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HISTORICAL COLLECTION BAND 6

Amanda McCabe, Linda Skye, Barbara Monajem, Joanne Rock, Helen Dickson

HISTORICAL COLLECTION BAND 6

Im Visier der Begierde

AMANDA MCCABE

Die heissen Küsse Des Barbaren

Helen ist zurück? Erregt vernimmt der Highlander James McKerrigan die frohe Kunde. Er hat nur eine Nacht, um ihr zu beweisen, dass er der Richtige für sie ist – und diese heiße Chance wird er nutzen!

LINDA SKYE

Gefangen im Harem des Königs

Als Darius, König von Persien, seinen Harem betritt, stockt ihm der Atem. Die wunderschöne Prinzessin Myrine of Scythia fasziniert ihn, wie keine Frau zuvor. Doch aus politischen Gründen soll er eine Andere heiraten!

BARBARA MONAJEM

Lady Elizas pikantes Porträt

Eliza Dauntry ist berüchtigt für ihre skandalösen Gemälde. Dennoch hat sie lang nicht mehr das Bett mit einem Mann geteilt. Bis sie Patrick Felham begegnet. Er ist unwiderstehlich … und überaus versiert im Liebesspiel.

JOANNE ROCK

Sinnliches SpieL mit dem Ritter

„Lasst mich unverzüglich frei!“ Erbittert wehrt Matilda sich gegen den verwegenen Ritter, der sie entführen will. Aber er kämpft mit unlauteren Waffen: Seine feurigen Küsse lassen ihren Widerstand dahinschmelzen!

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Die heissen Küsse Des Barbaren

1. KAPITEL

Schottland 1559

Lady Helen! Wo seid Ihr? Ihr wisst, wir finden Euch sowieso …“

Lady Helen Frasier hatte den Saum ihres neuen weißen Brokatkleides mit einer Hand hochgerafft und lief immer schneller den Gartenpfad entlang. Sie hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht laut loszulachen. Obwohl sie an diesem Tag eher in trübseliger Stimmung war, hatte sie großen Spaß daran, ihren Begleiterinnen zu entwischen. Sie würde alles tun, um nicht von ihnen gefunden zu werden.

Rasch huschte sie durch den schmalen Eingang des Irrgartens, und die hohen Wände der stachligen grünen Hecken umgaben sie schützend. Kein einziger Ton drang mehr zu ihr, weder die Stimmen ihrer Zofen noch das emsige Treiben der Bediensteten, die im Hause ihres Vaters das Festmahl vorbereiteten. Selbst das schwache Rauschen des Meeres jenseits der hohen Mauern des Gutshofes war nicht mehr zu vernehmen.

Sie hörte nur ihren eigenen Atem, wie sie beengt durch ihr steifes, besticktes Mieder nach Luft rang, und das Knirschen ihrer Slipper auf dem Kiesweg. Die dicken grauen Wolken, die am Himmel heraufzogen, kündigten Regen an und verhießen nichts Gutes für das abendliche Tanzfest im Garten ihres Vaters. Sicherlich würden sie seine Pläne zunichtemachen.

Helen war es egal, ob das elende Fest ruiniert wurde, das ganze Haus einstürzte und der Garten unter Wasser stand. Sie wünschte, dieser Abend würde nie stattfinden. Sie wünschte, sie könnte für immer in diesem Irrgarten bleiben.

Nach Atem ringend hielt sie an und presste ihre Hand auf das starre Mieder, dessen Perlenstickerei sich in ihre Handflächen grub. Der Wind war kälter geworden und blies schneidend durch das feine goldfarbene Gewebe der Ärmel über ihre nackten Schultern. Es war das schönste Kleid, das sie je getragen hatte. Normalerweise würde sie in diesem eleganten Gewand ausgelassene Feste feiern. Man hatte es extra aus Frankreich kommen lassen, ebenso wie den Lustgärtner und den Koch, der gerade in der Küche mühevoll die Speisen für das prächtige Bankett zubereitete.

Jetzt hasste sie das neue Kleid und hätte es sich am liebsten vom Leib gerissen.

Tief durchatmend schüttelte sie ihr dichtes kastanienbraunes Haar, das dabei von ihren Schultern glitt. Nun war sie allein; niemand konnte sie finden. In diesem Irrgarten war sie in ihrer eigenen Welt, in der sie nicht sagen oder tun musste, was man ihr befahl und was sie nicht wollte.

In dieser Traumwelt war sie nicht gezwungen, irgendeinen verfluchten McKerrigan zu heiraten.

Helen stützte ihre Hände auf die Knie und beugte sich vor, um gegen den plötzlichen Anflug von Übelkeit anzukämpfen. Der Brokatrock rutschte unter ihren Händen. Sie schloss ihre Augen ganz fest, doch die Erinnerung an das, was vor einigen Tagen geschehen war, wollte sie einfach nicht loslassen.

Noch einmal hörte sie die strenge Stimme ihres Vaters, der ihr verkündete, sie würde den Sohn der McKerrigans heiraten, die Erzfeinde ihrer Familie. Die kalte Panik, die bei diesem Gedanken in ihr hochgekrochen kam, hatte gedroht, sie zu ersticken. Als sie sich geweigert hatte, war das Gesicht ihres Vaters dunkelrot vor Zorn geworden.

„Niemand von uns möchte diese Verbindung, Mädchen!“, hatte er geschrien, als sie in Tränen ausgebrochen war. „Einen McKerrigan zu ehelichen, ist für uns Frasier ein Gräuel. Aber es ist der einzige Weg, unser Überleben zu sichern. Deshalb hör jetzt auf zu jammern!“

Dann hatte ihr Vater sie geohrfeigt und sie wäre beinahe hingefallen.

Solange sie denken konnte, hatte man ihr erzählt, die McKerrigans seien gottlose Barbaren, nichtsnutzige Viehdiebe und Mörder, die seit Jahrzehnten mit den Frasiers verfeindet waren. Dass sie nun einen von ihnen heiraten sollte, war für sie völlig unfassbar.

Alle ihre Mädchenträume von Tanzfesten und Maskenbällen, romantischer Liebe und glanzvoller Pracht erstarben angesichts einer trostlosen Zukunft mit einem groben McKerrigan. Ihr ganzes Leben lang war sie dem Willen ihres herzlosen Vaters ausgesetzt, fühlte sich einsam in ihrem eigenen Heim und von der ganzen Welt im Stich gelassen. Nun würde sie bald im Haus eines McKerrigan einsam sein. Wann durfte sie endlich sie selbst sein, ihr Leben so leben, wie sie es sich vorstellte?

Helen richtete sich wieder auf und schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter. Nun gut – wenn die McKerrigans darauf bestanden, sie in ihre Familie aufzunehmen, würde sie dafür sorgen, dass sie es bereuten. Sie würde die schlimmste Ehegattin der Welt sein. Und sie würde Wege finden, selbst über ihr Leben zu bestimmen, auch wenn sie aus dieser Familie nicht mehr fort konnte.

Ein schwacher Ruf außerhalb des Irrgartens riss sie aus ihren Gedanken. Schlagartig wurde ihr bewusst, wie wenig Zeit sie noch hatte. Mit jeder Minute rückte das Verlobungsfest näher. Wollte sie sich nicht den Zorn ihres Vaters zuziehen, musste sie bald zum Haus zurückkehren.

Aber noch nicht jetzt, oh Gott, bitte noch nicht!

Mit hochgerafften Röcken fing sie wieder an zu rennen. Sie sauste durch das Labyrinth, ohne wirklich zu wissen, wohin sie eigentlich lief. Nur schneller, immer schneller wollte sie werden und für immer verschwinden.

Nach einer weiteren Biegung wurde ihr Schwung jäh gebremst – sie prallte geradewegs gegen einen massiven, starken Körper.

Vor Schreck entfuhr Helen ein leiser Schrei, und sie taumelte rücklings auf den steinigen Boden zu. Dabei rutschten die feinen Samtslipper von ihren Füßen. Halb ohnmächtig versuchte sie, den Sturz aufzuhalten und sich an irgendetwas zu klammern, irgendwo Halt zu finden, griff jedoch immer wieder ins Leere.

Ein starker Arm umfasste sie und fing sie auf, bevor sie endgültig das Gleichgewicht verlor. Immer höher und höher wurde sie gehoben, bis ihr Kopf an einer muskulösen Brust lag.

Der muskulösen Brust eines Mannes. Ihr Herz raste durch die panische Angst, die sie bei ihrem Sturz ergriffen hatte, und jetzt, da sie erkannte, dass sie nicht allein im Irrgarten war, fühlte sie Schwindel in sich aufsteigen. Heftig wehrte sie sich gegen den festen Griff, teilte durch ihre wallenden Röcke Tritte aus, zappelte wild. Mit allen Mitteln versuchte sie sich aus der festen Umarmung zu befreien.

Als sie zu einem Schrei ansetzte, presste der Mann die langen Finger seiner kräftigen Hand auf ihren Mund, während sein anderer Arm ihre Taille weiterhin fest umklammert hielt.

„Kleines Biest!“, zischte er leise in ihr Ohr. Sein warmer Atem streifte ihre Wange und ließ sie erzittern. „Hör auf zu zappeln, und ich lasse dich herunter.“

Sie vernahm den breiten Akzent der schottischen Highlands, heiser und gepresst. Dies war kein Bediensteter ihres Vaters! War er ein Entführer, der auf eine reiche Belohnung hoffte? Ein Mörder und Frauenschänder, denn soviel sie wusste, waren das ja offenbar alle Highlander?

Sie wand sich immer stärker unter seinem eisernen Griff und versuchte, ihm in die Hand zu beißen.

„Go hifrean leat!“, fluchte er. Zum Teufel mit dir! Durch ihre Röcke hindurch konnte sie plötzlich einen Druck spüren, etwas Festes, Großes presste gegen ihren Leib.

A’dhia! Um Himmels willen! Der Schurke wurde durch ihre Rangelei erregt.

Augenblicklich rührte sich Helen nicht mehr. Sie war unfähig zu atmen oder sich zu bewegen und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Auf einmal konnte sie nur noch fühlen.

Der Mann war sehr hoch gewachsen, starke Muskeln durchzogen seine breiten Schultern. Mühelos hielt er sie mit einer Hand hoch über dem Boden, wobei sein gewaltiger Oberkörper sich im Rhythmus seines Atems bewegte. Sie spürte sein Herz ganz nah – es pochte ebenso heftig wie das ihre. Er roch wunderbar nach einer Mischung aus Seife, Leder und Seewasser, was ihre bisherigen Vorurteile vom Geruch eines barbarischen Highlanders Lügen strafte.

Plötzlich wandelte sich ihre Angst, vermischte sich mit ganz neuen, unbekannten Gefühlen. Sie fühlte eine Hitze in sich aufsteigen, denn sie war sich der Nähe seines Körpers voll bewusst, der sich mit jedem Zoll gegen den ihren drängte.

Zart spürte sie seine warmen Lippen auf ihrem Hals und hielt den Atem an. Unter seiner flüchtigen Liebkosung verflog das Gefühl der Einsamkeit, sie fühlte sich geborgen. Viel zu schnell war diese Berührung wieder vorbei, als er seinen Kopf hob.

Wieder meldete sich in Helen eine völlig neue Empfindung: Bittere Enttäuschung.

„Ich werde dir nicht wehtun, Kleines“, hauchte er ganz sanft, als würde er eine schreckhafte Stute beruhigen. „Ich bin für das Bankett hergekommen und habe nur einen ruhigen Ort gesucht, um alleine zu sein.“

Das war also der Grund – er gehörte zum Tross der McKerrigans, auch er war gekommen, um ihrer Erniedrigung beizuwohnen. Ihre Wangen glühten noch stärker – war es nicht schon lächerlich genug, dass er sie dabei ertappt hatte, wie sie wie eine wilde Göre im Irrgarten umherraste?

Durch ein energisches Nicken gab sie ihm zu verstehen, dass er seine Hand von ihrem Mund nehmen sollte, worauf er sie vorsichtig wegzog. Unglaublich sanft ließ er nun seine rauen Finger an ihrem Hals entlangwandern, über die nackte Haut ihres Dekolletées hinab zu ihrer Taille, die er wiederum fest umschloss.

Noch stärker als zuvor durchliefen sie diese schwindelerregenden Schauer. Alles um sie herum drehte sich, sie fühlte sich benommen. Während sie seine Schultern umklammerte, spürte sie die ganze Kraft seiner Muskeln unter ihren Händen.

„Ich wollte auch einen Augenblick allein sein“, flüsterte sie.

„Du wirst also nicht auf mich losgehen, wenn ich dich herunterlasse?“, antwortete er.

Helen schüttelte den Kopf.

„Und du wirst auch nicht weglaufen?“

Weglaufen? Von dem aufregendsten Ort, an dem sie je war? Nein, sie hatte ganz gewiss nicht die Absicht, wegzulaufen, vor allem nicht zurück zum Haus ihres Vaters, um sich dem zu stellen, was sie dort erwartete. Sie wollte die Gefühle, die dieser Mann bei ihr hervorrief, ergründen, sie auskosten und wenigstens für kurze Zeit der Einsamkeit entrinnen.

„Ich laufe nicht fort, wenn Ihr es auch nicht tut“, sagte sie.

Überraschend begann er heiser zu lachen. Helen musste unversehens lächeln, all ihre Ängste waren verflogen, und die Gefahren der Zukunft für einen Augenblick weit weg.

Langsam, Zoll für Zoll, ließ er sie nun an sich hinabgleiten, bis sie schließlich wieder auf dem Boden stand.

Dann trat er einen Schritt von ihr weg. Ohne seine wärmende Umarmung war sie dem schneidenden Wind ausgesetzt, der durch ihr Gewand drang und rieb sich fröstelnd die Arme. Ein seltsames Gefühl von Verlust machte sich plötzlich in ihr breit.

„Oh, Mädchen, was machst du denn hier draußen ohne einen Umhang?“, sagte er. „In dieser feinen Robe wirst du erfrieren.“

Bevor Helen etwas erwidern konnte, hatte er sein Cape abgestreift und es um ihre nackten Schultern gelegt. Der mit violettem Satin unterlegte dicke schwarze Samt hatte nichts von der Hitze und dem Duft frischer Meeresluft seines Trägers eingebüßt und umhüllte sie warm und weich.

Und zum ersten Mal, seit ihr Vater ihr eröffnet hatte, dass sie heiraten würde, fühlte sie sich geborgen und beschützt. Dieser Mann gab ihr das Gefühl von Sicherheit. Außerdem erweckte er kühne Fantasien in ihr …

Helen hielt das Cape mit einer Hand fest und strich sich mit der anderen eine gelöste Haarsträhne aus der Stirn. Gegen das fahle graue Licht blinzelnd sah sie zu ihrem Retter auf. Sie musste sehr hoch schauen, denn gegenüber seiner hünenhaften Gestalt war sie sehr klein.

Er war mit einem modischen Wams und Kniehosen bekleidet, ganz in schwarz und dunkellila. Dazu trug er hohe Lederstiefel. Um seine Taille hatte er ein Schwert und einen mit Juwelen besetzten Dolch geschnallt. Dichtes, pechschwarzes Haar rahmte sein kantiges Gesicht. Der dunkle Schatten über seinem Kinn betonte den Schwung seiner Lippen, die für einen Mann viel zu schön und zu sinnlich waren.

Nur die leichte Krümmung seiner Nase und eine helle Narbe auf der Wange mochten diese vollkommene Erscheinung trüben. Als ihre Augen die seinen fanden, traf der jadegrüne Blick sie bis ins Innerste. Es war als durchbohrte er sie, als könnte er direkt in ihr Herz sehen, und die durchdringende Kraft seines Blickes ließ sie einen Schritt zurückweichen.

Er zog die dunklen Brauen zusammen, was Helen daran erinnerte, dass sie sich nicht mehr fürchten wollte.

Während sie den Umhang fester um sich zog, dachte sie an seine letzten Worte und lächelte zu ihm auf. „Gefällt Euch mein Kleid nicht, Sir?“

Sein Blick verfinsterte sich. Helen überkam auf einmal ein Schauer, niemals zuvor hatte sie jemand so angesehen, so voller Leidenschaft. Für die meisten Menschen war sie nur Lord Frasiers lästige kleine Tochter. Doch dieser Mann betrachtete sie wie ein hungriger, lauernder Wolf, der kurz davor war, sie zu ergreifen und mit sich zu nehmen.

Nach all den Ängsten und Sorgen der vergangenen zwei Tage, der Furcht vor dem Fest heute Abend, fühlte sie sich plötzlich gut. Obwohl sie wusste, dass sie hier nicht mit ihm allein zusammen sein durfte, schien es ihr dennoch, als wäre es ihr vorbestimmt.

Ein Anflug von Wärme durchfloss sie, sodass ihr der kalte Wind überhaupt nichts ausmachte. Lächelnd trat sie näher an den Mann heran, wobei sie das Cape ein wenig öffnete und ihr Dekolletée freigab. Mit den Fingern zeichnete sie den Umriss des perlenbestickten Mieders ihrer Robe nach, und sein heißer Blick verfolgte jeden Zoll dieser unsichtbaren Linie.

Seine Augen verengten sich.

„Doch, es gefällt mir – viel zu sehr“, antwortete er mit leiser Stimme, bei deren Klang Helen erbebte. „Und genau das ist das Problem.“

„Problem?“ Sie sah hinunter auf den schimmernden Brokat ihres Kleides und hob den Rock ein wenig an, gerade genug, um ihren Schuh und einen Teil ihrer seidenen Strümpfe zu enthüllen. „Dies ist die neueste Mode aus Paris.“

„Ich wette, an keiner französischen Dame würde dieses Kleid so aussehen wie an Euch.“

Fast musste Helen über die Bewunderung in seiner Stimme lachen. Obwohl es so klang, als wäre es ihm gleichgültig, wie sie in dieser Robe aussah, verrieten die leichte Rötung über seinen Wangenknochen und die Art, wie seine Hand mit dem Heft seines Schwertes spielte, genau das Gegenteil.

Auch sie wünschte sich, dass ihr sein Aussehen nichts bedeutete, dass es dieses verführerische Knistern zwischen ihnen nicht gab. Warum sollte sie gerade jetzt einen Mann finden, zu dem sie sich hingezogen fühlte, wo sie kurz vor ihrer so gefürchteten Verlobung stand. Doch gegen diese Empfindungen war sie machtlos. Es war die letzte Gelegenheit für sie, einen glücklichen Moment Freiheit zu erleben, bevor sie sich ihrem Schicksal ergab und dem freudlosen, dunklen Leben an der Seite eines McKerrigans ausgeliefert war.

Entschlossen warf sie den Umhang ganz von sich und lockerte ihr Haar, das dabei in langen Strähnen über ihre Schultern floss. Langsam bewegte sie sich auf ihn zu, näher und näher, Schritt für Schritt. Er presste die Zähne zusammen, nur das Spiel seiner Gesichtsmuskeln verriet eine große Anspannung, doch er rührte sich nicht von der Stelle.

Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, die plötzlich ganz trocken waren, dabei versuchte sie sich vorzustellen, wie Margaret, die schöne, verführerische Mätresse ihres Vaters, sich verhielt. Mit einer Fingerspitze strich sie über die schwarzen, gläsernen Jet-Knöpfe, die sein Wams zierten. Dessen Stoff fühlte sich weich und rau zugleich an, ganz im Gegensatz zu seiner harten, heißen Brust darunter. Während sie beide Hände auf seiner Taille ruhen ließ, hörte sie, wie sein Atem heißer wurde, immer schneller ging. Tat sie das Richtige? Es schien zumindest so.

„Auch Ihr seid sehr modisch gekleidet“, hauchte sie.

„Diabhal“, stöhnte er. Du Teufelin! Noch bevor sie wusste, wie ihr geschah, umfasste er sie an ihren nackten, bebenden Schultern und riss sie an sich. Er zog sie hoch, sodass sie fast den Boden unter den Füßen verlor, und wieder überkam sie dieser Schwindel, als sein berauschender Duft und seine glühende Hitze sie umhüllten.

Halt suchend schlang sie die Arme um seinen Hals. Dabei vergrub sie ihre Finger in das weiche Haar an seinem Nacken, und die Haut unter ihren Handflächen fühlte sich himmlisch an.

Er beugte sich zu ihr hinunter und senkte seinen Mund auf den ihren. Fest und sanft berührten sich ihre Lippen, bewegten sich immer hungriger und fordernder. Seine Arme schloss er eng um sie, als wollte er sie nicht mehr loslassen, während er gekonnt von ihrem Mund Besitz ergriff.

Helen war schon einmal geküsst worden, doch nie zuvor auf diese Weise. A’dhia!, Er machte das gut! Das Gefühl seiner Lippen, sein Atem, der sich mit ihrem verband, sein maskuliner Oberkörper, der sich gegen ihren weichen Busen presste war einfach – atemberaubend und ließ sie alles um sich herum vergessen.

Besitzergreifend drängte er seine Zunge zwischen ihre Lippen, und sie stöhnte erregt bei dem prickelnden Gefühl, das dieser Kuss in ihr erweckte. Mit seinen Fingern fuhr er durch ihr Haar und fasste eine lange Strähne. Sachte zog er ihren Kopf zurück, um seinen Kuss noch weiter zu vertiefen.

Während Helen sich zurückbog und ihre Zunge mit der seinen verschmolz, presste er sie immer näher an sich, bis sie den unmissverständlichen Beweis seines Verlangens durch ihre Röcke hindurch spürte.

Oh diese verdammten Kleider! Warum musste man überhaupt etwas anhaben? Sie wollte seine nackte Haut fühlen.

Als ob auch er dieses primitive Verlangen spürte, löste er seine Finger aus ihrem Haar und fuhr über ihre entblößten Schultern, um die leichte Wölbung ihres Busens zu streicheln, die aus dem Mieder hervorragte. Bei dieser intimen Berührung entfuhr Helen ein lustvoller Seufzer, und er ließ einen Finger unter den bestickten Brokatstoff gleiten, um ihre pulsierende Brustspitze zu streicheln.

Von dem Lustgefühl, das in ihr aufstieg, überrascht, biss sie ihm fast in die Zunge.

Seine Lippen glitten von ihr und er zog den Kopf zurück. „So, die kleine Wildkatze hat also Zähne“, raunte er.

„Und Krallen“, wisperte Helen zurück, während sie ihre Nägel in seinen Nacken grub und lächelte, als er knurrte. Oh, das machte ja richtig Spaß!

„Dafür wirst du bezahlen“, erwiderte er, bog ihren Kopf erneut nach hinten und begann an der pulsieren Stelle ihrer Halskuhle zu knabbern. Atemlos rang Helen nach Luft.

Mit einer Hand ergriff er nun den oberen Rand ihres Mieders und zerrte es zusammen mit ihrem dünnen Hemdchen herunter. Nur kurz spürte sie den eiskalten Wind auf ihren nackten Brüsten, die er sofort mit heißen Küssen bedeckte. Sein Mund fand ihre zarte Brustspitze und sog daran.

Helen schrie auf, grub ihre Hände in sein Haar und zog ihn näher an sich. Die kurzen schwarzen Locken fühlten sich so sanft an, und sie warf vor Wonne den Kopf zurück.

Auf einmal berührte etwas unangenehm Kaltes ihre erhitzte Wange. Regentropfen – die das drohende Unwetter ankündigten.

Diese Kälte schien sie aus ihrem lüsternen Traum zu entreißen, in den dieser Unbekannte sie so spielerisch gezogen hatte. Haltsuchend klammerten sich ihre Hände in seine Locken, bevor sie ihn unfreiwillig freigab. Benommen schüttelte sie den Kopf, um ihre Sinne wiederzuerlangen.

Auch er schien das Ende ihrer zu kurzen Leidenschaft zu spüren. Als er langsam seinen Mund von ihrer Brustspitze löste, schluchzte sie fast vor Enttäuschung. Bevor er ihr Mieder wieder hochschob, hauchte er sanft über die dunkelrosa Spitze ihres Busens, wobei sie ein Zittern überlief.

Er wandte sich von ihr ab und fuhr sich mit einer Hand durch das Haar. Helen musste gegen die aufsteigenden Tränen ankämpfen. Was war sie nur für ein dummes, närrisches Kind!

Ohne sie anzusehen, hob er seinen Umhang vom Boden auf. Sie war erleichtert, dass er seine schönen grünen Augen von ihr abgewandt hatte, sonst hätte sie vielleicht etwas noch Törichteres getan. Wie etwa, sich in seine Arme zu stürzen, sich an ihn zu klammern und ihn anzuflehen, sie mit sich zu nehmen, weit weg von diesem Albtraum, zu dem ihr Leben geworden war. Oder ihn zu bitten, sie nur noch einen kleinen Moment vor der Einsamkeit zu bewahren.

„Wer seid Ihr?“, fragte er mit heiserer Stimme.

Helen schüttelte den Kopf. Der immer stärker werdende Regen hatte ihr Haar und das feine Kleid völlig durchnässt. Sie wirbelte herum und rannte durch den Irrgarten, um ihm zu entrinnen, vor ihm zu fliehen, bevor er sie noch einmal anschauen konnte.

Doch sie wusste genau, dass sie nicht vor ihm weglief, sondern vor sich selbst und den Gefühlen, die er in ihr geweckt hatte.

„Ich kann nicht glauben, dass Ihr Euer neues Kleid ruiniert habt!“, tadelte ihre Zofe Mairie, während sie Helen die letzten perlenbesetzten Haarnadeln in die Hochfrisur steckte.

Wie betäubt ließ Helen sich von Mairie zurechtmachen. Sie nahm weder die Bemühungen der Diener noch die Geräusche des beginnenden Festes wahr, die von unten aus dem großen Saal zu ihr hinaufdrangen. Das Zimmer, in dem sie saß, das über so viele Jahre ihres gewesen war und das sie nun bald für immer verlassen musste, bemerkte sie genauso wenig, wie den Regen, der an das Fenster prasselte.

Sie sah nur sein Bild vor sich, fühlte noch immer, wie sein Mund ihre Lippen und ihre Brüste liebkoste, roch seinen Duft, der scheinbar mit ihrer Haut verschmolzen war.

Würde dieser eine Kuss sie für immer verfolgen?

Des ganzen Aufhebens um sie herum überdrüssig, wirbelte sie plötzlich hoch und entfernte sich von Mairie. „Es ist unwichtig. Dieses Kleid ist für den Anlass genauso passend.“

Mairie glättete einige Fältchen der feingemusterten blauen Seide auf Helens Schultern. „Aber es ist ein altes Kleid! Ihr habt es schon einmal getragen.“

„Ich bezweifle, dass ein McKerrigan bemerken würde, wenn ich in ein Gewand aus Sackleinen gekleidet wäre“, erwiderte Helen. Sie verdrängte den Gedanken, dass es im Gefolge der McKerrigans einen Mann gab, der mit Sicherheit wusste, was sie getragen hatte.

Und ihr dieses sogar abgestreift hatte.

Fast musste sie laut kichern, als sie daran dachte, welches aufregend schöne Gefühl der Mann in so kurzer Zeit in ihr geweckt hatte.

„Lady Helen“, rief ein Lakai vor ihrem Zimmer. „Lord Frasier wünscht, dass Ihr Euch im großen Saal einfindet.“

Es war so weit.

Helen warf einen raschen Blick in den kleinen Spiegel an der holzvertäfelten Wand. Nichts war mehr übrig von dem wilden, rotwangigen Geschöpf, das einige Stunden zuvor mit zerzausten Haaren und vom Küssen dunkelrot gefärbten Lippen ins Haus gestolpert war. Sie war jetzt wieder Lord Frasiers unterwürfige, folgsame und pflichtbewusste Tochter – so schien es zumindest. Ihr festlich hochgestecktes Haar, der beherrschte Ausdruck in ihrem blassen Gesicht und die blaue Seidenrobe verliehen ihr eine erhabene und zugleich bescheidene Ausstrahlung und verrieten nichts von dem, was sich tief in ihrer Seele abspielte.

Sie hatte die Perlenohrringe angelegt, die einst ihrer Mutter gehört hatten. Helen war noch sehr jung, als Lady Frasier starb und konnte sich nicht mehr an sie erinnern. Doch jetzt fehlte sie ihr gewaltig. Für den Rat einer Mutter würde sie jetzt alles geben. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte sie im Haus ihres Vaters keine Vertraute oder Freundin, niemanden, dem sie sich anvertrauen konnte, der sie kannte und ihr Wesen verstand.

Sie war auf sich allein gestellt. Während sie den Federfächer an ihrem silbernen Hüftgürtel befestigte, folgte sie dem Diener die kalte Treppe hinunter. Die Fabelwesen auf den Wandteppichen schienen sie beim Hinuntergehen heimtückisch zu beobachten.

Mit erhobenem Kopf schritt sie weiter, wobei sie versuchte, ihrem Gesicht einen möglichst gleichgültigen und kühlen Ausdruck zu verleihen. Darin hatte sie seit Langem Übung. Solange niemand wusste, was sie dachte, fühlte sie sich unverwundbar. Außerdem konnte sich eine Frasier mit jedem McKerrigan messen!

Während sie sich dem großen Saal näherte, wurde das Stimmengewirr immer lauter, eine Mischung aus Unterhaltung und Lachen. Mit fest ineinander gefalteten Händen ging sie weiter.

Nur weiter, immer einen Schritt vor den anderen setzen, dann würde es bald vorbeisein. Doch als sie kurz vor den geschlossenen Türen anhielt, tauchte das Bild von grünen Augen vor ihr auf, die sie voller Verlangen anstarrten. Ein Verlangen, das sie selbst tief in ihrem Herzen fühlte.

Helen erschrak. So würde sie ihre Fassung bestimmt nicht wiedererlangen. Ihre Hände zitterten, und sie verkrampfte sie noch fester ineinander, bis sich ihre Nägel in die Haut gruben.

Noch einmal tief durchatmend, gab sie dem Diener das Zeichen, die Türen zu öffnen.

„Lady Helen Frasier“, verkündete der Haushofmeister seines Vater. Das Stimmengewirr verstummte, und die Blicke alle Gäste im überfüllten Festsaal richteten sich auf Helen, als diese eintrat.

Helen versuchte nach vorne zu schauen, während sie an den Menschengruppen vorbeischritt, die vor ihr auseinandertraten.

Sie bemerkte das Feuer in dem riesigen Kamin, die Wandteppiche, den glänzenden Schild ihres Vaters und die kostbaren Gläser, die auf den Tischen aufgetürmt waren. Wie durch einen Schleier sah sie die anwesenden Gäste, die einem wandelnden Dekor aus Satin und Perlen glichen. Der stechende Rauch und das Gemisch aus Parfum, Wein und gerösteten Speisen stiegen ihr in die Nase, doch es kam ihr vor, als befände sie sich in einem bösen Traum. Ihr ganzes Leben erschien ihr wie ein Dämmerzustand, aus dem sie nur in dem Moment erwacht war, als sie dort im Labyrinth in den Armen des Fremden lag.

Ihr Vater stand auf einem Podest am Ende des Saals vor einem langen, mit Damast bedeckten Tisch und feinen, gepolsterten Stühlen. An seiner Seite stand Margaret, seine Mätresse, pompös mit Perlen und Rubinen behangen. Unter seinem buschigen rostbraunen Bart konnte sie ein Lächeln erahnen. Doch sie wusste genau, dass dieses Lächeln nur aufgesetzt war – es war so unecht wie ihr eigener Gesichtsausdruck, eine künstliche, trügerische Maske.

Ein Anflug von Zorn blitzte in den Augen ihres Vaters auf, als er bemerkte, dass sie ihr altes Kleid trug, er wandte sich jedoch alsbald dem Mann zu, der neben ihm stand.

„Darf ich meine Tochter vorstellen?“, sagte er mit herzlicher, jovialer Stimme. Nie sprach er in einem solchen Ton mit Helen. „Ist sie nicht so anmutig und schön, wie die Damen, die in den Liedern der Barden besungen werden?“

„Gewiss“, hörte sie jemanden sagen.

Helen richtete ihre Aufmerksamkeit auf den Mann zu dem ihr Vater gesprochen hatte. Er war ebenso groß und stolz wie er. Doch im Gegensatz zu der feinen, aristokratischen Erscheinung ihres Vaters, der das Leben am Hof von Marie of Guise gewohnt war, waren die Züge dieses Mannes eher rau und kalt und erinnerten an die steinigen Berge der Highlands. Dichtes graues Haar umrahmte sein hageres, wettergegerbtes Gesicht und bis auf das lila-gelbe McKerrigan Plaid, das er um seine Schulter drapiert hatte, war er ganz in schwarz gekleidet.

Helen legte ihre Hand langsam in die ihres Vaters und stieg auf das Podest. Erst in diesem Augenblick sah sie die Gestalt hinter dem älteren Mann. Groß, dunkel und schweigsam stand er inmitten der tuschelnden Menge – und beobachtete sie mit brennenden grünen Augen.

„Ihr“, zischte sie. Es war der Verführer aus dem Irrgarten. Natürlich hatte sie gewusst, dass er sich unter den Gästen befand. An irgendeiner Stelle, wo sie ihn nicht entdecken konnte, solange sie nur immer geradeaus sah und sich einredete, er sei nicht da.

Doch er war hier, stand nur wenige Fuß von ihr entfernt. Machtlos fühlte sie wie sich die kalte, gleichgültige Maske ihres Gesichts auflöste, ganz einfach wegschmolz unter dem lodernden Feuer seines Blickes. Eine Welle von Lust stieg in ihr auf.

Der ältere Mann trat vor und riss sie aus diesem Bann. Er nahm ihre eiskalte Hand und deutete einen Kuss an. Sein vornehmes und höfliches Verhalten stand dem eines Lowland Court Aristokraten in nichts nach, dennoch konnte sie nicht aufhören zu zittern.

„Lady Helen“, sagte er, „Darf ich Euch meinen Sohn James McKerrigan vorstellen?“

Er schob sie zu dem einzigen Mann, dem sie nicht gegenübertreten wollte, der Einzige, der …

Nein! Helen schüttelte den Kopf. Ihr war als würde sie in einen eiskalten See eintauchen. Kein Laut, kein Luftzug konnte zu ihr vordringen. Er war doch nicht etwa … Nein, das war unmöglich.

Oder doch nicht? Ein Funken Hoffnung flammte in ihr auf, auch wenn sie wusste, dass sie womöglich enttäuscht wurde.

Doch ihre Hand wurde in seine gelegt und seine rauen, starken Finger umschlossen die ihren fest und führten sie an seine Lippen. Anders als sein Vater, deutete er nicht nur einen Handkuss an, sondern presste seine Lippen fest auf ihre zarten Fingerknöchel. Dabei hinterließ seine Zunge eine heiße, feuchte Spur auf ihrer Haut, was ihr beinahe die Fassung raubte.

Sie versuchte sich ihm zu entziehen, doch er hielt sie fest. Über ihre Hand gebeugt beobachtete er sie wie ein Falke seine Beute – raubtierhaft und geduldig. Und wie ein hilfloses Kaninchen war sie unfähig, sich von ihm abzuwenden. Wollte sich nicht von ihm abwenden.

„Lady Helen, ich bin entzückt, Euch zum ersten Mal zu treffen“, sprach er mit seiner tiefen, samtig rauen Stimme, die sie im Irrgarten so verzaubert hatte.

Der Garten! Schlagartig erwachte sie aus ihrer Verzauberung, und der traumähnliche Zustand war verflogen. Nur wenige Stunden zuvor hatte ihr sogenannter Verlobter im Irrgarten ein anderes Mädchen geküsst. Mehr als das! Ihr Körper konnte dies bezeugen.

Vernünftig betrachtet, hatte auch sie einen Fremden geküsst und mit ihm Liebkosungen ausgetauscht, doch diese plötzliche Verunsicherung ließ sie nicht los. Sie wusste nicht, was sie tun, wohin sie sich wenden sollte.

Mit einem Ruck schaffte sie es schließlich, ihre Hand aus der seinen zu lösen. Während sie sich von ihm abwendete, erhaschte sie einen flüchtigen Blick auf sein herausforderndes, selbstgefälliges Lächeln und die hoch gezogenen Brauen, was sie nur noch mehr aufbrachte. Er sah aus, als wüsste er, an was sie dachte und suchte die Herausforderung.

Nun, sie würde niemals für irgendeinen Mann eine Herausforderung sein. Am wenigsten für James McKerrigan. Ganz gleich, wie sehr sie sich nach ihm sehnte, wie glücklich es sie machte, ihn wiederzusehen!

2. KAPITEL

Vor der Küste Schottlands, August 1562

Da lag sie vor ihnen, ihre Heimat. Drei Jahre waren inzwischen vergangen.

Nur war Schottland für sie schon lange keine Heimat mehr. Helen war nicht sicher, ob sie sich hier oder anderenorts jemals wieder zu Hause fühlen würde. Seitdem ihr der einzige Hoffnungsschimmer genommen worden war, hatte sie keine Heimat mehr.

Gegen die polierte Reling der Queen Mary gelehnt, starrte sie hinaus auf das eiskalte graue Wasser des Firth of Forth, wo der Fluss Forth in die See mündete. Mit jedem Augenblick kam der Hafen von Leith näher, doch durch den dichten Nebel konnte sie die Küste nur undeutlich erkennen. So vieles ging ihr durch den Kopf. Was würde passieren, wenn sie an Land gingen? Wohin würde sie gehen, was würde sie tun?

Während der fünftägigen Seereise von Frankreich, die wie im Flug vergangen war, hatte sie der Königin unaufhörlich Gesellschaft leisten müssen und diese Gedanken verdrängt. Mary Stuart war gerade achtzehn Jahre alt und seit fast einem Jahr verwitwet. Sie war gezwungen worden, die einzige Heimat zu verlassen, die sie je gekannt hatte, um in einem fremden Land als Regentin zu herrschen. Helen und die „vier Marys“ der Königin, ihre geliebten Hofdamen, die alle den Namen Mary trugen und sie seit ihrer Kindheit begleiteten, verbrachten die ganze Überfahrt damit, die traurige Königin beim Kartenspiel zu unterhalten und für sie zu singen.

Doch jetzt, da Schottland vor ihr lag, musste Helen sich diesen Fragen stellen. Während sie sich in Frankreich aufhielt, war ihr Vater gestorben. Nun war sie wirklich ganz allein.

Gegen ihren Willen tauchte plötzlich das Bild von grünen Augen vor ihr auf, die Erinnerung an feste Hände, die sie streichelten und samtweiche kurze schwarze Locken, in die sie ihre Finger gegraben hatte.

„Nein“, sagte sie laut und schob den Gedanken weit fort, wie so oft während der letzten drei Jahre. James McKerrigan ging sie schon lange nichts mehr an. Sie war frei von ihm, und das schon seitdem sie Schottland verlassen hatte. Jedenfalls hatte sie sich das immer eingeredet, seit er ihr damals genommen wurde.

Ohne das geschäftige Treiben auf den Decks um sie herum zu beachten, schloss Helen fröstelnd ihren dicken schwarzen Umhang noch fester und starrte dabei auf das Wasser. Eigentlich sollte sie jetzt hinuntergehen und der Königin bei den Vorbereitungen für den Landgang behilflich sein, doch sie konnte sich noch nicht losreißen. Sie wollte unbedingt ein kleines Stück Land sehen.

Sie musste an den Tag denken, an dem sie aus Frankreich weggesegelt waren. Königin Mary hatte schluchzend genau hier an der Reling gestanden, bis die französische Küste am Horizont verschwunden war und unaufhörlich „Adieu, Frankreich“ geflüstert.

Helen konnte es ihr nachfühlen, denn sie hatte während der Zeit in Frankreich so viel über die Welt und über sich selbst gelernt. Als Helen an den Hof von Königin Mary berufen und ihr ein Platz als Hofdame angeboten wurde, hatte ihr Vater die Chance genutzt, um die Verbindung mit den McKerrigans zu lösen und stattdessen die Königin zu hofieren. Helen musste sich dem Willen ihres Vaters beugen. Doch die Königin nach Paris zu begleiten schien eine Flucht vor James McKerrigan zu sein und den Gefühlen, die er in ihr hervorgerufen hatte. Ihre Hoffnungen hatten sich wieder einmal nicht erfüllt.

Andererseits war der schillernde, vornehme französische Hof alles, was sie je erträumt hatte. Die eleganten Kleider und Juwelen, die Feste und Maskenbälle, die prunkvollen Schlösser – all dies war so ganz anders als ihr bisheriges Leben in Schottland. Eine Welt, genauso bezaubernd wie trügerisch, deren Zeichen und Geheimnisse sie jedoch schnell entschlüsselt hatte. Sie verehrte die schöne, fröhliche, temperamentvolle Königin und fühlte sich im Kreis ihrer Vertrauten wohl.

Auch die gutaussehenden, dunkeläugigen Franzosen, die solche Meister der Tändelei und des Hofierens waren, gefielen ihr. Doch keiner von ihnen brachte sie je so in Wallung, wie es James McKerrigan getan hatte. Auch waren sie nicht wirklich bedrohlich, nachdem sie gelernt hatte, mit ihnen umzugehen. Außerdem machten sie ihr niemals falsche Versprechungen.

Sie war sich bewusst, dass es ihr niemals gelungen wäre, einen Mann wie James zu zähmen. Er gab sich nicht mit Schmeicheleien zufrieden, sondern zog sie sofort in seine Arme, um seinen erfahrenen Mund auf ihren zu pressen …

A’dhia! Fluchend löste sich Helen von der Reling und schritt das Schiffsdeck auf und ab. Ihre schwarzen Röcke streiften dabei über das glatte Holz, über das sie mit ihren französischen Satinpantöffelchen schritt. Nur einen Tag, nur diesen einen verflixten Tag, hatte sie mit dem Mann vor Jahren verbracht. Doch seitdem ging er ihr nicht mehr aus dem Kopf. Warum verfolgte er sie immer noch?

Alles, was sie nun zu tun hatte, war in Edinburgh einen neuen Gatten zu finden. Oder vielleicht gab es unter den französischen Herren aus dem Geleit von Königin Mary jemanden, der Helen heiraten und sie mit zurück nach Paris nehmen würde. Dann müsste sie nie wieder an James McKerrigan denken. Helen war überzeugt, dass die Nähe zu Schottland der Grund war, warum er sich immer wieder in ihre Gedanken schlich und sie so aufwühlte.

„Helen“, hörte sie jemanden rufen. Sie drehte sich um und sah Mary Beaton hinter sich stehen, eine der vier Marys der Königin. Auch sie trug ein schwarzes Kleid, denn sie alle trauerten um den französischen König – den verstorben Gatten von Mary Stuart.

„Ihre Majestät schickt nach Euch“, sagte Mary. „Es ist beinahe Zeit, an Land zu gehen.“

Helen nickte und folgte Mary in die Kabine der Königin. Schon bald musste sie sich wieder dem richtigen Leben stellen …

James McKerrigan spähte durch sein Fernrohr auf die See weit unter der Klippe, wo er mit seinen Männern wartete. Obwohl sein Pferd unruhig auf der Stelle tänzelte, saß er fest im Sattel, ohne sein Ziel aus den Augen zu verlieren.

Der dichte Morgennebel hing noch immer über dem Meer, war aber so weit verzogen, dass er wunderbare Einblicke auf das Geschehen dort unten erlaubte. Die vier großen Segelschiffe von Königin Mary, an deren Masten die Flaggen Schottlands und Frankreichs im frischen Wind wehten, waren in den Hafen von Leith eingelaufen. Die Schiffe feuerten Kanonenschüsse zur Begrüßung ab, und an den Ufern hatten sich unzählige Menschen versammelt, um ihre Königin willkommen zu heißen, die nach so langer Zeit endlich heimkehrte.

Von seinem Posten oben auf dem Steilufer beobachtete James wie der Landungssteg heruntergelassen wurde und Königin Mary in Begleitung ihrer französischen Onkel aus der Familie von Marie de Guise nach dreizehn Jahren zum ersten Mal wieder schottischen Boden betrat. Sie war außergewöhnlich groß und überragte die meisten der Männer um sich herum. Ganz in schwarz gekleidet, das Gesicht mit einem Schleier bedeckt, schritt sie würdevoll den Pier entlang.

Bei ihrem Anblick ging ein ehrfürchtiges Raunen durch die Menschenmenge, das bald in Jubelgeschrei umschlug, als die Königin das Volk begrüßte, das extra aus Edinburgh zu ihrem Empfang entsandt worden war.

Nur James ließ dieser Trubel unbeeindruckt, er suchte etwas anderes und richtete sein Fernrohr auf die Personen, die hinter der Königin das Schiff verließen. In ihren schwarzen Roben sahen sie alle aus wie ein Schwarm glänzender Krähen und waren kaum voneinander zu unterscheiden. Während sie sich hinter Königin Mary scharten und der Wind durch ihre Umhänge und Schleier wehte, betrachteten sie hochmütig das Geschehen um sich herum.

Doch James wusste, was er suchte, und er fand es sehr schnell. Er fand sie sehr schnell.

Sie stand am Rande einer Gruppe von Hofdamen und war wie die anderen ganz in Schwarz gekleidet. Jedoch trug sie nur eine kleine Satinkappe und keinen Schleier, sodass das wässrig graue Licht auf ihr kastanienbraunes Haar fiel. Mit der Hand hielt sie ihren Umhang am Hals zu und sah sich um. Sie hatte nichts von der Hochmütigkeit der französischen Begleiter der Königin, sondern wirkte unruhig und scheu.

Ganz und gar nicht wie das kokette Mädchen voller Selbstvertrauen, das einst im Irrgarten in seine Arme gesprungen war.

Nun gut, dachte er mit grimmiger Genugtuung. An ihrer Stelle wäre ich auch unruhig. Er hatte eine lange Zeit auf diesen Moment gewartet, wo er sich rächen und sich die ihm versprochene Braut nehmen würde. Sie hatte ihn bei der ersten Gelegenheit im Stich gelassen und war nach Frankreich geflohen, hatte seine Familie gedemütigt und sich ihrem Heiratsversprechen entzogen. Diese Hexe – nach der er sich immer noch so sehnte.

„Ist sie dabei?“, fragte sein Cousin Ian.

James blickte starr durch sein Fernrohr. Helen Frasier war von einer dichten Menschenmenge umgeben. Dennoch entging ihm nichts an ihr. Weder ihr Gesicht, dieses unsichere Lächeln auf ihren Lippen, noch ihr seidenes rotbraunes Haar, das sich damals so verführerisch über seine Haut ergossen hatte. Er konnte alles sehen von der Frau, die er mehr als irgendeine andere Frau begehrte und die ihm genommen worden war.

Ja – er würde ihr Wiedersehen ausgiebig genießen. Einst war es ihr gelungen, ihm zu entkommen, übers Meer nach Frankreich zu fliehen, und seine Familie hatte diese Erniedrigung durch den Frasier-Clan über sich ergehen lassen müssen. Jetzt war die Zeit der Abrechnung gekommen.

„Ja“, erwiderte er, „sie ist dabei.“

Dann riss er sein Pferd herum und galoppierte das Steilufer hinunter. Seine Männer folgten ihm.

„Kommt Männer, wir müssen der Königin unsere Ehre erweisen“, rief James ihnen mit einem bitteren Lachen zu.

Nun konnte er endlich seine Braut einfordern – die Frau, auf die er schon seit drei Jahren ein Anrecht hatte.

3. KAPITEL

Helen kämpfte gegen ein Gähnen an. Sie biss sich in die Wange und faltete ihre Hände noch fester im Schoß zusammen, um den Anflug von Müdigkeit zu unterdrücken. Es war ein langer Tag gewesen, seit sie in Leith angekommen und weiter in den Holyrood Palace von Edinburgh gezogen waren. Sie hatte nur eine kleine Pause für das Abendessen und musste in kurzer Zeit ihre Gemächer in dem zugigen, verwinkelten alten Schloss finden, wo sie ihr Gewand für das bevorstehende Festmahl wechselte.

Das Bankett war großartig, nacheinander wurden reichhaltige Platten mit den köstlichsten Speisen aufgetragen und Krüge voll Wein, den Königin Mary aus Frankreich mitgebracht hatte. Nun mussten sie die Zeremonie über sich ergehen lassen, bei der die Königin ihre schottischen Höflinge empfing, und die Nacht schien kein Ende zu nehmen.

Um sich abzulenken, richtete Helen ihre Aufmerksamkeit auf den Festsaal, auf die glänzenden Goldverzierungen, die Wandteppiche aus feinem Gobelin, die elegant gekleideten Höflinge. Sie beobachtete die schöne, stolze Königin, die neben ihr auf einem Podest saß. Mary schien überhaupt nicht zu ermüden oder auch nur einen Augenblick lang das Interesse zu verlieren. Ihre goldbraunen Augen glänzten während sie die Untertanen mit stetiger Begeisterung empfing und die Menschen mit ihrem Charme verzauberte. Jetzt, wo sie ihre Pflicht tat, schien die Traurigkeit der Reise von ihr abgefallen zu sein.

Heimlich kratzte Helen mit einem Fuß ihr zartbestrumpftes Bein unter den schwarzen Satinunterröcken und versuchte, dabei nicht den Halt zu verlieren. Sie war Hofzeremonien gewöhnt, denn in Frankreich legte man großen Wert auf Etikette. Doch heute Nacht fühlte sie sich seltsam ruhelos.

„Gibt es noch jemanden?“, fragte Königin Mary ihren Bruder, der seit dem Tod ihrer Mutter die Herrschaft übernommen hatte und sie nun in ihrem eigenen Palast willkommen hieß. Die Stimme der Königin war sanft, doch Helen war nahe bei ihr und ahnte, dass Mary leise betete und inständig hoffte, dass die Antwort ihres Bruders Nein sein würde.

„Nur noch einen, Euer Gnaden“, antwortete er. „Der Laird McKerrigan“.

McKerrigan! Der Klang dieses Namens riss Helen aus ihrer Schlaftrunkenheit und versetzte ihre Sinne in Alarmbereitschaft. Sie richtete sich in ihrem Sitz auf und blickte gehetzt um sich.

War er hier, jetzt in diesem Augenblick? Konnte er sie sehen? War es – war es etwa möglich, dass er sich erinnerte? Dachte er jemals an sie, so wie sie viel zu oft an ihn denken musste?

Sie zwang sich, ruhig auf ihrem Sitz zu bleiben und nicht aufzuspringen und aus der Halle zu flüchten. Wegrennen würde ihr überhaupt nichts nutzen, jedenfalls nicht, bei einem McKerrigan. Ein Mann wie er würde die Demütigung einer gelösten Verlobung nie vergessen, und schon gar nicht ihr schamloses Benehmen im Irrgarten.

Er würde sie finden, und sie würde sich ihm stellen müssen. Nur hatte sie nicht so schnell damit gerechnet.

„Bittet ihn hinein“, sagte die Königin.

Die Türen am anderen Ende des Saal schwangen auf und Helen musste an das Bankett am Abend ihrer verhängnisvollen Verlobung denken, als sie selbst ...

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