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HISTORICAL EXKLUSIV BAND 58

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Perlen für eine Mätresse

1. KAPITEL

London, 1805

Die Stunde ihrer Verabredung rückte näher.

Grace’ Herz schlug aufgeregt, und ihre Hände zitterten, als sie ihr Schlafzimmer betrat und leise die Tür hinter sich schloss. Aus dem Salon im Erdgeschoss drang noch schwach die Musik des vierköpfigen Orchesters nach oben. Die Abendgesellschaft hatte ein kleines Vermögen gekostet und war ein weiterer Versuch ihrer Mutter, sie an den Mann zu bringen – vorzugsweise an einen alten, adeligen Mann aus besten Kreisen. Grace war so lange wie nötig geblieben und hatte sich halbherzig mit den langweiligen Gästen unterhalten, bald jedoch Kopfschmerzen vorgetäuscht und sich nach oben auf ihr Zimmer zurückgezogen. Heute Nacht hatte sie noch etwas Wichtiges zu erledigen.

Grace streifte ihre langen weißen Seidenhandschuhe ab und hörte, wie der Wind die kahlen Zweige der Bäume gegen das Fenster peitschte. Ihre Handflächen schwitzten vor Aufregung, als Zweifel sich in ihr auszubreiten begannen, aber jetzt wollte sie keinen Rückzieher machen.

Sie zog ihre Schuhe aus feinem Glaceeleder aus und läutete nach ihrer Kammerzofe. Grace hob die Arme, um den Verschluss des diamantenbesetzten Perlencolliers zu öffnen, das sie um den Hals trug. Unter ihren Fingern spürte sie die seidig glatten Perlen und die scharf geschliffenen Diamanten, die zwischen die Perlen eingesetzt waren.

Die Kette war ein Geschenk ihrer besten Freundin, Victoria Easton, Countess of Brant, und Grace schätzte das Schmuckstück sehr, zumal es das einzig Wertvolle war, das sie besaß.

„Sie haben nach mir gerufen, Miss?“ Phoebe Bloom, ihre herzensgute, aber manchmal ein wenig zerstreut wirkende Kammerzofe, sah fragend zur Tür herein.

„Ja bitte, Phoebe. Ich bräuchte Ihre Hilfe.“

„Aber natürlich, Miss.“

Phoebe brauchte nicht lange, ihr aus dem Kleid zu helfen. Grace lächelte ihre Dienerin nervös an, ließ sich den gesteppten Morgenmantel um die Schultern legen und gab dem Mädchen für den Rest des Abends frei. Von unten war immer noch Musik zu hören. Grace hoffte, dass ihr Vorhaben gelang und sie wieder zu Hause wäre, bevor irgendjemand ihre Abwesenheit bemerkte.

Sobald Phoebe die Tür hinter sich geschlossen hatte, warf Grace den Morgenmantel beiseite und schlüpfte eilig in ein schlichtes graues Wollkleid. Sie drapierte ein Kissen unter ihrer Bettdecke – damit ihre Mutter, sollte sie noch einmal nach ihr sehen, glaubte, sie schlafe bereits –, griff nach ihrem Umhang und blies die Öllampen auf dem Ankleidetisch und neben ihrem Bett aus.

Auf dem Weg zur Tür nahm sie noch ihren Handbeutel mit der schweren Geldbörse an sich. Ihre Großtante, Matilda Crenshaw, Baroness Humphrey, hatte ihr nicht nur das Geld gegeben, sondern auch die Fahrkarte für eine Kabine an Bord eines Paketbootes, das Ende der Woche gen Norden segeln würde.

Um ihr rotbraunes Haar zu verbergen, zog Grace sich die Kapuze ihres Umhangs über den Kopf. Vorsichtig sah sie auf den Gang hinaus und eilte dann die Dienstbotentreppe hinunter, um das Haus durch eine kleine Seitentür zu verlassen, die in den Garten führte.

Ihr Herz pochte laut, und ihre Nerven waren zum Bersten gespannt, als sie in der Brook Street eine Mietkutsche herbeiwinkte.

„Zur Hare and Fox Tavern, bitte“, wies sie den Fahrer an und hoffte, dass er das Zittern in ihrer Stimme nicht bemerkte.

„In Covent Garden, Miss?“

„Ganz genau.“ Ihr war gesagt worden, dass die Lokalität klein und etwas abgelegen sei. Der Mann, dessen Dienste sie in Anspruch zu nehmen gedachte, hatte diesen Treffpunkt vorgeschlagen.

Es schienen ihr Stunden, bis sie ihr Ziel erreichten. Die Mietkutsche wand sich durch die engen, dunklen Straßen Londons, die hölzernen Räder surrten, und die Hufe der Pferde klapperten über die Pflastersteine. Endlich sah Grace das gemalte Schild des „Hare and Fox“ auftauchen.

„Ich möchte, dass Sie hier auf mich warten“, informierte Grace den Fahrer, als sie bei der Schänke vorfuhren, und steckte ihm eine Hand voll Münzen zu. „Ich brauche nicht lange.“

Der Fahrer, ein alter Mann, dessen Gesicht fast völlig von einem buschigen grauen Bart verdeckt war, nickte. „Beeilen Sie sich.“

Erneut verbarg Grace ihr Haar unter der Kapuze ihres Umhangs, als sie wie vereinbart zum hinteren Teil des Gebäudes ging, eine knarrende Holztür öffnete und den spärlich beleuchteten Schankraum betrat. Unter der niedrigen Decke mit schweren Holzbalken hing dichter Rauch. In einem rußgeschwärzten steinernen Kamin brannte ein Feuer, dessen Schein auf eine Gruppe finster aussehender Männer fiel. Im hinteren Teil der Schänke saß ein Mann in einem doppelreihigen Mantel und mit einem Schlapphut allein an einem Tisch. Er stand auf, sobald Grace den Raum betrat, und bedeutete ihr, sich zu ihm zu setzen.

Grace schluckte und atmete tief durch, um sich Mut zu machen. Schließlich ging sie auf den Mann zu. Sie setzte sich auf den schlichten Holzstuhl, der ihr angeboten wurde.

„Haben Sie das Geld dabei?“, fragte ihr Gegenüber ohne Umschweife.

„Sind Sie denn sicher, dass Sie der Aufgabe gewachsen sind?“, entgegnete Grace ebenso direkt.

Er setzte sich auf und straffte die Schultern, als ob sie ihn beleidigt hätte. „Auf das Wort von Jack Moody können Sie sich verlassen. Sie kriegen, wofür Sie bezahlen.“

Grace’ Hand bebte, als sie die Geldbörse hervorholte und sie dem Mann, der sich Jack Moody nannte, überreichte. Er schüttete sich einige der goldenen Guineen auf die flache Hand, und ein zufriedenes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.

„Es ist alles wie vereinbart“, versicherte ihm Grace und versuchte, nicht auf die anzüglichen Scherze und das raue Gelächter der Männer am Nebentisch zu achten, die glücklicherweise vollauf mit ihren Getränken und einigen Frauen von zweifelhaftem Ruf beschäftigt zu sein schienen. Der Geruch von fettem Hammelfleisch, der in der Luft hing, verursachte Grace Übelkeit. Nie zuvor hatte sie getan, was sie an diesem Abend tat. Und sie hoffte, dass sie es nie wieder würde tun müssen.

Jack Moody zählte die Münzen und warf sie dann zurück in die Börse. „Alles wie vereinbart.“ Er erhob sich, und sein Gesicht verschwand fast unter der breiten Krempe seines Hutes. „Der Mann wird morgen frei und bereits in sicherer Entfernung von London sein.“

„Danke.“

Jack schlug mit der Hand auf die Geldbörse, und die Münzen klapperten laut. „Das reicht mir als Dank.“

Er deutete mit dem Kopf in Richtung der Tür. „Sie machen sich jetzt besser davon. Je später es wird, desto eher kommen Sie hier in Schwierigkeiten.“

Grace gab darauf keine Antwort, sondern erhob sich wortlos von ihrem Stuhl und sah sich wachsam um.

„Und vergessen Sie nicht, Mädchen – kein Wort zu irgendjemandem. Leute, die alles ausplaudern, haben ein kurzes Leben.“

Ein eisiger Schauder lief ihr über den Rücken. Sie würde Jack Moodys Namen nie wieder erwähnen und nickte leicht, um ihn wissen zu lassen, dass sie verstanden hatte. Dann zog sie ihren Umhang noch enger um sich und verließ die Schänke durch die Hintertür.

Die Gasse war finster und roch nach verdorbenem Fisch. Der Unrat auf der Straße machte bei jedem ihrer Schritte ein schmatzendes Geräusch unter ihren Füßen. Grace hob ihre Röcke und den Umhang etwas an und eilte durch die Dunkelheit, wobei sie sich immer wieder nach lauernden Gefahren umschaute. Als sie vor der Schänke ihre Mietkutsche stehen sah und den alten Mann entdeckte, der auf dem Fahrersitz döste, stieß sie einen Seufzer der Erleichterung aus.

Die Fahrt nach Hause erschien ihr indes noch länger als die Hinfahrt. Zu Hause angekommen, schlich sie sich erneut durch den Garten, ging schnell die Dienstbotentreppe hinauf und eilte den Gang entlang in ihr Zimmer. Das Orchester hatte bereits aufgehört zu spielen, doch sie konnte noch die Stimmen und das Gelächter der letzten Gäste hören, die sich verabschiedeten.

Erneut seufzte Grace, während sie ihren Umhang an den Haken neben der Tür hängte. Ende der Woche würde sie schon nicht mehr hier sein, sondern auf dem Weg nach Scarborough, um Lady Humphrey zu besuchen, obwohl sie beide sich nie zuvor begegnet waren. Wenn die Flucht heute Nacht wie geplant gelang, würde der Skandal, der London morgen erschütterte, von ungeahntem Ausmaß sein. Auch wenn sie selbst die Stadt erst einige Tage später verließ, schien Grace eine ausgedehnte Reise ratsam zu sein.

Sie dachte an den Mann im Gefängnis von Newgate, Viscount Forsythe, der in seiner Zelle die Stunden zählte, bis er im Morgengrauen die Stufen zum Galgen besteigen sollte. Grace wusste nicht, ob er schuldig oder unschuldig war, und sie wusste nicht, ob er die Strafe verdient hatte, die ihn erwartete.

Aber der Viscount war ihr leiblicher Vater, und wenngleich kaum jemand die Wahrheit über ihre Beziehung kannte, änderte dies doch nichts daran – er war ihr Vater, und sie konnte ihn jetzt nicht im Stich lassen.

Grace sah zur Decke über ihrem Bett hinauf und hoffte inständig, dass sie das Richtige getan hatte.

2. KAPITEL

Eine Woche später

Ich kann sie sehen, Capt’n! Die Lady Anne! Dort … genau steuerbord, beim Fockmast.“

Captain Ethan Sharpe stand neben seinem Ersten Maat Angus McShane und richtete sein vom häufigen Gebrauch abgegriffenes Fernrohr in die angegebene Richtung. Inmitten der Dunkelheit fing die Linse den gelben Lichtschein ein, der aus den Fenstern am Heck des anderen Schiffes in die Nacht drang.

Ethans Hände krampften sich um den Messingschaft des Fernrohres. Ein eisiger Wind fegte über Deck, zerzauste sein dichtes schwarzes Haar und ließ die Haut über seinen Wangenknochen taub werden. Doch Ethan bemerkte es kaum. Endlich war seine Beute in Sicht, und nichts würde ihn mehr von ihr abhalten können.

„Setzen Sie Kurs, damit wir der Lady Anne den Weg abschneiden.“

„Wird gemacht, Capt’n.“ Der wettergegerbte Schotte war schon etwas in die Jahre gekommen und stand in Ethans Diensten, seit dieser sein erstes Schiff befehligt hatte. Rasch stiefelte der alte Seebär nun über Deck und rief der Mannschaft kurze Befehle zu. Die Matrosen machten sich sofort an die Arbeit. Die Segel begannen zitternd zu flattern, erschlafften und blähten sich dann erneut vor dem Wind. Die Takelage ächzte und seufzte, als die Sea Devil sich drehte. Die schweren Holzbalken knarzten und stöhnten, doch dann war das Schiff auf seinem neuen Kurs und durchschnitt wieder zielstrebig die Wogen.

Der Schoner maß achtzig Fuß in der Länge, war leicht, wendig und brach so mühelos durch die Wellen wie die Seelöwen, die ihm in einiger Entfernung folgten. Die Sea Devil war in der besten Werft in Portsmouth aus gut abgelagertem Eichenholz gebaut worden. Ursprünglich war sie von einem Kaufmann in Auftrag gegeben worden, der jedoch nach der Fertigstellung des Schiffes nicht mehr über die nötigen Mittel verfügt hatte.

Ethan war in dieser Notlage eingesprungen und hatte den Schoner zu einem sehr günstigen Preis erworben. Er wusste, dass er das Schiff nicht lange brauchen würde. Nur noch diesen letzten Auftrag wollte er ausführen, bevor er sich ganz den Pflichten widmete, die mit seinem neuen Stand als Marquess of Belford einhergingen.

Zuvor musste er sich jedoch dieser sehr persönlichen Angelegenheit annehmen, die ihn nicht eher würde ruhen lassen, bis sie erledigt war.

Er sah starr geradeaus. Die Sea Devil war das zweite Schiff, das er befehligte, seit er vor acht Jahren sein Marinepatent abgegeben und eine Laufbahn als Freibeuter der britischen Krone eingeschlagen hatte.

Damals war er Kapitän der Sea Witch gewesen, ein ähnlich gut ausgestattetes Schiff mit der besten Mannschaft, die man sich wünschen konnte. Fast bis auf den letzten Mann hatte er sie verloren – wenn nicht in dem Hinterhalt, in den sie gelockt worden waren, dann durch die Folgen ihrer Haft in einem französischen Gefängnis. Die Sea Witch selbst lag seitdem in ihrem eisigen Grab auf dem Meeresgrund und verrottete.

Ethan versuchte, diese Erinnerungen zu verdrängen. Seine Mannschaft gab es nicht mehr – bis auf Angus, der sich damals gerade in Schottland um seine kranke Mutter gekümmert hatte, und den schlaksigen Ned, dem es gelungen war, den Franzosen zu entkommen und an Bord eines anderen Schiffes zurück nach Portsmouth zu gelangen.

Und obwohl er selbst überlebt hatte, konnte Ethan den Verlust seiner Männer und seines Schiffes nicht vergessen und sah sein neunundzwanzigjähriges Leben um die elf Monate der Gefangenschaft beraubt, von der er unzählige Narben und ein leichtes Hinken zurückbehalten hatte. Ethan hatte sich geschworen, dass jemand ihm das Geschehene bezahlen würde – und es teuer bezahlen würde.

Unbewusst ballte er bei dem Gedanken seine Hand zur Faust.

Die Person, die dafür büßen sollte, befand sich an Bord der Lady Anne.

Grace Chastain nahm auf einem Stuhl mit hoher, kunstvoll geschnitzter Lehne Platz, den Martin Tully, Earl of Collingwood, ihr zurechtrückte. Der Earl, ein schlanker, attraktiver Mann Anfang dreißig mit hellbraunem Haar und blassem Teint, war einer ihrer Mitreisenden. Grace hatte ihn am ersten Abend an Bord der Lady Anne kennen gelernt. Die Lady Anne war das Paketboot, das sie von London nach Scarborough bringen sollte.

Lady Humphrey, die Tante von Grace’ Vater, hatte ihr ihre Unterstützung zugesagt, wann immer sie Hilfe bräuchte. Nie hätte Grace gedacht, dass sie jemals von diesem Angebot Gebrauch machen müsste, aber die Verhaftung ihres Vaters hatte ihre Situation grundlegend verändert, und nun nahm sie die Hilfe ihrer Großtante gerne an.

Grace hoffte, dass sich die Wogen bei ihrer Rückkehr nach London geglättet haben würden. Wenn nur niemand etwas von ihrer Beteiligung an der Flucht des Viscounts erfahren hatte!

Schwungvoll wurde die Tür zum Salon aufgestoßen. Grace blickte auf und sah Captain Chambers den eleganten holzgetäfelten Raum betreten. Er war ein älterer Mann, klein und stämmig, mit schütterem grauem Haar, der nun darauf wartete, dass alle Passagiere Platz nahmen, bevor er sich selbst an das Ende der Speisetafel setzte und damit den livrierten Dienern das Signal gab, mit dem Auftragen zu beginnen.

„Ihnen allen einen guten Abend.“

„Guten Abend, Captain“, antworteten die Reisenden einstimmig.

Grace und ihre Kammerzofe Phoebe befanden sich nun schon seit mehreren Tagen an Bord, und sie hatte sich mittlerweile an die Rituale auf dem Schiff gewöhnt. Zudem hatten sich ihre Mitreisenden, vor allem Lord Collingwood, als überaus erfreuliche Gesellschaft erwiesen.

Sie warf dem Earl einen verstohlenen Blick zu. Er saß neben ihr an dem langen Mahagonitisch und unterhielt sich freundlich mit der Tischnachbarin zu seiner Rechten, Mrs. Cogburn, einer fülligen Matrone, die im Norden ihren Bruder besuchen wollte. Wie Mrs. Franklin, ihre Begleiterin, war sie verwitwet. Weiterhin saßen an der Tafel ein reicher Seidenhändler aus Bath und ein frisch verheiratetes Ehepaar, die nach Schottland weiterreisen wollten, um dort Verwandte zu besuchen.

Lord Collingwood lachte über etwas, das Mrs. Cogburn gesagt hatte, und wandte seine Aufmerksamkeit dann Grace zu. Sein Blick wanderte über ihr meerblaues Seidenkleid, die rotbraunen Locken, die sie mit kleinen Perlmuttkämmen hochgesteckt trug, und verweilte dann einen Moment auf ihrem Dekolletee, bevor er sich wieder ihrem Gesicht zuwandte.

„Wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, Miss Chastain, dann möchte ich sagen, dass Sie heute Abend besonders einnehmend aussehen.“

„Ich danke Ihnen, Mylord.“

„Und diese Perlen, die Sie tragen … sind wirklich sehr außergewöhnlich. Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine Perlenreihe gesehen zu haben, die so harmonisch wirkte oder von so berückender Farbe gewesen wäre.“

Unbewusst berührte Grace mit den Fingern die Perlen, die sich an ihren Hals schmiegten. Die Kette war ein Vermögen wert. Wahrscheinlich hätte Grace ablehnen sollen, doch Tory hatte darauf bestanden, sie ihr zu schenken – und war es nicht ein wunderbares Schmuckstück? Von dem Moment an, da Grace sie sich umgelegt hatte, schien sie ihrem Bann erlegen zu sein.

„Sie sind schon sehr alt“, erklärte sie nun dem Earl. „Aus dem dreizehnten Jahrhundert. Es rankt sich eine tragische Geschichte um diese Kette.“

„Tatsächlich? Vielleicht könnten Sie sie mir eines Tages erzählen.“

„Das täte ich sehr gerne.“

In diesem Moment begann der Kapitän von dem Fortschritt zu berichten, den sie bislang auf ihrer Reiseroute gemacht hatten. Danach zählte er die Speisenfolge des heutigen Abends auf. Die Weingläser wurden gefüllt und silberne Schalen mit verschiedenen Gemüsen, Fleisch und Fisch aufgetragen.

„Und, meine liebe Miss Chastain, wie haben Sie den Tag verbracht?“ Lord Collingwood lehnte sich zurück, als ein livrierter Diener ihm ein saftiges Stück Huhn in Zitronensauce auf den Teller legte.

„Wäre das Wetter nicht so unwirtlich gewesen, hätte ich sehr gerne einen kleinen Spaziergang gemacht.“ Nur war der Februartag bedeckt und eisig kalt, die See unruhig und aufgewühlt. Glücklicherweise litt sie nicht an der Seekrankheit, so wie ihre Kammerzofe und einige andere der Passagiere an Bord. „Ich habe meist gelesen.“

„Und welches Buch?“

„Eines meiner liebsten Stücke von Shakespeare. Lesen Sie auch gerne, Mylord?“

„Aber ja, natürlich.“ Seine Zähne standen ein wenig schief, dennoch war sein Lächeln recht einnehmend. „Und auch ich schätze unseren Barden sehr.“ Seiner Bemerkung folgte ein kleiner Vortrag über King Lear, welches das Lieblingsstück Seiner Lordschaft war.

Grace erzählte nun, dass ihr Romeo und Julia am besten gefiel.

„Ah, eine Romantikerin!“, stellte der Kapitän daraufhin fest und beteiligte sich an ihrer Unterhaltung.

Sie lächelte. „Eigentlich würde ich mich selbst nicht so bezeichnen, aber ein bisschen romantisch bin ich vielleicht doch. Und Sie, Captain Chambers? Welches Werk Shakespeares mögen Sie am liebsten?“

Für eine Antwort blieb keine Zeit, da in diesem Moment die Türen des Salons aufgestoßen wurden und ein kräftiger Matrose am Kopf der Stiege erschien. Er kletterte nach unten und eilte zum Kapitän.

Grace konnte nicht hören, was die beiden sprachen, doch nach kaum einer Minute stand der Kapitän entschlossen auf.

„Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden. Es scheint, als würde die Pflicht mich rufen.“ Ein Raunen ging durch den Raum, und Chambers bedachte alle Anwesenden mit einem zuversichtlichen Lächeln. „Ich bin mir sicher, dass kein Anlass zur Beunruhigung besteht. Bitte genießen Sie weiterhin den Abend.“

Er verließ den Speisesaal, und die Unterhaltung wurde sogleich wieder aufgenommen. Niemand schien über die Maßen besorgt zu sein, wenngleich alle Passagiere neugierig waren zu erfahren, was wohl vor sich ging.

„Falls es von Bedeutung ist“, meinte der Earl, „werden wir sicher davon hören, sobald der Captain zurückkommt.“ Sie plauderten während des ganzen Essens sehr vergnüglich, und nach dem Dessert lud Lord Collingwood Grace zu einem kleinen Gang über Deck ein.

„Es sei denn, Sie fänden es draußen zu kalt.“

„Ich fände einen Spaziergang herrlich!“ Gegen Abend hatte das Wetter etwas aufgeklart, und das Meer schien sich langsam zu beruhigen.

Lord Collingwood begleitete sie bis an die Reling, und Grace atmete tief die frische Seeluft ein. Sie konnte das leichte Auf und Ab der Wellen spüren und sah den silbrigen Schimmer, den der Mond auf die Wasseroberfläche warf.

Verträumt lehnte sie den Kopf zurück und sah zu den Sternen auf, die sich wie weiße Kristalle vom pechschwarzen Nachthimmel abhoben. „Sehen Sie das Gestirn direkt über uns?“ Sie deutete in die Dunkelheit. „Das ist Orion, der Jäger. Und neben ihm, dort, das ist das Sternbild des Stieres.“

Der Earl zog überrascht die Augenbrauen in die Höhe. „Ich bin beeindruckt, meine Liebe. Ich habe mich selbst ein wenig mit der Sternenkunde befasst, und Ihre Beobachtungen sind vollkommen richtig. Es bereitet Ihnen demnach Vergnügen, die Sterne zu betrachten, Miss Chastain?“

„Es ist eins meiner Steckenpferde. Ich habe sogar ein kleines Teleskop in meinem Reisegepäck und hoffe, dass ich Gelegenheit haben werde, es während meiner Zeit in Scarborough zu nutzen.“

Er lächelte. „Das klingt recht unterhaltsam. Ich werde auf meiner Rückreise in der Gegend vorbeikommen. Vielleicht könnte ich Ihnen einen Besuch abstatten?“

Grace warf dem Earl einen kurzen Blick zu. Er sah gut aus, hatte gepflegte Manieren, war wohlhabend und zudem adelig. Sie hatte sein Interesse vom ersten Moment an bemerkt, brachte ihm jedoch kein ähnliches Gefühl entgegen. Eigentlich gab es überhaupt nur wenige Männer, die sie reizvoll genug fand, um in ihnen mehr als einen guten Gesprächspartner zu sehen. Manchmal hatte sie sich schon gefragt, ob wohl etwas mit ihr nicht stimmte.

„Sie wären natürlich jederzeit in Humphrey Hall willkommen. Ihr Besuch würde mich sehr erfreuen.“ Erfreuen, ja – aber auch nicht mehr. Sie musste an die große Liebe zwischen Romeo und Julia denken und überlegte, ob sie selbst wohl jemals dergleichen erleben würde.

Der Wind hatte wieder zugenommen und einige Strähnen ihres rotbraunen Haares gelöst, die ihr nun ins Gesicht wehten. Eine eisige Kälte lag in der Luft, und selbst ihr pelzgefütterter Umhang konnte nicht verhindern, dass Grace zu frieren begann.

„Ihnen ist kalt“, bemerkte Lord Collingwood. „Ich denke, wir sollten jetzt besser wieder in den Salon gehen. Vielleicht hätten Sie ja Lust, mir bei einer Partie Whist Gesellschaft zu leisten.“

Warum nicht? Schließlich hatte sie nichts Besseres zu tun. „Es würde mich sehr freuen …“ Sie brach mitten im Satz ab, als sie die aufgeregten Stimmen einiger Matrosen auf der anderen Seite des Decks hörte.

Der Earl reckte seinen Kopf, um besser sehen zu können. „Schauen Sie nur! Ein Schiff kommt auf uns zu.“

„Ein Schiff?“ Grace verspürte einen Anflug von Besorgnis. Ein Schiff, das im Schutz der Dunkelheit auf die Lady Anne zusteuerte, schien ihr kein gutes Zeichen zu sein. Immerhin befand England sich im Krieg. Sie ließ sich von Lord Collingwood zum Bug führen. „Sie denken doch nicht etwa, dass es sich um ein französisches Schiff handeln könnte?“

„Das glaube ich kaum. Dazu befinden wir uns zu nah an der Küste.“ Er wandte sich von der Reling ab. „Aber vielleicht sollten wir trotzdem in den Salon zurückkehren.“

Grace stimmte zu, obwohl sie lieber noch an Deck geblieben wäre. Im Mondlicht leuchteten die Segel des anderen Schiffes hell auf. Es war ihnen jetzt schon sehr nah, und Grace’ Unruhe nahm stetig zu.

„Das sieht nach einem Schoner aus“, stellte der Earl fest.

Das Schiff lag tief im Wasser, und die beiden Masten hoben sich majestätisch über den Wellen empor. Der Earl bemerkte die britische Flagge am Heck im selben Moment wie Grace, und sie hörte ihn erleichtert aufatmen.

„Kein Grund zur Besorgnis. Es ist eines unserer Schiffe.“

„Ja, es scheint so …“ Doch wenn Grace an den Grund ihrer Reise dachte, sah sie ihre Befürchtungen keineswegs gemindert.

„Es tut mir leid, Ihre Fahrt unterbrechen zu müssen, Captain.“ Ethan Sharpe lehnte an der Reling und sprach mit Colin Chambers, dem Kapitän der Lady Anne. „Ich komme jedoch in einer dringlichen Angelegenheit. Es geht um einen Ihrer Passagiere.“

„Um wen soll es sich denn handeln?“

„Eine Person an Bord Ihres Schiffes wird wegen Landesverrates gesucht. Die Verdächtige muss auf dem schnellsten Wege nach London gebracht werden und sich einer Befragung durch die Behörden stellen.“

Die Verdächtige?“

„Ja, bei dem gesuchten Passagier handelt es sich um eine Frau.“

Chambers runzelte zweifelnd die Stirn. „Und Sie behaupten, dass diese Frau von der Regierung gesucht wird?“

„Leider sieht es ganz so aus.“ Nun, das entsprach zwar nicht vollkommen der Wahrheit, denn Ethan war einer der wenigen, die wussten, dass sie es war, die für die Flucht des Verräters Harmon Jeffries, Viscount Forsythe, verantwortlich war – des Mannes, der Ethan verraten und ihn seines Schiffes und seiner Mannschaft beraubt hatte.

Doch Ethan wusste, dass er sich auf seinen Informanten verlassen konnte, und diese Chastain hatte demnach jemanden angeheuert, der Jeffries die Flucht aus Newgate ermöglicht hatte. Zudem sollte es sich bei Grace Chastain um die Geliebte des Viscounts handeln. Sie war diejenige, die seinen größten Feind vor dem Galgen bewahrt hatte.

Nicht die Regierung suchte also bislang nach dieser Frau – Ethan selbst wollte sie einem Verhör unterziehen.

Er war fest entschlossen, Jeffries aufzuspüren, und wusste, dass ihm das früher oder später auch gelingen würde. Ethan glaubte, dass der Mann wahrscheinlich in Frankreich ein behagliches Leben führte, er wusste es hingegen nicht mit Sicherheit. Bevor er den Schuldigen selbst zu fassen bekam, würde deshalb jemand anders für die grausamen Taten des Viscounts herhalten müssen.

Und das würde Grace Chastain sein.

„Ich würde gerne Ihre Papiere sehen, Captain Sharpe“, sagte Chambers nun.

„Natürlich.“ Ethan würde sich so weit wie möglich kooperativ zeigen. Er wollte keinen Ärger – nur die Frau, die dem Verräter geholfen hatte. Als er dem Kapitän seine Zulassung als Freibeuter der britischen Krone zeigte und sich damit als im Dienste Seiner Majestät stehend auswies, schien Captain Chambers zufrieden und zur Zusammenarbeit bereit.

„Und wie lautet der Name dieser Reisenden?“, fragte Chambers, während sie über Deck in Richtung des Salons gingen.

„Grace Chastain.“

Der Captain blieb wie angewurzelt stehen. „Da kann es sich nur um eine Verwechslung handeln. Miss Chastain ist eine junge Dame aus guter Familie. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass sie in etwas Derartiges verwickelt sein könnte wie …“

„Einem Verräter zur Flucht zu verhelfen? Einen Mann zu befreien, der Dutzende Menschenleben auf dem Gewissen hat? Wenn Sie jetzt bitte so gut wären, mich zu Miss Chastain zu bringen, Captain.“

Im Gesicht des Kapitäns spiegelten sich erneut Zweifel.

Nur wenige Schritte hinter ihnen ging Angus McShane, der vorsorglich eine mächtige Hand auf seiner Pistole im Ledergürtel ruhen ließ. Eine kurze Kopfbewegung Ethans bedeutete Angus, dass er seine Leute bereitmachen sollte. Grace Chastain würde die Lady Anne verlassen – auf welche Weise, würde sich zeigen.

„Hier entlang, Captain Sharpe. Wir wollen doch einmal sehen, was die junge Dame selbst dazu zu sagen hat.“

Ethan folgte dem Kapitän die Stiege hinunter in den Salon. In dem prunkvoll ausgestatteten Raum saßen drei Passagiere auf einem Gobelinsofa beisammen, zwei weitere beugten sich über ein elfenbeinernes Schachbrett. Andere lasen oder spielten Karten. Als der Kapitän den Raum betrat, erhob sich einer der Männer vom Spieltisch.

„Was gibt es, Captain?“

„Dies ist Captain Ethan Sharpe von der Sea Devil, Mylord. Es scheint, als wolle er ein paar Worte mit Miss Chastain wechseln.“

Zum ersten Mal betrachtete Ethan die Frau, die am Spieltisch saß, genauer. In ihrer schlanken Hand hielt sie noch die Karten der begonnenen Partie. Es überraschte ihn nicht, dass sie attraktiv war – immerhin war sie die bezahlte Begleiterin eines reichen Mannes.

Grace Chastain war allerdings mehr als nur hübsch. Mit ihren grünen Augen, die wie Juwelen funkelten, und einem Teint, der so hell wie Milch schimmerte, war sie atemberaubend schön. Ihr Haar war rotbraun, ein tiefer Kupferton mit einzelnen goldenen Strähnen, und über dem dezenten Ausschnitt ihres seidenen Kleides zeichnete sich der Ansatz ihrer wohlgerundeten Brüste ab.

Sie war jünger, als er vermutet hatte, oder wirkte zumindest so, aber sie war auch kein Schulmädchen mehr. Gleichwohl hatte sie nicht das abgeklärte Aussehen einer Frau von zweifelhaftem Ruf.

Bleich vor Schreck erhob sie sich, und Ethan sah eine große und schlanke junge Frau vor sich stehen, die er unter anderen Umständen unbeschreiblich anziehend gefunden hätte.

Was er stattdessen empfand, war Verachtung.

„Würden Sie bitte einen Moment mit mir kommen, Miss Chastain?“, fragte Ethan und zwang sich, seine Stimme freundlich klingen zu lassen.

„Dürfte ich fragen, weshalb, Captain Sharpe?“, entgegnete sie.

„Es wäre besser, wenn wir unser Gespräch unter vier Augen führten.“

Ihre Blässe verstärkte sich, doch ein leichter rosiger Schimmer lag immer noch auf ihren Wangen. „Natürlich.“

„Vielleicht sollte ich mit Ihnen kommen, meine Liebe“, bot ihr Begleiter an.

Sie bemühte sich, ihn anzulächeln. „Danke, aber das ist nicht nötig. Ich bin mir sicher, dass ich nicht lange brauchen werde und gleich zurück bin, damit wir unser Spiel beenden können.“

Den Teufel würde sie, dachte Ethan.

Sie ging die Stiege hinauf, die an Deck führte, und Ethan und der Kapitän folgten ihr. Oben angelangt, erklärte Captain Chambers kurz, warum Ethan gekommen war.

„Es tut mir sehr leid, Miss Chastain, aber Captain Sharpe behauptet, dass Sie in einem Fall von Landesverrat befragt werden sollen.“

Sie zog eine schön geschwungene Augenbraue hoch und sah ihn fragend an. „Ich fürchte, das verstehe ich nicht.“

Ethan musste sich anstrengen, nicht die Beherrschung zu verlieren. Sie wusste genau, warum er hier war, aber anscheinend hatte sie vor, ihr Täuschungsmanöver aufrechtzuerhalten. Nun, das konnte er auch. „Ich zweifle keinen Moment daran, dass Sie von den fraglichen Vorgängen nichts wissen. Dennoch müssen wir der Sache nachgehen, und ich muss Sie deshalb leider bitten, mit mir zu kommen.“

Der letzte Rest von Farbe wich nun aus ihrem Gesicht. Sie machte den Eindruck, als wolle sie auf der Stelle ohnmächtig werden, und Ethan fluchte leise.

Grace Chastain fiel allerdings nicht in Ohnmacht.

Stattdessen straffte sie unmerklich die Schultern, und Ethan konnte nicht umhin, Bewunderung für sie zu empfinden.

„Ich kann einfach nicht glauben, dass Sie von mir verlangen, von Bord zu gehen! Ich bin auf dem Weg zu meiner Tante, Lady Humphrey, in Scarborough. Sollte ich nicht wie geplant dort eintreffen, wäre sie ganz krank vor Sorge um mich.“

„Captain Chambers wird ihr alles erklären. Und wenn die Angelegenheit zur allgemeinen Zufriedenheit geklärt ist, werden Sie Ihre Reise fortsetzen können.“ Er drängte sie weiterzugehen, in Richtung der Strickleiter, die über der Reling des Schiffes herabhing und zu einem kleinen Beiboot führte, das sie zur Sea Devil zurückbringen sollte. Ethan hoffte, dass die Situation nicht vorher eskalierte.

Captain Chambers machte einen Schritt vor und schnitt ihnen den Weg ab. „Entschuldigen Sie, Captain Sharpe. Zweifellos haben Sie gute Gründe für Ihr Vorgehen, aber ich kann nicht zulassen, dass Sie mit dieser jungen Frau gegen ihren Willen von meinem Schiff gehen. Solange sie an Bord der Lady Anne ist, befindet Miss Chastain sich unter meinem persönlichen Schutz.“

In diesem Moment erklang das Geräusch von Schritten auf Deck. Sechs bewaffnete Männer der Sea Devil kamen aus ihren Verstecken hervor und richteten ihre Pistolen auf den Kapitän.

„Ich fürchte, Captain Chambers, Ihnen bleibt keine Wahl.“ Ethan legte seinen Arm um Grace Chastain und zog sie an seine Brust.

„Es gibt einige Fragen, die Sie beantworten müssen“, ließ er sie wissen. „Und an Bord meines Schiffes kommen wir der Wahrheit sicher bald näher.“

Er zog sie mit sich, bis sie die Strickleiter erreicht hatten, die über der Reling hing. Ethan spürte, wie sehr Grace zitterte, und ihre Haut fühlte sich eiskalt an. Doch sie versuchte nicht zu flüchten. Vielleicht glaubte sie, dass sie dadurch das Leben des Kapitäns aufs Spiel setzen würde.

Und damit hatte sie gar nicht so Unrecht. Ethan war entschlossen, die junge Frau um jeden Preis mit sich von Bord zu nehmen.

„Was … was ist mit meinen Sachen?“

„Dazu bleibt keine Zeit. Sie werden ohne Ihre persönlichen Dinge auskommen müssen.“ Er zerrte sie bis zur Reling, und sie schrie erschrocken auf, als er sie plötzlich hochhob und über seine Schulter legte.

„Was fällt Ihnen ein! Lassen Sie mich sofort los.“

„Seien Sie ruhig. Ich trage Sie nur die Leiter hinunter. In Ihrem Kleid würden Sie das niemals alleine schaffen.“

Daraufhin verstummte sie, wenngleich er merkte, dass es ihr schwer fiel, ihm nicht zu widersprechen. Sie schien Angst um den Kapitän der Lady Anne zu haben, was Ethan überraschte, da er nicht vermutet hätte, dass eine Frau mit ihrer Moral sich um irgendjemand außer sich selbst sorgen würde.

Am Fuße der Leiter setzte er sie in dem kleinen Boot ab, legte ihr eine Wolldecke um die Schultern und nahm selbst im Heck Platz. Dann kletterten seine Männer eilig die Strickleiter hinunter, bestiegen das Boot und griffen nach den Rudern.

„Legt euch ins Zeug, Leute. Wir wollen nicht mehr Ärger als unbedingt nötig, und je eher wir diese Dame sicher an Bord haben, desto besser für uns alle.“

Er sah kurz zu ihr hinüber und bemerkte, dass sie trotz der Decke zitterte, was sicher mehr an dem Schreck und der Angst als an der Kälte lag. Sie schien zu wissen, weshalb er sie gefangen genommen hatte, und sah mit einer Mischung aus Trotz und Resignation zur Sea Devil hinüber. Selbst wenn Ethan sich dessen nicht von Anfang an sicher gewesen wäre, so räumte ihr Schweigen nun die letzten Zweifel an ihrer Schuld aus.

Ohne weitere Zwischenfälle erreichten sie sein Schiff. Die Sea Devil war schneller und wendiger als die Lady Anne, und wenn sie erst einmal sicher an Bord waren, bestand keine Möglichkeit mehr, dass das andere Schiff sie noch einholen konnte.

„Ich kann alleine hinaufklettern“, sagte Grace entschlossen und sah zu der Strickleiter hinauf.

Ethan war kurz versucht, es darauf ankommen zu lassen. „Nein“, meinte er schließlich, und bevor sie darauf etwas entgegnen konnte, hatte er sie bereits wieder hochgehoben und begann, die steile Schiffswand zu erklimmen.

Sobald Grace die Holzplanken des Decks unter ihren Füßen spürte, fuhr sie herum und sah Ethan an. „Nun haben Sie, was Sie wollten. Hatten Sie nicht etwas von Landesverrat erzählt? Wahrscheinlich werden Sie mich jetzt direkt nach London bringen.“

Er lächelte kalt. „Später. Zuerst segeln wir nach Frankreich.“

Ihre strahlend grünen Augen weiteten sich vor Überraschung. „Wie bitte?“

„Ich muss noch etwas erledigen, bevor ich mich um Sie kümmern kann.“

Grace schluckte und rang um Fassung. „Ich verlange, dass Sie mir sagen, weshalb Sie mich hierher gebracht haben. Was haben Sie mit mir vor?“

Diese Frage stellte er sich selbst, seit er von ihrer Beteiligung an der Flucht des Viscounts erfahren hatte. Und von dem Moment an, da er sie an Bord der Lady Anne gesehen hatte, gingen ihm noch ganz andere Dinge durch den Kopf.

„Ja, das ist wirklich eine gute Frage, nicht wahr?“

Doch statt Angst sah er nun eine unerwartete Leidenschaft in ihren Augen aufblitzen, und im hellen Schein des Mondlichtes schien ihr Haar Funken zu sprühen. „Wer sind Sie wirklich, Captain Sharpe?“

Er ließ seinen Blick auf ihr ruhen und spürte, wie er von einer Welle der Lust erfasst wurde. „Wollen Sie das wirklich wissen? Nun, ich bin der Teufel in Person, und Sie, meine Liebe, sind des Teufels Beute.“

3. KAPITEL

Grace stand regungslos auf dem Deck der Sea Devil, und ihre Angst schien ihr das einzig Wirkliche auf der Welt zu sein. Sie konnte den donnernden Schlag ihres Herzens hören und spürte die Beklemmung, die sich um ihre Brust legte und ihr den Atem nahm. Der Captain stand dicht vor ihr und sah sie mit einem kalten, triumphierenden Lächeln an. Nur mit äußerster Anstrengung gelang es ihr, das wahre Ausmaß ihrer Furcht vor ihm zu verbergen.

Mit Händen und Füßen hätte sie sich wehren sollen! Sie hätte sich standhaft weigern sollen, das Schiff zu verlassen, hätte um Hilfe schreien und damit die anderen Passagiere und die Mannschaft der Lady Anne herbeirufen sollen. Nur hatte sie nicht auch an Captain Chambers denken müssen? Sie wollte nicht, dass ihm etwas passierte, dass er ihretwegen womöglich sogar sein Leben verlor.

Sie hatte sich eines schweren Verbrechens schuldig gemacht, und von dem schrecklichen Moment an, da dieser Mann mit dem rabenschwarzen Haar in den Salon gekommen war, war sie sich sicher gewesen, dass er genau wusste, was sie getan hatte.

Aber wer war er? Der Teufel in Person, hatte er gesagt – und Grace glaubte ihm das. Er schien voller Hass zu sein. Nie zuvor hatte sie Augen von einem so eisig kalten Blau gesehen oder ein Gesicht, dessen Züge wirkten, als seien sie in Stein gemeißelt.

Er war groß, hatte lange, muskulöse Beine, und die Schulter, auf der er sie getragen hatte, hatte sich breit und kräftig angefühlt. Sie spürte das Blut in ihre Wangen steigen, wenn sie daran dachte, wie nahe sie ihm gekommen war.

Seine Haut war von der Sonne gebräunt, und sie sah kleine Falten um seine Augen, die er sicher durch den Einfluss von Wind und Wetter bekommen hatte. Lachfalten konnten es kaum sein, denn sie vermochte sich nicht vorzustellen, dass dieser Kapitän des Teufels jemals über etwas lachte – außer vielleicht über das Leid einer anderen Person. Sein Gesicht zeigte keine Gefühle, es war hart und unnachgiebig, fast schon grausam.

Doch mit seinem welligen schwarzen Haar, den schwungvollen dunklen Brauen und den wohlgeformten Lippen war er zugleich einer der bestaussehenden Männer, denen sie je begegnet war.

„Folgen Sie mir.“

Seine Worte rissen sie aus ihren Gedanken. Wie hatte sie es nur zulassen können, dass er sie von der Lady Anne entführte?

Erneut nahm sie all ihren Mut zusammen. „Wohin bringen Sie mich?“

„Sie werden irgendwo schlafen müssen. In meiner Kabine ist genügend Platz.“

Sie blieb wie angewurzelt stehen. „Und wo werden Sie dann schlafen?“, fragte sie.

Er verzog keine Miene. „Das Schiff ist nicht allzu groß. Ich fürchte, wir werden uns die Kabine teilen müssen.“

Grace schüttelte den Kopf und trat einen Schritt zurück. „Nein, niemals. Das ist völlig ausgeschlossen!“

Er zog eine seiner dunklen Augenbrauen in die Höhe. „Dann möchten Sie vielleicht lieber an Deck schlafen? Das ließe sich einrichten. Oder vielleicht ziehen Sie es vor, bei der Mannschaft zu nächtigen? Ich kann mir denken, dass jeder meiner Männer gerne sein Bett mit Ihnen teilen würde. Sie haben die freie Wahl, Miss Chastain.“

Fassungslos sah sie ihn an. Sie war diesem Mann völlig ausgeliefert! Was um alles in der Welt sollte sie nur tun?

Verzweifelt blickte sie sich um. Sie konnte nicht von hier entkommen. Ein halbes Dutzend Matrosen hatte sich in einem Halbkreis hinter ihr aufgestellt. Einer von ihnen lächelte, und sie konnte die schwarzen, verfaulten Stümpfe seiner Zähne sehen. Ein anderer hatte ein Holzbein, und einer war ein massiger, finsterer Geselle mit unzähligen Tätowierungen.

„Nun, Miss Chastain?“

Der Captain schien das kleinere Übel zu sein, wenngleich sie sich dessen nicht sicher war. Als sie unmerklich nickte, drehte er sich um und ging weiter. Ihre Beine zitterten und drohten unter ihr nachzugeben, als Grace ihm die Stiege hinunterfolgte, die zu seinen Räumen im Heck des Schiffes führte. Am Fuße der steilen Treppe drehte er sich zu ihr um und reichte ihr die Hand, doch wirkte es mehr wie eine spöttische denn eine galante Geste.

Nachdem er die Tür zu seiner Kabine geöffnet hatte, ließ er ihr den Vortritt, und sie fand sich unvermittelt in einem großzügig geschnittenen Zimmer wieder. Es war weitaus beeindruckender als der winzige Raum, den sie sich mit Phoebe an Bord der Lady Anne geteilt hatte.

„Es scheint Ihnen zu gefallen“, bemerkte er trocken.

Wie sollte es das nicht? Die Wände waren mit Mahagoni getäfelt, Tisch und Stühle, der Schreibtisch und die Bücherborde waren aus demselben Holz gefertigt. Eine breite Koje befand sich unter einer Reihe kleiner, quadratischer Fenster, die den Blick auf das Heck des Schiffes freigaben. In der Ecke brannte ein anheimelndes Kaminfeuer. Der blank polierte Holzboden, auf dem ein dicker Perserteppich lag, schimmerte im Schein einiger Messinglampen.

„Ihr Geschmack ist ja ganz vorzüglich, Captain … fast schon kultiviert.“ Grace konnte sich den Sarkasmus nicht verkneifen.

„Ganz anders als meine Manieren – ist es das, was Sie meinen, Miss Chastain?“

„Das haben Sie gesagt, Captain, nicht ich.“

„Sie machen mich neugierig, Miss Chastain. Als ich auf der Lady Anne eintraf, schienen Sie nicht besonders überrascht zu sein. Ich vermute, Sie wussten, dass Ihr Handeln nicht ohne Folgen für Sie bleiben würde.“

Grace verzog keine Miene und hoffte, dass er nicht bemerkte, wie sehr ihre Hände zitterten. „Ich weiß immer noch nicht, wovon Sie reden. Ich bin nur mit Ihnen gekommen, da Sie keinen Zweifel daran gelassen hatten, dass Ihre Leute sonst den Kapitän erschießen würden.“

„Ah ja. Sie waren also nicht um Ihr eigenes Wohl besorgt, sondern um das des Kapitäns.“

„Ganz genau.“

„Was glauben Sie eigentlich, weshalb ich Sie gesucht habe?“

„Ich habe nicht die leiseste Ahnung.“

„Nein?“

„Nein.“

„Eine Möglichkeit wäre, dass ich für Sie ein Lösegeld fordern wollte.“ Wie ein Panter kam er langsam auf sie zu, ein Raubtier auf der Jagd nach Beute.

„Haben Sie das vor?“ Sie hob ihre Arme, um den Verschluss ihrer Perlenkette zu öffnen, und hoffte, dass ihre bebenden Hände sie nicht im Stich ließen. „Dann nehmen Sie den Schmuck. Diese Kette ist sehr wertvoll.“ Und gerade jetzt wollte es ihr partout nicht gelingen, sie zu öffnen … als ob die Perlen sich ihrem Vorhaben widersetzen wollten.

Der Captain stand plötzlich vor ihr. „Vielleicht kann ich Ihnen behilflich sein.“ Natürlich bekam er das Collier ohne Schwierigkeiten auf und ließ es in seine Hand gleiten. „Wunderschön.“ Seine Finger fuhren sanft über die Perlen. „Ich frage mich, wie Sie wohl daran gekommen sind.“

„Es war ein Geschenk. Nehmen Sie die Perlenkette, und bringen Sie mich zur Lady Anne zurück!“

Der Captain lachte verächtlich. „Ein Geschenk! Wahrscheinlich von einem Ihrer Verehrer.“ Achtlos warf er das Schmuckstück auf seinen Schreibtisch.

„Ihr Geld interessiert mich nicht, Miss Chastain.“ Er ließ seine kalten blauen Augen über ihren Körper gleiten und lächelte anzüglich. „Ich könnte mir aber durchaus andere Formen der Bezahlung vorstellen.“ Sein Blick ruhte auf dem Ausschnitt ihres meerblauen Seidenkleides, der den Ansatz ihrer wohlgerundeten Brüste erkennen ließ. „Ich muss mich an Bord noch um einige Dinge kümmern. Machen Sie es sich derweil bequem.“

Mit langen, schlanken Fingern griff er im Vorbeigehen nach der Perlenkette auf seinem Schreibtisch. „Bis nachher, Miss Chastain.“

Grace sah ihm nach, bis er das Zimmer verlassen hatte. Sobald die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, atmete sie erleichtert auf. Die Tränen, die sie bislang zurückgehalten hatte, liefen ihr über die Wangen. Grace wischte sie hastig beiseite, denn sie wollte nicht, dass irgendjemand sie so sah – und er schon gar nicht!

Sie hatte angenommen, dass er sie nach London zurückbringen und dort dem Friedensrichter übergeben würde. Schließlich hatte sie gewusst, worauf sie sich einließ, als sie einem Verräter zur Flucht verhalf: dass man sie aufspüren und gefangen nehmen könnte.

Nur konnte sie ihren Vater doch nicht im Stich lassen! Obwohl sie ihn kaum kannte und nicht wusste, ob er schuldig war oder nicht, konnte sie nicht tatenlos zusehen, wie er an den Galgen kam.

Ethan stützte seine Arme auf die Reling, sah auf das dunkle Meer hinaus und dachte an Grace Chastain. Die Gedanken an sie mischten sich mit den Erinnerungen an seine Mannschaft, die er verloren hatte. Es waren tapfere, mutige Männer gewesen, einige von ihnen waren verheiratet und hatten eine eigene Familie, und alle hatten ihm über die Jahre treu zur Seite gestanden.

Noch immer konnte er ihre Schreie hören, die durch die Wände des Gefängnisses an sein Ohr gedrungen waren.

„Das Mädchen ist ganz anders, als ich dachte.“ Ethan hatte nicht bemerkt, dass Angus sich zu ihm gesellt hatte. „Höchstens dreiundzwanzig, wenn überhaupt.“

„Ihr Alter dürfte nichts zur Sache tun. Sie hat einem Mörder zur Flucht verholfen und vielleicht von Anfang an mit ihm unter einer Decke gesteckt. Wenn wir Glück haben, bringt sie uns auf seine Spur.“

Angus nickte. „Das kann schon sein.“

Wieder blickte Ethan auf das Meer hinaus.

„Vielleicht hat sie ihn geliebt.“

Ethan sah starr geradeaus. „Der Mann war verheiratet und hatte Kinder. Dieses Mädchen ist nichts weiter als eine gewöhnliche Hure.“

Angus lehnte seinen massigen Körper gegen die Reling. „Da mögen Sie recht haben. Aber was wollen Sie nun mit ihr anstellen?“

Ethan sah ihn kurz an. „Sie war Jeffries’ Geliebte. Heute Nacht gehört sie mir.“

Angus schwieg zunächst, aber dem Kapitän entging nicht der Ausdruck von Missbilligung in den Augen des älteren Mannes. „Wollen Sie sie zwingen?“

„Das wird nicht nötig sein. Immerhin ist sie käuflich.“

Angus zog sich seine Mütze noch tiefer in die breite Stirn. „Und werden Sie sie freilassen, wenn sie Ihre Forderungen erfüllt hat?“

Ethan sah ihn ungläubig an. Hatte sein Maat jetzt den Verstand verloren? „Sie freilassen?“, fragte er barsch. „Wenn ich genug von ihr habe und zudem feststelle, dass sie uns nicht dabei behilflich sein kann, Jeffries zu finden, werde ich sie nach London bringen und den Behörden übergeben. Sie hat ein Verbrechen begangen, Angus! Dafür muss sie bestraft werden.“

Der alte Seemann schnaubte. „Mir kommt es vor, als ob das Mädchen gestraft genug ist, bevor sie überhaupt nach London zurückkommt.“ Angus wandte sich ab und ging mit schweren Schritten zu der Leiter, die in die Mannschaftsräume führte.

Ethan fluchte leise. Auf ihrer letzten, verhängnisvollen Fahrt war Angus schließlich nicht dabei gewesen! Von seiner jetzigen Mannschaft hatte nur der schlaksige Ned damals an seiner Seite gekämpft – alle anderen Männer der Sea Witch hatte er durch einen Hinterhalt der Franzosen verloren. Der Kapitän der feindlichen Fregatte hatte über vertrauliche Informationen verfügt, die nur wenigen Mitgliedern der englischen Regierung zugänglich gewesen waren.

Harmon Jeffries hatte seine Landsleute verraten, und seine Geliebte hatte ihm nun auch noch zur Flucht verholfen!

Wieder dachte Ethan an die Frau in seiner Kabine. Es war weit nach Mitternacht, und sie schlief wahrscheinlich schon. Er stellte sich vor, wie sie nackt in seinem Bett lag und ihm ihren Körper darbot. Heißes Verlangen durchströmte ihn bei dem Gedanken.

Sie würde ihm nicht entkommen. Er würde um ihre Gunst feilschen und sich dann so lange mit ihr vergnügen, bis er genug von ihr hatte.

Bislang war er Frauen gegenüber stets als Gentleman aufgetreten. Er hatte seine Geliebten, die er im Laufe der Jahre gehabt hatte, ausnahmslos gut behandelt.

Aber mit Grace Chastain war das anders. Für ihre heimtückischen Taten sollte sie bezahlen, und er würde dafür sorgen, dass sie dabei nicht günstig wegkam.

Obwohl sie verängstigt, verunsichert und bis auf die Knochen erschöpft war, bemühte Grace sich dennoch, wach zu bleiben. Nachdem der Captain gegangen war, hatte sie sich auf einen Stuhl in der Nähe der Tür gesetzt und horchte angespannt auf jedes Geräusch. Sie rechnete jede Minute damit, dass ihr Entführer zurückkommen würde.

Er hatte keinen Zweifel an seinen Absichten gelassen. Wie ein Barbar würde er über sie herfallen und ihr die Unschuld rauben – nur sollte ihm das nicht so einfach gelingen! Er war zwar größer und stärker als sie, aber sie war klug und zu allem entschlossen. Sie würde sich erbittert wehren und sich mit jeder Faser ihres Körpers widersetzen.

Die Zeit verging schleppend. Jede halbe Stunde konnte sie das Schlagen der Schiffsuhr hören, und der Captain war immer noch nicht zurückgekommen. Die gleichmäßig wogenden Bewegungen des Meeres und das sanfte Branden der Wellen begannen sie schläfrig zu machen. Mühsam versuchte sie, die Augen offen zu halten.

Doch es wurde immer später, und der Schlaf lockte sie zu sich wie der Gesang der Sirenen den achtlosen Seemann. Langsam fielen ihr die Augen zu. Als die Tür sich leise öffnete, war sie bereits eingeschlafen und hörte nicht mehr, wie der Captain die Kabine betrat.

Ethan blieb in der Mitte des Raums stehen. Wenn er gehofft hatte, Grace Chastain auf ihn wartend in seinem Bett zu finden, so hatte er sich getäuscht.

Das Mädchen hatte sich auf dem Holzstuhl, der vor seinem Schreibtisch stand, zusammengekauert und hielt mit einer Hand seinen silbernen Brieföffner fest umklammert. Das Kinn war ihr auf die Brust gesunken, und die Decke war ihr von den Schultern gerutscht und auf den Boden gefallen. Ihr Haar war ein wenig zerzaust, ihre Lippen im Schlaf leicht geöffnet. Sie sah jung und unschuldig aus … und verführerischer als jede Frau, die er jemals gesehen hatte.

Er überlegte kurz, sie zu wecken und ihr einen Handel vorzuschlagen, der ihm den Genuss ihres verlockenden Körpers einbringen würde, doch etwas hielt ihn davon ab. Die Erschöpfung stand ihr ins Gesicht geschrieben, und ihm war nicht entgangen, wie verängstigt sie war, wenngleich sie alles getan hatte, um es vor ihm zu verbergen.

Eigentlich müsste ihm ihr Leiden Freude bereiten – hatte er sie nicht aus genau diesem Grund an Bord gebracht? Er wollte, dass sie büßte, was ihm und seinen Leuten angetan worden war, und er würde nicht eher ruhen, bis sie ihre Schuld beglichen hatte.

Doch statt sie zu wecken, nahm er ihr vorsichtig den Brieföffner aus der Hand, hob sie auf seine Arme und trug sie zu seinem Bett hinüber. Er schlug den Überwurf zurück, legte sie in all ihren Kleidern auf die weiche Matratze und breitete die Decke über ihr aus.

Er war fast genauso müde wie sie. Vielleicht war es besser zu warten, überlegte er. Morgen würden sie sicher zu einer Einigung kommen, und er bekäme, was er wollte. Leise zog er sich bis auf seine Unterhose aus, löschte die Lampe und legte sich auf die andere Seite des Bettes.

Morgen, sagte er sich. In seine Müdigkeit mischte sich eine wilde Vorfreude, bevor er endlich in einen tiefen Schlaf fiel.

Der Morgen kam früher als erwartet. Noch vor Sonnenaufgang erwachte Ethan und riss überrascht die Augen auf. Sein Gefühl sagte ihm, dass irgendetwas anders war als sonst. Es dauerte nur einen Moment, bis er sich daran erinnerte, dass seine schöne Gefangene neben ihm lag.

Grace Chastain schlief tief und fest, aber ihr Gesäß schmiegte sich so eng an seinen Schoß, dass er durch den Stoff ihres Kleides hindurch die Wärme ihres Körpers spüren konnte. Er bemerkte seine eigene Erregung und wurde von dem drängenden Wunsch ergriffen, sie in Besitz zu nehmen. Was wohl passieren würde, wenn er ihren Rock hochschob und sie zu liebkosen begann? Dass diese Frau ein Temperament hatte, das genauso feurig war wie ihr Haar, hatte er schon feststellen dürfen. Nun fragte er sich, ob sie im Bett wohl ebenso leidenschaftlich sein würde.

Sie war kein unschuldiges Mädchen mehr, was ihm sein Vorhaben entweder erleichtern oder erschweren konnte – je nachdem, welche Erfahrungen sie im Laufe der Jahre mit ihren Liebhabern gemacht hatte. Er ließ seine Hand leicht über ihre Hüfte gleiten, erfreute sich an ihren sanften weiblichen Rundungen und ihrem wohlgeformten Hinterteil. Langsam tastete er sich an ihrem Schenkel entlang abwärts … bis zu ihrer Wade … und griff schließlich nach dem Saum ihres Kleides.

Der empörte Schrei, den sie ausstieß, gellte ihm in den Ohren. Sie sprang aus dem Bett, als ob es in Flammen stünde, und fuhr wütend herum, um ihn anzusehen. Abwehrend hielt sie ihre Hände ausgestreckt, als müsste sie sich gegen ein teuflisches Ungeheuer verteidigen. Fast musste er lächeln.

„Fassen Sie mich nicht an!“

„Ich glaube, Sie haben Ihren Widerwillen gegen meine Berührung bereits deutlich zum Ausdruck gebracht.“ Er griff nach seiner Hose, zog sie an und begann die Knöpfe zu schließen.

Sie rannte zu seinem Schreibtisch hinüber und suchte in rasender Hast nach dem Brieföffner, den sie dann wie eine Waffe vor sich hielt.

„Legen Sie das weg. Ich tue Ihnen nichts.“

„Sie haben … Sie wollten … haben versucht …“

„Beruhigen Sie sich. So wie Sie sich an mich gedrängt haben, dachte ich, dass wir beide unseren Spaß haben könnten.“ Himmel, was war sie schön! Die rotbraunen Locken fielen ihr wild um die Schultern, ihre Wangen waren vor Wut gerötet. Ihr bloßer Anblick erregte ihn.

Er ging ein paar Schritte auf sie zu, hielt aber genügend Abstand, um sie nicht zu ängstigen. „Ich hatte gehofft, dass wir vielleicht zu einer Einigung kommen könnten.“

Argwöhnisch betrachtete sie ihn. „Was für eine Einigung?“

„Ich bin ein Mann, Miss Chastain. Und wie Sie sicher wissen, haben Männer gewisse Bedürfnisse.“

Ihre Hände zitterten. „Wollen Sie … wollen Sie damit sagen, dass Sie von mir erwarten, dass ich mich Ihrer … Bedürfnisse annehme?“

Er lächelte leicht. „Ich würde es anders ausdrücken. Wie ich bereits sagte, glaube ich, dass wir beide unser Vergnügen dabei haben könnten. Und für Sie könnten sich zudem noch weitere Vorteile ergeben.“

„Wollen Sie mir einen Handel vorschlagen?“

„Ja. Wenn Sie sich darauf einlassen, und ich an Ihnen Gefallen finde, würde ich mich bei den Behörden für Sie einsetzen, wenn wir wieder in London sind.“

Sie schluckte. Zum ersten Mal bemerkte er, dass sie mit den Tränen kämpfte.

Sie räusperte sich, und er sah, dass ihre Mundwinkel zuckten. „Nein.“

„Ist das alles? Nein?“

Sie schüttelte den Kopf. Sie wirkte unschuldig und verletzlich, und sie so zu sehen ließ ein seltsam beunruhigendes Gefühl in ihm aufsteigen.

„Wenn Sie versuchen, mich zu zwingen, werde ich mich Ihnen mit aller Kraft widersetzen.“

Er sah sie an und zweifelte keinen Moment an ihren Worten. Durch die Tränen hindurch funkelten ihre Augen voller Entschlossenheit.

„Ich werde Sie nicht zwingen“, versprach er mit sanfter Stimme. „Das war nie meine Absicht.“ Aber er würde sie auch nicht so einfach entkommen lassen. Sie war die Geliebte von Harmon Jeffries – und er begehrte sie. Sehr sogar. Früher oder später würde er seinem Verlangen nachgeben.

„Warum … sollte ich Ihnen das glauben?“

„Ich mag vielleicht einige schlechte Eigenschaften haben, Miss Chastain, Lügen gehört allerdings nicht dazu. Legen Sie den Brieföffner weg.“

Ihre Finger schlossen sich nur noch fester um den silbernen Griff.

„Ich habe Sie gebeten, ihn wegzulegen.“ Er begann wütend zu werden und ging entschlossen auf sie zu. Schließlich war er es nicht gewohnt, dass Leute sich seinen Befehlen widersetzten. Und von Grace Chastain würde er sich das schon gar nicht bieten lassen.

„Bleiben Sie, wo Sie sind!“

„Wenn Sie mir drohen, wird das nicht ohne Folgen für Sie bleiben“, erwiderte er.

Sie biss sich auf ihre volle Unterlippe. Wie gerne er diese Lippen küssen würde … Himmel! Er konnte sich nicht erinnern, jemals solche Lust nach einer Frau verspürt zu haben. Die Tatsache, dass sie Harmon Jeffries gehörte, steigerte sein Verlangen nur noch.

Als er einen weiteren Schritt auf sie zu machte, machte Grace ihrerseits einen Schritt zurück. Den Brieföffner hielt sie weiterhin fest in ihrer Hand.

„Sie scheinen sich in Schwierigkeiten bringen zu wollen, Miss Chastain.“

„Mir scheint eher, dass Sie in Schwierigkeiten sind.“

Jetzt musste er doch lächeln. Er lächelte nicht oft, und es fühlte sich beinahe ungewohnt an. Dann täuschte er eine Bewegung nach links vor, griff schnell nach rechts, umfasste Grace’ Handgelenk und riss ihr den Brieföffner aus der Hand. Noch während er ihn weit von sich warf, zog er sie ungestüm an sich, vergrub seine Finger in ihrem dichten rotbraunen Haar und ergriff mit einem tiefen, leidenschaftlichen Kuss von ihrem Mund Besitz.

Eine heiße Welle der Lust strömte durch seinen Körper. Er kostete den Moment kurz aus, bevor er sich von Grace löste und einen Schritt zurücktrat. Ihre grünen Augen waren weit aufgerissen, und sie blickte ihn überrascht und ungläubig zugleich an. Sein Herz pochte laut, und er spürte das heftige Pulsieren seiner erregten Männlichkeit. Erfreut stellte er fest, dass nicht nur er die Wirkung dieses Kusses gespürt hatte. Ihre Wangen waren gerötet, und ihre Brüste hoben und senkten sich unter ihrem schnellen Atem.

„Denken Sie über meinen Vorschlag nach“, sagte er sanft. „Ein Pakt mit dem Teufel muss nicht unbedingt schlecht sein.“ Er wandte sich von ihr ab, nahm seine restlichen Kleider, hob den Brieföffner vom Boden auf und verließ damit das Zimmer. Leise schloss er die Tür hinter sich.

Wie gebannt sah Grace auf die Tür, durch die ihr Entführer verschwunden war. Er war tatsächlich ein Barbar … ein Wilder! Keinen Moment glaubte sie, dass er sein Wort halten würde. Für sie gab es keinerlei Grund, ihm irgendetwas zu glauben.

Sie wünschte sich nur, wieder sicher an Bord der Lady Anne zu sein.

Unbewusst berührte sie mit den Fingerspitzen ihre Lippen. Seine Umarmung war alles andere als zärtlich, sein Kuss nur kurz, doch voller Leidenschaft gewesen … ein wütender, besitzergreifender Kuss, der sie eigentlich hätte abstoßen müssen, und doch … Sie wusste, dass sie diesen Kuss niemals vergessen würde.

Wie konnte das sein?

Sie musste an den Handel denken, den der Captain ihr vorgeschlagen hatte. Er wusste von ihrer Beteiligung an der Flucht des Viscounts aus Newgate, und doch brachte er sie nicht geradewegs nach London zurück, um sie den Behörden auszuliefern. Sie hatte allen Grund, sich vor ihm zu fürchten – und das tat sie auch. Aber tief in ihrem Inneren spürte sie etwas, das sie davor bewahrte, sich von ihm einschüchtern zu lassen.

Ihr Magen knurrte. Grace strich sich die zerzausten Haare zurück und ging zu dem Spiegel, der in einer Ecke des Zimmers stand. Ihre rotbraunen Locken hingen ihr wirr um die Schultern, und ihr meerblaues Seidenkleid bot einen trostlosen und sehr zerknitterten Anblick. Sie hob ihren Rock hoch und riss den Spitzenbesatz vom Saum ihres Unterkleides, um damit ihre Haare zusammenzubinden. Was hätte sie jetzt für ein heißes Bad gegeben! Außerdem wollte sie etwas essen und begann sich zu fragen, ob Captain Sharpe sie vielleicht dadurch bestrafen wollte, dass er sie langsam verhungern ließ.

Als seien ihre Gedanken erhört worden, klopfte es in diesem Moment vorsichtig an der Tür. Sie war ein wenig verunsichert, da der Captain den Brieföffner mitgenommen hatte und sie nicht wusste, womit sie sich nun verteidigen sollte.

Aber dann seufzte sie und ging zur Tür. Wenn er oder seine Leute ihr wirklich etwas zu Leide tun wollten, hätten sie dazu schon längst Gelegenheit gehabt. Sie atmete einmal tief durch und öffnete.

Womit sie gar nicht gerechnet hatte, war der Anblick eines blonden Jungen, der vor ihr auf dem Gang stand und ein Frühstückstablett in den Händen hielt.

„Morgen, Miss. Der Capt’n dachte, Sie könnten Hunger haben.“ Der Geruch von noch warmem Porridge stieg verlockend von der Schale auf, die in der Mitte des Tabletts stand. Daneben lag eine in Stücke geteilte Orange. Auch eine große Tasse mit heißem, dampfendem Tee fehlte nicht sowie ein Krug mit Sahne und ein Glas Melasse für das Porridge. Sie wagte ihren Augen kaum zu trauen!

Das Wasser lief ihr im Munde zusammen. „Da hat der Captain ganz richtig gedacht – ich bin sehr hungrig. Es war sehr aufmerksam von ihm, mir etwas herunterzuschicken.“ Aufmerksam … Wahrscheinlich gehörte es nur zu seinem Plan, sie für seinen Vorschlag einer Einigung zu erwärmen. Diese Strategie würde nicht aufgehen!

„Wie heißt du?“, fragte Grace den Jungen, der kaum älter als zwölf sein konnte und für sein Alter zudem sehr klein war. Erst jetzt bemerkte sie, dass er sich mit seinem linken Arm auf eine hölzerne Krücke stützte.

„Freddie, Miss. Freddie Barton.“

Grace beschloss, nicht weiter auf die Krücke zu achten, und lächelte den Jungen an. „Nun, Freddie, du kannst das Tablett hier drüben abstellen.“ Sie zeigte auf einen kleinen runden Sheraton-Tisch mit zwei dazu passenden Stühlen. Es erstaunte sie, dass ein Mann, der sich als der leibhaftige Teufel ausgab, einen behinderten Jungen in seinen Diensten hatte.

„Gerne, Miss.“ Freddie ging zu dem Tisch hinüber, und Grace runzelte besorgt die Stirn, als sie sein missgebildetes Bein sah. Auf einmal hörte sie hinter sich auf dem Gang ein Geräusch, und etwas huschte durch den offenen Türspalt, rannte durch die Kabine und so nah an dem Jungen vorbei, dass er fast das Gleichgewicht verlor.

„Zum Teufel mit dir, Schooner!“ Etwas unbeholfen setzte er das Tablett auf dem Tisch ab, und Grace folgte seinem Blick. Ein getigerter Kater hatte es sich unter einem der Stühle gemütlich gemacht.

„Mögen Sie Katzen?“, fragte er.

„Aber ja.“

Erleichtert sah Freddie sie an. „Schooner wird Sie nicht stören. Und er ist auch ein ganz toller Mäusefänger!“

Sie konnte ihr Lächeln kaum zurückhalten. „Dann muss ich mir also um Mäuse in der Kabine keine Sorgen machen.“

„Nein, Miss.“ Freddie blickte auf den orange gestreiften Schwanz, der unter dem Stuhl hervorlugte. „Schooner wird sich schon melden, wenn er wieder rauswill.“

„Da bin ich mir sicher.“

„Der Capt’n hat gesagt, ich soll mich um Sie kümmern. Wenn Sie irgendwas brauchen, müssen Sie mir nur Bescheid sagen.“

Oh, da fielen ihr viele Dinge ein! Am liebsten wünschte sie sich, von diesem Schiff wegzukommen, doch sie bezweifelte, dass Freddie ihr dabei würde helfen können. Sie ging zum Tisch hinüber und betrachtete das Tablett mit dem Essen. Ihr Magen knurrte erneut. Sie war sehr hungrig, wichtiger war es allerdings, an Informationen zu kommen, und der Junge schien einiges zu wissen.

„Wie lange arbeitest du schon für Captain Sharpe?“

„Noch nicht lange, Miss. Der Capt’n hat das Schiff gerade erst gekauft. Aber mein Vater ist früher mit ihm zur See gefahren und dann zusammen mit der ganzen Mannschaft umgebracht worden.“

„Oh! Das tut mir leid, Freddie. Wie ist das passiert?“

„Sie haben gegen die verdammten Franzosen gekämpft, und die haben das Schiff gestürmt und den Capt’n, meinen Vater und die ganze Mannschaft ins Gefängnis geworfen. Diese verdammten Bastarde!“ Er errötete, weil er merkte, dass er in ihrer Gegenwart geflucht hatte. „Entschuldigung, Miss.“

„Ist schon gut, Freddie. Diese Franzosen scheinen aber auch wirklich eine ganz üble Sorte gewesen zu sein.“

Der Junge stützte sich auf seine Krücke. „Der Capt’n hat die Sea Witch verloren und alle seine Männer – bis auf Angus und den schlaksigen Ned. Sie sollten mal die Geschichten hören, die Ned zu erzählen hat! Ned sagt, dass Capt’n Sharpe sich wie ein Teufel geschlagen hat. Er sagt, der Capt’n …“

„Ich glaube, die Dame weiß schon mehr über den Captain, als ihr lieb ist“, ließ sich auf einmal eine tiefe Stimme hinter ihnen vernehmen. „Los, Freddie – Angus wartet auf dich.“

Der Junge errötete erneut und humpelte eilig aus dem Zimmer. Er schloss die Tür hinter sich, und Grace wandte sich um und sah ihren Entführer auf sich zukommen.

„Ihr Porridge wird kalt.“

Sie blickte kurz auf die Schale. „Ja – danke für das Frühstück.“

„Sie sollten zusehen, dass Sie bei Kräften bleiben. Im Gefängnis ist das Essen ungenießbar – das weiß ich aus eigener Erfahrung.“

Die Erinnerung daran, was ihr bevorstand, hatte ihr den Appetit gründlich verdorben, dennoch setzte sie sich an den Tisch und begann zu essen. Sie versuchte, nicht darauf zu achten, dass der Captain hinter ihr in der Kabine auf und ab ging, und brachte mit Mühe das Porridge herunter, die Orange hingegen konnte sie nicht mehr anrühren.

Er kam zu ihr herüber und blieb neben ihr stehen. „Essen Sie die Orange. Oder wollen Sie Skorbut bekommen und all Ihre schönen Zähne verlieren?“

Nur mit Mühe konnte sie sich eine schnippische Bemerkung verkneifen. Was ging es ihn an, was sie aß? Aber natürlich hatte er recht. Sie hatte von Skorbut gehört und widmete sich nun also der Orange.

Die Frucht war süß und saftig. Einfach herrlich! Zufrieden seufzend tupfte sie sich mit der Serviette die Lippen ab und schob dann ihren Stuhl zurück. Der Captain saß an seinem Schreibtisch und machte Eintragungen in das Logbuch.

Grace stand auf und ging zu ihm. „Ich will wissen, warum Sie mich hierher gebracht haben. Was haben Sie mit mir vor?“

Er wandte sich zu ihr um, erhob sich und stand in seiner ganzen Größe vor ihr. Seine blauen Augen blickten sie durchdringend an. „Und ich will wissen, warum Sie einen Verräter vor dem Galgen bewahrt haben.“

Endlich hatte er es gesagt! „Was macht Sie so sicher, dass ich das getan habe?“

„Ich habe meine Informanten – sehr zuverlässige Quellen. Genauso wie Harmon Jeffries.“

Den Namen ihres Vaters mit so viel Hass ausgesprochen zu hören, ließ sie erschaudern. Erst vor kurzem hatte sie überhaupt von ihrem leiblichen Vater erfahren und seine Briefe an sie gelesen, die er ihr über die Jahre geschrieben hatte und die ihre Mutter vor ihr versteckt hatte. Die Botschaften hatten sie zutiefst berührt, denn sie hatten ihr gezeigt, dass ihr Vater sie nicht im Stich gelassen oder vergessen hatte, wie sie bislang immer geglaubt hatte.

In den Augen des Gesetzes hatte sie ein verwerfliches Verbrechen begangen, indem sie ihm zur Flucht verhalf. Nun musste sie vorsichtig sein, sich nicht zu einem Geständnis verleiten zu lassen, denn sie wusste noch immer nicht, wer ihr Entführer wirklich war oder was er mit ihr vorhatte.

Und deshalb ging sie auf seine Fragen genauso wenig ein, wie er die ihren beantwortet hatte. „Ich verlange, dass Sie mich nach Scarborough bringen. Wenn Sie meine Reise nicht unterbrochen hätten, wäre ich schon längst dort eingetroffen.“

Er lachte kalt. „Sie sind wirklich eine erstaunliche junge Frau, Miss Chastain. Sehr einfallsreich und dabei unglaublich unterhaltsam. Unser kleines Katz-und-Maus-Spiel beginnt mir langsam Spaß zu machen.“

„Nun, ich kann Ihnen versichern, dass es mir nicht so geht – ganz und gar nicht.“

„Nein?“ Er ließ seinen Blick über sie wandern, und sie glaubte, die leidenschaftliche Hitze in seinen durchdringend blauen Augen auf ihrer Haut zu spüren. „Vielleicht brauchen Sie nur noch ein wenig Zeit.“

Ihr stockte der Atem, und sie wandte sich von ihm ab, da ihr auf einmal bewusst wurde, wie zerzaust und unordentlich sie aussah. Sie strich sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht und wünschte sich nichts sehnlicher als ein Bad und frische Kleider.

Ihre Geste schien diesen Wunsch deutlich gemacht zu haben.

„In ein oder zwei Tagen werden wir anlegen, um unsere Vorräte aufzufüllen. Ich werde mich darum kümmern, dass Sie dann etwas Neues anzuziehen bekommen.“

Entschlossen hob sie ihr Kinn und sah ihn herausfordernd an. „Ich habe alles, was ich brauche – in meinem Gepäck auf der Lady Anne.“

Der Captain verzog keine Miene. „Umso schlimmer für Sie, dass Sie nicht mehr an Bord der Lady Anne sind.“

4. KAPITEL

Zwei weitere Tage waren vergangen. Grace saß in ihrem zerknitterten meerblauen Seidenkleid auf dem breiten Bett des Captains und kraulte Schooner, der es sich auf ihrem Schoß gemütlich gemacht hatte. Das zufriedene Schnurren des orange getigerten Katers beruhigte sie. Sie war gefangen an Bord eines Schiffes, das ihr immer mehr wie ein Piratenschiff vorkam, sie wusste nicht, wohin sie fuhren, und ihr Schicksal schien ihr ungewiss.

Sie fragte sich, weshalb sie sich in Anbetracht all dessen nicht mehr fürchtete.

Grace seufzte und strich gedankenverloren über Schooners Fell. Vielleicht glaubte sie sich sicher, da ihr bislang kein wirkliches Leid geschehen war und sie den Umständen entsprechend gut behandelt wurde. Nachts trug sie jetzt ein derbes Nachthemd aus Baumwolle, das Freddie ihr gebracht hatte. Und weil sie ihrem Entführer noch immer nicht vertraute, verbrachte sie die Nächte weiterhin auf dem Holzstuhl hinter seinem Schreibtisch. Trotzdem wachte sie jeden Morgen in seinem Bett auf – der Unterschied zur ersten Nacht war jedoch, dass sie stets alleine aufwachte.

Grace wusste indes, dass er in der Nacht da gewesen war und neben ihr geschlafen hatte. Sie sah den Abdruck seines Kopfes auf dem Kissen und nahm schwach den angenehmen, männlichen Geruch seines Körpers wahr, der sie immer an das Meer erinnerte.

Mittlerweile fürchtete sie sich weniger vor dem, was der Captain ihr antun könnte, als davor, was wohl geschehen würde, wenn er sie nach London zurückbrachte und den Behörden übergab. Bislang befand sich das Schiff allerdings noch auf einem Kurs, der sie immer weiter von der Stadt entfernte. Vielleicht bestand ja Hoffnung.

In den letzten zwei Tagen hatte sie den Captain nur selten zu Gesicht bekommen, wofür sie im Grunde dankbar war. Mit seiner Mischung aus leidenschaftlichen Blicken und kalter Verachtung war der Mann nicht unbedingt ein wünschenswerter Umgang für eine junge Dame. Wenngleich Freddie und Schooner ihr halfen, sich die Zeit zu vertreiben, so fühlte sie sich doch eingesperrt und begann unruhig zu werden. Sie ging in der Kabine auf und ab, und es kam ihr vor, als würden die Wände sich stetig enger um sie schließen.

Wenn sie den Captain das nächste Mal sah, würde sie ihn bitten, mit ihr an Deck zu gehen. Es fehlte ihr, sich an der frischen Luft zu bewegen. Tagsüber öffnete sie nun immer eines der kleinen Fenster über dem Bett, aber das war nur ein schwacher Ersatz dafür, draußen die salzige Gischt auf ihrem Gesicht zu spüren und die frische Meeresluft tief einatmen zu können. Einzig die Erinnerung an die schaurigen Gesellen, die sie am ersten Tag an Deck erblickt hatte, hielt sie davon ab, alleine hinaufzugehen.

Sie hörte es an der Tür klopfen und erkannte sofort, dass es Freddie war. Wie überrascht war sie, als sie die Tür öffnete und hinter ihm zwei kräftige Männer erblickte, die eine dampfende Kupferwanne trugen!

„Regenwasser für Ihr Bad, Miss“, verkündete Freddie. „Wir sind letzte Nacht in einen argen Sturm gekommen und konnten endlich den Wassertank auffüllen. Der Capt’n dachte, dass Sie vielleicht baden wollen.“

Allein die Vorstellung an ein Bad hob sofort ihre Laune!

„Wo sollen wir es hinstellen, Miss?“

„Vor dem Kamin wäre schön.“ Sie eilte durch das Zimmer und sah zu, wie die Männer den schweren Zuber vor dem niedrig brennenden Feuer abstellten.

„Da drüben sind Leinentücher.“ Freddie zeigte auf einen kleinen Wäscheschrank. „Soll ich Ihnen eins holen?“

„Ich mache das schon. Danke, Freddie.“ Nachdem der Junge mit den beiden Männern die Kabine verlassen hatte, runzelte Grace nachdenklich die Stirn. Zwar legte sie jeden Abend ihre Kleidung ab, um das Nachthemd anzuziehen, und tat morgens dasselbe in umgekehrter Reihenfolge, aber mitten in der Kabine des Captains nackt in einer Badewanne zu sitzen … dazu brauchte es schon mehr Mut.

Grace fühlte die Wärme, die von dem Wasser aufstieg, und spürte den Dampf auf ihrem Gesicht. Ihr Entschluss stand fest, und eilig begann sie, die Knöpfe am Rücken ihres Kleides zu öffnen. Wenn das nur so einfach wäre!

„Verdammte Dinger“, murmelte sie wütend und wünschte sich, dass Phoebe hier wäre, um ihr zu helfen. Sie musste sich sehr verrenken, um auch noch an die letzten Knöpfe zu gelangen.

„Sie sehen aus, als könnten Sie Hilfe gebrauchen.“ Die Stimme des Captains drang vom anderen Ende des Zimmers zu ihr. Grace war so beschäftigt mit ihrem Kleid gewesen, dass sie ihn nicht hatte hereinkommen hören.

In seinen polierten, kniehohen Stiefeln kam er nun auf sie zu. Sie bemerkte, dass er jetzt ein Bein etwas nachzog. Das war ihr schon früher aufgefallen, vermutlich rührte es von einer alten Verletzung her. Meist gelang es ihm, sein Handicap zu kaschieren, doch wenn er unruhig oder verärgert war, verstärkte es sich.

Er zog seinen Mantel aus, warf ihn auf das Bett und stand dann nur noch in seinen eng anliegenden schwarzen Hosen und einem langärmeligen Hemd vor ihr. Wirklich – er sah aus wie ein Pirat, wie Black Bart oder der berüchtigte Captain Kidd, und vielleicht war er ja auch einer.

Immerhin hatte er sie von Bord der Lady Anne entführt und hielt sie hier gegen ihren Willen gefangen.

Sie spürte seine Finger an ihrem Kleid, und mit einem Geschick, das erkennen ließ, wie vertraut er mit weiblicher Garderobe war, öffnete er die restlichen Knöpfe. Sobald das Kleid von ihren Schultern fiel, trat sie einen Schritt beiseite und hielt das Oberteil mit einer Hand an ihren Körper gedrückt.

„Vielen Dank“, sagte sie förmlich. „Wenn Sie mich entschuldigen würden … ich möchte nun gerne das Bad nehmen, das Sie mir freundlicherweise haben bringen lassen.“

Er bedachte sie mit einem unverschämten Lächeln. „Ich werde Sie nicht davon abhalten.“

Ihre Augenbrauen schossen in die Höhe. „Sie wollen doch nicht etwa in der Kabine bleiben, während ich mich entkleide?“

Ein Blick in seine blauen Augen, die sie verlangend ansahen, genügte ihr als Antwort. „Ich habe Ihnen ein Bad bringen lassen und erwarte dafür eine Gegenleistung. Als Mann, der die Schönheit des weiblichen Körpers zu schätzen weiß, möchte ich Ihnen beim Baden zusehen.“

„Sie sind verrückt!“

„Nein, ich denke vielmehr ganz praktisch. Wir teilen uns diese Kabine und werden uns nicht ständig aus dem Weg gehen können. Früher oder später werden wir beide diese Wanne benutzen müssen.“ Sie errötete, weil sie daran dachte, wie nötig sie ein Bad hatte und dass ihr tatsächlich kaum eine andere Wahl blieb. Noch nie zuvor war sie einem Gentleman so ungepflegt gegenübergetreten – was natürlich nicht heißen sollte, dass der Captain auch nur annähernd ein Gentleman war. „Es dürfte ja wohl kaum das erste Mal sein, dass Sie sich vor einem Mann entblößen“, bemerkte er nun beiläufig.

Ihre Wangen glühten. Wie konnte er es wagen, so etwas zu sagen! Sie war in ihrem ganzen Leben von nur zwei Männern geküsst worden – oder drei, wenn man ihn mitzählte. Sie war neugierig gewesen und wollte wissen, wie es sich anfühlte. Aber das war auch schon ihre ganze Erfahrung in Liebesdingen.

Wenn sie ihm das sagte, würde er ihr ohnehin nicht glauben. Bislang hatte sie sich über ihre Person bedeckt gehalten und wollte dies auch weiterhin tun, denn sie hatte festgestellt, dass er weitaus weniger über sie zu wissen schien, als sie zunächst vermutet hatte. Es konnte vielleicht zu ihrem Vorteil sein, wenn das so blieb.

Sie hingegen haben mich noch nie unbekleidet gesehen, und ich wüsste nicht, weshalb wir das ändern sollten.“

Scheinbar gleichgültig zuckte er seine breiten Schultern. „Wie Sie wünschen. Ich werde meinen Männern Bescheid sagen, damit sie die Wanne wieder wegbringen.“

„Warten Sie!“ Besorgt blickte Grace auf das Bad. Nichts erschien ihr im Moment verlockender, als wieder frisch und sauber zu sein. „Vielleicht können wir zu einem Kompromiss gelangen.“

Er zog eine seiner dunklen Augenbrauen fragend in die Höhe. „So?“

„Ja – wenn Sie sich umdrehen, bis ich in der Wanne sitze, würde ich mich nicht so bloßgestellt fühlen.“

Er sah abwechselnd zu ihr und in das klare Wasser und lächelte dann. „Also gut, wenn Sie sich dabei besser fühlen.“

Er verschränkte die Arme vor der Brust und wandte ihr den Rücken zu. Grace schloss kurz die Augen und nahm all ihren Mut zusammen. Sie musste baden, sie wollte baden, und sie würde baden! Niemand, auch nicht der Captain, würde sie davon abhalten.

Hastig legte sie ihre Kleidung ab, stieg in die Kupferwanne und zog die Beine an sich, bis ihre Knie direkt unter ihrem Hals waren. Als der Captain das Plätschern des Wassers hörte, wartete er noch einen Moment und drehte sich dann zu ihr um.

Er begutachtete ihren Körper mit einer Ausführlichkeit, die ihr erneut das Blut in die Wangen trieb. Dann ging er zu dem Wäscheschrank hinüber und holte ein Handtuch und ein nach Lavendel duftendes Stück Seife.

„Das werden Sie brauchen“, bemerkte er und hängte das Handtuch über die Stuhllehne. „Und ein wenig davon könnte auch nicht schaden.“ Sie streckte ihre Hand nach der Seife aus und sah, wie seine Augen sich vor Leidenschaft verdunkelten.

Sie errötete noch tiefer, weil ihr bewusst wurde, dass sie ihm in dem Moment, wo sie den Arm hob, einen Blick auf ihre Brust ermöglicht hatte.

„Sie sehen entzückend aus, Miss Chastain.“

Grace beobachtete ihn argwöhnisch, als er sich neben die Wanne kniete.

„Wahrscheinlich wollen Sie auch Ihre Haare waschen“, stellte er fest.

Völlig reglos saß sie da, während er das Band aus Spitze löste, mit dem sie ihre Haare zusammengebunden hatte.

„Sie haben wunderschönes Haar“, lobte er mit sanfter Stimme. „Es sieht aus wie Feuer und fühlt sich an wie Seide.“

Sie entgegnete nichts auf seine Bemerkung, doch ein warmer Schauder erfasste ihren ganzen Körper. Sie konnte seine Hände spüren … fühlte, wie er mit seinen langen Fingern leicht ihren Nacken berührte. Eine Gänsehaut kroch über ihre Haut, und die Wärme, die sie tief in ihrem Innern empfand, schien sich bis in ihre Beine hinab auszubreiten.

„Geben Sie mir die Seife.“ Er nahm sie ihr aus ihrer zittrigen Hand, bevor sie ihn daran hindern konnte. „Ich werde Ihnen den Rücken waschen.“

Gütiger Himmel! „Sie … das kann nicht Ihr Ernst sein!“ Ihr lagen noch weitere Worte des Widerspruchs auf der Zunge, doch etwas schien sie davon abzuhalten, sie auch zu äußern. Und wenn sie versuchte, seiner Berührung auszuweichen, würde dies nur dazu führen, dass sie noch mehr von ihrem Körper preisgab, als er ohnehin schon gesehen hatte. Da begann er schon, die Seife langsam auf ihrem Rücken kreisen zu lassen. Sie erstarrte.

„Entspannen Sie sich, Grace. Ich werde nichts tun, von dem Sie nicht wollen, dass ich es tue.“

„Ich will nicht, dass Sie mich anfassen.“

„… außer Ihnen beim Waschen behilflich zu sein.“ Er seifte ein kleines Leinentuch ein, und der beruhigende Geruch von Lavendel umhüllte sie. Grace schloss die Augen und spürte, wie ihre Anspannung langsam nachließ.

Der Captain fuhr mit dem Leinentuch behutsam von ihrem Hals entlang abwärts. Er seifte ihre Schultern ein und ließ das Tuch über beide Arme gleiten. Im nächsten Moment träufelte er ihr ein wenig Wasser auf den Rücken und begann erneut an ihrem Hals, um dann …

Grace riss die Augen weit auf, als sie merkte, wie er das Tuch weiter abwärts bewegte … um eine Brust kreisen ließ … dann um die andere … und dabei die empfindsamen Spitzen berührte. Sie richteten sich sofort auf, und Grace fühlte eine warme Woge ungeahnter Empfindungen durch ihren Körper strömen.

„Hören Sie auf! Sie … müssen sofort damit aufhören!“ Sie zitterte am ganzen Körper. Es war ihr peinlich, was seine Berührungen in ihr ausgelöst hatten, und sie verschränkte die Arme vor der Brust. Er hatte die Situation ausgenutzt, und das machte sie wütend. „Ich habe Ihnen nicht erlaubt, sich Freiheiten herauszunehmen.“

Er zuckte die Schultern. „Ich wollte Ihnen nur behilflich sein.“ Sie sah ein leichtes Lächeln um seine Lippen spielen, und seine Augen schienen ihr dunkler als jemals zuvor. Dann fiel ihr Blick auf die mächtige Wölbung seiner Hose. Sie wusste, dass dies ein Anzeichen für die Erregung eines Mannes war, und Angst begann in ihr aufzusteigen.

„Bitte … lassen Sie mich jetzt in Ruhe mein Bad beenden.“

Er berührte leicht ihre Wange. „Sind Sie sicher, dass Sie das wollen?“

Nervös fuhr sie sich mit der Zungenspitze über die Lippen. „Ja, ich bin mir ganz sicher.“

Einen Moment lang verharrte er reglos neben der Wanne. Schließlich seufzte er und stand auf.

„Ich werde dafür sorgen, dass Sie ungestört sind.“

„Danke.“ Das Wort kam ihr nicht leicht über die Lippen.

Sie sah ihm nach, während er die Kabine verließ, und spürte eine unendliche Erleichterung, sobald die Tür sich hinter ihm schloss. Ihre Brustspitzen waren immer noch hart und empfindlich, und tief in ihrem Bauch fühlte sie ein gänzlich unbekanntes Beben. Es war beängstigend, was seine flüchtige Liebkosung bei ihr bewirkt hatte.

Erst als das Wasser langsam kalt wurde, riss Grace sich von ihren beunruhigenden Gedanken los, wusch ihr Haar und beendete ihr Bad. Die ganze Zeit fragte sie sich, wie sie es hatte zulassen können, dass es so weit gekommen war.

Doch sie fand keine Antwort darauf.

Er wurde nicht aus Grace Chastain schlau. Bislang war Ethan immer stolz darauf gewesen, wie gut er sich auf Frauen verstand. Sein älterer Bruder Charles hatte ihm die wichtigen Dinge des Lebens bereits erklärt, als er noch ein kleiner Junge gewesen war, und dank seiner Schwester war er auch einigermaßen damit vertraut, was sich im Kopf einer Frau abspielte. In seiner Jugend hatte er viel Zeit mit seiner Schwester und deren Freundinnen verbracht, was dazu beigetragen haben mochte, dass er sich noch heute in Gesellschaft von Frauen äußerst wohl fühlte. Im Laufe der Jahre hatte er daher zahlreiche Geliebte gehabt.

Aber Grace Chastain brachte ihn völlig durcheinander. Er hielt sie für eine durchtriebene Hure, und sie spielte die Unschuldige. Ihr Wagemut stand in völligem Gegensatz zu den Tränen, die sie oft nur mühsam zurückhalten konnte, und dem Ausdruck von Verletzlichkeit, den er manchmal an ihr wahrnahm. Sie verunsicherte ihn, und das gefiel ihm ganz und gar nicht.

Letzte Nacht, nach dem Zwischenfall bei ihrem Bad, hatte er es vorgezogen, in der Kabine seines Ersten Maats zu schlafen. Angus war klug genug, ihm keine Fragen zu stellen. Fragen, auf die Ethan selbst keine Antwort zu finden vermochte.

Vielleicht hatte er Angst, dass die Versuchung zu groß geworden wäre, wenn er in dieser Nacht neben Grace Chastain geschlafen hätte. Er wusste nun, was sich unter ihrem groben Baumwollhemd verbarg … hatte ihre samtweiche Haut gespürt … die lockenden Rundungen ihrer Brüste mit den rosigen Knospen …

Es hatte all seiner Beherrschung bedurft, nicht eine dieser wundervoll verführerischen Brüste mit seinen Lippen zu berühren. Er war versucht gewesen, seine Hände über ihren Bauch gleiten zu lassen, über ihre Hüften und ihre Schenkel, um sich schließlich zwischen ihren langen, wohlgeformten Beinen tief in ihr zu verlieren.

Ethan atmete tief durch. Der Kuss, den er sich am ersten Tag erlaubt hatte, war schon genug der Qual gewesen. Jetzt musste er nur an ihren schlanken und doch wohlgerundeten Körper denken, um in einen Zustand der Erregung zu geraten, der ihm alles andere als gelegen kam.

Er stand auf dem Achterdeck hinter dem großen Steuerrad und sah auf das Meer hinaus. Wenn er weiterhin mit ihr in einem Bett schlief, würde er der Versuchung vielleicht nicht mehr widerstehen können. Er würde die Beherrschung verlieren und seinem Verlangen nachgeben – und diese Entwicklung der Dinge gefiel ihm gar nicht.

Er musste wieder Kontrolle über die Situation erlangen.

Morgen würden sie in Odds Landing anlegen, einem kleinen Seehafen an der Südküste östlich von Dover. Er würde Grace Chastain dort einige Kleider kaufen und war sich sicher, auf diese Weise mit ihr einig zu werden. Wenn sie sich auf seinen Handel einließ, würde er endlich seine beunruhigende Begierde befriedigen können.

Bei der Vorstellung musste er unmerklich lächeln. Bereits in der kommenden Nacht würde er mit Grace Chastain nicht mehr nur das Bett teilen, sondern sich auch an ihrem herrlichen Körper erfreuen.

„Capt’n?“

Ethan wurde aus seinen Gedanken gerissen und sah seinen Zweiten Maat, Willard Cox, die Leiter zum Achterdeck heraufkommen. Cox war Anfang vierzig, ein großer, bulliger Seemann mit kräftigen Muskeln. Zudem schien er nicht ganz ungebildet zu sein, denn er konnte immerhin lesen, schreiben und rechnen. Quer über seine Wange verlief eine Narbe, davon abgesehen war Cox kein schlecht aussehender Bursche. Für Ethan war es die erste Fahrt mit dem Mann, und obwohl dieser bislang gute Arbeit geleistet hatte, wollte Ethan sich nicht zu vorschnellem Lob hinreißen lassen.

„Wir haben das Signal bekommen. Dort drüben, steuerbord voraus, können Sie das Licht sehen.“

Mittlerweile waren sie nahe genug an der Küste, um Leuchtzeichen von Land zu empfangen. In Odds Landing hatte Ethan morgen ein Treffen mit einem Mann namens Max Bradley, der für das britische Kriegsministerium arbeitete. Bradley war maßgeblich an Ethans Flucht aus einem französischen Gefängnis vor bald einem Jahr beteiligt gewesen. Zusammen mit Ethans Cousin Cord Easton, Earl of Brant, und einem seiner besten Freunde, dem Duke of Sheffield, hatte er Ethan bei einer waghalsigen Aktion befreit.

„Erwidern Sie das Signal, Mr. Cox. Alles bleibt wie geplant.“

„Jawohl, Sir.“ Während Cox die Leiter wieder herunterstieg, begann Ethan sich Gedanken über das morgige Treffen mit Bradley zu machen.

Er hatte sich für einen letzten Auftrag im Dienst der britischen Regierung verpflichtet. Seit Jahren schon wuchs die Sorge hinsichtlich der militärischen Stärke von Frankreichs Flotte, doch in letzter Zeit hatte das Problem an Brisanz gewonnen. Das Militär glaubte, dass Napoleon über eine weitaus größere Armada verfügte als bislang vermutet und einen Angriff auf das englische Festland vorbereitete.

Zu Ethans Aufgaben gehörte es, die Küste abzufahren, nach Anzeichen drohender Gefahr Ausschau zu halten und Informationen zu sammeln, die Aufschluss über das Vorhaben der Franzosen geben konnten.

Während sein Blick noch auf die vereinzelten Lichter gerichtet war, die aus den Fenstern der Häuser von Odds Landing herüberschienen, war Ethan in Gedanken schon wieder bei Grace Chastain. Die zweite Nacht in Folge würde er heute in der Kabine seines Ersten Maats schlafen. Aber morgen würde er ihr einige schöne Dinge kaufen und dafür von ihr eine Gegenleistung erhalten, die ihm endlich wieder Lust darauf machen würde, die Nächte in seinem eigenen Bett zu verbringen.

„Ich möchte mit Ihnen an Land gehen.“ Grace beobachtete den Captain, der seine Sachen zusammensuchte. „Ich halte es nicht aus, auch nur einen Tag länger in dieser Kabine eingesperrt zu sein.“

Er sah sie kurz an. „Wäre Ihnen eine Gefängniszelle lieber?“

Sie erblasste, blieb jedoch gefasst. „Mir fehlt körperliche Bewegung und frische Luft. Ich bin nicht daran gewöhnt, tagelang in einem Zimmer zu sitzen.“

„Ich dachte, die meisten Frauen ziehen es vor, sich nicht der Witterung auszusetzen.“

„Nun, ich bin nicht die meisten Frauen.“

Er zog eine seiner dunklen Brauen in die Höhe. „Das ist mir auch schon aufgefallen.“

Grace versuchte, seinen Sarkasmus zu überhören. „Darf ich Sie begleiten, wenn ich Ihnen verspreche, nicht zu flüchten?“

Er schnaubte verächtlich. „Was glauben Sie wohl, wie viel ich auf das Versprechen einer Verräterin gebe!“

Ihr Herz begann unruhig zu pochen. „Eine Verräterin? Ist es das, wofür Sie mich halten?“ Nie war ihr in den Sinn gekommen, dass ihre Tat zu einer solchen Anschuldigung führen könnte – Verräter wurden gehängt!

Der Captain runzelte die Stirn. „Sie sehen blass aus. War Ihnen nicht bewusst, dass Mithilfe bei der Flucht eines Verräters selbst Verrat bedeutet?“

Sie schluckte und schüttelte den Kopf. „Nein, ich … Er war …“ Aber sie konnte ihm nicht sagen, dass Harmon Jeffries ihr leiblicher Vater war. Der Viscount hatte eine Frau und Kinder, und sie musste auch an ihre Mutter und deren Mann denken. Der Skandal für sie alle wäre unvorstellbar, weshalb sie sich geschworen hatte, ihr Geheimnis mit sich ins Grab zu nehmen.

„Er war ein Freund“, sagte sie nun. „Ich musste etwas tun, um ihn vor dem Galgen zu retten.“

„Er muss ein sehr enger Freund gewesen sein, wenn Sie sich seinetwegen in solche Gefahr begeben haben.“ Ihr entging nicht die Verachtung in seiner Stimme.

In diesem Moment wurde ihr bewusst, dass sie soeben ihr Verbrechen gestanden hatte. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Ethan Sharpe dürfte wohl kaum der Mann sein, dem sie sich anvertrauen konnte.

Sie blickte aus den kleinen Fenstern über dem Bett und versuchte, sich zu beruhigen. Das Schiff lag in einiger Entfernung von der Küste vor Anker, und sie konnte das Dorf oberhalb der Bucht sehen. „Ich würde sehr gerne mitkommen.“

„Das Risiko kann ich nicht eingehen. Aber ich mache Ihnen einen anderen Vorschlag. Von heute an werde ich Sie mindestens einmal am Tag an Deck begleiten. Sind Sie damit einverstanden?“

Sie hatte schon damit gerechnet, dass er sie nicht an Land gehen lassen würde, und sollte wahrscheinlich wegen seines Vorschlags dankbar sein. „Es ist besser als nichts.“

Nachdem er die Kabine verlassen hatte, beobachtete Grace durch das Fenster, wie einige Matrosen in die kleinen Beiboote stiegen und an Land ruderten. Wahrscheinlich wollten sie dort Vorräte einladen. In einem der Boote saß der Captain, und Grace wünschte sich, dass er sie hätte mitkommen lassen.

Doch allein die Tatsache, dass das Schiff überhaupt eine Zwischenlandung machte, gab ihr schon Anlass zur Hoffnung. Es würde nicht das letzte Mal auf ihrer Fahrt gewesen sein, dass die Sea Devil vor Anker gehen musste, um neue Vorräte an Bord zu bringen. Und irgendwann würde der Captain ihrer Bitte sicher nachgeben – und dann fand sich vielleicht auch die Möglichkeit zur Flucht.

Natürlich konnte sie unter den gegebenen Umständen nicht nach London zurückkehren, aber Lady Humphrey wusste ja Bescheid und hatte ihr Hilfe angeboten. Vielleicht konnte ihr die Baroness helfen, außer Landes zu gelangen.

Von ihrer Mutter hatte Grace erfahren, dass Lady Humphrey Harmon Jeffries’ verwitwete Tante war, die ihn nach dem Tod seiner Eltern aufgezogen hatte. Sie liebte ihn wie einen eigenen Sohn, und der Viscount hatte ihr oft von Grace erzählt. Die Baroness musste in großer Sorge sein, wenn sie erfahren hatte, dass die Großnichte von der Lady Anne entführt worden war.

Grace ließ sich auf die breite Koje fallen. Sie wusste nicht, was noch geschehen würde, nur würde sie die Hoffnung nicht aufgeben.

Sie gab niemals auf.

Ein feuchtkalter Wind fegte über das Wasser, als die Boote an dem kleinen Dock am Ende der High Street anlegten. Das Dorf lag unter dem wolkenverhangenen, grauen Himmel einsam da, offensichtlich zogen die meisten Bewohner es vor, sich nicht der Unbill des Wetters auszusetzen.

Ethan hatte den Kragen seines Wollmantels hochgeschlagen, als er aus dem Boot stieg und seine Männer ihren Pflichten überließ. Eilig ging er die steile und menschenleere Hauptstraße hinauf, die zum „Pig and Slipper“ führte, der Schänke, die er mit Max Bradley als Treffpunkt vereinbart hatte.

Sobald er den niedrigen, rauchverhangenen Schankraum betrat, entdeckte er Bradley, der an einem Holztisch in der Ecke nahe dem Kaminfeuer saß und gerade den Rest seines Frühstücks verzehrte.

Ethan ging zu ihm und setzte sich. „Es ist schön, Sie zu sehen, Max.“

„Ganz meinerseits, mein Freund. Wie ich sehe, haben Sie endlich wieder etwas auf die Knochen bekommen. Haben Sie schon gefrühstückt? Diese Pastete mit Rindfleisch und Nierchen ist ganz vorzüglich.“ Bradley war genauso groß wie Ethan und hatte auch schwarzes Haar, nur dass seines glatt war und ihm bis auf die Schultern hing. Er war älter als Ethan und musste auf die vierzig zugehen. Sein wettergegerbtes Gesicht war hager und wirkte immer etwas unwirsch. Max Bradley wirkte auf den ersten Blick wie ein Mann, dem man besser aus dem Weg ging.

„Nein danke, ich habe bereits auf dem Schiff gegessen. Was haben Sie an Neuigkeiten?“

„Nicht viel. Zumindest nichts über Jeffries, falls Sie das meinen.“ Max arbeitete hauptsächlich auf dem Kontinent. Sein Französisch war einwandfrei, und er fiel in den Schänken, Spielhöllen und Bordellen der französischen Unterwelt nicht auf. Dort konnte man des Öfteren an Informationen gelangen, die sich irgendwann gegen Napoleons Armee verwenden ließen.

„Dieser Mann ist ein ganz gerissener Hund“, stellte Ethan fest. „Wahrscheinlich versteckt er sich in irgendeinem Schloss und macht sich ein schönes Leben.“ Kurz überlegte er, ob er erwähnen sollte, dass er Jeffries’ Geliebte an Bord seines Schiffes gefangen hielt. Aber Bradley arbeitete für die Regierung, und Grace Chastain war eine persönliche Angelegenheit.

„Was gibt es bei Ihnen?“, fragte Max Bradley. „Haben Sie etwas Neues über die Expansionspläne der französischen Flotte in Erfahrung bringen können?“

„Bislang noch nicht, aber ich befinde mich auf dem Weg nach Brest. Es gibt ein Gerücht, dass dort weitere Schiffe gebaut werden sollen.“

„Ich habe auch gehört, dass einige Schiffe bis Cadiz gesegelt sind.“

„Ich werde sehen, was ich herausfinden kann.“

„Seien Sie vorsichtig, Captain. Jeffries mag keine Gefahr mehr darstellen, die Franzosen haben allerdings nach wie vor ihre Spione – genauso wie wir die unseren haben. Ihre gelungene Flucht hat die Franzosen wie Dummköpfe dastehen lassen. Wenn man Sie noch einmal erwischt, wird man kurzen Prozess mit Ihnen machen.“

„Die Sea Devil ist das schnellste Schiff, das ich je hatte. Sie ist leicht gebaut und unglaublich wendig. Trotzdem werde ich mir Ihre Warnung zu Herzen nehmen.“

Max erhob sich und klopfte Ethan zum Abschied auf die Schulter. „Wenn Sie mich brauchen, hinterlassen Sie mir hier eine Nachricht. Der Wirt ist ein Freund und absolut zuverlässig. Ich werde mich so oft wie möglich nach Neuigkeiten erkundigen.“

Ethan nickte. Er sah Bradley nach, der die Schänke genauso leise und unauffällig verließ, wie er wohl auch gekommen war. Zwar wusste Ethan, dass der andere mit seiner Warnung recht hatte, aber trotzdem musste er seinen Auftrag erfüllen.

Danach würde er nach London zurückkehren und sich nur noch seinen Pflichten als Marquess of Belford widmen – und Grace Chastain würde ihrer gerechten Strafe entgegensehen. Bis dahin würde er aber noch eine sehr persönliche Rechnung mit ihr begleichen müssen.

Wieder auf der High Street, begann er sich nach einer Schneiderei umzusehen, die er glücklicherweise auch nicht lange suchen musste.

Die Glocke über der Tür läutete, als er den Laden betrat, und Ethan sah hinter einem Tisch eine korpulente Frau mit viel zu stark geschminkten Wangen stehen, die nun auf ihn zukam und ihn begrüßte.

„Guten Morgen, Sir. Womit kann ich Ihnen dienen?“

„Ich möchte eine Dame neu ausstatten. Ihr Gepäck ging während der Reise verloren, und sie hat nur noch das eine Kleid, das sie derzeit trägt. Ich hoffe, dass Sie mir helfen können.“

„Aber natürlich! Kommen Sie einfach mit der Dame vorbei, dann nehme ich ihre Maße, und in ein paar Wochen …“

„Wir legen heute Nachmittag bereits wieder ab. Ich brauche die Kleider bis dahin.“

Ihr Gesicht begann sich unter der Schminke hektisch zu röten. „Nun … das ist ganz unmöglich! In so kurzer Zeit kann ich ja nicht einmal ein einziges Kleid anfertigen.“

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