihr nieder. „Wir haben um Herrschaft gekämpft, wo wir uns schlicht hätten ergeben sollen. Wir sind zwei Hälften eines Ganzen, Isabella, und das Ganze ist viel stärker als die Summe seiner Teile. Ist dir das klar?“

„Ich sehe mich in deinen Augen, und du siehst dich in den meinen“, sagte sie leise. „Ich weiß, dass ich dich liebe, Ewan, falls du es so meinst.“

„Ich schaue dich an und sehe mich. Genau das, meine süße Isabella, meine ich“, flüsterte er. „Und wenn unser Werben auch sehr ungewöhnlich verlief, so war es doch eben das, ein Werben. Also frage ich dich nun nach ganz gewöhnlicher Art und Weise und aus dem allergewöhnlichsten Grund, nämlich, weil ich ohne dich nicht leben kann und mein Leben ohne dich leer wäre: Willst du meine Frau werden?“

Sie sank neben ihm zu Boden und schlang beide Arme um ihn. „Und ich muss auf die allergewöhnlichste Weise erwidern: Ich will, ja, ja, ganz gewiss, ich will.“

„Ich liebe dich, Isabella“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Nur drei Tage haben wir zusammen verbracht, aber wir waren schon seit Anbeginn aller Tage füreinander bestimmt.“

Endlich trafen sich ihre Lippen, ihr Atem mischte sich. Sie tauschten heiße, harte Küsse und umfingen einander so fest, dass nichts sie mehr trennen konnte.

Kaum zwei Stunden waren sie getraut. Am Morgen darauf würden sie in die Neue Welt aufbrechen.

„Du zitterst“, sagte Ewan. Beruhigend streichelte er den Arm seiner Braut.

„Ich bin aufgeregt“, gab Isabella zu. „Ich weiß, es ist dumm, aber ich fühle mich, als wäre es das erste Mal.“

„So ist es auch. Vorher haben wir uns einfach dem Liebesspiel hingegeben. Heute Nacht werden wir uns lieben. Ich bin nicht weniger aufgeregt als du.“

Zaghaft löste sie die Bänder ihres Hemdes und ließ es zu Boden sinken. Dann ging sie zu ihm.

Weiße Haut, schwarzes Haar, tiefblaue Augen, rosige Lippen. „Meine wunderschöne Isabella“, flüsterte Ewan. Er umfing sie und ließ sein Hände über ihren Rücken, über ihre lockenden Rundungen gleiten. Dicht presste er sie an sich. „Meine Gemahlin. Ich liebe dich.“

„Mein Gemahl“, hauchte sie und schmiegte sich sinnlich an ihn. „Ich liebe dich.“

Er küsste sie, und seine Berührung ließ das Blut wie Feuer durch ihre Adern schießen. Sie krallte die Hände in sein Haar, drängte sich an ihn und schwelgte in seiner Erregung. Er konnte nicht mehr warten, hob sie auf und trug sie zum Bett. Legte sie nieder, beugte sich über sie, liebkoste, streichelte, küsste sie, bis sie leise wimmerte, seinen Namen seufzte. Als er zu ihr kam, hob sie sich ihm ungeduldig entgegen. Aneinandergeklammert wiegten sie sich, ergaben sich dem Feuer ihrer Liebe, bis sie schwerelos, ekstatisch, vor Lust glühend vergingen, funkelnd wie Sterne auf einem neuen Himmelszelt.

Eins, sie waren eins. Und so endete es. So begann es. In einer neuen Welt.

– ENDE –

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Der Duke und die Kurtisane

1. KAPITEL

Einfach so an die Luft gesetzt, bei allen Göttern! Alistair Crawford, Duke of Dunstan, blickte finster auf die soeben ins Schloss fallende Haustür des Marquess of Beauworth. Nicht nur hatte Beauworths schottischer Cousin Godridge das Kartenspiel unterbrochen, das ich gewonnen hätte, davon war Alistair überzeugt. Nein, Beauworth hatte seinen Verwandten doch tatsächlich willkommen geheißen und ihm selbst die Tür gewiesen.

Alistair verzog spöttisch den Mund. Kein Zweifel: Verwandte waren eine wahre Plage.

Gemächlich nahm er die drei Stufen bis zum Gehsteig. Sein Kutscher kam um die Ecke gefahren, um ihn einzusammeln wie einen hilflosen jungen Hund. Farkey schien einen sechsten Sinn zu besitzen, wenn es darum ging, das Kommen und Gehen seines Herrn zu erahnen.

Sich nur allzu sehr des Samtbeutels in seiner Tasche bewusst und des kleinen Vermögens an Edelsteinen, die er enthielt, ging Alistair auf seine Kutsche zu. Die wütenden Worte seiner Stiefmutter klangen ihm noch immer angenehm im Ohr. Wenn Godridge nicht gewesen wäre, würden ich und Beauworth jetzt die Rettung der Edelsteine feiern, dachte Alistair.

Ach, zum Teufel, die Nacht war noch jung. Warum sollte er nach Hause fahren? Dort wartete nichts auf ihn. Und genauso wenig wollte er sich von Farkey herumkarren lassen. Der arme alte Kerl wäre jetzt sehr viel besser in seinem schönen, warmen Bett aufgehoben. Er gab dem Kutscher ein Zeichen, ohne ihn heimzufahren.

Es war kurz nach Mitternacht. Der Abend hatte kaum begonnen für ihn, und er wusste nicht, wohin mit sich. White’s? Zu steif. Oder Brook’s? Die Einsätze waren hoch genug. Die Mitglieder allerdings waren viel zu leicht zu durchschauen. Langweilig. Etwas Derberes wäre ihm jetzt lieber. Etwas von einer eher finsteren Natur, um die Langeweile zu bekämpfen. Alistair lenkte seine Schritte nach Osten. Eine Spielhölle, wo Männer bei der geringsten Provokation töteten, passte vielleicht besser zu seiner Stimmung. Er würde vielleicht sogar den verfluchten Familienschmuck verspielen und seiner Stiefmutter einen Grund geben, endlich einmal einen echten Nervenzusammenbruch zu bekommen.

Letztlich hatten die Edelsteine seinem Vater nicht geholfen und damit die Legende widerlegt. Ganz abgesehen davon dachte Alistair auch gar nicht daran zu heiraten. Es war nicht sein Wunsch, sich in absehbarer Zukunft an ein habgieriges Weibsbild fesseln zu lassen.

„Dunstan!“, rief jemand keuchend.

Alistair stöhnte und beschleunigte den Schritt.

„Hör doch, Cousin.“ Sein Verfolger gab nicht nach.

Verdammte Verwandte. Genügte ihnen ein deutlicher Wink denn nie? Seufzend drehte er sich um und stellte sich seinem Cousin, dem Honourable Percy Hepple.

„Percy“, sagte er, als der junge Mann schnaufend vor ihm stand. Der Junge könnte etwas mehr Bewegung gut gebrauchen, dachte Alistair. Nicht, dass es ihn auch nur einen Deut kümmerte. Der Bursche könnte auch guten Rat gebrauchen, was seine Kleidung anging. Mit seiner eng taillierten Jacke – so eng es eben ging, bei seinem nicht unerheblichen Leibesumfang –, dem Kragen, der bis an die Ohren reichte, und dem seltsam geschlungenen Krawattentuch, gab Percy das vollkommene Bild eines aufgeblasenen Stutzers und Grünschnabels ab. Ganz und gar nicht die Sorte, mit der er Umgang pflegte.

„Was für ein Glück“, sagte Percy breit lächelnd. Die Wangen in seinem Mondgesicht glichen zwei roten Äpfeln. „Wirklich großes Glück.“

„Für wen?“ Alistair sah sich scheinbar suchend um.

Die Ironie überstieg Percys Verstand bei Weitem.

„Für uns.“ Percy strahlte. „Du wirst nie erraten, wo ich hin will.“

„Nein“, bestätigte Alistair. „Warum soll ich mir die Mühe machen, wenn du es mir sowieso erzählen wirst.“

„Zu Mrs. B.“

„Danke. Dann werde ich es vermeiden, heute Abend jenes Bordell zu besuchen.“ Er betrachtete den Schmerbauch des blonden jungen Mannes. „Schon der Gedanke daran verursacht mir Übelkeit.“ Damit machte er einen Schritt in die ursprünglich von ihm gewählte Richtung.

Percy packte ihn am Ärmel.

Esel. Dunstan beäugte die Hand, die sich an seinen schwarzen Gehrock aus feinstem Stoff klammerte, durch sein Lorgnon, und augenblicklich zog Percy die Hand zurück, als hätte er sich verbrannt.

„Heute Abend findet ihre alljährliche Auktion statt“, sagte er mit einer Stimme, die vor Aufregung eine Oktave nach oben rutschte.

„Und?“ Dunstan ließ sein Lorgnon herabbaumeln. Er hatte die Einladung gesehen und sogar mit Beauworth die Möglichkeit besprochen, teilzunehmen. Doch dann waren beide darin übereingekommen, dass sie dort seit Jahren nichts gesehen hatten, das der Mühe wert gewesen wäre. Alistair erinnerte sich nicht, wann eine Dirne das letzte Mal wirklich sein Interesse erweckt hätte, so oft er sich auch mit allen Kräften bemüht hatte.

„Zum Henker, Cousin“, quengelte Percy. „Du weißt doch, dass ich nie hineinkomme ohne Empfehlung. Du hast meinem Vater versprochen, du würdest alles in deiner Macht Stehende tun, um mich bei meinem Eintritt in die Gesellschaft zu unterstützen.“

„Irgendwie bezweifle ich, dass dein werter Vater dabei an die Einführung in das teuerste und verderblichste Bordell in der Stadt dachte, wenn man mal von den exklusiven Wilson-Schwestern absieht.“

Percy schmollte. „Ich will einfach nur die besten Huren in ganz London sehen. Alle meine Freunde gehen auch hin.“

Mrs. B’s Auktionen waren gewiss nicht der richtige Ort für einen Grünschnabel wie Percy. Sein Vater wäre außer sich, wenn er es erführe. Und würde vielleicht nie wieder mit mir reden. Womöglich würde er sogar aufhören, mich ständig anzupumpen, überlegte Alistair und erlaubte sich ein kleines Lächeln. „Nun gut. Warum nicht?“

Percy hopste auf und ab vor Aufregung.

Während sie darauf wartete, auf die Bühne zu gehen, zitternd vor Kälte in ihrer knappen Tunika, wiederholte Julia im Geist wieder und wieder dieselben Worte.

Ein Mann, eine Nacht, einhundert Guineas.

Das Angebot hatte zu gut geklungen, um wahr zu sein, als Betty Bentwhistle es ihr als einen Ausweg aus ihren Schwierigkeiten vorgeschlagen hatte. Julia wurde es auch jetzt noch heiß und kalt, wenn sie sich an den fürchterlichen Moment erinnerte, da ...

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