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HISTORICAL EXKLUSIV BAND 64

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Im wilden Meer der Leidenschaft

PROLOG

Venedig, im Jahre 1525

Er war es tatsächlich.

Bianca Simonetti spähte durch einen winzigen Spalt im Vorhang vor dem schmalen Fenster ihrer Kammer hinunter zu dem jungen Mann, der auf der engen Gasse stand. Obwohl sie lediglich sein perlenbesetztes Barett aus rotem Samt und seine glänzenden, schulterlangen dunklen Haare sah, wusste sie, dass er es war. Balthazar Grattiano.

In den vergangenen fünfzehn Jahren ihres jungen Lebens hatte sie noch nie jemanden wie ihn getroffen, der ihr Herz so in Aufruhr versetzte. Es pochte laut in ihrer Brust, und das Blut rauschte ihr in den Ohren. Ein heißes, aufregendes Gefühl durchströmte sie bis in die Fingerspitzen, wenn sie ihn nur anschaute.

Sie wusste, dass sie bei Weitem nicht das einzige weibliche Wesen in Venedig war, auf das er eine solche Wirkung ausübte. Über seine dunklen grün-goldenen Augen, seine muskulösen Schultern und die markante Wölbung in seinen engen Hosen tuschelten errötende Frauen in der ganzen Stadt, von den Salons der Patrizier bis hin zu den beiden Freudenhäusern. Auch Bianca hatte schon viel über ihn gehört, denn alle diese Frauen, ob Adlige oder Hure, kamen mit ihren geheimen Wünschen zu ihrer Mutter.

Maria Simonetti, die schon seit Langem verwitwet war und ihren eigenen Hausstand führte, war die beste Wahrsagerin und Tarotkarten-Deuterin in Venedig. Natürlich konnte sie ihr Gewerbe nicht offen ausüben; Venedig war zwar nicht ganz so streng von der Inquisition überwacht wie Madrid, doch wollte niemand das Risiko eingehen, der Hexerei beschuldigt zu werden. So war das Untergeschoss von Marias Haus an einen Schneider und einen Perückenmacher verpachtet, während sie selbst der Wahrsagerei in einem verborgenen und diskret verhängten Hinterraum nachging.

Doch jedermann in der Stadt wusste stillschweigend über Marias Talent Bescheid. Besonders die Frauen. Sie kamen, um einen Blick auf ihre Zukunft zu erhaschen, Genaueres über ihre Ehemänner, Geliebten und Geschäfte zu erfahren. Sie kamen in Tränen, voller Hoffnung, manchmal sogar beschwingt und glücklich. Und häufig kamen sie mit flehentlichen Fragen über Balthazar Grattiano. Bianca, die so diskret im Hintergrund saß, beachteten sie nie, und so kam es, dass sie in alle Geheimnisse eingeweiht war.

Balthazar war gut aussehend, einer der attraktivsten Männer Venedigs. Um das zu wissen, reichte ein Blick auf ihn aus. Er war vermögend, denn er war der einzige Sohn des unermesslich reichen und mächtigen Ermano Grattiano. Balthazar war neunzehn, also im heiratsfähigen Alter und erwachsen genug, um die Verantwortlichkeiten eines patrizischen Edelmannes zu übernehmen. Doch er schien nicht geneigt, die an ihn gestellten Erwartungen zu erfüllen und zog es vor, seine Zeit mit Kurtisanen, Glücksspielen oder Trinken zu verbringen. Seine schockierendste Beschäftigung von allen bestand indes darin, den Schiffbau im Arsenal, der Schiffswerft von Venedig, zu beobachten.

All dies kam Bianca zu Ohren, genauso wie das Getuschel hinter vorgehaltener Hand über seine „Leidenschaftlichkeit“ im Schlafgemach, seine Undurchschaubarkeit und Unerreichbarkeit. Sie hörte die verlegenen, flehenden Fragen – würde er sie eines Tages zur Frau nehmen? Aus ihr seine offizielle Mätresse machen?

Doch Bianca kannte mehr von Balthazar als sein gutes Aussehen, seine Reichtümer und seine Fähigkeiten als Liebhaber. Sie sah in seine leuchtenden grünen Augen und erblickte darin eine Sehnsucht ähnlich der ihren. Eine tiefe, unendliche Traurigkeit.

Sie hatte die Begabung ihrer Mutter nicht geerbt. Die Karten waren für sie lediglich bunt bemalter Karton, die Zukunft ein unbeschriebenes Blatt. Doch seit ihrer frühesten Kindheit war sie in Menschenkenntnis unterrichtet worden. Sie hatte gesehen, wie die Besucher ihrer Mutter im Haus ein- und ausgingen, hörte ihre geheimsten Ängste und Wünsche und gewann Einblick in die guten und die schlechten Seiten der menschlichen Natur. Auf ihre eigene Art konnte sie in ihnen lesen wie in einem aufgeschlagenen Buch. Und als sie Balthazar zum ersten Mal sah und in seine wunderschönen Augen blickte, entdeckte sie dort nicht die selbstgefällige Zufriedenheit, die man von solch einem privilegierten jungen Mann erwarten würde. Sie sah darin nur tiefe Traurigkeit – und kaum verhaltenen Zorn.

Normalerweise wäre die Wahrscheinlichkeit gering gewesen, dass sie jemandem wie Balthazar Grattiano begegnete. Sie hatten nicht den gleichen gesellschaftlichen Rang, und sie führten völlig verschiedene Leben. Ihre Mutter erlaubte Bianca hingegen, ihren Wahrsage-Sitzungen beizuwohnen. Maria weihte ihre Tochter in die Realitäten des Lebens ein, doch sie wachte auch über Bianca. So war es ihr nicht erlaubt, mit jungen Männern zu tanzen oder gar nach Einbruch der Dunkelheit das Haus zu verlassen. Dies galt ganz besonders für die gerade anstehende Karnevalszeit. Nur von den Besuchern ihrer Mutter hörte sie über die ausschweifenden Maskenbälle, auf denen reichlich Wein floss.

Auch Balthazars Vater, der mächtige und gefürchtete Ermano Grattiano kam seit einiger Zeit ins Haus ihrer Mutter, um sich von ihr die Karten legen zu lassen. Bianca wurde von ihrer Mutter hinausgeschickt, wenn er kam, doch hörte sie von der Magd, dass Ermano, der bereits drei Ehefrauen beerdigt hatte, wieder heiraten wolle. Er wünschte sich nichts sehnlicher als einen weiteren Nachkommen und glaubte fest, dass Maria ihm die zukünftige Mutter seines Erben enthüllen könne und dass sein Schicksal in den Karten stünde.

Von Zeit zu Zeit kam Balthazar mit seinem Vater zu diesen Sitzungen und wartete immer draußen in der Gasse auf ihn. Dort sah Bianca ihn zum ersten Mal, als sie eines Tages vom Markt nach Hause kam. Er lehnte, in einen pelzbesetzten Umhang gehüllt, an der abblätternden Stuckfassade und hielt ein geöffnetes Buch in den Händen.

Auch Bianca las leidenschaftlich gern, ein ungewöhnlicher Zeitvertreib für eine junge Frau. Sie studierte auch fremde Sprachen, Englisch und Spanisch, sowie Buchführung, sodass sie eines Tages ihr eigenes Geschäft würde führen können. Manchmal lieh ihr ein Buchhändler vom Rialto einige Schriften, nur reichte ihr dies nie aus, um ihre Wissbegier zu stillen. Sie war so erstaunt, einen solch gut aussehenden, reich gekleideten Mann lesend vor ihrem Haus zu sehen, dass sie ihre übliche Schüchternheit überwand und ihn neugierig fragte, was er denn lese.

Er blickte auf, und da sah sie sie – diese tiefe Traurigkeit, diese kaum gezähmte Wut, deren Grund sie nicht benennen konnte. Doch schien sie sich nicht gegen sie zu richten. Stattdessen lächelte er sie an und zeigte ihr sein Buch über die Schifffahrt, überrascht, dass sie Spanisch lesen konnte. Seit diesem ersten Treffen stieg Bianca jedes Mal, wenn Ermano kam, zu Balthazar hinunter, um mit ihm zu reden, zu erfahren, was er las, und um mit ihm über die Wunder der Welt außerhalb Venedigs zu sprechen – über den Glanz und die Pracht Englands, Spaniens, Frankreichs, des Osmanischen Reiches und sogar der neu entdeckten Inseln jenseits des Meeres.

Bianca hatte noch nie jemanden von solchen Dingen reden hören, und sie war fasziniert von diesem Ausblick auf eine neue Welt. Fasziniert auch von Balthazar selbst, von dem winzigen Einblick, den er ihr in seine Wünsche und Träume gewährte, die so tief unter seiner glanzvollen und sorglosen Fassade verborgen lagen. Von dem brennenden Verlangen, alles hinter sich zu lassen und in eine freie, ungewisse Zukunft aufzubrechen.

Doch diese neuen Möglichkeiten, die sich außerhalb ihrer vorgezeichneten Existenz auftaten, und der eigenartige junge Mann ängstigten sie auch.

„Warum“, fragte sie ihn einmal, „würdest du Venedig verlassen wollen? Du hast doch hier alles, was man sich erhoffen kann.“ Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sich irgendjemand mehr vom Leben erhoffen könne als all das, wovon Balthazar reichlich besaß: Reichtum, Ruhm, einen alteingesessenen Familiennamen. Konnte sich nicht vorstellen, dass man von einem anderen Ort als Venedig träumen könne, der Stadt, die eine Welt für sich war, goldglänzend und auf Wasser erbaut. Sie selbst würde gewiss eines Tages heiraten und sich um ihre Familie kümmern, ihrem Mann helfen, sein Geschäft zu führen, und ihren häuslichen Pflichten nachgehen. Ihr einziger Trost war, dass sich dieses Leben in Venedig abspielen würde.

Auch Balthazar hatte keinen Grund, die Stadt zu verlassen und sein Glück in der neuen Welt zu suchen. Alles war ihm hier in die Wiege gelegt worden: Reichtum, Ruhm, Anerkennung. Wieso wollte er all das hinter sich lassen?

Doch er lächelte nur liebevoll und traurig und blickte sie aus seinen erfahrenen Augen an, die schon zu viel gesehen hatten. Viel zu viel. „Komm mit mir, Bianca“, sagte er und ergriff ihre Hand. Es war das erste Mal, dass er sie berührte und seine kühlen und starken Finger über die ihren legte. Eine plötzliche Welle wohligen Glücks durchflutete sie, die selbst bei dieser unschuldigen Berührung ihre Sinne übermannte. Sie behielt seine Hand fest in der ihren, bereit, ihm überallhin zu folgen, und sei es in die Tiefen der Hölle.

Doch er führte sie nicht ins Fegefeuer, sondern zum Ufer des nächsten Kanals, wo die Gondel seines Vaters wartete. Menschen hasteten an ihnen vorüber: Mägde mit ihren Marktkörben, ernste Patrizier in langen schwarzen Röcken, die den Staatsgeschäften nachgingen, in Satin gehüllte Kurtisanen, die Balthazar verführerisch anlächelten. Bianca sah und hörte sie alle nicht. Sie fühlte sich, als sei sie im Bann eines lautlosen, sonnendurchfluteten Zaubers. Sie war mit Balthazar zusammen, dessen Wärme und frischer, salziger Geruch nach Meer den Lärm und Trubel der Außenwelt von ihr fernhielten.

„Siehst du das Wasser?“, fragte er und zeigte auf den Kanal, der zu ihren Füßen floss.

Bianca nickte abwesend. Natürlich sah sie es! Jeden Tag ging sie während ihrer Besorgungen an ihm entlang. Ein ganz gewöhnlicher Kanal wie jeder andere hier in Venedig. Vielleicht etwas übel riechend, aber ansonsten nicht erwähnenswert. Ein ganz gewöhnlicher Verkehrsweg.

„Nein, sieh’ genau hin“, sagte Balthazar. Er zog an ihrer Hand, und sie blickte hinunter ins Wasser. Es lag völlig ruhig da, mit glatter Oberfläche, die nicht von vorbeifahrenden Gondeln aufgewühlt war, und ähnelte einem schimmernden Strudel aus blauer, violetter, grüner und ölig-schwarzer Farbe. Etwas Treibgut schwamm darauf, auch einige Flaschen, Gemüsereste und tote Ratten. Der Winter hatte sich angekündigt, und die kalte Luft überdeckte den üblichen süßlich-faulen Geruch.

„Auf was soll ich schauen?“, flüsterte Bianca, und er musste lachen.

„Was wir hier sehen, ist nur die Fassade der Stadt“, sagte er. „Die beeindruckenden Kirchen und Palazzi, die Juwelen und seidenen Gewänder, die Reichtümer, um die uns die Welt beneidet. Aber hinter dieser Fassade …“

Bianca beobachtete die langsame Strömung des Wassers, die ineinander vermischten dunklen Regenbogenfarben, die den Abfall und die Verwesung tief unten verbargen. „Kadaver? Unrat?“

Balthazar sah sie eindringlich an. Das Sonnenlicht spiegelte sich in seinem edlen Smaragd-Ohrring, der grüngelb in seiner kunstvollen Fassung funkelte. Auch dieser Edelstein war Teil der Maskerade. Balthazar war wie die tiefen Wasser Venedigs, wie die Stadt selbst. Versteckt unter seinem blendenden Aussehen lag seine verwundete Seele.

„Genauso ist es, Bianca“, sagte er leise. „Tod und Verwesung. Lüge und Unredlichkeit wohin man auch blickt.“

„Aber kann man davor wirklich weglaufen?“, fragte Bianca und dachte dabei an seine Bücher über weite Reisen, Abenteuer und die neue Welt. „Können wir das hinter uns lassen? Wohin wir auch gehen, wir bleiben doch wir selbst.“

„Natürlich“, sagte er. „Wir können lediglich versuchen, uns zu läutern und der Wahrheit nahe zu kommen. Wir müssen unsere Seelen reinigen. Nur dann können wir uns von unseren Schattenseiten befreien, von dem, was wir vor der Welt verbergen. Wir müssen um jeden Preis nach der Wahrheit suchen.“

Um jeden Preis nach der Wahrheit suchen. In diesem Augenblick faszinierte Balthazar sie wie nie zuvor, doch gleichzeitig verspürte sie Angst. Für einen kurzen Moment tauchte sie in seine Seele ein, die so undurchschaubar und verborgen wie die Tiefen des Wassers war. Doch im Bruchteil einer Sekunde war alles wieder hinter seinem Lächeln verschwunden. Er hielt ihre Hand noch fester als zuvor und begleitete sie zurück nach Hause, wo er ihr galant einen Kuss auf die Fingerspitzen hauchte, bevor sie sich in die Sicherheit ihrer Kammer flüchtete.

Mehrere Tage waren seit dieser letzten Begegnung vergangen, und Bianca hatte seitdem nur flüchtige Blicke auf ihn erhascht. Die Karnevalssaison war nun in vollem Gang, und er musste seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkommen. Er war Gast auf sämtlichen Feierlichkeiten der Stadt, auf Banketten, Bällen und Festen in samtgepolsterten Gondeln mit bildschönen blonden Kurtisanen. So hatte Bianca ihn mit der stadtbekannten Rosina Micelli gesehen, den Kopf gegen die goldbestickten Kissen gelehnt, mit geschlossenen Augen und einem amüsierten Lächeln, während Rosina ihm etwas ins Ohr flüsterte und ihm dabei mit ihrer juwelenbesetzten Hand über die Haare strich.

Sein Vater und er waren bis heute nicht mehr zu ihrem Haus gekommen. Gerüchten zufolge machte Ermano der Parfümeurin Julietta Bassano den Hof, und Balthazar wurde in Freudenhäusern und beim Glücksspiel gesichtet. Als Bianca ihn nun von oben aus ihrem Fenster sah, wusste sie nicht, was sie denken oder tun sollte.

Obwohl sie seit Tagen nicht mit ihm gesprochen hatte, dachte sie ohne Unterlass an seine mysteriösen Äußerungen über Verfall und Wahrheit, bis sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Sie sehnte sich so sehr danach, ihn zu fragen, was er damit gemeint hatte, und wünschte sich nichts sehnlicher, als einen weiteren Einblick in die Geheimnisse seines Herzens erlangen zu können und ihm ihre eigenen zu offenbaren.

Doch gleichzeitig verspürte sie den Drang, vor ihm zu fliehen! Vor ihm und den gefährlichen Wahrheiten, die er ihr wie Smaragde offerierte.

Bianca ließ den Vorhang wieder zufallen und drehte sich zu dem kleinen, zerbrechlichen Spiegel an der Wand um. Sie war zu dünn, und ihr lockiges braunes Haar wurde auch durch die ständige Behandlung mit Zitronensaft nicht heller. Ihre Wangen waren schmal, ihre Augen zu groß für ihr Gesicht, ihre Schultern zu knochig, und von einem Busen war bei ihr nicht viel zu sehen. Aber als sie nun daran dachte, dass Balthazar Grattiano sich in ihrer Nähe befand, färbte ihre blasse Haut sich mit einem rosigen Schimmer, und ihre braunen Augen leuchteten.

Dabei war er wirklich ein seltsamer und erschreckender Mensch, unvorhersehbar und undurchschaubar. Er glich niemand anderem, den sie kannte. Wenn sie klug war, würde sie sich von ihm fernhalten, von ihm und der gefährlichen Grattiano-Familie. Aber Balthazar vermittelte ihr das Gefühl, lebendig und voller Enthusiasmus zu sein; er kam ihr vor wie Sonnenschein an einem grauen, kalten Tag. Und sie konnte sich nicht von diesem wärmenden Licht abwenden.

Es würde sowieso nicht lange dauern, bis er aus ihrem Leben verschwand. Egal, was er über Freiheit und Wahrheit und über die ferne neue Welt sagte, er würde doch eine elegante Patrizierdame heiraten und die ihm auferlegten Verantwortlichkeiten übernehmen müssen. Letztendlich müsste er die mächtige und einflussreiche Stellung seines gefürchteten Vaters einnehmen. Niemand konnte seinem ihm vorgesehenen Rang im Leben entfliehen, weder Balthazar noch sie selbst.

Daher musste sie noch von den wenigen Augenblicken profitieren, in denen sie ihn sehen, mit ihm reden und vielleicht sogar noch einmal seine Hand halten konnte. Von diesen wunderschönen, flüchtigen Momenten würde sie noch lange zehren müssen, nachdem sie erst einmal einen respektablen Kaufmann ohne Seelentiefe und ohne moosgrüne Augen, deren Blick sich in ihr Herz brannte, geheiratet hätte.

Bianca versuchte, ihre widerspenstigen braunen Locken zu zähmen und steckte sie, so gut sie konnte, mit Kämmen und Haarnadeln zurück. Sie zog ihre Schürze aus und wünschte, sie könnte auch ihr blaugestreiftes Arbeitskleid ablegen. Aber sie hatte keine Zeit zu verlieren, wenn sie mit Balthazar sprechen wollte, bevor die Sitzung seines Vaters beendet war.

So schnell sie konnte, verließ sie ihr Zimmer und rannte die Hintertreppe hinunter. Im Haus war es heute ruhig, da ihre Pächter zu einer Theatervorführung auf der Piazza San Marco gegangen und die Dienstboten noch nicht von den Einkäufen auf dem Markt zurück waren. Aus der kleinen Stube ihrer Mutter am Ende des Korridors hörte sie gedämpfte Stimmen. Ihre Mutter sprach leise und besänftigend, wie es ihre Art war. Ermano Grattiano dagegen hörte sich gereizt, streitlustig und zornig an. Wie dumm er war. Wusste er denn noch immer nicht, dass man den Karten nicht widersprechen konnte?

Bianca riss einen blauen Wollumhang vom Haken an der Tür und schlüpfte hinaus, ohne sich die Mühe zu machen, ihre dünnen Hausschuhe zu wechseln. Balthazar war noch da und lehnte an der Wand. Heute las er nicht, sondern sah vor sich auf die ruhige Gasse, sein attraktives Gesicht undurchschaubar, die Arme über der Brust verschränkt, als sei er tief in Gedanken.

Doch vielleicht war dieser Anschein geheimnisvoller Unnahbarkeit nur das Ergebnis eines zu ausgiebig gefeierten Karnevalfestes, dachte Bianca sarkastisch. Von zu viel Tanz, Wein und Ausschweifung. Der in ihrem Haus ansässige Schneider hatte ihr viel über einen vornehmen Maskenball auf der Piazza San Marco erzählt, der bis zum Morgengrauen gedauert hatte. Sicherlich war auch Balthazar dort gewesen, mit Rosina Micelli.

Sie sehnte sich danach, ihn zu fragen, ob diese Bälle wirklich so prächtig waren, wie sie es sich vorstellte, wenn von weither die Musik zu ihr herüberwehte. Sie würde gern von ihm wissen, ob er Rosina oder eine der anderen blonden Kurtisanen liebte. Doch sie blieb stumm. Sie lehnte sich lediglich neben ihn an die Wand, und nach einem kurzen Augenblick streckte er ihr schweigend seine Hand entgegen. Ihre Finger berührten die kühle, nackte Haut seiner Finger, und sie spürte das Gewicht seiner juwelenbesetzten Ringe. Spürte die tiefe und doch zerbrechliche Verbindung zwischen ihnen.

„Willst du dir nicht wie dein Vater die Karten legen lassen?“, fragte sie.

Balthazar lachte verächtlich. „Mein Vater ist ein Dummkopf und glaubt, die Zukunft würde sich seinen Wünschen unterordnen.“

„Du glaubst nicht, dass wir die Zukunft beeinflussen können?“

„Nichts können wir wirklich beeinflussen, oder, Bianca? Tagein, tagaus folgen wir dem uns vorgezeichneten Lebensweg und sind weit davon entfernt, Herr über unser Schicksal zu sein. Ich muss mir nicht die Karten legen lassen, um zu wissen, wie mein Leben verlaufen wird.“

Bianca sah schweigend zu ihm auf, zur glatten, perfekten Schönheit seines Gesichts, hinter der sich so viel Leid verbarg. Vielleicht hatte er recht, nicht wissen zu wollen, was ihm die Karten verraten würden, genauso wie auch Biancas Mutter sich weigerte, ihr die Zukunft vorherzusagen, so oft sie auch darum bettelte. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft war oft alles, womit sich die meisten Menschen trösten konnten.

„Und was ist mit der Welt, über die du in deinen Büchern liest?“

„Was soll mit ihr sein?“

„Dort ist die Zukunft eben nicht vorgezeichnet. Besonders in den neuen spanischen Gebieten jenseits des Meeres. Es ist doch eine ganz neue Welt, wo man tun und lassen kann, was man will. Man könnte dort ein ungewöhnliches, exotisches Leben führen und völlig neue Wege beschreiten. Wir … du könntest dort sein, was immer du auch wolltest. Noch nicht einmal die Karten könnten dein Leben vorhersehen.“

Er lächelte sie an. „Ich müsste nicht mehr Balthazar Grattiano sein?“

„Und nicht mehr in Venedig leben.“

„Das hört sich in der Tat wie eine Traumwelt an.“

„Natürlich. Aber steht sie nicht in deinen Büchern beschrieben? Andere haben sie schon entdeckt und darüber berichtet. Warum könnten wir das nicht auch?“ Bianca fühlte, wie sie sich immer mehr für diese Idee begeisterte, die sich wie eine seidene Fahne im Wind entfaltete. Sie dachte an die neue, unbekannte Welt und spürte plötzlich keine Angst mehr bei dem Gedanken, der venezianischen Gesellschaft und ihren strengen Regeln zu entkommen, obwohl sie wusste, dass dies eigentlich unmöglich war.

Balthazar legte ihr behutsam eine Hand auf die Wange und sah sie mit einem wehmütigen Lächeln an. „Du bist also doch eine Träumerin, kleine praktische Bianca.“

„Du nicht auch?“, sagte sie und lehnte sich näher an seinen warmen Körper. Wie sie es liebte, wenn er ihren Namen aussprach – meine Bianca. „Wenn du nicht träumen und etwas riskieren willst, wieso liest du dann alle diese Bücher? Warum lernst du alles über Schiffe und Meere? Wenn du wirklich glaubst, aus deinem Leben hier gibt es kein Entkommen und keine Möglichkeit auf Veränderung, wieso interessierst du dich dann überhaupt dafür? Warum trittst du nicht einfach in die Fußstapfen deines Vaters?“

Sein Gesicht verdunkelte sich, und er löste sich von ihr. „Ich bin nicht wie mein Vater.“

Das wusste Bianca bereits. Balthazar besaß nicht die hochmütige Art seines Vaters gegenüber Untergebenen und auch nicht sein naturgegebenes, arrogantes Selbstvertrauen. Sie sah, wie Balthazar gegen all das ankämpfte, wofür der Name der Grattianos stand, auch wenn er seinen inneren Zwiespalt nie offen zugeben würde. Doch bevor sie den Mund öffnen konnte, um ihm dies zu sagen, um ihm zu versichern, dass sie ihn verstehe, wurde heftig die Haustür aufgerissen.

Balthazar und sie sprangen auseinander, als Ermano herausgestürmt kam. Bianca zog sich schnell und unauffällig zurück, da sie Angst hatte, er könne sie entdecken und seine eiskalten, blassgrünen Augen auf sie richten. So sehr Balthazar auf sie wie das wärmende Sonnenlicht wirkte, so umwehte seinen Vater die Eiseskälte des tiefsten Winters. Eine todbringende Kälte.

Sie zog sich ihre Haube übers Haar und sah Ermano wachsam an. Sein bärtiges Gesicht war weiß vor Wut wie nach jeder Sitzung bei ihrer Mutter. Die Glücksgötter waren ihm auch diesmal nicht hold gewesen. Er blickte die Gasse auf und ab und forderte Balthazar mit einem Handzeichen auf, ihm zu folgen, ohne ihn dabei eines Blickes zu würdigen.

„Komm, Balthazar“, sagte er ausdruckslos, „lass uns den Gestank dieses schmutzigen Ortes hinter uns lassen. Ich kann diese Verdorbenheit nicht mehr ertragen.“

Als er sich umdrehte, um zum Kanal und zur wartenden Gondel zu marschieren, schwang sein hermelingefütterter Umhang zurück und enthüllte sein weißes Brokat-Wams. Bianca entfuhr ein Schrei, den sie mit vorgehaltener Hand zu unterdrücken versuchte.

Einer der eleganten Ärmel war mit purpurrotem Blut befleckt.

Auch Balthazar wurde leichenblass. Weiß und erstarrt wie eine leblose Marmorstatue stand er da.

„Balthazar“, rief sein Vater herrisch, „komm, ich habe keine Zeit, dir den ganzen Tag beim Tändeln mit der Magd zuzusehen. Ich muss noch eine Besorgung bei Signora Bassano erledigen.“

Balthazar erwachte aus seiner Erstarrung. Er zog sich einen seiner Ringe vom Finger, einen riesigen, von Perlen umgebenen Rubin. Ihn drückte er zusammen mit einem kleinen Beutel voller Münzen in Biancas eiskalte Hand.

„Nur für den Fall, dass du es brauchst“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Vergiss die neue Welt nicht, Bianca.“

Dann ging auch er, und sie stand allein im Schatten des Hauses. Sie starrte auf den Ring, dessen tiefroter Stein sie an das verräterische Blut an Ermanos Ärmel erinnerte. Es herrschte eine schwere, betäubende Stille, die fast greifbar schien. Sie fühlte sich wie das einzige Lebewesen weit und breit.

Sicherlich hatte das Blut nichts Schlimmes zu bedeuten, und ihre Fantasie ging mit ihr durch. Sicherlich ließ es sich durch eins der bizarren Rituale erklären, in dem es um Hühnerherzen oder Ziegeninnereien ging und über die sie schon heimlich in den verbotenen Büchern ihrer Mutter gelesen hatte.

Doch die hinter vorgehaltener Hand erzählten Geschichten über Ermano Grattiano und seine kalte Unbarmherzigkeit kamen ihr in den Sinn. Geschichten über die Gefahr, in der jeder schwebte, der sich mit ihm einließ.

Bianca fühlte sich, als habe ein traumähnlicher, unwirklicher Nebel sich wie ein betäubender Schleier um sie gelegt. Sie schob Balthazars Ring auf ihren Finger und betrat vorsichtig das Haus, obwohl sie tief im Innern wusste, dass sie ihr Zuhause besser sofort verlassen sollte. Doch was es auch war, was sie im Haus erwartete, sie konnte nicht ewig davor weglaufen.

Die weichen Sohlen ihrer Hausschuhe glitten fast lautlos über die Kacheln des Fußbodens, und sie schlich auf Zehenspitzen den engen, dunklen Korridor entlang. Der Salon ihrer Mutter, in dem sie ihre ratsuchenden Gäste empfing, lag ganz am Ende des Gangs, und die Tür war hinter einem schweren Samtvorhang verborgen.

Noch bevor sie den Durchgang erreichte, konnte Bianca es riechen. Den metallenen Geruch von Blut. Den Gifthauch des Todes.

Sie schlug den Vorhang zurück und spähte in die kleine Kammer. Silbriger Weihrauch hing noch in der Luft, und der süßliche Geruch vermischte sich mit dem von Blut, von Ermanos schwerem Bergamotten-Parfüm und von verschüttetem Wein. Auf dem Tisch befand sich ein wildes Durcheinander von Karten und umgestürzten Kelchen. Die Stühle lagen kreuz und quer auf dem Boden.

Und Bianca konnte den Fuß ihrer Mutter und den zerrissenen Saum ihres weißen Kleides hinter der violetten Tischdecke sehen.

Noch immer in einem unwirklichen, betäubenden Nebel und einer dumpfen Eiseskälte gefangen, stolperte Bianca über die zerbrochenen Stühle, um hinter den Tisch zu gelangen. Ihre Mutter lag zusammengerollt auf dem Boden, und ihre weit geöffneten Augen starrten glasig ins Leere. Ihr langes dunkelbraunes Haar hatte sich gelöst und war verklebt vom Blut, das aus der klaffenden Wunde in ihrer Brust lief.

Der Dolch, der ihr den Todesstoß versetzt hatte, steckte noch in ihrer Brust, und sein mit Smaragden besetzter Griff glitzerte im rauchigen Dunkel der Kammer. Wie oft hatte Bianca diesen Dolch in seiner Scheide an Ermanos Hüfte gesehen.

Langsam kniete sie sich neben ihre Mutter und berührte leicht deren kalte Hand. Als habe sie der Szene selbst beigewohnt, wurde ihr mit erschreckender Deutlichkeit bewusst, was hier geschehen sein musste, während sie draußen Balthazar Grattiano angehimmelt und sich seine leeren Worte über Wahrheit und ein neues Leben angehört hatte. Ermano musste vor Wut außer sich geraten sein, als die Karten ihm nicht das Erwünschte prophezeiten, und hatte den vermeintlich Schuldigen für seine bittere Enttäuschung beseitigt – ihre Mutter. Und dann hatte er einfach den Schauplatz des Verbrechens verlassen.

Bianca erinnerte sich an die Gerüchte. Ermano Grattiano zerstörte, wen und was er wollte, jeden, der sich ihm in den Weg stellte oder der seinen Zorn erregte. Man erzählte sich sogar, dass er vor vielen Jahren seine eigene Geliebte, die schöne Veronica Rinaldi, umgebracht habe. Nie wurde er für seine Verbrechen bestraft, und jeder, der ihn zur Rechenschaft ziehen wollte oder gar Zeuge der Gewalttat war, wurde bald darauf ebenfalls beseitigt.

Bianca starrte voller Schrecken auf den Dolch. Sicherlich würde Ermano zurückkommen, um ihn wieder an sich zu bringen. Der Dolch war zu wertvoll und zu auffällig. Er würde zurückkommen, um die Spuren seines Verbrechens zu beseitigen. Oder er würde Balthazar damit beauftragen.

Hatte Balthazar sie nur benutzt? Ihr seine Freundschaft vorgegaukelt, um seinem Vater bei der Durchführung seines grausamen Plans zu helfen? Hatte er ihre Gefühle für ihn verraten?

Ein überwältigender Schmerz erschütterte sie bis ins Mark, und tiefe Angst erfüllte sie. Sie erwachte aus ihrem unwirklichen, betäubenden Traum, und ihre letzten Hoffnungen zerstoben. Ihre Hand klammerte sich fest um die ihrer Mutter, und ein raues Schluchzen entrang sich ihrer Kehle. Ihre Mutter war tot, ermordet von einem grausamen und mächtigen Schurken. Und auch sie, Bianca, schwebte nun in Gefahr. Wenn sie hierblieb und versuchte, es mit den Grattianos aufzunehmen, um ihr tiefes Bedürfnis nach Rache zu befriedigen, dann würde auch sie selbst ohne jeden Zweifel nicht lange überleben. Auch ihr würde man einen Dolch ins Herz stoßen und sie in den Kanal werfen, wo sie in der Tiefe des Wassers vermodern würde.

Wer sollte dann ihre Mutter rächen? Wer sollte für die gerechte Bestrafung der Grattianos kämpfen, wenn auch sie tot war?

Als Bianca neben der Leiche ihrer Mutter kniete, war es ihr, als löse sie sich aus dem Kokon der behüteten Tochter, die sie gewesen war und der sie von der Grausamkeit der Welt abgeschirmt hatte. Eine Mauer aus Eis bildete sich um ihr Herz und bestärkte sie in ihrem Entschluss. Ermano hatte ihre Mutter getötet, während sie durch den ach-so-attraktiven Balthazar abgelenkt war. Aber sie würde ihnen nicht zum Opfer fallen. Stattdessen würde sie alles daran setzen, um die Grattianos zu vernichten.

Zumindest für dieses Verbrechen sollte sie die gerechte Strafe ereilen. Bianca war noch ein junges Mädchen, aber ihre Zeit würde kommen. Sie wusste, was sie zu tun hatte.

Sie zog die violette Decke vom Tisch, wobei Karten und Kelche zu Boden fielen, und bedeckte damit Marias Körper. Dann lief sie hinüber zu der kleinen, mit Schnitzereien verzierten Truhe in der Ecke und wühlte in der Wäsche und den Weihrauchbehältern, bis sie den Beutel voller Münzen fand, den Maria dort immer versteckt hielt. Diese Münzen und das Geld, das sie von diesem verräterischen Balthazar bekommen hatte, würden ausreichen, um sie weit weg von Venedig reisen zu lassen, zu einer sicheren Unterkunft, in der sie nachdenken und Pläne schmieden konnte. Zweifellos hatte Balthazar ihr den Ring und das Geld in die Hand gedrückt, um dadurch seine eigene Schuld zu mildern oder sogar als eine Art Schweigegeld.

Aber sie würde es dazu benutzen, um sich vor den Grattianos in Sicherheit zu bringen – und eines Tages Rache zu üben.

Denn irgendwann würde sie zurückkommen, und dann endlich würde das Blut der Grattianos fließen.

1. KAPITEL

Santo Domingo auf der Insel Hispaniola – 1532

Es war ein ruhiger Abend in Santo Domingo. Doch Bianca spürte, dass dies nicht auf Dauer der Fall sein würde.

Sie stand hinter dem hohen Tresen, der sich an einer Wand ihrer Taverne entlangzog, spülte die tönernen Trinkbecher aus und behielt ihre Kundschaft im Blick. Die meisten waren Matrosen und Händler, die hier die Zeit totschlugen, während sie Vorräte kauften, ihre Frachträume füllten und auf die nächste Flotte warteten, unter deren Geleitschutz sie zurück nach Spanien segeln konnten. Einige der Männer waren in die entgegengesetzte Richtung unterwegs und reisten von Maracaibo oder Cartagena zu den Minen in Peru.

Sie alle hatten die Reichtümer im Sinn, die sie sich so sehr erhofften, Gold, Perlen und Smaragde, und sie blieben selbst dann angespannt und wachsam, wenn sie vor ihrem Bier oder Rum saßen.

Bianca hatte beunruhigende Gerüchte gehört, und sie war sich sicher, sie hatten etwas mit dem Schiff zu tun, das heute ramponiert in den Hafen eingelaufen war. Seine halb zerrissenen Segel und der gebrochene Großmast waren wie ein böses Omen in einer ohnehin schon zu abergläubischen Stadt.

Doch je besorgter die Männer waren, umso mehr tranken sie und umso mehr füllte sich ihre Kasse. Das war Bianca nur recht, solange der Frieden gewahrt blieb. Nach der letzten Schlägerei hatte sie eine ganze Woche gebraucht, um wieder Ordnung herzustellen, und sie konnte es sich nicht leisten, so lange auf Einnahmen zu verzichten. Sie hatte ihre Bedienungen und Lieferanten zu bezahlen – und sie hatte nicht die geringste Absicht, ihre mühsam aufgebaute Existenz zu verlieren. Nicht noch einmal.

Aufmerksam ließ sie ihren Blick durch den Raum schweifen. Er war nicht groß, und er war auch nicht vornehm. Er hatte nichts, aber auch gar nichts mit den goldverzierten venezianischen Palästen gemein, an die sie sich noch so lebhaft erinnerte. Nein, ihre Taverne bestand lediglich aus einem langen, niedrigen Raum, dessen Wände bei der letzten Instandsetzung frisch geweißt worden waren. Von den hölzernen, rauchgeschwärzten Deckenbalken hingen kleine Sträuße getrockneter Kräuter – ein aussichtsloser Versuch, den Gestank von Rum und Schweiß zu vertreiben. Die unebenen Planken des Holzbodens waren verzogen und voller hartnäckiger Flecken. Dicht gestellte Tische und Bänke füllten den Raum.

Aber wenn alles auch noch so bescheiden war, so gehörte es doch ihr. Sie konnte sich sicherlich nicht mit den Schatzjägern messen, von deren großen Errungenschaften und fabelhaftem Reichtum sie hier in Santo Domingo jeden Tag hörte. Doch die Taverne war ihr Eigentum, das ihr niemand wegnehmen konnte.

Bianca räumte den letzten Krug hinter den Tresen und vergewisserte sich, dass ihre Pistole dort noch immer an ihrem Platz lag. Obwohl alles ruhig war, vertraute sie der seltsamen, angespannten Stimmung nicht. Sie war wie die Ruhe vor einem Sturm, still und ohne jede Regung. Irgendetwas lag in der Luft. In letzter Zeit war es ruhig gewesen in Santo Domingo, während man auf die nächste Flotte nach Sevilla wartete, doch vielleicht stand ein Überfall bevor.

Sie runzelte die Stirn, als sie an die letzte Schlacht dachte. Damals, als sie mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann Juan hier in Santo Domingo ankam, hatten französische Piraten unter Jean Florin die Mündung des Hafens belagert. Doch dies war schon etliche Jahre her. Die Franzosen hatten eingesehen, dass es verlorene Mühe war, die mächtigen spanischen Flotten und ihre befestigten Häfen anzugreifen. Das konnte es also nicht sein. Aber was war es dann?

Bianca blickte zu Delores hinüber, die im Eintopf über dem Feuer rührte und vor sich hin summte. Die Magd würde es auch nicht wissen – sie war fleißig, doch hauptsächlich an Liebeleien mit Seemännern interessiert. Aber Bianca wusste, wer ihr die nötigen Auskünfte geben könnte, wer über alles unterrichtet war, was zwischen Puerto Rico und Peru geschah. Und diese Person saß gleich drüben an der Wand.

Bianca schenkte eine großzügige Portion ihres teuersten Getränks aus, eines Punschs aus Rum, Zucker und Muskat, und trug es hinüber zu Señor de Alameda, der rechten Hand des Gouverneurs de Feuonmayor.

Alameda war ein ruhiger, wachsamer Mann von ungefähr dreißig Jahren, der sich nur selten zu den anderen Gästen gesellte, aber dennoch ein regelmäßiger Besucher ihrer Taverne war. Sie vermutete, dass er eine Art Spion war und mehr in den Hafendocks als in der Festung des Gouverneurs erfuhr. Außerdem hatte er ein Techtelmechtel mit Delores.

Doch das kümmerte Bianca nicht. Sie verdiente reichlich an ihm, er verursachte keinen Ärger und gab von Zeit zu Zeit kleine Brocken wertvollen Wissens an sie weiter.

Sie stellte den Kelch vor ihn, setzte sich ihm gegenüber an den kleinen Tisch und wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab. „Ich hoffe, der Gouverneur ist wohlauf, Señor de Alameda“, sagte sie.

Er blickte sie mit seinen unergründlichen schwarzen Augen an und setzte ein höfliches Lächeln auf. „Ah, Señora Montero. Eure Gesellschaft ist ein seltenes Vergnügen. Ja, dem Gouverneur geht es bestens. Er ist sehr beschäftigt mit der Vergrößerung der Kathedrale.“

„Hmm. Das kann es also nicht sein.“

Alameda nippte an seinem Punsch. Wie typisch spanisch er doch war! Nie ließ er sich etwas anmerken. So höflich, so vorsichtig, so gefährlich. „Was meint Ihr damit?“

„Ich habe lange genug in dieser Stadt gelebt, um zu wissen, wenn Unruhe in der Luft liegt“, sagte sie. „Und ich habe ein Interesse daran zu erfahren, was auf uns zukommt. Ich nehme deutlich mehr ein, wenn alles friedlich ist und die Geschäfte florieren.“

Alameda lächelte wehmütig. „Da sind wir uns einig, Señora. Eine friedliche Insel, auf der wir alle unseren Geschäften nachgehen können, ist das Beste für jedermann. Ohne dass unsere Kirchen und Lagerhäuser geplündert werden, ohne dass unsere Flotte es mit Piraten aufnehmen muss …“

Bianca erschauerte plötzlich trotz der warmen Brise, die durch die Fenster wehte und das Aroma der üppigen grünen Insel von den Bergen hinaus zur See trug. Sie hatte die verfaulenden Körper, die sich im Wind drehten, die noch rauchenden Ruinen der Häuser und die entweihten Ikonen nicht vergessen. Auch nicht die Berichte von Folter, Vergewaltigung und Mord. „Piraten? Ist es das?“

Alameda wandte den Blick ab. „Señora Montero, Piraten sind immer eine Gefahr in diesem Teil der Welt, da stimmt Ihr mir gewiss zu. Skrupellose Banditen, die König und Kirche bestehlen wollen. Das wisst Ihr sicher so gut wie ich, denn war nicht Euer verstorbener Mann ein Matrose? Doch Piraten sind keine unmittelbare Bedrohung für Santo Domingo. Ganz im Gegenteil.“

Die Tür des Wirtshauses flog auf, und eine laute Gruppe betrat die Taverne unter Geschrei und Gelächter. Erst einmal würde Delores sich um sie kümmern können, doch Bianca wusste, dass auch sie sich gleich wieder an die Arbeit begeben müsste. Es blieb ihr nicht mehr viel Zeit für diese Unterhaltung; sie musste herausfinden, was im Anzug war. In Santo Domingo war Wissen Macht. „Was meint Ihr damit, Señor Alameda?“, fragte sie ungeduldig.

Er nickte. Wie jeder Glücksspieler wusste er, wenn es an der Zeit war, seine Karten aufzudecken. „Wie mir berichtet wurde, ist die Calypso in unseren Hafen eingelaufen.“

Was auch immer Bianca erwartet hatte, das war es nicht. Sie brach in Lachen aus. „Die Calypso? Sehen Eure Spione jetzt schon Geisterschiffe?“

Geschichten über die Calypso, die angeblich von einem Mann mit fast übernatürlichem Seefahrtsgeschick gesteuert wurde, machten in der Taverne regelmäßig die Runde, wenn der Rum reichlich floss. Unbesiegbar in Schlachten, so schnell und wendig, dass sie jedem Sturm trotzen konnte, war sie den Gerüchten zufolge bis zum Rand der Erde gesegelt und mit unermesslichen Reichtümern zurückgekehrt. Selbst ihr Mann Juan, ein mit allen Wassern gewaschener Matrose, zeigte sich von diesem Seemannsgarn beeindruckt, das dem angeblichen Zauberschiff eine solch mythische Aura verlieh.

Doch Bianca glaubte schon lange nicht mehr an Mythen und Helden.

„Ein Geisterschiff ist die Calypso nicht“, sagte Alameda.

„Und was ist mit ihrem Kapitän? Dem Mann, der sein Schiff angeblich sogar aus der Hölle wieder herausnavigieren kann und gleichzeitig die Schätze des Teufels stiehlt?“

Alameda lachte. „Auch ihn gibt es tatsächlich, wenn ich auch nicht glaube, dass er mit der Unterwelt vertraut ist.“

„Die Hölle kann man auch auf Erden erleben, besonders wer seinen Lebensunterhalt mit der Schifffahrt verdient.“

„Das ist wohl wahr, Señora Montero. Aber lasst dies nicht Pater Yanez zu Ohren kommen. Niemand von uns hat es so weit weg von der Heimat einfach, auch nicht jemand mit einem solch großen Vermögen wie der Kapitän der Calypso.“

Bianca warf einen Blick zum Tresen hinüber, wo Delores Rum ausschenkte und Eintopf servierte. „Wenn die Calypso ein solches Wunderschiff ist, wie kommt es dann, dass ich sie noch nie gesehen habe? Ich bin nun schon seit einigen Jahren in Santo Domingo. Ich dachte, ich kenne jedes Schiff zwischen Peru und Sevilla.“

Alameda zuckte mit den Schultern. „Wie mir zugetragen wurde, ist Havanna ihr üblicher Heimathafen. Auch soll der Kapitän seine eigene geheime Insel irgendwo zwischen hier und Jamaica besitzen. Er ist sein eigener Herr und muss sich nicht vor Gouverneur de Fuenmayor verantworten. Wahrscheinlich nicht einmal vor dem König.“

Ein Mann, der niemandes Untertan war. Jetzt wusste Bianca, dass dieser Mann ein Mythos war. Und obendrein ein äußerst faszinierender. „Vor wem hat er sich dann zu verantworten?“

„Das, Señora Montero, würde ich auch liebend gern wissen. Jeden, der mir Auskünfte über den Kapitän der Calypso geben könnte, würde ich reichlich belohnen.“

„Sie wissen schon so viel.“

„Ich? Ich bin lediglich ein Beamter des Königs. Mir ist nur daran gelegen, mich um meine eigenen Angelegenheiten zu kümmern und zu Reichtum zu kommen, damit ich mich in Andalusien zur Ruhe setzen kann. Weit weg von dieser verfluchten Insel.“

Amen, fügte Bianca in Gedanken hinzu und verscheuchte einen Moskito. Aber so sehr auch sie sich danach sehnte, diesen Ort zu verlassen und von Venedig und ihrem seit langem verlorenen Zuhause träumte, wusste sie doch, dass sie nun hierher gehörte. Auf diese Insel, die voller Gefahren steckte. „Ihr seid zu bescheiden, Señor. Was würde der Gouverneur ohne Euch tun?“

„Ihr schmeichelt mir.“

„Ich glaube sogar, dass Ihr genau über alles Bescheid wisst, was sich auf Hispaniola abspielt. Bis hin zur abgelegensten Hazienda im Landesinneren.“ Es wurde lauter und lauter in der Taverne, als immer mehr Gäste hereinströmten. „Oder über den genauen Grund, aus dem die Calypso plötzlich hier in Santo Domingo angelegt hat.“

„Oh, das weiß ich tatsächlich. Meinen Quellen zufolge war sie in eine große Seeschlacht vor der Küste von Puerto Rico verwickelt.“

„Eine Seeschlacht?“

„Zwischen der Calypso und einem Piratenschiff. Die Calypso konnte die Piraten besiegen, aber dabei wurde ihr Großmast beschädigt. Ihre Lage verschlimmerte sich, als sie vor einigen Tagen in den schweren Sturm in der Mona-Passage geriet.“ Er ließ seinen Blick durch die Taverne schweifen. „Der Sturm, wegen dem Santo Domingo zurzeit so überfüllt ist. Der so viele Neuankömmlinge in unsere schöne Stadt gebracht hat, von denen viele in der Festung des Gouverneurs Unterkunft suchen.“

„Also ist die Calypso hier eingelaufen, weil sie Reparaturen benötigt?“ Bianca lachte. „Die sagenumwobene Calypso? Ich hätte gedacht, dass jemand, der die Schätze des Teufels stehlen kann, auch in der Lage ist, durch Zauberhand seinen eigenen Großmast während eines Sturms zu reparieren.“

„Oh, Señora, ich würde ihn nicht unterschätzen.“ Alameda legte einige Münzen auf den Tisch und stand auf. „Ich muss leider gehen. Mich erwartet in der Festung noch eine andere wichtige Angelegenheit, auf die ich mich jedoch eher freue. Ich danke Euch für den Punsch, und es war wie immer höchst interessant, mit Euch zu reden.“

Bianca steckte die Münzen ein, während sie ihm nachsah. Seine elegant gekleidete Gestalt verschwand rasch in der Masse der ungehobelten, lauten Gäste. Er mochte ja neue Informationen gewonnen haben, doch sie stand noch immer vor einem Rätsel. Wie war es möglich, dass dieses Schiff und sein geheimnisumwitterter Kapitän ganz Santo Domingo in Atem halten konnten?

Sie ging zurück zum Tresen, wobei sie jeden Gast musterte, um vielleicht den unbekannten Kapitän ausfindig machen zu können. Doch die meisten Gesichter waren ihr vertraut, Seeleute, die die Taverne jedes Mal aufsuchten, wenn sie im Hafen anlegten. Zu Bianca kamen sie, um zu feiern, um ihren neugewonnenen Reichtum zur Schau zu stellen, um über auf See umgekommene Kameraden zu trauern und ihre Sorgen im Rum zu ertränken. Heute Abend waren die Gäste spendabel, doch sah Bianca auch die wachsame Besorgnis in ihren angespannten, von der Sonne gegerbten Gesichtern.

Sie warf einen schnellen Blick hinter den Tresen, um sich zu vergewissern, dass die Pistole noch dort lag. Normalerweise verließ sie sich nicht auf Schusswaffen, da sie ihr zu unberechenbar waren und oft im falschen Augenblick losgingen. Genau wie die Einwohner dieser Stadt. Doch wenn Ärger drohte, gab es kein besseres Mittel als eine Menge Rauch und Lärm, um wieder Ruhe herzustellen.

Bianca übernahm das Ausschenken der Getränke und ließ Delores an den Tischen bedienen. Die Wirtschaft war nun bis zum Bersten gefüllt, jeder Stuhl war besetzt, und Männer standen überall entlang der Wände. Alle Fenster waren weit geöffnet, um die warme tropische Brise hereinzulassen, doch das reichte nicht aus, um die Hitze zu lindern und den Geruch von Rum, verschwitzter Wolle und Delores’ Eintopf zu vertreiben.

Bianca steckte die wilden Locken, die sich immer aus den Haarnadeln lösten und an ihrer feuchten Haut klebten, wieder hoch. Aus irgendeinem Grund gingen ihr Erinnerungen an Venedig nicht aus dem Sinn. Kühle, weiße Räume, hohe Türen, die sich auf Terrassen oberhalb der Kanäle öffneten. Musik, die zahlreiche Maskenbälle untermalte. Doch Venedig war auch ein gefährlicher Ort. Niemand wusste das besser als Bianca. Aber es hatte dort auch so viel Schönheit gegeben.

Für einen Augenblick schloss sie die Augen und stand in Gedanken wieder vor dem Haus ihrer Mutter. Damals, als sie noch ein junges Mädchen gewesen war und mit törichten Hoffnungen und Träumen aufgeblickt hatte in das Gesicht von …

Nein! Sie knallte einen Becher auf den Tresen, öffnete die Augen und zwang sich, ihren Blick wieder auf die laute, heiße Taverne zu lenken. Sie würde nicht schon wieder an Venedig und an Balthazar Grattiano denken. Sie musste die Vergangenheit hinter sich lassen. Jetzt zählte nur die Gegenwart. Sein Verrat hatte ihr so viel Leid und Ärger eingebracht und dazu geführt, dass sie auf sich selbst gestellt war.

Sie musste sich wieder ihrer Arbeit zuwenden.

Als sie Delores mit einem Tablett voller Getränke erneut an die Tische geschickt hatte, erschien ein Mann am Tresen. Bianca sah ihn neugierig an. Er gehörte nicht zu ihren Stammkunden. Sie war sich sicher, dass sie ihn vorher noch nie gesehen hatte. Er war groß und so sehnig und muskulös wie jemand, der daran gewöhnt war, Takelagen empor zu klettern, aber er war auch hager und hatte ein eingefallenes Gesicht.

Trotz der Hitze trug er einen Umhang mit Kapuze, die sein Gesicht halb verdeckte. Doch Bianca sah genug, um zu erkennen, dass er gut aussehend war oder es zumindest wäre, wenn er seinen wilden schwarzen Bart abrasieren würde. Sein sonnengebräuntes, scharf geschnittenes Gesicht mit den braunen Augen war trotz seines gehetzten Blicks fast elegant. Gezeichnet und zerfurcht von einem tiefsitzenden Kummer. Er sah sie mit müdem Blick an.

Einen Augenblick lang fragte sie sich, ob er eine Erscheinung sei, herbeigerufen durch ihre eigenen unglücklichen Erinnerungen. Ein Geist, der vielleicht von Bord der sagenumwobenen Calypso kam. Doch dann lächelte er sie kurz an, und sie schlug sich ihre Fantastereien aus dem Kopf. Er war ein Mann aus Fleisch und Blut, wenn auch ein sehr seltsamer, sogar für die Maßstäbe von Santo Domingo.

„Rum, por favor, Señora“, sagte er mit tiefer und rauer Stimme.

Bianca schenkte eine großzügige Portion des dickflüssigen braunen Getränks in einen Tonbecher und schob ihn über das abgenutzte Holz des Tresens zu ihm hinüber. „Ihr seid neu hier in Santo Domingo, oder irre ich mich?“

„Mein letzter Besuch liegt schon lange zurück“, antwortete er, nachdem er in einem Zug ausgetrunken hatte. „Damals gehörte dieses Wirtshaus Señor Valdez.“

„Das muss in der Tat schon einige Zeit her sein. Ich habe Valdez die Schenke vor über einem Jahr abgekauft, als er zurück nach Spanien ging.“

„Vor einem Jahr“, murmelte er, als sei dies eine unermesslich lange Zeitspanne. Vielleicht war sie das auch. Schließlich reichte oft nur ein einziger Augenblick, um ein Leben zu verändern.

Aus irgendeinem Grund weckte diese mysteriöse Erscheinung ihre Neugier. Die meisten Menschen auf der Insel waren auf der Durchreise, kümmerten sich um ihre eigenen Angelegenheiten und waren vor irgendetwas auf der Flucht. Genau wie Bianca selbst.

„Wurde Euer Schiff im Sturm beschädigt?“, fragte sie. Vielleicht gehörte er sogar zur Mannschaft der Calypso. Das würde erklären, warum sie ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Eine geheimnisvolle Erscheinung von einem Geisterschiff.

Er nickte kurz und hielt ihr seinen Becher entgegen, um ihn mit Rum auffüllen zu lassen. „Lange werde ich nicht hier sein, Señora.“

Hier in Santo Domingo? In ihrer Taverne? In der Welt der Sterblichen? Er war offensichtlich nicht in gesprächiger Stimmung, und so schenkte sie ihm lediglich nach.

„Oh, Señora“, schrie Delores und kam hinter den Tresen gerannt, um ihr Tablett aufzufüllen. Der Lärm war nun so stark, dass man kaum sein eigenes Wort verstehen konnte. „Die Calypso soll im Hafen sein! Ihr Kapitän hat eine riesige Piratenflotte in die Flucht geschlagen und während des Sturms eigenhändig den Großmast repariert …“

Als Bianca sich wieder dem Tresen zuwandte, war der Mann mit der Kapuze verschwunden. Sie erhaschte noch einen letzten Blick auf ihn und sah, dass er sich an einen kleinen Tisch in einer dunklen Ecke zurückzog.

Je weiter der Abend fortschritt, umso häufiger mussten völlig betrunkene Männer auf ihre Kameraden gestützt hinausgetragen werden, woraufhin ihre Plätze sofort von neuen durstigen Gästen eingenommen wurden. Wahrscheinlich ebenfalls Matrosen von Schiffen, die hier nach dem Sturm wieder instand gesetzt wurden. Doch ihren mysteriösen Gast sah Bianca nicht mehr, denn sie war zu sehr damit beschäftigt, Rum und Bier auszuschenken und weiteren Punsch zuzubereiten.

Das Gejohle und betrunkene Geschrei der Männer war auf seinem Höhepunkt angelangt, als sich die Tür noch einmal öffnete. Nicht mit einem lauten Krachen, wie bei ihrer üblichen Kundschaft, die Vergessen im Alkohol suchte, sondern langsam und leise. Dennoch wandten sich alle Blicke zur Tür.

Bianca, die gerade verschüttetes Bier vom Tresen gewischt hatte, richtete sich auf und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Sie spürte, wie die Stimmung im Raum plötzlich wachsam wurde und der Lärm zu einem Murmeln verebbte – wie die Wellen des Meeres, bevor ein Sturm losbrach.

Und nun kam sicherlich der Sturm, der sich schon den ganzen Abend zusammengebraut hatte.

Sie drehte sich zur Tür. Dort zeichnete sich die Kontur eines Mannes gegen den Nachthimmel ab. Er war nicht allein – sechs oder sieben weitere Männer standen hinter ihm. Doch sie schenkte nur ihm Beachtung.

Er war groß, wahrscheinlich größer als alle anderen Männer in der Taverne, da er den Kopf einziehen musste, als er eintrat. Wie der seltsame, halbverhüllte Mann von eben hatte auch er den sehnigen, starken Körperbau eines Mannes, der daran gewöhnt war, sich auf einem schaukelnden Schiffsdeck zu bewegen und schwankende Takelagen hinaufzuklettern. Sein muskulöser Oberkörper und seine Beine zeichneten sich unter seiner schwarzen Lederweste und seiner engen Hose in einem Paar hoher, abgenutzter schwarzer Lederstiefel ab. Die hochgeschlagenen Ärmel seines weißen Hemds enthüllten starke, gebräunte Unterarme. Er musste ein Mann der Tat sein, ein Mann, der dem Meer und all seinen Gefahren trotzte.

Sein von der Sonne gebleichtes hellbraunes Haar fiel ihm wie ein gerader Vorhang bis zu den Schultern und war mit einem schwarzen Seidenband aus dem Gesicht gebunden.

Und dieses Gesicht …

Sie kannte es gut. Zu gut. Bianca klammerte sich am Tresen fest. Träumte sie? Denn dieses Gesicht, obgleich etwas gealtert, gegerbt von der tropischen Sonne und dem Salz der Meeresgischt, gehörte Balthazar Grattiano.

Dem Mann, den zu töten sie sich geschworen hatte, falls sie ihn jemals wiedersah.

2. KAPITEL

Bianca stützte sich auf den Tresen und beobachtete in wachsamem Schweigen, wie Balthazar und seine Männer den Raum betraten. Die Menge teilte sich, und er durchschritt die Taverne wie Moses das Rote Meer. Die lauten Unterhaltungen verstummten. Sie zuckte zusammen, als sie sah, wie die Gruppe an einem wie von Zauberhand mit einem Mal freien Tisch am Fenster Platz nahm.

Und plötzlich befand sie sich nicht mehr in ihrem tropisch-heißen Wirtshaus, sondern war wieder ein junges Mädchen, das vor dem Haus ihrer Mutter in Venedig stand und gebannt an Balthazar Grattianos Lippen hing, während er von Schiffen und Seefahrt redete, von der weiten, wunderbaren Welt außerhalb Venedigs und von verlockender Freiheit.

Er schien diese Freiheit erworben zu haben, denn hier war er nun, Tausende von Seemeilen von seiner privilegierten venezianischen Welt entfernt. Doch sie war noch immer im Kerker ihrer Vergangenheit gefangen. Und wohin sie auch ging, für sie gab es daraus kein Entrinnen.

„Ist er das wirklich, Señora?“, hörte sie Delores fragen. Ihr gedämpftes Murmeln brachte sie wieder aus Venedig zurück auf den unebenen Holzboden ihrer Taverne.

„Von wem redest du, Delores?“ Vom … Teufel?

„Vom Kapitän der Calypso! Ich hatte gehört, er sei in Santo Domingo, aber ich konnte es bisher nicht glauben.“ Delores seufzte. „Was für ein gut aussehender Mann er ist.“

„Was auch immer er ist, er ist ein Gast“, erklärte Bianca mit aufgesetzter Ruhe. Sie drückte Delores ein Tablett in die zitternden Hände und machte sich daran, es mit Bechern voll Punsch zu füllen. „Und hoffentlich ein durstiger. Los jetzt.“

Sie lehnte sich gegen den Tresen und sah zu, wie die Magd hüftschwingend hinüber zu Balthazars Tisch ging. Als sie die Getränke vor ihm auf dem Tisch abstellte, bedankte Balthazar sich mit dem Anflug eines Lächelns.

Hätte Bianca noch die geringsten Zweifel daran gehabt, dass dies tatsächlich Balthazar Grattiano war, wären sie spätestens nun ausgeräumt. Sie erinnerte sich nur zu gut an dieses charmante, unwiderstehliche Lächeln und an die verlockenden Grübchen, die die meisten Frauen nur allzu gern berühren, allzu gern küssen würden, um die geschmeidige, sonnengebräunte Haut an ihren Lippen zu spüren.

Ein betörendes, sinnliches Lächeln – hinter dem sich eine seltsame, leere Traurigkeit verbarg.

Er war älter geworden, genau wie sie. Gezeichnet vom Leben auf dem Meer und der unbarmherzigen Sonne. Dennoch konnte sie in ihm noch immer Balthazar Grattiano, den Schwarm aller venezianischen Frauen, erkennen.

Seine unwiderstehliche Wirkung auf Frauen ist unverändert, dachte Bianca trocken, als sie beobachtete, wie Delores auf eine Bemerkung von ihm hin kicherte. Die meisten der Männer, die ihr in der Taverne Avancen machten, wies Delores schnippisch ab. Auf ihre Art war sie Alameda treu. Doch machte sie im Moment keine Anstalten, Balthazars Seite zu verlassen.

Aber Bianca hatte keine Zeit, sich noch länger mit Balthazar und seiner Ausstrahlung zu beschäftigen. Noch immer strömten neue Gäste herein, die ungeduldig ihren Rum bestellten. Langsam und unaufhaltsam stieg der Geräuschpegel wieder an, als ein Würfelspiel begann. Eine Menge scharte sich um Balthazar und versperrte ihr die Sicht auf ihn.

Doch aus ihren Gedanken konnte sie ihn nicht verbannen. Sie war sich seiner Gegenwart schmerzlich bewusst und konnte die angespannte Aufregung nicht abschütteln. Nach dieser langen Zeit war er wieder in ihrer Nähe! Der Mann, der ihr einst so viel bedeutet hatte; der Mann, dessen Vater ihre Mutter getötet hatte.

Schlug nun die Stunde ihrer Rache?

Während sie Becher spülte, dachte sie an die Calypso, dieses legendäre Schiff, das angeblich den Atlantik in drei Wochen überqueren konnte. Dem Überfälle und Unwetter nichts anhaben konnten. Und der Kapitän dieses Schiffes war Balthazar? Wie um alles in der Welt kam es, dass er sein Luxusleben in der prunkvollen und vornehmen Gesellschaft Venedigs hinter sich gelassen hatte und ein solch außergewöhnlicher Seefahrer geworden war, Kapitän seines eigenen Schiffs obendrein und Schrecken der Meere?

Sie lachte ungläubig auf. Vielleicht hatte ihm sein Vater das Schiff gekauft und einen Magier dafür bezahlt, es mit einem undurchdringlichen Zauberkreis zu umgeben. Ermano Grattiano war immer den okkulten Künsten zugetan gewesen.

Als sie die sauberen Becher auf dem Tresen aufreihte, nahm sie plötzlich aus den Augenwinkeln eine schnelle Bewegung wahr. Aus irgendeinem Grund zog diese blitzartige Regung inmitten der Unruhe des Raums ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie erkannte den geheimnisvollen Mann von vorhin. Er hatte noch immer die Kapuze auf, die sein Gesicht verdeckte, aber er bewegte sich schnell und zielstrebig. Bianca sah verwirrt, wie er einen schmalen, gefährlich scharfen Dolch aus seinem Ärmel in seine Hand gleiten ließ.

Ihr Magen zog sich zusammen. Gewalt war eine ständige Bedrohung in Santo Domingo. Es konnte jederzeit zu Auseinandersetzungen kommen, und schon ein nichtiger Grund war oft Anlass für Blutvergießen. An einem Ort so weit von der Zivilisation und den Annehmlichkeiten der Heimat entfernt, einem Ort so voll von Reichtümern, Rum und Rivalitäten, war Gefahr allgegenwärtig. Aufbrausender Jähzorn war in diesem tropischen Klima nichts Ungewöhnliches. Aber nicht in ihrer Taverne. Sie hatte schon so viel Gewalt gesehen, dass es für ihr ganzes Leben reichte.

Der verhüllte Mann verschwand im Gewühl. Angespannt und ohne zu überlegen, griff Bianca nach ihrer Pistole. Als sie hinter dem Tresen hervorlief, schrie Delores schrill auf.

Und dann brach der befürchtete Tumult aus.

Das Gebrüll der Männer, die Geräusche zerbrechender Gläser und splitternden Holzes vermischten sich mit Delores’ Schreien. Bianca bahnte sich einen Weg durch die dichte Menge und spürte, dass die meisten Männer darauf brannten, sich an der Schlägerei zu beteiligen. Ein Mann zog eine scharfe Klinge aus seinem Stiefel, doch Bianca konnte sie ihm aus der Hand treten und drängte ihn beiseite.

„Aus dem Weg, ihr stinkenden Hurensöhne!“, schrie sie. „Das lasse ich in meiner Taverne nicht zu!“

Einige der Männer um sie herum entfernten sich, doch aus der Mitte des dichtesten Gewühls hörte sie noch immer Flüche und lautes Krachen. Schließlich war sie bis zu Balthazars umgestoßenem Tisch inmitten zerbrochener Krüge und verschüttetem Rum vorgedrungen. Delores kreischte, und Balthazars Männer fuchtelten mit ihren gezogenen Schwertern in der Luft herum, um jedem zu drohen, der sich ihnen in den Weg stellen würde. Einer der Männer hielt den Umhang des mysteriösen Angreifers in der Hand, der spurlos verschwunden war.

Und Balthazar – lag auf dem Boden. Er blutete heftig aus einer Dolchwunde an der linken Schulter, während seine Männer sich um ihn scharten.

Fast war es zum Lachen, wäre die Lage nicht so gefährlich gewesen. Sie drohte nun, völlig außer Kontrolle zu geraten, als Delores’ Geschrei, die wild hervorgebrachten Drohungen der Männer und das Klirren von Stahl immer lauter wurden. Jeden Moment konnte die Situation explodieren.

Bianca wusste, dass Worte ihr nicht mehr weiterhalfen. Niemand würde auf sie hören. So zielte sie mit ihrer Pistole zur Decke, und löste mit aller Kraft das Luntenschloss.

Der Rückstoß warf sie fast um. Weißer Putz aus dem Loch in der Decke regnete auf sie herab, und die Explosion hallte mit ohrenbetäubendem Lärm in der kleinen Taverne nach. Eine Wolke beißenden Rauchs trieb durch den Raum, in dem es plötzlich ganz still geworden war.

„Ich hab euch doch gesagt, dass ich hier keinen Ärger dulde“, sagte sie ruhig. „Und jetzt schert euch alle hinaus. Außer wenn ihr euch nützlich machen und dieses Chaos beseitigen wollt.“

Dabei richtete sie den Pistolenlauf auf alle noch Anwesenden, bis die meisten der Männer die Taverne fluchtartig verließen und die Tür in der abendlichen Brise hin- und herschwang. Bald waren nur noch Delores und die Männer der Calypso da.

Bianca schob einen von ihnen mit ihrer Waffe beiseite und kniete sich neben Balthazar. Sie nahm ihre Schürze ab und drückte sie auf seine Wunde. Sie war nicht sonderlich tief, aber ein einziger Blick darauf reichte ihr aus, um zu sehen, dass sie dringend gereinigt und genäht werden musste. Wäre die Klinge einige Millimeter tiefer eingedrungen, hätte sie sein Herz erreicht.

Sie war also nicht die Einzige, die Balthazar hasste.

Einer der Männer, ein bärtiger Seebär, lehnte sich über sie und musterte den Kapitän aufmerksam. „Ist er tot, Señora?“

Bevor Bianca antworten konnte, öffnete Balthazar die Augen und knurrte: „Nein, ich bin nicht tot, Mendoza. Mein Fell ist dick genug, um mir von einer so schlecht geführten, stumpfen Klinge nichts anhaben zu lassen.“

„So stumpf nun auch wieder nicht“, sagte Bianca und hob ihre zusammengeknüllte Schürze hoch, um sich die Wunde genauer anzusehen. „Ihr habt viel Blut verloren. Ihr hattet Glück, dass der Mann so schlecht gezielt hat, Kapitän Grattiano, sonst müsste ich nun eine Leiche aus meiner Taverne hinausschaffen.“

Er starrte sie mit seinem scharfen, ruhigen Blick aus seinen grünen Augen an, als versuche er, ihre Seele zu ergründen. „Woher kennt Ihr meinen Namen?“

Bianca schenkte ihm keine Beachtung. Sie riss sich von seinem Blick los und legte seinen Kopf vorsichtig auf den Schoß ihres grauen Wollrocks. Die Schürze war nun blutgetränkt, und Delores schluchzte so laut, dass Bianca keinen klaren Gedanken fassen konnte.

„Delores, sei endlich still!“, schimpfte sie. „Bring mir Wasser und saubere Tücher für einen Verband. Und zwar sofort! Und Ihr … Mendoza, ja?“

Der bärtige Mann nickte. „Ich bin der Quartiermeister der Calypso.“

„Mendoza, wie konnte das passieren? Meine Taverne ist gewöhnlich ein friedlicher Ort. Der Gouverneur hat nichts für Unruhestifter übrig.“

Balthazar antwortete mit vor unterdrücktem Schmerz rauer und angespannter Stimme. „Der Mann, der mich angegriffen hat, heißt Diego Escobar. Er hatte geschworen, mich zu finden, und nun ist es geschehen. Ich war ein Narr, auch nur einen Moment nicht auf der Hut zu sein.“

„Ich hatte doch gesagt, wir sollten lieber auf dem Schiff bleiben, Kapitän“, sagte Mendoza unwirsch.

„Wir sind nun schon seit Wochen auf diesem verdammten Schiff gewesen“, entgegnete Balthazar. „Und wie die Señora schon sagte, ist ihr Wirtshaus normalerweise ein friedlicher Ort.“

„Bis Ihr kamt“, antwortete Bianca.

„Wir werden alle Schäden begleichen.“

„Oh ja, das werdet ihr. Genauso wie Ihr alle Getränke bezahlen werdet“, sagte Bianca. Delores kam mit Stofftüchern und einer Schüssel Wasser zurück, und Bianca entfernte die blutgetränkte Schürze. Die Blutung schien etwas nachgelassen zu haben, und der Riss in Balthazars Hemd war dunkelbraun gefärbt und verkrustet.

Balthazar blickte seine Männer, die um ihn herum standen, durchdringend an. „Und warum, wenn ich fragen darf, habt ihr den Schuft laufen lassen?“

„Wir dachten, Ihr seid tot, Kapitän“, sagte einer von ihnen.

„Oh, und in dem Fall habt ihr es also nicht für nötig gehalten, meinen Mörder zu stellen“, bemerkte Balthazar. Bianca glaubte, trotz seiner Schmerzen einen Anflug von trockenem Humor in seiner Stimme zu hören. „Ich wäre ja ohnehin nicht mehr dagewesen, um seine Verurteilung zu erleben.“

Ein anderer Mann warf den Mantel des Attentäters beiseite. „Er ist einfach verschwunden, Kapitän! Wie eine Rauchwolke. Genau wie letztes Mal …“

„Vielleicht hat der Mann tatsächlich magische Kräfte“, murmelte Balthazar. Bianca begann, die Ränder seiner Wunde mit einem nassen Tuch zu reinigen, und er fuhr mit einem Schmerzensschrei auf. „Verdammt, passt doch auf! Wollt Ihr mich auch umbringen?“

„Ich versuche bloß, Euch zu helfen“, sagte Bianca und zog ihn wieder zurück. Als sein Kopf erneut in ihrem Schoß lag, fiel eine lange Strähne seines seidig glatten Haars über ihre Hand. „Trotz der Umstände, die Ihr mir verursacht. In diesem Klima entzündet sich eine Wunde schnell, wenn sie nicht gereinigt und verbunden wird.“

Sie warf einen Blick auf den Boden unter ihnen, der von Rum und Sand verdreckt war. Diese giftige Mischung würde ihn genauso schnell umbringen wie ein schwertschwingender Verrückter. Und aus einem ihr selbst unerfindlichen Grund war Bianca nicht dazu bereit, ihn so schnell sterben zu sehen.

Jedenfalls nicht, bevor er ihr einige Antworten geben konnte.

„Helft mir, ihn heraufzutragen“, wies sie die Männer an. „Ich kann die Wunde oben besser behandeln.“

Sie zögerten und blickten auf ihren Kapitän, um ihre Anweisungen zu erhalten. Balthazar hingegen sah Bianca prüfend an, als suche auch er Antworten. Schließlich nickte er. „Macht, was sie sagt“, befahl er. „Und dann seht zu, dass ihr zurück zum Schiff kommt, damit dieser Schuft nicht auch dort noch Unheil anrichten kann.“

„Aber Kapitän“, protestierte Mendoza, „sollten wir nicht hier Wache halten?“

Ein ironisches Lächeln umspielte Balthazars Mund. „Oh, ich bin mir sicher, ich bin hier bei der Señora mit ihrer Hakenbüchse gut aufgehoben. Das ist sicherlich nicht ihre einzige Waffe.“

„Wahrhaftig nicht“, murmelte Bianca. Sie ging die enge Treppe zu ihrer privaten Kammer voraus, gefolgt von Delores, die das Wasser und die Verbände brachte. Balthazar stöhnte einmal laut auf, als seine Männer ihn hochhoben, doch blieb danach stumm, während sie ihn die Treppe hinauftrugen und auf Biancas Bett legten.

Nachdem die Männer sich widerwillig zurückgezogen hatten und Delores ins Bett gegangen war, entstand eine peinliche und nervöse Stille zwischen Balthazar und Bianca. Ihre Schlafkammer war ein winziger, weiß getünchter Raum unter dem Dach, in dem gerade genug Platz war für ein Bett, einen kleinen Tisch mit Stuhl und die alte Seemannstruhe ihres Mannes. Als nun Balthazar Grattiano ausgestreckt auf dem Bett lag, schien er den gesamten Raum mit seiner überwältigenden männlichen Präsenz auszufüllen.

Bianca fühlte sich plötzlich angespannter und verängstigter als inmitten einer Schlägerei.

Sie holte tief Luft und atmete den Geruch des durchs offene Fenster hereinwehenden tropischen Nachtwindes ein, von Kerzenwachs – und von Balthazar. Er roch nach sauberem Leinen, Leder, salziger Luft, Schweiß, Blut und einem dunklen, geheimnisvollen Duft, der ihm eigen war. Selbst nach all diesen Jahren war ihr dieser Geruch sofort wieder vertraut.

Doch sie war nicht mehr das verblendete Mädchen, das nur darauf wartete, dass er ihr einen Blick schenkte, dass sie sein Parfüm riechen könne, wenn er an ihr vorbeiging. Und er war offensichtlich nicht mehr der junge Mann von einst. So unglaublich anziehend. So voller Zorn.

Vorsichtig zog sie seine Stiefel und seine Lederweste aus und schnitt sein zerrissenes Hemd auf, wobei sie sich ständig des festen Blicks, den er auf sie gerichtet hielt, bewusst war. Oh, gut aussehend war er noch immer, das war nicht zu bestreiten. Als sie das feuchte Tuch über seine Wunde legte, konnte sie nicht umhin, die sehnigen, wohlgeformten Muskeln seines Oberkörpers zu bemerken, seine geschmeidige goldbraun schimmernde Haut, die so aussah, als arbeite er auf dem Schiff mit freiem Oberkörper. Sie sah auch seine Narben, einige fast verblasste alte Linien und einen langen, gezackten rosafarbenen Schnitt entlang seiner Rippen.

So war vermutlich der alte Zorn noch immer in ihm. Seine dunkle Seite, die seine engelsgleiche Schönheit noch anziehender machte, und die sie vor langer Zeit voller Angst zur Flucht bewegt hatte.

Doch nun war er in ihrem Zuhause und lag in ihrem Bett. Und war ihr ausgeliefert.

Mit dem Verband strich sie an der Wunde entlang über sein Schlüsselbein, berührte vorsichtig eine seiner braunen, flachen Brustwarzen und zog das Stofftuch über seinen hellbraunen, leicht behaarten Oberkörper. Er holte tief Luft, und seine deutlich sichtbaren Muskeln spannten sich an, doch er versuchte nicht, der Berührung auszuweichen. Wortlos ließ er sie gewähren.

Oh ja, er war noch immer gut aussehend, der bestaussehende Mann, dem sie je begegnet war. Selbst im Laufe ihrer weiten Reisen war sie nie auf jemanden getroffen, der einem Vergleich standgehalten hätte. Doch seiner Schönheit haftete eine dunkle Seite an, eine kaum gebändigte Brutalität. Sie wäre eine Närrin, wenn sie von Neuem seiner unwiderstehlichen Anziehungskraft erliegen würde.

Ihr Blick wanderte seine Beine entlang, die in der eng anliegenden schwarzen Hose steckten und die ausgestreckt auf ihrem weißen Betttuch lagen. Sie sah die deutliche Wölbung seiner Männlichkeit, sah seine schlanken Hüften. Er war unglaublich attraktiv, und sie wusste, dass er ein fantastischer Liebhaber sein musste. Alle Kurtisanen in Venedig hatten ihn in den höchsten Tönen gelobt, und das war vor vielen Jahren gewesen. In der Zwischenzeit hatte er viel Zeit gehabt, seine Fähigkeiten auf diesem Gebiet zu perfektionieren. Und sie war eine Witwe, die schon seit Langem keinem Mann mehr nahe gekommen war. Es war völlig natürlich, dass sie sich nun von ihm angezogen fühlte.

Aber nur eine Närrin würde dem Verlangen nach einem Schuft nachgeben. Und sie hoffte, dass sie diese kleine Närrin nicht länger war.

Schnell zog sie ihre Hand von seiner Brust zurück, vom warmen Auf und Ab seiner Atemzüge, von seinem gleichmäßigen Herzschlag, und konzentrierte sich wieder auf die Wunde. Noch immer sah er sie schweigend an, so eindringlich, als könne er ihre Gedanken lesen. Er schien derjenige zu sein, der übersinnliche Fähigkeiten hatte, und nicht etwa der messerschwingende Fremde.

Sie tränkte einen frischen Verband in Rum und presste ihn gegen Balthazars Schulter. Er rang zwar nach Atem, doch er ließ die Behandlung über sich ergehen.

„Das werde ich nähen müssen“, murmelte sie. „Aber habt keine Angst. Ich mache das nicht zum ersten Mal. Und Ihr werdet eurer Sammlung eine weitere kleine Narbe hinzufügen können.“

Sie wandte sich ab, um nach ihren Nähutensilien zu greifen, und erschrak, als er sie plötzlich am Handgelenk packte. Sie versuchte, sich zu lösen, doch er hielt sie fest wie in einem Schraubstock. Er zog sie näher zu sich heran, bis sie seinen nackten Körper fast berührte und sich weder bewegen noch wegschauen konnte. Ihr Herz schlug so heftig, dass es ihr laut wie eine Trommel vorkam.

„Ich kenne Euch“, sagte er mit weicher und leiser Stimme, die in völligem Gegensatz zu seiner harten Berührung stand. „Aber woher?“

Bianca schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht.“

„Oh doch. Ich habe Euch irgendwo schon einmal gesehen – und Ihr kanntet meinen Namen.“

„Natürlich kenne ich Euren Namen. Die Ankunft der Calypso und ihres legendären, mutigen Kapitäns waren der Gesprächsstoff in Santo Domingo.“

„Nein, das meine ich nicht“, beharrte er. Doch er ließ sie los und fiel erschöpft zurück auf sein Kissen. Stirnrunzelnd sah er sie an. „Wo sind wir uns schon einmal begegnet? Wer seid Ihr?“

„Mein Name ist Señora Montero“, antwortete sie. Sie öffnete ihr Nähkästchen und versuchte, trotz ihrer zitternden Hände, das Nähgarn einzufädeln. „Und ich würde mich sicherlich daran erinnern, wenn wir uns schon einmal begegnet wären, Kapitän. Eine Wirtin kann es sich nicht erlauben, ein Gesicht zu vergessen, besonders wenn es das eines Unruhestifters ist!“

Er lachte rau auf. „Ich könnte schwören, dass Ihr euch mit Unruhestiftern auskennt, Señora.“

„Und Ihr euch mit Frauen“, erwiderte sie, während sie den Faden verknotete. „Sicherlich verwechselt ihr mich mit einer Eurer zahlreichen Frauenbekanntschaften in einem anderen Hafen. Ihr habt Fieber und könnt nicht klar denken.“

„Vielleicht habt Ihr recht. Alles scheint – verworren. Aber ich werde bald wieder einen klaren Kopf hab, Señora. Ein Kapitän kann es sich nämlich auch nicht leisten, ein Gesicht zu vergessen.“

Bianca hielt ihm einen Becher mit Rum und einem Kräuter-Schlaftrunk an die Lippen. „Darüber könnt Ihr später noch nachdenken, aber trinkt jetzt erst einmal. Das wird die Schmerzen lindern.“

Er trank bereitwillig, und sein sehniger Körper entspannte sich so schnell, dass er noch nicht einmal zusammenzuckte, als sie die Nadel in sein Fleisch stach. Sie wünschte, sie selbst wäre genauso ruhig und sei sich seines warmen Körpers und jedem seiner Atemzüge nicht so bewusst. Erst als sie endlich fertig war und den Faden durchgeschnitten hatte, wagte sie es, wieder in sein Gesicht zu blicken.

Er schien zu schlafen, und die harten Linien seines Gesichtes waren zurückgetreten, sodass er wieder so jung wie früher aussah. Sie war erleichtert, dass sie dem durchdringenden Blick aus seinen grünen Augen nicht begegnen musste.

Bianca ließ sich auf den Stuhl fallen und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Sie verspürte das Bedürfnis, ihren Tränen freien Lauf zu lassen, und die Verwirrung über diese seltsame Nacht, in der Balthazar Grattiano wieder in ihr Leben getreten war, hinauszuschreien! Und doch blieb sie stumm, gefangen im Chaos ihrer Vergangenheit, die sie plötzlich eingeholt hatte.

Sie ging hinüber zum Fenster und stieß es weiter auf, um die nächtliche Brise hereinzulassen. Der Himmel hatte eine bedrohliche schwarzviolette Farbe, und dunkle Wolken verdeckten den Mond und die Sterne. Es waren Nachwehen des Sturms, der Balthazars Schiff beschädigt hatte. Alles war still in Santo Domingo, in diesen Stunden vor dem Sonnenaufgang. Nur einige wenige Häuser in der Nähe des Ufers des Rio Ozama waren erleuchtet. Die Festung des Gouverneurs überragte hoch oben auf den Hügeln die Stadt wie ein riesiger, lebloser Koloss.

Bald würde die Stadt wieder zum Leben erwachen. Sie müsste ihre Arbeit erledigen, müsste kochen und die Unordnung unten aufräumen. Sie müsste sich dem Mann in ihrem Bett stellen. Doch in diesem Augenblick fühlte sie sich, als sei sie allein auf der Welt. Allein mit Balthazar Grattiano.

Müde rieb Bianca sich den schmerzenden Nacken und drehte sich zu dem kleinen Spiegel um, der an der Wand hing. Fast hätte sie laut aufgelacht, als sie ihr Bild darin sah. Wie sollte Balthazar sie erkennen, wenn sie sich selbst wie eine Fremde vorkam? Ihr lockiges braunes Haar hatte sich aus den Haarnadeln gelöst und hing wirr und wild um ihren Kopf. Ihre Wangen waren von der Aufregung knallrot, und sie hatte dunkle Schatten unter den Augen. Ihr graues Wollkleid, das schon zu seinen besten Zeiten nie elegant gewesen war, war mit Balthazars Blut befleckt.

Sie schnürte ihr einfaches Mieder auf und warf es zusammen mit ihrem Rock über den Stuhl. Nur in Unterkleid und Korsett stand sie nun vor dem Spiegel. Als sie ihr Haar durchbürstete und versuchte, die Knoten zu entwirren, wusste sie, dass Balthazar sie nicht lange für eine frühere Errungenschaft halten würde. Er hatte immer eine Schwäche für Blondinen mit üppiger Brust und vollen, roten Lippen gehabt. Sie dagegen – nun, sie war eine magere, dunkelhaarige Wirtin. Und falls sie als junges Mädchen in Venedig annähernd attraktiv gewesen sein mochte, so konnte man davon nach Jahren harter Arbeit auf einer tropischen Insel wohl nicht mehr viel erkennen.

Doch das spielte auch keine Rolle. Bald würde sie Balthazar zur Rechenschaft ziehen können. Und dann wäre es völlig unwichtig, was er von ihrer Oberweite hielt oder sie von seinen männlichen Attributen. Doch jetzt war sie zu erschöpft, um einen klaren Gedanken fassen zu können.

Bianca zog auch noch ihr Korsett aus und schlüpfte ins Bett, wobei sie sich so weit wie möglich von Balthazar entfernt an den Rand der Matratze legte. Sie wickelte sich fest in eine Decke, doch noch beim Einschlafen konnte sie die Hitze seines Körpers spüren, die so verführerisch ihre Sinne umspielte …

3. KAPITEL

Es war ein Traum, den Balthazar nur allzu gut kannte und den er jedes Mal wieder vergaß, bevor er ihn von Neuem heimsuchte. Wie ein schlangenköpfiges Seemonster, das aus der Tiefe aufsteigt, holte seine Vergangenheit ihn immer wieder ein.

Balthazar befand sich in einem heftigen Sturm, und silberne Blitze zuckten durch die dicken schwarzen Wolken des aufgewühlten Himmels über ihm. Kalte, hohe Wellen mit weißen Schaumkronen krachten über den Bug des Schiffs; der Wind heulte durch die kahlen Masten und trieb die Karavelle vor sich her, als sei sie ein Kinderspielzeug. Regen prasselte so heftig auf die Planken des Decks, dass man meinte, sie könnten zersplittern. Das unermüdlich angreifende Meer, der harte Regen, seine in Todesangst schreienden Männer, die fürchteten, von der See verschluckt zu werden – all dies sah Balthazar wieder deutlich vor Augen. Es war, als sei der Tag des Jüngsten Gerichts angebrochen.

Doch immer noch versuchte er verzweifelt, das Ruder herumzureißen und das Schiff und sie alle vor dem sicheren Tod zu retten, obwohl er im tiefsten Innern wusste, dass seine Versuche aussichtslos waren. Alles, wofür er gearbeitet hatte, alle seine Männer, die ihm vertraut hatten und ihm gefolgt waren, war dem Tod geweiht.

Es schien ein angemessenes Ende. Hatte er nicht sein ganzes Leben damit verbracht, gegen eine dunkle, unausweichliche Bedrohung zu kämpfen? Gegen sein eigenes verdorbenes Blut, gegen seine Sünden – aber umsonst.

Seine Muskeln schmerzten, als er versuchte, das Ruder herumzureißen. Er würde es nicht zulassen, dass das Meer gewann, dieses unbarmherzige Element, dieser schwarze Sog, der ihn zu verschlingen drohte. Die Erlösung war nah, wenn er nur hart genug kämpfte. Doch als er endlich spürte, dass das Ruder unter seinen nassen Händen nachgab, durchschnitt ein schreckliches Geräusch die schwefelhaltige Luft: das Krachen und Splittern von Holz.

Balthazar strich sich das nasse Haar aus den Augen und starrte hinauf zum beschädigten Großmast seines Schiffs. Er neigte sich und schwankte bedrohlich im Sturm. Es würde nicht mehr lange dauern, bis er auf das Deck stürzte und ein Loch in das ramponierte Schiff schlug, das sie dann alle in die Tiefe reißen würde.

Und hoch oben auf dem Mast kauerte sein Vater. Ermano Grattiano, der schon vor sieben Jahren durch Balthazars Hand den Tod gefunden hatte, klammerte sich wie eine Kreatur aus der Hölle am gesplitterten Holz fest, wobei sein schwarzer Umhang und seine weiße Mähne wild im Wind flatterten. Selbst aus dieser Entfernung konnte Balthazar seine glühenden grünen Augen sehen, und die juwelengeschmückte Hand, die ihm zuwinkte.

„Ich sagte dir doch, dass du eines Tages mir gehören würdest, Balthazar!“, schrie er mit lauter und klarer Stimme, die das Heulen des Sturms übertönte. „Du bist mein Fleisch und Blut; du kannst mir nicht entkommen. Du hast mich getötet, aber ich werde immer bei dir sein!“

Balthazar schrie vor Verzweiflung auf. In blinder Wut kletterte er den rutschigen, schwankenden Mast hinauf, immun gegen die Kälte und die Schmerzen. Er war entschlossen, ein für alle Mal das Böse, das in ihm selbst schlummerte, zu vernichten.

Doch Ermano entfernte sich immer mehr, flog immer höher, bis er außer Reichweite war. Und schließlich fiel der Mast, und mit ihm Balthazar, der auf das Schiffsdeck stürzte – dem sicheren Tod entgegen.

Doch er landete nicht im kalten Meer. Die Wellen verschlangen ihn nicht. Stattdessen fiel er auf ein weiches Bett und fand sich inmitten zerwühlter Laken und Decken wieder.

Er öffnete die Augen und starrte verstört auf dunkle Holzbalken an einer weißgetünchten Decke. Statt nach schwefelhaltigen Blitzen roch es nach einer warmen, tropischen Brise, die durch ein offenes Fenster hereinwehte.

Dies war nicht seine Kabine auf der Calypso. Er befand sich nicht an Bord eines stampfenden, rollenden Schiffs. Er hörte keine Schiffsglocke oder Schreie von Deck. Für einen kurzen Augenblick konnte er sich nicht erinnern, was geschehen war, sondern war noch immer in seinem Albtraum gefangen, in dem Sturm, der ihm so wirklich vorgekommen war. Genau wie sein Vater, der nun nur noch in seinen Gedanken weiterlebte.

Er versuchte, sich auf die Seite zu legen, und der plötzliche, stechende Schmerz in seiner Schulter brachte die Erinnerung zurück. Er wusste nun wieder, dass sie Santo Domingo erreicht hatten, nachdem sie in der Mona-Passage in Schwierigkeiten geraten waren. Er erinnerte sich an die Schlacht gegen Diego Escobar und seine Kumpane und an den Sturm, der den Mast beschädigt und sie am Weiterfahren gehindert hatte. So waren sie an Land gegangen, um warme, trockene Betten und Essen ohne Schimmel und Insekten vorzufinden. Vielleicht sogar gut aussehende Frauen. Doch stattdessen war er auf Diego und seinen Dolch gestoßen.

„Der Mann sei verdammt!“, fluchte Balthazar, als heiße, stechende Schmerzen seinen Arm durchzuckten. Diego hatte auf hoher See gegen ihn gekämpft, wo Balthazar unbesiegbar war und Diego keine Chance gegen ihn hatte. Deswegen hatte er sich hier in Hispaniola auf die Lauer gelegt und den richtigen Zeitpunkt abgewartet.

Ermano Grattiano war tot, aber an Schurken, die ihm in Bösartigkeit in nichts nachstanden, fehlte es nicht. Diego war dafür das beste Beispiel. Rache war eine mächtige Antriebskraft und konnte einen Mann zu Piraterie und Mord führen. Balthazar wusste nur zu gut, was es bedeutete, Rache üben zu wollen.

Er legte sich zurück aufs Bett, und die Erinnerung an die Nacht kam klar und deutlich zurück. Der blitzschnelle Dolch, der aus dem Nichts aufgetaucht war, die Schreie, der Tumult und das Durcheinander in der Taverne. Dann die Explosion. Und die Frau, die auf ihn niederblickte, und in deren braunen Augen er Zorn, Besorgnis, und …

Und was lesen konnte? Er, der Jahre seines Lebens auf hoher See und in rauen Häfen zugebracht hatte, der gelernt hatte, Männerseelen zu lesen, als seien sie Seekarten, weil sein Weiterkommen, sein Leben gar davon abhing, ihre gemeinsten Pläne und geheimsten Wünsche zu erahnen, konnte trotzdem nicht ihr Gesicht deuten. Ihre Augen waren wie ein wunderschöner Schleier, so undurchlässig wie Spitze aus Sevilla. Vielleicht hing auch ihr Leben davon ab, die Gedanken anderer zu erraten und ihre eigenen zu verbergen.

Was hatte sie in seinem Gesicht gelesen, als sie in der lärmerfüllten Taverne auf ihn herabgeblickt und als sie seine Wunde so behutsam versorgt hatte? Und wo, wo um alles in der Welt hatte er sie schon einmal gesehen?

Plötzlich nahm er neben sich das leise Rascheln einer Decke wahr, und wieder sah er ihr Gesicht, als sie sich über ihn beugte. Sie musste neben ihm gelegen haben, denn ihr Haar war lose und fiel als eine Kaskade wilder Locken über ihre Schultern. Sie trug nur ein dünnes weißes Hemd. Die Kerzen waren heruntergebrannt, und er sah sie nur im schwachen, fahlen Mondlicht, das durch das offene Fenster hereinschien.

Er runzelte die Stirn, als er zu ihr aufsah und ihr Gesicht im Schutz der Dunkelheit betrachtete. Sie kam ihm immer noch bekannt vor, doch das Gefühl der Vertrautheit entfernte sich wie ein Traum bei Tagesanbruch. Je mehr er diesem Gefühl auf den Grund zu gehen versuchte, umso mehr verflüchtigte es sich. Dennoch spürte er es noch immer, aufreizend wie ein venezianisches Parfüm.

Sie war keine Schönheit wie die Kurtisanen, die er in seiner Jugend gekannt hatte, oder wie Marguerite, Nikolai Ostrovskis französische Frau. Schillernde, charmante, engelsgleiche Wesen. Die Frau, die ihn letzte Nacht verarztet hatte, besaß ein schmales Gesicht mit hohen, scharf geschnittenen Wangenknochen, eine lange Nase, volle Lippen und rabenschwarze Augenbrauen. Sie schützte sich offensichtlich nicht vor der tropischen Sonne, denn ihre Wangen und ihre Nase waren von Sommersprossen übersät. Ihre schmalen Hände waren die einer Frau, die harte Arbeit gewohnt war, und dennoch hatte sie ihn besonnen und geschickt versorgt.

Sie war also weder eine verwöhnte vornehme Dame noch eine Matrosenhure. Er war sich sicher, dass er noch nie eine Affäre mit ihr gehabt oder auf einem venezianischen Ball mit ihr getanzt hatte. Dennoch hatte er das Gefühl, sie von irgendwo her zu kennen. Er war ihr schon einmal begegnet.

Vorsichtig berührte sie seine Augenbrauen, und er spürte ihre kühlen, ruhigen Finger. Der Ärmel ihres Nachthemds enthüllte ihr dünnes Handgelenk, und er sah, dass sie keinerlei Schmuck trug. Sie roch nach Wasser und Seife, nach Bier und üppigen tropischen Blumendüften. Süß und exotisch, so fremd und dennoch vertraut wie die karibischen Inseln.

Sie strich ihm das wirre Haar aus dem Gesicht, und ihre Hand ruhte leicht auf seiner Wange. Sein struppiger Bart, der ihm in der langen Zeit auf See gewachsen war, musste sie kratzen, doch sie zog ihre Hand nicht fort. Sie sah ihn mit ihren dunklen Augen an, die wie schwarze Edelsteine in der Nacht glänzten.

Und Balthazar verspürte das unerklärliche und unwiderstehliche Bedürfnis, sich ihr zu nähern, die weiche Innenseite ihres Handgelenks zu küssen, genau da, wo ihr Blut pulsierte. Er wollte ihre Handfläche mit seiner Zunge erkunden, sie dazu bringen, das gleiche Verlangen zu spüren und ihre Maske fallen zu lassen. Bis sie ihm ihr wahres Ich zeigte.

Doch er sah sie nur abwartend an.

„Habt Ihr Fieber?“, fragte sie sanft. „Ihr fühlt Euch heiß an. Ich sollte den Verband wechseln.“

Sie schickte sich an, ihren Arm wegzuziehen, und er streckte schnell die Hand aus, um sie daran zu hindern und behutsam ihr Handgelenk zu ergreifen. Er wollte nur noch einen Augenblick lang ihre Berührung spüren. Es schien so unendlich lange her, seitdem er eine Frau in den Armen gehalten, ihren Duft eingeatmet und ihren weichen Körper gespürt hatte. Nur noch einen Moment wollte er bei ihr Zuflucht suchen, auch wenn er wusste, dass dies nicht von Dauer sein konnte.

Eine Zuflucht voller Geheimnisse, denn noch immer wurde er nicht schlau aus dieser Frau!

„Wie heißt Ihr?“, fragte er eindringlich, und seine Hand umklammerte ihren Arm fester. Hier, in der samtenen Dunkelheit dieser tropischen Nacht, die er allein mit ihr verbrachte, schien es ihm lebenswichtig, ihren Namen zu kennen.

„Ich sagte es Euch doch schon: ich heiße Señora Montero.“ Trotz des spanischen Namens und der fehlerlosen Aussprache, machte er in ihrem perfekten Spanisch einen leichten Akzent aus. Eine kaum wahrnehmbare melodiöse Intonation, die sich nun, da sie müde war, in ihre Sprache eingeschlichen hatte.

Ihr Akzent erinnerte ihn an seinen eigenen: venezianisch, sogar jetzt noch, nachdem er so viele Jahre auf spanischem Hoheitsgebiet gesegelt war.

„Wie lautet Euer Vorname?“, fragte er.

Zart strich sie ihm über die Wange, und ihre Fingerspitzen glitten sein Kinn entlang und berührten dann federleicht seine Lippen.

Er öffnete den Mund und sog ihre Fingerspitze zwischen seine Zähne. Endlich konnte er sie schmecken. Sie schmeckte nach Salz und Blumen, unergründlich und natürlich.

Ihr Atem ging schneller, und er spürte, wie sie erschauerte. In diesem Augenblick existierten nur noch sie beide, umgeben von der schützenden Dunkelheit. Weder Vergangenheit noch Zukunft spielten eine Rolle. Es war völlig unwichtig, wer sie eigentlich war.

Er spürte die Schmerzen in seiner Schulter nicht mehr, als er seinen gesunden Arm um sie schlang und sie auf sich zog. Auch sie schien in diesem traumähnlichen Moment gefangen, und ihr Körper näherte sich dem seinen. Ihre Lippen begegneten sich, vorsichtig zuerst, als sie einander erkundeten und schmeckten. Sie seufzte auf, und ihr Stöhnen, der Hauch ihres Atems, der sich mit seinem vermischte, weckte seine Leidenschaft.

Er vertiefte den Kuss, und ihre Zungen berührten sich. Eine heiße Welle der Leidenschaft durchfuhr sie beide wie ein Blitz. Sie küssten sich stürmisch und voll entfesselter Lust, ein wildes Zusammentreffen von Lippen, Körpern und heißem Atem.

Sein Verlangen wurde immer stärker, und er spürte, wie erregt er war und dass sie seine nackte Brust streichelte. Er griff nach dem Saum ihres Hemds und zog den dünnen Stoff über ihre Beine und Hüften. Sie war schlank, aber stark, und ihre Schenkel öffneten sich bereitwillig, um seine Hüften zu umschlingen und aus ihm ihren willigen Gefangenen zu machen.

Sie stöhnte, als er über die weiche Haut an der Innenseite ihrer Schenkel und über ihre Hüften strich. Ein Schrei entfuhr ihr, und ihr Mund löste sich von seinem, als sie sich aufbäumte. Auch Balthazar setzte sich auf, und mit den Händen auf ihren Hüften begann er, ihren Hals mit Küssen zu bedecken.

Seine Zunge ertastete ihren heftig klopfenden Puls am Ansatz ihres Halses, und er hatte das Gefühl, etwas von ihrer Energie fließe auch in ihn über. Nach den Todesgefahren, die er ausgestanden hatte, der stürmischen See, dem Dolchangriff waren ihre Wärme und Lust berauschend. Er küsste ihr Schlüsselbein, die Rundung ihrer Schulter und zog ihr Nachthemd hoch, um eine ihrer Brüste zu entblößen.

Ihr Busen war nicht üppig, aber weich, und ihre dunkle Brustknospe wurde lang und hart, als er sie mit seinem heißen Atem streifte. Er nahm die Brustspitze tief in den Mund und sog daran, bis sie vor Erregung aufstöhnte.

Sie griff in sein Haar und hielt seinen Mund fest an ihre Brust gedrückt. Ihre Beine umklammerten seine Hüften, und durch den dünnen Stoff seiner Hose spürte er die feuchte Hitze zwischen ihren Schenkeln.

„Balthazar“, keuchte sie. „Ich …“

Und plötzlich, ohne Vorwarnung, stieß sie ihn von sich. Als er zurück aufs Kissen fiel, löste sie sich von ihm und sprang, so schnell sie konnte, aus dem Bett. Sobald sie sich entfernte, ihm ihre Wärme und ihren Geschmack entzog, und die Leidenschaft, die so plötzlich und so unwiderstehlich über ihn gekommen war, kehrte der pulsierende Schmerz in seine Wunde zurück.

Er stützte sich auf die Ellbogen, noch immer außer Atem, und sah ihr dabei zu, wie sie ihr Hemd wieder überstreifte und ihre bezaubernden Brüste verdeckte. Auch ihr Atem ging noch immer schnell, und ihre Schultern zitterten. Sie verschränkte die Arme vor der Brust, holte noch einmal zitternd Luft und sah ihn dann über ihre Schulter an. Ihr Profil wirkte im Mondschein so blass und rein wie ein antikes Relief.

„Ihr kennt meinen Namen“, sagte er. „Und Ihr sprecht mit venezianischem Akzent.“

Ein bitteres Lächeln umspielte ihren Mund, auf dem sie seine Küsse noch immer spürte. „Natürlich weiß ich, wer Ihr seid, Balthazar Grattiano. Euer Ruf hat sich von Sevilla bis nach Peru herumgesprochen. Der Kapitän der Calypso, Herr über die Weltmeere – und über die Herzen und Betten vieler Frauen.“

Schweigend sah er ihr nach, als sie sich einen Schal um die Schultern legte und zur Tür ging. Ihre Bewegungen waren nicht überstürzt, aber ihre aufrechte Haltung und ihre leisen, schnellen Atemzüge verrieten ihre Anspannung.

Oder vielleicht hörte er seinen eigenen Atem. Er fühlte sich, als sei er stundenlang bei heftigem Wind durch die Takelage geklettert.

„Ich heiße Bianca“, sagte sie leise. Dann ging sie und zog die Tür hinter sich zu.

Balthazar stöhnte auf und ließ sich zurück auf das zerwühlte Bett fallen, an dem noch der Duft ihrer Seife und ihrer beider Begierde haftete. Noch immer war er erregt und voll quälendem Verlangen, in sie einzudringen. Das Blut rauschte ihm in den Ohren, und er spürte den pochenden Schmerz in seiner Schulter.

Bianca? Wer um alles in der Welt war Bianca? Er kannte niemanden, der so hieß …

Und dann, wie ein Blitz, durchfuhr ihn die Erinnerung.

Bianca.

„Bianca Simonetti“, flüsterte er und schlug mit den Fäusten auf die weiche Matratze ein. Aber natürlich. Noch ein Rache suchender Geist aus seiner Vergangenheit.

4. KAPITEL

Bianca lehnte sich gegen die geschlossene Tür und presste die Hände auf ihren schmerzenden Magen. Sie hatte Balthazar Grattiano geküsst! Hatte ihn ihre Brust liebkosen lassen und sich wie eine Hafenhure an seinem fast nackten Körper gerieben. Und das Schlimmste daran war, dass es ihr gefallen hatte.

Es hatte ihr sogar mehr als gefallen! Ihr Genuss war so groß, so überwältigend gewesen, dass sie vergessen hatte, wer sie war, wo sie beide sich befanden und was in der Vergangenheit geschehen war. Nichts schien mehr wichtig außer dem Gefühl, seine Lippen auf ihrer Haut und seine harte Männlichkeit unter sich zu spüren. Was zählte, war das grenzenlose Verlangen, das sie immer fester aneinander band, bis sie das Gefühl hatte, gleich zu explodieren.

Bianca stöhnte auf und legte ihre zitternden Hände auf ihr schamrotes Gesicht. Ein Mann, den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, der ihre Freundschaft auf das Ärgste verraten hatte, tauchte wieder in ihrem Leben auf, und was tat sie? Tötete sie ihn und übte sie die Vergeltung, auf die sie so lange gewartet hatte? Nein, sie gab sich ihm in ihrem eigenen Bett hin!

Hinter der geschlossenen Tür hörte sie das Knarren der Holzdielen und einen leisen Fluch, als ob Balthazar versuchte aufzustehen. Bianca rannte ziellos mit nackten Füßen die enge Treppe hinunter. Die Taverne war leer und noch in nächtliche Dunkelheit gehüllt; die heiße Luft roch noch immer nach verschüttetem Bier und Rum, den fettigen Resten des Eintopfs und dem beißenden Geruch von Schießpulver. Das Mobiliar, das während des Tumults zu Bruch gegangen war und das man nun nur noch als Kleinholz gebrauchen konnte, hatte man an die Wand geschoben.

Bianca wandte sich zur Küche im hinteren Teil des Hauses. Dort war es noch heißer, und die Feuerstelle war bereits geschürt und glühte für die Essensvorbereitungen des nächsten Tages. Dennoch schlief Delores noch auf ihrer Pritsche neben dem Herd. Bianca schlüpfte an ihr vorbei und stahl sich in die Nacht hinaus.

Es fing bereits an zu dämmern. Ein graurosa Licht färbte die Ränder der Dunkelheit, und bald würden flackernde Lichter in den Fenstern der Geschäfte und Häuser erscheinen. Von der halbfertigen Kathedrale auf der Plaza würde zur Morgenmesse geläutet werden. Die schlossähnliche Festung des Gouverneurs, die hoch oben über der Stadt lag, sah aus, als liege sie in tiefem Schlaf, geschützt durch ihre unüberwindlichen Steinmauern und ihre Kanonen. Alles war noch dunkel, doch bald würde auch dort oben das Leben erwachen, und die Bewohner von Santo Domingo würden anfangen, ihrer Hauptbeschäftigung nachzugehen – dafür zu sorgen, dass die Schiffe der königlichen Flotte, die sich mehrere Male im Jahr auf den Weg zurück nach Spanien begaben, reichlich mit Schätzen und Gold beladen waren.

Bianca blickte über die Stadt, die so trügerisch ruhig in der Morgendämmerung lag. Santo Domingo war nun schon seit einiger Zeit ihr Zuhause, und sie war länger hier als die meisten europäischen Bewohner, von denen viele die Hitze, das ungewohnte Essen, die Insekten und die Stürme nicht ertragen konnten. Die sich nicht an diese fremde Welt weit weg von der Kultur und den Annehmlichkeiten Spaniens gewöhnen konnten. Die meisten kamen hierher, um reich zu werden, um dem König zu dienen und sich so einen Platz am Hof zu sichern. Sobald das gelungen war, zog es sie zurück nach Sevilla oder Madrid, und sie lösten sich aus dem unerklärlichen Bann der Inseln.

Doch Bianca hatte Santo Domingo lieben gelernt. Natürlich gab es Zeiten, in denen sie sich nach Venedig zurücksehnte, doch nach all den Jahren der Wanderschaft, in denen sie so viele Hindernisse überwinden musste, hatte sie in dieser rauen Hafenstadt am Rio Ozama eine Art neues Zuhause gefunden. Sie hatte sich ein gut gehendes Geschäft aufgebaut, eins, für das harte Arbeit ausreichte und für das sie nicht ihren Körper und ihre Seele verkaufen musste.

Sie lachte bitter. Es war wahrlich nicht immer ein Vergnügen, nachts um halb drei bewusstlose Säufer vor die Tür zu bugsieren, klebrige Böden zu schrubben und mit abgebrühten Händlern um Rum, Zucker und Bier zu schachern. Es gab genug Momente, in denen sie unausstehlichen Gästen am liebsten einen Kessel über den Kopf ziehen würde und meilenweit entfernt sein wollte. Momente, in denen sie ein für alle Mal in den Dschungel flüchten wollte, um das alles hinter sich zu lassen.

Doch es gab auch Zeiten, in denen sie dem Lärm der Gaststätte entfliehen und am Flussufer entlang spazieren konnte. Dann roch sie die salzige Brise des nahen Meeres, vermischt mit dem süßen Duft der üppigen Vegetation und der exotischen Blumen. Über ihr strahlten der tiefblaue Himmel und die weißgelbe Sonne. Und Schönheit und Frieden der Natur drangen tief in ihr Herz.

Santo Domingo war ein hartes Pflaster, besonders im Vergleich zu Venedig. Trotz der Festung, der Kathedrale auf der Plaza und den stattlichen Häusern, wo dreißig Jahre zuvor nur armselige Hütten gestanden hatten, wirkte die Stadt noch immer wie eine provisorische Siedlung. Anstand und höfliche Manieren waren hier nur Fassade, und brutale Überfälle und Rebellion waren eine ständige Gefahr. Doch Bianca hatte schon an gefährlicheren Orten gelebt, und hier hatte sie eine Zuflucht gefunden.

Doch nun war dieser Ort umstellt. Balthazar Grattiano war hier, in ihrem Zuhause. Bianca runzelte die Stirn. Was um alles in der Welt machte er hier, so weit weg von Venedig, von seinen Juwelen und seiner seidenen Garderobe, von den luxuriösen, verführerischen Kurtisanen? Er schien tatsächlich ein geachteter Kapitän geworden zu sein, der offensichtlich von seinen Männern respektiert wurde. Irgendetwas Schreckliches musste ihm zugestoßen sein, genau wie ihr, sonst hätte es ihn nicht so weit in die Ferne verschlagen.

Doch was könnte geschehen sein? Balthazar war in Venedig wie ein Prinz aufgewachsen, als einziger Erbe eines reichen und mächtigen, aber auch skrupellosen und grausamen Vaters. Er hatte es nicht nötig, in die Welt zu ziehen, um Reichtümer in der neuen Welt zu suchen, aber vielleicht trieb ihn der Geiz der Grattianos an, denen ein Königreich nicht ausreichte.

Hieß sein plötzliches Erscheinen hier, dass als Nächstes Ermano auftauchte?

Ein kalter Schauer überlief Bianca, als sie an die glasigen, starren Augen ihrer toten Mutter dachte. An das Blut und den Dolch. Und die schreckliche Angst, die sie für immer aus Venedig vertrieben hatte. Saß sie nun von Neuem in der Falle?

Entschieden schüttelte sie den Kopf. „Oh nein! Das werde ich nicht zulassen!“, murmelte sie. Santo Domingo war ihr Zuhause. Sie würde nicht noch einmal vor den Grattianos fliehen.

Sie musste herausfinden, was Balthazar hierher geführt hatte. Danach würde sie entscheiden, was zu tun war.

Die Morgendämmerung färbte den Himmel blassrosa und verscheuchte die Dunkelheit der Nacht und damit die Angst, die sie überfallen hatte.

Das verängstigte Mädchen, das seine Mutter verloren hatte und einem jungen Mann, der sie verraten hatte, nachweinte, gab es nicht mehr. Sie war eine erwachsene Frau, und sie würde es nicht hinnehmen, dass die Grattianos ihr noch einmal etwas wegnahmen. Weder ihr Zuhause noch ihren Stolz oder die Möglichkeit, endlich Rache nehmen zu können.

Bianca seufzte. Nun – einen einzigen Kuss würde sie ihm vielleicht noch gewähren können. Sie musste sich eingestehen, dass er noch immer der bestaussehende Mann war, der ihr je begegnet war. Doch mehr würde sie nicht zulassen und auch das nur, wenn sie die Situation beherrschen konnte.

Schnell drehte sie sich um und rannte zurück in ihre Küche, wo Delores gähnend das Feuer schürte. Ein neuer Tag voll harter Arbeit begann, und sie konnte sich nicht von einem gut aussehenden Kapitän, der verwundet in ihrem Bett lag, ablenken lassen.

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