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Der Spion und die Herzogin

Louise Allen

Der Spion und die Herzogin

1. KAPITEL

7. Juni 1815, abends

In schwindelnder Höhe kauerte Jack Ryder über der Schlucht des reißenden Gebirgsbachs in einer Fensternische der alten Burgfeste. Aufmerksam spähte er in das von Kerzenschein schwach erhellte Gemach. Die Frau, die er beauftragt war zu finden, wanderte rastlos hin und her wie eine Raubkatze im Käfig.

Während er sich in den Vorsprung drückte, um sicheren Tritt zu fassen, hielt er den Blick auf die Gestalt hinter den Bleiglasscheiben gerichtet. Die Schlucht, die sich unter den Burgmauern auftat, war in gnädiges Dunkel gehüllt, nur das Rauschen des Wildbachs drang zu ihm herauf. Er verbannte die Angst vor der tödlichen Gefahr, die ihm kalt über den Rücken kroch, sonst wäre er zu keiner Bewegung fähig gewesen. Seine genagelten Stiefel verursachten kratzende Geräusche auf dem rauen Gemäuer, die ihn einen Moment erstarren ließen – aber die Frau schien nichts gehört zu haben.

Jack fasste sich und begann, das Seil um seine Brust zu entknoten, an dem er sich von der Wehrmauer hinuntergelassen hatte, schleuderte es von sich, löste damit die um die Zinnen geworfene Schlaufe, und das Seil fiel in schlängelnden Bewegungen in die Tiefe.

Nun blieb ihm nur noch der Weg durch das Fenster, um sich aus seiner prekären Lage zu befreien, vorher aber wollte er sich die Frau im Zimmer genauer betrachten, die er nach England zurückbringen sollte – wenn nötig, unter Anwendung von Gewalt.

Diese Entführung erfolgte in ihrem eigenen Interesse, und im Interesse beider Länder, wie man ihm in Whitehall erklärt hatte. Seine Auftraggeber hatten keinen Hehl aus ihrer Erleichterung gemacht, nicht selbst gezwungen zu sein, die Dame von der Wichtigkeit dieser Mission zu überzeugen. Man hatte ihm einige Auskünfte über Ihre Königliche Hoheit erteilt, die großherzogliche Witwe Eva de Maubourg. Intelligent, eigenwillig, eine Gegnerin Napoleons, hochmütig und gebieterisch, das waren die Hauptmerkmale ihres Charakters, die ihm die Herren in einer eilig einberufenden Sitzung vor zwei Wochen genannt hatten, in der er Instruktionen über seine Order erhalten hatte. Halb Französin, hatten sie mit düsteren Mienen ergänzt, als wäre das eine ausreichende Zusammenfassung aller Schwierigkeiten. Niemand hatte von ihrer Schönheit gesprochen.

Da sie seit ihrer Hochzeit das Herzogtum nicht verlassen hatte, befürchteten seine Auftraggeber, dass es wohl sehr schwierig wäre, sie zu diesem Schritt zu bewegen – was Jack nicht sonderlich in Verlegenheit brachte, da er daran gewöhnt war, eine Lösung für die kompliziertesten Probleme zu finden.

Aber niemand hatte ihr bezauberndes Äußeres erwähnt, die dunkelbraunen Haare, ihre kurvenreiche Figur, die geschmeidige Anmut ihrer Bewegungen, die denen eines gefangenen schwarzen Panthers glichen. Und Jack konnte sich kaum vorstellen, dass sie Mutter eines neunjährigen Sohnes sein sollte. Vermutlich eine optische Täuschung des dickwandigen Bleiglasfensters.

Er hatte lange genug gewartet, um sich davon zu überzeugen, dass sie allein war. Jack verlagerte sein Gewicht und konzentrierte sich darauf, das Fenster zu öffnen. Keinesfalls wollte er daran denken, was passieren würde, wenn er das Gleichgewicht verlor. Die flache Seite seines Dolches glitt mühelos in die Fuge zwischen Holzrahmen und Fenster, das sich glücklicherweise nach innen öffnete, andernfalls wäre sein Vorhaben zum Scheitern verurteilt gewesen. Er drückte das Fenster behutsam auf, wartete eine Weile, bevor er es einen weiteren Spalt öffnete, um zu verhindern, dass die Frau durch ein Geräusch oder einen Luftzug aufgeschreckt wurde. Wenn sie schrie, würde das Unterfangen in einem Blutbad enden. Und er hatte nicht die Absicht, sein eigenes Blut zu vergießen.

Die Großherzogin hielt in ihrer rastlosen Wanderung inne, sank auf einen Stuhl vor einem Schreibtisch, den Rücken dem Fenster zugekehrt, und barg das Gesicht in den Händen. Jack fragte sich, ob sie weinte. Und dann erschrak er mit beinahe tödlichen Folgen, als sie unvermutet die Faust auf die lederbezogene Schreibtischplatte niedersausen ließ und einen Schwall deftiger englischer Flüche ausstieß. Er konnte nur staunen über ihren Wortschatz und ihre bildhafte Ausdrucksweise.

Höchste Zeit, seine unbequeme Kauerstellung auf dem schmalen Sims aufzugeben. Er hielt sich am Fensterrahmen fest, schwang die Beine nach innen und sprang. Aus einer Höhe von acht Fuß war es unmöglich, lautlos auf Steinfliesen zu landen. Sie fuhr herum und klammerte die Hände um die Rückenlehne des Stuhles. In ihrem Gesicht spiegelte sich eine Vielfalt unterschiedlicher Gefühle. Schock, Verwirrung, Angst und nicht zuletzt, wie er fasziniert feststellte, gebieterischer Zorn, der alle anderen Empfindungen überlagerte. Sie hatte Courage, das musste man ihr lassen.

„Wer zum Teufel sind Sie?“, fragte sie in akzentfreiem Englisch, während sie sich majestätisch erhob. Die rechte Hand hielt sie hinter ihrem Rücken, und Jack überlegte, was sie verbergen wollte. Ach ja, den Brieföffner, der vorhin noch auf dem Schreibtisch gelegen hatte. Eine geistesgegenwärtige Dame mit schnellen Reflexen.

„Sie sprechen fabelhaft Englisch“, lobte er, was nicht weiter verwunderlich war, da sie zur Hälfte Engländerin war. Allerdings erschienen ihm diese einleitenden Worte taktvoller als der Befehl: Legen Sie den Brieföffner weg, bevor ich Sie dazu zwinge! „Aber wieso wissen Sie, dass ich diese Sprache auch beherrsche?“

Sie bedachte ihn mit einem hochmütigen Blick. Jack registrierte dunkle Augen, fein geschwungene Brauen und verführerisch volle rote Lippen, die mehr Leidenschaft verrieten, als sie eingestehen würde. Eine Locke hatte sich aus ihrem hochgesteckten Haar gelöst und lag auf ihrer elfenbeinhellen Schulter. Er blickte ihr unverwandt in die Augen und verbannte den flüchtigen Gedanken, wie ihre Haut sich wohl anfühlen mochte.

„Sie haben mich mit Königliche Hoheit anzusprechen“, entgegnete sie kühl. „Ich denke gelegentlich in Englisch“, fügte sie im Nachsatz hinzu.

„Sehr wohl, Königliche Hoheit.“ Jack machte eine formvollendete Verneigung, die keineswegs zu seinem Äußeren passte. Seine Kleidung diente dem Zweck, sich von hohen Burgmauern abzuseilen, nicht aber für einen höfischen Kratzfuß. „Mein Name ist Jack Ryder.“ Er hatte überlegt, ob er ihr seinen wahren Namen nennen sollte – und sich dagegen entschieden. Sein Pseudonym war unverfänglicher, falls er durch widrige Umstände in Gefangenschaft geraten sollte.

„Sie sind Engländer, Mr. Ryder?“

„Ja, Ma’am.“

„Und Sie sind nicht gekommen, um mich zu töten?“

Damit habe ich ihm wohl den Wind aus den Segeln genommen, schoss es Eva durch den Sinn, während der Fremde sie aus leicht zusammengekniffenen Augen musterte, und zwar in einer Art, die sie nur als dreist bezeichnen konnte. Das Gebaren dieses Jack Ryder war mit nichts zu entschuldigen, und dennoch machte ihr sein abschätzender Blick ihre Weiblichkeit bewusst. Es war lange Zeit vergangen, seit ein Mann sie auf diese Weise angesehen hatte, und noch länger, seit ihr Pulsschlag sich unter einem solchen Blick erhöht hatte.

Es gelang ihr mit einiger Mühe, ihren Atem zu beruhigen und den Griff ihrer Finger um den Brieföffner zu lockern. Sollte er tatsächlich Engländer sein, stellte er vermutlich keine Gefahr für sie dar. Allerdings durfte sie nach den gestrigen Vorfällen kein Risiko eingehen. Im Übrigen bedeutete sein verwegenes Eindringen durch das Fenster gewiss nichts Gutes.

„Nein, Ma’am. Ich komme keineswegs in der Absicht, Sie zu töten.“ Sie entspannte sich ein wenig. Wieso aber wollte er nicht wissen, was sie zu dieser Frage bewog? Eva musterte ihn forschend, während sie über die beunruhigenden Verflechtungen der Ereignisse in letzter Zeit nachdachte. Er wirkte um einige Jahre älter als ihre sechsundzwanzig, war aber weit davon entfernt mittleren Alters zu sein. Dunkle Haare, graue Augen, sehnige muskulöse Gestalt, offensichtlich athletisch trainiert – angesichts der Tatsache, auf welchem Wege er in ihr Gemach eingedrungen war. Hagere, markant geschnittene Gesichtszüge eines Kriegers. Sie konnte ihn sich mühelos vorstellen, wie er ein Schwert über dem Kopf schwang. Und er bewegte sich zugleich mit der Geschmeidigkeit eines Degenfechters. Nach seinem anfänglichen Staunen über ihre ersten Worte zeigte er eine verschlossene Miene.

„Überzeugen Sie mich“, sagte sie in der Hoffnung, er würde das Zittern nicht bemerken, das sie erfasst hatte. „Andernfalls werde ich schreien, und im nächsten Moment stürmen bewaffnete Wachen in dieses Zimmer und nehmen Sie fest.“

Er zog eine Pistole. „Und im gleichen Moment wird ein Mann tödlich getroffen zu Boden sinken. Das sollten Sie vermeiden, Ma’am.“ Die Waffe verschwand wieder in seinem Jackett. „Ich komme im Auftrag der britischen Regierung. Der Vormund und Patenonkel Ihres Sohnes ist der Meinung, es wäre im Sinne des jungen Großherzogs, wenn seine Mutter bei ihm ist.“

„Der Prinzregent? Aber er zeigte kaum Interesse an Frédéric, seit er ihm zur Taufe einen Brief und ein Geschenk geschickt hat.“ Sie wünschte, sich bewegen zu können, aber die Notwendigkeit, den Brieföffner vor dem Eindringling zu verbergen, hielt sie am Schreibtisch gefangen.

„Wie dem auch sei, Ma’am, der britischen Regierung liegen die Geschicke des Herzogtums Maubourg am Herzen, zumal in diesen unruhigen Kriegszeiten. England ist sich der diplomatischen Bedeutung eines neutralen Landes wohl bewusst, einer Enklave im feindlichen Frankreich, mag sie auch noch so klein sein.“

Eva quittierte seine Erläuterungen mit einem ungerührten Achselzucken. Er hatte ihr nichts Neues gesagt. „Vermutlich sind Sie davon unterrichtet, dass mein verstorbener Gemahl alles unternahm, was in seiner Macht stand, um zwischen den feindlichen Mächten zu vermitteln und die Situation zu entschärfen. Er war selbstredend ein Gegner der jüngsten Bestrebungen Frankreichs, wobei er sich keinen Illusionen hingab, in irgendeiner Form aktiven Widerstand leisten zu können.“

„Wenn ich mich recht entsinne, lernten Sie den Großherzog in England kennen.“ Ryders wachsamer Blick flog erneut durch den Raum, aus gewohntem Argwohn, wie Eva vermutete, nicht weil er etwas Bestimmtes suchte. Seine Kenntnisse über ihre Vergangenheit waren kein Beweis, dass er im Auftrag der britischen Regierung handelte. Jeder, der sich für die Geschichte des Herzogtums interessierte, hätte sich darüber informieren können, da die Zeitungen in jüngster Zeit ausgiebig darüber berichtet hatten.

Sie neigte den Kopf seitlich. „Wir befanden uns damals im Exil. Mein Vater war in den Wirren der Revolution umgekommen, und meine Mutter war zu Ihrem Vater, dem Earl of Allgrave, zurückgekehrt. Ich hatte mein Debüt in London und lernte den Großherzog auf meinem ersten Ball kennen.“

Im Rückblick erschien ihr diese Begegnung wie ein Märchen. Der hochgewachsene, dunkel gelockte Louis Frédéric, elegant und weltgewandt, eine ausgesprochen exotische Erscheinung in der englischen Gesellschaft, war eine glänzende Partie, die ihre kühnsten Träume übertraf. Der Umstand, dass er dreißig Jahre älter war als Eva mit ihren kaum siebzehn Jahren, hatte weder bei ihrer Mutter noch bei ihr Bedenken ausgelöst.

Der Großherzog, der in London erfolgreiche Verhandlungen über einen Gefangenenaustausch geführt hatte, machte ihr leidenschaftlich den Hof und kehrte mit seiner künftigen Großherzogin nach Maubourg zurück. Eva ließ diesen Rückblick auf ihre Vergangenheit seltsam verwundert an sich vorüberziehen. War sie damals tatsächlich so jung und naiv gewesen?

„Und als Ihr Gemahl vor nahezu zwei Jahren verstarb, übernahm sein Bruder Prinz Philippe die Regentschaft und teilt sich mit Ihnen die Vormundschaft für Ihren Sohn.“ Auch mit dieser Aussage wollte dieser Ryder ihr lediglich zu verstehen geben, dass er über die Hintergründe unterrichtet war, selbst wenn er nicht auf dem neuesten Stand zu sein schien. Sie beabsichtigte indes keineswegs, ihn davon zu unterrichten, dass Philippe, kurz nachdem die Nachricht von Napoleons Flucht von Elba durchgesickert war, durch eine geheimnisvolle Krankheit ans Bett gefesselt wurde. Dieser Zustand dauerte nun schon beinahe drei Monate an, und Evas Hoffnungen auf seine Genesung sanken mit jedem Tag.

„Richtig“, bestätigte sie. Ihre Beine zitterten nun nicht mehr so stark, und sie legte ihre linke Hand wie von ungefähr um die Stuhllehne. Falls der Fremde sich auf sie stürzte, würde sie ihm den Stuhl entgegenschleudern. „Ich habe meinen Sohn seit fast vier Jahren nicht gesehen. Mein Gemahl hielt es für angebracht, ihn in England erziehen zu lassen.“

Der Schmerz über Louis’ selbstherrlichen Entschluss versetzte ihr bis heute einen Stich ins Herz. Louis hatte ihr nicht einmal gestattet, sich von ihrem Sohn zu verabschieden. Damals rechtfertigte er sein eigenmächtiges Verhalten mit der fadenscheinigen Ausflucht, ihre Tränen würden das Kind nur verwirren. Zunächst wurde Freddie gemeinsam mit den Söhnen einer aristokratischen Familie von Privatlehrern unterrichtet, und später kam er nach Eton. Mein kleiner Freddie, würde er mich überhaupt noch erkennen?

„Was ich Ihnen nun zu sagen habe, fällt mir nicht leicht“, begann Ryder, und Eva spürte, wie ihr die Farbe aus dem Gesicht wich. Alarmglocken schrillten in ihrem Kopf. Nein … nein … Sie schicken mir diesen Fremden, um mir die Nachricht von seinem Tod zu überbringen. „Im letzten Monat wurde Ihr Sohn Opfer mehrerer Unfälle. Nein, Ma’am, seien Sie unbesorgt. Er ist wohlauf und unversehrt, das versichere ich Ihnen.“ Eva wurde schwarz vor Augen, sie geriet ins Wanken. Er war schnell an ihrer Seite und stützte sie, bevor sie sich wieder fassen konnte.

„Lassen Sie nur … es ist nichts“, stammelte sie matt. Als er ihr blitzschnell den Brieföffner entwand, straffte Eva die Schultern und herrschte ihn an: „Geben Sie ihn mir augenblicklich wieder!“

Mit einer ruckartigen Handbewegung schleuderte er den Öffner aus dem Fenster, ohne auch nur den Blick in diese Richtung zu wenden. „Ich möchte nicht riskieren, verletzt zu werden, falls ich mir Ihren Unmut zuziehe, Ma’am“, meinte er seelenruhig. „Ihr Sohn ist nach einer merkwürdigen Pechsträhne guter Dinge und sitzt, wie ich ihn kenne, brav über seinen Schulbüchern.“

„Was denn für Unfälle?“, fragte Eva und entfernte sich einige Schritte. Mr. Ryders Nähe übte eine seltsam verwirrende Wirkung auf sie aus. Doch sie war eine kühle, vernunftbetonte Frau; vermutlich ließ nur die Erleichterung darüber, dass Freddie gesund war, ihr Herz höher schlagen.

Der Engländer machte keine Anstalten, ihr zu folgen, drehte sich nur ihr zu, um sie im Auge zu behalten. „Der erste Unfall ereignete sich Mitte Mai, als er auf einer Steintreppe ausrutschte. Der Sturz wurde glücklicherweise durch eine Gruppe von jungen Menschen in Eton abgefangen, die ihm auf der Treppe entgegenkam. Abgesehen von ein paar blauen Flecken ging die Sache glimpflich ab. Eine Woche später wäre der Großherzog beinahe auf der High Street von einem durchgehenden Pferdegespann samt Kutsche überrannt worden, hätte ihn nicht ein Passant im letzten Moment geistesgegenwärtig zur Seite gerissen. Weder die Kutsche noch der Fahrer konnten hinterher ausfindig gemacht werden. Und dann …“

„Hoffmeister müsste besser auf ihn aufpassen“, fiel Eva ihm erbost ins Wort.

„Sie können kaum erwarten, dass sein Privatlehrer einen lebhaften neunjährigen Jungen an der Leine führt, Ma’am. Im Übrigen schöpfte Hoffmeister nach dem dritten Vorfall Verdacht und setzte sich mit Whitehall in Verbindung.“

„Ein dritter Vorfall?“

„Zwei Tage später erkrankte Frédéric an einem vergifteten Pilzgericht, das ihm zum Abendessen vorgesetzt wurde.“

„Aber wie …“ Eva schluckte und hatte Mühe, ihre Fassung zu bewahren. „Wie hat er das um Himmels willen überlebt?“

„Es wurde ihm bereits nach dem ersten Bissen furchtbar übel, und er musste sich übergeben. Von seinem Leibarzt erfuhr ich, dass seine junge Durchlaucht einen sehr empfindlichen Magen hat.“ Eva nickte benommen. „Das hat ihm vermutlich das Leben gerettet. Seit diesen Vorfällen steht Ihr Sohn unter besonderer Bewachung, glauben Sie mir.“

Eva bemühte sich nicht länger, ihr Zittern zu verbergen. Sie sank wie betäubt auf den Stuhl, versuchte sich zu beschwichtigen und sich einzureden, dass Frédéric in Sicherheit war und seine Dienerschaft, allen voran Hoffmeister, ihn mit Argusaugen bewachte.

„Mir ist bewusst, dass es Ihnen seltsam erscheinen muss“, versuchte Jack Ryder sie zu beruhigen und stockte mitten im Satz, als sie den Kopf hob und ihn unverwandt ansah.

„Nein, Mr. Ryder, das erscheint mir keineswegs seltsam. Frédéric hat offenbar einen ähnlich empfindlichen Magen wie ich. Vor zwei Nächten hatte ich eine schwere Magenverstimmung, die ich mir zunächst mit dem Schock nach einem Kutschunfall erklärte. Ein Sturz in die Tiefe wurde nur durch das Geländer verhindert. Gestern glitt ich auf der Treppe aus, auf der versehentlich flüssiges Wachs verschüttet worden war.“

„Wurden Sie verletzt?“ Seine Besorgnis wirkte irgendwie tröstlich, und sie brachte zum ersten Mal seit Tagen ein schwaches Lächeln zustande.

„Gottlob, nein. Ich konnte mich gerade noch an der Tapisserie im Treppenhaus festhalten, die ich allerdings von den Haken riss.“

„Und wie nahm Prinz Philippe die Nachricht von dieser merkwürdigen Serie von Unfällen auf?“

Jack Ryder drehte einen Stuhl herum, setzte sich rittlings darauf und legte die Arme über die Lehne. Er hatte aufgehört, sie höflich mit Ma’am anzusprechen, und legte eine geradezu beleidigende Vertraulichkeit an den Tag, was sie seltsamerweise nicht sonderlich störte.

„Mein Schwager leidet seit Längerem an einer geheimnisvollen Krankheit. Er befindet sich in einem geistigen und körperlichen Schwächezustand, seit uns die Nachricht von Napoleons Flucht von Elba erreichte. Zunächst vermuteten seine Ärzte, er habe einen Hirnschlag erlitten, aber es tritt seit drei Monaten keine Besserung ein. Er wird Tag und Nacht von einem Arzt und einem Diener versorgt, die an seinem Bett wachen.“ Sie suchte Ryders Blick und sah ihre eigene Skepsis in seinen grauen Augen gespiegelt. Mit seiner undurchdringlichen Miene wirkte er wie ein Priester im Beichtstuhl.

„Sie vermuten also einen Giftanschlag. Und wer führt derzeit die Regierungsgeschäfte?“

„Mein jüngerer Schwager Prinz Antoine.“

Sie vermutete, dass der Engländer eine rhetorische Frage gestellt hatte, da er genau zu wissen schien, wer die Macht über das Herzogtum innehatte.

„Verstehe. Der Herr, der so eifrig darum bemüht war, Prinz Philippe davon zu überzeugen, nach dem Tod Ihres Gemahls die Neutralität aufzugeben und sich mit Napoleon zu verbünden?“ Eva nickte. „Und er ist Anwärter auf den Titel des Großherzogs, falls Ihr Sohn und Prinz Philippe sterben?“

„Ja. Deshalb wird Philippe rund um die Uhr bewacht. Ich hätte nicht vermutet, dass Antoines Einfluss bis nach England reicht“, fügte sie düster hinzu. Es wäre ihr niemals in den Sinn gekommen, dass Freddies Leben in Gefahr sein könnte. Bislang hatte sie angenommen, es handle sich um einen Machtkampf zwischen den Brüdern.

„Es ist davon auszugehen, dass ein Widersacher aus Maubourg einen Anschlag auf den jungen Großherzog plant und genügend Einfluss hat, die Person zu beseitigen, die den Regenten zu schützen vermag.“ Ryder stützte das Kinn in die Hände. Er hatte äußerst männliche Gesichtszüge, stellte Eva zerstreut fest.

„Und diese Person bin ich. Mir ist mittlerweile auch klar geworden, dass Philippes Krankheit, die zeitgleich mit Napoleons Landung auf französischem Boden ausbrach, ein allzu augenfälliger Zufall wäre. Antoine verehrt den Kaiser und ist bestrebt, Maubourg unter die Herrschaft Frankreichs zu bringen, in der Hoffnung, von Napoleon dafür reich belohnt und gefördert zu werden.“

„Verzeihen Sie, es liegt mir fern, den Interessen Ihres Landes zu nahe zu treten. Ein neutrales Maubourg hat sich zwar in der Vergangenheit für die Verbündeten als nützlich erwiesen, aber warum sollte Napoleon jetzt eine Änderung dieses Status anstreben?“

„In der Vergangenheit waren ihm die Geschicke Maubourgs einerlei, sonst würde das Herzogtum nicht mehr existieren. Aber seine Einstellung hat sich offenbar geändert. Ich denke, wir besitzen etwas, woran er großes Interesse hat.“ Jack zog skeptisch eine Braue hoch und sah sie fragend an. Eva fuhr fort: „Ich habe einen bestimmten Verdacht. Was wissen Sie über Sprengstoff?“

Statt zu antworten, kam Ryder auf die Füße und ging leise zur Eichentür, drehte den Schlüssel um, öffnete einen Spalt und spähte in den Flur. Zufrieden verriegelte er die Tür wieder und kehrte zu ihr zurück. „Am Ende des Gangs stehen Wachposten. Können Sie sich auf deren Loyalität verlassen?“

„Ich … ich denke schon.“

„Hmm. Vermutlich weiß ich weniger über Sprengstoff, als nötig wäre. Was geht hier vor?“

Eva strich sich fahrig das Haar aus der Stirn, fasste sich aber rasch. Eine Großherzogin gestattete sich nicht, auch nur das geringste Anzeichen von Schwäche zu zeigen, sondern verhielt sich in jeder Situation kühl und gemessen. Sie verschränkte die Hände im Schoß und straffte die Schultern.

„Der Haupterwerb des Herzogtums ist die Destillierung und Herstellung von Parfum.“ Ryder nickte, auch das schien ihm bekannt zu sein. „Die großherzogliche Manufaktur hat eine Gruppe von Wissenschaftlern in ihre Dienste genommen, die den Auftrag hat, den Prozess der Destillierung und Mischung verschiedener Essenzen zu überwachen und zu verbessern. Ich bin an der Manufaktur beteiligt und habe mir erst letzte Woche die Geschäftsbücher durchgesehen. Antoine hat neue Leute eingestellt, ohne Philippe oder mich davon zu unterrichten. Der Höhe ihrer Einkommen nach zu schließen, handelt es sich um qualifizierte Fachkräfte, nicht um einfache Arbeiter oder Handwerker.

Vor Kurzem gab es Explosionen in den Bergen, und am Tag des Unfalls ließ ich mich die steile Bergstraße hinaufkutschieren. Wir fanden ein paar tiefe Krater und schwarze Brandstellen, mehr nicht. Allerdings hatte ich ständig das Gefühl, beobachtet zu werden. Auf dem Rückweg verlor die Kutsche ein Rad.“

„Möglicherweise führt Prinz Antoine Experimente mit einer neuen Waffengattung durch, und zur gleichen Zeit landet der größte Feldherr seiner Generation an Frankreichs Küste. Und ganz zufällig erkranken die Personen, die vor Antoine Anspruch auf den Titel haben, oder werden in merkwürdige Unfälle verwickelt“, sagte Ryder nachdenklich.

„Ja, seltsam.“ Eva blickte ihn unverwandt an und fragte sich, wieso sie sich diesem Eindringling so unbesonnen anvertraute. Er könnte ein Spion von Antoine sein oder eigene Interessen verfolgen. Wie konnte sie nur so naiv sein?

„Haben Sie eigentlich Referenzen vorzuweisen, Mr. Ryder?“

„Ein wenig spät für diese Vorsichtsmaßnahme, Ma’am“,antwortete er und fasste damit ihre Bedenken in Worte. Der Anflug von Spott in seiner Stimme erboste sie.

„Besser spät als nie, Sir.“

Er hob eine Hand, schlug das Revers seines Jacketts um und zeigte eine kleine Anstecknadel in Form eines Windhundes. „Ich bin ein Gesandter des Königs.“

„So etwas wie ein besserer Postillon?“ Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken angesichts ihrer leichtfertigen Indiskretion. Wie könnte sie sich nur Gewissheit verschaffen, dass er die Wahrheit sprach?

„Wir befördern nicht nur diplomatische Post“, antwortete er in milder Nachsicht.

„Und woher soll ich wissen, dass Sie den echten Boten des Königs nicht getötet haben?“

„Das können Sie leider nicht wissen. Planten Sie, etwas gegen all die seltsamen Vorkommnisse zu unternehmen, bevor ich durchs Fenster in Ihr Gemach sprang?“

Die Gedanken wirbelten ihr wirr durch den Kopf. Sie begann mit raschelnden Röcken nervös hin und her zu wandern. Der Fremde stellte zu viele Fragen. Fieberhaft überlegte sie, was zu tun sei, und dann kam ihr ein rettender Gedanke. Es kostete sie keine große Mühe, höchste Aufregung vorzutäuschen. „Ich dachte daran, wie ich aus der Burg fliehen und das Volk gegen Antoine aufwiegeln könnte.“

„Reiner Wahnsinn“, bemerkte Ryder ungerührt, als sie vor ihrem Nachtkästchen stand.

„Oh mein Gott!“ Eva hob eine Hand an den Mund, um ein gespieltes Schluchzen zu unterdrücken, öffnete eines Schublade des kleinen Schranks, kramte darin herum auf der vermeintlichen Suche nach einem Taschentuch und richtete sich anschließend wieder auf. „Und ich halte es für Wahnsinn, Ihnen zu vertrauen, Sir. Ich ziehe an der Klingelschnur und lasse meine Leibwächter kommen. Dann werden wir ja sehen.“

„Nein.“ In drei langen Sätzen war Ryder bei ihr und packte sie am Handgelenk, um sie daran zu hindern, die Klingel zu betätigen. In diesem Moment ward sie das Spitzentuch beiseite, und darunter kam in ihrer Hand eine kleine Pistole zum Vorschein.

„Gut, dass Sie mir so nahe getreten sind. Das kleine Ding taugt nicht viel auf größere Entfernung, aber aus der Nähe kann es ziemlichen Schaden anrichten.“

Danach ging alles so schnell. Er wirkte verdutzt, als sie den Pistolenlauf gegen seine Brust drückte. Doch im nächsten Moment flog die Waffe durchs Zimmer und Eva wurde aufs Bett geworfen, wobei Jack Ryders sehniger Körper sie in die weiche Matratze drückte.

Er blickte in ihr zornentbranntes Gesicht, während er nichts weiter als leise Irritation zeigte. Und der verdammte Kerl atmete kaum schneller als vorhin. „Madame, entweder Sie begleiten mich freiwillig nach England, oder Sie verlassen diese Burg im Zustand der Bewusstlosigkeit und reisen als meine Gefangene. Sie haben die Wahl.“

2. KAPITEL

Diese Form der Zwangsausübung erwies sich als bemerkenswert erfolgreich – das musste Eva sich gestehen, während sie den Fremden anstarrte, der sie unter sich auf dem Bett gefangen hielt. Sie könnte sich zur Wehr setzen, zweifellos ohne nennenswerten Erfolg. Jede Bewegung ihrerseits würde nur dazu führen, dass er seinen Körper noch mehr an sie pressen würde, was ihre Würde nicht zulassen durfte. Offenbar war ihm das klar, denn er schien ihre Hilflosigkeit auch noch zu genießen.

Sie beobachtete das verwegene Funkeln in seinen grauen Augen. „Würden Sie sich freundlicherweise von meinem Bett erheben?“ Zu ihrer Verwunderung sprach sie mit gelassener Stimme, zumal etwas in ihr, eine aufkeimende sinnliche Regung, sie drängte, sich gegen seinen muskelgestählten Körper aufzubäumen. Rasch bezwang sie diese Anwandlung, die sie seit Jahren erfolgreich unterdrückt hatte.

Jack Ryder gehorchte, er bewegte sich leicht zur Seite und stützte sich auf die Ellbogen, um ihr besser ins Gesicht sehen zu können. Durch diese veränderte Position übte er einen verstörenden Druck auf ihr Becken aus. Wobei Mr. Ryder nicht sonderlich gegen seine sinnlichen Triebe anzukämpfen schien, schoss es Eva benommen durch den Kopf. Er beobachtete sie abschätzend unter halb verhangenen Lidern. „Einen Moment Geduld, Ma’am. Vorher müssen wir etwas klarstellen. Mit welchem schriftlichen Beleg ich Sie von meiner Identität und meiner Mission überzeugen könnte, ist mir nicht klar, da Sie mir unterstellen, mir jeden Beweis unrechtmäßig angeeignet zu haben. Überzeugt Sie vielleicht das Wort Ihres Sohnes?“

„Freddie? Was meinen Sie damit?“

„Als ich ihn davon unterrichtete, dass ich Sie nach England bringe, fragte ich ihn nach einem Passwort für Sie, falls Sie mir nicht glauben. Nach kurzem Überlegen sagte er: ‚Fragen Sie Mama, wie es Meister Petz und der Ratte geht. Sie weiß, wen ich damit meine.‘“

„Meister Petz? Ach, der Schlingel! Mr. Ryder …“ Sie stemmte ihre Hände gegen seinen Brustkorb. Genauso gut hätte sie versuchen können, die Burgmauern zu verschieben. „Bitte geben Sie mich frei. Ich glaube Ihnen.“ Ihr Zorn machte einer namenlosen Erleichterung Platz, als er aufstand, sich gegen einen Bettpfosten lehnte und sie fragend ansah. „Das sind seine Spitznamen für seine beiden Onkel. Er musste mir versprechen, sie keinem Menschen gegenüber zu erwähnen, um sich nicht ihren Unmut zuzuziehen. Antoine wäre gewiss darüber empört gewesen, hätte er gehört, wie er bezeichnet wurde.“

„Die Ratte, nehme ich an?“

„Richtig. Immer wenn Antoine sich aufregt, zieht er seine lange Nase so komisch kraus. Ich glaube Ihnen, Mr. Ryder. Bringen Sie mich nun aus dieser Burg?“

„Das ist meine Absicht.“

„Und helfen Sie mir, Widerstand gegen Antoine zu leisten?“

„Nein.“

„Warum nicht?“ Eva sprang auf die Füße, ihr Groll war wieder da. Dieser Lakai, dieser Bote der britischen Regierung hatte kein Recht, ihr zu widersprechen. Er schien ein Mann der Tat zu sein, genau so einen brauchte sie in dieser Situation. Er musste ihr gehorchen. „Es ist Ihre patriotische Pflicht, Sir.“

„Dummes Zeug.“ Eva schnappte nach Luft. Niemand wagte es, so mit ihr zu sprechen. Er fuhr ungerührt fort: „Abgesehen davon, dass ich nichts mit dem Herzogtum zu tun habe, ist es nicht meine Pflicht, den Großteil seiner männlichen Bevölkerung von den Truppen der Koalitionspartner abschlachten zu lassen, denn genau das wird passieren, falls Bonaparte an dieser Enklave Interesse zeigt und Sie Widerstand leisten. Damit würden Sie einen sinnlosen Bürgerkrieg riskieren. Wie ich Ihnen bereits erklärt habe, besteht meine Aufgabe allein darin, Sie unversehrt über Brüssel nach England zu bringen, damit Ihr Sohn in Ihre Obhut gelangt, bis die Unruhen vorüber sind. Dadurch sind Sie außerdem vor Antoines Zugriff geschützt, der Sie als Geisel nehmen und Druck ausüben könnte.“

„Wie bitte? Ich soll mich davonstehlen und das Herzogtum Antoine und den Franzosen überlassen, nur weil ich eine Frau bin?“ Offensichtlich hielt der dreiste Kerl sie für eine zimperliche, blutleere englische Miss. Gelegentlich bemüßigte er sich zwar, ihr den nötigen Respekt entgegenzubringen, aber er hatte keine Ahnung, welche Rolle ihr in den zwei Jahren seit Louis’Tod auferlegt worden war. In diesen beiden Jahren hatte sie sich einen eisernen Panzer zugelegt, um ihre Seele und ihr Herz zu schützen.

„Ich muss Ihnen widersprechen. Es handelt sich um einen strategischen Rückzug, weil dies die einzig vernünftige Lösung ist“, entgegnete Mr. Ryder. „Ich nehme an, Sie kennen den Unterschied zwischen vernünftigem Handeln und romantischen Höhenflügen.“

„Wie können Sie es wagen, so mit mir zu sprechen? Sie unverschämter Flegel. Ich bin sehr wohl imstande, auf mich selbst aufzupassen.“

„Tatsächlich, Ma’am? Sie sind mit knapper Not zwei Unfällen und einem Giftanschlag entronnen. Wäre ich der Attentäter, wären Sie längst tot. Ihr Sohn braucht Sie, und Sie brauchen mich. Also, wollen Sie nun hier sitzen bleiben“, sein Blick flog über ihre Gestalt, „auf Ihrer Würde, mit einer unsichtbaren Krone an Ihren Busen gedrückt, oder begleiten Sie mich?“

Ich sollte ihn ohrfeigen, dachte Eva, aber er ist zu schnell für mich. Darf ich meine Leute im Stich lassen? Ich habe Pflichten für mein Land. Aber Freddie braucht mich wiederum, und dieser respektlose Jack Ryder hält mich zu all dem noch für eine hysterische Frau.

„Was ist mit Philippe? Er ist nicht transportfähig.“

„Philippe bleibt hier. Er ist der Regent und war sich Gefahren bewusst, als er das Amt antrat.“ Dieser kaltblütige Mensch redete, als handle es sich um ein Picknick, an dem Philippe wegen einer Unpässlichkeit nicht teilnehmen kann. Dabei könnte ihre Flucht bedeuten, ihren Schwager dem sicheren Tod zu überlassen. Der gute Philippe, Freddies geliebter Onkel Petz. „Könnten Sie ihm nützen, wenn Sie bleiben?“ Sie schüttelte benommen den Kopf. „Dann gehen wir.“

„Jetzt?“ Schwindel drohte sie zu übermannen. Sie hatte so lange Zeit selbst Entscheidungen getroffen. Und plötzlich tauchte dieser Fremde auf und nahm ihr alles aus der Hand, wobei das Erschreckende daran war, dass sie eine gewisse Erleichterung darüber verspürte. Eva straffte die Schultern und bemühte sich, klar zu denken und den durchdringenden Blick seiner grauen Augen zu ignorieren.

„Natürlich jetzt. Es sei denn, Sie nennen mir einen plausiblen Grund, warum eine Flucht bei Tage weniger gefährlich wäre. Ich rate Ihnen, etwas Praktisches anzuziehen, ein einfaches Kleid und einen Mantel. Vorausgesetzt, Sie besitzen ein Kleid, wie es eine einfache Frau aus dem Volk tragen würde.“ Sein Blick wanderte über das kostbare rote Seidenkleid mit dem Streublumenmuster bis zu ihren vornehmen Seidenschuhen.

„Ich muss packen“,erklärte Eva verwirrt. Wie aber wollte er sie aus der streng bewachten Burg bringen?

„Nehmen Sie nur das Nötigste mit – ein zweites Kleid und Untergewänder, mehr nicht.“

„Aber es wird Tage dauern, bis wir England erreichen. Ich brauche Garderobe zum Wechseln.“ Bei Hofe war es üblich, sich auch ohne besondere Anlässe mindestens viermal am Tag umzuziehen.

„Wir können uns unterwegs die wichtigsten Dinge besorgen. Haben Sie eine Reisetasche hier im Zimmer?“

„Natürlich nicht. Ich klingle meiner Zofe, sie muss mir beim Umkleiden helfen. Aber wie soll ich ihr erklären, dass ich noch heute Abend eine Reisetasche benötige?“

„Sagen Sie ihr, Sie wollen alte Kleider aussortieren, um sie den Armen zu schenken. Nein, besser noch: Sie kennen eine bedürftige junge Frau in der Stadt mit der Aussicht auf eine Stelle als Gouvernante, der Sie ein paar ausrangierte Kleider überlassen wollen. Danach bitten Sie Ihre Zofe, Sie zur Nacht vorzubereiten. Sie schützen Kopfschmerzen vor und wollen später nicht mehr gestört werden.“

„Und wie, bitte schön, soll ich später ein Kleid ohne Hilfe meiner Zofe anziehen?“ Sie kannte die Antwort, ehe sie die Frage ausgesprochen hatte. „Vermutlich werden Sie mir gleich sagen, ein Gesandter des Königs wird unter anderem auch als Zofe ausgebildet.“

„Das nicht. Allerdings sehe ich mich in der Lage, Schleifen mit geschlossenen Augen zu binden“, gestand er mit einem Anflug von Ironie.

„Das kann ich mir lebhaft vorstellen, Mr. Ryder“, entgegnete Eva schneidend. Er konnte sie zweifellos auch mit geschlossenen Augen lösen. Frauen, die ein Faible für überhebliche Männer hatten, mochten ihn attraktiv finden. Gottlob war sie gegen jegliche männliche Reize gefeit. Sie zog heftig an der Klingelschnur und beobachtete mit einer Spur maliziöser Neugier, wo Mr. Ryder Zuflucht suchen würde, doch es schien ihn keineswegs zu stören, auf allen vieren unters Bett zu kriechen.

Irgend etwas an diesem selbstherrlichen Engländer, der auf alles eine passende Erwiderung zu haben schien, weckte in ihr den Wunsch, ihn aufs Glatteis zu führen.

„Sie haben geklingelt, Königliche Hoheit?“ Ihre Zofe Hortense huschte in ihrer bescheidenen Art ins Zimmer.

„Lassen Sie bitte meine Koffer bringen, Hortense.“

„Jetzt, Madame? Ihr ganzes Gepäck? Sie wollen packen?“

„Ja, mein ganzes Gepäck. Aber natürlich will ich nicht packen, Hortense. Ich beabsichtige lediglich, mir eine neue Kofferkollektion aus Paris kommen zu lassen, und möchte nachsehen, welche alten Stücke ich aussortieren kann.“ Es gab keinerlei Veranlassung, die von Mr. Ryder vorgeschlagene Ausrede nicht zu verwenden – sie entschied sich aber aus purem Eigensinn für einen anderen Grund.

Eva neigte keineswegs dazu, exzentrische Wünsche zu äußern, auch behandelte sie ihre Dienerschaft gut. Diese Bitte zur Abendstunde musste Hortense gewiss befremden, jedoch war sie viel zu wohlerzogen, um sich ihre Überraschung anmerken zu lassen. „Wie Sie wünschen, Madame, ich erledige das umgehend.“

Es vergingen etwa zwanzig Minuten, bevor die Zofe mit vier Lakaien im Schlepptau erneut erschien, die fünfzehn Reisetaschen, Koffer und Hutschachteln hereinschleppten. „Danke, Hortense. Ich hatte ja keine Ahnung, dass mein Gepäck so umfangreich ist. Stellen Sie alles bitte dort drüben ab.“ Sie wartete, bis die Diener sich entfernt hatten, ehe sie sich wieder an Hortense wandte. „Helfen Sie mir nun, mich zur Bettruhe vorzubereiten. Ich bin müde und brauche Sie später nicht mehr.“

„Sehr wohl, Madame.“

Bei dem Gedanken, sich in Anwesenheit eines Mannes zu entkleiden, auch wenn er unter ihrem Bett war und nichts sehen konnte, war ihr höchst unbehaglich. Sie ließ sich von der Zofe in den seidenen Morgenmantel helfen und band den Gürtel zu. „Sie können gehen, Hortense. Gute Nacht.“

Sobald die Tür hinter der Zofe ins Schloss gefallen war, befahl Eva halblaut: „Bleiben Sie, wo Sie sind!“ und begann ihren Kleiderschrank nach einem passenden Tageskleid zu durchsuchen. Während sie hinter dem Wandschirm verschwand und ihre Unterkleider wieder anzog, hörte sie ein unterdrücktes Niesen. Ein einfaches, vorne zu verschnürendes Korsett löste wenigstens ein Problem.

Schließlich zwängte sie sich in das schlichteste Gewand, das sie finden konnte. Und bei dem Versuch, die Knöpfe im Rücken zu schließen, renkte sie sich beinahe die Schultern aus. Nachdem sie ein paar derbe Wanderschuhe angezogen hatte, packte sie einen Stapel Unterwäsche in einen abgenutzten Koffer, bevor sie verkündete: „Jetzt können Sie Ihr Versteck verlassen.“

Jack Ryder kroch unter dem Bett hervor und kam auf die Füße, während sie Waschutensilien und eine Zahnbürste in einem Beutel verstaute. „Dieser Koffer? Nein. Viel zu groß.“ Eva blieb vor Entsetzen der Mund offen stehen, als er den Stapel spitzenverzierter Seidenhemdchen kurzerhand aus dem Gepäckstück nahm und aufs Bett warf.

„Mr. Ryder! Das ist meine Unterwäsche!“

„Wie frivol, das zu erwähnen, während ich mich bemühte, es nicht zu tun. Französische Spitze, wie ich sehe“, fügte er zu ihrer Empörung hinzu. „Diese Tasche hier muss genügen, und höchstens die Hälfte dieses Flitterkrams.“

Mit einem vernichtenden Blick in seine Richtung verstaute Eva die genehmigte Hälfte ihrer Unterwäsche in das ihr zugewiesene Gepäcksstück und überlegte, was sie sonst noch brauchte. „Haben Sie genügend Geld bei sich?“

„Es wird reichen. Bis zur belgischen Grenze dürfte es nicht länger als eine Woche dauern.“

„Aber Napoleon ist wieder in Frankreich!“

„Er hält sich hauptsächlich in Paris auf und sammelt seine Truppen um sich. Wir müssen darauf achten, nicht als Ausländer erkannt zu werden. Als harmlose Franzosen wird man uns unbehelligt reisen lassen. Ihr Französisch ist perfekt, und meine Sprachkenntnisse können als Dialekt aus der Provence durchgehen.“

Damit musste Eva sich zufriedengeben. Immerhin hatte er es unentdeckt bis nach Maubourg geschafft, also musste sie sich darauf verlassen, dass er sie auch nach England brachte. „Und wie kommen wir aus der Burg?“ Frankreich von Süden nach Norden zu durchqueren erschien ihr wie ein Kinderspiel im Vergleich zu der Aufgabe, ihre eigene Burg in Begleitung eines fremden Mannes und einer Reisetasche zu verlassen.

„Besitzen Sie einen Umhang mit einer Kapuze?“ Eva nickte und holte ihn aus dem Schrank. Ryder nahm ihn ihr ab, faltete ihn und legte ihn in eine zweite Tasche. Anschließend entledigte er sich seines Jacketts und packte es dazu. „Ich brauche so etwas wie eine Schärpe.“ Er wartete, bis sie seine Absicht begriff. Natürlich: In Hemdsärmeln, schwarzer Weste und Kniehosen konnte man ihn aus der Ferne für einen Lakaien halten. Alles, was ihm dazu fehlte, war eine rote Schärpe. Aber was wollte er damit bezwecken? Sie hatte jedenfalls keine Möglichkeit, ihm zu folgen und sich als Dienerin zu verkleiden. Und dann schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, was er sonst noch von seinem Versteck aus gesehen haben konnte, abgesehen von der Tatsache, dass die Lakaien rote Schärpen trugen.

Eva verdrängte hastig den peinlichen Gedanken, während sie in der Kommode kramte, bis sie einen Schal in annähernd der richtigen Farbe fand. „Lassen Sie das, ich mache es schon!“ In ihrem Eifer, sich nützlich zu machen, bemerkte sie erst, was sie da eigentlich tat, als sie schon die Arme um seinen Körper geschlungen hatte. Jack stand reglos mit erhobenen Armen vor ihr. Eva spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. Es ließ sich nicht vermeiden, ihn beim Anbringen des Tuches zu berühren.

„Der Knoten muss richtig gebunden sein“, erklärte sie hastig. „So, das müsste genügen.“ Sie trat einen Schritt zurück und hoffte, er würde ihr gerötetes Gesicht mit ihrer allgemeinen Aufregung erklären. Seine Wärme hatte eine weitere verwirrende Wirkung auf sie. Sie zwang sich, klar zu denken. Ihre befremdliche Unruhe war gewiss nur mit dem Schock der Situation zu erklären. „Und jetzt?“

„Gibt es eine unbewachte Hintertreppe zum unteren Burghof?“ Ryder versteckte seine Pistole im Faltenwurf der Schärpe.

„Ja, natürlich. Aber am Ende des Gangs stehen Wachen – meine persönliche Leibgarde.“ Sie sah ihn fragend an. „Ich kann mich unmöglich unerkannt an ihnen vorbeischleichen – oder an anderen Burgbewohnern.“

„Das versuchen wir erst gar nicht. Sie gehen einfach neben mir her, schimpfen auf mich ein, und wir nehmen die Hintertreppe.“ Er schwang sich die kleinere Tasche auf die Schulter, wodurch er eine Hälfte seines Gesichts verbarg, anschließend nahm er die zweite Tasche in die Hand.

„Ich verstehe.“ Evas Spannung löste sich ein wenig, sie lächelte dünn. Es war lange her, seit sie Grund gehabt hatte zu lächeln. „Kommen Sie!“ Sie stieß die Tür auf und trat in den Flur. In einiger Entfernung, wo der Korridor sich zu einer Galerie weitete, standen zwei Bewaffnete mit aufgepflanzten Bajonetten. Beim Klang der großherzoglichen Stimme nahmen die Wachen Haltung an.

„Es ist mir unbegreiflich, wie ein Mensch so lange brauchen kann, um eine einzige Lederschlaufe anzunähen“, lamentierte sie gereizt. „Und wie du behaupten kannst, nicht zu wissen, an welcher Tasche du die Schlaufe auswechseln sollst, ist mir ein Rätsel! Wie kann man nur so begriffsstutzig sein! Ich sehe mir das lieber selbst an, bevor du noch mehr Schaden anrichtest. Wie lange stehst du eigentlich schon in unseren Diensten? Ich muss ein ernstes Wort mit dem Majordomus sprechen. So etwas ist mir in meinem ganzen Leben nicht untergekommen.“

Das Paar passierte die Wachen, während die unentwegt nörgelnde Burgherrin an Jacks ungeschützter Seite ging. Die Soldaten hielten den Blick starr geradeaus gerichtet, während sie mit klappernden Absätzen auf den Steinfliesen an ihnen vorübereilte. „Hier entlang, wir nehmen die Hintertreppe. Ich habe nicht den ganzen Abend Zeit!“

Jack eilte mit gesenktem Kopf neben Eva her und unterdrückte ein Schmunzeln über ihren keifenden Tonfall. Wenn sie tatsächlich so zänkisch war, stand ihm keine angenehme Zeit bevor. Allerdings fiel ihm die Vorstellung schwer, dass diese schöne Frau sich als Xanthippe entpuppen könnte. Als sie um das Leben ihres Sohnes fürchtete, hatte sie Tränen in den Augen gehabt. Abgesehen davon wirkte sie eher kühl, hochmütig und verschlossen. Sie wies alle Eigenschaften auf, die ihm geschildert worden waren.

Mit hochgezogenen Schultern und weiter auf den Boden gehaltenem Blick blieb er in der Nähe der Großherzogin. Sie kamen an einer Gruppe schwatzender Mägde vorüber, die hastig knicksten, ohne auf den Bediensteten zu achten, der gehorsam der gertenschlanken Gestalt ihrer Herrin folgte.

Sie führte ihn eine schmale Wendeltreppe nach unten und danach durch lange dunkle Flure. Sie schien sich erstaunlich gut im Gewirr der Gänge, die wohl zum Wirtschaftstrakt gehörten, zurechtzufinden. Offenbar ließ sie es sich nicht nehmen, den großen Haushalt persönlich zu überwachen. Jack bewunderte heimlich ihre anmutigen Bewegungen, den Schwung ihrer Hüften in dem schlichten Kleid, zwang sich aber rasch, den Blick abzuwenden und sich die Richtung des Fluchtwegs zu merken.

Eva öffnete eine eisenbeschlagene Eichentür und blieb auf einmal stehen. Jack sah sie fragend an. Die Großherzogin war aus keinem für ihn ersichtlichen Grund bleich geworden. Er hatte keine sonderbaren Geräusche wahrgenommen, keine sich bedrohlich nähernden Fußtritte. Nichts. Vor ihnen befand sich nur eine weitere dunkle Wendeltreppe. Sie schien dennoch um Fassung zu ringen, und die Knöchel ihrer Finger, die den schweren Eisenring an der Tür umfassten, schimmerten weiß.

Nach kurzem Zögern hob sie das Kinn, eilte energischen Schrittes die Steinstufen hinab und stieß eine weitere schwere Tür auf, die in eine große, von wabernden Dämpfen erfüllte Küche führte. In dem alten Gewölbe hallte ohrenbetäubender Lärm klappernder Töpfe, klirrender Schüsseln und dem lauten Stimmengewirr der Küchenmägde wider. Inmitten dieses emsigen Treibens stand ein dickleibiger Koch, der mit hochrotem Gesicht einen riesigen Kochlöffel schwang und seine Untergebenen unwirsch herumscheuchte. „Welches hirnlose Schaf hat die Suppe mit Sahne angereichert?“, fragte er mit einer Stimme wie Donnerhall. „Weißt du dumme Gans immer noch nicht, dass Ihre Königliche Hoheit keine Sahne verträgt? Willst du sie vergiften?“ Sein empörter Blick durchdrang den Nebel der Küchendünste, und schließlich entdeckte er auch seine Herrin an der Türschwelle. Er verneigte sich ehrerbietig. „Königliche Hoheit! Welche Ehre!“

„Lasst euch nicht stören.“ Mit einer herrischen Geste gebot die Großherzogin dem Personal, weiter ihre Arbeiten zu verrichten, und den Meister der Kochtöpfe ließ sie einfach stehen, sodass er nicht umhin konnte, ihnen hinterherzugaffen. „Hier entlang“, murmelte sie, und schon stand Jack in einem kleinen Hof, in dem Brennholz aufgeschichtet war. Ein junger Bursche, beladen mit einem Korb Holzscheite, drängte sich an dem Paar vorbei. Schließlich standen sie allein in der Dunkelheit.

Jack stellte die kleinere Tasche ab und entnahm ihr den Umhang sowie sein Jackett. „Hier! Ziehen Sie die Kapuze tief ins Gesicht.“ Danach verstaute er die leere Tasche unsichtbar für andere in einem Zwischenraum hinter dem Holzstoß, fasste Eva beim Ellbogen und führte sie in die Richtung, in der er, wenn ihn sein innerer Kompass nicht trog, den äußeren Burghof vermutete, zu dem die Stadtbewohner ungehinderten Zugang hatten. Bald würden Passanten sie für ein harmloses Paar halten, das an einem lauen Frühsommerabend einen Spaziergang machte.

Das Unterfangen ließ sich leichter an, als er sich erhofft hatte. Die Großherzogin folgte seinen Instruktionen, ging allerdings stocksteif neben ihm her, augenscheinlich nicht daran gewöhnt, den Anweisungen eines Mannes unter ihrem Stand Folge zu leisten. Am Haupttor standen weitere Wachtposten, die jedoch keine Notiz von den beiden nahmen.

„Unten, an der Ostbrücke, wartet eine Kutsche auf uns“, erklärte Ryder und führte sie durch das Tor, vorbei an einer lachenden Männergruppe, die eine Weinschänke ansteuerten. Danach wich er einem Händler aus, der seine Waren auf einen Handkarren lud und dabei war, seinen Verkaufsstand zu verriegeln. „Es sind mehr Leute unterwegs, als ich vermutete“, stellte er sichtlich erleichtert fest. Und die Frau an seiner Seite zierte sich weniger, als er befürchtet hatte, bewahrte einen kühlen Kopf, hatte jedoch eine spitze Zunge.

In der steil zum Flussufer abfallenden Gasse erlag er beinahe der Versuchung, seine Schritte zu beschleunigen, was aber nur unnötige Aufmerksamkeit erregt hätte. Am Ende der Gasse konnte Jack das gelegentliche Aufblitzen der Wasserfläche im Schein einer Laterne wahrnehmen. Kurz darauf entdeckte er das schief hängende Wirtshausschild, an dem er sich bei seiner Ankunft orientiert hatte. „Hier entlang.“

Er bog in eine Nebengasse ein, eigentlich nur ein schmaler Durchlass, mit Steinstufen in der Mitte. Eva ging tapfer neben ihm her, hielt den Umhang mit beiden Händen am Hals fest und wirkte immer noch ruhig und gefasst. Jack schickte ein stummes Dankgebet zum Himmel, der ihn vor einem hysterischen Frauenzimmer verschont hatte, und seine Zuversicht auf ein glückliches Gelingen dieser Flucht wuchs zusehends.

Plötzlich glitt Eva mit einem erschrockenen Laut auf dem glitschigen Kopfsteinpflaster aus. Jack ließ die Tasche fallen, um ihren Sturz abzufangen. Zu spät. Sie ging zu Boden. Er hörte das Zerreißen von Stoff.

„Autsch! Das hat wehgetan.“ Sie versuchte sich schnell wieder aufzuraffen, und gereizt zerrte sie an dem weiten Umhang, in den sie sich verheddert hatte. In der Dunkelheit konnte er nur das helle Oval ihres Gesichts erkennen und die flatternden Bewegungen ihrer Hände.

„Sind Sie verletzt?“ Jack ging in die Knie, um ihr aufzuhelfen.

„Höchstens ein paar blaue Flecke, mehr nicht.“ Eva nestelte an dem Umgang. „Dieses dumme Ding! Der Verschluss wurde beim Sturz herausgerissen.“ Jack stützte sie. Sie hatte geschmeidige Bewegungen, registrierte er beiläufig, war kräftig und gelenkig. Auch das eine Erleichterung. Er hatte befürchtet, eine plumpe, verhätschelte Prinzessin vorzufinden, die sich bei jeder Gelegenheit seufzend beklagte. Der Umhang rutschte ihr von den Schultern und landete auf dem Pflaster. Es war so stockfinster, dass weder das Kleidungsstück noch die Tasche zu sehen waren.

„Bleiben Sie einen Moment stehen, ich suche die Sachen.“ Als Jack sich nach ihnen bückte, hörte er plötzlich lauter werdende Stimmen. Der Zugang zur Gasse wurde auf einmal von Fackelschein erhellt, dazu polternde Stiefelschritte, die sich bedrohlich näherten. Jack richtete sich blitzschnell auf, warf sich gegen den Holzverschlag der nächsten Verkaufsbude und zerrte Eva mit sich. Der Durchgang war nun von den Fackeln vollkommen erleuchtet. „Machen Sie bloß keine Szene.“ Das war alles, was er zischen konnte, bevor er sich über sie neigte und seinen Mund auf ihre Lippen presste.

„Mmmpf!“ Sie versuchte zu protestieren und ihren Kopf nach hinten zu reißen. Jack aber hielt ihn mit einer Hand fest, den anderen Arm hatte er wie eine Eisenklammer um ihren Körper geschlungen. Er gab sich den Anschein, sie leidenschaftlich zu küssen, was jedoch nicht gerade einfach war, da die Dame versuchte, ihn in die Zunge zu beißen.

„Hallo! Was haben wir denn da?“, fragte eine arrogante Stimme. „Lässt du uns auch mal ran, guter Mann?“

Jack hob kurz den Kopf, erhaschte einen flüchtigen Blick auf wütend blitzende braune Augen, bevor er Evas Gesicht an seine Schulter presste und ihr Grollen im Stoff erstickte. „Tut mir leid, die Dame gehört mir!“Vor ihm stand etwa ein halbes Dutzend Offiziere in hellblauen Maubourg-Uniformen. Etlichen von ihnen war er bereits bei seinen Erkundungsgängen begegnet, als er die Befestigungsmauern und Wehrtürme der mittelalterlichen Burg inspizierte. Die Offiziere waren angetrunken, aber nicht so stark, um Streit zu suchen.

Jack bemühte sich um einen weltmännischen Akzent der Nordfranzosen, in der Hoffnung, damit einschüchternd auf die Soldaten zu wirken. Keineswegs wollte er sie provozieren – was er von der Großherzogin nicht behaupten konnte, die sich immer noch verzweifelt gegen seine Zudringlichkeiten wehrte. Seine Finger wühlten sich in ihr duftendes Haar, während er die weichen Rundungen ihres Busens spürte. Er sah sich gezwungen, sie noch enger an sich zu pressen, mit dem Ergebnis, dass er sie damit an ein gewisses Körperteil drückte, das sich augenblicklich mit Begeisterung an dem trügerischen Liebesspiel beteiligte. „Geduld, Schätzchen, warte, bis die Herren endlich die Güte haben, sich zurückzuziehen.“ Worauf die Großherzogin den Versuch unternahm, ihm das Knie in besagte höchst empfindliche Stelle zu stoßen. „Freunde, habt ein Einsehen. Der Gemahl der Dame wird sich jeden Moment auf die Suche nach ihr begeben – und uns um unser Vergnügen bringen.“

Diese Bemerkung hatte den erwünschten Erfolg. Unter wieherndem Gelächter feuerten die Soldaten das Paar mit obszönen Sprüchen an, bevor sie ihren Weg fortsetzten. Doch dann drehte der ranghöchste Offizier, wie Jack an seinen Epauletten erkannte, sich noch einmal um.

„Oh, die Dame hat ihren Umhang verloren. Wenn Sie gestatten.“ Er bückte sich danach, trat näher, um ihn Eva um die Schultern zu legen. Dabei hielt er die Fackel höher, um sie näher in Augenschein zu nehmen, wie Jack grimmig vermutete.

3. KAPITEL

Colonel de Presteigne! Beim Klang seiner Stimme erstarrte Eva, hörte jäh auf, sich gegen die empörenden Zudringlichkeiten des Engländers zu wehren, klammerte sich stattdessen an ihn und barg ihr Gesicht an seinem Hals. Es handelte sich nicht um ein paar junge Soldaten, die ihre Großherzogin im Kleid einer einfachen Bürgerin in der dunklen Gasse womöglich nicht erkennen würden, sondern um einen hochrangigen Offizier, der die Burgherrin sehr wohl kannte.

Sie spürte Jacks kräftigen gleichmäßigen Pulsschlag und zwang sich, Ruhe zu bewahren. „Hier, gestatten Sie, ma chère.“ Das Gewicht des Umhangs legte sich schwer auf ihre Schultern, und die Finger des Colonels strichen dabei über ihren Nacken. Es war genau die gleiche Geste wie vor wenigen Tagen bei einem festlichen Empfang, als er ihr den verrutschten Seidenschal um den Hals gelegt hatte in der dreisten Spekulation, sie könne nicht unterscheiden, ob diese flüchtige Berührung absichtlich oder zufällig wäre. Nun erkannte sie die verstohlene Zärtlichkeit, gewiss eine bevorzugte Koketterie seinerseits, mit der er sich bei Frauen einzuschmeicheln versuchte.

Merci.“ Jack legte ihr seine Hand um die Schultern, sodass er auf diese Weise deutlich zu verstehen gab, der Offizier habe gefälligst seine Finger von der Frau zu nehmen. „Bonne nuit, Colonel“, verabschiedete er ihn leise und mit einem bedrohlichen Unterton.

Zwischen den beiden Männern war eine spürbare Spannung. Eva befürchtete beinahe, Mr. Ryder würde sich dazu hinreißen lassen, etwas Unvernünftiges zu tun, und damit eine gefährliche Eskalation der Situation heraufbeschwören. Ein erregendes Prickeln durchlief sie. Den Schutz eines Mannes zu genießen, nur weil sie eine Frau war und nicht die Großherzogin, war verwirrend neu für sie. Oder lag es nur an den Nachwirkungen seiner Küsse, die er so unverfroren auf ihre Lippen gedrückt hatte?

Am Spiel seiner Muskeln spürte sie, dass er sich darauf gefasst machte, sie aus der Gefahrenzone in Sicherheit zu bringen, falls der Offizier handgreiflich werden sollte. Alle drei schienen den Atem anzuhalten. Und dann lachte de Presteigne. „Bonne nuit et bonne chance, mon ami.“ Mit lauten Schritten entfernte er sich den Hügel hinunter, schließlich verhallten die Geräusche der Stiefel in der Dunkelheit. Eva sank an Jacks Brust, fast schien es ihr, als würde sie ihre Fassung verlieren. Sie holte tief Atem, hatte Mühe, ihre zitternden Knie zu beruhigen.

Bevor sie sich aus seiner Umarmung zu lösen vermochte, umfasste Jack mit beiden Händen ihr Gesicht. Er küsste sie erneut, und zwar mit einer Heftigkeit, die seiner Erleichterung Ausdruck gab und seine innere Anspannung löste. Sein Kuss war heiß und fordernd, und Eva erwiderte seinen Ausbruch wilder Leidenschaft mit einem Gefühl der Hingabe. Wieder schmiegte sie sich an ihn. Diese unglaublichen Wonnen, die sich hemmungslos Bahn brachen, bedeuteten auch für sie eine unendliche Befreiung. Sie benebelten ihren Verstand, und sie gab sich der Seligkeit des Augenblicks hin, vergaß die übelriechende schmale Gasse, das glitschige Kopfsteinpflaster, vergaß Gefahr und Verfolgung.

Sie öffnete ihre Lippen, folgte dem Drängen seiner Zunge, das im Anschwellen seiner Männlichkeit an ihrem Leib Widerhall fand. Trotz geschlossener Lider schienen ihre Augen Funken in die Dunkelheit zu versprühen. Sinnliches Verlangen durchflutete ihre Adern, als hätte sie ein berauschendes Getränk zu sich genommen. Sie kostete gierig von der Süße seines Mundes, sog den männlichen Duft seiner Haut tief ein.

„Zum Teufel!“ Er hob den Kopf, wobei er sie immer noch an sich gepresst hielt. Wirklichkeit und Verblüffung trafen sie gleichzeitig wie ein Donnerschlag.

Zum Teufel? Sie waren nahe daran, sich in dieser Gasse zu lieben, und alles, was er sagen konnte, war „zum Teufel“? Sie musste den Verstand verloren haben – was wäre geschehen, wenn dieser Moment des Wahnsinns sie in ihrem Schlafgemach überfallen hätte? Wie konnte er es überhaupt wagen, sie zu berühren? Wie konnte sie es zugelassen haben?

„Sie … Sie …“, stammelte sie außer sich.

„Ich habe mich vergessen, verzeihen Sie.“ Seine Entschuldigung war von leiser Ironie gefärbt und mahnte sie an ihre eigene beschämende Rolle bei dem, was soeben geschehen war. In der Dunkelheit konnte sie nicht erkennen, was sich in seinem Gesicht spiegelte. „Anspannung, gefolgt von Erleichterung treiben seltsame Spiele mit uns. Gehen wir?“

Es war äußerst ehrenvoll, den peinlichen Vorfall mit keinem Wort zu erwähnen. Jede Bemerkung darüber hätte ihre Verlegenheit nur verschlimmert. Allein bei dem Gedanken daran schoss ihr die Schamröte erneut in die Wangen. „Gewiss, Mr. Ryder“, entgegnete sie hoheitsvoll. „Haben Sie die Reisetasche?“ Eva krallte die Hände um den zerrissenen Verschluss an ihrem Hals und spürte ihren rasenden Puls an ihren eisigen Fingern.

„Ja.“ Er bückte sich, ein dunkler Schatten, dann nahm er sie beim Arm. Wissend, dass sie sich bei einem neuerlichen Sturz verletzen könnte, ließ sie ihn gewähren. Und sie bemühte sich, an etwas anderes zu denken als an aufkeimende sinnliche Regungen ihres Körpers.

„Wer bewacht die Kutsche?“ Bislang hatte sie nicht daran gedacht, diese Frage zu stellen, aber nun befand sie sich in der Welt außerhalb der Burg, in der keine Lakaien und berittene Eskorte mit der Kutsche vor dem Portal warteten. In dieser Welt wurden Pferde und Wagen gestohlen, wenn man sie unbewacht irgendwo stehen ließ. Es war eine raue Welt, vor der man sie in den vergangenen zehn Jahren behütet hatte und in der sie erst lernen musste, sich darin zurechtzufinden, um zu überleben.

„Mein Diener Henry kümmert sich um die Kutsche.“ Jack beschleunigte seine Schritte, als sie die Uferstraße erreichten. Aus den Fenstern der umliegenden Schänken fiel schwaches Licht auf das Pflaster.

„Was geschieht, wenn ihn jemand anspricht?“ Eva zog die Kapuze tiefer ins Gesicht und achtete darauf, dem Umrat, das überall herumlag, auszuweichen.

„Er verbrachte zwei Jahre in einem französischen Gefängnis und beherrscht die Sprache deshalb leidlich, vor allem aber sämtliche derben Kraftausdrücke.“ Jack wirkte völlig gelassen, nicht wie ein Mann, der sich noch vor wenigen Minuten vom Taumel eines wilden Kusses hatte hinreißen lassen. Sie wünschte sich seine Kaltblütigkeit, aber vielleicht hatte er diesen Kuss auch gar nicht besonders erregend gefunden. Kein schmeichelhafter Gedanke. „Da vorne ist der Wagen.“

Die Kutsche stand vor einem Bordell. Der Eingang wurde von einem grobschlächtigen Rausschmeißer mit Händen wie Schinkenkeulen bewacht. Etwas abseits grölten ein paar Männer, Musik und schrilles Lachen waren zu hören.

Henry trug einen weiten Mantel und schien Ausschau nach dem Paar gehalten zu haben, denn er richtete sich sofort auf seinem Kutschbock auf und grinste breit. „Da seid ihr ja endlich. Welch eine Überraschung.“ Er beugte sich herab, als Jack den Wagenschlag öffnete, und redete nun in einem derben französischen Straßendialekt. Die vertrauliche Art des Umgangs mit seinem Herrn verblüffte Eva. „Ich hatte schon damit gerechnet, Ihre gebrochenen Knochen morgen früh von den Felswänden kratzen zu müssen. Ist das die Dame?“

„Nein, sie ist mir zufällig über den Weg gelaufen“, antwortete Jack sarkastisch, während er Eva ins Innere der Kutsche half. „Dumme Frage. Natürlich ist sie die Dame. Hast du dich in der Gegend umgesehen, wie ich es dir gesagt habe?“

„Ja, Sir.“ Der Mann sprach jetzt Englisch. „Ein nettes kleines Städtchen, nicht zu vergleichen mit Paris oder Marseille, aber ein Mann könnte sich hier recht gut amüsieren, wenn er Zeit hätte.“

„Wir haben aber keine Zeit, und sprich gefälligst Französisch“, entgegnete Jack mürrisch. „Hast du dich in der Parfummanufaktur umgesehen?“

„Na klar. Ziemlich eindrucksvoll, und es riecht dort überall wie in einem Blumenladen in Covent Garden. Wieso? Wollen Sie Geschenke kaufen?“

„Nein, ich will einbrechen. Fahre uns zum Tor, aber langsam. Ich will keine unnötige Aufmerksamkeit erregen.“ Jack stieg ebenfalls ein, schloss den Wagenschlag und ließ sich auf den Sitz gegenüber der Großherzogin fallen. Dann atmete er tief und erleichtert auf, und Eva sah seine weißen Zähne aufblitzen. „Geschafft! Das war leichter, als ich gedacht hatte.“

Darauf gab es kaum etwas zu entgegnen, wenigstens nichts, was nicht als Anspielung auf die leidige Begebenheit in der Gasse gewertet werden könnte. „Haben wir wirklich vor, in die Manufaktur einzubrechen?“

„Ich schon, Sie nicht.“

„Mr. Ryder, muss ich Sie daran erinnern, wer ich bin? Ich bestimme, was ich tue und was nicht. Im Übrigen habe ich den Schlüssel.“ Die Lichter aus den Weinschänken am Straßenrand erleuchteten das Wageninnere und ließen Jacks verblüfftes Gesicht aufflackern, ehe er sich rasch wieder fasste.

„Wie? Sie haben einen Schlüssel bei sich? Aber Sie konnten doch nicht wissen? Wieso …?“

Sie war beinahe versucht zu behaupten, sie habe geahnt, dass er ihn brauchen würde, aber ihre Ehrlichkeit siegte. „Er steckte zufällig in der Tasche dieses Umhangs. Ich muss wohl vergessen haben, ihn nach meinem letzten Besuch in der Manufaktur herauszunehmen. Bei der Gelegenheit entdeckte ich, dass Antoine diese Wissenschaftler eingestellt hatte. Ich wollte eigentlich nur in einem Rezepturbuch nachlesen, da ich in der Burg eine alte Anweisung für ein Parfum entdeckt hatte, das vielversprechend klang. Zudem wollte ich prüfen, ob man es je kreiert hatte. Früher hielt ich mich recht häufig in den Laboratorien auf, aber seit Philippes Krankheit habe ich meine Besuche fast eingestellt. Antoine weiß wahrscheinlich gar nicht, dass ich einen Schlüssel besitze. Wonach suchen wir eigentlich?“

Ich will nach Formeln, Zeichnungen, technischen Vorrichtungen Ausschau halten, nach irgendetwas, das mir Aufschluss geben könnte, was er vorhat.“

„Dann beginnen wir also mit den Kontorräumen“, entgegnete Eva seelenruhig. „Anschließend nehmen wir uns die Laboratorien vor und sehen dort nach, ob wir in ihnen etwas finden. Die Halle, in der die Essenzen destilliert werden, scheint mir nicht von Belang zu sein, da die Herstellung der verschiedenen Düfte normal weitergeführt wird. Andernfalls hätte ich etwas darüber erfahren.“

„Sie erleichtern mir die Arbeit, wenn Sie mir einen Plan der Manufaktur aufzeichnen.“ Jack kramte in einem Seitenfach, das an der Tür der Kutsche angebracht war, und holte Bleistift und Papier hervor.

„Ich sagte Ihnen bereits, Mr. Ryder, ich begleite Sie.“ Eva schob ihm die hingehaltenen Schreibutensilien wieder zu. Seine verschlossene Miene ließ sie wissen, dass er nicht die Absicht hatte, ihrem Wunsch zuzustimmen. „Ich kann die Manufaktur jederzeit betreten“, erklärte sie unbeirrt. „Und ich kann sie einem Besucher zeigen, niemand wird mich daran hindern. Der Pförtner, der Nachtdienst hat, wird sich kaum über meinen späten Besuch wundern, daran ist er gewöhnt. Wenn sie nicht gezwungen sind, gewaltsam einzubrechen, helfe ich Ihnen damit nur, das Risiko zu verringen und die Dinge zu beschleunigen.“

„Das stimmt allerdings“, gab Jack widerstrebend zu und spürte ihre Verblüffung über seine überraschende Einsicht. „Ich gehöre nicht zu den Leuten, die einen guten Vorschlag ablehnen, nur weil er nicht von mir ist.“

„Ich dachte, Sie weisen ihn von sich, weil ich eine Frau bin oder wegen meiner gesellschaftlichen Stellung.“

„Weder noch. Was Sie in Ihrer Position tun, ist Ihre Sache. Ich habe gelegentlich hitzige Auseinandersetzungen mit Herzögen, allerdings keine diesbezüglichen Erfahrungen mit Großherzoginnen. Im Übrigen habe ich die Feststellung gemacht, dass es unter Frauen wie unter Männern gleichermaßen törichte und kluge Exemplare gib.“

„Aha.“ Mit dieser eindeutigen Aussage hatte er einen wunden Punkt bei ihr berührt, und es dauerte eine Weile, bis sie sich fasste. Bislang hatten alle Männer in ihrem Leben ihr unverkennbar zu verstehen gegeben – selbstverständlich mit der gebührenden Höflichkeit –, dass man ihr die Achtung entgegenbrachte, die ihr hoher Rang erforderte, aber ihre Meinung mit nachsichtiger Milde anzuhören sei. Selbst der gutherzige Philippe neigte dazu, sie zu behandeln, als sei sie nicht wirklich fähig, Überlegungen zu Themen anzustellen, die über modische Belange, Wohltätigkeitsveranstaltungen und ihre mütterliche Fürsorge hinausgingen. Von einer Großherzogin wurde erwartet, sich zu verhalten wie eine pflichtbewusste Marionette.

Sie fing an, sich etwas zu wohl in der Nähe dieses Mannes zu fühlen. Sie begann sogar, ihn sympathisch zu finden. Es war gefährlich, so etwas zuzulassen, nur weil er ein Mann war, der sie nicht behandelte wie eine geistlose Puppe – und der sie geküsst hatte wie einen gefallenen Engel. „Begegnen Sie Herzögen mit ähnlicher Vertraulichkeit wie mir? Sie müssten mich eigentlich mit meinem Titel ansprechen.“

„Königliche Hoheit, wenn ich mir die Mühe mache, Sie mit Ihrem vollständigen Titel anzusprechen, zieht sich nicht nur jeder Satz unerträglich in die Länge, wir riskieren damit auch unnötiges Interesse von Fremden während unserer langen Reise auf uns zu lenken.“

„Ma’am könnte in diesem Fall genügen“, entgegnete sie spitz, und ihre Irritation stieg wieder in ihr auf.

„Wie lautet denn Ihr vollständiger Name, wenn ich fragen darf, Ma’am?“ Fast hätte er es vergessen, das letzte Wort hinzuzufügen.

„Evaline Claire Elizabetta Mélanie Nicole la Jabotte de Maubourg.“

Jack pfiff anerkennend durch die Zähne. „Sehr beeindruckend. Aha! Ich glaube, wir sind angekommen.“

Eva warf einen Blick aus dem Fenster der Kutsche. Sie erkannte die hohen Mauern mit den Torflügeln aus Gusseisen, in die eine schmale Tür eingelassen war. „Ja, das ist das Haupttor.“ Sie reichte ihm den Schlüssel. „Ich sage dem Pförtner, Sie sind ein französischer Gast aus Grasse, der sich für unsere Parfumherstellung interessiert.“ Und als Jack ihr aus dem Wagen half, fügte sie hinzu: „Und denken Sie bitte daran, mich in angemessener Form anzusprechen.“

„Sehr wohl, Königliche Hoheit.“ Das Klicken seiner Stiefelabsätze war eine Provokation, die sie wohlweislich ignorierte.

Der alte Georges kam eilig mit seiner Laterne angewackelt, als die beiden den Hof zur Hälfte überquert hatten. Sein wettergegerbtes Gesicht war in tiefe Sorgenfalten gelegt. „Ihre Königliche Hoheit, Madame! Ich habe Sie zu so später Stunde nicht erwartet – ist etwas nicht in Ordnung?“

„Nein, nein Georges. Dieser Herr kommt aus Grasse. Er will morgen sehr zeitig weiterreisen, deshalb zeige ich ihm unsere Manufaktur noch heute.“

„Soll ich Sie mit der Laterne auf dem Rundgang begleiten, Madame?“

„Nein, das ist nicht nötig. Geben Sie dem Monsieur nur die Laterne. Wir melden uns ab, wenn wir wieder gehen.“

Sie entriegelte die Tür zum Kontor und entließ den alten Mann mit einem Nicken. Jack folgte ihr. „Das war beinahe zu einfach“, stellte er fest.

„Was wollen Sie damit sagen?“ Eva schlug ein schweres Buch auf, in dem die täglichen Ein- und Ausgänge eingetragen wurden, und überflog ein paar Seiten. „Nachts hat nur der alte Georges Dienst. Also, hier befinden wir uns in den Räumen, in denen die Kontorangestellten arbeiten. Die Registratur wird uns wohl kaum nähere Auskünfte geben.“

„Wenn es hier ein geheimes Laboratorium gäbe, würde es kaum von einem einzigen alten Mann bewacht werden. Er schien nicht erstaunt zu sein, uns zu sehen, also ist er nicht in ungewöhnliche Machenschaften eingeweiht.“ Jack ließ den Blick durch den Raum schweifen, zog ein paar Schrankfächer auf und begab sich danach in das nächste Kontor. „Die aller Wahrscheinlichkeit nach getarnten Formeln müssen an einem sicheren Ort versteckt sein.“

„Ich weiß, was Sie meinen.“ Eva raffte die Röcke und folgte ihm. „Die Laboratorien liegen ganz am Ende des Geländes, kommen Sie.“

Sie öffnete eine Tür nach der anderen, bis sie an der letzten angelangt war. „Dieser Raum wird nicht mehr benutzt. Ach, interessant, das Schloss wurde ausgetauscht.“ Plötzlich erschien ihr der vertraute Ort, den sie so oft auch nachts ohne Bedenken durchwandert hatte, irgendwie fremd, beinahe feindselig. Unwillkürlich rückte sie näher an Jacks Seite und biss sich gereizt auf die Lippen. Es besteht nicht der geringste Grund, Angst zu haben, redete sie sich ein. „Dieser Schlüssel passt jedenfalls nicht.“ Sie hielt ihm den Türöffner unter die Nase, als wolle sie ihm damit erklären, warum sie näher an ihn herangetreten war.

„Tja, dann muss ich das Schloss aufbrechen.“ Jack angelte mit den Fingern aus seinem Stiefelschaft ein langes dünnes Metallstück hervor. Anschließend kauerte er sich vor die Tür und steckte den Dietrich ins Schlüsselloch. Eva hielt die Laterne hoch. „Danke, ich brauche kein Licht. Ich muss es fühlen und auf die Geräusche hören.“

Seine Konzentration faszinierte sie. Und wieder stieg das Bild eines Schwertkämpfers in ihr auf, während sie sein Profil beobachtete. Seine Augen waren geschlossen, seine Gesichtszüge völlig entspannt, als lausche er versunken einer Melodie. Eva entdeckte eine kleine sichelförmige Narbe unter dem Auge, auf seinen hageren Wangen begannen dunkle Bartstoppeln zu sprießen. Unter seinen engen Reithosen zeichneten sich die Muskeln seiner Schenkel ab. Eva spürte die Wärme, die von seinem athletisch gebauten Körper ausging.

Sie war den Umgang mit eleganten Höflingen gewöhnt, mit in Samt und Seide gekleidete Politiker und Staatsbeamte. Selbst die Offiziere trugen prächtige Uniformen, die besser in einen Ballsaal passten als auf ein Schlachtfeld. Dieser Mann jedoch übte eine bedrohliche Wirkung auf sie aus. Eva zwang sich, den Blick von ihm zu wenden. Die größte Gefahr bestand nämlich darin, dass sie die Nähe dieses draufgängerischen, dreisten und selbstherrlichen Mannes erregend fand.

In den zwei Jahren ihrer Witwenschaft war sie sorgsam darauf bedacht gewesen, attraktive Männer zu meiden. Sie wollte nicht in Versuchung geraten, ein unbesonnenes Abenteuer einzugehen, nur um sich ihr kaltes, einsames Bett von einem Mann wärmen zu lassen. Bei Hofe tuschelte man ständig über einsame Witwen, die sich einen Liebhaber nahmen und sich ihren Ruf in der Gesellschaft ruinierten. Solche Affären kamen meist an die Öffentlichkeit, und es war unvermeidlich, dass immer die Frau die Zielscheibe hämischen Spotts und moralischer Entrüstung war, in den seltensten Fällen der Mann.

Dieses befremdliche Gefühl, diese heftige Erregung und Abenteuerlust, war lediglich dem Schock von Jack Ryders plötzlichem Eindringen in ihr bislang beschauliches und langweiliges Dasein zuzuschreiben – und nicht zuletzt den beunruhigenden Zwischenfällen der letzten Wochen. Kein Wunder, dass sie auf diese unvermutete Wende in ihrem Leben empfindlich reagierte. Keineswegs durfte mehr daraus werden.

„Geschafft!“ Das Schloss klickte, die Tür sprang auf. Sie betraten einen Raum, ausgestattet mit zwei Schreibpulten, zwei schrägen Zeichenbrettern und einem langen Tisch in der Mitte. An der hinteren Stirnseite befanden sich fast wandhohe Schränke mit flachen Schubfächern.

„Kein einziges Zeichenblatt.“ Jack zog ein paar Schubladen an den Schreibpulten auf. „Nur Zeichenmaterial, Tintenfässer und Lineale.“

Gemeinsam begaben sie sich zu den hohen Schränken. Eva strich mit der Hand über das massive dunkle Holz. „Schauen Sie sich die Schlösser an. So etwas habe ich noch nie gesehen.“

„Ich auch nicht. Und ich muss gestehen, dass ich diese nicht aufbrechen kann.“ In gebückter Haltung prüfte Jack die Vorrichtungen, die mit doppelten Schlüssellöchern, Stahlbändern und Eisenstäben gesichert waren.

„Da bleibt uns wohl keine andere Wahl, als die Schränke zu zertrümmern“, bemerkte Eva seelenruhig. „Die Räume sind mit Feueräxten ausgestattet. Hier, schauen Sie.“ Sie umfasste eine schwere Axt, die in einer Ecke neben einem Wassereimer lehnte, und versuchte sie probeweise zu heben.

„Das bedeutet allerdings, dass man uns beschuldigen wird, hier unerlaubt eingedrungen zu sein.“ Jack verschränkte die Arme und betrachtete die hohen kistenartigen Holzbauten eindringlich.

„Na und?“ Ihr war völlig klar, dass der Verdacht auf sie fallen würde.

„Wenn Prinz Antoine Ihr Verschwinden bemerkt, lässt er es möglicherweise dabei bewenden, wenn sein Interesse an Ihrer Person nicht sonderlich groß ist. Wenn er Ihre Flucht allerdings mit einem Einbruch in seinem Geheimlabor in Verbindung bringt, wird er alle Hebel in Bewegung setzen, um Sie zurückzuholen.“

„Aber es ist doch wichtig, herauszufinden, was hier vorgeht.“ Eva fragte sich irritiert, ob er ihr tatsächlich unterstellte, ihre eigene Sicherheit sei ihr wichtiger als das Wohlergehen ihres Landes.

„Wir haben hinreichende Verdachtsmomente, dass Antoine mit Sprengstoffen experimentiert. Mein Befehl lautet, Sie wohlbehalten nach England zu bringen, nicht aber Sie in einen Spionagefall hineinzuziehen.“

„Wollen Sie etwa unverrichteter Dinge wieder abziehen?“, fragte Eva entrüstet.

„Das liegt mir fern. Aber es geht um Ihr Leben. Ihr Sohn wartet in England auf Sie.“

Eva lehnte die schwere Axt gegen einen Schrank und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Mr. Ryder stellte sie vor die Wahl, nicht ohne ihr die Gefahren zu verheimlichen. Er hatte sich, wenn auch widerstrebend, damit abgefunden, dass sie ihn in die Manufaktur begleitete, und er war bereit gewesen, sich ihre Vorschläge anzuhören.

„Wenn sich der Verdacht bestätigt, dass Antoine beabsichtigt, Napoleon mit neuartigen Waffen zu beliefern, könnte ich mir das niemals verzeihen“, sagte sie und blickte unverwandt in Jacks graue kühle Augen. „Ich habe den Regenten eines Landes geheiratet, mag es auch noch so klein sein, und damit gewisse Pflichten übernommen.“ Falls sie in Gefahr war, so war es auch Jack. Sie war davon überzeugt, dass der Engländer sie mit seinem Leben verteidigen würde.

Seine Lippen umspielten ein dünnes Lächeln, und in seinem Blick lag Bewunderung, wenn auch nur widerstrebend. Mit dieser Aussage hatte sie sich zu seiner Verbündeten gemacht, ihrer beider Leben stand nun auf dem Spiel. Er streckte die Hand nach der Axt aus. „Gut. Dann fangen wir an.“

Eva war schneller und packte den Holzgriff des Werkzeugs mit beiden Händen. „Nein, ich führe den ersten Schlag aus!“ Mit aufeinandergebissenen Zähnen hob sie das Gerät über den Kopf und ließ es auf die erste Stahlverriegelung niedersausen. Das umgebende Holz splitterte krachend, und ein scharfer Schmerz fuhr ihr in den Arm. „Der ist für Frédéric. Wie kann Antoine es wagen, sich an dem Erbe meines Sohnes zu vergreifen? Ich wünschte, der infame Verräter würde vor mir stehen!“

4. KAPITEL

Jack löste Evas Finger von dem Axtgriff. „Wenn Sie gestatten. Ich habe zwar Verständnis für Ihren Wunsch, Ihren Schwager zu enthaupten, bin allerdings der Meinung, ich eigne mich besser, aus diesem Möbelstück Brennholz zu machen.“

Sie nickte knapp, überließ ihm das Werkzeug und trat mit wütend funkelndem Blick einen Schritt zurück. Respekt, dachte er, diese Frau hat Mumm in den Knochen! Und dann machte er sich daran, mit gezielten Hieben die Sicherheitsschlösser aus ihren Verankerungen zu keilen. Sie müsste dieses Herzogtum regieren. Der Grund, warum er ihr gegenüber einen lockeren Umgangston anschlug, lag nur darin, dass er seine Mission nicht gefährden wollte. Keineswegs geschah es aus Mangel an Hochachtung für diese Frau, mochte sie auch in diesem Punkt anderer Meinung sein.

Ihn schauderte bei dem Gedanken, was die Herren Minister in Whitehall sagen würden, wenn sie wüssten, dass er die Großherzogin dazu ermutigt hatte, sich an einem Einbruch und einer Spionageaffäre zu beteiligen.

Die Eisenverriegelung des ersten Schranks sprang endlich auf, und Jack bearbeitete nun auch die nächste Sicherheitsvorrichtung. Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, dass Eva die flachen Schubladen des schon geöffneten Schranks aufzog und ihnen Papiere entnahm, die sie auf dem langen Tisch ausbreitete.

Die Hiebe in das massive Holz ließen ihn seine Muskelzerrungen am Brustkorb spüren, dort, wo das Seil, an dem er sich an der Mauer hinuntergelassen hatte, ins Fleisch schnitt. Ein Schmerz, den er ignorierte, weil er an den tödlichen Abgrund unter ihm gar nicht erst erinnert werden wollte.

Auch jetzt war der Moment nicht unbedingt geeignet, um an gequetschte Rippen zu denken. Es gab wichtigere Überlegungen, etwa der kritische Gesundheitszustand des Regenten, der augenscheinliche Hochverrat von Prinz Antoine, die mysteriösen Dinge, die sich in dieser Manufaktur abspielten. Das alles waren Faktoren, die nicht zu seinen Instruktionen gehörten, aber nun in seine Pläne einbezogen werden mussten. Dazu kam die Wirkung dieser Frau auf ihn, die ihn zwang, seine Taktik grundlegend zu ändern, um sich neutral verhalten zu können.

Es war nicht besonders erstaunlich, dass er sie für ihre Gelassenheit und ihren Mut bewunderte, allerdings hatte er nicht damit gerechnet, dass sie ein Begehren in ihm weckte – eine Tatsache, die nicht zu leugnen war. Und das lag nicht nur an ihrer Schönheit. Mit einem letzten gewaltigen Schlag sprang auch die zweite Verrieglung aus ihrer Verankerung. Nein, es war etwas anderes. In ihren klaren braunen Augen loderte Leidenschaft, er spürte ihre Lebendigkeit, ihr sprühendes Temperament, das sie hinter einer kühlen Distanz und einer würdevollen Haltung verbarg. Und der Gedanke an ihre weichen Rundungen, als sie in seinen Armen lag, an die köstliche Süße ihres Mundes, ließ ihn regelrecht schwindelig werden.

Er ließ die Axt sinken und machte Platz für Eva, die auch diese Schubfächer ausräumte und die Blätter über den anderen auf dem Tisch ausbreitete. Sie bewegte sich wie eine Königin bei einem Staatsempfang, obgleich ihre Haare sich aus dem Nackenknoten gelöst hatten und strähnig ins Gesicht hingen. Und ihre Wangen waren vom Hin- und Herlaufen in dem stickigen Raum gerötet. Den Umhang hatte sie in eine Ecke geworfen, die hochgeschobenen Ärmel ihres Kleides entblößten schlanke Unterarme und zarte Handgelenke.

Während sie die letzten Blätter ordnete, lehnte Jack sich gegen die zersplitterten Holzschränke und beobachtete sie. Er hätte sie nicht küssen dürfen, aber in der prekären Situation war ihm nichts Besseres eingefallen, und außerdem war die List gelungen.

Die Freimütigkeit ihres Kusses, nachdem sie aufgehört hatte, sich gegen ihn zur Wehr zu setzen und die Offiziere nicht mehr in der Nähe waren, verwunderte ihn nicht sonderlich. Immerhin war sie verheiratet gewesen und wusste, was sie tat. Falls sie sich in ihrer Witwenzeit einen Liebhaber genommen hatte, war sie höchst diskret vorgegangen, da in seinen Anweisungen über ihre Person nichts davon erwähnt wurde. Vielleicht war er ja in den Genuss ihrer plötzlich aufflammenden Leidenschaft nach Jahren der Enthaltsamkeit gekommen.

Aber es gab noch eine andere Erklärung: Beide waren großer Gefahr ausgesetzt, und diese Umarmung war vermutlich eine Reaktion auf den Druck. Ähnlich erging es Soldaten, die sich nach einer Schlacht vor lauter Freude betranken, weil sie mit dem Leben davongekommen waren. Offensichtlich hatte sie dieses Zwischenspiel verdrängt, und das sollte auch er tun. Das war jedoch leichter gesagt als getan.

„Mr. Ryder? Sind Sie eingeschlafen?“ Ihre schnippische Bemerkung genügte, um seinen Wunsch zu verdrängen, ihr kastanienbraunes Haar vollends zu lösen und es über ihre Schultern fallen zu lassen. Er war sowieso verboten.

„Nein, Ma’am, ich wollte nur nicht im Weg stehen.“ Mit seiner unschuldigen Erklärung handelte er sich einen argwöhnischen Seitenblick ein, den er mit ebenso unschuldiger Miene quittierte. Daraufhin wandte sie sich wieder ihrer Arbeit zu, nur ihre aufeinandergepressten Lippen deuteten auf ihren Unmut hin. Die Großherzogin besaß die Gabe, unangenehme Dinge einfach zu übergehen – bei Hofe gewiss eine vorteilhafte Taktik. „Nach welchen Gesichtspunkten haben Sie die Papiere sortiert?“

„Offenbar handelt es sich um technische Zeichnungen, wobei ich vermute, sie gehören alle zusammen.“ Jack reizte es, ihr die Stirnfalte zu glätten. Auch das unterließ er, stattdessen vergrub er seine zu Fäusten geballten Hände in den Hosentaschen und trat neben sie. „Die Blätter sind durchnummeriert und mit einem Datum versehen.“ Eva wies anschließend auf einen Stoß schwarz gebundener Notizhefte. „Und in diesen befinden sich chemische Formeln und Berechnungen, die mir nichts sagen.“

„Ebenso wenig wie mir.“ Jack blätterte die Seiten des obersten Heftes durch und wandte sich danach den Zeichnungen zu. „Das sind Konstruktionszeichnungen für Raketen.“

„Feuerwerkskörper?“ Eva beugte sich vor, und Jack atmete heftig ein. Von ihr ging ein zarter Duft nach Gardenien aus und rief lebhafte Erinnerungen an ihre Umarmung in ihm wach.

„Nein, Artilleriegeschosse.“ Jack entfernte sich einen Schritt von ihr und deutete auf eine Zeichnung. „Brandraketen, eine Erfindung des englischen Offiziers William Congreve. 1805 wurden diese Raketen zum ersten Mal von den Briten zum Einsatz gebracht, seitdem hat man sie auch in Seeschlachten verwendet. Napoleon versprach französischen Ingenieuren hohe Belohnungen für ähnliche Konstruktionen – doch bisher sind ihnen keine vergleichbaren Leistungen gelungen. Allerdings sind Brandraketen nicht besonders treffsicher.“ Er beugte sich vor und studierte die anderen Skizzen. „Sehen Sie, das sind Abschussrampen und Geschützlafetten, um die Raketen abzufeuern. Vermutlich arbeiten die Ingenieure daran, die Zielsicherheit zu erhöhen.“

„Und die Notizhefte enthalten vermutlich chemische Formeln für die Zusammensetzung des Sprengstoffs?“

„Ja, das könnte sein. Wir müssen einige dieser Hefte mitnehmen.“ Über Evas Gesichtszüge huschte ein verschmitztes Lächeln. „Ma’am, ich hoffe, Sie verschonen mich mit einer Bemerkung wie: ‚Das habe ich erwartet‘.“

Sie zog eine Braue hoch. „Zu so etwas würde ich mich nie hinreißen lassen, Mr. Ryder. Sagen Sie mir lieber, wie wir all diese Papiere an Georges vorbeischmuggeln wollen?“

„Das versuchen wir erst gar nicht. Jedenfalls nicht alle.“ Jack nahm eine Schere aus einer Schreibtischschublade und begann damit, die Ränder der obersten Zeichnung eines jeden Stapels sorgfältig wegzuschneiden. „Wir nehmen nur die neuesten Zeichnungen mit und das Notizheft mit den aktuellsten Eintragungen. Den Rest verbrennen wir im Kamin dort drüben.“

Eva nickte, sammelte die restlichen Zeichnungen ein und warf sie in die zum Glück noch nicht erloschene Feuerstelle. Danach begann sie, die Seiten aus den Notizbüchern herauszureißen. „Lose Blätter brennen besser“, erklärte sie ihr Tun.

Jack faltete die verbliebenen sechs Konstruktionszeichnungen sorgfältig zusammen, steckte sie gemeinsam mit einem schwarzen Heft, das das neueste Datum trug, in die Brusttasche seines Jacketts. Anschließend entzündete er einen Holzspan an der Laterne. Die Papiere fingen augenblicklich Feuer, die hohe Stichflamme wurde bald immer kleiner, und von den Zeichnungen blieb nichts übrig als graue Asche. Die letzten Funken löschte Jack mit dem Schürhaken, danach richtete er sich auf. „Erste Lektion, wie Prinz Antoine das Handwerk zu legen ist.“

„Er wird außer sich sein vor Zorn“, stellte Eva ungerührt fest, bückte sich nach ihrem Umhang und schüttelte mit gerümpfter Nase den Schmutz ab. Jack nahm ihn ihr ab und legte ihn ihr um die Schultern. „Danke, Mr. Ryder. Höchste Zeit, uns aus dem Staub zu machen, nicht wahr?“

„Im wahrsten Sinne des Wortes.“ Jack suchte etwas auf dem Fußboden, bis er schließlich einen flachen Metallsplitter aufhob, nicht länger als sein kleiner Finger. „Damit verschließe ich die Tür hinter uns.“ Zunächst ließ er das Schloss zuschnappen, danach schob er das Metallstück ins Schlüsselloch und drückte die Klinke herunter, bis sie sich nicht mehr bewegen ließ. Jack erklärte: „Die Tür lässt sich nicht mehr öffnen, und man wird zunächst annehmen, das Schloss klemmt. Damit gewinnen wir einen gewissen Vorsprung.“

Eva trat vor ihm ins Freie und redete ununterbrochen in einem Plauderton auf ihn ein, triviale Höflichkeiten, die sie sich in langjähriger Übung während ermüdender diplomatischer Empfänge und Gesellschaften angeeignet hatte. Der Pförtner war aus seinem Häuschen getreten und wartete bereits. „Ah, da sind Sie ja, Georges. Wir gehen wieder. Tut mir leid, Sie zu so später Stunde bemüht zu haben. Geht es Ihrer Tochter besser? Ja? Ausgezeichnet.“

Jack reichte dem alten Mann die Laterne; sein Blick folgte der Großherzogin, die den Hof mit der Würde und Anmut einer Ballkönigin überquerte. Ihr Haar hatte sich nun endgültig gelöst und fiel ihr in langen Wellen über die Schultern, wobei ihr Gesicht immer noch erhitzt war. Der Saum ihres Kleides zeigte Spuren von Dreck, und der staubige zerknitterte Umhang sah aus, als hätten die Hunde darauf geschlafen. Das brachte ihn auf eine Idee.

„Vielen Dank.“ Jack drückte dem alten Pförtner eine Goldmünze in die knorrige Hand und dämpfte die Stimme. „Ihre Königliche Hoheit kann gewiss auf Ihre Diskretion zählen.“ Der Mann schaute mit wässrigen Augen zu ihm auf, und dann blinzelte er, als er begriff. Heftig nickte er.

„Gott segne Ihre Königliche Hoheit. Sie hat es wahrlich verdient, einen Beschützer zu haben.“

Jack zwinkerte ihm vertraulich zu, bevor er Eva mit schnellen Schritten eingeholt hatte, die linke Hand auf die Dokumente in seiner Brusttasche gepresst.

Eva ließ sich in die Kutsche helfen und sank in die Polster zurück. „Diese verräterische kleine Ratte! Philippe erleidet einen Rückschlag, wenn er von Antoines üblen Machenschaften erfährt. Uns mit Bonaparte zu verbünden, ist bereits Hochverrat, aber ihm auch noch neue Waffen in die Hände zu spielen, ist ein unverzeihliches Verbrechen.“

Da die Manufaktur nun hinter ihnen lag, begann ihr erst das ganze Ausmaß des eben gemachten Fundes bewusst zu werden. Eben noch war ihr alles als ein großes Abenteuer erschienen, es war aufregend gewesen, mit Mr. Ryder in die eigenen Laboratorien einzubrechen. Außerdem hatte er etwas in ihr zum Leben erweckt, das lange unterdrückt gewesen war: ein unglaubliches Glücksgefühl, dem sie keinen Platz in ihrem Innern einräumen durfte. Denn bei all dem ging es um eine äußerst ernste Angelegenheit.

„Wird Ihr Trick mit der eingeklemmten Türklinke unsere Verfolger lange aufhalten, Mr. Ryder?“

„Eine Weile. Man wird einen Handwerker holen, zunächst aber keinen Verdacht schöpfen, dass an dem Schloss manipuliert wurde. Der Mann wird allerdings sehr schnell herausfinden, dass ein Stück Eisen die Ursache für das Problem ist, und dann wird man die Tür aufbrechen.“ Jack klang nachdenklich. „Das wird etwas dauern, da die schwere Tür vermutlich mit einer Eisenplatte verstärkt ist. Man wird die eigenen Vorsichtsmaßnahmen verfluchen, bis man sich endlich Zutritt in den Raum verschaffen kann.“

„Und man wird Georges befragen, wer die Räume betreten hat, und er wird Auskunft geben, da kein Grund besteht, warum er darüber schweigen sollte. Ich hätte mit ihm reden müssen.“ Eva ärgerte sich, nicht daran gedacht zu haben. „Wobei ich jedoch keine Ahnung habe, was ich ihm hätte erklären sollen, ohne seine Neugier und seinen Argwohn zu wecken.“

„Ich könnte mir denken, der gute Mann wird darüber schweigen.“ Etwas in Jack Ryders Stimme machte sie stutzig.

„Wieso?“, fragte sie misstrauisch. „Was haben Sie ihm gesagt?“

„Nichts von Belang. Ich gab ihm etwas Trinkgeld und sagte, dass ich mit seiner Diskretion rechne.“

„Und wieso sollte er denken, diese sei nötig?“ Eva strich sich nervös eine Locke nach hinten, die sich an ihrer Wange kringelte, wobei sie feststellte, dass ihre Haut sich erhitzt und feucht anfühlte. Und dann entsann sie sich, dass ihr achtlos in die Ecke geworfener Umhang zerknittert und schmutzig war.

„Gütiger Himmel! Ich betrete nach Einbruch der Dunkelheit mit einem fremden Mann die Manufaktur, verlasse sie eine Stunde später wieder, zerzaust und in einem unordentlichen Umhang, und mein Begleiter bittet den Pförtner um Verschwiegenheit“, sagte sie gedehnt, als hätte sie beim Sprechen erst ihre Gedanken gesammelt. „Georges denkt … Sie haben ihn darin bestärkt, zu vermuten, dass wir etwas Anstößiges getan haben!“ Die Ungeheuerlichkeit dieses Gedankens traf sie wie ein Keulenschlag und drehte ihr beinahe den Magen um. „Wie konnten Sie nur?“

„Es wird seine Wirkung nicht verfehlen. Und der Mann zeigte völliges Verständnis. Ihre Untertanen gönnen Ihnen gewiss eine kleine harmlose Zerstreuung, könnte ich mir denken.“

„Harmlose Zerstreuung? So bezeichnen Sie einen Ehebruch und zügellose Ausschweifung? Ist das Ihr Ernst?“ Nur mit Mühe beherrschte sie sich. Eine Großherzogin schrie nicht. „Denken Sie doch an meine Stellung?“

„Von Ehebruch kann nicht die Rede sein“, konterte Jack seelenruhig. „Wir sind beide nicht verheiratet.“

„Ich bin sprachlos.“

„Offenbar nicht, Ma’am.“

Nun betrieb er auch noch Haarspalterei mit ihr! Er verdiente es, ins Burgverlies geworfen zu werden. Dort sollte er neben Antoine angekettet ausharren und von Ratten und haarigen Riesenspinnen angefressen werden, dachte sie rachsüchtig. Die beiden verdienten nichts anderes. Und dann jagte ihr die Erinnerung an all das Grauen, was dort unten in den tiefen Gewölben lauerte, ein eisiges Frösteln über den Rücken. Nein, daran durfte sie nicht denken, nicht hier, nicht jetzt in der Dunkelheit.

„Mr. Ryder. Ich will offen sprechen. Sollte ich mich so weit vergessen – und das, was ich meiner Position schulde – und mir einen Liebhaber nehmen, würde meine Wahl gewiss keinen unverschämten Abenteurer und Spion treffen.“

„Sie haben mich zum Spion gemacht“, verteidigte er sich.

Damit lag er nicht ganz falsch. Beinahe hätte Eva den Fehler begangen, sich zu entschuldigen. Es war empörend – wie schaffte es dieser Engländer nur, sie ins Unrecht zu setzen, da er sich doch eindeutig schuldig gemacht hatte? „Nur weil ich es versäumte, Sie in Ihre Schranken zu verweisen, als Sie sich diese ungeheuerlichen Freiheiten mit mir in der dunklen Gasse herausnahmen, gibt Ihnen das noch lange kein Recht, meinen Namen zu beschmutzen.“

„Freiheiten, Ma’am?“ Sein spöttischer Unterton versetzte ihr einen Stich. „Verzeihen Sie, wenn ich etwas klarstellen muss. Als diese Offiziere sich entfernten, hatte ich den Eindruck, Sie erwiderten meine Küsse mit einem erstaunlichen Engagement. Anscheinend besitzen Sie ein außergewöhnliches schauspielerisches Talent. Oder sollte ich mich da irren?“

„Ich stand unter Schock“, protestierte Eva aufgebracht, wohl wissend, dass er sie zutreffend eingeschätzt hatte.

„Zweifelsohne“, stimmte er ihr bereitwillig zu. „Dafür habe ich vollstes Verständnis. Aber dieser Zwischenfall hatte, wenn Sie mir diese Richtigstellung gestatten, nichts mit meinem kurzen Gespräch mit Georges zu tun. Ich hatte lediglich die Befürchtung, er könnte falsche Schlüsse ziehen, deshalb hielt ich diese harmlose Notlüge für angebracht.“ Es entstand eine Pause, in der Eva sich bemühte, ihre Entrüstung abklingen zu lassen und wieder ruhig zu atmen. „Wäre es Ihnen lieber, dass ich umkehre und ihm den wahren Sachverhalt erkläre, Ma’am?“

„Nein!“ Tiefes Durchatmen hatte nicht die erwünschte beruhigende Wirkung. „Es ist zu spät. Der Schaden ist bereits angerichtet. Wo sind wir eigentlich?“ Sie wandte den Blick von ihm ab und schaute aus dem Fenster der Kutsche. Gelegentlich sah sie, wie sich das Mondlicht auf dem Wasser eines Flusses spiegelte. „Fahren wir etwa zurück nach Maubourg? Aber wieso?“

„Weil dies der letzte Ort ist, an dem man Sie vermutet – falls man Sie bereits vermisst. Wir fahren gemächlich und deutlich für alle sichtbar mitten durch die Stadt. Henry wird sich mehrmals nach der Straße nach Toulon erkundigen, jedes Mal an einer von einer Straßenlaterne beleuchteten Stelle, wo die rote Farbe der Wagenschläge gut sichtbar ist. Danach biegen wir in eine dunkle Durchfahrt ein, und Henry tauscht die Türen der Kutsche gegen elegante schwarze mit einem goldenen Wappen aus. Anschließend fahren wir ebenso gemächlich durch das Stadttor im Norden, und ich sitze auf dem Kutschbock. Im Morgengrauen nimmt Henry wieder diesen Platz ein, nachdem die Türen nochmals ausgetauscht wurden. Wir hätte damit eine dritte Kutsche, die niemals in Maubourg gesehen wurde.“

„Und wenn mein Verschwinden bis dahin noch nicht entdeckt wurde?“ Seine Vorsichtsmaßnahmen und deren gewissenhafte Planung verblüfften sie. Wenn sie sich überhaupt Gedanken gemacht hatte, was nach ihrem Besuch in der Manufaktur passieren würde, so hatte sie sich eigentlich nur vorgestellt, sie würden in raschem Tempo zur Küste fahren. „Aha“, beantwortete sie ihre eigene Frage. „Ich verstehe. Sobald die Wachen Auskunft gegeben haben, wann ich mein Schlafgemach verließ, wird man alle Kutschen überprüfen, die heute noch die Stadt verlassen. Übernehmen Sie häufig solche Aufträge, Mr. Ryder?“

„Die Entführung einer Königlichen Hoheit? Nein, das ist mein erstes Mal.“ Offenbar spürte er ihren funkelnden Blick im Halbdunkel der Kutsche und fuhr fort, ehe sie explodieren konnte. „Im Krieg hatte ich gelegentlich auf dem Kontinent zu tun. Hauptsächlich aber führe ich Geheimaufträge für die Regierung aus, gelegentlich nur für Privatpersonen.“

„Bespitzeln Sie dann Ehefrauen, die auf Abwege geraten sind?“

„Meist überprüfe ich Heiratskandidaten, ob sie das sind, was sie zu sein vorgeben, und gelegentlich arbeite ich auch als Leibwächter. Vor Kurzem war ich einem Gentleman behilflich, der seine Gemahlin vor zehn Jahren aus den Augen verloren hatte.“

„Gütiger Himmel. Wie unvorsichtig von ihm. Und damit verdienen Sie sich Ihren Lebensunterhalt?“ Er sprach ein gepflegtes Englisch, das in seiner genauen Aussprache an einen Offizier erinnerte. Mit ihrem Vorwurf, er sei ungezogen, hatte sie sich wohl geirrt. Er trug keinen Ring, und seine Kleidung gab keinen Aufschluss über seine Herkunft – abgesehen von der Tatsache, dass sie sich dafür eignete, von hohen Burgmauern in fremde Gemächer einzudringen.

„Ich verfüge über ein angemessenes privates Einkommen. Ich tue das, weil es mir Spaß macht.“

„Tatsächlich?“ Höchst seltsam! Wie konnte jemand Spaß an Gefahren und Entbehrungen haben? Und dann machte Eva sich klar, dass auch sie Spaß an diesem Abenteuer hatte, und zwar in einer seltsam unschicklichen Weise. Sie hatte Angst, machte sich große Sorgen um Frédéric, war von den Ereignissen des heutigen Tages tief verwirrt, aber sie fühlte sich auch lebendig. Das Blut rauschte ihr in den Adern und ihr Geist war angeregt. Unversehens war sie aus einem beschaulichen Leben der Vorhersehbarkeit und privilegierter Machtlosigkeit, in dem jeder Schritt geregelt und vorgestimmt war, herausgerissen und in eine völlige Unsicherheit geschleudert worden – und sie fühlte sich wunderbar dabei.

Erst gestern hatte sie beim Blick in den Spiegel wehmütig darüber nachgedacht, dass vor ihr eine Zukunft lag, die keinerlei Höhepunkte mehr aufwies, nur die Eintönigkeit der Routine und der Aufgabenerfüllung, bis sie eines fernen Tages für immer die Augen schloss.

In wenigen Monaten wurde sie siebenundzwanzig. Neun Jahre lang war sie eine pflichtgetreue Gemahlin gewesen, danach eine pflichtgetreue Herzoginwitwe. Sie hatte nie etwas Aufregendes und Gewagtes getan. Mit jedem Jahr seines Erwachsenwerdens würde Freddie sich ihr mehr und mehr entfremden, und wenn er einmal heiratete, würde sie all ihrer Aufgaben enthoben sein und völlig in den Schatten treten. Darin bestand ihr weiteres Leben. Genauso gut könnte sie auch tot sein.

„Ma’am?“

„Ja, Mr. Ryder?“

„Sie seufzen. Fühlen Sie sich nicht wohl?“

„Nein, nein. Ich überlege nur, wie gefährlich es ist, sich etwas zu wünschen. In letzter Zeit fand ich mein Dasein ein wenig eintönig und sehnte mich nach Abwechslung. Und genau in diesem Moment taucht Napoleon wieder auf, Philippe wird durch eine seltsame Krankheit ans Bett gefesselt, jemand versucht, Freddie und mich zu töten, und Sie springen durchs Fenster in mein Schlafgemach und verleiten mich dazu, einen Einbruch zu begehen. Wie mir scheint, stehe ich am Beginn eines neuen Abschnitts meines Lebens.“

„Das kann ich Ihnen versichern.“ Die Kutsche hielt zum dritten Mal. Henry stellte seine Frage nach dem Weg im breiten Patois, der Mundart, die in Maubourg gesprochen wurde. Ein Nachtwächter unter einer Straßenlaterne gab Auskunft, während Eva sich tiefer in den Schatten der Kutsche zurückzog.

„Wieso nehmen wir nicht die Straße nach Toulon?“, fragte sie, als der Wagen wieder anfuhr.

„Die Strecke ist zwar schneller, aber auch gefährlicher. Hier im Süden hat Bonaparte eine große Anhängerschaft, und außerdem wird man vermuten, dass wir diese Strecke wählen. Zugleich würde es schwierig werden, ein Schiff zu finden, das uns aus einem französischen Hafen nach England bringt. Wir reisen stattdessen nach Norden, durch das Burgund, dann nordöstlich bis Brüssel, wo Wellington seit Anfang April sein Hauptquartier aufgeschlagen hat. Von dort geht es weiter nach Ostende.“

Die Kutsche bog scharf nach links und hielt an. „Wenn Sie mich entschuldigen. Gleich geht es weiter. Henry wird in den nächsten Stunden bei Ihnen sitzen.“

Nachdem die Kutsche unter heftigen Hammerschlägen eine Weile hin und her geschaukelt wurde, kletterte der Diener ins Wageninnere und zog den Hut. „Ich bitte um Vergebung für die Störung, Ma’am.“

„Keine Ursache.“ Es fiel ihr nicht schwer, mit wortkargen einfachen Leuten zu reden. „Arbeiten Sie schon lange als Kutscher, Henry?“

„Ich bin Kammerdiener, Ma’am. Das ist jedenfalls meine offizielle Bezeichnung. Aber meistens tue ich das, was der Meister von mir verlangt. Kommt drauf an, welchen Auftrag wir gerade zu erledigen haben.“

So wortkarg ist der Mann gar nicht, das könnte sich als nützlich erweisen, dachte Eva. „Aber zu Hause in London sind Sie sein Kammerdiener, oder?“

„Ja, Ma’am. Wenn der Meister er selbst ist, das kommt allerdings nicht so oft vor.“

„Das ist gewiss nicht einfach für seine Familie“, hakte Eva im Plauderton nach. „Beispielsweise für seine Ehefrau.“ Hatte er nicht behauptet, er sei nicht verheiratet? „Oder für seine Eltern.“

„Das wäre wohl so, wenn er eine Ehefrau hätte. Was seinen Herrn Vater angeht, der war ein aufgeblasener feiner Pinkel, dem man nichts recht machen konnte. Aber mein Herr hätte nicht viel auf seine Meinung gegeben, wenn er noch leben würde. Was jedoch nicht der Fall ist.“

Das brachte sie nicht sehr viel weiter. Immerhin, Jack Ryder war nicht verheiratet, und ein aufgeblasener feiner Pinkel als Vater ließ den Schluss zu, dass er aus einer respektablen Familie stammte. Die seltsame Wortwahl – „wenn der Meister er selbst ist“ – könnte darauf hinweisen, dass er ein Doppelleben führte. Und London war offenbar die Stadt, in der er lebte. Wer mochte dieser Mann nur sein?

„Wir haben eben das östliche Stadttor passiert“, stellte Henry fest. „In etwa einer Stunde erreichen wir eine gemütliche Herberge. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie sich nach einem Bett sehnen.“

„Wissen Sie denn schon, wo wir die Nacht bleiben?“

„Aber ja, Ma’am. Der Meister überlässt nichts dem Zufall. Auf der Reise nach Maubourg hat er Zimmer bestellt, und der Wirt erwartet uns zu später Stunde, also werden wir keinen Verdacht erwecken. Es handelt sich um ein gut geführtes Gasthaus, das gern von Jagdgesellschaften aus der Gegend aufgesucht wird. Um diese Jahreszeit ist dort kaum etwas los.“

Eva lehnte sich in die Polster zurück und schwieg. Henry fühlte sich von ihrer Gegenwart keineswegs eingeschüchtert, es war also nicht nötig, ihm die Scheu zu nehmen. Es tat irgendwie gut, zu wissen, dass sie keinerlei Verpflichtungen hatte. Ihre einzige Aufgabe bestand darin, dieses Abenteuer zu überleben und in England wohlbehalten anzukommen.

„Ma’am!“ Eva fuhr erschrocken auf und stellte fest, dass die Kutsche angehalten hatte. Licht drang ins Wageninnere. „Sie haben ein wenig gedöst, Ma’am“, erklärte Henry hilfreich.

„Ja, danke, Henry“, murmelte Eva benommen. Du meine Güte, welchen Eindruck machte sie wohl in ihrem zerknitterten Kleid, dem schmutzigen Umhang und ihrem unfrisierten Haar. Sie strich sich fahrig die vielen Locken nach hinten und zog die Kapuze tief ins Gesicht. Zumindest hatte sie die Gewissheit, dass der Gastwirt in der ungepflegten und erschöpften Reisenden nicht die Großherzogin vermuten würde. Sie musste nur darauf achten, keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Jack öffnete den Wagenschlag und half ihr beim Aussteigen, während der Wirt herbeieilte.

„Willkommen, meine Herrschaften, in meinem bescheidenen Haus! Treten Sie bitte ein“, begrüßte er die Ankömmlinge herzlich. Die Pferde wurden nun ausgespannt und in den Stall geführt. Henry brachte in dieser Zeit das Gepäck in den Flur und verschwand anschließend in der Schankstube. Der Wirt fuhr mit seiner Ansprache fort: „Das Zimmer für den gnädigen Herrn ist vorbereitet, wie Sie es befohlen haben. Das Bett ist frisch bezogen, und ich bin sicher, Ihre Frau Gemahlin wird sich bei uns wohlfühlen.“

Der Mann führte seine beiden Gäste eine schmale Holzstiege nach oben. Eva blieb auf der ersten Stufe stehen. Ihre Schläfrigkeit war auf einmal wie weggeblasen. „Zimmer? Frau Gemahlin?

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