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HISTORICAL COLLECTION,, BAND 3

Marguerite Kaye, JoAnn Rock, Carole Mortimer, Michelle Willingham, Michèle Ann Young

HISTORICAL COLLECTION,, BAND 3

MARGUERITE KAYE

Liebessklavin im Harem des Scheichs?

Ein betörendes Geschenk: Eine junge Dame mit vor Wut funkelnden Augen erhält Scheich Khalid von seinem Stamm. In seinem Wüstenreich ist sie eine Fremde, doch im Garten seines Harems die schönste Wildblume …

JOANN ROCK

Die Nacht mit dem Normannen

Dieser geheimnisvolle Jäger soll meine Sehnsucht nach einem Kind erfüllen, beschließt die schöne Heilerin Isolda. Danach kann er wieder seiner Wege ziehen – glaubt sie bis zur ersten Umarmung des Normannen …

CAROLE MORTIMER

Was eine Lady im Bett nicht tut …

Vergebens versucht Alice Fortesque, sich der Heirat mit dem Earl of Stanfort zu widersetzen. Doch als sich die Tür ihres Boudoirs zum ersten Mal hinter ihnen schließt, lernt Alice: Es gibt Freuden in der Ehe, von denen sie bisher nichts ahnte …

MICHELLE WILLINGHAM

Die Jungefrau und der Ritter

Die Worte fehlen Ritter Ademar wie so oft, aber dafür streichelt er Lady Katherines tränennasses Gesicht und küsst sie heiß! Er weiß, wie sehr verschmähte Liebe schmerzt. Und er kann ihr zeigen, was dagegen hilft …

MICHèLE ANN YOUNG

Der Duke und die Kurtisane

Eine Nacht als Kurtisane – keine andere Lösung sieht die schöne Witwe Julia, um sich aus ihrer desolaten Lage zu befreien. Doch ausgerechnet der Duke of Dunstan ersteigert ihre Liebesdienste. Ein teuflischer Verführer …

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Liebessklavin im Harem des Scheichs?

1. KAPITEL

Lashaal, Arabien, 1816

Die Stammesdelegation ist angekommen, Hoheit.“

Scheich Khalid al-Raqam, Prinz von Lash’aal, fuhr fort, die Skizze des Schreins zu prüfen, der kürzlich an der Ausgrabungsstelle der verschollenen Stadt Persimmanion entdeckt worden war. Die Ruinen des Tempels faszinierten ihn, da sie um mehrere Jahrhunderte älter waren als die übrige Stadt. Vielleicht waren sie sogar der Grund für die Existenz der Stadt. Khalid nahm die neueste Entdeckung in die Hand – die kleine Goldstatuette einer weiblichen Gottheit, die für diese arabische Region höchst ungewöhnlich war. Er lächelte verhalten. Die Abergläubischen unter seinen Untertanen, einschließlich Farid, seinem Sekretär, warteten ehrerbietig auf seine Anweisungen. Anscheinend hielten sie das Fundstück für ein wichtiges Omen. Khalid allerdings ließ sich von solchen kindischen Vorstellungen nicht beeinflussen. Die Vergangenheit zog ihn in ihren Bann, beherrschte ihn jedoch nicht.

Er ließ die zarte Skulptur in der Handfläche ruhen. Persimmanion hatte sich als wahre Fundgrube für Objekte dieser Art erwiesen. Es war wichtig, dass sie den Ort geheim hielten, damit die europäischen Aasgeier nicht Wind davon bekamen und versuchten, Lash’aals kostbares Kulturerbe zu plündern, wie sie es bereits in Ägypten getan hatten. Khalid umschloss die goldene Gottheit fester. Auf seinem Hoheitsgebiet würde er keine solche Entweihung dulden.

„Was wünscht diese Delegation?“, fragte er Farid gereizt.

„Eine Audienz, Hoheit. Sie sind fünf Tage lang durch die Wüste gereist, um Euch Tribut für Euren Beistand während des Grenzstreits zu entrichten. Ihr solltet sie nicht brüskieren, indem Ihr sie zu lange warten lasst.“

Khalid seufzte und rollte vorsichtig die Skizze zusammen. „Nun gut, dann werde ich sie jetzt empfangen.“

Farid verbeugte sich. „Ihr werdet sie feierlich empfangen, Hoheit?“

Es war nicht wirklich eine Frage, wie Khalid wohl wusste, und so seufzte er wieder. „Wenn ich muss. Wie immer, Farid, verlasse ich mich in Fragen des Protokolls ganz auf dich.“ Seit drei Jahren regierte er Lash’aal nun bereits, doch er empfand einige Gebräuche, besonders den Pomp und die gezwungene Feierlichkeit, nach wie vor als sehr ärgerlich. Der Frieden in seinem Reich, für den er so hart gekämpft hatte, war allerdings noch immer sehr zerbrechlich. Die vielen Stämme waren bereit, bei der geringsten Provokation aneinanderzugeraten, da musste es seine erste Pflicht als oberster Träger der Macht sein, Gerechtigkeit walten zu lassen und, wenn nötig, Strafe öffentlich zu vollstrecken.

Diese schwere Verantwortung, die auf ihm lastete, isolierte ihn von allen anderen Menschen in seinem Land. Es war seine Pflicht, unfehlbar, unbesiegbar und allmächtig zu sein. Zwar hätte er mit seinen zweiunddreißig Jahren längst vermählt sein und einen Erben gezeugt haben sollen, doch bisher hatte es sich selbst für Farid mit seinem legendären diplomatischen Geschick als zu schwierig erwiesen, unter den vielen verschiedenen Fraktionen des Reiches eine passende Braut auszuwählen. Khalid selbst zeigte kein besonderes Interesse an diesem Thema. In jedem Fall musste seine zukünftige Gemahlin eher den Bedürfnissen Lash’aals entsprechen als seinen persönlichen, also gab er sich zunächst damit zufrieden, unvermählt zu bleiben. Die Last der Staatsgeschäfte trug er lieber allein – zumindest sagte er sich das, während er sich in seinen Privatgemächern die schweren Zeremoniengewänder anlegte.

Die mitternachtsblaue Seidentunika mit den Paspeln an den langen Ärmeln wies am hohen Kragen Stickereien aus Silberfäden und Perlen auf. Um die Taille zog er einen silbernen, mit Türkisen und Saphiren geschmückten Gürtel fest. Den zeremoniellen Krummsäbel, ebenfalls aus Silber, schob er in die reich verzierte Scheide. Dann steckte er sich den Staatsring an den Finger, den legendären Saphir Lash’aals. Auch der Umhang, den er sich um die Schultern warf, war mitternachtsblau und besetzt mit kostbaren Edelsteinen und Halbedelsteinen. Die Kopfbedeckung wurde mit einem Band aus Silberfäden und weiteren Edelsteinen befestigt. Als er schließlich angekleidet war, fühlte Khalid sich, als würde er im wahrsten Sinne des Wortes die Last seines Reiches auf den Schultern tragen.

Der prunkvolle Thronsaal des Palastes maß achtzig Schritte in der Länge und sechzig in der Breite. Durch die Erkerfenster drang gleißendes Sonnenlicht und reflektierte sich in den aus verspiegeltem Glas bestehenden Wänden. Khalid nahm auf dem Thron Platz, der sich auf einer Estrade am Ende des Saales befand. Nun bellte Farid einen Befehl, und die Doppeltür wurde aufgerissen. Ein bunter Haufen Angehöriger der verschiedenen Stämme kam zögernd herein. Einige von ihnen trugen gemeinsam ein großes Bündel. Es sah aus wie ein Teppich. Wenn man nach seinem staubigen Zustand und den abgerissenen Fäden an jedem Ende schließen wollte, handelte es sich dabei um kein besonders kostbares Exemplar. Khalid hob fragend eine Augenbraue.

Einer der Männer trat vor und verbeugte sich mehrmals. „Euer Hoheit, wir sind gekommen, Euch Huld zu erweisen und zu bitten, Ihr möget dieses äußerst unwürdige Präsent von Euren Euch ewig dankbaren Untertanen annehmen.“

„Mit großer Freude.“ Khalid nickte. „Allerdings muss ich der Beschreibung für euer Geschenk zustimmen.“

Der Mann sah zunächst verblüfft aus, lächelte dann aber breit und entblößte lange gelbe Zähne, auf die selbst ein Kamel stolz gewesen wäre. „Der Teppich? Aber nein, Euer Hoheit, der ist nur die Umhüllung. Der wahre Schatz befindet sich darin.“

Er klatschte laut in die Hände, und seine Begleiter legten den Teppich auf den Mosaikboden und entrollten ihn mit einer schwungvollen Bewegung.

„Uff!“

Die Stimme klang verärgert, wies einen ausländischen Akzent auf und gehörte eindeutig einer Frau. Diese trug schmutzige, zerlumpte Kleider, die sich an einen erstaunlich wohlgestalteten Leib schmiegten. Langes Haar, schwarz wie die Nacht, und Augen, stürmisch wie das aufgewühlte Meer, waren das Nächste, was Khalid auffiel. Die Frau zerrte an ihren Fesseln und kam unsicher auf die Knie, den unverschämten Blick auf ihn gerichtet.

Nach der erstickenden Dunkelheit im Teppich, in den man sie eingerollt hatte, brannten ihr die Augen von der plötzlichen Sonnenhelle. Sie befand sich in einem riesigen, prachtvoll eingerichteten Raum. Ihr Blick konzentrierte sich auf den Mann, der vor ihr stand – auf den hochgewachsenen Mann. Er trug mit Edelsteinen besetzte Pantoffeln. Nach seiner kostbaren Kleidung zu urteilen, musste es sich um einen sehr reichen Mann handeln – einen sehr imposanten reichen Mann. Er wirkte kraftvoll und geschmeidig zugleich. Der juwelenbesetzte Gürtel betonte eine schlanke Taille, Taille, was sehr ungewöhnlich war in einem Land, in dem großer Leibesumfang ein Zeichen für Wohlstand darstellte.

Langsam hob Juliette den Kopf, musterte kurz die breiten Schultern und begegnete schließlich dem Blick aus einem Paar erstaunlich blauer Augen. Der Mann war eher ungewöhnlich als im klassischen Sinn gut aussehend mit seinen hohen Wangenknochen, dem Grübchen in seinem Kinn und der dünnen Narbe an einer seiner Augenbrauen. Ein wirklich bemerkenswertes Gesicht.

„Furcht einflößend“ war der Begriff, der ihr zuerst in den Sinn kam. Ein Schauder erfasste sie, auch ein Hauch von Furcht, der sie völlig überrumpelte. Ein Leben lang hatte sie ihren Vater zu Ausgrabungen begleitet, hatte unter harten Bedingungen im Zelt geschlafen und war mit jeder nur denkbaren Art von Schurken in Berührung gekommen. Da hatte sie gedacht, dass ihr inzwischen nichts so leicht Angst machen könnte, aber dieser Mann war anders. Jemanden wie ihn wollte man sich nicht gern zum Feind machen.

Verstohlen sah sie sich im fürstlich eingerichteten Saal um, bemerkte den Thron und konzentrierte sich wieder auf den majestätischen Mann vor sich. Langsam dämmerte es ihr, dass sie von ihren Häschern als eine Art Geschenk angeboten wurde. Allen Mut zusammennehmend, begegnete sie scheinbar furchtlos dem Blick des Mannes.

Je m’apelle Juliette de Montignac“, sagte sie mit all der Arroganz, die sie aufbringen konnte.

Eine Französin! Khalid sah, wie der Anführer der Stammesvertreter sich die Hände rieb, und fragte sich, ob der Dummkopf ahnte, in welch missliche Lage er ihn mit diesem unerwünschten Geschenk brachte. Er verbeugte sich.

„Prinz Khalid al-Raqam von Lash’aal.“

Ein Prinz! Das hätte sie eigentlich schon an seiner stolzen Haltung erkennen müssen. Nun, Prinz oder nicht, er hatte kein Recht, sie gegen ihren Willen gefangen zu halten. Juliette hob unbewusst das Kinn. „Diese Männer haben mich entführt. Ich verlange, dass Sie mich freilassen.“

Eindeutig Französin, dachte Khalid resigniert, und nach dem Ton ihrer Stimme und der hochmütigen Haltung zu urteilen, darüber hinaus auch noch eine Dame von vornehmer Geburt. Die diplomatischen Folgen könnten schwerwiegend sein.

„Wo haben Sie sie gefunden? Und wie lange ist es her?“, fragte er knapp.

„Am Meer, Euer Hoheit“, erwiderte der Sprecher der Gruppe, den Blick zu Boden gerichtet. „Vor einem Monat, durch einen Sturm an die Küste gespült.“

Vor einem Monat schon! Es wurde immer schlimmer. Khalid fluchte insgeheim. „Was ist mit Ihrer Begleitung geschehen?“, wandte er sich auf Französisch an Juliette.

Er sprach fehlerlos und mit kaum merklichem Akzent. Seine Frage weckte eine kurze, entsetzliche Erinnerung an den Sturm, den tosenden Sturm, der die Segel des Schiffs zerfetzte, die Schreie der Mannschaft, ihre eigenen flehenden Bitten an ihren Vater, seine kostbaren Fundstücke zurückzulassen und sich selbst zu retten. Was er natürlich nicht getan hatte. Die Riesenwelle, die sie an den Strand geworfen hatte, hatte Papa und seine Truhe mit den sorgfältig ausgesuchten Relikten auf den Grund des Roten Meers gezwungen. Im Tod wie im Leben hatte Papa seine verlorenen Zivilisationen an erste Stelle gesetzt.

„Sie sind alle untergegangen, einschließlich meines Vaters.“ Juliette biss sich leicht auf die Unterlippe.

„Das tut mir leid“, sagte Khalid, gerührt von ihrem Versuch, ihre Tränen zu bekämpfen. „Wo ist der Rest Ihrer Familie?“

„Familie?“ Juliette schüttelte den Kopf und schluckte mühsam. Sein Mitgefühl schnürte ihr die Kehle zu. Papa war von vornehmer Geburt gewesen, doch da er die Archäologie zu mehr als nur einem Hobby gemacht hatte, war er von seiner Familie verstoßen worden. Juliette hatte nie irgendjemanden ihrer Verwandten kennengelernt, und ihr Vater hatte sie auch nicht dazu ermutigt, sich für sie zu interessieren. Inzwischen hatte sie sich an den Gedanken gewöhnt, ganz allein in der Welt zu sein – bis auf Papa, der immer mehr ein Mentor für sie gewesen war als ein Vater. Doch jetzt war es ihr nicht angenehm, daran erinnert zu werden, und so zuckte sie nur mit den Achseln. „Ich habe keine weiteren Verwandten. Meine Mutter starb, als ich noch ein Kind war. Außer mir und Papa hat es nie jemanden gegeben.“

Die meiste Zeit allerdings, das musste sie sich, wenn auch widerwillig, eingestehen, hatte Papa sie kaum wahrgenommen. Erst als sie alt genug gewesen war, um ihm von Nutzen zu sein, hatte er ihre Erziehung übernommen – eine Erziehung, die sich allerdings fast ausschließlich auf sein eigenes Interessengebiet beschränkt hatte. Ansichten, die seine Tochter zu Dingen außerhalb der Welt der Archäologie haben mochte, hatten ihn nie interessiert. Juliette bezweifelte, dass er überhaupt gewusst hatte, ob sie lieber Tee oder Kaffee trank, Rousseau oder Voltaire bevorzugte. Beides hätte er für unerheblich gehalten.

Prinz Khalid sah sie seltsam an. „Kein Gatte?“, fragte er und hob eine Augenbraue. „Das ist doch gewiss recht … ungewöhnlich.“

Gegen ihren Willen empfand Juliette Ärger über seine Bemerkung. Natürlich war ihr Leben eher ungewöhnlich gewesen, das war ihr bewusst, doch ein anderes hatte sie nun einmal nicht kennengelernt. Sie hatte zwar selbst schon oft ihre Bedenken darüber gehabt, aber es gefiel ihr nicht, wenn ein völlig Fremder sich dasselbe Recht herausnahm.

„Mein ganzes Leben lang habe ich Papa bei seiner Arbeit geholfen – eine sehr wichtige Arbeit, von größerer Bedeutung als ein Gatte. Für so etwas hatte ich keine Zeit. Ich verdiente mir das Recht, von meinem Vater und seinen Assistenten wie eine ihnen Ebenbürtige behandelt zu werden.“

Khalid betrachtete die ausnehmend attraktiven weiblichen Rundungen dieser Frau und fand es sehr schwierig, ihren Worten Glauben zu schenken. Ihm fielen die lüsternen Blicke seiner Untertanen auf, und leise Wut erwachte in ihm über ihren Mangel an guten Manieren, aber auch über die Naivität dieser seltsamen Französin.

„Sie ist sehr hübsch, nicht wahr?“, meinte einer der Männer mit einem Zwinkern.

„Sohn eines Kamels“, fuhr Juliette ihn an, „wie wagst du es, mich so anzustieren!“

Der Mann wich hastig zur Seite, als sie versuchte, nach ihm zu treten, doch die Fesseln, die man ihr angelegt hatte, hinderten sie daran, ihn zu treffen. „Wie Ihr seht, Hoheit, verfügt sie über ein feuriges Temperament.“

„Ich hoffe, Ihr habt sie mit dem Respekt behandelt“, sagte Khalid kühl, „der einem fremden Besucher meines Reiches gebührt.“

Der Mann stieß ein angespanntes Lachen aus. „Bei diesem bösartigen Naturell wagten meine Männer es nicht, ihr zu nahe zu kommen. Um die Wahrheit zu sagen, Hoheit, sind wir froh, die kleine Wildkatze loszuwerden. Nur ein Prinz wie Ihr, oh Mächtiger, kann sie zähmen und ihren Willen brechen“, schloss er mit einem falschen Lächeln.

Qu’est-ce qu’il dit?, fragte Juliette. „Was sagt dieser Mann, dessen Vater ein Ziegenbock gewesen sein muss?“ Sie funkelte ihn so wütend an, dass der noch weiter zurückwich. „Einen Monat lang haben sie mich wie ein Tier gefesselt. Ich verlange, dass Sie mir …“

„Genug!“ Khalid klatschte heftig in die Hände, und Juliette hielt abrupt inne. „Es steht Ihnen nicht zu, irgendetwas zu verlangen, Mademoiselle. Ich habe nicht um Sie gebeten und wünschte bei Gott, Sie wären mir nicht gegeben worden. Aber nun sind Sie einmal hier und nach den Gesetzen von Lash’aal mein Eigentum. Die Begleichung einer Ehrenschuld“, erklärte er streng. „Trotz ihrer abgerissenen Erscheinung repräsentieren diese Männer einen mächtigen Stamm. Es wäre unklug von mir, sie zu erzürnen, indem ich ihr Geschenk ablehne.“

Es wäre in der Tat höchst unklug. Tatsächlich war die Situation ausgesprochen heikel, und Khalid konnte nicht anders, als der Frau die Schuld daran zu geben. Warum musste sie sich ausgerechnet an seine Küste spülen lassen? Wenn er sie als Geschenk akzeptierte, riskierte er andererseits, dass ihre Regierung ihn für mitschuldig hielt an ihrer Gefangennahme. Er würde gut überlegen müssen, wie er sie am besten dem französischen Konsulat in Kairo übergeben könnte.

Sich wieder an die Männer wendend, beschloss Khalid, sich zunächst um einen Teil des Problems zu kümmern. „Ich sehe eure Schulden als getilgt an. Ihr könnt gehen und seid meiner Dankbarkeit gewiss. Begleite meine ehrenwerten Gäste hinaus, Farid, und sorge dafür, dass sie vor ihrer Heimreise hinreichend verköstigt werden.“

„Jawohl, Hoheit. Und die … die Frau?“ Farid warf Juliette einen vielsagenden Blick zu.

„Mit Mademoiselle de Montignac beschäftige ich mich persönlich“, antwortete Khalid grimmig. „Bring einfach nur die Männer hinaus.“

Der Saal war schnell geleert. Allein mit Prinz Khalid in diesem riesigen, fremden Raum, in dem das Licht von den zahlreichen Spiegelflächen zurückgeworfen wurde, versuchte Juliette verzweifelt, sich ihren nächsten Schritt zu überlegen. Ihr Magen mochte sich vor Angst zusammenziehen, ihre Knie mochten beben und sich sträuben, sie aufrecht zu halten, doch genau das mussten sie tun. Ihr waren nur noch ihre fünf Sinne geblieben, und die musste sie jetzt um jeden Preis zusammenhalten. Eine leise Unruhe strich über sie hinweg wie der Wind, der den weichen Sand einer Düne aufwirbelt, und sie erschauerte, als Prinz Khalid den Blick seiner durchdringenden blauen Augen auf sie richtete.

Trotz ihrer vierundzwanzig Jahre beschränkte sich Juliettes Erfahrung mit Männern auf jene, die an den Ausgrabungen ihres Vaters beteiligt gewesen waren. Ihr wurde bewusst, dass der Mann, der sie jetzt mit verächtlichem Ausdruck betrachtete, womöglich ihre Begeisterung für den Beruf ihres Vaters nicht teilte. Der inoffizielle Krieg zwischen dem britischen Konsul General Henry Salt und dem einstigen französischen Konsul General Bernardino Drovetti hatte Papa gezwungen, seine eigenen Regeln zu brechen und nicht nur seine Ausgrabungen ohne Erlaubnis durchzuführen, sondern die Fundstücke sogar aus dem Land zu schmuggeln. Sehr wahrscheinlich würde Prinz Khalid dieses Vorgehen unumwunden als Plündern bezeichnen. Papa, der doch früher so entschlossen gewesen war, jeden Fund an der Stelle zu belassen, an der er entdeckt worden war, hatte im vergangenen Jahr fast jedes seiner Prinzipien über Bord werfen müssen. Als er ertrank, war er ein bitterer, desillusionierter Mann gewesen.

„Montignac“, wiederholte Khalid nachdenklich. „Sie sagten, das sei Ihr Name?“

Juliette nickte zögernd.

„Weswegen hielten Sie sich in meinem Land auf?“

Es war nicht leicht, seine Antwort zu beantworten. Sie hatten keine offizielle Erlaubnis für ihr letztes Projekt erhalten, sondern sich vom französischen Konsulat dazu zwingen lassen, die Verwirrung auszunutzen, die der plötzliche Tod des Prinzen Asad al-Muhanna und die Nachfolge durch dessen Bruder Ramiz verursacht hatten. „Wir waren in A’Qadiz, nicht in Lash’aal. Das Reich, das an Ihres grenzt, glaube ich. Papa ist … war … er arbeitete für die französische Regierung“, schloss sie vorsichtig.

„Ein Diplomat? Wurde er vielleicht geschickt, um dem neuen Prinzen seinen Respekt zu erweisen? Ich glaube, Prinz Ramiz hat viel Zeit als Abgesandter seines Bruders im Westen verbracht.“

Die Worte lagen ihr schon auf der Zunge, aber Juliette zögerte, sie auszusprechen. Sie war eine sehr schlechte Lügnerin. „Nicht genau“, meinte sie unbehaglich.

„Sie sagten, Sie hätten Ihrem Vater geholfen. Auf welche Weise genau?“ Khalid tippte mit einem Finger gegen den Knauf seines Krummsäbels. „Montignac, Montignac. Natürlich, Montignac! Jean-Louis de Montignac, der Archäologe. Er war Ihr Vater?“

„Oui.“

„Ihr Vater war einer jener Grabräuber, der unser Land seiner historischen Schätze beraubte, und Sie waren nach eigener Aussage seine Komplizin. Weiß Prinz Ramiz von A’Qadiz überhaupt, dass Sie sich in seinem Reich aufhielten?“

Obwohl es sie danach drängte, ihren Vater zu verteidigen, hielt Juliette sich zurück. Sie wusste schließlich, dass er tatsächlich gegen das Gesetz verstoßen hatte. Dieser Prinz sah nicht so aus, als würde er ihre Lügen schlucken, und sie wusste nur allzu gut, wie leicht sie zu durchschauen war, wenn sie versuchte, jemanden zu täuschen. Unruhig biss sie sich auf die Unterlippe.

„Ihrem Schweigen entnehme ich, die Antwort lautet nein“, fuhr Khalid sie an, ganz und gar nicht erfreut über diese neue Komplikation. „Ich nehme ebenfalls an, dass Sie die Unruhen in Prinz Ramiz’ Land ausnutzten und hofften, er würde zu beschäftigt sein, um sich um eine Handvoll Grabräuber zu sorgen. Warum glaubt ihr Europäer eigentlich, ihr hättet das Recht, jeden Teil dieser Erde zu plündern, in den ihr euren Fuß setzt? Ich versichere Ihnen, Mademoiselle, dass ich Prinz Ramiz höchstpersönlich von Ihrem Eindringen in Kenntnis setzen werde. Er wird wissen wollen, was Sie illegal und gewaltsam entwendet haben.“

„Was mein Vater aus A’Qadiz entwendete, liegt zusammen mit ihm auf dem Meeresgrund.“ Tränen schossen ihr in die Augen, aber Juliette wischte sie ärgerlich mit dem Rücken ihrer gefesselten Hände fort. „Es stimmt. Er hat die Dinge ohne Erlaubnis an sich genommen, aber nur, weil er dazu gezwungen wurde“, sagte sie heftig. „Und er wählte lediglich Stücke von geringem Wert. Was er am meisten wertschätzte – und was er mich lehrte wertzuschätzen – war das Wissen. Wer waren diese Menschen, fragte er sich. Wie lebten sie, welche Götter verehrten sie, woran glaubten sie, wie wurden diese Dinge von einer Generation an die nächste weitergegeben? Ob ein Amulett aus Knochen oder aus Gold bestand oder eine Statue mit Edelsteinen besetzt oder aus schlichtem Lehm geformt war, kümmerte ihn nicht. Es war, was dieser Gegenstand repräsentierte, das ihn faszinierte, nicht was er auf dem Markt einbringen würde. Es ist mir gleichgültig, ob Sie mir glauben oder nicht, aber es ist die Wahrheit. Jetzt ist er tot, und sehr viel prinzipienlosere Männer werden seinen Platz einnehmen.“

Die leidenschaftliche Verteidigung ihres Vaters überraschte ihn, da sie genau das wiedergab, was auch er für Persimmanion empfand und die vielen anderen Ausgrabungsstätten in Lash’aal. Trotzdem blieb die Tatsache, dass diese Frau und ihr Vater Diebe gewesen waren. „Ich garantiere Ihnen, dass unsere Grenzen nicht so leicht verletzt werden können wie die von A’Qadiz“, sagte er. „Wir sind sehr gut in der Lage, selbst auf unsere Schätze zu achten. Ganz ohne die Hilfe eurer westlichen Experten.“

„Zweifellos werden Sie sie so gut behandeln wie mich“, warf Juliette ihm vor. „Vielleicht kommen sie ja gar nicht erst, wenn sie erst erfahren, dass sie von Wilden gefangen genommen und wie Sklaven verkauft werden könnten.“

Ihre Weigerung, sich zu fügen, schürte seinen Zorn. Irgendetwas an dieser kratzbürstigen, so ganz und gar ungewöhnlichen Frau mit dem Verstand eines Mannes, den Manieren einer Ungläubigen und dem aufregenden Leib einer Haremsdienerin versetzte ihn in Flammen. Er war es nicht gewohnt, herausgefordert zu werden, noch dazu von einer bloßen Frau.

„Vielleicht“, erwiderte er wütend, „würden wir sie gastfreundlicher behandeln, wenn sie vorher auf eine Einladung warteten.“

Ohne zu überlegen und nur in dem plötzlich drängenden Wunsch, sie einzuschüchtern, zog Khalid den Dolch aus dem Gürtel.

2. KAPITEL

Khalid beabsichtigte nur, sie von ihren Fesseln zu befreien, und war wütend auf sich selbst, weil er es nicht sofort getan hatte. Doch sobald er sich ihr näherte, wurde ihm klar, dass er zorniger auf Juliette war, als ihm bewusst gewesen war. Ihr Gesicht war eher knabenhaft als schön. Doch ihre Haltung erinnerte ihn an seine eigene. Wenn er an ihrer Stelle gewesen wäre, hätte er sich ebenso kühn und stolz verhalten. Zusammen mit ihren verlockenden weiblichen Rundungen weckte sie nicht nur Bewunderung in ihm. Verlangen erfasste ihn völlig unerwartet. Es kam ihm nicht in den Sinn, dass er sie mit dem Dolch erschrecken könnte. Er wäre entsetzt gewesen und hätte sofort aufgehört. Die unverschämte Herausforderung in ihrem Blick war es, die den Eroberer in ihm ansprach und ihn die Waffe höher heben ließ.

Gefährlich blitzte die Klinge auf. Wie gebannt sah Juliette zu, wie er an sie herantrat. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Wollte er sie ermorden? Würde sie sterben? Würde sie hier auf dem Teppich, in den sie eingewickelt worden war wie ein Geschenk, verbluten?

Prinz Khalid beobachtete sie aus wütend funkelnden Augen. Wie ein Jäger seine Beute. Bezwingend. Eiskalt lief es ihr beim Anblick der Waffe über den Rücken, aber sie wich nicht zurück. Trotz des Dolches und der erbarmungslosen Blicke des Araberscheichs glaubte Juliette nicht, dass er sie einfach kaltblütig umbringen würde. Es war eine Prüfung. Sie durfte nicht versagen. Sie würde nicht versagen!

„Tun Sie’s doch“, sagte sie mit leicht bebender Stimme. „Wenn Sie es wagen.“

Sie zitterte. Er sah sie leicht zurückschrecken und doch die Lippen zusammenpressen, um ihn nicht um Gnade anzuflehen. Seine Bewunderung für sie wuchs, seine Wut verrauchte. So schnell, dass Juliette nicht die Zeit hatte zurückzuweichen, zerschnitt er sauber die Fesseln um ihre Handgelenke und gleich darauf in einer einzigen fließenden Bewegung auch jene an ihren Fußknöcheln.

Mit einem erschrockenen Aufschrei stolperte sie einen Schritt nach hinten. Ihre Handgelenke pochten schmerzhaft, die von den festen Fesseln verursachten Striemen sahen böse aus. Juliette rieb sie behutsam und beobachtete Khalid misstrauisch.

Er konnte sie gut verstehen. Immerhin war sie, obwohl man sie ihm aufgezwungen hatte, dennoch sein Gast. Die Ehre verlangte, dass er sie mit Respekt behandelte. Ein geringerer Mann hätte keine Bedenken gehabt, sie auf die althergebrachte Weise spüren zu lassen, wie wenig Kontrolle sie wirklich über ihr Schicksal hatte. Khalid hatte keinen Harem und wollte auch keinen. Ebenso wenig hegte er den geringsten Wunsch, dieser Frau auf primitive Weise seine Macht zu beweisen. Zumindest …

Je mehr er sie betrachtete, desto aufregender fand er, was er sah. Er wollte sie zähmen. Dass das nicht leicht sein würde, steigerte sein Verlangen noch mehr. Doch wichtiger war ihm, dass sie sich ihm aus freiem Willen ergab – nicht, weil sie ihn fürchtete oder um ihre Freiheit feilschen wollte, sondern weil auch sie ihn begehrte. Seine ungewohnt heftigen Gefühle verblüfften ihn nicht wenig, und plötzlich musste er zu seinem Unbehagen feststellen, dass seine Begierde sich auf eine äußerst offensichtliche Weise unter der Tunika abzuzeichnen begann. Unentschlossen sah er seine Gefangene an.

„Was haben Sie mit mir vor?“ Juliette wich noch weiter vor ihm zurück. Er war so groß. Viel zu groß. Und die Art, wie er sie ansah – als wollte er sie verschlingen. Beim bloßen Gedanken daran überlief es sie kalt, gleich darauf war ihr ganz heiß. So grimmig er auch schien, Prinz Khalid weckte Gefühle in ihr, die völlig gegen jede Vernunft den Wunsch nach Freiheit in ihr erstickten. Sie war es nicht gewohnt, dass man sie mit so großer Intensität ansah. Es brachte sie aus der Fassung. Aus irgendeinem Grund wurde sie rot. „Ich warne Sie, wenn Sie es wagen, Hand an mich zu legen …“ Sie hielt inne, da sie nicht wusste, was sie tun würde, und da die Vorstellung, er könnte sie mit seinen Händen berühren, ihr einen winzigen Augenblick lang sogar verlockend erschien.

„Was werden Sie dann tun?“, fragte Khalid und zog sie abrupt an sich. Seine andere Hand spürte sie gleich darauf auf ihrem Rücken, sodass es ihr nicht möglich war, sich zu befreien. Sie berührten sich von der Brust bis zu den Schenkeln, Juliette fühlte den Griff seines Krummsäbels an ihrem Bauch. „Was werden Sie tun, Juliette de Montignac? Schreien?“

Ihre Blicke trafen sich. Khalid lächelte. Allerdings lag keine Belustigung in seinem Ausdruck, nur reiner Triumph. Juliette öffnete den Mund, um zu schreien. Sie hatte keine Angst, aber es war das Letzte, was er von ihr erwartete, also würde sie es tun. Sie holte tief Luft, doch dann war er bei ihr, und sein Kuss nahm ihr den Atem.

Seine Lippen waren warm und hart, genau wie seine Hände. Noch nie hatte es jemand gewagt. Noch nie hatte es jemand versucht. Und ihr selbst war es nie möglich gewesen, sich vorzustellen, wie ein Kuss sein mochte. Obwohl sie es oft versucht hatte im Dunkel der Nacht, angefacht durch erotische Bilder in einem uralten, verbotenen Buch oder auf einer bemalten Tempelwand. Angenehm musste es sein, geküsst zu werden, hatte sie sich gesagt, wohl nicht viel mehr. Doch was sie jetzt erlebte, war nicht angenehm. Es war leidenschaftlich und meisterhaft. Khalid hatte sie völlig in seinen Bann gezogen mit seinem Kuss, seine Hände erweckten ihren Körper zu ungeahntem Leben. Eigentlich sollte sie sich wehren, aber sie wollte sich ergeben, so, wie sie es so oft in ihren geheimsten Träumen ersehnt hatte. Das erste Erschrecken wich einer erstaunlichen Aufwallung reiner, unverfälschter Freude. Einen berauschenden Augenblick lang gab sie nach, ihr Mund öffnete sich unter der Liebkosung seiner Zunge, das Blut schien schneller durch ihre Adern zu fließen, ihr Herz raste. In diesem unbeschreiblichen Moment bekam sie eine Ahnung von der Lust der Sinne. Dann riss Khalid sich von ihr los, und die Farben und berauschenden Empfindungen, die sie kaum gekostet hatte, lösten sich auf wie ein Schatten.

Juliette taumelte und wäre fast zu Boden gesunken. Unendlich bestürzt über ihr eigenes Verhalten, entsetzt über das nagende Gefühl, dass sie ihn nicht aufgehalten hätte, wenn er nicht von selbst aufgehört hätte, wandte sie sich hastig von Khalid ab. Auf keinen Fall durfte er die Wirkung sehen, die sein Kuss auf sie gehabt hatte. Sie sah keinen anderen Weg, sich zu wehren, als zum Angriff überzugehen. Absichtlich wischte sie sich mit der Hand über den Mund und sah Khalid verächtlich an. „Merci du compliment, aber ich habe nicht den Wunsch, Ihre Konkubine zu werden, Hoheit“, sagte sie und knickste mit leicht zitternden Knien.

Khalid war im Begriff gewesen, sich bei ihr zu entschuldigen, aber man hatte ihn gelehrt, jeden Angriff mit einem Gegenangriff zu erwidern. „Sie müssen noch sehr viel lernen, bevor Sie davon träumen können, eine solche Position auszufüllen, Mademoiselle. Konkubinen sind sehr viel geschickter in der Kunst, einen Mann zu erfreuen, als Sie.“ Tatsächlich hatte die unschuldige Art, wie sie seinen Kuss erwidert hatte, ihn sehr viel mehr erregt als die erfahrene Liebkosung einer Odaliske.

„Ich verlange, dass Sie mich freilassen“, forderte Juliette, weil ihr keine andere Antwort einfallen wollte.

Das war eigentlich auch seine Absicht gewesen, doch ihre Weigerung, sich ihm zu fügen, machte ihn wütend. „Sie vergessen, dass Sie ein Geschenk an mich sind. In den Augen meiner Untertanen und nach unserem Gesetz sind Sie mein Eigentum, und ich kann mit Ihnen tun, was ich will.“

„Ich bin Bürgerin Frankreichs, Sie können nicht …“

„Sie befinden sich in meinem Reich und unterliegen meiner Macht. Es gibt nichts, das ich nicht tun könnte“, unterbrach Khalid sie kühl, obwohl er in Wirklichkeit nichts dergleichen im Sinn hatte. „Vielmehr sollten Sie sich glücklich schätzen, dass Sie bei mir sind. Stellen Sie sich nur das Schicksal vor, Mademoiselle, das Sie bei meinen Stammesbrüdern ereilt hätte. Auf lange Sicht wäre es Ihnen wohl nicht gelungen, Ihre Unschuld mit blitzenden Augen oder einer scharfen Zunge zu beschützen. Das heißt, wenn Sie diese Unschuld überhaupt noch besitzen.“

„Wie können Sie es wagen! Wie können Sie andeuten, dass ich, Juliette de Montignac …“

„Sie haben natürlich recht. Kein vernünftiger Mann würde den Wunsch haben, eine so abweisende Zitadelle zu bezwingen“, unterbrach Khalid sie erneut. Er war zu sehr darauf bedacht, dieses ärgerliche Weib zu besiegen, um zu bedenken, wie unerhört seine Worte klingen mussten. „Bis jetzt. Denn ich, liebreizende Gefangene, kann mir nichts Schöneres vorstellen, als Ihnen eine Lektion zu erteilen. Es wird Zeit für Sie zu lernen, dass Sie eine Frau sind und zu Leidenschaften fähig. Und der beste Ort dafür ist der Harem.“

In der Hitze des Gefechts hatte Juliette ganz den ersten Eindruck vergessen, den sie von ihm gehabt hatte – Furcht einflößend. Zu spät begriff sie, dass ein beschwichtigendes Verhalten eine sehr viel bessere Taktik gewesen wäre. „Bitte! Prinz Khalid, ich wollte nicht … das heißt, ich bin sicher, Sie meinen nicht …“

„Ich sage nie etwas, das ich nicht auch so meine.“

Die Entschlossenheit in seiner Stimme verriet Juliette, dass sie an irgendeinem Punkt zu weit gegangen sein musste. Der Prinz war bei ihr, bevor sie weiter protestieren, geschweige denn irgendeinen Versuch unternehmen konnte zu fliehen. Er hob sie einfach hoch und warf sie sich über die Schulter, als wäre sie federleicht, schritt zu der Doppeltür am anderen Ende des Thronsaals und durchschritt sie zum Erstaunen der Wache, die davor stand.

Juliette spürte noch seinen Kuss auf den Lippen, und blankes Entsetzen erwachte in ihr, als sie sich das erschreckend verführerische Bild eines Harems vor Augen hielt und alles, was es für sie bedeuten würde. Wenn sie einer Verführung entkommen wollte, musste sie sich aus Khalids erbarmungslosem Griff befreien. Sie schlug verzweifelt mit den Fäusten auf seinen Rücken ein und versuchte, mit den nackten Füßen nach ihm zu treten, riss ihm die Kopfbedeckung herunter und stieß einen Strom derber Flüche aus, die sie im Lauf der Jahre von Soldaten und Abenteurern aufgeschnappt hatte, denen sie und ihr Vater begegnet waren. Doch nichts von allem machte einen Unterschied. Khalid ging unbeirrt weiter durch, wie ihr schien, meilenlange Korridore und vorbei an unzähligen Wachmännern, bis er schließlich eine große Eichenholztür mit Eisengitter erreichte. Der Schlüssel steckte im Schloss. Khalid drehte ihn herum, während er Juliette mit der Hand auf ihrem Rücken festhielt, betrat den Raum dahinter und schlug die Tür mit einem Tritt hinter sich zu.

Juliette sah sich verblüfft um. Nirgends waren spärlich bekleidete, sich auf Diwanen rekelnde und Konfekt naschende Haremsdamen zu sehen, wie sie es eigentlich erwartet hatte. Das Atrium war leer. Der Springbrunnen, ein kunstvolles Gebilde aus recht drallen Nymphen in der Mitte, war trocken. Es herrschte eine fast unheimliche Stille.

Als Prinz Khalid sie herunterließ, wich Juliette sofort vor ihm zurück und bezwang erfolgreich ihre Tränen. Ihr Blick ging unwillkürlich zu einer Gitterpforte am anderen Ende des Atriums. Dahinter konnte sie einen Garten ausmachen, ein wildes Gewirr von überwuchernden Pflanzen und ungepflegten Bäumen – Zitronen und Orangen, Granatäpfel und Feigen. Der Duft nach Jasmin lag schwer in der Luft. „Wohin haben Sie mich gebracht?“ Zu ihrer Erleichterung klang ihre Stimme ruhiger, als sie bei ihrem inneren Aufruhr vermutet hätte.

„Das habe ich Ihnen schon gesagt. Es ist der Harem. Mein Harem.“

„Aber er ist leer.“

„Jetzt nicht mehr. Sie, Mademoiselle, haben die Ehre, die erste Bewohnerin zu sein.“

„Aber …“

„Und da es keine anderen Konkubinen gibt“, fuhr er fort und kam auf sie zu, einen Blick in den Augen, der ihr Herz rasen ließ, „werde ich derjenige sein, der Sie alles lehren wird, Mademoiselle.“

„Was lehren?“

„Was Sie bisher noch niemand gelehrt hat. Wie man zur Frau wird. Wie man es genießt, eine Frau zu sein. Wie man Vergnügen am eigenen Körper findet und nicht darauf achtet, was die Vernunft einzuwenden hat, Mademoiselle de Montignac. Und sich daran zu erinnern, dass Sie Juliette sind. Eine Frau. Und – für eine Weile wenigstens – meine Frau.“

Er strich ihr mit dem Finger über die Wange, den Hals und ganz zart über die Außenseite ihrer Brust. Seine Berührung ließ sie erschauern. Ihre Brustspitzen reagierten sofort auf die kaum merkliche Liebkosung. „Ich will nicht“, protestierte sie unwillkürlich. Es gefiel ihr nicht, was er mit ihr tat. Es gefiel ihr noch weniger, wie sie auf ihn reagierte. Und doch gefiel es ihr. So wie ihr auch gegen jede Vernunft gefiel, wie er sie ansah – als entdecke er etwas an ihr, das niemand sonst sah. Juliette. Eine Juliette, die selbst sie nicht kannte. Das gefiel ihr. Nein. Jedenfalls sollte es ihr nicht gefallen. Oder?

Mühsam bewahrte sie die Fassung. „Sie können mich nicht zwingen.“

Khalid lachte leise. „Sie sind vielleicht naiv, aber so unschuldig sind Sie nicht. Ich werde es nicht nötig haben, Sie zu zwingen, und das wissen Sie.“

Er hatte recht. Und als er sie zum zweiten Mal küsste, hart und besitzergreifend, nur viel zu kurz, bewies er es ihr. Ein kurzes Aufflackern der Leidenschaft, das süße Knistern der Vorfreude, die Versuchung, den Sprung ins Unbekannte zu wagen. Als würde sie mit einer Kerze in der Hand am Rand eines neu entdeckten Ausgrabungsfundes stehen und zunächst zögern, aber doch insgeheim wissen, dass sie kapitulieren würde.

Khalid hob sie wieder auf die Arme und trug sie in einen der miteinander verbundenen Räume, die das Atrium umgaben. Er hatte nur vor, ihr ein wenig Demut beizubringen. Obwohl die Gesetze von Lash’aal ihm erlaubten, sie als sein Eigentum anzusehen, und er selbst den Garanten dieser Gesetze darstellte, glaubte er nicht daran, dass der Mensch irgendjemandes Eigentum sein sollte. Und die Sklaverei war in Lash’aal schon vor zweihundert Jahren abgeschafft worden. Juliette war nicht sein Eigentum, aber das wusste sie nicht. Er war zwar ein Mann von Ehre, doch irgendetwas an dieser Frau ließ ihn jede Kultiviertheit vergessen und weckte den Eroberer in ihm, den Jäger, den Mann. Es war verwirrend, und später würde es vielleicht Scham in ihm wecken, aber in diesem Moment überwältigte es ihn ganz einfach nur. Juliette musste gezähmt werden. Er würde sich ihr nicht aufzwingen. Sie würde sich ihm ergeben, und sobald sie es tat, wollte er das ganze Maß seiner Macht über sie demonstrieren, indem er sich weigerte, sie zu nehmen.

Der Harem hatte nur zu Zeiten seines Vaters existiert, doch abgesehen vom Garten befand sich alles andere in ausgezeichnetem Zustand. Das Bad war riesig und mit wundervollen Kacheln und Mosaiken geschmückt. Nur eine Wand war vollständig mit Spiegeln verkleidet. Die Decke, in einem dunklen Blau gestrichen, stellte die Konstellationen der Sterne über Arabien in silberner Farbe dar. In der Mitte des Raums gelangte Wasser durch eine vergoldete Meeresschlange in ein in den Boden eingelassenes Badebecken.

Khalid stellte Juliette auf die Füße und drehte am Hahn, um das Wasser fließen zu lassen. „Die erste Pflicht einer Konkubine ist es, sich vorzubereiten“, sagte er.

Sehnsüchtig betrachtete Juliette das Bad. Sie war sich nur allzu bewusst, wie schmutzig sie war. Es schien ihr, sie würde träumen. Der Schiffuntergang, den sie wie durch ein Wunder überlebt hatte, hatte sie von den Bürden befreit, die ihr bisheriges Leben bestimmt hatten. Doch an diesem exotischen Ort und in der Nähe dieses exotischen Mannes erkannte sie jetzt plötzlich, wie leer ihr Leben gewesen war. In der kurzen Zeit als Prinz Khalids Gefangene hatte sie heftiger empfunden als in ihrem ganzen bisherigen Leben. Natürlich wusste sie, dass dieses Zwischenspiel nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatte. Doch in diesem Moment war ihr das gleichgültig.

Hier fühlte sie sich lebendig. Sie fühlte sich befreit. Sie fühlte sich … abgelenkt. Von dem Duft, der ihr in die Nase stieg, als Prinz Khalid dem Badewasser Blütenblätter und Duftöle beifügte. Von dem Prickeln auf ihren Lippen, das sein Kuss ausgelöst hatte. Von der Art, wie Hitze ihren Leib erfasste und all ihre Sinne in Aufruhr versetzte. Und vor allem von dem Mann selbst, der ihr jetzt seine Aufmerksamkeit zuwandte. Er hatte den Umhang und die Waffen abgelegt. Sein Haar war genauso tiefschwarz wie ihres, und ohne die formelle Kleidung sah er so viel jünger aus. Auch sehr viel attraktiver und viel gefährlicher. Jetzt war er nicht mehr länger der unnahbare Prinz, sondern ein Mann.

Bisher hatte Juliette kaum die Frau in sich gesehen, doch weil Khalib es so offensichtlich tat, wurde auch sie sich ihrer Weiblichkeit viel mehr bewusst. Im Vergleich zu seinem geschmeidigen Leib, der einschüchternden Kraft seiner Muskeln, der unbestreitbaren Macht, die er ausstrahlte, kam sie sich verletzlich und weich vor – und ihm völlig ausgeliefert. Jeder Wille schien sie verlassen zu haben. Seltsamerweise war sie tatsächlich bereit, alles zu tun, worum er sie bat, und ließ sich sogar von dem Gedanken erregen.

„Legen Sie Ihre Kleider ab.“

Offenbar war es etwas anderes, sich etwas nur vorzustellen, und etwas ganz anderes, es dann auch wirklich zu tun. Juliette errötete heftig. „Non!“

Ihr Protest nützte nichts. Er war schon dabei, mit den wenigen noch intakt gebliebenen Verschlüssen an ihrem praktischen Baumwollkleid kurzen Prozess zu machen. Die Schulternähte rissen, als er ihr das Mieder über den Kopf zog.

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