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Hiobs Brüder

REBECCA GABLÉ

HIOBS
BRÜDER

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Historischer
Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Ines,

die leider schon gehen musste

ZUR AUSSPRACHE DER NAMEN

Kürzlich las ich einen amerikanischen Roman, dessen Hauptfigur einen sehr ausgefallenen Namen hatte. Vielleicht war er sogar hübsch, aber da ich nicht wusste, wie man ihn ausspricht, bin ich mit der Figur nie warm geworden.

Das soll Ihnen hier nicht passieren.

Angelsächsische Namen spricht man (von wenigen Ausnahmen abgesehen) so aus, als wären es deutsche, »Losian« also etwa so wie »Florian«. Der Buchstabe »Æ« bzw. »æ« ist identisch mit unserem »Ä«. Nur das »th« – das im Angelsächsischen noch mit einer Rune dargestellt wurde – lispelt man auf englische Art.

Die Namen Haimon und Eustache spricht man französisch aus, also etwa »Ämon(g)« und »Östasch«.

Sie wurden eidbrüchig und versäumten ihre Vasallenpflichten, weil die mächtigen Männer sich Burgen bauten und sie gegen den König hielten. Und dann unterdrückten sie das leidgeprüfte Volk dieses Landes. Ich kann nicht beschreiben, welche Gräuel sie an den armen Menschen begingen, und auch die Kirchen verschonten sie nicht. Wo ein Mann sein Feld bestellte, brachte die Erde kein Korn hervor, denn das Land war durch all diese Schandtaten zugrunde gerichtet. Und die Menschen sagten, dass Christus und seine Heiligen schliefen.

Angelsachsenchronik

DRAMATIS PERSONAE

Wegen der Überschaubarkeit der Personenzahl gibt es dieses Mal nur ein Verzeichnis der historischen Persönlichkeiten, damit Sie nachvollziehen können, wer im Roman erfunden ist und wen es wirklich gegeben hat.

Kaiserin Maud, die eigentlich Königin von England sein sollte

Henry Plantagenet, ihr ältester Sohn

Stephen, König von England

Eustache de Boulogne, sein ältester Sohn

Geoffrey de Mandeville, Earl of Essex und Ungeheuer, der zu Beginn der Handlung schon tot ist, aber immer noch Wirkung zeigt

Robert de Beaumont, Earl of Leicester

Richard de Clare, Earl of Pembroke

Robert, Earl of Gloucester, der uneheliche Halbbruder der Kaiserin

William, sein ältester Sohn

Roger, sein frömmster Sohn

Thomas Becket, ein junger Diplomat am Beginn einer glänzenden kirchlichen Laufbahn

John de Chesney, Sheriff von Norfolk

Aliénor von Aquitanien, Königin von Frankreich, Kreuzfahrerin, Königin von England und vieles mehr

Henry de Blois, Bischof von Winchester, König Stephens Bruder

William Turba, Bischof von Norwich

ERSTER TEIL
LOSIAN

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Isle of Whitholm, Februar 1147

Vignette »Sieh dich um, du Ausgeburt der Hölle«, knurrte der Mönch. »Wirf einen letzten Blick auf die Welt.«

Unwillkürlich folgte Simon der Aufforderung, obwohl er sich so fest vorgenommen hatte, genau das nicht zu tun. Er blieb stehen, wandte sich um und blickte zurück über die rastlose, aufgewühlte See. Der Wind fuhr ihm ruppig durch die Haare und wehte ihm eine Strähne ins Auge, aber der Junge konnte nichts tun, um sie zurückzustreichen, denn die Brüder hatten ihm die Hände auf dem Rücken gefesselt. Anscheinend fürchteten sie, der fünfzehnjährige, schilfdünne Knabe sei in der Lage, es mit vier gestandenen Benediktinern gleichzeitig aufzunehmen.

Ein Sonnenstrahl brach durch die bleifarbene Wolkendecke und tauchte das Meer und die flache Küste des Festlandes drüben in ein gleißendes, geradezu unirdisches Licht. Simon sah das Heidekraut aufleuchten, und der Turm der Klosterkirche, der eigentlich gedrungen und hässlich war, wirkte mit einem Mal filigran und schimmerte wie Elfenbein. Eine kleine Schafherde graste dicht zusammengedrängt unweit der klösterlichen Obstwiesen. Wie gelbe Wollflocken wirkten die Tiere aus der Ferne. Dann schob sich eine der schweren Wolken vor die Sonne, und das einsam gelegene St.-Pancras-Kloster versank wieder im Zwielicht.

Nicht gerade überwältigend, hätte Simon gern gesagt, um der Welt, die ihn ausstieß, zu bekunden, dass er gut auf sie verzichten könne. Doch nicht einmal zu dieser trotzigen Lüge bekam er Gelegenheit, denn die Brüder hatten ihn geknebelt, damit er sie nicht verfluchen konnte.

Der alte Mönch mit dem Glatzkopf und den weißen Haarbüscheln in den Nasenlöchern, der sich während des Exorzismus so in Rage gebetet hatte, dass er irgendwann ohnmächtig zusammengebrochen war, stieß den Jungen mit seinem knorrigen Gehstock zwischen die Schulterblätter. »Vorwärts!«

Simon kehrte der Welt den Rücken.

Das kleine, aber stabile Ruderboot, mit welchem die Brüder ihn hergebracht hatten, schaukelte auf den kurzen Wellen. Mit zwei dicken Leinen war es am Anlegesteg vertäut. Vermutlich graute den wackeren Brüdern davor, ihr Bötchen könne abtreiben und sie hier stranden, nahm Simon an.

Keine dreißig Schritte vom Bootssteg entfernt erhob sich ein Palisadenzaun mit einem mächtigen hölzernen Torhaus.

»Der Schlüssel, Bruder Martin«, drängte der mit den Nasenhaaren. Es klang ungeduldig und ein bisschen nervös.

Sie hatten wirklich Angst vor ihm, wusste Simon. Jetzt ganz besonders. Sie fürchteten, im letzten Augenblick könne noch irgendetwas schiefgehen, könne er sich mithilfe der finsteren Mächte, die ihm innewohnten, befreien und sie alle niederstrecken oder in Regenwürmer verwandeln. Bruder Nasenhaar hielt seinen Eschenstock einsatzbereit hoch, und die hellen Augen strahlten unnatürlich. »Nun mach endlich«, drängte er seinen Mitbruder.

Der nahm den größten Schlüssel, den Simon je im Leben gesehen hatte, vom Gürtel und steckte ihn in ein ebenfalls riesiges, schwarzes Vorhängeschloss. Erst als dessen Bolzen aus einer rostigen Öse gezogen war, konnten die beiden anderen Brüder den mächtigen Eisenriegel hochstemmen, der das Tor versperrte. Solche Schließkonstruktionen gehörten natürlich eigentlich auf die Innenseite eines Burgtors.

Aber hier war eben alles anders.

Die beiden jungen Mönche mussten ihre gesamte Kraft aufbieten, um einen der schweren Torflügel weit genug zu öffnen. Als der Spalt so breit wie ein Mann war, traf Simon ein tückischer Stoß mit dem Stockende in den Nacken, er torkelte über die Schwelle und fiel auf die harte Erde. Da er seinen Sturz nicht mit den Händen abfangen konnte, landete er auf der Brust, und für einen Moment konnte er sich nicht rühren. Als er Bruder Nasenhaar brummen hörte: »Gott sei dir gnädig, Söhnchen«, fuhr sein Kopf herum, aber schon schlug das Tor hallend zu.

Simon wälzte sich auf die Seite, spürte eiskalten Schlamm unter der Wange und weinte.

Er weinte lange und bitterlich. Er war zutiefst entsetzt über das, was ihm geschehen war. Er war einsam, und er hatte Angst. Vor der ewigen Verdammnis, die der ehrwürdige Abt ihm prophezeit hatte, aber noch ein bisschen mehr vor dem, was ihn hier erwarten mochte. Vor dem Rest seines Lebens.

Er schluchzte, und als die Tränen ihm die Nase verstopften, bekam er mit einem Mal keine Luft mehr, denn der Knebel machte es ihm fast unmöglich, durch den Mund einzuatmen. Simon fing an zu keuchen, krümmte sich und versuchte erfolglos, sich auf die Knie aufzurichten. Gerade als die Panik sich seiner bemächtigen wollte, spürte er eine Hand auf dem Arm.

»Schsch. Nur die Ruhe, mein Sohn«, hörte er eine Stimme murmeln. Kräftige Arme umschlangen ihn von hinten, eine Hand strich ihm über die Stirn.

Simon erstarrte vor Schreck und versuchte, über die Schulter zu erkennen, was für eine Kreatur es war, die ihn gepackt hielt, aber er konnte den Kopf nicht weit genug drehen, und außerdem war es fast dunkel im Torhaus.

»Schsch. Atme. Gleich wird es besser, du wirst sehen.«

Es war eine gütige Stimme. Simon entspannte sich ein wenig, ließ sich in die Umarmung zurücksinken und betete, dass er nicht ausgerechnet jetzt einen Anfall bekommen möge.

Allmählich wurde es besser. Die Erstickungsangst verging, und er atmete wieder ruhiger. Schließlich packten die Hände ihn unter den Achseln und hievten ihn auf die Füße. Im nächsten Moment wurde der Knoten des widerwärtigen Lumpens gelöst, mit dem sie ihn geknebelt hatten.

Simon spuckte aus, rieb sich den Mund an der Schulter und drehte sich um. »Danke.«

Er fand sich Auge in Auge mit einem hageren Angelsachsen in einem zerschlissenen Mönchsgewand. Der Mann war jünger, als das graue Haar und der weiße Zottelbart auf den ersten Blick schließen ließen, vierzig vielleicht, und die blauen Augen funkelten wie vor jugendlichem Übermut. Seine Haltung war ein wenig gekrümmt, so als habe er zu viel Zeit über fromme Bücher gebeugt verbracht.

»Alle fangen hier so an wie du, weißt du«, sagte er. »Alle liegen am Tor und heulen. Aber so schlimm ist es gar nicht, glaub mir. Man gewöhnt sich daran. Wie ist dein Name, mein Sohn?«

»Simon de Clare.«

»Ah! Von edelstem normannischem Geblüt. Eine Ehre für uns, eine Ehre. Willkommen auf der Insel der Seligen, Simon de Clare.«

»Ich dachte, sie heißt die Insel der Verdammten«, entgegnete Simon.

Aber der Angelsachse schüttelte den Kopf. »So nennen sie sie dort draußen«, antwortete er und ruckte abschätzig das Kinn zum Burgtor hinüber. »Wir hier drinnen wissen es besser.«

Simon nickte, aber er war keineswegs überzeugt. »Und wie ist dein Name?«, fragte er.

»Ich bin der heilige Edmund«, stellte der Angelsachse sich vor. »Aber du kannst mich King Edmund nennen, das tun hier alle. Wir legen keinen großen Wert auf Förmlichkeiten.«

Simon spürte, wie das vorsichtige Lächeln auf seinem Gesicht gefror. Irre. Dieser Kerl war vollkommen irre. Wie alle hier. Was für ein Narr er doch war, dass er auch nur für einen Augenblick Hoffnung geschöpft hatte. Er räusperte sich mühsam. »Und wirst du mir die Fesseln abnehmen, King Edmund?«

Der zeigte ein spitzbübisches Lächeln. »Sobald ich weiß, wie gefährlich du bist.«

»Oh, keine Bange«, gab der Junge bitter zurück. »Ich bin völlig harmlos.«

»Wenn du das glaubst, kennst du dich selbst schlecht, Simon de Clare. Kein Mann ist harmlos. Weswegen bist du hier?«

Simon wandte das Gesicht ab. Die Schande brannte wie Galle in seinem Innern, an der vertrauten Stelle gleich hinter dem Brustbein. »Darüber möchte ich lieber nicht sprechen«, brachte er gepresst hervor.

»Das kannst du halten, wie du willst«, gab King Edmund gleichmütig zurück. »Aber es besteht kein Grund, dich zu schämen. Jeder von uns hier hat einen Makel. Genau wie die da draußen, nur ist er bei uns vielleicht ein bisschen augenfälliger. Doch wenn du hier eines lernen kannst, dann, dich dessen, was du bist, nicht zu schämen.«

Simon schnaubte, um nur ja nicht wieder anzufangen zu heulen. »Ich glaube, das wird mir verdammt schwerfallen, King Edmund.«

Der zwinkerte ihm zu. »Das macht nichts. Du hast ja den Rest deines Lebens Zeit. Und wenn ich dich noch einmal fluchen höre, mein Sohn, dann wirst du’s bereuen, du hast mein Wort.«

Der leutselige Ton hatte sich ebenso wenig geändert wie das verschmitzte Lächeln, aber plötzlich spürte Simon einen Schauer seinen Rücken hinabrieseln. Hatte er einen Widerschein des Wahnsinns in den blauen Augen des Angelsachsen aufleuchten sehen? Oder hatte er es sich nur eingebildet, weil es eben das war, was man hier zu sehen erwartete? Simon, der mehr als sein halbes Leben unter den vorgefassten Meinungen anderer Menschen zu leiden gehabt hatte, misstraute seinem eigenen Urteil.

»Ich bitte um Entschuldigung, heiliger King Edmund.« Sorgsam hielt er jeden Anflug von Hohn aus seiner Stimme, nickte dem Mann in der Mönchskutte höflich zu, der sich für den wohl am glühendsten verehrten angelsächsischen Märtyrer hielt, ließ ihn stehen und trat aus dem Torhaus in den Innenhof der alten Inselfestung.

Er ging mit langsamen Schritten, die Hände unverändert auf dem Rücken zusammengebunden, und schaute sich um. Er war erschüttert, aber nicht überrascht von dem Anblick, der sich ihm bot: eine Burganlage typischer normannischer Bauart, schnell zusammengezimmert, aber solide. Vermutlich hatte der Eroberer irgendeinen Unglücksraben unter seinen Getreuen mit diesem kargen Eiland im Meer beglückt und ihm befohlen, hier eine Festung zu errichten und nach dänischen Invasionsflotten Ausschau zu halten. Aber die Dänen kamen schon lange nicht mehr. Vor mehr als dreißig Jahren war die Burg aufgegeben worden, und man konnte unschwer erkennen, dass niemand in all der Zeit auch nur irgendwo einen neuen Nagel eingeschlagen hatte. Dennoch standen die Palisaden in Reih und Glied und so unverrückbar wie am ersten Tag, und der hölzerne Burgturm oben auf der Motte schien sogar noch ein Dach zu haben.

King Edmund folgte Simon aus dem Torhaus, gesellte sich zu ihm und schickte sich an, ihn herumzuführen, so wie ein stolzer Burgherr es mit einem Besucher getan hätte. Er zeigte auf eine halb vermoderte Holzhütte auf der rechten Seite. »Wir glauben, dass dies hier einmal das Backhaus war. Jedenfalls gibt es eine Feuerstelle, und wir kochen hier unser Essen.«

»Was esst ihr denn?«, fragte Simon. »Woher … ich meine, hier wächst doch nichts, und ich rieche kein Vieh.«

»Nein, nein«, gab King Edmund glucksend zurück. »Wir müssen nicht im Schweiße unseres Angesichts unser Brot verdienen. Das ist einer der Vorzüge, wenn man in den Augen der ahnungslosen, umnachteten Welt nicht mehr zu den Kindern Gottes zählt. Die Mönche kommen etwa einmal im Monat mit dem Boot herüber und bringen uns, was sie entbehren können. Mehl. Hafer. Fisch und Zwiebeln. Brennholz, aber immer zu wenig. Im Sommer manchmal ein bisschen Obst. Im Herbst nach dem Schlachten Fleisch und Wurst, wenn wir Glück haben … Du kannst nicht zufällig kochen?«

Der Junge schüttelte den Kopf.

»Schade. Bist du sicher?«, hakte King Edmund nach.

»Seh ich aus wie ein verdammter Küchenjunge?«, brauste der junge Normanne auf, und King Edmund stürzte sich mit einem schrillen, wahrhaft markerschütternden Schrei auf ihn.

»Ich hab dir gesagt, du sollst nicht fluchen! Ich hab es dir gesagt, du kleiner Drecksack! Du kannst nicht behaupten, ich hätte dich nicht gewarnt! Man flucht nicht in Gegenwart der Heiligen!«

Er riss ihn zu Boden, warf sich auf ihn und trommelte mit den Fäusten auf Brust und Kopf ein. Simon lag auf seinen gefesselten Händen und konnte nicht einmal sein Gesicht schützen. Eher zufällig streifte die Faust seine Nase, die augenblicklich zu sprudeln begann, aber bevor es richtig schlimm wurde, packte jemand den rasenden King Edmund und riss ihn zurück.

»Ich schätze, das ist genug.« Es war eine angenehme Stimme, in der eine eigentümliche Mischung aus Respekt und Autorität schwang. »Ich bin überzeugt, er hat es nicht böse gemeint.«

Mit schreckgeweiteten Augen sah Simon zu seinem Retter und King Edmund empor, der noch ein paar Augenblicke weiterschrie und sich dann ebenso plötzlich beruhigte, wie er zu toben begonnen hatte.

»Es wäre gut, wenn du dich entschuldigst«, riet der Neuankömmling dem Jungen ohne besonderen Nachdruck. Sein Haar und Bart waren ebenso lang und zottelig wie die des selbsternannten Heiligen, aber weizenblond. Er mochte Mitte zwanzig sein, und Simon konnte nicht entscheiden, ob die Augen blau oder grün waren. Kräftige Hände legten sich um seine Oberarme und halfen ihm auf die Füße. Dann stellte der Mann mit den seltsamen Augen sich hinter ihn und begann geduldig, den Knoten seiner Handfesseln zu lösen.

Simon warf King Edmund einen argwöhnischen Blick zu. »Tut mir leid«, knurrte er.

»Das hast du eben auch gesagt«, gab der heilige Märtyrerkönig zurück und stapfte beleidigt davon.

»Großartig«, murmelte Simon vor sich hin. »Ich hab wirklich nicht lange gebraucht, mir den ersten Irren zum Feind zu machen.«

»Sei unbesorgt. Er ist nicht nachtragend. Heute Abend hat er dir verziehen. King Edmund ist einer der Harmloseren unter uns. Und erstaunlich gebildet. Er kann sogar lesen.«

»Er sieht aus wie ein Mönch«, bemerkte Simon über die Schulter.

»Ich glaube eher, dass er Priester war. Er kennt sich aus in der Welt und mit den Menschen. Ich schätze, er war ein guter Hirte, bevor er …« Er ließ den Satz unvollendet.

Simon spürte, wie der Strick endlich von seinen Handgelenken verschwand. Erleichtert ließ er die gefühllosen, eiskalten Hände sinken, rieb sie kurz und fuhr sich mit der Linken über die blutende Nase. Dann wandte er sich um und verneigte sich leicht. Er wusste nicht so recht, warum er das tat, aber es erschien ihm richtig. Trotz der albtraumhaften Umgebung und seiner abenteuerlichen Erscheinung strahlte dieser Mann eine natürliche und darum unaufdringliche Vornehmheit aus. »Seid Ihr Normanne, Monseigneur?«, fragte Simon ebenso hoffnungsvoll wie ungläubig.

Der Blick der eigentümlichen Augen richtete sich in die Ferne. »Ja.«

Simon hatte das Gefühl, als habe er etwas Falsches gesagt. »Ich meinte nur …«, fügte er hastig hinzu. »Weil Ihr so fließend Angelsächsisch sprecht.« Er wies vage in die Richtung, wo King Edmund verschwunden war.

»Was heißt das heutzutage schon? Du sprichst es auch.«

Simon nickte. Es war nicht die Sprache, in der er dachte und träumte, aber er war in diesem Land zur Welt gekommen, genau wie sein Vater, und seine Amme und alle Dienstboten im Haus waren Angelsachsen gewesen. Viele Normannen sprachen Angelsächsisch. Aber nur wenige so wie dieser Mann mit den seltsamen Augen, so mühelos und ohne Akzent.

Simon kaute nervös auf seiner Unterlippe. »Mein Name ist Simon de Clare.«

Die Eröffnung entlockte seinem Retter keine so ehrfurchtsvolle Reaktion wie King Edmund. Er nickte lediglich, ohne sich vorzustellen. »Und was verschlägt dich an diesen im wahrsten Sinne des Wortes gottverlassenen Ort, Simon de Clare?«

Der Junge schob sich die dunklen Fransen aus der Stirn und schlang den guten Mantel fester um sich. »Die Fallsucht«, antwortete er knapp. Es war plötzlich eigentümlich leicht, es auszusprechen, obwohl das Wort die quälende Scham mit sich brachte wie eh und je.

»Sie haben gesagt, du seiest besessen?«

Simon senkte den Blick und schluckte. »Ja.« Dann sah er auf. »Und Ihr?«, fragte er. Es klang fast ein bisschen herausfordernd. »Ihr macht nicht den Eindruck, als gehörtet Ihr hierher, Monseigneur.«

»Das ist ausgesprochen schmeichelhaft, aber du irrst dich.«

»Und habt Ihr einen Namen?«

»Ich nehme es an. Aber ich weiß ihn nicht mehr.« Simon schaute ihm verständnislos ins Gesicht und sah in den grünblauen Augen eine solche Verstörtheit, dass ihm ganz elend davon wurde. »Ich habe keine Ahnung, wer ich bin, Simon de Clare. Mein Leben, wie ich es kenne, beginnt an einem Tag vor ungefähr zweieinhalb Jahren, als ich in dem Kloster dort drüben am Festland aus einem Fieber erwachte. Offenbar war ich kurz zuvor aus dem Heiligen Land zurückgekehrt, denn ich trug einen Kreuzfahrermantel. Aber was immer ich dort getan haben mag, wer immer ich war, weiß ich nicht mehr. Darum nennen sie mich Losian.«

Simon wusste, das bedeutete: verloren sein. Verwundert stellte er fest, dass er tatsächlich noch in der Lage war, für eine andere menschliche Kreatur Mitgefühl zu empfinden. Gott und die Welt hatten ihm übel, wirklich übel mitgespielt, aber wenigstens hatte er sich nicht verloren. Ihm ging auf, dass es noch etwas gab, wofür er dankbar sein sollte.

Losian hatte schon beim Aufwachen gewusst, dass heute ein schlechter Tag war. Er hatte in den Knochen gespürt, dass eine Veränderung bevorstand, und Veränderungen waren nicht gut. Sein höchstes – sein einziges – Gut war der Anschein von Gleichgewicht, den er seiner sinnlosen Existenz übergestülpt hatte und der zu nicht geringem Maß aus Resignation bestand. Doch da dieses Gleichgewicht in keiner Wirklichkeit verankert war, geriet es leicht ins Wanken. Darum war jede Veränderung eine Bedrohung, und nun stand sie hier vor ihm in Gestalt dieses Knaben: fünf Fuß groß und so dürr, dass er fast kränklich wirkte. Entweder war er zu schnell gewachsen, oder die frommen Brüder dort drüben hatten ihn hungern lassen, um ihm seinen Dämon auszutreiben. Ein ebenmäßiges, hellhäutiges Gesicht umrahmt von glatten, dunklen Haaren. Meergraue Augen, die ihn anflehten.

Losian wandte den Blick ab. Er hatte diesem Jungen keine Hilfe anzubieten. »In drei Stunden wird es dunkel. Besser, du suchst dir zeitig einen Schlafplatz, sonst bist du morgen früh erfroren.«

Er ließ ihn stehen und überquerte den schlammigen Burghof. An der Westseite standen im Windschatten der Palisaden ein paar Holzhütten, die vermutlich einmal die Gesindequartiere der Burg gewesen waren. Die ganz linke lag ein wenig abseits von den anderen, und sie diente Losian als Wohnstatt. Sie hatte sogar eine Tür. Es gab nicht viel auf dieser Burg, um ihren Bewohnern menschenwürdige Unterkünfte, geschweige denn Komfort zu bieten, aber zweieinhalb Jahre waren eine lange Zeit, wenn man nichts anderes zu tun hatte, als zu improvisieren und ums Überleben zu kämpfen. Wände und Dach der einräumigen Hütte bestanden aus dicken Holzbrettern, die hier und da mit Stroh und Lehm abgedichtet waren. Es gab kein Fenster, denn auf dieser ewig windgeplagten Insel war Schutz vor dem Wetter wichtiger als Tageslicht. Trotz der bitteren Winterkälte war die Hütte unbeheizt. Ein Strohlager mit einer abgeschabten Felldecke, ein Holzschemel und eine Kiste waren das einzige Mobiliar. Losian klappte die kleine Truhe auf und legte den Strick hinein, mit dem der Junge gefesselt gewesen war.

»Es ist so … sauber«, sagte Simon von der Tür.

Losian wandte sich um. »Ich kann mich nicht erinnern, dich hereingebeten zu haben.«

Erschrocken machte Simon einen Schritt rückwärts, sodass er vor der Türschwelle stand. »Ich bitte um Vergebung. Es ist nur … ich weiß nicht, wo ich hinsoll.«

»Platz ist das Einzige, was wir hier im Überfluss haben. Du kannst dir eine eigene Hütte suchen, aber dann wirst du nachts frieren. Die meisten wohnen aus dem Grund zu mehreren zusammen.« Er selbst war die Ausnahme, denn er brauchte einen Rückzugsort, der ihm allein gehörte. Außerdem plagten ihn gelegentlich Albträume, manchmal so schlimm, dass sein eigenes jammervolles Stöhnen ihn weckte. Und daraus machte er lieber ein Geheimnis. »Ich bin sicher, du kannst bei King Edmund oder bei den Zwillingen unterkommen, da wärst du gut aufgehoben. Nur eins solltest du auf keinen Fall tun: Geh nicht zum Burgturm hinauf.«

»Warum nicht?«

Losian schüttelte den Kopf. Es gab Dinge, die man hier besser nicht gleich am ersten Tag erfuhr. »Hör einfach auf mich.«

»Kann ich nicht bei dir wohnen?«, brach es aus dem Jungen hervor, doch noch ehe Losian ablehnen konnte, fügte er hastig hinzu: »Nein. Vergiss, dass ich das gesagt habe.« Dann straffte er die Schultern, als wolle er sich selbst zur Ordnung rufen. »Gott, ich führ mich auf wie ein Bengel. Nur gut, dass mein Vater das nicht gehört hat.«

Losian bewunderte ihn für seine Beherrschung. Und er war erleichtert, dass Simon sich offenbar nicht wie ein Ertrinkender an ihn klammern würde. Er zögerte noch einen Augenblick, dann winkte er ihn herein. »Ist dein Vater ein mächtiger Lord? Ich habe gehört, dass du deinen Namen mit Stolz aussprichst, und du trägst feine Kleider.«

Simon nickte und betrat die Hütte wieder. Er wirkte schüchtern und warf Losian einen prüfenden Blick zu, als wolle er feststellen, ob er ihm auch wirklich nicht zur Last fiel. »Die de Clares sind eine große Familie mit viel Land in England, Wales und der Normandie. Der Mächtigste ist mein Onkel, der Earl of Pembroke. Mein Vater besaß nur ein Landgut, aber wenigstens ein ansehnliches. Er war königlicher Forstaufseher in Lincolnshire. Letzten Herbst ist er gefallen.« Simon brach ab.

Gefallen. Losian sann über das Wort nach. Er wusste, dass ein Krieg im Land tobte. King Edmund hatte ihm das erzählt, und wenn der es sagte, stimmte es vermutlich. Aber hierher kam kein Krieg. Die Belange der Welt konnten den Bewohnern dieser Insel völlig gleich sein. Und manchmal beschlich ihn der grässliche Verdacht, dass ihm das ganz lieb war.

Erst mit einiger Verspätung stellte er fest, dass Simon wieder sprach: »… immer so geplant, dass ich zur Ausbildung in den Haushalt meines Onkels gehen sollte. Mein Onkel wusste auch von der Fallsucht. Das sei schon in Ordnung, hatte er Vater geschrieben, er habe einmal einen Hauskaplan gehabt, der ebenfalls damit geschlagen war, und darum wisse er, dass es schlimmer aussieht, als es ist. Nach Vaters Beerdigung ritt ich also zu ihm nach Shropshire, wo er seine Lieblingsburg hat.«

»Weiter Weg von Lincolnshire«, bemerkte Losian und fragte sich: Woher weiß ich das?

»In Kriegszeiten erst recht«, stimmte Simon zu. »Aber ich bin gut durchgekommen. Mein Onkel nahm mich mit großer Freundlichkeit auf. Es ging zwei Monate lang gut. Dann bekam ich den ersten Anfall.«

»Und da war es vorbei mit der Freundlichkeit?«

Simon nickte. Losian sah, wie er die Zähne zusammenbiss. »Ich weiß, dass er sich geschämt hat, mich zu verstoßen«, fuhr der Junge schließlich fort. »Aber noch mehr schämte er sich vor seinen Freunden und seiner Ritterschaft, so etwas wie mich im Haus zu haben. Vielleicht ist es bei mir schlimmer als bei seinem Kaplan – keine Ahnung. Er schickte mich jedenfalls nach York zum Prior des Klosters, der ein großer Heiler ist. Aber natürlich konnte der auch nichts machen. Er hat sich Mühe gegeben, mir schonend beizubringen, dass ich nicht krank, sondern besessen bin.«

Losian nickte. Den Rest konnte er sich mühelos denken. »Das war der Moment, da du dich hättest davonmachen sollen.«

»Ja, das wollte ich auch. Ich wollte zurück nach Hause. Das Gut gehört ja jetzt mir. Aber die Mönche ließen mich nicht wieder fort. Sie … Sie haben mich eingesperrt und schließlich hierhergebracht.« Er wies vage auf die Bretterwand in die Richtung, wo das Festland und das Kloster lagen.

Losian setzte sich Simon gegenüber auf seine Bettstatt und lehnte sich an die Wand. »Zu den Meistern der Teufelsaustreibung.«

Simon sah ihm forschend ins Gesicht, fragte aber nicht.

Losian sagte es ihm trotzdem. »Es gibt einen Dämon namens Dantalion, der die Erinnerung befällt und auffrisst. Sie haben festgestellt, dass er von mir Besitz ergriffen hat, und nichts unversucht gelassen, ihn mir auszutreiben.« Er sagte es spöttisch. Das schien der sicherste Weg, um zu vermeiden, dass man bei der Erinnerung anfing zu schreien.

»Immerhin hast du’s überlebt«, bemerkte der Junge beklommen.

»So wie du«, gab Losian zurück.

Simon nickte und schaute sich rastlos um, als suche er die rohen Holzwände nach einem unverfänglichen Thema ab. »Wie viele Menschen leben hier?«, fragte er schließlich.

»Siebzehn, dich mit eingerechnet.«

»Nur Männer?«

»Männer und Knaben, ja.«

»Haben sie für die verrückten Frauen eine eigene Insel?«, fragte Simon bitter. »Damit die Verwahrung der Narren und Missgeburten mit Anstand und Sitte vonstattengeht und sie sich bloß nicht vermehren?«

Losian schüttelte den Kopf. Ein halbes Jahr nach ihm hatten die Brüder einmal eine Frau hergebracht; ein gänzlich verwirrtes, verstörtes Geschöpf, das seine Umwelt überhaupt nicht wahrzunehmen schien. Sie hatten ihren Namen nie erfahren. Niemand hier hatte ihr etwas getan, und King Edmund hatte sie wie eine Königin behandelt. Aber in der fünften Nacht hatte sie sich von den Palisaden gestürzt. »Ich glaube, es liegt daran, dass es sich bei Frauen leichter geheim halten lässt«, sagte er. »Ihre Familien schützen sie besser, verstecken sie im Haus oder in einem abgelegenen Kloster. Es ist … einfach etwas anderes. Eine zurückgebliebene Tochter ist ein Schicksalsschlag, aber mit ein bisschen Glück und wenn es nicht gar zu schlimm ist, kann man sie immer noch verheiraten, nicht wahr. Ein zurückgebliebener Sohn hingegen ist eine Schande.«

»Und … und sind sie alle verrückt hier? So wie King Edmund?«

»Nein, nein. Nur drei sind wirklich verrückt. Vier, wenn du mich dazurechnen möchtest, wofür allerhand spricht. Fünf sind einfach nur schwachsinnig. Der Rest sind Krüppel.«

»Krüppel, wiederholte Simon ungläubig. »Aber warum in aller Welt sperren sie die hier ein?«

»Weil der ehrwürdige Abt von St. Pancras dort drüben glaubt, dass sie nicht nach Gottes Ebenbild erschaffen sind. Deswegen sei es anderen Menschen nicht zuzumuten, sie in ihrer Mitte dulden zu müssen.«

»Genau wie uns, die besessen sind«, fügte der Junge hinzu.

»Oder die Schwachsinnigen, von denen er sagt, sie hätten keine Seele.«

»Und … was glaubst du?«, fragte Simon.

Losian hatte in den vergangenen zweieinhalb Jahren kaum über ein anderes Rätsel mehr nachgegrübelt. Aber er war immer noch zu keinem befriedigenden Ergebnis gekommen. Es gab Tage und Nächte, da er sich in seinem eigenen Körper so fremd und deplatziert fühlte, dass er sicher war, ihn mit einer unbekannten Präsenz zu teilen. Vielleicht war es ein Dämon, wie die Brüder sagten. An anderen Tagen erschien ihm die Behauptung vollkommen absurd. »Frag King Edmund«, schlug er vor. »Er ist der Gelehrte.«

Simon schnaubte. »Das wären sicher hochinteressante Ausführungen …«

»Das sind sie in der Tat. Abgesehen von der Kleinigkeit, dass er sich für einen toten Märtyrerkönig hält, scheint sein Verstand vollkommen in Ordnung. Er spricht die Messe aus dem Gedächtnis und kann die Bibel praktisch auswendig.«

»Er hält euch die Messe

Losian nickte. King Edmund, so absonderlich er auch sein mochte, war kein schlechter Seelsorger. Aber das würde der Junge schon noch selbst herausfinden. Wie so vieles andere auch. »Komm. Die anderen brennen sicher schon darauf, dich in Augenschein zu nehmen.«

»Das fehlt mir noch«, brummte Simon unwillig.

Losian stand auf und sah auf ihn hinab. »Das Leben hier ist eintönig. Ein neues Gesicht ist eine große Attraktion. Ich glaube, heute sind die Zwillinge an der Reihe, das Essen zu kochen. Das heißt, heute ist ein guter Tag. Lass uns gehen, Simon de Clare, sonst ist nichts mehr übrig.« Er warf sich einen schäbigen, vielfach ausgebesserten Mantel über die Schultern, der ihm nachts als zusätzliche Decke diente, und trat in den dämmrigen Winternachmittag hinaus. Simon folgte ihm zögernd. Während sie den Burghof durchquerten, begann es zu nieseln.

Beim Anblick der Zwillinge fuhr Simon der Schreck in die Glieder: Sie waren an der Hüfte zusammengewachsen. Zwei flachsblonde Angelsachsen, die sich wahrhaftig glichen wie ein Ei dem anderen. Sie waren vielleicht drei Jahre älter als er selbst, und sie bewegten sich zusammen mit einer Geschmeidigkeit und Mühelosigkeit, als sei es nur ein Wille, der ihre Glieder lenkte.

»Godric und Wulfric«, stellte Losian vor. »Und dies ist Simon de Clare.«

»Da hol mich doch der …« Godric sah über die Schulter, um festzustellen, ob King Edmund in der Nähe war, ehe er fortfuhr: »Teufel. Ein echter normannischer Edelmann.« Jeder der Zwillinge drosch Simon auf eine Schulter, sodass er fast in die Knie ging, und sie sagten wie aus einem Munde: »Willkommen, Simon.«

»Danke.« Er erwiderte ihr breites Grinsen, auch wenn es sich seltsam anfühlte an diesem Ort des Schreckens.

»Es gibt Hafergrütze«, verkündete Wulfric.

»Ich hoffe, das ist nach deinem Geschmack, denn hier gibt es praktisch immer Hafergrütze«, fügte Godric hinzu.

»Ich bin ganz versessen darauf«, log Simon mit Inbrunst.

Sie lachten. Aus dem Augenwinkel sah Simon Losian neben der Tür an der Wand lehnen. Er hatte die Arme verschränkt und beobachtete sie mit undurchschaubarer Miene.

Das ehemalige Backhaus verfügte neben dem verfallenen Ofen über einen kleinen Herd. Ein Kessel hing über dem Feuer. Simon wärmte sich dankbar die Hände und warf einen Blick auf die blubbernde, gräuliche Grütze. In einem unordentlichen Kreis standen Schemel und umgedrehte Holzkisten um den Herd. Simon zählte verstohlen: sechzehn. »Ich sollte mir einen Stuhl besorgen«, murmelte er und sah sich ratlos um, als hoffe er, ein Schemel werde vom Himmel fallen.

»Nein, nein, wir haben schon einen für dich geholt, als King Edmund uns vorhin erzählte, dass du angekommen bist.«

»Aber ich dachte, wir sind siebzehn«, wandte Simon mit einer Geste auf die zusammengewürfelten Sitzmöbel ein.

Die Zwillinge nickten. »Mit Regy. Der isst allein«, erklärte Godric, seine Miene plötzlich grimmig.

»Warum?«, fragte Simon.

Wulfric sah vorwurfsvoll zu Losian hinüber. »Du hast ihm nichts von Regy erzählt, was?«

»Ich fand, es musste nicht gleich heute sein«, gab Losian achselzuckend zurück.

»Na ja, das ist wahr«, räumte Godric ein. Während er sich über den Topf beugte und rührte, bückte sein Bruder sich noch ein bisschen tiefer und hob einen Stapel Holzschalen vom Boden auf. Gleichzeitig richteten sie sich wieder auf. Simon beobachtete sie fasziniert.

Das entging den Zwillingen nicht. »Es kommt mit der lebenslangen Übung«, erklärte Wulfric. »Das Einzige, worüber ich mir früher oft Sorgen gemacht hab, war, wie es gehen sollte, wenn einer von uns mal heiraten will. Du weißt schon, was ich meine. Es gibt Dinge, bei denen man seinen Bruder einfach nicht gebrauchen kann. Aber das hat sich ja nun erledigt«, schloss er. »So sorgt der Herr für uns, Simon de Clare. Ah, und da kommen die anderen.«

Ein Dutzend Männer und Knaben betraten allein oder zu zweit das kleine Küchenhaus. Der Erste war ein rotwangiger alter Bauer namens Luke, der Simon mit großer Herzlichkeit begrüßte und ihm anvertraute, dass eine Schlange in seinem Bauch wohne. An guten Tagen rolle sie sich zusammen und schlafe, an schlechten Tagen drohe sie, ihn von innen zu zerfleischen, wenn er sich auch nur einen Zoll rühre. Dann müsse er mucksmäuschenstill sitzen.

Aha, machte Simon.

Ein rothaariger Junge, dessen Gesicht und Arme von Sommersprossen übersät waren, kam als Nächster. Den hatten sie Jeremy genannt, erklärte Godric, aber sie wüssten nicht, wie er hieße, denn er sei taubstumm. Dann kam ein dicklicher junger Mann mit einem kugelrunden, zu großen Kopf und schräg stehenden Augen, der Simon keines Blickes würdigte, sondern auf ungelenken Beinen zu Losian hastete und ihn innig umarmte.

Losian drehte den Kopf zur Seite und presste ungeduldig die Lippen zusammen, ließ den stürmischen Liebesbeweis aber ein paar Herzschläge lang über sich ergehen, ehe er sich sanft befreite. »Schon gut, Oswald. Immer mit der Ruhe.«

»Ich hab was für dich«, sagte Oswald strahlend und streckte ihm die rundliche, eigentümlich kleine Hand entgegen. Er sprach seltsam, fand Simon. Nuschelnd und ein bisschen undeutlich.

Losian nahm den Gegenstand, den der junge Mann ihm hinhielt, und betrachtete ihn eingehend. Es war ein Penny, schlammverschmiert und angelaufen, aber hier und da funkelte Silber. »Wo hast du ihn her?«, fragte Losian verblüfft.

»Wehrgang«, erklärte Oswald stolz. »Eingeklemmt zwischen zwei Hölzern.«

Holzbohlen, nahm Simon an.

Losian betrachtete den Fund mit einem verwunderten Kopfschütteln und hielt ihn Oswald dann wieder hin. »Behalte ihn. Du kannst mir nicht immer alles schenken, was du findest. Wenn du ihn polierst, wird er ganz blank.«

Aber Oswald schüttelte entschieden den Kopf. »Für dich«, beharrte er. »Für meinen allerallerbesten Freund.«

»Na schön.« Losian steckte die Münze in den abgewetzten Lederbeutel, den er am Gürtel trug. »Ich heb ihn für dich auf.«

»Du kannst ihm ja ein Bier ausgeben, wenn wir das nächste Mal ins Wirtshaus kommen«, schlug einer der Zwillinge vor. Godric, rief Simon sich in Erinnerung. Der Linke der beiden war Godric.

»Diese Leprakranken müssen reiche Leute gewesen sein, wenn sie ihr Geld auf dem Wehrgang verstreut haben«, meinte Wulfric und begann, Grütze in die Schalen zu löffeln.

»Leprakranke?«, fragte Simon.

Die Zwillinge nickten. »Die waren vor uns hier. Aber dann haben die Brüder von St. Pancras drüben auf dem Festland für die Leprakranken ein Hospital gebaut. St. Giles heißt es. Sehr hübsch, hab ich gehört.« Er sagte es ohne erkennbare Bitterkeit.

Doch Simon hatte noch nicht gelernt, sich mit seinem Schicksal abzufinden. »Und stattdessen sperren sie uns nun in diese trostlose Ruine? Sind wir noch weniger wert als Aussätzige?«

»Nein. Aber die heiligen Brüder von St. Pancras betrachten uns mit anderen Augen«, erklärte King Edmund, der gerade eingetreten war und Simons Frage gehört hatte. »Danke, mein Sohn«, sagte er zu Wulfric, als dieser ihm eine dampfende Schale reichte, dann wandte King Edmund sich wieder an den Neuzugang. Er lächelte milde – seinen Groll hatte er offenbar vergessen, wie Losian vorhergesagt hatte. »Gott schlägt die Menschen mit Aussatz, um sie für ihre Sünden zu strafen. Aber jeder Mensch ist sündig, das wissen sogar die Brüder von St. Pancras. Es kann also jeden von uns treffen, und darum sind wir gehalten, den Aussätzigen zu helfen und ihnen Almosen zu geben. Damit helfen wir uns sozusagen selbst, verstehst du? Es ist ein Dienst an der eigenen Seele. Wir hier hingegen«, und er vollführte eine Geste, die das ganze Küchenhaus umschloss, »wir sind die hoffnungslosen Fälle. Sie glauben, dass Gott uns nicht bestraft, sondern verstoßen hat. Und so erscheint es ihnen nur vernünftig, seinem Beispiel zu folgen.«

Simon starrte ihn an. War dieser gebildete Gottesmann wirklich derselbe, der ihn vorhin wie eine Furie angefallen hatte?

»Griff kommt nicht«, berichtete Wulfstan, ein buckliger, zwergwüchsiger Mann, der Simon bestenfalls bis an die Hüfte reichte. »Er kann nicht aufstehen. Ich hab gesagt, ich bring ihm was und füttere ihn, aber er will nichts mehr.«

»Ich werde nach dem Essen nach ihm sehen«, versprach King Edmund.

»Griff hat die Schwindsucht«, erklärte Godric Simon. »Ich denke, er hat’s bald überstanden.«

»Kann ich seine Schuhe haben, wenn er stirbt?«, fragte Luke. »Und seine Decke?«

»Der Erste, der eine Decke braucht, ist Simon«, entgegnete Losian.

»Aber der hat diesen feinen, dicken Mantel«, protestierte Luke. »Ich brauch die Decke viel dringender.« Sein fröhliches, runzeliges Bauerngesicht verzerrte sich und nahm eine bedenkliche purpurne Tönung an. Mit einem Mal sah er aus wie ein trotziges Kind, das jeden Moment in lautes Geheul auszubrechen droht. »Ich will auch endlich mal was bekommen! Du sagst immer, jemand anders ist vor mir dran und …«

Losian legte ihm die Hand auf den Arm. »Du bekommst die Schuhe. Aber nicht die Decke. Es tut mir leid. Im Übrigen ist Griff noch nicht tot, und wir sollten wenigstens warten, bis wir ihn der See übergeben haben, bevor wir seine Habseligkeiten verteilen.«

»Amen«, sagte King Edmund mit Nachdruck. »Und nun lasset uns beten.«

Alle stellten ihre Schalen auf den Boden, bekreuzigten sich und senkten die Köpfe, während King Edmund ein Tischgebet sprach.

Wieso beten wir, wenn Gott uns verstoßen hat?, fuhr es Simon durch den Kopf, aber er war zu hungrig, um sich jetzt mit dieser Frage zu befassen. Sobald das Gebet beendet war, ergriff er seine Schale und wollte mit den Fingern Grütze herausschöpfen.

»Nein, nein, das ist nicht nötig«, sagte Godric und verteilte hölzerne Löffel. »Früher haben wir mit den Fingern gegessen. Früher haben wir hier überhaupt gelebt wie die Tiere. Bis er kam.« Er zeigte mit seiner Schale auf Losian, der auf einer Holzkiste saß, die Beine übereinandergeschlagen. »Er hat uns dran erinnert, dass wir menschliche Wesen sind, und sorgt dafür, dass wir uns meistens auch so benehmen.«

»Warum steckst du nicht einen Löffel Grütze in deinen viel zu großen Mund, Godric«, grollte Losian.

»Er mag es nicht sonderlich, wenn man das sagt«, vertraute Wulfric Simon im Verschwörerton an. »Wahrscheinlich fürchtet er, dass er eines Morgens aufwacht und sich dran erinnert, dass er ein Rattenfänger oder Schweinehirt war und seine ganze Vornehmheit nur Getue ist.«

Zielsicher und blitzschnell warf Losian seinen Löffel nach ihm, aber die Zwillinge bogen lachend die Köpfe weg – beide im selben Moment.

Simon hätte geglaubt, dass der Anblick von so viel Gebrechen und menschlichem Elend ihn in tiefe Düsternis gestürzt, ihm zumindest nachhaltig den Appetit verschlagen hätte, aber das war nicht der Fall. Vor allem Godric und Wulfric hatte er zu verdanken, dass sein neues Leben ihm nicht ganz und gar unerträglich erschien. Sie hatten ihn eingeladen, zu ihnen in die alte Schmiede zu ziehen, und Simon hatte mit großer Erleichterung angenommen. Sie hatten ihm den Brunnen und die Abtrittbude hinter dem einstigen Viehstall gezeigt und ihm die tägliche Routine dieser sonderbaren Bruderschaft erklärt. Und als es Nacht wurde, legten sie sich auf ihrem Strohlager auf den Rücken und schliefen selig, ohne sich je auf die Seite drehen zu können, während Simon sich rastlos und von schweren Träumen geplagt hin und her wälzte.

Der unerschütterliche Frohsinn, mit dem Wulfric und Godric ihrem Schicksal begegneten, richtete ihn auf, und obwohl sie nur ungehobelte angelsächsische Bauern waren, nahm er sie sich zum Vorbild. Ihnen war es ganz ähnlich ergangen wie ihm, und Simon sollte im Laufe der nächsten Tage lernen, dass die Geschichten all derer, die es hierher verschlagen hatte, sich glichen. Wulfrics und Godrics Vater war ein angesehener Schafzüchter in einem Dorf unweit von Scarborough. Ihre Mutter war bei der Geburt der Zwillinge verblutet, doch weder das noch ihre Anomalie hatte der Vater ihnen je übel genommen. Es war ja nicht so, als hätte die Welt nie zuvor von zusammengewachsenen Zwillingen gehört. Bei Welpen und Kälbern geschah das ja gelegentlich auch. Im Grunde waren sie völlig normal aufgewachsen, und die Leute im Dorf glaubten, dass die Zwillinge mit dem sonnigen Gemüt ihnen Glück brächten, denn seit ihrer Geburt hatte es keine einzige Missernte mehr gegeben. Dann war der Krieg gekommen, und schottische Truppen hatten den ganzen Norden Englands besetzt. Sie taten den Leuten kein Leid, aber sie fraßen ihnen die Haare vom Kopf, und die Dorfältesten hatten entschieden, den Abt von St. Pancras um Vermittlung und Fürsprache zu bitten, denn er war mächtig und bei den Schotten hoch geachtet. Vermutlich war es eine Dummheit gewesen, ausgerechnet die Zwillinge zu schicken, denn wer den Anblick nicht gewöhnt war, erschrak leicht. Trotzdem hatten die Ältesten es beschlossen, weil Wulfric und Godric ihnen eben immer Glück gebracht hatten. Voller Neugier und Abenteuerlust hatten die beiden damals vierzehnjährigen Jungen sich auf den Weg gemacht, und der Abt von St. Pancras hatte sie nie wieder nach Hause gelassen. Aber das Einzige, was ihnen an der ganzen Sache wirklich zu schaffen machte, war der Kummer ihres Vaters.

»Wir wissen nicht, ob er sich je auf den Weg nach St. Pancras gemacht hat, um nachzuforschen, was aus uns geworden ist. Und falls ja, was sie ihm erzählt haben«, sagte Wulfric, als sie am nächsten Morgen mit Simon zusammen die morsche Treppe zum Wehrgang hinaufstiegen. »So oder so: Er muss denken, wir sind tot oder wir fristen hier ein jämmerliches Dasein. Hart für einen Vater, verstehst du.«

Simon nickte beklommen.

»Pass auf, die dritte Stufe von oben macht’s nicht mehr lange«, warnte Godric. »Wir müssen zusehen, wo wir ein bisschen Holz finden, um sie auszubessern.«

»Haben wir Werkzeug?«, fragte Simon.

»Ah!«, rief Wulfric.

»Was?«, fragte Simon verständnislos.

»Du hast ›wir‹ gesagt«, erklärte Godric. »Gestern war es noch ›ihr‹.«

»Oh. Tut mir leid«, murmelte der normannische Knabe verlegen.

»Ist schon in Ordnung«, versicherte Godric. »Man braucht ein Weilchen, ehe man glauben kann, dass man wirklich hier gelandet ist. Denn verdient hat das keiner, weißt du.«

Simon blickte über die Brustwehr, die den gesamten Palisadenzaun umlief. Sie waren auf der Ostseite der Burg hinaufgestiegen, und Simon stellte fest, dass die Insel größer war, als er angenommen hatte. Etwa eine Meile erstreckte sich das flache, bewaldete Land. Dahinter lag die See. Von Horizont zu Horizont. Heute war sie stahlblau, denn das Wetter hatte sich gebessert. Der Himmel war klar und leuchtete in einem verwaschenen Blau. Doch der unablässige Wind war so kalt, dass Simon nach kurzer Zeit glaubte, seine Nase werde abfrieren.

Er wandte den Blick vom Meer ab, denn das Glitzern der Sonne auf dem Wasser war gefährlich für ihn. »Im Wald da unten muss es nur so vor Wild wimmeln«, bemerkte er.

Wulfric seufzte tief. »Ja, aber all die Rehe und Wildschweine könnten genauso gut in Irland sein, soweit es uns betrifft. Aus dieser Burg gibt es kein Entkommen, glaub mir. Losian hat alles versucht. Aber – und das beantwortet auch deine Frage – wir haben keine Schaufeln, um die Palisaden zu untertunneln, keine Äxte, um sie zu fällen. Wir haben ja nicht mal ein Messer, womit ein Mann sich mal den Bart stutzen könnte.«

Simon war bereits aufgefallen, dass alle Haar und Bart lang trugen. Jetzt verstand er auch, warum. »Die Brüder müssen ja große Angst vor uns haben«, knurrte er.

»Vielleicht«, stimmte Godric zu. »Vielleicht wollen sie auch, dass wir wie Tiere leben, um dann sagen zu können: ›Da, schaut sie euch an, sie sind wirklich kein Umgang für anständige Christenmenschen‹. Ich hab keine Ahnung.«

Sie setzten ihren langsamen Rundgang fort. Auf der Westseite beugte Simon sich über die gefährlichen Spitzen der Holzpfähle und schaute nach unten zur Anlegestelle. »Was ist mit Abseilen?«, fragte er.

»Dafür braucht man ein Seil, wie an dem Wort unschwer zu erkennen ist«, erklärte Godric.

»Ihr wollt mir im Ernst erzählen, auf dieser ganzen Burg gibt es kein Seil?«

»Du kannst dir nicht vorstellen, wie nackt und leer die Aussätzigen diese Anlage hinterlassen haben. Das sind genauso arme Schweine wie wir, die nichts haben und darum alles gebrauchen können.«

»Trotzdem stimmt es nicht, dass wir gar kein Seil hätten«, schränkte sein Bruder ein. »Losian sammelt jeden Fetzen, den er finden kann, um irgendwann ein neues, starkes Seil daraus zu drehen. Aber bisher hat er nicht mal genug, um einen Kerl damit aufzuknüpfen.«

»Vielleicht besser so«, warf Godric ein.

»Wieso?«, fragte Simon verständnislos.

»Tja, weißt du, manchmal kommt die Schwermut über Losian. Dann lassen wir ihn nicht hier rauf. Vielleicht ist das ja schrecklich selbstsüchtig von uns, denn wenigstens der eine Ausweg sollte jedem offenstehen. Aber wir wüssten einfach nicht, was wir ohne ihn anfangen sollten.«

Losian ließ eine ganze Woche verstreichen, ehe er den Jungen mit auf den Burghügel hinaufnahm. Er hätte es lieber noch ein bisschen länger hinausgezögert, aber er wusste, das war zu gefährlich. Simon befinde sich in bedenklicher Gemütsverfassung, hatte King Edmund ihm erklärt. Tun wir das nicht alle?, hatte Losian entgegnet, aber natürlich wusste er genau, was Edmund meinte: Der junge Normanne war jetzt lange genug hier, um allmählich zu begreifen, wie hoffnungslos und trist und entbehrungsreich der Rest seines Lebens tatsächlich sein würde, aber noch nicht lange genug, um sich an dieses eigentlich unerträgliche Dasein zu gewöhnen. Darum balancierte er wie ein Gaukler mit ausgestreckten Armen an der ungesicherten Kante der Brustwehr entlang, lief mit bloßem Oberkörper draußen in der Kälte herum und fluchte in Edmunds Hörweite. Vielleicht war dem Jungen gar nicht bewusst, was er tat, aber er forderte Gott auf, ihn zu erlösen, weil er sich außerstande sah, es selbst zu tun. Er taumelte zwischen dem natürlichen Lebenshunger eines Knaben und der Todessehnsucht eines Verzweifelten. Und je schlimmer es um ihn stand, desto größer wurde seine Ungeduld, endlich den Burgturm betreten zu dürfen.

»Alle meiden ihn wie ein Spukhaus«, spottete er, als sie die Zugbrücke überquerten, die keine mehr war, weil die Ketten zerbrochen im Graben lagen. »Warum?«

»Weil er genau das ist«, erwiderte Losian grimmig.

King Edmund und Oswald hatten wieder einmal versucht, Brot zu backen, und heute war es ausnahmsweise fast gelungen. Die Fladen, die sie zustande gebracht hatten, waren stellenweise ein bisschen verkohlt, aber essbar. Simon trug einen davon in der Hand, Losian einen Krug Wasser. Heute war er an der Reihe, Regy das Essen zu bringen. Es gab Tage, da wünschte er, er hätte hier nicht für alle Aufgaben eine strikte Reihenfolge eingeführt und es sei so wie früher das Los der Schwächsten, die unangenehmsten Pflichten zu erfüllen.

Seite an Seite stiegen sie die steile Motte und die Treppe zur Halle hinauf. Als sie die Eingangstür des Turms erreichten, wollte Simon den linken Flügel öffnen, aber Losian streckte die freie Hand aus und legte sie an den Torpfosten, sodass sein Arm eine Barriere vor der Brust des Jungen bildete. »Jetzt hör mir genau zu, Simon. Dieser Mann dort drin ist gefährlich. Möglicherweise wird er versuchen, dein Mitgefühl zu erregen, aber lass dich nicht blenden. Er hat Menschen gequält und getötet. Nur zum Spaß. Er ist angekettet, aber du darfst ihm niemals den Rücken zukehren. Du darfst nicht für einen Lidschlag unachtsam sein. Denn er brennt darauf, auch dich und mich zu töten. Hast du verstanden?«

Simon starrte ihn mit großen Augen an und nickte.

Losian verharrte einen Moment vor der Tür und sammelte sich. Dann zog er den schweren Torflügel auf und trat ins dämmrige Innere.

Von der prächtigen Halle, die gewiss einmal der Stolz des Burgherrn gewesen war, konnte man nicht mehr viel erkennen. Der Dachstuhl war kaum mehr als ein nacktes Gerippe, nur auf der Ostseite befanden sich noch ein paar Schindeln. Der Rest der Halle war seit Jahren den Elementen ausgeliefert. Die Holzdielen waren vermoost und morsch, fehlten teilweise ganz, sodass man in die dunklen, leeren Vorratsräume unter der Halle blicken konnte. Das hatte den Vorzug, dass es hier immer reichlich frische Luft gab, denn es stank wie in einem Raubtierkäfig.

Simon wich instinktiv zurück, als der Geruch ihm in die Nase stieg, schaute sich dann aber neugierig um. Losian richtete den Blick auf die Schatten an der Ostseite. Erst als er die zusammengesunkene Gestalt entdeckte, die dort reglos an einen der massiven Stützbalken gelehnt auf dem nackten Boden hockte, betrat er die Halle.

»Regy. Ich bringe dir Brot.«

»Und ein ausnehmend hübsches Stück Arsch, wie ich sehe«, antwortete eine Stimme auf Normannisch. Sie klang aufgeräumt, beinah übermütig, aber ein leichtes Näseln verlieh ihr einen herablassenden Unterton.

Losian warf Simon einen kurzen Blick zu und sah die Scham auf seinen Wangen brennen. »Das ist Simon de Clare«, erklärte er und achtete darauf, dass sein Tonfall nichts preisgab, woraus Regy Kapital hätte schlagen können.

Langsam trat er näher, und Simon wich nicht von seiner Seite.

»Es ist mir eine Ehre, de Clare«, versicherte die Gestalt. »Reginald de Warenne.«

Simon sah aus, als habe er herzhaft in einen faulen Apfel gebissen. Losian schloss, dass Regys Name ebenso berühmt war wie Simons.

Aber so leicht wollte der Junge sich offenbar nicht einschüchtern lassen. Er trat einen Schritt vor und verneigte sich mit der Hand auf der Brust. »Die Ehre ist die meine, Monseigneur.«

Regy lachte. Er hatte sein Gesicht immer noch nicht gezeigt, sondern hielt den Kopf zwischen den Knien, sodass nur ein wildes Gestrüpp aus Haaren und Bart zu sehen war. Arme und Beine waren nackt, aber Regy, wusste Losian, fror niemals. Was immer es war, das ihn trieb, loderte so heiß in seinem Innern, dass es ihn warm hielt.

»Mir will scheinen, ich habe dich länger nicht gesehen, Losian«, bemerkte Regy im Plauderton. »Und wie geht es unserem verlorenen Sohn heute, hm?«

»Danke.«

»Das heißt: Danke, mir geht es prächtig, Regy? Oder danke, dass du dich nach meinem Befinden erkundigst, aber je weniger darüber gesagt wird, desto besser?«

»Ich schätze, irgendwo dazwischen.«

»Du solltest tun, wozu ich dir geraten habe: Verschwinde von diesem trostlosen Eiland und geh zu dem Apotheker in York, von dem ich sprach. Er versetzt dich in einen Zauberschlaf und führt dich zurück nach Outremer in deine Vergangenheit. Und wenn du aufwachst, weißt du wieder, wer du bist.«

Losian verzog den Mund zu einem, wie er hoffte, verächtlichen Lächeln. »Noch bin ich nicht so verzweifelt, dass mir einfallen könnte, mich mit deinen Satanistenfreunden einzulassen.«

Regy seufzte. »Oh doch. Das bist du. Ich glaube wahrhaftig, du bist der verzweifeltste Mann, dem ich je begegnet bin. Soll ich dir sagen, was ich denke, Losian?«

»Nein. Aber ich bin sicher, du wirst es trotzdem tun.«

»Ich denke, du fürchtest dich davor, zu erfahren, wer du bist. Du hast irgendetwas Furchtbares getan dort drüben im Heiligen Land. Etwas, das alles in den Schatten stellt, was ich mir je erlaubt habe. Du hast niedliche kleine Heidenkinder ins Feuer geworfen oder den König von Jerusalem ermordet. Irgendetwas dieser Art. Und dein Geist hat beschlossen, es zusammen mit deiner übrigen Vergangenheit zu vergessen, weil du die Erinnerung an deine Schande nicht ertragen konntest.«

»Das ist eine hochinteressante Theorie«, lobte Losian und bemühte sich nach Kräften, Regy nicht merken zu lassen, dass der den Nagel auf den Kopf getroffen und Losians schlimmste Befürchtung zielsicher erraten hatte. »Ich werde sie King Edmund unterbreiten. Mal sehen, was unser Gelehrter dazu sagt.«

Regy lachte wieder, und als er sich rührte, klirrte das Halseisen leise. »Ich habe recht, nicht wahr? Deine Kiefermuskeln verraten dich. Sie sind immer wie versteinert, wenn du etwas hörst, das dir zu schaffen macht. Anders als unser Freund Simon de Clare hier. Er bekommt eine feuchte Oberlippe. Wie hinreißend diese winzigen Tropfen in dem hauchfeinen Flaum aussehen! Komm einen Schritt näher, mein Junge.«

Simon machte einen wagemutigen Schritt weiter nach vorn. Losian sah kurz zu Boden. Eine schneckenförmige Laufspur führte um den Pfeiler herum, wo Regy auf seinen endlosen Wanderungen die Dielen abgenutzt hatte, obwohl sie aus hartem Eichenholz waren. Der äußere Kreis entsprach der Reichweite seiner Kette, die sich bei seinen Runden um den Pfeiler wickelte, sodass diese immer kleiner wurden. Solange man den äußeren Kreis nicht überschritt, war man in Sicherheit vor Regys Händen und seinen ungeheuren Kräften. Nicht indessen vor seinen Worten.

»Ist dein Vater der Earl of Pembroke?«, fragte er Simon.

»Mein Onkel. Mein Vater war Ralph de Clare of Woodknoll.«

»Oh, ich erinnere mich. Ein höchst ehrenwerter Mann. Ist er tot?«

»Gefallen«, antwortete Simon knapp.

»Für Stephen, diese traurige Gestalt, oder unsere kriegerische Kaiserin Maud?«

»Für König Stephen.«

Regy hob endlich den Kopf und richtete sich auf. Sein Leib war hager und sehnig, seine Augen nur ein Funkeln im Halbdunkel. »Demnach ist deine Mutter die liebreizende Katherine Montgomery?«, fragte er und streckte die Beine vor sich aus.

Simons Augen verengten sich. Regy hatte es heute vorgezogen, sein einziges Kleidungsstück, das man mit viel gutem Willen einen Lendenschurz nennen konnte, abzulegen. So als hätte er geahnt, dass er einen Besucher bekommen würde, den er mit dergleichen noch schockieren konnte.

»Ihr seid bemerkenswert gut informiert, Monseigneur«, antwortete der Junge steif und sah unverwandt in die unheimlichen Augen, vermutlich um seinen Blick daran zu hindern, zu Regys Schoß hinabzugleiten.

»Ich vergesse niemals eine schöne Frau. Ich hoffe, deine Mutter ist wohlauf?«

»Das hoffe ich auch. Sie starb vor sieben Jahren bei der Geburt meiner Schwester.«

»Hm. Die mit ihr starb, nehme ich an. Du bist ein tapferes Bürschchen, Simon de Clare. Du bist sehr darum bemüht, mir den harten Brocken vorzuspielen, dabei graut dir in Wahrheit davor, dass du ganz allein auf der Welt bist. Dass zum Beispiel niemand mehr da war, um zu verhindern, dass du hier landest. Was mag es sein, das dich herführt?«

»Ich glaube, ich habe genug Eurer Fragen beantwortet, um den Geboten der Höflichkeit zu genügen«, entgegnete der Junge frostig, unverkennbar wütend.

Losian machte eine kleine, beschwichtigende Geste. »Lass dich nicht provozieren, Simon. Du würdest ihm einen so großen Gefallen damit tun, und ich schätze, das ist das Letzte, was du willst.«

Regy lachte wieder in sich hinein, aber es klang nicht mehr ganz so vergnügt. »Oh, Losian, Losian. Auf welch hohes Ross du dich schwingst.« Und an Simon gewandt fügte er hinzu: »Du musst wissen, Losian hat sich zu meinem Richter und Wärter erhoben. Er hat befunden, dass ich selbst unter den Verstoßenen noch verstoßen werden muss. Weil ich verrückt sei. Sagt der Mann, der nicht einmal seinen eigenen Namen weiß.«

Losian stellte den Wasserkrug einen Fuß außerhalb des Kreises ab. »Simon, ich würde gern gehen.«

Simon nickte, warf ihm einen nervösen Blick zu und trat noch einen kleinen Schritt weiter vor, um den Brotfladen abzulegen. Aber Losian riss ihn am Ärmel zurück und nahm ihm das Brot aus der Hand. Erst als Simon sich außerhalb der Gefahrenzone befand, legte er den Brotfladen auf den Wasserkrug, um ihn vor dem Dreck am Boden zu schützen.

Regy beobachtete ihn, richtete den Blick dann auf Simon und machte: »Buh!«

Kopfschüttelnd wandte der Junge sich zur Tür. Losian folgte ihm. »Gesegnete Mahlzeit, Regy.«

»Ich werde dich töten, Losian«, teilte Regy ihm leutselig mit. »Meine Stunde wird kommen, eines Tages. Wir haben ja Zeit, du und ich, nicht wahr? Ich habe mir schon allerhand für dich einfallen lassen. Wir werden es ganz gemächlich angehen. Es wird einen ganzen Tag und eine ganze Nacht dauern. Du wirst mein Meisterstück.«

»Ich fühle mich geehrt«, gab Losian gelangweilt zurück, aber er unterdrückte nur mit Mühe ein Schaudern. Ohne Regy aus den Augen zu lassen wartete er, bis Simon hinausgetreten war. Dann folgte er ihm und schloss die Tür. Er tat es ohne Schwung, aber das Poltern von Holz auf Holz war dennoch befriedigend.

Schweigend gingen sie die Motte hinab. Erst als sie wieder im unteren Burghof standen, fragte Simon: »Was hat er getan?«

»Das willst du nicht wissen«, antwortete Losian kurz angebunden.

»Aber … wenn er Menschen getötet hat, warum ist er dann hier und nicht aufgehängt worden?«

»Weil er ist, wer er ist. Seine Opfer waren Bauern. Er hat nie vor einem Richter gestanden.«

»Wieso bist du so zugeknöpft?«, gab der Junge hitzig zurück, viel verwegener als noch vor einer Woche. »Ich bräuchte nur Wulfric und Godric zu fragen, die erzählen es mir sicher.«

Dann frag sie, lag Losian auf der Zunge. Er sprach nicht gern über Regy, und er dachte auch nicht gern an ihn. Doch er befürchtete, die Zwillinge würden maßlos übertreiben und die Wahrheit, die weiß Gott schauderhaft genug war, grundlos aufbauschen und verzerren, denn manchmal überkam sie die Lust am Fabulieren, vor allem Godric. Das war eben ihre Art, sich die quälende Langeweile zu vertreiben. Aber Losian wollte nicht, dass sie Simon irgendwelche verrückten Schauergeschichten auftischten.

»Er war ein einflussreicher Mann mit beträchtlichen Ländereien unweit von York«, berichtete er, während sie zum Brunnen hinüberschlenderten. »Sie lagen weit verstreut, und er hielt sich auch häufig in der Stadt auf, denn der Kastellan der Burg ist sein Cousin. So konnte er lange geheim halten, was er trieb. Er ging zu den Bauern in seinen Dörfern oder zu armen Leuten in der Stadt und verlangte einen Sohn oder eine Tochter als Stallknecht, Küchenmagd, was weiß ich. Weil er gutes Geld bot, willigten die meisten dankbar ein. Es waren immer Knaben oder Mädchen in deinem Alter, die er sich holte. Und sie alle verschwanden spurlos.«

»Er hat …« Simon schluckte, versuchte es aber tapfer noch einmal: »Er hat sich an ihnen vergangen und sie dann getötet?«

»Ja.«

»Wie viele?«

»Ein Dutzend, sagt er. Vielleicht hat er ein wenig übertrieben, um aufzuschneiden. Ich weiß es nicht. Aber wenn je ein Mann von bösen Mächten besessen war, dann ist es Regy, Simon. Ein verzweifelter Vater wandte sich schließlich an den Dorfpfarrer, und weil der die Geschichte schon zum zweiten Mal hörte, wandte der Pfarrer sich an den Archidiakon des Erzbischofs von York. Der tat das Ganze natürlich als abergläubisches Geschwätz dummer Bauern ab und weigerte sich, einen so angesehenen Edelmann wie Reginald de Warenne mit diesen haltlosen Vorwürfen zu behelligen. Doch aus irgendeinem Grunde zog er offenbar ein paar diskrete Erkundigungen ein.« Losian schöpfte einen Eimer Wasser und füllte den Inhalt in einen Holzbottich um, der neben dem Brunnen stand. Den Bottich hob er auf und trug ihn zu seiner Hütte hinüber.

»Und die Verdächtigungen bestätigten sich?«, fragte Simon, der neben ihm herlief.

Losian nickte. »Halt mir die Tür auf, sei so gut.«

»Was hast du vor?«

»Ich wasche meine Kleider«, erklärte Losian. »Heute ist der wärmste Tag seit Wochen, eine gute Gelegenheit.« Er stellte den Bottich auf den Deckel seiner Kiste und ließ die Tür offen, damit er Licht hatte. Der Wind kam hereingeweht, aber heute war er nur kalt, nicht eisig. »Der Archidiakon erfuhr, dass Regy in gewissen übel beleumundeten Kreisen in der Stadt kein Unbekannter war. Und obwohl er nicht wollte, musste er feststellen, dass die Verdächtigungen glaubwürdig waren. Der ehrwürdige Erzbischof bestellte Regy daraufhin zu einer diskreten Unterredung. Der Kastellan der Burg war auch zugegen. Das Ergebnis war, dass Regy weder vor ein weltliches noch ein kirchliches Gericht gestellt, sondern nach St. Pancras geschickt wurde. Und die Brüder legten ihm das Halseisen um, brachten ihn her und rieten uns, achtsam zu sein.« Er legte den Gürtel ab und zog sich den knielangen Kittel über den Kopf. Ein Hemd besaß er schon lange nicht mehr, und auf seinem Oberkörper bildete sich eine Gänsehaut.

Fasziniert betrachtete Simon die beachtliche sichelförmige Narbe auf der rechten Brust. Dann fiel sein Blick auf den Schlüssel, den Losian an einer Lederschnur um den Hals trug. »Aber ihr wart nicht achtsam genug?«

Losian hockte sich vor die Kiste, stopfte das Kleidungsstück in den viel zu kleinen Bottich und fing an zu rubbeln. »Wir dachten, er sei so wie der Rest von uns. Er hat uns den verstörten Schwachkopf vorgegaukelt. Er ist wahrhaftig ein großer Blender. King Edmund hat sogar versucht, ihm das Eisen abzunehmen. Zum Glück erfolglos. Die Mönche hatten ausnahmsweise einmal erkannt, womit sie es zu tun hatten, und einen Schmied geholt, der sein Handwerk verstand. In der dritten Nacht, nachdem sie Regy hergebracht hatten, ist es passiert.«

»Er hat einen von euch getötet?«

Losian starrte auf seine Wäsche hinab, konzentrierte den Blick auf den groben Stoff, damit er nur ja nicht wieder vor seinem geistigen Auge sehen musste, was er an jenem Morgen in Regys Hütte vorgefunden hatte. »Einen normannischen Jungen aus Durham. Robert.« Zuerst hatte er überhaupt nicht begriffen, was er sah. Regy war so blutüberströmt gewesen, dass Losian geglaubt hatte, der Neue habe sich mit einem scharfkantigen Stein die Kehle durchgeschnitten. Erst als sein Blick auf das gefallen war, was von Robert übrig war, hatte er seinen Irrtum erkannt. Mit verklärtem, eigentümlich glasigem Blick hatte Regy am Boden gehockt und vorgegeben, nicht ansprechbar zu sein. Doch als Losian ihm den Rücken kehrte, hatte Regy sich auf ihn gestürzt und ihm die Kehle zugedrückt. Wären die Zwillinge nicht zufällig hinzugekommen, hätte es sehr finster ausgesehen. »Und da haben wir beschlossen, ihn oben im Turm einzusperren.«

»Warum habt ihr ihn nicht getötet?«

»Weil die Möglichkeit bestand, dass er genau das wollte.«

Simon nickte. »Verstehe. Aber wenn ihr alle zusammen es beschlossen habt, wieso hasst er dann ausgerechnet dich so?«

»Weil ich das Schloss gefunden habe, mit dem wir die Kette am Balken gesichert haben.«

»Wo?«, fragte der Junge erstaunt.

»Im Keller des Turms.« Er hatte ein brennendes Holzscheit vom Küchenfeuer als notdürftige Fackel mitgenommen, aber selbst mit einem Licht war es nicht gerade anheimelnd dort unten. Die Ratten waren zahlreich und dreist und verteidigten ihr dunkles Reich eifersüchtig. Niemand ging ohne Not dorthin, darum lagen im Keller die letzten Schätze dieser Burg. Mit einer Mischung aus Scham und Stolz erinnerte Losian sich an dieses kleine Abenteuer. Es hatte ihn Überwindung gekostet. Er fürchtete weder die Ratten noch die Dunkelheit, aber das lähmende Entsetzen, das in der Dunkelheit stets auf ihn lauerte und ihm die Luft abschnürte, bis ihm schwindelig wurde und er sich klein und feige und verabscheuungswürdig fühlte. Er hatte gewusst, dass es ihn da unten überkommen würde, und er hatte sich nicht getäuscht. Aber er war trotzdem hinabgestiegen. Um seinem Entsetzen die Stirn zu bieten. Um sich zu beweisen, dass er das fertigbrachte …

»Und ich nehme an, was du da um den Hals trägst, ist der Schlüssel?«

»So ist es.« Losian zog sein Obergewand aus dem Wasser, wrang es aus, hielt es an den Schultern hoch und betrachtete es prüfend. Dieses Frühjahr würde es noch halten, schätzte er. Über den Sommer, wenn er Glück hatte. Was ihn danach wärmen und kleiden sollte, wusste er nicht.

»Warum bist du so?«, fragte der Junge nach einem kurzen Schweigen. »Wie kommt es, dass du dich für die Menschen hier verantwortlich fühlst?«

»Wer behauptet das?«, gab Losian zurück. Abweisend, wie er hoffte.

»Ich habe Augen und Ohren.«

»Dann sei dankbar, denn die hat nicht jeder.«

»Du sorgst hier für Ordnung. Du hast für jeden ein offenes Ohr. Eine Engelsgeduld mit den Schwachsinnigen. Und du hast dafür gesorgt, dass Regy …«

»Was immer ich hier tue, tu ich für mich«, fiel Losian ihm schneidend ins Wort. »Und wenn du nun so gut sein willst: Ich würde meine Wäsche gern fortsetzen, und wenn ich die Hosen ausziehe, bin ich lieber allein.«

»Ich wette, du warst ein guter Soldat dort drüben in Outremer. Und ein guter Anführer.«

Ich wünschte, ich könnte das glauben, dachte Losian, beschränkte sich aber darauf, den Jungen abwartend anzuschauen.

Simon wandte sich ohne Eile zur Tür.

»Sag King Edmund, dass ich nicht zum Essen komme. Es dauert mindestens bis morgen, eh meine Sachen trocken sind.«

»Soll ich dir etwas bringen?«

»Du sollst mich zufriedenlassen, Bengel«, knurrte Losian.

Simon nickte. »Wie Ihr wünscht, Mylord.«

Losian hatte bereits den Fuß auf die Holzkiste gestellt und die Hände gehoben, um die gekreuzten Bänder zu lösen, die seine Wade bis zum Knie umwickelten. Doch nun ließ er sie sinken, als habe er vergessen, was er hatte tun wollen, und starrte dem Jungen mit verengten Augen nach.

Der bedauernswerte Griff starb an einem kühlen, nebligen Morgen, der den ersten Hauch von Frühling mit sich brachte. King Edmund behauptete, es sei der erste März. Simon war keineswegs sicher, ob das stimmte, aber er widersprach nicht. Ihm war nicht entgangen, dass King Edmund keine großen Sympathien für ihn hegte. Vielleicht nahm er übel, dass Simon seinen geistlichen Beistand ablehnte. Genau wie alle anderen hörte er täglich in der Ruine der Burgkapelle die Messe, aber er brachte es nicht fertig, Rat oder Absolution von einem Narren zu erbitten, der sich für einen toten Märtyrerkönig hielt.

»Also dann, lasst uns gehen«, sagte Godric bedrückt. »Wir wollen den armen Griff nicht warten lassen.«

»Und deine Decke holen, bevor Luke sie sich unter den Nagel reißt«, fügte Wulfric an Simon gewandt hinzu.

Simon ertappte sich dabei, dass die Aussicht auf diese Decke, die vermutlich von Ungeziefer wimmelte und vor Dreck stand, ihn mit freudiger Erregung erfüllte. Mochten die anderen auch behaupten, das Schlimmste sei für diesen Winter überstanden, hatte er doch jede Nacht erbärmlich gefroren, ganz gleich, wie fest er sich in seinen feinen Mantel wickelte. Er hatte sich indessen nicht beklagt. Er hatte sich wieder und wieder eingeschärft, hart gegen sich selbst zu sein, damit er hier überleben konnte. Es war das erste Mal, dass Simon de Clare Bekanntschaft mit bitterer Armut machte, und an manchen Tagen erfüllte es ihn mit einem hilflosen Zorn, dass die heiligen Brüder von St. Pancras ihnen nie genug zu essen brachten und kaum ausreichendes Brennholz zugestanden, um wenigsten den Herd im Küchenhaus für ein paar Stunden am Tag zu heizen. Aber Simon wollte seinem Vater keine Schande machen, indem er zuließ, dass seine Gefährten ihn für schwach und weichlich hielten. Darum ließ er sich seinen Zorn niemals anmerken und gestattete sich stattdessen, dankbar für die Decke zu sein – falls er sie denn wirklich bekam.

Sie verließen die Schmiede, überquerten den Hof Richtung Kapelle und machten einen Abstecher an Griffs und Wulfstans Hütte vorbei. Simon hatte Glück. Luke war zwar tatsächlich schon vor ihnen hergekommen, aber er hockte in der Ecke neben der Tür am Boden, in einer Hand Griffs Schuhe, die andere mit gespreizten Fingern vor seinen Bauch gepresst. Mit schreckensstarren Augen schaute er zu den Zwillingen auf. »Sie ist aufgewacht. O Jesus, hilf mir, sie ist aufgewacht …« Tränen rannen über seine apfelroten Wangen.

»Wir sind ganz leise«, versprach Godric flüsternd.

Luke wandte den Kopf ab und unterdrückte ein Schluchzen. Es war unübersehbar, dass er Todesängste ausstand.

Auf Zehenspitzen schlichen die Zwillinge zu dem verwaisten Strohlager, Godric hob die löchrige Decke auf, faltete sie zusammen und überreichte sie Simon.

Luke schien es nicht einmal zu bemerken. Er hatte die Augen zugekniffen und betete tonlos.

Simon hängte sich die Decke über den Arm und folgte seinen Freunden zurück ins Freie. »Kann man denn gar nichts für ihn tun?«, fragte er.

Godric schüttelte den Kopf. »Wenn du versuchst, ihn zum Aufstehen zu bewegen, gerät er völlig außer Rand und Band. Er … na ja, er glaubt so fest an diese Schlange in seinem Bauch, dass er wirklich spürt, wie sie in seinem Innern umherkriecht, verstehst du.«

»Ehrlich gesagt, nein«, gab Simon verdrossen zurück.

An die körperlichen Gebrechen seiner Gefährten hatte er sich rasch gewöhnt. Kriegsversehrte und andere Krüppel sah man schließlich alle Tage. Wenn der Abt von St. Pancras versuchen wollte, sie alle einzusperren, hätte er vermutlich festgestellt, dass es nicht genug Inseln vor der englischen Küste gab, um sie aufzunehmen. Aber mit Wahn oder Schwachsinn konfrontiert zu werden, empfand der junge Normanne nach wie vor als beleidigend. Luke mit seiner Schlange im Bauch war ihm unheimlich, und Oswald mit dem komischen Gang und dem ewig offenen Mund, Harold mit dem leeren Blick und all die anderen machten ihn wütend. Er war Simon de Clare, verflucht noch mal! Wie war es nur möglich, dass ihm zugemutet wurde, unter solchen Kreaturen zu leben?

»Ihr kommt zu spät, ihr jungen Taugenichtse«, grollte King Edmund, als Simon und die Zwillinge die verfallene Kapelle erreichten.

Godric und Wulfric senkten zerknirscht die Köpfe. »Tut mir leid«, murmelten sie im Chor.

Simon sagte nichts, sondern betrachtete den Trauerzug, der mit Abstand der erbärmlichste war, den er je gesehen hatte. King Edmund führte ihn an, ein Holzkreuz in der Rechten, dem man ansehen konnte, dass es aus einem Tischbein und einer Dachlatte zusammengezimmert war. Dem vorgeblichen Geistlichen folgten Oswald, Harold, der taubstumme Jeremy und Losian, die den Toten auf den Schultern trugen. Es gab weder Sarg noch Leichentuch.

Als Nächster kam der zwergwüchsige Wulfstan, dem unablässig Tränen übers Gesicht liefen, dann der Rest des traurigen Häufleins. Wulfric und Godric schlossen sich an, und Simon folgte ihnen, obwohl er nicht wollte.

Es war gar nicht so einfach, den Toten in Würde auf die Brustwehr zu befördern, denn die Stiege war eigentlich zu schmal für zwei Männer nebeneinander, und die Stufen waren schlüpfrig. Doch die vier Träger gingen langsam und mit Bedacht, und es kam zu keinen makabren Treppenstürzen.

»Und was nun?«, raunte Simon den Zwillingen zu, als sie alle oben angelangt waren. »Ab über die Brustwehr mit Griff und runter auf den Strand, auf dass die Möwen ein Fest feiern?«

»Hier stehen die Palisaden direkt am Ufer«, wisperte Godric. »Wir übergeben unsere Toten der See.« Er hob kurz die Hände. »Das Beste, was wir zu bieten haben.«

King Edmund betete lange auf Lateinisch, und Simon verstand die Worte »resurrectio« und »vita eterna« – Auferstehung und ewiges Leben. Aber sie spendeten ihm keinen Trost. Eines Tages werde ich es sein, den sie von hier oben ins Meer werfen, ging ihm auf. Wenn er Glück hatte, ließen sie ihm vielleicht ein Hemd oder ein paar Beinlinge wie in Griffs Fall. Wenn er kein Glück hatte, würden sie für jeden Fetzen, den er am Leibe trug, Verwendung finden. Die Vorstellung bereitete ihm Übelkeit. Und zum ersten Mal gestattete er sich, Bitterkeit, beinah so etwas wie Hass auf seinen Onkel zu empfinden, der ihn auf die Reise an diesen Ort geschickt hatte.

»So lasset uns denn beten, wie der Herr uns zu beten gelehrt hat«, forderte King Edmund seine kleine Gemeinde auf Englisch auf, und Simon betete das Paternoster wie alle anderen, murmelte die Worte vor sich hin und wusste doch, dass er Gott fern war.

Schließlich nickte Edmund den Trägern zu. »Übergebt diese sterbliche Hülle der See und seid frohen Mutes. Denn am Jüngsten Tag wird unser Gefährte Griff mit uns zusammen auferstehen, und das Meer wird nicht mehr sein.«

Auf Losians Nicken traten die vier Männer näher an die Palisaden, hoben den Leichnam hoch über deren Spitzen und ließen ihn dann geschickt abwärtsgleiten.

So viel also zu Griff, dachte Simon.

Wulfstan schniefte.

Oswald legte ihm einen Arm um die Schultern und wischte ihm mit der Linken ungeschickt die Tränen vom Gesicht.

Die Zwillinge sahen unverwandt auf die ruhige See hinab.

»Es gibt einen Sturm«, sagte Wulfric.

»Was?«, fragte Simon verblüfft. »Und ich dachte, es wird Frühling, habt ihr vorhin noch behauptet.«

»Er hat trotzdem recht«, versicherte Godric. »Wir sind in Sichtweite der See aufgewachsen, da kennt man die Zeichen. Es ist zu warm und zu still da draußen, und das Licht gefällt mir auch nicht. Es gibt Sturm, verlass dich drauf.«

»Wann?«, fragte Losian.

»Heute Abend«, schätzte Wulfric.

»Und er wird’s in sich haben«, fügte sein Bruder hinzu. Es klang unbehaglich.

Er ritt allein durch die Wüste. Die Sonne brannte mörderisch von einem Himmel herab, dessen Farbe den Betrachter vielleicht an Veilchen erinnert hätte, wäre man in diesem Glutofen zu solch einer Erinnerung imstande gewesen. Gleißend warf der felsige Boden das Licht zurück, und in der Ferne flimmerten die gewaltigen Mauern von Akkon.

Er musste die Stadt um jeden Preis vor Einbruch der Dunkelheit erreichen. Doch er wusste, es war aussichtslos. Der Gaul war nur noch Haut und Knochen und nickte bei jedem Schritt müde mit dem Kopf. Kein Schweiß glänzte mehr auf dem beinah schwarzen Fell; das bedauernswerte Tier war zu ausgetrocknet für Schweiß.

Ihm selbst erging es nicht viel besser, doch wenigstens wusste er, dass sein Ziel in Sichtweite lag. Auch wenn es niemals näher zu kommen schien. Er steckte das Tuch fester, das seinen Kopf vor der Sonne und Mund und Nase vor dem Staub schützte. Durch den festen Stoff war es noch schwerer, die breiige Luft zu atmen, aber alles war besser als der allgegenwärtige Staub.

Akkon. Dort erhob es sich mit seinen scheinbar unüberwindlichen Mauern, und doch würde es fallen, wenn die Nachricht nicht rechtzeitig ankam.

Als das Pferd stürzte, befreite er sich aus den Steigbügeln, zog das Schwert aus der Halterung unter dem Sattelblatt und legte es mit ungeschickten Fingern um. Dann zog er die Klinge und kniete sich hinter das entkräftete Tier, das hörbar keuchte. Mit einem raschen Streich schnitt er ihm die Kehle durch. Um es von seinen Qualen zu erlösen, vor allem jedoch, um sein Blut zu trinken. Er hielt die Hände unter den hellroten, sprudelnden Strahl, hob sie an die Lippen und trank gierig.

»Wenn du das je wieder tust, wirst du aus meinen Diensten scheiden müssen«, sagte eine Stimme zu seiner Linken. Sie klang tief und bedächtig, aber unverkennbar zornig.

Er ließ die blutbesudelten Hände sinken und wandte sich um. Auf einer kleinen Anhöhe stand ein Mann mit einer Krone auf dem Haupt und einer goldenen Maske vor dem Gesicht.

»Ich habe es für Euch getan«, wandte er ein, gekränkt über den ungerechten Tadel. »Damit die Nachricht nach Akkon kommt.«

»Du hast es für dich getan«, widersprach der König von Jerusalem verächtlich. »Weil du eitel und ruhmsüchtig bist.«

»Vergebt mir.«

»Vielleicht. Darüber werde ich entscheiden, wenn du Akkon erreichst, ohne Pferdeblut zu saufen wie ein heidnischer Barbar.«

»Aber wie soll ich hinkommen, wenn ich meinen Namen nicht weiß

»Das ist deine Prüfung.«

»Sagt ihn mir! Ich weiß, dass Ihr ihn kennt, also sagt ihn mir …«

Die königliche, maskierte Erscheinung verlor an Substanz, verblasste und begann in der Hitze zu flimmern. »In Akkon vielleicht …«

»Nein, geht nicht fort

Aber seine Verzweiflung berührte den König nicht. Der wandte sich angewidert ab, wurde immer durchsichtiger und verschwand schließlich im Staub, den der heiße Wüstenwind aufwirbelte. Dichte Wolken − weiß wie Knochenmehl − umhüllten den Träumer, wurden zu einem heißen Nebel, und als der sich endlich lichtete, fand er sich an Deck eines Schiffes.

Keine Spur von Verblüffung, lediglich Erleichterung durchzuckte ihn, als er erkannte, dass es der Hafen von Akkon war, den sie anliefen. Er würde seine Nachricht doch noch rechtzeitig überbringen können. Und zur Belohnung seinen Namen erfahren. Er umklammerte die Reling mit der Linken, beschattete die Augen mit der Rechten und spähte zu den turmbewehrten Kaianlagen hinüber. Das Menschengewimmel am Hafen sah aus wie ein Ameisenhaufen. Pfeilschnell, so schien es, glitt der kleine Segler durch die tiefblaue See. Aus den Ameisen wurden Männer in farbenfrohen Kleidern: Kaufleute, Straßenhändler, Wasserträger und Hafengesindel. Er sah eine Frau, die würdevoll einherschritt und den verschleierten Kopf stolz erhoben hielt, drei weiße Lämmer und einen schwarzen Ziegenbock zum Kai führen, und das war der Moment, da der Sturm losbrach. Von einem Lidschlag zum nächsten verdüsterte sich der Himmel, und das Meer wurde ein schwarzes, schäumendes Ungeheuer. Einen Augenblick sah er die Frau noch am Ufer stehen, dann wurde das Schiff herumgeschleudert und auf ein Riff geworfen. Holz splitterte, Männer schrien, rannten kopflos von backbord nach steuerbord, und sie begannen zu sinken. Ungläubig blickte er nach unten, sah Wasser durch die geborstenen Planken dringen, und als er das eisige Nass an den Füßen spürte, fuhr er mit einem Stöhnen aus dem Schlaf.

Blinzelnd starrte Losian in die Finsternis, lauschte dem Toben des Sturms und fragte sich, wie in aller Welt er bei diesem Getöse hatte einschlafen können. Er tastete mit der Hand sein Strohlager ab. Ungläubig stellte er fest, dass das Fußende völlig durchnässt war.

Er sprang auf, machte einen Schritt Richtung Tür und trat in eine Pfütze. Reglos verharrte er und rang gegen die Panik. Es war der Traum, dieser verfluchte Traum, der ihn nicht aus seinen Klauen ließ und mit hilflosem Schrecken erfüllte, und Losian betete sich vor, dass kein Nachtgespinst einem Mann gefährlich werden konnte, wohl aber der Sturm, der hier in der wirklichen Welt tobte und ihnen offenbar eine Flut bescherte.

Ohne jeden bewussten Entschluss hatte seine Hand sich um den Mantel gekrallt, als er aufgesprungen war. Er warf ihn sich über die Schultern, ehe er zur Tür seiner Hütte trat.

Kaum hatte er sie einen Spalt geöffnet, riss der Wind sie ihm aus der Hand, und sie schlug polternd gegen die Bretterwand. Das Krachen war jedoch nichts gegen das Getöse des Sturms. Es war so finster, dass er buchstäblich nicht die Hand vor Augen sehen konnte. Regen prasselte mit solcher Gewalt auf ihn nieder, dass die Tropfen sich wie kleine Kiesel anfühlten, und sie trafen ihn waagerecht ins Gesicht.

Er schloss die Augen, gegen die peitschenden Tropfen ebenso wie gegen die Dunkelheit, stemmte sich in den Wind und kämpfte sich zur übernächsten Hütte vor. Der Boden unter seinen nackten Füßen war nass, aber noch musste er nicht waten.

Schon wieder wurde ihm die Tür aus der Hand gerissen. »King Edmund?«, brüllte Losian.

»Ich komme«, sagte die vertraute Stimme aus der Finsternis – seelenruhig. Im nächsten Moment spürte Losian die Präsenz genau vor sich, aber erkennen konnte er ihn nicht. »Das ist entweder der Beginn des Jüngsten Tages oder der fürchterlichste Sturm, den ich je erlebt habe, mein Junge.«

»In meiner Hütte steht schon das Wasser. Wir müssen alle auf die Motte hinaufbringen. Und zwar schleunigst«, drängte Losian.

»Ich geh ins Küchenhaus und schür das Feuer auf, um uns ein paar Fackeln zu machen«, erbot sich King Edmund.

Losian traute seinen Ohren nicht. »Das kannst du dir sparen bei dem Wetter. Aber geh nur, schür das Feuer auf und lass die Tür offen stehen. Dann haben wir wenigstens ein Licht zur Orientierung.«

»Aber …«

»Tu, was ich sage, Edmund, um der Liebe Christi willen!«

»Na schön.« Edmund schob sich an ihm vorbei und war augenblicklich wie vom Erdboden verschluckt. Losian konnte ihn weder hören noch sehen. Aber King Edmund war länger hier als irgendjemand anderes – wenn irgendwer das Küchenhaus in dieser Schwärze finden konnte, dann er.

Losian tastete sich weiter zur nächsten Hütte. »Luke, Wulfstan, raus hier.«

Ein Brecher donnerte gegen die Palisaden, und Losian fragte sich, was von der Anlegestelle wohl noch übrig war und wie in aller Welt die Mönche sie versorgen sollten, wenn sie hier nicht mehr festmachen konnten. Vielleicht hat King Edmund recht, fuhr es ihm durch den Sinn. Es klingt wie der Anfang vom Ende der Welt.

»Wieso sollen wir raus in so ein Sauwetter?«, nörgelte die brüchige Stimme des alten Wulfstan aus der Hütte.

»Weil das Wasser steigt. Komm schon. Was macht die Schlange, Luke?«

»Sie schläft.«

»Dann geht den Burghügel hinauf. King Edmund macht Licht in der Küche. Na los, trödelt nicht.«

Er wartete keine Antwort ab, sondern ging weiter, und nach fünf Schritten kollidierte er mit einer unsichtbaren Gestalt. »Gott verflucht …«

Losian hielt mit Mühe das Gleichgewicht. »Simon?«

»Ja.« Fahrig tastend strich die Hand des Jungen über seinen Arm und krallte sich fest. »Der Sturm wird immer schlimmer, da haben wir uns gedacht …«

»Wo sind die Zwillinge?«, unterbrach Losian und riss sich los.

»Hier«, kam es zweistimmig aus der Finsternis.

Er hieß sie ebenfalls, auf die Motte zu steigen, und wandte sich ab, um zu der Hütte zu gehen, die Oswald und Jeremy teilten, als der nächste Brecher gegen die Palisaden donnerte. Holz knirschte und splitterte wie in Losians Traum, und dann hörten sie, wie das Wasser sich schäumend in den Burghof ergoss.

»Rennt!«, brüllte einer der Zwillinge. »Simon, beweg dich!«

Losian hatte Oswalds und Jeremys Hütte fast erreicht, als die Flutwelle ihn überholte. Es fühlte sich an, als habe ihn ein Rammbock in den Rücken getroffen. Seine Füße verloren den Boden, und im nächsten Moment landete er hart auf der Erde. Er rollte ein Stück, ehe er gegen die gemauerte Brunneneinfassung prallte, und sprang wieder auf die Füße. »Oswald!«, brüllte er. »Komm raus, Junge! Bring Jeremy mit!«

Er hatte die Orientierung verloren, taumelte in die Richtung, wo er die Wohnhütten vermutete, und rieb sich wütend die Augen, als könne er die Finsternis so besser durchdringen. Tatsächlich entdeckte er einen flackernden Lichtschein: das Küchenhaus. Er wandte ihm den Rücken zu, um sich auf Kurs zu bringen, und rannte förmlich in die nächste Welle. Wieder hörte er Holz bersten: Die Bresche im Palisadenzaun verbreiterte sich. Dieses Mal erfasste ihn der Sog des zurückweichenden Wassers und riss ihn mit. Losian schluckte eisiges, salziges Wasser, verspürte Todesangst und ein eigentümlich resigniertes Staunen über die ungeheure Kraft der See, als vier Hände ihn packten und aus der Welle rissen.

»Komm jetzt«, keuchte Godric. »Das ist die letzte Chance.«

Hustend befreite Losian sich und wollte sich abwenden, um die Übrigen zu warnen, doch die vier Hände bemächtigten sich seiner wieder und zerrten ihn auf den Lichtpunkt zu.

»Du kannst nichts mehr tun«, erklärte Wulfric entschieden.

»Oswald …«, brachte Losian keuchend hervor.

»Ich glaub, er ist draußen«, kam Simons Stimme von links. Dünn und angstvoll. »Ich bin sicher, ich hab ihn gehört.«

»Du lügst«, entgegnete Losian wütend. »Dir ist doch völlig gleich, wenn er ersäuft …«

Den Rest verschluckte das Brüllen von Sturm und See. Dieses Mal klang es, als kreischten die Palisaden. Ohne ein weiteres Wort drehten die Zwillinge Losian um, sodass er mit dem Rücken zu ihnen stand, packten ihn jeder an einem Arm, und einer stieß ihm die Faust zwischen die Schultern. »Lauf endlich, du sturer Hurensohn!«

Sie rannten um ihr Leben. Blindlings, ohne zu ahnen, ob sie nicht geradewegs in die nächste Flutwelle liefen, hasteten sie Richtung Motte. Losian hatte das Gefühl, dass das schäumende Wasser ihn verfolgte, schon an seinen Fersen leckte, nur so lange wartete, bis er fast in Sicherheit war, ehe es ihn endgültig holte. Seine Nackenhaare sträubten sich, und er riss sich von den Zwillingen los, weil die Hände ihm unerträglich waren. Dann prallte er vor die Palisaden. Es fühlte sich an, als habe er sich die Nase gebrochen, aber das war jetzt völlig belanglos. »Nach rechts!«, brüllte er über die Schulter, ließ im Laufen eine Hand über die dicken Holzstämme gleiten und gelangte endlich zu der Lücke, wo die Zugbrücke lag. »Gebt acht«, warnte Losian, ließ die Zwillinge und Simon vorbei und bildete selbst die Nachhut.

Sie rannten über die Brücke. Das eindringende Wasser hatte den flachen Graben gefüllt, fauchte zu ihren Füßen in seinem viel zu engen Bett, aber er schenkte ihm keine Beachtung.

Dann hatten sie die Brücke überwunden, und endlich, endlich stieg der Boden unter ihren Füßen an.

Völlig ausgepumpt kamen sie schließlich vor der Ruine des Burgturms an, blieben stehen, stützten die Hände auf die Oberschenkel und rangen um Atem.

»Los, weiter«, drängte Wulfric. »Lasst uns nicht in dieser Sintflut rumtrödeln. Ich hoffe nur, wir sind nicht die Einzigen, die’s geschafft haben.«

Losian stieg die Treppe hinauf, tastete nach der Tür und fand einen Flügel offen. »Und ich hoffe, wer immer vor uns angekommen ist, hat Regy nicht vergessen«, sagte er.

Sie traten nacheinander durch den Eingang. Drinnen regnete es genauso schlimm wie draußen, aber es war eine Wohltat, sich nicht mehr gegen den Sturm stemmen zu müssen.

Losian lehnte sich einen Moment mit geschlossenen Augen an die Wand, atmete in langen, gierigen Zügen und befühlte schließlich vorsichtig seine Nase. Sie blutete, aber sie war nicht gebrochen.

»Wer ist hier?«, rief er. »Sagt eure Namen.«

Einen Moment war nichts zu hören außer dem Tosen der Elemente, und Losian wartete mit geschlossenen Augen.

Dann hörte er: »Kuckuck! Wer mag ich wohl sein?«

Gänzlich gegen seinen Willen verzogen Losians Mundwinkel sich nach oben. »Halt die Klappe, Regy.«

»Dass ich hier bin, interessiert dich im Moment nicht so besonders, nein?« Es klang gekränkt.

»Zumindest überrascht es mich nicht besonders.«

»Ich bin hier, Losian, King Edmund.« Es kam von weiter rechts.

»Großartig. Wer noch?«

»Wulfric und Godric«, riefen seine Begleiter, um mit gutem Beispiel voranzugehen.

»Simon.«

»Luke«, kam es zögernd von links.

»Oswald.« Er schluchzte. »Oswald. Oswald.«

Losian kniff erleichtert die Augen zusammen. Danke, Jesus. »Wo bist du, mein Junge? Sag noch was, damit ich dich finden kann.«

»Oswald, Oswald«, quäkte Regy, halb belustigt, halb weinerlich. Es klang schauderhaft.

»Halt’s Maul!«, knurrten zwei oder drei Stimmen.

Regy verstummte verdattert.

Losian lächelte in die Dunkelheit.

»Hier«, sagte Oswald. »Losian. Hier.«

Es kam von der Südwand der Halle. Losian bewegte sich langsam auf die Stimme zu. »Bleib, wo du bist, ich komme zu dir.« Er sagte es ohne Nachdruck, aber ihm graute davor, dass der Junge Regy zu nahe kommen könnte, der wahrscheinlich trotz der Tintenschwärze sehen und trotz des Tosens der Elemente perfekt hören konnte, argwöhnte er.

Es war nicht weiter schwierig, Oswald zu finden, denn der heulte jetzt ohne Unterlass. Als Losian ihn erreichte, ließ er sich an der Wand entlang zu Boden gleiten, tastete einen Moment vergeblich und fand dann eine rundliche, eiskalte Hand.

Oswald klammerte sich an seinen Unterarm, ließ sich zur Seite fallen und legte den Kopf in Losians Schoß.

Losian erstarrte für einen Augenblick, denn es war ihm immer peinlich, wenn Oswald seine Nähe suchte. Aber niemand sieht es, dachte er dann und legte ihm nach einem winzigen Zögern die Hand auf den Schopf.

»Jeremy«, jammerte der Junge. »Jeremy. Wasser. So so viel Wasser.« In seiner Verstörtheit war Oswald wieder dazu übergegangen, sich in einzelnen Wörtern statt in Sätzen auszudrücken, so wie damals, als er kurz nach Losian auf diese Insel gekommen war. Aber mehr war ja gar nicht nötig. Sie verstanden ihn auch so.

»Schlimme Sache«, sagte Godric ernst. »Tut mir leid, Oswald.«

»Und ich fürchte, Jeremy ist nicht der Einzige«, kam Simons geisterhafte Stimme von links.

Losian sagte nichts, aber er wusste, der Junge hatte zweifellos recht. Niemand hatte sich nach Oswald mehr gemeldet. Und niemand hatte nach ihm selbst mehr diesen Turm betreten. Er hatte wenig Hoffnung für die acht, die noch fehlten.

»Ein Jammer.« Regy seufzte tief. »All die liebenswerten Krüppel und Schwachköpfe hat das böse große Meer hinweggespült …«

Jemand stand auf. »Wenn du jetzt nicht endlich …«

»Bleibt, wo ihr seid«, befahl Losian den Zwillingen scharf. »Das ist es doch, was er will: euch zu sich locken.«

»Wir sind aber zu zweit«, grollte Godric.

»Ich würde mich an eurer Stelle nicht darauf verlassen, dass euch das viel nützt. Haltet euch von ihm fern, solange es dunkel ist. Aber ich werde mir merken, was du redest, Regy. Und wenn es mir nicht gefällt, werde ich dich morgen früh knebeln. Ist das klar?«

Regy sagte kein Wort mehr, aber für den Rest dieser langen, langen Sturmnacht hatte Losian das Gefühl, dass der Blick der gruselig funkelnden Augen sich in seinen Nacken bohrte.

Selbst Wulfric und Godric, die ihr ganzes Leben nahe der See verbracht hatten, sagten, dass sie nie zuvor so einen Sturm erlebt hatten. Furchtsam und bis auf die Haut durchnässt kauerte die kleine Gemeinschaft zusammen am Boden und lauschte dem Tosen und dem Ächzen der Holzbalken. Nicht nur Simon wusste, dass ein Haus ohne Dach leicht einstürzen konnte, und er fragte sich, ob Gott ihn vor der Flut gerettet hatte, damit er hier unter einstürzenden Trümmern begraben wurde.

Doch als der Tag anbrach, ließen der Sturm und auch der Regen allmählich nach, und der alte Burgturm stand immer noch. Die Überreste seines Dachs, die Regy notdürftigen Schutz geboten hatten, waren allerdings verschwunden.

Im ersten grauen Tageslicht sahen sie einander in die verfrorenen, erschöpften und zum Teil von Angst gezeichneten Gesichter: sieben Männer und Jungen, die zumindest in diesem Augenblick ein Gefühl von Gemeinschaft und Sympathie verband, weil sie zusammen die Katastrophe überlebt hatten. Und außerhalb des Kreises und der Bruderschaft, die sie bildeten, Regy.

»Hunger«, klagte Oswald und brach damit den seltsamen Bann.

»Ja, ich auch«, pflichtete King Edmund ihm bei. »Aber ich fürchte, all unsere Vorräte sind vom Meerwasser durchweicht. Auf Frühstück sollten wir lieber nicht hoffen.« Er stand auf, und es knackte vernehmlich in seinen Knien. »Ich werde nachschauen, wie es um uns bestellt ist.«

Losian erhob sich ebenfalls, kam, obwohl doch auch seine Glieder kalt und steif sein mussten, in einer fließenden Bewegung auf die Beine, ohne sich mit den Händen aufzustützen. Simon erkannte in der Bewegung die Grazie und Kraft eines lebenslangen Schwertkämpfers und unterdrückte ein neiderfülltes Seufzen.

»Lasst uns alle hinuntergehen«, schlug Losian vor. »Es gibt sicher jede Menge zu tun.«

»Ihr wollt mich schon verlassen?«, fragte Regy betrübt. Es war das erste Mal seit Losians Drohung, dass er den Mund aufgemacht hatte. »Es war mir eine wahre Freude, euch in meiner Halle beherbergen zu dürfen, teure Freunde, wenn schon nicht unter meinem Dach, denn ich hab ja keines mehr.«

Losian bedachte ihn mit einer spöttischen kleinen Verbeugung. »Hab Dank für deine Gastfreundschaft.«

»Es regnet mir äußerst unangenehm auf den Kopf, möchte ich anmerken. Gedenkst du, mich auch weiterhin hier zu lassen?«

»Wir werden sehen«, gab Losian zurück und wandte ihm den Rücken zu. »Du bist im Moment die kleinste meiner Sorgen«, eröffnete er Regy rüde und ging hinaus.

»Das werden wir ja sehen …«, raunte Regy ihm nach.

Simon betrachtete ihn noch einen Augenblick mit einer Mischung aus Abscheu und Neugier. Regy schürzte die Lippen und hauchte ihm einen Kuss zu. Schaudernd wandte Simon sich ab und folgte den anderen.

Fast prallte er gegen Oswalds Rücken, denn sie alle waren auf dem breiten Treppenabsatz vor der Tür der Halle stehen geblieben und starrten in den unteren Burghof hinab. Als Simon sich auf die Zehenspitzen stellte, um ebenfalls einen Blick zu erhaschen, entfuhr ihm ein Schreckenslaut. »Mein Gott … entschuldige, King Edmund«, fügte er hastig hinzu, denn wenn es etwas gab, das King Edmund wütender machen konnte als Flüche, dann war es, den Namen des Herrn eitel zu führen.

Es war ein Beweis für das Ausmaß von Edmunds eigener Verstörtheit, dass er abwesend murmelte: »Schon gut, Jungchen.«

Der untere Burghof bot einen Anblick vollkommener Zerstörung, und ihre Befürchtung der vergangenen Nacht wurde Gewissheit: Niemand von denen, die es nicht auf die Motte hinauf geschafft hatten, konnte dort unten überlebt haben. Keine einzige der Holzhütten stand mehr, nur noch hier und da ein paar Gerippe. Die Erde war eine Schlammwüste, auf der zersplitterte Bretter, Balken und sonstige Trümmer verstreut lagen. Überall standen große Pfützen, in denen sich der graue Himmel spiegelte, und so etwas wie ein Flussbett hatte sich gebildet, das ungefähr von der Mitte des Hofs zu der breiten Schneise in den äußeren Palisaden führte.

»Als hätte eine Armee von Riesen diese Burg geschleift«, sagte Godric schließlich fassungslos.

»Häuser weg«, murmelte Oswald bestürzt. Blinzelnd schaute er sich um, unfähig zu begreifen, wieso die Welt, die er kannte, mit einem Mal in Trümmern lag, und anscheinend ohne es zu merken, ging er wieder auf Tuchfühlung mit Losian und ergriff verstohlen dessen Hand.

Losian befreite sich, nicht mit einem schroffen Ruck, aber entschieden. »Es sieht schlimmer aus, als es ist, Oswald«, sagte er.

»Blödsinn«, widersprach Wulfric. »Es ist mindestens so schlimm, wie es aussieht: Wir haben nichts mehr zu essen, kein trinkbares Wasser und können alle dauerhaft zu Regy ziehen, wenn wir so was Ähnliches wie ein Haus um uns herum wollen.«

»Und wir haben einen Weg in die Freiheit«, fügte Simon hinzu, als sei es eine Nebensächlichkeit. Er wies mit ausgestrecktem Arm auf die Bresche in der Einfriedung.

Losian wandte den Kopf und sah ihn an; der Blick der grünblauen Augen wie so oft schwer zu deuten. Euphorie konnte Simon jedenfalls nicht darin entdecken. »Was ist?«, fragte er verständnislos. »Ich hätte gedacht, dass gerade du in Jubel ausbrechen würdest.«

»Ah ja?«, bekam er verdrossen zur Antwort. »Vielleicht nachdem du mir erklärt hast, wie du übers Meer zu kommen gedenkst.« Simon wollte einen Einwand vorbringen, aber Losian schnitt ihm mit einer knappen Geste das Wort ab. »Ich schlage vor, wir kümmern uns erst einmal um das Nächstliegende: Nahrung und Wasser.«

Er machte sich an den Abstieg, und die Übrigen folgten ihm.

»Und? Wo sollen Nahrung und Wasser herkommen?«, fragte Godric.

»Ich schätze, wir könnten dafür beten«, schlug sein Bruder vor. »Vielleicht lässt Gott es vom Himmel fallen.«

»Gib acht, Söhnchen«, brummte King Edmund, der gleich hinter ihnen ging.

»Ich mein das ganz ernst«, beteuerte Wulfric. »Und ich wüsste wirklich nicht, was wir sonst tun könnten.«

»Womit du wieder einmal beweist, dass du nicht nur ein Großmaul, sondern obendrein auch noch ein Schwachkopf bist«, bemerkte Losian trocken, wurde aber gleich wieder ernst. »Noch regnet es, und es wird mehr oder weniger den ganzen Tag weiterregnen, glaubst du nicht?«

»Doch«, räumte Wulfric ein.

»Macht euch auf die Suche nach irgendetwas, womit wir den Regen auffangen können, denn der Brunnen ist todsicher versalzen, da habt ihr schon ganz recht.«

»Das ist eine großartige Idee«, fand Luke und rieb sich voller Tatendurst die Hände.

Doch ehe sie sich an die Arbeit machten, überquerten sie den verwüsteten Burghof und traten an die Lücke, die die Sturmflut in die Palisaden gerissen hatte und die an die dreißig Fuß breit war. Sie begann gleich neben dem Torhaus, das ebenfalls Schaden genommen hatte, aber da es stabiler war als ein bloßer Zaun, hatte es den mächtigen Wellen getrotzt.

Nebeneinander standen die sieben Überlebenden an der Bresche und starrten auf die See hinaus, während ihre Füße langsam in den eisigen, graubraunen Schlamm sanken. Das Meer war nach wie vor aufgewühlt, und die Wellen, die dort gegen das sandige Ufer schlugen, wo einmal die Anlegestelle gewesen war, wirkten immer noch wütend. So als hätten sie sich noch nicht endgültig entschieden, ob sie wirklich abklingen und zur Ruhe kommen oder nicht vielleicht doch noch einmal anschwellen und die letzten sieben auch noch verschlingen sollten.

Als eine besonders heftige Woge auf das Ufer traf und sich schäumend auf sie zu wälzte, machten Simon und Oswald im selben Moment einen Schritt rückwärts, sahen sich an und tauschten ein unsicheres kleines Lächeln.

»Wer von euch kann fischen?«, fragte Losian plötzlich.

»Wir«, antworteten die Zwillinge. »Aber nicht ohne Leine und Rute«, schränkte Godric ein. »Oder ein Boot und ein Netz.«

»Lasst euch irgendetwas einfallen. Benutzt eure Kleider als Netz. Ihr könnt auch versuchen, eine Möwe damit zu fangen. Aber wir müssen irgendetwas zu essen beschaffen.«

Die Zwillinge nickten. Einen Moment zögerten sie noch, und das war kein Wunder, fand Simon. Vier Jahre lang war das Innere dieser Burg ihre ganze Welt gewesen. Es musste sich höchst eigenartig anfühlen, die Grenze zu überschreiten, die bis gestern unüberwindlich gewesen war, und diese Welt zu verlassen.

»King Edmund«, sagte Losian gedämpft. »Würdest du mit Luke und Oswald alles zusammentragen, was wir noch gebrauchen können?«

»Gewiss, mein Sohn.«

»Und wenn ihr irgendwelche Gefäße findet, stellt sie auf, um Wasser aufzufangen.«

Edmund nickte.

»Ich wäre dir dankbar, wenn du Oswald die Trümmer nicht allein durchsuchen ließest. Gib ihm irgendeine andere Aufgabe. Es wäre möglich …«

»… dass wir einen unserer toten Brüder finden, ich weiß«, beendete King Edmund den Satz für ihn, als Losian zögerte.

Der nickte und stieß hörbar die Luft aus. »Vielleicht auch nur ein Stück von einem unserer toten Brüder«, sagte er leise. In dieser totalen Zerstörung schien jede Schreckensvision möglich.

King Edmund bekreuzigte sich, aber er empfand anscheinend keine Furcht vor seiner Aufgabe. »Und was hast du für Pläne?«

Losian wies auf Simon. »Wir beide gehen auf die Jagd.«

»Mit bloßen Händen?«, fragte Simon zweifelnd. »Ich sag’s ja immer, du musst ein gewaltiger Krieger gewesen sein …«

»Davon weiß ich nichts«, gab Losian kühl zurück. »Aber offenbar kein verzagter Feigling wie du, der schon aufgibt, ehe er sein Glück versucht hat. Und nun komm.«

Seite an Seite wateten sie durch den Schlamm, verließen den Burghof durch die breite Lücke in den Palisaden und wandten sich nach links. Losian kannte das Umland der Burg bis in jede Einzelheit, denn er hatte in den vergangenen zweieinhalb Jahren endlose Stunden auf der Brustwehr verbracht, um es zu betrachten. Hätte er mit einem Stöckchen einen Lageplan in den Schlamm ritzen sollen, hätte er wohl keinen Baum und keinen Strauch vergessen, nahm er an.

Aber viele der Bäume und Sträucher, die sich so unauslöschlich in sein ansonsten gähnend leeres Gedächtnis eingebrannt hatten, waren nicht mehr da, denn auch außerhalb der Burgmauern hatte die Sturmflut gewütet und das Land mit einem Leichentuch aus grauem Schlamm bedeckt.

Südlich der Burg war das Gelände flach und nur mit Gesträuch und jungen Bäumen bewachsen. Losian nahm an, dass dieses Land einmal kultiviert gewesen war, als die Burg noch bewohnt wurde. Das Feld war schwerlich groß genug gewesen, um alle Bewohner zu ernähren, aber gewiss waren sie dankbar für jedes Korn gewesen, das sie nicht vom Festland herschaffen mussten. Er hatte oft versucht, sich vorzustellen, wie es hier zugegangen war, als die Burg noch einen Herrn hatte, der hier mit seiner Familie, seiner Ritterschaft und seinem Gesinde gelebt hatte. Besonders fröhlich und unbeschwert war es an diesem Hof wahrscheinlich nicht zugegangen, dafür war diese Insel zu rau und das furchteinflößende Meer zu nah. Aber die Menschen hatten wohl das Beste aus ihrem Leben gemacht, hatten ein bisschen Gerste oder Roggen angebaut, ein paar Ziegen und Schweine gehalten, waren im Wald auf der Ostseite zur Jagd geritten und anschließend zu einem prasselnden Feuer und Bier und gutem Essen in die Halle zurückgekehrt, wo die Frauen saßen und spannen und webten.

Ein hartes, aber ein gutes Leben. Genug, um einen Mann zufriedenzustellen, wenn er wusste, wohin er gehörte und wer er war …

Simons Stimme riss ihn aus seinen Gedanken: »Wir könnten schwimmen.« Es klang verdrossen.

»Was?«, fragte Losian verwirrt.

»Du hast verlangt, ich soll dir sagen, wie wir übers Meer kommen. Wir könnten schwimmen. Es kann nicht viel mehr als eine Meile sein. Eine Strecke, die ein guter Schwimmer schaffen sollte.«

»Wenn die Strömung nicht wäre.«

»Ach, aber du nennst mich einen Feigling, ja?«

Losian hob reumütig die Linke. »Das hätte ich nicht sagen sollen. Du bist kein Feigling.«

Simon blieb stehen. »Wieso kannst du mich nicht ausstehen, Losian?«

Der hielt ebenfalls an und wandte sich zu ihm um. »Wie in aller Welt kommst du darauf?«

Der Junge schnaubte. Es sollte verächtlich klingen, aber sein Blick verriet, wie gekränkt er war. »Es ist kaum zu übersehen. Du bemängelst alles, was ich sage und tue, und letzte Nacht hast du mich einen Lügner geschimpft.«

Losian deutete eine Verbeugung an. »Dafür entschuldige ich mich. Ich war ein wenig … erregt letzte Nacht. Wenn du’s genau wissen willst, ich war sicher, wir würden alle draufgehen. Da sagt man unbedachte Dinge.«

»Und trotzdem ist es so«, beharrte Simon. »Nicht, dass es mir etwas ausmacht«, fügte er brüsk hinzu. »Ich wüsste nur gern den Grund.«

Ich kann dir den Grund nicht nennen, denn ich weiß ihn selbst nicht, dachte Losian. Es stimmte nicht, dass er den Jungen nicht mochte, im Gegenteil. Aber Simon brachte ihn in Rage. Für einen normannischen Edelmann von fünfzehn Jahren war er viel zu verzagt und zu empfindsam. Ein Dutzend Mal am Tag fand Losian sich versucht, ihm zu befehlen, sich zusammenzureißen, mehr Verantwortung für die Bewältigung ihres täglichen Lebens zu übernehmen, ihm endlich einen Teil dieser Bürde abzunehmen. Er wusste, dass der Junge ein furchtbares Schicksal erlitten hatte, von seiner eigenen Familie verstoßen und verraten worden und mutterseelenallein auf der Welt war. Doch aus irgendeinem Grund konnte Losian ihm all das nicht zugutehalten.

»Das bildest du dir ein, Simon. Ich …« Er brach ab. Ich selbst bin derjenige, den ich nicht ausstehen kann, dachte er und spürte, wie dieses Nichts, diese grauenvolle Leere in seinem Innern sich auftat. Diese erbärmliche Kreatur ohne Namen und Vergangenheit. Er ging weiter Richtung Wald. »Ich bin überzeugt, du wärest mutig und kräftig genug, eine Meile weit zu schwimmen, aber die Strömung ist ein Problem. Hast du nicht gesehen, welche Mühe die Brüder bei der Überfahrt hatten, ihr Boot auf Kurs zu halten?«

»Doch«, musste Simon einräumen, der mit gesenktem Kopf neben ihm durch den Schlamm stapfte. »Aber müssen wir es nicht trotzdem wenigstens versuchen?«

»Wozu, wenn doch feststünde, dass wir ertrinken?«

»Wir könnten ein Floß bauen! Aus den Stämmen der Palisaden und …«

»Wenn wir genügend Seil hätten, um die Stämme aneinanderzubinden, vielleicht.«

»Verflucht noch mal, Mann, wir müssen doch von hier weg, eh die Mönche kommen und uns wieder einsperren!«, ereiferte Simon sich, und Losian hörte die nackte Angst in seiner Stimme.

»Nicht bevor wir einen Weg gefunden haben, der nicht für alle ins sichere Verderben führt«, entgegnete er entschieden.

Simon stieß die Luft aus. »Du willst überhaupt nicht von hier weg! Ist es nicht so? Du fürchtest dich vor der Welt da draußen, weil du nicht weißt, wo dort dein Platz ist. Und du nennst mich einen Feigling …«

Losian fuhr zu ihm herum und ohrfeigte ihn. Es war ein ungehemmter Schlag; hart genug, dass der Junge in den Schlamm geschleudert wurde. Sofort stützte er sich auf die Hände und stemmte sich in eine sitzende Position, stand aber nicht auf und hielt den Kopf gesenkt.

»Verschwinde«, sagte Losian leise, und seine eigene Stimme erschien ihm fremd. »Geh zurück und hilf den anderen, oder meinethalben versuch dein Glück auf dem Meer.«

Und damit wandte er sich ab und ging mit eiligen Schritten auf den Saum des Waldes zu. Erst als er ihn erreicht hatte und sich zwischen den nackten Stämmen der ersten Bäume befand, wandte er sich um. Simon saß immer noch im Morast, hatte die Ellbogen auf die Knie und die Stirn in die Hände gestützt, und seine Schultern bebten.

Losian blickte auf die Hand hinab, die er gegen den Jungen erhoben hatte. Sie war schwielig und groß, mit breiten, starken Fingern. Grotesk. Wie eine Schaufel. Er ballte sie zur Faust und spürte zum ersten Mal bewusst, wie viel Kraft in dieser Hand steckte. Es erschütterte ihn, wie hemmungslos er zugeschlagen hatte. Dieser Vorfall war das erste Mal in seiner Erinnerung, dass er so etwas getan hatte, und er hatte nicht einmal für die Dauer eines Lidschlags gezögert. Ohne jeden bewussten Entschluss hatte er es getan, schnell und unbarmherzig, und nicht nur mit der Hand, sondern mit der Kraft seines ganzen Körpers. Er konnte sich jetzt nicht mehr genau an die Bewegung erinnern, aber ihm schien, als habe er die rechte Schulter und sogar die Hüfte dabei bewegt. Nun, er war Soldat gewesen, es sollte ihn also nicht gar zu sehr verwundern, dass er gelernt hatte, wie man einen wirksamen Schlag führte. Aber trotzdem fühlte er sich grässlich. Es erzählte ihm etwas über den Mann, der er einmal gewesen war, was er nicht wissen wollte. Und als er das erkannte, wurde ihm auch klar, dass er den Jungen geschlagen hatte, weil der die Wahrheit gesagt hatte: Losian fürchtete sich vor der Bresche im Palisadenzaun. Er fürchtete sich bis ins Mark.

Er ging weiter, drängte all diese beunruhigenden Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf seine Aufgabe. Auch die Jagd gehörte offenbar zu den Dingen, die er einmal gelernt hatte. Er wusste, man brauchte ein Pferd und Hunde dafür. Oder einen Falken. Pfeil und Bogen, einen Speer oder eine Schleuder. Er hatte nichts von alldem. Trotzdem ging er tiefer in den Wald, und ohne es zu merken, achtete er darauf, dass er den Wind im Gesicht hatte.

Es war ein nasser, stiller, melancholischer Wald, und obwohl der Schnee geschmolzen war, war die Stimmung noch winterlich. Nur dann und wann hörte Losian den Ruf eines Vogels, und das durchweichte Laub unter seinen nackten Füßen strahlte eisige Kälte aus. Dennoch hob sich seine Stimmung. Am Stamm einer alten Buche blieb er stehen, warf einen kurzen Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass niemand ihn sehen konnte, und dann schlang er die Arme um den Stamm und presste die Wange an die Rinde, die sich gar nicht so glatt anfühlte, wie sie aussah. Auch der Baum war nass, aber Losian bildete sich ein, der Stamm spende ihm Wärme, und eine geraume Zeit verharrte er reglos, sog den herben Duft von Holz, feuchter Erde und verrottendem Laub in tiefen Zügen ein und ergötzte sich an diesem kleinen Stück Freiheit. Für einige wenige, selige Augenblicke dachte er an gar nichts, existierte einfach nur im Einklang mit dem Baum, dem Regen und dem grauen Himmel. Dann kam ein Eichhörnchen herbeigehuscht, das ihn anscheinend für ein Stück Baumstamm hielt. Es kletterte an seinem Bein hoch, erklomm seinen Rücken und sprang von seiner Schulter an den Baumstamm, um den es dann pfeilschnell und in engen Runden nach oben lief, als führe eine unsichtbare Wendeltreppe hinauf. Losian legte den Kopf in den Nacken, um ihm nachzuschauen, und der Regen fiel ihm in die Augen.

Ohne Hast ging er in südöstlicher Richtung weiter. Das Frühjahr war die ungünstigste Zeit, um im Wald irgendetwas Essbares zu finden. Eicheln, Nüsse und Bucheckern waren längst vom Wild aufgefressen, für Pilze war es zu spät und für das erste Grün noch zu früh. Seine einzige Hoffnung war, dass auch die Tiere am Ende des Winters nicht mehr viel Nahrung fanden und deshalb geschwächt waren. Er hatte einen faustgroßen Stein aufgehoben, hielt ihn in der Hand und schaute sich wachsam um. Er wusste, seine Chancen standen schlecht, aber wie er zu Simon gesagt hatte: Es war jämmerlich, zu verzagen, ehe man sein Glück nicht wenigstens versucht hatte.

Und tatsächlich wurden seine Mühen belohnt. Der Sturm hatte Äste abgerissen und sogar einige Bäume entwurzelt. Einer hatte im Sturz eine junge Ricke erwischt, die mit zerschmetterten Hinterläufen und rettungslos im Geflecht der Krone verfangen auf der Erde lag. Mit starren Augen blickte sie zu Losian auf, als er sich vor sie hockte, und er sah, wie ihr Brustkorb sich in Panik hob und senkte. Er wusste, dass die Hand und die Stimme eines Menschen ein Reh nicht beruhigen konnten, also verschwendete er keine Zeit. Er hob die Faust mit dem Stein, ließ sie niederfahren und beobachtete mit distanziertem Interesse, dass er den Schlag genau wie den vorhin führte, mit einer Bewegung, die in der Hüfte begann und den Schwung seiner ganzen Körperkraft in seine Hand fließen ließ. Der Hieb zertrümmerte die Schädeldecke, und die Ricke war auf der Stelle tot.

Die anderen waren fleißig gewesen, stellte Simon fest, als er zur Burg zurückkam. Sie hatten die umgestürzten Palisaden, die das Meer nicht mitgenommen hatte, aus der Bresche geräumt und auf der Innenseite der Einfriedung aufgestapelt. Nun musste man nicht mehr über zersplitterte Pfähle und sonstige Trümmer klettern, um die Burg zu betreten oder zu verlassen. Oswald las im Hof kleinere Holzstücke auf und warf sie auf einen Haufen, der vermutlich als Brennholz dienen sollte, falls er dazu je wieder trocken genug würde. Luke und King Edmund legten letzte Hand an eine eigentümliche, aber geniale Konstruktion: Sie hatten die beiden größten Bretter, die sie finden konnten, zu einer Art Dach zusammengefügt, das nun verkehrt herum, mit der Öffnung nach oben und in Schräglage am Palisadenzaun lehnte. Unter das tiefere Ende hatten sie den schweren gusseisernen Kessel gestellt, in dem sie die Grütze kochten. So kam es, dass der Regen, der auf die Flächen der Bretter fiel, zur Mitte und schließlich in den Kessel rann.

»Verdursten werden wir also nicht«, hörte Simon Godric hinter seiner rechten Schulter sagen.

Er wandte den Kopf. »Jedenfalls nicht heute. Und? Habt ihr schon was gefangen?«

Die Zwillinge schüttelten niedergeschlagen die Köpfe. Wulfric wies auf die Palisade. »Da draußen haben wir ein Dickicht aus jungen Weiden gefunden. Wir haben Zweige abgerissen und ein kleines Netz daraus geflochten. Damit haben wir im Flachwasser unser Glück versucht, aber bislang ohne Erfolg.«

Simon horchte auf. »Weiden? Wie viele?«

Godric hob die Schultern. »Ein Dutzend vielleicht. Wieso?«

»Wir müssen ein Floß bauen. Und vielleicht können wir die Stämme mit Weidenzweigen zusammenbinden«, erklärte Simon eifrig.

Die Zwillinge tauschten einen Blick und antworteten nicht sofort. Schließlich sagte Godric: »Wenn du auf halber Strecke feststellst, dass es nicht hält, sitzt du mächtig in der Scheiße.«

»Ja, und wenn wir hier herumlungern und die Hände in den Schoß legen, bis die heiligen Brüder mit einer bewaffneten Eskorte und einem Bautrupp kommen, um den Zaun zu reparieren, dann sitzen wir erst recht in der Scheiße!«, gab Simon wütend zurück. »Was ist nur los mit euch allen? Wie könnt ihr nur zögern, wo der Weg in die Freiheit doch praktisch zu euren Füßen liegt?« Er breitete verständnislos die Arme aus. »Habt ihr euch alle so an euren Käfig gewöhnt, dass ihr gar nicht mehr hinauswollt?«

»Immer mit der Ruhe, Simon.« Wulfric hob beschwichtigend die Hände. »Natürlich wollen wir von hier weg. Aber du darfst die See nicht unterschätzen. Letzte Nacht hat sie uns doch gezeigt, wie hungrig sie ist. Und wie stark.«

»Lasst uns erst mal hören, was Losian dazu sagt«, schlug sein Bruder vor.

»Oh, natürlich. Der weise Losian«, höhnte Simon. »Das könnt ihr euch sparen. Er sagt das Gleiche wie ihr. Vögel mit gestutzten Flügeln seid ihr, allesamt! Ich kann euch einfach nicht verstehen.«

»Nein?«, fragte Godric ernst. »Vielleicht liegt es daran, dass dein Gebrechen nicht so augenfällig ist und du außerdem der Sohn eines normannischen Lords bist. Ich schätze, du bist nicht so besonders oft angeglotzt und mit Steinen beworfen oder eine Missgeburt genannt worden.«

»Angeglotzt und eine Missgeburt genannt worden, doch, gelegentlich. Wenn der richtige Moment kam«, entgegnete Simon scheinbar leichthin. Er machte einen halben Schritt auf die Zwillinge zu. »Ich wälze mich am Boden wie ein Besessener, wenn es passiert, Godric, und meistens bepinkel ich mich dabei. Wenn ich Pech habe, kommt es noch schlimmer. Verstehst du? Es ist vollkommen … entwürdigend, und es kann in jedem Moment meines Lebens geschehen. Auf der Straße, mitten in der Schlacht, in dem Augenblick, da ich um die Hand einer Frau anhalte. Falls irgendein Vater mich je nähme. Oh doch, mein Gebrechen ist augenfällig, glaub mir. Und ich habe gespürt, welch eine Erlösung es ist, hier zu sein und zu wissen, dass niemand mich auslachen wird, wenn es passiert, mich beschimpft oder mit Tritten davonjagt. Aber deswegen können wir uns doch nicht hier verkriechen, obwohl Gott uns eine Tür geöffnet hat! Wie sollten wir uns denn noch selbst ertragen, wenn wir das täten?«

Die Zwillinge hatten ihm schweigend gelauscht, ihre Mienen bekümmert und unsicher. Auch als er verstummte, fanden sie zur Abwechslung einmal nichts zu sagen.

Simon fuhr leicht zusammen, als sich von hinten eine Hand auf seine Schulter legte. »Du hast recht, mein Sohn«, sagte King Edmund begütigend. »Eine Tür hat sich uns geöffnet. Aber ob es Gott oder Satan war, der sie uns aufgetan hat, müssen wir noch herausfinden. Wir müssen beten und uns Gottes Wort öffnen, dann werden wir die Wahrheit erkennen, glaub mir.«

Simon spürte seinen Zorn wie einen heißen Knoten im Bauch, aber er senkte scheinbar demütig den Kopf und nickte. Ein Disput mit King Edmund über Gott und Satan war das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte.

»Einstweilen lasst uns etwas Nützliches tun. Godric, Wulfric, ihr solltet weiter euer Glück mit dem Netz versuchen. Ich verspreche euch, ich bringe ein Feuer in Gang, um euren Fang zu braten, denn ich habe in den Trümmern des Küchenhauses Flint und Stahl gefunden, gelobt sei Jesus Christus. Aber wir brauchen ein Messer, um die Fische auszunehmen. Hier, Simon.« Er drückte ihm einen Felsbrocken in die Hand, der eine scharfe, abgesplitterte Kante hatte. »Sieh zu, ob du eine brauchbare Klinge daraus machen kannst.«

»Ich soll einen Stein schärfen?«, fragte Simon ungläubig. »Aber das würde Wochen dauern.« Dieser Kerl ist eben doch völlig irre, dachte er.

King Edmund nickte ungerührt. »Ein Grund mehr, auf der Stelle damit zu beginnen, denkst du nicht?«

Als Losian bei Einbruch der frühen Dämmerung mit der Ricke auf den Schultern zurückkam, hasteten Oswald und die Zwillinge ihm entgegen, um ihm seine Last abzunehmen.

Dagegen hatte er nichts. Eine Ricke wog nicht mehr als ein Kind, aber er war weit gewandert, erschöpft nach einer schlaflosen Nacht voller Schrecken, und er war ausgehungert.

Oswald kniete sich in den Schlamm, zog die Ricke halb auf seinen Schoß, strich ihr über den blutbesudelten, eingedellten Kopf und weinte.

Jesus, lehr mich Geduld, dachte Losian seufzend, packte den Jungen am Arm und zog ihn auf die Füße. »Geh und hilf King Edmund, Feuer zu machen.«

Oswald nickte, rührte sich jedoch nicht vom Fleck. »Armes Reh …«, murmelte er betrübt. »Armes, armes Reh.«

Losian atmete tief durch. »Du hast recht. Und jetzt verschwinde.«

Oswald trollte sich mit hängendem Kopf. Sobald er außer Hörweite war, fragte Wulfric: »Wie wollen wir sie ausnehmen? Simon versucht, einen Stein zu schärfen, aber ich weiß nicht, ob …«

»Hier«, unterbrach Losian, und er konnte sich ein zufriedenes Lächeln nicht verbeißen. »Schaut euch das an.« Er schob den Mantel über die Schulter zurück und enthüllte eine lederne Scheide mit einem Jagdmesser darin, die an seinem Gürtel hing.

Die Zwillinge starrten sprachlos darauf hinab, und ihre Verblüffung hatte beinah etwas Komisches. »Woher in aller Welt hast du das?«, fragte Godric schließlich.

Losian wies nach Osten. »Im Wald steht eine kleine, verfallene Jagdhütte. Das Messer hing an einem Haken an der Wand. Ansonsten gibt es dort nichts Brauchbares, fürchte ich, bis auf einen Tisch und zwei Schemel.«

»Aber das Messer ist ein Segen«, befand Wulfric strahlend. »Ist es scharf?«

Losian nickte. »Jetzt wieder.«

»Großartig. Es löst gleich einen ganzen Haufen Probleme.«

»Und schafft einen ganzen Haufen neuer, verlass dich drauf«, gab Losian trocken zurück. Darum hatte er beschlossen, es als sein Eigentum zu beanspruchen und niemals aus der Hand zu geben. Denn sollte es durch irgendeine Unachtsamkeit Oswald oder Luke oder – Gott bewahre – Regy in die Finger geraten, dann konnte es eine Katastrophe geben. Aber darüber zu streiten war später noch Zeit genug. Jetzt galt es erst einmal, dafür zu sorgen, dass alle etwas zu essen bekamen.

In Ermangelung des sonst üblichen, aufrechten Holzgestells hielten die Zwillinge das junge Reh an den Vorderläufen hoch, während Losian es ausnahm und häutete. Er hatte es ausgeblutet, sobald er das Messer gefunden hatte. Die nicht verwertbaren Eingeweide legte er in Wulfrics und Godrics Weidenfangkorb, denn sie wollten am folgenden Tag probieren, sie als Köder zu benutzen. Dann machte Losian sich daran, das erlegte Tier systematisch zu zerlegen.

»Du weißt, was du da tust«, bemerkte Godric irgendwann.

Losian nickte. »Ja. Anscheinend mache ich das heute nicht zum ersten Mal. Wo ist Edmund mit seinem Feuer?«

Godric ruckte das Kinn zur Motte hinauf. »Da oben.«

Losian sah in die Richtung und sagte nichts.

»Es geht nicht anders, das musst du doch einsehen«, sagte Wulfric, und es klang ein wenig nervös, so als fürchte er, Losian werde widersprechen. »Der Turm ist eine Ruine, na schön, aber er ist besser als alles, was wir hier unten haben, nämlich gar nichts. Und er hat einen Kamin.«

»Was du nicht sagst«, murmelte Losian verdrossen.

»Wir brauchen Schutz vor dem Wetter«, fuhr der junge Mann fort. »Verdammt, ich habe auch kein Bedürfnis, mit Regy unter einem Dach … oder genauer gesagt, unter keinem Dach zusammenzuleben, aber im Moment ist der Turm alles, was wir haben.«

»Streckt die Hände aus«, bekam er zur Antwort.

»Was?«, fragte Wulfric verdattert.

Losian vollführte eine ungeduldige, auffordernde Geste, und als die Zwillinge ihm daraufhin die Arme entgegenstreckten, stapelte er rohe Fleischbatzen auf ihre Hände. »Schafft es nach oben und fangt an zu braten. Wenn ihr mir ein Stück bringt, das nicht verkohlt ist, könnte ich mich eventuell entschließen, euch Haar und Bärte zu stutzen.«

Grinsend zogen die Zwillinge mit der Beute hügelauf.

Losian ging gemächlich zur Einfriedung, durch die Bresche und zum Ufer hinab, wo bis gestern noch der kleine Kai gelegen hatte. Er kniete sich in den körnigen Sand und wusch sich die Hände in der Brandung. Dicke, bleigraue Wolken türmten sich am Himmel und versprachen neuen Regen für die Nacht, aber die See war ruhig. Losian blickte zum Festland hinüber, das in der Dämmerung gerade noch auszumachen war. Geisterhaft leuchtete die Kirche von St. Pancras im Zwielicht, aber sie war nur ein heller Fleck, einzelne Konturen oder der stämmige Kirchturm waren nicht auszumachen.

Wie es den Brüdern dort drüben wohl ergangen war in der Sturmnacht? Gewiss waren sie ungeschoren davongekommen, denn zumindest ihre Kirche war solide genug gebaut, um Schutz vor jedem Wetter zu bieten. Hatten sie sich gefürchtet? Hatten sie sich so wie er gefragt, ob Gott die Flut geschickt hatte, um sie vom Angesicht der Erde zu tilgen, weil er ihrer überdrüssig war? Er stellte sie sich vor, schlotternd vor Angst und Kälte zusammengedrängt in ihrem düsteren Gotteshaus. Der kühle, berechnende Abt mit dem roten Haarkranz rund um die Tonsur. Der alte, fanatische Beter mit den Haarbüscheln in der Nase. Und der kräftige junge Bruder mit den grausamen Augen, dessen Namen er nie erfahren hatte und dessen Spezialität es war, den Besessenen die Dämonen mit Rutenschlägen auszutreiben.

Mit einem Mal verspürte Losian ein unbezähmbares Bedürfnis, diese drei Männer wiederzusehen, und er merkte gar nicht, dass seine Rechte sich bei dem Gedanken um den abgegriffenen Messerschaft an seiner Hüfte schloss.

»Angenommen, wir täten es«, sagte King Edmund. »Nur mal angenommen. Wo sollen wir hingehen? Wovon sollen wir leben?«

»Das fragst ausgerechnet du?«, gab Simon spöttisch zurück. »Mit einem Heiligen in unserer Mitte können wir uns doch wohl darauf verlassen, dass Gott für uns sorgen wird, oder?«

»Na ja, auch wieder wahr«, räumte King Edmund ein.

Losian legte hastig die Hand vor den Mund und strich sich mit den Fingern über die Wange, als gälte es, dort eine Mücke zu vertreiben, und Godric verschluckte sich.

»Es sind nur zwei Tage von hier nach Gilham, wo wir zu Hause sind«, sagte sein Bruder. »Dort könnten wir erst einmal hin. Falls unser Vater noch lebt, wird er dafür sorgen, dass ihr euch nicht ohne Schuhe und Proviant auf den Heimweg machen müsst.«

Simon war der Einzige, der seine Stiefel noch besaß, weil er sich angewöhnt hatte, darin zu schlafen. Alle anderen mussten Nässe und Kälte barfuß trotzen, und Oswald hatte sich einen dicken Splitter in die linke Fußsohle getreten.

»Wohl dem, der noch ein Heim hat«, bemerkte Luke bitter. Er war ein unfreier Pächter der Brüder von St. Pancras gewesen, ehe die Schlange sich in seinem Bauch eingenistet hatte, und konnte darum nicht hoffen, auf seine Scholle zurückzukehren.

»Und wohl dem, der noch weiß, wo sein Heim ist«, warf Regy ein und schenkte Losian ein boshaftes Lächeln.

Eine Woche war seit der Sturmflut vergangen, und seither lebten die acht Überlebenden auf der Isle of Whitholm zusammen in der Ruine des Burgturms. Die meiste Zeit hatte Regy sich in bemerkenswerter Zurückhaltung geübt, aber seine ständige Gegenwart war eine Bürde für die anderen.

»Wohl dem, der hier nicht angekettet zurückbleiben muss«, entgegnete Simon wütend.

»Die Frage, was geschieht, wenn wir gehen, scheint mir weniger drängend als die, was geschieht, wenn wir bleiben«, sagte Losian versonnen. »In einem Punkt hat Simon völlig recht: Mit jedem Tag, der verstreicht, steigt die Gefahr, dass die Mönche herüberkommen und uns wieder einpferchen.«

»Dann bekämen wir wenigstens wieder etwas zu essen«, warf Luke ein.

»Richtig. Vielleicht wüssten sie sogar Rat, wie man den Brunnen entsalzen kann. Aber mit den Jagdausflügen und Streifzügen in den Wald wäre es vorbei, und wir würden wieder das erbärmliche Dasein fristen, das wir zur Genüge kennen. Und wenn die Brüder nicht kommen, werden wir verdursten. Es hat seit zwei Tagen nicht geregnet, und morgen ist unser magerer Wasservorrat verbraucht. Bis auf den ekligen stehenden Tümpel haben wir im Wald kein Wasser gefunden, und wir hätten nicht einmal Gefäße, um es hierherzubringen. Wir haben keine Schuhe und kaum noch Decken.« Er breitete kurz die Hände aus. »Unsere Chancen stehen nicht gut.«

»Aber du hast selbst gesagt, dass es Selbstmord wäre, zu versuchen, zum Festland zu kommen«, wandte Luke ein. Er wollte nicht von hier fort, wusste Simon. Genau wie Oswald. Sie alle fürchteten sich vor dem Meer und der Ungewissheit am anderen Ufer, aber Luke und Oswald erfüllte die Vorstellung mit etwas, das Ähnlichkeit mit Entsetzen hatte. Oswald schien keine Erinnerung an die Welt außerhalb dieser Insel zu haben, und weil er nichts vermisste, war er glücklich hier, solange er nicht gar zu bitterlich fror oder hungerte. Luke hingegen wusste noch genau, wie es dort drüben auf dem Festland zuging, und darum wusste er auch, dass er dort keinen Platz finden würde, der so sicher war wie dieser.

»Wulfric, Godric und ich haben begonnen, ein Floß zu bauen«, erklärte Simon. »Die Palisaden eignen sich hervorragend dafür, und wir haben sie mit Weidenzweigen und geflochtenen Schilfseilen zusammengebunden. Gestern haben die Zwillinge die beiden Schemel aus der Hütte im Wald geholt, und aus den Sitzflächen und zwei Ästen haben sie Paddel gebaut.«

»Werden sie halten?«, fragte Losian.

»Ich schätze schon«, antwortete Wulfric mit unverhohlenem Stolz. »Wir haben die Astenden gesplissen, die Schemelbretter dazwischengesteckt und mit Harz verleimt. Das hält, ich bin sicher. Aber wir werden sie ausprobieren, ehe wir auf große Fahrt gehen.«

Losian nickte. Er schien zufrieden. »Wir müssen es bei Flut versuchen, damit die Strömung uns nicht auf die offene See hinauszieht. Wann wird das Floß fertig?«

Er schaute die Zwillinge an, aber es war Simon, der antwortete: »Morgen.«

Losian betrachtete ihn. »Und was hast du für Pläne, falls wir es schaffen?«

Ich gehe nach Hause, was sonst, dachte Simon, doch er sagte: »Ich stehle oder erbettele mir ein Stück Brot und esse es in aller Seelenruhe. Mit geschlossenen Augen. Nichts soll mich von dem Geschmack ablenken.«

»Das ist ein hervorragender Plan«, räumte Losian ein. »Ich glaube, ich schließe mich an. Ich bin nicht sicher, ob ich wirklich noch weiß, wie richtiges Brot schmeckt.«

Simon war erleichtert, dass Losian nicht darauf bestand, ihm seine Absichten zu entlocken. Hier auf dieser unwirtlichen Insel und unter all diesen seltsamen Vögeln hatte er sich Losians Herrschaft zähneknirschend unterworfen, weil er weiterleben wollte. Aber er war Simon de Clare. Sobald dieser Albtraum vorüber und er in die wirkliche Welt zurückgekehrt war, würde er sein Leben selbst in die Hand nehmen.

»Was wirst du tun, Losian?«, fragte King Edmund ernst.

»Arbeiten, wenn ich kann, wildern, wenn ich muss«, bekam er zur Antwort. »Und mich von Klöstern fernhalten.«

»Arbeiten?«, wiederholte Regy amüsiert. »Das möcht’ ich sehen. Ich wette, du hast in deinem Leben noch keinen Schlag ehrlicher Arbeit getan. Dafür bist du viel zu fein.«

»Ganz im Gegensatz zu dir, hm?«, konterte Losian, eher amüsiert als ärgerlich.

Regy hob in einer affektierten Geste beide Hände. »Touché, mein Bester. Ich würde dir trotzdem raten, es mit Wilderei zu versuchen, denn die Jagd, schätze ich, wird dir mehr liegen.«

»Du willst vermutlich nur erleben, wie sie mir die Hand abhacken.«

Regy lächelte wie ein ertappter Honigdieb. Dann erkundigte er sich: »Daraus darf ich schließen, dass du nicht die Absicht hast, mich hier zurückzulassen?«

Losian ließ ihn nicht aus den Augen. »So ist es.«

Die anderen schwiegen betroffen.

Schließlich sagte Godric: »Ähm … nimm’s mir nicht übel, Losian, aber bist du sicher, dass du noch ganz bei Trost bist?«

»Du weißt genau, dass ich mir dessen nicht sicher sein kann«, gab Losian kurz angebunden zurück.

»Was ich meinte, war, wie willst du da draußen mit einem halbnackten Teufel an einer Kette überleben?«

»Das weiß ich noch nicht.«

»Aber er ist ein Ungeheuer!«, warf Wulfric ein. »Wenn irgendwer hierher gehört, dann er!«

»Wenn er allein hierbleibt, wird er sterben. Selbst wenn wir ihn losketten.«

»Das bricht mir das Herz«, höhnte Wulfric. »Was fällt dir eigentlich ein, diese Entscheidung allein zu treffen?« Plötzlich war der junge Mann wirklich wütend. »Denkst du nicht, wir alle sollten ein Wort mitzureden haben? Oder meinst du vielleicht, weil du ein vornehmes Herrensöhnchen bist und wir nur dumme Bauern, stünde dir die Entscheidung alleine zu?«

Regy streckte die Beine vor sich aus, kreuzte die Knöchel und sah belustigt von einem zum anderen. »Jetzt pass gut auf, was du sagst, Losian. In dem Punkt ist er richtig dünnhäutig, scheint mir.« Er sprach Normannisch, aber Wulfric merkte natürlich trotzdem, dass er verspottet wurde, und warf Regy einen hasserfüllten Blick zu.

»Es hat nichts damit zu tun, wer du bist und wer ich möglicherweise bin, aber ich werde nicht weiter mit dir darüber debattieren«, antwortete Losian. »Er ist ein menschliches Wesen, und wir werden ihn nicht allein hier zurücklassen.«

»Ein menschliches Wesen?«, wiederholte Godric ungläubig, jetzt ebenso wütend wie sein Bruder. »Hast du vergessen, dass er Robert die Kehle durchgebissen hat?«

»Schwerlich. Aber das ändert nichts an der Lage der Dinge oder an meiner Entscheidung.«

Seine Überheblichkeit machte die Zwillinge für einen Moment sprachlos. Regy nutzte das kurze Schweigen, um ihnen zu erklären: »Ihr könnt das nicht verstehen. Er kann mich nicht hierlassen. Ich bin verrückt, und er ist es auch. Er glaubt, dass er es nur der Gnade Gottes verdankt, nicht genauso geworden zu sein wie ich. Ich bin sein Alter Ego. Ach herrje, das versteht ihr sicher nicht. Sagen wir, ich bin sein dunkles Spiegelbild. Er glaubt, wenn er mich hier zum Sterben zurücklässt, ist er verdammt. Doch indem er mich mitnimmt, schließt er einen Pakt mit Gott.«

Trotz der gehässigen Spitze hatten Wulfric und Godric ihm aufmerksam zugehört, und seine Erklärung war so einleuchtend, dass ihnen auf die Schnelle kein Gegenargument einfiel.

»Und wenn er es wieder tut?«, fragte Simon leise. »Du kannst ihn nicht Tag und Nacht bewachen, Losian. Was wird aus deinem Pakt mit Gott, wenn Regy wieder jemanden tötet, weil du ihm die Gelegenheit gegeben hast?«

»Dann werde ich für meinen Fehler büßen müssen, schätze ich.«

»Aber umstimmen lässt du dich nicht.« Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Simon fühlte sich ernüchtert.

»Nein.«

»Und wieso glaubst du, dass wir deine Entscheidung einfach so hinnehmen werden?«, fragte Godric herausfordernd.

Losian lächelte müde. »Wer weiß. Ich kann nur hoffen, es hat nichts mit der Tatsache zu tun, dass ich ein Messer habe und ihr nicht.«

Das einzig Vertrauenerweckende an dem Floß war seine Größe. Der Palisadenzaun, der die alte Burganlage umgab, war zwölf Fuß hoch, aber noch einmal ein Drittel dieser Länge steckte in der Erde. Wulfric, Godric und Simon hatten die Stämme an den Strand getragen und dort zusammengefügt: drei Lagen übereinander, die mittlere quer zur oberen und unteren.

»Es sieht nicht gerade dicht aus«, bemerkte King Edmund kritisch und wies auf die klaffenden Abstände zwischen den einzelnen Stämmen.

»Es muss nicht dicht sein, weil all seine Bestandteile schwimmen können«, erklärte Wulfric geduldig. »Es ist ein Floß, kein Boot. Selbst wenn wir unterwegs ein paar Stämme verlieren, werden wir immer noch Auftrieb haben, verstehst du?«

»Nein.«

Wulfric ignorierte ihn. »Macht euch bereit. Die Flut wird nicht auf uns warten.«

»Losian … Ich kann nicht …« Luke saß auf einem grauen Findling ein Stück oberhalb der Wasserlinie, hatte die Linke auf den Bauch gepresst, wiegte sich sacht und wimmerte. »Sie ist wach … Sie ist aufgewacht …«

Losian tauschte einen Blick mit King Edmund. Dann wandte er sich an die Zwillinge. »Hier.« Er drückte Godric das Ende der Kette in die Hände. »Seid wachsam. Und Regy: Eine falsche Bewegung, und ich werde dir die Hände fesseln, klar?«

Regy nickte zerstreut. Er sah Losian nicht an und schien ihm kaum zuzuhören.

»Geht an Bord«, sagte Wulfric. »Nur Mut!« Mit einer Geste, als wolle er eine Schar Gänse zusammentreiben, ermunterte er Simon, King Edmund und Oswald, das Floß zu betreten. Simon ging erwartungsgemäß als Erster. Mit erstaunlicher Zuversicht sprang er auf die quadratische Fläche aus verschnürten Holzstämmen, die sich unter seinem Gewicht langsam nach links neigte und untertauchte, sich dann aber mit der gleichen Gemächlichkeit wieder aufrichtete.

Losian trat zu Luke und hockte sich vor ihn. »Du musst dich zusammennehmen, Luke. Komm schon. Wir können nicht länger warten. Das Wetter ist ruhig, wir haben den Wind im Rücken. Heute ist der Tag.«

»Du verstehst das nicht«, jammerte Luke. »Ich kann nicht. Sie ist wach. Und sie ist wütend. Sie will nicht, dass ich weggehe. Sie schlängelt und schlängelt sich. Immer im Kreis, immer im Kreis. Sie wird mich töten.«

»Das wird sie nicht«, entgegnete Losian. Er hatte eine Eingebung, aber er wusste nicht, ob es funktionieren würde.

Luke hob langsam den Kopf. »Woher willst du das wissen?«, fragte er quengelig.

»Sie hat es mir gesagt.«

Luke riss die Augen auf. »Du hast mit ihr gesprochen?«

»Letzte Nacht, als du geschlafen hast.«

»Was hat sie gesagt?«

»Dass sie dieses Eiland genauso satt hat wie wir alle. Sie fürchtet sich ein wenig vor der Überfahrt. Darum ist sie rastlos und schlängelt sich. Aber sie wird dir nichts tun.«

Luke sah ihn unverwandt an, sein Blick voller Furcht und Zweifel. »Bist du sicher?«, flüsterte er.

»Ich schwör’s dir.« Er streckte die Hand aus. »Komm. Lass es uns versuchen. Steh auf. Ganz langsam, damit sie keinen Schreck bekommt.«

Luke ergriff die ausgestreckte Linke mit seiner Rechten. Quälend langsam richtete er sich auf und kam auf die Füße. An Losians Hand machte er zwei kleine, zögernde Schritte zum Ufer, und dann erstrahlte sein runzliges Gesicht in einem Lächeln purer Erleichterung. »Ich glaube, du hast recht«, flüsterte er. »Gelobt sei Jesus Christus!«

Amen, dachte Losian, lächelte Luke anerkennend zu und führte ihn weiter, Schritt um Schritt, bis sie die Wasserlinie erreichten.

Alle anderen waren inzwischen an Bord und hockten in der Mitte zusammengedrängt auf den Stämmen.

»Lehnt euch nach hinten«, befahl Godric ihnen, als Luke auf das Floß zu klettern begann. »Dann neigt es sich weniger.«

Er hatte recht, stellte Losian fest. Selbst als Lukes ganzes Gewicht auf der Kante lastete, tauchte sie nicht gänzlich unter. Er fasste ein wenig mehr Zutrauen zu dem Gefährt und seinen Erbauern. Kaum hatte Luke sich ächzend an Bord gehievt und war zu den anderen gekrochen, sprang Losian mit der gleichen Mühelosigkeit wie Simon herüber.

Die Zwillinge knieten sich an der Steuerbordseite auf den Rand, Simon backbord, sie griffen nach den Paddeln und legten ab.

»Hoffentlich habe ich keine meiner Reisetruhen vergessen«, murmelte Simon vor sich hin, und alle lachten. Niemand hatte Gepäck. Was sie besaßen, waren die Lumpen, die sie am Leibe trugen.

Regy befingerte die seinen missmutig. Zwischen Schlamm und Trümmern hatte King Edmund seine zweite Kutte wiedergefunden, und sie hatten sie gewaschen, getrocknet und Regy gegeben. Untypisch folgsam hatte er sie angezogen – verrückt, wie er war, wusste er vermutlich dennoch, dass er nicht in einem unzureichenden Lendenschurz in die Zivilisation zurückkehren konnte –, aber der raue Wollstoff verursachte ihm sichtliches Unbehagen.

Das Floß schaukelte über die tückischen kurzen Wellen, doch es machte Fahrt in die gewünschte Richtung und keinerlei Anstalten, unterzugehen. Oswald hatte die Augen zugekniffen und klammerte sich an King Edmunds Arm fest.

Losian sah zurück.

Vielleicht hundert Yards hatten sie sich vom Ufer der Isle of Whitholm entfernt. Er betrachtete das trutzige Torhaus, den akkuraten Palisadenzaun, das verwilderte Feld rechts davon, und dann schaute er durch die Bresche ins Innere ihres Gefängnisses. Zum letzten Mal, wie er inständig hoffte.

Der Ausschnitt des Hofs, den er sehen konnte, war unverändert eine Wüste aus grauem Schlamm. Aber schon vor dem Sturm war dies ein trister Ort gewesen, dessen vorherrschende Farbe Grau und dessen vorherrschende Atmosphäre Trostlosigkeit war.

Es beschämte ihn, dass er auch nur für die Dauer eines Herzschlages gezögert hatte, ihm den Rücken zu kehren. Auch wenn er die größten Bedenken hatte, wie die Welt dort drüben ihn und seine Gefährten aufnehmen würde, schienen die Ungewissheit, der Hunger und die Abscheulichkeiten, die sie erwarten mochten, das weitaus geringere Übel zu sein. Selbst die Aussicht auf ein feuchtes Grab war das geringere Übel, ging ihm auf. Er atmete tief durch, verschloss die Augen vor dem Anblick der alten Burgruine und spürte den salzigen Wind auf dem Gesicht.

»Oswald, reiß dich zusammen«, sagte Simon.

»Mir ist schlecht«, bekam er zur Antwort.

»Großartig«, knurrte Simon. »Genau das, was uns gefehlt hat …«

»Mach die Augen auf und schau zum Land hinüber, Oswald, dann wird es besser«, riet Godric.

Der Junge folgte dem Rat, freilich ohne seinen Klammergriff um Edmunds Arm zu lösen, und allmählich verschwand der gequälte Ausdruck von seinem Gesicht. Mit einem staunenden Lächeln sah er die unbekannte Welt näher kommen.

Als sie etwa die Hälfte ihrer Fahrt bewältigt hatten, lösten sich zwei Stämme aus der mittleren Lage und trieben nach Norden ab.

»Simon, lass uns tauschen«, sagte Wulfric ruhig. »Wir werden zu schwer für die Steuerbordseite.«

Die Zwillinge rutschten auf den Knien nach innen, umrundeten die fünf Passagiere in der Floßmitte und glitten weiter nach links. Simon folgte ihrem Beispiel in entgegengesetzter Richtung. Ein weiterer Stamm löste sich, und als Simon seinen Posten erreichte, tauchte die Seite des Floßes ins Wasser.

»Verhaltet euch so ruhig wie möglich«, wies Godric sie an. Er klang vollkommen gelassen und nahm seinem Bruder ohne Hast das Paddel aus den Händen. »Es ist nicht mehr weit.«

Losian blickte zur Festlandküste hinüber. Auf jeden Fall zu weit für diejenigen, die nicht schwimmen können, fuhr es ihm durch den Kopf, aber jetzt war vielleicht nicht der beste Moment, zu fragen, auf wen das zutraf. Er beobachtete die Ruderer abwechselnd, und als er merkte, dass Simon ermüdete, löste er ihn ab.

Simon protestierte nicht. Er war außer Atem, nickte Losian dankbar zu und machte ihm Platz. Losian merkte sehr bald, welch harte Arbeit es war, ein Floß in Schräglage vorwärtszubewegen.

Als sich der nächste Stamm löste, bekam das Floß deutlich Schlagseite, und Losian wäre um ein Haar ins Wasser gepurzelt.

»Noch eine Viertelmeile«, murmelte Simon.

Gott, gib uns eine Chance, betete Losian, und auch King Edmund begann zu beten. Er faltete die Hände und senkte den Kopf darüber. Oswald und Luke folgten seinem Beispiel und lauschten andächtig seinem lateinischen Gemurmel.

Losian ruderte, versuchte, jede ruckartige Bewegung zu vermeiden, die das Floß veranlassen könnte, sich weiter aufzulösen, und sah unverwandt zum Ufer hinüber, das jetzt zum Greifen nah schien. »St. Pancras hat keinen Kirchturm mehr«, bemerkte er, und mit erschütternder Plötzlichkeit löste das Floß sich in seine Bestandteile auf.

Losian sah noch vier weitere Stämme davonschwimmen, und als ihm klar wurde, dass sie die ganze mittlere Lage verloren, fiel er schon ins Wasser. Die eisige Kälte verschlug ihm für einen Moment den Atem. Dann zerriss er die Kordel seines Mantels, der ihn in die Tiefe ziehen wollte, und begann zu schwimmen.

Die untere und obere Lage des Floßes waren ein Stück auseinandergetrieben, aber noch intakt. Losian klammerte die Rechte um eines der Holzteile, mit der Linken bekam er Oswald gerade noch zu fassen, der in Panik um sich schlug und unterzugehen drohte.

»Hier!«, brüllte Losian ihm ins Ohr und schob das Floßteil näher auf Oswald zu. »Halt dich fest und verhalte dich ruhig.«

Oswald schien ihn nicht zu hören. Er warf den Kopf zurück und schrie, bis eine Welle über ihn hinwegrollte und seinen weit geöffneten Mund mit kaltem Salzwasser füllte. Ohne das Floß loszulassen, umschlang Losian den schweren, kompakten Körper des jungen Mannes. »Halt still, Oswald, oder wir werden beide ertrinken!«

Ob es Einsicht oder schwindende Sinne waren, war nicht auszumachen, jedenfalls erschlaffte Oswald mit einem Mal.

Losian blickte sich kurz um.

King Edmund, Regy und Luke hatten sich des anderen Floßteils bemächtigt. Fassungslos beobachtete Losian, wie Regy das Kommando übernahm, seine beiden Gefährten anwies, halb hinaufzuklettern, sodass ihre Oberkörper aus dem Wasser waren, und mit den Beinen Schwimmbewegungen zu vollführen. Es schien zu funktionieren. Wulfric und Godric schwammen ohne Hilfsmittel Richtung Ufer – pfeilschnell und mühelos wie Robben. Simon tauchte plötzlich neben Losian auf, nickte ihm zu, um zu bekunden, dass er unversehrt war, und half ihm dann, Oswald auf die Überreste des Floßes zu hieven.

»Fehlt jemand?«, fragte der Junge keuchend.

Losian schüttelte den Kopf.

»Schade. Ich hatte gehofft, das Halseisen und die Kette würden Regy erledigen.«

Losian grinste flüchtig. »Regy ist unverwüstlich. Was man von eurem Floß nicht gerade behaupten kann.«

»Nein«, räumte Simon ein, packte die Kante mit beiden Händen und begann zu schieben. »Aber Gott hat es so lange zusammengehalten, wie es nötig war. Es stimmt nicht, was die Brüder sagen, schätze ich. Er hat uns nicht verstoßen.«

Nass und verfroren, aber unverletzt erreichten sie den Strand unterhalb des Klosters. Oswald und Luke schlotterten und blickten sich verstört um. Die übrigen waren euphorischer Stimmung, klopften sich gegenseitig auf die Schultern, um sich zu ihrer geglückten Überfahrt zu gratulieren, und Simon und die Zwillinge ernteten überschwängliches Lob für ihre Floßbaukünste.

»Und was nun?«, fragte King Edmund schließlich.

Losian hatte sich ein Stück vom Ufer entfernt, war an den Rand der klösterlichen Obstwiese getreten und schaute sich aufmerksam um. Die anderen schlossen sich ihm nach und nach an. Zwei der knorrigen Apfelbäume lagen entwurzelt im verschlammten Gras, ein paar weitere fehlten ganz. Die gedrungene Klosterkirche war zur Hälfte eingestürzt. Kapitelsaal, Dormitorium und Wirtschaftsgebäude waren verschwunden. Allein das Küchenhaus – das einzige Steingebäude außer der Kirche – schien noch intakt. Und weit und breit kein Anzeichen von Leben.

»Ich würde sagen, gegen die Sturmflut, die sie hier hatten, war unsere nur ein kleines Fußbad«, stellte Wulfric nüchtern fest.

Die anderen nickten. Keiner von ihnen empfand Mitgefühl für die Mönche, ganz gleich, welches Schicksal sie ereilt haben mochte. Aber der Anblick dieser völligen Zerstörung erschütterte sie dennoch.

»Lasst uns gehen«, sagte Simon schließlich. »Falls noch jemand übrig ist, haben sie bestimmt ganz andere Sorgen als uns.«

Losian gab ihm recht, warnte aber dennoch: »Haltet die Augen offen.«

Sie überquerten die kleine Obstwiese. Zwischen dem Küchenhaus und den Überresten des Refektoriums fanden sie den aufgedunsenen Kadaver eines Schafs.

»Essen«, schlug Oswald mit matter Stimme vor und zeigte darauf.

»Ich glaube, lieber nicht, Kumpel«, widersprach Godric seufzend und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Aber ich könnte mir vorstellen, dass wir hier noch den einen oder anderen Leckerbissen finden. Soweit ich mich entsinne, lebten die Brüder von St. Pancras nicht gerade bescheiden.«

Sie teilten sich in zwei Gruppen auf und erkundeten die Klosterruine. In den Trümmern der Kirche fanden sie die Leichen dreier ertrunkener Mönche. Einer war Bruder Nasenhaar, erkannte Simon beklommen, und seine Rachgier verursachte ihm plötzlich Gewissensbisse. Sonst war niemand mehr da. Entweder hatte die See die übrigen Brüder fortgespült, oder sie waren geflohen.

Im Küchenhaus trafen sie schließlich wieder zusammen. King Edmund hatte hinter dem großen Herd in der Mitte des Raums eine Falltür entdeckt. Die Zwillinge machten Feuer, das fürchterlich qualmte, weil das Holz nass war, doch schließlich brannte einer der Scheite gut genug, um ihn als Fackel zu verwenden. Simon erbot sich, in den Keller hinabzusteigen.

Eine Treppe mit kleinen, ausgetretenen Stufen führte hinab. Unten angekommen drehte der Junge sich langsam um die eigene Achse und betrachtete im flackernden Licht seiner notdürftigen Fackel die Schätze, die er gefunden hatte. »Der Boden ist nass, aber viel Wasser ist hier nicht eingedrungen!«, rief er nach oben.

»Kein Wunder, so fest, wie diese Falltür saß«, hörte er King Edmund sagen. »Was gibt es dort?«

»Kisten mit Äpfeln. Mehlsäcke, aber die sind nass. Und großer Gott … entschuldige, King Edmund. Aber hier ist ein Schinken! Und der sieht völlig in Ordnung aus!«

»Was ist mit Fässern?«, fragte Regy.

»Jede Menge«, berichtete Simon. »Eins ist angestochen.« Er öffnete den Hahn, beugte sich herab und trank gierig. Als er sich wieder aufrichtete, war ein seliges Lächeln auf seinen Lippen. »Roter Wein aus Lothringen, Monseigneurs!«

Mit dem Schinken in der einen, der Fackel in der anderen Hand kam er wieder zum Vorschein.

»Oh, der Herr sei gepriesen!«, rief King Edmund entzückt aus. »Hab ich euch nicht gesagt, dass er für uns sorgen wird?«

»Nein«, erwiderte Wulfric. »Simon hat es gesagt. Jedenfalls werden wir ein Fest feiern.« Im perfekten Einklang mit seinem Bruder wandte er sich ab, und sie machten sich auf die Suche nach Krügen, Bechern und Tellern.

»Halt!« King Edmund schlug sich mit der Hand vor die Stirn. »Es ist Fastenzeit. Ich fürchte, der Schinken und der Wein …«

Ein vielstimmiges Stöhnen unterbrach ihn. »Hab ein Herz«, bettelte Godric. »Wir haben jahrelang gefastet.«

Edmund wiegte den graubezottelten Kopf hin und her. Dann gab er unerwartet nach. »Ihr habt recht. Ich bin zuversichtlich, dass Gott uns vergibt. Her mit dem Wein, Simon.«

»Oh, wunderbar, ein Besäufnis«, Regy zwinkerte Losian zu. »Wir lassen uns volllaufen, und dann gehen wir auf den Friedhof und pissen auf die Gräber der Mönche, was hältst du davon?«

Losian wandte kopfschüttelnd den Blick ab. »Warum bist du nicht ertrunken, Regy?«, fragte er unwirsch, aber in seinen blaugrünen Augen funkelte Übermut.

Losian erwachte mit einem Brummschädel, und das erste Wort, das ihm in den Sinn kam, war Bristol. Obwohl sein rechter Arm völlig gefühllos war, blieb er reglos liegen, um das Wort und den Gedanken nicht zu verscheuchen. Bristol. Es beschwor eine höchst eigentümliche Mischung aus freudiger Erregung und Hoffnungslosigkeit herauf, aber ehe er das, was er für eine Erinnerung hielt, erhaschen konnte, entzog es sich ihm wie eine Rauchfahne, die der Wind davontreibt.

Er setzte sich auf, rieb sich den Arm, der unangenehm zu kribbeln begann, und schaute sich um. Luke und Oswald lagen nah am Herd zusammengerollt auf dem feuchten Bodenstroh und schliefen. King Edmund, Simon und die Zwillinge waren verschwunden. Und Regy saß mit dem Rücken an den Stützbalken gelehnt, an welchen sie ihn gekettet hatten, und betrachtete Losian mit konzentrierter Miene, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Losian fragte sich, ob Regy überhaupt jemals schlief.

»Was ist Bristol?«

»Was bekomme ich dafür, wenn ich es dir verrate?«, entgegnete Regy.

»Frühstück.«

»Ein Hafenstädtchen im Süden. Es liegt an der Mündung eines großen Flusses. Schiffe bringen Blei und Silber aus Wales und Wolle und Leder aus England von dort auf den Kontinent.«

»Warst du mal dort?«

Regy schüttelte den Kopf. »Ich fand Reisen immer beschwerlich und eintönig und war nie weiter südlich als Suffolk. In York und auf meinen Ländereien hatte ich ja alles, was ich zum Glücklichsein brauchte«, fügte er lächelnd hinzu.

Losian ging nicht darauf ein. Er fand es unbeschreiblich widerwärtig, wenn Regy mit seinen Schandtaten kokettierte, doch er hatte gelernt, es zu ignorieren. »Und weißt du, ob es irgendetwas … Besonderes mit Bristol auf sich hat?«

»Wenn dir Schiffe und Seeleute aus der ganzen Welt nicht besonders genug sind, nein. Das heißt, Bristol hat eine Burg, hörte ich einmal, die als uneinnehmbar gilt. Eine der stärksten Festen in England und Hauptquartier ebenso wie Fluchtburg des berühmten Earl Robert of Gloucester.«

Losian nickte, obwohl dieser Name ihm nichts sagte. Er war bitter enttäuscht.

»Wie kommst du auf Bristol?«, fragte Regy neugierig.

»Keine Ahnung«, erwiderte Losian knapp und stand auf, um dem Thema ein Ende zu bereiten. Während er an den Tisch des Küchenhauses trat, um festzustellen, welche Vorräte sie noch besaßen, fragte er sich, ob er sich in dieser Hafenstadt im Süden einmal einen Rausch angetrunken und am nächsten Morgen mit ebensolch einem Brummschädel wach geworden war. Wie konnte es nur sein, dass der Duft und Geschmack des Weines, den sie am Vorabend in unbescheidenen Mengen getrunken hatten, ihm vollkommen vertraut gewesen waren, er aber unfähig war, auch nur eine einzige konkrete Erinnerung damit zu verbinden?

Er wusste, wie sinnlos und gefährlich solche Fragen waren, weil sie bestenfalls zu hilflosem Zorn führten. Also lenkte er sich mit praktischen Dingen ab.

Auf dem Tisch stand eine Kiste mit runzeligen Äpfeln, ein zweiter Schinken, kaum angeschnitten, lag daneben sowie ein paar Zwiebeln. Das war alles, was sie im Vorratsraum unter der Küche an brauchbaren Lebensmitteln gefunden hatten. Nicht viel für acht Männer. Wenn sie es eisern rationierten, würde es vielleicht für drei Tage reichen. Mehr nicht.

Wulfric, Godric und Simon kamen zurück ins Küchenhaus.

»Herrlicher Tag da draußen«, verkündete Godric. »Wir sollten etwas essen und uns dann auf den Weg machen. Wenn wir uns sputen, sind wir morgen Abend bei uns zu Hause.«

»Großartig«, bemerkte Regy trocken. »Und was genau mag es sein, euer Zuhause? Eine Hütte aus Zweiggeflecht, Lehm und Kuhscheiße?«

»Zerbrich dir nicht den Kopf«, knurrte Wulfric. »Dich laden wir sowieso nicht ein.«

»Das erleichtert mich.«

»Wir haben noch ein Vorratshaus gefunden, das teilweise stehen geblieben ist«, berichtete Simon. »Ein paar Fässer Bier, Sauerkohl und Pökelfleisch.«

»Großartig.« Losian nickte zufrieden. »Füllt einen Kessel mit Kohl und Fleisch und bringt ihn her, seid so gut. Ich schüre das Feuer auf. Während unser Frühstück warm wird, können wir die Messe hören. Einverstanden?«

Alle außer Regy bekundeten ihre Zustimmung. Die jungen Männer nahmen einen mittelgroßen Kessel von der Bank neben dem Herd, und während sie unterwegs waren, erwachten auch Oswald und Luke. Als Letzterer von dem Bierfund hörte, leuchteten seine Augen. »Ich hol uns welches«, erbot er sich. »Die Brüder von St. Pancras waren erbärmliche Christenmenschen, das steht mal fest, aber sie verstanden sich aufs Bierbrauen.«

Wie Losian vermutet hatte, wartete King Edmund schon in der halb eingestürzten Kirche auf sie. Er hatte ein paar Kerzen und ein goldenes Reliquiar gefunden, die er auf den Altar gestellt, und einen silbernen Pokal, den er großzügig mit Wein gefüllt hatte. Mit leuchtenden Augen hielt er ihnen die feierlichste Messe, die ein jeder von ihnen seit seiner Ankunft auf der Insel erlebt hatte, und sie alle verspürten einen Hauch von Euphorie, als sie Gott für die glückliche Überquerung des Meeres und ihre wiedergewonnene Freiheit dankten.

Beim anschließenden Frühstück im Küchenhaus schwelgten sie in ungewohntem Überfluss, aßen mit schamloser Gier den Kohl und das schöne, fette Pökelfleisch, und Luke hatte nicht übertrieben, was die Braukünste der Mönche anging.

Als der Kessel ausgekratzt und der letzte Krug geleert war, wurde es still am Tisch. Auf zwei Bänken saßen die Flüchtlinge sich gegenüber und tauschten ratlose Blicke.

»Tja«, machte Simon schließlich und breitete kurz die Hände aus. »Was nun?«

Niemand antwortete sofort. Bis zu diesem Augenblick hatten sie eine Gemeinschaft gebildet. Erst unfreiwillig, zusammengepfercht in der alten Burg auf der Insel, dann als Gefährten bei der gefahrvollen Flucht von dort. Aber nun hatte diese Gemeinschaft ihren Zweck erfüllt und würde zerfallen, das ahnten sie alle.

»Ich nehme an, du willst auf dem schnellsten Weg nach Hause?«, fragte Wulfric den jungen Normannen.

Simon nickte und hob gleichzeitig die Schultern. »Natürlich. Aber es sind fünfzig Meilen von hier nach York, hundert Meilen von York nach Lincolnshire. Und im ganzen Land herrscht Anarchie. Ich brauche ein Pferd, Waffen und ein bisschen Geld, sonst komm ich nie an.«

Die anderen nickten nachdenklich.

»Vielleicht wäre es das Klügste, wenn wir vorerst zusammen reisen«, schlug Wulfric vor. »Im Moment haben wir sowieso alle den gleichen Weg, schätze ich. Oder will irgendwer nicht nach Süden?«

Losian wandte sich an Luke. »Was ist mit dir? Du bist hier in der Nähe zu Hause, nicht wahr?«

Der alte Mann nickte, aber in seinen Augen stand Furcht. »Ich kann nicht zurück, Losian. Als die Schlange in meinen Bauch gekommen ist, hat mein eigener Sohn es den Mönchen verraten. Vielleicht weil er Angst vor ihr hatte, kann schon sein. Aber vor allem, weil er nicht länger auf das Land warten wollte. Ich kann nicht mehr zurück. Und ich kann auch keine Felder mehr bestellen.« Er schüttelte entschieden den Kopf. »Nicht mit einer Schlange im Bauch, verstehst du? Du bist der Einzige, der sie bändigen kann.«

Großartig, fuhr es Losian durch den Kopf. Das bedeutet, dass ich dich fortan am Hals habe. Genau wie Oswald und – Gott helfe mir – Regy. »Und du?«, fragte er King Edmund. »Woher stammst du?«

Der kleine Angelsachse sah ihn an, als hätte Losian ihn gefragt, ob am nächsten Morgen die Sonne wieder aufgehen werde. Spöttisch zog er die Brauen in die Höhe und antwortete: »Aus East Anglia, mein Sohn.«

»Oh. Natürlich.« Jedes Kind in England wusste, dass der berühmte Märtyrer König von East Anglia gewesen war. »Entschuldige, wie dumm von mir. Und willst du dorthin zurück?«

»Ich schätze, es wäre ein guter Ort, um herauszufinden, welche Pläne Gott als Nächstes mit mir hat.«

Losian drehte den leeren Becher zwischen den Händen und sah nachdenklich hinein. »Dann sollten wir es so machen, wie Wulfric vorgeschlagen hat. Wir brechen gemeinsam nach Süden auf. Ihr wisst den Weg zu eurem Dorf noch?«, fragte er die Zwillinge.

»Früher führte ein Pfad durch den Wald«, antwortete Godric. »Keine Ahnung, ob’s den noch gibt. Aber es ist nicht schwierig. Wir müssen einfach immer nur der Nase nach, dann kommen wir irgendwann an die Straße, die York und Scarborough verbindet, und von dort ist es nicht mehr weit nach Gilham.«

»Gebe Gott, dass die Flut euer Dorf nicht vernichtet hat«, sagte King Edmund.

»Ich glaube nicht. Es liegt über eine halbe Meile von der Küste entfernt«, entgegnete Wulfric zuversichtlich.

»Dann gebe Gott, dass wir unversehrt hinkommen«, hielt King Edmund dagegen. »Ich hätte es vorgezogen, an der Küste entlangzuwandern und den Wald zu meiden. Dort lauern gefährliche Gelichter. Wegelagerer und Gesetzlose, heißt es.«

»Ich kann mir schwerlich irgendwen vorstellen, der gefährlicher wäre als wir«, warf Losian ein.

Die Zwillinge lachten. »Sei unbesorgt, King Edmund«, sagte Godric. »In der Gegend hier gibt es so wenige Menschen, dass du tagelang durch den Wald laufen kannst, ohne einer Seele zu begegnen. Der Eroberer hat gründliche Arbeit geleistet, als er sich in den Kopf gesetzt hat, den Norden Englands zu entvölkern, weißt du.«

Er sagte es ohne Bitterkeit, denn es war schrecklich lange her. Heute lebte gewiss niemand mehr, der sich an die entsetzliche Hungersnot erinnern konnte, die der erste normannische König über seine störrischen Untertanen im Norden Englands gebracht hatte, als er seine Reiterscharen ausgeschickt hatte, die Scheunen im ganzen Norden niederzubrennen, auf dass die eingefallenen Dänen keinen Proviant fanden. Trotzdem war es ein Thema, das die normannischen Engländer nicht gern erwähnten, denn diese unrühmliche Tat ihres großen Eroberers beschämte sie. Simon und Losian tauschten einen unbehaglichen Blick. Dann bemerkte der Junge kopfschüttelnd: »Du weißt, was hier vor achtzig Jahren passiert ist, aber du weißt nicht, wo du zu Hause bist.«

»Tja. Wenn du das absurd findest, bist du nicht der Einzige.« Losian stand auf. »Lasst uns den Morgen nicht unnütz vertrödeln.«

Jetzt, da sie ein Ziel hatten, waren alle erpicht darauf aufzubrechen. Sogar Oswald, den die fremde Umgebung und das von der Flut zerstörte Kloster ängstlich und missmutig gestimmt hatten, konnte plötzlich wieder lachen und klatschte ausgelassen in die Hände, als King Edmund ihm eine feuchte, aber ansonsten tadellose Decke reichte und ihm zeigte, wie er ein Bündel daraus knoten sollte.

Ganz anders als auf der alten Inselfestung hatten sie hier in den Trümmern jede Menge Schätze gefunden, die die Flut zurückgelassen hatte. Doch sie waren übereingekommen, nur das Nötigste mitzunehmen: eine Decke für jeden, Mönchssandalen für die Barfüßigen, die Äpfel, den Schinken und so viel von dem Pökelfleisch, wie sie tragen konnten. Die goldenen und silbernen Kirchenschätze ließen sie genauso zurück wie die drei Beutel voller Pennys, die King Edmund unter einer Falltür in der Sakristei gefunden hatte, denn sie gehörten Gott.

»Glaubst du nicht, dass wir ein oder zwei Schilling als Notreserve mitnehmen dürfen?«, hatte Simon King Edmund gefragt.

Doch der hatte kategorisch den Kopf geschüttelt. »Die Brüder von St. Pancras mögen ihrem Orden wenig Ehre gemacht haben, Simon de Clare, aber das gibt uns kein Recht zu stehlen, was sie zur Ehre des Herrn zusammengetragen haben. Wir lassen alles dort zurück, wo wir es gefunden haben, und wenn Gott gnädig ist, wird er unsere Reise segnen.«

Simon seufzte. »Amen.«

King Edmunds Strategie, Gottes Segen für ihre Wanderschaft mit Rechtschaffenheit erkaufen zu wollen, fand Losian höchst fragwürdig. Doch sie schien zu funktionieren. Bei strahlendem Sonnenschein brachen sie auf, kamen zügig und ohne Missgeschicke voran, und die Stimmung war nahezu ausgelassen. Keine halbe Stunde vom Kloster entfernt begann der Wald, und es dauerte nicht lange, bis sie einen schmalen Pfad fanden, der in ihre Richtung führte.

»Wer macht in dieser menschenleeren Gegend einen Weg?«, verwunderte sich King Edmund.

»Das Wild«, antworteten Losian und Regy wie aus einem Munde, und Ersterer fügte hinzu: »Es ist ein Wechsel. Siehst du die Hufspuren? Hirsche und Rehe halten diesen Pfad offen. Vermutlich führt er zu einer Quelle.«

Die Bäume waren noch kahl, und der unablässige kalte Wind des Nordens strich durch die nackten Zweige und das struppige, dunkle Gras vom letzten Jahr. Doch die Sonne schien, lockte Vögel in Scharen aus dem Dickicht und verlieh dem Wald einen Hauch von Frühling. Die Luft war erfüllt von einem wunderbar herben Duft nach Rinde, Walderde und vermoderndem Laub. Oswald brach allenthalben in Jubel aus, reckte die Hände über den Kopf und rannte ein Stück voraus. Dann kam er zu den anderen zurück und wiegte bei jedem Schritt den Kopf hin und her – ein sicheres Zeichen seines Wohlbefindens. Wulfric, Godric und Simon lachten über seine Kapriolen, nicht weil Oswalds Watschelgang so unfreiwillig komisch war, sondern weil sie das gleiche Hochgefühl verspürten wie er.

Am späten Vormittag erreichten sie einen der klaren, eiligen Bäche, mit denen diese Gegend so reich gesegnet war, und wie Losian vorhergesagt hatte, schien das Flüsschen das Ziel des Wildwechsels zu sein. Am anderen Ufer mussten sie sich eine Weile durch ein Gestrüpp aus Brombeer- und Haselsträuchern kämpfen, doch ehe es ihnen ernstlich die Laune verderben konnte, blieb es zurück, und kurz darauf fanden sie wieder einen Pfad, der nach Süden führte.

Als die Sonne leuchtend wie ein frischer Eidotter im Westen stand, hielten sie an, aßen Pökelfleisch und Äpfel und tranken das herrlich reine, aber eiskalte Wasser einer nahen Quelle. Regy merkte säuerlich an, dass er bereitwillig einen Weinschlauch getragen hätte, wenn sie ihn nur gelassen hätten, aber in Wahrheit war er genauso zufrieden mit dem Nachtmahl wie alle anderen. So großzügige Rationen hatten sie auf der Insel nicht gekannt. Satt und schläfrig rollten sie sich schließlich in ihre guten Decken. Losian verspürte eine gute, ehrlich verdiente Müdigkeit in allen Gliedern und war zuversichtlich, dass er ausnahmsweise einmal tief und traumlos schlafen würde.

Der Himmel hatte sich zugezogen, als sie am nächsten Tag bei Dämmerung nach Gilham kamen. Es war ein hübsches Dorf, das nicht weit vom Waldrand entfernt in einer geschützten Senke zwischen drei Hügeln lag. Vielleicht zwei Dutzend Häuser schmiegten sich um eine bescheidene Holzkirche. Über die Hügel erstreckten sich die großen, in Streifen unterteilten Felder der Bauern, die hier Hafer und Roggen anbauten, doch der größere Teil der Nutzflächen schien Weideland zu sein, und die hügeligen Wiesen waren mit Schafen betupft. Winzige Lämmer waren darunter, staksten noch ungeschickt umher, reckten die kleinen Köpfe nach den Zitzen ihrer Mütter und entlockten Oswald leise, gurrende Laute des Entzückens. Auf den Feldern hatte das Pflügen und Eggen begonnen, aber für heute schienen die Bauern Feierabend gemacht zu haben. Es war weit und breit niemand zu entdecken.

Wulfric zeigte mit dem Finger auf das Kirchlein, welches an der Westseite eines grasbedeckten Platzes mit einem kleinen Teich in der Mitte stand. »St. Erkenwold.« Seine Stimme bebte ein wenig. Losian konnte sich vorstellen, wie erschütternd es für die beiden jungen Männer sein musste, ihr Dorf wiederzusehen.

Godric biss sich auf die Unterlippe, starrte mit verengten Augen auf die Häuschen hinab und sagte nichts.

»Vielleicht ist es besser, wenn wir nicht alle hinuntergehen«, schlug Simon unsicher vor. »Eure Leute würden einen Mordsschreck bekommen, wenn sie einen verlotterten Kerl an einer Kette sehen.«

»Oh, heißen Dank, Bübchen«, gab Regy verdrossen zurück. »Ich würde sagen, die Leute, die Wulfric und Godric kennen, sind nicht so leicht zu erschüttern.«

»Simon hat trotzdem recht«, befand King Edmund. »Vielleicht solltet ihr erst einmal alleine …«

»Kommt nicht infrage«, widersprach Godric. »Jetzt sind wir so weit zusammen gewandert, da könnt ihr die letzte Viertelmeile auch noch mitkommen.«

Er fürchtet sich vor den Menschen aus der Vergangenheit, erkannte Losian. Er tauschte einen Blick mit Simon, der ratlos die Schultern hob, und dann setzten sie sich langsam wieder in Bewegung.

Als sie die ersten Häuser des Dorfes passierten, sah Losian, dass Regy gar nicht so falsch gelegen hatte: Es waren bescheidene, vermutlich einräumige Hütten aus Zweiggeflecht und Lehm, die Dächer mit Stroh gedeckt. Aber jedes der Häuschen hatte eine kleine Hecke, die einen bescheidenen Garten umfriedete, und zwei der Bauern – vermutlich die wohlhabenderen – nannten gar eine Scheune ihr Eigen.

Godric und Wulfric sahen sich neugierig um, tauschten ein nervöses Grinsen und hielten vor der Hecke eines Hauses, das gleich gegenüber der Kirche an dem kleinen Dorfplatz lag.

Godric räusperte sich und rief gedämpft: »Vater?« Er wartete einen Moment, und weil sich nichts rührte, fügte er hinzu: »Wir sind’s. Wir sind wieder da.«

Die Tür der Hütte flog auf, und eine junge Frau trat heraus.

Ihr Anblick verursachte Losian einen eigentümlichen Schock. Er spürte Hitze auf der Haut, und alle Härchen richteten sich auf. Die Frau hatte ein unverkennbar bäurisches Gesicht, aber herrlich rote Lippen und hohe, pralle Brüste unter dem schlichten Kleid. Er hatte keine bewusste Erinnerung daran, je zuvor eine Frau gesehen zu haben, aber sein Körper wusste anscheinend Dinge, die sich seinem Geist entzogen, denn er spürte eine unmissverständliche Regung in den Lenden.

Dann riss dieses hinreißende Wesen die Arme in die Höhe und tat einen markerschütternden Schrei.

Losian sah Simon neben sich zusammenzucken, und die Zwillinge traten einen Schritt zurück.

»Gunda …«, sagte Godric mit einem etwas atemlosen Lachen, schaute hilfesuchend zu seinem Bruder, und der fragte die Frau: »Wo ist unser Vater?«

Statt zu antworten, reckte sie den Hals und schrie über ihre Köpfe hinweg: »Thurgar! Robert! Kommt schnell! O heilige Jungfrau, beschütze mich vor den Visionen der Hölle …« Sie schlug die Hände vors Gesicht und wandte den Kopf ab.

»Gunda, was soll das?«, fragte Godric. »Wir sind deine Vettern, keine Visionen der Hölle. Und jetzt sag mir, wo unser Vater ist.«

Sie schüttelte den Kopf, fing an zu weinen und floh zurück in ihr Häuschen.

Ehe Godric und Wulfric ihr nachrufen konnten, kamen aus der Nachbarhütte zwei kräftige junge Kerle, von denen einer eine Axt in Händen hielt. »Was geht hier … O Jesus, Maria und Joseph.« Der mit der Axt war wie angenagelt stehen geblieben.

Der andere hielt verdutzt inne und trat dann mit ausgebreiteten Armen und einem warmen Lächeln auf die Ankömmlinge zu. »Godric! Wulfric! Ihr … ihr seid Männer geworden.«

»Thurgar«, grüßte Godric verlegen.

Der wollte ihn in die Arme schließen, aber sein Gefährte hielt ihn mit einer Bewegung seiner Axt davon ab. »Vorsicht. Du weißt, was sie gesagt haben.« Er pfiff zur Kirche hinüber. »Vater Edgar? Kannst du mal herkommen?«

»Robert!«, protestierte Wulfric. »Wärst du vielleicht so gut, uns zu sagen, wo unser Vater …«

»Er ist tot«, antwortete Robert.

Die Zwillinge sahen sich an und senkten dann die Köpfe. Sie waren traurig, aber nicht überrascht. Losian wusste, sie hatten damit gerechnet, denn sie waren vernünftige Männer, und vier Jahre waren eine lange Zeit.

»So tot wie ihr«, fügte der junge Bursche grimmig hinzu.

Losian legte jedem der Zwillinge kurz eine Hand auf die Schulter, dann stellte er sich vor sie und wandte sich an den Mann, der seine Axt so einsatzbereit in beiden Händen hielt. »Dein Name ist Robert, Freund?«

»Ganz recht, aber dein Freund bin ich nicht.« Sein Blick, der halb herausfordernd und halb furchtsam war, glitt von Losian zu den Zwillingen und wieder zurück.

»Schön, wie du willst, Robert of Gilham. Aber diese Männer sind nicht tot. Es ist keine Vision, die du siehst.«

»Oh doch, das sind sie«, sagte eine feste Stimme, in der eine unverkennbare Autorität schwang. »Die heiligen Brüder haben es ihrem Vater gesagt.«

Losian wandte den Kopf und fand sich Auge in Auge mit dem Dorfpfarrer: ein grobschlächtiger Mann in den gräulich braunen, ungewalkten Gewändern, wie alle Bauern sie trugen. »Die heiligen Brüder haben gelogen« schien keine sehr vielversprechende Antwort zu sein. »Es war ein Irrtum, Vater«, sagte Losian stattdessen.

Das Weib des Pfarrers kam mit einem halben Dutzend Kindern aus der Kate neben dem Kirchlein gelaufen, schrie genauso schrill wie zuvor Gunda, zögerte aber keinen Augenblick, mitsamt ihrer Brut näher zu kommen.

Wulfric fuhr sich mit dem Ärmel über die Augen. »Robert, schau uns doch an. Wir sind älter geworden. Genau wie du. Wir sind echt, ganz gleich, was sie euch erzählt haben.« Er streckte dem Pfarrer die Hand entgegen. »Hier, fass mich an, Vater Edgar, dann merkst du, dass ich aus Fleisch und Blut bin.«

Der Geistliche trat kopfschüttelnd einen Schritt zurück. »Das könnte dir so passen.«

Aus allen Häusern kamen nun Menschen auf den grasbewachsenen Dorfplatz geströmt und umringten die bizarre Schar. Sie tuschelten nervös. Man konnte hören, dass sie sich fürchteten. Losian blickte sich um. Es waren über dreißig. Und sie waren gefährlich.

»Wenn ich Euch beweise, dass diese beiden Männer aus Fleisch und Blut sind, was sagt Ihr dann, Vater?«, fragte er.

»Deine feinen Reden kannst du dir sparen«, bekam er zur Antwort. »Wie willst du mir das beweisen?«

»Indem ich dir zeige, dass sie bluten können. Weder Geister noch Dämonen können bluten, richtig?«

Vater Edgar stemmte die Hände in die Seiten und sah ihn mit verengten Augen an. »Aber ich habe von finsteren Mächten gehört, die sich der Leiber der Toten bedienen und sie auf Erden wandeln lassen, um ihre bösen Werke zu tun. Können diese Leiber bluten, frage ich mich?«

»Wie du sicher weißt, Bruder, ist eine solche Inbesitznahme der Toten nur unter Wasser möglich«, warf King Edmund ein. »Allein die Leiber ertrunkener Seeleute und Fischer sind davon betroffen, und wir sind uns doch wohl einig, dass diese beiden hier nicht wie Ertrunkene aussehen, oder?«

Der Geistliche sah ihn an. »Und du bist …?«

»Er ist der Hirte unserer Gemeinschaft«, erklärte Simon hastig, der offenbar dachte, jetzt sei nicht der beste Moment, um diesen Bauern zu offenbaren, dass einer von ihnen sich für einen toten Märtyrer hielt.

»Nun, frommer Hirte«, spottete der Dorfpfarrer. »Wie dem auch sein mag. Die heiligen Brüder von St. Pancras haben uns wissen lassen, dass diese beiden hier tot sind. Wieso sollte ich dir mehr Glauben schenken als ihnen? Waren diese Zwillinge nicht seit jeher eine Beleidigung des göttlichen Plans? Eine abscheuliche Ausgeburt, wie nur die Hölle sie hervorbringen kann?«

»Ach ja?«, fragte Thurgar. »Aber warst du nicht derjenige, der immer gesagt hat, sie bringen uns Glück? War es nicht dein Vorschlag, sie nach St. Pancras zu schicken? Und haben die Schotten sich nicht zwei Wochen später nach Norden zurückgezogen?«

»Es war das Glück des Teufels, sag ich dir«, knurrte der Pfarrer. »Sieh dir an, in welcher Gesellschaft sie hier auftauchen nach all den Jahren: ein Schwachsinniger, ein Irrer an einer Kette, zwei verlotterte normannische Halsabschneider und …« Er brach ab, offenbar unsicher, wie er Luke und King Edmund titulieren sollte. »Ich sage, wir jagen sie davon. Sicher ist sicher.«

»Und ich sage, Schande über dich, Vater Edgar«, entgegnete Thurgar wütend. »Ich sehe hier zwei lebendige Männer, die meine Vettern sind. Und sie sind für das Wohl dieses Dorfes ins Ungewisse gezogen. Was ist das für ein Willkommen, das wir ihnen bereiten?«

»Weg mit ihnen!«, schrie Vater Edgars Frau. »Sie werden noch Missernten und Hagelschlag über uns bringen, wenn wir sie hier dulden! Mein Vater hat immer gesagt, mit denen stimmt etwas nicht, und er hatte recht!« Sie riss plötzlich den Arm zurück und ließ einen Gegenstand hervorschnellen, den sie anscheinend schon länger in der Hand hielt. Es war ein faustgroßer Stein, und er traf Wulfric an der Schläfe.

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