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HISTORICAL EXKLUSIV BAND 47

CATHERINE MARCH

Der Kuss des Schicksals

Remy St. Leger kann kaum glauben, was die betörende Beatrice ihm erzählt: Sie will sich von der Welt zurückziehen und in ein Kloster gehen! Ihr heißer Abschiedskuss lässt ihn in unendlicher Sehnsucht zu ihr entbrennen – aber sie ist entschlossen eine Nonne zu werden. Auch wenn es ihm fast das Herz bricht: Er muss seine große Liebe ziehen lassen. Für immer?

JULIET LANDON

Verführung auf Burg Kells

Wie konnte sie sich nur auf dieses skandalöse Abkommen einlassen? Mehr noch: Lady Ebony hat es sogar vorgeschlagen. Um ihren Sohn vor dem Eroberer Sir Alex zu schützen, bot sie ihm ihren Körper an. Jede Nacht verführt der attraktive Schuft sie nun auf ihrer eigenen Burg! Und das Schlimmste: Es gefällt ihr viel mehr, als sie zugeben möchte …

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Der Kuss des Schicksals

1. KAPITEL

Ashton Castle, 1277

Der Wind heulte, und der Regen schlug gleichmäßig prasselnd gegen die Fensterläden von Ashton Castle. In der großen Halle scharten sich die hochrangigsten Ritter dieser Burg um eine Feuerstelle, die so groß war, dass mannslange Baumstämme darauf verfeuert werden konnten.

Einige dieser Ritter vertrieben sich die Zeit beim Würfelspiel, andere unterhielten sich über vergangene Heldentaten auf dem Schlachtfeld, zwei spielten Schach, und ein weiterer versuchte sein Glück bei einer hübschen Leibeigenen, die sich seinen Annäherungsversuchen bislang aber widersetzte.

Im oberen Geschoss wurde die Tür zum Gemach des Burgherren zugeschlagen, und schon knarrten die hölzernen Treppenstufen unter schweren Schritten. Die Ritter sahen erwartungsvoll auf.

Lord Thurston strahlte eine ungeheure Energie aus, als er jetzt die Halle durchquerte, und das, obwohl er fast sechsundvierzig Jahre alt war. Erstes Grau zeigte sich an seinen Schläfen und in seinem dichten braunen Bart, aber sein kräftiger Körper war noch immer der eines Kriegers. In König Edwards Heer bekleidete er einen hohen Rang.

„Radley!“

„Mylord?“ Sir Giles Radley, der stellvertretende Befehlshaber, sprang auf und vergaß seine Schachpartie.

„Morgen werdet Ihr Lady Beatrice zum Kloster in Glastonbury begleiten. Nehmt vierzig bewaffnete Krieger mit und dazu …“ Aus schmalen Augen musterte er prüfend seine zwölf Ritter. „Grenville, Montgomery, Woodford, Fitzpons und … Baldslow. Ach ja, und den jungen St. Leger ebenfalls. Es wird höchste Zeit, dass sich der Junge sein Brot verdient. Und sputet Euch, denn Ende dieser Woche brechen wir nach Wales auf.“

Die Ritter beendeten ihren müßigen Zeitvertreib und um­ringten jetzt Lord Thurston, um ihn mit Fragen nach dem neuesten Stand der Dinge im Feldzug gegen die Waliser zu bestürmen.

„Also ist Edward fest entschlossen, Llewelyn ap Gruffydd zu bezwingen und ihn den Tag bereuen zu lassen, an dem er sich weigerte, dem König seine Ehrerbietung zu erweisen?“, wollte Sir Hugh Montgomery wissen.

„So ist es.“ Lord Thurston ergriff den Weinkelch, den man ihm anbot. „Der König hat ein Auge auf Gwynedd geworfen, und nichts kann ihn mehr von seinem Entschluss abbringen.“

Ihre Diskussion über die Vorzüge der Eroberung und die nötigen Mittel, die Waliser zur Unterwerfung zu zwingen, dauerte bis weit in die Nacht. Diejenigen, die am Morgen früh aufbrechen sollten, bezogen ihr Nachtlager an der wärmenden Feuerstelle. Ein Mann wich nicht von Lord Thurstons Seite – Cedric Baldslow. Er war im gleichen Alter wie der Lord, sein stämmiger Körper zeigte jedoch nicht den geringsten Bauchansatz. Das Gesicht war wettergegerbt und gebräunt, das ergrauende Haar kurz geschoren. Durch die dünnen Lippen und die schmalen Augen wirkte er sehr hart, und tatsächlich wurde er von Lord Thurston einzig als Ritter geschätzt, der eisern zu kämpfen verstand.

„Mylord“, meinte Sir Cedric leise. „Ist Lady Beatrice …“ Er zögerte, und Lord Thurston wandte schmerzerfüllt den Blick zur Seite, denn er wusste nur zu gut, was jetzt kommen würde. „Ist sie wirklich entschlossen, die heiligen Gelübde abzulegen?“

„Jawohl, so ist es. Das Mädchen will Nonne werden, und es gibt niemanden, der sie umstimmen könnte.“

Cedric packte den Lord am Ärmel, und seine Stimme nahm einen fast flehenden Klang an. „Das dürft Ihr nicht zulassen. Überredet sie, mich zum Manne zu nehmen, und ich werde ihr ein guter Gemahl sein.“

Thurston schnaubte und trank einen großen Schluck Wein, ehe er den Kelch in einer Art auf den Tisch knallte, die keine weiteren Einwände mehr zuließ. Er konnte Cedric nicht sagen, dass er ihn nicht mochte und ihm nicht traute und ihm daher gewiss nicht seine einzige Tochter zur Frau geben würde. Außerdem hatte Beatrice ganz klar zum Ausdruck gebracht, dass sie weder Cedric noch irgendeinen anderen Mann mochte. „Sie ist neunundzwanzig“, teilte Thurston ihm mürrisch mit. „Es ist ihre eigene Entscheidung. Ich ziehe mich jetzt zurück. Gehabt Euch wohl, Cedric. Ich vertraue darauf, dass Ihr Beatrice wohlbehalten bei der Äbtissin von Glastonbury abliefert.“

Beatrice kniete in ihrem Gemach auf dem Boden und legte ihre ordentlich gefalteten Gewänder in eine mit Eisen beschlagene Reisetruhe aus Eichenholz. Zwischen die Stofflagen schob sie ihre ganz persönlichen Habseligkeiten – Bibel, Haarbürste, Nähzeug, eine Brosche, Schuhe, Seife, Papier, gespitzte Federn und Tinte.

Ein leises Klopfen an der Tür ließ sie innehalten, und sie sah auf, als ihr Vater eintrat. Er verschränkte die Arme vor der Brust und ließ den Blick über den fast leeren Raum und die volle Truhe schweifen.

„Alles ist bereit“, sagte er unvermittelt. „Radley wird dich morgen früh nach Glastonbury begleiten.“

„Danke, Vater.“ Beatrice senkte den Blick und rang, um Worte verlegen, die Hände.

„Komm her, meine Tochter.“ Ihr Vater breitete die Arme aus, und sie warf sich hinein, barg das Gesicht an seiner breiten Brust und vergrub die schmalen Hände in seinem Gewand. Er streichelte ihr über das Haar, das genauso honigfarben war wie das ihrer Mutter. „Ich habe nichts gegen deine Entscheidung. Es stimmt mich nur traurig, dass du niemals erfahren wirst, wie beglückend es ist, Ehefrau und Mutter zu sein.“ Er hob die Hand, um ihren Widerspruch zu verhindern. „Aber da ich nun mit deinen Brüdern und dem Heer des Königs nach Wales ziehen werde, ist es nur gut, wenn du jetzt zu den Nonnen gehst. Gott allein weiß, ob ich zurückkehren werde, und ich würde keine Ruhe finden, wenn ich dich hier allein auf Ashton wüsste.“

„Vater, Ihr werdet wohlbehalten zurückkehren. Ich werde jeden Tag für Euch beten, und natürlich für Hal und Osmond und alle unsere Ritter, die nach Wales ziehen.“

Lächelnd strich er ihr wieder über den Kopf. „Du bist ein gutes Mädchen, Beatrice. Genau wie deine Mutter, Gott habe sie selig.“ Damit ließ er seine einzige Tochter wieder allein, damit sie fertig packen konnte.

Tief in Gedanken versunken, wandte Beatrice sich erneut der Reisetruhe zu. Natürlich war sie sehr traurig darüber, ihr Zuhause verlassen zu müssen, doch seit ihre Mutter vor zwei Monaten gestorben war, rief die Leere, die sie hinterlassen hatte, Beatrice nur noch stärker ins Bewusstsein, dass ihr Leben nur wenig Bedeutung und kein eigentliches Ziel hatte. Wie schwer es ihr gefallen war, jeden Morgen aufzustehen und sich durch den Tag mit all seinen langweiligen Pflichten zu schleppen! Sich mit belanglosen häuslichen Problemen und Streitereien zwischen den Leibeigenen abgeben zu müssen, wenn sie innerlich ihre grenzenlose Einsamkeit quälte … Im Kloster hatte sie wenigstens die Gesellschaft der anderen Nonnen, und sie konnte ein beschauliches Leben führen im Gebet und in der Hingabe an einen, den sie aufrichtiger liebte als jeden Mann.

Der Morgen dämmerte kalt herauf, milchig weiß vor Nebel, und leichter Regen tröpfelte von den Bäumen und Dächern. Beatrice nahm ein leichtes Mahl zu sich, nachdem sie zuvor die Messe in der Burgkapelle besucht hatte. Sie schluckte den letzten Bissen Brot herunter und rief nach ihrer Kammerfrau Elwyn, die auch sofort erschien und anfing, das Haar ihrer Herrin mit langen bedächtigen Strichen zu bürsten. Dabei weinte sie lautlos vor sich hin.

„Nun komm schon“, schalt Beatrice freundlich und nahm ihr die Bürste weg, um diese in ihre Truhe zu legen. „Das ist doch nicht das Ende der Welt.“

„Ach, Mylady“, schluchzte Elwyn. „Geht nicht fort. Es ist nicht richtig, wenn sich eine so junge hübsche Frau wie Ihr bei diesen alten Weibern verborgen hält.“

Beatrice schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Ich bin weder jung noch hübsch, und die Nonnen von St. Jude sind auch keine alten Weiber. Freu dich lieber für mich, Elwyn, denn es ist eine große Ehre, dort aufgenommen zu werden, und ich beginne ein neues ruhiges Leben, das ganz unserem Herrn geweiht ist.“ Lächelnd wischte sie mit dem Ärmel die Tränen von Elwyns Wangen. „Du hast für mich gesorgt, seit ich zwölf war, und du hast es hervorragend gemacht. Solltest du jetzt nicht froh darüber sein, dass du weniger Arbeit hast? Vielleicht solltest du heiraten. Weiß Gott, Big Al, der Hufschmied, hat dich oft genug darum gebeten.“

„Ach was, ich bin zu alt für solchen Unsinn.“ Elwyn schniefte noch einmal und machte sich tapfer daran, Beatrices Haar zu flechten. Dann befestigte sie die Verschlussspange am Umhang ihrer Herrin und band die Schnürriemen ihrer Schuhe zu, ehe sie sich ein letztes Mal von Beatrice umarmen ließ. Danach half sie ihr, die Truhe zu verschließen, und sobald das erledigt war, begleitete sie ihre Herrin nach unten in die Halle.

Die Leibeigenen hatten sich schon in einer Reihe aufgestellt. Beatrice drückte jedem Einzelnen die Hand und murmelte ein paar Dankesworte, bis sie schließlich bei ihrem Vater ankam. Er bot ihr den Arm und führte sie durch die große Haupttür zur Treppe. Beatrice widerstand der Versuchung, noch einmal zurückzublicken, und kämpfte dagegen an, in Tränen auszubrechen. Sie hätte nie gedacht, dass ihr der endgültige Abschied so zu Herzen gehen würde. Im Gegenteil, sie hatte eher mit Erleichterung gerechnet, dass sie nach all den einsamen Jahren endlich fortgehen durfte, doch im Augenblick verspürte sie nichts als grenzenlose Traurigkeit.

Im Außenhof stampften und schnaubten die Pferde, während die Sattelgurte festgezurrt wurden. Die Luft war erfüllt vom Klirren der Schwerter und Sporen und von den rauen Stimmen der Männer, die die letzten Vorbereitungen für ihre wichtige Aufgabe trafen – die Tochter ihres Herrn vor jeglichem Schaden zu bewahren.

Die Ritter hätten für die Reise nach Glastonbury kaum einen Tag gebraucht, aber Lady Beatrice zuliebe würden sie ein gemächlicheres Tempo anschlagen und die Nacht in einem Wirtshaus am Weg verbringen. Nichts sollte dem Zufall überlassen werden, und die exzellenten Ritter nahmen ihre Verantwortung sehr ernst.

Ein Stallbursche brachte Beatrices Pferd, eine hübsche kastanienbraune Stute, die nicht mehr ganz jung, aber sehr verlässlich war. Beatrice streichelte Willows weiche rosige Nüstern und zögerte den Moment hinaus, in dem sie sich endgültig von ihrem Vater verabschieden musste. Er legte die Hand auf ihre Schulter, und sie sah mit einem schwachen Lächeln zu ihm auf.

„Ich kann mit dir kommen“, bot er ihr an.

Beatrice schüttelte den Kopf und schlang die Arme um ihn. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. „Nein, Vater, es ist besser, wenn ich allein reite. Sonst bringe ich vielleicht nie den Mut auf, Euch zu verlassen.“

„Was immer auch geschieht, du wirst stets bei mir sein“, flüsterte er. „Hier drinnen.“ Er klopfte mit der Faust an seine Brust.

Wieder umarmten sie sich, bis Lord Thurston sie von sich schob, sich ergriffen räusperte und Beatrice in den Sattel ihrer Stute hob. Sie griff nach seiner Hand.

„Lebt wohl, Vater. Möge Gott Euch beschützen.“

„Leb wohl, meine kleine Beatrice. Vergiss nicht, wenn du dich dort nicht wohlfühlst – eine Nachricht genügt, und wir holen dich nach Hause.“

Beatrice lächelte sanft. „Ich werde es nicht vergessen, Vater. Richtet Hal und Osmond meine Grüße aus, wenn Ihr sie seht.“

Vater und Tochter hoben die Hand zum Gruß, dann wendete Beatrice ihr Pferd und folgte den sieben Rittern, die vor ihr waren. Unter den Pferdehufen erbebte die hölzerne Zugbrücke. Vierzig Krieger auf ihren Rössern bildeten die Nachhut; sie waren schwer bewaffnet, mit Schwertern, Bogen, Lanzen und Schilden.

Der Tag hellte sich auf, und die Sonne kam hinter den Wolken hervor. Beatrices bedrückte Stimmung begann sich zu legen. Nie war ihr das Zwitschern der Lerchen und Amseln süßer erschienen, nie hatte sie die blühenden Holunder- und Weißdornbüsche reizvoller empfunden. Überall leuchteten gelber Steinbrech und Himmelschlüssel, dazwischen immer wieder Tupfer von blauen Leberblümchen und wilden weißrosa Hundsrosen. Die sich vor ihr ausbreitenden Hügel und Täler verzauberten sie mit ihrer Schönheit. Bei all dem Knarren von Leder, dem Klirren der Rüstungen und den vielen Männerstimmen um sich herum fand sie jedoch kaum die Ruhe, das alles richtig zu genießen, die herrliche Landschaft und ihren letzten Tag in Freiheit. Streng musste sie sich immer wieder ermahnen, ihren Eintritt in das Kloster nicht als Ende, sondern als wundervollen Neuanfang zu sehen.

Und doch …

Cedric Baldslow drängte sein Schlachtross neben Willow und versuchte hartnäckig, Beatrice in ein Gespräch zu verwickeln. Ihm schien gar nicht aufzufallen, dass das Lächeln, mit dem sie ihn bedachte, wesentlich zurückhaltender war als das, das sie den anderen Männern schenkte. Er hielt sich offenbar für unwiderstehlich und war fest davon überzeugt, dass er dem Mädchen nur ein wenig gut zuzureden brauchte, dann würde es ihn schon erhören. Die Tatsache, dass Beatrice ihm bereits drei Mal einen Korb gegeben hatte, gab ihm anscheinend nicht zu denken.

Endlich wurde Sir Giles Radley auf ihre missliche Lage aufmerksam und schickte Baldslow ans Ende der Kolonne: Er solle dort nach dem Karren sehen, auf dem Beatrices Truhe befördert wurde. Sie lächelte Sir Giles dankbar an, und um den peinlichen Moment zu überbrücken, fragte sie ihn: „Wer ist der hochgewachsene junge Mann dort mit dem blonden Haar?“

„Das ist Remy St. Leger, Mylady, der Sohn eines alten Freundes Eures Vaters, der eine Gräfin aus Aquitanien geheiratet hat. Seine beiden Eltern sind vor Kurzem gestorben, sein älterer Bruder verwaltet den Familienbesitz. In Frankreich steht er in dem Ruf, einer der besten Schwertkämpfer zu sein, bei Turnieren hat er sehr große Erfolge erzielt.“

„Ich habe ihn auf Ashton noch nie gesehen.“

„Er war auf Hepple Hill, der Burg Eures Vaters in Wessex, wo er die neuen Krieger ausgebildet hat, die mit uns nach Wales ziehen werden. Erst vor zwei Tagen ist er auf Ashton eingetroffen. Abgesehen davon – so kurze Zeit nach dem Tod Eurer Mutter …“, sie bekreuzigten sich beide, „… hat Euer Vater sicher sehr genau darauf geachtet, einen jungen Heißsporn wie Remy St. Leger von seiner hübschen jungfr… tugendhaften Tochter fernzuhalten.“

Beatrice errötete, trotzdem lachte sie leise. „Ach, hört auf, Sir Giles. Ich bin eine alte Jungfer. Ein ‚junger Heißsporn‘ würde mich ganz sicher nicht beachten.“

Sir Giles sah sie stirnrunzelnd an. Einmal mehr wunderte er sich, dass sie ihren eigenen Wert so gar nicht kannte. „Mylady, Schönheit und Liebe kennen kein Alter.“ Einen Augenblick lang betrachtete er ihr herzförmiges Gesicht, die zierliche Stupsnase, die dunkelbraunen Augen mit den dichten langen Wimpern und den weichen rosigen Mund. „Das wird morgen ein Gewinn für die Kirche und ein großer Verlust für uns, Mylady.“

Beatrice erstarrte und wandte den Blick ab. Sie ertrug es nicht mehr, noch weitere Einwände gegen den von ihr eingeschlagenen Pfad zu hören, denn sie befürchtete, sie könnte sich viel zu leicht zur Rückkehr nach Hause überreden lassen. Rasch wechselte sie das Thema. „Sir Giles, warum hat mein Vater diesen Remy St. Leger bei uns aufgenommen?“

„Weil er ein tüchtiger Kämpfer ist, Mylady, ein Krieger. Wir brauchen solche Männer, wenn wir nach Wales ziehen.“

„Ich verstehe.“ Stirnrunzelnd betrachtete sie den breiten Rücken des jungen Mannes, über den sie gerade sprachen. „Er kann noch nicht sehr alt sein.“

„Er ist vierundzwanzig und wurde nach seiner ersten Schlacht mit sechzehn zum Ritter geschlagen. Von Weitem mag er sehr jung wirken, aber wenn Ihr ihm in die Augen blickt, werdet Ihr einen erwachsenen, weisen und erfahrenen Mann sehen. Es heißt, er hat schon über zweihundert Männer getötet.“

Beatrice erschauerte. „Ich finde es sehr traurig, Sir Giles, wenn junge Männer nur wegen des Krieges vor ihrer Zeit altern.“

„So ist es nun einmal im Leben, Mylady.“ Ehe ihr Interesse an dem Aquitanier zu lebhaft werden konnte, wechselte er lieber das Thema und sprach vom Wetter.

Später am Nachmittag wurden Woodford und ein Trupp von zehn Kriegern mit einem Beutel voller Silbermünzen vorausgeschickt, um dafür zu sorgen, dass Lady Beatrice ein Zimmer im Red Lion erhielt. Die Männer würden in Zelten auf einem nahe gelegenen Feld nächtigen, während die sieben Ritter – Radley, Grenville, Montgomery, Woodford, Fitzpons, Baldslow und St. Leger – im öffentlichen Schlafsaal übernachten und abwechselnd vor Lady Beatrices Tür stehen wollten. Nicht einen Augenblick lang sollte sie unbewacht sein.

Bei Einbruch der Dämmerung kam Sturm auf, und es begann heftig zu regnen. Als sie endlich das Red Lion erreichten, war Beatrice bis auf die Haut durchnässt. Der Wolkenbruch war so stark, dass sich der Innenhof des Gasthauses in einen Schlammpfuhl verwandelt hatte; knöcheltief versanken die Männer im Morast. Lautstark wiesen Radley, Baldslow und Montgomery die Krieger in ihre Behelfsunterkünfte auf dem Feld ein, während Grenville und Fitzpons mit der Reisetruhe ihrer Herrin verschwanden. Hilfe suchend sah sich Beatrice aufgrund der allgemeinen Geschäftigkeit um. Unvermittelt blickte sie in ein Paar stahlblauer Augen, hastig wandte sie den Kopf zur Seite. Doch Remy St. Leger war bereits von seinem Pferd gestiegen und stapfte durch den Morast auf Willows zu. Er streckte die Arme aus, legte die Hände um Beatrices Taille und hob sie aus dem Sattel, um sie über den Hof zum Gasthaus zu tragen. Einmal geriet er ins Rutschen, und mit einem leisen Aufschrei klammerte Beatrice sich fester an seine Schultern. Deutlich konnte sie seine Muskeln unter ihren Händen spüren. Mit einem belustigten Lächeln verlagerte er ihr Gewicht auf seinen Armen, um sie sicherer halten zu können. Erst im gepflasterten Eingang zum Gasthaus ließ er sie herunter, und Beatrice musste den Kopf weit zurück in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht sehen zu können, denn er war ungemein groß.

„Ich danke Euch“, murmelte sie, und da ihr die Unterhaltung mit Sir Giles wieder einfiel, wagte sie einen Blick in seine Augen. Und sah sofort in eine andere Richtung. Er war wirklich äußerst anziehend, aber vor Männern wie Remy St. Leger sollte sich eine Jungfer wohl besser fernhalten.

Trotz mehrerer Versuche des Wirts, sich bei Lady Beatrice einzuschmeicheln, erhaschte er kaum mehr als einen Blick auf sie, als sie von fünf riesig wirkenden und vor Waffen strotzenden Rittern eilends die Treppe hinauf zum besten Zimmer des Gasthauses geführt wurde.

Beatrice atmete erleichtert auf, als man ihr zeigte, wo sie die Nacht verbringen würde. Der Raum war klein, verglichen mit ihrem Gemach auf der Burg, aber für eine Nacht mehr als angemessen. Da waren ein mit dunkelblauem Damast behängtes Himmelbett, ein prasselndes Feuer, zwei Stühle vor der Feuerstelle und ein Tisch, auf dem bereits Teller mit verschiedenen Gerichten und ein Krug Wein standen. Die Läden vor den Lichtscharten schlossen gut, und Beatrice hängte ihren tropfnassen Umhang über die Lehne eines der Stühle. Sie wollte sich gerade die Schuhe ausziehen, als jemand an die Tür klopfte.

„Herein!“

Sir Giles trat mit einem großen Krug dampfenden Wassers ein, dicht gefolgt von Sir Hugh, der eine Waschschüssel trug. Sie stellten beides vor der Feuerstelle ab, überprüften die Vorräte an Brennholz, Essen und Wein und verneigten sich dann tief vor Beatrice. „Habt Ihr noch einen Wunsch, Mylady?“, erkundigte sich Sir Giles.

„Nein danke, ich habe alles, was ich brauche.“ Sie streckte ihren schmerzenden Rücken und fügte kläglich lächelnd hinzu: „Ich werde heute Nacht sicher sehr gut schlafen.“

„Man wird Euch nicht stören, Mylady.“

Die zwei Ritter verließen sie, und Beatrice wusste, es bestand keine Notwendigkeit, die Tür zu verriegeln, da die ganze Nacht über jemand davor Wache halten würde. Sie kehrte ans Feuer zurück, zog sich ganz aus und begann, sich zu waschen. Das Wasser war herrlich warm, aber der Raum war es nicht, und so beeilte Beatrice sich und wickelte sich hastig in eine Decke, während sie ihr Nachtgewand aus der Satteltasche zog. Sie hielt das langärmelige, am Halsausschnitt mit einem Seidenband zusammengehaltene Gewand vor das Feuer, und sobald es ihr warm genug erschien, schlüpfte sie rasch hinein. Anschließend setzte sie sich auf einen Stuhl, schlug die Beine unter, um sich die Füße zu wärmen, und entflocht ihr Haar bedächtig mit den Fingern. Als sie damit fertig war, aß sie von der herzhaften Mahlzeit, die man für sie vorbereitet hatte – Huhn und gebratener Kapaun, Käse aus Leicester, Kuchen und gewürzte Äpfel. Doch dann kam unweigerlich der Augenblick, als sie sich nicht mehr ablenken konnte. Müßig starrte sie ins Feuer, sie war nun ganz allein mit ihren Gedanken. Über alle Maßen allein. Plötzlich wurde ihr wieder mit aller Klarheit bewusst, was der morgige Tag für sie bringen würde, und eine Woge aus Furcht und Zweifeln schlug über ihr zusammen.

Immer wieder hallten die Worte ihres Vaters in ihr nach – „Du wirst niemals erfahren, wie beglückend es ist, Ehefrau und Mutter zu sein.“ Seufzend erhob Beatrice sich von ihrem Stuhl und ging barfuß über den Holzboden zum Bett. Als sie die Decken zurückschlug, betrachtete sie eine Weile nachdenklich die breite Liegestätte und die beiden Kopfkissen. Ein Bett für zwei. Gemahl und Gemahlin. Liebende.

Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie kletterte unter die Laken, legte sich auf die Seite und zog die Knie an, um sich selbst zu wärmen. Nach einer Weile drehte sie sich auf den Rücken und starrte hinauf zu dem mit Rüschen besetzten Baldachin.

Warum? fragte sie sich. Sie war neunundzwanzig Jahre alt und konnte einfach keinen Mann finden, der ihre Liebe, Treue und Achtung wert war. Bei jedem, der um ihre Hand angehalten hatte, war sie auf irgendeinen Makel gestoßen, und es hatte ihr an Anträgen wahrlich nicht gemangelt. Nun war sie natürlich zu alt. Abgesehen von dem widerwärtigen Baldslow blieben die Verehrer mittlerweile aus.

Mit sechzehn war sie mit einem jungen Mann verlobt worden, mit dem sie in jeder Hinsicht einverstanden war, aber William de Warenne, ein angesehener, gut aussehender und tapferer Ritter, hatte sein Leben auf dem Schlachtfeld verloren. Die Trauer um ihn schmerzte sie noch immer, und sie fragte sich, ob sie je wirklich über diesen Verlust hinweggekommen war. Ihre Mutter hatte sie davor gewarnt, an einer Liebe festzuhalten, die längst vergangen war, denn dadurch würde man irgendwann nicht mehr imstande sein, überhaupt noch einmal zu lieben.

Viele Jahre waren seit jener kummervollen Zeit vergangen, doch bisher war der Schmerz nicht vollständig gewichen. Er war nicht mehr so quälend, aber er war auch nicht gänzlich fort. Vielleicht sollte sie Baldslow doch noch einmal in Betracht ziehen. Er war zwar alt, aber Weisheit und Erfahrung waren nicht zu verachten. Andererseits jedoch graute Beatrice es bei dem Gedanken, dass seine rauen vernarbten Hände sie berühren würden, und genau da lag für sie das Problem. Sie konnte ihren Körper nicht einem Mann schenken, den sie nicht liebte. Die bloße Vorstellung verursachte ihr eine Gänsehaut.

Williams Tod hatte sie seinerzeit mit blindem Zorn erfüllt, und sie hatte nur einem Einzigen die Schuld daran gegeben – Gott. Nach einer Weile jedoch hatte sie sich dafür geschämt und ein schlechtes Gewissen bekommen, und zur Buße entwickelte sie eine fromme Hingabe zu Gott und der Kirche, die ihre Eltern missbilligten und infrage stellten. Beatrice aber hatte sich nie davon abbringen lassen.

Sie drehte sich auf die andere Seite, und die Gedanken drehten sich in ihrem Kopf. Mit einem resignierten Seufzer schlug sie die Bettdecke zurück und setzte sich auf. Wenn sie die Bibel doch nur in ihrem Handgepäck verstaut hätte, anstatt in der Reisetruhe! Dann hätte sie wenigstens lesen können, um sich abzulenken und irgendwann einschlafen zu können.

Sie stand auf, schenkte sich einen Kelch Wein ein und nahm sich ein Stück von dem Kuchen. Damit setzte sie sich ans Feuer und fragte sich, was ihr Vater wohl gerade tun mochte. Wahrscheinlich aß er etwas, genau wie sie, und packte seine Ausrüstung für den gefährlichen Marsch nach Wales zusammen. Und morgen, schon morgen würde sie im Kloster sein.

Das Feuer wärmte sie, und sie sah hinab auf ihre bloßen Füße, die unter dem Saum des langen Nachtgewands hervorlugten. William hatte gesagt, sie hätte hübsche Füße, damals am Fluss, als sie durch das Wasser gewatet war und er sie beinahe geküsst hätte. Beinahe. Wenige Tage später war er in den Krieg gezogen, und kurze Zeit danach war er tot gewesen.

Während sie genüsslich den süßen Kuchen kaute, grübelte sie darüber nach, wie es wohl sein müsste, von einem Mann geküsst zu werden. Ihre Mutter hatte sich immer beklagt, dass der Bart ihres Vaters kratzte, und Beatrice kam zu dem Schluss, dass sie wohl ein glatt rasiertes Gesicht bevorzugen würde. Die Erinnerung an ein attraktives Männergesicht stahl sich in ihre Gedanken, an strahlend blaue Augen und bis in den Nacken fallendes blondes Haar. Remy St. Leger. An die Form seines Mundes konnte sie sich nicht erinnern, aber sie war sich sicher, dass er keinen Bart trug.

Irgendwann legte Beatrice sich wieder ins Bett und schlief auch endlich ein. Allerdings nicht für lange Zeit. Als sie erwachte, war es dunkel und still. Die Holzscheite waren fast heruntergebrannt. Eine ganze Weile lag sie einfach nur da und lauschte dem Seufzen des Windes, der in den Baumkronen raschelte, dem Knarren des Dachgebälks und dem Rufen einer Eule. Beatrice wickelte die ohnehin nicht sehr dicke Decke fester um sich, um sich zu wärmen und kam zu dem Schluss, dass sie wohl lieber noch ein paar Holzscheite auflegen sollte, damit das Feuer bis zum Morgen weiterbrannte.

Sie stand wieder auf, zündete eine Kerze an und legte erst ein Holzscheit auf den Feuerrost, dann noch ein zweites darüber. Mit dem Schürhaken stocherte sie in der Glut und sprang mit einem Schreckenslaut zurück, als das obere Scheit herunterrollte und kleine glühende Kohlestücke aufstieben ließ. Eins davon fiel auf ihren Fuß, und sie schrie schmerzerfüllt auf.

Sofort flog die Tür auf. Ein Ritter stürzte mit gezücktem Schwert in das Zimmer und sah sich wachsam um.

„Seid unbesorgt, Sir“, rief sie, doch als sie sich umdrehte und Remy St. Leger vor sich stehen sah, stockte ihr der Atem, und ihre Stimme wurde zu einem unsicheren Flüstern. „Es ist niemand hier, der mir etwas antun will, ich war nur selbst etwas ungeschickt.“

Mit einem Blick nahm er das heruntergefallene Holzscheit und den Schürhaken in ihrer Hand wahr – aber auch die Umrisse ihrer schlanken Gestalt, die der Feuerschein durch das dünne weiße Leinen ihres Nachtgewands sichtbar werden ließ. Er sah ebenfalls, dass ihr das honigfarbene Haar offen und in schimmernden Wellen bis zu den Hüften reichte. Mit Schwung steckte er das Schwert zurück in die Scheide und kniete sich vor die Feuerstelle, um das Holz zurück auf den Rost zu legen. Er sah zu Beatrice auf und streckte wortlos die Hand aus, bis sie ihm den Schürhaken reichte.

Sie trat zur Seite und betrachtete seinen breiten Rücken und die muskulösen Oberschenkel, während er das Feuer schürte. Prompt spürte sie, wie sich eine brennende Röte auf ihren Wangen ausbreitete. Als er fertig war, nahm er ihren Ellbogen und bedeutete ihr, sich zu setzen.

Kein Mann großer Worte, dachte sie und rätselte, was er wohl vorhaben mochte. Sobald er ihren Fuß in die Hand nahm, zuckte sie leicht zusammen. Während er ihn gründlich untersuchte, rutschte ihr das Nachtgewand bis zum Knie hoch, und sie zog es hastig wieder herunter. Am kurzen Aufblitzen seiner Augen erkannte sie, dass er ihre Reaktion durchaus bemerkt hatte. Plötzlich begann er zu sprechen, in reinem, aber von seiner französischen Muttersprache leicht eingefärbtem Englisch, und seine wohltönende Stimme rührte irgendeine Saite tief in ihrem Innern an.

„Ich werde etwas Gänsefett und einen Verband holen.“

„Das ist nicht nötig.“ Beatrice sprang rasch vom Stuhl auf. Ein wenig zu rasch. Mit dem Knie traf sie ihn geräuschvoll am Kinn. „Ich bitte um Entschuldigung. Seid Ihr wohlauf?“

Um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, hatte er sich am Stuhl festgehalten, sodass Beatrice nun zwischen seinen gespreizten Beinen und Armen stand. Mit angehaltenem Atem blickte sie auf sein aschblondes Haar hinunter. Noch nie war sie einem fremden Mann so nahe gewesen, und ihr wurde überdeutlich bewusst, dass sie nichts weiter trug als ihr Nachtgewand.

Er rieb sich das Kinn und erhob sich dann zu seiner vollen Größe. Beatrice reichte ihm nicht einmal bis zur Schulter. „Ich habe schon Schlimmeres einstecken müssen, als einen Stoß vom Knie einer Jungfer“, sagte er, die Hände in die Hüften gestemmt und mit einem fast unverschämten Lächeln.

So dicht vor ihm stehend und mit dem Stuhl unmittelbar hinter sich, war an ein Ausweichen nicht zu denken. Beatrice war klar, in welch unschicklicher Lage sie sich befanden, und sie wäre erst recht außer sich gewesen, hätte sie gewusst, dass er ihr dank seines beträchtlich höheren Wuchses geradewegs in den Ausschnitt ihres Gewandes blicken konnte.

Es fiel ihr schwer zu glauben, dass dieser Mann fünf Jahre jünger sein sollte als sie. Im Gegenteil, sie war diejenige, die sich unbeholfen und jung vorkam. Sie sah zu ihm auf und bemerkte im selben Moment, wohin er seinen Blick gerichtet hatte. Mit einem hastigen Schritt stieg sie über seinen Fuß und wandte ihm den Rücken zu. Sie musste sich an einem der kunstvoll geschnitzten Bettpfosten festhalten, da ihr plötzlich ein wenig schwindelig war. „Ihr könnt jetzt gehen“, teilte sie ihm mit unterkühlter Stimme mit.

Sie hörte seine schweren Schritte auf dem Holzfußboden und dann das Zuschnappen der Tür. Erst jetzt wirbelte sie herum, stieß den angehaltenen Atem aus und starrte die dunkle massive Eichenholztür an. Wie konnte er es wagen! Dieser unverschämte Mensch! Ihr Vater würde davon Kunde erhalten.

Erst dann fiel ihr ein, dass sie ihren Vater am kommenden Morgen gar nicht sehen würde, dass sie ihn womöglich viele Monate nicht mehr zu Gesicht bekommen würde – und dass sie sich entschieden hatte, schon sehr bald das Leben einer Nonne zu führen. Remy St. Leger war wohl der letzte Mann gewesen, der sie auf so eine Art und Weise angesehen hatte, so, wie ein Mann eben eine Frau ansah.

Hat ihm gefallen, was er gesehen hat? Sie presste die Hände an ihre glühenden Wangen und war entsetzt über ihre sündhaften Gedanken. Sein Mund war schön geformt gewesen und nicht zu breit, sein Kinn sorgfältig rasiert …

Nein, nein! Beatrice eilte zurück zu ihrem Bett und zog sich die Decken über den Kopf. Ihr Atem ging stockend. Ihr ganzer Körper fühlte sich plötzlich anders an, ihre Brüste schmerzten, ihre Beine zitterten. Noch immer hatte sie seinen männlichen Duft in der Nase, sie schien ganz von ihm durchdrungen zu sein. Einerseits schalt sie sich, nur ein schwaches menschliches Wesen zu sein, doch eine andere verführerische innere Stimme raunte ihr zu, dass sie schließlich auch nur das war, wozu Gott sie gemacht hatte – eine Frau.

Wie es wohl sein mochte, in seinen Armen zu liegen? Seinen festen muskulösen Körper an ihrem zu spüren? Glühende Hitze durchströmte sie, und in ihrem Kopf echote immer wieder nur ein einziges Wort – morgen, morgen, morgen.

Beatrice wusste genau, dass ihr nur diese eine Nacht blieb, Dinge zu erfahren, die ihr für den Rest ihres Lebens verwehrt bleiben würden. Schließlich war sie noch nie geküsst, geschweige denn geliebt worden. Was war schon dabei? Sie würde immer noch als keusche Jungfer ins Kloster eintreten – nur einen Kuss. Das war alles, was sie begehrte. Und Remy St. Leger sollte derjenige sein, der sie küssen würde, beschloss sie. Der „junge Heißsporn“ würde sich bestimmt nicht davor drücken, und wenn doch, dann wollte sie ihn schon daran erinnern, dass er einen Eid geschworen hatte, Lord Thurston und seiner Familie Gehorsam zu leisten.

Beatrice schlug die Decken zurück, stand auf und eilte zur Tür. Sie streckte die Hand nach dem Riegel aus, zog sie dann aber wieder zurück. Unschlüssig presste sie ihre Hände zusammen, lief ruhelos im Zimmer auf und ab und warf immer wieder Blicke zu der geschlossenen Tür.

Morgen, morgen, morgen … Entschlossen machte sie kehrt und riss die Tür auf, ehe sie es sich wieder anders überlegen konnte.

Er saß genau gegenüber auf einem dreibeinigen Schemel und lehnte sich mit dem breiten Rücken gegen die Wand. In der einen Hand hielt er einen Dolch, in der anderen einen Wetzstein. Er unterbrach seine Tätigkeit kurz, um sie erstaunt anzusehen, dann fuhr er fort, die gefährliche Waffe zu schleifen.

„Ich wünsche Euch zu sprechen.“

Er sah erneut auf. „Mylady?“

„Unter vier Augen. In meiner Kammer.“

Der Stein wetzte über das blinkende Metall. „Lieber nicht.“

„Sofort, Sir Remy!“ Beatrice widerstand der Versuchung, mit dem Fuß aufzustampfen. Sie wollte nicht noch kindischer wirken als es ohnehin schon der Fall sein musste.

„Nun gut. Es ist spät, und ich möchte nicht, dass Eure Stimme das ganze Gasthaus um den Schlaf bringt.“

Beatrice errötete angesichts dieses versteckten Tadels und wich einen Schritt zurück, als er sich erhob und ihre Kammer betrat. Sie schloss die Tür, schob sich an ihm vorbei und stellte sich, ihm den Rücken zuwendend, ans Feuer.

„Mylady?“, wiederholte er. Er stemmte die Hände in die Hüften und genoss ihren Anblick, obwohl ihm genau bewusst war, dass er hier eigentlich nicht mit ihr allein sein sollte.

„Wir Ihr wisst, bin ich auf dem Weg, mich den Nonnen von St. Jude anzuschließen.“

„Jawohl.“

„Ich werde mein Leben Gott weihen.“

Er verneigte sich in schweigender Hochachtung vor ihrem großen Opfer.

„Ich …“ Sie zögerte. „Natürlich bin ich …“ Wieder brachte sie die Worte nicht über die Lippen. „Ich bin … keusch. Unberührt.“

Remy St. Leger verlagerte unbehaglich das Gewicht von einem Bein aufs andere und fragte sich, wohin diese merkwürdige Unterhaltung wohl führen mochte. Er wich einen Schritt zurück, Richtung Tür.

„Ich bin neunundzwanzig Jahre alt, Sir Remy, und ich bin noch nie geküsst worden. Richtig. Von einem Mann. Nicht von einem Verwandten. Ihr versteht, was ich meine.“

Er warf ihr einen Seitenblick zu; langsam begriff er.

„Ich kann noch gut und gern zwanzig, vielleicht dreißig Jahre leben. Als Nonne. Allein. Ungeliebt. Ich würde gern wissen … das heißt … würdet Ihr mich küssen?“

Er starrte sie nur wortlos an.

„Damit ich weiß, wie das ist. Und damit ich diese Erinnerung mit mir nehmen kann.“

Er schüttelte den Kopf. „Diesen Dienst kann ich Euch nicht erweisen. Er würde mich den Preis meines Lebens kosten. Euer Vater …“

„Er wird es nie erfahren. Ich verspreche es, niemand wird je davon erfahren.“

„Nein.“ Er wandte sich zum Gehen.

„Wartet! Bitte. Ich werde Euch künftig jede Gunst erweisen und meinen Einfluss auf meinen Vater nutzen, damit auch er das tut, sollte es nötig werden. Bitte. Nur einen Kuss, das ist alles, worum ich bitte. Ich habe gehört, dass Männer sehr gern bereit sind, Mädchen zu küssen.“

Er schmunzelte, verbannte dieses Lächeln aber von seinen Zügen, ehe er sich zu ihr umdrehte. Von Kopf bis Fuß musterte er sie mit einem durchdringenden Blick, und ihr Herzschlag beschleunigte sich. Langsam ging er quer durch das Zimmer auf sie zu, bis er nur eine Armlänge von ihr entfernt stehen blieb. „Vielleicht ist Euch nicht bewusst, dass ein Kuss zu weiteren Dingen führen kann. Zu Dingen, von denen Ihr keine Ahnung habt.“

„Mir ist sehr wohl bewusst, wohin ein Kuss führen kann.“

Er ließ sich nichts von seiner Überraschung anmerken und sah ihr tief in die Augen. Natürlich, auch wenn sie so klein war und so jung aussah – sie war es nicht. Kein schüchternes Veilchen, diese Jungfer.

Beatrice senkte den Blick auf ihre vor der Brust gefalteten Hände. „Ich werde mich eben darauf verlassen, dass Eure Ritterehre Euch gebietet, es nicht so … weit kommen zu lassen.“

Jetzt musste er doch lachen, und er trat zu ihr. Kühn umfasste er ihre Taille. „Es besteht kein Grund, schüchtern zu sein. Wir wissen beide, was Ihr wollt. Ein letztes Schäferstündchen, bevor Ihr die Ordenstracht anlegt, nicht wahr?“

„Was!“ Seine Hände auf ihrem Körper waren eine ganz neue Erfahrung für sie, aber seine unverblümten Worte brachten sie noch mehr aus der Fassung.

„Ihr wollt mir doch nicht weismachen, dass eine Frau Eures Alters noch nie bei einem Mann gelegen hat?“

„Doch! Das habe ich noch niemals getan.“

Sein Blick forderte sie heraus, und sie schaute empört und unbeirrt direkt in seine Augen.

„Nun gut. Meine Herrin wünscht einen Kuss, also wird sie ihn auch bekommen.“

Beatrice stockte der Atem, als er mit den Händen behutsam über ihre Taille nach oben strich und die Wölbung ihrer Brüste nachzeichnete, ihre zarten Schultern streichelte und schließlich die Finger in ihr Haar gleiten ließ. Mit großen Augen sah Beatrice zu ihm empor, doch als er sich langsam zu ihr herabneigte, schloss sie sie erwartungsvoll. Sie spürte erst seinen warmen Atem, dann seine Lippen auf ihren. Halt suchend schmiegte sie sich an ihn. Eine ganze Weile hielt er sie nur zärtlich umfangen, während er sie gleichzeitig dazu zu bewegen versuchte, ihm ihre Lippen zu öffnen.

Als er sich schließlich mit der Zunge in ihren Mund vortastete, erstarrte sie vor Überraschung. Sein Kuss wurde fordernder, leidenschaftlicher, und plötzlich durchströmte sie eine nie gekannte Erregung. Mit einem leisen Wimmern schlang sie ihm die Arme um den Nacken. Er stöhnte auf und presste sie fest an sich. Wieder und wieder küssten sie sich, bis er sie schließlich, ohne ihren Mund freizugeben, hochhob und zum Bett trug, wo er sich neben ihr ausstreckte. Eine Zeit lang tat er nichts anderes, als sie mit verzehrender Glut weiterzuküssen.

Beatrice gab sich vollständig den köstlichsten Empfindungen hin, die sie je verspürt hatte. Sein Mund, sein Geschmack, sein männlicher Duft, die harten Muskeln seines Körpers – all das war etwas völlig Neues für sie. Erregend. Berauschend. Ihr Verlangen war mittlerweile so groß geworden, dass es nach Befriedigung strebte. Da sie sich nicht vorstellen konnte, wie sie diese herbeiführen sollte, stieß sie einen hilflosen, beinahe flehenden Laut aus.

Er erkannte diesen Laut, lächelte in sich hinein und wurde kühner. Er schob ein Bein zwischen ihre Knie, und mit der Hand wagte er sich zu der Knospe ihrer Brust vor. Beatrice schlug die Augen auf und starrte ihn an. Sie wusste, sie durfte nicht zulassen, dass er sie so berührte, aber es fühlte sich so himmlisch an, und so senkte sie wohlig seufzend erneut die Lider.

Plötzlich war seine Hand nicht mehr auf ihrer Brust, und sie empfand beinahe so etwas wie Enttäuschung. Im selben Moment merkte sie, wie er den Saum ihres Nachtgewandes bis zu den Schenkeln hochstreifte.

Ihren Schreckenslaut erstickte er mit einem Kuss. Sie wagte nicht, sich zu bewegen und blieb reglos liegen, aber als er eine Hand zwischen ihre Knie schob und verlangend die zarte Haut ihrer Beine streichelte, schüttelte sie heftig den Kopf. „Nein! Ihr müsst aufhören!“

„Warum?“, raunte er. „Niemand wird wissen, ob Ihr noch Jungfrau seid oder nicht.“

„Ich werde es wissen. Gott wird es wissen.“

Er strich sanft über die Außenseite ihres Oberschenkels und sah Beatrice mit träger Belustigung an. „Aber ich begehre Euch.“

„Nein! Das darf nicht sein.“

„Ihr könntet mich nicht daran hindern, wenn ich Euch jetzt nehmen wollte.“

„Bitte!“, flehte sie erstickt. „Bitte, entehrt mich nicht!“

Ganz unvermittelt ließ er sie los und die kalte Luft streifte sie, nachdem er aufgestanden war. Beatrice setzte sich auf, bedeckte mit dem Nachtgewand hastig ihre Blöße und erhob sich ebenfalls. Mit offener Hand, als wollte sie ihm ins Gesicht schlagen, stürzte sie auf ihn zu, doch er war zu groß und zu schnell und packte sie beim Handgelenk.

„Ihr habt Euren Ehreneid gebrochen“, flüsterte sie aufgebracht.

Er sah sie überrascht an. „Das habe ich nicht – ich habe Euch nur geküsst. Auf Eure eigene Bitte hin. Daran kann ich nichts Unehrenhaftes erkennen.“

Sie zitterte vor Anspannung. „Ihr hättet mich nicht … dort berühren dürfen.“

Jetzt musste er lachen. „Wenn ich Euch ‚dort‘ berührt hätte, und nicht nur Eure wunderschönen Schenkel, dann würdet Ihr jetzt nicht protestieren, sondern vor Lust schreien.“

Beatrice errötete heftig wegen dieser eindeutigen Worte. „Geht, denn ich habe mich gründlich geirrt, als ich Euch für einen edlen Ritter gehalten habe.“

Zorn flackerte in seinen Augen auf. Er zog sie an sich und küsste sie mit solcher Sanftheit und Zärtlichkeit, dass ihr ganz schwindelig wurde. Plötzlich gab er sie frei und ging zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal zu ihr um und sah sie eine Weile nur an, ehe er eine letzte finstere Warnung an sie richtete: „Kätzchen sollten lieber nicht mit Löwen spielen.“

2. KAPITEL

Das Kloster St. Jude lag in der Northload Street und grenzte nach hinten an das Herrenhaus der Abtei von Glastonbury an. Die Nonnen hatten zehn Morgen Land von Abt John gepachtet, und diese gaben genug Nahrungsmittel her, um die Gemeinschaft mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen, sodass die Frauen nur selten etwas auf dem Markt dazukaufen mussten. Es gab drei Kühe für die Milch, ein halbes Dutzend Schafe, die Wolle und Fleisch lieferten, zwanzig Hühner, Fischteiche und einen Gemüsegarten, der Karotten, Steckrüben, Zwiebeln und Kräuter hervorbrachte. Auch Apfel- und Birnbäume waren vorhanden sowie zwei Morgen Land, auf denen Wein angebaut wurde. Die Klostergebäude selbst wiesen eine Halle auf, das Refektorium, in dem die Nonnen ihre Mahlzeiten einnahmen; ein Sprechzimmer, worin Schwester Huberta ihren Schreibtisch hatte, ihre Korrespondenz erledigte und von dem aus sie darauf achtete, dass im Kloster Zucht und Ordnung herrschten, und eine große Küche, die zum Gemüsegarten hinausführte und an die Vorratskammer angrenzte. Im Untergeschoss befand sich der Keller, im ersten Stock lagen acht Schlafzellen. In der Mitte des Komplexes erhob sich natürlich die Klosterkirche, zu der man zu jeder Tages- und Nachtzeit mühelos Zutritt hatte.

Um diesen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb in Schwung zu halten, wurde allen Frauen harte Arbeit abverlangt, und die Äbtissin, Schwester Huberta, sorgte dafür, dass sie jeder einzelnen Nonne auch noch die letzte Unze abrang. Insgesamt beherbergte das Kloster fünfundzwanzig Nonnen, die Äbtissin und die Novizinnen nicht mitgerechnet.

Es war Dienstag, Markttag, und eine so große Kavalkade wie die von Ashton zog natürlich die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, als sie nun von Süden in die Stadt hineinritt, die Chilkwell Street entlang und dann die High Street hinauf. Im Vorbeireiten warf Beatrice einen Blick auf die Marktstände und bemerkte eine Vielzahl interessanter Waren – Käse, Holzlöffel, Reisigbesen, Seide und bunte Bänder, köstlich duftende Pasteten, Lederstiefel und Kupferkessel.

Allzu rasch ließen sie den Markt hinter sich und bogen in die Northload Street ein. Kurz vor deren Ende erreichten sie eine hohe Backsteinmauer, die nach einer ganzen Weile an den massiven Pfosten eines breiten hölzernen Doppeltors endete. Es war von innen verriegelt, sodass Besucher an einer schmiedeeisernen Glocke läuten mussten, die hoch genug an der Mauer hing, um kleine Kinder davon abzuhalten, den Nonnen und der Nachbarschaft mit Bimmelstreichen auf die Nerven zu gehen.

Sir Giles beugte sich im Sattel vor und zog am Glockenstrang. Sie konnten die Glocke nicht läuten hören, aber es dauerte nicht lang, bis sich eine kleine Pforte im Tor auftat und eine Nonne herausspähte.

„Guten Morgen, Schwester“, grüßte Sir Giles höflich. „Lady Beatrice von Ashton ist eingetroffen.“

Die Pforte wurde zugeschlagen. Sie sahen sich gegenseitig an, und Beatrice lächelte achselzuckend. Einige Augenblicke später öffnete sich die schmale Pforte erneut, und eine andere Nonne musterte sie mit strengem Blick. Sie war älter als die erste Ordensfrau, und ihre harten Gesichtszüge erinnerten Beatrice an ein Frettchen. Sie sah Beatrice direkt an, und ihre Stimme passte zu ihrem Gesicht.

„Ich bin die Äbtissin hier, Schwester Huberta. Was denkt Ihr Euch dabei, all diese Männer an meine Pforte zu bringen? Seht nur, wie Ihr die Straße blockiert und damit unziemliches Aufsehen erregt!“

Beatrice zuckte bei diesen schroffen Worten erschrocken zusammen und sah sich nach den Kriegern um, die tatsächlich die Straße versperrten und eine kleine Schar Schaulustiger angelockt hatten. Sir Hugh versuchte soeben laut rufend sein Pferd durch die Menge zu treiben, im Bemühen, ihre Reisetruhe zur Klosterpforte zu bringen. Beatrice drehte sich wieder um und wollte sich entschuldigen, doch die Äbtissin kam ihr zuvor.

„Sie sollen verschwinden. Sofort. Ihr dürft absitzen, und ich werde Euch in St. Jude aufnehmen. Falls das noch immer Euer Wunsch ist.“ Schwester Huberta starrte sie durchdringend an.

„In der Tat“, erwiderte Beatrice langsam, und ihre von Haus aus sanfte Stimme war jetzt kaum noch zu hören bei dem Stampfen und Schnauben der Pferde, dem Klirren des Zaumzeugs und dem Geschrei der Männer auf der Straße. „Ich habe eine Reisetruhe dabei, wenn Ihr also so freundlich wärt, das Tor zu öffnen?“

„Ist Euch nicht bewusst, dass dies ein geschlossener Orden ist? Ich dachte, ich hätte mich in meinen Briefen ganz klar ausgedrückt. Wir haben das Tor seit dreißig Jahren nicht mehr geöffnet und werden das gewiss auch heute nicht tun. Wir nehmen Euch so auf, wie Ihr seid, Lady Beatrice.“ Sie betonte ihren Titel fast hämisch. „Außerdem kann ich keiner Nonne gestatten, mehr zu besitzen als die anderen. Man wird Euch mit dem versorgen, was Ihr braucht, auch wenn es vielleicht nicht das ist, was Ihr wollt.“

„Aber meine Bibel …“

„Wir haben eine für Euch.“

„Meine Haarbürste!“

„Die braucht Ihr nicht. Ihr werdet geschoren werden.“

Ein Raunen erhob sich unter den Rittern und Kriegern. Beatrice verzichtete darauf, auf ihrer Seife, dem Nähzeug und anderen Besitztümern zu bestehen. Sie drehte sich zu Sir Giles um und bat ihn ruhig: „Würdet Ihr mir bitte vom Pferd helfen?“

„Mylady.“ Sir Giles saß ab, genau wie alle anderen Ritter. Beatrice wand sich innerlich wegen des vielen Lärms, den sie dabei machten.

Nachdem Sir Giles sie vom Pferd gehoben hatte, streichelte sie zum Abschied Willows Nüstern, ließ die Zügel los und tat einen Schritt auf die Pforte von St. Jude zu. Dort drehte sie sich noch einmal um und ließ den Blick von einem Ritter zum nächsten schweifen.

„Gehabt Euch wohl“, flüsterte sie. „Meinen Dank, und möge Gott mit Euch sein.“

Die Männer traten geschlossen vor und knieten im Halbkreis vor ihr nieder. Jeden Einzelnen küsste sie auf die Wange. Die Männer schwiegen und hielten den Kopf gesenkt, obwohl jeder von ihnen am liebsten laut protestiert und auf dem schnellsten Weg mit ihr wieder nach Hause geritten wäre.

Als sie beim letzten Ritter, Remy St. Leger, angekommen war, hob er als Einziger den Kopf und sah ihr in die Augen. Dann nahm er ihre Hand und küsste sie. „Euer Vater hat mir aufgetragen, Euch daran zu erinnern, dass Ihr nur eine Nachricht zu senden braucht, wenn Ihr Euch hier nicht wohlfühlt.“ Er sprach so leise, dass die Äbtissin ihn nicht hören konnte.

„Ich weiß. Aber sagt meinem Vater, dass ich ihm keine Schande bereiten werde, nur weil es mir an Mut fehlt.“

„Ihr braucht jetzt keinen Mut, sondern gesunden Menschenverstand. Kommt mit, fort von hier.“

„Lasst meine Hand los“, verlangte Beatrice gepresst.

„Auf, junge Dame, ich habe nicht die Zeit, müßig abzuwarten, während Ihr Eurem Vergnügen nachgeht.“

Remy warf der Äbtissin einen Blick voller abgrundtiefer Verachtung zu. Noch immer hielt er Beatrices schmale Hand in seinen so viel größeren Händen. „Ihr gehört nicht hierher.“

Sie beugte sich zu ihm herab und küsste ihn auf die Wange. „Gehabt Euch wohl, Sir Remy.“ Ihre Stimme klang traurig, aber fest, und Beatrice widerstand der Versuchung, ihm die aschblonde Strähne aus der Stirn zu streichen. Dann entzog sie ihm ihre Hand und trat einen Schritt zurück.

Die Ritter erhoben sich und sahen zu – viele von ihnen mit der Hand am Schwert –, wie Beatrice durch die schmale Pforte im Tor schritt, die sich augenblicklich hinter ihr schloss, ohne einen Blick auf das Kloster und seine Bewohnerinnen preiszugeben.

Eine ganze Zeit lang standen die Ritter nur da und starrten auf die geschlossene Pforte. Dann schwang sich Sir Giles auf sein Pferd und rief: „Auf nach Ashton!“

Es war noch nicht Mittag, und wenn sie in schnellem Tempo ritten, konnten sie bei Einbruch der Nacht wieder auf der Burg sein. Den Versuchungen, die die Wirtschaften von Glastonbury zu bieten hatten, erlagen sie nicht. Sie hatten es viel zu eilig, zu Lord Thurston zurückzukehren und ihn zu bedrängen, Lady Beatrice vor ihrer eigenen Torheit zu bewahren und sie zurückzuholen.

Als die Pforte hinter ihr ins Schloss fiel, schluckte Beatrice. Doch schon eilte die Äbtissin voraus über den Hof auf das Hauptgebäude des Klosters zu.

„So ein Betragen habe ich noch nie erlebt“, beklagte sich Schwester Huberta. „Wenn ich gewusst hätte, dass Euer Vater Euch mit solchem Pomp zu uns schicken würde, hätte ich ihm bestimmt geschrieben und ihm eine Absage erteilt.“

Beatrice blieb stehen und sah die Äbtissin herausfordernd an. „Ich glaube, mein Vater hat Euch eine beträchtliche Mitgift gezahlt, damit Ihr mich als Novizin aufnehmt.“

Schwester Huberta versteckte die Hände in ihren weiten Ärmeln und stand so steif da, als hätte sie einen Besenstiel verschluckt. Hochmütig sah sie auf die kleinere Beatrice herab und nickte leicht. „Ja, in der Tat.“

„Ich gehe davon aus, dass ich diese Mitgift wieder mitnehme, wenn ich mich hier nicht wohlfühle und beschließe abzureisen.“

Ein bedächtiges Lächeln breitete sich auf den harten Zügen aus. Die Äbtissin tat einen Schritt auf Beatrice zu, und ihre Stimme klang zwar sanft, aber gleichzeitig schneidend wie ein Schwert. „Ich kenne Euer Spiel, Mylady. Glaubt ja nicht, ich hätte mit Euresgleichen nicht schon zu tun gehabt. Zu alt zum Verheiraten, zu jung, um sie einfach fallen zu lassen. Familien haben viele Möglichkeiten, sich lästiger Töchter zu entledigen …“ Sie drehte sich um und ging weiter auf das Gebäude zu.

„Aber …“, versuchte Beatrice sich zu verteidigen, während sie ihr folgte.

„Still! Ihr werdet mich nicht unterbrechen. Lasst Euch nur eins gesagt sein: Ob ihr bleibt oder wieder geht, ist allein Eure Entscheidung. Aber Ihr werdet so gehen wie Ihr gekommen seid. Mit nichts. Eure Mitgift gehört St. Jude. Jetzt ist Essenszeit, und die Schwestern werden schon auf uns warten.“ Sie bedachte Beatrice mit einem breiten Lächeln, das ihre gelben spitzen Zähne entblößte. „Nun wollen wir lange und inbrünstig beten, um den schlechten Anfang wiedergutzumachen.“ Sie hatten das Refektorium mit den beiden langen Tischreihen erreicht, in dem schwarz gekleidete Nonnen gerade das Essen auftrugen. „Ich bin mir sicher, liebes Kind, dass Ihr hier sehr glücklich sein werdet.“

Seit dem Augenblick, als Beatrice fortgeritten war, begann Lord Thurston zu trinken. Innerhalb von nur zwei Monaten hatte er sowohl seine Gemahlin als nun auch seine Tochter verloren. Seine beiden Söhne – Lord Henry, sein Erbe und liebevoll Hal genannt, sowie der jüngere Osmond – kämpften im Gefolge des Earl of Chester in Wales und waren möglicherweise schon längst gefallen. Seit vielen Monaten hatte er keine Kunde mehr von ihnen erhalten, und um seinen Schmerz über ihre Abwesenheit zu betäuben, hatte er dem roten Burgunder reichlich zugesprochen.

Als Sir Giles und seine Ritter die Burg erreichten, war es bereits dunkel. Im Schein von Pechfackeln gelangten sie in die Halle, sie waren niedergeschlagen und müde.

„He da!“, rief Lord Thurston von seinem auf einem Podest stehenden Stuhl aus. Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und schwenkte mit der anderen Hand ein Lammkotelett. „Das ist aber eine traurige Truppe, die ich da nach Wales mitnehme. Vielleicht wäre ich mit den Küchenmägden besser beraten.“

Die Männer erlaubten ihren Knappen mit in die Halle zu kommen, damit sie den Rittern die Waffen abnehmen und ihre Hände in Schüsseln mit heißem Wasser aus der Küche waschen konnten, ehe sie sich an den Tisch setzten und sich in bedrücktem Schweigen Essen und Wein nahmen.

Lord Thurston richtete sich auf, als Sir Giles sich zu ihm setzte. „Was ist mit Beatrice?“, erkundigte er sich mit großer Beherrschung. „Ging es ihr gut? Wirkte sie glücklich? Und die Äbtissin? Ist sie eine gute Frau?“

„Jawohl, Mylord“, erwiderte Sir Giles knapp. „Lady Beatrice ging es gut, als wir sie zurückließen, obgleich ihr die Äbtissin untersagt hat, ihre Reisetruhe mitzunehmen, und sie nur mit dem, was sie am Leibe trug, ins Kloster eintrat.“

Lord Thurston schnaubte und war sichtlich nicht angetan von dieser Neuigkeit. Die Männer kauten an ihrem Fleisch, tranken gierig von dem Wein und warfen sich vielsagende Blicke zu – die Wahrheit war ein allzu schwer verdauliches Gericht.

Schließlich war es Remy St. Leger, der sich von seinem Platz erhob und vor das Podest trat, auf dem sein Herr saß. Manche bewunderten ihn wegen seines Muts, andere schüttelten die Köpfe wegen so viel Torheit.

Remy verneigte sich tief. „Mylord, ich hätte Euch gern gesprochen. Unter vier Augen.“

Lord Thurston zog die buschigen Augenbrauen hoch und ließ den Blick durch die Halle schweifen. „Hier gehören alle zur Familie. In meiner eigenen Halle habe ich keine Geheimnisse. Wenn Ihr sprechen wollt, so sprecht.“

Remy räusperte sich verlegen, machte aber keinen Rückzieher. „Ich möchte um die Hand Eurer Tochter anhalten.“

In der Halle wurde es totenstill. Niemand bewegte sich, alle warteten gespannt ab.

„Was habt Ihr gesagt?“, fragte Lord Thurston ruhig und ließ die Hand mit dem Fleisch sinken.

„Lady Beatrice gehört nicht in ein Kloster. Daher bitte ich Euch, sie mir zur Gemahlin zu geben.“

Mit einem Aufbrüllen sprang Lord Thurston auf, und schon flog seine schwere Faust durch die Luft und Remy St. Leger ging zu Boden. Einen Moment lang war er ganz benommen von dem Schlag, aber niemand kam ihm zu Hilfe. Lord Thurston stieg von seinem Podest und kniete sich neben den jungen Mann; in seinem Blick lag kalte Wut.

„Was wisst Ihr von meiner Tochter?“, fragte er ruhig.

Remy ließ sich nicht beirren. „Ich weiß, dass Gott sie nicht dazu geschaffen hat, Nonne zu werden.“

„Ach ja? So gut kennt Ihr sie also?“

Remy schwieg, er war unsicher, was er darauf antworten sollte.

Lord Thurston bohrte ihm den Zeigefinger in die Brust. „Meine Tochter ist nichts für Euresgleichen!“ Damit wandte er sich ab, kehrte zu seinem Platz zurück, füllte seinen Kelch mit Wein und aß wütend weiter. Alle verfolgten, wie Remy wieder auf die Beine kam. Sie erwarteten, dass er sich nun davonschleichen würde, um seine Wunden zu lecken, und waren umso erfreuter, als sie merkten, dass der Aquitanier stattdessen bereit war, für weitere Erbauung zu sorgen.

Remy ging geradewegs auf das Podest zu und rief: „Was ist das nur für ein Mann, der seine eigene Tochter ins Kloster schickt, um sie dort elendig zugrunde gehen zu lassen?“

Lord Thurston erhob sich drohend, und Sir Giles und Sir Hugh sprangen ebenfalls auf, da sie ein Handgemenge befürchteten. „Ich habe sie nicht dorthin geschickt. Sie ist aus freien Stücken gegangen.“

„Ihr hättet sie davon abhalten können.“

„Wer, ich? Beatrice von etwas abhalten, was sie sich in den Kopf gesetzt hat?“ Lord Thurston warf den Kopf in den Nacken und lachte schallend. „In der Tat, Ihr kennt meine Tochter wohl doch nicht sehr gut.“

„Ich hatte gedacht, meinen Treueschwur dem Ehrenbefehlshaber des Königs geleistet zu haben, doch nun muss ich einsehen, dass ich nur einem Feigling diene.“ Remy beugte sich vor und zeigte mit dem Finger auf Lord Thurston. „Mylord, ich werde Euch beweisen, dass ich Eurer Tochter sehr wohl würdig bin.“

„Schafft ihn mir aus den Augen, ehe ich ihm den Kopf abreiße“, grollte Lord Thurston. Er ließ sich wieder auf seinen Stuhl fallen und beobachtete, wie Sir Giles und Sir Hugh Remy überredeten, nach draußen zu gehen, um sich ein wenig zu beruhigen. Widerstrebend ließ der junge Mann es zu, aus der Halle geleitet zu werden. Thurston strich sich nachdenklich über den Bart, und ein Funken der Bewunderung glomm in seinen Augen auf, als er den Rückzug des hochgewachsenen jungen Ritters verfolgte.

Die Glocke läutete zur Komplet, aber Beatrice hatte keine Lust, die warme Stätte zu verlassen, die man ihr im Schlafsaal für die Novizinnen zugewiesen hatte. Sie waren nur zu viert, und die meiste Zeit waren sie zu müde und zu verunsichert, um sich miteinander zu unterhalten. Die verhasste Glocke läutete wieder und wieder, bis Beatrice am liebsten zu schreien angefangen hätte.

Sie schlug die Decke zurück, schlüpfte in ihre Schuhe und legte den einfachen wollenen Umhang um, den die Novizinnen über ihrem grauen Leinengewand zu tragen pflegten. In den zwei Tagen seit ihrer Ankunft hatte sie ihrer Meinung nach kaum geschlafen und sich weder umgezogen noch gebadet, sondern sich höchstens das Gesicht und die Hände mit dem kalten Wasser aus der Schüssel gewaschen.

Es war mitten in der Nacht und kalt, und Beatrice suchte den Weg nach draußen in den Korridor, indem sie sich mit der Hand an der Wand entlangtastete. Es war ihnen nicht gestattet, ein Licht zu entzünden, ein solcher Luxus war nur für die Kapelle vorgesehen. Zum Glück war es nicht weit, und schon bald konnte sie das warme Licht sehen, das aus der offenen Kapellentür nach draußen fiel.

Noch ganz verschlafen trat sie ein und kniete sich neben Emeline, eine Novizin aus Somerton von einfachem Gemüt, deren Haut so von Pockennarben entstellt war, dass kein Mann auch nur einen Blick an sie verschwendet oder sie gar respektvoll behandelt hätte. Die Kirche war der einzige Ausweg für sie gewesen. Beatrice lächelte sie freundlich an, obwohl ihre Knie auf dem kalten Steinfußboden schmerzten. Eigentlich hatte sie am ganzen Körper Schmerzen, ihre Hände waren mit Blasen übersät und ihr Gesicht brannte von der Sonne.

An ihrem ersten Tag hatte man sie in den Gemüsegarten geschickt, wo sie Schwester Joan zur Hand gehen sollte, und sie hatte viele Stunden damit verbracht, zu hacken, umzugraben und Karotten, Steckrüben und Zwiebeln zu gießen. Heute wollte man sie zu den Fischteichen schicken, und schon bei dem Gedanken taten ihr die Arme weh. Sie hatte noch nie im Leben arbeiten müssen, und es wurde Beatrice zunehmend klarer, dass ihre Vision von einem ruhigen Leben mit stillen Gebeten zum Herrn und zur Jungfrau Maria nur eine Illusion war. Dafür würde die Äbtissin Huberta schon sorgen.

Endlich war die Messe zu Ende und sie gingen mit schweren Schritten wieder zu Bett. Die harte ungemütliche Pritsche erschien Beatrice jetzt wie ein Daunenbett, und sie schlief auf der Stelle ein. Allerdings nicht für lange Zeit. Ehe sie überhaupt zu träumen anfangen konnte, läutete die Glocke schon wieder zur Prim. Danach nahm Schwester Audrey sie mit hinaus in den kalten dunklen Morgen, damit sie ihr half, die Kühe zu melken.

Einmal im Jahr schuldete Lord Thurston dem König einen dreißigtägigen Dienst. In diesem Jahr würde er die dreißig Tage und wahrscheinlich mehr damit verbringen, Edward beizustehen, den Walisern die Herrschaft über Brecon und Gwynedd zu entreißen. Am Freitag brach er zu diesem Dienst auf. Die Morgendämmerung dämpfte das Klirren der Waffen und Rüstungen, als sich der Reiterzug, bestehend aus zwölf Rittern zu Pferd und hundert bewaffneten Kriegern, in Bewegung setzte. Es war vorgesehen, dass sie nach Norden bis Evesham marschierten und sich dort mit den Truppen des Earl of Hereford vereinten.

Zwei Wochen später, nach mehreren kleinen Gefechten mit den Walisern, lagerten sie an den Mauern von Carmarthen Castle, während sich die Gefechtsführer mit Edwards Befehlshabern zusammensetzten und über die Aufstellung berieten.

Radley und Montgomery saßen in einem Zelt an einer kleinen, mit Steinen eingefassten Feuerstelle. Im Lauf der Jahre waren die beiden zu besten Freunden und Kameraden geworden, Woodford, Baldslow und Remy St. Leger hatten sich zu ihnen gesellt. Sie hüllten sich in ihre Umhänge und ließen einen Humpen Ale zwischen sich herumgehen, während draußen Wind und Regen über die wilden Hügel von Wales fegten. In einem Eisentopf erkalteten die Reste eines kargen, aus Kanincheneintopf bestehenden Abendessens, und in den Ecken des Zeltes saßen die Knappen und entfernten Rost von den Rüstungen und Waffen.

Die Unterhaltung drehte sich vorwiegend um den nächsten bevorstehenden Kampf mit den Walisern, die sie für barbarisch, aber sehr kampfesmutig hielten.

„Das einzige Problem ist, sie aus ihren Berghöhlen hinaus ins freie Feld zu locken“, bemerkte Radley.

Die anderen nickten zustimmend, und nach längerem Schweigen fuhr Radley nachdenklich fort: „Ich frage mich, wie es Lady Beatrice wohl ergehen mag.“

Remy kniff die Augen zusammen und presste die Lippen aufeinander. War das eine an ihn gerichtete bewusste Provokation, oder drückte der gute Mann nur seine aufrichtige Anteilnahme aus? Remy entschied sich für Letzteres, trank einen großen Schluck Ale und reichte den Humpen an Baldslow weiter.

„Ich glaube, Lord Thurston vermisst sie schmerzlich, auch wenn er der Letzte wäre, der das zugeben würde“, sagte Montgomery.

„Noch so eine Torheit von ihm“, stellte Woodford fest und stocherte mit einem Zweig im Feuer. „Es ist kein einfaches Leben als Nonne, schon gar nicht in St. Jude. Sie versorgen sich dort selbst, ohne Hilfe von irgendwelchen Männern, und Lady Beatrice ist harte körperliche Arbeit nicht gewohnt.“

Ein Glühen breitete sich in Remy aus, das sicher nichts mit dem Genuss von zu viel Ale zu tun hatte. Unter dem Umhang ballte er die Fäuste. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, dass Lady Beatrice mit gebeugtem Rücken und aufgeschürften Händen Bauernarbeit verrichtete.

„Bestimmt haben sogar die Engel geweint, als die Nonnen ihr das Haar abgeschnitten haben.“

Alle stimmten lautstark zu. Remy starrte in die Flammen und murmelte: „Ja, ihr Haar war wirklich wunderschön. Wie Honig. Es fiel ihr in Wellen bis hinab zu den Hüften.“

Schweigen breitete sich aus, niemand regte sich mehr, alle Blicke ruhten auf Remy. Der hob den Kopf, erkannte plötzlich seinen Versprecher und versuchte hastig, ihn wiedergutzumachen. „So hörte ich es jedenfalls.“

„Ach ja?“ Cedric Baldslow starrte den jüngeren Mann böse an. Sein Misstrauen war geweckt, und er hatte größte Lust, dieses hübsche Gesicht zu ohrfeigen. „Ich glaube vielmehr, Ihr sprecht allzu vertraulich von ihr. Ich habe mich schon gefragt, in jener Nacht im Red Lion …“ Er ließ den Satz offen, während die anderen ihn ermutigten fortzufahren. Nur Remy sah nach wie vor schweigend ins Feuer. Baldslow zuckte die Achseln. „Ich wollte nachsehen, ob dieser St. Remy auf seinem Posten auch nicht eingeschlafen war, aber er war gar nicht da. Ich meinte, im Zimmer meiner Herrin ein Geräusch gehört zu haben.“

Bei dieser Andeutung sprang Remy auf. „Was werft Ihr mir vor? Was für ein Geräusch?“

Baldslow erhob sich ebenfalls langsam und antwortete hämisch: „Die Laute, die eine Frau von sich gibt, wenn sie unter einem Mann liegt.“

Remy fluchte und holte mit der Faust aus, aber keinem entging, wie ihm die Farbe ins Gesicht schoss. „Das ist eine Lüge, Baldslow! Ihr besudelt die Ehre einer Dame!“

„Eine Ehre, die Ihr ihr längst genommen habt?“, brüllte Baldslow und wich dem Fausthieb geschickt aus. „Kommt, Sir Remy, als Ritter habt Ihr geschworen, stets die Wahrheit zu sagen.“

„Seid unbesorgt“, schleuderte Remy seinem Peiniger entgegen. „Lady Beatrice ist immer noch Jungfrau.“

„Immer noch? Bei Gott, diese Ausdrucksweise will mir gar nicht gefallen.“

Radley und Montgomery begannen zu murren, und sogar Woodford wandte sich aufgebracht Remy zu. Mit befehlsgewohnter Stimme polterte Radley: „Sir Remy, ist es zwischen Euch und Lady Beatrice zu Vertraulichkeiten gekommen?“

„Nicht, wie Ihr glaubt.“ Er senkte den Kopf, und seine Stimme klang ruhig. „Aber … ich habe sie geküsst. Das war alles. Nichts weiter, das schwöre ich.“

„Narr!“

„Dummkopf!“

Baldslow verlor die Beherrschung, allerdings nicht mit Worten. Er brüllte auf wie ein wildes Tier und stürmte mit gesenktem Kopf auf Remy zu. Er traf ihn mit solcher Wucht an der Schulter, dass beide Männer durch die Zeltklappe hinaus in die Nacht stürzten.

Remy brauchte nur Sekunden, um sich wieder zu erholen, dann rammte er Baldslow sein Knie in den Magen, um sich aus der eisernen Umklammerung seines Gegners zu befreien. Ein wütender Zweikampf entbrannte, die beiden Männer hieben mit bloßen Fäusten aufeinander ein, wälzten sich im Matsch und wurden vom Regen völlig durchnässt, aber keiner von ihnen war bereit nachzugeben.

Der Tumult erregte Aufsehen. Immer mehr Männer kamen aus ihren Zelten, um zu johlen, anzufeuern und zuzusehen, und einer von ihnen war Lord Thurston. Auf seinen aufgebrachten Befehl hin bedurfte es sechs starker Männer und einiger Zeit, um die Streithähne zu trennen und vor ihren Herrn zu zerren, damit sie ihm eine Erklärung abgaben.

„Wir sind hier, um die Waliser zu bekämpfen, nicht uns gegenseitig. Was geht hier vor? Baldslow? St. Leger? Antwortet!“

Beide Männer schwiegen. Sie wussten nicht recht, ob es weise war, die Wahrheit zu sagen, wenn die Bestrafung dafür höher ausfallen konnte als die Belohnung. Nachdem Lord Thurston eine Weile die wüstesten Drohungen gegen sie ausgestoßen hatte, beschloss Baldslow, das Risiko einzugehen – immerhin hatte er nichts mehr zu verlieren.

„Mylord, mir ist zu Ohren gekommen, dass sich St. Leger gegenüber meiner Herrin Beatrice Freiheiten herausgenommen hat.“

„Tatsächlich?“ Lord Thurston nahm Anschuldigungen von Baldslow eher mit Skepsis auf, von diesem Mann, dessen eigenes Werben um Beatrice so erfolglos geblieben war. Möglicherweise würde er vor nichts zurückschrecken, wenn plötzlich ein so bedrohlicher Rivale wie der gut aussehende Remy St. Leger seinen Weg kreuzte. Weil ihm klar wurde, dass das kein Fall für die Öffentlichkeit war, befahl er beide Männer zu sich in sein Zelt.

Lord Thurston schickte seinen Knappen hinaus, verschränkte die Arme vor der Brust und wartete schweigend auf die Erklärung seiner Ritter. Baldslow machte den Anfang.

„Mylord, ich habe guten Grund zu der Annahme, dass St. Leger das Schlafgemach von Lady Beatrice betreten hat, als wir im Red Lion übernachteten. Dort, so glaube ich, wurde er mit ihr intim.“

Lord Thurston unterdrückte seinen spontanen Zorn bei dieser Anschuldigung. „St. Leger? Was habt Ihr zu sagen?“

„Mylord, das stimmt nicht. Sie bat mich um einen Kuss, weil sie noch nie zuvor geküsst worden war. Ich schwöre auf die Heilige Schrift und auf meinen Eid als Ritter, dass nichts anderes vorgefallen ist.“

„Sie ist immer noch Jungfrau?“

„Ja, Mylord.“

„Baldslow, Ihr könnt gehen. Ich verlasse mich darauf, dass Ihr Eure Zunge im Zaum haltet.“

„Natürlich, Mylord.“ Baldslow verneigte sich tief und warf Remy im Gehen einen triumphierenden Blick zu, der jedoch nicht ganz frei war von Misstrauen, weil Lord Thurston so gar nicht wie erwartet reagiert hatte.

„Fast hätte ich Lust, Euch nach Strich und Faden zu verprügeln, St. Leger“, fuhr Thurston ruhig fort, als sie allein waren. „Wie Ihr Euch unterstehen konntet, meine Tochter auch nur mit einem Finger anzurühren, ist mir ein Rätsel. Aber …“ Er strich nachdenklich über seinen Bart und betrachtete den hochgewachsenen jungen Mann vor sich. „Ich kenne meine Beatrice, sie ist nicht leichtfertig. Vor langer Zeit, als sie gerade erst sechzehn war, wurde sie mit einem jungen Ritter verlobt, den sie über alle Maßen bewunderte – vielleicht sogar liebte, wenn ein so junges Mädchen überhaupt weiß, was Liebe ist. Er kam ums Leben, und seitdem hat sie keine Zuneigung mehr für einen anderen Mann entwickelt. Viele Male hatte ich gehofft, Zwang ausüben zu können, aber keiner hatte den Mut, ihr den Hof zu machen. Meine Gemahlin hat mich wegen dieser Einstellung oft getadelt und fand sie barbarisch, aber ich denke, eine erzwungene Heirat ist besser als gar keine Heirat. Stimmt Ihr mir da nicht zu?“

Remy sah betreten auf seine Stiefel. „Ich … nun … Sir, es kommt darauf an.“

„Worauf?“

„Von welcher Seite des Bettes her man die Heirat betrachtet. Für den Bräutigam kann ein Augenblick des Vergnügens ein Leben voller Elend zur Folge haben.“

Trotz des Ernstes der Lage lachte Lord Thurston auf und klopfte Remy auf die Schulter. „Glaubt Ihr, dass ein Leben als Gemahl von Beatrice elend verlaufen würde?“

„Nein. Sie ist schön, liebreizend und freundlich.“

„Sie ist älter als Ihr. Genau fünf Jahre.“

Remy zuckte die Achseln. „Ihre Unschuld macht sie jung.“

„Und Eure Erfahrung macht Euch reif?“

„Ja, Mylord. Habt keinen Zweifel, ich bin Manns genug für Beatrice.“

Seine blauen Augen hielten Lord Thurstons dunklem Blick unbeirrbar stand. Als sei er plötzlich zu einem Entschluss gekommen, nickte Lord Thurston und ging zu seinen Satteltaschen hinüber, denen er ein zusammengefaltetes fleckiges Pergament entnahm. „Ich habe heute Abend einen Brief von der Äbtissin von St. Jude erhalten. Ich hatte vorgehabt, Woodford dorthin zu entsenden, aber ich denke, Ihr, Sir Remy, werdet derjenige sein, der meine Tochter abholt und nach Hause zurückbringt.“

„Sir?“ Remy zuckte überrascht zusammen und richtete sich kerzengerade auf.

„Es scheint, die Äbtissin ist nicht so vernarrt in meine Beatrice wie Ihr.“

In den vergangenen Tagen war es Beatrice öfter gelungen, sich heimlich in die Scheune zu stehlen. Am Vormittag war der Heuboden sonnenüberflutet, hier richtete sie sich ein warmes Nest und gönnte sich eine Stunde ungestörten Schlafs. Ihr war, als drehte sich ihr ganzes Leben nur noch um dieses verzweifelte Bedürfnis nach Schlaf – und Essen.

Obwohl die Mahlzeiten durchaus schmackhaft waren, so gab es doch immer nur sehr wenig davon, und die Äbtissin war nicht bereit, ihr Geld für Mehl auszugeben. Es gab kein Brot, keine Pasteten, kein Gebäck. Das erste Mahl bestand aus eingekochtem Obst oder einem dünnen groben Haferschleim. Zu Mittag gab es Gemüsesuppe, und abends wurde entweder Fleisch oder Fisch aufgetragen, manchmal auch etwas Käse oder Obst. Ihr war ständig flau vor Hunger, und selbst ihre Träume drehten sich meist ums Essen. Nur einmal einen Brotkanten kosten, von süßen Quarktörtchen, Wildpasteten und gewürztem Apfelkuchen, den die Köchin von Ashton so köstlich zubereitete, ganz zu schweigen …

Beatrice erwachte aus ihrem kurzen Schlaf und kletterte die wackelige Leiter vom Heuboden herunter, als die Angelusglocke zu läuten begann. Sie wusste, dass sie sich beeilen musste und klopfte sich beim Laufen Heuhalme von ihrem Gewand. Man hatte sie zum Eierholen geschickt und ihr wurde klar, dass sie das völlig vergessen hatte.

Sie erreichte die Küchentür und hoffte, unbemerkt durch das Kloster in die Kapelle gelangen zu können, doch die kräftige Gestalt von Schwester Una, der Köchin, versperrte ihr den Weg.

„Schwester Huberta lässt Euch ausrichten, nicht in die Kapelle zu gehen, sondern in ihr Sprechzimmer zu kommen. Sofort.“

Beatrice biss sich auf die Unterlippe und nickte. Als sie das erste Mal in Schwester Hubertas Sprechzimmer zitiert worden und dort streng für irgendein Fehlverhalten gerügt worden war, hatte sie noch vor Angst gezittert. Mittlerweile war das ein ganz normales Ereignis, sie musste die Äbtissin täglich aufsuchen.

Ihre Schritte hallten auf den Pflastersteinen des Flurs wider, und aus der Kapelle vernahm sie Gesang. Beatrice klopfte an die Tür.

„Herein.“

Sie gehorchte und fand Schwester Huberta wie üblich an ihrem Schreibtisch sitzend vor. Jetzt lehnte sie sich auf ihrem Stuhl zurück, legte die Fingerspitzen aneinander und lächelte unfreundlich.

„Ach, Beatrice. Wie nett, Euch zu sehen. Wieder einmal.“

„Äbtissin.“ Beatrice deutete einen Knicks an.

„Kommt näher, Kind. Ich möchte nicht quer durch das Zimmer rufen müssen.“

Beatrice tat drei Schritte nach vorn.

„Ich möchte Euch um einen Gefallen bitten.“

„Natürlich.“

„Nehmt Euren Schleier ab.“

Beatrice hielt erschrocken den Atem an und hob die Hand schützend zu dem Leinentuch, das ihren Kopf und Nacken bedeckte. „Ich … ich muss protestieren, Schwester.“

„In der Tat, dass müsst Ihr. Aber ich fürchte, ich muss darauf bestehen. Seht, meine liebe Beatrice, es ist mir zu Ohren gekommen, dass Ihr erneut gegen eine unserer Klosterregeln verstoßen habt. Und dieses Mal ist es sehr ernst. Nun entfernt den Schleier, sonst hole ich Schwester Una und lasse sie das für Euch erledigen.“

Seufzend gab Beatrice sich geschlagen. Sie war zu müde und zu hungrig, um sich zu widersetzen. Mit langsamen Bewegungen löste sie den Leinenschleier, und ihr prachtvolles honigfarbenes Haar fiel ihr in seidig glänzenden Wellen über die Schultern bis zu den Hüften hinab. „Ich … den Regeln nach bin ich nicht verpflichtet, mir das Haar scheren zu lassen, erst in meinem zweiten Jahr, wenn ich mir meiner Berufung sicher bin.“

„Ich verstehe. Und? Habt Ihr Zweifel hinsichtlich Eurer … Berufung?“

„Nein, Schwester. Ich habe den Wunsch, unseren Herrn zu preisen und zu ehren und ihm mein Leben im Gebet zu weihen.“

„Aber?“

„Nun …“ Erfreut über diese unerwartete Aufforderung, sich auszusprechen, fuhr Beatrice hastig fort. „Das Leben hier ist sehr schwer, für alle von uns. Wenn wir körperlich nicht so sehr unter ständigem Schlafmangel und Hunger leiden würden, könnten wir uns Gott sicherlich noch inniger widmen.“

„Tatsächlich!“ Schwester Huberta erhob sich und schob ihren Stuhl zurück. „Vielen Dank für diesen Rat, Beatrice. Und nun habe ich auch einen für Euch.“ Sie öffnete die Tür ihres Sprechzimmers. „Geht nach Hause.“

„Schwester?“

„Ich schicke Euch fort. Zurück zu Eurem Vater.“

„Aber …“

„Ich habe ihm bereits einmal geschrieben, jedoch keine Antwort erhalten. Leider kann St. Jude es sich nicht leisten, sich die Last eines faulen, nutzlosen jungen Dings aufzubürden.“ Sie läutete eine Glocke, und Schwester Emily, die Pförtnerin, erschien. „Lady Beatrice wird uns verlassen. Seid so gut, sie in den Schlafsaal der Novizinnen zu begleiten. Sie wird die Ordenstracht ablegen und ihre eigene Kleidung anziehen. Dann bringt sie zum Tor und lasst sie hinaus.“ Jedes einzelne Wort schien Schwester Huberta mit immenser Befriedigung zu erfüllen.

„Aber …“ Beatrice konnte es noch immer nicht glauben. „Ich habe kein Pferd, keine Eskorte, kein Geld! Wie könnt Ihr …?“

„Still!“ Schwester Huberta hob die Hand. „Holt Euer Bündel aus dem Schlafsaal. Ihr sollt zwei Pennys für den Heimweg erhalten.“

Vollkommen verwirrt folgte Beatrice Schwester Emily in den Schlafsaal der Novizinnen. Auf ihrer Pritsche lag ein Bündel. Es war ihr eigener dunkelblauer Umhang, den man benutzt hatte, um ihre Schuhe und Kleidung darin zu verschnüren.

„Ich habe noch etwas Käse und zwei Äpfel dazugepackt“, flüsterte Schwester Emily. „Nun kommt schon, macht nicht so ein trauriges Gesicht. Ihr habt wirklich Glück, von hier weggehen zu dürfen.“ Sie sah sich verstohlen um und fuhr mit leiser verschwörerischer Stimme fort: „Zieht Euch nicht um, denn die Ordenstracht wird Euch draußen schützen.“ Mit geschickten Fingern befestigte sie wieder Beatrices Schleier, bis ihr herrliches Haar nicht mehr zu sehen war. „Nur wenige würden es wagen, eine Nonne zu belästigen.“

Beatrice war wie erstarrt vor Entsetzen. Sie folgte Schwester Emily in den Hof und umklammerte verzweifelt ihr Bündel. Der große Schlüssel drehte sich quietschend im Schloss, dann trat die Nonne zur Seite und hielt die Tür auf. Widerstrebend ging Beatrice durch die Pforte ins Freie, dieselbe, durch die sie vor nur drei Wochen hereingekommen war.

„Gehabt Euch wohl, liebe Beatrice. Gott wird mit Euch sein.“

Beatrice brachte nur ein schwaches Lächeln hervor. Nun stand sie ganz allein auf der staubigen Straße, sie, die ihr Leben lang nicht einen Augenblick allein und schutzlos gewesen war.

3. KAPITEL

Eine ganze Weile stand Beatrice einfach nur da und nahm die Passanten gar nicht wahr, die sie anstarrten. Dann spürte sie eine Hand auf ihrem Ärmel und sah hinab in das grobe wettergegerbte Gesicht einer alten Frau, die einen Eierkorb am Arm trug.

„Geht es Euch gut, meine Liebe?“, fragte sie mit breitem bäuerlichen Akzent.

Beatrice zuckte zusammen, und plötzlich breitete sich ein Lächeln auf ihren Zügen aus. „Oh ja, danke, gute Frau.“

„Hat Euch wohl an die Luft gesetzt, wie?“

„Wie bitte?“

Die alte Frau lachte. „Kein Grund, sich deswegen zu schämen.“ Sie nickte in die Richtung des Klosters. „Sie mag die Hübschen nicht. Hat Euch fortgeschickt, nicht wahr?“

„Ja, so ist es.“

„Nun, macht Euch nichts draus, Liebchen. Kommt, ich begleite Euch bis zum Markt. Habt Ihr es weit bis nach Hause?“

„Ja, ich komme von Ashton Castle.“

Die Alte runzelte die Stirn. „Davon habe ich noch nie gehört. Muss weit weg sein.“

Beatrice ging neben ihr her und hörte noch immer ganz benommen ihrem freundlichen Geplauder zu. Als sie den Markt erreichten, war sie überwältigt von dem Lärm und dem geschäftigen Treiben. Sie verabschiedete sich von der Bauersfrau und schlenderte an den Ständen vorbei. Immer wieder blieb sie stehen, um die Waren zu betrachten, als hätte sie noch nie zuvor so einfache Dinge wie Lederstiefel und Tuchballen in wunderschönem Dunkelviolett, Smaragdgrün oder Safrangelb gesehen. Das Faszinierendste für sie war jedoch der Stand des Pastetenbäckers. Hungrig starrte Beatrice auf das goldbraune Gebäck, gefüllt mit Fleisch und Gemüse, dessen Duft ihr verführerisch in die Nase stieg. Sie erlag der Versuchung und nahm die eine der beiden Münzen, die sie von der Äbtissin erhalten hatte, um sie dem Händler zu geben.

„Was soll es sein, Herrin? Mit Fleisch, mit Schinken und Huhn oder mit Apfel?“

Sie zeigte auf eine Fleischpastete und nahm sie wie einen kostbaren Schatz an sich. Danach steckte sie das Wechselgeld ein, ohne zu wissen, ob es überhaupt noch für die Heimreise reichte. Nie zuvor hatte sie sich mit Geld beschäftigen müssen und kannte kaum seinen Wert.

Mit ihrem Bündel und der Pastete setzte sie sich auf eine der Stufen zu dem steinernen Kreuz, das den Platz als Marktplatz kennzeichnete. Sie genoss das Essen bis zum letzten Bissen, dann lehnte sie sich zurück und wandte ihr Gesicht der Sonne zu. Ehe sie sich versah, hatte sie angefangen zu beten, und sie spürte endlich wieder die Gegenwart ihres eigenen Gottes. Remy St. Leger hatte recht gehabt. Sie gehörte nicht in ein Kloster.

In den letzten langen Wochen hatte sie ihn aus ihrem Gedächtnis verbannt, auch wenn er ihr manchmal im Traum erschienen war. Doch jetzt erfüllte sie das Wissen, dass es ihn gab und dass er vielleicht in diesem Moment ebenfalls die warme Sonne auf seinem Gesicht spürte, mit einem unbändigen Glücksgefühl. Rasch verdrängte sie es jedoch wieder, denn ihrer Erfahrung nach folgte ihm meist der Schmerz auf dem Fuße. Sie gab sich einen Ruck und besann sich auf den Weg, der vor ihr lag. Und so erhob sie sich und nahm die Straße, die vom Markt weg zur Chilkwell Street führte.

Zu Fuß sah die Umgebung zwar etwas anders aus als vom Pferderücken, aber Beatrice war sich sicher, dass dies der richtige Weg nach Ashton war. Wenn sie nur schnell genug ging, würde sie bestimmt bis zum Einbruch der Dämmerung im Red Lion sein, wo sie die Nacht in Sicherheit verbringen konnte.

Die Straße war gar nicht so menschenleer, wie sie anfangs befürchtet hatte, und es waren alles freundliche Leute vom Land, die ihr nichts Böses wollten. Manchmal gab es neugierige Blicke und Zurufe wie „Schenkt uns Euren Segen, Schwester!“, wenn sie an ihr vorbeigingen. Kinder drehten sich oft staunend nach ihr um, und dann lächelte sie und winkte ihnen zu.

Als der Nachmittag voranschritt und Wolken am Horizont aufzogen, wurde Beatrice allmählich müde. Ihre Füße schmerzten, und die dünnen Sohlen ihrer Schuhe boten wenig Schutz vor den spitzen Steinen und Zweigen auf der Straße. Ein paar Mal machte sie Rast, um sich auszuruhen. Sie fand Trost im Schatten großer alter Eichen, lehnte sich zurück und lauschte dem Zwitschern der Vögel. Es erfüllte sie mit innerem Frieden, den Blick über die grüne Landschaft schweifen zu lassen, die bereits den Sommer ahnen ließ. Es war Ende Mai, schon bald würden sich auf den Feldern goldener Weizen, Hafer und Roggen im Wind wiegen.

Sie war sich sehr deutlich bewusst, dass sie ganz allein war und verhielt sich sowohl vorsichtig als auch wachsam. Sobald sie eine Gruppe von mehr als zwei Männern oder einen Trupp Krieger schon von Weitem näher kommen sah, versteckte sie sich hastig hinter Bäumen oder im dichten Gebüsch, das üppig zu beiden Seiten des Weges wuchs. Erst wenn die Männer vorbeigegangen waren, wagte sie sich wieder hervor und eilte weiter.

Das Tageslicht schwand rasch, und allmählich befürchtete Beatrice, das Red Lion vor Einbruch der Nacht nicht mehr erreichen zu können. Hinter sich vernahm sie das Rumpeln eines Karrens, und Hoffnung keimte in ihr auf. Vorsichtig sah sie sich um und stellte fest, dass nur zwei Männer auf dem Karren saßen, einer war ziemlich alt, der andere noch sehr jung, Vater und Sohn vermutlich. Sie blieb stehen. Die Landschaft kam ihr nicht länger friedlich und einladend vor, sondern bedrohlich und feindselig.

Der Karren näherte sich, und als die beiden Männer sie entdeckten, brachten sie ihr Maultier zum Stehen. Sie zogen den Hut, und Beatrice sah sie argwöhnisch an.

„Guten Tag, Schwester. Was macht Ihr hier, so ganz allein?“

Beatrice lächelte kühl. „Guten Tag. Bin ich auf dem richtigen Weg zum Red Lion in Littleton?“

„Ja, aber bis dahin sind es noch gut drei Meilen. Zu Fuß werdet Ihr es bei Tageslicht nicht mehr schaffen. Steigt hinten auf den Karren, Herrin, wir nehmen Euch mit.“

„Vielen Dank für Eure Güte, Sir.“ Beatrice kletterte hinten auf das Gefährt, machte es sich zwischen Mehl- und Gemüsesäcken bequem und ließ die Beine baumeln. Mit einem Ruck fuhr der Karren an. Das sanfte Schaukeln und die gedämpften Stimmen der Männer machten sie noch müder. Sie löste den Schleier und war kurz darauf eingeschlafen.

Es war längst stockdunkel, als sie in den Hof des Red Lion einfuhren. Beatrice richtete sich mühsam auf, sprang vom Wagen und bedankte sich noch einmal bei ihren Begleitern, die ihr nachsahen, als sie auf das Gasthaus zuging.

Warme abgestandene Luft schlug ihr entgegen, als sie über die Schwelle trat. Unwillkürlich presste sie ihr Bündel fester an sich, als einige Männer anzüglich zu ihr herübersahen. Sie erkannte den Wirt von ihrem letzten Aufenthalt her wieder und näherte sich ihm.

„Guten Abend, Sir. Ich bin Lady Beatrice von Ashton Castle. Ich wünsche ein Zimmer für die Nacht und ein Abendessen.“

Zu ihrer Überraschung lachte er auf und fuhr fort, einen Tisch abzuputzen. „Ach ja? Und ich bin der König von Spanien.“

Ein paar Männer lachten ebenfalls und warfen Beatrice abschätzende Blicke zu. Sie straffte die Schultern, zog die Brauen hoch und ihre braunen Augen nahmen einen frostigen Ausdruck an. „Ihr werdet Euch sicher erinnern, dass ich vor drei Wochen schon einmal hier gewesen bin, in Begleitung von sieben Rittern und vierzig bewaffneten Kriegern. Mein Vater, Lord Thurston, wird äußerst ungehalten sein, wenn er erfährt, dass Ihr mir ein Nachtquartier verweigert habt.“

Bei diesen Worten und ihrer hochmütigen Stimme stutzte der Wirt. Er betrachtete sie aufmerksam, und eine vage Erinnerung stieg in ihm auf. Er hatte Lady Beatrice zwar nicht von Angesicht zu Angesicht sehen können – dafür hatten diese Ritter schon gesorgt –, aber er wusste noch, dass sie eine kleine Frau gewesen war, genau wie die, die jetzt vor ihm stand, und dass ihr Haar die gleiche honigbraune Farbe gehabt hatte. Er räusperte sich und wischte sich verlegen die Hände an seiner fleckigen Schürze ab. „Nun ja, ich bin jederzeit froh, Lady Beatrice zu Diensten sein zu können, aber woher soll ich wissen, ob diese staubige kleine Nonne vor mir wirklich sie ist?“

Beatrice lächelte, sie verstand seine Vorsicht. „Ich bin keine Lügnerin, Sir. Um meine Aufrichtigkeit zu beweisen, werde ich Euch einen Schuldschein geben. Wenn Ihr so freundlich wärt, mir Feder und Papier zu bringen?“

Der Wirt war sichtlich beeindruckt, denn außer dem Klerus und dem Adel war kaum jemand des Schreibens kundig. Er rief nach seiner Frau, die mit einem kleinen, ziemlich groben Stück Pergament und einer ausgefransten Feder herbeischlurfte. Das Tintenfass war alt. Die eingetrocknete Tinte wurde mit etwas Ale wieder verflüssigt, und dann verfasste Beatrice ein Schreiben, durch welches dem Überbringer die Kosten für eine Übernachtung und zwei Mahlzeiten erstattet werden sollte. Einen zusätzlichen Betrag sollte er erhalten für die Bereitstellung eines gesattelten Pferdes, das er zurückerhalten würde, sobald Lady Beatrice wohlbehalten zu Hause eingetroffen war. Bei diesem letzten Satz protestierte der Wirt zwar, aber Beatrice konnte ihn davon überzeugen, dass ihr Vater durchaus zahlungskräftig war.

Schließlich setzte sie ihre Unterschrift auf das Schriftstück, und die Frau des Wirts führte sie in ein Zimmer im ersten Stock. Es war nicht das schöne, das sie beim letzten Mal bewohnt hatte, denn das war bereits vergeben, sondern ein kleineres, das nach hinten hinausging. Nach dem Schlafsaal im Kloster kam es Beatrice jedoch himmlisch vor.

„Ich bringe Euch heißes Wasser und etwas zu essen. Sicher werdet Ihr nicht allein unten bei diesen Grobianen sitzen wollen.“

„Ihr seid sehr freundlich, vielen Dank.“ Beatrice lächelte und legte ihr Bündel auf das Bett. Sobald sie allein war, öffnete sie es und schüttelte ihren Umhang, das dunkelgrüne Wollgewand und ihr feines Leinenhemd aus, ehe sie alles über einem Stuhl vor dem Feuer ausbreitete, um die Kleidungsstücke anzuwärmen. Am kommenden Morgen würde sie endlich wieder ihre eigenen Sachen tragen, aber im Moment wollte Beatrice einfach nur im Luxus eines guten Essens, warmen Wassers und eines bequemen Bettes schwelgen. Ehe sie sich schlafen legte, sprach sie ihr Abendgebet mit von Herzen kommendem ehrlichem Dank.

Von Wales war Remy St. Leger so schnell wie möglich losgeritten, um Glastonbury Mitte der Woche zu erreichen. Lord Thurston hatte ihn zu äußerster Eile gedrängt.

„Es würde mich nicht überraschen, wenn man Beatrice einfach ohne Geld vor die Tür gesetzt hätte.“

„Die Äbtissin wird doch wohl kaum eine Frau allein und wehrlos auf die Straße schicken?“ Remy runzelte die Stirn.

Lord Thurston wiegte voller Bedenken den Kopf und zupfte sich nervös am Bart. „Leider kann ich keinen einzigen Mann zu Eurer Begleitung entbehren, St. Leger. Aber ich traue Euch zu, ganz allein mit der Äbtissin fertig zu werden. Und die Mitgift wird sie auch nicht behalten“, schnaubte er.

Remy verneigte sich. „Seid unbesorgt, Mylord, ich werde dafür sorgen, dass die Äbtissin nichts behält, was zu Ashton gehört.“

Er war beim ersten Tageslicht aufgebrochen, bewaffnet mit einem Schwert, einem Dolch, der von der linken Hand geführt wurde, einer Armbrust und vierzig Bolzen. Er wirkte fast unförmig in dem dicken Lederwams, über dem er noch ein Kettenhemd mit breiten Schulterplatten gezogen hatte. Auf den Helm hatte er zugunsten einer Kettenhaube verzichtet, unter der er eine Art Stoffkapuze trug, die seinen Kopf und Nacken vor Regen schützte. Diese Kopfbedeckung ermöglichte ihm mehr Bewegungsfreiheit, sollte es zu Nahkämpfen kommen.

Remy machte nur kurz Halt, um sein Pferd zu füttern und zu tränken; er selbst aß im Stehen, weil ihm bewusst war, dass Beatrice mit jeder verstreichenden Minute verwundbarer werden konnte. Die Vorstellung, sie könnte irgendeinem hergelaufenen Leibeigenen auf der Straße in die Hände fallen, trieb ihn zu noch größerer Eile an. Die Zeit im Sattel verschaffte ihm die Gelegenheit, sich eine Strategie auszudenken, denn er war sich sicher, dass er nichts erreichen würde, wenn er einfach die Glocke an der Klosterpforte läutete und um Einlass bat. Nein, die Umstände erforderten schon ein etwas listigeres Vorgehen.

Er erreichte Glastonbury am späten Nachmittag des dritten Tages und begab sich umgehend, das heißt, so wie er war – nach Schweiß und Schmutz riechend –, zum Kloster. Eine ganze Weile saß er auf seinem Pferd im Schutz einiger Maulbeerbüsche und starrte auf die undurchdringliche Mauer von gut und gern zehn Fuß Höhe. Blinzelnd sah er zur Sonne und schätzte die ungefähre Tageszeit ein, und als seine Vermutung durch dünn klingenden Frauengesang bestätigt wurde, schwang er sich aus dem Sattel. Er band die Zügel um den Stamm einer Eibe in der festen Zuversicht, dass sein bestens erzogenes Streitross sich einen Diebstahl nicht gefallen lassen würde. Aus der Satteltasche zog er einen langen Strick, an dem er einen dreispitzigen Eisenhaken befestigte, ein sehr nützliches Instrument in Zeiten der Belagerung.

Remy warf den Strick über die Mauer, zog dann einmal kräftig daran, sodass sich die Eisenspitzen im Mauerwerk verhakten, und kletterte anschließend nach oben – eine beträchtliche Leistung angesichts der schweren Rüstung. Er sprang hinunter auf die andere Seite, sah sich hastig um und eilte dann in geduckter Haltung durch den Garten. Er spähte durch die schmalen Fenster, versuchte es an einer Tür, die aber verriegelt war, und fand schließlich Zutritt zum Refektorium, das verlassen war, weil die Nonnen an der Messe teilnahmen.

Nach einem kurzen Erkundungsgang entdeckte er das Sprechzimmer. Dort nahm er hinter dem vollgestellten Schreibtisch Platz, legte die Füße auf ihn – und wartete ab. Er zog sein Schwert aus der Scheide, eine gewaltige Waffe aus blinkendem Toledostahl, die ihm schon gute Dienste geleistet hatte, und legte es sich quer über die Knie.

Schwester Hubertas Schlüsselbund klimperte, als sie den Flur entlangkam; im Schein der tiefer sinkenden Sonne eilte ihr ihr eigener Schatten übergroß voraus. Sofort beim Eintreten in ihr Zimmer bemerkte sie den typischen Geruch nach Mann, einen Geruch, den sie schon seit vielen Jahren, seit sie Witwe geworden war, nicht mehr wahrgenommen hatte. Sie fuhr herum und stieß einen Schreckenslaut aus, als sie die Person sah, die gelassen auf ihrem Stuhl hinter ihrem Schreibtisch saß.

„Was tut Ihr hier?“, stotterte sie. „Wer seid Ihr? Was fällt Euch ein …“

„Schweigt still, Weib“, fiel Remy ihr leise ins Wort und stand auf. Seine riesige Gestalt schien den Raum ganz auszufüllen. „Ich bin wegen Lady Beatrice gekommen.“

Die Äbtissin entspannte sich ein wenig und erwiderte wahrheitsgemäß: „Nun, dann könnt Ihr Euch wieder auf den Weg machen, denn Ihr seid zu spät erschienen. Sie ist fort.“

„Tatsächlich?“

Ihr gefiel weder die sanfte Bedrohung in seinem Tonfall noch die Art, wie er sie ansah. „Sagt mir auf der Stelle, wer Ihr seid, Sir.“

„Ich bin Lord Thurstons Mann. Wo ist sie?“

Schwester Huberta schluckte erstmals etwas nervös. „Sie ist heute Morgen gegangen. Nach Hause. Das Mädchen passte nicht zu uns.“

„Wie ist sie aufgebrochen?“

„Wie?“

„Zu Pferd, mit einem Wagen, zu Fuß?“

„Zu Fuß, natürlich.“

„Ich soll Lord Thurston also mitteilen, dass Ihr seine Tochter ganz allein auf die Straße gesetzt und ihr gesagt habt, sie solle nach Hause gehen? Zu Fuß?“

„Sie ist kein Kind mehr. Sie wird den Weg schon finden.“

„Das hoffe ich für Euch. Und nun das andere – die Mitgift.“

„Was ist damit?“

„Lord Thurston will sie zurückhaben. Es ist ein ansehnlicher Betrag, und er hat nicht vor, Euch das Geld zu überlassen.“

Schwester Huberta lachte unfreundlich. „Es ist mir ziemlich gleich, was Lord Thurston will. Seine Tochter hat uns in den letzten Wochen genug Scherereien gemacht, und wir verlangen Wiedergutmachung.“

Silber blitzte auf, und die Äbtissin stieß einen Schrei aus, als sie die kalte Schwertspitze an ihrer Kehle spürte. „Ich bin dagegen, heilige Nonnen zu töten“, zischte Remy. „Bei einer Hexe hingegen habe ich keine Skrupel.“

Unter diesen Umständen sah sich Schwester Huberta gezwungen, zu einer eisenbeschlagenen, mit einem Vorhängeschloss versehenen Eichentruhe in der Ecke zu gehen und sie mit einem Schlüssel von ihrem Bund aufzuschließen. Nach kurzer Zeit zog sie einen weichen Lederbeutel heraus, der die Mitgift enthielt. Mit fest aufeinandergepressten Lippen reichte sie ihn Remy.

Er nahm den Beutel mit der linken Hand entgegen, verneigte sich tief vor ihr und wandte sich zum Gehen, allerdings nicht ohne ein letztes Versprechen. „Betet dafür, Schwester, dass ich Lady Beatrice finde und sie heil und wohlbehalten ist. Andernfalls komme ich wieder, und dann bringe ich hundert Männer mit und werde dieses schimmelige Gemäuer bis auf die Grundfesten niederbrennen.“

Die Äbtissin rang erschrocken nach Luft und fasste sich ans Herz, während der junge Mann so lautlos verschwand wie er gekommen war.

Remy nahm denselben Weg zurück über die Mauer und verstaute den Haken und das Geld in seiner Satteltasche. Dann schwang er sich aufs Pferd, gab seinem Hengst die Sporen und galoppierte durch Glastonbury, in Richtung Ashton. Er wollte unbedingt bis zum Abend im Red Lion sein und schlug ein geradezu halsbrecherisches Tempo an.

Unterwegs stieß er auf ein halbes Dutzend Krieger und schloss sich ihnen an, um Neues aus Wales zu erfahren. Sie waren jedoch Söldner, Flamen, und ihr Englisch war weder gut noch angenehm anzuhören. Sie waren unzufrieden mit ihrem Zahlmeister, König Edward, und befanden sich auf dem Weg nach Dover, um in ihre Heimat zurückzukehren. Remys Nerven waren bis zum Äußersten gespannt, und ihm gefiel nicht, wie sie ihn und seine Satteltaschen musterten. Schon bald trennte er sich wieder von ihnen und ritt weiter.

Es war ein sonniger heller Morgen, als Beatrice, züchtig im Damensattel, den Sitz ihres dunkelblauen Umhangs über dem grünen Gewand ordnete. Sie rief dem Wirt und seiner Frau noch einmal ihren Dank zu, ehe sie den Weg einschlug, der sie hoffentlich noch vor dem Abend nach Hause führen würde.

Sie fühlte sich erfrischt nach dem langen Schlaf und zwei ausgezeichneten Mahlzeiten. Außerdem hatte sie sich gründlich mit heißem Wasser gewaschen. Dankbar nahm sie zur Kenntnis, dass ihre Erfahrungen in St. Jude sie wenigstens gelehrt hatten, auch die einfachsten Freuden des Alltags zu schätzen. Leichten Herzens und leise vor sich hin summend, hielt sie ihr Pferd zu einem zügigen Trab an.

Es war sonnig, aber kein Markttag. Nur wenige Menschen waren unterwegs, vor allem, je weiter sie sich von Glastonbury entfernte. Am späten Vormittag legte sie eine Rast ein, um ihr Pferd zu tränken – ein dickes, ziemlich träges Tier – und selbst etwas von dem kalten Huhn und dem Käse zu essen, dass die Frau des Wirts für sie eingepackt hatte.

Als sie weiterritt, wurde die Gegend bewaldeter, Kiefernnadeln bedeckten jetzt den Boden. Die Bäume standen dicht auf beiden Seiten des Weges, dunkel und undurchdringlich, und zwischen ihnen breitete sich hoher Farn wie eine Decke aus. Etwas unbehaglich sah Beatrice sich um, das plötzliche Fehlen von Vogelgezwitscher und Sonnenschein machte sie nervös. Sie trieb ihr Pferd zu größerer Eile an, in der Hoffnung, die Wälder schnell wieder hinter sich lassen zu können.

Plötzlich hörte sie einen Schrei, gedämpfte Stimmen, und als sie um eine scharfe Biegung des Weges kam, entdeckte sie die beiden Bauern, die ihr am Vortag geholfen hatten.

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