Logo weiterlesen.de
HISTORICAL BAND 303

MICHELLE WILLINGHAM

Schicksalsnächte in den Highlands

Nichts ist mehr, wie es war. Sieben Jahre in englischer Gefangenschaft haben Bram MacKinlochs Seele beinahe gebrochen. Allein die Erinnerung an seine Frau Nairna konnte den jungen Highlander davor bewahren, vollkommen den Verstand zu verlieren. Jetzt hat er seine Freiheit wieder – aber kann er auch seine Frau zurückgewinnen?

LUCY ASHFORD

Die Liebeskünste des Comte

Nur zu gern lässt sich der Künstler Jacques von der entzückenden Palast-Angestellten Sophie dazu überreden, alle Porträts von Napoleons geschiedener Frau Joséphine zu übermalen. Schließlich soll die bevorstehende zweite Hochzeit des Kaisers nicht durch unschöne Erinnerungen getrübt werden. Seine diskrete Hilfe hat allerdings ihren Preis – für jede Arbeitsstunde im Louvre verlangt der Charmeur einen Kuss von Sophie ...

IMAGE

Schicksalsnächte in den Highlands

1. KAPITEL

Ballaloch, Schottland 1305

Bram MacKinloch konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal etwas gegessen oder getrunken hatte. Er spürte nur noch Benommenheit, und alles, was er tun konnte, war einfach weiterzulaufen. Jahrelang hatte man ihn in der Dunkelheit gefangen gehalten. Er wusste nicht mehr, wie es war, die Sonne auf der Haut zu spüren. Sie blendete und zwang ihn, den Blick gesenkt zu halten.

Großer Gott, er wusste noch nicht einmal mehr, wie lange er schon auf der Flucht war oder wie viel englische Soldaten ihn verfolgten. Und wo sie sich im Augenblick befanden. Er mied die Täler und suchte sich einen Weg über die bewaldeten Hügel, wo ihn die Bäume vor den Blicken seiner Verfolger schützten.

Um seine Spur vor den Hunden zu verschleiern, hatte er einen Fluss durchschwommen und triefte jetzt vor Nässe.

Waren da überhaupt Hunde gewesen? In seinem Kopf verwirrte sich alles, und er konnte die Wirklichkeit nicht mehr von seinen Albträumen unterscheiden.

Lauf weiter, befahl er sich. Du darfst nicht stehen bleiben!

Als er den Kamm des Hügels erreichte, stolperte er und fiel. Bevor er wieder aufstand, lauschte er, ob seine Verfolger zu hören waren.

Nichts. Stille lag über den Highlands, nur unterbrochen von Vogel­gezwitscher und dem Summen der Insekten. Er stützte sich im Gras ab und rappelte sich wieder auf. Langsam ließ er den Blick im Kreis wandern. Von hier oben aus war niemand zu sehen. Nur die zerklüfteten, sich weithin ausdehnenden grünen Berge und der blaue Himmel über ihm.

Freiheit.

Er sog den Anblick in sich auf, genoss die Weite und das Land, nach dem er sich sieben Jahre lang gesehnt hatte. Auch wenn er noch weit entfernt war von seinem Zuhause, waren diese Berge ihm vertraut wie alte Freunde.

Bram atmete tief durch und gönnte sich einen Augenblick, um auszuruhen. Er hätte dankbar sein sollen, dass ihm die Flucht gelungen war. Stattdessen quälten ihn Gewissensbisse, denn sein Bruder Callum war immer noch an jenem gottverdammten Ort gefangen.

Bitte, lass ihn noch leben, flehte er stumm. Lass es nicht zu spät sein! Er würde Callum befreien, und wenn es ihn seine Seele kostete. Besonders, wenn er an den Preis dachte, den Callum für seine Freiheit hatte zahlen müssen.

Er lief weiter in Richtung Westen, auf Ballaloch zu. Wenn er sein Tempo beibehielt, konnte er die Burg in einer Stunde erreichen. Die MacPhersons würden ihm Schutz gewähren. Aber würden sie sich überhaupt noch an ihn erinnern, geschweige denn ihn wiedererkennen? Seit seinem sechzehnten Lebensjahr war er nicht mehr dort gewesen.

Er rieb sich die vernarbten Handgelenke und spürte nichts als kalte Leere in sich. Seine Hände zitterten. Die Tage ohne Ruhe und Rast forderten ihren Tribut. Was gäbe er nicht für eine Nacht tiefen, traumlosen Schlafs, eine Nacht ohne quälende Gedanken.

Ein Traum hatte ihn über die ganze Zeit hinweg begleitet. Der Traum von der Frau, an die er in den vergangenen sieben Jahren jede Nacht denken musste.

Nairna.

Trotz der albtraumhaften Gefangenschaft hatte er sich ihr Bild bewahrt. Das Bild ihrer grünen Augen und ihres braunen Haars, das ihr um die Hüften fiel. Und das Bild ihres Lächelns, mit dem sie ihn angesehen hatte, als wäre er der Einzige, den sie je begehrte.

Er packte den Saum seiner Tunika und tastete nach dem vertrauten Stein, den er dort verborgen hielt. Ein Geschenk, das Nairna ihm in jener Nacht gegeben hatte, als er zum Kampf gegen die Engländer aufgebrochen war. Wie oft während seiner Gefangenschaft hatte er den Stein umklammert, als könnte er ihr dadurch näher sein.

Wie ein Engel, der ihn vor dem Höllenfeuer schützte, hatte ihr Bild ihn davor bewahrt, wahnsinnig zu werden. Sie gab ihm einen Grund zu leben und zu kämpfen.

Wie kann ich glauben, dass sie immer noch auf mich wartet, dachte er niedergeschlagen. Nach sieben Jahren war er für sie sicher nur noch eine Erinnerung an vergangene Zeiten.

Außer, sie liebte ihn noch immer.

Der Gedanke weckte einen winzigen Hoffnungsfunken in ihm, und der ließ ihn weiterlaufen. Er war jetzt nahe der Burg der MacPhersons und würde dort bestimmt Unterschlupf für die Nacht finden.

Bram stellte sich vor, wie er Nairna in den Armen halten und den Duft ihrer Haut einatmen würde. Wie er ihre Lippen schmeckte und all die schmerzlichen Erinnerungen verdrängte. In ihren Armen würde die Vergangenheit keine Rolle mehr spielen.

Er stieg ins Tal hinab und sah Ballaloch wie eine schimmernde Perle zwischen den Hügeln liegen. Erschöpft setzte er sich ins Gras und betrachtete die Burg.

Da hörte er hinter sich das Hämmern von Hufen.

Mit heftig pochendem Herzen sprang er hoch. Rüstungen blitzten auf. Soldaten!

Nein! Er konnte sich unmöglich gefangen geben. Nicht wieder. Nicht nach all den Jahren, in denen er das Leben eines Sklaven führen musste.

Mit zitternden Beinen wankte er den Hügel hinunter. Aber sein geschwächter Körper ließ ihn im Stich. Seine Knie gaben nach, und er stürzte zu Boden.

Vor ihm lag die Burg, zum Greifen nahe!

Verzweifelt bemühte er sich, wieder aufzustehen und seine Beine wieder zum Laufen zu zwingen.

Es gelang ihm zwar, aber die Soldaten überholten ihn auf ihren Pferden. Behandschuhte Hände packten ihn bei den Schultern. Als er sich wehrte, stülpten sie ihm eine Kapuze über den Kopf, sodass er nichts mehr sehen konnte. Dann schlugen sie zu, und alles um ihn herum versank in Dunkelheit.

„Etwas stimmt hier nicht, Agnes“, flüsterte Nairna MacPherson ihrer alten Amme zu, während sie aus dem Fenster ihrer Kammer in den inneren Hof hinunterblickte. Vier Reiter, ihr Anführer trug Rüstung und Helm mit Nasenschutz, waren durch das Tor des Außenwerks in die Burg gekommen. „Das sind englische Soldaten! Aber warum sind sie hier?“

„Vielleicht sind es Harkirks Männer, und sie sind gekommen, um noch mehr Silber von Eurem Vater zu fordern“, antwortete Agnes und klappte die Truhe zu. „Zerbrich dir nicht den Kopf darüber. Das ist seine Sache, nicht deine.“

Nairna wandte sich vom Fenster ab. „Er sollte sie nicht bestechen“, erwiderte sie aufgebracht. „Das ist nicht recht.“

Ein Jahr nach der schottischen Niederlage bei Falkirk hatte Robert Fitzroy Baron of Harkirk im Westen der Burg Garnison bezogen. Es gab hunderte von englischen Stützpunkten in den Highlands, und jedes Jahr wurden es mehr.

Um seine Leute vor Angriffen zu schützen, hatte ihr Vater den Engländern nicht nur seine Loyalität, sondern auch sein Geld zugesichert.

Diese verfluchten Blutsauger! Damit musste endlich Schluss sein.

„Ich will wissen, warum sie hier sind.“ Sie ging zur Tür, aber Agnes stellte sich ihrer Herrin in den Weg.

Die braunen Augen der alten Frau sahen Nairna mitfühlend an. „Wir kehren heute wieder nach Hause zurück, Nairna. Du wirst dich doch nicht noch kurz vor deiner Heimkehr mit Hamish streiten wollen.“

Die mahnenden Worte trafen. Nairna blieb mit hängenden Schultern stehen. Sie hätte ihrem Vater so gerne geholfen. Am Ende würden die Engländer ihn noch völlig ausnehmen. Wenn sie daran dachte, was er um der Sicherheit seines Clans willen in Kauf nahm, wurde ihr ganz schlecht.

Doch Ballaloch war nicht länger ihr Zuhause. Aber auch Callendon nicht, obwohl sie mit dem Oberhaupt des MacDonnell-Clans verheiratet war und die letzten vier Jahre dort gelebt hatte.

Jetzt war Iver tot. Sie hatte ein komfortables Leben mit ihm geführt, aber es war keine erfüllte Ehe gewesen. Nicht zu vergleichen mit der Liebe, die sie zuvor gekannt hatte.

Beim Gedanken an den Mann, den sie vor so vielen Jahren verlor, erwachte wieder der alte Kummer in ihrem Herzen. Bram MacKinlochs Tod hatte sie als eine gebrochene Frau zurückgelassen. Kein Mann würde je an seine Stelle treten können.

Jetzt war sie Herrin von nichts und Mutter von niemandem. Ivers Sohn und dessen Frau hatten bereits die Führung des Clans und dessen Besitztümer an sich gerissen. Nairna war nur noch eine Art Überbleibsel, eine zurückgelassene Witwe. Jemand ohne Bedeutung.

Das zweifelhafte Gefühl der Hilflosigkeit wurzelte tief in ihrer Seele. Ihr Herz war erfüllt von Einsamkeit, und sie spürte den glühenden Wunsch, für irgendjemanden nützlich zu sein. Sie wünschte sich ein Heim und eine Familie – einen Ort, wo sie nicht nur als Schatten existierte. Aber wie es schien, gehörte sie nirgendwo wirklich hin. Weder hierher in die Burg ihres Vaters, noch in das Heim ihres verstorbenen Gatten.

„Ich werde mich nicht einmischen“, versprach sie Agnes. „Ich will nur wissen, warum sie hier sind. Schließlich hat er die Abgaben für dieses Quartal schon bezahlt.“

„Nairna“, warnte die alte Amme. „Lass es sein.“

„Ich will doch nur hören, was sie sagen“, meinte Nairna leichthin. Doch so unbekümmert wie sie tat, fühlte sie sich ganz und gar nicht. „Und ich könnte versuchen, mit Vater zu sprechen.“

Missmutig grummelnd folgte Agnes ihr die Treppe hinunter. „Nimm Angus mit“, riet sie ihr.

Nairna legte keinen Wert auf eine Begleitung. Doch kaum hatte sie den großen Saal betreten, folgte ihr Angus MacPherson auch schon wie ein Schatten. Er war ein breitschultriger Mann mit Armen, so dick wie junge Baumstämme.

Draußen blinzelte Nairna in die Nachmittagssonne. Die englischen Soldaten standen im Innenhof. Über einem der Pferde hing der Körper eines Mannes.

Bei seinem Anblick begann ihr Herz schneller zu schlagen, und sie eilte näher. Ob sie einen der MacPhersons gefangen hatten?

Der Anführer hatte sich an Hamish gewandt. „Wir fanden den Mann nicht weit von hier. Einer der Euren vermutlich“, sagte er und verzog den Mund zu einem schmalen Lächeln.

Nairnas Hand umklammerte unwillkürlich den Dolch an ihrem Gürtel. Ihr Vater sah den Soldaten mit ausdruckslosem Gesicht an. „Lebt er?“

Der Mann nickte und bedeutete einem der Soldaten, das Pferd mit dem leblosen Körper heranzuführen. Sie hatten das Gesicht des Mannes mit einer Kapuze verhüllt.

„Wie viel ist Euch das Leben eines Mannes wert?“, fragte der Engländer. „Fünfzehn Pennies vielleicht?“

„Zeigt mir sein Gesicht“, erwiderte Hamish ruhig und machte seinem Steward stumm ein Zeichen. Nairna wusste, welchen Preis sie auch nannten, ihr Vater würde ihn zahlen. Dabei war noch nicht einmal sicher, dass der Gefangene noch lebte.

„Zwanzig Pennies“, fuhr der Anführer fort, und befahl seinen Leuten, den Mann vom Pferd zu heben und festzuhalten. Der Gefangene mit der Kapuze war allein nicht fähig zu stehen. An seiner zerrissenen Kleidung konnte Nairna ihn nicht erkennen. Nur das lange Haar, das ihm bis auf die Schultern fiel, war ein Hinweis.

Nairna trat zu ihrem Vater. „Das ist keiner von uns“, flüsterte sie.

Die Soldaten packten ihr Opfer an den Schultern, ein anderer bog ihm den Kopf zurück und entblößte seine Kehle.

„Fünfundzwanzig Pennies“, forderte der Engländer und zog seinen Dolch. „Sein Leben gehört Euch, wenn Ihr wollt, MacPherson.“ Er hielt dem Gefangenen den Dolch an die Kehle. Als der Stahl die Haut berührte, ballte der Mann plötzlich die Fäuste und versuchte, dem Griff der Soldaten zu entkommen.

Er lebte also.

Mit wild klopfendem Herzen starrte Nairna auf den Unbekannten. Ihre Hände zitterten. Die Männer kannten kein Erbarmen mit dem Fremden. Sie würden ihn jetzt und hier, mitten auf dem Hof, umbringen. Und es gab keine Möglichkeit herauszufinden, ob er ein MacPherson oder ein Feind war.

„Dreißig Pennies“, erklang die Stimme ihres Vaters, der schon nach dem kleinen Beutel griff, den der Verwalter ihm brachte.

Grinsend fing der Anführer die Börse auf, die Hamish ihm zuwarf. Die Soldaten ließen den Gefangenen los. Er fiel wie ein Sack zu Boden und blieb reglos liegen.

„Kehrt zu Lord Harkirk zurück“, befahl Hamish.

Der Engländer stieg in den Sattel und gesellte sich zu den anderen. „Ich habe mich schon gefragt, ob Ihr ihn würdet sterben lassen“, meinte er, während er mit dem Beutel in seiner Hand spielte. „Ich hätte ihn nämlich getötet, müsst Ihr wissen. Wäre ein Schotte weniger gewesen.“ Er lächelte bösartig und warf spielerisch den Beutel in die Luft.

Angus trat einen Schritt vor. Der Speer in seiner Hand wirkte wie eine stumme Drohung. Weitere Krieger der MacPhersons näherten sich bedrohlich den englischen Soldaten, doch die ritten bereits zum Tor zurück.

Dreißig Pennies! Dass ihr Vater so unverhohlen zur Bestechung griff, raubte Nairna den Atem. Ihr war, als hätte man ihr einen Schlag versetzt. Ohne auch nur einen Moment lang nachzudenken, hatte er dem Kerl das Geld gegeben!

Obwohl sie kein Wort gesagt hatte, sah ihr Vater sie an. „Das Leben eines Menschen ist mehr wert als ein paar Münzen.“

„Das weiß ich auch.“ Nairna krampfte die Hände ineinander und versuchte ruhig zu bleiben. „Aber was willst du tun, wenn sie wiederkommen und noch mehr verlangen? Willst du Lord Harkirk wieder und wieder bezahlen? Am Ende nimmt er sich noch Ballaloch und macht unsere Leute zu seinen Sklaven.“

Ihr Vater schritt zu dem am Boden liegenden Gefangenen. „Wir sind am Leben, Nairna. Unser Clan ist einer der wenigen, die sie in Ruhe lassen. Und bei Gott, wenn ich um seiner Sicherheit willen den letzten Penny hergeben muss, dann werde ich es eben tun. Ist das klar?“

Sie schluckte, während er den Mann umdrehte und ihn aufrichtete. „Du solltest aber nicht dafür zahlen müssen. Das ist nicht recht.“

In Nairnas Augen gab es keinen Unterschied zwischen englischen Soldaten und betrügerischen Kaufleuten. Wann immer es möglich war, sorgten beide für ihren Profit. Sie versuchte, ihre aufgewühlten Gefühle zu beruhigen und kniete sich neben ihren Vater.

„Nun, mein Junge, jetzt lass uns mal sehen, wer du bist“, sagte Hamish und zog dem Mann die Kapuze ab.

Nairna blieb fast das Herz stehen, als sie in das Gesicht des Gefangenen blickte.

Es war Bram MacKinloch, ihr Ehemann, den sie seit ihrem Hochzeitstag nicht mehr gesehen hatte. Und das war sieben Jahre her.

Fahles Mondlicht erhellte das Gemach. Bram öffnete die Augen. Jeder Knochen in seinem Körper tat ihm weh. Er schluckte. Dieser Durst! Er war so durstig.

„Bram“, sagte eine sanfte Stimme. „Bist du wach?“

Er drehte sich in die Richtung, aus der die Stimme kam, und fragte sich, ob er schon tot war. Es musste wohl so sein, denn er kannte diese Stimme. Sie gehörte Nairna, der Frau, von der schon so lange träumte.

Jemand hob einen Becher an seine Lippen, und er trank gierig das kühle Bier, voller Dankbarkeit dafür, dass sie geahnt hatte, wie durstig er war. Die Frau trat näher und zündete eine Öllampe an. Das bernsteinfarbene Licht fiel auf ihr Gesicht. Bram starrte sie gebannt an. Er hatte Angst, sie könnte nur ein Trugbild seiner Vorstellung sein und verschwinden, sobald er nur kurz blinzelte.

Sie hatte einen weichen Mund und hohe, wohlgeformte Wangenknochen. Das lange braune Haar fiel offen über ihre Schultern. Sie war eine schöne Frau geworden.

Er hätte sie gerne berührt, nur um sicherzugehen, dass es sie wirklich gab.

Ein heißes Verlangen stieg in ihm auf, vermischt mit einem bittersüßen Schmerz. Seine Hand zitterte, als er sie ausstreckte und Nairna wie um Vergebung bittend über die Wange strich. Wäre doch nur alles anders gekommen!

Sie wich nicht vor ihm zurück, sondern nahm sein Gesicht in beide Hände und schaute ihn ungläubig an. „Ich kann nicht fassen, dass du lebst.“

Mühsam richtete er sich auf, und sie setzte sich neben ihn. Er ergriff ihre Hand, streichelte ihren Nacken. Ein leichter Duft nach Blumen und Gras schien von ihr auszugehen, und er konnte sich nicht sattsehen an ihr.

Bei Gott, gerade jetzt brauchte er sie. Zärtlich ließ er die Finger durch ihr Haar gleiten, hob ihr Gesicht und küsste sie. Sie war die Hoffnung und das Leben, wonach er sich so lange verzehrt hatte.

Nairnas Herz raste, und sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie merkte, dass das der gefährliche, rauschhafte Kuss eines Mannes war, der sich nicht um verlorene Jahre kümmerte. Bram hatte nie viel für lange Erklärungen übriggehabt. Ohne große Worte zeigte er ihr, wie sehr er sie vermisst hatte.

Er küsste sie, als könnte er nicht genug von ihr bekommen, als wäre sie die Antwort auf all seine Gebete. Und obwohl sie völlig verwirrt war, erwiderte sie seine Küsse.

Großer Gott, niemals hätte sie so etwas erwartet! Nicht in tausend Jahren. Sie hatte geglaubt, einen Geist zu sehen. Doch mit jedem Kuss überzeugte er sie, dass er aus Fleisch und Blut war.

Ein Wirrwarr der Gefühle tobte in ihr. Unfähig, die Tränen länger zurückzuhalten, schlang sie die Arme um seine Schultern. So sehr hatte sie um ihn getrauert und gegen das ungerechte Schicksal gewütet, das ihn von ihr genommen hatte. Und jetzt, da sie den dumpfen Schmerz des Verlustes allmählich ertragen konnte, schien das Schicksal seinen Spaß mit ihr zu treiben und gab ihn ihr zurück.

Sie war zwischen dem Glück, ihn wiederzuhaben und den Schuldgefühlen wegen ihres Verrats an ihm hin und her gerissen. Schließlich hatte sie einen anderen geheiratet. Und selbst wenn Iver nun tot war und sie sich nicht versündigte, wenn sie Bram küsste, hatte sie doch ein seltsames Gefühl dabei.

Sie spürte seinen Mund über ihre Wange streichen, und ein immer stärker werdendes Verlangen erwachte in ihr. Als Bram sie auf sich zog, bemerkte sie, dass auch er erregt war.

„Nairna“, flüsterte er. Seine Stimme klang heiser und kam dunkel und tief aus seiner Kehle. Ihr Klang ließ eine heiße Welle über Nairnas Haut laufen und eine angenehme Wärme breitete sich in ihr aus.

Sie wusste nicht, woher diese Empfindungen kamen, aber sie machten ihr Angst. Brams Hand glitt über ihren Rücken. Er zog ihre Hüften dichter an sich. Seine erregte Männlichkeit war nun so nah an ihrem Schoß, dass sie feucht wurde vor Verlangen und spürte, wie sich ihre Brustknospen unter dem Kleid aufrichteten.

Seine Küsse waren fordernd und besitzergreifend. Ihr ganzer Körper reagierte auf seine Liebkosungen. Je länger er sie küsste, desto heftiger begehrte sie ihn. Sie stellte sich vor, wie sie ihr Kleid hochschob und sich an seinen nackten Körper schmiegte.

Wieso reagiere ich so auf ihn? dachte sie verwirrt. Er ist doch ein Fremder für mich. Gefangen zwischen Vergangenheit und Gegenwart wusste sie nicht, wem sie trauen sollte – ihrem Herzen oder ihrem Verstand.

Bram streichelte liebevoll ihre Wange. Seine Zärtlichkeit weckte all die Gefühle, die sie versucht hatte zu begraben. Aber in seinem Blick lag etwas Gequältes. So, als hätte er Dinge gesehen, die er besser nicht gesehen hätte. Und wie entsetzlich dünn er war!

„Bram, wo bist du all die Zeit bloß gewesen?“

Er antwortete nicht gleich. Dann richtete er sich auf und hob sie dabei auf seinen Schoß. Als müsste er sich ihre Züge für alle Ewigkeit einprägen, umfasste er ihr Gesicht mit beiden Händen. Sie legte ihre Hände auf seine und sah ihm fest in die Augen. So, als wollte sie ihn zwingen, ihr die Wahrheit zu sagen.

„Ich war Gefangener auf Cairnross.“

Von dem englischen Earl und seinen Grausamkeiten hatte sie schon gehört. Bei dem Gedanken, dass Bram an einem solchen Ort eine so lange Gefangenschaft hatte erdulden müssen, blutete ihr das Herz.

„Ich glaubte, du wärst tot“, brachte sie mühsam hervor.

Er berührte sie mit zitternden Fingern, als hätte er Angst, sie könnte wieder verschwinden. Seine rauen Hände kratzten auf ihrer Haut. „Und ich dachte, du hättest inzwischen einen anderen geheiratet.“

Das habe ich auch, hätte sie um ein Haar geantwortet. Aber sie hielt noch rechtzeitig inne. Sie wollte ihm nicht wehtun. Sie hatte Iver geheiratet, weil sie sich so verzweifelt nach einem Heim und einer eigenen Familie sehnte. Aber wenn sie jetzt daran dachte, schämte sie sich dafür. Obwohl sie wusste, dass es nicht stimmte, fühlte sie sich jetzt, als hätte sie Ehebruch begangen.

Nairna errötete und wusste nicht, wie sie ihm von der Heirat erzählen sollte. Eine Träne rann über ihre Wange. Doch sie hätte nicht sagen können, ob sie vor Freude oder vor Kummer weinte.

Bram wischte die Träne mit dem Daumen fort. Seine Hände glitten über ihre Schultern, über ihre Taille, und dann zog er sie in seine Arme und streichelte ihren Rücken. „Du bist zur Frau geworden, seitdem ich dich das letzte Mal sah.“

Nairnas Haut prickelte. Ein verborgenes, wollüstiges Feuer loderte in ihr auf und schien ihr Fleisch zu verzehren. Bram legte die Lippen auf ihre Kehle. Bei dem Gefühl, das die Berührung in ihr weckte, unterdrückte Nairna ein lustvolles Stöhnen. Mit den Daumen zeichnete er langsam und genüsslich kleine Kreise auf ihrem Rücken.

Aber als er ihr die Hände auf die Brüste legen wollte, drehte sie durch.

„Bram, warte.“ Sie schob ihn von sich und erhob sich. „Ich muss wissen, was passiert ist, seitdem du …“

„Morgen“, flüsterte er und stand vom Bett auf.

Etwas Wildes lag in seinen Augen. Eine zügellose Begierde brannte in ihnen, und er erinnerte sie an einen Stammeshäuptling, der gekommen war, um endlich seine Frau einzufordern.

Eine ganze Weile stand er nur da und starrte sie an. So, als wüsste er nicht recht, was er als Nächstes tun sollte. Aber bevor sie ihm noch eine Frage stellen konnte, wandte er sich zur Tür. Die Hand gegen den Türrahmen gestützt, drehte er sich noch einmal um. Einen Herzschlag lang betrachtete er sie, als müsste er einen Entschluss fassen.

Dann ging er ohne ein Wort der Erklärung.

2. KAPITEL

Sieben Jahre zuvor

Um Himmels willen, Bram, schau auf deinen Gegner!“, brüllte sein Vater.

Bram blinzelte und starrte auf Malcolm, der versuchte, ihn mit dem Langdolch niederzustechen. Es war ein Trainingskampf. Zwar waren sie beide sechzehn Jahre alt, aber Malcolm reagierte aus dem Bauch heraus und war daher oft im Vorteil.

Bram stürzte sich wild auf ihn, wurde allerdings prompt selbst getroffen. Doch die Klinge rutschte an dem Kettenhemd ab, das er auf Befehl seines Vaters trug, und verletzte ihn nicht.

Bram korrigierte seine Position und versucht aufs Neue Malcolms Schwachstellen herauszufinden. Eine Weile gelang es ihm ganz gut, sich zu verteidigen und vorauszusehen, von welcher Seite der nächste Angriff kommen würde. In der Vergangenheit hatte er schon oft solche Kämpfe ausgetragen, aber noch nie vor so vielen Zuschauern. Er spürte, dass das Oberhaupt der MacPhersons ihn beobachtete, gerade so, als wollte er ihn auf seinen Wert hin begutachten. Bram bekam heiße Wangen. Ein Kampf ohne Zuschauer wäre ihm lieber gewesen.

Die Schlacht ging weiter, und seine Aufmerksamkeit ließ wieder nach, als er aus dem Augenwinkel ein Mädchen herantreten sah. Es war Malcolms Schwester Nairna. Sie war nur ein Jahr jünger als er. Er hatte sie früher auch schon gesehen, aber bemerken tat er sie erst jetzt.

Ihr Kleid leuchtete so grün wie frisches Gras im Frühling. Sie hatte langes braunes Haar, das ihr bis zur Taille ging, und eine bestickte Kappe schmückte ihren Kopf. Bram war wie verzaubert. Er spürte, dass sie dem Kampf zusah.

Fast hätte ihn die Klinge getroffen, die auf seine Kehle zukam. Erst im letzten Augenblick konnte er sich noch auf den Boden werfen, als sich Malcolm schon auf ihn stürzte, um ihm niederzu­drücken.

„Du lässt dich durch ein Mädchen ablenken?“, spottete er. „Würdest du vielleicht gerne ihre Röcke tragen?“

Bram hörte die Beleidigung und ein roter Schleier senkte sich vor seine Augen. Indem er seiner Wut jetzt freien Lauf ließ, konnte er Malcolm heftig von sich stoßen. Mitleidslos drehte er ihm den Arm um, bis er den jungen Mann entwaffnet hatte. Dann hielt er ihm die Klinge an die Kehle.

„Sie ist deine Schwester“, stieß er mit zusammengebissenen Zähnen hervor. „Zeig ein bisschen Respekt.“

Und um deutlich zu demonstrieren, dass er es war, der sich in diesem Kampf behauptet hatte, verweilte er eine ganze Weile in dieser Stellung. Dann stand er auf und steckte den Dolch in die Scheide.

Ohne noch ein Wort mit seinem Vater oder dem Oberhaupt von Ballaloch zu sprechen, ging er fort. Vor mehr als zwei Wochen hatte sein Vater ihn zu diesem Besuch hierher mitgenommen. Bram hatte keine Ahnung, weshalb. Zu den Gesprächen der beiden Clan-Führer wurde er nicht hinzugezogen. Aber er wusste, dass sie ihn beobachteten.

Jetzt ging er ziellos einfach immer weiter, bis ihm plötzlich jemand einen tropfenden Becher Wasser in die Hand drückte. Bram blieb stehen. Vor ihm stand Nairna. Einen kurzen Augenblick lang trafen sich ihre Blicke, dann drehte sie sich um und ging.

Das Wasser war kalt und stillte seinen Durst. Ihm war gar nicht bewusst gewesen, wie durstig er war. Bram warf einen Blick über die Schulter und sah, dass Nairna weder ihrem Bruder noch sonst jemandem etwas zu trinken gebracht hatte. Nur ihm. Warum?

Er leerte den Becher und spürte, dass er heiße Wangen hatte. Wenn es um das weibliche Geschlecht ging, verhielt er sich scheu und schwerfällig. Ihm war es lieber, wenn er unbemerkt im Hintergrund bleiben konnte. Er wusste nicht, was und wie er mit Mädchen reden sollte. Deshalb ging er ihnen die meiste Zeit aus dem Weg.

Aber nicht nur im Umgang mit Mädchen fühlte er sich unbehaglich. Er war überhaupt ziemlich schweigsam und hasste es, mit vielen Menschen zusammen zu sein. Er wusste nie so recht, was er sagen sollte. Sein Vater schalt ihn für seine Zurückhaltung und forderte ihn immer wieder auf, sich mit den Gästen zu unterhalten und sich gefälligst wie ein künftiger Chief zu benehmen.

Kämpfen war da viel einfacher. Solange er ein Breitschwert oder einen Langdolch schwang, fragte keiner danach, wie gut er Konversation führen konnte. Und wenn sie auf fremden Jagdgebieten wilderten, hatten die anderen kaum Zeit, ihn zu beobachten. Dann waren alle viel zu sehr damit beschäftigt, ihren eigenen Hals zu retten.

Er ging zurück zur Mauer, wo er seine Tunika gelassen hatte und stellte den Becher auf dem Boden ab. Plötzlich sah er etwas Rundes zwischen den Stofffalten liegen. Es war ein kleines Brot, und es war noch warm. Er blickte sich suchend um, konnte aber niemanden entdecken.

Er brach ein Stück davon ab und stopfte es sich heiß in den Mund. Noch nie hatte ihm etwas so gut geschmeckt. Aber es war auch ein hartes Training gewesen, das den ganzen Morgen gedauert hatte.

Das Brot war von Nairna, da war er sich sicher. Er aß es auf und fragte sich, ob sie es ihm vielleicht noch aus einem anderen Grund dagelassen hatte. Vielleicht mochte sie ihn auf diese geheimnisvolle Weise, wie Frauen es taten.

Und auch wenn er sich dabei wie ein kompletter Narr vorkam, konnte er einfach nicht aufhören, still vor sich hin zu lächeln.

Während der nächsten Woche blieb es bei solchen kleinen Aufmerksamkeiten. Es konnte sein, dass eine zerrissene Tunika plötzlich ausgebessert war. Oder ein anderes Mal fand er beim Griff in seinen Mantel eine kleine Handvoll frische Brombeeren.

Und da es nicht richtig war, Geschenke anzunehmen, ohne ebenfalls etwas zu geben, begann er, hübsche Steine oder getrocknete Blumen vor Nairnas Kammertür zu legen. Einmal hatte er ein rotes Band für sie eingetauscht. Sie flocht es in ihre braune Haare und lächelte während des ganzen Tags.

Er verstand nicht, warum sie ausgerechnet ihm ihre Zuneigung schenkte. Aber je länger er bei ihrem Clan zu Besuch war, desto mehr faszinierte sie ihn. Nie belästigte sie ihn, nie versuchte sie, ihn direkt anzusprechen. Aber die stille Freundlichkeit, die sie ihm gegenüber zeigte, machte es ihm unmöglich, nicht an sie zu denken.

Eines Nachmittags fand er sie während eines Wolkenbruchs zusammengekauert unter einem Baum. Niemand sonst war in der Nähe. Sie hatte einen Korb bei sich und war wohl auf der Suche nach Pilzen gewesen.

Bram stieg vom Pferd, löste die Schnüre seines Mantels, zog ihn aus und reichte ihn ihr. „Hier. Du siehst aus, als würdest du frieren.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ist schon gut. Der Regen hört sowieso bald auf.“

Er achtete nicht auf ihre Worte und trat näher. Immer noch hielt er ihr den Mantel hin. Nairna zog einen Teil davon über ihre Schulter und bot ihm den anderen an. „Teile ihn mit mir.“

Er wollte nicht. Der Gedanke, sich neben diese schöne junge Frau zu setzen, machte ihn verlegen. Gut möglich, dass er etwas Dummes sagte und sich unsterblich blamierte.

Aber dann sah Nairna ihn mit ihren grünen Augen an. „Bitte.“

Ihre sanfte Stimme erinnerte ihn an alles, was sie für ihn getan hatte. Gegen alle Vernunft setzte er sich neben sie und lehnte sich gegen den Baum.

Nairna zog das andere Ende des Mantels über seine Schultern. „Du hast doch nichts dagegen?“, fragte sie und kuschelte sich Wärme suchend an ihn. Er legte den Arm um sie und wickelte sie in den wollenen Umhang ein. Der Regen fühlte sich kalt an auf seinem Gesicht, aber der Mantel schirmte sie gegen das Schlimmste ab.

Doch selbst wenn es wie aus Eimern gegossen hätte, er hätte es nicht bemerkt. Seine ganze Aufmerksamkeit galt Nairna. Ihr Kopf ruhte an seiner Schulter. Sie versuchte nicht, die Stille mit bedeutungslosen Worten zu füllen. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, aber schließlich wagte er es und griff nach ihrer Hand.

„Mein Vater kam heute Morgen, um mit mir zu reden“, sagte Nairna leise, während ihre kühle Hand in seiner ruhte. Ihre Stimme klang nervös, als hätte sie Angst zu sprechen.

Bram zeichnete mit dem Finger die Form ihrer Handfläche nach und wartete darauf, dass sie fortfuhr.

Nairna wurde rot. Sie drückte seine Hand, als müsse sie Kraft sammeln. „Er sagte, dass … dass ich heiraten werde.“

Alles hatte er erwartet, nur das nicht.

Eine düstere Leere breitete sich in seinem Herzen aus. Er spürte, wie der Zorn in ihm erwachte. Es war so unfair! Auch wenn er sie erst seit ein paar Wochen kannte, fühlte er sich doch als Nairnas Beschützer. Du gehörst aber mir, hätte er am liebsten geknurrt. Jeden Mann, der sie anrührte, würde er mit seinem Schwert aufspießen.

„Du wirst nicht heiraten“, stieß er gepresst hervor. „Du bist zu jung.“

„Ich bin fünfzehn“, erwiderte sie. „Aber du verstehst mich nicht. Sie wollen, dass ich …“

„Nein“, schnitt er ihr das Wort ab. Er wollte es nicht hören. Eine drängende Eifersucht fraß ihn fast auf und schürte noch mehr seinen Zorn. Erregt warf er seinen Teil des Mantels ab, sprang auf und begann, auf und ab zu gehen. Er musste nachdenken, eine Entscheidung treffen.

Aber Nairna stand auf und trat zu ihm. Errötend nahm sie seine Hand. „Nein, Bram, sie wollen, dass ich dich heirate.“

Der Schock machte ihn sprachlos, und langsam wich sein Zorn. Er holte ein, zwei Mal tief Luft und versuchte zu verstehen, was sie da gesagt hatte.

„Deshalb haben sie dich hierher gebracht. Damit wir … einander kennen lernen können.“

Heiraten. Dieses Mädchen. Sie würde ihm gehören. Allein der Gedanke daran machte ihn ganz benommen. Was, wenn er ihr nicht gefiel? Sie kannte ihn doch gar nicht richtig. Er war nicht der geborene Anführer wie sein jüngerer Bruder Alex. Und er kämpfte auch nicht so gut, wie sein Vater es gerne gehabt hätte. Er musste noch so viel lernen. Obwohl er schon sechzehn war, fühlte er sich furchtbar mittelmäßig. Er würde sie ganz bestimmt enttäuschen.

Nairna sah auf ihre verschränkten Hände hinunter. „Sag doch was. Wenn du mich nicht heiraten willst, dann rede ich mit meinem Vater.“

Bram suchte verzweifelt nach den richtigen Worten, aber kein Wort, das ihm einfiel, machte Sinn. So streckte er nur die Hand aus und ließ die Finger durch ihre Haare gleiten. Er sollte diese Heirat ablehnen. Es wäre das einzig Richtige. Aber seine Sehnsucht nach Nairna war zu groß. Er konnte unmöglich auf sie verzichten.

Als er Nairnas bestürzten Blick bemerkte, beugte er sich vor und küsste sie zum ersten Mal. Er schmeckte den Regen und ihre Unschuld, und als sie die Lippen auf seine drückte, stieg ein hemmungsloses Verlangen in ihm auf.

Er wollte sie. Sie sollte ihm gehören, auch wenn sie einen Besseren verdient hatte. Als sie dann die Arme um ihn schlang und das Gesicht an seine Brust schmiegte, schwor er sich, alles zu tun, um der Ehemann zu sein, den sie sich wünschte.

3. KAPITEL

Gegenwart

Bram verbrachte den Rest der Nacht im Stall. Er konnte nicht schlafen, so sehr er sich auch bemühte. Die Augen brannten ihm vor Müdigkeit, aber der Schlaf wollte nicht kommen. Du wirst nie schlafen können, solange Callum in Gefangenschaft ist, höhnte sein Gewissen. Und obwohl er sich nichts mehr ersehnte, konnte er den Schlaf nicht herbeizwingen.

In seinem Kopf klangen immer noch die Schreie. Unvorstellbare Bilder hatten sich in sein Gedächtnis gebrannt. Die Dunkelheit hielt nur Schrecken für ihn bereit. Kein Wunder, dass er es nicht wagte, die Augen zu schließen.

Stattdessen verbrachte er die Stunden damit, an seine Frau zu denken. Die Jahre hatten das Mädchen mit den strahlenden Augen zu einer atemberaubenden Frau werden lassen. Ihr Kuss hatte ihm den Verstand geraubt, und es war ein kleines Wunder, dass er es über sich gebracht hatte, sie wieder zu verlassen.

Selbst jetzt zitterten ihm noch die Hände, wenn er an sie dachte. Er wünschte sich nichts mehr, als sie auf sein Lager zu legen und sie zu besitzen.

Doch obwohl er als ihr Ehemann das Recht dazu hatte, war sie nicht bereit, sich ihm hinzugeben. Jedenfalls nicht, solange sie sich noch fremd waren.

Er dachte an den Ratschlag, den sein Vater ihm in der Hochzeitsnacht gegeben hatte. Du wirst schon wissen, was du tun musst, hatte Tavin gesagt. Vertrau deinem Instinkt.

Wenn er gestern Abend seinem Instinkt gefolgt wäre, hätte er Nairna die Decke fortgerissen und jeden Zoll ihres Körpers mit den Lippen erkundet. Ob das seine unschuldige Frau nicht erschrecken würde?

Wenn er doch nur eine einzige Nacht mit ihr verbracht hätte! Aber dazu war nach der Hochzeit keine Zeit mehr gewesen. Weil er sich dazu entschloss, Seite an Seite mit seinem Vater zu kämpfen, hatte seine frischangetraute Gattin allein in ihrem Ehebett schlafen müssen. Ihre Familien wussten es zwar nicht, aber die Ehe war nie vollzogen worden.

Er hatte so viele dumme Fehler gemacht!

Jetzt verstand er, warum sein Vater ihn in der Schlacht nicht dabeihaben wollte. Ein hitzköpfiger, unerfahrener Bursche von sechzehn Jahren war noch nicht bereit, den Engländern gegenüberzutreten. Tavin MacKinloch hatte ihn mit seinem Körper geschützt und den Schwerthieb empfangen, der eigentlich Brams Leben beenden sollte.

Bram war vor dem Leichnam seines Vaters auf die Knie gefallen. Es hatte ihn nicht gekümmert, dass man ihn gefangen nahm. Das Blut seines Vaters befleckte seine Hände. Nichts konnte ihn mehr ins Leben zurückholen.

Sein Versprechen halten und Callum befreien – das war die einzige Wiedergutmachung, die ihm noch blieb. Sein Nacken juckte, als würde das schwere eiserne Band noch immer seinen Hals umschließen.

Er betrachtete seine vernarbten Handgelenke. Ohne Zweifel wäre Nairna entsetzt, wenn sie auch noch den Rest seiner Wunden sah.

Je mehr er nachdachte, desto mehr fragte er sich, ob er überhaupt das Recht hatte, hier zu sein.

Wollte Nairna ihn denn noch als Ehemann? Letzte Nacht hatte sie ihn von sich gestoßen, und er wusste nicht, ob es aus Schüchternheit oder aus Abneigung geschah. Was, wenn sie ihr Leben fortgeführt hatte und er für sie nicht mehr war als ein Fehler, den sie vor Jahren begangen hatte?

Bram schloss die Augen. Sein Verlangen nach einem Leben mit Nairna saß tief. Vielleicht würde sie ihm die Erlösung bringen.

Er hatte zwar kein Auge zugemacht, aber er war erfüllt von einer nervösen Energie. Alles in ihm drängte danach, wieder mit ihr zusammen zu sein, sich davon zu überzeugen, dass er alles nicht nur geträumt hatte.

Schritte näherten sich. Bram sprang auf die Füße und griff automatisch nach seinem Dolch, der nicht da war.

Hamish MacPherson, der Chief of Ballaloch, stand in der Tür, hinter ihm sein ältester Sohn Malcolm. Nairna war nirgends zu sehen.

„Du musst doch nicht im Stall schlafen, Junge“, schalt ihn das Oberhaupt des Clans. Er musterte ihn scharf von Kopf bis Fuß, dann nahm er ihn zum Willkommensgruß in die Arme. „Es tut gut, dich wiederzusehen. Bei Gott, wir alle hielten dich für tot. Wo warst du all die Jahre?“

„Cairnross“, antwortete Bram und hob die Hände, um ihm die Narben an den Handgelenken zu zeigen, Zeichen seiner jahrelangen Gefangenschaft.

Sein grimmiger Gesichtsausdruck verriet Bram, dass er verstand. „Ich frage dich nicht, wie du entkommen bist. Aber du hattest Glück, dass Harkirks Männer dich nicht getötet haben.“

Bram antwortete nichts darauf. Er erinnerte sich kaum an das, was passierte, nachdem man ihm die Kapuze übergezogen hatte. In dem einen Augenblick hatte er das kalte Metall einer Klinge an der Kehle gespürt und im nächsten öffnete er die Augen und sah Nairna, die sich über ihn beugte.

Hamish sprach weiter. Die Worte zogen an ihm vorüber. Irgendetwas darüber, dass sie froh waren, ihn wiederzusehen und noch einige Sätze über Nairna. Bram versuchte, ihren Sinn zu verstehen, aber der Hunger und die Müdigkeit machten es ihm schwer, sich zu konzentrieren.

Der Chief sah ihn jetzt ernst an und machte das Kreuzzeichen. „Es ist gut, dass Iver MacDonnell gestorben ist, möge er ruhen in Frieden. Das hätte sonst ein schönes Durcheinander gegeben.“

Bram hatte keine Ahnung, wovon der andere sprach. Hamish sah seinen verständnislosen Blick und fluchte. „Sie hat dir nichts davon erzählt, oder?“

„Was erzählt?“

„Nairna hat vor vier Jahren den Chief des MacDonnell-Clans geheiratet. Er starb letzten Sommer.“ Kopfschüttelnd fügte er hinzu: „Obwohl ich glaube, dass ihre Ehe nicht legal war, da du noch lebst.“ Er rieb sich den Bart und dachte nach. „Ich werde mit Vater Garrick darüber sprechen und ihn fragen, wie es jetzt weitergeht.“

Bram hörte nichts mehr von dem, was Hamish sagte. Ein leises Summen war in seinen Ohren, und er hatte das Gefühl, als hätte ihn jemand zu Boden geschlagen.

Sie hatte einen anderen geheiratet. Schlimmer noch, sie hatte es ihm nicht gesagt!

Die Nachricht ließ seine Selbstbeherrschung zusammenbrechen. Er hatte in dem Glauben gelebt, dass Nairna auf ihn wartete. Dass es niemals einen anderen für sie gegeben hatte.

Er hatte sich geirrt.

Die Wut zerstörte jedes vernünftige Gefühl in ihm. Er wünschte, der Anführer der MacDonnells wäre noch am Leben, so dass er ihn töten konnte, weil er angerührt hatte, was ihm gehörte. Dieser Bastard hatte ihre Jungfräulichkeit für sich gefordert. Je länger er darüber nachdachte, desto größer wurde seine Wut.

Es kostete all seine Kraft, diese Wut tief in sich zu begraben und ein ausdruckloses Gesicht aufzusetzen. Er würde Nairna damit konfrontieren, wenn er sie sah.

„Ich werde Nairna mit mir nehmen“, sagte er dem Chief.

„Du wirst auch ihre Mitgift wollen“, meinte Hamish und verzog die Lippen zu einem freudlosen Lächeln. „Da du ja in den Kampf gezogen bist, bevor du sie in Empfang nehmen konntest.“

Großer Gott, soweit hatte er noch gar nicht gedacht! Im Moment wollte er nur mit Nairna sprechen, wollte erfahren, was in den letzten sieben Jahren geschehen war. Und warum sie einen anderen geheiratet hat.

Das Geld war nicht wichtig. Aber andererseits: Bevor er nicht wusste, wie es um Glen Arrin stand, sollte er besser auf alles vorbereitet zu sein. „Ich werde die Mitgift mitnehmen, wenn wir zurückkehren.“

Hamish hob die Augenbrauen. „Sie wird nicht mehr so viel besitzen wie früher. Und sie wird ihren Witwenanteil verlieren, wenn ihre Stiefsöhne erfahren, dass die Ehe ungültig war.“

Ein neuer, beunruhigender Gedanke schoss Bram durch den Kopf. „Hat sie … hat sie Kinder?“

„Der Verbindung entstammen keine Kinder.“

Hamish schien sich unbehaglich zu fühlen. Bram stieß die Luft aus, die er angehalten hatte. Halb hoffte er, dass es wegen der Impotenz des Gatten so war. „Wo ist Nairna jetzt?“

„In ihrer Kammer. Sie hat uns geschickt, dich zu suchen.“ Hamish legte ihm die Hand auf die Schulter. „Wegen der MacDonnells musst du dir keine Sorgen machen. Ich werde mich mit ihrem Oberhaupt treffen und die Einzelheiten besprechen, was Nairnas Besitz betrifft.“

„Sie wird nicht zu ihnen zurückkehren“, schwor Bram. „Sie können behalten, was immer sie wollen. Nairna bleibt bei mir.“

Hamishs Mundwinkel zuckten. „Ich freue mich, dass du wieder da bist, Bram. Denn ich glaube, du bist genau das, was Nairna jetzt braucht.“

Nairna beugte sich über eine Truhe, während sie ihre Strümpfe nach Farben sortierte. Zuerst all die dunklen Töne, dann die helleren und zuletzt die dicken Wollstrümpfe, die sie nur im Winter trug. Sie rollte sie zu festen, adretten Ballen zusammen und ordnete sie in Reihen. Zwar hatte sie schon gestern all ihre Sachen gepackt, aber sie musste etwas tun, um ihre Nerven zu beruhigen.

Nachdem Bram letzte Nacht gegangen war, hatte sie wach gelegen und über ihn nachgedacht. Es schien fast so, als hätte sie sich nur eingebildet, dass er sie geküsst hatte. Schon lange hatte sie sich die Erinnerungen an ihn bewahrt. Aber die waren nichts gegen diesen Mann, der einfach Besitz ergriffen hatte von ihren Lippen, der sein Recht in Anspruch nahm, sie berühren zu dürfen.

Er hatte sie geküsst, bis ihr ganzer Körper auf seinen Kuss reagierte und ihre Haut unter seinen ungestümen Lippen, seiner Zunge, geglüht hatte. Etwas Unerwartetes war in ihr erwacht. Es war, als würde er sie dazu bringen, ihre strenge Selbstbeherrschung aufzugeben und sich seinem Willen zu beugen.

Iver hatte sie nie so geküsst.

Ihre Wangen brannten vor Scham bei dem Gedanken an den Mann, den sie für ihren zweiten Gatten gehalten hatte. War es eine Sünde gewesen, als sie sich ihm hingab im Glauben, rechtmäßig verheiratet zu sein? Und sollte sie jetzt diese Ehejahre einfach vergessen, als hätten sie nie existiert?

Ihre Gedanken drehten sich im Kreis, bis sie nicht mehr ein noch aus wusste. Einst, vor langer Zeit, hatte sie Bram ihr Herz geschenkt. Und wenn sie jetzt auch so verwirrt war, dass sie nicht sagen konnte, was sie für ihn fühlte, die wilde Hoffnung, die in ihr erwacht war, konnte sie nicht leugnen. Er war zu ihr gekommen, kaum dass er die Freiheit erlangt hatte. Er wollte sie, trotz all der Jahre, die inzwischen vergangen waren.

Vielleicht konnten die schon begrabenen Gefühle wieder zum Leben erwachen? Und vielleicht … vielleicht kann Bram mir ein Kind schenken, dachte sie und ihr Herz schlug erwartungsvoll. Sie war nicht bereit, den Traum von eigenen Kindern aufzugeben. Noch nicht.

Würde er sie jetzt mit sich nach Hause nehmen? Als seine Frau wurde von ihr erwartet, dass sie mit ihm ging und bei dem MacKinloch-Clan lebte. Brams Familie wohnte weiter nördlich. Nairna war erst einmal dort gewesen. Die Männer waren heißblütige, wilde Krieger und von den Engländern gefürchtet. Mit einem Mal fühlte sie sich beklommen.

Es wird alles gut werden, beruhigte sie sich. Es gab keinen Grund, sich zu ängstigen. Sie musste es als eine zweite Chance auf ein Heim und eine eigene Familie ansehen. Und Bram würde an ihrer Seite sein.

Sie stand auf, ging zu der Truhe, in der sie ihre Habseligkeiten aufbewahrte, und zog ein schon verblasstes rotes Band daraus hervor. Seine Ränder waren zerfranst und abgenutzt.

Sie hielt es in der Hand, als könnte sie so die verlorenen Jahre festhalten. Der Boden schien sich unter ihr aufzutun. Sie war nicht länger eine Witwe. Sie war eine Ehefrau. Und wenn Bram ging, musste sie ihm folgen.

Sie flocht das Band in ihre Zöpfe.

Die Tür ging auf, und Agnes betrat eilig die Kammer. „Sie haben Euren Mann gefunden.“

Nairna atmete tief aus und ließ entspannt die Schultern sinken. „Gut. Er wird etwas zu essen brauchen. Und frische Kleider und ein Bad.“

Agnes, schon älter und Witwe, war für Nairna wie die Mutter, die sie vor vielen Jahren verloren hatte.

„Ich kümmere mich schon drum.“ In der Tür blieb Agnes noch mal stehen. „Freust du dich, ihn wiederzuhaben?“, fragte sie besorgt.

„Oh ja.“ Nairna zwang sich zu einem Lächeln, aber in Wahrheit machte sie sich Sorgen.

„Nun, das ist gut zu hören. Wenigstens hast du keine Angst vor dem Brautbett. Du weißt ja, was dich erwartet.“ Die Amme schenkte ihr ein warmes Lächeln, bevor sie die Kammer verließ und die Tür hinter sich schloss.

Was Agnes gesagt hatte, stimmte ganz und gar nicht. Auch wenn sie keine Jungfrau mehr war, ließ sie der Gedanke, dass sie mit Bram das Lager teilen sollte, vor Befangenheit erröten. Der einzige Mann, den sie intim gekannt hatte, war Iver gewesen. Und, um die Wahrheit zu sagen: An seinem Liebesspiel gab es nicht viel Aufregendes zu entdecken. Sie hatte gelernt, still zu liegen und ihn machen zu lassen, wozu er Lust hatte. Und das war es auch schon. Es hatte nie viel länger als ein paar kurze Augenblicke gedauert.

Aber letzte Nacht, als Bram sie küsste – das war etwas ganz anderes gewesen. Er hatte sie angesehen, als gäbe es für ihn keine andere Frau auf der Welt. Als wollte er sie für sich fordern, sie nehmen und sie alle Sinnesfreuden lehren. Unwillkürlich fragte sie sich, wie es wohl sein mochte, bei ihm zu liegen, seine warme Haut zu berühren und zu spüren, wie er sich auf ihr bewegte.

Eine heiße Welle raste durch ihre Adern. Nairna dachte an Brams Gesicht in der Kammer letzte Nacht. Das schwache Mondlicht hatte scharf geschnittene Züge mit einer leicht gekrümmten Nase zum Vorschein gebracht.

Dunkelbraunes Haar von der Farbe nasser Erde fiel ihm über die Schultern. Er trug einen Bart, aber er hatte sich seidig an ihrem Mund angefühlt. Und, bei allen Heiligen, sein Kuss konnte eine Frau dazu bringen, ihre Seele dem Teufel zu verschreiben.

Der scheue Junge von damals war verschwunden. Jetzt war da ein leidenschaftlicher Mann, den sie nicht kannte. Ein Mann, der die Pforten der Hölle durchschritten und es überlebt hatte.

„Wann wolltest du mir sagen, dass du wieder geheiratet hast?“

Mit einem Schrei ließ sie den Deckel der Truhe fallen. Ihr Herz hämmerte wie wild und es dauerte einen Moment, bis sie erkannte, dass es Bram war.

„Du hast mich erschreckt“, keuchte sie und griff sich ans Herz. „Ich habe dich nicht eintreten hören.“

„Wann ist es geschehen?“, wollte er wissen und kam langsam näher. Er sah zornig aus, und sie spürte, dass sie vorsichtig vorgehen musste.

„Drei Jahre nach deinem angeblichen Tod.“ Sie rührte sich nicht, bis er dicht vor ihr stand. Sie fühlte, wie seine nervöse Stimmung auf sie übersprang, aber sie wich nicht zurück. Er sprach kein Wort, als müsste er gegen seinen Zorn ankämpfen.

„Ich weiß gar nicht, wo du letzte Nacht warst“, murmelte Nairna. „Du bist so plötzlich fortgegangen.“

„Ich war mir nicht sicher, ob du wolltest, dass ich bleibe.“ Brams Augen waren wachsam. Er betrachtete sie, als wüsste er nicht so recht, was er sagen oder tun sollte. Je genauer sie ihn musterte, desto mehr erkannte sie sein Verlangen. Seine Haltung drückte Hunger und Erschöpfung aus. Einige kleinere Wunden hatte er auch. Darum konnte sie sich kümmern. Doch hinter alledem lag noch etwas anderes, etwas Gequältes, das sie nicht verstand.

„Hat er dir etwas bedeutet?“, fragte er ruhig. „Der Mann, den du geheiratet hast?“

„Iver war ganz nett.“ Sie verbarg die zitternden Hände hinter ihrem Rücken.

„Wahrscheinlich wäre es dir lieber, ich wäre nicht zurückgekommen.“ Bram verschränkte die Arme vor der Brust.

„Du irrst dich.“ Dass er vor ihr stand, war ein Geschenk, auf das sie nie zu hoffen gewagt hätte. Ihr war, als könnte sie die verlorenen Jahre ausstreichen und von vorne anfangen. Denn die wenigen Erinnerungen, die sie und Bram gemeinsam hatten, waren gute Erinnerungen.

„Ich habe aufgetragen, dir etwas zu essen zu bringen und ein Bad vorzubereiten“, sagte sie, um das Thema zu wechseln.

Bram trat dicht an sie heran und musterte sie, als wollte er sich ihr Gesicht für immer einprägen, es in sein Gedächtnis einbrennen. Dann strich er mit dem Daumen über ihre Lippen und legte ihr zart die Hand an die Wange. Nairna spürte, wie sie errötete.

Sie sah die tief eingegrabenen Linien an seinen Handgelenken und eine ähnliche Linie, die sich um seine Kehle wand. Sie hätte gerne erfahren, was ihm zugestoßen war. Aber Brams stoischer Gesichtsausdruck sagte etwas anderes: „Keine Fragen.“ Sie wusste nicht, wie sie die Last der Vergangenheit von ihm nehmen konnte. Wahrscheinlich war es das Beste, gar nichts zu sagen.

Er wandte sich ab und stützte sich schwer auf den Tisch. Wie er so mit hängendem Kopf da stand, sah er aus, als hätte er Schmerzen. Wahrscheinlich würde er beim Baden ihre Hilfe brauchen. Ihr machte es nichts aus, einen unbekleideten Mann zu sehen, aber wie würde Bram sich dabei fühlen?

Bevor sie ihn fragen konnte, kam Agnes mit dem Essen und sauberen Kleidern. Mit ihr kamen Bedienstete, die einen Zuber brachten. Sie stellten ihn ab und füllten ihn eimerweise mit heißem Wasser.

„Lasst uns allein“, befahl Bram. Die alte Frau zögerte, aber Nairna nickte ihr zu, und Agnes eilte davon.

Die Tür hatte sich geschlossen. Bram sah Nairna an. „Hast du schon gegessen?“

Sie nickte. Eigentlich hatte sie erwartet, dass er sie ausfragte. Er betrachtete das Essen, das Agnes zubereitet hatte. Es war nicht viel, nur etwas Hammelfleischeintopf und ein paar Fladenbrote. Aber er sah alles mit hungrigen Augen an und sog den Duft ein, als hätte er Angst, es könnte plötzlich verschwinden.

Plötzlich dämmerte ihr die Wahrheit. „Wie lange hast du schon nichts mehr gegessen?“, murmelte sie.

„Seit zwei Tagen“, gestand er. Er nahm ein Stück Brot und tunkte es in den Eintopf. Dann kaute er langsam, als würde er jeden Bissen genießen. Eigentlich hatte sie erwartet, dass er über das Essen herfallen würde. Stattdessen aß er langsam und auch viel zu wenig. Das meiste ließ er liegen. Als sie die Reste forträumen wollte, hielt er sie zurück. „Lass es da. Ich versuche, später noch etwas zu essen.“

Mit einem Blick auf den Badezuber begann er, seine Tunika aufzuschnüren. Nairna wusste nicht, ob er von ihr erwartete, dass sie ging oder dass sie blieb. Als er sich dann das Gewand über den Kopf zog, hielt sie unwillkürlich die Luft an.

Schwere Narben bedeckten seine Brust, hunderte von rot-weißen Striemen. Es sah aus, als hätten sie versucht, ihm das Fleisch von den Knochen zu reißen.

Großer Gott im Himmel! Was hatten sie ihm angetan? Alles in ihr krampfte sich zusammen beim Anblick der Ungerechtigkeit, die er hatte erleiden müssen. Sie hatte Angst, dass schon die Berührung mit warmem Wasser ihm Schmerzen bereitete.

Ihn so zu sehen, weckte in ihr den Wunsch, wieder für ihn zu sorgen, die Qualen zu lindern, an denen er litt. Welche Foltern hatte er wohl in seiner Gefangenschaft erdulden müssen? Es jagte ihr Angst ein, daran zu denken.

Bram erklärte nichts. Als er sich weiter auszog, wandte sie sich ab. Sie wartete, bis sie ein leises Platschen hörte. Dann fragte sie: „Soll ich gehen oder bleiben?“

Als er nicht antwortete, wagte sie einen Blick über ihre Schulter. Mit angezogenen Knien saß er vornüber gebeugt im Wasser. Zögernd machte sie einen Schritt auf ihn zu, dann noch einen.

„Ich nehme es dir nicht übel, wenn du lieber gehen willst“,

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Historical Band 303" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen