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HISTORICAL BAND 327

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Der Mitternachtskuss des Highlanders

PROLOG

Edinburgh, Schottland
April 1807

Und meiner geliebten Enkelin, Katlin Sinclair, hinterlasse ich mein restliches Vermögen, allen voran den Stammsitz unserer Familie Innishffarin.“

Der ganz in Schwarz gekleidete Advokat ließ seinen Blick über die Anwesenden schweifen.

Es waren sechs Personen. Vier von ihnen, zwei Männer und zwei Frauen, hatten dem verstorbenen Isaiah Sinclair zu Lebzeiten treu gedient, wofür er ihnen mit einem kleinen Erbe dankte. Die fünfte Person war eine modisch gekleidete Frau in den besten Jahren, wie man so sagte, und auch die sechste war eine Frau, doch sie war wesentlich jünger als die anderen Anwesenden. Sie mochte knapp in den Zwanzigern sein und wirkte bekümmert.

Sie alle saßen in der Kanzlei in Edinburgh unweit der High Street und in Sichtweite von Holyrood Palace, dem Schloss, das die bedauernswerte schottische Königin Maria Stuart so sehr geliebt hatte. Der Tag war kühl, aber angenehm. Der blaue Himmel vertrieb die düstere Erinnerung an einen langen, kalten Winter.

Der Advokat, Mr. Peebles, räusperte sich und fuhr fort.

„Das Erbe geht in den Besitz von Miss Katlin Sinclair über, sobald sie im ersten Jahr nach meinem Dahinscheiden sechs aufeinanderfolgende Monate auf Innishffarin verbringt. Sollte sie aus welchen Gründen auch immer nicht in der Lage sein, diese Bedingung zu erfüllen, geht der Besitz an Laird Angus Wyndham von Wyndham Manor. Dies ist mein letzter Wille. Unterschrieben am Tag des Herrn, den 7. März 1807.“

Die Dienstboten wechselten vielsagende Blicke. Sie schienen nicht überrascht, doch das hieß nicht, dass sie den Inhalt des Testaments schon lange kannten. Isaiah Sinclair galt zu Lebzeiten als äußerst verschwiegen, doch seine Dienstboten kannten seinen Hang zu unerwarteten und überaus überraschenden Entscheidungen.

Die ältere der beiden Frauen reagierte direkt. „Dort leben“, rief sie, „aber warum? Das ist absurd! Das kommt gar nicht in Frage! Was hat sich mein älterer Bruder nur dabei gedacht?“

„Ich weiß es wirklich nicht, Lady Margaret“, sagte Mr. Peebles demütig. „Mr. Sinclair zog mich für gewöhnlich nicht ins Vertrauen.“

„Natürlich nicht“, erwiderte sie schnippisch. „Wo Sie schon nicht in der Lage waren, ihn von einer solch absurden Idee abzubringen. Wie konnten Sie es nur zulassen?“

„Mr. Sinclair war nicht die Sorte Mann, die sich beraten ließ“, murmelte der Advokat. Er zog ein weißes Batisttaschentuch aus der Tasche seines Fracks und tupfte damit verstohlen über seine Stirn.

Lady Margaret schnaufte. Dies war zwar nicht sehr damenhaft, doch auch nicht wirklich überraschend. Isaiah Sinclair war nicht das einzige Mitglied der Familie Sinclair, das sich exzentrisch benahm.

„Meine Großnichte kann unmöglich auf Innishffarin leben“, fuhr Lady Margaret fort. „Das Anwesen ist einfach zu monströs. Ich habe es vor vierzig, nein, dreißig Jahren verlassen, und das war nicht eine Sekunde zu früh.“ Sie machte mit ihrer Hand eine ausladende Geste in Richtung des Testaments. „Sie werden es ändern müssen.“

„Das kann er nicht, Tante“, erwiderte Miss Katlin Sinclair sanft. Sie hatte während der gesamten Verkündung des Testaments geschwiegen, und nur ab und an zustimmend genickt, als es um die Gaben an die Dienstboten ging. Als schließlich sie an die Reihe kam, zeigte sie eine vorbildliche Zurückhaltung. Sie riss ihre großen braunen Augen einen Tick weiter auf und ihre makellosen Wangen erröteten leicht. Doch abgesehen davon war sie die Ruhe in Person.

Mr. Peebles seufzte erleichtert. Wenigstens benahm sich eine der Sinclair-Damen so, wie es sich gehörte. Er verspürte plötzlich das dringende Bedürfnis, Miss Sinclair vor einer Torheit zu bewahren. Sie war so jung und hübsch und offenbar außerstande zu begreifen, was auf sie zukommen würde. Sie konnte die Bedingungen ihres Großvaters unmöglich erfüllen. Er fürchtete, Lady Margaret hatte recht.

„Ich würde es ändern, wenn ich könnte“, sagte er ritterlich, „doch mir sind die Hände gebunden. Falls es sie tröstet, Miss Sinclair, kann ich Ihnen versichern, dass Lady Margaret in Bezug auf Innishffarin leider recht hat. Um offen zu sein, das Anwesen gleicht einer Ruine, die einer jungen Dame wie Ihnen ganz und gar nicht gerecht wird. Es wäre natürlich höchst bedauerlich, wenn die Familie ihren Stammsitz verliert, andererseits sind Sie vielleicht aber auch froh, wenn sie sich von dieser schweren Bürde befreien. Ich weiß zwar nicht, was Laird Angus damit anfangen will, doch er wird die anstehenden Problemen weitaus besser bewältigen können.“

„Das bezweifele ich nicht“, murmelte Miss Sinclair. Ihre Stimme klang so sanft und weiblich, wie ihr ganzes Erscheinungsbild wirkte. Mr. Peebles war entzückt.

„Wie auch immer“, fügte sie schnell hinzu und erhob sich, „er wird sich darüber keine Gedanken machen müssen. Ich habe vor, Innishffarin zu behalten.“

„Wie bitte?“, rief Lady Margaret ungläubig. „Liebes Kind, bist du verrückt geworden? Du hast doch gehört, was Mr. Peebles gesagt hat. Es ist eine Ruine. Und was willst du damit anfangen? Charles wird dort ganz sicher nicht leben wollen. Wenn ihr erst einmal verheiratet seid, wird er es sofort veräußern. Also warum lässt du nicht gleich die Finger davon?“

Miss Sinclair schien die Worte ihrer Großtante einen Moment lang abzuwägen. Sie neigte ihren Kopf. Ein freundliches Lächeln umspielte ihre Lippen. „Ich weiß es nicht genau“, gab sie schließlich zu. „Vielleicht möchte ich es einfach nicht.“

Lady Margaret stöhnte. „Überreden Sie sie“, befahl sie dem unglücklichen Mr. Peebles. „Hier geht es nicht um eine Landpartie. Innishffarin ist, ach, ich weiß nicht einmal, wo ich anfangen soll. Sprechen Sie mit Ihr, Mr. Peebles.“

Was sollte er sagen? Die hübsche Miss Sinclair hatte es sich in ihren schönen Kopf gesetzt, sich noch nicht vom Nachlass ihres Großvaters zu trennen. Sie war zwar bereit, sich wieder hinzusetzen und Mr. Peebles und Lady Margaret zuzuhören, doch sie ließ sich nicht umstimmen. Als die Damen das Büro eine Stunde später verließen, stand Miss Katlin Sinclairs Entschluss fest. Sie würde nach Innishffarin ziehen.

„Aber ohne mich“, sagte Lady Margaret geradeheraus, als sie in die wartende Kutsche stiegen. „Ich werde dort keinen Fuß mehr hinsetzen, deshalb weiß ich auch nicht, wie du dort hinkommen möchtest.“

Sie setzte sich und ordnete selbstzufrieden die Falten ihres gefütterten Seidenumhangs. Lady Margaret schlug ihrer Nichte nur ungern etwas ab, doch in diesem Fall musste es sein.

„Was auch immer deine Gründe für diese Dummheit sein mögen, so bitte ich dich doch, Sitte und Anstand zu bewahren. Du wirst eine Begleitung für Innishffarin benötigen, und ich stehe nicht zur Verfügung.“

„Es ist wirklich bedauerlich“, entgegnete Katlin aufrichtig. Sie liebte die Gesellschaft ihrer Tante. „Ich werde Sarah mitnehmen.“

Lady Margaret starrte sie ungläubig an. „Sarah? Diese Närrin? Das kann nicht dein Ernst sein.“

„Sie ist ein sehr nettes Mädchen“, erwiderte Katlin sanft. „Sie hat nur ein sehr schweres Leben hinter sich. Deshalb habe ich sie eingestellt.“

„Obwohl ich dir geraten habe, es zu lassen“, gab Lady Margaret schnippisch zurück. Dann schwieg sie. In der Vergangenheit hatte ihre Großnichte bereits mehrfach eine erstaunliche Dickköpfigkeit bewiesen. Katlin war so schön und so ehrbar, dass man ihre anderen Wesenszüge leicht übersah.

Lady Margaret beschloss, ihre Trumpfkarte auszuspielen.

„Charles wird dem niemals zustimmen.“

Ihre Großnichte seufzte leise. „Es wäre wirklich sehr schade, wenn er aufgebracht wäre.“

„Aufgebracht? Liebes, er wird toben. Mach dir nichts vor. Er mag dir ja ergeben sein, doch er wird deinem Vorhaben niemals zustimmen. Und sobald du versuchst, ihn zu beschwatzen, wirst du dein blaues Wunder erleben.“

„Oh, das würde ich nie tun“, sagte Katlin. „Ich würde nicht einmal im Traum daran denken.“

„Dann frage ich mich“, fuhr Lady Margaret fort, „wie du seine Einwilligung erhalten willst.“

„Gar nicht“, antwortete Katlin. Sie lächelte sanft. „Ich benötige sie doch gar nicht, oder? Wir sind nicht Mann und Frau, er kann nicht bestimmen, was ich tue.“

„Und wie willst du dir bei einer solchen Haltung seine Zuneigung sichern?“, fragte Lady Margaret pikiert. „Um Himmels willen, Katlin! Charles Louis Devereux war der beste Fang auf dem Heiratsmarkt. Niemand kann ihm auch nur annähernd das Wasser reichen. Er ist ein Baron mit einem Jahreseinkommen von zwanzigtausend Pfund, dazu attraktiv, charmant und ein vorzüglicher Reiter. Dutzende hoffnungsvolle Mütter haben ihn in den vergangenen zehn Jahren umschwärmt, und doch hat er dich gewählt. Du spielst doch hoffentlich nicht mit dem Gedanken, das alles jetzt wegzuwerfen?“

„Ich möchte einfach nur den Wunsch meines Großvaters erfüllen“, erwiderte Katlin ruhig. „Ich muss einfach darauf hoffen, dass Charles mich versteht.“ Sie ergriff die Hand ihrer Großtante und streichelte sie beruhigend. „Mach dir keine Sorgen. Es wird schon alles gut. Du tust ja gerade so, als ob ich noch nie auf Innishffarin gewesen wäre.“

„Du warst sechs, als du das letzte Mal dort warst“, rief Lady Margaret. Sie schien nicht wahrhaben zu wollen, was ihre Nichte plante. „Du kannst dich sicher nicht mehr daran erinnern, wie es dort war.“

„Das nicht“, gestand Katlin, „aber ich verbinde meinen Aufenthalt dort mit den allerschönsten Gefühlen. Ich kann es dir nicht recht erklären, doch wenn ich an Innishffarin denke, dann denke ich an Shortbread und Heidekraut, an Ausritte und ein hinreißendes Licht in der Dämmerung.“ Katlin lächelte ihre Tante verträumt an.

Lady Margaret verdrehte die Augen. „Denk eher an qualmende Kamine, zugige Flure und Zimmer, an Betten, die Folterwerkzeugen ähneln, und an das vollständige Fehlen warmen Wassers. Und das ist nur der Anfang. Das Anwesen hätte schon vor Jahrzehnten abgerissen werden müssen. Es ist gefährlich, darin zu wohnen, Katlin! Du hast dort nichts zu suchen!“

„Mach dir keine Sorgen um mich“, erwiderte die junge Dame. „Es wird schon gut gehen. Die Wahrheit ist, dass ich eine kleine Pause von London gut gebrauchen kann. Und was Charles betrifft, sagen wir einfach so: Es ist eine gute Gelegenheit, die Beständigkeit seiner Gefühle zu prüfen.“

Lady Margaret schüttelte ungläubig den Kopf.

„Du wirst es keine Woche lang dort aushalten.“

Katlin lachte leise. „Wir werden sehen.“

Als sie sich jedoch später im Hotel Royale, in dem sie sich mit Lady Margaret einquartiert hatte, zum Schlafen fertig machte, verspürte sie einen Anflug von Furcht.

War es wirklich richtig, das Erbe ihres Großvaters anzunehmen und nach Innishffarin zu ziehen? Charles würde sicher außer sich sein vor Wut, da hatte Lady Margaret zweifellos recht. Vielleicht löste er sogar ihre Verbindung. Dann würde sie keinen Baron heiraten, würde nicht wohlhabend werden und nicht das kultivierte, luxuriöse Leben führen, auf das sie ihr ganzes Leben vorbereitet worden war. Diese Vorstellung sollte sie zutiefst beunruhigen, doch sie tat es nicht.

Katlin bürstete sich vor dem Ankleidespiegel das Haar und fragte sich, warum sie diese Aussicht so kalt ließ. Sie mochte Charles, und auch er schien sie gernzuhaben. In seiner Gegenwart war sie so freundlich, damenhaft und süß, wie man es von ihr erwartete. Sie beide ergänzten sich perfekt.

Und dennoch beschlich sie das Gefühl, dass alles nur gespielt war. War sie vielleicht doch nicht so sittsam und ehrenhaft? Sie musste es sein, etwas anderes war einfach undenkbar. Trotzdem trieb sie eine seltsame Unruhe an. Ihre Auflehnung heute gegen den Wunsch ihrer Tante und ein merkwürdiges Unbehagen schienen einen Teil von ihr preiszugeben, den sie bisher noch nicht kannte.

Und dieser Teil wollte nach Innishffarin.

Sie war ganz in Gedanken, als ihre Zofe hereinplatzte.

„Oh Miss!“, rief sie atemlos. „Es tut mir leid, dass ich so spät bin. Ich habe Haarbänder für Sie gekauft, doch auf dem Rückweg muss ich falsch abgezweigt sein. Schließlich bin ich in einem unübersichtlichen Gewirr kleiner Straßen gelandet, die so ganz anders aussahen als in London. Ich weiß wirklich nicht, wie man sich an so einem Ort zurechtfinden soll!“

Während sie sprach, zog sie ihren Mantel aus und warf ihn aufs Bett. Dann strich sich ihre roten Haare zurück und nahm Katlin die Haarbürste ab.

„Das übernehme ich. Sie sehen wirklich wunderschön aus. Ist bei der Testamentseröffnung alles gut gegangen?“

„Ja“, murmelte Katlin. Sarahs Nähe heiterte sie auf. Das kleine, pummelige Mädchen hatte sich aus ärmsten Verhältnissen im East End zum Ladenmädchen hochgearbeitet. Doch dann hatte die Schneiderin Madam Lucille Bankers sie vor Katlins Augen gefeuert. Katlin war darüber so erbost, dass sie Madam Bankers rügte und versicherte, ihre Dienste niemals mehr in Anspruch nehmen zu wollen. Dafür stellte sie Sarah ein. In dem Jahr, das seitdem vergangen war, hatte sie ihre Spontanität nie bereut.

„Sorge dich doch nicht um die Bänder“, sagte Katlin. „Ich komme auch ohne sie gut zurecht.“

„Oh, die Haarbänder habe ich“, versicherte Sarah. „Die habe ich gekauft, nachdem ich mich verirrt hatte. Wenn ich ehrlich bin, war es meine eigene Schuld, dass ich mich verlaufen habe. Ich habe mich überall umgeschaut und nicht auf den Weg geachtet. Aber dann habe ich den Palast gesehen. Er ist wirklich schön, nicht so wie die große dicke Burg auf dem Hügel. Kein Wunder, dass die arme Königin das Schloss lieber mochte.“

„Wenn du meinst“, murmelte Katlin.

„Jedenfalls bin ich froh, wenn ich wieder in London bin.“ Sarah lächelte bei dem Gedanken. „Verstehen Sie mich nicht falsch, Schottland ist schön. Hier kann man bestimmt herrlich jagen, aber es ist nicht wirklich zivilisiert, wissen Sie. Außerdem wartet zu Hause so vieles auf uns. Vielleicht sogar Ihre Verlobung.“ Sie lächelte.

Katlin fühlte sich bei diesen Worten etwas unbehaglich, dennoch sah sie Sarah entschlossen an. „Wir werden nicht sofort nach London zurückkehren.“

Sarah blinzelte überrascht. „Nicht? Wollen Sie vielleicht noch Freunde besuchen?“

„Nicht ganz. Ich habe mich entschlossen, einige Zeit auf dem Familiensitz zu verbringen. Er liegt nordöstlich von Edinburgh an der Küste und heißt Innishffarin. Ich bin sicher, dass wir den Aufenthalt dort genießen werden.“

Sarah öffnete erschrocken den Mund. Sie war drei Jahre älter als ihre Herrin, eine hübsche junge Frau mit grünen Augen und Sommersprossen auf der Nase. Letzteres entsprach zwar nicht der Mode, wirkte in Katlins Augen jedoch anziehend. Während Katlin alles daransetzte, eine richtige Dame zu werden, bestand Sarah einziges Lebensziel darin, zu überleben. Sie platzte regelrecht vor Energie, was gut zu ihrem feuerroten Haar passte, und war ihrer Herrin treu ergeben.

Doch auch diese Treue kannte Grenzen.

„Innishffarin, sagen Sie? Dann gehört es wohl nicht zu einer Stadt?“

„Ich glaube, es gibt dort ein Dorf“, erwiderte Katlin.

„Das klingt, als läge es ein wenig abgelegen?“

„So könnte man es auch bezeichnen, doch das gilt für die meisten Familiensitze in Schottland. Mach dir keine Sorgen“, fügte sie lachend hinzu, als sie Sarahs fassungslosen Gesichtsausdruck sah. „Du wirst es überleben, wenn du der Zivilisation noch ein Weilchen länger fernbleibst. Außerdem wird es dir dort ganz bestimmt gefallen. Der Sommer ist die schönste Jahreszeit hier in Schottland, und er ist nicht mehr weit.“

„Sommer? Aber Miss, wir haben gerade einmal Anfang April, der Sommer ist noch Wochen entfernt. Sie glauben doch nicht, dass wir so lange hier bleiben werden?“

„Sechs Monate, um genau zu sein“, sagte Katlin. Sie stand auf und glättete ihr samtenes Abendkleid. Es war im beliebten Tunika-Stil geschnitten, mit einer hohen Taille direkt unterhalb ihrer Büste. Der Samt war in ihrer Lieblingsfarbe dunkelrosa. Obwohl das Kleid vorn vergleichsweise kurz geschnitten war und nur ellbogenlange Ärmel hatte, war es doch warm genug für diese Jahreszeit.

Während sie sich im Spiegel betrachtete, fiel ihr ein, dass es eines von Charles’ Lieblingskleidern war. Sie lupfte die Augenbrauen, als sie an den Brief dachte, den sie ihm schreiben musste.

„Sechs Monate?“, wiederholte Sarah und unterbrach Katlins Gedanken. Sie starrte ihre Herrin ungläubig an. „Das ist nicht Ihr Ernst, oder? Ich meine, sechs Monate hier? Das kann nicht wahr sein.“

„Ich bedauere, aber es muss sein“, sagte Katlin freundlich. „Ich habe keine andere Wahl, wenn ich mein Erbe annehmen will.“

Sarah riss ihren Mund noch weiter auf. „Verflixt und zugenäht! Da bin ich platt. Das klingt ja wie in einem französischen Roman.“

Katlin lachte. „So schlimm wird es schon nicht werden. Du wirst sehen, wir werden Spaß haben.“

„Aber Miss, was ist mit seiner Lordschaft? Was wird er dazu sagen?“

„Ich weiß es nicht“, gestand Katlin. „Ich fürchte, wir müssen abwarten, wie er es aufnehmen wird. Doch in der Zwischenzeit solltest du mit Packen beginnen. Wir fahren so bald wie möglich nach Innishffarin.“

Drei Tage später waren sie auf dem Weg.

1. KAPITEL

Sarah streckte den Kopf aus dem Fenster der Kutsche und starrte verwirrt auf den dunklen Steinquader, der sich wenige Meilen von ihnen entfernt auftürmte. „Wir müssen uns verfahren haben, da bin ich mir ganz sicher.“

Katlin rückte zu ihr heran und blickte ebenfalls aus dem Fenster. Sie waren nun schon seit eineinhalb Tagen unterwegs und am frühen Morgen von dem Gasthaus aufgebrochen, in dem sie übernachtet hatten.

Gleich nach ihrer Abreise hatte es zu regnen begonnen, doch nun klarte der Himmel auf. Die Sonne schien hell über die sanften Hügel und glitzerte in den Wellen des nahegelegenen Meeres.

Vor allem aber schien die Sonne auf Innishffarin. Der Familiensitz der Sinclairs thronte auf einem Hügel und präsentierte sich so in seiner ganzen Pracht, doch gerade das bestürzte Katlin.

Wie konnte es sein, dass sie sich nicht mehr an diesen mächtigen Anblick erinnerte? Sie sah das verdorrte Heidekraut am Wegesrand, und auch die Ponys waren noch da, und ganz sicher gab es in der einen oder anderen Küche noch das leckere Shortbread.

Doch dieser mächtige Steinhaufen vor ihr war ganz anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Er war weder ein Gutshaus noch ein Landsitz, ja nicht einmal ein Haus. Innishffarin stand wie ein Bollwerk in der Landschaft, es war eine zweckmäßig gebaute, scheinbar uneinnehmbare Festung, von der keine Zugeständnisse an die moderne Welt zu erwarten waren. Der Himmel möge ihr helfen! Wohin waren sie nur geraten?

„Mach dir keine Gedanken, Sarah“, sagte sie. „Ich bin sicher, dass es weitaus bequemer sein wird, als es wirkt.“ Doch tief in ihrem Inneren bezweifelte sie es.

Die Kutsche folgte rumpelnd der unebenen Straße, die sich immer höher hinauf zur Festung wandt. Katlin genoss den einzigartigen Ausblick über die sanften Täler und das weite Meer.

Sarah hingegen schloss stöhnend die Augen. Ihr machte die Höhe zu schaffen, während Katlin alles um sich herum in sich aufsog. Ihre Zuversicht kehrte zurück.

Die Kutsche hielt vor dem Haupteingang, und der Kutscher stieg von seinem Bock, um den beiden Frauen beim Aussteigen zu helfen. Er war ein Bediensteter von Lady Margaret und hatte den Auftrag, Katlin und Sarah sicher nach Innishffarin zu bringen. Jetzt, wo er diesen Auftrag ihn erledigt hatte, wurde er anderswo gebraucht.

„Ich habe genau den Weg genommen, den Sie mir genannt haben, Miss“, sagte er, als er Katlin aus der Kutsche half. „Dies muss Innishffarin sein, hier gibt es sonst nichts anderes. Aber Sie denken sicher nicht daran“, Katlin fiel ihm ins Wort.

„Das haben Sie großartig gemacht, John. Wir werden schon jemanden finden, der uns weiterhelfen kann.“

Sie ging mit festen Schritten auf die beeindruckenden Türen zu. Die Türen bestanden aus massiver Eiche, wurden von dicken Eisenbändern gehalten und überragten Katlin um mehr als das Doppelte. Katlin klopfte. Doch durch die Dicke des Holzes war nichts zu hören. Katlins Hand schmerzte.

„Es muss eine Glocke geben“, sagte sie und hielt nach einem Klingelzug Ausschau. Doch da war keiner.

„Also gut“, raunte John. „Ich werde mich umsehen. Es gehört sich nicht, dass sich niemand um Sie kümmert.“

Er ballte die Faust und schlug kräftig gegen eine der Türen. Sie öffnete sich einen Spalt.

„Das ist ganz und gar nicht so, wie es sein sollte“, sagte Sarah verschnupft. Sie rieb sich den Po, der sich nach der langen Fahrt ziemlich taub und wund anfühlte.

„Hier wird schon jemand sein“, sagte Katlin zuversichtlich. Sie drückte die Tür ein bisschen weiter auf, um einzutreten, doch sie stoppte sofort wieder.

Vor ihr erstreckte sich eine riesige Halle aus grauem Stein mit einer grob behauenen Decke. Die Halle war mindestens zwanzig Meter hoch und konnte Lady Margarets Londoner Ballsaal sicher leicht zweimal in sich aufnehmen. In diesem riesigen Raum nur standen nur ein gutes Dutzend sehr großer, sehr alter Möbel, wie ein enormer Tisch mit zwei thronähnliche Stühle, sonst war die Halle leer. Katlins Schritte hallten auf dem gefliesten Boden.

„Hallo!“, rief sie. „Ist jemand da?“

Das Echo ihrer Stimme verhallte.

„Skandalös“, schimpfte John. Er wischte ein Spinnennetz weg und schob einen Haufen unbestimmbaren Gerümpels beiseite. „Das hier spricht nicht gerade für die Diener, wer immer sie auch sein mögen.“

„Ich habe einige von ihnen bei der Testamentseröffnung getroffen“, sagte Katlin. „Sie schienen mir gute Leute zu sein.“

„Das mag sein, aber jetzt sind sie nicht hier“, antwortete der Kutscher. „Ich sehe einmal unten nach, doch ich fürchte, wir werden hier auf uns allein gestellt sein.“

„Oh nein“, stöhnte Sarah erschöpft. „Was für ein trauriger Empfang nach so einer langen Anreise. Das ist bestimmt ein Zeichen. Wir hätten nicht herkommen sollen.“

„Sei still“, sagte Katlin. „Wir werden schon zurechtkommen. Ich werde nach unten gehen. John. Sehen Sie lieber nach dem Gepäck. Sarah, du siehst dich nach passenden Schlafzimmern um.“ Als das Mädchen zögerte, stupste Katlin sie an. „Na komm, sei ein gutes Kind. Es gibt keinen Grund, zu hadern.“

Obwohl Katlins Worte Sarah nicht überzeugten, machte sich die Zofe auf den Weg. Katlin seufzte und suchte die Küchenräume. Sie fand sie am Fuße einer Treppenflucht, die von der Halle abging. Die Küchen schienen einen großen Teil des Untergeschosses auszumachen und waren so in den Hang gebaut, dass die Fenster Licht und Luft hineinließen.

Die Hauptküche war ganz anders als alle Kochräumen, die Katlin bisher gesehen hatte. Sie war so groß, dass man in ihr gut und gerne Vieh hätte schlachten können, doch dafür war sie andererseits wieder zu niedrig.

Die Mitte des Raumes nahm ein arg ramponierter Tisch ein, über dem an einem seltsamen Gestell ebenso scharfe wie tödliche Messer, Äxte, Hacken und Beile baumelten.

An einer Seite standen verschiedene Eimer neben einem großen Wasserbecken, denn offenbar gab es hier auf Innishffarin noch keine Wasserpumpe. Von der Küche gingen verschiedene kleine Kammern ab, in einer fand Katlin Räucherfleisch, einen Korb mit Kartoffeln sowie in einem kühlen, im Steinboden eingelassenen Fach einen Behälter mit Butter.

Wenigstens werden wir nicht verhungern, dachte sie, während sie zur Hintertür ging, um sich dort umzusehen. Draußen hatte jemand einen Kräutergarten angelegt. Die Pflanzen begannen bereits zu sprießen. Was Katlin jedoch besonders fesselte, war der Ausblick.

Von hier aus konnte sie sich einen besseren Überblick über Innishffarin verschaffen. Die Festung befand sich nicht auf der Spitze des Hügels, sondern stand mit der Rückseite zu einem Abhang, der tief in eine Felsenschlucht auslief. Rechts lag das Meer, links eine steile Böschung.

Es gab nur den einen Weg hier herauf, und zwar den, den sie gekommen waren. Drohte Gefahr, konnte er sofort gesperrt werden. Dies mochte im dreizehnten Jahrhundert, als die Burg errichtet worden war, durchaus sinnvoll gewesen sein, im Jahre 1807 aber war es nicht mehr zeitgemäß. Kein Wunder, dass Lady Margaret Katlins Entscheidung nicht unterstützte.

Dennoch blieb Katlin nichts anderes übrig, als jetzt das Beste aus dieser Situation zu machen. Solange es hier Lebensmittel gab, war die Burg jedenfalls nicht verlassen. Sehr wahrscheinlich würden die Dienstboten bald kommen.

Katlin würde sich ihnen vorstellen und ihre Erwartungen an sie freundlich aber bestimmt vorbringen. Sicher brauchten sie einige Zeit, um sich an die neue Situation zu gewöhnen, doch schon bald würde sich alles eingespielt haben.

Immerhin war Katlin dazu erzogen worden, einem großen Haus vorzustehen. Innishffarin war fraglos eine große Herausforderung, doch Katlin würde sie annehmen und meistern.

Das Leben hier versprach auf jeden Fall abwechslungsreicher zu sein als in London, wo ihre Tage mit ewigen Besuchen und dem Warten darauf erfüllt waren, dass sich Charles endlich erklärte und ihr restliches Leben begann. Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr freute sie sich, dass sie …

„Ach je!“

Der erschrockene Schrei unterbrach Katlins Gedanken. Sie drehte sich um, raffte ihre Röcke zusammen und lief schnell ins Haus zurück. Auf dem Treppenabsatz in der Halle fand sie Sarah, weiß wie ein Laken und den Tränen nahe.

„Oh Miss, Gott sei Dank, ich habe Sie gefunden! Es ist etwas Schreckliches passiert! Wir müssen sofort von hier weg!“

Während sie sprach, drückte Sarah die Hand ihrer Herrin und begann, sie in Richtung Tür zu ziehen. Katlin stemmte sich ihr entgegen und erwiderte scharf: „Hör sofort auf damit! Nimm dich zusammen und erzähle mir, was vorgefallen ist.“

Erschrocken blieb Sarah stehen. Der bestimmte Ton ihrer Herrin war für sie ungewohnt. Sie japste nach Luft. „Es war schrecklich! Hier ist ein grausiges kaltes Ding, das uns um unseren Schlaf bringen wird! Wir müssen sofort hier weg!“

Ohne darauf zu warten, wer oder was ihr folgen würde, rannte Sarah zur Tür. Sie prallte mit John zusammen, der gerade schwer beladen hereinkam. John hatte niemanden gefunden, der ihm tragen half.

Durch den Zusammenprall rutschten John die Taschen und Koffer vom Kopf und aus den Armen und purzelten durch den Raum. Eine kleine Kiste traf John dabei am Kopf, er taumelte gegen die Wand und rutschte zu Boden. Auch Sarah landete jammernd auf dem Allerwertesten.

„Nun“, sagte Katlin und besah sich den Schaden. „Wir haben genug zu tun.“

Knapp eine Stunde später hatte Katlin John mit einem kalten feuchten Lappen auf dem Kopf und der Anweisung, sich für den Rest des Tages nicht mehr zu bewegen, in einem Zimmer im zweiten Stock untergebracht. Dazu setzte sie all ihre Kraft und Überredungskunst ein.

Sarah stand unten in der Küche unweit der Hintertür, um für jede plötzliche Flucht gewappnet zu sein. Sie hatte aus den Wasservorräten in der Kutsche und von Kräutern aus dem Garten einen Tee gebrüht und hielt nun einen Becher davon in der Hand. Ihre Wangen waren wieder rosig. „Es tut mir leid, Miss“, murmelte sie kleinlaut, als Katlin zu ihr in die Küche kam. Katlin hatte die Koffer, Truhen und Taschen allein von der Halle in den Flur im ersten Stock geschleppt. Obwohl sie die Truhen zumeist leer geräumt und erst dann die Stufen hinaufgezerrt hatte, war sie nun völlig erschöpft und außer Atem. Warum hatte sie nur so viel Gepäck dabei? Es war unpassend.

Nun, da das Werk vollbracht war, war Katlin aber auch stolz und zufrieden, dass sie die Dinge angepackt hatte. Hoffentlich konnte sie das Schiff weiter so ruhig steuern, bis sich das Problem mit der Dienerschaft löste.

„Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist“, versuchte Sarah zu erklären. „In einem Moment habe ich noch ganz fröhlich nach einem Schlafzimmer für Sie gesucht, und plötzlich war ich zu Tode erschrocken.“

„Mach dir nichts daraus“, sagte Katlin und nahm sich einen Becher Tee. „Es war bestimmt nur ein eiskalter Luftzug, der dich gestreift und beunruhigt hat. Damit musst du in so alten Häusern rechnen.“

Sarah schlang zitternd die Arme um ihre Taille. „Ich habe schon in vielen alten Häusern gewohnt, Miss, oder, um die Wahrheit zu sagen, ich habe in nichts anderem gewohnt, bis ich Sie getroffen habe, doch das hier ist etwas ganz anderes.“

„Innishffarin ist wirklich sehr alt“, sagte Katlin gut gelaunt. Sie wischte sich einen Schmutzfleck von der Nase und sah sich um. Als Nächstes würden sie etwas zu Essen benötigen. Vielleicht konnte sie Sarah dazu bringen, sich darum zu kümmern.

„In der Vorratskammer habe ich Kartoffeln und Räucherfleisch entdeckt“, sagte sie. „Wenn du sie zubereiten würdest, hätten wir ein leichtes Abendessen. Anschließend sollten wir früh schlafen gehen.“

„Ich werde tun, was ich kann“, seufzte Sarah zweifelnd. Sie sah sich um. „Aber hier scheint es kein Wasser zu geben, und Sie müssen mir helfen, den Herd zu finden.“

„Es gibt keinen Herd“, erwiderte Katlin. „Wir müssen uns vorerst mit dem Kamin behelfen.“ Sie zeigte auf eine große schwarze Öffnung am anderen Ende des Raumes. „Ich habe draußen im Garten eine Quelle gesehen. Dort finden wir Wasser. Komm mit, ich zeige es dir.“

Zusammen schafften sie ein halbes Dutzend Eimer mit Wasser in die Küche. Als das erledigt war, begann Sarah, Feuer zu machen.

Katlin suchte und fand schließlich einen eisernen Kessel. Gemeinsam mit Sarah hievte sie ihn auf einen Haken über dem Feuer.

„Herr im Himmel“, sagte das Mädchen, „wir könnten ebenso gut bei irgendwelchen Wilden am anderen Ende der Welt hausen.“

Katlin gab Sarah insgeheim recht, schwieg aber, um ihr keinen weiteren Grund zur Klage zu geben. „Wir schaffen das schon! So, und nun schaust du nach dem Essen, und ich schaue nach John“, sagte sie augenzwinkernd

Katlin fand John schlafend in seinem Zimmer. Es war sicher das Beste nach der langen, anstrengenden Reise. Glücklicherweise hatte er die Pferde bereits abgeschirrt und in den Stall gebracht, bevor er begann, das Gepäck ins Haus zu tragen.

Katlin ließ ihn schlafen und ging den Flur entlang zur Treppe, die zum höchsten Turm hinaufführte. Sie stieg die Stufen hinauf und landete in einem großen runden Turmzimmer, dessen Fenster sich nach allen Seiten öffneten.

Zögernd sah sie sich in dem riesigen Zimmer um. Waren alle Räume hier auf Innishffarin so groß? Sie inspizierte die zerschlissenen Decken auf dem Bett, die nackten Steinwände und den abgetretenen, staubigen Teppich mit dem Drachenmuster.

Wäre sie nicht so müde, würde sie sich jetzt sicher weiter umsehen, um ein passenderes Zimmer für sich zu finden. Doch mit ihrer Kraft schwand auch ihre Hoffnung.

Seufzend ging sie zurück auf den Flur, um ihre halb leere Reisetruhe die Treppen zum Turm hinaufzuzerren. Dann strich sie die Hände in ihrem Reisekleid ab und ging zurück in die Küche. Sie musste später unbedingt einen Eimer Wasser mit hinauf aufs Zimmer nehmen.

Auch Sarah durfte den Eimer Wasser nicht vergessen. Katlin hatte für sie ein behaglicheres, freundlicheres Zimmer unterhalb des Turmes entdeckt. Offenbar lebten die Diener auf Innishffarin sehr viel bequemer als ihre Herrschaft.

Die Kartoffeln kochten über dem Feuer, als Katlin die Küche betrat. Zudem war es Sarah gelungen, das Räucherfleisch zu zerkleinern. Obwohl Sarah sich sträubte, aßen die Frauen am selben Tisch. Katlin hatte darauf bestanden, unter den gegebenen Umständen auf die Etikette zu verzichten.

Sie spülten das Geschirr, solange es noch hell genug war. „Morgen“, sagte Katlin, „gehen wir ins Dorf, um Besorgungen zu machen. Sollten die Diener bis dahin nicht zurückgekehrt sein, werde ich nach neuen Angestellte suchen. In der Zwischenzeit sollten wir uns ausruhen. Es war ein sehr anstrengender Tag.“

Sie nahmen Kerzen aus dem Vorratsraum und gingen mit ihnen nach oben. Sarah hatte sich so weit erholt, dass sie Katlin beim Auskleiden helfen konnte. Als sie ihr das Batistnachthemd über den Kopf streifte, gähnte sie.

„Geh zu Bett“, sagte Katlin.

„Gott weiß, dass ich kein Auge zumachen werde.“ Das Mädchen verdrehte die Augen.

„Versuch es wenigstens“, sagte Katlin sanft, „und denk daran, dass dies ein sehr altes Haus ist. Für alles, was du spürst oder hörst, gibt es eine ganz logische Erklärung.“

„Glauben Sie das wirklich, Miss?“

„Natürlich. Ich bin eine Sinclair, ich muss es wissen. Und nun geh!“

Sarah sah Katlin dankbar an und hastete davon. Kurz darauf hörte Katlin, wie jemand unter ihr eine Tür energisch ins Schloss zog

Katlin kletterte in das große Bett und stopfte sich ein paar Kissen in den Rücken. Sie hatte sich in weiser Voraussicht ein Buch mitgenommen, doch jetzt war sie zu müde zum Lesen. Stattdessen lag sie auf dem Bett, betrachtete den Dachstuhl mit seinen schön geschnitzten Sparren und versuchte sich an das zu erinnern, was sie über Innishffarin wusste.

Sie war nur einmal in ihrem Leben hier gewesen, und das auch nur sehr kurz. Damals war sie sechs Jahre alt und ihre Eltern reisten im Sommer einige Wochen durch Irland. Sie wollten ihre Tochter alsbald schon wieder in Edinburgh in die Arme schließen. Dort war Katlins Vater gerade dabei, sich als vielversprechender Architekt einen Namen zu machen.

Doch ein plötzlicher Sturm auf der Irischen See zerstörte all ihre Pläne. Allister Sinclair und seine schöne junge Frau Megan ertranken, ihre Tochter Katlin wurde zur Waise.

Katlin versuchte, nicht mehr an den schrecklichen Schmerz zu denken, den sie damals lange Zeit verspürte, und der auch heute noch ihr Herz sehr oft berührte. Einen Monat nach dem Tod ihrer Eltern kam Katlin in die Obhut von Margaret Sinclair.

Die resolute Dame war sofort nach Innishffarin geeilt, nachdem sie die schreckliche Nachricht erhalten hatte. Sie überzeugte ihren Bruder, dass Innishffarin vollkommen ungeeignet sei für eine standesgemäße Erziehung und Ausbildung eines Kindes.

Isaiah konnte Lady Margarets Argumenten wenig entgegensetzen. Lady Margaret hatte ihre Zeit in London genutzt und einen wohlhabenden Minenbesitzer aus den Midlands geheiratet, dem vom König aus Dank für seine herausragenden Dienste zuvor ein Adelstitel verliehen worden war.

Lady Margaret verfügte über Geld, einen Titel und einen Ehemann, der sie nahezu vergötterte. Da sie kinderlos geblieben war, nahm sie sich Katlin an und erwies sich ihr gegenüber als äußerst großzügig.

Sie erzog Katlin zu dem, was ihr selbst früher verweigert war: zu einer hochanständigen, wohlerzogenen und angesehenen jungen Dame. Die Entwicklung war für alle Beteiligten bis zu Isaiahs Testamentseröffnung äußerst zufriedenstellend gewesen.

Und jetzt bin ich hier, dachte Katlin, während sie an die Decke starrte. Sie befand sich in einem groben Steinklotz mit Blick auf das Meer und mit einem Körper, in dem jede Faser von der ungewohnten Arbeit der vergangenen Stunden schmerzte.

Sie sollte wütend sein oder sich wenigstens entmutigt fühlen, doch stattdessen verspürte sie ein ungeahntes Glücksgefühl. Ihr war, als wäre sie endlich zu Hause angekommen. Und dieses Gefühl konnte sie sich nicht erklären.

„Sehr befremdlich“, murmelte sie, bevor ihr die Augen zufielen. Durch die hohen Fenster blies ein Windstoß zu ihr herein, der nach Meer und Heidekraut duftete.

Katlin lächelte im Schlaf. Sie drehte sich herum, kuschelte sich in die Decken und hörte schon nicht mehr den Schrei der Eule, die um den Turm kreiste.

2. Kapitel

Was meinst du damit, dass eine Dame auf Innishffarin weilt?“, fragte Laird Angus Wyndham ungläubig.

„Eine junge Dame, Sir“, korrigierte der Stallknecht. Er hatte eine Schwäche für Kleinigkeiten. „Sie ist gestern angekommen. Man hat ihre Kutsche auf der Straße zur Burg gesehen. Da die Kutsche nicht zurückgekommen ist, muss sie also noch da sein.“

„Das muss Isaiahs Enkelin sein“, murmelte der Laird. „Sie ist viel früher dran, als erwartet.“

„Wohl wahr, Sir. Maggie Fergus ist immer noch bei ihrer Schwester. Und Seamus besucht seinen Cousin in Moraine Bay. Die anderen sind auch noch nicht wieder zurück. Niemand hat schon in dieser Woche mit dem Besuch gerechnet.“

„Wenn überhaupt“, sagte Angus. Er stand auf dem Hof von Wyndham Manor und hielt die Zügel eines großen grauen Pferdes, mit dem er ausreiten wollte.

Der Laird war hoch gewachsen und hatte die Statur eines Kriegers. Er trug ein einfaches weißes Hemd, Reithosen und seine alten Lieblingsstiefel. Sein schwarzes Haar war dick und ungebändigt. In seinem Gesicht stoppelten Barthaare bis hin zu den ausgeprägten Wangenknochen. Und unter den Brauen blitzten strahlend blaue Augen. Angus verzog seinen Mund zu einem leichten Lächeln.

„Ich frage mich, wie die junge Dame wohl ohne Diener zurechtkommen mag.“

„Schlecht, vermute ich mal“, antwortete der Stallknecht. Er sah seinen Herrn aufmerksam an. „Ich bitte um Verzeihung, Sir, aber es heißt, dass Ihr den Besitz erben werdet, sollte Miss Sinclair auf Innishffarin scheitern. Ist da etwas dran?“

Das Lächeln des Lords wurde breiter. „Isaiah Sinclair war ein erfinderischer alter Teufel. Er wusste nur zu gut, dass mir Innishffarin zusteht, doch zu seinen Lebzeiten wollte er es mir nie geben. Immerhin hat er seinen Fehler mit seinem Testament beinahe wieder gut gemacht.“

Er setzte einen Fuß in den Steigbügel und stieg mit einer einzigen fließenden Bewegung auf. Vom Rücken des Pferdes aus fügte er hinzu: „Lass Maggie Fergus ausrichten, dass sie auf Innishffarin gebraucht wird.“

Padraic fuhr sich mit der Hand durch das sandfarbene Haar und sah seinen Herrn zweifelnd an. „Sie wird nicht besonders wild darauf sein, zurückzukehren, Sir. Ihr wäre es lieber, wenn Sie den Besitz übernehmen würden.“

Angus nahm die Zügel und wandte das Pferd in Richtung der hohen eisernen Tore. „Aber Innishffarin gehört mir nicht. Noch nicht. Ich erwarte von ihnen, dass sie ihre Pflicht erfüllen. Sorge dafür, dass sie das verstehen.“

„Aye, Sir!“ Padraic trat einen Schritt beiseite, als sein Herr mit dem Pferd nach vorn trabte.

Als Angus die Mauern des Gutshauses hinter sich gelassen hatte, gab er dem Hengst die Sporen. Sie rasten über das Hügelland. Es war ein herrlicher Frühlingstag, an dem sich die ersten Vorboten des Sommers zeigten. Der Winter war vorbei, das Leben kehrte ins Land zurück und Angus Wyndham, dem der Grund hier gehörte, lachte laut vor Freude.

Gott, war es schön, am Leben zu sein! Es gab nichts Schöneres, als an so einem Tag über das eigene Land zu reiten. Es war all die Verantwortung wert, die damit verbunden war. Von Geburt an waren ihm Menschen anvertraut, und er musste für sie Verantwortung übernehmen. Er hatte nie darüber nachgedacht und es schon gar nicht bereut, doch es gab Zeiten, in denen er gern all jenen Vergnügungen nachgegangen wäre, die für andere Männer selbstverständlich waren.

So etwas gab es im Leben von Angus Wyndham nicht. Er war der Chef eines Clans und Oberhaupt einer Sippe von Tausenden Männern und Frauen, die auf seine Weitsicht und sein geschäftliches Geschick vertrauten. Sein Leben bestand aus Arbeit, Dienst und der vorsichtigen Ausübung von Macht zum Nutzen anderer.

Seit vielen Jahrhunderten hatten Männer seines Geschlechts über dieses Land geherrscht. Andere Clans waren untergegangen, die Wyndhams aber hatten überlebt. Solange es in Angus Wyndhams Hand lag, würde es auch so bleiben.

Innishffarin. Er presste die Lippen zusammen, als er an die steinerne Festung auf dem Hügel dachte und an das Land, das sie umgab. Das Land gehörte den Wyndhams ebenso wie der Bergfried. Die Sinclairs hatten es ihnen vor mehr als einhundert Jahren wegen irgendeines angeblichen Verstoßes gegen Gesetze der englischen Krone weggenommen. Sie sollten dafür in der Hölle schmoren.

Innishffarin gehörte ihm und Isaiah Sinclair hatte es zuletzt sogar beinahe anerkannt. All dieses Getue um seine Enkelin, die hier leben sollte. Diese Göre gehörte in die Londoner Salons und nicht hierher. Erstaunlich, dass sie es überhaupt eine Nacht dort oben in dem feuchten Steinhaufen ausgehalten hatte. Der Bergfried bestand doch nur aus kaltem Stein, Staub und Erinnerungen.

Falls sie überhaupt noch da war. Angus wurde neugierig. Er zügelte den Grauen und schaute nach Innishffarin hinüber. Wie war sie wohl die Nacht über ganz ohne Diener zurechtgekommen? Er schaute zum Himmel hinauf, um abzuschätzen wie spät es war.

Er hatte heute viele Verpflichtungen, doch es war noch früh. Er konnte ein paar Minuten erübrigen und sich ein Bild von der Lage machen. Er trieb den Grauen zu einem starken Trab an, der ihn rasch bis vor die Burgtore bringen würde.

„Was soll das heißen, die Pferde sind weg?“, fragte Katlin.

„Es tut mir sehr leid, Miss“, entgegnete John. „Ich dachte, ich hätte sie gestern im Stall fest angebunden, aber ich habe übersehen, dass die Riegel verrostet sind. Die Tiere müssen sich losgerissen haben und nach draußen gelaufen sein. Sie werden gewiss in der Nähe grasen“, fügte er schnell noch hinzu. „Wir müssen sie nur finden.“

„Das kann Tage dauern“, seufzte Katlin. Sie war nicht verärgert, sondern eher erstaunt, dass ihnen so etwas passiert war, bis sie die Folgen erkannte. „Bis dahin können wir nur zu Fuß ins Dorf.“

John ließ den Kopf hängen. „Ich kann alleine dort hingehen, um Hilfe zu holen, wenn Sie es wünschen, Miss. Es liegt an Ihnen.“

Er hatte recht. Sie hatte John und Sarah hierher gebracht und es war ihre Aufgabe, für sie zu sorgen. Sie zweifelte plötzlich an der Richtigkeit ihrer Entscheidung. Vielleicht hatte sie einen furchtbaren Fehler gemacht.

Innishffarin war zwar von wilder Schönheit, es war aber auch ein sehr rauer Ort, an dem das Überleben an einem seidenen Faden hängen konnte. Sie hatten nur noch wenige Vorräte, noch weniger Brennholz, und das einzige Wasser kam aus einer Quelle. Selbst ihr Vorrat an Kerzen war sehr begrenzt. Katlin hatte sich ihre Heimkehr ganz und gar anders vorgestellt.

Doch wenn sie jetzt aufgab, würde sie keine zweite Chance mehr bekommen. Dann wäre Innishffarin für sie für immer verloren.

„Ich gehe ins Dorf“, sagte sie und hob die Hand, um Johns etwaigen Einwänden zuvorzukommen. „Und du suchst die Pferde.“

„Nehmen Sie wenigstens Sarah mit, Miss. Es schickt sich nicht für eine Dame, alleine irgendwo hinzugehen.“

„Sarah hat alle Hände voll zu tun, um uns aus den wenigen Vorräten, die wir noch haben, einen anständigen Eintopf zuzubereiten. Wenn du nicht auf dein Abendessen verzichten willst, lässt du mich alleine gehen.“

John stimmte ihr nur zögernd zu. Er ging los, um die Pferde zu suchen, während Katlin ins Haus ging, um Hut und Umhang zu holen. Kurz darauf war sie auf dem Weg zum Dorf.

Nach ihrer Einschätzung lag es etwa vier Meilen von hier entfernt. Sie war noch nie so weit gelaufen, doch davon ließ sie sich nicht einschüchtern. Schließlich musste sie nur einen Fuß vor den anderen setzen. Es war ein herrlicher Tag. Die Sonne schien warm von einem azurblauen Himmel und vom Meer wehte eine leichte Brise herüber.

Sie sollte dankbar sein, dass ihr der Gang ins Dorf erlaubte, draußen zu sein. Die Umgebung hier erschien ihr weitaus beglückender als ihre faden Spaziergänge im Londoner Hyde Park, an die sie gewöhnt war. Zufrieden lächelnd ging sie die Straße entlang. An ihrer Hand baumelte ein Pompadour.

Doch schon bald begannen ihre Schuhe zu zwicken und ihr Mieder, das sie noch nie zuvor geplagt hatte, schien ihr recht eng zu sitzen.

Katlin seufzte. Vielleicht hatte sie sich ja bei der Entfernung verschätzt, und das Dorf lag gar nicht so weit entfernt von ihr, wie sie gedacht hatte. Sie musste nur weitergehen, dann würde sie es schon bald erreichen.

Doch die Zeit verging, und das Dorf schien noch ebenso weit entfernt wie zuvor. Der kühle Wind ließ nach, die Sonne stieg höher und höher und mit ihr kam eine erdrückende Hitze. Katlin stöhnte, doch selbst als sie einige Knöpfe ihres Umhangs öffnete, fühlte sie sich nicht besser.

Schließlich blieb sie stehen. Ihre Füße fühlten sich wund an, ihre Kehle war trocken und ihr Kopf pochte unter dem hübschen Hut. Sie setzte sich auf eine niedrige Steinmauer und überlegte, was sie tun sollte.

Sie hatte keine andere Wahl, sie musste weitergehen, doch wie? Als sie einen ihrer Stiefel auszuziehen versuchte, schrie sie vor Schmerz laut auf. Ein kleiner Bachlauf fiel ihr ins Auge. Sie humpelte zu ihm herüber und beugte sich nieder, um daraus zu trinken.

Nachdem sie ihren Durst gelöscht hatte, fühlte sie sich schon besser. Sie schalt sich selbst einen Einfaltspinsel. Mit zusammengebissenen Zähnen zog sie erst den einen und dann den anderen Stiefel aus. Tränen stiegen in ihre Augen. Ihre dünnen Strümpfe aus Musselin waren an den Fersen blutig.

Rasch zog Katlin die Strümpfe aus und steckte ihre Füße in das kühle Quellwasser. Der Schmerz verschwand sofort und Katlin seufzte erleichtert.

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