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HISTORICAL EXKLUSIV, Band 36

SARAH WESTLEIGH

Schatten über Merlinscrag

Zu Hilfe! Verzweifelt wehrt sich Genevra gegen Drogos Zudringlichkeiten. Eben schwebte sie noch mit ihrem Ehemann Robert im siebten Himmel, doch als er Burg Merlinscrag wegen einer Reise verlassen muss, steht plötzlich sein hinterhältiger Bruder Drogo in ihrem Schlafgemach. Er hasst Robert und will sich nun aus Rache an dessen junger Braut vergehen …

PATRICIA FRANCES ROWELL

Wolken über Wulfdale

Catherine muss einen Mann heiraten, den sie kaum kennt. Der charmante Lord Caldbeck schafft es jedoch rasch, seine junge Braut zu betören, und erfüllt ihr sogar ihren größten Wunsch: ein Haus für die Waisen von Wulfdale. Doch die Bande zwischen den Frischvermählten sind noch zart, als ein Verbrechen droht, sie für immer auseinanderzureißen …

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Schatten über Merlinscrag

1. KAPITEL

Genevra hörte nicht weiter auf die Belehrungen ihres Onkels; sie saß auf einem Ehrenplatz neben dem Earl of Northempston und lehnte sich jetzt aufmerksam nach vorne. Dabei raschelte die blaue Seide ihres Kleides unter der braunen Chamarre, dem Pelzumhang, der mit grauem Eichhörnchenfell gefüttert war. Die vorangegangenen Turniergänge hatten sie nur am Rande interessiert, doch jetzt kam der Moment, auf den sie gewartet hatte. Jetzt endlich sollte sie einen Blick auf Baron Robert St. Aubin werfen können, Herr auf Thirkall Castle an der Grenze von Suffolk.

An den Enden der Schranken warteten die Ritter, hoch aufgerichtet in den Sätteln ihrer prächtig herausgeputzten Pferde, in schimmernden Rüstungen und bereit zum Kampf.

Die Brustpanzer der Herolde blitzten in der hellen Aprilsonne, als sie ausritten, um den Beginn des Kampfes anzukündigen.

Der Earl of Northempston, hochedler Gastgeber dieses Turniers, das zu Ehren des Heiligen Georg stattfand, saß bequem auf einem kunstvoll geschnitzten Stuhl, der mit Kissen von rotem Samt ausgeschlagen und mit Goldborten und Quasten verziert war. Auch die scharlachroten Seidengirlanden, die die Balustrade schmückten, zeugten von seinem Reichtum. Von der Loge aus konnte man das ganze Turnierfeld überblicken. Ein Zeltdach aus blau und silber gestreiftem Stoff, der mit zahlreichen Tiermotiven, mythologischen Figuren, Teufeln und Engeln bemalt war, bot dem Earl und seinen Gästen Schutz vor der Sonne.

Die Herolde blieben vor der Loge stehen. Sie hoben ihre mit Schnüren und Tressen verzierten Hörner, und Fanfarenstöße durchdrangen die klare Luft.

Die Menge, die sich in dem großen äußeren Burghof von Ardingstone Castle versammelt hatte, das mit seinen grauen wuchtigen Steinen und wehrhaften Türmen einen dunklen Hintergrund zu diesem großen Ereignis bildete, verstummte. Die Stimme des ersten Herolds verkündete die zahlreichen Heldentaten, die sein Ritter im Kampf vollbracht hatte.

Genevras Blick wandte sich dem Ritter zu, der bewegungslos am Ende der Bahn auf den Beginn des Kampfes wartete. Die Entfernung war zu groß, als dass sie Einzelheiten hätte erkennen können, sie sah seine stattliche Gestalt, sein Pferd und die kostbare Ausstattung. Von seinem im Sonnenlicht blitzenden Helm flatterte ein Tuch aus grüner Seide.

Dieser grüne Schal gehörte Genevra. Ihr Onkel hatte ihr gesagt, St. Aubin wünsche im Kampf ihre Farben zu tragen.

„Warum?“, hatte sie ängstlich gefragt.

Da erst hatte sie erfahren, dass sie auserwählt war, die Braut Lord St. Aubins zu werden. Nie zuvor hatte sie diesen Mann gesehen.

Bisher hatte sie nur wenige Männer kennengelernt, außer einigen Landarbeitern und Knechten, da sie in der Abgeschiedenheit eines Klosters am Ufer des Derwent, an den Felsenhügeln von Derbyshire, gelebt hatte. Ihr Onkel Gilbert Heskith und seine Frau Hannah hätten es vorgezogen, sie dort bis ans Ende ihrer Tage zu lassen. Sie hatten alles darangesetzt, Genevra zu einem Leben hinter Klostermauern zu überreden.

Sie hatte indes nicht den Ruf verspürt, Nonne zu werden, und mit der Unterstützung der Mutter Oberin, die diesen Mangel an innerer Berufung bei ihrem Schützling erkannt hatte, widerstand sie der Bedrängung durch ihren Onkel, auf ihr Erbe zu verzichten und die ewigen Gelübde abzulegen. Zu Lammas, der Zeit um den ersten August, sobald sie das einundzwanzigste Lebensjahr vollendet hatte, wollte sie ihr Erbe einfordern und ihr eigenes Leben beginnen. Ihr Onkel hatte jedoch schon jetzt nach ihr gesandt und sie hierher nach Ardingstone gebracht. Man hatte einen Ehemann für sie gewählt.

Das war gewiss nicht der Wunsch ihres Onkels. Man hatte sie auf Befehl des Earls hierher gebracht, um einen Mann zu heiraten, den Seine Lordschaft selbst ausgesucht hatte. Ihr Onkel, der nach dem Tod ihres Großvaters vor zehn Jahren zu ihrem Vormund bestellt wurde, hatte seine Pflichten, einen Gemahl für sein Mündel zu suchen, all die Jahre hindurch vernachlässigt, sowohl, als sie ein heiratsfähiges Alter erreicht hatte, als auch jetzt, da sie beinahe schon darüber hinaus war. Er hatte es vorgezogen, die Erträge aus dem Landbesitz ihrer Mutter so lange wie möglich für sich selber einzustreichen.

Und jetzt, da Genevra in dem Alter war, eigene Pläne für die Zukunft zu schmieden, sah sie sich plötzlich gezwungen, auf Befehl des Earls einen Mann zu heiraten, der ihr völlig fremd war, jenen Ritter, der nun unter dem frenetischen Jubel der Menge auf seinem kräftigen kastanienbraunen Streitross mit gehobener Lanze die Schranke entlanggaloppierte. Nach ihrer Eheschließung würde ihr Besitz von der Verwaltung ihres Onkels in die ihres Gemahls übergehen. Sie konnte ihre Enttäuschung und ihre Befürchtungen darüber nicht verhehlen.

Der Ritter war ein gewandter Turnierkämpfer. Selbst sie konnte das nicht leugnen, und die Begeisterung der Menge schien ihr zuzustimmen. Er war der Favorit dieses Turniers. Er hatte in Frankreich und Spanien gekämpft und Ruhm und Auszeichnung in der Schlacht von Najera errungen. Indes wusste sie nichts über ihn und seine Familie. Sein Vater war wohl nicht mehr am Leben, denn St. Aubin trug den ererbten Titel eines Barons. Seine Haltung und seine kraftvollen Bewegungen ließen ihn jünger wirken, doch um all diese Ruhmestaten vollbracht zu haben, musste Robert St. Aubin in den besten Mannesjahren sein.

Wie jedoch war er wirklich? Könnte er ihr gefallen, oder würde sein Aussehen sie abstoßen – würde sie ihn hassen, ihn fürchten müssen? War er zärtlich oder grausam? Bei diesem Gedanken an ihre unbekannte Zukunft verstärkte sich der Griff ihrer behandschuhten Finger, und Angst und Aufregung stiegen in ihr hoch.

Sie sehnte sich nach Liebe. Sie wollte lieben und geliebt werden. Doch war es nicht das Schicksal von Frauen ihres Standes, mit Männern verheiratet zu werden, die andere ausgewählt hatten? Sie hatte nicht das Verlangen, dagegen aufzubegehren, sie war entschlossen, das Beste aus ihrer Ehe zu machen. Sie hoffte auf Zufriedenheit und wünschte sich viele Kinder, die dem Vater Ehre und ihr selbst Freude brachten.

Sie betete darum, dass keine unglückseligen Umstände aus ihr eine verbitterte, zänkische Frau machen würden, wie ihre Tante Hannah es war, die auf der gepolsterten Bank neben ihrem Gatten saß. Hannah war wohl immer schon ein zänkisches Weib gewesen; ihre Ehe hatte alles nur noch schlimmer gemacht. Gewiss war es ihre Idee gewesen, die damals zehnjährige Genevra, die uneheliche Tochter ihrer verstorbenen Schwägerin, in ein abgeschiedenes Kloster zu stecken, unter dem Vorwand, sie dort erziehen zu lassen. Und Genevras Onkel Gilbert hatte keine Einwände gegen den Plan seiner Frau gehabt. Die Erziehung kam denn auch Genevra zuteil, allerdings in größerem Ausmaß, als ihre Verwandten beabsichtigt hatten.

„Halte dich gerade, Genevra“, hörte sie die scharfe Stimme ihrer Tante, die sich hinter der breiten, samtbedeckten Brust ihres Gemahls vorbeugte. „Benimm dich wie eine Dame, die deine unglückselige Mutter aus dir machen wollte!“

Langsam und zögernd gehorchte Genevra der verhassten Frau. Sie wollte hier und heute kein Aufsehen erregen. Bald, sehr bald war sie der Gehässigkeit ihrer Tante für immer entronnen. Und sie hatte für den Augenblick genug gesehen, hatte den großen Adler mit ausgebreiteten Schwingen gesehen, der in Gold auf dem leuchtenden Grün und Braunrot seines bunten Wamses gestickt war und sich in der Schabracke des Pferdes wiederholte.

Am meisten beeindruckte sie jedoch der geflügelte Adler, der, in Gold geschmiedet, den Turnierhelm des Ritters krönte. Kein Wunder, dass die Zuschauermenge immer begeistert nach dem Goldenen Adler schrie. Später, wenn sie bei der Verlobungsfeier Robert St. Aubin offiziell vorgestellt wurde, konnte sie ihn dann genauer betrachten.

„Für ein Kind, das außerhalb der ehelichen Bande geboren wurde, hattest du unverschämtes Glück“, fuhr die unbarmherzige Stimme ihrer Tante fort. „Wir hatten schon die Hoffnung aufgegeben, einen passenden Gatten zu finden. Ich habe keine Ahnung, warum Northempston gerade dich als Braut für seinen Schützling auserwählte. Wie wusste er überhaupt von deiner Existenz?“

„Seine Lordschaft besuchte das Kloster vor sechs Monaten. Er ist einer der Gönner des Ordens und beehrte uns gelegentlich mit seinem Besuch. Ich wurde ihm vorgestellt, wie alle Schülerinnen. Als er das letzte Mal da war, sprach er sehr gütig zu mir.“

„Ha! Das hast du nie erwähnt.“

„Es schien mir nicht von Bedeutung.“

„Trotz allem ist es verwunderlich, dass er gerade dich dazu auserwählte, seinen Schützling zu heiraten. Du bist nicht gerade eine herausragende Schönheit.“

Genevra wurde rot. Es bedurfte nicht der bösen Worte ihrer Tante, um sie daran zu erinnern.

„Es ist die Mitgift, die sie in die Ehe mitbringt“, warf Gilbert säuerlich ein, und seine Worte gingen fast in dem allgemeinen Jubel für den Goldenen Adler unter, da St. Aubin auch diesen Turniergang gewonnen hatte.

Genevra antwortete nicht. Der Earl hatte sich bei seinem letzten Besuch lange mit ihr unterhalten, hatte ihr trotz seiner schroffen Art sein Wohlwollen gezeigt. Er unterzog sie einer sorgfältigen Prüfung, und sie glaubte, in seinen Augen Zustimmung gesehen zu haben, auch wenn ihre Kleidung alles andere als prächtig war. Sie hatte Zutrauen zu dem mächtigen Mann gefasst, der ihr gegenüber Güte zeigte, obwohl er sonst gewiss keinen Widerspruch duldete.

Später, über ihre Stickerei gebeugt, hatte sie sich gefragt, warum der hohe Herr so lange mit ihr gesprochen hatte. Vielleicht, weil sie sich mit ihm in Latein und Griechisch so flüssig wie in Französisch und Englisch unterhalten konnte, was ihm zu gefallen schien, ebenso wie die Tatsache, dass sie seinen Ausführungen über Mathematik und andere Wissenschaften folgen konnte.

„Ich bin stolz darauf, ein Mann von guter Erziehung und Bildung zu sein“, hatte er bei seinem Abschied gesagt. „Ich bewundere Euren Verstand, Mistress. Ihr habt Eure Jahre hier nicht vergeudet, sondern dazu benutzt, die Philosophen und Weisen der Antike zu studieren.“

Aber was immer der Earl von ihr dachte, einen Mann wie St. Aubin konnte nur ihre Mitgift dazu bewogen haben, dieser Heirat zuzustimmen. Schließlich wusste er von ihr genauso wenig wie sie von ihm.

Ihr Blick folgte ihm, als er unter dem begeisterten Jubel der Menge als Sieger die Turnierbahn verließ, hoch aufgerichtet auf seinem Roß, während sein Gegner geschlagen davonhumpelte. Ein Anflug von Stolz kam ihr in den Sinn. So schlimm konnte es nicht sein, einem Mann von solch überragendem Heldenmut anzugehören. Nun würde er ausruhen und sich auf den Kampf mit dem nächsten Gegner vorbereiten.

Hannah schniefte so laut, dass es den umliegenden Lärm übertönte. „Denkt Ihr, dass so ein armseliges Erbe diesen Mann beeindrucken kann?“, fragte sie ihren Gatten. „Die Erträge bringen doch kaum genug, um für ihren Unterhalt im Kloster und ihre Dienerin zu bezahlen!“

Gilbert warf seiner Frau einen verächtlichen Blick zu. Sein Gesicht, das man durch den dichten Bart und das große Samtbarett, das er tief in die Stirn gezogen hatte, nur wenig erkennen konnte, verdüsterte sich. „Ihr wisst es besser, Weib. Bis auf die Jahre, in denen die Pest gewütet hat, brachte Merlinscrag genug ein. Und es hatte weniger gelitten als unser eigenes Land und sich schneller wieder erholt.“

„So? Warum habt Ihr mich nicht davon in Kenntnis gesetzt? Was habt Ihr mit all dem Reichtum gemacht, Mylord?“

„Ihr seid nicht die Verwalterin meines Geldbeutels, auch wenn Ihr es gerne wollt, Frau“, entgegnete Gilbert scharf. „Ich habe es verwendet, wie ich es für gut hielt. Wie könnten wir sonst so leben, wie es unserem Stand entspricht? Ihr wusstet doch, dass die Einnahmen unseres eigenen Landes für Eure Ausgaben nie gereicht hätten. Unsere Bauern sind entweder an der Pest gestorben oder geflohen, und Tagelöhner sind teuer. Ich fürchte, in Zukunft werden wir uns einschränken müssen. Die Einkünfte von Genevras Gut haben uns über so manches knappe Jahr hinweggeholfen.“

„Und ohne des Earls Einmischung hätte es so weitergehen können.“

Gilbert warf einen ängstlichen Blick in die Richtung, wo der Earl Hof hielt. „Schweig still, Frau“, zischte er.

„Nicht mehr lange, Madam“, warf Genevra ein. Ärger stieg in ihr hoch, als sie mit anhören musste, wie sie betrogen worden war. „Am Lammastag hätte ich mein Erbe von Euch ohnehin gefordert.“

„Du?“, fragte Hannah verächtlich. „Was weißt du schon von der Verwaltung eines Lehnsgutes?“

„Ich habe den Nonnen geholfen …“, begann Genevra, aber die beiden hörten schon nicht mehr zu.

„Northempston hat den Verlust wieder ausgeglichen“, sagte Gilbert.

„Wie?“, fragte fordernd seine Frau.

Gilbert zuckte die Schultern. „Was glaubt Ihr wohl?“

„Geld? Land?“

„Ein Lehnsgut zu unserer Baronie“, gab er zu.

„Dann war es nur Lüge, als Ihr von einem Leben in Armut gesprochen habt!“

„Nein. Das neue Gut macht die Einnahmen aus Merlinscrag nur zu einem Teil wieder wett. Hätte ich indes nicht zugestimmt, dann hätten wir gar nichts dafür bekommen, vor allem, da Genevra entschlossen war, selbst Anspruch darauf zu erheben.“

Genevra ignorierte Gilberts Einwurf, dass sie egoistisch und selbstsüchtig gehandelt habe mit ihrem Anspruch, und verschloss ihre Ohren vor dem Gezanke. Selbstverständlich hatte ihr Onkel einen Vorteil aus diesem Geschäft gezogen. Sie zweifelte jedoch daran, dass er jemals zugeben würde, wie viel er sich in all den Jahren von ihrem Eigentum angeeignet hatte. Eines wusste sie nun, das Gut, das ihrer Mutter dereinst als Belohnung für ihre Dienste bei Hofe zugesprochen wurde, musste sehr ertragreich sein.

Hannah und ihre Nichte waren prächtig gekleidet. Genevra trug eine von Hannahs besten Cotten aus feiner Wolle und darüber einen gefältelten seidenen Überrock. Die Kleider waren in aller Eile für sie passend gemacht worden. Genevra selbst trug nur eine bescheidene Haube, wie sie Jungfrauen geziemte, die ihr langes lohfarbenes Haar verdeckte, Hannah indes hatte ihre grauen Locken mit einem künstlichen Gebilde aus Draht und Stoff bedeckt.

Niemand, der auf sich hielt, zeigte sich bei solchen Gelegenheiten mit einfachem Schleier. Lediglich alte Frauen, Nonnen und Witwen trugen glatte Brusttücher. In den zehn Jahren, die Genevra im Kloster verbracht hatte, hatte sich die Mode geändert. Einige Damen hatten ihre Haare gar unter kastenähnlichen Gebilden versteckt, wie sie jetzt Mode waren. Hannahs Haarschmuck wies die Form von Hörnern auf, und Genevra musste beim ersten Anblick daran denken, wie passend dies für ihre Tante doch war.

Während die beiden noch um das Geld zankten, das sie aus dem Erbe der Nichte hätten gewinnen können, dachte sie darüber nach, ob es ihr in der behüteten, friedlichen Abgeschiedenheit des Klosters, wo sie frei ihren geliebten Studien nachgehen konnte, nicht doch besser ergangen war als in der Familie des Onkels, die so gar nicht zu ihr passen wollte.

Als sie noch ein Kind gewesen war, behütet von der Liebe ihrer Mutter, hatte sie nicht wahrgenommen, dass man sie anders denn die anderen Kinder behandelte. Der einzige Unterschied für sie bestand darin, dass sie ihren Vater nicht kannte, sie hielt ihn für tot. Erst als ihr Großvater starb und Gilbert den Barontitel erbte, wurde sie mit ihrer illegitimen Geburt konfrontiert.

Ihr Großvater hatte sie stets mit einer gewissen Güte behandelt, doch je älter sie wurde, um so mehr bemerkte sie, dass Leibeigene, die Gefolgsleute, die Hausburschen, selbst die niedrigsten Knechte ihr weniger Respekt entgegenbrachten, denn ihren anmaßenden Vettern und Cousinen, deren abgelegte Kleidung sie trug. Nur ihre geliebte Dienerin Meg brachte dem Kind auch nach dem Tod der Mutter Liebe entgegen.

Gilbert, nun zu ihrem Vormund bestellt, hatte ihr erzählt, dass ihre Mutter im Alter von siebzehn Jahren an den Hof gesandt worden sei, um dort Königin Philippa zu dienen. Etwa ein Jahr später war sie schwanger nach Hause zurückgekehrt. Sie hatte sich geweigert, den Namen des Kindesvaters preiszugeben, aber behauptet, er sei von edler Geburt und habe ihr die Ehe versprochen. Bald würde er kommen und sie in sein Haus holen.

„Wie könnte es anders sein“, hatte Hannah spöttisch bemerkt, „natürlich ist er nie gekommen. Und so bist du ein Bastard, meine liebe Genevra, du könntest ebenso gut der Sprössling eines Leibeigenen sein. Ich kann es nicht zulassen, dass du unter meinem Dach wohnst.“

„Es ist nicht Euer Dach“, hatte Genevra mit Unmut über diese grausamen Worte widersprochen. „Es ist das Dach meines Onkels.“

„Er denkt wie ich. Du bist im Kloster der Heiligen Jungfrau besser aufgehoben. Dort hast du, was du brauchst, du kannst lernen, dich nützlich zu machen, und ich muss dich nicht vor Augen haben.“

„Aber, Tante …“

„Keine Widerrede. Unser Entschluss steht fest. Du verlässt unser Haus. Meg wird deine Sachen und die ihren packen, sie wird mit dir gehen. Dein Onkel wird dich begleiten, damit du sicher ankommst.“

Wochenlang hatte sie sich in den Schlaf geweint; doch was sollte sie schon mit ihren zehn Jahren machen? Und später, als sie zur Frau gereift war und gewisse weibliche Sehnsüchte in ihr geweckt wurden, hatte sie umso mehr Hilflosigkeit empfunden, denn der Baron hatte nur das Geld an die Mutter Oberin bezahlt, das das Kloster für ihren Aufenthalt und ihre Erziehung verlangte, niemals mehr. Nur zu Weihnachten wurde ihr eine kleine Summe als Geschenk übergeben.

So nahm sie an, dass sie die letzten Jahren von der Wohltätigkeit der Schwestern gelebt hatte, denn das Wenige, was Gilbert schickte, konnte nicht ausreichen, um die neuen Kleider zu bezahlen, die sie brauchte, als sie größer wurde und wuchs. Doch gut oder schlecht, nun hatte sie das Kloster für immer hinter sich gelassen.

Im Verlauf des Turniers wuchsen Genevras Hoffnungen und Erwartungen. Der Goldene Adler war der Liebling der Menge, eine herrlich anzusehende Gestalt, der Inbegriff ritterlicher Tapferkeit. Wie glücklich musste sie doch sein, dass sie diesem Manne versprochen war! Er hatte alle Gegner im Kampf besiegt, und nun ritt er vor die Estrade, um den Preis aus des Earl eigener Hand entgegenzunehmen.

Als er sich näherte, konnte sie in einer Ecke seines Schildes ebenfalls den Adler erkennen. Seit Generationen war der Adler mit ausgebreiteten Schwingen ein Teil seines Familienwappens.

Er brachte sein Pferd vor dem Sitz des Earls zum Stehen und hob das Visier. Der Earl, selbst ein Mann von der kräftigen Statur einer alten Eiche, beugte sich vor, um den wertvollen goldenen Pokal zu präsentieren. Ein Page überreichte ihn St. Aubin.

Und dann forderte der Earl mit kräftiger Stimme den Ritter auf: „Ihr solltet Mistress Genevra ihr Eigentum zurückgeben, Mylord.“ Er wies zu Genevra hin, die bei diesen Worten erschrak und unbeweglich und steif dasaß.

Der Ritter ließ die Zügel fallen, hielt sein Pferd mit dem Druck seiner Schenkel in Zaum und löste den grünen Seidenschal von seinem Helm. Er holte die Lanze aus ihrem Schaft, deren scharfes Ende jetzt mit einem Turnierkrönlein geschützt war, und band das Tuch daran. Dann führte er sein Pferd vor Genevras Platz in der Loge, beugte sich im Sattel leicht nach vorne und hielt ihr die Lanze entgegen, sodass sie ihr Eigentum entgegennehmen konnte.

Unsicher griff Genevra nach dem Tuch und zwang sich, ihrem zukünftigen Gemahl in die Augen zu blicken. Sie konnte nicht viel von seinem Gesicht erkennen, nur zwei lebhafte blaue Augen, die sie kalt musterten, und eine markante Nase.

Seine Stimme drang gedämpft durch das Metall seines Helmes. „Habt Dank, Mistress. Eure Farben brachten mir Glück.“

Dann griff er nach den Zügeln und ritt unter dem lauten Jubel der Menge vom Turnierplatz.

Stumm saß Genevra auf einem Stuhl und ließ sich von Meg die Haare bürsten. Sie wollte für die Verlobungszeremonie so schön als möglich sein, wollte einen guten Eindruck machen.

„Er sieht groß und stattlich aus, Euer Ritter“, sagte Meg, als ob sie die Gedanken ihrer Herrin lesen könnte. „Es wird Euch nicht schwer werden, Eure Pflichten ihm gegenüber zu erfüllen.“

„Nein“, antwortete Genevra und fragte sich, was diese Pflichten wohl genau bedeuteten. Sie musste das Bett mit ihm teilen und Kinder von ihm empfangen, mehr wusste sie nicht.

Sie hatte indes nur sehr vage Vorstellungen von körperlicher Liebe. Gelegentlich hatte sie die Stallburschen und Pagen ertappt, die sich in dunklen Ecken oder unter den Büschen mit den Mägden und Dienerinnen vergnügten und offensichtlich Spaß daran fanden. Sie war sich bewusst, dass die Vereinigung zwischen Mann und Frau so natürlich war wie das Leben selbst.

Da die Liebe und die Empfängnis notwendig waren, um Leben zu erhalten und fortzupflanzen, hatte Gott gewiss dafür gesorgt, dass diese Liebe nicht nur als unangenehme Pflichterfüllung empfunden wurde. Genevra gestand sich auch ein, dass beim Anblick von Robert St. Aubin Wünsche und Sehnsüchte in ihr wach wurden, die die Aussichten auf diese Pflichterfüllung in angenehmem Licht erscheinen ließen. In wenigen Tagen schon würde sie wissen, wonach sie sich lange gesehnt hatte.

„Ich bitte Gott, dass ich lerne, ihn zu lieben“, sagte sie plötzlich in die Stille.

„Gott wird Euch schon helfen, denn mit Liebe lässt sich die Last des Alltags leichter tragen.“

„Vielleicht liebt er mich nicht?“

Nachdenklich und sorgenvoll klang Genevras Stimme, und Meg legte die Haarbürste beiseite. Sie schlang die Arme um ihre Herrin und hielt sie fest, so wie sie es schon mit Genevra als Kind gemacht hatte, um ihr Trost zu spenden.

„Er ist ein Mann, der nicht leicht zufriedenzustellen ist. Indes müsste er ein Narr sein, wenn er Euch nicht liebte“, erwiderte Meg. „Ihr seid jung, hübsch und habt ein sanftes Gemüt …“

„Meinst du?“, fragte Genevra zweifelnd. „Ich bin nicht mehr ganz jung, mein Spiegel sagt mir, dass ich nicht hübsch bin, und sanft fühle ich mich schon gar nicht, wenn ich meine Tante Hannah am liebsten erwürgen möchte, sobald sie bloß den Mund aufmacht! Und ich empfinde auch keine Liebe für meinen Onkel und meine Basen und Vettern.“ Genevra hatte sich umgedreht und erwiderte Megs Umarmung. „Du bist die Einzige, die ich lieb habe, Meg!“

„Wenn Euer Gemahl gut zu Euch ist, werdet Ihr ihn auch lieben können“, versicherte Meg. „Und macht Euch keine Sorgen über Euer Aussehen, mein Täubchen. Ihr seid von gutem Wuchs …“

„Ja, besonders meine Nase!“

„Die sieht nicht so schlimm aus. Jedenfalls nicht schlimmer als seine.“ Meg hatte die Gelegenheit gehabt, den zukünftigen Gatten ihrer Herrin genauer zu betrachten.

„Denk doch nur an unsere armen Kinder!“, jammerte Genevra, aber ein Lächeln umspielte ihren Mund. Dabei zeigten sich die Grübchen in ihren Wangen, und Meg bekam feuchte Augen.

„Alles, was Ihr beide tun müsst, ist lächeln“, sagte sie. „Ein Lächeln macht vieles wett. Der arme Mann indes sieht aus, als hätte er schon lange Zeit keine Gelegenheit mehr gehabt, glücklich zu sein.“

„Immerhin war er der Sieger des Turniers.“

Meg hatte wieder begonnen, das Haar ihrer Herrin zu bürsten. „Das hat ihm eine gewisse Befriedigung gegeben, jedoch keine Freude. Er dankte der Menge für den Jubel, aber sein Lächeln blieb hinter dem Visier versteckt. Als ich ihn später sah, zeigte sein Gesicht einen düsteren Ausdruck.“

„Vielleicht lehnt er die Heirat mit mir ab.“ Unsicherheit schwang in Genevras Stimme mit.

Meg stieß einen Laut des Missfallens aus. „Und warum hat er dann der Verbindung zugestimmt? Männer haben ein Recht, in diesen Dingen selbst zu entscheiden. Vielleicht hegt er gewisse Zweifel – wie Ihr selbst“, fügte sie hinzu. „Das ist doch nur natürlich unter diesen Umständen.“

„Wahrscheinlich hast du recht. O Meg, ich bete, dass er es sich nicht doch noch anders überlegt.“

Meg legte die Bürste beiseite, teilte das prachtvolle Haar am Scheitel und begann einen Zopf zu flechten. „Habt keine Angst, Mistress Benny. Er ist ein Mann von Ehre und hat sein Wort darauf gegeben. Und ein einziger Blick auf Euch wird ihn überzeugen, dieses Wort zu halten.“

Meg hatte sie bei ihrem Kindernamen genannt. Ein warmes Gefühl durchdrang Genevra und vertrieb ihre Zweifel. Alles würde gut werden. Und wenn nicht, dann hatte sie immer noch Meg bei sich, die sie liebte und verstand und der sie ihre Liebe geben konnte.

Die Dienerin hatte nun auch den anderen Zopf geflochten und zu einer Schnecke über Genevras Ohren gedreht. Ein juwelenbesetztes Haarnetz hielt die Frisur zusammen, und Meg nahm aus einer geschnitzten Holztruhe einen goldenen Reif und legte ihn um Genevras Stirn.

„So!“ Stolz betrachtete sie ihr Werk. „Das Grün Eures Kleides spiegelt die Farbe Eurer Augen wider, und das Rostrot der Chamarre bringt Euer Haar zum Leuchten. Es freut mich, Euch nun endlich Eurem Stande gemäß gekleidet zu sehen.“

„Noch mehr geborgte und passend gemachte Kleider“, seufzte Genevra bitter. „Aber, Meg …“, sagte sie und fasste zaghaft nach dem goldenen Band auf ihrer Stirn, „woher hast du diesen Reif?“

„Euer Onkel brachte diese Truhe mit. Seht doch, sie enthält den Schmuck Eurer Mutter. Wahrscheinlich hatte er doch nicht den Mut, ihn zu verkaufen oder für sich selbst zu behalten. Ich gehe indes jede Wette ein, dass Ihre Ladyschaft sich all die Jahre damit geschmückt hat.“

„Dann wird sie ihn gewiss bitter vermissen“, murmelte Genevra und griff nach einer goldenen Armspange, die mit einem großen Stein verziert war. Dieses Schmuckstück rief in ihr schwache Erinnerungen an ihre Mutter wach, wenn sie sie streichelte und der Armring bei jeder Bewegung im Sonnenlicht oder im Flackern der Kerzen glitzerte.

„Den werde ich tragen“, sagte sie entschlossen und zog den Armreif über den Ärmel ihres schimmernden Seidenkleides. „Und diese Nadel. Stecke sie an meine Chamarre. Ich erinnere mich, wie gerne ich als Kind immer danach gegriffen habe.“

„Das habt Ihr getan“, sagte Meg und tat, was ihr befohlen wurde. „Wie schön, dass Ihr Euch daran erinnert, wie sehr die Brosche Euch gefallen hat. Lady Margaret wäre glücklich, könnte sie Euch jetzt mit ihrem Schmuck sehen. Arme Lady“, fügte sie leise hinzu.

„Erzähl mir von ihr“, bat Genevra.

„Sie war eine zarte Frau, und ihr Haar war heller als das Eure. Das Leben bei Hofe hatte sie nicht verändert, ganz gewiss, doch sie war auch nicht viel länger als ein Jahr dort. Sie hatte die Königin nach einer gefährlichen Fehlgeburt gepflegt, und Merlinscrag als Schenkung für ihre treuen Dienste erhalten. Unglückseligerweise kehrte sie in Schande nach Bloxley zurück. Damals wurde ich ihre Kammerfrau. Ich musste zusehen, wie sie immer trauriger wurde, je länger die Trennung von dem Mann dauerte, den sie liebte. Sie hatte mir nach Eurer Geburt anvertraut, dass er von hohem Stand sei. Sie gestand mir, dass sie sich heimlich vermählt hätten, beschwor mich aber, es keiner Seele zu erzählen. Ich war etwa im gleichen Alter wie Eure Mutter, und sie wusste, dass ich Verständnis für sie hatte.“

„Warum hatte sie das nicht meinem Großvater erzählt?“

„Um ihren Geliebten zu schützen. Sie wagte nicht, seinen Namen preiszugeben, aus Angst vor seinem Vater, der ein mächtiger und strenger Herr war und vielleicht seinen Sohn enterbt hätte, wenn er die Wahrheit erfahren hätte. Wahrscheinlich hätte er auch alles darangesetzt, die Heirat seines Sohnes annullieren zu lassen.“

„Wie wäre das möglich gewesen, da die Ehe bereits vollzogen war?“

„Er war ein mächtiger Mann, der Einfluss in den höchsten Kreisen hatte. Und die beiden waren noch so jung. Bei richtiger Überzeugung hätte die Heilige Kirche schon einen Grund gefunden, die Ehe für null und nichtig zu erklären.“

„Mit Geld, meinst du“, sagte Genevra bitter. „Meinem Vater schien es an Mut gemangelt zu haben. Er hätte sich offen gegen seinen Vater stellen sollen!“

„Das ist leicht gesagt. Vielleicht war der Junge auch schwach. Doch er wollte die Zustimmung seines Vaters erringen, bevor er sich zu der Heirat bekannte. Er dachte wohl, er schaffte es, vor allem, weil er nicht der Erbe des Titels war.“

„Er hat es indes nicht geschafft und kam nie wieder, um sein Weib und sein Kind zu holen?“

„So war es wohl.“

„Du bist viel zu gutmütig, Meg. Er war ein Feigling.“ Genevra hielt einen Augenblick inne und spielte mit ihrer Anstecknadel. Sie versuchte mit der traurigen Erkenntnis fertig zu werden, die Tochter eines Mannes zu sein, dem es an Mut gemangelt hatte. Endlich fragte sie: „Meine Mutter hat nicht einmal dir seinen Namen anvertraut?“

„Nein, mein Täubchen. Und als er nicht kam, um sie zu holen, war aller Lebenswille in ihr gebrochen. Eines Tages im Winter bekam sie ein böses Fieber und welkte dahin.“

„Ich wünschte, sie wäre am Leben geblieben. Ich habe sie doch gebraucht.“

„Sie liebte Euch, Mistress Genny. Sie nannte Euch immer ihr Liebstes und sprach davon, wie ähnlich Ihr Eurem Vater seid.“

„Vor allem meine Nase“, murrte Genevra, griff nach dem Handspiegel aus poliertem Metall und betrachtete sich darin. Ihre Nase war nicht gerade, sondern endete in einer sanften Rundung.

„Nein, nicht die Nase, mein Täubchen. Die habt Ihr von Eurer Mutter. Und sie hatte sie von ihrem Vater geerbt.“

„Nur Onkel Gilbert scheint von diesem Erbe verschont geblieben zu sein.“

„Ja.“

„Was habe ich dann von meinem Vater?“

Meg betrachtete das zarte, fein geschnittene Gesicht. „Euren Teint, auch wenn der Seine etwas rötlicher gewesen sein soll. Ihr habt seine grünen Augen. Und sein kräftiges Kinn. Das behauptete jedenfalls Eure Mutter.“

„Ich wollte, ich wüsste, wer er war. Trotzdem bleibe ich dabei, er war ein Feigling. Wie konnte er uns nur im Stich lassen?“

Meg zuckte die Schultern. „Wahrscheinlich konnte nicht einmal seine Liebe etwas gegen den Zorn seines Vaters ausrichten. Oder vielleicht ist ihm etwas zugestoßen.“ Sie seufzte. „Die beiden waren doch noch so jung.“

„Nun, wenigstens hat es den Anschein, dass Robert St. Aubin nicht zu stolz ist, einen Bastard zu ehelichen.“ Genevra warf ihren Kopf zurück und stieß einen Seufzer aus. „Bin ich jetzt fertig?“

„Ja, Mistress Genny. Ihr seht verführerisch aus. Nun können sie Euch holen.“ Meg hob den Kopf. „Ich höre Schritte auf der Treppe. Man wird jemanden schicken, um Euch in den Saal zu geleiten, wo die Zeremonie stattfindet.“

Genevra war im neueren Teil der alten Burg von Ardingstone untergebracht. Sie teilte den Raum mit zwei anderen Frauen und ihren Dienerinnen, die aber jetzt glücklicherweise nicht anwesend waren. Ihr Onkel und ihre Tante bewohnten ein Gemach eine Treppe tiefer. Es überraschte Genevra nicht, als ihre Tante Hannah in der Tür stand, um sie abzuholen.

Pflichtbewusst unterwarf sie sich der strengen Prüfung durch ihre Tante.

„Ich sehe, du trägst den Schmuck deiner Mutter.“

„Ja, Tante. Ich wollte Lord St. Aubin beeindrucken.“

„So, so“, sagte Hannah mit säuerlicher Miene. „Ich nehme an, das wirst du auch. Nimm deine Chamarre und folge mir.“

Hannah war in Begleitung eines Pagen gekommen. Und als Meg den Mantel um Genevras Schultern legte und sie dabei aufmunternd drückte, wies Hannah mit herrischer Geste den Knaben an, ihnen vorauszugehen. Er führte sie die Wendeltreppe hinunter und durch den inneren Burghof. Über steinerne Stufen gelangten sie zum großen Eingangstor und durchschritten einen langen Gang zwischen wuchtigen Mauern. Endlich erreichten sie die Große Halle, in der schon Diener und Pagen die Tafeln für das Bankett herrichteten.

Eine Gruppe hatte sich auf der Estrade am Ende des Saales versammelt. Genevra erkannte ihren Onkel und den Earl of Northempston. Zwei Männer konnte sie aufgrund ihrer Kleidung als Notare erkennen, deren Anwesenheit für die Zeremonie notwendig war. Und neben seinem Gönner stand, hochgewachsen und prächtig gekleidet, ihr zukünftiger Ehemann.

Genevra ging festen Schrittes auf ihn zu. Ihre Röcke raschelten bei jedem Schritt auf dem Boden, der mit Binsen bedeckt war, die einen angenehmen Geruch von frischen Kräutern verbreiteten. Sie nahm die Gelegenheit wahr, den Mann nun genauer zu betrachten, mit dem sie bis ans Ende ihres Lebens zusammenbleiben sollte.

Im Gegensatz zu den anderen Anwesenden trug er keine Kopfbedeckung. Sein weizenblondes Haar glänzte im Schein der zahllosen Fackeln, Pechpfannen und Kerzen, die die Halle erleuchteten. Er war ganz in Schwarz gekleidet und trug damit offen seinen Reichtum zur Schau, denn Schwarz war als teuerste aller Farben bekannt. Silbergraue Verzierungen hellten das düstere Gewand auf.

Sein Mantel mit einer Borte aus weißem Eichhörnchenfell wurde auf der Schulter von einer juwelenbesetzten Spange gehalten. Von den schmalen Hüften hing in einer silbernen Scheide ein langer Dolch mit kunstvoll geschmiedetem Heft.

Das alles konnte sie durch die raucherfüllte Luft erkennen, als sie voranschritt. Doch erst als sie die Stufen zur Empore hochstieg und sich der Gruppe näherte, konnte sie sein Gesicht genau betrachten.

Es war ein Gesicht mit harten Zügen, ein Gesicht, in dem das Leben und bittere Erfahrungen Spuren hinterlassen hatten. Die blauen Augen, die sie schon einmal angeblickt hatten, waren ihr nun verborgen, als er sich zum Gruß verneigte. Kein Lächeln umspielte seinen strengen Mund mit den fein geschwungenen Lippen. Seine Nase … Meg hatte recht gehabt. Sie passte mit ihrem Höcker nicht so recht in sein Gesicht. Doch alles in allem, sein Anblick war ihr nicht unangenehm. Vornehm und distinguiert, das waren die Worte, die ihr in den Sinn kamen.

Als er seinen Kopf hob und sie sich von ihrem tiefen Knicks aufrichtete, entspannten sich seine Züge.

Und Genevra verliebte sich auf den ersten Blick.

2. KAPITEL

Genevra vergaß alles um sich herum, das Geschwätz und das Klappern, das Jaulen und Bellen der Hunde, den Lärm, den die Ritter, Knappen, Pagen und Bediensteten machten. Sie hatte nur Blicke für Robert St. Aubin. Mit Bedauern merkte sie, dass sein Lächeln nicht von Herzen kam, es war nur bloße Höflichkeit. Seine Augen blickten kalt, aufmerksam, vielleicht sogar wachsam. Und doch änderte dieses Lächeln alles für sie.

Es veränderte seine Züge, vertiefte die Linien um sein Kinn und die von Wind und Wetter gegerbten Falten um seine Augen, und doch verjüngte es sein glatt rasiertes Gesicht um mindestens zehn Jahre. Sie hatte ihn für etwa fünfunddreißig Jahre gehalten, jetzt gab sie ihm nicht mehr als fünfundzwanzig. Das Leben und die Erfahrungen indes hatten Spuren hinterlassen.

Ihr Herz war erfüllt von Dankbarkeit, dass er sich zu diesem Lächeln zwang, und sie rang mit aller Kraft um Fassung. Die Wachsamkeit wich langsam aus seinen strahlendblauen Augen, als sein Blick länger auf ihr ruhte. Er hatte ihre Nervosität bemerkt und versuchte nun, sie zu beruhigen. Die harten Enttäuschungen hatten also doch nicht alles Gefühl und Verständnis in ihm zum Erliegen gebracht.

Er ähnelte dem Goldenen Adler in seinem Wappen, mit seinem Haar, das in der Farbe reifen Korns schimmerte, und seiner Hakennase. Aber er war kein gefährlicher Raubvogel wie der Jagdfalke, der mit einem Fußriemen an eine Stange hinter dem geschnitzten, gepolsterten Stuhl von Northempston gebunden war.

Genevras Befürchtungen schwanden, als ihr mehr und mehr bewusst wurde, wie sehr er sie in seinen Bann zog. Er war der Inbegriff der Ritterlichkeit, von dem jedes Mädchen träumte, ein Mann, der alle ritterlichen Tugenden und höfischen Anstand verkörperte. Sie schalt sich selber, dass sie sich trotz ihres Alters und ihrer Reife wie eine Heldin aus den Geschichten der Minnesänger benahm.

Sie zwang sich, ruhig zu atmen, und schluckte. „Gott grüße Euch, Mylord“, sagte sie mit belegter Stimme.

Robert St. Aubin verbeugte sich tief vor dem Mädchen, das sein Herr und Gönner für ihn zur Gattin bestimmt hatte. Er kannte nicht die Gründe, warum der Earl gerade Genevra Heskith gewählt hatte, doch was immer der mächtige Herr, William Egerton, Earl of Northempston, wünschte, war Robert St. Aubin Befehl.

In den fernen Tagen, da Robert als Page und Ritter im Dienst Seiner Lordschaft gestanden hatte, schien dieser ihm all jene väterlichen Tugenden zu besitzen, die er an seinem leiblichen grobschlächtigen Vater so sehr vermisst hatte. Northempston hatte ihm mehr Zuneigung und Liebe erwiesen als seinen eigenen Söhnen, deren Tod den unglücklichen Vater ohne Erben ließ.

Diese, obgleich schon erwachsen, als Robert in den Dienst des Earls trat, ließen sich von der Strenge und dem starken Willen ihres Vaters einschüchtern. Er jedoch, im zarten Alter von sieben Jahren, zeigte keine Angst. Er hatte sich niemals dem Despotismus seines Herrn gebeugt, und Northempston, sonst ein harter Mann, erwies sich als die Güte selbst.

Robert war aufgefallen, dass er in all den Jahren und besonders nach dem Tod seiner letzten Erben während der Pestepidemie an Strenge verloren hatte. Vielleicht bedauerte er nun die Härte, die er seinen Kindern gegenüber gezeigt hatte.

Mehr als einmal hatte Lord William sein Leben gerettet, denn in jungen Jahren hatte er oftmals Vorsicht und Vernunft außer Acht gelassen, wenn ein Abenteuer gelockt hatte. Erst mit den Jahren hatte er gelernt, Verantwortung zu tragen und sein Temperament zu zügeln.

Nun war er sein eigener Herr, ein Ritter von hohem Rang und seit dem Tod seines Vaters vor einigen Jahren Baron. Der Earl kannte seinen Wunsch, sich wieder zu verheiraten und einen Erben zu zeugen, und hatte ihm den Vorschlag gemacht, die uneheliche Nichte von Heskith zu heiraten und so den Besitz von Merlinscrag, das sich im äußersten Westen Englands befand, der Baronie von St. Aubin hinzuzufügen.

Er hatte zugestimmt, den Willen des Earls zu erfüllen, ohne an sich selbst zu denken. Zu seiner tiefen Erleichterung schienen seine Bedenken bei dieser Heirat gering. Das Mädchen war nicht hässlich, sie hielt auf Reinlichkeit und hatte eine gute Erziehung genossen.

Zweifel ob ihrer Herkunft waren für einen Mann seines Standes ohne Bedeutung. Ihre Mutter war von edler Geburt und hatte bei Hofe der erst vor Kurzem verstorbenen Königin Philippa gedient. Und auch ihr Vater sei, so sagte man, ein Höfling gewesen. Nur böse Zungen hatten anderes behauptet.

Als er seinen Blick auf sie richtete und ihren offenen, klaren Blick traf, entdeckte er darin die ängstliche Nervosität, mit der sie ihn betrachtete. St. Aubin fühlte Mitleid mit seiner zukünftigen Braut, die, züchtig im Kloster erzogen, nun zum ersten Mal dem Manne gegenüberstand, den andere dazu ausersehen hatten, ihr Gemahl zu sein. Er war im Vorteil, denn er hatte sie genau betrachten können, als er ihr am Ende des Turniers ihre Farben zurückgab. Nun zwang er sich zu einem beruhigenden Lächeln.

Das Blut schoss in ihre Wangen. Ihre Stimme klang rau vor Erregung, als sie ihn grüßte. Sie versuchte zu lächeln, aber nur ihre Mundwinkel zuckten leicht. Unter seinem prüfenden Blick wich die Farbe aus ihrem Gesicht. Goldener Schimmer und geheimnisvolle Schatten wechselten im flackernden Kerzenlicht auf ihrer hellen Haut.

Um ihre Verwirrung zu verbergen, senkte sie den Blick und verbarg ihre grüngrauen Augen unter den Lidern. Der Kranz ihrer Wimpern warf einen dunklen Schatten auf den zarten Teint ihrer hohen Wangenknochen. Ihr Kinn war kräftig und eckig, doch das brachte ihre feinen Züge nur noch mehr zur Geltung. Die schmale Nase, deren Spitze aufwärts strebte und in einer zarten Rundung endete, gefiel ihm am meisten.

Man konnte sie wohl eher apart nennen als schön. Seine erste Frau war eine Schönheit gewesen. Sie und das Kind, das nicht von ihm stammte, starben vor zehn Jahren, als die Pest zum zweiten Mal im Lande wütete. Indes, er würde Gott danken, wenn seine zweite Frau mehr Anstand als Schönheit besäße.

Robert war überzeugt, dass Seine Lordschaft eine gute Wahl für ihn getroffen hatte. Er hatte auch von dem Manne, dem er seit seiner Kindheit vertraute, nichts anderes erwartet. Vielleicht war es ihm diesmal vergönnt, das Glück und die Zufriedenheit einer Ehe zu genießen, da seine Braut nicht unbedacht von seinem egoistischen Vater, sondern mit Sorgfalt von Seiner Lordschaft gewählt worden war. Dieses Mal würde er auch dafür Sorge tragen, dass seine Frau ihm einen wahren Erben gebar. Er würde sie nicht allein lassen wie seine erste Frau Jane, bevor nicht sein Kind unter ihrem Herzen wuchs.

Die schmerzlichen Gedanken an die Vergangenheit ließen sein Lächeln verlöschen, und sein Blick schweifte in die Ferne. Er wollte an diesem Mädchen Gefallen finden, denn sie sollte ihm einen Sohn und Erben schenken, doch wollte er seine Gefühle unter Kontrolle halten. Im Überschwang der Jugend hatte er sich in seine erste Frau verliebt, und sie hatte es ihm mit Verrat vergolten. Noch einmal wollte er diese schmerzvollen Erfahrungen nicht machen.

Genevra sah, wie sein Lächeln schwand und sein Gesicht wieder den kalten, harten Ausdruck annahm. Sie erschauderte. Doch sie hatte hinter seine Maske geblickt, hatte erkannt, dass er ihr nicht ganz ablehnend gegenüberstand, und diese Erinnerung barg sie tief in ihrem Herzen. Sie wollte alles tun, um das Wesen ihres Gatten zu ergründen, und ihm Freude und Liebe entgegenbringen.

Sie mochte zwar romantisch sein, eine Träumerin war sie jedoch nicht. Sie gab sich keinen Illusionen hin, dass ihre Liebe in gleicher Art erwidert wurde. Erst musste sie sein Vertrauen und seine Liebe erringen, und das Misstrauen in seinen Augen sagte ihr, dass sie sich keine leichte Aufgabe erwählt hatte. Es musste einen Grund geben für seine Zurückhaltung, und diese Rätselhaftigkeit seines Charakters ließ ihn noch verführerischer scheinen. Er war der Mann, den sie liebte, und kein anderer. Sie wollte alles tun, die Erwartungen, die man in sie setzte, zu erfüllen.

Der offizielle Akt der Verlobung fand in einem Raum statt, der sich hinter der Estrade befand. Dieses Gemach benutzte der Earl, um sich zurückzuziehen, wenn er bei Gericht den Vorsitz führte. Die erlauchten Gäste, die der Zeremonie beiwohnen durften, folgten Seiner Lordschaft in den kleinen, spärlich möblierten Raum, dessen nüchterne Atmosphäre nur durch einige Teppiche an den steinernen Wänden aufgelockert wurde.

Genevra, die ihre Farbe wiedergewonnen hatte, und St. Aubin bezeugten mit ernster Stimme ihre Bereitschaft zur Verlobung. Ihre Hand zitterte, als sie sie in die Seine legte, und ein Schauer rann durch ihre Glieder. Roberts Reaktion kam unerwartet für beide. Er drückte fest ihre Hand und schenkte ihr ein warmes, beruhigendes Lächeln.

Dieses unerwartete Gefühl für seine zukünftige Gemahlin erstaunte ihn, aber warum sollte er kalt bleiben? In seinem Innersten musste er eingestehen, welche Scheu ein jungfräuliches Mädchen empfinden musste, wenn sie ihr Leben mit einem völlig Fremden verbinden sollte, einem Mann, der älter und erfahrener war als sie selbst.

Röte stieg von Neuem in Genevras Wangen, ihre Nasenflügel vibrierten, ihre Lippen öffneten sich, und ihr Atem wurde schneller. Robert atmete schwer. Frauen und Begierde waren ihm nicht fremd, und er fühlte, dass seine zukünftige Gemahlin unschuldige, noch nicht geweckte Leidenschaften ins Ehebett bringen würde.

Indes, sie hatte sich schnell wieder gefasst, und mit einem festen Blick in seine Augen sprach sie den Treueschwur, dass sie aus eigenem freien Willen Robert St. Aubin zu ihrem Herrn und Gemahl nehme und gewillt sei, ihn am kommenden Sonntag im Angesicht der Heiligen Kirche zu ehelichen.

Die Würfel waren gefallen, ihre Zukunft war entschieden. Nur der Tod oder eine Katastrophe konnte sie den Schwur brechen lassen, den sie eben feierlich geleistet hatten. Dieses Gelöbnis war so bindend wie die Ehe. Genevra fühlte jedoch, dass sie mit Zuversicht und Hoffnung in ihre Zukunft blicken konnte.

Ungeachtet der kalten Miene, die St. Aubin nach außen hin zeigte, hatte er sehr wohl ihre Nervosität und Aufregung gespürt. Warum sonst gab er ihr diesen versichernden Händedruck, der sie bis ins Innerste aufwühlte? Nun wusste er auch, wie sehr seine Berührung sie verwirren konnte. Ihre Reaktion ließ einen Ausdruck in seinen Augen aufleuchten, der sie im Innersten erzittern ließ.

Es blieb ihr nicht viel Zeit, darüber zu grübeln. Ihr Verlobter wandte sich seinen Freunden zu, um ihre Glückwünsche entgegenzunehmen, und der Earl of Northempston trat zu ihr. Ihre Tante, die sich eben an ihre Seite drängen wollte, wandte sich zu Genevras Erleichterung anderen zu.

Northempston ergriff ihre Hand und küsste sie zart auf die Stirn.

„Ich bin hocherfreut, dass unsere Bekanntschaft zu dieser Verbindung führte, Mistress.“

Genevra erwiderte seine Worte mit einem Knicks. Der Earl flößte vielen Menschen Furcht ein, doch sie hatte niemals Angst vor ihm empfunden. „Ich hoffe, Euren Erwartungen gerecht zu werden, Mylord.“

Der Earl tätschelte die Hand, die er noch immer in der seinen hielt. „Ich sehe keinen Grund, dass Ihr mich enttäuscht. Lord St. Aubin wurde in meinem Haus erzogen und ist ein Mann von Ehre und Bildung.“ Er lächelte. „Ihr verfügt selber über ein großes Wissen und solltet also vieles mit ihm gemein haben.“

„Ich werde mein Bestes tun, um ihm die Gemahlin zu sein, die er verdient, Mylord.“

„Ich erwarte nichts weniger von jemandem, der von der Mutter Oberin so warm empfohlen wurde, meine Liebe.“ Genevra wurde rot, aber antwortete nicht. Northempston zögerte einen Augenblick, bevor er weitersprach. „Ihr wisst vielleicht nicht, dass St. Aubin jung geheiratet hatte und seine Frau und sein Sohn vor zehn Jahren von der Pest dahingerafft wurden. Bis jetzt hatte er nicht daran gedacht, sich wieder zu verheiraten. Ich wünsche, dass er in dieser neuen Ehe mehr Glück findet.“

Genevra antwortete mit einem offenen, klaren Blick. „Mylord, das wusste ich nicht. Ich danke Euch, dass Ihr mir das sagtet.“ Dabei dachte sie daran, wie sehr St. Aubin seine Frau geliebt haben musste, dass er ihr so lange die Treue hielt.

„Ich wollte, dass Ihr euch dessen bewusst seid. Ah! Da ist er ja!“ Northempston verstummte, als St. Aubin zu ihnen trat. „Robert, mein Sohn, ich bete zu Gott, dass Ihr beide Euer Glück in dieser Verbindung findet.“

„Seid bedankt, Mylord. Wir sind Euch für Eure Vermittlung dankbar. Ich gedenke nach der Hochzeit nach Merlinscrag aufzubrechen. Ich sollte mich mit dem Land, das meine Gemahlin in die Ehe einbringt, vertraut machen.“

„Das sollt Ihr.“ Der Earl wandte sich mit einem gütigen Lächeln an Genevra. „Gefallen Euch die Kleider, die die Frauen für Eure Hochzeit nähen?“

Genevra versuchte, die Glückseligkeit, die ihr ganzes Wesen erfüllte, zu verbergen, und verbeugte sich leicht. „Eure Großzügigkeit überwältigt mich, Mylord. Eine neue Ausstattung ist mehr, als ich erwartet hatte.“

„Doch war es dringend notwendig. Ihr besitzt nichts, um ein neues Leben darin zu beginnen, und Euer Onkel hat seine Hand fest auf seiner Börse. Ich kann Euch doch nicht in Eurer klösterlichen Kleidung vor den Altar treten lassen!“

„Ich danke Euch, Mylord. Was ich trage, sind die abgelegten Kleider meiner Tante. Jedoch“, fügte sie mit einem schelmischen Lächeln hinzu, „bezweifle ich, dass ich in Merlinscrag viel Gelegenheit haben werde, diese prachtvollen Gewänder zu tragen. Die Burg liegt abseits auf einer sturmumbrausten Klippe.“

„Ihr kennt sie?“

„Als kleines Kind, vor meiner Mutter Tod, war ich dort. Ich kann mich kaum erinnern. Nur die stürmische See und der Wind sind mir im Gedächtnis geblieben. Man hat mir jedoch viel davon erzählt.“

„Nun, Robert!“ Northempston schlug seinem Schützling auf die Schulter. „Ihr werdet dafür Sorge tragen, dass Eure Gemahlin für alle Gelegenheiten passend ausstaffiert ist!“

„Das werde ich, Mylord. Ihr wart mehr als großzügig, ich aber bin reich genug, um dafür zu sorgen, dass es meiner Gattin an nichts mangelt.“

Genevra erwartete, dass Northempston dieser stolzen Behauptung etwas entgegnen würde, doch er schwieg. Stattdessen schien er amüsiert, wie in Bewunderung über St. Aubins selbstsichere Haltung.

Er gab St. Aubin einen kräftigen Schlag auf die Schulter. „Ausgezeichnet! Aber vergesst Euren Erben nicht, mein Sohn. Sobald Eure Gemahlin guter Hoffnung ist, müsst Ihr auf Euren Stammsitz in Thirkall zurückkehren, damit der Knabe dort geboren wird.“

Genevra konnte nicht verhindern, dass ihr wieder das Blut in die Wangen stieg, doch sie brachte ein Lächeln zustande. „Wir könnten eine Tochter haben, Mylord.“

„Das könnte sein. Doch gleichviel, ob Knabe oder Mädchen, vergesst nicht, mich die Geburt wissen zu lassen.“

„Ihr seid der Erste, nach meiner Mutter, sollte sie nicht anwesend sein, dem wir Mitteilung machen werden“, versprach Robert.

Northempston nickte wohlwollend und wandte sich ab. Für einen Augenblick waren beide allein.

„Eure Mutter wird unserer Hochzeit nicht beiwohnen, Mylord?“, fragte Genevra.

„Nein. Die Reise ist zu anstrengend für sie, und meine Schwester Alida ist blind. Die Abmachung wurde auch in aller Eile geschlossen. Ich habe ihnen meinen Entschluss, mich wieder zu verheiraten, noch nicht mitgeteilt.“

„Sie wissen nichts davon?“, wiederholte Genevra mit Erstaunen.

„Ich wollte ihnen die beschwerliche Reise nicht aufbürden“, antwortete Robert knapp. „Ich werde eine Nachricht senden, sobald die Hochzeit vollzogen ist.“

„Lady St. Aubin wünschte doch sicherlich …“

„Ohne Zweifel“, unterbrach er sie barsch. „Ich wollte ihr ersparen, sich zu einer gefahrvollen und mühsamen Reise zu zwingen.“

Genevra blickte unter ihren Wimpern zu ihm empor. Es klang, als wünschte er nicht, dass seine Mutter oder seine Schwester bei der Hochzeit anwesend waren. Schämte er sich seiner Braut? Oder sollte sie ein altes Familiengeheimnis entdecken müssen? Schämte er sich ihrer?

„Habt Ihr noch andere Verwandte?“, fragte sie zögernd.

„Einen Bruder namens Drogo.“

„Kann er nicht an Eurer Seite sein?“

„Ich bin vollkommen in der Lage, mich ohne Unterstützung irgendeines Mitgliedes meiner Familie zu verheiraten“, entgegnete St. Aubin scharf. „Auch mein Bruder weiß nichts von meiner Absicht, mich zu vermählen.“

„Wann werde ich Eure Familie kennenlernen?“, fragte Genevra ein wenig ängstlich. St. Aubins Gemütsverfassung hatte sich völlig verändert. Wenn er seine Verwandten als nicht akzeptabel empfand … Sie konnte nicht glauben, dass er seine Mutter ohne Grund fernhielt …

Robert blickte sie brütend an. „Ich weiß es nicht. Ist es von Bedeutung?“

Genevra zögerte fast unmerklich. „Nein“, sagte sie. „Ich nehme Euch zum Manne, nicht Eure Familie. Ich werde warten, bis Ihr bereit seid, nach Thirkall zu reisen. Die Verbindung wurde von Lord Northempston arrangiert, und seine Anwesenheit genügt.“

St. Aubin nickte. „So … seid Ihr zufrieden, Demoiselle?“, fragte er.

Genevra schob ihre Zweifel beiseite und lächelte. Dabei wurden die Grübchen auf ihren Wangen wieder sichtbar. „Ich bin zufrieden“, bekräftigte sie.

Und sie war es auch. Was immer St. Aubin dazu bewegte, seine Familie der Hochzeit fernzuhalten, ging sie nichts an. In Familien gab es oftmals Meinungsverschiedenheiten, das wusste sie nur zu gut.

Sie wäre glücklich gewesen, hätten sich ihr Onkel und ihre Tante entschlossen, vor der Zeremonie abzureisen, doch dafür bestand wenig Hoffnung. Sie würden die großzügige Gastlichkeit des Earls genießen, solange sie konnten. Wenn St. Aubin indes mit seiner Familie im Zwist lag, dann konnte sich ihr Leben in Thirkall als schwierig erweisen.

Ein Knappe trat ein und verkündete Northempston, dass das Bankett beginnen könne. Der Earl gab seine Zustimmung und unterbrach die Gespräche der Anwesenden. Fanfarenstöße kündigten den Beginn der Feierlichkeiten in der Großen Halle an, und der Earl zog an der Spitze seiner Ehrengäste in den Saal ein.

Pagen knieten vor ihnen und boten mit Wasser gefüllte Schüsseln und Tücher dar, damit die Gäste die Hände reinigen konnten. Genevra, an der Seite St. Aubins, tauchte ihre Finger ins Wasser und trocknete sie mit dem dargebotenen Tuch.

St. Aubin saß zur rechten Seite des Earls und Genevra neben ihrem zukünftigen Gemahl. Vor ihnen auf der mit Leinen bedeckten Tafel lag das große Stück Verlobungsbrot, das ihnen als Teller für die gereichten Speisen dienen und das sie miteinander teilen sollten. Ein großer Kelch aus Ahornholz, reich mit Silber verziert, stand daneben. Die Pagen und Knappen hatten schon große Platten aus Gold und Silber mit Brot, Butter, Pasteten und kaltem Fleisch an die Tafeln gebracht und ebenso kleine Holzkistchen bereitgestellt, in denen Kräuter und kostbare Gewürze aufbewahrt wurden.

Auch die anderen Tische weiter unten in der Großen Halle waren ähnlich gedeckt, nur waren dort die Platten aus Holz oder Zinn, manche auch aus Silber. Besonders prachtvoll waren jedoch die riesigen Salzgefäße, die die Tische der Adeligen, der Ritter und der Ehrengäste von den anderen, die weiter ab saßen, unterschieden.

Am anderen Ende der Großen Halle waren Bänke für die Diener und das Gefolge aufgestellt, die dicht besetzt waren. Darunter war ganz gewiss auch Meg. Genevra konnte sie in der Menge jedoch nicht erkennen.

Die Gäste, die hier versammelt waren, trugen ihre kostbarsten Gewänder, die schönsten Juwelen glänzten im Feuerschein des großen Kamins, der Fackeln und Kerzen, die die Halle erleuchteten, aber auch mit heißem Rauch erfüllten. So mancher der Kaufleute, die unterhalb des Salzes, das eine gewisse Trennlinie zwischen Adel und Bürgertum darstellte, saßen, hatte sich prächtiger gekleidet und geschmückt als die noblen Herren. Genevra dachte bei sich, dass sie sich wohl wenig um die Gesetze kümmerten, die festlegten, welche Stoffe und Farben von Leuten niederen Standes getragen werden durften.

Hinter jedem Adeligen und Ritter und seiner Dame stand zumindest ein Knappe, um aufzuwarten, und viele hatten noch einen Pagen mitgebracht, der stolz die Farben und das Wappen seines Herrn trug. Hunde lagen zu den Füßen ihrer Herren oder warteten neben den Dienern auf Bissen, die von der Tafel abfielen.

Die Banner und Wimpel hingen als stumme Zierde von den Balken und hüllten die Säulen in schimmernden Glanz. Teppiche und Fresken schmückten die Wände. Genevra glaubte, noch nie in ihrem Leben etwas so Prachtvolles gesehen zu haben. Bewundernd betrachtete sie den Prunk, der sich um sie herum ausbreitete.

Der Hausgeistliche des Earls sprach das Dankgebet. Die Musikanten auf der Galerie begannen zu spielen. Als die Diener in den funkelnden azurblauen und silbernen Livreen Northempstons die dampfenden Kessel auftrugen, wandte sich Genevra an ihren Verlobten und fragte verwundert: „Ich habe in Bloxley noch nie solche Pracht gesehen. Und wenn auch die Nonnen auf gutes Essen achteten und Tafelgeschirr aus Silber besaßen, so ginge doch solch ein Mahl weit über ihre Möglichkeiten.“

St. Aubin lächelte gütig. „Dies ist wohl Euer erstes großes Fest? Ihr werdet noch viele erleben. In angemessener Zeit werden wir selber Gäste laden, doch habt keine Angst. Ich habe einen ausgezeichneten Haushofmeister in Thirkall, und meine Mutter ist eine erfahrene Gastgeberin.“

So hatte er doch ein Lob für seine Mutter. Genevra war über diese Bemerkung erleichtert, denn sie wollte nicht, dass er mit den Seinen in Zwietracht lebte. „Ich habe keine Angst, Mylord. Ich wurde im Kloster mit den Pflichten einer Hausfrau wohl vertraut.“

„Und das neben Euren Studien? Seine Lordschaft erzählte mir, dass Ihr die Klassiker der Antike gelesen und Euch mit Mathematik und Wissenschaften beschäftigt habt.“

„Es gab sonst nicht viel Abwechslung im Kloster, Mylord, da ich es ablehnte, den Schleier zu nehmen.“

„Die meisten jungen Mädchen hätten sich wohl mit häuslicheren Beschäftigungen zufriedengegeben, wie Sticken oder Nähen.“

„Auch das habe ich nicht vernachlässigt und daneben noch von den Schwestern in der Klosterapotheke etwas von Heilkunst gelernt. Die Musikanten spielen sehr gut“, fügte sie nach einer kleinen Pause hinzu, als zarte Klänge von Laute und Flöte im Raum erklangen und von der Harfe und dem Tamburin fortgesetzt wurden. „Seine Lordschaft kann sich ohne Zweifel nur das Beste leisten. Ich spiele selber ein wenig auf dem Psalterium, doch ich denke, zur Musikantin habe ich nicht allzu viel Talent.“

„Ihr erstaunt mich, Mistress. Ich habe nicht damit gerechnet, solch eine gelehrte Frau zu bekommen. Eure Künste stellen die meinen in den Schatten.“

Seine Worte klangen nicht allzu begeistert. Genevra aß nachdenklich ein Stück gebratenes Schweinefleisch, das St. Aubins Knappe, ein dunkelhaariger, gut aussehender Junge von etwa siebzehn Jahren mit Namen Alan of Harden, an ihre Tafel gebracht hatte. Es amüsierte sie insgeheim, dass der Junge sie mit einer Mischung aus Bewunderung und Groll darüber, dass sie in die Freundschaft mit seinem Herrn eindrang, betrachtete.

Genevra war klug genug, St. Aubins männlichen Stolz wieder zu beruhigen. „Meine Kenntnisse sind nur gering, verglichen mit den Euren, Mylord. Ihr seid geübt in der Kunst des Krieges und habt nicht nur das Lob Eurer Soldaten, sondern auch die Bewunderung der Menge errungen. Seine Lordschaft erwähnte indes, dass auch Ihr die Schriften der Klassik wohl kennt. Er hegt die Hoffnung, dass wir darin viel Gemeinsames finden.“

Robert stieß ein zustimmendes Brummen aus und reichte ihr den silberverzierten Kelch, der nun mit tiefrotem Wein gefüllt war. Er wartete, bis Genevra getrunken hatte, dann führte er selber den Becher an den Mund und leerte ihn in einem Zug.

Ein Wink bedeutete Alan, den Kelch von Neuem zu füllen. „Er mag recht haben. Ich selber spiele ein wenig auf der Laute. Doch meine Kriegstage sind vorüber. Ich werde nicht mehr im Kampf für den König die Waffen tragen. Ich gab fünfzehn Jahre meines Lebens, um Edwards Besitzungen in Aquitanien zu verteidigen und in Frankreich und Spanien für ihn zu kämpfen. Jetzt gedenke ich mich auf meine Güter zurückzuziehen und eine Familie zu gründen. Sollte ich zu den Waffen gerufen werden, dann leiste ich meinen Schildpfennig und überlasse das Kämpfen den anderen. Ich bin des Soldatenlebens müde geworden.“

Erfreut hörte Genevra diese Worte. Er würde also seine Leute nicht in den Kampf führen und sie in Angst und Sorge allein zu Hause zurücklassen. Die Zahl der Gesetzlosen war zwar nicht mehr so groß wie früher, doch einige aufrührerische Lords gab es wohl noch, die ihren Besitz auf Kosten anderer zu vergrößern suchten. Kein Grundbesitz war jemals sicher vor Angriffen, und so hatten viele ihre Häuser befestigt. Andere wiederum lebten in den alten Burgen ihrer Ahnen oder hatten sich neue erbaut.

Ihre Stimme klang lebhaft, als sie antwortete: „Ich bin erfreut, Euch so zu hören, Mylord. Aber Ihr werdet gewiss in die Schranken treten, wie Ihr es heute tatet. Ihr werdet Euch nicht ganz vom Feld des Kampfes zurückziehen. Wie sollten sonst Eure Knappen ihr Handwerk lernen?“

„Habt keine Sorge, ich werde mich weiter darin üben und andere, so auch meine Söhne, im Kampf unterweisen. Diese Kunst ist notwendig, um sein Leben und seinen Besitz zu verteidigen. Und wenn ich oder die Meinen angegriffen werden, dann werde auch ich zu den Waffen greifen, habt keine Angst.“

„Die habe ich nicht, Mylord. Und ich hege keinen Zweifel, dass Ihr jeden Kampf so glorreich bestehen werdet, wie Ihr Euch heute im Turnier geschlagen habt.“

Er lächelte, und dieses nachdenkliche Lächeln ließ Genevras Herz schneller klopfen und ihre Hand zittern, als sie ein Stück Hühnerbrust von der Platte nahm, die Alan pflichteifrig immer wieder mit neuen Leckerbissen füllte.

„Ja, ich liebe die Herausforderung eines Turniers. Es ist eine gute Möglichkeit, sich zu üben, ohne viel Blut zu vergießen. Und man kann sich mit Ruhm bedecken, ohne viel dabei zu riskieren“, fügte er mit einiger Missbilligung hinzu, als fände er keinen Gefallen an diesem Aspekt des Kampfes. Ein Schauder durchfuhr ihn, als er erneut den Becher leer trank.

„Ein Jammer mit Sir Piers! Armer Kerl, seine Rüstung war zu schwer, und die Tage seines Ruhms sind vorüber. Er stürzte so unglücklich von seinem Pferd, dass er sich das Genick brach. Er ist gelähmt und wird wohl nicht mehr lange am Leben bleiben.“

Genevra war bestürzt. Sie griff nach dem Brot und brach gedankenverloren ein Stück ab. Dieser Kampfsport war gefährlich. St. Aubin konnte im Verlauf eines Turniers verletzt oder getötet werden. Aber ein Mann am häuslichen Herd war kein Mann. Das Leben bot mancherlei Gefahren. Er konnte ebenso gut an einer Krankheit sterben oder bei einer Jagd vom Pferde fallen. Das Leben war oft kurz, der Tod lauerte an jeder Ecke.

Ihr selbst standen die Gefahren bevor, die eine Geburt mit sich brachte. Sie war jedoch klug genug, sich von solchen Gedanken nicht die Stimmung des Festes trüben zu lassen. Sie beide waren kräftig und gesund. Mit Gottes Willen würden sie viele Jahre gemeinsam verbringen.

Sie tat etwas Butter auf das weiche weiße Brot und biss kräftig davon ab, als ein weiterer Fanfarenstoß den nächsten Gang ankündigte. Wie schon zuvor kostete ein Mundschenk das Essen seines Herrn vor. In den meisten großen Haushalten hielt man an diesem Ritual fest. Ein missgünstiger oder habgieriger Feind bedeutete eine Gefahr für jeden mächtigen Mann oder Lehensherrn. Und nichts einfacher, als Gift in das Essen zu mischen.

Sie wies alle dunklen Gedanken von sich und dachte daran, dass viele einflussreiche Männer ein hohes Alter erreichten, wenn sie nicht schon krank geboren waren oder im Kampf fielen.

Oder das Opfer der schrecklichen Pest wurden, die als Geißel Gottes in den letzten fünfundzwanzig Jahren schon dreimal das Land heimgesucht und die Bevölkerung Englands so drastisch reduziert hatte, dass es oftmals nicht einmal genug Leute gab, um die Ernte zu bestellen. Das Land war seiner Bauern beraubt, und die Felder lagen brach.

Auch die großen Geschlechter, wie das von Lancaster, hatten schwer gelitten, doch Lord Northempston war ein kräftiger und gesunder Mann. Er hatte zusehen müssen, wie seine Kinder und Enkel starben, und auch St. Aubin hatte Frau und Kind verloren, beide hatten indes allem Leiden getrotzt, das der Herr ihnen auferlegt hatte, und, so betete sie inbrünstig, würden es auch weiter tun.

Jetzt wurden ihre Gedanken durch ein neues Gericht unterbrochen, das man vor ihnen aufgetragen hatte.

„Mylord, noch nie habe ich so einen herrlichen Schwan gesehen!“, rief sie aus. „Es wäre fast schade, die Federn zu entfernen und ihn aufzuschneiden, aber ich möchte doch zu gerne wissen, wie er schmeckt!“

„Und das sollt Ihr auch! Ich habe bemerkt, dass Ihr bereits von vielen ungewohnten Speisen gekostet habt, den Tauben in Aspik und den Stör, ungeachtet all der Kuchen, des Sillabubs und der Puddinge, die noch kommen!“

Auf Genevras Wangen erschienen wieder die Grübchen. „Wenn ich es nicht getan hätte, wie könnte ich dann wissen, ob ich diese Gerichte mag?“

Diese kindliche Entdeckerfreude amüsierte St. Aubin, und er sah zu, dass sie von allem bekam, was sie sich wünschte. Die größte Bewunderung fand aber das Kunstwerk aus Marzipan und Mandelbrot, das zu Ende des Mahls hereingetragen wurde. Es stellte zwei kämpfende Einhörner dar, eines mit den Farben von Northempston, das andere mit dem Wappen St. Aubins.

„Oh, das ist herrlich!“, rief sie aus.

„Sehr klug gemacht“, stimmte St. Aubin zu, „und wohlüberlegt in der Darstellung. Es sieht so aus, als würde Northempston als Gewinner aus diesem Kampf hervorgehen!“

Genevra kicherte. Sie hatte zu viel gegessen und getrunken und die Freiheit genossen, die ihr neuer Stand bot. Wenn die Nonnen sie jetzt sehen könnten! Sie wollte indes ihre Würde bewahren. Sie straffte die Schultern und nickte zustimmend.

„Die Köche tun gut daran, ihrem Herrn zu schmeicheln. Aber seht doch, da kommen die Komödianten und Jongleure!“

Bevor es jedoch allzu zügellos herging, machte sich Genevra bereit, den Saal zu verlassen. Wenn sie zu viel trank, konnte sie etwas tun, das sie später bereute. Männer und Frauen umarmten sich bereits ungeniert überall im Saal. Sogar ihre Tante lehnte an der Schulter eines Ritters, der neben ihr saß. Und Onkel Gilbert hatte sich über seine vollbrüstige Nachbarin gebeugt.

In solch einer Umgebung könnte sie nur allzu leicht der Versuchung folgen und ihre Arme um St. Aubin legen, denn sie sehnte sich danach, ihm nahe zu sein. Das könnte ihm jedoch verraten, wie sehr sie sich in ihn verliebt hatte.

Würde, befahl sie sich selber streng. Sie war noch nicht so betrunken, dass sie gutes Benehmen vergessen konnte. Sie musste Haltung bewahren.

Sie schenkte ihrem Verlobten ein süßes Lächeln. „Mylord könnt Ihr Alan sagen, er solle meine Dienerin Meg herbeiholen?“, fragte sie mit betonten Worten, denn sie hatte Mühe, noch deutlich zu sprechen. „Es ist Zeit, mich in meine Gemächer zurückzuziehen.“

St. Aubin, der augenscheinlich keine Mühe hatte, große Mengen zu trinken, ohne Zeichen von Trunkenheit zu zeigen, gab Alan den Befehl und ergriff dann plötzlich ihre Hand.

Der Alkohol hatte auch bei ihm seine Wirkung getan, das konnte sie an seinen Augen sehen, doch seine Stimme klang klar und verständlich. „Mistress wollt Ihr morgen vor dem Mittagmahl mit mir ausreiten?“

„Ich würde gerne, Mylord, aber ich habe kein Pferd, nur die alte Mähre, die mir mein Onkel schickte, um mich aus dem Kloster abzuholen. Vielleicht leiht mir der Earl ein Reitpferd aus seinen Ställen?“

„Ihr sollt eine gute Reiterin sein. Ich werde Euch ein passendes Tier aussuchen. Reitet Eure Dienerin?“

Genevra schüttelte den Kopf. „Sie hält sich auf dem Pferd, wenn es am Zügel geführt wird.“

„Und Eure Tante?“

„Ja … aber …“

„Ihr schätzt wohl ihre Gesellschaft nicht sehr? Nun gut. Vertraut Ihr Euch dann mir und meiner Begleitung an?“

„Warum nicht, Mylord? In wenigen Tagen schon werde ich mein ganzes Leben unter Euren Schutz stellen.“

„Und mein Glück wird unter Eurem stehen. Schlaft wohl, Mistress. Ich sehe Euch am Morgen.“

Sie einigten sich auf die Stunde, und Genevra verließ mit Meg den Saal. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander, und daran war nicht nur der Wein schuld.

Er wollte sie morgen wiedersehen. Darüber hinaus kannte sie nichts Schöneres, als frei über die Felder zu reiten. Es gab so viel, um sie glücklich zu machen.

3. KAPITEL

Ihr seht sehr glücklich aus“, bemerkte Meg, als sie Genevra in ihre Gemächer begleitete. Ein Page wies ihnen mit einer Fackel den Weg. „Ich hoffe jedoch, Ihr habt nicht zu viel von dem schweren Wein genossen“, fügte sie hinzu, da sie in dem flackernden Licht einen Blick auf die strahlenden Augen und das zarte Lächeln ihrer Herrin geworfen hatte.

„Wir reiten morgen zusammen aus“, erklärte Genevra ihre gute Laune. „Und du weißt doch, wie gerne ich reite.“ Nicht einmal Meg gegenüber wollte sie ihre Glückseligkeit eingestehen. Dieses Gefühl war zu neu, zu ungewohnt, zu kostbar, um es mit anderen zu teilen.

Die übrigen Bewohnerinnen des Gemachs waren noch nicht wieder zurück, und Meg plapperte eifrig über das Fest und die Verlobung. Genevras Blick blieb gedankenverloren an der Kerze auf dem Betstuhl hängen, in deren irisierendem Licht die Statue der Jungfrau Maria sich zu bewegen, ja sogar zu lächeln schien.

„Er war sehr wohlwollend“, war alles, was sie sagte, sie fügte jedoch hinzu, dass ihre Angst, er könne dieser Verbindung nicht zustimmen, unbegründet gewesen sei. „Ich denke, wir kommen gut miteinander aus. Doch jetzt möchte ich zu Bett gehen, Meg. Ich möchte morgen früh für den Ritt ausgeschlafen sein.“

Sie entließ Meg, die sich in ihr Lager im angrenzenden Vorraum zurückzog. Genevra sprach ihr Nachtgebet, dankte der Heiligen Jungfrau Maria für die Erfüllung ihrer Wünsche und begab sich zur Ruhe. Die Aufregung indes war zu groß, um einen ruhigen Schlaf zu finden. Auch wurde sie durch die beiden Damen gestört, mit denen sie das Gemach teilte und die lärmend und lachend vom Fest kamen.

Als diese die Vorhänge zurückzogen, um sich zu Bett zu begeben, strich ein kalter Luftzug herein. Dann unterhielten sie sich noch eine Ewigkeit miteinander. Genevra gab vor, fest zu schlafen, um nicht durch Fragen gestört zu werden. Als die beiden dann schließlich doch einschliefen, begann die eine laut zu schnarchen.

Genevra versuchte, so ruhig als möglich zu liegen, um die anderen nicht zu stören. Sie dachte an Merlinscrag und ihre eigene Zukunft. In ihren Gedanken stand sie auf dem Kliff an der Seite ihres Gemahls und blickte über die brausende See hinüber zu den fernen Landen, die jenseits des Horizontes lagen.

Doch auf einmal schienen die dunklen granitenen Mauern des Schlosses immer näher zu rücken und dunkle Schatten auf sie zu werfen. Die Sonne konnte sie nicht mehr wärmen, und sie erschauderte. Im hellen Sonnenlicht, weit von ihr entfernt, stand der Goldene Adler, sein Gesicht hinter dem Visier versteckt. Als sie zu ihm laufen wollte, wurden ihre Beine schwer, ihr Füße bewegten sich wie im tiefen Schlamm, und er wandte sich von ihr ab. Genevra stieß einen verzweifelten Schrei aus und erwachte schweißgebadet aus ihren Träumen.

Die beiden Gefährtinnen an ihrer Seite ließen sich nicht in ihrem tiefen Schlaf stören. Genevra zitterte vor Kälte. Sie blickte durch den Spalt des dichten Vorhanges und sah, dass bereits der Morgen graute. Sie wusste, dass sie nach diesem wirren Traum nicht mehr schlafen konnte, und schlüpfte aus dem Bett. Nur mit ihrem leinenen Hemd bekleidet ging sie hinaus, um Meg aufzuwecken.

„Was ist los, mein Täubchen?“, fragte Meg, die in tiefem Schlaf auf ihrem Strohsack gelegen hatte und nun schnell auf die Füße sprang.

Genevra wies auf die anderen Dienerinnen und legte den Finger an die Lippen. „Pst, Meg. Wir wollen niemanden aufwecken. Aber ich brauche heißes Wasser zum Waschen, bevor ich mich zum Ausritt ankleide.“

Bleicher Lichtschein durchdrang die Läden, die das Fenster des Vorraumes verschlossen. Meg sah, wie Genevra zitterte, und legte die Hand auf ihre glühende Stirn. „Seid Ihr krank, Kindchen?“

„Ich hatte nur einen bösen Traum. Mach schnell, Meg, bevor die anderen aufwachen.“

Meg, die ebenso wie alle Dienerinnen in ihren Kleidern geschlafen hatte, bestand darauf, dass ihre Herrin in das Schlafgemach zurückkehrte, und hüllte sie vorsorglich in einen Mantel. Dann begab sie sich zu den Küchen, wo das Wasser in riesigen Kupferkesseln auf dem Feuer erwärmt wurde.

Genevra zog den Umhang fester um sich und setzte sich auf das niedrige Fenstersims. Sie stieß den Laden auf und blickte durch die schmale Öffnung auf das umliegende Land. Stallknechte und Diener liefen schon geschäftig über die Höfe, außerhalb der großen Steinmauer jedoch, die die Burg wehrhaft umgab, bot sich ein friedlicher Anblick. Der Fluss glitzerte in der hellen Morgensonne, und an seinen Ufern erstreckten sich Felder, Bäume und Büsche. In der Ferne zeichneten sich die scharfen Zacken der Hügel ab. Im Morgenlicht verblassten auch langsam die Schatten ihres bösen Traumes.

Dabei gab es keinen Grund für Albträume. Im hellen Licht des Tages schien er kindisch und bedeutungslos. Sie träumte nur selten und wusste nicht, was sie davon halten sollte. Um keinen Preis wollte sie sich davon ihr augenblickliches Glück zerstören lassen. Sobald sie St. Aubin wiedersah und er sie anlächelte, könnte sie diesen Traum vergessen.

St. Aubin sandte seinen Knappen, Alan of Harden, nach ihr. Er verbeugte sich tief und sagte: „Mein Herr erwartet Euch im Burghof.“

„Habt Dank, Alan. Wie Ihr seht, bin ich bereit.“

Sie trug ihre alte Reitkleidung, die aus der Zeit im Kloster stammte, und unter ihrer Cotte eine lederne Kniehose, um ihre Schenkel vor Abschürfungen zu bewahren. Sie hatte sich dieses etwas ungewöhnliche Kleidungsstück von einem der Begleiter erbettelt, die sie nach Ardingstone eskortiert hatten, und ihm dafür das letzte Silberstück ihres spärlich bemessenen Taschengeldes gegeben. So konnte sie die langen Strecken zu Pferde unbeschadet zurücklegen.

In der Vergangenheit hatte Meg zwar vorsorglich ihre Unterröcke wattiert, die Kniehosen jedoch waren weitaus bequemer. Sie hatte nicht vor, in Zukunft darauf zu verzichten, und riskierte selbst den Skandal, den sie zweifellos damit hervorrufen würde, sollte jemand dieses ungewöhnliche Kleidungsstück an ihr bemerken.

Andere Reitkleidung als diese alten Stücke besaß sie nicht, und sie hatte am vergangenen Abend auch nicht weiter daran gedacht, als sie die Einladung ihres Verlobten annahm. Sie hegte aber die Hoffnung, dass er dem schäbigen Aussehen ihrer Kleidung keine weitere Bedeutung beimaß. Sie sah keinen Grund, ihn mit schönen Kleidern beeindrucken zu wollen, wenn er sie schon bald in nichts anderem als ihrem spitzenverzierten Nachtgewand sehen würde.

Der Gedanke daran trieb ihr die Röte ins Gesicht und gab ihren Wangen Farbe. Das braune Haar war zu einem Zopf geflochten, der von einer grünen Schleife gehalten wurde und schwer über die Kapuze ihrer Chamarre fiel.

Sie ergriff ihre Handschuhe und die Gerte. „Geht voran“, bat sie Alan.

Auf ihrem Weg durch lange Gänge und über Treppen begann Genevra ein Gespräch mit Alan, auch um ihre Nervosität zu verbergen, die sie seit ihrem Albtraum nicht abschütteln konnte. Alan war jünger als sie, besaß aber die gesunde Selbstsicherheit der Jugend. Da Genevra in seinen Augen nur Bewunderung lesen konnte, schloss sie, dass ihr Aussehen nicht durch die Bekleidung getrübt wurde. Er war ein offener, ehrlicher Bursche, und sie mochte ihn.

„Wie lange seid Ihr schon im Dienste St. Aubins?“, fragte sie.

„Ich kam als Page an den Hof des verstorbenen Barons, Mylady, und er stellte mich in den Dienst Lord Roberts. Lord Robert machte mich zu seinem Knappen, als ich mein vierzehntes Jahr erreichte, kurz bevor er Baron wurde. Zwölf Jahre schon stehe ich in seinem Dienst und habe ihn bei all seinen Taten begleitet.“

„Dann habt Ihr schon viel von der Welt gesehen“, bemerkte Genevra mit einer leisen Eifersucht. Sie selber kannte außer Bloxley nichts als das Kloster in Derbyshire. Ardingstone lag etwa auf halbem Wege dazwischen. „Habt Ihr auch an seiner Seite gekämpft?“

„Nein, Lady, nicht in der Schlacht. Ich war nur ein Page in Najera. Doch vor Kurzem erst stand ich an seiner Seite, als er gegen Rebellen in Aquitanien kämpfte, die Seiner Majestät, unserem König, das Herzogtum streitig machen wollten.“

„So werdet Ihr wohl bald zum Ritter geschlagen?“

„Ich hoffe es, Mylady. Ich bin der älteste Knappe im Dienst St. Aubins, und ich werde bei meinem Herrn bleiben, wenn er mir ein Lehen in seiner Baronie schenkt. Solange mein Vater am Leben ist, besitze ich kein eigenes Land.“

Genevra blickt ihn erstaunt an. „Und das, obwohl er nicht mehr am Schlachtfeld, sondern nur noch bei Turnieren zu den Waffen greifen will?“

Alan strahlte. „Ich möchte keinem anderen dienen als ihm. Ich werde ihn auffordern, die Lanze mit mir zu kreuzen, und ich hoffe, dass ich ihn schlagen kann. Aber ich werde in seinem Dienste immer zufrieden sein. Er braucht Ritter in seinem Gefolge zum Schutz der Festungen.“

Mit diesen Worten betraten sie den inneren Burghof, wo St. Aubin mit zwei Pferden wartete. Ein Paar riesiger Wolfshunde lag zu seinen Füßen. Eine Eskorte bewaffneter Männer, die sein Adlerwappen trugen, standen bereit, und auch ihre Pferde trugen Schabracken in den Farben St. Aubins, smaragdgrün und maulbeerrot.

Alan entfernte sich, um sein eigenes, stattlich geschmücktes Pferd zu besteigen, und Genevra begrüßte St. Aubin.

Er zog seinen Hut, der mit einer großen Feder verziert war.

Er trug keinen Harnisch. Sein braunrotes Wams aus feiner Wolle wurde vorne mit silbernen Knöpfen geschlossen, und Silberknöpfe zierten auch die Ärmel bis zum Ellbogen. Die Spange, die er schon gestern trug, stak nun an seinem Hut, und an seinem juwelengeschmückten Gürtel hing ein Dolch.

Von seinen breiten Schultern flatterte ein kurzer geschlitzter Taphart in der Farbe reifen Löwenzahns, der mit dunkelgrüner Seide gefüttert war. Eine Hose in derselben Farbe umspannte seine kräftigen Schenkel, und seine Füße steckten in wadenhohen Stiefeln aus feinstem Korduanleder. Sein weizenblondes Haar glänzte in der Sonne. Groß und stattlich stand er da.

Ein flüchtiges Lächeln umspielte seine Lippen, als er sie begrüßte. „Gott sei mit Euch, Mistress.“

Vergangenen Abend hatte er Strenge und Härte nicht nur in seinem Benehmen, sondern auch in seiner Kleidung zur Schau getragen. Heute Morgen beschränkte sie sich auf sein Auftreten, denn seine Kleidung war alles andere als düster. „Ich habe aus dem Stall von Lord Northempston einen Zelter gewählt, der zu Euch passt, wie ich hoffe“, sagte er ohne weitere Vorrede. „Er ist jung, aber von sanftem Gemüt und fügsam.“

„Meinen Dank, Mylord.“

Genevra hatte bisher ihre Aufmerksamkeit auf ihren Verlobten gewandt und nur einen kurzen Blick auf das Pferd geworfen, das für sie bereitstand. Nun trat sie zu ihm und streichelte es zwischen den geblähten Nüstern.

Es war eine junge Stute, gut gewachsen, kastanienbraun mit weißer Blesse und weißen Fesseln an drei Beinen. Sie trug ein prächtiges Zaumzeug in den Farben von Northempston, Azurblau und Silber. Das Tier reagierte auf Genevras Berührung mit einem Nicken seines fein geformten Kopfes, knabberte zart an Genevras Fingern und stieß ein leises freudiges Wiehern aus. Dabei läuteten die Glöckchen an seinem Halfter.

„Findet Ihr Gefallen an dem Tier?“

„O ja, Mylord, und es scheint mir, auch sie mag mich.“ Genevra gab dem Zelter einen abschließenden Klaps und ergriff die schmalen silberbesetzten Zügel, um in den Sattel zu steigen. „Ich freue mich schon auf den Ausritt.“

Stallknechte eilten herbei, St. Aubin indes wies sie mit einer Handbewegung zurück und bot ihr selbst seine Hilfe an.

„Es hört auf den Namen Chloe“, sagte er, als er sie in den Damensattel hob. Sie zupfte ihre Röcke zurecht, und er breitete ihre Chamarre auf dem Rücken des Pferdes aus. Hoffentlich hat er nicht die Kniehosen gesehen, dachte sie.

„So komm, Chloe“, murmelte Genevra, als sich St. Aubin ohne fremde Hilfe in den gepolsterten, reich geschmückten Sattel seines prächtig aufgezäumten schwarzen Hengstes schwang, der den Namen Prince trug. In Gedanken hatte sie bereits festgestellt, dass er weder sein Streitross ritt, noch seinen Kampfsattel benutzte. „Genießen wir unseren Ausritt.“

Sie ritten durch den äußeren Burghof. Fröhlich sprangen die Hunde neben ihnen her. Sie passierten das Torhaus, und unter dem Fallgatter ritten sie weiter auf die Zugbrücke, die den übel riechenden Burggraben überspannte, und erreichten dann die Wachttürme, von denen man die herannahenden Feinde abwehren konnte.

Ein Herold und ein Teil der Eskorte ritten vorneweg, während Alan und ein Falkenmeister mit einem Jagdfalken das übrige Gefolge hinter ihnen anführten. Seite an Seite ritten sie langsam durch das Dorf. Schnatternd flogen die Gänse hoch, und die Hunde bellten zwischen den teils verlassenen Hütten der Zinsbauern und Häusler. Menschen und Tiere waren schon auf den Feldern bei der Arbeit.

Tagelöhner bestellten nun die Ländereien des Earls, erklärte St. Aubin Genevra, denn nur wenige Bauern hatten die Pest, die dreimal schon das Land heimsuchte, überlebt. Damit das Land auch weiterhin bestellt wurde und ausreichende Ernte brachte, hatten viele Lords ihren Leibeigenen die Freiheit geschenkt, damit sie nicht in den Schutz der Städte flohen.

Freie Männer konnten Lehensbauern werden, falls sie bleiben wollten. Northempstons Land wurde nun ausschließlich von freien Bauern oder Tagelöhnern bestellt, die aber teures Geld kosteten.

„Das hätte Lord Heskith auch tun sollen“, bemerkte Genevra. „Es gibt kaum noch hörige Bauern auf Bloxley. Viele starben, und wer überlebte, lief davon. Mein Onkel hat es schwer, sein Land zu bebauen.“

„Die Pest hat vieles verändert. Sie machte vor keiner Person Halt, gleich, welchen Standes sie war. Viele große Herren und Damen mussten ihr Leben lassen. Ganze Familien wurden ausgerottet. Northempston verlor seine Erben. Ich fürchte, England wird nie mehr werden, wie es war. Zahlreiche Hörige, wie die Eures Onkels, denen ihre Herren nicht die Freiheit gaben, sind davongelaufen und haben sich gut bezahlte Arbeit in den Städten gesucht. Das Feudalsystem stirbt.“

„Sie schuldeten ihren Herren Arbeit, und ihre Herren sollten ihnen dafür Schutz geben“, bemerkte Genevra nachdenklich und klopfte beruhigend Chloes Hals, als die Stute scheute und ihren Kopf aufgeregt zurückwarf. Ein Kaninchen war aus seinem Bau gesprungen und wurde von den Hunden gejagt. „Aber nun, da das Land wieder ruhiger ist, schätzen sie die Freiheit höher ein als den Schutz, den ihre Herren ihnen geben.“

St. Aubin warf einen langen nachdenklichen Blick zu Genevra, und sein Gesicht verdüsterte sich. „Denkt Ihr?“, fragte er, und in seiner Stimme schwang etwas mit, das Genevra glauben ließ, dass er nicht einer Meinung mit ihr war. „Warum sollten sie nach Freiheit verlangen?“

„Die Möglichkeit, sich frei zu bewegen, ohne gleich wie Verbrecher gehetzt zu werden, und vielleicht die Chance, ihre Söhne und Töchter mit jemandem zu verheiraten, der nicht unter derselben Herrschaft lebt, ohne eine horrende Abgabe leisten zu müssen“, sagte Genevra leise.

„Ach, das!“ Seine Stimme klang halb belustigt, halb abweisend. „Die meisten Hörigen haben genug Geld und können sich die Abgabe leisten, wenn eines ihrer Kinder die Ländereien des Lords verlassen möchte, um zu heiraten.“

„Diejenigen, die fruchtbares, reiches Land bestellen, vielleicht; ich gebe zu, dass sie sogar vermögend zu nennen sind. Trotzdem sind sie und ihre Familien der Gnade ihrer Herren ausgeliefert. Sie müssen ihren Zehent bezahlen, müssen für sie arbeiten, müssen zahlen, um ihr Getreide in den Mühlen ihrer Herren mahlen zu lassen, zahlen, um ihr Brot in den Backöfen ihrer Herren backen zu lassen, und ihre Kinder dürfen das Land nicht verlassen, ohne eine hohe Abgabe zu entrichten. Ich kann dieses Leben nicht glücklich nennen“, sagte Genevra.

„Hat man Euch diese Ideen im Kloster in den Kopf gesetzt, Mistress?“, fragte St. Aubin mit Arroganz und Missfallen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihr von alleine darauf kommt.“

„Doch, Mylord.“ Genevra widersprach heftig aus Angst, das Kloster könnte vielleicht Schaden nehmen. Sie sollte doch besser nachdenken, bevor sie sich so frei äußerte! „Wir dankten Gott, dass das Kloster von der Pest verschont blieb. Hörige Bauern arbeiten noch immer auf seinem Land. Sie sind auch noch nicht von dem Drang nach Freiheit angesteckt. Doch ich hatte viel Zeit, nachzudenken und zu lernen. Sie sind so sehr an ihr Land und ihren Herrn gebunden, dass sie weniger Recht auf ihr Leben haben als ich auf meines.“

Sie sprach leise und ein wenig trotzig, denn sie hatte ihren Traum noch nicht vergessen. Dass sie Robert St. Aubin liebte, verdeckte nicht die Tatsache, dass diese Verbindung ohne ihre Zustimmung arrangiert wurde.

Stumm ergriff St. Aubin ihre Zügel und brachte beide Pferde abrupt zum Stehen. Alan und seine Begleiter hinter ihnen hatten Mühe, ihre Pferde so plötzlich zu zügeln. Unter lautem Stimmengewirr, Pferdegetrampel und Gewieher hielt die Gruppe hinter ihrem Herrn an.

Ein strenger Blick aus seinen Augen traf sie. Er achtete nicht auf die Verwirrung, die hinter ihnen entstanden war, und sagte mit kalter Stimme: „Ihr hättet Euren Widerspruch gegen diese Heirat bei der Verlobung kundtun sollen, Mistress.“

Genevra war über diese Äußerung höchst erschrocken, versuchte jedoch, ihre Stimme fest klingen zu lassen. „Ich wollte nicht sagen, dass mich diese Verbindung abschreckt, Mylord, nur, dass man mich vorher nicht gefragt hatte. Ich betrachte es als großes Glück, in der Gunst des Earl of Northempston zu stehen“, fügte sie, nun schon etwas ruhiger, hinzu.

„Töchter werden dazu erzogen, den Mann zu ehelichen, den ihr Vater für sie wählt, und gegebenenfalls zwingt man sie zu einer Heirat, falls sie dagegen sprechen. Liebe oder Zuneigung haben mit diesen Verbindungen nur wenig zu tun. Ländereien, Geld oder Macht sind wichtiger. Frauen haben kein Recht, ihre Meinung zu äußern. Genauso wenig wie Leibeigene.“ Der Griff um die Zügel ihres Pferdes verstärkte sich und ließ die Juwelen an seinen Handschuhen blitzen. „Damen werden dazu erzogen, den Haushalt zu führen und Kinder zu gebären. Das ist die Rolle, die ihnen zusteht. Außer sie ziehen es vor, den Schleier zu nehmen.“

„Und niemand denkt an ihr Glück“, erwiderte Genevra lebhaft. „Und wenn sie es wagen, sich dagegen aufzulehnen oder nicht zu gehorchen, dann hat ihr Herr und Meister das Recht, sie zu schlagen, wie er sein Pferd, seine Hunde, seine Diener oder seine Kinder schlägt.“

St. Aubin betrachtete sie. Seine Augenbrauen hatten sich nachdenklich zusammengezogen. „Denkt Ihr, ich könnte Euch schlagen, Madam?“ Ernst und düster klang seine Stimme.

Genevra hielt seinem Blick stand, auch wenn sie innerlich vor Angst bebte. War sie besessen gewesen, ihn so herauszufordern, gerade heute Morgen, da er so ernst blickte und ihm kaum ein Lächeln zu entlocken war? War es gerade sein zurückhaltendes Benehmen, das ihre Träume und Hoffnungen, die der gestrige Abend geweckt hatte, wieder erschütterte? Wenn es so war, dann konnte sie ihre Herausforderung als Erfolg betrachten. Selbst sein Zorn war leichter zu ertragen als seine gleichgültige Höflichkeit.

„Nein, Mylord“, sagte sie aufrichtig. „Wie ich schon sagte, halte ich die Wahl, die andere für mich trafen, für mein Glück.“

Ein kurzes Nicken, St. Aubin ließ ihre Zügel los und gab seinem Pferd die Sporen. Genevra sagte nichts, bemühte sich jedoch, Chloe an seiner Seite zu halten.

Bald erreichten sie das Weideland, wo Schweine, Schafe und Rinder, die nicht zur Arbeit auf den Feldern benötigt wurden, grasten. Kleine Lämmer spielten neben den Mutterschafen, und die Hunde, die auf die Namen Cain und Abel hörten, mussten zur Ordnung gerufen werden.

Sobald sie die Felder und Äcker, die die Burg umgaben, hinter sich gelassen und das offene Land erreicht hatten, ritten sie schneller voran. Auf ein Wort von St. Aubin fiel die Gruppe in leichten Galopp, und die Hunde sprangen vergnügt nebenher. Genevras Chamarre bauschte sich im Wind, und die Kapuze fiel von ihrem Kopf. Sie zog den Zopf unter dem Cape hervor und ließ den frischen Wind über ihre Haare streichen.

Auch St. Aubins kurzer Mantel flog auf und ab, und die Federn seines Hutes tanzten im Wind. Doch seine Züge blieben unbewegt. Er schien sich weniger über diesen Ritt zu freuen, als seine schwelende Unmut damit abzureagieren.

Im Gegensatz zu ihm genoss Genevra diesen Ritt. Seit Jahren schon war es ihr nicht vergönnt gewesen, solch ein gutes Pferd wie Chloe zu reiten. Sie saß auf der kleinen Stute bequem wie in einem Lehnstuhl, so sanft und ruhig war ihr Tritt. Als St. Aubin der Eskorte zurief, Platz zu machen, und sein Tier zu einem raschen Galopp über das kahle Land, auf dem nur einige Büsche und Sträucher wuchsen, anspornte, zögerte Genevra nicht, ihm zu folgen.

Chloe streckte ihren Hals vor, beschleunigte den Galopp und schien schon bald St. Aubins Prince zu überholen. Sie war zu allem bereit, und Genevra ließ ihr freien Lauf. Aber Prince war wahrhaft ein Prinz unter den Pferden; schon bald fiel der kleine Zelter zurück, und auch die Begleitung konnte nicht mehr Schritt halten. Einige Male blickte St. Aubin über seine Schulter nach ihr, verlangsamte aber nicht sein Tempo.

Schließlich zügelte St. Aubin seinen Hengst und fiel in einen leichten Schritt, um sein Pferd abzukühlen und Genevra Zeit zu geben, ihn einzuholen. Dampf stieg aus den Mähnen und von den Flanken der Tiere und verbreitete einen strengen Geruch. Genevra sog diesen lang entbehrten Duft ein, der sie den Zwist vergessen ließ. Ein breites Lächeln erschien in ihrem strahlenden Gesicht.

„Seit meiner Kindheit in Bloxley habe ich keinen Ritt so genossen wie heute“, sagte sie fröhlich, ohne auf St. Aubins Laune zu achten. „Die Pferde im Kloster waren lahme Kreaturen.“

Wenigstens war inzwischen der blanke Groll aus St. Aubins Zügen gewichen. Genevra vermutete, dass er nur selten lächelte. „Chloe gefällt Euch also?“, fragte er.

„O ja!“ Genevra streichelte den dampfenden Nacken ihres Pferdes. Nun hatte auch die Eskorte aufgeholt und fiel in langsamen Schritt. „Sie ist das beste Pferd, das ich je reiten durfte!“

St. Aubin neigte sich aus seinem reich geschmückten Sattel zu einer kurzen Verbeugung. „Dann werde ich sie für Euch erwerben, und Seine Lordschaft muss sich von ihr trennen. Mein Geschenk zur Verlobung, meine Braut.“

„Oh!“ Genevra stockte der Atem vor Freude, und leichte Röte färbte ihre Wangen. „Ich danke Euch, Mylord. Kein anderes Geschenk könnte mir so große Freude bereiten!“

„Nicht einmal Juwelen?“

Genevra entdeckte ein schwaches Lächeln in seinen Mundwinkeln, und fröhliches Lachen erklang aus ihrem Mund. „Nicht die kostbarsten Juwelen in der ganzen Welt, Mylord!“

Ein zögerndes Lächeln umspielte seine Lippen. Die blauen Augen blickten sie zärtlich an. „Es freut mich, dass Ihr eine gute Reiterin seid. Ich habe eine Schwäche für gute Pferde. Vielleicht wollt Ihr mit mir Eure Ländereien in Merlinscrag zu Pferde entdecken.“

„Gerne, Mylord. Soweit ich mich erinnere, ist das Land groß, und die Einkünfte sind von einigem Wert.“

„So berichtete Seine Lordschaft.“

Also hatte St. Aubin ihres Landbesitzes wegen in die Verbindung eingewilligt. Ihre freudige Erregung schwand. Welch anderen Grund für eine Heirat hatte ein Mann wie St. Aubin, wenn es nicht darum ging, seinen Reichtum zu vergrößern?

Sie dachte an ihr vorangegangenes Gespräch und bemerkte: „Landbau im West Country ist anders als hier. Die Bauern bleiben auf ihrem Pachtgut, bebauen jedoch nur wenige Felder. Schafherden weiden auf ihrem Land, denn der Verkauf von Wolle ist ihr Hauptverdienst. Wie ist es in Thirkall?“

„Nur wenige Bauern sind in Thirkall verblieben“, antwortete St. Aubin knapp. „Diejenigen, die noch leben, betreiben Ackerbau.“

In seinem Ton lag eine Warnung, nicht mehr weiterzuforschen. Es war nicht klug von ihr gewesen, zu streiten – nein, nicht zu streiten, zu sprechen! –, ja, bloß dieses Thema zu erwähnen.

St. Aubin nahm nun den Falken und ließ ihn einige Male mit Erfolg nach Kleinwild jagen. Nach dieser Unterbrechung setzten sie ihren Ritt in einem ruhigen Trab fort und folgten einem schmalen Pfad über das von Büschen bewachsene Land. Schon bald tauchte die Burg von Ardingstone vor ihnen auf. Der Burgfried, der alle anderen Türme und Wehrmauern überragte, leuchtete in der Morgensonne.

Als sie langsam näher kamen, konnte Genevra auf den Zinnen blitzende Helme erkennen und wusste, dass die Wachen nun auf den Wehrgängen patrouillierten. Von den Männern hoch oben auf dem Burgfried kämen bei Gefahr die ersten warnenden Trompetensignale.

Die Soldaten hatten auch ihre Rückkehr beobachtet. Als sie sich der Burg näherten, blies St. Aubins Herold in sein Horn, was sogleich von der Wache am Torhaus beantwortet wurde. Mit lautem Hufgeklapper ritten sie über die Zugbrücke. St. Aubins Männer wandten sich zu den Ställen, und ihr Herr und sein Knappe begleiteten Genevra bis vor das Tor, von dem aus sie ihr Gemach erreichen konnte.

Mit penibler Höflichkeit half St. Aubin ihr beim Absteigen. Genevra benötigte zwar keine Hilfe, doch er nahm sie um die Taille und hob sie aus dem Sattel. Die kurze Berührung ließ Genevra erschauern. Um diese Verwirrung ihrer Gefühle zu verbergen, bemühte sie sich, ihren Rock vor dem Schmutz zu schützen, und stieg vorsichtig über einen übel riechenden Kothaufen.

„Ich danke Euch, Mylord“, murmelte sie mit gesenktem Blick. Hätte sie ihn angeblickt, hätte er in ihren Augen zu deutlich die Unruhe lesen können, die seine Berührung hervorgerufen hatte.

„Ich werde die Stute kaufen und was Ihr an Sattelzeug benötigt, Mistress. Ihr habt dann ein Reitpferd für die Reise nach Merlinscrag. Wir sehen einander beim Mahl.“

Genevra nahm das Morgenmahl in Gesellschaft ihrer beiden Zimmergenossinnen ein, die aufgewacht waren, als sie Toilette machte, und die sich nun auf die Abreise vorbereiteten. Bevor sie ihren Abschied nahmen, gaben sie Genevra noch viele weise Worte mit auf den Weg. Beide waren zwar nicht älter als sie selbst, aber schon mehrere Jahre verheiratet.

Genevra hielt nicht viel von ihren Ratschlägen. Keine von ihnen hatte aus Liebe geheiratet, und ihr Rat war ähnlich der ihrer Tante, ihrem Herrn in allen Dingen Gehorsam zu leisten.

Dieser Ansicht nach habe ich wohl einen schlechten Anfang gemacht, aber gottlob wissen sie nichts davon, dachte Genevra. Es entsprach ganz und gar nicht ihrer Natur, Ratschläge so ohne weitere Fragen anzunehmen. Man hatte sie zwar im Kloster Gehorsam gelehrt, aber diese strikte Unterwerfung, die von jenen verlangt wurde, die den Schleier nahmen, war ihr fremd.

St. Aubin schien zwar streng, aber nicht grausam. Er würde sie sicher nicht dafür bestrafen, dass sie eine eigene Meinung vertrat. Außer vielleicht, indem er ihr seine Gunst entzog.

Sie konnte das Lächeln nicht vergessen, das er ihr vergangenen Abend geschenkt hatte. Wenn es ihr gelänge, ihn öfter zum Lächeln zu bringen, wäre sie schon glücklich.

Viele Gäste, die nur zu dem Turnier gekommen waren, reisten wieder ab. Es waren wenige Menschen in der großen Halle, als die Ehrengäste des Earls ihren Platz auf der Estrade einnahmen.

Die Spuren des gestrigen Gelages waren so gut wie fortgeräumt, nur die Gräser und Kräuter lagen noch auf dem Fußboden, doch jetzt waren sie zertrampelt und vermodert.

Die Hunde wühlten in den Überresten von Fleisch, Knochen und Knorpeln, und ihr Kot vermischte sich mit dem übel riechenden Schmutz. Roberts Hunde legten sich zu ihren Füßen nieder, als sie ihre Plätze an der Tafel einnahmen. Beim gestrigen Mahl waren sie in die Ställe verbannt gewesen. Es waren wundervolle, zutrauliche Tiere. Genevra kraulte sie hinter den Ohren.

„Welcher ist Abel und welcher Cain?“, fragte sie, als er sich nach einem Gespräch mit Northempston zu ihr wandte.

Mit einigem Unbehagen wurde sich Robert plötzlich bewusst, dass er den Wunsch verspürte, die Finger, die zärtlich seinen Hund kraulten, würden ihn selber liebkosen. Er unterdrückte diesen Gedanken, der seine Manneslust entfachte. Zeit dafür gab es nach der Hochzeit. Aber er fühlte immer stärker ihre Gegenwart. Ihre Klugheit und ihr Verstand waren eine geistige Herausforderung, die er nicht erwartet hatte. Trotz ihrer unterschiedlichen Meinungen genoss er ihre Gesellschaft, auch wenn er alles tat, um es sich nicht anmerken zu lassen.

Er war in großer Gefahr, dass seine Gefühle die Oberhand gewannen, etwas, das er unter allen Umständen vermeiden musste. Noch nie hatte er eine Frau wie sie kennengelernt, die zwar keine Schönheit, aber doch anziehend war, und deren Gegenwart so aufregend wirkte. Im Geiste sah er sie als ebenbürtige Gefährtin, als Freund fürs Leben. Aber zu seiner eigenen Sicherheit musste er alle Gefühle in dieser Verbindung unterdrücken, jedenfalls so lange, bis er ihr wirklich und wahrhaftig vertrauen konnte.

Er wünschte nicht, ihr durch diese augenblickliche Schwäche und Gefühlsanwandlung einen falschen Eindruck seiner Zuneigung zu geben, und so sprach er bewusst leidenschaftslos und gleichgültig. „Das Tier mit dem grauen Rückenfell, das Ihr gerade streichelt, ist Cain und das andere Abel, nicht sein Bruder, sondern sein Sohn. Wie Ihr sehen könnt, sind Abels Schultern etwas gescheckt, das unterscheidet sie voneinander. Abels Mutter, Delilah, erwartet ihren nächsten Wurf, deshalb habe ich sie in Thirkall zurückgelassen.“

Eifersüchtig drängte sich Abel nun zwischen Genevra und den älteren Hund, um ebenfalls Beachtung zu finden. Sie sprach ein paar tadelnde Worte zu ihm, aber streichelte ihn sogleich. Es gelang Robert, seine Stimme unbeteiligt klingen zu lassen. „Mögt Ihr Hunde?“

„O ja, Mylord, ich liebe Tiere.“ Sie ließ von den Hunden ab und wandte sich ihm zu. Ihr fein geschnittenes Gesicht mit dem etwas zu eckigen Kinn wirkte trotz des sehnsuchtsvollen Ausdrucks in den Augen lebhaft. „Ich hatte einen Hund, bevor man mich ins Kloster schickte, einen kleinen Terrier, dessen größte Freude es war, Ratten zu jagen.“ Sie lachte, als sie sich daran erinnerte. „Ich habe mich nächtelang in den Schlaf geweint, als ich ihn zurücklassen musste.“

Robert warf den Hunden einen Brocken Fleisch zu, und die beiden begannen zu raufen, bis er einen zweiten Bissen hinwarf. „Vielleicht wollt Ihr einen Hund aus Delilahs Wurf.“

„Ihr seid sehr gütig, Mylord.“ Genevra blickte liebevoll zu Cain, der nun, da er gefressen hatte, vor ihr saß und sie mit großen Augen erwartungsvoll ansah. Sie strich über seinen Kopf und fuhr mit den Fingern durch sein struppiges Fell. „Ich würde mich über einen Hund sehr freuen. Ist Cain der Vater?“

„Ja. Er und Delilah haben schon prachtvolle Exemplare gezeugt. Ich verkaufe die Welpen, die ich nicht selbst behalten will.“ Er zögerte, bevor er weitersprach. „Auch meine Hengste benutze ich zur Zucht. Ich hege großes Interesse für die Aufzucht von Hunden und Pferden. Es ist eine gute Ergänzung zur Landwirtschaft und Viehzucht.“ Seine Worte schienen sie nicht schockiert oder verstimmt zu haben, so sprach er mit einem warnenden Augenzwinkern weiter. „Doch verratet nicht Seiner Lordschaft, dass ich auch aus diesem Grund Chloe für Euch erwerben wollte. Eines Tages wird sie eine prachtvolle Zuchtstute sein.“

Genevras Augen leuchteten auf. „So hat er zugestimmt, sie zu verkaufen?“

„Ja. Und habt keine Angst – auch wenn ich sie zur Zucht benutze, sie gehört Lady St. Aubin. Ihr habt die Entscheidung zu treffen. Ich lasse sie erst decken, wenn Ihr zustimmt.“

„Ich denke, es wäre schön, wenn sie eines Tages ein Fohlen bekäme. Doch noch nicht so bald! Erst einmal möchte ich sie reiten!“

„Ganz wie Ihr wünscht. Ich habe keine Eile.“

Aus Anstand wagte er nicht, über Kinder zu sprechen, doch ging es ihm durch den Sinn. Sobald seine Frau in den ersten Monaten der Schwangerschaft wäre, könnte Prince die Stute decken. Genevra würde sicherlich nicht mehr reiten wollen, wenn sie ein Kind unter dem Herzen trug, und auch nicht in den Wochen nach der Geburt. So könnte sich die Zeitspanne verkürzen, in der sie darauf verzichten musste, Chloe zu reiten.

Ihm gefielen die Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen. Er stellte sich ein Haus voller Kinder vor, seine eigenen und die anderer Adeliger, die ihm zur Erziehung anvertraut wurden. Genevra könnte ihr ganzes Wissen und Können dabei einsetzen. Sie könnte ihnen Schreiben und Lesen beibringen, die Mädchen Handarbeiten lehren, während er die Knaben in der Kunst des Rittertums und im Gebrauch der Waffen unterwies.

Am nächsten Tag sollte sie mit den anderen Frauen ihre Kleidung und Aussteuer ordnen, und er begleitete den Earl auf die Jagd. So konnten sie sich vor den Hochzeitsfeierlichkeiten am darauffolgenden Tag nur bei den Mahlzeiten sehen.

Seine zukünftige Frau konnte nicht schon vor der Hochzeit, wie es der allgemeine Brauch war, einige Zeit unter seinem Dach leben und sich mit den Aufgaben in seinem Haushalt vertraut machen. Das war auch seine Absicht gewesen. Er hatte guten Grund, dies zu vermeiden, und hatte Gilbert Heskith überredet, einer sofortigen Vereinigung zuzustimmen.

Sonntag. Er sah dieser Heirat mit einem guten Maß an Hoffnung und Erwartung entgegen. Zeigte sie sich als Frau, der man vertrauen konnte, dann gab es keinen Grund, warum sie nicht in Freundschaft und gutem Einvernehmen miteinander leben könnten. Er bot ihr den gefüllten Becher und sah zufrieden zu, während sie trank.

4. KAPITEL

Genevra trug ein wundervolles, kostbares, reich besticktes Gewand, ihre langen braunen Haare hingen offen über ihren Rücken, und wie es einer jungfräulichen Braut geziemte, schmückte ein glatter goldener Reif ihre Stirn. Ihr Onkel und ihre Tante geleiteten sie zur Kapelle, ihre Dienerin Meg folgte dem Zug.

Unter ihren Kleidern trug sie ein Hemd aus feinem Batist. Ein leinener Kittel verstärkte den weichen Seidensarsenet ihres pfirsichfarbenen Rockes. Darüber trug sie einen ärmellosen Überwurf aus schwerem dunkelgrünem, golddurchwirktem Seidenstoff, der am Ausschnitt und um die Ärmel mit Goldfäden verziert war.

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