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HISTORICAL EXKLUSIV BAND 62

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Arabellas Geheimnis

PROLOG

Böhmen

Herbst 1381

Arabella Rowan rannte so schnell sie konnte in den schützenden Wald und zwang sich, ganz leise zu sein, während sie die Hütte ihrer Mutter auf der anderen Seite der Wiese im Auge behielt. Fünf Pferde, die die Standarten des Königs trugen, waren vor der Tür angebunden und stampften und schnaubten im leichten Wind des späten Nachmittags.

Männer.

Arabella wusste, dass sie sich ihrem Zuhause nicht nähern durfte, wenn Männer sich darin aufhielten. Schon ihr ganzes Leben lang galt dieses Gebot, auch wenn sie es seit Eintritt ihrer monatlichen Regel vor ungefähr sieben Sommern noch strenger befolgte. Ob Bauern oder Edelleute, für den Haushalt allein lebender Frauen konnten Männer eine Gefahr bedeuten.

Als die Brettertür aufschwang, drängten fünf kräftige, in Samt und Seide gekleidete Edelmänner heraus und gingen zu ihren ungeduldigen Reittieren.

Arabella wartete im Wald, bis die Gefolgsleute des Königs in einer Staubwolke verschwunden waren. Nachdem sie zuerst erleichtert aufgeatmet hatte, wurde sie jetzt doch von Neugier gepackt. Barfuss, trotz der kalten Erde, lief sie den grasbewachsenen Hügel zur Steinhütte hinauf. Sie stürmte durch die Tür und wäre dabei beinahe über die Schwelle gestolpert.

„Was ist geschehen? Was wollten diese Männer …“

Ihre Worte erstarben, als sie die Stimmung bemerkte, die in der Hütte herrschte. Ihre Mutter und ihre Großmutter steckten die Köpfe zusammen und sprachen leise miteinander. Ein besorgter Ausdruck ließ ihre Gesichter düster und älter als gewöhnlich aussehen.

„Was ist los?“ In dem kühlen Raum, der als Stube und Küche zugleich diente, ließ Arabella sich auf einen Holzstuhl sinken, stellte den Kräuterkorb zu ihren Füßen ab und strich sich die wirren Locken aus der Stirn. Es war eher die Unruhe, die in ihrem Magen rumorte als der Hunger auf das Abendessen.

Zaharia trat zu ihrer Enkeltochter. „Du wirst eine Reise machen, Arabella. Der König möchte, dass du die Prinzessin begleitest.“

Das konnte nicht wahr sein. Vor ihren Augen begann alles zu verschwimmen, und es drehte sich ihr der Kopf. Selbst in den entlegendsten Randgebieten des Böhmerwaldes war bekannt, dass die Prinzessin eingewilligt hatte, einen ausländischen König in einem fernen Land zu heiraten. Wortlos blickte Arabella ihre Mutter an und wartete auf ihre Bestätigung, obwohl sie wusste, dass die Entscheidung ihrer Großmutter, wie schon so oft, endgültig sein würde.

Die Mutter ließ ein unterdrücktes Schluchzen hören und barg das Gesicht in den Händen. Mit einem Mal ließ Angst Arabellas Herz schneller schlagen.

„Du kennst deine Pflicht, Bella.“ Großmutter Zaharia betrachtete sie ernst mit ihren grünen Augen. Das weiße Haar hatte sie im Nacken zu einem Knoten gebändigt. Jetzt setzte sie sich auf die Bank neben Arabella. „Wenn König Wenzel Prinzessin Anne zu dem jungen englischen König schickt, damit sie ihn heiratet, dann wirst du sie als Hofdame begleiten.“

„Ich verstehe nicht. Gibt es am Hof in Prag nicht genügend Frauen für diese Aufgabe? Mein Platz sollte an deiner Seite sein, so wie immer. Ich möchte von dir die Heilkunst lernen.“ Sie musste sich gegen die Entscheidung ihrer Großmutter nur entschlossen genug wehren und zeigen, wie sehr sie die Kunst der weisen Frau schätzte, dann würde Zaharia schon nachgeben. Hatte die Großmutter nicht immer gesagt, in Arabellas Adern fließe das Blut einer Heilerin?

„Wie es scheint, stellt König Wenzel ein ungewöhnlich großes Gefolge für Prinzessin Anne zusammen. Er möchte, dass ihre Ankunft das englische Volk beeindruckt, da ihr zukünftiger Gatte sie ohne Mitgift zur Frau nimmt.“

„Aber ich bin keine Hofdame. Durch mich wirkt niemand eindrucksvoller.“ Zur Bestätigung streckte sie ihren nackten Fuß aus, während Verzweiflung über sie kam. Würde sie ihre Familie je wiedersehen, wenn sie das Land erst einmal verlassen hätte? Wahrscheinlich würde sie ihre Lehre bei ihrer Großmutter nie zu Ende bringen können, nie wieder Kräuter sammeln noch der Entdeckung einer neuen Heiltinktur entgegenfiebern. „Wir haben nie wie Edelleute gelebt. Ich könnte uns Schande machen.“

„Nichtsdestoweniger bist du von so edler Geburt wie kaum irgendeiner bei Hofe, trotz unseres Mangels an Reichtümern.“ Großmutter Zaharia zog eine Pergamentrolle hervor, die in den Falten ihres Gewandes verborgen gewesen war und las daraus vor. „Man wünscht die Anwesenheit der Edeldame Arabella Rowan, Tochter von Ritter Karl Vallia und der Edeldame Luria Rowan in der nächsten Woche in Prag.“

„Aber mein Vater hat mich nie anerkannt.“ Diese Tatsache hatte sie nie sonderlich bekümmert. Ihr Leben verlief glücklicher als das vieler Leute um sie herum. Doch wenn die Entfremdung von ihrem Vater ihr in diesem Falle helfen konnte, musste sie darauf hinweisen.

„Erwähne nie deinen Vater auf deiner Reise, Liebes.“ Zaharias Stimme war ungewöhnlich scharf. „Dein Erbe ist weit wichtiger, als du glaubst. Aber das ist eine Familienangelegenheit.“

Selbst Arabellas Mutter blickte unter Tränen auf, um der Großmutter zuzustimmen. „Sprich nicht über deine Vergangenheit, Arabella. Die königliche Familie weiß, wer du bist. Es ist nicht nötig, dass du dich gegen irgendein Geschwätz verteidigst.“

Verwirrt dachte Arabella zum ersten Mal seit langer Zeit über ihren Vater nach. Sie war dem Edelmann, von dem man sagte, dass er ihrer Mutter das Herz gebrochen habe, nie begegnet. Doch sie hegte den Verdacht, dass er sich manchmal im Geheimen mit ihrer Mutter traf. Vielleicht war das einer der Gründe, warum die Rowan-Frauen sich vor Männern so in Acht nahmen. Doch Zaharia redete bereits über andere Dinge.

„Du musst morgen packen, damit du Prag rechtzeitig erreichst und genug Zeit hast, dich auf die Reise vorzubereiten, mein liebes Kind. Du hast keine Wahl. Du musst von uns ziehen.“

Arabella traute ihren Ohren nicht. Ihr war, als hätte sie ein schwerer Schlag getroffen. Sie war von Schmerz erfüllt.

In der dumpfen Luft der Hütte rang sie nach Atem. Sie musste hier raus, musste mit dem Herbstwind um die Wette laufen und Erde unter den Füßen spüren.

Zaharia streckte die Arme aus und drückte ihre Enkelin an sich. „Sei stark, Arabella. Zeige deinen Landsleuten, dass das Blut der Rowan genauso stolz fließt wie das irgendeines Ritters.“

„Wie kann ich alles, was mir je vertraut war, aufgeben, um jemand zu werden, der ich nicht bin? Wie soll ich das Vermächtnis antreten, das du mir prophezeit hast?“ Sie bewunderte ihre Großmutter, weil sie eine so berühmte Heilkundige war und hatte sich vorgestellt, dass auch ihren Fähigkeiten eines Tages der gleiche Respekt gezollt werden würde.

„Du kannst keine weise Frau sein, ohne etwas von der Welt gesehen zu haben, Bella. Ich wusste immer, dass einmal der Tag kommen wird, der dich deinem Schicksal zuführt und dir die Weisheit bringt, die du zusätzlich zu dem brauchst, was ich dich gelehrt habe.“ Ihre Worte klangen sanft und beruhigend und waren gleichzeitig von einer ehernen Unerbittlichkeit. Es war der Ton, in dem sie üblicherweise Arabella in all dem unterrichtete, was sie über die Heilkunst wusste. „Denk an deine Ehre. Denk an die Ehre deiner Familie. Du wirst diese Verpflichtung erfüllen und wieder nach Hause zurückkehren. Es ist nicht so, als müsstest du für immer in England bleiben.“

Etwas an den Worten „England“ und „für immer“, die Zaharia im gleichen Atemzug erwähnt hatte, erweckte einen heißen Zorn in Arabella und veranlasste sie, in Richtung Tür zu laufen. Das alles war zu viel, ging zu schnell, und sie fürchtete, sie würde sich selbst Schande machen, indem sie vor ihrer Familie ihre Wut zum Himmel schrie. Sie musste fliehen, bevor das geschah.

Ein letztes Mal hielt sie aber inne. „Ich werde stark sein“, versicherte sie ihrer Großmutter mit kerzengerader Haltung, auch wenn ihr die Augen brannten bei dem Gedanken, dass ihr das eigene Schicksal aus den Händen glitt. „Irgendwie.“

„Arabella.“ Luria stand auf und wollte ihre Tochter hindern davonzurennen, doch Zaharia hielt sie zurück.

Zaharias letzte Worte noch in ihren Ohren, eilte Arabella den staubigen Pfad hinunter. Jeder Schritt dieses einsamen Gangs erinnerte sie daran, dass ihre Zeit als freie Frau bald vorbei sein würde.

1. KAPITEL

Hier halten wir“, rief Tristan Carlisle, zügelte sein Pferd und schwang sich vom Rücken des schwarzen Streitrosses, damit er und seine Begleiter sich die Nacht über ausruhen konnten.

Er verfluchte die Reise, obwohl er diese letzte Rast genoss. Denn danach würde er Prag erreichen und somit auch die kreischenden Frauen, die ihn erwarteten – das größte Gefolge, dass je eine Prinzessin zu ihrer Hochzeit begleitet hatte. Eine ziemlich zweifelhafte Ehre für einen Krieger.

„Eskorte“, murmelte er. Schon allein der Klang des Wortes ekelte ihn an. Fünfzehn Jahre im Dienste der Könige Englands – und dieser Auftrag war alles, was seine harte Arbeit ihm eingebracht hatte?

Während er hier die Aufgabe eines Höflings erfüllte, tobte der Krieg zwischen England und Frankreich. Glaubten sie etwa, sein Schwertarm sei kraftlos geworden? Nur mit seinem Dolch bewaffnet, konnte er besser kämpfen als die Hälfte von Richards lächerlicher Mannschaft, denn die meisten der jungen Männer waren nichts als sabbernde Kleinkinder, die erst wenige Kämpfe erlebt hatten.

Richard hatte sich damit herausgeredet, wie wichtig der Schutz seiner Braut wäre und auf eine kürzliche Bedrohung des böhmischen Hofes hingewiesen. Doch die Aufgabe – und die Besorgnis des Königs – erschienen Tristan ein wenig hohl, auch wenn Richard ihm im Gegenzug für den erfolgreich ausgeführten Auftrag längst überfällige Ländereien versprochen hatte.

Wie um Tristans Meinung zu bestätigen, schnaubte das schwarze Pferd, während es seinen Durst stillte.

„Ich stimme dir völlig zu, mein Freund. Kein vernünftiger Krieger sollte die Rolle eines Höflings übernehmen. Aber da hast du es. Da bewegen wir unsere müden Hintern durch dieses hübsche Land, und die Gunst des Königs verschafft uns nicht mehr als das Los eines Bastards in diesem Leben. Wenn Richard dieses Mal nicht mit den Ländereien herausrückt …“ Es war wirklich ungeheuerlich. Wenn der König jetzt seine Bemühungen nicht honorierte, wartete das Dasein eines Söldners auf Tristan.

„Tristan?“ Sein Freund Simon Percival rief ihn aus einiger Entfernung. Simons Anwesenheit – der Ritter war fast so alt wie Tristan mit seinen dreißig Sommern – war einer der wenigen Gründe, der diese endlose Reise erträglich machte. „Sollen wir hier die Nacht verbringen, oder möchtest du weiterreiten? Wenn wir uns beeilen, könnten wir morgen in Prag sein.“

„Ich habe es nicht eilig. Sag den Männern, sie sollen abladen. Ich schau mich ein wenig um.“ Wenn er seinen Auftrag erfüllen wollte, musste er die rebellischen Gedanken aus seinem Kopf verjagen. Und so sprang er wieder aufs Pferd.

Während die Dämmerung hereinbrach, erkundete Tristan langsam und vorsichtig die Umgebung, um für die Sicherheit ihres Lagers zu sorgen. Die Einsamkeit des Landstrichs passte zu seiner Stimmung. Der dunkle Wald ging in eine sanfte Hügellandschaft über, die ausreichend Deckung bot für ausländische Ritter, die sich auf fremdem Terrain verstecken mussten.

Als der Lärm, den seine Männer machten, im letzten purpurnen Licht des Tages verstummte, hörte er aus der Tiefe des Waldes einen Schrei.

Er hielt an und war sich ziemlich sicher, dass ein Tier den Laut ausgestoßen hatte. Doch um sich zu vergewissern, wartete er. Obwohl er in einer abgelegenen Gegend zu sein schien, führte vielleicht in der Nähe eine Straße vorbei und ein unglücklicher Reisender war auf Räuber getroffen. Dann ertönte der Schrei wieder. Tristan überlegte immer noch, ob er von einem Tier oder einem Menschen herrührte, aber er klang zu gequält, als dass er ihn hätte ignorieren können.

Er glitt vom Pferd und ging in die Richtung, aus der er den Schrei vernommen hatte. Als der Weg sich hinzog, beschleunigte er seinen Schritt, bis er eine Lichtung erreichte, in deren Mitte ein vollkommener Kreis alter Eichen stand. Das Geräusch drang aus dem Innern dieses Kreises, aber in der zunehmenden Dämmerung konnte Tristan nichts erkennen. Er war sich ziemlich sicher, dass dort keine Tiere miteinander kämpften. Auch konnte er kein Pferd oder irgendwelche Wegelagerer erblicken.

Er pirschte weiter, bis er eine der alten Eichen berührte.

Die Schreie verstummten.

In dem Ring aus Eichen bewegte sich eine Gestalt.

Mit zusammengekniffenen Augen machte Tristan die Umrisse einer jungen Frau aus … oder was war es?

Halb zurückgelehnt auf dem Boden kauernd trug die Frau Kleider, die weder zu einer Bäuerin noch zu einer Dame passten. Ihr langes Gewand hatte einen weiten Rock – Tristan sah, dass er sich auf dem Boden um ihre Beine bauschte –, doch er war nicht lang genug, um ihre nackten Füße zu verbergen. Von Kopf bis Fuß war sie mit kleinen Zweigen und Tannennadeln übersät.

Und ihr Haar …

Es erinnerte ihn an das einer Hexe oder Fee aus einem Kindermärchen. In dicken Wellen hing es wie ein Mantel um ihren Oberkörper und bedeckte ihn, wie ihr langes Gewand den unteren Teil von ihr verhüllte. Die dunklen Strähnen reichten ihr bis zur Taille und schienen keinen Kamm zu kennen.

Er musste wohl träumen.

Keine Frau würde sich mitten in die Wildnis wagen. Diese hier wirkte allerdings so, als gehöre sie zu diesem Wald – wild und unzivilisiert. Sie strahlte eine überirdische Schönheit aus, und Tristan fragte sich, ob er verhext worden sei.

Ihre seltsame Erscheinung in diesem uralten Baumkreis, den kein abergläubischer Sterblicher je zu betreten riskiert hätte, ließen ihn fast daran glauben. Und bevor die Frau in jähes Schweigen verfallen war, hatte sie in heidnischer Wut die teilnahmslosen Eichen angeheult.

Tristan verlangte nach einem Beweis dafür, dass dieses Wesen wirklich war. Ganz verzaubert von ihrem einzigartigen Aussehen näherte er sich ihr leise.

Einen Moment lang bewegte sich die Frau nicht. Sie schien wie erstarrt, blickte Tristan in die Augen und musterte sein Gesicht. Er war ihr so nah, dass er ihren leichten Duft wahrnahm und die feuchte Spur der Tränen bemerkte, die sich über die mit Schmutz verschmierten Wangen zog. Immer noch nicht davon überzeugt, dass sie tatsächlich existierte, hob Tristan die Hand, um sie zu berühren. Mit einer raschen, lautlosen Bewegung sprang das grünäugige Mädchen auf die Füße und rannte davon.

„Sitzt still, Arabella.“

Der Befehl der Edeldame klang jetzt wie eine Drohung. Arabella zwang sich, nicht länger rastlos auf der mit Samt bezogenen Bank im Prager Palast des Königs hin und her zu rutschen. Die ganze letzte Stunde lang hatte sie – fast – still gesessen, während die Matrone aus dem königlichen Gefolge sich recht rabiat darum bemühte, ihr ein der Reise nach England angemessenes Gewand zu verpassen. In dem oberen Gemach, das Arabella und etlichen anderen Edelfrauen aus weit entfernten Teilen Böhmens während dieser Tage als Heim diente, saßen noch fünf andere junge Frauen ruhig vor ihren Zofen.

Lady Hilda murrte leise vor sich hin, während sie mit Arabella beschäftigt war.

„Der gütige Himmel möge uns beistehen, aber Ihr gehört genauso wenig zu einer königlichen Entourage wie eine Wildkatze.“

„Achte gar nicht auf sie, Arabella“, flüsterte eine mädchenhafte Stimme an ihrer Seite. „Du bist eine wundervolle Ergänzung für unsere Gesellschaft.“

Maria Natansia, Arabellas einzige Freundin, seitdem sie in Prag angekommen war, lächelte ihr kurz zu, während sie beide unter den nicht allzu sanften Händen von Edeldame Hilda litten. Sie war eine entfernte Verwandte der Prinzessin und besaß genug Titel, um sich die Freiheit herausnehmen zu können, ihre Meinung zu sagen.

So viel hatte Arabella während ihres kurzen Aufenthaltes in der adligen Welt bereits gelernt: Titel verschafften einer Frau hier Respekt. Hingegen hinterließen das Beherrschen der Heilkunst oder die Fähigkeit, Leben retten zu können, in diesen Kreisen keinen maßgeblichen Eindruck.

„Ich danke Euch.“ Sie lächelte der reizenden Blonden zu, die eine so helle Haut besaß, dass Hilda begeisterte Bemerkungen darüber machte.

Maria, ein zurückhaltendes Mädchen von achtzehn Sommern, war das Mündel von König Wenzel IV., und da der böhmische König auch deutscher König war, bedeutete dies eine sehr angesehene Stellung. Und obwohl Arabella daraus schloss, dass die junge Frau reich genug war, um das glanzvolle Hofleben Prags zu beherrschen, mied Maria das Treiben bei Hofe.

Seit ihrer Ankunft in der Stadt vor drei Tagen, war Arabella nur noch mit den Vorbereitungen für die bevorstehende Reise nach England beschäftigt. Unter der gewissenhaften Anleitung der Kammerzofen der Prinzessin hatte sie ein wenig an ihren eigenen Surcots gearbeitet. Sie war davon unterrichtet worden, was auf dieser Reise von ihr erwartet wurde. Aber sie hatte es nicht gewagt, sich längere Zeit aus den Frauengemächern zu entfernen, und heute Abend würde ihr erstes offizielles Abendessen in der Prager Burg stattfinden.

Sie war aufgeregt. Ihr alter Surcot für festliche Anlässe hatte neben den glänzenden Gewändern der Frauen, die sie zwar höflich grüßten, sich dann aber mit abschätzenden Blicken von ihr abwandten, ausgesehen wie ein Bauernkittel. Es war auch nicht hilfreich gewesen, dass sie in Begleitung ihrer Großmutter am Burgtor erschienen war. Zaharia war eine weise und gelehrte Frau, doch Abergläubige nannten sie eine Zauberin.

Aber Maria Natansia warf Arabella weder ihre Familie noch ihre wenig modische Erscheinung vor.

„So“, verkündete Hilda mit einem zufriedenen Lächeln, als sie ihr Werk beendet hatte. „Ich richte Euch schon so her, dass man Euch vorzeigen kann, ob Ihr es wollt oder nicht.“ Eine lange Haarnadel wie ein Schwert in der Hand haltend, drohte sie ihrem störrischen Schützling, während sie gleichzeitig eine jüngere Zofe zu sich winkte. „Jetzt wird Euch Millie noch helfen, Euer Haar für das Fest heute Abend zu bändigen.“

Da sie eine der Hofdamen war, die keine eigene Zofe besaß, unterwarf sich Arabella Hildas Anordnung und ließ ihre Gedanken wandern, während Millie mit der seidenweichen Bürste im gleichmäßigen Rhythmus über ihre Haare strich.

Wie so oft in den letzten beiden Wochen seitdem sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, tauchte vor ihrem inneren Auge das Gesicht des Ritters auf.

Er hatte die Unverfrorenheit besessen, dicht an den Baumkreis heranzutreten, den etliche Leute doch für verzaubert hielten. Keiner, den Arabella kannte, hätte sich einem solchen Ort genähert. Keiner, außer ihrer eigenen Familie.

Und noch kein Mann hatte es gewagt, sie so kühn anzublicken. Was das betraf, so hatte sie bis zu diesem Tage kaum je einem Mann von Angesicht zu Angesicht gegenüber gestanden. Nach der Erfahrung mit Arabellas Vater, den man nicht hatte zwingen können, die Mutter seiner einzigen Erbin zu heiraten, war Luria, wenn es um die Beweggründe fremder Männer ging, vorsichtig gewesen.

Die Männer ihres Heimatortes fürchteten und respektierten Zaharia und mieden aus Achtung vor der weisen Frau deren Enkelin. Doch der fremde Ritter hatte sie nicht nur angestarrt, er hatte sogar schamlos die Hand ausgestreckt, um sie anzufassen.

Seine Gestalt war beeindruckend gewesen. Groß und bedrohlich, mit grauen Augen. Seine ganze Haltung besaß etwas eher Furchterregendes, dazu kam noch der räuberische Blick eines Wolfes.

Um diesem Blick und dieser Berührung zu entfliehen, war sie gerannt so eilig sie konnte. Als sie schließlich anhielt, um zu schauen, ob er noch immer da war, war es im Wald totenstill gewesen. Niemand war ihr gefolgt. Der Fremde war so schnell wieder verschwunden, wie er aufgetaucht war. Es dauerte lange, bis Arabella endlich zu zittern aufhörte. Ihr wurde klar, dass sie viel zu isoliert aufgewachsen war, wenn das Erscheinen eines Fremden sie so verstören konnte. Wer würde Arabella je weise nennen wie ihre Großmutter, wenn sie vor dem Leben wie ein verschrecktes Häschen davonflitzte?

„Fertig, Mylady“, erklärte Millie endlich und half Arabella auf die Füße. Mit strahlendem Lächeln standen die Zofe und Hilda nebeneinander. Schließlich zog Hilda Arabella am Arm.

„Kommt und seht in den Spiegel, Arabella, und versucht das Wunder zu würdigen, welches wir vollbracht haben.“

Hilda schob sie vor einen Spiegel, der sich im Innern eines Schrankkoffers befand, den man heute in das Gemach geschleppt hatte.

Neugierig schaute Arabella hinein. Fort waren die ungebändigten Locken, die ihre Mutter im Ärger einmal abgeschnitten hatte. Sie wurden durch glänzende Wellen ersetzt, die selbst in dem stumpfen Spiegelglas noch schimmerten. Arabella streckt die Hände aus, um sich übers Haar zu streichen, doch Hilda und Millie stürzten vor, als wollten sie dagegen einschreiten.

Pflichtbewusst nahm Arabella die Hände herunter. Sie betrachtete das steife, weiße Unterkleid aus Leinen mit einer Cotehardie aus königsblauem Samt darüber, einer so dunklen und teuren Farbe, dass nur Leute von hohem Stand sie trugen. Heute Nacht würde sie dazugehören. Ihre flachen Schuhe waren unter den langen Röcken kaum zu erkennen, und wenn sie hervorlugten, passten sie farblich zu dem samtenen Gewand.

Arabella fragte sich, wohin ihr früheres, ungezähmtes Wesen verschwunden war, jetzt, da diese feine Dame seinen Platz eingenommen hatte.

Als würde sie ihre Gedanken erraten, zwinkerte Hilda ihr zu und drehte sie sanft zur Tür.

„Ich vertraue darauf, dass die Schönheit Eurer Erscheinung Einfluss auf Eure Manieren hat. Bitte, zerstört das Ergebnis unserer harten Arbeit nicht zu früh.“

Als Hilda sie losließ, damit sie sich auf den Weg in den Burgsaal machte, fühlte Arabella sich verloren. Genauso, wie sie es sich in den letzten Nächten zu Hause in ihrem Bett vorgestellt hatte. Doch bevor sie im Irrgarten der Gänge, die zum Burgsaal führten, jede Orientierung verlieren konnte, holte Maria sie ein. Ihr helles Haar wurde wie bei einem der Engel auf den religiösen Bildern in der Burg von einem himmelblauen Band umrahmt.

„Hier entlang“, rief sie, deutete in die entgegengesetzte Richtung und führte Arabella dann durch Gänge, in denen sie immer mehr Menschen trafen. Musik drang an ihr Ohr, als sie sich dem großen Saal näherten. „Du musst nicht aufgeregt sein, Arabella. Das Gefühl vergeht sofort, wenn du erst einmal durch die Tür getreten bist.“

Hilflos einer Welt ausgeliefert, in der ihre Mutter durch falsche Versprechungen verletzt worden war, blieb Arabella in ihren hübschen Schuhen stehen. Würde sie ebenso anfällig sein für den schönen Schein?

„Maria.“ Sie wandte sich ihrer neuen Freundin zu, der sie vertraute, wie sonst niemandem hier. „Vielleicht kannst du mich noch in einer anderen Angelegenheit beraten. Ich weiß nichts über Männer. Ich habe keinen Vater, keinen Bruder. Ich habe kaum je mit einem männlichen Wesen gesprochen. Erwartet man von uns … dass wir bei solch einem Ereignis wie diesem uns mit ihnen unterhalten?“

Maria sah sie mit großen Augen an und erwiderte lange Zeit gar nichts. Aber Arabella war nur zu froh, dass sie so ihren Eintritt in den großen Saal hinauszögern konnte. Endlich blinzelte Maria.

„Das meinst du ernst.“

„Ja.“ Automatisch wollte Arabella nach dem kleinen Messer greifen, dass sie normalerweise an der Hüfte trug. Dann erinnerte sie sich daran, dass sie es an dem Tag, an dem sie dem fremden Ritter im Wald begegnet war, verloren hatte. Es war ein Talisman von ihrer Großmutter. Arabella sehnte sich schmerzlich nach dem kleinen Glücksbringer, der das Werkzeug einer weisen Kräuterfrau war. Besonders jetzt, da sie Trost durch etwas Vertrautes brauchte, vermisste sie ihn.

„Und du bist tatsächlich im Wald aufgewachsen, oder?“ In Marias Stimme lag ein kindliches Staunen, und Arabella fühlte sich ein wenig besser, weil sie von der am meisten geachteten weisen Frau der ganzen Gegend aufgezogen worden war.

„Das habe ich nie abgestritten. Ich betrachte es nicht als einen Mangel, so wie es der Hof tut.“

„Ich ebenso wenig, Arabella, glaub es mir. Dein Leben klingt für mich so wunderbar. Doch jetzt mal ehrlich, die Männer benehmen sich gar nicht so schlecht. Zumindest nicht in meiner Gegenwart.“ Sie lachte, und ihre Augen funkelten verschmitzt. „Es hat seine Vorteile, das Mündel des deutschen Königs zu sein. Bleib an meiner Seite. Wir werden den Männern gemeinsam entgegentreten.“

„Gemeinsam.“ Es hörte sich einfach genug an. Und wenn auch ihre Mutter von den Männern gesprochen hatte, als wären sie gefährliche Wesen, so fragte Arabella sich doch oft, ob Lady Luria nicht einfach nur das Pech gehabt hatte, einem schlechten Exemplar begegnet zu sein.

Arabellas Vater.

Fröhliche Klänge wehten durch den Gang, und sie entsann sich ihrer Pflicht, als andere Hofdamen mit leise rauschenden Gewändern aus Samt und Leinen an ihnen vorbeiflanierten.

„Es wird dir gefallen“, versicherte Maria ihr und zog sie zu dem riesigen Portal und hinein in den unvergleichlichen Saal.

Schlanke Holzsäulen stützten das Deckengewölbe über dem höhlenartigen steinernen Raum. Glänzende Seide blendete Arabella. Fackeln erhellten mit farbenfrohen Tapisserien bedeckte Wände und Gemälde, die einen metallischen Glanz besaßen, der wirkte, als rührte er von Gold her.

Eine Frau grüßte Maria, die, obwohl sie gewöhnlich dem Hofe fernblieb, wohlbekannt war. Arabella lächelte und nutzte die Zeit, den riesigen Raum mit all den Menschen zu studieren.

Langsam wandte sie jedem der Anwesenden ihre Aufmerksamkeit zu und war von den Details der verschwenderisch ausgestatteten Versammlung fasziniert. Sie bewunderte die kostbaren Edelsteine, welche die Gewänder der Frauen schmückten, die mit Pelz verbrämten Mäntel der Männer und besonders die etwas schmucklosere Kleidung eines Mannes …

Ihr blieb das Herz stehen.

Ein Irrtum war ausgeschlossen. Das war der Ritter, der sie im Wald hatte weinen sehen. Wenn man es denn überhaupt weinen nennen konnte, bedachte man, wie laut sie ihren Zorn gen Himmel geheult hatte.

Sein Anblick hatte eine eigentümliche Wirkung auf sie. Damals im Wald war dieselbe seltsame Empfindung über sie gekommen. War es Furcht … und vielleicht auch freudige Erwartung, die ihr das Blut mit einem Mal rascher durch die Adern strömen ließ?

Sie verdrängte den unangenehmen Gedanken und versuchte, den Ritter zu betrachten, ohne von ihm entdeckt zu werden – was nicht besonders schwierig war, da der Mann in eine Unterhaltung mit einem Mann vertieft war, der genauso dunkel gekleidet war wie er.

Er war nicht von hier.

Die Erkenntnis überraschte sie. Als sie ihn das erste Mal getroffen hatte, war ihr das nicht aufgefallen. Anders als bei den anderen Männern im Saal war sein Haar lang. Es fiel ihm knapp über die Schultern und war so dunkel wie eine Neumondnacht. Jetzt bahnte er sich den Weg durch den übervollen Raum. Feiernde Gäste wichen eilfertig vor ihm zurück. Arabella konnte sein Gesicht nicht erkennen, aber sie erinnerte sich nur allzu gut an die durchdringenden, grauen Augen.

Was machte er hier?

Als würde er mit einem Mal ihren prüfenden Blick spüren, drehte er sich um, und schaute sie direkt an.

Ihr stockte der Atem und sie betete, dass er ihren bereits zweifelhaften Ruf nicht noch völlig ruinierte und von ihrer Begegnung im Wald erzählte. Arabella war klar, dass die meisten jungen Edelfrauen nicht allein im Wald herumspazierten. Wenn sie auch ihre ungewöhnliche Herkunft nicht verleugnete, so wollte sie als Enkelin einer berühmten Heilerin keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Zaharia hatte sie gedrängt, bei Hofe nicht aufzufallen.

Der Ritter verzog leicht den Mund. Als Antwort darauf schnürte es Arabella die Brust zu. Mit keinem Zeichen verriet er, dass er sie erkannte, aber er kam auf sie zu.

„Entschuldige mich“, murmelte Arabella zu Maria. Während sie vor dem nahenden Fremden davoneilte und davor flüchtete, im Mittelpunkt des Interesses einer anderen Person zu stehen, wusste sie nicht recht, was sie als Nächstes tun sollte.

Leute schauten sie befremdet an, als sie durch die Menge hastete und versuchte, sich vor ihm und davor, als ein wildes Kind des Waldes entlarvt zu werden, in Sicherheit zu bringen. Ihre Mutter hatte sie gewarnt, dass die Mitglieder des Hofes in ihrem Urteil über Menschen, die anders waren, gnadenlos sein konnten.

Arabella erreichte den rückwärtigen Teil des Saales und wandte sich um, um sich zu vergewissern, dass der Ritter ihr nicht folgte. Unglücklicherweise befand er sich nur ein paar Schritte hinter ihr. Doch im Augenblick schien er sie nicht zu sehen.

Von der Rückseite des Saales führte ein kurzer Gang zu einer Reihe von Türen. Arabella drückte eine der Klinken herunter, überprüfte kurz, ob der Ritter ihr auch nicht auf den Fersen war und huschte in das Gemach.

Endlich in Sicherheit.

Leise schloss sie die Tür und erkannte die Umrisse von Möbeln in dem kleinen Raum. Ihr Blick fiel auf einen derben, aus Horn gefertigten Krug und dazu passende schwere Becher auf einer Anrichte. Während sie sich fragte, wie lange sie sich hier wohl würde verbergen können, wanderte sie umher und betrachtete einen kleinen Stapel ledergebundener Bücher und ein hohes Fenster aus berühmtem böhmischen Glas. Ihr Herzschlag hatte sich gerade wieder beruhigt, als ein Geräusch vom anderen Ende des Zimmers sie zusammenfahren ließ. Die Tür wurde langsam geöffnet.

2. KAPITEL

Kann das nicht warten? Unser Gastgeber ruft uns zum Abendessen, Tristan.“

Tristan schüttelte den Kopf und führte Simon in das kleine Studierzimmer. Der Lärm im Saal hatte begonnen ihn zu ermüden. Es gab eitle Edelleute, die sich zu sehr bemühten, die englischen Gäste zu beeindrucken und schöne Frauen, die sich in Nichts auflösten. Nun gut, eine schöne Frau. Tristan konnte die Gesellschaft nicht länger ertragen – besonders, da die einzige weibliche Person, die heute Abend sein Interesse geweckt hatte, offenbar nichts von ihm wissen wollte.

Warum war sie ihm so vertraut vorgekommen? Er kannte niemanden in diesem Land. Sie war jedoch geflüchtet, bevor er sie ansprechen konnte.

„Nein, es kann nicht warten.“ Er schloss die Tür und verbannte damit die Musik der Spielleute und den Lärm nach draußen. „Bevor wir die Prager Burg verlassen, müssen wir herausfinden, wie groß die Bedrohung des königlichen Gefolges ist. Wenn die Edlen oder die Prinzessin auf irgendeine Art in Gefahr sind, kümmere ich mich augenblicklich darum.“

Als er sich umdrehte, um sich an den Holztisch in der Mitte des Raumes zu setzen, hätte Tristan schwören können, den Duft einer Frau wahrzunehmen. Ein seltsamer Gedanke in solch einem dunklen Refugium, das doch sicher einem Mann gehörte. Eine Tapisserie, auf der eine Jagdgesellschaft und ein fliehender Hirsch dargestellt waren, schmückte die einzige Wand, an der keine Regale voller Bücher standen.

„Ist das nicht ein Problem des Königs, während wir hier in Böhmen sind?“ Simon ließ sich auf eine kleine Bank fallen. „Prag hat doch sicher Ritter, die seine Bevölkerung schützen, so lange wir uns auf böhmischem Boden aufhalten.“

„Anscheinend sind aber in der letzten Nacht zwei Edelfrauen verschwunden, und der König hat nichts unternommen, um zu erfahren, was mit ihnen geschehen ist. Abgesehen von all diesen beunruhigenden Umständen, weißt du, wie viele Frauen wir auf unserer Heimreise unter unseren Fittichen haben?“ Da ihre Aufgabe mit jedem Tag herausfordernder wurde, brauchte Tristan Simons Hilfe.

Auch wenn Tristan derjenige war, der die Verantwortung trug, waren sie doch mehr Brüder als nur ritterliche Kameraden. Sie waren beide Waisen, die man in die Hände desselben kaltherzigen Vormunds übergeben hatte. Das dort gemeinsam erlittene Leid schmiedete das Band ihrer Freundschaft. Kaum waren sie alt genug gewesen, ein Schwert zu führen, liefen sie ihrem Vormund davon und schlossen sich dem Heer von Edward, dem Schwarzen Prinz, an. Dieser Ritter hatte sie aufgenommen und ihnen ihr Ehrgefühl wiedergegeben.

Deswegen stand Tristan in der Schuld der königlichen Familie, auch wenn Edward schon seit vier Jahren tot war. Sein Sohn, König Richard, war erst ein Jüngling, und seine Regentschaft war schon beschwerlich genug, sodass seine Ratgeber glaubten, eine Frau würde ihm guttun.

„Glaubst du wirklich, dass sich so etwas auf unserer Reise wiederholen wird?“ Simon legte die Fingerspitzen aneinander und stützte darauf sein Kinn.

„Ich möchte auf alles vorbereitet sein. Lass uns den Männern von den Zwischenfällen erzählen. Sie sollen so viel wie möglich über die vermissten Frauen herausfinden.“

„Vielleicht haben sie nur ihre Ehemänner verlassen und sind davongelaufen.“ Simon lehnte sich an die Mauer hinter ihm und spielte mit einem leeren Tintenfass.

„So treulos Frauen auch sein mögen, wegen eines Liebhabers, der wenig zu bieten hat, geben sie selten eine angesehene Stellung bei Hofe auf.“ Tristan wusste sehr gut über die Bereitschaft zum gelegentlichen Verrat des schönen Geschlechts Bescheid.

„Dennoch, ich will wenigstens in Erfahrung bringen, ob das der Grund ist, warum die böhmischen Edlen nicht eifriger nach den Damen suchen.“

Melodiöses Frauenlachen drang durch die geschlossene Tür, und Tristan fragte sich, wie er die lange Rückreise nach England in einem Gefolge überstehen sollte, in dem die Frauen weitaus zahlreicher vertreten waren als die Männer. Er hatte erlebt, wie Frauen listenreiche Pläne schmiedeten, um jemanden in eine Falle zu locken, raffinierter, als er es je auf einem Schlachtfeld hatte beobachten können. Vor langer Zeit war er töricht genug gewesen, sich von einer großen Schönheit ködern zu lassen. Ihr Parfum war ihm geradewegs zu Kopf gestiegen.

„Gut. Wir werden unsere Truppen sicher nach Hause bringen, ohne dass einer einzigen Frau etwas zustößt.“ Tristan ging zur Tür. Jetzt, da er den Befehl gegeben hatte, noch mehr auf Sicherheit zu achten, war er bereit, sich wieder unter die böhmische Hofgesellschaft zu mischen. „Ich werde nicht erlauben, dass unser Ansehen in London durch das Verschwinden irgendeiner Person befleckt wird.“

„Gut.“ Simon nickte und erhob sich von der Bank. „Aber was hältst du eigentlich von Prag, nachdem wir doch so lange darüber gejammert haben, dass wir diese Reise machen müssen? Die Stadt ist hübsch, das kann man nicht leugnen. Und die Frauen sind in Scharen herbeigeeilt, um uns zu begrüßen. Ist dir irgendeine besonders aufgefallen?“

„Dieses Mal nicht, mein Freund.“ Das fliehende Mädchen von eben hatte zwar seine Aufmerksamkeit erregt, aber es war ihm kaum Zeit geblieben, es näher zu betrachten, so schnell war es auch schon wieder verschwunden gewesen. Die Frau, die wirklich seine Gedanken gefangen hielt, war dieses verwahrloste Wesen, auf das er eine Woche zuvor im Wald gestoßen war. Damals hatte er den halbherzigen Versuch gemacht, ihr zu folgen, weil er glaubte, sie erwartete das vielleicht von ihm.

Fast dachte er, er hätte das alles nur geträumt.

Außer …

Tristan griff in den Beutel an seinem Gürtel und befühlte das kleine Messer, das er in dem Eichenkreis gefunden hatte. Der Griff und die Klinge waren beide kurz und flach. Glatt und abgenutzt, erschien das Messer primitiver als ein traditioneller Dolch, doch auch praktischer. Griff und Schneide waren aus einem einzigen Stück Metall geformt. Tristan war sich sicher, dass dieses Messer der Frau gehörte. Es passte zu ihr – glatt und vollkommen geformt, doch völlig unzivilisiert.

„Predigst du mir Moral, Tristan?“

„Nein. Doch ich muss den Befehl des Königs ernst nehmen und eine mögliche Bedrohung seiner Braut in Betracht ziehen. Daher sollte ich mich zweifellos um meine Pflichten kümmern. So wie du, oder?“

Simon lachte. Seine unbekümmerte Sicht der Dinge bot oft ein willkommenes Gegengewicht zu der eher düsteren Weltanschauung Tristans. „Eine oder zwei zu verführen richtet doch keinen Schaden an …“

„Bleib bei den Witwen, mein Freund, außer, du begibst dich auf Brautschau. Ich möchte nicht, dass meiner Wachmannschaft Gerede über Unehrenhaftigkeit anhängt.“

Als die Männer das Studierzimmer verließen, lugte Arabella über die hohe Truhe, hinter der sie sich versteckt hatte.

Die Tür schloss sich wieder. Sie waren fort.

Ihr Gesicht brannte von der belauschten Unterhaltung. Die Männer hatten Englisch gesprochen, doch Dank der Unterrichtsstunden, die ihre Großmutter ihr gegeben hatte, war sie dieser Sprache mächtig.

Wie es schien, war ihre Mutter zu Recht so misstrauisch gegenüber den männlichen Mitgliedern des Hofes. Offensichtlich waren Edelmänner lüsterne Wesen, die wenig Rücksicht auf Schwächere nahmen. Allein der Gedanke, dass sie sich einfach so ein Ziel für ihre lustvollen Spiele aussuchten, ließ Arabella das Blut gefrieren.

Sicher war ihre Mutter durch einen solchen Plan von Karl Vallia verletzt worden. Auch war ihre Mutter bei Hofe gewesen, als es geschah. Arabellas Vater mochte in dem gleichen Gemach gestanden und geplant haben, Luria Rowan die Unschuld zu rauben.

Arabella schauderte bei dem Gedanken. Und doch – zumindest der dunkelhaarige Ritter hatte versichert, dass er eine Erklärung für das Verschwinden von den Frauen finden wollte, um das sich sonst niemand zu sorgen schien. Das sprach für ihn, auch wenn er es nur tat, um sich seinen guten Ruf beim König zu erhalten. Sie wunderte sich, warum die böhmischen Edlen sich so wenig um den Verlust ihrer Frauen, Schwestern und Töchter kümmerten.

Doch jetzt war keine Zeit für traurige Gedanken. Jemand konnte sie während ihrer Abwesenheit vermisst haben, und sie wollte nicht Gegenstand allzu prüfender Blicke werden. Leise öffnete sie die Tür und spähte hinaus. Als sie sich unbeobachtet wähnte, schlüpfte sie mit schwererem Herzen als zuvor wieder in den Saal. Die englischen Ritter mochten das böhmische Gefolge beschützen, doch wer würde die Gruppe vor den englischen Rittern beschützen?

Arabella eilte zwischen den dicht beieinander stehenden Menschen hindurch und suchte Maria. Als sie endlich einen Blick auf das kräftige Rosa des Surcots ihrer Freundin erhaschte, musste sie feststellen, dass Maria sich gerade in einer angeregten Unterhaltung mit dem dunkelhaarigen Ritter namens Tristan befand.

Während Arabella sich rückwärts davonschleichen wollte und dabei überlegte, wie sie Maria vor den verdorbenen Absichten ihres Gesprächspartners retten konnte, stieß sie mit jemandem zusammen.

„Entschuldigt, ich …“

Sie blickte in das Gesicht der ranghöchsten Frau, die an diesem Abend zugegen war. Ein goldener Kopfschmuck krönte die Prinzessin, die grüßend nickte.

„Werte Edeldame Arabella, amüsiert Ihr Euch?“, fragte Prinzessin Anne von Böhmen und half Arabella, das Gleichgewicht wiederzufinden.

Wie peinlich!

„Es tut mir leid, wirklich, ich …“

„Die Edeldame Maria suchte nach Euch. Ich werde Euch zu Ihr bringen.“

Arabella schnappte nach Luft und suchte fieberhaft nach einem Vorwand, nicht mitgehen zu müssen. Doch noch bevor sie widersprechen konnte, war Prinzessin Anne bereits in Richtung Maria und des fremden Ritters aufgebrochen, und Arabella musste ihr notgedrungen folgen. Sie befürchtete, ihrer Verdammnis entgegenzulaufen, die ihr sicher war, wenn der Ritter erst einmal begriff, wer sie war.

„Arabella“, rief Maria und zog ihre Freundin zwischen sich und den Fremden. „Es tut mir leid, dass ich dich aus den Augen verloren habe.“

Die Prinzessin begrüßte Tristan voller Wärme. Offensichtlich kannte sie ihn gut, auch wenn Arabella bei Marias Geplapper die Unterhaltung der beiden nicht verstehen konnte.

„Bitte sehr, edle Dame.“ Ein Mann reichte Maria einen frischen Becher Wein. Es war der andere Ritter aus dem Studierzimmer.

Arabella hätte ihrer warmherzigen Freundin gerne eine Warnung zugerufen, um sie von dem gut aussehenden Engländer mit den grauen Augen fernzuhalten.

„Ich danke Euch, mein Herr.“ Maria lächelte den Ritter an. „Edle Dame Arabella, darf ich Euch Sir Simon Percival vorstellen?“

Unabhängig davon, dass sie den blonden Percival auf Anhieb nicht mochte, wollte Arabella bei ihrem ersten Gespräch mit einem Mann bei Hofe ihre Zunge nicht gehorchen.

„Wie geht es Ihnen, Sir?“ Sie hörte sich so steif und förmlich an wie in den ersten Stunden ihres Englisch-Unterrichts, den sie auf Zaharias Knien erhalten hatte.

Doch dieser durchtriebene Ritter hörte ihr kaum zu, weil all seine Aufmerksamkeit auf Maria gerichtet war.

„Arabella“, unterbrach die Prinzessin ihre Gedanken. In ihrem Ärger über Percival hatte Arabella beinahe ihren anderen Grund zur Furcht vergessen.

Jetzt stand sie Angesicht zu Angesicht vor dem dunkelhaarigen Mann. Obwohl sie ihm jetzt genauso nahe war wie an jenem Tag im Wald, lag in seinen Augen kein Zeichen des Wiedererkennens. Allen Heiligen sei Dank!

„Das ist Sir Tristan Carlisle.“ Prinzessin Anne sprach Englisch. „Er ist der Ritter, den König Richard schickt, damit er uns alle nach England geleitet. Er ist zu unserem Beschützer bestimmt.“

„Unser Beschützer?“ Sie hoffte, dass man in ihrer Stimme nicht ihre Zweifel vernehmen konnte. Das Blut rauschte in ihren Ohren, während sie die kleinen Hände zu Fäusten ballte.

„Zu Euren Diensten, Mylady.“ Tristan Carlisle verbeugte sich vor ihr und dann, gütiger Gott, ergriff er ihre Hand und küsste sie.

Graue Augen hielten sie gefangen. Einen Augenblick lang nahm sie sie ganz intensiv wahr, so wie sie es an jenem Tag in dem Baumkreis getan hatte. Er sah sie noch eindringlicher an. Seine Hand hielt immer noch die ihre.

„Es ist eine lange Reise in Eure Heimat. Glaubt Ihr, dass wir sicher sein werden, Sir?“ Arabella zog rasch die Hand zurück und betete, Hildas Zauberwerk möge sie so verwandelt haben, dass sie nicht wiederzuerkennen war.

„Ich habe mich ganz dieser Aufgabe geweiht, Mylady.“

„Sicher habt Ihr vom kürzlichen Verschwinden der böhmischen Edelfrauen gehört.“ Sie selbst hatte auch erst in dem Studierzimmer davon erfahren.

Arabella bemerkte, dass selbst die Prinzessin an der Antwort des Ritters interessiert zu sein schien.

„Ich hörte davon, und vor unserer Abfahrt will ich selbst nach den Ursachen für das Verschwinden forschen. Doch es gibt keinen Anlass zur Annahme, dass so etwas auch auf unserer Reise geschehen wird.“

Arabella wusste sehr gut, dass das nicht seine wahren Gedanken waren. Seinem Freund hatte er eine ganz andere Antwort gegeben. Noch eine Lektion, die sie über die Männer lernte. Sie sagten nicht unbedingt die Wahrheit.

„Ich bin überzeugt, Euer König schickt Euch, weil Ihr die Fähigkeit besitzt, für unsere Sicherheit zu sorgen.“

„Ich kann nur hoffen, dass das der Grund ist“, erwiderte er mit eigenartig heftiger Stimme, bevor er sich Anne zuwandte. „Prinzessin, ich muss um Erlaubnis bitten, gehen zu dürfen. Ich habe noch einige Vorbereitungen zu erledigen, bevor meine Geistesfrische nachlässt. Ich habe bereits mit meinen Männer gespeist.“

Mit einem kleinen Neigen des Kopfes drückte Anne ihre Zustimmung aus. Tristan verbeugte sich vor ihr und wandte sich dann zu Arabella um.

„Mit Eurer Erlaubnis, Mylady.“

Arabella fühlte, dass ihr die Röte ins Gesicht schoss, als er sie anblickte. In seine Augen trat ein Ausdruck, den sie nicht zu benennen vermochte.

„Sir Tristan.“ Ihre Stimme klang in ihren Ohren piepsig. Einen Moment lang zögerte er, und es schien, als wollte er noch etwas hinzufügen. Gerade als Arabella glaubte, ihre Sorge nicht mehr ertragen zu können, drehte er sich abrupt um und verschwand.

„Jagt er Euch Angst ein, Edle Dame Arabella?“, fragte die Prinzessin und überraschte Arabella mit ihrer Offenheit.

„Nein“, antwortete sie. Dann, als sie die sichtliche Skepsis der Prinzessin bemerkte, gestand sie einen kleinen Teil der Wahrheit. „Vielleicht ein wenig. Sir Tristan ist heute Abend hier im Saal sicherlich einer der Männer, die einem am meisten Furcht einflößen.“

Die Prinzessin lächelte und blinzelte Maria zu. „Sicher. Doch ich bemerke, dass viele meiner jungen Hofdamen nicht dieser Meinung sind.“

„Prinzessin?“

„Rosalyn de Clair …“, die Prinzessin deutete auf eine zarte dunkelhaarige Edelfrau ein paar Tische weiter, „… konnte kaum die Augen von ihm lassen.“

Umso besser für Arabella. Wenn es auch nicht gerecht von ihr wäre, dabei zuzusehen, wie einer ahnungslosen Edelfrau von einem fahrenden Ritter in trügerischer Absicht der Hof gemacht wurde. Vielleicht sollte sie einmal diskret mit Lady Rosalyn sprechen.

„Maria“, setzte die Prinzessin ihre Rede fort, „wie ich gehört habe, soll Arabella zuvor noch nicht in Prag gewesen sein. Ich wünsche, dass Ihr eine Eskorte nehmt und sie morgen herumführt. Ich will nicht, dass sie London kennenlernt, bevor sie Prag nicht erlebt hat.“

Überrascht und entzückt schwor sich Arabella, sich diese Gelegenheit nicht durch Gedanken an Tristan Carlisle verderben zu lassen.

„Ich bin sehr gespannt.“

„Und ich auch, Prinzessin“, fügte Maria hinzu und machte mit der Selbstverständlichkeit einer Frau, die an einem Hof aufgewachsen war, an dem das Protokoll herrscht, einen vollendeten Knicks.

„Ihr müsst jedoch früh zurück sein, damit ihr nicht zu müde seid für unsere lange Reise.“

Prinzessin Anne überließ es Maria und Arabella, ihren Tag zu planen und verabschiedete sich von den beiden, um sich ihren anderen Gästen zu widmen. Und während Arabella froh darüber war, dieses Mal Tristan Carlisles Aufmerksamkeit entkommen zu sein, fragte sie sich, wie lange es wohl dauern würde, bis der Ritter sich an ihre Begegnung erinnerte. Würde er ihre Stellung bei Hofe mit Berichten über ihr unzivilisiertes Benehmen kompromittieren?

Oder bedeutete diese beunruhigende Empfindung, die der englische Kriegsmann in ihr ausgelöst hatte, sogar eine noch dunklere Gefahr?

Am anderen Ende des großen Saals stampfte Rosalyn de Clair unter den alles verbergenden, reich mit Juwelen geschmückten Röcken ihres Surcots ärgerlich mit dem Fuß auf, als Maria Natansia mit Arabella Rowan fortging. Rosalyn hatte versucht, Marias Aufmerksamkeit zu wecken, um diese albern lächelnde Gans am Hof als Verbündete zu gewinnen. Aber diese Hexe Arabella Rowan hatte Maria in ein Gespräch verwickelt.

Rosalyn hoffte, Maria, die für ihre mitfühlende Natur bekannt war, durch eine raffinierte Unwahrheit, die sie sich ausgedacht hatte, für sich einzunehmen. Jeder wusste, dass König Wenzel in sein Mündel vernarrt war. Rosalyn musste daraus nur ihren Nutzen ziehen. Und sie war sich sicher, dass ihr das gelingen würde. Hatte ihr Liebhaber einst nicht gesagt, sie wäre die hinterlistigste Frau, die er je getroffen hätte? Nachdem sie sich mit Klauen und Zähnen ihren Weg vom ausgesetzten Bastard bis hinauf in eine bedeutende Stellung unter den Edelleuten erkämpft hatte, betrachtete Rosalyn solche Bezeichnungen als ein Kompliment.

Sie wandte sich um und suchte nach einer anderen Begleitung für das abendliche Bankett. Maria konnte sie auch noch ein anderes Mal in die Enge treiben. Auf dem Weg nach England würde sich jede Menge Gelegenheit dazu bieten. Vielleicht sollte sie die Zeit nutzen und sich zum Umgarnen lieber einen englischen Edelmann suchen als jenen böhmischen Herrn, den sie sich vorsichtshalber schon einmal vorgemerkt hatte. Jeder wusste doch, dass in Böhmen heutzutage niemand mehr Geld besaß. Selbst König Wenzel hatte sich gedemütigt und schickte jetzt seine Schwester ohne Mitgift nach England. Es war eine Schande.

Oh ja, ein englischer Herr wäre viel nützlicher. Durch diese neue Entwicklung, die ihr Plan genommen hatte, fand Rosalyn wieder zu ihrem Lächeln zurück. Und wie das Schicksal so spielt, hatte sie gerade den hinreißendsten Engländer erblickt, den sie sich je hätte erträumen können.

3. KAPITEL

Alle vierzehn Tage fand in Prag am Ufer der Moldau ein Markt statt. Während ihre Kutsche dort vorüberrollte, sah Arabella überall leuchtende Farben und lebhafte Menschen. Hunderte drängten sich um die Stände der Händler und feilschten um Gemüse, Gewürze, Kleider, Tiere und Werkzeug. Zigeunerwagen versprachen Unterhaltung aller Art, vom Tanz bis zur Wahrsagerei.

Von all dem Treiben überrascht, war Arabella hingerissen von jeder neuen Entdeckung. Die Straßenmusikanten der Zigeuner beeindruckten sie genauso wie das venezianische Mosaik vom Jüngsten Gericht an der Wand des Veitsdoms. Jetzt war es der Markt, der Arabellas Neugierde weckte, und sie wollte ihn sich unbedingt näher anschauen.

„Wir haben doch Zeit anzuhalten, oder? Es ist alles so bunt.“ Arabella zupfte Maria am Ärmel, während sie ihren Kutscher aufforderte, anzuhalten. Sie sprang von dem kleinen Gefährt, das man ihnen für ihre Erkundungsfahrt zur Verfügung gestellt hatte, und fragte sich kurz, ob es sich für eine Dame schickte, den Markt zu erkunden. Doch dann schob sie ihre Vorbehalte, was ihre Stellung am böhmischen Hof betraf, beiseite. Zaharia wäre sicher damit einverstanden. Arabella konnte schon den Kräuterduft riechen, der vom Stand einer weisen Frau zu ihr drang.

„Ich weiß nicht, Arabella. Unser Fahrer möchte uns vor Anbruch der Dunkelheit nach Hause bringen.“

„Wir bleiben doch nur kurz. Und noch Ewigkeiten nach unserer Abreise werde ich mich an diesen Markt erinnern, mehr als an die Universität oder an die Stadtpaläste.“ Sie ließ ihren Blick bereits über den Marktplatz schweifen und suchte nach jemandem, der ihr unbekannte Tinkturen oder Heilöle verkaufen würde. „Bitte?“

Maria biss sich auf die Lippen. Man sah ihr deutlich an, dass sie sich an diesem rauen Ort unwohl fühlte.

„Wenn du versprichst, dass wir uns nicht allzu lange aufhalten …“

Arabella drückte ihre Freundin kurz, bevor sie sie zu einer Bude zog, die von Stoffproben nur so überquoll. Vielleicht war so etwas mehr nach Marias Geschmack.

„Fass das hier doch einmal an. Ist das nicht der wahre Luxus?“, rief sie, als sie eine leuchtend bunte Seide mit einem exotischen Muster entdeckt hatte. Maria wählte zwei Ballen aus und nannte dem Händler ihren Namen, damit sie ihr geliefert wurden.

Maria verließ den Stand des Stoffverkäufers und geriet bald darauf mit einem anderen Händler ins Feilschen wegen eines juwelenbesetzten Kamms. Nun, da Maria sich vergnügte, hoffte Arabella die hiesige Kräuterfrau zu finden. Sich umblickend streifte sie durch die Menge, als eine große, schwarz gekleidete Gestalt ihre Aufmerksamkeit erregte.

Tristan Carlisle.

Arabella fühlte sich nicht in der Lage, der vertrauten Gestalt zu begegnen, die zwischen den Buden der Zigeuner hin und her lief und kurz mit einigen der Familien sprach, die die Buden besaßen. Arabella duckte sich hinter dem Stand eines Pastetenbäckers und beobachtete den englischen Ritter, wie er prüfend die Ware eines Silberschmieds betrachtete. Während sie ihn ansah, ohne von ihm wahrgenommen zu werden, stellte sie fest, dass sein Gesicht eigentlich ganz hübsch war. Wenn er nicht gerade finster dreinschaute.

Seine Augen jedoch musste man schön nennen. Sie waren von einem silbrigen Grau und von langen dunklen Wimpern umrahmt. Nach nur wenigen Tagen bei Hofe verstand Arabella bereits, dass die Damen dieses Königreichs bereit wären, ein Verbrechen zu begehen, um in den Besitz solcher Wimpern zu kommen. Die düsteren Brauen verliehen dem Ritter jedoch einen etwas furchterregenden Ausdruck, auch wenn er sie nicht runzelte. Den Rest seines Gesichts konnte man nur als hager beschreiben, mit einem harten, eckigen Kinn und hohen Wangenknochen.

Arabella errötete, als ihr klar wurde, wie genau sie Tristan Carlisle studierte, obgleich der doch ganz und gar keine hohe Meinung von Frauen hatte. Vermutlich war er die Art von Mann, vor der ihre Familie sie bei Beginn ihrer Reise gewarnt hatte.

Tristan blieb stehen, und während er einen fein gearbeiteten Gegenstand von dem ausgebreiteten Tuch voller Silberware aufhob und betastete, sprach er mit dem Jungen hinter dem Ladentisch. Arabella konnte erkennen, dass der Ritter ein kleines Messer in der Hand hielt.

Es war lächerlich, sich an ihn heranzuschleichen. Dennoch näherte sie sich vorsichtig. Plötzlich war sie neugierig und wollte wissen, was er den Jungen wegen des Messers fragte.

„… aus Indien“, hörte Arabella den Jungen zu Tristan sagen. „Ich selbst habe es den ganzen Weg hierher gebracht.“

Während der Junge prahlte, nahm Tristan den Dolch mit dem glatten Griff in die Hand. Arabella blickte voller Verlangen auf die kleine Waffe und dachte, dass sie genauso aussah, wie jene, welche sie verloren hatte, bevor sie nach Prag gekommen war.

„Kannst du deshalb eine immense Summe dafür fordern? Weil es dich auf der langen Reise zu Boden drückte?“ Tristan kniff den Burschen leicht in den Arm. „Du solltest öfter ein Schwert schwingen. Dann erschiene dir ein so leichtes Messer vielleicht nicht als so große Last.“

Sich in die Brust werfend, verteidigte sich der Junge mit dem Mut der Jugend.

„Es ist nicht so teuer, weil es so eine große Last war. Es kostet so viel, weil es das Messer einer Hexe ist. Es wird dazu benutzt, magische Kreise zu ziehen, um Dämonen anzubeten.“ Die letzten Worte flüsterte der Junge fast, gerade so, als teilte er dem Ritter ein großes Wissen mit.

Arabella hatte für dieses Märchen nur Verachtung übrig. Dämonen, also wirklich! Laut Zaharia benutzten andere Heiler eine solche Waffe auf symbolische Weise. Sie taten so, als würden sie die Welt zerschneiden, um in ihr Innerstes zu blicken und zu beten.

Tristan lachte über des Hausierers Verhalten. „Du magst deine Wunderwaffe behalten. Ich glaube, ich habe bereits ein Messer. Es gleicht dem, das du verkaufst.“

Der Ritter zog etwas aus seiner Tasche und hielt es dem Jungen hin.

Arabellas Kräutermesser.

„Bei allen Heiligen!“, schrie der Junge und seine dunklen Augen weiteten sich. „Ich hoffe, Ihr habt es segnen lassen. Diese Klinge stammt sicher von einer mächtigen Zauberin.“

Arabella war versucht hinzulaufen und das Messer dem großen Ritter aus der Hand zu reißen. Wie konnte er es wagen, es ihr zu stehlen?

„Eine mächtige Zauberin, was? Nun, vielleicht war sie das.“ Das Messer wieder in die Tasche steckend, warf er eine Münze in die Luft, damit der Junge sie fing. „Danke, Bursche. Mit Märchen wie diesen wirst du eines Tages noch ein guter Geschichtenerzähler.“

Vielleicht war sie eine Zauberin? Was hatte das zu bedeuten?

Arabella wunderte sich, ob der Ritter den Jungen verspottete oder ob er tatsächlich glaubte, im Wald auf eine zaubernde Hexe gestoßen zu sein. Wenn sie an ihre seltsame Begegnung bei den Eichen zurückdachte, konnte Arabella sich schon vorstellen, dass sie mit ihrem Haar voller Zweige und Blätter und den verweinten Augen zum Fürchten ausgesehen hatte. Sie heulte damals tatsächlich aus voller Kehle, als würde der Himmel einstürzen, aber doch nur, weil sie sich sicher gewesen war, allein zu sein.

Oh ja, sicher hatte sie auf den englischen Ritter einen bleibenden Eindruck gemacht.

Sie überlegte, den Jungen selbst nach dem Messer zu fragen und wollte Maria bitten, mit ihr zu kommen. Aber als sie sich nach ihrer Freundin umschaute, war das Mündel des Königs nirgendwo zu finden.

Arabella versuchte, ruhig zu bleiben. Sie konnte Maria nicht entdecken. Mit einem Mal musste sie an das Gerücht von den entführten Frauen denken. Sie hätte Maria keine Sekunde lang von der Seite weichen dürfen. Sie lief die Reihen der Zigeunerwagen entlang und suchte rufend nach ihrer Freundin.

Aufgeregt in jede erdenkliche Ecke spähend, erreichte sie eine Reihe von Zigeunerbuden, an denen es laut zuging und wollte wieder umkehren.

„Kann ich Euch helfen, edle Dame?“

Ein Mann fasste sie am Arm.

Arabella biss sich hart auf die Lippen, um nicht in Panik zu verfallen.

„Nein danke, mein Herr.“ Sie riss sich los und trat von ihm fort.

„Eine Frau so allein braucht aber doch Hilfe.“ Der Fremde war ein gut gekleideter Böhme, doch Arabella gefiel das stählerne Glitzern seiner Augen nicht.

Inzwischen war es Arabella gleich, ob sie Aufsehen erregte. Sie raffte ihre Röcke, um wegzurennen und wurde so heftig zurückgerissen, dass ihr kurz die Luft wegblieb.

Das Benehmen des Mannes änderte sich, als er sie jetzt mit unerwarteter Kraft hinter einen großen, zum Verkauf aufgehängten Teppich an einer Händlerbude schubste.

„Hilfe!“, schrie Arabella aus voller Kehle, bevor das Ungeheuer sie zu Boden stieß und ihr brutal die Hand auf den Mund presste.

Tristan und Simon saßen bereits auf ihren Pferden und wollten sich auf den Weg machen, als ein Schrei den Lärm des Marktplatzes übertönte. Es bedurfte keiner langen Worte. Die Männer stürmten los.

Tristan lenkte sein Pferd über den mit Menschen übervollen Marktplatz und ignorierte den Protest der Leute, die ihm den Weg frei machen mussten.

Mit einem schnellen prüfenden Blick grenzte er die möglichen Orte ein, von denen der Schrei hatte herrühren können. Es kamen zwei Stellen in Betracht: entweder die Rückseite eines Zigeunerwagens in einer ruhigen Ecke des Marktes oder die Stelle hinter einem gewirkten Teppich ganz in der Nähe davon. Tristan hielt sein Pferd völlig ruhig und beobachtete die beiden Orte, lauschte mit dem feinen Gehör eines Mannes, der an heimliche Überfälle im Krieg gewöhnt war.

Außer dem Geschrei unzufriedener Händler hinter ihm konnte er nichts wahrnehmen. Doch bald bemerkte er, wie sich der Teppich knapp über dem Boden bewegte. Tristan zog sein Schwert, hieb den Teppich herunter und erblickte zwei miteinander kämpfende Gestalten.

Er sprang vom Pferd, trat den schweren Teppich zur Seite und enthüllte einen Böhmen mittleren Alters und eine Masse bestehend aus grünem Samt und dunklen Haaren.

Eine Edelfrau.

„Lasst sie sofort los.“ Obwohl er ganz ruhig sprach, spürte er die Wut in seinen Adern wallen. Klugerweise gehorchte der Mann seinem Befehl und rappelte sich auf.

Tristan achtete nicht darauf, dass Simon den laut protestierenden Schuft aus dem Tumult fortzerrte. Seine Augen waren auf die Frau vor ihm gerichtet.

Arabella Rowan, die unzugängliche Schönheit, die er am Abend zuvor bei Prinzessin Annes Empfang getroffen hatte. Nur sah sie heute bei Weitem nicht so gepflegt aus. Nachdem sie auf dem Boden hin- und hergerollt war, war sie jetzt staubig und zerzaust und …

Verdammt.

Tristan war für einen Moment fassungslos, als sein Bild von der zurückhaltenden Arabella Rowan sich mit seiner Erinnerung an die grünäugige Zauberin aus dem Wald deckte. Die beiden waren ein und dieselbe Person.

Ihr Haar, am Abend zuvor noch glänzend und kunstvoll frisiert, stand ihr jetzt in einem fürchterlichen Wirrwarr vom Kopf ab. Mit Staub bedeckt und mit Schmutz verschmiert erinnerte sie ihn daran, wie sie ihm im Wald begegnet war.

Es war jedoch dieses wilde Funkeln in ihren Augen, das ihre Identität bestätigte. Anders als ihre Erscheinung bei Hofe, strahlte sie jetzt Leidenschaft aus. Hitze. Ihre Angst und ihr Zorn waren fast greifbar. Es war mit einem Blick zu erkennen: Dieses Mitglied von Prinzessin Annes königlichem Hofstaat war nicht die Edelfrau, für die man sie hielt.

Arabella wusste, wann er sie erkannt hatte. Im Zusammenkneifen seiner dunkler werdenden Augen verriet ihn die aufblitzende Erinnerung.

Er ging auf sie zu. Arabellas erste Reaktion war, dass sie zurückweichen wollte. Doch er war zu schnell. Mit großen, harten Händen packte er sie um die Taille und hob sie hoch, als wäre sie nicht schwerer als ein Kind. Kaum hatte er sie auf die Füße gestellt, ließ er sie rasch wieder los, und Arabella gewann den Eindruck, als hätte ihn die Berührung genauso verwirrt sie.

„Seid Ihr unverletzt, Lady Arabella?“ Die Art, wie er „Lady“ betonte, war ausgesprochen unangenehm. Er deutete damit an, dass er bezweifelte, ob sie diesen Titel wirklich verdiente.

Sie nickte, und ihre Sprachlosigkeit verriet, wie unwohl sie sich fühlte.

„Hatte der Mann Euch angesprochen?“

Weil sie den Mann bestraft sehen wollte, zwang sich Arabella, mit Tristan zu reden. Sie räusperte sich und sah ihn an.

„Er bot an, mir bei der Suche nach Maria zu helfen. Ich hatte sie einen Moment lang aus den Augen verloren und machte mir Sorgen, es könnte ihr etwas zugestoßen sein.“

„Und als Ihr seine Hilfe ablehntet, überfiel er Euch?“

„Ja.“

„Wenn wir Prag verlassen, steht Ihr unter meinem Schutz. Ihr werdet nie ohne Begleitung eines Mannes ausgehen. Habt Ihr mich verstanden?“

Ein seltsamer Befehl wenn man bedachte, dass heute nichts Schlimmes geschehen war, bevor sich ein Mann ihr genähert hatte. Doch vielleicht hätte die Prinzessin eine der Wachen beauftragen sollen, sie zu begleiten, da erst kürzlich andere Edelfrauen verschwunden waren.

Außerdem hätte Arabella vielleicht doch nicht ihrem Herzenswunsch folgen sollen. Sie hätte Maria nicht bitten dürfen, die sichere Kutsche zu verlassen, um den Markt zu erkunden. Gewissensbisse plagten sie und ließen ihre Worte vielleicht schärfer klingen als beabsichtigt.

„Einmal unter Eurem Schutz stehend, hätte ich gehofft, von niemandem überfallen zu werden, Sir.“

„Launische Mädchen kann ich nicht schützen.“

Sie fing seinen Blick auf und spürte die Schärfe seiner Bemerkung. Tristan Carlisle hielt sie für unwürdig, am böhmischen Hof zu sein. Weil er gesehen hatte, wie sie da draußen in dem Ring aus Eichen ihrem Zorn freien Lauf gelassen hatte, glaubte er nicht, dass sie wirklich von Adel war.

„Launisch?“ Seine Bemerkung beleidigte ihre Großmutter und ihre Herkunft genauso, wie sie sie selbst beleidigte.

„Arabella!“, rief eine dünne Stimme, kurz bevor Maria selbst aus der sich dicht um Arabella und Tristan drängende Menge auftauchte und beide Arme um ihre Freundin schlang. „Bist du verletzt?“

Während Arabella Maria versicherte, dass sie bei guter Gesundheit sei, kühlte ihre Wut ab. Sie entschied, dass es zwecklos war, Tristan alles zu erklären. Er würde doch nur glauben, was er wollte.

Wer weiß, wahrscheinlich hielt die Mehrheit der Mitglieder des böhmischen Hofs sie wegen ihrer ungewöhnlichen Erziehung für eine merkwürdige Person. Welchen Unterschied machte es da, dass Tristan Carlisle diesem Urteil zustimmte?

Am meisten bedauerte Arabella an diesem Tage aber, dass sie die wichtigste Regel ihrer Großmutter missachtet hatte. Im Laufe des Nachmittags war sie zum Mittelpunkt des Interesses geworden.

Nachdem er einen fruchtlosen Nachmittag lang sich bemüht hatte, Antworten aus dem Händler herauszuquetschen, der Arabella überfallen hatte, begleitete Tristan Simon zurück zur Burg, um die Reisevorbereitungen fortzusetzen. Sie hatten erfahren, dass der Name des Mannes Ivan Litsen war. Doch über sein Motiv hatten sie herzlich wenig herausbekommen. Der Mann schien sich wegen seines Zusammentreffens mit Arabella wenig Sorgen zu machen, denn er versicherte Tristan, dass viele Männer in seinem Bekanntenkreis beim Anblick einer schönen jungen Frau ohne Begleitung, auf einem überfüllten Marktplatz das Gleiche getan hätten.

Wenn dem so war, warum hatte dann die Prinzessin Arabella und Maria erlaubt, in die Stadt zu fahren? Hatte Arabella Feinde bei Hofe?

„Arabella Rowan ist eine Hübsche“, stellte Simon fest, während er neben Tristan reitend vom Sattel aus den Horizont absuchte.

Seitdem sie die Gasse auf der anderen Seite des Marktes verlassen hatten, wo sie Litsen lang und breit befragt und ihn dann dem Gewahrsam der königlichen Garde übergeben hatten, versuchte Simon, ein Gespräch anzufangen.

„Leidlich hübsch.“ Tristan hatte keine Lust mit seinem Freund über diese Frau zu reden. Simons Appetit auf Zerstreuung durch die holde Weiblichkeit hatte bei ihren seltenen Ausflügen an den Hof des englischen Königs mehr als einen, auf den Schutz seiner Tochter bedachten Vater erzürnt.

„Bist du blind? Solche Schönheit ist bei einer Dame so selten, dass sie einem doch sofort auffällt.“

„Sie ist keine Dame.“ Tristan fragte sich, ob er bei Hof der Einzige war, der von Arabellas bäuerlichen Wurzeln wusste.

„Es freut mich, das zu hören. Somit haben sich in diesem Moment die Aussichten für unsere Heimfahrt gebessert.“

„Nein.“ Tristan hegte den Verdacht, dass er gerade geschickt beeinflusst wurde – sein Kumpan wollte sein eigenes Interesse an Arabella prüfen. Aber die Erkenntnis verhinderte nicht die Woge besitzergreifenden Gefühls, die ihn überkam, wenn er sich Simon zusammen mit dieser grünäugigen Schönheit vorstellte.

„Verzeihung? Sprach der Sultan des Schweigens etwa?“

„Sie ist nicht dein Typ von Frau, Percival, und wir beide wissen das. Du wolltest doch nur in Erfahrung bringen, wie ich auf dieses Mädchen reagiere. Warum fragst du nicht einfach?“ Verärgert, weil ihm klar wurde, dass er sich tatsächlich von Arabella angezogen fühlte – nein, er war mehr fasziniert als von ihr angezogen – besaß Tristan nicht die Geduld, leerem Gerede über sie lauschen zu müssen. Trotzdem hörte er zu, denn Simon war sein Bruder im Geiste, wenn auch nicht im Blut.

„Und ich glaubte, besonders schlau zu sein.“ Simon lachte. „Doch da du es mir anbietest, also, ich bin neugierig, was du über Lady Arabella denkst.“

„In einer der letzten Nächte, als wir auf dem Weg nach Prag unser Lager aufschlugen, stieß ich im Wald auf sie. Und da hatte sie wenig Ähnlichkeit mit der Hofdame, die sie hier der Prinzessin vorspielt.“ Er hatte damals sein Erlebnis nicht mit Simon geteilt. „Ich kann nicht sagen, ob die anderen Edelleute die Hochstaplerin in ihrer Mitte bemerkt haben oder ob Prinzessin Anne mit Absicht einen so großen Hofstaat wie möglich zusammengestellt hat, ohne auf die Herkunft ihrer Reisegefährtinnen Wert zu legen. Auf jeden Fall ist Lady Arabellas höfische Fassade eine Fälschung.“

„Vielleicht ahnt die Prinzessin nichts davon, und Arabella hat einfach ihren reizenden Körper dazu benutzt, einen Edelmann in ihr Bett zu locken, um auf diese Weise in den Hochzeitszug aufgenommen zu werden.“

„Ich überlasse es dir, die skandalösesten Möglichkeiten in Betracht zu ziehen.“ Bei Gott, vor allen anderen hätte Tristan als Erster so etwas überlegen müssen. War er doch von einer Frau betrogen worden, die nach einer höheren Stellung verlangte, als ein niederer Ritter ihr hätte bieten können.

„Frauen müssen ihre Mittel einsetzen. Eine harte Lektion, die wir beide zu lernen hatten, Tristan. Meinst du nicht auch?“

„Da ist noch mehr.“ Mit wenigen Worten berichtete Tristan ihm von dem Messer, das er nach Arabellas Verschwinden in jener Nacht gefunden hatte. „Es kann ein einfaches Werkzeug zum Schneiden von Kräutern sein. Doch es gibt Leute, die glauben, dass solche Messer zeremonielle Gegenstände der weisen Frauen der Zigeuner sind oder …“

„Du willst damit doch nicht andeuten, das Mädchen ist …“

„Ich deute gar nichts an. Ich erzähle dir nur von meinem Fund und spreche über den hiesigen Aberglauben.“

„Du glaubst doch solchen Unsinn nicht.“

„Ich habe keine Angst, dass das Mädchen mich in eine hüpfende Kröte verwandeln könnte, wenn es das ist, was du meinst. Doch ich weiß, dass sie nicht die ist, die sie zu sein vorgibt.“

Immerhin waren sie in einem nicht sehr zivilisierten Land. Eine in der böhmischen Wildnis aufgewachsene Frau konnte einen gefährlichen Einfluss auf den englischen Hof haben, selbst wenn ihr einziges Verbrechen das der Täuschung war.

„Das ist alles ein ausgemachter Schwachsinn“, bemerkte Simon und zügelte sein Pferd, als sie sich den Unterkünften der Ritter nahe dem Hauptgebäude näherten. „Arabella Rowan ist nichts als eine wilde Schönheit mit überirdisch grünen Augen. Und du würdest sie eine Zigeunerhexe nennen.“

„Kaum. Vielleicht will ich sie stattdessen einfach nur mein nennen.“ Er sprach die Worte aus, ohne lange darüber nachgedacht zu haben. Aber der Gedanke barg eine gewisse Verlockung in sich.

„Hast du den Verstand verloren? Was ist aus deiner Abneigung gegenüber betrügerischen Frauen geworden?“

„Vielleicht verlangt mein Gerechtigkeitssinn, dass ich keiner anderen ehrgeizigen Frau erlaube, den Hof nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen.“ Tristan war nicht mehr der Bastard, der einst von Elizabeth Fortier zurückgewiesen worden war. Nachdem er mit ansehen musste, wie sie, nachdem er sie umworben hatte, einen viel älteren und reicheren Mann um den Verstand brachte, hatte er seine unabsichtliche Komplizenschaft bei ihrem Plan bedauert.

Elizabeth mochte er nicht denunziert haben, doch er besaß die Macht, Arabella Rowan die Maske vom Gesicht zu reißen.

In England wäre Arabella das Problem des Königs, doch bis sie London erreicht hatten, würde Tristan ein aufmerksames Auge auf diese gewissenlose Frau mit der geheimnisvollen Vergangenheit haben.

„Du solltest besser vorsichtig sein, mein Freund.“ Simon grinste mit spöttisch erhobener Braue, als er von seinem Pferd stieg. „Wenn deine Zauberin wirklich eine verkleidete weise Frau ist, dann kostet dich das vielleicht mehr, als du zu zahlen bereit bist.“

Tristan leugnete es nicht.

4. KAPITEL

Nach mehreren Tagen in Prinzessin Annes Kutsche befürchtete Arabella bei all der langweilig höflichen Konversation zwischen den mit Samt ausgeschlagenen Kutschwänden langsam zugrunde zu gehen.

Wenigstens besaß die Kutsche Fenster, die eine gelegentliche Brise hereinließen. Doch die Aussicht war beunruhigend.

Oft ritt Tristan Carlisle neben der königlichen Kutsche und verschaffte Arabella dadurch zu häufig die Gelegenheit, über diesen Mann nachzudenken.

Er schien sich im Sattel seines Schlachtrosses wohler zu fühlen als die meisten Männer auf ihren eigenen zwei Füßen. Das schwarze Haar trug er im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der nachlässig über seinen Mantel fiel. Wie üblich in strenges Schwarz gekleidet, waren an ihm keine Auszeichnungen zu erkennen, keine Spur von einem Familienwappen, kein Hoheitszeichen des Königs und kein Orden. Als würde ihn keine Treuebande an irgendjemanden oder irgendetwas binden.

Arabella verstand nicht, warum er immer wieder ihre Blicke anzog.

Er war gefährlich. Arabella war davon überzeugt, weil ihre Mutter ihr versichert hatte, jeder Mann wäre das. Und durch seine rüde Unterhaltung mit seinem Freund wusste sie, dass es eine Gewohnheit von ihm war, Frauen auszunutzen. Die Tatsache, dass es gewöhnlich Witwen waren, minderte Arabellas Missbilligung nicht.

Und doch … er hatte sie gerettet.

An dem Tag auf dem Markt war ihr vor Angst fast der Verstand geraubt worden. Wie eine Wahnsinnige hatte sie sich mit aller Kraft gegen ihren Angreifer gewehrt. Die furchtbare Gewissheit, dass er ihr ernsthaft etwas antun wollte, hatte sie wie verrückt um sich treten und schlagen lassen.

Aus dem Nichts war Tristan erschienen. In diesem Augenblick hatte ihr Herz vor lauter Erleichterung einen Sprung gemacht. Wie er sich so drohend über die Bestie, die ihr wehtat, beugte, war er ihr überlebensgroß erschienen. Ja, Tristan Carlisle war gefährlich, doch all die Kraft und die Stärke waren auf ihrer Seite gewesen. Dieses Gefühl vollkommenen Schutzes konnte sie nicht vergessen.

Weil sie sich nicht sicher war, wie sie mit dieser Mixtur unterschiedlichster Gefühle umgehen sollte, hatte Arabella ihr Bestes getan, ihn seit ihrer Abreise aus Prag zu meiden. Ihre Augen besaßen jedoch offenbar einen eigenen Willen.

Gedankenverloren starrte sie auf seinen breiten Rücken. Als ob er merkte, dass sie ihn beobachtete, drehte sich Tristan überraschend um, und ihre Blicke trafen sich.

Errötend schaute sie auf ihre im Schoß gefalteten Hände. Doch er ritt dichter heran. Arabella konnte seine Gegenwart spüren. Er zügelte sein Pferd nahe an Annes Fenster, nur wenige Handspannen von Arabellas Fenster entfernt.

„Ich bitte um Verzeihung, Prinzessin. Wir sind jetzt in Köln“, teilte Tristan Prinzessin Anne mit. „Es wird noch den ganzen Tag dauern, bis wir die Ländereien der Countess erreichen. Möchtet Ihr ohne Unterbrechung weiterreisen?“

„Ich möchte heute Nacht unter dem Dach der Gräfin von Richt schlafen.“ Anne schenkte ihm ein warmes Lächeln. „Glaubt Ihr, wir werden dort rechtzeitig für ein spätes Nachtmahl ankommen?“

„Wir werden uns beeilen, um es zu ermöglichen. Ich wünsche Euch noch einen guten Morgen. Prinzessin, Myladies.“ Mit einem kurzen Neigen des Kopfes nahm er die anderen Damen in der Kutsche zur Kenntnis und verschwand daraufhin, um sich wieder an die Spitze der Reisegesellschaft zurückzubegeben.

Arabella versuchte, sich über die Gefühle klar zu werden, die er durch seine bloße Gegenwart in ihr weckte und beschloss, sich alle Mühe zu geben, während ihres Aufenthaltes auf dem Besitz der Gräfin ihre Distanz zu ihm aufrechtzuerhalten. Ganz gleich, was es auch zu bedeuten hatte, dass ihr Puls anstieg, wenn Tristan in der Nähe war, es konnte nichts Gutes sein. Da war sie sich sicher.

„Lasst die Belustigungen beginnen“, verkündete Gräfin von Richt nach einem schier endlosen Abendessen.

Endlich.

Arabella, die von ihrem Platz aus ungehinderte Sicht auf Tristan Carlisle und Rosalyn de Clair hatte, war die Dauer des Essens wie eine Ewigkeit vorgekommen. Obwohl sie sich geschworen hatte, sich nicht um den Ritter zu kümmern, verdarb ihr der Anblick der beiden den Appetit.

„Begleite mich, Arabella.“ Maria zog sie zur einen Seite des Raums, wo man die Schragentische fortgeräumt hatte, um Platz für den Tanz zu schaffen.

Als die Musik begann, war einer der Söhne der Gräfin Marias Tanzpartner. Arabella beobachtete fasziniert, wie die Paare sich in einem graziösen Wirbel aus Samt und Seide drehten. Die Roben der Damen bauschten sich rauschend um ihre Füße, die Köpfe der Männer neigten sich, um den Damen leise Worte zuzuflüstern. Und es schien, als ließe die Musik die Paare elegant über den Boden gleiten. Es war so hübsch.

„Würdet Ihr es ihnen gerne gleichtun?“, fragte eine Stimme hinter Arabella. Sie wusste, wer dort stehen würde, wenn sie es jetzt wagte, sich umzudrehen. Arabella lief ein Schauer über den Rücken.

„Nein danke“, flüsterte sie, und war weder fähig, ihn anzusehen noch fortzugehen.

„Es scheint Euch doch zu gefallen.“ Auch wenn sie sich nicht berührten, fühlte sie seine Wärme im Rücken.

Sie schluckte hart.

„Es ist schön.“ Ihr Herz klopfte so laut, er musste es trotz der Musik der Spielleute hören. Doch war es Angst? Nach dem Angriff auf dem Markt wusste Arabella, was nackte Angst war. Das hier war es nicht.

„Seid Ihr als Kind des Nachts aus dem Bett geschlichen, um die Unterhaltungen Eurer Eltern in der Burg zu belauschen?“

Seine Frage verwirrte sie. „Oh nein. Mein Heim ist nicht so prächtig wie dieses hier. So einen Tanz wie heute Abend hier habe ich noch nie zuvor erlebt.“

Die Momente, in denen sie in warmen Sommernächten unter den Sternen zu der Musik des Himmels getanzt hatte, zählte sie nicht. Als sie jetzt beobachten durfte, wie die anderen tanzten, erschienen ihr ihre einfachen Schritte von damals primitiv.

„Tanzt Ihr nicht?“

„Ich kann es nicht.“ Eines der Paare glitt an ihr vorüber, und lächelnd dachte Arabella, dass ihre Großmutter gut daran getan hatte, sie in die Welt zu schicken, auch wenn sie sich vor dieser Erfahrung gefürchtet hatte.

Und sich immer noch fürchtete, besonders mit einem kraftvollen Krieger hinter sich und einem Durcheinander verwirrender Gedanken in ihrem Kopf.

„Aber Ihr würdet es gerne lernen.“

„Ja, aber …“, begann sie, bis ihr einfiel, dass sie jetzt nicht mehr so ohne Weiteres ihre Meinung sagen konnte. „Ich meine, nein. Vielleicht eines Tages …“ Sie sprach nicht weiter. Selbst in ihren Ohren klang ihre Antwort nicht überzeugend.

„Ich würde mich freuen, es Euch zu lehren.“ Er drehte sie sanft zu sich um, sodass sie ihn anblicken musste. Seine Berührung verwirrte ihr die Sinne.

Heute Abend sah er anders aus. Bereits als er noch neben der Edlen Dame Rosalyn saß, war ihr das aufgefallen. Doch als sie ihn jetzt aus der Nähe betrachtete, konnte sie die feinen Unterschiede erkennen. Der dunkle Umhang wurde von einer Brosche gehalten, die ineinander verschlungene Schlangen darstellte. Die Saphiraugen der seltsamen Bestien glitzerten.

Die Tunika, die er unter dem Umhang trug, war aus hellem, feinem Leinen und sorgfältig mit kleinen Stichen genäht. Der Stoff hob sich von seinen dunkleren engen Beinkleidern ab. Am sauberen Geruch seiner Kleider merkte Arabella, dass sie von den Mägden der Prager Burg gewaschen worden waren. Sie erkannte den Duft der süß duftenden Kräuter, die die Waschfrauen ihrer Seife hinzufügten.

Du lieber Himmel, wie lange sie ihn wohl schon so betrachtete?

„Nein danke, Sir.“ Ohne es zu wollen klang sie kalt. Sie schuldete ihm so viel und hatte ihm noch nicht einmal gedankt. Aber er brachte sie völlig durcheinander.

In diesem Augenblick brach die Musik ab und man wechselte die Partner. Rosalyn de Clair löste sich vom Arm eines der vielen Söhne der Gräfin Richt und heftete sich an Tristans Seite.

„Tristan, Ihr verspracht mir einen Tanz.“ Die Frau berührte mit bebender Hand leicht seinen Arm.

Arabella gelobte sich, ihre Gefühle für einen Mann nie so offen zu zeigen. Sie ergriff die Gelegenheit, der Verwirrung zu entfliehen, in die Tristan sie stürzte, und eilte aus dem Saal. Sie erreichte das Hauptportal der Burg und ohne noch einmal zurückzublicken, hastete sie die Stufen hinunter in den kalten Abend hinaus. Es war Spätherbst, aber nach der berauschenden Atmosphäre im Saal half ihr die frische Nachtluft, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Die Nähe des Mannes und die Schönheit der Tänzer hatten sie verzaubert und gebannt.

Rosalyn de Clairs Auftauchen war ein willkommener Schlag ins Gesicht gewesen. Die Edelfrau mit dem rabenschwarzen Haar und dem violetten Gewand erinnerte Arabella an die Nachtschattenpflanze, eine schöne, aber giftige Blume.

Bei dem Gedanken an diese Blume wurde sich Arabella bewusst, dass sie allein hier draußen war. Vielleicht konnte sie jetzt die Umgebung nach späten Herbstkräutern absuchen. Wie sehr sie ihren Wald vermisste! Von den Ländereien der Rowans hatte sie viele verschiedene Kräuter mitgebracht. Aber es wäre doch interessant einmal zu sehen, was es in diesem Teil der Welt zu entdecken gab. Vielleicht sogar etwas ganz Ungewöhnliches, das sie gar nicht benennen konnte.

Die Aussicht war so verlockend, dass sie sich von der Burg entfernte. Sie fand etwas Weißdorn und einige Gewürzkräuter, doch wegen der späten Jahreszeit nur wenige Heilpflanzen. Sie benutzte ihr Gewand, um die Kräuter, die sie pflückte, darin zu tragen.

Es war zunehmender Mond, und das war gut. Während dieser Zeit konnte man heilkräftige Pflanzen sammeln. Arabella hatte keinen Grund, andere haben zu wollen. Sie interessierte sich für Pflanzen wegen deren Heilkraft. Aber sie wusste, dass es andere Menschen gab, die sie verwendeten, um Unheil anzurichten. Zaharia war früher auf solche Leute getroffen und hatte ihr versichert, dass sie sehr gefährlich sein konnten.

Der Gedanke an solche Düsternis ließ es Arabella kalt über den Rücken laufen, und sie zeichnete mit einem kleinen Weißdornzweig einen Kreis um sich. Weißdorn war ein Schutzstrauch und versprach Glück. Seine Zweige konnten dazu benutzt werden, böse Geister abzuwehren.

„Hexerei wird in diesem Land mit dem Tode bestraft, chovihani.“

Arabella war so überrascht, dass sie ihren zusammengerafften Rock mit den Kräutern darin zu Boden fallen ließ und weglaufen wollte.

„Diesmal nicht, Arabella.“

Eine warme Hand griff nach ihr, und sie fand sich in den starken Armen Tristan Carlisles wieder, der sie festhielt.

5. KAPITEL

Chovihani?“, fragte sie, eher erbost als ängstlich.

Es war das Zigeunerwort für Hexe. Arabella gefiel diese Bezeichnung nicht oder die Andeutung, dass sie irgendein Verbrechen begangen hätte. Sie versuchte sich freizukämpfen, aber er lockerte seinen Griff nicht.

„Ich wollte Euch nicht erschrecken. Ich fragte mich nur, wohin Ihr verschwunden wart.“ Seine Stimme schmeichelte ihrem Ohr, und sie fühlte, wie ihr die Knie ein wenig schwach wurden, während er sprach. Und da war auch dieses Flattern in ihrem Bauch, das nur erwachte, wenn er in ihrer Nähe war. Sie hörte auf, sich zu wehren, und er ließ sie los.

„Was meint ihr damit, wenn Ihr mich eine Hexe nennt?“

„Stellt Euch doch vor, wie ich Euch gesehen habe.“ Tristan wandte sich ab und blickte zu dem mit Sternen übersäten Himmel hinauf. „Ich glaube mich allein in den böhmischen Wäldern, bis ich einen entsetzlichen, herzzerreißenden Schrei höre, wie von einem leidenden Tier. Und als ich mich tiefer in den Wald wage, finde ich eine schöne, laut jammernde Frau in einem Ring uralter Eichen.“

Arabella spürte, wie sie heiße Wangen bekam.

„Doch sie ähnelt keiner Frau, die ich je erblickte.“ Er trat näher. Arabella konnte sich nicht rühren. „Sie ist barfüßig. Ein Schleier aus wirrem Haar hüllt sie bis zur Taille ein, und sie ist mit Zweigen und Blättern bedeckt. Sie ähnelt einer Waldnymphe oder … einer Zauberin.“

Arabella schüttelte in stummem Widerspruch den Kopf. „Ich habe nie …“

„Dann, als ich ihr wieder begegne, ist sie in eine Prinzessin verwandelt, in eine Frau, an der ich nichts wiedererkenne – bis auf die grünen Augen. Doch dann und wann erhasche ich einen Blick auf die wilde Frau draußen im Mondlicht, die Kräuter sammelt, um seltsame Tränke zuzubereiten und in einer Art altem Ritual mit Stöcken um ihren Kopf herumwedelt.“

„Ich bin keine chovihani. Wenn manche Leute meinen wollen, dass Medizin eine Art Hexerei ist, dann zeigt das nur ihre Unwissenheit. Doch ich glaube, dass Ihr es besser wisst.“ Zumindest hoffte sie es. Sie hatte Intelligenz in seinen grauen Augen erspäht. „Vielleicht nennt Ihr mich drabarni, Kräuterfrau. Dieser Name würde besser passen.“

„Ihr seid eine Heilerin?“, fragte er und schaute sie aufmerksam an.

„Ich versuche es zu sein. Es wird immer einige Krankheiten geben, die man unmöglich heilen kann. Aber ich versuche, Heilmittel und Mittel zur Erleichterung der Leiden zu finden. Und in manchen Fällen habe ich die Gabe, wirklich heilen zu können. Doch selbst wenn ich nicht heilen kann, so kann ich gewöhnlich doch helfen.“

Sie war stolz auf ihr Können und hatte ihr Leben lang daran gearbeitet, in den Heilkünsten genauso viel Wissen zu erringen wie ihre Großmutter. Sie sah keinen Grund, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen.

„Ihr besitzt ein großes Talent“, sagte Tristan. In seiner Stimme lag ehrliche Bewunderung. „Aus jahrelanger Erfahrung auf dem Schlachtfeld weiß ich einen guten Heiler zu schätzen. Es ist schmerzlich, einen tapferen Mann sterben zu sehen, dessen Zeit noch nicht gekommen ist. England braucht Euch sehr nötig.“

„Vielleicht braucht es mich, aber wird es mich auch wollen?“ Arabella blickte zu dem halben Mond hinauf und ein kalter Schauer überlief sie.

„Was meint Ihr damit?“

„Wird England mich willkommen heißen, oder wird sein Volk den gleichen Fehler machen wie Ihr und mich wegen meines Berufs meiden?“

„Haben andere diesen Irrtum begangen?“

„In der Tat, Sir. Ihr seid einer der wenigen, die sich die Mühe machten, ihren Fehler wenigstens zuzugeben. Die meisten fühlen sich wohler in ihrem Aberglauben, selbst wenn ihnen die Wahrheit über meine Begabung in die Augen sticht. Wäre ich weniger begabt, würden die Menschen mich nicht der Hexerei bezichtigen. Weil ich so außergewöhnlich gut bin in meiner Kunst, vermittle ich den Leuten ein unangenehmes Gefühl.“

Tristan runzelte die Stirn. „Ich glaube, wenn sie erst einmal Zeuge Eurer Fähigkeiten geworden sind, werden die meisten Leute dankbar sein.“

Sie war sich dessen nicht so sicher und zuckte nur die Achseln.

„Ich muss jetzt wirklich zur Burg zurück.“

„Wartet.“ Er streckte die Hand aus und schloss die Finger leicht um die ihren. „Lasst mich Euch zeigen, wie man tanzt.“

Es war nicht Tristans Absicht gewesen, sie so viel zu fragen. Er wusste kaum, warum er ihr durch die ganze Burg nachgejagt war. Zum Teil hatte er sich Rosalyn de Clairs Gesellschaft entziehen wollen. Sein Verstand warnte ihn vor ihren unverhüllten Annäherungsversuchen. Doch er vermutete, dass Arabella ihn mehr faszinierte, als sie sollte. Er hatte eine Schranke aufrichten wollen zwischen seinen Rittern und den böhmischen Edelfrauen. Doch von Arabella fühlte er sich auf besondere Weise angezogen, ganz gleich, wie sehr er sich dagegen auch wehrte.

Jetzt ertappte er sich dabei, dass er vor ihr den Höfling spielte, wo doch das, was er wirklich wollte, viel weniger keusch war.

„Ich sollte nicht bleiben.“ Ihre Augen jedoch erzählten ihm eine ganz andere Geschichte. Und ihre Füße – mit denen sie wie festgewachsen auf der dunklen Erde des felsigen Abhangs stehen blieb – erzählten sogar noch mehr.

Er würde die Situation nicht ausnutzen. Doch er konnte noch ein wenig mit ihr verweilen.

„Wir bleiben nur einen Augenblick. Würde es Euch nicht helfen, die Schritte unserer Tänze hier draußen zu lernen, wo es außer den Bäumen keine Zeugen gibt? Die großen Säle der Burgen des englischen Königs könnten weniger milde in ihrem Urteil sein.“

Sie biss sich auf die Lippen, und ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Er wusste, dass er ein unfaires Spiel mit ihr trieb. Doch sie war es gewesen, die die Sicherheit der gräflichen Halle verlassen hatte. Sie selbst hatte sich in diese höchst schutzlose Lage gebracht.

„Muss ich meine Schuhe anbehalten?“

Tristan lachte. Ihr ungezähmter Geist wirkte wie Magie auf ihn. Sie würden auf so vielfältige Art zusammenpassen, dass ihn der Gedanke schmerzte.

„Nein. Ihr braucht Eure Schuhe nicht.“ Er zog Arabella einen Schritt näher. Mit dem Daumen streichelte er ihren Handrücken und genoss die Weichheit ihrer Haut. „Ihr erlaubt.“

Er hob Arabella hoch, nahm sie auf den Arm und schritt zum Rand der Lichtung. Sie wollte protestieren, verstand dann aber seine Absicht. Sanft setzte er sie auf einen großen flachen Felsen und kniete nieder, um ihr die Schuhe von den Füßen zu streifen.

„Ich mache Euch keinen Vorwurf, weil Ihr diese Schuhe loswerden wollt, die Ihr auf Befehl der Prinzessin alle tragen müsst.“ Er zwang sich, sie nur leicht zu berühren und legte die Hände um einen Knöchel, genau zwischen ihren Rocksaum und den Schuh. Es war nur eine winzige Stelle, an der er sie anfasste, doch das Wissen, wie leicht er sich mehr nehmen könnte, genügte, um der Berührung eine süße Leidenschaft zu verleihen.

„Ich …“ Arabella stockte der Atem, als er mit dem Finger über ihren Spann strich. „Die gekrümmten Zehen sind für mich etwas unangenehm.“

Rasch entledigte Tristan sie noch des anderen Schuhs, bevor sie vielleicht doch noch einen Rückzieher machte. Weiter würde er nicht gehen – zumindest heute Abend nicht.

„Hier ist der Boden eben.“ Er bot ihr den Arm und geleitete sie ein paar Schritte weiter zu einem Flecken ohne Bewuchs. „Bleibt bei mir, sonst tretet Ihr noch auf eine Wurzel oder einen abgebrochenen Ast.“

Nicht dass er vorhatte, sie lange genug loszulassen, damit sie sich überhaupt würde so weit entfernen können.

Er erklärte ihr die Tanzfiguren und machte einige Schritte, um sie ihr zu demonstrieren. Als sie bereit waren anzufangen, zögerte Arabella einen Moment.

„Was ist?“

„Was, wenn ich etwas falsch mache?“ Sie sah auf ihre Füße hinunter, seine, groß und in schweren Stiefeln, und ihre, klein und barfüßig. „Ihr werdet mir sicher den Fuß brechen.“

„Als meine Partnerin seid Ihr sicher.“ Tristan drückte ihre Hand. Er fühlte sich wieder daran erinnert, wie unschuldig sie war, trotz der sinnlichen Anziehungskraft, die sie besaß.

„Soll ich, um uns zu leiten, das Lied der Spielleute singen?“ Unter dem dunklen Himmel wirkten ihre Augen dunkler, und die Sterne spiegelten sich darin.

„Seid Ihr so begabt im Singen?“ Er konnte sich noch nicht einmal die Musik ins Gedächtnis rufen, geschweige denn, sie wiederholen. Doch von ihren Lippen erklang eine gesummte Melodie, leicht und süß.

Sanft lenkte er ihre ersten Schritte, und sogleich hüllte das Lied sie ein. Arabella folgte ihm leichtfüßig, obwohl sie zuerst den Blick nur auf ihre Füße richtete, während sie rund um die Lichtung tanzten. Als sie dann schließlich zu ihm aufschaute, erhellte ein Lächeln ihr Gesicht.

Es raubte Tristan fast den Atem, als er ihre Freude wahrnahm. Sie so glücklich zu sehen, ließ ihn bereuen, dass er seinen Herrscher über die Gerüchte, die es ihretwegen gab, informieren musste. Tatsächlich fiel es ihm selbst in diesem Moment schwer, sie zu glauben.

Es verging einige Zeit, bis ihm bewusst wurde, dass Arabellas Lied geendet hatte und sie nicht mehr tanzten. Wie angefroren standen sie sich gegenüber und holten im gleichen Rhythmus Luft.

„Ich danke Euch.“ Ihre schlichte Dankbarkeit beschämte ihn, denn er musste an den Tag in der Zukunft denken, an dem sie ihm übel nehmen würde, dass er ihre Vergangenheit und ihre Herkunft verraten hatte.

Bei allem, was heilig war, er selbst fand seine Haltung gerade nicht besonders ehrenwert.

„Es war mir eine Freude.“ Er kam wieder zu sich und beugte sich über ihre Hand. „Soll ich Euch zur Burg zurückbringen?“

„Nur wenn Ihr versprecht, unser Treffen geheim zu halten. Ich möchte nicht, dass die Prinzessin mich für eine launische Dame hält, so wie Ihr es einst tatet.“ Arabellas Duft wehte mit einem kühlen Windhauch zu ihm. Obwohl es schon spät im Jahr war, ging ein leichter Hauch von Frühlingsblumen von ihrem Kleid und ihrem Haar aus.

„Wenn ich Euer Geheimnis hüte, so müsst Ihr auch einverstanden sein, das meine zu schützen.“ Er würde dafür verdammt werden, dass er die Situation ausnutzte. Er wusste es und konnte sich doch nicht zurückhalten.

„Ich weiß nichts von Euch, das ich verschweigen müsste.“ Sie zitterte wegen der Kühle der Nacht und vielleicht auch, weil seine Gegenwart sie erregte.

Ihre Reaktion auf seine Nähe war ihm nicht entgangen, als sie getanzt hatten, denn ihr Kleid war enger gearbeitet als üblicherweise die Gewänder der englischen Edelfrauen. Eine heiße Welle war durch seinen Körper geströmt, und das Verlangen, Arabella zu umfassen und ihr zu zeigen, warum ihre Wangen brannten und ihre weichen Brüste fest wurden, wann immer er sie berührte, hatte ihn fast überwältigt.

„Ihr dürft nie jemandem hiervon erzählen …“

Er senkte den Mund auf den ihren und hauchte einen Kuss auf ihre Lippen. Sie ließ einen leisen, kehligen Laut hören – ob aus Überraschung oder aus Protest, konnte er nicht erraten. Aber er hielt sie nicht fest, und sie hätte sich leicht von ihm lösen können.

Sie tat es nicht. Der Laut ging in einen lustvollen Seufzer über, bevor sie sich an ihn schmiegte. Sie öffnete die Lippen, und erst jetzt legte er einen Arm um ihre Taille und hob sie hoch, sodass sie auf seinen Stiefeln zu stehen kam. Mit der anderen Hand packte er die dunkle Haarmasse und zog sanft Arabellas Kopf zurück. Sie folgte der leisen Aufforderung und bog sich wie er es wünschte. Die Art, wie sie sich jetzt mit ihren Brüste an ihn drückte, nahm ihm den letzten klaren Gedanken. Behutsam strich er mit der Zungenspitze über ihre Unterlippe, bis er sie küsste. Er fuhr mit den Fingern die langen, seidenen Strähnen ihres Haars entlang und spürte durch die weichen Locken hindurch Arabellas zarten Rücken. Als seine Hände ihre runden Hüften erreichten, raffte Tristan den letzten Rest Beherrschung zusammen, um der Begierde nach einer noch lustvolleren Liebkosung zu widerstehen. Stattdessen streichelte er mit vor Verlangen zitternden Händen ihr Gesicht.

Fast erwartete er, dass sie ihn mit mädchenhafter Empörung zurückstieß. Stattdessen schlang sie die Arme um seinen Hals, hielt ihn fest und ließ jede Vorsicht fahren. Tristan spürte eine wilde Lust in sich aufsteigen, die seine Ehre und seinen Willen auf die Probe stellte, als plötzlich ganz in der Nähe ein Geräusch im Wald zu hören war.

Das leichte Schnauben eines Tieres.

Tristan erstarrte und packte Arabella fest am Arm. Er sah sie warnend an. Erst als er sich sicher war, dass sie ihn verstanden hatte, drehte er sich um und spähte in den sie umgebenden Wald.

Als er eine leichte Bewegung zu ihrer Linken wahrnahm, stürmte Tristan in das Dickicht der Bäume. In nur geringer Entfernung vor ihm lief eine dunkle Gestalt. Er wusste, dass er die Person, die sich schwerfällig durch die Nacht bewegte, bald einholen würde. Doch gerade bevor Tristan Hand an den Fremden legen konnte, erreichte der flüchtende Mann ein dürres Pferd. Der Kerl sprang in den Sattel und zwang den Klepper so schnell zu galoppieren wie er konnte.

Der Teufel sollte den verdammten Hund holen!

„Tristan?“ Arabella rief von irgendwo in seiner Nähe, und er erkannte, dass sie ihm lautlos zwischen den Bäumen hinterhergerannt war. Er musste ihre Schnelligkeit und ihre Geräuschlosigkeit bewundern, doch ihre Füße würden sicher unter dieser Wanderung zu leiden haben.

Leise fluchend stapfte Tristan zu der Stelle zurück, wo sie stand.

„Ihr müsst in Zukunft sehr vorsichtig sein, Arabella. Ich weiß nicht, wer uns heimlich beobachtet hat, aber ich glaube, wer es auch immer war, er könnte dem Hofstaat der Prinzessin folgen.“

„Natürlich.“ Sie strich sich das Haar hinters Ohr. Ihr silberner Stirnreif saß schief. „Ich werde so schnell wie möglich in die Burg zurückkehren.“

Sie wollte sich rasch auf den Weg machen, doch Tristan hielt sie auf. „Nicht ohne Begleitung. Ihr werdet Euch nicht mehr von dem Rest der Gesellschaft des Nachts entfernen oder heimlich zum Kräutersammeln in den Wald gehen, außer mit mir zusammen. Habt Ihr verstanden?“

Ihr kurzes Nicken sagte ihm, dass er ihre Gefühle verletzt hatte. Aber er konnte seine Warnung nicht auf sanftere Art aussprechen, wenn es sich um ihre Sicherheit handelte.

Es war töricht von ihm gewesen, sich zu erlauben, sie anzufassen und zuzulassen, dass er einen Moment lang seinen Auftrag vergaß, nämlich die Prinzessin und deren weibliches Gefolge zu eskortieren. Die Mission, die als Aufgabe eines Höflings begonnen hatte, hatte sich jetzt in eine schwierige Pflicht verwandelt, die hohe Anforderungen stellte.

Keine wilde, leichtsinnige Schönheit würde ihn noch einmal davon ablenken können, auch wenn sie noch so reizend im Mondlicht für ihn tanzte.

Als Rosalyn hörte, wie sich die Tür zu Tristans Kammer öffnete, versteckte sie sich hinter einer Truhe. Gespannt lauschte sie, wie er eintrat und die Tür hinter sich schloss. Zu dumm, dass sie zu solch drastischen Maßnahmen greifen musste, aber Tristan war nach ihrem Tanz einfach verschwunden. Aus Angst, er hätte sich vielleicht auf die Suche nach dieser zigeunerhaften Arabella Rowan gemacht, hatte Rosalyn beschlossen, keine Zeit mehr zu verlieren. Sie musste heute Nacht bei ihm liegen.

Glücklicherweise hatte man dem Hauptmann der englischen Wache eine eigene Kammer gegeben, statt ihn das Quartier mit den anderen Rittern teilen zu lassen. Tristans Unterkunft gab Rosalyn die Gelegenheit, ihn allein zu treffen und eine Verbindung mit ihm einzugehen, bevor ihr Zustand sichtbar wurde. Mithilfe von eng geschnürten Gewändern war ihre Taille immer noch schmal. Der einzige Hinweis auf das Kind, das sie erwartete, waren die schwerer geworden Brüste, die aber den Reiz ihrer Gestalt noch steigerten. Lächelnd wartete sie in der dunklen Kammer, fest in dem Glauben, dass sie diese Schlacht schon gewonnen hatte.

Überrascht, dass Tristan noch keine Kerze angezündet und sie so entdeckt hatte, wusste Rosalyn jetzt nicht so recht, was sie als Nächstes tun sollte. Sollte sie sich gedulden, bis er sie bemerkte, oder sollte sie ihm ihre Anwesenheit offenbaren? Vielleicht würde er sie auch überhaupt nicht wahrnehmen, und sie konnte zu ihm ins Bett schlüpfen, nachdem er sich zur Ruhe begeben hatte. Sie beschloss, genau das zu tun, und beobachtete mit atemloser Erwartung, wie er seine Houppelande – den von einem Gürtel gehaltenen weiten Mantel – und dann die Tunika ablegte, die er darunter trug.

Rosalyn leckte sich die Lippen. Der Mund wurde ihr trocken. Was für ein hinreißender Mann! Die breite Brust strahlte große Kraft aus. Die zuvor von der Tunika verhüllten Muskeln präsentierten sich jetzt deutlich ihren hungrigen Augen. Auf dem Bett sitzend, zog Tristan die Stiefel aus und ließ sie zu Boden fallen. Er wollte gerade seine Beinkleider abstreifen, als Rosalyn in ihrem violetten Kleid, das sie mit Absicht über eine Schulter rutschen ließ, aus ihrem Versteck zu ihm trat.

„Was macht Ihr hier?“ Seine ruhige Haltung war nicht die Reaktion, die sie erhofft hatte.

Rosalyn holte tief Luft und dachte an die Ratschläge ihrer Mutter. Sie hatte sie ihr erteilt, lange bevor Rosalyn sich von ihr, der verlassenen Hure ihres Vaters, losgesagt hatte. Rosalyn straffte die Schultern, damit ihre Brüste noch üppiger erschienen.

„Sind wir jetzt wieder Fremde, Tristan?“ Sie neigte sich über ihn. „Ich dachte eher, wir wären Freunde“, schnurrte sie ihm ins Ohr.

„Das hätten wir vielleicht sein können. Doch ich fürchte, Ihr seid ein hübsch aufgeputztes Ärgernis.“

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