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HISTORICAL EXKLUSIV BAND 46

SUSAN KING

Braut des Mondlichts

„Sie wird dich niemals heiraten!“ Die harten Worte von Jennys Vater erschüttern Simon zutiefst. Doch sein brennendes Verlangen ist stärker. Simon wird um Jennys Hand anhalten … noch heute Nacht!

MERLINE LOVELACE

Das Glück der Lady S.

Lady Stanton ist verzweifelt. Sie soll Richard Blake verführen – und ihn dann ermorden. Kann sie dieses schreckliche Vorhaben in die Tat umsetzen, obwohl sie dem attraktiven Kapitän von Herzen zugetan ist?

MIRANDA JARRETT

Zauber einer Mondnacht

Wegen einer wagemutigen Wette überfällt der Earl of Atherwell eine Kutsche. Alles verläuft nach Plan. Bis er den Wagenschlag aufreißt und Sophie erblickt – die Frau, die ihm einst das Herz brach.

DEBORAH HALE

Die falsche Braut für Ewan?

Nach Jahren im Ausland kehrt Ewan in seine Heimat England zurück, um endlich die schöne Tessa zu freien. Aber dann entdeckt er, dass ihre Schwester Claire weitaus tiefere Gefühle in ihm weckt …

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Braut des Mondlichts

PROLOG

Im harten Takt seines donnernd pochenden Herzens schlugen seine Absätze auf den steinernen Boden. Entschlossenen Schrittes ging Sir Simon Lockhart den Gang hinunter, seine schwarzen Reitstiefel glänzten im Schein der Fackeln. Als er an der langen Reihe kleiner modriger Zellen vorbeikam, bemerkte er die neugierigen Blicke der Gefangenen, hielt aber unbeirrt weiter auf die letzte Tür zu.

Halte dich von meiner Tochter fern.

Auch nach vier Jahren hatte Simon die Worte noch nicht vergessen, die Jock Colvin einst zu ihm gesagt hatte, und er hatte nie den Schmerz verwunden, den sie ihm bereitet hatten. Jenny Colvin wird niemals einen Schmuggler heiraten.

Nun, dachte Simon bei sich, der Schmuggler hatte sich verändert und war als gemachter Mann zurückgekehrt. Er war nun Baronet und Writer to the Signet, ein Anwalt des Obersten Gerichtshofes in Edinburgh. Nun hatte er für ein Jahr eine Stelle hier in der Gegend angenommen, wo er aufgewachsen war. Aus dem Schmuggler war ein ehrenwerter Mann geworden, und er hatte vor, Jenny Colvin den Hof zu machen, wie es sich gehörte und wie sie es verdiente.

Wenngleich seine Aussichten als Verehrer sich verbessert hatten, so schien es doch, als sei er zu spät gekommen. Der Sheriff von Whithorn hatte ihn wissen lassen, dass Jock Colvin im Tolbooth einsaß und morgen an den Galgen kommen würde.

Zwar hatte er sich nichts von seinen Gefühlen anmerken lassen, aber Simon war es gewesen, als würden all seine Hoffnungen dahinfahren, zerstört wie ein Schiff, das auf ein Riff gelaufen war. Jock Colvin war Simons Mentor und Freund gewesen, und Simon hatte sich schon darauf gefreut, ihre einst gute Beziehung wieder aufzufrischen. Doch vergebens, wie es schien. Zudem würde er Jennys Gunst wohl kaum dadurch gewinnen, dass man ihren Vater im Namen des Königs hinrichtete – in dessen Diensten Simon ja nun stand. Er kannte Jenny gut genug, um zu wissen, dass sie ihm das nie verzeihen würde.

Verdammter Narr, schalt er sich, weil sein felsenfester Stolz ihn viel zu lange hatte fortbleiben lassen. Er hätte längst zurückkommen sollen, oder die beiden zumindest wissen lassen, dass es ihm gut ging, dass er oft an sie dachte und sie stets in seinem Herzen waren – trotz allem.

Vor der Tür am Ende des Ganges blieb er schließlich stehen, spähte durch das in das dicke Holz eingelassene Eisengitter, konnte in der Zelle jedoch nur dunkle Schatten ausmachen. Durch ein winziges Fensterloch sah Simon den Vollmond blass und hell am dämmerigen Abendhimmel stehen.

Ein großer Mann regte sich im Dunkel der Zelle. Der Fackelschein aus dem Gang beleuchtete sein hageres Gesicht, ließ seine blauen, wässrigen Augen und einen matt herabhängenden grauen Bart erkennen. Er sah alt und erschöpft aus, wäre nicht dieses Funkeln in seinen Augen gewesen.

„Jock Colvin“, sagte Simon leise.

Jock starrte seinen Besucher an. „Sieh mal einer an“, rief er dann. „Wenn das mal nicht der Laird of Lockhart ist, zurückgekehrt von den Toten.“

„Nein, nur aus Edinburgh“, erwiderte Simon.

Jock schnaubte verächtlich. „Vier Jahre warst du fort, ohne ein Abschiedswort für jene, die dich gelehrt und die dir vertraut haben. Aber wie ich sehe, bist du ein richtiger Gentleman geworden.“

„So scheint es. Ich bin froh, dich endlich wiederzusehen, Jock.“

„Beinah wärst du dazu zu spät gekommen.“ Colvin kam näher, streckte einen seiner schmutzigen Finger durch die Eisenstäbe und schnippte das schneeweiße Krawattentuch beiseite, das über Simons Hemdbrust und seiner dunkelblauen, eng geschnittenen Weste und dem dazu passenden Gehrock hing. „Uh … das ist richtig guter Stoff – flämisches Tuch, würde ich mal sagen. Und dann auch noch Goldknöpfe, Teufel aber auch.“ Er beugte sich vor. „Wie kannst du dir das leisten? Schmuggelhandel an fremden Küsten? Französischer Brandy und kostbare Spitzen?“

„Ich arbeite jetzt auf der Seite des Gesetzes“, ließ Simon ihn wissen.

„Ach ja?“, knurrte Jock ungläubig.

„Du wusstest, dass ich dem Wunsch meines Vaters gefolgt bin, auf die Universität zu gehen. Ich bin Writer to the Signet in Edinburgh. Oder vielmehr, ich war es. Jetzt habe ich ein neues Amt angetreten.“

„Bist du gekommen, um mich zu verteidigen und meine Freilassung zu bewirken?“

„Über deinen Fall ist verhandelt und entschieden worden, Jock.“

„Was willst du dann hier?“

Simon zögerte kurz. „Ich bin gerade zum Zollinspektor für die Küste am Solway Firth ernannt worden – genauer gesagt, für diese Gegend hier.“

Jock lachte harsch. „Ein Steuereintreiber? Ein Gesetzeshüter? Das ist wirklich ein herber Schlag! Der cleverste Schmuggler, den ich je kannte, verschwindet für vier Jahre spurlos wie ein Fuchs in seinem Bau – nur um dann auf einmal zurückzukehren und Jagd auf die zu machen, die ihm Brot und ein Dach über dem Kopf gegeben haben, als er noch ein Junge war.“

„Jock, es ist keineswegs so, dass …“ Simon verstummte, denn er hätte nicht erklären können, wie es stattdessen war. Nicht hier.

„Wissen sie denn davon, Simon Lockhart? Wissen sie, dass sie sich einen Wolf im Schafspelz geholt haben?“, zischte Jock.

„Sie wissen davon“, erwiderte Simon kurz angebunden.

Jock betrachtete ihn argwöhnisch. „Dann hast du sicher einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, um dem Galgen zu entkommen.“

„So ähnlich.“

„Ein Verräter“, knurrte Jock. „Mach, dass du wegkommst.“

„Ich habe den Auftrag angenommen, Schwarzbrennereien hier in der Gegend aufzuspüren – und all jene, die es umgehen, für ihre Handelsware die der Krone zustehenden Abgaben zu zahlen. Zu meinen Pflichten zählt zudem, Pferdediebe ausfindig zu machen.“ Simon sah Jock vielsagend an.

„Ich hab dieses Pferd nicht gestohlen“, entgegnete Jock, „aber trotzdem wird man mich deswegen hängen. Irgendwas fällt denen schließlich immer ein – hätten sie mir den Handel mit Schmuggelware nachweisen können, wäre ich eben dafür an den Galgen gekommen.“ Jock schnaubte bitter.

„Mir sagte man, du hättest die Dreistigkeit besessen, die graue Connemara-Stute aus dem Stall des Friedensrichters zu stehlen und sie dann auf ein Schiff zu verkaufen, das nach Frankreich ablegte. Zeugen sollen dich dabei beobachtet haben.“

„Aye … das war Angus MacSorleys Cousin, der das gesehen haben will – halb blind, dieser Schurke. Ich war in jener Nacht überhaupt nicht draußen. Er hätte mich also gar nicht sehen können, selbst wenn er etwas sehen könnte! Ich bin unschuldig. Und jetzt mach die Tür auf, Junge.“

„Das kann ich nicht. Doch als ich von deiner Lage erfuhr, kam ich sofort hierher, obwohl ich ahnte, dass du gar nicht mit mir reden willst. Kann ich dir irgendwie helfen? Brauchst du irgendetwas?“

„Ja, den Schlüssel“, erwiderte Jock trocken.

Simon lachte ein wenig zögerlich. „Den würde mir der Sheriff nicht anvertrauen, kaum dass ich meine Stelle angetreten habe. Er weiß, dass ich früher einmal zu eurer Bande gehört habe. Deshalb waren sie ja so erpicht darauf, dass ich die Aufgabe hier übernehme. Ich kenne all eure Geheimnisse“, fügte er hinzu.

„Ach ja? Und wenn schon. Warum bist du jetzt zurückgekommen? Um mich hängen zu sehen?“ Er lehnte sich vertraulich vor. „Oder um meiner Tochter wieder das Herz zu brechen?“

Simon schwieg.

„Nur gut, dass Jenny gegangen ist, bevor du gekommen bist“, setzte Jock hinzu.

„Sie war hier?“, fragte Simon rasch.

„Aye, und sie war in Tränen aufgelöst, weil sie mich in einer Zelle sehen musste. Mir hat es auch das Herz gebrochen, denn meine Jenny ist ein temperamentvolles Mädchen, und mutig noch dazu. Ich habe sie nicht mehr weinen sehen seit du fortgegangen bist.“

Simon runzelte besorgt die Stirn. „Ich bin in der Hoffnung zurückgekommen, es wiedergutmachen zu können.“

„Zu spät. Sie wird dir nie verzeihen. Ich übrigens auch nicht.“ Jock umklammerte die Gitterstäbe. „So, Laird of Lockhart, und jetzt hörst du mir genau zu, denn trotz unserer Zwietracht muss ich dich um zwei Dinge bitten.“

„Einverstanden.“ Simon wartete.

„Da du nun hier der neue Inspektor bist, finde diese Schurken, die mir das eingebrockt haben! Ich bin ein Whisky-Schmuggler, jawohl, das will ich gar nicht leugnen. Aber solange ein Mann nur Schmuggel betreibt, um seine Familie über Wasser zu halten, drücken die Steuereintreiber gern mal ein Auge zu. Die meiste Zeit meines Lebens bin ich Weber gewesen, und damit verdiene ich kaum mehr als ein Tagelöhner, obwohl ich ein wahrer Künstler am Webstuhl bin und sogar ein wenig lesen und schreiben kann. Was bleibt mir denn da noch?“

„Du bist nicht wegen des geschmuggelten Whiskys hier, Jock“, erinnerte Simon ihn.

„Und gewiss auch nicht wegen Pferdediebstahls! Wenn du herausfindest, wer mir ein Verbrechen angehängt hat, das ich gar nicht begangen habe, dann würde ich dir verzeihen, was du getan hast.“

Simon lächelte unmerklich. „Nun, das nenne ich einen Pakt mit dem Teufel. Und was war die zweite Sache, um die du mich bitten wolltest?“

„Halte dich von meiner Tochter fern.“

„Ah ja.“ Simon spürte sein Herz heftig schlagen. „Deine Vergebung hat ihre Grenzen.“

„Und daran wird sich auch nie etwas ändern. Ich werde dir nie verzeihen, dass ich dich damals oben auf dem Dörrboden mit ihr erwischt habe. Aber wie du sicher noch weißt, habe ich deutlich Nein gesagt, als du mich um ihre Hand gebeten hast.“

„Daran kann ich mich sehr gut erinnern“, murmelte Simon.

„Jenny hat wie ihre Mutter eine gute Erziehung und Bildung genossen. Sie ist nichts für einen Banditen wie dich, und sie wird es auch nie sein.“

„Ich bin kein Schmuggler mehr, Jock.“

„Du bist aber immer noch durch und durch ein Bandit.“

„Genau wie du“, bemerkte Simon.

„So ist es. Und ich war ja auch nicht gut genug für meinen Schatz, wenngleich sie mich dafür nur noch mehr geliebt hat. Aber dir verdanke ich es, dass Jenny nun keinen anderen mehr heiraten will – sagt sie zumindest. Sie meint, sie wolle lieber ihrem Vater helfen … bis dann das hier passiert ist. Ein Glück, dass ich mich wenigstens darauf verlassen kann, dass meine Leute sich um das Mädchen kümmern werden, obwohl sie ja auch nur Ganoven sind.“ Jock seufzte tief und sah zu dem winzigen Fenster hinüber. „Vollmond, Lockhart. Heute Nacht wird wohl kein einziger Bandit unterwegs sein.“

„Nur ich“, murmelte Simon. „Ich werde mich dennoch auf den Weg machen. Sollte man dich zu Unrecht angeklagt haben, so will ich den Verantwortlichen finden.“ Er wusste gleichwohl, dass Colvin durchaus schuldig sein konnte. Zudem konnte er kaum noch etwas unternehmen, um ihn zu retten, aber er wollte für seinen einstigen Freund nichts unversucht lassen – ganz gleich, was der Mann nun von ihm halten mochte. „Darauf hast du mein Wort.“

„Das hast du mir schon vor Jahren gegeben.“

Simon runzelte die Stirn. „Dann verspreche ich dir jetzt noch etwas: Ich werde dafür sorgen, dass Jenny immer glücklich und sicher sein wird“, fügte er nachdrücklich hinzu.

„Gut“, sagte Jock, „dann kann sie ja wohl kaum mit dir zusammen sein.“

1. KAPITEL

17. April 1803

Schottland, an der Küste des Solway Firth

Der Reiter verfolgte sie. Rasch kam er durch dunkle Schatten und helles Mondlicht über das Moor geritten. Besorgt blickte Jenny über ihre Schulter und packte die Zügel fester, während sie in ihrem Pferdekarren weiterrumpelte. Bald würde er sie eingeholt haben – schon konnte sie seinen dunklen Umriss deutlich im violetten Licht der hereinbrechenden Nacht ausmachen und auch erkennen, dass ihm noch drei weitere Männer zu Pferde folgten.

Der erste Reiter war ein hochgewachsener Mann mit breiten Schultern und langen Beinen. Sein Mantel und seine Stiefel waren ebenso schwarz wie sein Pferd, selbst sein Haar war schwarz, dicht und schulterlang wehte es im Wind. Er folgte ihr scheinbar ohne jede Anstrengung und war ihr nun schon so nah, dass Jenny sich weit vorbeugte, um ihre Stute noch mehr anzutreiben.

„Halt!“, rief der Mann. „Zollinspektion!“

Auf einmal bekam sie es mit der Angst zu tun. Die Inspektoren würden sie nicht nur von ihrem Vorhaben abhalten, sondern fanden zudem oft Gefallen daran, Frauen zu durchsuchen, die sie des Schmuggelns verdächtigten. Ihr Vater hatte sie daher nach Einbruch der Dunkelheit nie allein über Land fahren lassen.

Doch heute war ihr gar keine andere Wahl geblieben, und Jock Colvin war ja auch nicht da, um seine Tochter von ihrem Tun abzuhalten. Vielmehr hatte er sie sogar an seiner Stelle geschickt, saß er schließlich selbst in einer Zelle im Tolbooth, des Pferdediebstahls beschuldigt, und sah dem Tod durch den Strang entgegen.

Jenny blieb nur noch eine einzige Gelegenheit, die Unschuld ihres Vaters zu beweisen, und sie konnte sich keine Verzögerung leisten. Wenn die Steuerinspektoren sie ergriffen und erkannten, dass sie Jock Colvins Tochter geschnappt hatten, würden sie sie so bald nicht mehr gehen lassen.

Sie schlug kräftig mit den Zügeln, woraufhin die Stute stürmisch lospreschte und der Pferdekarren schwankend über den holperigen Moorboden rumpelte. In der Ferne konnte Jenny schon die funkelnde Weite des Solway Firth sehen. Darüber erhob sich am Abendhimmel der Mond wie eine hell schimmernde Perle auf dunkelviolettem Samt.

Jenny wusste, dass man als Schmuggler bei Vollmond besser zu Hause blieb und auf dunklere Nächte wartete, aber sie hatte keine andere Wahl. Wenn sie ihren Auftrag heute Nacht nicht erfüllen konnte, würde man ihren Vater des Morgens hängen.

Ihr Vater hatte sie geschickt, um herauszufinden, wo man seine gestohlenen Waren versteckt hatte. Bei diesem Vorhaben wollte sie ungestört sein. Der Schutz der Dunkelheit war ihr dank des Vollmondes schon nicht vergönnt, und nun wurde sie auch noch verfolgt!

Über das Gerumpel des Wagens und den dumpfen Schlag der Pferdehufe ihrer Stute hinweg, konnte Jenny einen weiteren trommelnden Hufschlag hören. Als sie sich umblickte, sah sie, dass der erste Reiter ihr schon wieder ein Stück näher gekommen war. Sie konnte seine Entschlossenheit förmlich spüren. Auch die anderen Reiter – darunter zwei Dragoner, deren weiße Gamaschen im Mondlicht gut zu erkennen waren – folgten ihr noch immer.

„Halt!“, rief der schwarze Reiter abermals.

Jenny schlug mit den Zügeln, und die Stute legte sich erneut ins Zeug. Der kleine Pferdekarren holperte über den torfigen Boden, die auf den Wagen geladenen Holzkisten schlingerten hin und her.

Verfolgte der neue Steuerinspektor sie etwa? Ihre Leute hatten bereits gehört, dass der neue Inspektor kein Vergleich zu dem alten sein würde, der ein fauler, doch listiger Geselle gewesen war, der sich über Jahre hinweg hatte bestechen lassen. Der neue Zoll- und Steuerinspektor würde das hiesige Schmugglernetz so rasch zerschneiden wie ein heißes Messer durch Butter fuhr – so zumindest sagte man.

Niemand kannte auch nur seinen Namen oder hatte ihn gar selbst schon zu Gesicht bekommen, aber sein Ruf war ihm in den Dörfern, den Gehöften und Tälern längst sicher. Wer immer in seinem Keller oder in irgendeinem Schrank unversteuerte Waren hortete, im Wald versteckt oder entlegen in den Bergen eine Schwarzbrennerei betrieb, würde wachsam bleiben, bevor nicht klar war, was man von dem Neuen zu halten hatte.

Hatten diese Männer, die sie nun verfolgten, etwa das Haus ihres Vaters in Glendarroch beobachtet und gewartet, bis sich bei Jack Colvins Leuten etwas Verdächtiges tat? Hatten sie Jenny den Karren anspannen und in Richtung der Küste aufbrechen sehen?

Ein erneuter rascher Blick zurück bestätigte Jenny ihre Befürchtung, dass der Reiter ihren Pferdekarren nun fast erreicht hatte. In wilder Verzweiflung peitschte sie mit den Zügeln und beugte sich immer weiter vor, je schneller sie fuhr.

Ihr Verfolger rief ihr wieder etwas zu, und dann hatte er sie auch schon eingeholt, ritt neben ihr einher und bedachte sie mit einem finsteren Blick. Daraufhin überholte er sie mühelos und beugte sich vor, um die Stute beim Zaum zu packen.

Jenny zog die Bremse an, woraufhin der Wagen und beide Pferde zum Stehen kamen. Der Reiter drehte sich zu ihr um und sah sie über den Kragen seines Mantels wütend an. Seine blauen Augen funkelten vor Zorn.

„Was zum Teufel fällt Ihnen eigentlich ein, so mit einem Pferdekarren zu fahren?“, wollte er von ihr wissen.

Jenny sah ihn sprachlos an. Sein Gesicht war so vertraut – und es nun wiederzusehen so gänzlich unerwartet.

Simon Lockhart.

Das Mondlicht fiel hell auf seine schönen, ihr noch allzu gut vertrauten Gesichtszüge. Sie hätte seine hochgewachsene Gestalt erkennen müssen, die anmutige Wendigkeit, mit der er sich im Sattel hielt. Sie hätte es wissen müssen. Das Herz schlug ihr heftig in der Brust, als sie den Mann ansah, der vor vier Jahren plötzlich aus ihrem Leben verschwunden war und dabei all ihr Glück und ihre Hoffnungen mit sich genommen hatte.

„Ich könnte genauso gut dich fragen, was zum Teufel dir eingefallen ist“, sagte sie scharf, „damals vor vier Jahren.“

„Jenny Colvin“, bemerkte er grimmig und ließ den Zaum ihrer Stute los, „und flucht noch immer wie ein waschechter Bandit.“

„Ich bin nun mal die Tochter eines Banditen“, fuhr sie ihn an.

Sie konnte seine Miene nicht recht deuten und hätte nicht sagen können, wann genau auch er sie erkannt hatte. Aber so war er immer gewesen – er behielt nicht nur seine Geheimnisse, sondern auch seine Gedanken für sich. Nun streichelte er der Stute Hals und Nüstern, sprach sanft auf sie ein, und rasch beruhigte sie sich unter seiner Berührung.

Jenny runzelte verärgert die Stirn und wünschte sich, ihr Pferd würde ihm nicht so zugetan sein.

„Hallo Sweetheart“, begrüßte er die Stute. „Wie ich sehe, hast wenigstens du mich in guter Erinnerung behalten.“

„Sweetheart erinnert sich gern an dich, weil du ihr immer Karotten gegeben hast“, sagte Jenny. „Bei uns andern dürften Karotten nicht genügen, damit wir dich in guter Erinnerung behalten.“

Er faltete seine Hände über dem Sattelknauf und schaute sie an. „Seien auch Sie recht herzlich gegrüßt, Miss Colvin. Wie schön, Sie wiederzusehen.“

„Das Vergnügen ist leider nicht meinerseits, Mr Lockhart.“ Wie hatte sie davon geträumt, ihn eines Tages wiederzusehen, wie hatte sie sich danach gesehnt – aber das würde sie natürlich niemals zugeben.

„Es heißt jetzt übrigens ‚Sir Simon‘. Ich wurde kürzlich zum Ritter geschlagen.“

„Wie schön“, erwiderte sie kühl.

Als er seinen Kopf ein wenig neigte, sie mit einem feinen Lächeln bedachte und dabei eine Augenbraue hob, machte ihr Herz einen kleinen Sprung. Im hellen Schein des Mondes stellte sie fest, dass er sogar noch besser aussah als früher: männlicher, erwachsener. Wo immer er all die Zeit gewesen sein mochte und was immer er getan hatte – insgeheim gehörte ihr Herz immer noch diesem elenden Schuft, der sie nun so aufmerksam beobachtete. Stolz reckte sie ihr Kinn.

„Bist du schon lange hier? Hast du deine Verwandten besucht?“ Was für einen Unsinn sie da redete, dachte sie sogleich, aber noch immer war sie völlig durcheinander und aufgeregt, weil sie ihn so unerwartet wiedersah. Sein Anwesen, das er vor Jahren von seinem Vater geerbt hatte, lag etliche Meilen nördlich des Firths in den Bergen. Während Simons langer Abwesenheit sollten seine Cousins das Schloss und die Ländereien verpachten – das hatte Jenny zumindest gehört.

„Noch nicht. Ich bin erst heute in Whithorn eingetroffen und wohne im Gasthaus, solange bestimmte Angelegenheiten noch nicht geklärt sind“, erwiderte er. Er schaute kurz über die Schulter zu den herannahenden drei Reitern und sah dann wieder Jenny an. „Miss Colvin, ich bitte um Entschuldigung, da ich Ihre abendliche Ausfahrt unterbreche, aber ich müsste Ihnen ein paar Fragen stellen.“

„Ach ja? Vielleicht möchtest du ja wissen, wie es uns ergangen ist, während du fort warst – keine Sorge, ich werde mich nicht davonmachen“, fügte sie hinzu, als er die Hand nach ihren Zügeln ausstreckte.

„Oh, aber ich mache mir Sorgen“, sagte er und schlang sich die Zügel um seine behandschuhte Hand. „Ich sorge mich sogar sehr um dich und die Deinen.“

„Was du uns mit deiner Abwesenheit ja bewiesen hast“, entgegnete sie ungehalten und versuchte, das Zittern zu verbergen, das ihr durch die Glieder fuhr. „Zunächst dachten wir, du seist tot oder hättest dich in jener Nacht mit Vaters Schmuggelware davongemacht. Dann haben wir erfahren, dass du in Edinburgh warst, einige Zeit sogar im Gefängnis saßest. Ich fand, dass du es wahrlich verdient hattest, in einer finsteren Zelle zu landen.“ Sie schaute ihn wütend an.

„Und scheinbar wäre es dir lieb, wenn ich noch immer dort wäre“, stellte er trocken fest. „Ich habe keineswegs einen herzlichen Empfang erwartet. Und zunächst wusste ich nicht einmal, dass du es bist, die ich gerade verfolgte, denn jeder Pferdekarren, der des Nachts so geschwind über das Moor fährt und so offensichtlich dem Appell des Steuerinspektors aus dem Weg geht, muss angehalten und untersucht werden.“

„Steuerinspektor!“ Über den Schreck des unverhofften Wiedersehens hatte sie ganz vergessen, dass er sich vorhin ja bereits als solcher zu erkennen gegeben hatte. „Du? Aber wie …“

„Ich habe kürzlich die Stelle des Obersten Zoll- und Steuer­inspektors für diesen Küstenabschnitt des Solway Firth angenommen.“

Sie schüttelte ungläubig den Kopf und schaute zu den anderen Männern hinüber, die sie nun fast erreicht hatten. „Und das sind …“

„Ein weiterer Steuerinspektor und zwei Dragoner. Wir sind heute Abend auf Patrouille und waren einer Gruppe Männern und Pferden gefolgt – zu viele, als dass wir vier sie hätten anhalten können. Aber mich interessiert natürlich, was sie vorhaben. Wahrscheinlich Schmuggler“, meinte er leichthin. „Sie wissen nicht zufällig darüber Bescheid, Miss Colvin?“

„Wenn du wissen willst, ob es meine Leute waren, so werde ich dir das gewiss nicht sagen. Die Schmuggler hier scheren sich schon lange nicht mehr darum, ob sie unterwegs gesehen werden – je größer die Gruppe, desto besser, denn dann wagt niemand, sie aufzuhalten. Gewiss erinnern Sie sich noch daran, Sir Simon“, fügte sie spitz hinzu.

„Das tue ich. Während wir dort draußen waren, sahen wir dann Sie mit raschem Tempo in Richtung Küste fahren. Ein seltsamer Anblick, sagte ich mir – ein Mädchen, das in einer Vollmondnacht allein im Moor unterwegs ist, und eine große Gruppe Schmuggler …“

„Und dann hast du dir wahrscheinlich gesagt: ‚Ah, endlich finde ich Gelegenheit, mich bei diesem Mädchen zu entschuldigen, wie ich es schon längst hätte tun sollen!‘“, sagte sie spöttisch.

„Nein, das werde ich mir für ein andermal aufheben“, erwiderte er ruhig.

Sie beugte sich ein wenig vor. „Du meintest vorhin, du würdest dich um mich und die Meinen sorgen. Nun denn, mein Vater … er ist im Tolbooth in Whithorn und …“ Schlagartig versagte ihr die Stimme. „Er soll wegen Pferdediebstahls gehängt werden.“

„Ich weiß, Jenny. Ich habe Jock heute besucht.“ Seine Stimme, so sanft und auf einmal ganz freundlich, ließ sie wohlig erschauern.

Doch sie wollte seinetwegen nicht schwach werden, wie sie es schon einmal geworden war. Sie wollte wütend auf ihn sein, obwohl sie sehr dagegen ankämpfen musste, ihm nicht gleich in die Arme zu fallen. Während sie ihn nun einen Moment schweigend anschaute, erlaubte sie sich aber wenigstens, zutiefst froh und erleichtert darüber zu sein, dass ihm nichts zugestoßen war.

Sie wusste indes, dass er sie nicht mehr liebte, wenngleich er sie es einst hatte glauben lassen. Und die vergangenen vier Jahre hatte sie damit verbracht, sich selbst davon zu überzeugen, dass sie ihn nicht liebte.

Vor Jahren war er der Protegé ihres Vaters gewesen und war im Laufe der Zeit auch ihr Freund und ihr Held geworden – tapfer, wagemutig, scharfsinnig und so charmant und faszinierend, dass sie dahinschmolz, sobald er sie nur anlächelte oder sie berührte. Wenn sie sich gegen den Willen ihres Vaters mit auf mitternächtliche Schmuggeltouren geschlichen hatte, war es stets Simon gewesen, der dafür gesorgt hatte, dass ihr nichts passierte. So hatten sie immer mehr Zeit miteinander verbracht, bis er dann irgendwann all ihre Träume kannte und ihr die seinen erzählt hatte. Und als er ihren Körper zu erkunden begann, hatte sie auch den seinen kennengelernt und hatte es genossen, mit ihm gemeinsam die Leidenschaft zu entdecken. An jenem letzten gemeinsamen Abend hätte sie sich ihm beinahe ganz hingegeben.

Gott sei Dank hatte sie es nicht getan! Obwohl er ihr versichert hatte, dass er sie liebte, war er noch in derselben Nacht verschwunden – samt einer Ladung Schmuggelware ihres Vaters. Sein Verrat hatte nicht nur sie zutiefst verletzt, und Jenny hatte geglaubt, sie würde sich nie wieder davon erholen.

Nun konnte und wollte sie ihm nicht gestatten, ihre so hart errungene Stärke zu untergraben. Sie hob das Kinn. „Ich hoffe, du hast deinen Frieden mit Vater gemacht. Ihm bleibt nicht mehr viel Zeit.“

„Ich habe es zumindest versucht, aber er ist noch immer … nun ja, nicht sonderlich gut auf mich zu sprechen. Und mir scheint, dass es auch nicht leicht sein wird, mit dir Frieden zu schließen.“

„Wir hatten dich aufgegeben, Simon Lockhart! Wir dachten, du seist verschollen oder gar tot. Vor Sorge um dich sind wir durch die Hölle gegangen. Dann hörten wir auf einmal, dass du ein angenehmes Leben führst – und kein Wort mehr für uns übrig hattest.“

„Ich habe euch geschrieben.“

„Ach ja? Die Postkutsche aus Edinburgh kommt einmal die Woche hier vorbei“, ließ sie ihn wissen, „aber von dir kam nie eine Nachricht.“

„Ich … dafür ist jetzt keine Zeit, Jenny“, sagte er unvermittelt, als die drei anderen Reiter hinter ihnen angetrabt kamen, ihre Pferde zügelten und zum Stehen brachten. Jenny drehte sich um.

„Wen haben wir denn da? Ah, Miss Colvin, guten Abend!“ Der zweite Steuerinspektor tippte sich höflich an seinen schwarzen Hut. „Sie machen wohl eine kleine Ausfahrt, was? Wir würden uns gern mal anschauen, was Sie da so dabeihaben, Miss.“

„Mr Bryson“, erwiderte sie steif. Donald Bryson hatte sich von Jock Colvin seit Jahren schon mit Whisky und anderen Gütern bestechen lassen. Sie teilte die Ansicht ihres Vaters, dass der Inspektor nicht nur unfähig, sondern auch unangenehm war, wenngleich nicht gänzlich verkommen, wie manch anderer in einem solchen Amt.

„Was ist denn in dem Karren, Miss?“, fragte Bryson und zeigte auf die Holzkisten.

„Leere Kisten. Können Sie sich gerne anschauen. Wir verpacken unseren in Flaschen abgefüllten Whisky darin – legalen Whisky, den wir in unserer lizensierten Destillerie in Glendarroch herstellen“, fügte sie nachdrücklich hinzu und warf Simon einen kurzen Blick zu. „Wir brennen weniger als fünfhundert Gallonen im Jahr, ausschließlich für den Eigenbedarf.“

„Ah ja.“ Simon nickte. „Weniger als fünfhundert – dann müssen Sie ja auch keine Steuern darauf zahlen.“

Sie nickte. „So ist es. Sie verschwenden also Ihre Zeit mit mir.“

„Glauben Sie ihr kein Wort, Sir Simon“, sagte Bryson. „Glendarroch ist der beste Whisky im Südwesten Schottlands – manche meinen gar, der beste in ganz Schottland. Jock hat hier im Tal überall seine Schwarzbrennereien versteckt.“

„Wirklich?“, fragte Simon und klang dabei ehrlich überrascht. Jenny funkelte ihn wütend an. Er wusste ganz genau, dass ihr Vater einige nicht genehmigte Brennereien in den Bergen und Wäldern um Glendarroch hatte, wo die Familie schon seit Generationen lebte.

„Aye“, meinte Bryson, „wir können sie bloß nicht finden. Aber seine Wässerchen sind unten im Süden heiß begehrt, und er verdient sich mit dem Schmuggel ordentlich was dazu. Jede Wette, dass die Tochter mehr weiß, als sie zugeben will.“

„Ich verstehe“, murmelte Simon.

Jenny beugte sich ein wenig vor. „Kennt Bryson deine Vergangenheit?“, fragte sie ihn leise.

„Ja, wenn auch nicht die ganze. Die Zollbehörde sieht meine zwielichtige Vergangenheit als Pluspunkt – nun, da ich mich gebessert habe“, erwiderte er.

„Jock Colvin ist ein Bandit und ein Dieb, und deshalb sitzt er auch im Gefängnis. Er wird hängen“, ließ Bryson ihn wissen und stieg von seinem Pferd. „Sir, sie muss durchsucht werden. Die Frauen hier in der Gegend sind berüchtigt dafür, den Männern ihrer Familie beim Schmuggeln zur Seite zu stehen. Meist verstecken sie die Ware dort, wo … ähm, wo es sich für einen Gentleman nicht gehört zu suchen. Aber wir Steuerinspektoren können da natürlich kein Auge zudrücken. Kommen Sie runter, Miss.“ Bryson streckte die Hand nach ihr aus. Jenny erstarrte und wich vor ihm zurück.

„Mr Bryson!“, fuhr Simon ihn an und stieg gleichfalls von seinem Pferd. „Ich bin der Oberinspektor. Und wenn Miss Colvin schon durchsucht werden muss …“

„Oho, Sie wollen es selbst machen?“, feixte Bryson. „Doch nicht so grün hinter den Ohren wie ich dachte.“ Er grinste nun auch Jenny an. „So will es das Gesetz, mein Mädchen. Kommen Sie schon runter, meine Hübsche, und zeigen Sie uns, was Sie da Schönes unter Ihren Röcken versteckt haben.“ Er packte sie um die Taille.

„Ich sagte bereits, dass ich mich darum kümmern werde, Sir.“ Simon legte Bryson mit Nachdruck seine Hand auf die Schulter und schob ihn unsanft beiseite. Dann streckte er die Arme aus und hob Jenny geschwind vom Sitz des Pferdekarrens. Noch ehe sie es sich recht versah, stand sie auch schon vor Simon.

„Wenn ich dich nicht durchsuche, wird er es tun“, sagte er leise. „Und ich möchte mich nicht gleich an meinem ersten Tag als Steuerinspektor mit einem Mann des Königs prügeln müssen“, fügte er grinsend hinzu.

Sie nickte, mit klopfendem Herzen, und war sich dabei bewusst, dass Bryson sie beobachtete, mit offenem Mund und durchdringenden Augen. Die beiden Dragoner saßen scheinbar unbeteiligt auf ihren Pferden, doch auch ihre Augen funkelten.

Simon fasste sie bei den Schultern und drehte sie, sodass sie den anderen Männern den Rücken zuwandte. Ihr langer Kapuzenumhang bewahrte sie vor lüsternen Blicken.

Doch Simon Lockhart würde nichts verborgen bleiben.

Reglos stand sie da, als er seine Hände um ihre Taille legte und sie abtastete, mit den Fingern über ihren Rücken fuhr, dann über ihre Arme, ihr geschnürtes Mieder. Seine Berührungen waren federleicht, kaum zu spüren, trotzdem durchfuhren sie so wohlige Schauer, dass sie meinte, ihre Knie würden unter ihr nachgeben. Sie errötete, schloss wütend über sich selbst fest die Augen und stand in stolzer Ruhe da.

Aber gut, dass Simon Lockhart das an Brysons Stelle machte, dachte sie. Obwohl sie noch nie zuvor durchsucht worden war, kannte sie Frauen, die das über sich hatten ergehen lassen müssen. Nur wenigen war es gut bekommen.

Simon ging vor ihr in die Knie und fasste unter ihren Rock. Sie spürte, wie seine Finger sich um ihren linken Knöchel schlossen und dann ihre Beinkleider hinauf weiter nach oben wanderten. Seine Hände waren warm, kaum merkte sie, dass er sie anfasste, und doch hüpfte ihr das Herz in der Brust, als er sich langsam immer weiter ihren Schenkel hinaufbewegte. In diesem Moment wandte er sich auch schon dem rechten Bein zu und ließ seine Finger wieder nach unten gleiten.

Noch immer hielt sie die Augen geschlossen, wünschte sich, er würde endlich fertig sein – und erinnerte sich zugleich lebhaft an all die Freuden, die seine Hände ihr einst bereitet hatten. Plötzlich überkam sie so wildes Verlangen, dass sie unwillkürlich die Hände ballte. Gewiss waren ihre Wangen glühend rot.

„Jeannie Simpson war eine Witwe aus den Highlands“, begann Simon, während er mit der flachen Hand über ihre Hüften strich und dabei nicht nur ihre Chemise durcheinanderbrachte, „die geschmuggelten Whisky in Schafsblasen unter ihren Röcken versteckte. Jeden Tag ritt sie an den Steuerinspektoren vorbei, die sie stets höflich grüßten, und brachte auf diese Weise jeden Monat etliche Gallonen Whisky über die Grenze. Sie hatte damit ein recht ordentliches Einkommen für sich und ihre Familie.“

„Ich bin keine Witwe, die für eine Familie zu sorgen hat“, entgegnete Jenny. „Aber wenn dem so wäre, so kannst du gewiss sein, dass auch ich Schafsblasen unter meinen Röcken und Flaschen in meinem Mieder verstecken und die Steuereintreiber zum Teufel schicken würde.“

„Dessen bin ich mir bewusst“, meinte er. Seine Hände legten sich sanft um ihr Gesäß, tasteten sich hinten an ihren Schenkeln hinab. Sie begann schneller zu atmen. Seine Berührung hatte nichts von ihrem Zauber auf sie verloren, und dieser Umstand gefiel ihr gar nicht. Am liebsten hätte sie ihn von sich gestoßen, aber ebenso sehr wünschte sie sich, wieder seine Arme um sich zu spüren. Doch das war ein Traum, der nicht mehr in Erfüllung gehen würde.

Er zog seine Hände zurück, strich ihren Rocksaum glatt und stand auf. Sie hatte gerade schon die Hand gehoben, um ihm einen Schlag zu versetzen, da fing er diese rasch ab, verschränkte seine Finger mit den ihren und verbarg ihrer beider Hände vor den Blicken der anderen Männer in den Falten ihres weiten Umhangs. „Sie trägt nichts bei sich“, teilte er Bryson mit. „Wir werden sie weiterfahren lassen.“

Er führte sie zurück zum Wagen und half ihr auf den Sitz hinauf. Noch immer pochte ihr das Herz, und Jenny musste nun sowohl gegen ihre schwelende Wut ankämpfen als auch gegen die Gefühlsverwirrung, in die seine Berührung sie gestürzt hatte.

Simon sah zu ihr auf. „Ich möchte mich für die Durchsuchung entschuldigen.“

„Das war noch die geringste Ihrer Verfehlungen, Sir“, erwiderte sie und griff nach den Zügeln.

2. KAPITEL

Hoppla!“, rief Bryson. „Das Mädel fährt ja gar nicht nach Hause!“

„In der Tat“, meinte Simon und schwang sich in den Sattel. Er nahm die Zügel und wendete seinen schwarzen Hengst. „Ich werde ihr sagen, dass sie umkehren soll. Irgendetwas ist hier im Gange … und ich will nicht, dass sie heute Nacht an der Küste unterwegs ist.“

„Diese Männer, die wir vorhin gesehen haben, die hatten bestimmt Schmuggelware bei sich. Und das bei Vollmond – dreiste Burschen! Denen macht es gar nichts, ob wir sie sehen oder nicht.“

„Wenn wir sie aufhalten wollen, brauchen wir Verstärkung“, stellte Simon fest. „Reiten Sie am besten zurück nach Whithorn und verständigen Sie den Sheriff, damit er uns noch ein paar Dragoner und Küstenwächter schickt.“

„Mehr als ein Dutzend werden wir nicht zusammenbekommen“, murrte Bryson. „Die Kürzungen bei den Inspektoren sind hier an der Küste ein richtiges Problem.“

„Tun Sie, was immer in Ihrer Macht steht.“ Simon sah prüfend zum Himmel hinauf. „Diese Schmuggler haben irgendetwas vor, und ich will wissen, was.“

„Na, wenn Sie meinen … Wir kommen an den Aussichtspunkt bei der Kelpie’s Cave. Wissen Sie, wo die Höhle ist?“

„Weiß ich“, erwiderte Simon und preschte dann Jennys Pferdekarren hinterher, derweil Bryson und die Dragoner sich in nordöstlicher Richtung aufmachten.

Diesmal war sie leichter einzuholen, da sie in gemächlicherem Tempo unterwegs war. Als Simon auf einmal wieder neben ihr ritt, drehte sie sich überrascht nach ihm um und schaute ihn dann finster an.

„Haben Sie denn nichts Besseres zu tun, Sir Simon?“

„Miss Colvin“, sagte er milde, „Glendarroch ist nördlich von hier gelegen. Sie fahren indes nach Süden.“

„Es geht dich überhaupt nichts an, wohin ich fahre.“

„Ich verstehe durchaus, dass du wegen der Durchsuchung wütend auf mich bist. Aber was hätte ich tun sollen? Bryson hat es schon förmlich in den Fingern gejuckt, dir unter die Röcke zu greifen.“

„Dann sollte ich dir wahrscheinlich dafür danken, dass du dich wie ein Gentleman verhalten hast“, spottete sie und sah stur geradeaus.

„Keine Ursache. Und jetzt sag mir, wohin du fährst und was du vorhast.“

„Ich kümmere mich um meine Angelegenheiten, und du kümmerst dich um deine.“

„Das tue ich ja“, erwiderte er.

„Gewiss hast du doch richtige Banditen zu fangen und musst nicht mir die ganze Nacht nachstellen.“

„Ach, Miss Colvin, Sie sind ja noch viel reizender, als ich Sie in Erinnerung hatte.“ Er streckte den Arm aus und griff abermals Sweetheart beim Zaumzeug, um Pferd und Wagen aufzuhalten. Unter Jennys aufgebrachtem Blick sprang er aus dem Sattel, band seinen Hengst mit der Laufleine hinten am Karren an und kletterte neben Jenny auf den Sitz. Dann nahm er ihr die Zügel aus der Hand.

„Was genau willst du eigentlich?“, fragte sie verärgert.

„Dich sicher nach Hause bringen. Heute Nacht sind ein paar schlimme Jungs unterwegs.“

„Und einer davon sitzt neben mir. Halt, hör auf damit – ich werde nicht nach Hause fahren!“, begehrte sie auf, als er mit einem kurzen Schlag der Zügel die Stute gen Norden wendete, wo sich hinter den Moorflächen der Küste das Hügelland erhob.

„Ich begleite dich, wohin auch immer du willst, wenn du mir sagst, was du vorhast.“

„Das bezweifle ich.“ Sie verschränkte die Arme.

„Vertrau mir“, meinte er und lehnte seine Schulter an die ihre.

Jenny warf ihm einen bitterbösen Blick zu und schwieg.

„Na schön. Du hast allen Grund, auf mich wütend zu sein.“

„So ist es. Wie du damals einfach gegangen bist … das war gemein.“ Sie reckte ihr Kinn und wandte den Blick ab.

Simon betrachtete sie von der Seite. Im hellen Schein des Mondes sah er tiefen Schmerz in ihren Augen aufschimmern. Sie einst so sehr verletzt zu haben, versetzte ihm nun selbst einen Stich ins Herz. Vielleicht war es genau das, was er verdiente. Zumindest wusste er nun, dass ein langer Weg vor ihm lag, wollte er das Geschehene wiedergutmachen.

Fast schon gierig ruhte sein Blick im blaugrauen Dämmerlicht auf ihr. Oh, wie sehr er sie vermisst hatte! Ihre schlichte und doch so ungewöhnliche Schönheit nahm ihm immer noch den Atem. Ihre zarten, ebenmäßigen Gesichtszüge, die Augen von einem strahlenden Blau, das dunkel glänzende braune Haar, das ihr weich über die Schultern fiel und nun zu einem locker geflochtenen Zopf gebunden war, entsprachen genau den Erinnerungen, die er in seinem Herzen bewahrt hatte. Sie hatte sich kaum verändert, war etwas schlanker im Gesicht geworden, ihr Körper dafür gerundeter in weiblicher Vollendung. Davon hatte er sich soeben überzeugen können, als er sie durchsucht hatte – was ihm schier die Besinnung geraubt hatte.

Nun hier mit ihr zusammen zu sein, brachte denn auch fast seinen Entschluss ins Wanken, ihr gegenüber zurückhaltend und beherrscht zu sein. Seit Jahren schon hatte er von ihr geträumt, und nun stellte er fest, dass ihre Schönheit und ihr Wesen zur Reife gelangt waren. Ihre Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit, ihr wacher Verstand, ihr Mut und die Tatkraft, für die er sie immer bewundert hatte, waren ungebrochen – ebenso wie ihr Stolz und ihr feuriges Temperament.

Früher war ihm auch die Gunst ihres herzlichen Wohlwollens und ihrer Zärtlichkeit beschieden gewesen, und er hatte es stets verstanden, sie zum Lachen zu bringen, wenn sie zu ernst wurde. Aber heute Abend würde es ihm schwerfallen, ihr auch nur ein Lächeln oder ein freundliches Wort zu entlocken.

Plötzlich wünschte er sich nichts sehnlicher, als sie endlich wieder lächeln zu sehen. Er war sich des Kummers bewusst, den er ihr zugefügt hatte, und wusste, dass sie sich auch wegen ihres Vaters Sorgen machte. Sicher brach ihr beinah das Herz. Er seufzte tief.

„Jenny“, sagte er. „Ich hatte keineswegs beabsichtigt, was damals geschehen ist. Es gab gute Gründe für mein Verhalten, aber die kann ich dir hier und jetzt nicht erklären – nicht mitten in der Nacht, wo Banditen sich in der Nähe herumtreiben.“

„Ich will deine Erklärung gar nicht hören. Ich will …“ Ratlos warf sie die Hände in die Luft.

„Ich glaube, du willst wütend auf mich sein.“

„Jetzt schon. Aber dann will ich dich schnell wieder vergessen.“

„Ich habe dich nie vergessen.“

Sie schwieg einen Augenblick. „Warum bist du zurückgekommen, Simon?“

„Um schwarzgebrannten Whisky zu beschlagnahmen und gut versteckte Kupferkessel zu zählen – weshalb sonst?“, erwiderte er leichthin. „Um des Nachts an der Küste und in den Bergen auf Patrouille zu gehen und die Schmugglerbanden daran zu hindern, durch die Maschen des Gesetzes von König und Krone zu schlüpfen.“ Und um die Freunde und das reizende Mädchen wiederzufinden, die ich verloren habe, fügte er bei sich hinzu.

„Einst bist du auch durch die Maschen der königlichen Gesetze geschlüpft, und keineswegs ungern“, erinnerte sie ihn.

„Ich habe mich verändert“.

„Ich auch“, ließ sie ihn wissen. „Ich bin nun nicht mehr das arglose kleine Mädchen, das in Simon Lockhart seinen strahlenden Helden sieht.“

„Das kann ich dir nicht verübeln.“

„Dann sind wir ja einer Meinung.“ Sie sah beiseite und ließ ihren Blick über die fernen Hügel schweifen. Schwarz zeichneten sie sich gegen den violett gefärbten Himmel ab, an dem der Mond über einem leichten Wolkenschleier blass und hell erstrahlte.

„Hast du vor, auch die Kessel zu beschlagnahmen – wenn du sie denn findest – und die Brennereien stillzulegen?“, fragte sie.

„Einige schon“, meinte er.

„Wahrscheinlich wirst du fünf Pfund pro Kessel bieten und hoffen, dass die Leute sich freiwillig melden. Bryson und die anderen Inspektoren sind so vorgegangen.“

„So sieht es die Steuerbehörde vor. Ich habe allerdings den Verdacht, dass jeder, der seinen alten Kessel gegen die fünf Pfund eintauscht, sich von dem Geld sogleich einen neuen kaufen wird und mit der Schwarzbrennerei weitermacht.“ Er hob erwartungsvoll eine Augenbraue.

„Das kann ich mir nicht vorstellen“, meinte sie arglos. Simon lachte stillvergnügt.

„Jane Colvin“, sagte er und nannte sie mit gespielter Strenge bei ihrem Taufnamen, „nun aber mal ganz ehrlich: Wie viele Kessel hat Jock schon eingetauscht?“

„Jedes Jahr einige von den älteren aus seinen Destillerien – die du übrigens niemals finden wirst, weil wir nicht mit einem Verräter zusammenarbeiten“, meinte sie. „War das ehrlich genug?“

„Erschütternd“, entgegnete er.

„Warum bist du damals ohne ein Wort verschwunden?“

„Ich dachte, du wolltest meine Erklärung nicht hören.“

„Reine Neugier.“

„Ich werde es dir erzählen – aber nicht jetzt.“ Ich bin fortgegangen, weil ich dich zu sehr liebte, Jenny Colvin, und dich beschützen wollte, dachte er bei sich. Und weil ich für uns beide ein besseres Leben wollte.

Aber zunächst würde er behutsam wieder den Weg zu ihrem Herzen finden müssen. Die Liebe zu ihr, und auch sein verletzter Stolz, hatten ihn dazu bewegt fortzugehen. Doch von der Liebe hatte er zehren können – mit seinem Stolz rang er indes noch immer.

„Wirst du auch dort sein?“, fragte sie ihn plötzlich.

„Wo sein?“ Er sah sie kurz von der Seite an.

„Wenn mein Vater … wenn sie ihn … Der Galgen steht für morgen früh bereit.“

„Ich werde dort sein“, versprach er ihr. „Das bin ich Jock schuldig – und dir.“

Schweigend senkte sie den Kopf.

„Es tut mir leid, Jenny“, sagte er leise.

„Man darf einen Mann nicht für ein Verbrechen hängen, das er nicht begangen hat. Mein Vater ist kein Pferdedieb.“

„Jock hat mir genau dasselbe versichert. Der Sheriff sieht das leider anders. Was zum Teufel …“ Er zog die Zügel an und fuhr langsamer.

Ein knappes Dutzend Männer kam auf sie zu geritten. Sie führten noch einige weitere Pferde bei sich, und Simon überlegte, ob es wohl die Bande sein könnte, die sie vorhin schon gesehen hatten. Unmerklich schob er seine Hand unter den Mantel und berührte den Griff seiner Pistole.

„Das sind meine Leute“, beruhigte Jenny ihn.

„Ah ja. Jock Colvins Bande. The Royal – wie nennen sie sich doch gleich?“

„The Royal Defiance Bladder Band“, erwiderte sie. „Als sie sich den Namen ausgedacht haben, waren sie gerade nicht besonders gut auf den König und seine Gesetze zu sprechen.“

„Und betrunken“, fügte Simon trocken hinzu.

„Sturzbetrunken“, meinte sie. Er lachte leise, und sie stimmte unwillkürlich ein. Der Klang ihres Lachens ließ ihn ganz warm ums Herz werden. „Sie lieben ihren guten Glendarroch-Whisky eben sehr“, fuhr sie fort. „Immerhin ist es ja auch der beste Whisky an der ganzen langen Solway-Küste und vielleicht der beste in ganz Schottland.“

„Aber nur vierhundertneunundneunzig Gallonen“, knurrte er.

„Steuerfrei!“, fügte sie frohgemut hinzu. Simon sah sie belustigt an und verdrehte die Augen.

Der Anführer der Gruppe winkte ihnen zu. „Jenny Colvin!“, rief er.

„Onkel Felix!“, rief sie zurück. Als die Männer näher kamen, brachte Simon den Wagen ganz zum Stehen.

„Jenny, was soll das? Du sollst doch nicht nachts hier draußen unterwegs sein. Und was haben Sie bei meiner Nichte zu suchen, Sir?“, fragte Felix finster. Er war ein kräftiger Mann mit einem wild zerfurchten Gesicht und dunklem Bart.

Simon nickte ihm zu. „Sei gegrüßt, Felix Colvin.“

„Lockhart! Du bist zurückgekommen!“ Felix strahlte über das ganze Gesicht. „Er lebt und weilt wieder unter uns! Ein Wunder ist geschehen!“ Er drehte sich zu seinem Gefolge um – allesamt Cousins von ihm, wie Simon wusste, der manche von ihnen auch sogleich wiedererkannte. „Simon of Lockhart ist endlich zurück!“ Zwei oder drei der Männer lächelten und grüßten Simon, die anderen jedoch schauten argwöhnisch, unfreundlich und gar feindselig drein.

„Hallo Jungs“, sagte Simon unbekümmert, wenngleich der kühle Empfang seitens mancher seiner einstigen Bandenbrüder ihm mehr zusetzte, als er sich anmerken ließ. Nun, sagte er sich, das war eben der Preis dafür, dass er so lange von Glendarroch fortgeblieben war.

„Mädchen, fahr den Karren zurück nach Hause“, sagte Felix zu Jenny. „Simon, du kommst mit und erzählst uns, wo du gesteckt hast. Du kannst uns heute Abend dabei helfen …“

„Sei ruhig, Felix“, warnte Jenny ihn.

„… wir haben da nämlich noch was vor …“, fuhr Felix unverdrossen fort.

„Kommt ein Schiff an der Küste vorbei?“, fragte Simon.

„Sei bloß ruhig, Felix!“, sagte Jenny nun nachdrücklich.

„Aye, ein Logger von der Isle of Man, hat gute französische Ware geladen, die sie gerne gegen schottischen Whisky eintauschen wollen, und wir …“

„Er ist der neue Steuerinspektor!“, platzte Jenny heraus.

„Ach was“, sagte Felix. „Simon doch nicht, oder?“

„Doch, das stimmt“, erwiderte Simon. „Oberster Zoll- und Steuerinspektor, um genau zu sein.“

„Was?“ Felix tastete sofort nach dem Messer, das er gut verborgen bei sich trug.

„Er will dich nicht verhaften“, beschwichtigte Jenny ihn rasch. „Aber du solltest ihn besser nicht voreilig in eure Pläne ein­weihen.“

„Aye“, schnaubte Felix verächtlich.

Simon runzelte die Stirn. „Sollte heute Nacht wirklich noch ein Schiff erwartet werden, wüsste ich darüber gern Bescheid.“

„Was für ein Schiff?“, fragte Felix. „Hat hier jemand Schiff gesagt?“

„Was habt ihr denn dann Schönes vor?“, erkundigte sich ­Simon.

„Wir wollen Jock einen Besuch abstatten“, sagte Felix. „Nichts weiter.“

„Wollt ihm wohl einen schönen Schlaftrunk bringen und ein paar tröstende Worte sprechen, was?“

„So ist es.“ Felix nickte und sah Simon finster an. „Ich wüsst’ ja gern, wie du einer von denen geworden bist, nachdem wir dich alles über das Schmuggeln gelehrt haben. Und dann will ich auch wissen, was in der Nacht passiert ist, als du dich mit Jocks Beute davongemacht hast. Das war ein richtig herber Schlag für uns.“„Widrige Umstände“, meinte Simon. „Eines Tages werde ich alles erklären.“

„Ich werde mir das anhören“, sagte Felix, „oder auch nicht. Hängt davon ab, welche Sorte Inspektor du bist. Jenny, bring jetzt den Wagen zurück nach Glendarroch und bleib dort. Und Simon, wenn das da hinten dran dein Pferd ist, dann rate ich dir, dass du dich davonmachst – Sir“, fügte er hinzu, ohne die Miene zu verziehen oder die Hand vom Griff seines Messers zu nehmen.

„Ich werde Miss Colvin zurück nach Glendarroch begleiten“, entgegnete Simon.

„Ich kann alleine nach Hause fahren“, meinte Jenny.

„Hier draußen treiben sich üble Leute rum“, sagte Felix. „Du fährst mit Simon.“

„Aber Felix“, wandte sie leise ein. „Ich muss doch noch etwas erledigen.“

Felix nickte daraufhin, und die beiden sahen sich wissend an. Simon war wenig überrascht, dass weder Onkel noch Nichte sich erboten, den Zollinspektor einzuweihen.

Er hob gerade schon die Zügel und wollte sich von Felix verabschieden, da rannte auf einmal ein schlaksiger Junge auf sie zu. Simon erkannte in ihm Felix’ jüngsten Sohn, der nun auch schon fast zum Manne herangereift war. Er kam zum Pferdewagen herüber, nickte Simon schüchtern zu und schaute dann Jenny an.

„Nicky, was ist los?“, fragte sie ihn.

„Jenny, ich wollte dir nur sagen …“, Nicky kam noch näher, „Walter und ich haben heute Abend die Beauty gesehen! Wir haben Dad gleich davon erzählt, und er meinte, wir sollten uns heute Nacht von den Klippen fernhalten.“

„Die Beauty!“ Jenny sah ihren Onkel fragend an. „Was genau hast du gesehen?“

„Sie leuchtete so hell wie der Mond, rannte unten bei den Klippen am Strand entlang, gerade als die Flut kam“, sagte Nicky. „So etwas habe ich noch nie gesehen! Ein wunderschönes Pferd, vollkommen weiß – es funkelte fast wie Feenstaub. Es stellte sich schnaubend auf die Hinterbeine, dann galoppierte es davon und war verschwunden. Walter ist weggelaufen“, fügte Nicky hinzu, „aber ich bin geblieben und habe es mir angeschaut. Es galoppierte hinter ein paar Felsen und war plötzlich nicht mehr zu sehen.“

„Das ist ja allerhand, Nicky“, meinte Jenny. „Bist du dir auch ganz sicher?“

„Aye. Wunderschön anzusehen, aber ein böses Omen.“

„Die Beauty?“, fragte nun Simon. „Du meinst diese alte Geschichte?“

Jenny wandte sich zu ihm um. „Erinnerst du dich noch daran? Die Beauty soll ein den Kelpies verwandtes Geschöpf sein, ein weißes Pferd, das in manchen Vollmondnächten aus dem Meer steigt.“

„Meist kurz bevor sich irgendetwas Schlimmes ereignet. Aber soweit ich mich erinnere, haben nur wenige die Beauty jemals gesehen.“

„So ist es“, pflichtete Felix ihm bei. „Hin und wieder taucht sie hier an der Küste des Solway Firth auf, und das schon seit Jahrhunderten. Ich habe sie aber nie mit eigenen Augen gesehen. Ein sehr böses Omen, in der Tat.“ Er blickte zum Mond hinauf, der gerade halb von dunklen Wolken verdeckt war. „Irgendeine arme Seele wird noch in dieser Nacht den Tod finden. Und das kommt jetzt wirklich ungelegen, wo doch …“ Er verstummte und sah Simon an.

„Ich habe vorhin eine große Gruppe bemerkt, die etwas weiter nördlich unterwegs war“, meinte dieser. „Ungefähr dreißig Mann und bestimmt noch einmal doppelt so viele Pferde, robuste Tiere mit schweren Lasten auf dem Rücken. Können eigentlich nur Schmuggler gewesen sein. Ihr wart nicht zufällig mit dabei?“

„Bei denen? Och nö.“ Felix schüttelte den Kopf. „Das war bestimmt Captain MacSorleys Bande. Früher haben wir ja mal mit denen gemeinsame Sache gemacht – damals, als du noch dabei warst, Simon Lockhart … Sir Simon.“

„Wie könnte ich das vergessen?“, murmelte Simon. Angus MacSorley war im selben Alter wie Jock und Felix, und Simon war oft dabei gewesen, wenn die drei mit ihren Schmuggelkumpanen unterwegs waren.

„Heutzutage sind MacSorley und seine Leute aber eher Piraten als Schmuggler. Jock und ich haben mit dieser Bande nichts mehr zu tun.“ Felix betrachtete Simon mit düsterem Blick. „Wenn du dich fragen solltest, ob MacSorley Jock das eingebrockt hat – ich denke schon.“

„Hast du dafür Beweise?“, fragte Simon.

„Keinen einzigen, aber ich spür’s in meinen alten Knochen. Wenn du deine Arbeit als neuer Zollinspektor gut machen willst, dann solltest du ein Auge auf MacSorleys Bande haben. Die werden dich nicht so schnell zur Ruhe kommen lassen.“

„Weshalb ich gewiss keine Zeit mehr finden werde, ein Auge auf dich zu haben.“

Felix grinste. „Könnte sein. Aber ich meine das ernst, beim Leben meiner Mutter. Wenn du den Captain aufspürst, dann hast du den Mann, der Jock Colvin aus dem Weg räumen und den Whiskyschmuggel hier an der Küste für sich allein haben will.“

Simon nickte nachdenklich. Dann sah er Jenny an. „Wenn da etwas dran ist, werde ich es herausfinden“, versprach er ihr.

„Tu das. Bitte“, sagte sie, und ihr flehender Ton überraschte ihn.

„Ich denk mal, in dieser Nacht werden sie wohl auf dem Weg zur Küste sein“, meinte Felix. „Wenn du und deine Dragoner sie heute noch aufhalten, bevor sie ihren Handel gemacht haben, wären manch andere dir sehr dankbar dafür.“

„Schmuggelhandel bei Vollmond?“, fragte Simon skeptisch.

„Manchmal muss es sein – gefallen tut uns das nicht“, sagte Felix. „Wenn es unser Geschäft wäre, würden wir natürlich hoffen, dass du nicht so genau hinschaust. Aber bei denen … na ja.“

Simon gab Jenny die Zügel. „Fahren Sie schon einmal zurück nach Glendarroch, Miss Colvin. Nicky, mein Junge“, wandte er sich dann an den jungen Mann. „Sieh zu, dass deine Cousine sicher nach Hause kommt.“ Geschwind sprang er von dem Pferdewagen, und Nicky kletterte neben Jenny auf den Sitz.

Simon machte den schwarzen Hengst vom Karren los und saß auf, doch bevor er in Richtung der Klippen davonpreschte, drehte er sich noch einmal um.

Er schaute über die Schulter zurück und begegnete Jennys Blick. Mit großen Augen beobachtete sie ihn. Im blassen Schein des Mondes sah sie wunderschön aus, zart und irgendwie verletzlich. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er sie schon wieder ohne ein Wort verließ, und das bereitete ihm Unbehagen.

Er beugte sich zu ihr herab. „Ich werde zurückkommen. Das verspreche ich dir“, sagte er leise. Während sie ihn weiterhin schweigend ansah, gab er seinem Pferd die Sporen und ritt davon.

3. KAPITEL

Nachdem sie den Karren in eine Lichtung zwischen Ginsterbüschen und Weißdornbäumen gezogen hatte, schirrte Jenny Sweetheart ab. Nahe des kleinen Bachs, der hier reißend schnell mitten durch das Moor floss, band sie die Stute an einem kräftigen Ast an. Dann nahm sie die Laterne vom Wagen, drehte den Docht herunter, bis das Licht nur noch schwach schien, und schob die Blende vor das Lichtfenster.

Da sie keineswegs beabsichtigte, nach Hause zu fahren, hatte sie Nicky gebeten, zu der Gruppe ihres Vaters zurückzukehren, was der Junge auch nur zu gern tat. Sie erinnerte ihren Onkel daran, wie Jock sie gebeten hatte, heute Nacht etwas für ihn zu erledigen. Daraufhin hatte Felix sie bereitwillig gehen lassen und ihr seinerseits versprochen, sie später an den Klippen zu treffen, um ihr zu helfen.

Als Jenny sich nun umsah, konnte sie weit und breit niemanden entdecken. Geschwind lief sie von der Lichtung hinüber zu den Klippen. Kalt und gespenstisch schien der Mond auf das offene Moorland. Unten in der Bucht toste laut die Flut. Schaumig weiße Wogen brandeten an dunkles Felsgestein und strömten über den Strand.

Bislang hatte Jenny diesen Teil der Küste mit seinen steilen Klippen und weitverzweigten Höhlen eher gemieden. Es hieß, dass ein wahrhaft verwirrendes Wabennetz von Höhlen und unterirdischen Gängen sich über Meilen unter dem Moor erstreckte. Zudem sollten dort unheimliche Geschöpfe hausen. Sie erinnerte sich noch gut an die Geschichten aus ihrer Kindheit, die von den schönen und ebenso schrecklichen Kelpies erzählten, die in der Gestalt von Pferden dem Meer entstiegen. Oder an die Erzählungen von den bösen Feen und dem Geist des verschollenen Dudelsackspielers.

Ihr gesunder Menschenverstand sagte Jenny indes, dass die Höhlen auch ohne derlei übernatürliche Beigaben gefährlich waren, denn sie wurden von den Schmugglern benutzt. Wenngleich Jock Colvin und seine Bande ihr Schmuggelgut zwar nicht dort versteckten – die rasch steigende Flut war einfach zu unberechenbar – so scherten andere sich nicht um die gruseligen Erzählungen und tückischen Gezeiten und betrieben ihren Schmuggel seit Jahren schon von der Kelpie’s Cave aus.

Als sie sich nun daran erinnerte, dass Nicky heute die Beauty gesehen haben wollte, jenes legendäre weiße Pferd, das an der Küste des Solway Firth umging, verspürte Jenny kurz ängstliches Unbehagen. Im nächsten Moment hingegen tat sie die Geschichte als bloße Einbildung ab – hatte auch sie nicht schon geglaubt, in den hohen, von weißer Gischt gekrönten Wellen die Gestalt eines Schimmels zu erkennen?

Ihr Ziel waren die Höhlen tief in den Klippen, und von einem unbestimmten Gefühl der Angst würde sie sich gewiss nicht davon abhalten lassen, zu tun, was getan werden musste. Sie hatte ihrem Vater versprochen, hier nach dem zu suchen, was ihm gestohlen worden war.

Fünfzig Fässer besten Glendarroch-Whiskys waren nämlich aus jenen Höhlen weiter die Küste entlang gestohlen worden, in denen Jock sein Schmuggelgut lagerte. Unten im Süden würden die Fässer ein Vermögen wert sein, denn die Nachfrage nach Whisky aus Glendarroch war hoch. Jock hegte den Verdacht, dass MacSorley sie ihm gestohlen hatte, und hatte deshalb seine Tochter gebeten, die Wahrheit herauszufinden.

Es war bekannt, dass MacSorleys Bande an der Kelpie’s Cave ihr Unwesen trieb, und so hatte Jenny sich bereit erklärt, dort nach den verschwundenen Fässern zu suchen. Wenn sie fündig wurde, solle sie umgehend Jocks Leuten Bescheid geben, damit sie den gestohlenen Whisky zurückholten und Rache für den Diebstahl übten.

Ihr Vater hatte sie eindringlich ermahnt, nur dann in die Höhlen zu gehen, wenn die Flut weit draußen war und MacSorleys Leute anderswo beschäftigt waren. Jenny wusste zwar, dass MacSorley und seine Kumpane noch auf dem Moor unterwegs waren, doch Simon Lockharts Rückkehr war ein Schock für sie gewesen – und hatte sie eine ganze Weile aufgehalten.

Wer auch immer Jocks Whisky gestohlen hatte, könnte ihn auch des Pferdediebstahls bezichtigt haben, um sich einen Konkurrenten beim Schmuggeln von Waren vom Hals zu schaffen. Ihr Vater hatte ihr nachdrücklich versichert, er könne nur dann in Frieden sterben, wenn er wisse, dass sein beträchtliches Vermögen in Form besten Whiskys nicht verloren war.

Am Rande der Klippen angekommen, sah Jenny sich erneut um und stellte erleichtert fest, dass weit und breit niemand zu sehen war. Als sie einen steilen, unwegsamen Pfad zum Strand hinunterkletterte, war sie für den hell scheinenden Mond dankbar, der ihr den Weg zur Mündung der dunklen Höhle wies.

Das Gestein war nass und gefährlich glitschig, und vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen. Das Mondlicht brach sich auf der bewegten See, und weiß schäumende Wellen brandeten an den Strand. Immer weiter drangen die wogenden Fluten in die Höhlenmündung vor. Über den Strand könnte sie nicht mehr in die Höhle gelangen.

Das Wasser stand bereits so hoch, dass es den weiten dunklen Schlund füllte, und so kletterte Jenny weiter, bis sie zu der Stelle kam, von wo man auf einem Felsgesims, das halbmondförmig geschwungen im Innern der Höhle verlief, hineingelangen konnte.

Jenny folgte dem Gesims, das einen von der Natur geschaffenen Weg bildete, der weit in die Höhle hineinführte. Mit einer Hand raffte sie ihren Rock und ihren Umhang hoch, denn die Wellen schwappten bereits über den Rand des Simses. In der anderen Hand hielt sie ihre Laterne.

Vorsichtig lief sie dicht an der feuchten, leicht gewölbten Felswand entlang. Auf einmal jedoch barst über ihr ein plötzlicher Ansturm von Lärm und Bewegung, sodass sie erschrocken aufschrie und sich flach an die Wand presste.

Ein ganzer Schwarm Vögel flatterte aus verborgenen Winkeln unter der Höhlendecke hervor. Jenny sah das Mondlicht silbrig auf ihrem Gefieder glänzen, als sie geschwind davonflogen – Hunderte von Felsentauben, die ihre Anwesenheit aufge­schreckt hatte. Zwar wusste Jenny, dass sie in den Höhlen und Klippen entlang der Küste nisteten, doch hatte sie über dem Tosen der Flut das leise Gurren und Rascheln der Tauben nicht gehört.

Nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, ging sie weiter. Die Höhle war riesig, ein weites Gewölbe über einem großen Gezeitensee. Seetang und Braunalgen hingen an den Felsen und trieben auf der Wasseroberfläche. Zu ihren Füßen dümpelte eine zerbrochene Holzkiste vorbei.

Jenny blieb stehen und wusste nicht genau, wo sie zuerst suchen sollte. Sie hatte zwar nicht damit gerechnet, die Schmuggelware ordentlich gestapelt gleich neben dem Eingang zu finden, aber zumindest etwas hatte sie doch zu finden gehofft, das ihr einen Hinweis geben könnte.

Als sie erst einmal so weit vorgedrungen war, dass der blaue Schein des Mondes sie nicht mehr erreichte, fand sie sich von undurchdringlicher Dunkelheit umgeben. Jenny öffnete die Blende ihrer Laterne ein wenig und drehte den Docht etwas höher, bis diese ein golden gedämpftes Licht warf.

Was zunächst nur nach Scharten und Nischen in der zerklüfteten Felswand ausgesehen hatte, stellte sich bei genauerer Betrachtung als ein weitverzweigtes Netz von Öffnungen und Durchgängen heraus, hinter denen weitere Höhlen zu liegen schienen. Jeder dieser Räume und Tunnel könnte den Schmugglern als Lager dienen.

Aber wenn sie gut achtgab, wohin sie trat und was sie sah, wie ihr Vater sie ermahnt hatte, würde sie den gestohlenen Whisky gewiss finden können und wieder von hier verschwinden, bevor jemand von MacSorleys Leuten zurückkehrte.

Als sie sich langsam der undurchdringlich tiefen Finsternis im hinteren Teil der Höhle näherte, drang auf einmal ein schriller Schrei aus einem der dunkel verborgenen Gänge. Jenny stieß einen erstickten Laut des Entsetzens aus. Eisige Schauder liefen ihr über den Rücken. Das hatte weder nach dem lärmenden Tosen des Meeres geklungen noch nach dem aufgeschreckten Kreischen der Felsentauben.

Und da war der Schrei wieder, durchdringend grell und gespenstisch. Er ging Jenny durch Mark und Bein. Reglos stand sie in der Dunkelheit.

Sobald er in der Ferne dumpfen Hufschlag hörte, der eine ganze Herde von Pferden ankündigte, ließ Simon seinen Hengst langsamer gehen und beschloss zu warten. Kaum eine Minute war vergangen, da kamen auch schon die ersten Reiter über eine Hügelkuppe auf die mondbeschienene Weite des Moors geprescht.

Es waren mindestens dreißig Männer zu Pferde, von denen wiederum jeder noch ein angeleintes Packtier bei sich führte. Das Zaumzeug der Pferde klirrte in der Stille der Nacht, die Laternen waren nicht abgeblendet, keiner der Reiter dämpfte seine Stimme, als sie geradewegs auf die Küste zuritten, wo an den Klippen ein Pfad hinabführte zu einer abgeschiedenen Bucht und den Höhlen, die als Umschlagplatz für Schmuggelgut bekannt waren.

Simon wusste aus Erfahrung – schließlich war er vor wenigen Jahren selbst noch mit dabei gewesen – dass Schmuggler am liebsten in Gruppen von bis zu hundert Mann und noch einmal doppelt so vielen Pferden über Land zogen. Je größer die Bande, desto unwahrscheinlicher war es, dass die Zollinspektoren sie aufhalten und ihre Waren beschlagnahmen würden.

Obwohl er ganz allein war, beschloss er, sich als der neue Steuerinspektor vorzustellen. Eine so große Gruppe würde einem einzelnen Inspektor kaum etwas antun, stellte er doch keine Gefahr für sie dar. Und daher trieb Simon seinen Hengst an, stellte sich den Reitern wartend in den Weg und hob die Hand, damit sie anhielten. Seine Pistole steckte griffbereit im Gürtel unter seinem Mantel, doch er machte keine Anstalten, sie hervorzuholen.

Langsam kamen die Reiter zum Stehen, und dann ließ der Anführer sein Pferd noch ein paar Schritte vor machen. Er war ein kräftiger Mann, mit breiter Brust und breiten Schultern, sein Haar und sein Bart schimmerten sogar im bläulichen Mondlicht rot. Simon erkannte ihn sofort.

„Zoll und Steuern“, verkündete er. „Seien Sie gegrüßt, Captain MacSorley. Ich bin Sir Simon Lockhart – vielleicht erinnern Sie sich noch an mich.“

„Lockhart?“ MacSorley grinste und ließ sein Pferd dann noch ein paar Schritte vor machen. Über seinem Sattelknauf lag ein kräftiger Knüppel. Schmuggler trugen, wenn sie vernünftig waren, nie Pistolen bei sich – denn das käme einer Rebellion gegen die Krone gleich und wurde mit dem Tode bestraft. „Ich kann mich noch an dich erinnern, mein Junge – allerdings nicht als einen Mann des Gesetzes.“

„Ich bin jetzt der zuständige Steuerinspektor für diesen Teil Küste. Am besten erzählen Sie mir einfach, was Sie zu dieser Stunde hierher führt, Captain. Ihre Pferde sind voll beladen, wie ich sehe.“

„Och … so ein bisschen Handel unter der Hand hat doch noch keinem geschadet, wie Sie sich ganz gewiss erinnern, Sir.“ MacSorley brachte sein Pferd noch näher, die Hände ruhig an den Zügeln, nichts in seinem Verhalten, das eine offensichtliche Bedrohung dargestellt hätte. Seine Leute blieben hinter ihm stehen und warteten. „Jahrelang waren Sie verschwunden, Sir“, fuhr MacSorley fort, „aber jetzt verstehe ich, was Sie wieder hierher verschlagen hat. Gut bezahlte Arbeit und eine sichere Stelle, die einem Ansehen bringt – und eine ausgezeichnete Gelegenheit für beide Seiten zu arbeiten, was?“

„Gut möglich“, erwiderte Simon bedächtig.

„Kluger Junge, das Beste aus beidem herauszuholen. Aber die Steuereintreiberei wird schlecht bezahlt, hab ich mir sagen lassen.“

„Es kann durchaus lohnend sein“, sagte Simon. „Für jedes beschlagnahmte Fass wird eine Prämie gezahlt.“

„Aber ist doch gar nicht so einfach, genug davon zu finden, um ein gutes Geschäft zu machen, oder? Sie wissen ja, wie das hier läuft – wenn ich Sie nicht sehe, dann sehen Sie mich auch nicht. Ein Mann kann hier an der Küste ein gutes Auskommen finden, wenn er es geschickt anstellt. Das Geschäft blüht.“ Angus lächelte und ließ Simon nicht aus den Augen.

„Ich weiß. Schwarzgebrannter Whisky wird regelmäßig in den Süden geschmuggelt, ebenso wie Felle und Leder, und auch für Rum und Brandy, Seide und Spitze gibt es einen Markt. Wie ich gehört habe, laufen manchmal Schiffe auf das Riff auf – wenngleich derlei wohl kaum bei Vollmond vonstattengeht“, erwiderte Simon ohne mit der Wimper zu zucken.

„Stimmt genau. Hier gibt es jede Nacht viel zu tun – so viel, dass die Mannen des Königs kaum hinterherkommen, was?“ Angus grinste.

„Wir mögen nur wenige sein, aber wir sind sehr gewissenhaft und beharrlich.“

„Die meisten stellen sich blind, wenn es ihnen in den Kram passt“, meinte Angus.

„Ich kann sehr scharfsichtig sein, wenn es sein muss“, versicherte ihm Simon. „Und nun sagen Sie schon, was Sie in einer so herrlichen Vollmondnacht hier draußen treiben, Captain.“

„Och … wir bringen nur den besten Whisky im ganzen Land zu denen, die ihn zu schätzen wissen“, erwiderte Angus dreist. Mit dreißig Mann hinter sich und nur einem einzigen Inspektor vor sich, konnte MacSorley sich das leisten – noch, dachte Simon.

„Ich kann mich daran erinnern, dass auch Jock Colvin einen ganz passablen Whisky brennt.“

„Glendarroch-Whisky ist wirklich ziemlich gut, stimmt schon. Aber Colvins Brennereien sind zu klein, und er holt nicht so viel aus ihnen heraus wie er könnte. Ziemlich pingelig sind sie mit ihrem Whisky, er und seine Tochter. Sie lagern ihn viel zu lange. Alter Whisky ist gut, bringt aber jahrelang keinen Profit. Außerdem haben sie Jock ja jetzt eingesperrt.“

„Das kam MacSorleys Bande bestimmt nicht ungelegen.“

„Na ja, tut mir schon leid um ihn, und komisch, dass er sich nun aufs Pferdestehlen verlegt hat. Aber die Pferde vom Friedensrichter sind auch wirklich feine Tiere, richtig wertvoll. Jock hat eben schon immer gewusst, was gut ist.“

„Aber ein Dieb war er nie“, entgegnete Simon und ließ MacSorley nicht aus den Augen.

„Man wundert sich manchmal, wie Leute sich verändern – schauen Sie nur sich an.“

Simon senkte in stummer Zustimmung den Kopf. Ohne Beweise und ohne Verstärkung konnte er MacSorley kaum der Tat beschuldigen. Dennoch war er entschlossen, die Angelegenheit weiterzuverfolgen. „Sie haben also Whisky geladen … bringen ihn wahrscheinlich runter in die Bucht, wo ein Schiff erwartet wird …“

MacSorley grinste. „Kann schon sein. Aber vielleicht bringen wir ihn ja auch über Land nach Carlisle und dort über die Grenze. Oder wir nehmen ihn einfach wieder mit nach Hause und trinken ihn selbst!“

„Verstehe. Ich habe indes gehört, dass heute Nacht ein Schiff erwartet wird.“

„Davon weiß ich nichts. Und wenn schon – was kann der neue Inspektor wohl ganz allein dagegen machen?“

Simon grinste. „Sehr wenig.“

„Trinken Sie denn selbst gern einen guten Whisky, Lockhart?“ MacSorley wandte sich um und winkte einen seiner Kumpane herbei. Der Mann sprang aus dem Sattel, holte aus einem der Lastenkörbe eine Blechflasche hervor und kam damit zu MacSorley.

Angus nahm ihm die Flasche ab und reichte sie Simon. „Das ist so richtig gutes Zeug. Und davon könnten Sie ein ganzes Fass vor Ihrer Tür finden … sagen wir mal immer dann, wenn Vollmond ist.“ Er schaute zum Himmel hinauf. „Das erste Fässchen liefern wir Ihnen heute. Ganz unter alten Freunden, versteht sich.“

Simon nahm die bauchige Flasche entgegen und wog sie in seiner Hand. Billiges Blech, schon recht abgenutzt, mit vielen Dellen und Kratzern – genau die Sorte Behältnis, in dem Schmuggler größere Mengen an Whisky transportierten. Er schaute MacSorley fragend an. „Und im Gegenzug?“

„Werden Sie sich genauso taub und blind stellen wie der letzte Inspektor. Mit dem sind wir gut ausgekommen.“

„Er wurde eines Nachmittags erschossen, als er übers Moor ritt.“

Angus zuckte mit den Schultern. „Damit hatten wir nichts zu tun. Er hat uns in Ruhe gelassen, und wir haben ihn in Ruhe gelassen. Das waren Jock Colvins Leute – die Royal Defiance Bladder Band, wie sie sich nennen. Wirken ganz umgänglich und etwas einfältig, aber lassen Sie sich davon bloß nicht täuschen. So harmlos sind die nicht!“

„Captain MacSorley, ich mag wohl einmal ein Auge zudrücken, wenn Sie mit Ihren Jungs ein paar Gallonen Whisky über die Grenze schmuggeln, um sich ein kleines Zubrot zu verdienen. Die königlichen Gesetze sind streng, und irgendwie müssen wir Schotten ja unser Auskommen finden.“ Er beugte sich vor, die Flasche in der Hand. „Aber sollten Sie unschuldigen Bürgern etwas zuleide tun oder sich nehmen, was nicht Ihnen gehört, oder jemanden zu Ihren Gunsten betrügen und verraten – dann werde ich kein Auge mehr zudrücken und Sie dafür zur Rechenschaft ziehen.“ Er setzte sich wieder auf und straffte die Schultern. „Sie sind gewarnt, Captain.“

Angus runzelte nachdenklich die Stirn. „Vielleicht ist ein Fass im Monat ja nicht genug …“

„Es ist mehr als genug. Zu viel, um ehrlich zu sein.“ Simon machte sich weder etwas aus Whisky, noch war er für Bestechungen empfänglich.

„Vor einiger Zeit ist mir da was Interessantes zu Ohren gekommen, Lockhart.“

„Und das wäre?“, fragte Simon argwöhnisch.

„Ein Bursche, den ich mal auf dem Markt getroffen habe, hat mir erzählt, dass Lockhart of Lockhart zu Gast im Kerker von Edinburgh wäre – säße da wegen Schmuggelei ein, meinte er.“

„Ich war dort … eine Weile.“

„Ah ja. Ich kann mich auch noch daran erinnern, dass du dich mal mit Jock Colvin überworfen hattest. Bist du gekommen, um das wieder in Ordnung zu bringen?“

„Ich bin hierhergekommen, weil mir diese Stelle zugewiesen worden ist. Und manche Zerwürfnisse … lassen sich nicht so einfach wieder in Ordnung bringen.“

„Scheint mir auch so. Wenn du vorhast, dein altes Leben wieder aufzunehmen, wirst du bei Jocks Leuten so bald nicht mehr unterkommen. Er hat immer noch einen ziemlichen Groll auf dich. Aber wir würden dich vielleicht nehmen – wenn wir dich vertrauenswürdig finden.“

„Ich werde mir die Möglichkeit offenhalten. Und nun, Captain, will ich hoffen, dass Sie und Ihre Jungs geradewegs nach Hause reiten, abladen, was auch immer Sie da geladen haben, und den Rest der Nacht friedlich im Bett verbringen.“

„Und wer will das kontrollieren? Der neue Steuerinspektor vielleicht?“ Er lachte.

Simon warf ihm die Flasche so rasch zu, dass MacSorley sie nur mit knapper Mühe fangen konnte. „Solange ich in Diensten des Königs stehe, kann ich derlei Geschenke leider nicht annehmen. Aber ich weiß Ihre Großzügigkeit zu schätzen.“

MacSorley blickte ihn finster an und steckte sich die Flasche in seinen Mantel. „Das wird Ihnen noch leidtun, Sir.“

„Gute Nacht.“ Simon wendete sein Pferd und ritt davon. Er konnte förmlich spüren, wie MacSorleys Blicke sich in seinen Rücken bohrten und düsterste Verwünschungen ihm folgten, bis er schließlich über eine Hügelkuppe ritt.

Als Simon sich dann umsah, konnte er niemanden mehr hinter sich entdecken. Weit und breit auch keine Spur von Felix Colvin und seinen Leuten oder aber von Jenny und ihrem Pferdekarren. Er konnte nur hoffen, dass sie tatsächlich nach Hause gefahren war. Trotz des Vollmonds waren in dieser Nacht eindeutig zu viele üble Gesellen unterwegs, und er wollte nicht, dass sie alleine draußen auf dem Moor war.

Bei den Klippen angekommen, sah er sich erneut um und beschloss zu warten, um auf dem Meer nach Schiffen und auf dem Moor nach Schmugglern Ausschau zu halten. Zudem würde Bryson bald mit den zusätzlichen Dragonern hier eintreffen.

Er stieg ab und führte den schwarzen Hengst zu einem dichten Gestrüpp von Weißdornbüschen und Ginster, in dessen Mitte eine kleine Lichtung war. Lange schon diente dieser Ort den Schmugglern als Versteck.

Kaum hatte er sein Pferd durch das Gebüsch hindurchgeführt, da sah er auch schon ein anderes Pferd dort – eine braune Stute. Nahebei stand ein kleiner Ponywagen, teils verdeckt unter Stroh und Gezweig.

Jenny. Fast hätte er laut geflucht. Er machte sein Pferd neben dem ihren fest und trat dann wieder auf die Klippen hinaus. Wohin war sie wohl gegangen, und was war es, das sie hier so dringend zu erledigen hatte?

Bestimmt machte sie die Arbeit ihres Vaters, weil der im Gefängnis saß. Während er Jock dafür verfluchte, seine Tochter allein loszuschicken und in Gefahr zu bringen, kletterte Simon über ein paar Felsbrocken, von denen er einen guten Blick auf die Bucht hatte.

Simon stützte sich mit den Ellbogen auf dem wuchtigen Gestein ab und zog sein Fernglas hervor.

Er konnte die silbrig funkelnden, von weißer Gischt gekrönten Wellen sehen und, weiter draußen, das schwarze Riff, wo manchmal ein Schiff auflief.

Wahrscheinlich würde er lange warten müssen. Aber das gehörte zu seinen Aufgaben als Zoll- und Steuerinspektor, ebenso wie die Verfolgung und Verhaftung der Schmuggler und die Beschlagnahmung des Whiskys, den sie entlang der Küste bei Nacht und Nebel über die schottische Grenze brachten. Das allein war nicht ungewöhnlich, doch waren die Banden hier dafür berüchtigt, Widersacher und säumige Kundschaft kurzerhand aus dem Weg zu räumen.

Sowie ihm dies in Edinburgh zu Ohren gekommen war, hatte Simon sich um die gerade frei gewordene Stelle des Obersten Inspektors bemüht. Wenn Jock Colvins Bande sich mittlerweile solch rauer Methoden bediente und auch vor Mord nicht zurückschreckte, dann wollte Simon gern mithelfen, sie zu überführen. Hatten sie sich indes nichts dergleichen zuschulden kommen lassen, so wollte er ihre Unschuld bewiesen wissen.

Und natürlich hatte er auch Jenny wiedersehen wollen.

Er richtete das Fernglas hinab auf den Strand, wo die Flut in weiß schäumenden Wellen hereinströmte, in die Felsbuchten und Höhlen drang und wieder zurückfloss. Er konnte keine Menschenseele entdecken.

Wo zum Teufel konnte Jenny nur stecken? Sie würde bei Flut ja wohl kaum in eine der Höhlen gegangen sein, dachte er … und sogleich stellten sich seine Nackenhaare auf, und ein untrügerisches Gefühl sagte ihm, dass sie genau das getan hatte.

Er steckte das Fernglas wieder ein und richtete sich auf. Dann ging er am Rand der Klippen entlang und suchte mit scharfem Blick den Strand ab.

Auf einmal vernahm er hinter sich gedämpften Hufschlag. Geschwind fuhr er herum, duckte sich und schlich zu dem Gebüsch zurück, wo er und Jenny ihre Pferde versteckt hatten.

Ein Knall erklang ganz in der Nähe, und Simon spürte plötzlich einen Schmerz im Arm, als habe eine Biene ihn gestochen. Als er nachsah, fand er ein Loch im Ärmel seines Mantels klaffen und stellte mit seltsamer Befremdung fest, dass man auf ihn geschossen hatte.

In diesem Moment knallte auch schon ein zweiter Pistolenschuss. Sofort ließ Simon sich fallen und rollte sich dabei geschickt zur Seite. Doch wie seltsam – ihm war, als würde der Boden unter ihm nachgeben, er stieß an etwas Hartes … und dann fiel er immer weiter hinab in tiefe Dunkelheit.

4. KAPITEL

Zitternd stand Jenny in der Dunkelheit und lauschte, doch das unheimliche Schreien war verstummt. Sie schaute zur Mündung der Höhle, wo weiße Gischt und helles Mondlicht auf den Wellen tanzten. Rasch ließ die Flut das Wasser in der Höhle steigen. Einen kurzen Moment lang erwog Jenny davonzulaufen und diesen unheimlichen Ort weit hinter sich zu lassen.

Man erzählte sich, dass es in der Höhle spukte. Der Geist des Dudelsackpfeifers, der sich einst von bösen Feen in das unterirdische Labyrinth der Höhlen und Tunnel hatte locken lassen, treibe hier sein Unwesen. Zudem solle auch das legendäre Kelpie umgehen, welches in Gestalt eines weißen Pferdes verlorene Seelen ins nasse Grab lockte.

Aber sie konnte jetzt nicht einfach umkehren. Ihr Vater hatte sie hergeschickt, und dies mochte ihre letzte Gelegenheit sein, ihm einen Gefallen zu tun.

Sie atmete einmal tief durch und zwang sich weiterzugehen. Ein schmaler Gang führte weiter in den Fels hinein.

Dort, wohin das Licht ihrer Laterne nicht mehr reichte, schienen Finsternis und Stille unergründlich. Hinter ihr in der Haupthöhle rauschte die Flut herein, doch das Geräusch wurde schwächer, je weiter sie ging. Am Boden knirschten Sand und zerbrochene Muscheln unter ihren Füßen, und an den Wänden streiften ihre Finger glitschigen Seetang – so weit kam demnach die Flut herein. Der Gedanke ließ sie schaudern, und rasch ging sie weiter.

Sie trat in einen breiten Gang, in dem ihr plötzlich blendende Helligkeit entgegenschlug. Gleich darauf vernahm sie raue Männerstimmen, die sich leise und aufgeregt unterhielten. Wie angewurzelt blieb sie stehen, das Herz schlug ihr bis zum Hals.

Rasch blendete sie ihre Laterne ab und versteckte sich in einer der dunklen Nischen in der Felswand. Sie konnte nur hoffen, dass man sie nicht entdeckte!

Dann tauchten drei Männer auf, der Anführer trug eine Laterne, deren Blende weit geöffnet war. Er flüsterte den anderen beiden etwas zu, und sie blieben hinter einem Felsvorsprung stehen – ganz in der Nähe von Jennys Versteck.

Sie wagte kaum zu atmen und wartete.

Schließlich gingen die Männer weiter, und Jenny konnte einen kurzen Blick auf sie erhaschen. Der mit der Laterne hatte ein tief zerfurchtes Gesicht, das im Lichtschein noch schroffer wirkte. Alle drei trugen dunkle Jacken und breitkrempige Hüte. Nur den Anführer konnte sie deutlich erkennen – es war der älteste Cousin MacSorleys.

„Hier ist jemand, das weiß ich“, knurrte einer der anderen beiden. „Ich hab doch da was gehört.“

„Och, kann ja auch dieser Dudelsackpfeifer sein – soll ja immer noch hier unterwegs sein“, meinte der andere.

Der Anführer lachte schnaubend. „Weil Vollmond ist und die Beauty aufgetaucht ist, macht ihr euch gleich ins Hemd, ihr Feiglinge!“

„Stimmt ja gar nicht. Der Beauty haben wir es zu verdanken, dass wir hier in den Höhlen sicher sind – ein Glück, dass es diese Geschichte gibt. Niemand wagt sich hierher“, sagte einer der anderen. „Aber ich könnte schwören, dass ich Licht gesehen habe. Und Schritte hab ich auch gehört.“

„Du hast das Meer gehört und die Vögel, die vorhin rausgeflogen sind. Und das Licht war der Mond.“

„Vielleicht ist auch jemand von unsern Leuten hier.“

„Aye, vielleicht.“

Sie kamen immer näher, und Jenny fürchtete schon, dass man sie gleich entdecken würde. Verzweifelt wich sie weiter in die Nische zurück, die tiefer war, als sie zunächst angenommen hatte.

Die knirschenden Schritte kamen auf sie zu, und das Licht der Laterne fiel auf den Saum ihres braun gemusterten Kleides und den grauen Umhang, die glücklicherweise farblich recht gut zur Umgebung passten. Sie hielt den Atem an und stand reglos in der Dunkelheit.

Und dann legte sich eine Hand von hinten über ihren Mund, und jemand packte sie fest um die Taille. Mit einem Ruck wurde sie tief in die Felskluft hineingezogen.

Sie wehrte sich so heftig in seinen Armen, dass Simon sicher war, sie würde sie beide verraten. Er ließ seine Hand fest auf ihren Mund gepresst und senkte den seinen dicht an ihr Ohr. „Sei um Gottes willen still, Jenny“, hauchte er. „Ich bin es.“

Sie erstarrte. Dann bewegte ihre Wange sich sanft an der seinen, als sie den Kopf wandte, um ihn mit großen Augen anzusehen. Sie hörte auf zu zappeln, trat ihm dafür aber einmal kräftig mit dem Absatz ihres Stiefels ans Schienbein.

Simon verzog schmerzlich das Gesicht, schloss seinen Arm ein wenig fester um ihre Taille und zog sie an sich, bis ihr Rücken an seine Brust geschmiegt war. Er spürte, wie sie sich in seinen Armen versteifte. Die Schmuggler waren nur noch wenige Schritte von ihnen entfernt, und das Licht ihrer Laterne fiel weit in die schmale Felskluft. Simon hielt Jenny fest und verharrte völlig reglos.

Sein linker Oberarm pulsierte dort, wo die Pistolenkugel ihn getroffen hatte – wie durch ein Wunder war es ein glatter Durchschuss. Dennoch verstärkte sich der Schmerz bei jeder Bewegung. Obwohl er den Arm mit seinem Krawattentuch bandagiert hatte, um die Blutung zu stoppen, spürte er es schon wieder warm seinen Arm und seine Hand herabrinnen.

Er fragte sich, ob einer der Banditen, die kaum einen Armbreit von ihm entfernt standen, auf ihn geschossen hatte, oder ob MacSorley oder einer seiner Leute ihm gefolgt war, um ihn aus dem Weg zu räumen.

Er ließ seine Wange an Jennys Haar ruhen, spürte es seidig weich und kühl auf seiner Haut und sog den schwachen Duft von Wildblumen in sich auf. Es fühlte sich gut an, sie so in seinen Armen zu halten, wo er jeden Schlag ihres Herzens spüren konnte. Sie berauschte all seine Sinne, erfüllte ihn mit wildem Verlangen und tiefer Dankbarkeit dafür, einfach bei ihr sein zu können – ganz gleich, wie widrig die Umstände auch sein mochten.

Vor vier Jahren hatte er sein Herz bei ihr zurückgelassen, wie einen verborgenen Schatz, von dem sie nicht einmal wusste, dass sie ihn besaß. Und nun hielt er sie wieder in seinen Armen, aber nichts war so, wie er es sich vorgestellt hatte. Er hatte es langsam und wohlbedacht angehen wollen, hatte sich entschuldigen und sein Geheimnis beichten wollen, wollte ihre Liebe zurückgewinnen und auch den Respekt aller Colvins.

Aber Jock sah seiner Hinrichtung entgegen, Felix und die anderen misstrauten ihm, und Jenny war wütend und argwöhnisch. Statt sie nach allen Regeln der Kunst zu umwerben und ihr Zeit zu lassen, fand er sich nun mit ihr inmitten eines gefährlichen Abenteuers wieder.

Schlimmer noch – als Inspektor des Königs war es seine Pflicht, herauszufinden, warum sie sich hier unter Schmugglern und Dieben herumtrieb. Er konnte nur hoffen, dass Jenny Colvin nichts mit den Verbrechern zu tun hatte, wegen derer er hierher geschickt worden war.

Gedämpfte Stimmen und Schritte rissen ihn aus seinen Gedanken, und erleichtert stellte er fest, dass der Lichtschein der Laterne an ihnen vorüberging. Eine Weile noch, nachdem die Schritte längst verklungen waren, stand Simon reglos mit Jenny in seinen Armen und spürte sein Herz mit dem ihren im Einklang schlagen. Als er endlich leise aufatmete, wich auch aus Jenny die Anspannung.

Sie drehte sich um. „Du!“, fuhr sie ihn an und versetzte ihm einen so kräftigen Stoß, dass er mit der linken Schulter an die Felswand prallte. Ein heftiger Schmerz durchzuckte ihn. Simon packte ihre Handgelenke und hielt sie zwischen ihrer Brust und der seinen fest. „Was zum Teufel machst du hier?“, wollte sie von ihm wissen. „Verfolgst du mich? Willst du mich vielleicht wieder durchsuchen?“

„Sollte ich das denn?“, flüsterte er. „Hast du dir, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, Schmuggelware in die Wäsche gesteckt?“

„Impertinenter Inspektor“, zischte sie und versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien. Er ließ sie los, um seinem verletzten Arm die Anstrengung zu ersparen. Sie drehte sich auf dem beengten Raum um und spähte hinaus.

Er schlang seinen unverletzten Arm um sie und zog sie etwas zurück. „Pass auf!“

„Ich bin ja nicht dumm“, entgegnete sie.

„Immerhin bist du hier“, erwiderte er. „Das würde ich nicht für sonderlich klug halten, meine Liebe.“

„Du bist auch hier, Simon Lockhart“, erinnerte sie ihn.

„Schon, aber ich bin ja auch ein Bandit. Ich darf hier sein.“

Sie schnaubte verächtlich und reckte dann den Hals. „Sie sind weg.“

„Sie könnten noch in der vorderen Höhle sein. Lass mich mal schauen.“ Er schob sich an ihr vorbei, wobei sein Körper den ihren abermals auf das Herrlichste streifte, und sah selbst hinaus.

Von weit unten im Gang schien ein schwacher Lichtschimmer, und über den Lärm der einströmenden Flut vernahm Simon auch noch leise ihre Stimmen. Er blickte über seine Schulter. Jennys Gesicht hob sich blass von der Dunkelheit ab, ihre blauen Augen waren weit aufgerissen, leuchteten dunkel und wild entschlossen.

„Sie sind vorne in der Haupthöhle“, ließ er sie wissen. „Wer sind sie?“

„Der Ältere ist ein Cousin von Captain MacSorley, aber die andern beiden konnte ich nicht erkennen. Ich nehme an, dass sie allesamt zu MacSorleys Bande gehören.“

„Ich habe den Captain vorhin mit einigen seiner Leute draußen auf dem Moor getroffen. Sie schienen heute Nacht noch einiges vorzuhaben.“

„Das sind ganz üble Gesellen, und ich will nichts mit denen zu tun haben. Aber wir können uns hier nicht ewig verstecken.“ Sie wollte sich an ihm vorbeizwängen.

Er hielt sie am Arm fest. „Du bleibst hier bei mir.“

„Kümmere du dich um deine Angelegenheiten, und ich kümmere mich um meine.“ Sie versuchte, ihm zu entwischen, doch er stellte sich ihr in den Weg.

„Was genau hast du hier in den Höhlen vor, Jenny?“

Das Licht von draußen fiel auf ihr Gesicht, als sie ihn stirnrunzelnd ansah. Ihre Augen schimmerten wie große, tiefe Seen.

„Mein Vater hat mich hergeschickt“, sagte sie schließlich. „Er hat mich gebeten, etwas für ihn zu suchen. Mehr kann ich dir nicht sagen. Und was machst du hier?“

„Ich habe auch meine Geheimnisse“, meinte er achselzuckend.

„Du hattest immer schon ein paar Geheimnisse zu viel, Simon Lockhart“, flüsterte sie ungehalten. „Nun habe ich auch welche. Sobald ich gefunden habe, was ich suche, werde ich von hier verschwinden.“

„Klingt so, als könnte es für den Steuerinspektor interessant sein.“

„Zum Teufel mit dem Steuerinspektor“, stieß sie hervor, ihr Gesicht ganz dicht an dem seinen.

„Da könntest du recht haben“, murmelte Simon.

Oh, wie sehr es ihn auf einmal danach verlangte, sie zu küssen! Das Bedürfnis stürmte jäh auf ihn ein, mächtig wie die hereinbrechende Flut. Reglos stand er da, spürte, wie ihr Atem sich mit dem seinen mischte, fühlte, wie ihr Arm sich unter dem festen Griff seiner Finger spannte. Er merkte, wie auch sein Körper sich anspannte, sich regte, wie ihre Nähe ihn entflammte. Mit ruhigem Blick sah er sie an und kämpfte gegen sein Verlangen an, sie in seine Arme zu ziehen und sie mit besinnungsloser Leidenschaft zu küssen wie an jenem Tag, da sie vor Jahren voneinandergegangen waren.

Nein, wies er sich zurecht. Er war zurückgekommen, um sie zu umwerben und für sich zu gewinnen. Sie jetzt ungestüm an sich zu ziehen und mit all der einsamen Verzweiflung zu küssen, die er in sich spürte, konnte weder als Werben gelten, noch war es weise.

„Ich habe dich vermisst“, flüsterte er und wagte sich behutsam vor.

„Nicht ein Brief in vier Jahren“, erwiderte sie.

„Ich habe dir bereits gesagt, dass ich wenige Wochen, nachdem ich fortgegangen war, eine Nachricht geschickt habe.“

„Die haben wir nie erhalten. Und was war in den Wochen danach?“

„Ich war … beschäftigt“, wich er aus.

„Und nun bin ich beschäftigt.“ Sie nahm ihre Laterne und schob die Blende ein wenig zurück.

„Kein Licht“, sagte er ärgerlich und schob die Blende gleich wieder zu. „Die Männer haben dich bemerkt, weil sie das Licht gesehen und die Tauben gehört haben.“

Jenny sah ihn fragend an.

„Die Felsentauben“, sagte er langsam und deutlich. „Als du in die Höhle kamst, sind die Vögel aufgeschreckt herausgeflogen. Ich habe es auch gehört. Was glaubst du, weshalb die MacSorleys diese Höhlen benutzen? Es gibt keine besseren Wachposten als ein paar Felsentauben, die Alarm schlagen, sobald jemand sich nähert.“

„Meist kommt ohnehin niemand hierher, weil alle Angst davor haben, die Beauty zu sehen oder einen der anderen Geister, die in der Höhle umgehen.“ Sie legte den Kopf schräg und schaute ihn prüfend an. „Wie lange bist du schon hier? Bei meiner Ankunft an den Klippen kannst du noch nicht hier gewesen sein, da du ja MacSorleys Leuten hinterhergeritten bist. Und doch musst du vor mir in die Höhle gekommen sein, sonst hätte ich dich hereinkommen sehen oder gehört, wie die Tauben erneut aufschreckten.“

„Ich bin nicht durch die vordere Höhle gekommen.“

„Es gibt keinen anderen Eingang“, sagte sie.

„Das dachte ich auch, aber dann bin ich durch ein Erdloch gefallen und fand mich auf einmal in der Kelpie’s Cave wieder. Ich war bis in diesen Gang gelangt, als ich MacSorleys Leute kommen sah und mich hier drin versteckte. Kurz darauf kamst du.“

„Es gibt einen Zugang von Land?“, fragte sie überrascht.

„Nahe dem Gebüsch, wo du den Pferdekarren abgestellt hast. Ich sah Sweetheart und wusste, dass du hier irgendwo sein musst.“

Sie runzelte nachdenklich die Stirn. „Ob MacSorleys Bande davon weiß?“

„Wahrscheinlich haben sie den Tunnel sogar selbst ausgehoben. Der Zugang war hinter Farnen und Gräsern versteckt und von einem großen Stein versperrt, der allerdings beiseite rollte, als ich darauf fiel. Sie werden diesen Weg bei Flut nutzen.“

„Wenn sie jetzt dort hinausgehen und unsere Pferde sehen, werden sie wissen, dass wir hier sind.“

„Und wenn sie dann den kleinen Ponywagen mit all den leeren Holzkisten sehen … was genau wolltest du noch mal darin transportieren?“

„Nichts, was den Inspektor kümmern müsste. Mach du deine Arbeit und lass mich in Ruhe – aber zuerst sagst du mir, wie ich den Ausgang finde, der aufs Moor hinausführt. Es wird Stunden dauern, bis die Flut zurückgeht, weshalb ich nicht auf dem Weg gehen kann, den ich gekommen bin, nachdem ich …“ Sie verstummte.

„Ah ja, deine dringliche Angelegenheit.“ Er betrachtete sie aufmerksam. Die rechte Hand hielt er mittlerweile auf seine Wunde gepresst, die noch immer schmerzte und blutete.

„Ich habe dir bereits gesagt, dass ich meinem Vater versprochen habe, etwas für ihn zu erledigen. Und das werde ich auch tun.“

„Was auch immer es sein mag – Jock würde nicht wollen, dass du dich hier allein bei den Schmugglern herumtreibst.“

„Er würde gewiss auch nicht wollen, dass ich mich hier mit dir herumtreibe“, wies sie ihn zurecht. „Du musst mir nur den Ausgang zeigen, und dann komme ich bestens allein zurecht.“ Sie schlüpfte an ihm vorbei auf den Gang hinaus.

„Halt, mein Mädchen“, meinte er, packte sie beim Arm und zog sie zurück in die schmale Kluft.

„Lass mich los“, fuhr sie ihn leise an und versetzte ihm mit ihrem freien Arm einen Fausthieb. Der Schlag traf genau in seine Wunde.

Simon stöhnte leise und umklammerte seine Schulter. „Verdammt“, stieß er zwischen den Zähnen hervor, als ungeahnter Schmerz in seinem Arm barst und helle Lichter vor seinen Augen zu tanzen begannen.

Jenny griff besorgt nach seinem Arm. „Was hast du? Bist du verletzt?“

„Es geht schon. Ich … ich hatte nur nicht damit gerechnet, von dir verprügelt zu werden“, meinte er leichthin. Er versuchte, sich zusammenzunehmen und richtete sich wieder auf.

„Du bist ja kreidebleich! Ich hatte dich nicht so fest schlagen wollen.“

Plötzlich musste er lachen – er konnte einfach nicht anders – und der entsetzliche Schmerz ließ ein wenig nach. Er schüttelte den Kopf. „Nein, meine Liebe. Ich bin angeschossen worden.“ Scharf sog er den Atem ein und presste seine Hand wieder auf den Ärmel, durch den das Blut stetig hindurchsickerte.

Sie sah ihn entsetzt an. „Lass mich mal sehen“, verlangte sie.

„Es geht schon“, wiederholte er und schüttelte den Kopf.

„Aber du blutest ja“, flüsterte sie. „Im Dunkeln ist mir das gar nicht aufgefallen.“ Sie umfasste seinen Arm, und Blut trat zwischen ihren Fingern hervor. „Oh, Simon! Du liebe Güte. Das muss behandelt werden, und zwar bald. Bloß nicht hier – wir brauchen Licht, und du musst dich hinsetzen.“

„Etwas weiter hinten ist eine kleine Höhle – ich habe sie vorhin entdeckt.“ Er deutete mit einem kurzen Nicken des Kopfes in die Dunkelheit hinter ihnen. „Sie ist sehr versteckt. Komm.“

Er nahm sie beim Arm und führte sie tiefer in die enge Felskluft hinein, die etwas weiter hinten in einen richtigen Tunnelgang mündete, der jedoch plötzlich an einer steilen Wand zu enden schien. Durch eine schmale Öffnung am Boden wehte salzige Luft vom Meer herein.

„Kletter dort hindurch“, flüsterte er. „Auf der anderen Seite ist die kleine Höhle.“

Jenny kroch behände durch den Felsspalt. Simon folgte ihr und versuchte dabei, nicht auf den Schmerz in seinem Arm zu achten.

Auf der anderen Seite fanden sie sich auf einem Felsvorsprung wieder, der an den Seiten in den dunklen Fels der Klippen eingebettet, nach oben und nach vorne hin indes offen war, sodass sie Luft und Licht und einen fantastischen Blick auf das Meer und den Himmel hatten.

Jenny sah auf das Meer hinaus, wo weiße Gischt auf den Wellen und das Mondlicht auf dem Wasser tanzte. In den dunklen Hügeln jenseits der Küste funkelten einzelne helle Lichter.

Mit zwei langen Schritten war Simon bei ihr. Die Meeresbrise war wohltuend und zerzauste sein Haar und zerrte ihm an Hemd und Mantel. Er stellte sich neben Jenny und atmete tief durch, die rechte Hand fest auf seine Wunde gepresst. Unzählige Sterne funkelten am nachtblauen Himmel, und der Mond strahlte wie weiß glühendes Feuer und tauchte das Meer in sein blasses, reines Licht.

„Es ist schön hier. So friedlich.“ Sie lächelte ihn im Schein des Mondes an.

„Das stimmt“, meinte er und erwiderte ihr Lächeln. „Und sicher ist es auch. Hier wird uns gewiss niemand finden – vorausgesetzt, wir sind leise.“

„Sehr gut. Dann kann ich mich jetzt in Ruhe um deine Wunde kümmern. Setz dich“, wies sie ihn an und drängte ihn zu einem schmalen Vorsprung in der Felswand, der eine gute Bank abgeben konnte, „und zieh deinen Mantel aus.“

5. KAPITEL

Simon streifte seinen Mantel ab, setzte sich und blendete die Laterne auf, bis ein goldener Lichtschein die versteckte Felsterrasse erfüllte. Jenny wandte ihm den Rücken zu – sie hatte ihren Rock ein wenig gerafft und riss sich einen Stoffstreifen von ihrer Chemise.

Dann kam sie zu ihm und machte sich an die Arbeit – effizient, aber auch etwas herzlos, wie er fand – indem sie seinen blutigen Hemdsärmel der Länge nach aufriss.

„Das war feinster Batist“, murrte er.

„Und wird einen feinen Verband abgeben“, erwiderte sie. Behutsam säuberte sie mit einem Stück des zerrissenen Hemdes die Wunde und drückte dann beide Daumen darauf.

„Au!“ Er sog heftig den Atem ein.

„Die Kugel steckt nicht mehr“, stellte sie fest.

„Das weiß ich auch“, stieß er leise hervor. „Du hättest mich nur fragen müssen.“

Jenny begutachtete die Wunde. Es war eine tiefe Verletzung, die durch Haut und Muskel ging und stark blutete. „Oje“, meinte sie, „das muss ausgebrannt werden.“

„Leg einfach einen festen Verband an. Wir haben keine Zeit.“

Während sie sich daranmachte, seinen Oberarm zu bandagieren, konnte Simon sie im bläulichen Mondschein in Ruhe betrachten … ihr blass schimmerndes, anmutiges Profil, die dunkel glänzenden Haare …

Er schloss die Augen, versuchte den scharfen Schmerz in seinem Arm zu vergessen. Der Geruch seines Blutes mischte sich mit der salzigen Luft des Meeres und Jennys Haar, das schwach nach Wildblumen duftete.

Er liebte sie noch immer, hatte sie immer geliebt und würde sie immer lieben. Ihr zugleich feurig temperamentvolles und zärtlich sanftes Wesen, ihre natürliche Schönheit und anmutige Gestalt zogen ihn unwiderstehlich in den Bann. Die Erinnerungen an sie hatten ihn die trostlosen zwei Jahre in seiner Gefängniszelle überstehen lassen, ebenso wie die beiden darauf folgenden Jahre, in denen er den Rest seiner Strafe abgearbeitet und alles gegeben hatte, um voranzukommen – immer mit dem Ziel vor Augen, eines Tages als gemachter Mann zu ihr zurückzukehren. Doch nicht nur ihr wollte er beweisen, dass er sich verändert hatte, sondern auch sich selbst.

„Wer hat auf dich geschossen?“, fragte sie leise.

„Ich weiß es nicht.“

„Du sagtest, du hättest draußen auf dem Moor mit MacSorley gesprochen …“

„Seine Leute wären wohl kaum so unvernünftig, eine Pistole bei sich zu tragen. Dem Gesetz nach könnten sie deswegen für Rebellion und Hochverrat angeklagt werden. Die meisten Schmuggler gehen das Risiko nicht ein und begnügen sich mit Messern und Knüppeln.“

„Mein Vater und seine Leute schon, aber bei MacSorley und seinen Piraten könnte ich mir durchaus vorstellen, dass sie sich auch mit Pistolen bewaffnen.“

Er sah ihr schweigend zu, als sie den Verband verknotete. „Das sollte erst mal reichen“, meinte sie. „Aber du musst unbedingt zu einem Arzt und die Wunde behandeln lassen, damit die Blutung aufhört.“

„Später. Ich danke dir.“ Er ließ sich von ihr in seinen Mantel helfen und stand auf.

„Es ist ein gutes Versteck, aber so gemütlich es hier auch sein mag, wir sollten doch nicht länger hierbleiben. Ich werde dich nach Hause bringen.“

„Ich sagte dir bereits, dass ich in den Höhlen noch etwas zu erledigen habe.“

„Jenny Colvin“, begann er streng, „in diesen Höhlen wird es bald von den berüchtigtsten Schmugglern an der ganzen Küste des Solway Firth nur so wimmeln. Ich will nicht, dass du dann noch hier bist.“

„Zeig mir einfach, wo der Landzugang ist, und ich werde verschwunden sein, bevor der Rest von MacSorleys Leuten hier eintrifft. Und du kannst dich um deine Angelegenheiten kümmern und einen Arzt aufsuchen.“

„Du hast dich wirklich nicht verändert.“ Finster sah er sie an. „Immer noch so stur.“

„Und das ist auch gut so“, befand sie, „denn sonst wäre ich vor vier Jahren gewiss zusammengebrochen, als jemand, den ich einst geliebt hatte, mich und die Meinen verraten und betrogen hat.“

Er hatte es verdient, das wusste er, aber die Worte schmerzten ihn dennoch.

Jenny bückte sich und schlüpfte durch den Felsspalt. Von der anderen Seite aus streckte sie ihm ihre Hand entgegen. „Komm!“, flüsterte sie.

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