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HISTORICAL BAND 298

BLYTHE GIFFORD

Lektion der Sinnlichkeit

Cambridge, 1388: Verkleidet als John kann die wissbegierige Jane endlich das heiß ersehnte, für Frauen verbotene Studentenleben führen. Aber statt ihre neu gewonnene Freiheit zu genießen, verzehrt sie sich bald heimlich immer mehr nach der Liebe des attraktiven Duncan of Cliff’s Tower. Nur: Wie soll sie auf sinnliche Erfüllung in seinen starken Armen hoffen, wenn er doch niemals hinter ihr Geheimnis kommen darf?

TERRI BRISBIN

Wie zähmt man einen Highlander?

Schottland, 1370: Der mächtige Clanführer Connor MacLerie kennt kein Erbarmen, wenn es um die Wahrung von Recht und Gesetz geht. Umso größer ist sein Entsetzen, als er nach einer leidenschaftlichen Liebesnacht mit seiner Ehefrau Jocelyn entdecken muss, dass sie ihn hintergangen hat …

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Lektion der Sinnlichkeit

1. KAPITEL

England, im Spätsommer 1388

Jane glaubte ersticken zu müssen. Die Luft in der Wochenbettkammer war zum Schneiden dick, und das lodernde Feuer, über dem der Kessel mit kochendem Wasser hing, trug noch zur Hitze des Augustmorgens bei. Erschöpft schob sie den dunklen Vorhang vor dem Burgfenster beiseite und schnappte nach frischer Luft.

Sehnsüchtig sah sie hinaus in den Sonnenschein. Ob sie sich später ein Pferd nehmen und ausreiten sollte?

„Jane!“

Hastig ließ sie den Vorhang fallen. „Ja?“ Hatte ihre Mutter sie etwa schon mehrmals gerufen?

„Die Wehe ist vorüber. Solay braucht etwas zu trinken.“

Jane ging zu dem Bassin in der Ecke und füllte einen Becher mit Wasser. Warum hatte sie nicht selbst daran gedacht, ihrer Schwester Wasser zu bringen? Irgendwie fehlte ihr etwas, das anderen Frauen angeboren zu sein schien. Der Instinkt, der ihnen sagte, was zu tun war.

Sie wandte sich zum Bett um, auf dem ihre hochschwangere Schwester lag. Die ganze Nacht über schon kamen die Wehen, und nach jeder blieb Solay weniger Zeit, sich zu erholen. Ihre langen dunklen Haare waren strähnig und glanzlos, die tiefblauen Augen rot gerändert.

Justin, Solays Gatte, raffte den Türvorhang zur Seite, trat aber nicht in die Kammer. „Wie geht es ihr? Kann ich etwas tun?“

Solay öffnete die Augen und wedelte matt mit der Hand. „Fort mit dir. Ich will nicht, dass du mich so siehst.“

Ihre Mutter ging zur Tür. „Geh zurück in den Saal“, meinte sie und gab ihm einen kleinen Schubs. „Spiel mit deinem Bruder Schach.“

Justin rührte sich nicht vom Fleck. „Ist das immer so?“ Jane konnte ihn kaum verstehen, so leise sprach er.

„Als Solay auf die Welt kam, war es ähnlich“, erwiderte ihre Mutter und gab sich keine Mühe, ihre Stimme zu dämpfen. „Sie sagen, es wäre die kürzeste Nacht des Jahres gewesen. Mir kam sie aber vor wie die längste.“

Die Worte sollten ihn wohl beruhigen, aber sie vertrieben nicht die Angst aus seinem Gesicht. „Das geht jetzt schon seit Stunden so!“

„Und es wird noch ein paar Stunden dauern. Das hier ist Frauensache. Wenn du dich nützlich machen willst, dann geh und wecke die Amme. Sie macht ein Nickerchen.“ Die Mutter legte ihm eine Hand auf den Arm und flüsterte: „Und bete zur Heiligen Jungfrau.“

Jane wäre am liebsten mit ihm gegangen und machte unwillkürlich einen Schritt in Richtung Tür. Er war ein Mann und konnte tun, was ihm beliebte. Sie wünschte, sie könnte gehen und die Amme wecken. Oder Schach spielen. Oder in Justins gelehrten Büchern stöbern, was er ihr ziemlich oft erlaubte.

Überall wäre sie jetzt lieber gewesen als hier in dieser Kammer.

„Jane! Wo bleibt das Wasser?“

Sie ging zum Bett und hielt ihrer Schwester den Becher hin. Solay griff danach. Aber weil sie so schwach war, konnte sie ihn nicht richtig greifen und stieß mit der Hand dagegen. Das Wasser durchnässte das Lager, und Solay schrie erschrocken auf.

„Jetzt sieh dir das an!“, herrschte die Mutter Jane an und warf einen besorgten Blick auf Solay.

Und Jane wusste, dass sie wieder einmal alles falsch gemacht hatte.

Sie schnappte sich ein Tuch, um das Wasser aufzuwischen, dabei versetzte sie aber Solays gewölbtem Leib einen Stoß. Die Mutter riss ihr das Tuch aus der Hand. „Leg dich wieder hin, Solay.“ Behutsam tupfte sie das Bettzeug trocken. „Ruh dich aus. Alles wird gut.“

„Ist es wirklich immer so?“, flüsterte Jane, als die Mutter ihr das feuchte Tuch in die Hand drückte.

Die schüttelte den Kopf. „Das Kind kommt zu früh“, antwortete sie leise.

Jane wrang das feuchte Tuch aus und wusste nicht, was sie tun sollte. Sie hatte Angst, wieder alles falsch zu machen, und wollte nur noch weg. „Ich hole frisches Linnen.“

„Geh nicht fort.“ Solays Stimme überraschte sie. „Sing für mich.“

Ihre Mutter warf ihr einen warnenden Blick zu, bevor sie in den Gang hinaustrat, um nach einer Magd und frischen Tüchern zu sehen.

Jane versuchte die ersten Töne von „Sommer ist kommen“, zu singen, aber sie blieben ihr in der Kehle stecken. Sie warf Solay einen hilflosen Blick zu. „Noch nicht einmal das kann ich.“

„Ärgere dich nicht. Ich möchte einfach nur meine kleine Schwester bei mir haben.“

Solay streckte die Hand aus, und Jane ergriff sie. Sie betrachtete ihre verschlungenen Finger. Die von Solay waren schlank und weiß und zartgliedrig. Wie alles an ihr. Sie war, wie eine Frau sein sollte: schön, graziös, anschmiegsam und geschickt in allem.

Sie war all das, was Jane nicht war.

Ihre eigenen Hände waren breit und grob. Und die kurzen, dicken Finger waren nur deswegen heute sauber und rochen nicht nach Pferd, weil die Amme darauf bestanden hatte, dass alle in der Geburtskammer gewaschene Hände haben mussten.

Sie drückte Solays Hand. „Geht es dir gut?“

„Die Schmerzen sind erträglich“, antwortete ihre Schwester und lächelte schwach. „Ich befürchte nur, du wirst deinen künftigen Gatten ohne mich begrüßen müssen.“

Gatten. Ein Fremder, der über ihr Leben bestimmen würde. Sie hatte ganz vergessen, dass er noch in diesem Monat erwartet wurde.

Sie hatte es verdrängt.

„Ich will nicht heiraten.“ Ein Gatte würde erwarten, dass sie wie Solay oder wie ihre Mutter war, dass sie über all diese Sachen Bescheid wusste, die ihr fremder waren als Latein.

Solay drückte mitfühlend ihre Hand. „Ich weiß. Aber du bist siebzehn. Es wird mehr als Zeit.“

Jane verzog missmutig das Gesicht, und Solay kniff ihr leicht in die Unterlippe. „Schau dich an! Ein Vogel könnte sich ja auf diese Lippe setzen.“ Sie seufzte. „Lern den Mann wenigstens einmal kennen. Justin hat ihm erzählt, du wärst …“

Anders. Sie war anders.

„Weiß er, dass ich gerne reisen und die Welt kennenlernen möchte? Und dass ich Latein lesen kann?“

Solays Lächeln schwand. „Er ist Kaufmann, und deshalb kannst du vielleicht Dinge tun, welche die Gattin eines Edelmanns nicht tun kann. Aber vielleicht ist dir das bald alles schon nicht mehr so wichtig.“

„Das hast du früher auch schon zu mir gesagt.“ Als ob die Ehe sie in ein seltsames, nicht wiederzuerkennendes Wesen verwandeln würde!

„Ich verspreche dir, wir werden dich zu nichts zwingen, wenn er dir nicht gefällt. Justin und ich möchten nur, dass du genauso glücklich wirst wie wir.“

Jane presste Solays Hand an ihre Wange. „Ich weiß.“ Ein unmöglicher Wunsch. Sie würde nie wie ihre schöne Schwester sein, die sich alle Mühe gab, sie zu verstehen, auch wenn es ihr nicht wirklich gelang.

Erschöpft zog Solay ihre Hand fort und zupfte an Janes kurzem blonden Haar. „Ich wünschte, du hättest dir die Haare nicht abgeschnitten. Männer bewundern lange blonde Locken, und du –“ Ihr Gesicht erstarrte plötzlich. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie an sich herunter. „Es … ich bin … da unten ist alles nass!“

Jane saß einen Augenblick lang nur regungslos da. Dann rannte sie zur Tür und riss den Vorhang zur Seite. „Mutter!“

Ihre Mutter, die gähnende Amme und eine Dienerin, die das Linnen trug, hatten gerade die letzte Stufe der Treppe erreicht und rannten jetzt die wenigen Schritte in die Kammer.

Die Amme legte Solay eine Hand auf die Stirn. „Wie viele Wehen hatte sie, während ich weg war?“

Beschämt schlug Jane die Augen nieder. Es wäre ihre Aufgabe gewesen, sie zu zählen. „Ich weiß nicht.“

Die Amme schlug die Decke zurück. Das Bett war nasser, als es von dem verschütteten Wasser sein konnte.

Und es war rot.

„Mutter!“ Sie brachte das Wort kaum heraus. „Sieh doch!“ Es klang wie ein Schrei.

„Ich sehe es, Jane.“ Ihre Mutter warf ihr einen warnenden Blick zu.

Mit großen Augen sah Solay sie an. „Mutter? Was geschieht jetzt?“

„Still. Alles ist gut.“ Die Mutter tätschelte Solay beruhigend und küsste sie auf die Stirn.

Jane wich hilflos zurück. Wie konnte sie nur so ruhig und gelassen bleiben? Woher wusste sie, was zu tun war?

Ihre Schwester konnte jeden Augenblick sterben, während Jane nichts tun konnte. Sie war so nutzlos.

Ich kann nicht. Sie hörte nur noch diesen Schrei in ihrem Kopf. Ich kann nicht.

Und als ihre Schwester jetzt auch noch einen Schrei ausstieß, rannte Jane einfach los.

Sie rannte, aber die Schreie verfolgten sie.

Sie folgten ihr, als sie die Kammer verließ und in ihre eigene rannte. Dort riss sie sich das Kleid herunter, umwickelte ihre Brüste, schlüpfte in Beinlinge und Tunika und warf sich einen Mantel um.

Die Schreie hörten nicht auf. Ohne Unterlass verfolgten sie Jane, als sie durchs Burgtor hinaus auf die Straße rannte. Als würde das Kind sich mit Krallen seinen Weg aus dem Leib ihrer Schwester kratzen.

Jane hörte erst auf zu rennen, als sie erkannte, dass die Schreie nur noch in ihrem Kopf widerhallten.

Niemand hatte sie fortlaufen sehen. Und erst jetzt, da sie die Burg hinter sich ließ, ihre Brüste flach gebunden waren und sie Männerkleidung trug, wurde ihr klar, dass sie schon lange an Flucht gedacht hatte.

Die Tunika und die Beinlinge, der Proviant, der Wanderstab und eine Handvoll Münzen – alles hatte bereitgelegen. Aber als der Augen­blick kam, hatte sie keinen Plan, sondern wollte nur fort.

Jane sog tief die frische Luft ein und verdrängte ihre Gewissensbisse. Solay würde sie nicht vermissen. Die anderen waren ja da. Es waren Frauen, die wussten, was zu tun war – ihre Mutter, ihre Schwägerin und die Amme – jede von ihnen war eine größere Hilfe als sie.

Sie passte nicht in die Welt der Frauen. Es war eine Welt voller Verantwortungen, die sie nicht tragen wollte. Voller Erwartungen, die sie niemals würde erfüllen können. Sie wollte leben wie ein Mann, wollte gehen, wohin es ihr gefiel, und frei über ihr Tun entscheiden. Ohne die Grenzen, die einer Frau gesetzt waren.

Sie blinzelte die aufsteigende Trauer über den Verlust ihrer Familie fort, straffte die Schultern und stellte sich entschlossen ihrer Zukunft.

Als ein Krieger würde sie wohl kaum durchgehen. Aber sie hatte oft dem Gatten ihrer Schwester zugehört und so einiges über die Arbeit der Beamten gelernt. Als gelehrter Mann würde sie unerkannt unter Männern leben können.

Und als Beamter konnte sie vielleicht sogar einen Platz bei Hofe finden. Nicht den Platz, der ihr von Standes wegen gebührte, aber doch einer, auf dem sie den König in wichtigen Staatsangelegenheiten in Rom oder Paris vertreten konnte.

Sie schulterte ihren Beutel.

Frei wie ein Mann. Von niemandem abhängig.

Wenn sie den Weg richtig berechnet hatte, würde sie in drei Tagen in Cambridge sein.

Zwei Tage später erwachte Jane, frühstückte ein paar Beeren und ging wieder dem Sonnenaufgang entgegen. Mit zusammengekniffenen Augen suchte sie einen ersten Blick auf Cambridge zu erhaschen.

Während sie der Straße immer weiter Richtung Osten folgte, zwitscherten die Vögel. Eine Kuh drehte sich um und schaute ihr nach, wobei sie friedlich ihr Heu kaute.

Du lässt deine Schwester im Stich, wenn sie dich am meisten braucht, schien sie sagen zu wollen.

Jane drehte den anklagenden Augen den Rücken zu. Was hätte sie tun können, was die anderen nicht besser konnten?

Ihr Magen knurrte. Sie hätte mehr Brot und Käse einpacken sollen. Aber sie war es nicht gewöhnt, sich selbst um ihr Essen zu kümmern.

Die zwei Tage auf der Straße waren ihr wie zehn vorgekommen.

Nach zwei Nächten, in denen sie am Straßenrand geschlafen hatte, sah sie nicht mehr sehr gepflegt aus. Und sie roch auch nicht mehr allzu gut. Den Wanderstab hatte sie schon am ersten Tag verloren, als sie in einen Fluss gefallen war. Seitdem war sie in feuchten Kleidern weitergewandert. Dann hatte sie auch noch eine Wespe gestochen.

Sie kratzte ihre geschwollene Hand und fragte sich, wie weit es wohl noch bis Cambridge war.

Als sie mit einem Mal Hufegetrappel hinter sich vernahm, war sie zu müde, um davonzulaufen. Was konnte ein Dieb bei ihr schon finden?

Außer, er merkte, dass sie eine Frau war. Dann hatte sie mehr zu verlieren als nur ihre paar Münzen.

Während Pferd und Reiter näher kamen, gab sie sich alle Mühe, auszuschreiten wie ein Mann.

Sie waren ziemlich breitschultrig, das Pferd und auch der Mann.

Der Mann sah wie ein Gesetzloser aus, so wild. Er war vielleicht Mitte zwanzig, hatte ein hageres Gesicht mit einer gebrochenen Nase, zotteliges schwarzes Haar und einen struppigen Bart. Die Laute, die er auf dem Rücken trug, ließ ihn auch nicht vertrauenswürdiger erscheinen. Fahrende Sänger waren ein Sinnbild allen Lasters.

Er zügelte sein Pferd, sah auf sie herunter und sagte etwas in einem Dialekt, den sie nicht verstand.

Sie schaute ihn misstrauisch an und versuchte, die Worte zu enträtseln. Seine Augen, die so grau waren wie Regenwolken, blickten nicht unfreundlich. „Was habt Ihr gesagt?“

Er seufzte und sprach jetzt langsam, wie in einer fremden Sprache. „Wo gehst du hin?“

Sie räusperte sich. „Cambridge.“ Hoffentlich klang ihre Stimme tief genug.

Er lächelte. „Ich auch. Dann bist du also ein Student?“

Aus Angst, dass ihre Stimme sie verraten könnte, nickte sie nur.

Langsam ließ er den Blick über sie gleiten und musterte sie ausgiebig von oben bis unten. Unruhig trat sie von einem Fuß auf den anderen. Da war so ein Aufblitzen in seinen Augen.

„Studenten reisen nicht allein“, meinte er schließlich.

„Spielleute auch nicht.“

Er lachte. Es hörte sich angenehm an. „Ich spiele für mich.“

Einen Moment lang beneidete sie ihn um sein Instrument. Wenn sie wie ein Mann lebte, musste sie auf Lieder verzichten. Sie waren das einzig Weibliche an ihr.

„Wie ist dein Name, Junge?“

Junge. Sie verbiss sich ein Grinsen. „Ja–“ Sie hustete. „John. Wie nennt man Euch?“

„Duncan.“ Er nickte ihr vom Rücken seines Pferds aus zu. „Wo kommst du her?“

Sie schluckte und dachte schnell nach. Eigentlich hatte sie sagen wollen, sie käme aus Essex, wo sie bis zum Frühling gelebt hätte. Aber um dieses Märchen zu erzählen, war sie auf der falschen Seite von Cambridge.

„Was spielt das für eine Rolle?“

Er sah sie nur vom Pferd herunter an und machte sich nicht die Mühe zu antworten. Es war immer wichtig, woher ein Mann kam. „Du bist kein Waliser, oder? Die Waliser sind nicht meine Freunde.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Auch kein Ire?“

„Sehe ich aus wie einer?“

„Du siehst aus, als hättest du einen Tropfen nordisches Blut in dir.“

Sie biss sich auf die Zunge und schüttelte den Kopf. Die hellen Haare hatte sie von ihrem Vater, dem verstorbenen König. Noch etwas, das sie geheim halten musste. „Wo ist Eure Heimat?“, stellte sie eine Gegenfrage.

„Eden Valley“, antwortete er, und einen Moment lang wurde sein Gesicht weich. „Wo Cumberland an Westmoreland grenzt.“

Das erklärte seine fremde Sprache. Sie musterte ihn ebenso freimütig wie er sie. „Dort esst Ihr euer Mahl ungekocht?“

Sie war zwar noch nie jemandem aus den nördlichen Ländern begegnet, aber alle Welt wusste, dass die Leute dort ungehobelt und grob waren. Und so sah er auch aus – außer in jenem Augenblick, als seine Augen plötzlich so sanft geblickt hatten.

Doch jetzt war sein Blick ganz und gar nicht sanft. „Du hast also diese Geschichten gehört, was?“ Er stieß ein Knurren aus und beugte sich mit gebleckten Zähnen zu ihr hinunter. „Aye, das tun wir. Wie Wölfe reißen wir das rohe Fleisch.“

Als hätte ein Windstoß sie getroffen, taumelte Jane zurück und landete im Straßenstaub.

Der Reiter lachte. Ihr wurde klar, dass er sich nur einen Spaß mit ihr gemacht hatte.

Sie wartete darauf, dass er ihr seine Hilfe beim Aufstehen anbot, aber dann fiel ihr ein, dass sie ja ein Junge war und sich selbst helfen konnte. „Na ja, man erzählt es sich“, meinte sie, während sie aufstand und sich den Schmutz vom Hinterteil abklopfte.

Er schüttelte den Kopf. „Eins ist gewiss, du kommst aus dem Süden. Während du den Sommer damit verbringst, hübsche Gärten anzulegen und poetische Verse zu sabbeln, hindern wir die Schotten daran, über England herzufallen wie die Sense über den Weizen.“

Ach ja, sie würde noch lernen müssen, voll Begeisterung über den Krieg zu sprechen. „Und Ihr seid weit davon entfernt, den Franzosen gegenübertreten zu müssen.“

„Das glaubst du also? Bist du so dumm, zu vergessen, dass es ein Schotte war, der den Franzosen die Tür öffnete, als sie das letzte Mal ihren Fuß auf englische Erde setzten?“ Er sah sie zornig an. „Während du hier herumstehst und wie ein Weib bibberst, überschreiten die Schotten unsere Grenzen und verbrennen unsere Ernte.“

Wie ein Weib. Die Schotten stellten im Augenblick wirklich die geringste Gefahr für sie dar. Als Frau erkannt zu werden, war die größere Bedrohung. Sie hob die Fäuste und baute sich breitbeinig auf. „Kommt runter von Eurem Pferd, und stellt Euch meinen Fäusten. Dann werden wir ja sehen, wer der bessere Mann ist.“

Sein grimmiger Gesichtsausdruck wich einem breiten Grinsen. Es hörte sich wundervoll an. Er beugte sich über den Hals seines Pferdes und klopfte ihr auf die Schulter. „Nun, Little John, ich sehe, dass du noch viel lernen musst. Aber für heute will ich dich mal nicht in der Luft zerreißen.“

Sie gab sich Mühe, nicht allzu erleichtert auszusehen.

„Komm.“ Er streckte die Hand aus. „Setz dich hinter mich aufs Pferd. Du wirst Cambridge sehen, bevor der Tag zu Ende ist.“

Verdreckt, wie sie es nach dem tagelangen Wandern war, zuckte sie nur lässig mit den Schultern, als wäre das nicht so wichtig. Denn ihrer Erfahrung nach fiel es Männern nicht leicht, Hilfe anzunehmen. „Na ja, wenn Ihr darauf besteht. Ich kann nämlich ganz gut auf mich selbst aufpassen, müsst Ihr wissen.“

Anders als eine Frau, die von einem Mann abhing, wenn sie etwas in den Bauch bekommen und Luft zum Atmen haben wollte …

„Ja, ja, du kommst gut klar mit allem“, sagte er und betrachtete mit hochgezogenen Brauen ihr heruntergekommenes Äußeres. „Jetzt nimm Hilfe an, wenn sie dir angeboten wird.“

Mit Schwung beförderte er die Laute von seinem Rücken nach vorne auf seine Brust und nahm den Fuß aus dem Steinbügel, so dass sie aufsteigen konnte. Dann packte er sie mit festem, sicherem Griff am Arm und hob sie hinter sich aufs Pferd. Sie kämpfte um ihr Gleichgewicht, als das Tier einen Schritt zur Seite tat. Die Laute hüpfte auf Duncans Brust auf und ab.

„Du musst dich festhalten, Little John. Wenn du runterfällst, kannst du den Rest des Weges zu Fuß gehen.“

Sie klopfte dem Pferd beruhigend auf die Kruppe, als es lostrabte, und schlang dann die Arme um den Mann. Aber sie wagte es nicht, sich richtig an ihm festzuhalten. Ihre Brüste waren zwar bandagiert, aber würde er sie nicht trotzdem spüren? Auch ihre weit gespreizten Beine, die sich an seine Hüften pressten, drohten ihr Geheimnis zu verraten. Würde er merken, dass da – etwas fehlte?

Sie musste sich mit ihm unterhalten. Das würde ihn ablenken. Und sie auch. „Ihr hattet ein Scharmützel mit den Schotten, sagt Ihr?“

„Scharmützel? Na ja, wenn du es so nennen willst. Dreitausend stürmten in das Tal und waren auf halbem Weg nach Appleby, bevor ich mich davonmachte.“

„Ihr machtet Euch davon?“ Sie war so verblüfft, dass die Worte einfach aus ihr herausplatzten. Männer drückten sich nicht vor einer Schlacht.

„Ich wurde ausgeschickt, um Hilfe anzufordern – nein, um unseren erhabenen König und seinen Kronrat um Hilfe anzuflehen.“ Aus seinen Worten war der Hohn herauszuhören.

„Ihr saht den König?“ Ihre Mutter, die Geliebte des alten Königs, war nach dessen Tod vom Hof geflohen. Damals war Jane fünf Jahre alt gewesen. Sie erinnerte sich kaum noch daran. Aber im vergangenen Jahr war Solay an den Hof zurückgekehrt, und ihre Schwester hatte jeder ihrer Geschichten gelauscht.

„Gesehen? Ich habe mit ihm gesprochen. Er kennt mich beim Namen.“ Wieder wurde sein Akzent hörbar, und ein gewisser Stolz schwang in seiner Stimme mit.

Sie war sprachlos. Die verwandtschaftlichen Verhältnisse waren ihr zwar nicht ganz klar, aber der neue König war irgendwie ein Halbneffe von ihr, auch wenn er einige Jahre älter war als sie. Jane war ihm noch nie begegnet.

Wie es schien, besaß selbst ein Gemeiner aus dem Norden mehr Bedeutung als eine Frau. „Und was meinten sie also? Der König und sein Rat?“

„Nächstes Jahr.“ Seine Worte klangen harsch. „Sie sagten ‚nächstes Jahr‘.“

Invasoren würden nicht auf die Erlaubnis des Rats warten. Sie fragte sich, wie weit es wohl bis Appleby war. „Warum nicht jetzt?“

„Weil sie kein Geld hätten. Winter sei eine miserable Jahreszeit für einen Feldzug und noch ein paar weitere Ausreden, an die ich mich nicht mehr erinnern kann.“

Weder ihre Schwester noch deren Gatte hatten eine hohe Meinung von der derzeitigen Regierung. Doch sie behielten ihre Meinung für sich. Wenn man die illegitime Tochter eines toten Königs war, so war es gefährlich, den lebenden zu schmähen, gerade wenn dieser wirklich verschlagen und wenig vertrauenswürdig war.

„Warum geht Ihr dann nach Cambridge?“ Würde ein Mann nicht nach Hause zurückkehren und kämpfen?

„Unter anderem, weil das Parlament hier zusammentritt.“

Sein Ton verriet ihr, dass er der Meinung war, mit dieser einfachen Feststellung sei alles gesagt.

„Ich verstehe nicht ganz.“ Ihre Familie hatte die Erfahrung gemacht, dass das Parlament noch schlimmer war als König und Kronrat. Es wäre aber nicht klug gewesen, das laut zu verkünden. „Ihr sitzt also im Unterhaus?“ Fahrender Sänger? Abgeordneter? Wer war dieser Mann?

„Nein, aber ich muss mit denen sprechen, die darin sitzen.“

„Und der König? Wird er auch dort sein?“

„In vierzehn Tagen“, antwortete Duncan.

„Wie ich hörte, soll er gut aussehen und sehr beliebt sein?“

„Das müssen dir die Mädchen erzählt haben. Aber die Beschreibung passt. Pomp und Prunk. Er lässt einen merken, wer er ist.“

Sie war überzeugt, dass sie ihn erkennen würde, wenn er ihr begegnete. Und wenn der König nach Cambridge kam, würde sie schon dafür sorgen, dass sie ihm begegnete.

Während sie schweigend weiterritten, gab es nichts, das sie von seinem kräftigen, breiten Rücken ablenkte. Sie saß in seinem Windschatten, aber die Wärme, die sie spürte, kam eher aus ihrem eigenen Inneren. Noch nie war sie einem Mann so nah gewesen. Ganz bestimmt keinem aus dem Grenzland.

Viele Fragen brannten ihr auf der Zunge. Man hatte ihr erzählt, dass die Menschen aus dem Norden halbe Tiere waren. Er sah aber nicht viel anders aus als andere Männer.

„Erzählt mir von der Gegend, aus der Ihr kommt“, bat sie schließlich. Jetzt hatte sie Gelegenheit, ihn zu fragen.

Er antwortete nicht sofort.

„Überall Berge“, sagte er endlich. „Ich wette, du hast noch nie ein Gebirge gesehen.“

Sie schüttelte den Kopf. Dann fiel ihr ein, dass er sie ja nicht sehen konnte. „Nein.“

„Nun, es gibt Schluchten, Wildbäche und Felsenhöhen – alles, was ein Mensch sich auf Erden wünschen kann.“

Das hörte sich nicht nach dem düsteren und kalten Teufelsland an, das sie erwartet hätte. „Es gefällt Euch also?“

„Die Erde spricht zu mir.“

„Das hört sich poetisch an.“ Sie biss sich auf die Lippen. Hoffentlich empfand er ihre Worte nicht als Beleidigung. Aber er nickte nur.

„Das Land ist ein einziges Gedicht.“ Er schien sich seiner Worte nicht zu schämen. So einen schönen Vergleich hätte sie von einem Hinterwäldler nicht erwartet. Trotzdem – Gott hatte dem Menschen die Herrschaft über die Erde gegeben, damit er Kontrolle über deren beängstigende Macht ausübte. Nur ein Wilder würde sich für ein Leben in der Wildnis entscheiden.

Der Mann vor ihr bewegte die Schultern, als wollte er einen Gedanken verscheuchen. „Aber es ist nicht länger meine Heimat. Und wo liegt die deine, Junge?“

Sie kaute auf der Lippe herum und dachte nach.

Die Wahrheit zuerst. Danach die Lüge. „Ich stamme aus Essex, aber ich habe in der Nähe von Bedford gelebt. Bei meinem Onkel.“ So viel konnte sie ihm ruhig erzählen. Er würde die Gegend nicht kennen. „Nachdem meine Eltern gestorben sind.“

Eine Familie zu haben, konnte sich als unbequem erweisen. Also machte sie sich ohne Gewissenbisse zur Waise und war innerlich auf Mitleidsbezeugungen gefasst. Sie konnte mit aufrichtigen Gefühlen darauf reagieren, denn schließlich war ihr Vater wirklich tot.

Aber anstelle von Ausdrücken seines lebhaften Mitgefühls hörte sie nur ein Gemurmel, das „Tut mir leid“ bedeuten konnte.

Wieder herrschte Schweigen. Wie es schien, hatten Männer viel weniger zu erzählen als Frauen.

„Ich gehe nach Cambridge, um die Gesetze zu studieren, damit ich später dem König dienen kann“, verkündete sie schließlich. Das würde ihn sicher beeindrucken. Er selbst konnte wahrscheinlich noch nicht einmal lesen.

„Ach, wirklich?“ Er hörte sich nicht sehr beeindruckt an. „Und wo wurdest du bis jetzt unterrichtet?“ Er fragte, als würde er sich im Schulwesen auskennen.

Zu spät erkannte sie, dass sie sich mit ihrer Prahlerei in Gefahr gebracht hatte. „Och, zu Hause. Vom Priester.“ Die Schule war nur für Jungen da.

„Und wie alt bist du?“ In seinem Ton klang noch etwas anderes mit als nur sein nordischer Akzent. „Fünfzehn? Viel älter kannst du nicht sein. Du bist noch nicht im Stimmbruch.“

Sie schluckte und war froh, dass ihre Stimme von Natur aus für eine Frau ziemlich tief war. Um für einen Jungen gehalten zu werden, war sie bereit, auf ein paar Jahre zu verzichten. „Nach Maria Lichtmess werde ich fünfzehn.“ Bis dahin war es noch ein halbes Jahr.

„Und du bist zum ersten Mal an einer Universität.“

„Ja“, antwortete sie, und merkte dann erst, dass es nicht als Frage gemeint war.

„Wie gut ist dein Latein?“ Jetzt brachte er sie aber wirklich in Bedrängnis.

„Es geht.“

„Ubi ius incertum, ibi ius nullum“, zitierte er ohne den geringsten Akzent.

Es war irgendeine Beleidigung des Gesetzes, so viel glaubte sie zu erkennen.

„Varus et mutabile semper femina“, antwortete sie zögernd. Eine Beleidigung der Frauen machte sich immer gut als Erwiderung.

Varius, nicht varus. Die Frau ist ein launisches und unbeständiges Wesen. Und kein krummbeiniges.“

Ihre Wangen brannten. Der Mann war nicht der Einfaltspinsel vom Land, für den sie ihn gehalten hatte. „Ich kann das Lateinische besser lesen als sprechen.“

„Das hoffe ich. Und du willst ein Rechtsgelehrter werden?“ In seiner Stimme schwangen Belustigung und Abscheu mit.

Sie seufzte. „Eigentlich wollte ich nur fort von zu Hause.“

Wieder ein Lachen. Sie fing an, den Klang zu mögen. „Da wirst du in guter Gesellschaft sein. Manchmal denke ich, mehr Studenten kommen aus diesem Grund an die Universität als zum Lernen.“

Bei dem warmen Ton seiner Stimme erwachte ein angenehmes Kribbeln zwischen ihren Beinen. Dort, wo sie sich an ihn schmiegte. Ein mehr als angenehmes Kribbeln.

Ihre Schwester hatte einmal versucht, ihr die Sache zwischen Männern und Frauen zu erklären. Mit vielen schönen Worten über Körper und Herzen und Seelen. Dennoch hatte es sich angehört, als spräche sie über eine Krankheit. Oder schlimmer noch, über eine Verrücktheit, die dazu bestimmt war, einer Frau so sehr den Verstand zu vernebeln, so dass sie ihr ganzes Leben einem Mann unterordnete.

Jane hatte noch nie so empfunden und wollte es auch gar nicht. Noch etwas anscheinend, in dem sie sich von anderen Frauen unterschied.

Aber das hier, das fühlte sich gut an.

Er zuckte mit den Schultern. „Ich selbst habe keine Verwendung für Rechtsgelehrte. Aber wenn du dich zu dem Studium entschlossen hast, findest du in John Lyndwood den besten Master.“

Sie murmelte eine undeutliche Antwort. Was Cambridge betraf, so brauchte sie keine Ratschläge von einem Bauern aus Cumberland. Selbst wenn er irgendwo ein paar lateinische Sätze aufgeschnappt hatte.

Sie wusste, was sie an der Universität erwartete. Der Gatte ihrer Schwester war in den Inns of Court, den vier Anwaltskammern, ausgebildet worden und hatte ihr alles darüber erzählt. Dort gab es hübsche Blumenbeete und Innenhöfe. Sie würde durch die Gärten schlendern, interessante Bücher lesen und dann mit ihren Kommilitonen darüber debattieren.

Aber als das Pferd über die Brücke und durch das Tor trottete, rückte die Stadt beängstigend nahe und sah gar nicht so aus, wie sie es erträumt hatte.

Ein Wirrwarr von eng zusammenstehenden Häusern säumte die verwinkelten, stinkenden Gassen. Hier und da gähnten Löcher wie in einem schadhaften Gebiss, und nur verkohlte Balken zeugten davon, dass dort einmal ausgebrannte Heimstätten gestanden hatten.

„Wo wohnst du?“ Duncan hob die Stimme, damit sie ihn trotz zweier laut quiekender Schweine hören konnte, die sich gegenseitig um die Hausecken jagten. „Ich bringe dich hin.“

In der Spätsommerluft hing schwer der Geruch nach Pferdemist und rohem Fisch. Wo war der friedliche, abgeschottete Garten, von dem Justin erzählt hatte? Sie war nach Cambridge gekommen, weil es weitab vom Weg lag und ihre Familie sie hier wahrscheinlich weniger suchen würde als in London oder Oxford. Hatte sie einen Fehler gemacht? Sie hatte selbstständig sein und niemandem Rechenschaft ablegen wollen. Aber in diesem Augenblick verhieß sogar ein Fremder mit einem nordischen Akzent Sicherheit.

Sie schlang die Arme fester um ihren Retter.

„Presse mir nicht die Luft heraus, Junge.“

Schnell lockerte sie den Griff. So wie sie reagierte schließlich kein Mann.

„Lasst mich hier runter.“ Sie kletterte vom Pferd, um den widersprüchlichen Gefühlen und seinem schützenden Rücken zu entgehen.

Er betrachtete sie, wie sie so auf der Straße stand und ihr kleines Bündel umklammerte. „Du hast keinen Platz, wo du bleiben kannst, nicht wahr?“

„Noch nicht, krieg ich aber.“ Die Sonne stand noch hoch. Sie hatte genug Zeit, sich ein Lager zu suchen. „Ich bin Euch dankbar für den Ritt.“

Er sah stirnrunzelnd auf sie herab. „Hast du Freunde, die hier leben? Einen Master, der dich erwartet?“

Sie nahm eine ziemlich großspurige Haltung an und schüttelte den Kopf. Ob Männer innerlich auch solche Angst hatten, wenn sie sich so furchtlos gaben? „Ich mache das auf meine Art.“

Es war Zeit zu gehen, aber sie konnte den Blick nicht von seinen forschenden Augen wenden.

„Du hast keinen Ort, wo du leben kannst, keinen Master, der dich aufnimmt und keine Freunde, die dir helfen.“ Er lehnte sich im Sattel zurück und starrte auf sie hinunter. „Du hast überhaupt keine Pläne gemacht, nicht wahr?“

Sie schüttelte den Kopf und schämte sich plötzlich. Bedrohlich und angsteinflößend ragte Cambridge um sie herum auf. Noch nie hatte sie sich um ihre Unterkunft oder ihr Essen kümmern müssen. Aber sie würde nicht klein beigeben wie eine Frau. Durch ihre Adern floss schließlich königliches Blut.

Sie hob den Kopf und sah ihm in die Augen. „Ich kann mich um mich selbst kümmern!“

Er schüttelte den Kopf. „Morgen beginnt der Jahrmarkt, da ist kaum noch eine Kammer zu bekommen. Dabei sind die Lords und Landjunker des Parlaments noch nicht einmal angekommen. Ich kann dir wenigstens einen Strohsack für die Nacht anbieten.“

Stolz und Angst rangen in ihrem Inneren miteinander. Für einen Neuankömmling in diesem Land schien er eine Menge über diese Stadt zu wissen, aber sie wusste nichts über diesen Fremden. Sie hatte ihre Familie verlassen, um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, und nicht, damit sie es einem Tölpel mit starken Armen und einem melodischen Lachen überließ. „Danke, aber ich benötige Eure Hilfe nicht.“

Er beugte sich vor, legte ihr eine Hand auf die Schulter und schüttelte sie leicht. „Du wirst ein paar Freunde brauchen, Little John. Es ist keine Schande, eine dargebotene Hand zu ergreifen.“

Sie straffte die Schultern. Irgendwie schüchterte dieser Mann sie ein, und das bestimmt nicht, weil er sein Fleisch roh aß. „Ich möchte lieber selbst auf mich aufpassen.“ Wenn sie es oft genug sagte, würde es schon wahr werden.

„Na, wenn du das möchtest.“ Sein nordischer Akzent war wieder deutlich zu hören. „Dann viel Glück.“ Er wandte sein Pferd um, bereit, davonzureiten.

Sie biss sich auf die Lippen. Jetzt hatte sie ihn verärgert. „Aber ich danke Euch trotzdem für das freundliche Angebot“, rief sie hinter ihm her, als er fortritt.

„Ein zweites bekommst du nicht“, rief er ihr über die Schulter zu.

Etwas unsicher vom langen Ritt ging sie in die entgegengesetzte Richtung und versuchte den Eindruck zu erwecken, als wüsste sie, wohin sie gehen musste. Sie zwang sich, nicht zurückzuschauen.

„Hey, John!“

Sie drehte sich um. „Ja?“

„Halte dich vom Schlachterviertel fern. Und wenn du an der Bierschenke am Solar Hostel vorbeikommst, schau mal rein. Dann heben wir gemeinsam einen.“

Sie winkte ihm fröhlich zu, ging weiter und fragte sich dabei, woher sie wissen sollte, wo die Schlachter lebten.

Duncan zügelte sein Pferd, sah zu, wie der helle Schopf des Jungen in der Menge verschwand und widerstand dem Bedürfnis, ihm zu folgen. Der arme Bursche hatte sich so fest an ihn geklammert, dass er kaum noch Luft bekommen hatte. Und doch seine Hilfe abgelehnt. Jung, verletzlich, voll Enthusiasmus und zu stolz, um anzunehmen, was ihm angeboten wurde. Es war Jahre her, dass er genauso gewesen war. Aber er konnte sich noch gut daran erinnern.

Er hätte den Jungen einfach mitnehmen sollen. Die Welt war voller Gefahren, und es brauchte nur einen Augenblick. Wenn der Bursche an den falschen Ort ging, jemanden auf die falsche Art ansah, jemanden in der falschen Stimmung antraf …

Nun, er würde es selbst herausfinden. Wie alle anderen auch hatte der Junge Duncan für einen Tölpel aus dem Grenzland gehalten. Sollte er ruhig allein durch die Straßen wandern, wenn er so voller Vorurteile war.

Aber es war etwas an ihm, etwas, das Duncan keine Ruhe ließ. Es hatte ihn auf unerklärliche Weise geärgert, als seine Hilfe zurückgewiesen wurde. Warum war dieser Junge nur so scheu?

Duncan wandte sein Pferd die Straße hinunter in Richtung Solar Hostel. Er hatte an wichtigere Dinge zu denken als an einen undankbaren Rotzjungen. Pickering konnte jeden Tag hier eintreffen, und dann mussten Pläne geschmiedet werden, bevor das Parlament zusammentrat. In der Zwischenzeit musste er dafür sorgen, dass die Küchenvorräte der Herberge aufgefüllt wurden und dass die Betten bereit waren, bevor die Scholaren zurückkehrten.

Aber irgendwie wusste er jetzt schon, dass er sich bis spät in die Nacht darum sorgen würde, ob der Junge ein Lager gefunden hatte.

2. KAPITEL

Jane knurrte der Magen, während sie beobachtete, wie Männer die Schenke betraten und verließen. Seit dem Porridge, den ihr ein freundlicher Pedell des King’s Hall gestern spendierte, hatte sie nichts mehr gegessen.

Ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen erwies sich als schmutziger und einsamer, als sie es sich vorgestellt hatte. Seit fünf Tagen hatte sie nur wenig Essen und noch weniger Wasser zum Waschen gesehen. Sobald es hell wurde, ging sie von College zu College auf der Suche nach einem Master, der sie aufnehmen würde. Und als es dunkel wurde, hatte sie wach gelegen, für ihre Schwester und das Baby gebetet und gehofft, Gott und ihre Mutter würden ihr verzeihen, dass sie fortgelaufen war.

Die Masters der Colleges schienen auch nicht mehr Mitleid mit ihr zu haben als der Allmächtige.

Sie hatte das richtige Alter und das richtige Geschlecht – zumindest gab sie das vor. Aber sie hatte wenig Geld, und ihr von der Familie so bewundertes Latein beeindruckte die Master nicht. Sie zeigten kein Verständnis dafür, dass Jane Schwächen in einer Sprache aufwies, die sie nicht nur würde lesen, sondern täglich sprechen müssen.

Vielleicht hätte sie die Hilfe des Mannes aus dem Norden annehmen sollen.

Mehr als einmal musste sie an ihn denken. Es waren die Gedanken einer Frau, nicht die eines Jungen. Sie dachte daran, wie sich seine warme, feste Hand auf ihrer Schulter angefühlt hatte, an sein klangvolles Lachen. An die harten Muskeln seiner Brust und an das Gefühl, das sie gehabt hatte, als er zwischen ihren Beinen saß.

Das waren gefährliche Gedanken.

Trotzdem stand sie an diesem Nachmittag vor der Bierschenke nahe dem Solar Hostel und hielt nach einem heruntergekommenen schwarzhaarigen Nordländer Ausschau. Entdeckte sie ihn, würde sie näher schlendern und so tun, als wäre sie überrascht, ihn zu sehen. Als wäre sie nur zufällig da.

Aber sie sah ihn nicht. Und als nach einiger Zeit die Frau gegenüber sie musterte, als wollte sie gleich die Wache rufen, straffte Jane die Schultern. Vielleicht war er ja schon drinnen. Sie würde einen kurzen Blick in das Wirtshaus werfen.

Zögernd legte sie eine Hand auf den Türgriff. Sie war noch nie in einer Bierschänke gewesen. Wer wusste, was sie da drinnen erwartete?

Durch die geöffnete Tür drang Licht in den dunklen Raum, und alle Augen wandten sich ihr zu. Sie senkte den Kopf und hoffte, dass niemand so genau hinschauen würde. Aber als die Gespräche nicht verstummten, holte sie tief Luft und sah sich um.

Da entdeckte sie ihn endlich in einer Ecke, und im selben Moment sah er sie auch. So etwas wie Freude leuchtete in seinem Gesicht auf – oder täuschte sie sich? Unwillkürlich atmete sie schneller. Und das nur, weil es schön war, jemand zu sehen, der bei ihrem Anblick lächelte und kein finsteres Gesicht machte.

Er winkte sie an seinen Tisch, und als es ihr nicht gelang, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen, kam er zu ihr, legte den Arm um ihre Schulter und führte sie zu der Ecke. „Oust fettal?“

Worte, die sie nicht verstand, aber sie klangen freundlich. Sie blinzelte die Tränen zurück. „Wenn Ihr mich fragt, wie es mir geht – mir geht es gut.“

„Fein. Setz dich.“

Sie tat es und hoffte nur, dass der Geruch, der von ihr ausging, nicht gar zu stark war. Sie hatte sich in einen Stall geschlichen und bei den Pferden geschlafen. Mit Pferden konnte sie schon immer gut umgehen. Ein wenig Kraulen, ein kleines Lied, und schon machten sie Platz und ließen sie ein kleines Nickerchen machen.

Er lächelte immer noch, und sie erwiderte sein Lächeln. Für einen etwas zu langen Moment taten sie nichts anderes, als einander sprachlos und glücklich anzuschauen.

Die Schankdirne zerstörte den Zauber. „Einen Krug Bier?“

„Hier ist endlich Little John“, sagte Duncan und schlug ihr auf den Rücken, dass sie fast von der Bank fiel. „Bring ihm mal einen Krug voll von eurem Übelsten.“

Sie fragte sich, was er da wohl bestellte.

Die Schankdirne schenkte ihr ein zahnloses Grinsen. „Er hat uns schon von dem Burschen erzählt, den er auf der Straße traf. Freu mich, dass du noch deinen Kopf auf den Schultern trägst.“ Kichernd ging sie das Getränk holen.

Überrascht sah Jane den Mann neben sich an. Bei dem Gedanke, dass sie ihm wichtig genug war, um anderen von ihr zu erzählen, wurde ihr warm ums Herz. „Warum sollte ich meinen Kopf nicht mehr tragen?“

Er lehnte sich zurück und trank einen Schluck. „Cambridge ist nicht immer ein freundlicher Ort.“

„Schlimmer als das. Die Leute hier sind gemein.“

„Schlimmer als erwartet, was?“

Nur keine Schwäche zeigen. Sie zuckte die Achseln. „So schlimm auch wieder nicht.“

Ihr Getränk wurde gebracht. Sie zog die Nase kraus beim Anblick der trüben Brühe und trank vorsichtig einen Schluck.

Duncan grinste. „Das ist Studentenbier, Bursche. So gut wie das tägliche Brot.“

Dankbar dafür, überhaupt etwas in den Magen zu bekommen, nickte sie. Es schmeckte nach Hafer und Eichenholz.

Ihre Schulter streifte Duncans, und wieder erwachte in ihr das Gefühl, das sie sie bereits verspürt hatte, als sie hinter ihm auf dem Pferd saß. An ihn geschmiegt, hatte sie bemerkt, was für eine breite Brust er hatte und wie stark seine Muskeln waren. Aber dabei hatte sie ihm nicht ins Gesicht sehen müssen.

Jetzt traf sie sein Blick im Halbdunkel des Schankhauses. Aus Angst, er könnte zu viel entdecken, wich sie in den Schatten zurück. Die anderen schenkten ihr meist nur einen kurzen Blick und sahen nur, was sie zu sehen erwarteten. Duncans Blick verweilte auf ihr. Große, aber sanfte Hände. Mit festem Griff hatten sie die ihren gehalten.

„Hast du endlich einen Master gefunden?“

„Noch nicht.“ Schon bei einer oberflächlichen Befragung war klar geworden, dass sie den Unbilden der Grammatik und Rhetorik bei Weitem nicht gewachsen war. Sie war in ernster Gefahr, in Zukunft dazu verdammt zu sein, endlos Latein auswendig zu lernen. „Ich habe mit vielen von ihnen gesprochen.“ Sie hoffte, dass ihre gespielte Gleichgültigkeit überzeugend wirkte. „Ich hab mich noch nicht entschieden.“

„Warte aber nicht zu lange. Zwei Wochen nach deiner Ankunft musst du bei einem Master eingetragen sein.“

Mit den Fingern auf den Tisch klopfend, zählte sie nach. Noch zehn Tage. „Bis dahin werde ich schon einen finden.“

Er lächelte skeptisch. „Wenn nicht, wirst du der Universität verwiesen“

„Der Universität verwiesen?“ Sie stöhnte. Wie konnte sie der Universität verwiesen werden, wenn sie sich noch gar nicht in die Immatrikulationsliste eingetragen hatte?

„Oder inhaftiert“, antwortete er fröhlich und hob seinen Becher. „Wie es dem König beliebt.“

Der König. Sie hatte vorgehabt, durch ihre Gelehrsamkeit seine Aufmerksamkeit zu erregen, nicht als ein Student, den keiner wollte.

Aber vielleicht neckte Duncan sie auch nur. Gewiss hatte der König wichtigere Dinge zu tun, als sich um Cambridges Studenten zu kümmern. „Das sagt Ihr jetzt nur so.“

Sein Lächeln erstarb. „Nein, es ist wahr.“

Sie würde sich nicht wieder einschüchtern lassen. „Wie kommt es, dass Ihr so gut über die Universität Bescheid wisst?“

„Würde es dich verwundern, wenn ich dir sagte, dass ich ein Master bin?“

Jetzt machte er aber einen Scherz! „Unmöglich.“ Ein Master musste ein siebenjähriges Studium abgeschlossen haben. Dann erst konnte er eigene Studenten unterrichten. Er hatte das richtige Alter, aber Studierte waren ernsthafte, asketische Burschen, die man gemeinhin nur in einer wallenden Robe sah. Und bestimmt nie im Schankhaus. „Ihr seht überhaupt nicht wie ein Master aus.“

„Ach ja? Mir scheint, du weißt über Master genau so viel wie über das Nordland.“

Er hielt sie wohl für einen Dummkopf. Keinem Gelehrten war es erlaubt, einen Bart zu tragen. „Ihr habt ja noch nicht einmal eine Tonsur.“

Er rieb sich den Kopf und lächelte. Sie bemerkte, dass die Haare in der Mitte kürzer waren, und ein unangenehmes Gefühl beschlich sie. „Es ist während des Sommers nachgewachsen.“

Sie musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen und versuchte, sich ein Urteil zu bilden. „Wenn das wahr ist, was lehrt Ihr dann?“

„Wenn? Nennst du mich jetzt nicht nur einen dummen Barbaren, sondern auch noch einen Lügner?“

Sie stöhnte. „Nein.“ Sie sprach leise, um ihn zu besänftigen. Sonst forderte er sie am Ende noch auf, mit ihm nach draußen zu gehen und die Fäuste zu gebrauchen. „Was habt Ihr studiert?“

„Nicht das Gesetz, kann ich dir sagen.“ Jetzt hatte er wieder diesen harten Akzent. „Ich lehre Grammatik und Rhetorik und studiere etwas, das den Menschen wirklich hilft: Medizin.“

Schon bei dem Wort wurde ihr schlecht. Sie schloss die Augen gegen die aufsteigenden Erinnerungen an die Schreie ihrer Schwester. Nein, sie wollte nichts zu tun haben mit kranken Körpern.

„Hast du schon einen Platz gefunden, wo du bleiben kannst?“

Sie öffnete die Augen und war froh, dass der abweisende Gesichtsausdruck einem mitleidigen Lächeln gewichen war. Das Bier auf leeren Magen zeigte seine Wirkung. Er wollte ihr helfen. Warum ließ sie es nicht zu? Sicher sagte er Ja, wenn sie ihn fragte, ob er sie unterrichten würde. Dann hätte sie einen Master und ein Bett in seiner Studentenherberge und somit keine Probleme mehr.

Doch wenn sie neben ihm saß, fiel ihr das Atmen schwer. Wenn sie seine Hände anschaute, bekam sie einen trockenen Mund. Und wenn sie ihm in die Augen sah, löste sich ihr jungenhaftes Draufgängertum in weibliche Torheit auf.

Er war der einzige Mann, bei dem sie den Wunsch empfand, sich wie eine Frau zu benehmen.

Und das machte ihn zum gefährlichsten Mann von allen.

Nein, sie konnte keine Hilfe von ihm annehmen.

„Ich hab was, abseits der High Street.“ Sie machte eine vage Kopfbewegung Richtung Trumpington Gate. „’ne Witwe. Braucht Hilfe und bietet dafür eine Schlafgelegenheit. Wie Ihr seht, brauche ich Eure Hilfe nicht.“

„Na gut, dann bist du also doch noch irgendwo untergekommen.“

Er wandte sich ab, und sie hatte das Gefühl, als hätte sich eine Wolke vor die Sonne geschoben. Nein, sie durfte nicht noch mehr Zeit mit diesem Mann verbringen. Langsam begann sie sich nämlich nach seinem Lachen zu sehnen. Auch jetzt wartete sie auf ein Lächeln von ihm.

Ein wenig unsicher auf den Füßen erhob sie sich. „Danke fürs Bier. Ich gehe jetzt besser.“

Duncan hielt sie am Arm fest, weil sie schwankte. Ein seltsames Gefühl durchfuhr sie, weckte ein Prickeln in ihren Brustspitzen, das noch nicht einmal die feste Bandage unterdrücken konnte.

„Du hast ganz schön schnell getrunken. Hast du Schlagseite?“ Den Ausdruck kannte sie nicht, aber seine Stimme hatte einen besorgten Klang. „Ich kann dich bis zur Witwe begleiten.“

Sie wollte sich von ihm losmachen. „Nein, nein. Bleibt nur und trinkt Euer Bier aus.“ Betont unbekümmert leerte sie ihren Becher in einem Zug und wischte sich mit dem Ärmel über den Mund. Sie wollte fort, sonst gestand sie ihm noch, dass sie bei den Pferden schlief. „Ich muss jetzt los. Sie wird schon auf mich warten. Muss heute Abend noch einiges tun.“

Sie kämpfte gegen das mädchenhafte Lächeln an, das sich auf ihre Lippen schleichen wollte. Innerlich schwor sie, ihn nicht wiederzusehen. „Ich werde ziemlich beschäftigt sein. Mit meinen Studien. Und mit allem, was ich für die Witwe tun muss.“ Es fiel ihr schwer, so zu reden, Worte zu gebrauchen, die ihn von ihr stießen. Wenn sie ihn wieder kränkte – und inzwischen wusste sie ja, wie sie es machen musste – würde er sie gehen lassen.

„Ich selbst werde auch nicht viel Zeit haben“, antwortete er, ließ ihren Arm los und lehnte sich zurück. Sie hörte die Spitze in seiner Stimme und sehnte sich nach seinem Lachen. „Ich habe Besseres zu tun, als mich um einen Burschen ohne Verstand zu kümmern.“

Gut. Jetzt war er ihr böse. So böse, dass er ihr noch nicht einmal Lebewohl sagte.

Sie ging schnell zur Tür hinaus, verbarg sich draußen aber im Schatten und hoffte, ihn noch einmal zu sehen. Lange musste sie nicht warten. Duncan kam heraus und sah die Straße hinauf und hinunter, als hielte er Ausschau nach ihr.

Und während sie ihm nachsah, wie er fortging zu seinem warmen Bett, biss sie sich auf die Lippe, um nicht in Tränen auszubrechen.

Du wirst ein paar Freunde brauchen, hatte er gesagt.

Fünfzehn Tage. Zehn blieben ihr noch. Aber fünf Colleges hatten sie schon abgewiesen. Wenn die anderen vier sie auch nicht annahmen, würden sie der Reihe nach die Hostels, die Herbergen der Studenten abklappern.

Doch die eine mit dem Namen Solar würde nicht auf ihrer Liste stehen.

„Was für Neuigkeiten?“, fragte Duncan ein paar Tage später ohne große Umschweife. Ein Blick in Pickerings Gesicht verriet ihm, dass es keine gute Nachricht war. Er hatte keine Lust zu warten, bis der Mann sich den Staub der Straße abgewaschen hatte. „Sagt schon.“

Sir James Pickering lehnte sich erschöpft gegen den Tisch. Das helle Licht der Morgensonne, die in den leeren Versammlungsraum des Solar Hostel schien, zeigte gnadenlos die tiefen Falten in seinem Gesicht. „Alle reden nur von Otterburn, aber im Westen fügen sie uns weit größeren Schaden zu. Carlisle steht noch, aber Appleby …“ Er schüttelte den Kopf. „Appleby ist gefallen.“

Zauberhafte, schutzlose Stadt. Für sie hatte es keine Hoffnung gegeben. „Der Rat soll verdammt sein. Ich bat ihn …“ Die Erinnerung an sein Flehen und an die abweisende Haltung des Rates schmerzte in seinem Herzen, als würde ein glühender Stab hineingestoßen.

„Sie sagten Nein?“

„Sie vertrösteten mich aufs nächste Jahr.“ Fast, fast wäre er am Ziel gewesen. „Der König war bereit, das könnte ich schwören. Er sagte dem Rat, er würde sich ein Pferd nehmen und sofort ausreiten.“

„Der Rat untersteht aber nicht seinem Kommando.“

Das wusste Duncan, aber es machte keinen Unterschied. „Ich hätte andere Argumente bringen müssen. Argumente, die sie überzeugten, sofort Hilfe zu schicken.“

„Ihr habt den König überzeugt.“

„Das nützt überhaupt nichts.“

Pickering seufzte. „Na ja, in der jetzigen Zeit ist der Rat vorsichtig. Bei der Parlamentssitzung im Februar hat man auf Antrag des Rates die engsten Berater des Königs zum Tode verurteilt. Jetzt müssen die Lords der Ratsversammlung und die Appellanten fürchten, dass das Parlament sich gegen sie wendet.“

„Erzählt das denen, die allein den Schotten gegenüberstehen“, brummte Duncan unwirsch.

„Der Winter bricht an. Vor nächstem Jahr kommen die Schotten nicht wieder.“

„Seid Ihr Euch da so sicher? Was, wenn Ihr Euch täuscht? Hätte ich sie damals nur überzeugt! Wenn sie noch am selben Tag losgeritten wären –“

„Quält Euch nicht. Bevor Ihr den König überhaupt erreicht hättet, wären die Schotten schon wieder über die Grenze verschwunden.“ Der Mann schwieg, als hielt er noch schlimmere Nachrichten zurück.

„Was noch?“

„Euer Vater.“

Duncan umklammerte das raue Holz des Tisches. Ihm war, als drehte sich alles, und er musste sich setzen.

„Die Schotten. Sie ergriffen ihn.“

Die Worte trafen ihn so hart wie die Schläge seines Vaters.

Er sah den alten Mann vor sich, voller Narben aus zahllosen Schlachten, von denen er viele gegen seine eigenen Söhne geführt hatte. Der alte Mann symbolisierte alles, wovor er zu flüchten versucht hatte.

Und alles, wovor er nicht hatte fliehen können.

„Meine Mutter? Michael?“ Unwillkürlich verfiel er wieder in den Dialekt seiner Kindheit.

„Sind unverletzt, Gott sei Dank. Euer Bruder nimmt jetzt die Stellung ein, die ihm von Geburt an bestimmt ist. Der Turm hielt stand, aber das Dorf, die Felder …“ Er schauderte. „Alles verbrannt.“

Duncan starrte auf die rußgeschwärzte Feuerstelle, aber vor seinen Augen sah er verkohlte Hütten und obdachlose Leibeigene. Es würde keine Ernte geben.

Sie konnten nur zu Gott beten, den Schafen ein dickes Fell zu schenken, sonst hatten sie nichts, was sie verkaufen konnten.

Nichts zu essen.

Ihr machtet Euch davon, hatte Little John gesagt. Er hätte bleiben sollen. Sosehr er es auch gehasst hatte, er hätte bleiben sollen. Sein starker Arm wäre dort von größerem Nutzen gewesen als seine nutzlose Zunge hier.

Mit nur halbem Ohr hörte er zu, wie Pickering die Schlacht und die Tapferkeit seines Vaters beschrieb. Er kannte das Ende bereits.

„Sie halten ihn als Geisel“, sagte Pickering endlich.

„Dann werden sie bitter enttäuscht werden“, erwiderte er und ließ ein freudloses Lachen hören. „Wir haben kaum noch einen Penny.“ Ihn hierher zu schicken hatte seine Familie ihr letztes sauer erworbenes Geld gekostet. Jetzt endlich war er so weit, Studenten unterrichten zu können, die ihn dafür bezahlten. Aber um einen Ritter auszulösen, würde es nicht reichen.

Er erhob sich. „Ich muss zurück.“

Pickering legte ihm eine Hand auf die Schulter, sanfter, als sein Vater es je getan hatte. „Ihr habt einen Eid geleistet, mein Sohn. Den Eid zu lehren. Und das bisschen, das Euch zu Hause erwartet, ist jetzt noch weniger geworden.“

Alle paar Jahre war die Pest über das Land gefegt, bis es den Anschein hatte, als wollte das Land selbst sich von den Menschen befreien. Zwischen den Schotten und dem schwarzen Tod hatte sich das einst fruchtbare Land voller Weizen und Hafer in eine Ödnis verwandelt.

„Ich wäre zwar ein zusätzlicher Esser, aber ich habe auch zwei starke Hände.“ Darauf, dass er die Schaufel besser schwingen konnte als manch ein Leibeigener, war er durchaus stolz. „Ich kann beim Wiederaufbau helfen, beim Pflanzen …“

„Ihr könnt hier helfen, indem Ihr das Parlament überzeugt, Geld in den Norden zu schicken.“

Er schüttelte Pickerings Hand ab und ging im Raum auf und ab. Sein Zorn ließ es nicht zu, dass er sich setzte.

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