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HISTORICAL EXKLUSIV BAND 42

DIANE GASTON

Die mysteriöse Miss M.

Schon oft hat Lord Steele von der berühmten Kurtisane Miss M. gehört. Als er eine Nacht mit ihr gewinnt, freut er sich auf lustvolle Stunden mit einer erfahrenen Liebesdienerin. Stattdessen trifft er auf ein junges Mädchen, dessen Seele tief verletzt wurde – und ist von ihr verzaubert. Das stellt ihn jedoch vor eine schwierige Wahl: Ehre … oder Liebe?

LOUISE ALLEN

Ballsaison in London

Talitha arbeitet als Aktmodell, um ihr spärliches Einkommen aufzubessern. Eines Abends stürmt eine Horde Männer das Atelier. In ihrer Angst versteckt sich Talitha nackt in einem Schrank. Der Earl of Arndale entdeckt das junge Mädchen – und hilft ihr. Als sie sich unter anderen Umständen kennenlernen, verlieben sie sich. Aber er ahnt nicht, wer sie ist …

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Die mysteriöse Miss M.

1. KAPITEL

London, 1812

Made­leine legte sich auf dem Sofa in Position, zog ihr Kleid aus weißem Musselin zurecht, strich ihre Handschuhe glatt und ließ die Hände elegant in den Schoß sinken. Der Kerzenleuchter war so aufgestellt, dass sein Schein ihre Haut in ein sanftes Licht tauchte und das Bild unterstrich, das sie abgeben sollte. Wenn sie an die Wünsche des letzten Mannes denken musste, schnürte sich ihre Kehle zu, und sie bekam eine Gänsehaut.

Wie sehr sie doch dieses verruchte Leben verabscheute.

Sie überprüfte den Sitz ihrer mit blauen Federn geschmückten Maske, die auf kunstvolle Weise so gearbeitet war, dass sie zwar Made­leines Identität tarnte, dabei aber weder ihre jugendliche Haut noch das unberührte Rosa ihrer vollen Lippen verdeckte. Hinter der „mysteriösen Miss M.“ konnte sich jedes Mädchen verbergen, das das erste Aufblühen seiner Weiblichkeit erlebte. Es war Farleys Absicht, dass sie diesen Eindruck erweckte, und die Männer, die seine Londoner Spielhölle aufsuchten, setzten hohe Summen ein, um für sich den Traum zu gewinnen, Made­leine verführen zu dürfen. Ein Entkommen stand für sie außer Frage, doch wenigstens verdeckte die Maske ihre wahre Identität ebenso wie die Schmach.

Da sie einfach nicht still sitzen konnte, ging Made­leine hi­nüber zum Bett, das diskret in der Ecke des Zimmers stand und mit Spitzen­bettwäsche in Weiß und Lavendel wie ein Schrein zu Ehren der Jungfräulichkeit erschien. Auf der Bettkante nahm sie Platz und ließ die Beine baumeln, während sie sich fragte, wie viele Minuten ihr noch blieben, ehe der nächste Gentleman an der Reihe war. Sehr lange konnte es nicht mehr dauern, immerhin hatte sie sich mit der Toilette mehr Zeit als üblich gelassen, um die Erinnerung an diese verachtenswerte Kreatur fortzuwaschen, die nach Made­leines Ansicht noch viel eher wieder hätte aufbrechen können.

Aus dem Nebenzimmer war tiefes, raues Gelächter eines Mannes zu hören. Dümmliche Geschöpfe, die sich an Tischen niedergelassen hatten und in ihre Spielkarten vertieft waren, während sie dem Alkohol zusprachen und darauf warteten, dass Lord Farley ihnen ihr Vermögen abnahm. Die jungen Frauen an diesen Tischen, die heute Abend so wie Made­leine selbst wie die Debütantinnen im Almack’s Ballsaal gekleidet waren, sollten die Gäste zum Pokerspielen anspornen, doch für einige Auserwählte war die mysteriöse Miss M. der einzig wahre Gewinn für ihre Einsätze.

Farley würde nicht zulassen, dass ihm die Frau entglitt, die ihm so viel Geld einbrachte. Diese Lektion hatte Made­leine schon früh lernen müssen, doch es war auch gleich, da sie ohnehin nirgendwo hätte hingehen können.

Vor der Tür wurden Stimmen laut. Rasch verdrängte sie die Erinnerung daran, wie Farley sie zu diesem Schicksal verdammt hatte – oder besser gesagt: wie sie selbst sich dazu verdammt hatte.

Der nächste Mann, der zum Glück für diesen Abend der letzte sein würde, musste jeden Moment hereinkommen, und sie durfte nicht so wirken, als sei sie nicht für ihn bereit. Rasch überprüfte sie ihr Haar und strich über die dunklen Locken, die der neuesten Mode entsprechend ihr Gesicht einrahmten und durch die ein blassrosa Seidenband gezogen war.

Jemand stieß gegen die Tür, woraufhin Made­leine vom Bett aufsprang und schnell ihren Platz auf dem Sofa einnahm. Im nächsten Moment trat ein groß gewachsener Mann ein, der vor dem helleren Lichtschein des Spielsalons fast nur als Silhouette zu erkennen war. Einen Augenblick lang stand er da und hielt eine Hand an die Stirn.

Ein Soldat. Sein rotes Oberteil war eine Uniformjacke der britischen Armee, verziert mit blauen Aufschlägen und Goldlitzen. Er trug sie aufgeknöpft, sodass man das weiße Hemd darunter sehen konnte. Wäre ich doch auch ein Soldat, dachte Made­leine sehnsüchtig. Dann könnte ich mir den Weg nach draußen freikämpfen. Sie würde zur Kavallerie gehören, weil sie dann mit halsbrecherischem Tempo davongaloppieren konnte. Das wäre einfach zu schön.

Der Soldat, der keine fünf Jahre älter als sie zu sein schien, schwankte leicht, als er die Tür hinter sich schloss. Zweifellos hatte Lord Farley ihn großzügig mit Brandy versorgt.

Mit einem leisen Seufzer nahm Made­leine zur Kenntnis, dass er wohl berauscht, aber nicht fettleibig war. Wenn sie Glück hatte, würde sein Atem nicht so faulig stinken wie bei anderen Männern, was sie von allem Abstoßenden mit am wenigsten ausstehen konnte. Dieser Besucher war schlank und machte einen muskulösen Eindruck, wie man es von einem Soldaten auch erwarten durfte.

„Mein Gott!“, rief er aus und wäre fast gestrauchelt, als er sie sah.

„Ich fürchte, Mylord, der Titel steht mir nicht zu“, gab sie zurück. Im Kerzenschein konnte sie das Gesicht des Soldaten besser erkennen, der sie angesichts ihrer Antwort so amüsiert angrinste, dass sie Mühe hatte, sich ernst zu halten.

„Nein, natürlich nicht.“ Seine grünen Augen funkelten belustigt. „Es dürfte wohl auch mein Glück sein, dass Sie nicht der Allmächtige sind, Miss …“

„Miss M.“ Er war ein Charmeur. Sie kannte Männer seines Schlages. Dieses kavalierhafte Verhalten verlor sich schnell, sobald sie sich genommen hatten, was sie von ihr haben wollten.

„‚Die mysteriöse Miss M.‘ Jetzt erinnere ich mich.“ Er ließ sich neben ihr auf dem Diwan nieder. „Ich bitte um Verzeihung, aber ich war ein wenig erschrocken. Dass Sie wirklich wie eine junge Dame aussehen würden, hatte ich nicht erwartet.“

„Ich bin eine junge Dame“, erwiderte sie und spielte ihre Rolle.

„Wahrhaftig“, stimmte er ihr zu. In seinen Augen war ein anerkennender Ausdruck zu sehen, in der linken Wange bildete sich ein Grübchen, als er den Mund verzog. „Ich schwöre Ihnen, Sie sind das Wunschbild von einer Dame. England hat die hübschesten Frauen zu bieten. Ich glaube, ich muss mich für diese ärmliche Uniform entschuldigen.“

Er hielt ihr seinen Fuß hin und zwinkerte ihr zu, während sie am Stiefel zog. Obwohl das Leder ordentlich poliert war, strichen ihre Finger über Kratzer und Schrammen. Ob sie ihren Ursprung auf einem Schlachtfeld hatten? Als sie den Stiefel schließlich weit genug vom Fuß gezogen hatte, um ihn ganz abzustreifen, verlor der Mann für einen Moment den Halt und wäre fast vom Sofa gefallen. Made­leine verdrehte die Augen.

„Habe ich Sie mit meiner Geschicklichkeit beeindrucken können, Miss M.?“, fragte er lachend.

„Allerdings, Mylord. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal so gut unterhalten wurde.“

Amüsiert drehte er sich so herum, dass sich sein Gesicht dicht vor ihrem befand. Sein Ausdruck hatte mehr Schalkhaftes als Lüsternes an sich. „Und ich dachte schon, ich sei derjenige, der unterhalten werden soll.“

Made­leine fiel es schwer, ein Lächeln zu unterdrücken. Mit einem Finger zeichnete er die Konturen ihrer Lippen nach. Seine Augen strahlten auf einmal etwas überraschend Sehnsüchtiges aus, während sie selbst eine Hitze in sich aufsteigen fühlte, auf die sie nicht gefasst war und die sie am liebsten zum Fächer hätte greifen lassen. Mit der Zunge fuhr sie sich über den Mund, als könne sie so die irritierende Berührung fortwischen. Gleichzeitig atmete der Soldat heftig ein und sah sie so eindringlich an, dass sie nicht anders konnte, als den Blick zu senken.

Dieser Mann entsprach ganz dem Wunschtraum, den sie sich in ihren einsamsten Stunden ausgemalt hatte. Er war wie ein strahlender Ritter auf einem prachtvollen weißen Hengst, der sich im Turnier dem finsteren Lord stellte und um ihre Freiheit kämpfte. Oder wie ein Pirat, der gegen die Obrigkeit kämpfte und auf seinem Schiff mit ihr davonsegelte. Er war der Soldat, der sie mit gezücktem Säbel von Farley befreite und ihr für alle Zeiten Sicherheit gab.

Was für ein Unsinn! Er war nichts davon, seiner Uniform, seines dunklen, lockigen Haares und seiner sonnengebräunten Haut zum Trotz. Seine wundervoll ausdrucksstarken Augen und sein kantiges Gesicht erweckten allerdings den Eindruck, als sei er kampferfahren.

Farley war auch einmal ein solcher Wunschtraum gewesen, als sie sich ausgemalt hatte, er werde sie ins Ehebett mitnehmen, nicht aber in dieser Kammer hier festhalten.

Der Soldat streifte seine Jacke ab, sein aufgeknöpftes, locker sitzendes Hemd ließ etwas von seinem schwarzen Brusthaar erkennen. Made­leines Blick war wie gebannt davon, und ihre Finger kribbelten, da sie zu gern gewusst hätte, wie sich das lockige Haar wohl anfühlte.

Ach, als wenn es sich in irgendeiner Weise anders anfühlen könnte als bei den übrigen lüsternen Männern, die sich so gierig auf sie stürzten, dass sie ihre Hände gegen deren Oberkörper drücken musste, um überhaupt noch atmen zu können! Sie legte eine Hand auf ihre Brust und wunderte sich, von welcher Laune sie erfasst worden war, dass ihr solche Gedanken durch den Kopf gingen.

Wieder grinste er sie auf diese schelmische Art an, sodass sich das Grübchen in seiner Wange abzeichnete. „Sie sind eine Vision, Miss M. So wunderschön anzusehen wie England, aber keineswegs mysteriös. Ich denke, ich werde Sie Miss England nennen.“

„Seien Sie nicht albern, Sir. Der Stoff für mein Kleid kommt aus Italien, der Entwurf entstand in Frankreich nach römischem Vorbild. Ich trage eine venezianische Maske, meine Perlen stammen aus dem Orient. Und meine Schuhe sind, wenn ich nicht irre, aus Spanien. Nichts an mir ist aus England.“

Mit seinem Finger strich er am Rand des Mieders entlang, das nur leicht andeutete, wie voll ihre Brüste in Wahrheit waren. Er schob den Finger unter den Stoff und zog ihn fort von ihrer Haut, sodass er selbst fühlen konnte, was sich darunter verbarg.

„Ich vermute aber“, meinte er leise, während er sie streichelte und ihr tief in die Augen sah, „dass Sie unter dem Stoff von reinster englischer Herkunft sind.“

„Nein, Mylord“, flüsterte sie und versuchte das Gefühl seiner Finger auf ihrer Haut zu ignorieren. „Keineswegs.“

Langsam beugte er sich so weit vor, bis sie seinen Atem auf ihren Lippen spüren konnte. Mit einer noch nie erfahrenen Sanftheit berührte er mit seinen Lippen ihren Mund, sodass ihr kaum bewusst war, wie sie sich ihm öffnete und ihm gestattete, mit der Zunge vorzudringen.

Sie stöhnte leise auf und rückte näher an den Soldaten heran. Ehe sie sich versah, hatte sie bereits die Arme um seinen Hals geschlungen, und ihre Finger spielten mit seinem lockigen Haar. Er schmeckte nach Brandy, doch Made­leine kam zu dem Schluss, diese Sorte Alkohol sei vielleicht gar nicht so schlecht, wenn sie sich das nächste Mal genötigt sah, etwas zu trinken.

Langsam drückte er sie nach hinten auf das Sofa und bedeckte ihren Körper mit seinem. Sie spürte, wie erregt er war, und zu ihrer großen Verwunderung gefiel es ihr.

Nur einmal zuvor hatte ein erregter Mann bei ihr keine Abscheu ausgelöst. Es war jener Tag auf dem Land gewesen, als der Gast ihres Vaters – jener Lord Farley, über den ihre älteren Schwestern sich unbekümmert ausgelassen hatten – mit ihr ausritt und ihr zeigte, was zwischen einem Mann und einer unbekümmerten Fünfzehnjährigen geschehen konnte, wenn sie nicht von einer Anstandsdame begleitet wurde. Zuerst war es ihr wie ein köstlicher Witz vorgekommen, noch vor ihren Schwestern einen Mann zu küssen. Doch dann hatte der Kuss viel zu mühelos zu bis dahin unvorstellbaren Freuden geführt.

Die Muskeln des Soldaten fühlten sich unter dem grauen Wollstoff seiner Hose straff und kraftvoll an. Er küsste sie sanft auf die Wange und weckte damit erneut Made­leines seit langem unterdrücktes Verlangen. Sie durfte sich diese Schwäche nicht leisten, sie musste ihre Sinne unter Kontrolle haben.

Seine Küsse zeichneten eine Spur auf der empfindlichen Haut an ihrem Hals, während sie die Frage stellte, die sie längst auswendig kannte: „Sollen wir hinüber zum Bett gehen, Mylord?“

Sofort stand er auf. „Was immer Sie befehlen, Mylady“, erwiderte er belustigt, dann hielt er ihr galant eine Hand hin, um ihr aufzuhelfen. Sogar durch die Wildlederhandschuhe hindurch fühlte sich sein Griff fest und warm an. Während sie ihn zum Bett führte, hielt er weiter ihre Hand, was ein weiteres Mal völlig unerwartet stürmische Begierden in ihr weckte.

Sie schwor sich, ihre Gefühle unter Kontrolle zu bekommen, und kam dabei weiter ihrer Aufgabe nach, die ihr längst in Fleisch und Blut übergegangen war. Nachdem sie die Bettdecke aufgeschlagen hatte, wandte sie sich dem Soldaten zu und streifte langsam ihre Handschuhe ab. Nun konnte sie die Schnüre aufziehen, die sein Hemd zusammenhielten, und seine warme, nackte Haut streicheln, während sie ihm den Stoff von den Schultern schob. Als sie damit begann, seine Hose aufzuknöpfen, bestand kein Zweifel mehr daran, welch erregende Wirkung sie auf ihn hatte. Sie versuchte, nicht in seine Augen zu blicken, die seine Leidenschaft widerspiegelten.

Ein kehliger Laut kam ihm über die Lippen, doch Made­leine riss sich zusammen und tat, was sie zu tun hatte. Dies war der Augenblick für ihn, über sie herzufallen. Sie musste seine Lust bändigen, damit er ihr nicht vor Ungeduld das Kleid zerriss.

Doch auch nachdem sie ihn von all seinen Sachen befreit hatte, fiel er nicht über sie her. Während sie ihn ansah, regte sich in ihrem Körper wieder dieses unerwünschte Verlangen. Normalerweise vermied sie es, die Männer zu betrachten, wenn sie entblößt vor ihr standen. Als Farley sie zum ersten Mal verführt hatte, war sie noch zu schüchtern gewesen, um einen Blick zu wagen, aber bei diesem Soldaten konnte sie sich nicht zurückhalten. Er sah noch viel schöner aus als die Zeichnungen griechischer Statuen in den Büchern ihres Vaters. Überrascht, wie viel Vergnügen es ihr bereitete, diesen Mann zu betrachten, weiteten sich ihre Augen.

„Mein Gott, Miss England“, rief er aus und trat zu ihr. Er legte die Hände auf ihre Schultern und drehte Made­leine so, dass sie mit dem Rücken zu ihm stand, dann versuchte er, die Schnürbänder ihres Kleides aufzuziehen, was ihm aber nur mit Mühe gelang.

„Ich bin entsetzlich aus der Übung“, meinte er lachend.

Die Lippen entschlossen geschürzt, drehte sie sich zu ihm um und machte mit den Schnürbändern kurzen Prozess. Das Kleid sank zu Boden, während sie sich ihrem Korsett widmete. Als sie dann auch ihr Hemd vom Körper gleiten ließ, war sein Blick so gebannt wie der ihre, und Made­leines Entschlossenheit, einfach nur ihre Arbeit zu erledigen, geriet ins Wanken.

Ihre Blicke trafen sich. „Endlich fühle ich mich wieder zu Hause.“

Mit einer Hand strich er über ihre Brust, so sanft jedoch, dass seine Finger kaum ihre Haut zu berühren schienen. Sie verspürte ein Ziehen in ihren Brüsten, doch wie war das möglich, wenn er sie kaum angefasst hatte?

„Wo waren Sie denn?“ Sie wollte sich ablenken, da diese Empfindungen einfach zu beunruhigend waren. „Auf der Pyrenäenhalbinsel?“

„Zuletzt in Maguilla.“ Er wurde ernst, und das Funkeln in seinen Augen verlor an Glanz.

Maguilla. Welch ein exotischer Name, fast wie der eines magischen Königreichs. Nur was war dort geschehen, dass sich seine Stimmung so abrupt wandelte?

Sein Blick hatte etwas Trauriges an sich, aber dann lächelte der Mann sie an. „Ich war zu lange in der Schlacht, und ich bin noch nicht lange genug zurück, um das zu sehen, was mir am meisten fehlte.“

„Ich verstehe nicht, Mylord.“ Sie biss sich auf die Lippe. „Was hat Ihnen denn am meisten gefehlt?“

Er sah sie von oben bis unten an. „England“, antwortete er ehrfürchtig. „Jeder Hügel, jede Rundung, jedes Dickicht. Üppige Schönheiten und jedes Labsal.“

Made­leine merkte, dass sie errötete, unterdrückte aber den plötzlichen Wunsch, ihre intimsten weiblichen Körperpartien zu bedecken. „Nun“, entgegnete sie, „sollen wir fortfahren, Mylord?“

Rasch legte sie sich aufs Bett und machte eine entschlossene Miene. Er folgte ihr, jedoch deutlich langsamer als erwartet. Dass er nicht darauf versessen war, sein Verlangen zu befriedigen, irritierte sie, änderte jedoch nichts an der Sehnsucht, die sie selbst verspürte. Als er sich endlich zu ihr aufs Bett sinken ließ und sich über ihr in Position brachte, hielt sie es vor lauter Vorfreude kaum noch aus. Es fühlte sich viel zu sehr an wie bei jenem Mal, das ihren Untergang ausgelöst hatte, dennoch wollte sie diesen Soldaten so sehr.

Auf einmal versteifte sie sich, Panik ergriff von ihr Besitz.

Sofort hielt er inne und betrachtete sie fragend. „Stimmt etwas nicht?“

Ihr Herz klopfte wild. „Nein, es ist alles in Ordnung.“

„Sie sind verängstigt“, meinte er, während er skeptisch den Kopf schräg legte. „Ich verstehe das nicht. Wovor ängstigen Sie sich? Habe ich Ihnen wehgetan?“ Er wich zurück und legte sich neben sie aufs Bett.

Sie wich seinem verwirrten Blick aus. „Nein, Sie haben mir nicht wehgetan, Mylord. Ich bin nicht verängstigt, Sie können ruhig fortfahren.“

„Ich werde nicht fortfahren, wie Sie es ausdrücken, solange Sie nicht erklären, was mit Ihnen los ist.“ Er legte eine Hand um ihr Kinn und drehte ihren Kopf, bis ihr Gesicht dicht an seinem war.

Wie sollte sie ihm etwas erklären, das sie selbst nicht verstand? Als Farley sie seinerzeit verführt und ihr Körper so verantwortungslos darauf reagiert hatte, hatte sie nicht so empfunden. So … so aufgeregt und atemlos.

Waren das die Gefühle, die junge Frauen verspürten, wenn sie mit dem Mann das Bett teilten, den sie liebten? Waren das die Empfindungen, die sie niemals haben durfte und die sie auch nicht verdiente?

Eine einzelne Träne lief ihr über die Wange. Als sie unter der Maske zum Vorschein kam, wischte er sie weg. „Aber, aber“, murmelte er und streichelte ihre Wange. „Sie müssen doch nicht weinen.“

„Es ist nicht von Bedeutung“, sagte sie, unterdrückte ein Schluchzen, während sie sich über ihre Tränen ärgerte. Farley würde außer sich sein, wenn er davon erfuhr. Von Tränen war in den sorgfältig ausgearbeiteten Verhaltensmaßregeln keine Rede. „Sagen Sie Lord Farley bitte nichts davon.“

„Warum sollte ich so etwas tun?“, entgegnete er verwundert, setzte sich auf und legte die Arme um sie. „Kommen Sie, sagen Sie Devlin, was Sie auf dem Herzen haben.“

„Devlin?“ Seine Arme fühlten sich an wie eine warme Zuflucht. Sie wünschte, sie könnte für immer von ihnen gehalten werden und er würde sie niemals wieder loslassen.

„Das ist mein Name. Lieu­te­nant Devlin Steele von den First Royal Dragoons. Der jüngste Bruder des höchst ehrbaren Marquess of Heronvale. Zu Ihren Diensten, Miss England.“ Er zog sie enger an sich. „Sagen Sie mir, was los ist.“

Sie stieß einen tiefen, von Herzen kommenden Seufzer aus. „Manchmal …, da wünschte ich, ich wäre, was ich zu sein vorgebe, nicht aber, was ich bin.“ Die Tränen ließen sich nicht länger zurückhalten, die Federn ihrer Maske sogen sie auf.

Wäre sie bloß an diesem schicksalhaften Tag nicht ausgeritten. Hätte Farley sie nicht in so skandalöser Aufmachung zu sehen bekommen – in der Kleidung ihres Bruders, die für sie längst zu klein war. Und hätte sie doch nur gewusst, dass der Kuss eines Mannes zu so viel mehr führen konnte!

Sie strich über die feuchten Federn ihrer Maske und hoffte, sie würden trocknen, ohne ihre Form zu verlieren. Anderenfalls würde Farley sie bestrafen.

„Schhht“, machte er. „Es wird alles gut werden.“

Nein, überhaupt nichts würde je wieder gut werden.

Der Lieu­te­nant hielt sie in seinen Armen und wiegte sie sanft, dabei flüsterte er ihr tröstende Worte ins Ohr. Seit jener Nacht, als sie erfahren hatte, Farley habe anderes mit ihr vor als eine Heirat, hatte sie nicht mehr so geweint.

Endlich fasste sie sich wieder, löste sich von Devlin und wandte sich von ihm ab, damit er nicht ihr Gesicht sehen konnte, während sie die Maske abnahm, um sich die Augen mit einem Leinentuch abzutupfen. Als sie sich zu ihm umdrehte, saß die Maske perfekt wie zuvor.

„Sind Sie nun fertig, mein kleiner Wasserfall?“, fragte er. Der Ausdruck in seinen grünen Augen war so gütig wie noch bei keinem anderen Mann zuvor.

Bedächtig nickte sie.

„Du dummes Ding.“ Er tippte ihr sanft auf die Nase, dann erhob er sich und las seine Kleidung vom Boden auf. Nach wie vor ein wenig wacklig auf den Beinen, kam er ins Straucheln und stieß gegen den Bettpfosten.

„Was machen Sie da?“, wollte sie wissen.

„Ich ziehe mich an“, erwiderte er amüsiert. „Keine Sorge, Miss, ich werde heute Nacht auf Ihre Gunst verzichten.“ Lange betrachtete er sie mit betrübtem Ausdruck. „Auch wenn mir das schwerer fallen dürfte als Wachdienst im eisigen Regen.“

„Nein, das dürfen Sie nicht.“ Sie griff nach ihm und versuchte, ihn zu sich aufs Bett zu ziehen. „Es wäre nicht angemessen. Es wird von mir erwartet, dass ich meine Pflicht tue.“

„Nein, meine süße Miss England. Sie haben heute Nacht Ihre Pflicht zur Genüge getan.“ Abermals stand er auf.

Made­leine schaute zu ihm und versuchte, sich nicht vom Spiel seiner ausgeprägten Muskeln faszinieren zu lassen. Der Gedanke war unerträglich, dass er sie so schnell schon verlassen könnte.

Erneut mit diesem schelmischen Grinsen auf den Lippen drehte er sich zu ihr um. „Aber natürlich müssen wir den anderen im Nebenzimmer etwas bieten und für die entsprechende Geräuschkulisse sorgen, damit die armen Kerle neidisch werden.“

Unwillkürlich musste Made­leine kichern.

„Kein Gelächter, sondern Leidenschaft! In dieser Art!“ Er stöhnte laut auf und rief: „Oh, mehr! Mehr! Mehr!“

„Ja! Ja! Ja!“, gab sie zurück, dann begannen beide zu lachen, mussten sich aber den Mund zuhalten, damit man sie nicht hörte.

Er ließ sich auf das Bett fallen. „Stopp! So zu lachen schmerzt.“ Er hielt sich die Seite. „Autsch.“

Als Made­leine seine Hand wegzog, sah sie eine Narbe seitlich an seinem Bauch. Sie war gezackt und erst vor Kurzem verheilt.

„Wurden Sie verwundet bei … bei …?“ Mit einem Finger zeichnete sie die Narbe nach.

„In Maguilla? Es ist nicht von Bedeutung, wie Sie sagen würden.“ Er lächelte, doch da war keine Freude in seinem Ausdruck zu sehen. „Wir jagten ein Regiment der französischen Kavallerie, bis die Situation umschlug und ihre Reserven die Jagd auf uns eröffneten. Ich unternahm den dummen Versuch, die Männer gegen sie vorrücken zu lassen. Ein Franzose traf mich mit seiner Lanze. Die Wunde ist jetzt verheilt, und in zwei Tagen werde ich zu meinem Regiment zurückkehren.“

„Zurück in den Krieg?“

„Selbstverständlich. Das ist die Pflicht eines Soldaten.“

Noch zwei Tage, dann würde er wieder in den Krieg ziehen. Es konnte passieren, dass er erneut verwundet wurde, vielleicht sogar sein Leben verlor. Dann würde er nie wieder sein England sehen, das ihm so viel bedeutete. Und so wie sie Farley kannte, würde er Devlin Steele ohne einen Penny in den Krieg hinausschicken.

„Lieu­te­nant?“

„Sagen Sie Devlin zu mir.“

Sie machte eine beiläufige Geste. „Dann also Devlin. Haben Sie heute Abend beim Kartenspielen gewonnen? Ich meine, außer dass Sie zu mir kommen durften?“

„Wollen Sie mich als Nächstes nach Geld durchsuchen?“, gab er lachend zurück.

Das war eine beleidigende Äußerung. Schließlich hatte sie auch ihre Prinzipien. „Ich will Ihr Geld nicht, aber Sie müssen sich weigern, weiter Karten zu spielen. Denken Sie sich irgendeinen Vorwand aus.“

„Aber warum?“

„Es ist kein ehrliches Spiel.“

Die Männer, die so dumm waren, ihr Vermögen an Farley zu verspielen, weil sie versuchten, ein zweites Mal Made­leine sehen zu dürfen, merkten es nie. Niemand gewann sie zweimal an einem Abend.

„Dieser Teufel“, murmelte er. „Ich bin nie auf den Gedanken gekommen, mich nach Farleys Ruf zu erkundigen. Ich hätte es wissen sollen. Gut, ich werde einen Vorwand finden. Ich stehe in Ihrer Schuld, Sie sind eine wahre Dame.“

„Machen Sie mich nicht zu mehr, als ich bin, Sir. Ich bin nur das, was Sie in mir sehen.“

„Ich sehe in Ihnen eine der jungen Frauen im heiratsfähigen Alter. Eine erstklassige junge Dame.“ Mit sanfter Stimme sprach er weiter. „Ja, genau, das sind Sie. Eine erstklassige junge Dame.“

Ihr Gesicht glühte vor Scham. „Nein.“

Er versuchte, auf einem Bein stehend seine Hose anzuziehen, doch es gelang ihm nicht.

Made­leine wollte nicht, dass er schon fortging. „Lieu­te­nant?“

„Devlin, bitte.“

„Devlin. Wird England den Krieg gewinnen?“

Einen Moment lang hielt er inne. „Zweifellos. Ich glaube, es ist bereits so gut wie vollbracht.“

„Wellington wird dafür sorgen, nicht wahr? Und auch Sie alle, die mit ihm kämpfen, richtig?“

„Keine Sorge.“ Er strich mit einem Finger über ihre Stirn. „England wird fortbestehen.“

Sie streckte eine Hand aus und legte sie auf seine Wunde. „Lieu­te­nant?“

„Ja?“ Er stand nur da und schaute ihr in die Augen.

„Ich möchte Sie lieben.“ Während sie sprach, strich sie über seine Brust.

„Miss England, das ist nicht nötig.“

Made­leine griff hinter ihren Kopf und zog die Schleife auf, die die Maske hielt. Mit zitternden Fingern nahm sie sie weg, dann beugte sie sich vor. „Ich werde Sie lieben. Es wird mein Geschenk für Sie sein, weil Sie in den Krieg zurückkehren müssen.“ Mit einer Hand fuhr sie durch sein Haar, die andere ließ sie an seinem Körper entlang nach unten wandern. Farley hatte ihr beigebracht, wie man einen Mann berühren musste, um ihn zu erregen. Diesmal – bei Lieu­te­nant Devlin Steele von den First Royal Dragoons – verschaffte es auch ihr selbst Lust.

Leise stöhnte er auf. Sie legte die Hand um seinen Hinterkopf, dann zog sie Devlin zu sich, bis sich ihre Lippen berührten. Langsam ließ sie sich wieder auf das Bett sinken, und diesmal wollte sie diesen Soldaten wirklich lieben, diesen Mann, der bereit gewesen war, sie zu trösten.

Er drang unglaublich sanft in sie ein, und der Moment, der sonst bewirkte, dass all ihre Gefühle so lange erstarben, bis es vorüber war, bereitete ihr diesmal unerwartete Freude. Es machte sie glücklich, ihn in sich zu spüren, sie genoss jede Bewegung, jede Berührung durch seinen Oberkörper, jeden Atemzug auf ihrem Gesicht. Das einzige Geräusch, das sie hören konnte, war das keuchende Luftholen. Made­leine passte sich an seinen Rhythmus an, wobei jeder sanfte Stoß nur noch mehr Verlangen weckte. Devlin wurde schneller, im gleichen Maß steigerte sich ihre Begierde. Sie war sich sicher, dass sie vor Lust vergehen würde. In tausend funkelnde Stücke würde sie zerplatzen und diesem Leben entkommen, das zu führen sie gezwungen war. Für diesen kurzen Augenblick, den sie mit Lieu­te­nant Devlin Steele teilte, würde sie jener düsteren Zukunft entgehen, der sie letztlich nicht entrinnen konnte.

Als er gleichzeitig mit ihr den Höhepunkt erreicht hatte, ließ er sich zur Seite wegsinken, bis er neben ihr lag, das Gesicht ihr zugewandt, die Lider halb geschlossen. Ein Film aus feinen Schweißtropfen überzog seine glühend heiße Haut. Langsam ließ Made­leine den Blick über seine Gesichtszüge wandern, um sich das Aussehen dieses Mannes einzuprägen und nie wieder zu vergessen. Sie musste von ihrem Dragoner träumen können, der siegreich aus dem Krieg zurückkehrte, um sie aus diesem Dasein zu befreien. Sie musste sein Gesicht im Traum sehen können, morgen, übermorgen und an jedem folgenden Tag.

Dieser Traum sollte ihr Trost spenden, auch wenn sie wusste, er würde niemals Wirklichkeit werden.

„Oh, Miss England“, flüsterte er. „Ich danke Ihnen.“

Wieder küsste sie ihn und ließ dabei ihre Zunge spielen, um ihn zu kosten. Niemals wieder würde ihr der Geschmack von Brandy abscheulich vorkommen. Vielmehr würde er sie immer daran erinnern, wie er schmeckte. Sie atmete seinen männlichen Duft ein, sie schlang ihre Beine um seine, und als er sich aus dem Kuss löste und sich aufrichten wollte, drückte sie sich an ihn, bis sie ihn wieder berührte.

„Oh, wie schwer es doch sein wird, England zu verlassen“, meinte er grinsend. Sie strich mit einem Finger über sein Grübchen, während Devlin ihren Po fest umschloss. Es war außer Zweifel, seine Leidenschaft erwachte zu neuem Leben.

Als er ein zweites Mal in sie eindrang, hauchte Made­leine: „Lieu­te­nant Devlin Steele, ich werde Sie nie vergessen.“

2. KAPITEL

London, 1816

Devlin Steele sah von dem Blatt in seiner Hand auf. Beißender Qualm und gedämpftes Licht ließen den grellroten Samt im Spielsalon matt erscheinen. Er griff nach seinem Glas, stellte es aber gleich wieder hin. Die beträchtliche Menge Brandy, die er bislang zu sich genommen hatte, drohte seine Sinne zu benebeln.

Die Erinnerung an die Monate, die er wieder auf englischem Boden verbracht hatte, war so verschwommen wie die Gedanken, die ihm in diesem Moment durch den Kopf gingen. Es waren eigentlich nur bruchstückhafte Reminiszenzen. Da war sein Bruder, der gebieterische Marquess, der ihn aus dem verdreckten Behelfslazarett in Brüssel gerettet hatte. Die Tage, die er mal halb bei Besinnung, mal gänzlich bewusstlos in Heronvale verbrachte, immer umsorgt von seinen Schwestern. Dann die Genesung und die Flucht nach London, wo er mit allen angebotenen Möglichkeiten der Zerstreuung die Bilder voller Blut, Schrecken und Schmerz zu verdrängen versuchte. Bislang war es Devlin nur gelungen, seine vierteljährliche Zuwendung zu verspielen. Das Kapital, das er besaß, war an die Geldverleiher gegangen, doch im Moment waren seine Taschen gut gefüllt, was an Lord Farleys Tisch eine überraschende Tatsache darstellte.

„Ihr Einsatz, Steele?“ Farleys sonst so sanfte Stimme klang ein wenig gereizt. Mit einem Fuß klopfte er unablässig auf den Teppich.

Devlin starrte auf seine Karten und zwinkerte ein paarmal, um sich auf die Farben zu konzentrieren. Bis zu dieser Nacht hatte er einen großen Bogen um Farleys Spielhölle gemacht und ehrlichen Spielen den Vorzug gegeben, aber er sollte verdammt sein, wenn der Mann ihn nicht im White’s aufgespürt hatte. Allerdings war es abzusehen gewesen, fand Devlin, nachdem er überall in der Stadt mit seinem Geld nur so um sich geworfen hatte. Er flehte ja förmlich darum, ausgenommen zu werden. Für Farley war er damit ein perfektes Opfer.

Innerlich musste er lächeln. Farley hatte noch nicht gehört, dass der Pleitegeier längst über Devlin kreiste, da er verprasst hatte, was er verprassen konnte.

„Ich passe.“ Devlin würdigte sein Gegenüber kaum eines Blicks, sondern konzentrierte sich darauf, alle seine Sinne beisammenzuhalten. Zu wissen, dass Farley falsch spielte, verschaffte Devlin einen leichten Vorteil, aber er konnte nicht darauf bauen.

Allerdings waren die Karten zu gut. Farley versuchte wohl, ihn mit einer Glückssträhne zu ködern. Er setzte verhaltener, als es sein Blatt eigentlich erlaubte, und vermied es, die nachfolgenden Spiele zu verlieren. Farleys Miene wurde immer finsterer.

Gerüchten zufolge hatte Farley durch schlecht gewählte Geldanlagen ein Vermögen verloren, und durch Napoleons Verbannung nach St. Helena war seinem allseits bekannten, lukrativen Schmuggel ein jähes Ende gesetzt worden. Farley steckte bis über beide Ohren in Schulden, eine Situation, die einen Mann schnell verzweifelt reagieren lassen konnte – und verzweifelte Männer begingen Fehler. Das hatte Devlin im Krieg gelernt.

Tatsächlich spielte Farley zunehmend unbesonnen, während Devlin seine Spielmarken noch höher aufstapelte.

Als Farley in der nächsten Runde wieder die Karten gab, beobachtete Devlin aufmerksam dessen Gesichtsausdruck. Der Mann ging durchaus noch als gut aussehend durch, auch wenn sein rauer Lebenswandel an den Mundwinkeln und rund um die Augen tiefe Falten hinterlassen hatte. Mit seiner schmalen, fein geschnittenen Nase und dem von Grau durchsetzten blonden Haar besaß er etwas von der Erscheinung eines Aristokraten, der er der Herkunft nach sogar tatsächlich war. Allerdings hatten einige seiner Vorfahren, wahre Narren, das Vermögen der Familie durchgebracht. Die feine Gesellschaft mochte in Lord Farley keinen geeigneten Ehemann für die ebenso feinen Töchter mehr sehen. Doch in der Welt jener Gentlemen, die seinen Brandy, seine Spieltische und die mysteriöse Miss M. zu schätzen wussten, deren Dienste einige Auserwählte in Anspruch nehmen durften, war er gefragt wie kaum ein anderer.

Mit den Fingern klopfte Farley in einem nervösen Rhythmus auf den Tisch. „Steele, ich glaube, ich könnte Ihnen etwas Zeit mit unserer Miss M. zugestehen. Sie ist heute Abend ganz besonders reizend. Eine Jungfrau aus Spanien. Vielleicht erinnert sie Sie an Ihren Dienst in diesem Land.“

Über das Blatt in seiner Hand hinweg sah Devlin ihn an. „Ich verspüre nicht den geringsten Wunsch, an Spanien erinnert zu werden.“

Dann legte er die Karten auf den Tisch, und Farley wurde bleich.

Während er Devlin einen weiteren Stoß Spielmarken zuschob, lächelte er zwar bemüht, aber unter seinem rechten Auge zeigte sich ein nervöses Zucken. „Sie entsinnen sich vielleicht daran, dass Sie schon einmal Zeit mit Miss M. gewonnen haben, oder? Ich versichere Ihnen, ihre Figur ist so gut wie seinerzeit, und sie hat viel zu dem dazugelernt, was sie Ihnen damals bieten konnte.“

Devlin hatte sie nicht vergessen. Die Erinnerung an ihr reizendes Gesicht, das von dunklem Haar umrahmt blass gewirkt hatte, war ihm in mancher einsamen Nacht ein guter Gefährte gewesen, während die Briten auf den Angriff von Napoleons Armee warteten. Ihre Ausstrahlung und ihr Feingefühl waren faszinierender gewesen als alles, was andere junge Frauen in einem Salon ihm bieten konnten. Andererseits hatte er sich auch kaum mit der noblen Gesellschaft abgegeben. Bei Gott, er hatte zuvor nicht einmal einen Fuß ins Almack’s gesetzt.

Mit einem Lächeln auf den Lippen entgegnete Devlin: „Ich bin überzeugt, ich würde gern wieder ihre Bekanntschaft machen, Sir. Vielleicht in ein oder zwei Runden.“

Wie lange war es her, dass er bei ihr gewesen war? Drei Jahre? Oder länger? Es war gleich nach Maguilla gewesen. Wie war ihr Leben unter der Herrschsucht dieses Mannes verlaufen?

Schweißperlen bildeten sich auf Farleys Stirn. Der Mann steckte in Schwierigkeiten. Devlin setzte einen beträchtlichen Einsatz und musste sich zurückhalten, nicht in Lachen auszubrechen, als das Zucken unter Farleys Auge heftiger wurde.

In dem Moment, als die Karten aufgedeckt wurden, stieß der Mann rechts von Devlin einen Freudenschrei aus. Er war so sehr darauf konzentriert gewesen, Farley zu besiegen, dass er den anderen Mitspieler völlig vergessen hatte. Als Devlin nun die Hälfte seiner Spielmarken abgeben musste, schwor er sich, nicht noch einmal so nachlässig zu sein.

„Ich habe genug, Gentlemen. Ich sollte besser aufhören, ehe Barnes mir auch noch den Rest abnimmt.“

Barnes lachte schallend. „Das wär mir ein Vergnügen, Steele.“ Er sammelte seinen Gewinn ein, und Farley saß mit nur noch ein paar Spielmarken da, die allenfalls für einen winzigen Stapel gereicht hätten.

„Nächstes Mal“, meinte Devlin und erhob sich.

„Noch eine Runde.“ Farleys Stimme klang belegt und angespannt. „Verweigern Sie mir nicht die Möglichkeit einer Revanche, Steele. Eine Runde, um mehr bitte ich Sie gar nicht.“

Ihm diese Bitte zu verweigern wäre unhöflich gewesen. Also deutete Devlin eine leichte Verbeugung an und nahm wieder Platz. Eine weitere Runde würde ihn nicht arm machen, auch wenn der Verlust gerade eben durchaus geschmerzt hatte. Es wäre von Farley klüger gewesen, endlich aufzuhören. Ihm war das Gefühl für die Karten völlig abhandengekommen. Devlin bezweifelte, dass er überhaupt noch zum geschickten Falschspielen fähig war. Barnes wurde von seiner Glückssträhne angespornt und wollte sie unbedingt fortsetzen.

Es war ein zähes Ringen. Devlin setzte nur geringe Beträge ein, da er vor allem das behalten wollte, was er bislang gewonnen hatte. Doch die Karten, die er bekam, waren fast zu gut, um wahr zu sein. Lockte Farley ihn in eine Falle, oder sollte er tatsächlich so viel Glück haben?

Er warf alle Vorsicht über Bord und setzte eine beträchtliche Summe – und gewann.

Barnes war so guter Laune, dass er über seinen verlorenen Einsatz nur lachen konnte, da er nach wie vor führte. Farley dagegen sackte auf seinem Platz in sich zusammen und war kreidebleich geworden.

„Sie nehmen von mir einen Schuldschein an, Sir?“

Es war eine rhetorische Frage von Farley, dennoch erwiderte Devlin: „Aber selbstverständlich.“

Während Farley den Schuldschein ausstellte, sah Devlin sich im Raum um und spähte zu den düsteren Nischen, wo die wie spanische Huren ausstaffierten Mädchen sich um die Spieltische kümmerten.

„Soll sich Miss M. für Sie bereithalten?“, wollte Farley mit tonloser Stimme wissen.

Devlin dachte einen Moment lang nach und ließ erneut seinen Blick schweifen. War dieser Ort mit seinen Täfelungen und dem Brokat ihm vor drei Jahren tatsächlich so beeindruckend erschienen? Jetzt zumindest wirkte er auf ihn so schal wie der vergängliche Ruhm des Sieges.

Vielleicht war es besser, der relativen Ruhe auf der Straße den Vorzug zu geben und die mysteriöse Miss M. so in Erinnerung zu behalten, wie er sie damals erlebt hatte.

Plötzlich drang ein Aufschrei aus dem Nebenzimmer in den Salon. Die Tür ging auf, und ein beleibter Mann zerrte eine junge Frau herein, die ihn wütend mit Fausthieben und Tritten traktierte. Sie trug eine Maske.

„Lord Farley“, sagte der groß gewachsene Mann und warf ihm die Frau förmlich vor die Füße. „Sie ist wieder aufsässig.“ Sie suchte an der Tischplatte nach Halt, um aufzustehen. Selbstbewusst hob sie den Kopf an und strich mit ihren blassen, zarten Fingern das rote Seidenkleid glatt. Schwarze, zerzauste Locken umrahmten ihren sinnlichen Hals. Das Spitzentuch war verrutscht, es entblößte eine Schulter.

„Ich habe für so etwas keine Zeit“, knurrte Farley. „Was war es diesmal?“

„Sie hat sich einem Gast verweigert.“ Der Mann warf ihr einen verächtlichen Blick zu. „Sie hat ihn gebissen … an einer höchst unangenehmen Stelle.“

Die Frau, deren Gesicht halb von einer Maske aus rotem Leder verdeckt war, betrachtete den Lord trotzig. „Ich habe Sie gewarnt, dass ich das tun würde.“

Farley sprang von seinem Platz auf und gab ihr eine heftige Ohrfeige, die sie ins Wanken brachte.

„Zum Teufel!“, rief Devlin aufgebracht und konnte noch eben schnell genug aufstehen, um die Frau zu fassen zu bekommen, ehe sie der Länge nach hinschlug. Sie hielt beide Hände an ihr Gesicht gedrückt, während er ihre Taille umfasste, um ihr Halt zu geben. „Farley, ich muss protestieren. Das war äußerst schäbig von Ihnen!“

„Ich wäre froh, wenn Sie sich aus meinen Angelegenheiten heraushalten würden, Steele“, zischte Farley ihn an. „Sie haben hier nichts zu sagen.“

„Wenn Sie sie vor meinen Augen schlagen, beanspruche ich für mich das Recht einzuschreiten“, konterte Devlin. „Hören Sie sich lieber an, was sie zu sagen hat.“

Farley rieb sich das Gesicht. „Ich war ihr gegenüber nachsichtiger, als sie es verdient hat, und trotzdem widersetzt sie sich mir. Ich habe genug von ihr. Ihnen hat sie doch mal zugesagt. Nehmen Sie sie als Tilgung für meine Schulden.“

Nachdenklich strich Devlin die Strähnen zur Seite, die sich an ihrer Maske verfangen hatten. Er würde keine Frau derart behandeln. „Was sagen Sie, Miss England?“, flüsterte er ihr zu.

Einen Moment lang sah sie ihn verständnislos an, doch dann wurde ihr Blick klarer. Sie nahm die Arme herunter, sodass Farleys Handabdruck wie ein leuchtend rotes Mal auf ihrer Wange prangte. Ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht, dann schlang sie die Arme um seinen Hals.

Über ihren Kopf hinweg sah Devlin zu Farley. „Ihre Schuld ist beglichen, Sir.“

Eine halbe Stunde später lief Devlin vor Farleys Etablissement auf und ab und verfluchte seine Unbesonnenheit. Von einem Moment auf den anderen hatte er einen Teil seines Gewinns aufgegeben und sich zudem noch weitere Ausgaben aufgebürdet. Und das alles für eine Dirne, mit der er einmal ein angenehmes Intermezzo erlebt hatte. Im Geiste hörte er schon den Marquess tönen: „Bruder, wie oft muss ich dich denn noch dazu anhalten, mit Bedacht vorzugehen? Überlege erst, bevor du handelst.“

Aber er hätte Miss England auch nicht diesem Farley überlassen können. Vielleicht hatte sie ja irgendwo Verwandte. Sein Gewinn sollte genügen, um sie hinzuschicken, wohin sie wollte.

Wenigstens hatte ihm das Geld etwas mehr Zeit verschafft. Es waren nur noch zwei Monate, bis sein Bruder ihm die vierteljährliche Zuwendung auszahlte.

Zwei Gestalten in Mantel und Kapuze eilten durch die Gasse. Instinktiv behielt Devlin die beiden im Auge, da er wusste, dass man in dieser Gegend sehr schnell um seinen Gewinn erleichtert werden konnte. Es war durchaus denkbar, dass Farley versuchte, sein Geld zurückzubekommen. Unmittelbar vor ihm blieben die zwei stehen, eine von ihnen trug einen großen Handkoffer.

„Wir sind so weit, Mylord“, sagte eine vertraute Stimme, wobei ein anstrengendes Atmen zu hören war.

Devlin sah genauer hin, doch im Schein der Straßenlaterne war das Gesicht unter der Kapuze fast völlig verborgen. Außerdem hatte die Gestalt das Cape eng um sich geschlungen und trug unter dem Stoff irgendein Bündel mit sich. Dennoch gab es keinen Zweifel, dass er Miss England vor sich hatte.

„Wir?“, wiederholte er erstaunt.

„Sophie begleitet mich. Ohne sie gehe ich nicht fort.“ Die Kopfhaltung war genauso trotzig wie noch wenige Minuten zuvor gegenüber Farley. „Bitte. Wir müssen uns beeilen.“

„Sie ist Ihr Dienstmädchen?“ Im Geiste verdoppelte Devlin bereits die auf ihn zukommenden Ausgaben.

„Ja, aber sie ist vor allem meine Freundin.“ Nervös blickte sie um sich. „Wir müssen uns wirklich beeilen.“

„Beeilen?“

„Wir haben nicht Lord Farleys Erlaubnis eingeholt, dass Sophie mich begleitet, doch ich werde sie nicht bei ihm zurücklassen.“

Die andere Frau war so zierlich, dass der Handkoffer fast zu schwer für sie zu sein schien.

Devlin strich sich über die Stirn. Wie lautete dieses Sprichwort doch gleich? Wer A sagt, muss auch B sagen? Teufel auch! „Also gut, Miss England.“ Er hielt Ausschau nach einer Droschke. „Soll ich Ihnen das Bündel abnehmen?“

Augenblicklich zuckte sie zusammen. „Ich wäre Ihnen sehr dankbar, Sir, wenn Sie Sophie den Koffer abnehmen könnten.“

„Sicher. Sophie, gestatten Sie, dass ich das für Sie trage?“

Die Dienerin zögerte einen Moment lang und wich dann so vorsichtig zurück, als handele es sich um eine kostbare Last, die sie ihm nicht anvertrauen wollte. Er musste ihr den Griff fast mit Gewalt abnehmen. Überrascht stellte er fest, dass der Koffer so schwer war, als habe man ihn mit Felsbrocken gefüllt. Wie die zierliche Frau ihn hatte tragen können, war ihm ein Rätsel.

„Wo ist Ihre Kutsche, Sir?“, fragte Miss England, woraufhin Devlin zu lachen begann.

„Sie verwechseln mich mit meinem Bruder, dem Marquess. Vielleicht können wir irgendwo in der Nähe eine Droschke finden.“

„Lassen Sie uns bitte von hier verschwinden.“

Er ging voran, die beiden Frauen folgten ihm mit dem Abstand, den Inderinnen wahrten, wenn sie auf der Straße mit einem Mann unterwegs waren. Vielleicht hätte er sein Glück bei der Ostindischen Gesellschaft versuchen sollen. Dort konnte man sicher ein Vermögen verdienen, doch es zog ihn nicht in die Ferne – erst recht nicht mehr seit seiner Zeit in Spanien und Belgien. Tatsache war, dass er nicht wusste, was er eigentlich machen sollte.

Devlin warf einen Blick über die Schulter zu den beiden Schatten, die ihm folgten. Die Erinnerung an Miss Englands zarte Lippen und vorwitzige Zunge kehrte zurück.

Am Ende der Straße hielt eine Droschke an, und Devlin ging schneller, damit sie nicht davonfuhr. Er half den beiden Frauen beim Einsteigen, während der Kutscher den Koffer verstaute.

Nachdem Devlin seinen Begleiterinnen gegenüber Platz genommen hatte, fragte er: „Wohin soll der Kutscher Sie bringen?“

Das zierliche Dienstmädchen drückte sich an Miss England, die ihm zugewandt dasaß, deren Gesicht er aber kaum erkennen konnte. „Wir können nirgendwohin“, antwortete sie leise.

„Gibt es keinen Verwandten, der sich überreden lassen könnte, Sie aufzunehmen?“ Die Situation, in die er sich gebracht hatte, wurde immer verfahrener.

„Es gibt niemanden.“ Sie wandte sich ab, hielt den Kopf aber stolz erhoben. „Setzen Sie uns ab, wo es Ihnen genehm ist.“

Sollte er sie etwa irgendwo auf der Straße rauslassen? Man würde sie im Nu überfallen. Für wie viele Übernachtungen in einem Gasthaus würde sein Geld wohl reichen?

In diesem Augenblick stieß das Bündel in Miss Englands Armen einen leisen Schrei aus. Zwei kleine Arme befreiten sich aus dem Stoff und schlangen sich fest um den Hals der jungen Frau.

„Was ist das?“, fragte Devlin.

Das Cape rutschte ein Stück weit zur Seite, zum Vorschein kam ein kleiner Kopf mit dunklem Haar wie dem von Miss England. Das Kind drückte sich an sie und war im nächsten Moment wieder eingeschlafen.

„Dies ist meine Tochter“, erklärte sie mit bebender Stimme, die unsicher und trotzig zugleich klang. „Linette … England.“

„Mein Gott.“

„Ich wünschte, Sie könnten den Kutscher losfahren lassen“, sprach sie. „Wohin, ist mir gleich. Aber Lord Farley könnte es sich anders überlegen.“

Devlin gab dem Mann seine Adresse. Wohin sollte er zwei Frauen und ein Kind auch sonst bringen, wenn sein Verstand von Brandy und Müdigkeit zu benebelt war, um einen klaren Gedanken zu fassen?

In der Kutsche machte sich Schweigen breit. Miss England vermied ganz bewusst jegliche Unterhaltung, während Devlin den Mund hielt, da er sich über sein voreiliges Verhalten ärgerte.

Der fahle Lichtschein der Morgendämmerung durchdrang mühsam den Londoner Nebel, als die Droschke vor einem schlichten, schmucklosen Haus nahe der St. James’s Street anhielt. Devlins Wohnung befand sich im Randbereich des Bezirks, der zwar unmodern war, dafür aber auch günstigere Mieten bedeutete. Das Gebiet war bestens bekannt dafür, dass dort die Dirnen der feinen Gesellschaft zu Hause waren, und daher für einen Gentleman annehmbar.

Sein Gefolge stieg nach ihm aus der Kutsche aus, und die zierliche Dienerin nahm den Handkoffer an sich, ehe Devlin nach ihm greifen konnte. Unwillkürlich musste er lachen. Auf einen zufälligen Beobachter hätten die Frauen wie zwei Mätressen in männlicher Begleitung gewirkt – zumindest so lange, wie das Kind in Miss Englands Armen ruhig blieb.

Devlin ging zum Eingang, der auf halbem Weg zum Hinterhof lag.

Wenn Bart erst einmal zu sehen bekam, was er vergangene Nacht beim Kartenspiel gewonnen hatte! Und erst das Gesicht des Sergeants, wenn sie alle das Haus betraten! Schon allein deshalb würde sich diese Eskapade gelohnt haben.

Auf dem Schlachtfeld hatte Devlin ihm einmal das Leben gerettet, und seitdem war es für den älteren Mann zur Pflicht geworden, auf ihn aufzupassen. Die oberste von allen selbst auferlegten Aufgaben bestand darin, Devlins impulsive und überstürzte Art zu bändigen – was ihm ganz offensichtlich nicht gelungen war.

Lebe für den Augenblick, das war ein Credo, das gut zu Devlin passte, auch wenn es bei ihm mehr wie ein Fluch wirkte. Dieses Lebensmotto war der Grund, weshalb man ihn von einigen Schulen verwiesen hatte. Doch von dem Zeitpunkt an, als sein Vater ihm sein Offizierspatent kaufte, stand es dafür, einfach nur zu überleben. Nun dagegen bedeutete es, dass er zwei Frauen und ein Kind in seiner Obhut hatte.

Als er über die Schulter schaute, stellte er fest, dass die beiden ihm nicht gefolgt waren, sondern dort zurückgeblieben waren, wo sie die Droschke verlassen hatten. Sie standen da und sahen so verloren aus wie Obdachlose.

Devlin verfluchte sich. Sie nahmen offenbar an, er würde sie an dieser Stelle zurücklassen! Wann hatte er jemals einen Menschen in Not ignoriert? In seiner Jugend war es seine Angewohnheit gewesen, verlassene Tiere aufzulesen und nach Hause mitzunehmen, wo er sie dann vor seinem Vater hatte verstecken müssen.

Er ging zurück zu der Gruppe. Drei weitere herrenlose Geschöpfe, die er in seine Sammlung aufnehmen konnte.

„Hier entlang, wenn ich bitten darf.“ Abermals nahm er dem Dienstmädchen den Koffer aus der Hand. „Mein Zuhause ist zwar bescheiden, aber es wird genügen müssen.“

Miss England blieb wie angewurzelt stehen. „Sie müssen sich nicht diese Mühe machen, Lieu­te­nant.“

„Ach, Unsinn“, gab er zurück. „Wir werden schon eine Lösung finden. Die Straßen sind eindeutig zu gefährlich für Sie.“

Mit zögernden Schritten folgte sie ihm durch die schmale Gasse, dicht hinter ihr das Dienstmädchen. Der Himmel hatte sich bereits ein wenig aufgeklart und zeigte alle Anzeichen dafür, dass es ein wundervoller Tag werden würde.

Devlin klopfte an, und im nächsten Moment wurde die Tür geöffnet. „Guten Morgen, Bart“, sagte er gut gelaunt. „Ich darf doch annehmen, dass du nicht die ganze Nacht auf mich gewartet hast.“

„Nur die halbe Nacht. Danach wünschte ich dich zum Teufel, damit du …“ Die blassbraunen Augen wurden größer, als der Mann mit dem wettergegerbten Gesicht sah, dass Devlin nicht allein war.

„Ich habe Gäste mitgebracht“, meinte Devlin lächelnd und zog den Koffer ins Haus. Barts Miene war tatsächlich so unbezahlbar, wie er es erwartet hatte. „Obwohl … es sind eigentlich keine Gäste, sondern Schützlinge, würde ich sagen.“ Er trat einen Schritt zur Seite, um den Frauen Platz zu machen. „Bart, darf ich dir meine Schützlinge vorstellen?“ Er machte eine ausholende Geste. „Miss England und Sophie.“

Das Dienstmädchen machte einen Knicks, während Devlin seinen Diener amüsiert ansah und seinen Mantel auszog. „Wo sind deine Manieren, Bart? Nimm der Dame doch bitte den Umhang ab.“

Bart bekam den Mund nicht zu, tat aber das, was Devlin gesagt hatte.

Er drehte sich zu Miss England um. „Wenn ich Ihnen behilflich sein darf.“ Mit diesen Worten stellte er sich hinter sie und öffnete den Verschluss unter ihrem Kinn.

Als das Cape von ihren Schultern glitt, wimmerte das Kind in Miss Englands Armen leise im Schlaf.

„Mein Gott!“, rief Bart aus.

„Das ist Miss Englands Tochter … ähm …“

„Linette.“ Sie wandte sich zu Devlin um, der sie jetzt erstmals richtig betrachten konnte.

Sein Gedächtnis hatte ihn nicht im Stich gelassen. Ihr Gesicht war so liebreizend, dass es fast als erhaben zu bezeichnen war. Die Haut schimmerte wie edles Porzellan, wenn man von der nun leicht blau verfärbten Stelle absah, die Farleys Handabdruck erkennen ließ. Der Farbton ihrer Lippen war identisch mit dem einer Rose im Garten seiner Mutter. Ihr volles, mahagonifarbenes Haar fiel ihr wallend bis auf die Schultern und umrahmte auf vollkommene Weise ein makelloses Gesicht. Sie reagierte mit einem unerschrockenen Blick, ihre klug dreinblickenden blauen Augen spiegelten eine Mischung aus jugendlicher Unschuld und einem Wissen wider, für das sie noch viel zu jung schien.

Devlin verschlug es den Atem. „Ich … ich weiß gar nicht, wie Sie wirklich heißen …“, brachte er heraus, während es ihm vorkam, als würde sich beim Anblick einer solchen Schönheit seine Kehle zuschnüren.

Einen Moment lang hielt sie inne und betrachtete ihn eindringlich. „Mein Name ist Made­leine.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie flüchtig lächelnd hinzu: „Made­leine England.“

In diesem Moment entsann er sich des Gefühls ihrer nackten Haut auf seiner, er musste an ihre wunderbaren, vollen Brüste denken, an die Ekstase ihrer Leidenschaft. Während er sie ansah, wurde ihm augenblicklich bewusst, welche Wirkung sie auf ihn hatte.

Das schlafende Kind, das sie gegen ihre Schulter drückte, brachte ihn wieder zur Besinnung. Ein kleines Mädchen, das wie ein winziges Ebenbild der Mutter aussah und das ihn an die Wachspuppen seiner Schwester auf dem alten Spielzeugregal erinnerte.

Was zum Teufel sollte er bloß mit den Frauen und dem Kind machen?

Auf einmal begann Bart ausgelassen zu lachen. „Na, Dev, hast du dich wieder in die Brennnesseln gesetzt?“

Made­leine hob das Kinn ein wenig an und blieb ganz ruhig, als sie die beiden Männer betrachtete. Als ihr Blick durch Farleys Ohrfeige getrübt gewesen war, hatte sie geglaubt, sie hätte die Anwesenheit von Lieu­te­nant Devlin Steele nur geträumt. Bei Gott, sie hatte so oft von ihm geträumt. Doch als sie wieder klar sehen konnte, war er es tatsächlich gewesen.

Sie verstand nur zu gut, was sein Blick zu bedeuten hatte. Er wünschte sich, mit ihr das Bett zu teilen. Wie dumm sie gewesen war, zu vergessen, dass er sie aus diesem Grund gerettet haben musste. Er konnte nicht der tapfere und galante Dragoner aus ihren Träumen sein. Das war immer nur ein alberner Wunsch gewesen, auch wenn die Vorstellung, ihn hoch zu Ross vor sich zu sehen, ihr in mancher Nacht Trost gespendet hatte.

Vor allem in jenen Nächten, die Lord Farley in ihrem Bett verbracht hatte.

Der Lieu­te­nant fuhr sich durchs Haar und reagierte auf die Bemerkung von Bart. „Ich weiß noch nicht so recht, was ich tun soll.“

Sie war sich seines Handelns längst sicher. Er würde sie loswerden wollen, so schnell es nur ging. Dass sie Sophie und Linette mitgebracht hatte, konnte ihm nicht gefallen. Vielleicht hätte er sie bei sich behalten, wäre sie allein mitgekommen.

Doch der Gedanke war müßig, da sie ohne ihre Tochter und ihre Freundin niemals weggegangen wäre. Die beiden zählten auf sie.

Made­leine vermied es, ihm in die Augen zu sehen. „Wir werden Ihnen keine Umstände bereiten, Sir. Draußen ist es hell, ich bin mir sicher, uns wird nichts passieren.“ Sie griff nach ihrem Mantel. „Komm, Sophie.“

Die zierliche Frau musste von Herzen gähnen, ihr feines blondes Haar fiel ihr ins Gesicht. Bart fasste rasch nach ihr, als sie zu schwanken begann.

„Die Kleine ist todmüde“, wandte er ein.

Während Made­leine sich mit ihrem Mantel abmühte, stand der Lieu­te­nant da und rieb sich die Stirn. Das Kind wand sich in ihrem Arm und wimmerte, woraufhin ihr der Umhang aus der Hand glitt und zu Boden fiel. Sie versuchte, Linette zu beruhigen, indem sie sie sanft wiegte, wie sie es seit der Säuglingszeit des Mädchens getan hatte.

„Seien Sie nicht albern, Miss England.“ Er hob ihren Mantel auf und warf ihn weit genug weg, dass sie ihn nicht zu fassen bekommen konnte. „Sie haben selbst gesagt, Sie können nirgendwohin.“

„Das ist nicht Ihre Sorge.“ Sie versuchte, um ihn herumzugehen, um an ihren Mantel zu gelangen, doch er versperrte ihr den Weg und legte eine Hand auf ihren Arm. „Sie werden hierbleiben.“

Als sie sich aus seinem Griff wand, begann das Kind erneut kläglich zu jammern.

„Sehen Sie nur, was Sie angerichtet haben. Jetzt weint Linette“, sagte Made­leine vorwurfsvoll. Es fiel ihr leichter, auf ihn wütend zu sein, anstatt sich darüber Gedanken zu machen, wohin sie gehen sollte, sobald sie dieses Haus verlassen hatte. Was würde dort draußen mit ihrer Tochter geschehen?

Ich habe das angerichtet?“ Erstaunt sah er sie an. „Glauben Sie, Ihrer Tochter wird eher damit gedient sein, wenn ich zulasse, dass Sie fortgehen? Haben Sie genug Geld, um für sie zu sorgen?“

Nach wie vor konnte sie ihm nicht in die Augen sehen.

Sanft legte er eine Hand an ihr Kinn und hob ihren Kopf an, damit sie ihn anschaute. „Sie haben doch nicht mal genug Geld, um eine Droschke zu bezahlen, nicht wahr?“

Das Mädchen hörte auf zu weinen und starrte mit großen Augen den Mann an. „Oschke?“, fragte das Kind, für das das Wort „Droschke“ noch zu schwierig auszusprechen war.

Made­leine nutzte die Gelegenheit, um den Blick von Devlin abzuwenden und sich ihrer Tochter zu widmen. Panik beherrschte sie. Wohin sollten sie gehen? Auf keinen Fall zurück zu Farley, das war ausgeschlossen. Doch wohin dann? „Ich brauche Ihre Anteilnahme nicht.“

Er stellte sich so, dass er ihr wieder ins Gesicht sehen konnte. Dann sagte er deutlich leiser: „Da möchte ich Ihnen widersprechen. Wenn Sie zurückdenken, werden Sie sich daran erinnern, dass ich derjenige war, der einschritt, als Farley Sie schlug.“ Vorsichtig streckte er eine Hand aus, doch Made­leine wich vor ihm zurück, um seiner Berührung zu entgehen.

„Was hat das schon zu bedeuten? Es war nicht das erste Mal, dass er das tat.“

Sie durfte nicht glauben, dass sie ihm wirklich etwas bedeutete, ganz gleich, wie oft sie davon in den letzten Jahren geträumt hatte.

Das Kind wand sich in ihren Armen und drehte sich so zur Seite, dass es nach Devlins Fingern greifen konnte. Während die Kleine fröhlich gluckste, kam er näher und ließ es zu, dass sie an seinem Halstuch zog. Als er diesmal Made­leines Wange berührte, wich sie nicht zurück. Es gelang ihr einfach nicht, und ebenso wenig war es ihr möglich, ein Wort zu sagen.

„Er wird Ihnen nicht noch einmal wehtun“, versicherte er ihr mit ruhiger Stimme.

Wieder wurde aus Devlin der Held ihrer Tagträume. Aber wie sollte sie ihm glauben können? Da waren andere junge Männer gewesen, die versprochen hatten, sie zu beschützen. Entweder kehrten sie nicht zu ihr zurück, oder aber sie erwähnten nie wieder ihr Versprechen. Farley hatte dafür gesorgt. Wieso nur war er damit einverstanden gewesen, dass dieser Mann sie aus ihrem Elend befreite? War es womöglich nichts weiter als ein Trick?

Ein Blick in die Augen des Lieu­te­nants ließ eine Entschlossenheit erkennen, die zumindest wahrhaftig schien, selbst wenn es nicht so gemeint sein sollte. Sein Gesicht war das aus ihren Phantasien, die vor ihrem geistigen Auge auftauchten, wenn sie ihre Pflicht erfüllt hatte und sich allein in ihr Bett legen durfte. In diesen Träumen lächelte er stets, sein Grübchen schien ihr zuzuzwinkern.

Und jetzt war es wieder dieses gleiche Gesicht, das bei ihr Freude auslöste. Die Erinnerung an seinen sanften Kuss und an die Art, sie zu lieben, wurde wach und erregte sie. Zu träumen und sich zu erinnern, das war hinnehmbar. Aber Gefühle zuzulassen? Und zu hoffen? Nein, hoffen durfte sie nur, Linette und Sophie ernähren zu können, die zwei Menschen in ihrem Leben, auf die wirklich Verlass war, weil diese beiden Made­leine so nötig hatten.

Linette zog die Falten von Devlins Halstuch auseinander, während er sich noch ein Stück weiter vorbeugte. Seine Lippen kamen denen von Made­leine näher und näher, und sie spürte, wie ihr Herz heftiger zu schlagen begann.

„Ich habe dem Mädchen mein Bett gegeben“, hörte sie plötzlich Bart in entrüstetem Tonfall sagen, den Mann, der Devlins Diener zu sein schien.

Devlin erwiderte amüsiert: „Dein Bett, Bart? Das ging aber schnell.“

„Keine anzüglichen Bemerkungen, wenn ich bitten darf.“ So sprach doch kein Diener mit seinem Herrn! „Wenn du mir etwas Geld gibst, werde ich mich um etwas zu essen kümmern – und um Milch für die Kleine.“

Mit wenigen Schritten war Devlin am Tisch angelangt, wo er seine Taschen leerte. „Erfreuliche Neuigkeiten. Wir werden gut speisen können.“

Bart suchte ein paar Münzen heraus, den Rest schob er zurück zu Devlin. „Versuch, das nicht allzu schnell auszugeben.“ Nachdem er seinen Mantel vom Haken genommen hatte, ging er aus dem Haus und zog die Tür leise hinter sich zu.

„Ist er Ihr Diener?“, fragte Made­leine, der nicht entging, dass sie mit Devlin allein war.

Der schmachtende Ausdruck in seinen Augen wirkte so, als könne er ihre Gedanken lesen. „Mehr als das, würde ich sagen. Wir haben gemeinsam Spanien und Belgien hinter uns gebracht.“

„Belgien“, wiederholte sie leise. Nach den Neuigkeiten über Waterloo hatte sie tagelang die Listen der Toten studiert und schließlich voller Erleichterung geweint, als sie seinen Namen dort verzeichnet fand, wo man die Verwundeten aufführte.

Doch das zählte jetzt nicht. Nachdem sein Diener gegangen war, würde der Lieu­te­nant zweifellos erwarten, dass sie ihn für ihre Rettung entlohnte.

Ihr Herz pochte laut. Sie durfte in seiner Nähe nicht diese Zuneigung empfinden, sondern davon ausgehen, dass er so egoistisch und launenhaft war wie die anderen Männer. Made­leine veränderte Linettes Lage in ihren Armen, woraufhin die sich die Augen rieb und den Kopf gegen die Schulter der Mutter sinken ließ.

Devlin bewegte sich etwas weiter auf sie zu. „Das Kind muss Ihnen doch bald zu schwer werden. Kommen Sie, es ist Zeit, zu Bett zu gehen.“

Während er sie in sein Schlafzimmer führte, spürte er, wie das Blut durch seine Adern jagte. Bei Gott, diese Frau war noch begehrenswerter als bei jenem ersten Mal.

Er bemerkte ihren erschrockenen Blick und sah den Raum plötzlich mit ihren Augen. Es war ein beengtes Zimmer, möbliert mit einer altmodischen großen Kommode und einem ausladenden Himmelbett mit verschossenen Vorhängen. Seine alte Truhe stand in einer Ecke und quoll vor Kleidung über.

Ihr Blick ruhte auf dem Bett. Wie würde es wohl sein, mit ihr dieses Bett zu teilen und die Laken zu zerwühlen?

Nein, so ging es nicht. Made­leine wirkte, als würde sie jeden Moment zusammenbrechen. Das Mädchen, das sie seit fast einer Stunde an sich geklammert hielt, war sicherlich bereits fast drei Jahre alt und wog entsprechend viel. Viel länger würde sie nicht durchhalten können.

„Und wo soll Linette schlafen?“, fragte sie beunruhigt.

„Im Bett, wo sonst?“

Sie hob den Kopf und drehte sich zu Devlin um. „Mylord, ich bin bereit, Sie für Ihre Großzügigkeit zu bezahlen, aber ich muss darauf bestehen, dass Linette nicht im gleichen Zimmer untergebracht wird – und erst recht nicht im gleichen Bett!“

Verwundert sah er sie an. Hielt sie ihn tatsächlich für so rücksichtslos? Dachte sie wirklich, er sei so niederträchtig, ihre Lage auszunutzen?

Als er in ihre blauen Augen blickte, verschlug es ihm den Atem. Er ließ den Blick über ihren Körper wandern, bemerkte, wie eng sich das rote Seidenkleid an ihren Leib schmiegte und wie das Gewicht ihrer Tochter den Ausschnitt ein Stück weit nach unten zog. Made­leines Aufmachung war die einer Dirne, doch ihr Auftreten hatte etwas Königliches. Diese Mischung versetzte seine Sinne in einen Rausch, doch eine solche Reaktion kam zu einem denkbar ungelegenen Zeitpunkt, und er hatte nicht vor, sein Handeln dadurch bestimmen zu lassen.

Ein Lächeln mit einem Anflug von Bedauern umspielte seine Lippen. „Ich meinte damit, dass Sie und das Kind sich das Bett teilen. Nahmen Sie an, ich hätte etwas anderes im Sinn gehabt?“

Sie errötete und senkte den Blick. „Sie wissen doch genau, was ich dachte.“

Devlin stellte sich hinter sie und legte die Hände auf ihre Schultern. Die Locken des kleinen Mädchens kitzelten ihn an den Fingern. Einen Moment lang streichelte er ihre zarte Haut und atmete den Lavendelduft ein, den ihr Haar verströmte. Dann gab er ihr über die Schulter einen keuschen Kuss auf die Wange und dirigierte sie behutsam in Richtung Bett.

„Schlafen Sie gut, Made­leine.“

3. KAPITEL

Feuchte Kälte durchdrang Devlins Kleidung. Seine verdrehten Gliedmaßen wollten ihm nicht gehorchen. Der Schmerz nahm kein Ende und wurde mit jedem Atemzug nur noch schlimmer. Dazu kam der durchdringende, widerwärtige Gestank des verlorenen Blutes … und des Todes. Das Stöhnen der Sterbenden erfüllte die Nacht und wurde lauter und lauter, bis es zu einem schmerzhaften Heulen anschwoll – eine Mischung aus Angst, Entsetzen und Schmerz.

Ein Heulen, das über seine Lippen kam.

Er schreckte hoch, sein Herz raste, sein Atem ging keuchend. Langsam wurde das Bild vor seinen Augen deutlicher und ließ ihn ausgebleichte, rote Brokatvorhänge erkennen, die von der Sonne beschienen wurden. Aber was hatten Brokatvorhänge auf dem Schlachtfeld von Waterloo zu suchen?

Devlin setzte sich auf und erfasste allmählich den Mahagonitisch in der Ecke, darauf die Karaffe Portwein, den Kaminsims, auf dem eine Porzellanvase stand. Sein Rücken schmerzte von dem Versuch, auf dem kleinen Sofa den Rest der Nacht zu verbringen. Es war nur ein Traum gewesen. Er ließ den Kopf zwischen die angewinkelten Knie sinken und wartete, bis die beängstigenden Bilder verblassten. Hatte er im Schlaf aufgeschrien?

Wieder war ein Heulen zu hören, doch diesmal lag der Ursprung nicht in seiner Seele, sondern es drang aus dem Schlafzimmer.

Sofort sprang er vom Sofa auf und öffnete die Tür. Made­leine ging im Zimmer auf und ab, ihr kleines Mädchen an sich gedrückt. Linette schrie und strampelte. Ihm fiel auf, dass Made­leines Kleid zerknittert war, und es weckte sein Mitgefühl für sie. Vor Müdigkeit und Erschöpfung war sie wohl nicht mehr in der Lage gewesen, sich für die Nacht umzuziehen.

Das Kind weinte laut und gequält, woraufhin Made­leine ihre Schritte beschleunigte.

„Was zum Teufel ist hier los?“

„Sie hat Fieber“, erwiderte die junge Frau mit besorgter Miene.

„Sie ist krank?“ Devlins Kopf schmerzte, was dem übermäßigen Brandygenuss am Abend zuvor zuzuschreiben war.

„Ja, und sie hat auch Husten.“ Ihre Stimme versagte einen Moment lang. „Ich habe sie noch nie so krank erlebt.“

„Mein Gott!“, rief Devlin aus. „Wir müssen etwas unternehmen!“

„Ich weiß nicht, was.“ Tränen standen ihr in den Augen. Das Kind weinte unablässig weiter.

Mit einem kranken Kind hatte er nicht gerechnet. „Bart!“, rief er und lief zurück in den Salon. „Bart! Wo bist du?“

Sein Diener kam aus seinem Zimmer, gefolgt von Sophie, vor die er wie zum Schutz einen Arm hielt. Devlin reagierte gereizt auf diese Geste. Meinte Bart etwa, er sei eine Gefahr für junge Frauen?

„Was ist denn?“, fragte er.

„Das Kind ist krank, und wir müssen etwas unternehmen.“ Devlin stand mitten im Zimmer, weiter tat er nichts.

„Das Kind ist krank?“, wiederholte Bart wie ein Papagei und blieb reglos stehen.

„Linette!“ Sophie eilte an Bart vorbei zu Made­leine, die Devlin in den Raum gefolgt war, dann fühlte sie die Stirn des Kindes. „Sie glüht ja förmlich!“, rief sie erschrocken. „Maddy, setz dich hin. Komm, wir müssen etwas frische Luft an ihre Haut lassen. Mr Bart, könnten Sie uns bitte etwas kaltes Wasser und ein paar saubere Lappen bringen?“

„Saubere Lappen?“ Bart rührte sich noch immer nicht von der Stelle.

„Beeilen Sie sich!“

Auf Sophies Aufforderung hin setzte sich Bart in Bewegung und brachte den beiden Frauen, die sich um das Mädchen kümmerten, Wasser. Saubere Lappen zu finden war dagegen ein ganz anderes Thema. Schließlich holte er mehrere Handtücher und bat Sophie, sie möge sie nötigenfalls in Streifen schneiden. Sie tauchte eines der Tücher ins Wasser, wrang es aus und legte es dem Kind auf die Brust. Made­leine tupfte unterdessen mit einem weiteren Tuch der Kleinen die Stirn ab.

Fast schien es so, als würde sich das Kind beruhigen, doch bevor Devlin sich entspannen konnte, setzte es zu einem weiteren Hustenanfall an.

„Teufel auch“, flüsterte er so leise, dass es kaum zu hören war.

Voller Sorge sah Made­leine ihn an. „Ich versuche ja alles, damit sie ruhig wird, Mylord.“

„Ich habe mich gar nicht beklagt“, wandte er ein.

Tränen stiegen ihr in die Augen. „Ich weiß nicht, was ich noch tun soll.“

„Ich würde mich geehrt fühlen, Ihnen zur Hand zu gehen, wenn mich jemand darüber aufklärte, was ich machen soll.“ Niemand reagierte auf seine Bemerkung.

Made­leine schluchzte leise, während sie ein feuchtes Tuch auf Linettes Stirn drückte.

„Vielleicht versuchen wir, ihr Wasser zu trinken zu geben“, überlegte ihre Freundin.

Bevor Devlin etwas unternehmen konnte, hatte Bart bereits einen Becher mit Wasser gefüllt, den er Sophie reichte.

„Ich werde versuchen, ihr einen Schluck einzuflößen“, sagte Made­leine.

In diesem Moment ruderte Linette mit den Armen und stieß gegen ihre Mutter, die daraufhin das Wasser auf sie beide verschüttete. Schnell holte Devlin eine neue Tasse aus dem Schrank, füllte nur wenig ein und gab sie Made­leine.

„Versuchen Sie es mit kleineren Schlucken“, schlug er vor.

Zwar ließ sie nicht erkennen, dass sie ihn gehört hatte, doch diesmal schaffte sie es, dass das Kind etwas trank. Devlin nahm die Tasse an sich, um noch einmal einzuschenken, und erneut nahm Linette etwas zu sich.

Er empfand Stolz darüber, dass er sich so nützlich hatte machen können, doch dann wurde das Mädchen von einem erneuten Hustenanfall geschüttelt. Made­leine setzte sie auf ihre Knie und beugte sich vor, um ihren Rücken sanft zu tätscheln.

Fast umgehend erbrach das Kind das Wasser über Devlins Strumpf.

„Verdammt!“

Erschrocken rang Made­leine nun nach Luft, gleichzeitig griff Sophie nach dem feuchten Handtuch und kniete wie eine Sklavin vor Devlin nieder, um seinen Fuß abzuwischen. Bart sah ihn dabei so wütend an, als sei er allein für die schlechte Verfassung des Kindes verantwortlich.

„Genug, das reicht!“ Er wich vor Sophie zurück, die daraufhin in Tränen ausbrach und aus dem Zimmer rannte.

„Sieh nur, was du angerichtet hast. Du hast sie erschreckt“, meinte Bart vorwurfsvoll und folgte Sophie.

Devlin fasste sich an den Kopf. Er konnte wohl kaum damit rechnen, dass sein Diener ihm ein Heilmittel für seinen übermäßigen Alkoholgenuss aufsetzte.

Erneut begann das Kind zu weinen, was ihn an die Stimmen sterbender Soldaten erinnerte. Seine Knie zitterten so sehr, dass er fürchtete, die Beine würden unter ihm wegsacken. Der Albtraum von Waterloo hatte ihn eingeholt, obwohl er wach war. Damit einher ging der Schrecken, der viel zu echt gewesen war.

Während er sich bemühte, seiner Panik Herr zu werden, hastete er in sein Schlafzimmer und nahm ein frisches Paar Strümpfe aus der Truhe. Dann zog er den Mantel über und holte seine Stiefel aus dem Salon. Ohne ein Wort zu sagen – er wusste nicht, ob er in der Lage war, einen zusammenhängenden Satz zu sprechen –, verließ er die Wohnung und warf die Tür hinter sich zu.

Made­leine zuckte bei dem lauten Knall zusammen und wünschte Lieu­te­nant Devlin Steele dafür zum Teufel, dass er sie in einem solchen Augenblick im Stich ließ.

„Ging da gerade eben die Tür?“, fragte Bart, als er zu ihr zurückkam.

„Er ist fortgegangen“, meinte sie beiläufig.

„Hm“, machte der leicht untersetzte Mann und schürzte die Lippen.

Linette sank in einen unruhigen Schlaf. Ihr Körper glühte noch immer, und Made­leine konnte ihre Tochter einfach nicht loslassen.

Bart, der gut zehn Jahre älter als der Lieu­te­nant sein musste und einen unerschütterlichen Eindruck machte, betrachtete Linette mit einem sanften Ausdruck in den Augen. „Ma’am, würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich für einige Zeit das Haus verlasse? Ich glaube, wir benötigen verschiedene Dinge.“

Innerlich seufzte Made­leine. Es war einfach dumm, auf die Hilfe eines Mannes zählen zu wollen.

Allerdings … so ganz stimmte das auch wieder nicht. Immerhin hatte Devlin sie aus Farleys Klauen gerettet, was er nicht hätte tun müssen. Und er war durch nichts dazu verpflichtet, ihr auch weiterhin beizustehen. Jetzt würde er ganz sicher wollen, dass sie mit ihrem kranken Kind so bald wie möglich aufbrach. Doch den Gefallen würde sie ihm nicht erweisen. Stattdessen war sie entschlossen, so lange zu bleiben, bis es Linette wieder gut ging.

Sofern es ihr je wieder gut gehen sollte.

Sophie kam zu ihr. „Mr Bart ist fortgegangen. Glaubst du, sein Meister kehrt bald heim?“

„Lieu­te­nant Steele?“ Made­leine würde ihn nicht als Meister bezeichnen. „Das bezweifle ich. Linettes Unwohlsein hat wohl sein Missfallen erregt.“

„Geht es ihr besser? Sie ist so ruhig.“ Sophie beugte sich vor und strich mit den Fingern über den Lockenkopf der Kleinen.

„Sie schläft sehr unruhig, und das Fieber ist unverändert hoch.“ Mit dem feuchten Tuch tupfte Made­leine das Gesicht ihrer Tochter ab.

Als Sophie ziellos im Zimmer auf und ab ging, sah sie ihr nach, um sich abzulenken. Der Raum war so eingerichtet, dass er als Salon und als Esszimmer genutzt werden konnte, doch das einstmals moderne Mobiliar zeigte deutliche Abnutzungserscheinungen. Der Teppich war an manchen Stellen abgewetzt, und die gepolsterten Sitze der Stühle waren verblasst und geschlissen. Hatte Devlin nicht gesagt, sein Bruder sei ein Marquess? Vielleicht hatte die Familie mehr Titel als Vermögen.

Unwillkürlich musste sie an die Mahagonitische in Farleys Räumlichkeiten denken, die so poliert waren, dass man sich in ihnen spiegeln konnte. An die Sofas und Sessel, die mit teurem Samt bezogen waren. Nichts war dort fadenscheinig gewesen.

Linette bewegte sich, und im gleichen Moment galt Made­leines ganze Aufmerksamkeit ihrer Tochter. Es war nie gut, an diese Zeit zurückzudenken.

„Soll ich unsere Sachen auspacken?“, wollte Sophie wissen.

Wenn sie den Eindruck erweckten, sich häuslich niedergelassen zu haben, konnten sie vielleicht den Rauswurf aus Devlins Wohnung hinauszögern. „Ja, das wäre gut. Ich kann dir bloß nicht dabei helfen.“

„O Maddy, mach dir doch darüber keine Gedanken. Du hast schon alle Hände voll zu tun. Du solltest dich mit der Kleinen hinlegen.“

Ihre Arme schmerzten, da sie die ganze Zeit über ihre Tochter hielt, und sie hatte durch Linettes Weinen erst wenige Stunden geschlafen. „Ich glaube, du hast recht. Ich werde sie ins Bett des Lieu­te­nants bringen.“

Kaum war sie im Schlafzimmer angekommen und hatte sich aufs Bett gelegt, fiel Made­leine mit dem Kind in den Armen vor Erschöpfung in einen tiefen Schlaf.

Ein lautes Klopfen an der Tür ließ Made­leine hochschrecken. Sofort fühlte sie Linettes Stirn, doch die war immer noch sehr heiß.

„Wo ist das Kind? Ist das Fieber gesunken?“, hörte sie Devlin von nebenan rufen. „Ich habe einen Doktor geholt. Ich war bis Mayfair unterwegs, dabei hätte ich nur drei Häuser weiter fragen müssen!“

Die Tür ging auf, Devlin kam herein, begleitet von einem kleinen, lebhaft dreinblickenden Mann. Das musste der Arzt sein, den er für Linette geholt hatte.

Der Mann lächelte freundlich. Sein Mantel sah ein wenig schäbig aus, und die Ledertasche in seiner Hand war abgewetzt und ramponiert. Zielstrebig ging er zu Linette. „Ist das unsere kleine Patientin? Ich werde sie mir mal ansehen.“

Nach einer gründlichen Untersuchung erklärte er: „Ihr Hals ist entzündet, was unter normalen Umständen nicht weiter schlimm wäre. Doch ihr Fieber gefällt mir nicht. Wie lange hat sie das bereits?“

„Seit … seit heute Morgen“, stammelte Made­leine, die noch immer ein wenig überrumpelt dastand. Devlin war an ihrer Seite und hatte einen Arm um sie gelegt. Er drückte sie ein wenig an sich.

„Aha“, bemerkte der Mediziner und lächelte. „Es scheint mir ein kräftiges Kind zu sein. Ein Aderlass dürfte genügen, um das Fieber zu senken.“ Er durchsuchte seine Tasche, dann holte er ein kleines Behältnis heraus und entnahm mit einer langen Pinzette einen Blutegel.

„Halten Sie bitte ihren Arm fest“, wies er Made­leine an, die sich aufs Bett setzte und Linette auf den Schoß nahm.

Devlin blieb bei ihr stehen, obwohl er am liebsten davongelaufen wäre. Er musste an die Ärzte denken, die ihm derartige Kreaturen auf die Haut gesetzt hatten. Delirium und Schmerzen füllten diese Zeit aus, als die Egel ihn seinetwegen ruhig hätten vertilgen dürfen, damit er nichts mehr spürte.

Das Mädchen wird sich nach dem Aderlass besser fühlen, hielt er sich vor Augen. Ihm war es nicht anders ergangen.

Nach einer Weile hatte der Egel genug Blut herausgesaugt, und er löste sich vom Arm. Der Doktor legte ihn in das kleine Gefäß und packte seine Tasche zusammen. „Sie haben sich bis jetzt sehr gut um Ihre Tochter gekümmert“, sagte er zu Made­leine und nahm ihre Hand. „Verlieren Sie nicht den Mut. Ich verfüge über verschiedene Pulver, die auch noch helfen können.“

Made­leine nickte besorgt. Der Arzt warf Devlin einen vielsagenden Blick zu und bedeutete ihm, er solle ihm nach draußen folgen.

„Das Kind hat sehr hohes Fieber“, sagte er zu ihm, nachdem sie das Schlafzimmer verlassen hatten. „Es wird sich erst mit der Zeit zeigen, ob es sich davon erholt.“ Er gab dem Lieu­te­nant ein Päckchen mit verschiedenen Pulvern und erklärte ihm, wie sie einzunehmen waren. „Ich werde morgen wieder nach ihr sehen.“

Devlin drückte dem Mann ein paar Münzen in die Hand, dann begleitete er ihn zur Tür.

„Er hat Ihnen gesagt, dass keine Hoffnung besteht, richtig?“, fragte Made­leine, als Devlin zu ihr zurückkam.

„Die Wahrheit ist, er hat nichts in dieser Art gesagt“, antwortete er und versuchte ein Lächeln. „Er hat mir einige Pulver gegeben und mir erklärt, wie sie gemischt werden müssen. Morgen kommt er wieder her und sieht nach ihr.“

„Dann wird sie nicht sterben?“ Ihre Stimme zitterte.

Devlin stellte sich zu ihr und strich ihr ein paar Strähnen aus dem Gesicht. „Sie wird genesen. Sie sind übermüdet. Kommen Sie, setzen Sie sich. Ich bin mir sicher, Sie haben nichts gegessen.“ Er brachte ihr einen Stuhl. „Wo sind Ihre Freundin und Bart hin?“

„Sie heißt Sophie, Lieu­te­nant.“

„Und ich heiße Devlin.“ Mit der Fingerspitze tippte er leicht auf ihre Nase, dann sah er zu dem kleinen Mädchen. „Das Kind wird sicher ruhig schlafen.“

Das Kind heißt Linette.“

„Ich weiß“, gab er zurück. In diesem Moment hörte er die Tür zufallen, woraufhin er nach nebenan ging. Bart war soeben hereingekommen und trug verschiedene Holzteile.

„Was ist denn das?“, fragte Devlin verwundert.

Bart räusperte sich. „Ich war so frei, ein Bett für das Kind aufzutreiben, außerdem einen Schaukelstuhl. Die arme Kleine muss ja irgendwo schlafen.“

Devlin musste lächeln, da er von selbst nicht auf diese Idee gekommen wäre. Bart dagegen war ein praktisch denkender Mann. „Gut gemacht, mein Freund.“

„Ein Bett für Linette?“, fragte Made­leine, die in der Türöffnung stand.

„Aye, Miss. Und ein Schaukelstuhl, um sie zu wiegen.“

Sie sah Bart fast so an, als würde sie ihn verehren. Devlin spürte, wie ihm heiß wurde. O Gott, er war eifersüchtig … auf Bart. Er wollte, dass Made­leine nur ihm dankbar war, niemandem sonst.

„Du kannst das Bett für den Augenblick in unserem Zimmer aufbauen, Bart“, sagte er.

Sophie kam aus dem Raum, in dem Bart schlief. „Kann ich dir helfen, Maddy? Was soll ich tun?“

„Bereiten Sie für Made­leine etwas zu essen zu“, entschied Devlin und brachte sie zu dem kleinen Tisch, setzte sich ihr gegenüber hin und schenkte ihr ein Glas Portwein ein. „Das wird Sie wieder ein wenig zu Kräften bringen.“

Er war ihr so nah, dass Made­leine wieder den Duft wahrnahm, der sie in seinem Bett umgeben hatte. Die Falten in seinem Gesicht waren nun deutlich zu sehen und zeugten von den Jahren auf dem Schlachtfeld. Ihr Herz machte einen Satz. Er war dem Mann in ihren Träumen viel zu ähnlich.

„Trinken Sie“, forderte er sie auf und reichte ihr das Glas.

Made­leine gehorchte. Das süßliche Getränk wärmte ihre Kehle, doch Devlins Besorgtheit machte ihr Angst. Der Doktor musste ihm etwas Unheilvolles gesagt haben.

Er sprach weiter mit sanfter Stimme auf sie ein. „Wir werden Ihr Kind in das Bett legen, sobald Bart es zusammengebaut hat. Sophie kann sich um die Bettwäsche kümmern. Und Sie, Made­leine, müssen versuchen, zumindest ein wenig zu essen.“

Es dauerte nur wenige Minuten, dann ließ Bart sie wissen, dass das Bett bereit sei. Made­leine legte Linette hinein und deckte sie zu, schließlich kehrten sie an den Tisch zurück, auf den Sophie eben einen Teller mit einer dicken Scheibe Brot mit Käse gestellt hatte.

Made­leine aß, einfach weil sie nicht wusste, was sie sonst hätte tun sollen.

Als der Abend anbrach, entzündete Devlin die Kerzen im Schlafzimmer, um die Schatten zu vertreiben, die sich mit Einsetzen der Dämmerung breitgemacht hatten. Im sanften Schein des Kerzenlichts wirkte Made­leine sehr verwundbar, wie sie so neben Linettes Bett saß. Den ganzen Tag über war sie dem Mädchen kaum einmal von der Seite gewichen, doch es war ihr nicht zu verdenken. Die kleine Linette war ein reizendes Kind, und es schmerzte, sie leiden zu sehen.

„Gehen Sie heute Abend aus, Mylord?“, fragte Made­leine auf einmal.

Er stützte sich auf den Armlehnen ihres Stuhls ab und beugte sich über sie. „Ich heiße Devlin.“

„Also gut. Devlin.“ Sie sah wieder zu ihrer Tochter.

„Wie könnte ich ausgehen, wenn unser Kind krank ist?“, gab er zurück und zog für sich einen Stuhl heran.

„Sie sind nicht verpflichtet, mir Gesellschaft zu leisten. Ich werde Sie nicht davon abhalten, wenn Sie ausgehen wollen.“

„Unsinn“, meinte er.

Langsam wippte sie auf ihrem Schaukelstuhl vor und zurück. Devlin wünschte, er könnte sie davon überzeugen, dass alles gut ausgehen würde. Den ganzen Tag über hatte er es versucht, aber sie wollte seinen Beteuerungen nicht glauben.

Von nebenan hörte er Barts tiefe Stimme und musste verstohlen lächeln. Dass der alte Sergeant von einer so zierlichen Frau angetan war, empfand Devlin einfach nur amüsant, da sie so gar nicht zu ihm zu passen schien.

„Devlin?“ Made­leines Stimme war kaum lauter als ein Wispern. „Ich habe Ihnen noch gar nicht gedankt … dafür, dass Sie den Doktor holten, und dafür, dass … dass wir bleiben dürfen.“

„Verdammt, Made­leine. Haben Sie gedacht, ich würde Sie zu Farley zurückschicken?“

„Nein, natürlich nicht“, rief sie erschrocken aus.

„Natürlich nicht.“ Er strich über ihre Wange, dann lehnte er sich zurück, bis er seinen Stuhl nur noch auf den hinteren zwei Beinen balancierte. „Wie zum Teufel sind Sie überhaupt an diesen Farley geraten? Sie sind doch viel zu jung.“

„Ich bin alt genug“, widersprach sie.

„Unsinn, Sie haben gerade mal die Schule hinter sich.“

Sie warf ihm einen beleidigten Blick zu. „Ich bin achtzehn.“

„Achtzehn?“ Devlin erschrak so sehr, dass er beinahe mit seinem Stuhl nach hinten gekippt wäre. Linette regte sich im Schlaf und gab einen Laut von sich.

„Schhht“, machte Made­leine und streichelte das Kind, um es zu beruhigen.

„Mein Gott“, flüsterte er ungläubig. „Wie alt waren Sie, als ich zu Ihnen kam?“ Er konnte es selbst ausrechnen, doch er wollte das Ergebnis nicht wahrhaben.

„Ich war fünfzehn.“

„Verdammt!“, zischte er. „Dieser Mann ist ein verkommenes Subjekt.“ Aber Devlin hatte ebenfalls mit ihr das Bett geteilt. War er dann nicht genauso verkommen?

Sie sah ihn von der Seite an. „Sie halten mich für das unglückselige Opfer, Devlin. Stellen Sie mich nicht als so gut hin.“

„Sie haben sich ihm sicher nicht freiwillig angeschlossen.“ Nein, das würde er ihr nicht abnehmen.

„Ist das in irgendeiner Weise eine Angelegenheit, die Sie betrifft, Mylord?“

„Nicht im Geringsten“, entgegnete er. Dennoch würde ihn das nicht davon abhalten, der Sache auf den Grund zu gehen. „Warum haben Sie sich diesem verlogenen Lump angeschlossen?“

Sie seufzte. „Das ist eine unerfreuliche Geschichte, die kaum jemanden interessieren würde.“

„Mich schon“, beharrte er.

„Wie Sie meinen, Mylord.“ Made­leine hielt kurz inne und strich über Linettes Haar. „Er verführte mich, mein Ruf war ruiniert. Was hätte ich noch machen sollen?“

Aus ihrem Mund klang es derart belanglos, als habe ihr Kleid einen Fleck abbekommen. Dabei war Farley gut und gerne vierzig. Ein so junges Mädchen zu verführen, das … das war abscheulich! Devlin hätte sie schon damals vor diesem grässlichen Leben bewahren sollen.

Sie zog Linettes Bettlaken zurecht, wobei die hinter ihr stehende Kerze ihr Profil als Silhouette zeigte. Beim Anblick ihrer Schönheit stockte ihm einmal mehr der Atem, doch dann besann er sich eines Besseren. Das Leben ihres Kindes war in Gefahr, und er durfte in einem solchen Moment nicht darüber nachdenken, wie schön sie war und was er am liebsten mit ihr gemacht hätte.

„Sie wird genesen, Made­leine“, versicherte er ihr. „Sie müssen keine Angst haben.“

Eine Weile schaukelte sie mit ihrem Stuhl vor und zurück, dann auf einmal fragte sie: „Devlin, glauben Sie, Gott bestraft die Sünder?“

4. KAPITEL

Plötzlich wurde Devlin wach und schreckte hoch. Er war auf seinem Stuhl eingeschlafen. Die Kerzen waren längst erloschen, und durch die Fenster drang der erste Vorbote der Morgendämmerung ins Zimmer. Made­leine saß da und hielt ihre reglose Tochter in den Armen.

„Mein Gott, ist sie …?“ Nein, er konnte es nicht aussprechen.

„Sie schläft.“

Devlin hatte das Gefühl, als sei ihm das Herz für einen Augenblick stehen geblieben.

„Sie hat das Fieber überwunden“, fuhr sie leise fort. „Ich dachte, ich würde sie verlieren. Verdient hätte ich das.“

„Unsinn.“ Erleichtert streckte er sich. „Dann hat sie ihre Erkrankung überstanden?“

Made­leine nickte, Tränen liefen ihr über die Wangen.

Während sie voller Angst Wache gehalten hatte, war er einfach eingeschlafen. Was war er doch für ein nutzloser Trunkenbold! Er stand auf und strich behutsam über das dunkle Haar des Mädchens, dann gab er der Mutter einen Kuss auf die Stirn. „Jetzt können Sie sich auch zur Ruhe legen. Ab ins Bett, Made­leine. Das Kind kann bei uns schlafen.“

Er half ihr aufzustehen und führte sie zum Himmelbett, woraufhin sie ihn ansah, als wolle sie protestieren.

„Denken Sie bloß nichts Falsches“, meinte er grinsend. „Ich bin viel zu müde, um mich jetzt noch meiner Kleidung zu entledigen, und Ihnen geht es nicht anders. Wir werden alle Formen des Anstands wahren.“

Made­leine zog ihre Schuhe aus und legte Linette aufs Bett. Devlins Stiefel lagen bereits in irgendeiner Ecke, ebenso die Jacke und die Weste. Er schlug die Bettdecke auf, damit Made­leine sich hinlegen konnte. Nachdem er selbst im Bett lag, zog er sie an sich, dann war er auch schon eingeschlafen.

Als Made­leine viel später aufwachte, war ihr sofort klar, dass sie allein im Bett lag.

Wo war Linette?

Mit einem Satz war sie aus dem Bett und lief ins Nebenzimmer, wo sie ihre Tochter entdeckte: Devlin hatte sie auf dem Schoß, und sie zog an seiner Nase. Er drehte den Kopf zur Seite, um einem weiteren Angriff zu entgehen, dabei entdeckte er Made­leine. „Oh, guten Morgen, Schlafmütze.“

„Daddys Nase!“, rief die Kleine, die mit ihm am Frühstückstisch saß.

„Möchten Sie auch etwas essen, Miss?“, fragte Bart und zog für sie einen Stuhl zurück.

Sophie hatte auf einem Stuhl auf der Seite des Tischs Platz genommen, die der Kochnische zugewandt war. Sie wirkte noch zierlicher und kindlicher als am Tag zuvor. Auf einmal sprang sie von ihrem Platz auf und verschwand in die Spülküche.

„Unser Mädchen hat sich prächtig erholt, nicht wahr, Maddy?“

Devlin zu hören, wie er „unser Mädchen“ sagte, ließ ihr Herz einen Satz machen. Ihr entging auch nicht, mit welch vertrautem Tonfall er sie Maddy nannte.

„Sie macht einen guten Eindruck“, pflichtete sie ihm bei.

„Mama!“, rief Linette und kletterte in aller Eile von Devlins Schoß, um zu Made­leine zu laufen. „Hab Daddys Nase“, erklärte sie stolz.

„Das habe ich gesehen, mein Liebling.“ Sie küsste ihre Tochter auf den Kopf, dann fühlte sie ihre Stirn, die wieder normale Temperatur hatte.

Bart trug ein Tablett mit einer Teekanne herein, Sophie brachte einen Teller mit Biskuits. Der Sergeant goss Made­leine eine Tasse ein. „Möchtest du auch Tee, Dev?“

Devlin nickte und sah zu Made­leine. „Maddy, wie sehen Sie aus? Dieses schreckliche Kleid.“

Sie senkte den Blick und betrachtete die zerknitterte rote Seide.

„Soll Bart Ihnen ein Bad einlassen? Wir haben hier doch irgendwo eine Wanne, oder, Bart?“

„Ich glaube, ja“, erwiderte der und holte den Zuber, um ihn in das Schlafzimmer zu tragen. Sophie setzte bereits den Wasserkessel auf, obwohl Made­leine noch nicht mal wusste, ob sie überhaupt baden wollte.

Bart und Sophie trugen im Wechsel Eimer zur Wanne und füllten sie auf, und sogar Linette half mit, auch wenn aus dem kleinen Krug mehr Wasser auf dem Boden als in dem Zuber landete. Nur Made­leine durfte nicht mithelfen, doch sie fühlte sich unbehaglich, weil sie nicht fand, dass sie so verwöhnt werden sollte.

Schließlich zogen sich Bart und Sophie mit Linette zurück, lediglich Devlin blieb bei ihr. In diesem Augenblick verstand sie.

„Soll ich für Sie die Kammerzofe spielen?“, fragte er mit samtweicher Stimme, während er die Tür schloss.

Der Zeitpunkt war gekommen, um sich bei ihm erkenntlich zu zeigen. Farley hatte ihr beigebracht, wie sie das bewerkstelligen musste.

Sie warf Devlin einen ernsten Blick zu, dann ging sie langsam zur Wanne. „Wie Sie wünschen, Sir.“

Wie eine Katze auf der Jagd pirschte er sich an sie heran, während sie ihm den Rücken zuwandte und ihre Locken hochhob, damit er mit flinken Fingern die Schnüre ihres Kleids aufziehen konnte. Sie erinnerte sich daran, wie er das vor vielen Jahren schon einmal gemacht hatte – obwohl sie zugegebenermaßen etwas nachhelfen musste –, und ihr ganzer Körper schien seinen Widerstand zu verlieren. Im nächsten Moment spürte sie, wie er die Hände unter das Kleid schob und über ihre Haut gleiten ließ.

Der zerknitterte Seidenstoff sank zu Boden, und nun war Made­leine an der Reihe. Sie war jetzt völlig nackt, und sie wusste, was Devlin erwartete. Langsam drehte sie sich um.

Wie nicht anders zu erwarten, genoss er ihren Anblick, aber sie spürte, wie ihr Herz zu rasen begann, als ihr bewusst wurde, welch erregende Wirkung sie auf ihn hatte. Und sie spürte Verlangen nach diesem Mann.

Dies ist der falsche Augenblick, um die Kontrolle über sich zu verlieren, ermahnte sie sich. Bereits damals war sie der Ekstase erlegen, als Devlin sie geliebt hatte. Sie musste sich vor ihm abschirmen, vor ihren Gefühlen, so wie sie es stets gemacht hatte, um die Besuche der Männer zu ertragen, die Farley ihr schickte. Wenn sie die mysteriöse Miss M. war, dann konnte niemand sie verletzen, demütigen oder betrügen, denn die mysteriöse Miss M. verspürte keinerlei Gefühlsregung.

Der Devlin aus ihren Tagträumen war nicht der gleiche Mann, der jetzt vor ihr stand, ihren Bauch streichelte und ihre Brüste küsste. Dieser Illusion würde sie sich nicht hingeben, ganz gleich, welche Zärtlichkeiten er ins Spiel bringen wollte. Letztlich ging es allen Männern doch nur um ihre eigenen Bedürfnisse, und sie wollten für jede kleine Gefälligkeit bezahlt werden. Verweigerte man ihnen ihren Lohn, konnten sie sich von einer sehr grausamen Seite zeigen.

So war es auch nach jener traumhaften Nacht mit Devlin vor vielen Jahren gewesen. Nach seinem Besuch war Farley zu ihr gekommen, um sich mit ihr zu vergnügen. Sie hatte sich geweigert, woraufhin er in Wut ausgebrochen war, die ihr blaue Flecken und Schmerzen eingebracht hatte. Danach war er auf eine seiner rätselhaften langen Reisen gegangen, und bei seiner Rückkehr hatte sie bereits gewusst, dass sie ein Kind in sich trug.

Obwohl Devlins Berührungen sie beinahe überwältigten, blieb sie ruhig stehen, entschlossen, ihn dafür zu bezahlen, dass er sie, Sophie und ihr Kind aus Farleys Fängen befreit hatte. Sie würde sich erkenntlich zeigen, aber empfinden würde sie dabei nichts.

„Soll ich Ihnen nun Vergnügen bereiten, Mylord?“, fragte sie mit einem samtenen Tonfall in der Stimme, den sie oft genug geübt hatte.

„Mir Vergnügen bereiten?“, wiederholte er verblüfft.

„Ja, ich möchte Ihnen Vergnügen bereiten“, bestätigte sie und ließ ihre Finger über seine Brust kreisen. „Sagen Sie mir, was ich tun soll.“

Er ergriff ihre Hand und betrachtete fragend ihr Gesicht. „Was zum Teufel soll …“

Made­leine lachte auf die kehlige Art, die Farley ihr beigebracht hatte. „Oh, soll ich lieber verrucht sein? Ich kann verrucht sein, Mylord, wenn Sie das wünschen.“

Ungläubig starrte er sie an.

„Stimmt etwas nicht, Mylord?“, fragte sie und tat so, als fühle sie sich gekränkt. „Ich tue alles, was Sie wünschen.“

„Hören Sie schon auf, Maddy“, gab er schroff zurück.

„Seien Sie nicht verärgert“, sagte sie und drückte sich an ihn. „Ich will nicht, dass Sie unzufrieden sind.“

Sein ganzer Körper versteifte sich. „Und ich will nicht dieses Spiel spielen. Wir sind hier nicht in Lord Farleys Etablissement, Miss M.

„Ein Spiel?“ Sie setzte sich auf die Bettkante und schaute verwirrt drein.

„Sie benehmen sich wie eine Dirne“, sagte er wütend.

„Aber genau das bin ich doch“, entgegnete sie ratlos, während sie nach dem Bettlaken griff, um ihre Blöße zu bedecken.

Devlin zog ihr das Laken aus den Händen, und bevor sie protestieren konnte, hatte er sie vom Bett gehoben und setzte sie in das lauwarme Badewasser.

„Wie können Sie es nur wagen?“, brauste sie auf, bis ihr einfiel, dass Männer es nicht mochten, wenn man ihnen gegenüber zornig agierte.

Er beugte sich so plötzlich über sie, dass sie nicht anders konnte, als vor ihm zurückzuweichen, da sie sich vor seiner Reaktion auf ihren Wutausbruch fürchtete. Höchstens einen Zoll war sein Mund von ihrem entfernt.

Beängstigend leise sagte er dann: „Sie können mich nicht zum Narren halten, Maddy. In Wahrheit begehren Sie mich so sehr, wie ich Sie begehre.“ Ehe sie sich versah, hatte er kehrtgemacht und das Zimmer verlassen. Die Tür knallte ins Schloss.

Made­leine brach in Tränen aus, wusste aber nicht, ob es daran lag, dass sie ihn verärgert hatte, oder daran, dass seine letzte Bemerkung zutreffender nicht hätte sein können.

„Kannst du es passend machen, Sophie?“, fragte Made­leine, als sie nach dem Bad ein anderes Kleid anprobiert hatte.

Ihre Freundin zog an dem Stoff, schließlich erklärte sie: „Es ist zu klein, Maddy. Ich kann an den Nähten nichts mehr auslassen.“

„O nein“, murmelte sie.

Die Haustür fiel ins Schloss, Schritte waren im Zimmer nebenan zu hören. „Bart! Bart?“

Made­leine spürte, dass sie kreidebleich wurde. Devlin war zurück!

„Wo sind denn alle?“, rief er, als er ins Schlafzimmer kam.

Sofort wich Sophie in eine Ecke zurück, während Made­leine sich auf das Schlimmste gefasst machte. Zu ihrem Erstaunen ging er vergnügt auf sie zu, hob sie hoch und drehte sich mit ihr um die eigene Achse.

„Ich habe eine Überraschung für uns. Wo ist Bart?“

„Hier bin ich, Dev.“ Er stand an der Tür und hielt mit einer Hand Linette fest, die an ihrem Daumen lutschte.

Devlin ließ Made­leine los. „Wir ziehen um, jetzt sofort. Wir müssen packen.“

„Hast du es etwa geschafft, dass man uns aus dieser Wohnung wirft?“, wollte Bart argwöhnisch wissen.

„Aber nein.“ Devlin gab ihm einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter. „Ich habe eine Wohnung gemietet, die groß genug für uns alle ist.“

Für uns alle? Made­leine legte die Hände ans Gesicht. Wollte er sie denn nicht fortschicken?

„Das musst du schon etwas genauer erklären, Freund“, forderte Bart ihn auf.

„Es ist mir gelungen, Madame LaBelmondes Wohnung zu übernehmen“, verkündete er. „Zwei Schlafzimmer im ersten Stockwerk, zwei im Erdgeschoss, ein Salon, ein Esszimmer und eine richtige Küche!“

„Und eine beträchtliche Miete, darf ich annehmen“, kommentierte Bart die Schilderung.

Devlin schüttelte den Kopf. „Nichts, was über unsere Verhältnisse hinausgeht, sobald ich meine vierteljährliche Zuwendung erhalten habe.“

„Und wie bezahlen wir bis dahin das Appartement?“

Bevor er antwortete, zwinkerte er Made­leine vergnügt zu. „Ich habe die erste Monatsmiete auf die Würfel gesetzt und gewonnen. Und mit meinen jüngsten Gewinnen sollte auch die zweite gesichert sein.“

„Sie haben die Miete im Glücksspiel eingesetzt?“ Made­leine rang erschrocken nach Luft.

„Was hätte ich sonst mit meiner Zeit anfangen sollen? Karten spielen?“ Devlin blickte zufrieden drein. „Es wird uns sehr gut gehen, das verspreche ich.“

Made­leines Interesse galt aber nicht nur den Unkosten für die neue Wohnung. „Wer ist Madame LaBelmonde?“

„Eine gute Nachbarin.“

„Gut?“

„Ja, tatsächlich. Sie hat einen neuen Gönner gefunden, Lord Tavenish, wenn ich mich nicht irre. Er hat ihr ein Stadthaus gekauft, und sie lässt ihre Möbel zurück.“

„Lord Tavenish“, wiederholte Made­leine langsam. Er war ein häufiger Gast in Farleys Etablissement, deutlich über fünfzig, mit schlaffer Haut, stets von einem säuerlichen Geruch umgeben. Konnte ein solcher Mann ein Stadthaus wert sein?

Bart atmete heftig aus. „Nun, was geschehen ist, ist geschehen.“

„So ist es“, gab Devlin zurück. „Wir dürfen keine Zeit verlieren. Es gibt bereits einen möglichen Mieter, der sich für diese Wohnung hier interessiert.“

„So schnell?“, wunderte sich Bart.

„Die Sache ist vollständig geregelt. Ich habe den Eigentümer dieses Hauses aufgesucht und mich mit ihm einigen können. Wenn wir heute noch ausziehen, verzichtet er auf die Begleichung unserer Schuld.“

Linette ließ Barts Hand los und stolperte mit ausgestreckten Armen hinüber zu Made­leine. „Hoch, Mama.“ Bart machte auf der Stelle kehrt und murmelte etwas von Temperament und davon, dass er sich an die Arbeit machen müsse. Sophie zog sich ebenfalls zurück.

Als sie allein waren, drehte sich Devlin so freudestrahlend zu ihr um, dass ihr der Atem stockte. Schnell wandte sie sich ab und begann, seine Kleidung in die Truhe zu sortieren. „Sie haben diese größere Wohnung gemietet, damit wir dort Platz haben?“ Sie wollte es einfach nicht glauben. Es musste irgendein Missverständnis vorliegen.

Er legte die Hände auf ihre Schultern und drehte sie zu sich, bis er ihr wieder in die Augen sehen konnte. „Ja, so ist es. Auf diesem beengten Raum hier geht es auf Dauer nicht.“

„Sie sind nicht dazu verpflichtet, uns ein Zuhause zu geben“, erwiderte sie und senkte den Kopf, um seinem Blick auszuweichen, doch er schob einen Finger unter ihr Kinn und hob es sanft an.

„Doch, das bin ich.“ Auch wenn er es selbst nicht verstand, fühlte Devlin sich für die drei verantwortlich. Was sollte sonst auch aus ihnen werden? „Sie haben selbst gesagt, dass es niemanden gibt, an den Sie sich wenden könnten.“

Wieder sah sie nach unten.

„Made­leine, Sie sind nicht meine Gefangene. Wenn es Ihr Wunsch ist zu gehen, dann steht es Ihnen frei, das zu tun.“

„Ich möchte nicht gehen. Und Sie haben recht. Wir könnten nirgendwo sonst hingehen.“ Ihre Stimme versagte.

„Wir wollen nicht jetzt darüber reden. Es gibt noch viel zu tun.“

Er sah ihr zu, wie sie sich abwandte und Linette ein Kleidungsstück gab. „Leg das für mich in die Truhe, ja?“

Ihm fiel auf, dass die Schnürbänder am Rücken ihres Kleides offen waren. „Lassen Sie mich Ihnen helfen“, sagte er und stellte sich hinter Made­leine.

„Das nützt nichts“, gab sie zurück und wich ihm aus. „Das Kleid passt mir nicht mehr.“

„Dann ziehen Sie ein anderes Kleid an. Ich werde das Zimmer verlassen, wenn Sie ungestört sein möchten.“

Den Blick auf ihre Tochter gerichtet, die wie ihr kleines Ebenbild aussah, erklärte sie: „Ich habe kein anderes Kleid.“

„Nicht?“

„Da ist nur noch das schreckliche rote. Sophie hat es gewaschen, aber es wird noch nicht trocken sein. Und aus diesem hier muss ich herausgewachsen sein, seit ich es das letzte Mal trug.“

Devlin betrachtete das Kleid, dessen Schnitt tatsächlich schon lange aus der Mode war und das für sein Empfinden recht mädchenhaft wirkte. „Das dürfte lange her sein.“

„Es war der Tag, an dem Farley mich nach London brachte.“

Ihr angespannter Tonfall war nicht zu überhören. Wie hatte sie bloß in Farleys Gewalt geraten können? „Sie haben nur ein weiteres Kleid mitgenommen?“

„Ich wollte keines von den Gewändern, die Farley mir gegeben hat.“

Überrascht fuhr Devlin sich durch die Haare. Dass er auch noch für sie eine passende Ausstattung kaufen sollte, damit hatte er nicht gerechnet. Mussten Sophie und Linette ebenfalls eingekleidet werden?

Made­leine sah ihn ernst an. „Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Sophie wird schon einen Weg finden, das Kleid zu ändern, damit es mir wieder passt. Sie ist gut in solchen Dingen. Sollte ich bis dahin aus dem Haus gehen müssen, werde ich meinen Umhang tragen. Er verdeckt alles.“

„Wir werden Ihnen eine neue Garderobe beschaffen, Maddy“, erwiderte er.

Nach einem letzten Blick in seine Richtung ging sie zu Linette.

Später an diesem Tag begutachtete Made­leine zusammen mit ihrer Tochter die neue Wohnung. Linette plapperte drauflos, während sie darauf achtete, weder Devlin noch Bart im Weg zu stehen, die beide Truhen und Kisten hereintrugen.

Made­leine betrat den Salon, wo sie ihre Finger über das glänzende Mahagoni und die seidenen Polsterbezüge gleiten ließ. Sie stellte sich vor, wie sie auf dem Sofa saß, während Devlin es sich im Sessel bequem gemacht hatte und eine Zeitung vom Tage las. Linette spielte zu ihren Füßen mit einer Puppe. Sie sollte eigentlich auch etwas tun, anstatt nur dazusitzen – nur was? Sticken konnte sie nicht, da verhedderten sich jedes Mal die Fäden, und sie hatte nicht aufgepasst, wie man richtig nähte, sodass sie auch nichts flicken konnte.

Sophie kam zu ihr und war derart guter Laune, dass ihr sonst so blasses Gesicht rosig leuchtete. „O Maddy, das sind die herrlichsten Zimmer, die ich je gesehen habe. Glaubst du, wir können wirklich bleiben? Sieh dir nur diese Möbel an. Solche schönen Tische würde ich zu gern polieren.“

Gedankenverloren sah Made­leine sie an, ohne etwas darauf zu erwidern. Sie wusste einfach nicht, ob sie tatsächlich hier würden bleiben können.

Am Abend half Devlin dabei, Linette ins Bett zu bringen. Als die Kleine schließlich zugedeckt war, drückte er Made­leine an sich. „Sie ist wundervoll, Maddy.“

„Sie bedeutet mir alles.“ Ihre Stimme bebte.

Made­leine ließ den Kopf an seine Schulter sinken. Sein starker Arm fühlte sich so gut an, dass sie sich vorstellen konnte, Devlin würde zu ihr gehören und sie würden liebevoll ihr gemeinsames Kind betrachten und …

Nein, sie durfte sich nicht diesem Wunschtraum hingeben. Stattdessen musste sie sich vor Augen halten, dass Devlin sie wie zuvor Farley in hübschen Kleidern sehen wollte. Und sie durfte nicht vergessen, dass sie ihm für seine Güte etwas schuldig war.

„Sollen wir hinüber zum Bett gehen, Mylord?“, fragte sie in dem Tonfall, den sie seit langer Zeit gewöhnt war.

Ihm wurde bewusst, dass es die gleiche Frage war, die sie ihm vor Jahren auch schon gestellt hatte. Er stutzte, während sie sich aus seiner Umarmung löste und ihm über die Schulter einen verführerischen Blick zuwarf.

„Kommen Sie“, schnurrte sie und setzte sich in aufreizender Pose auf das Bett. „Kommen Sie, Mylord.“

„Sie sollen mich doch Devlin nennen“, erwiderte er. „Haben Sie das vergessen, Maddy?“

Statt zu antworten, rollte sie sich auf die eine Seite des Bettes.

„Wir sind hier nicht in Farleys Etablissement“, betonte er. „Ich will nicht deine Dienste, Maddy.“ Er wollte etwas anderes von ihr, nichts jedoch von den Dingen, die Farley von ihr gefordert hatte.

„Aber das muss so sein.“ Ihre Miene nahm einen verzweifelten Ausdruck an.

„Nein.“

Sie erhob sich vom Bett und kam auf ihn zu. „Bitte, Devlin, du musst mir die Gelegenheit geben, dich zu lieben. Das musst du einfach tun.“ Seine Weigerung stürzte sie in eine solche Verzweiflung, dass sie ihn vertraulicher ansprach als zuvor.

„Nein, Maddy, ich will nicht.“

Er ging zur Tür und öffnete sie.

„Devlin, ich bin es doch gewohnt. Es ist nicht schwierig. Ich werde dir Lust bereiten, und es wird angenehm sein, das verspreche ich dir.“ Tränen stiegen ihr in die Augen.

Er hätte zu gern ihr Angebot angenommen, doch er konnte es nicht, solange ihre verführerischen Worte hohl klangen. Zu gut erinnerte er sich an das, was sich beim ersten Mal zwischen ihnen abgespielt hatte, und er wusste genau, das war diesmal nicht der Fall.

„Ich … ich möchte dir meine Dankbarkeit beweisen“, schluchzte sie.

„Dankbarkeit? Denkst du, du sollst mich aus Dankbarkeit lieben?“

Verwirrt runzelte sie die Stirn, was auf Devlin nicht einstudiert wirkte. „Du willst mich doch, das weiß ich. Männer wollen … sie wollen … Es hat dir auch gefallen.“

Es hatte ihm gefallen, daran gab es keinen Zweifel. Doch er wusste, er würde kein Vergnügen daran finden, wenn ihr Blick dabei leer und ihre Worte auswendig gelernt waren.

„Geh zu Bett, Maddy. Allein.“

Sie schlang die Arme um seinen Hals und küsste ihn, wobei sie sich auf die Zehenspitzen stellen musste. Ihre einstudierten Verführungsversuche waren zwar vergessen, doch ihre Verzweiflung machte die Situation auch nicht leichter. Dennoch reagierte sein Körper auf sie, auch wenn Devlin das nicht wollte.

Kurzentschlossen hob er Made­leine ...

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