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Hinter dir steht eine Blumenvase

Der Autor

Daniel Sebastian Lange – ein Pseudonym – ist ein junger Europäer, der durch sein Kulturstudium das Schreiben entdeckte. Neben seinem Beruf ist er in der Kleinkunstszene Westösterreichs tätig.

Inhalt

Sah ein Knab ein’ Zögling stehn

Ado(n’t)nis

Olympisches Wettkampf-Tinder-Dating

Auf den Wolf gekommen

Mit wehenden Fahnen

Gulaschsuppe und/oder Lasagne gefällig?

Irr(er)glaube

Pink Lady

Kulinarischer Straßenkuss

Hundefilzknäuel

Das Salatblatt im Sandwich. Oder: Die Rückkehr Filzknäuels

Dummes Unschuldslamm

Beziehungsplanetenkollision

Iglukuss

Flüchten?

1.

Sah ein Knab ein’ Zögling stehn

Eigentlich hatte der Abend ganz harmlos und unschuldig begonnen. Ein Gläschen hier, ein Schlückchen dort. Dann war da ein großes Schwarzes Loch und plötzlich lag morgens ein nackter Zögling neben mir.

Das könnte man als – hm – Erfolg bezeichnen, wenn man weitere kontextuelle Informationen ausblendet. Ich, 29, Doktorand, lebe vom Stipendium, zurzeit eben low on cash, gescheiterte Künstlerseele und das jüngste von drei Kindern – sprich, ich bin eine attention whore. Nicht zu vergessen, dieser Zögling war 18. Noch mal zum Wiederholen: achtzehn. Maturant – oder für die deutschen Genossen: Abiturient. Fun Fact: Ich könnte seit mehreren Jahren sein Englischlehrer sein. Dazu sage ich nur mal la-di-da, ich bin auch nur ein Mensch, und meine Moral lässt sich wunderbar ertränken. Und das immer wieder aufs Neue.

Zusammenfassend könnte man sagen, dass ich dieses Jahr – zum Glück geht es bald zu Ende (dann setzt man bekanntlich sich und seine Geschichte neu auf #Neujahrsvorsätzefail) – von einem zum anderen Altersende fast zwei Dekaden erreicht habe. Ja genau, 18 bis 29X, also nahezu die letzte Station der „29“, wenn Sie wissen, was ich meine. Bubi bis Grufti. Das ist eine schön offene Spanne. Die Altersabstände dazwischen folgen keinem genauen Muster, dennoch sagen wir, dass der Schwerpunkt in der zweiten Hälfte der Spanne liegt. Die Partizipierenden von Spanne 1 waren ja auch nicht so mind – wie das meine liebenswertzynische Nachbarin nennen würde. Hier an dieser Stelle sei ihr auch gleich ein Gruß ausgerichtet.

Ich bin mir nicht sicher, ob man diese Spanne mit Stolz betiteln und betrachten darf. Und NEIN, um Himmelswillen, das waren nicht immer Bettgeschichten oder wilde Nächte. Da war auch einiges mit Hoffnung und Wunsch auf Stabilität dabei – Sehnsucht und das Gefühl Ich-bin-noch-wach-im-Bett-und-hoffe-aufdeine-letzte-Gutenachtmitteilung. Menschlich eben. Zuneigung von Menschen, die „etwas“ auslösen. Es waren auch nicht so viele, dass ich sie nicht mehr zählen könnte. Mittelpunktskind, ja. Wilde Partyhure, nein.

Sie sehen, es geht etwas chaotisch zu hier oben: Ich heiße Sie herzlich willkommen in meiner Welt. Oder eben in meinem Kopf. Wo ist die obligatorische Willkommenstrompete samt Paarbecken-Zirkustrommel-Äffchen? Ah, ja, sie spielen auf Befehl, das ist wunderbar. Hier ist es schon etwas bunt und mitunter auch laut. Meistens entscheide ich mich dafür, noch mehr Farbe zuzulassen. Denn campy geht immer. Ja, danke genug der Musik, ich muss davon nur schreien. Pssscht! – PSCHT! Gut. Naja, zurück zum Ausgangspunkt, was geschieht jetzt? Was ist das für 1 Leben? Haha, ja hip bin ich auch – nicht.

Gut. Also Konzentration.

Na, ich liege immer noch neben Zögling – ich habe ihn nun so getauft, denn sein Name ist mir entfallen –, der mittels seiner Schnarcherei einen ganzen Wald absägen könnte. Und ich bin einfach wach. Wach, wach, wach. Lesen Sie das bitte in absteigender Tonhöhe. Dann wird mein Inneres etwas deutlicher. Jetzt aber wirklich: Ich liege hier nackt in einem fremden Haus, neben mir fremder Zögling, restalkoholisiert von gestern, Kopfschmerzen kündigen sich Schritt für Schritt an und der Wasserdurst steigt. Simpel ausgedrückt: Faktorenkomplexionen, deren Aufeinanderwirken mein Biosystem ein bisschen rotieren lassen. Ich muss vermerken: Das ist nicht der erste Restrausch dieser Woche. Die Weihnachtszeit, Sie wissen es bestimmt, animiert ja förmlich und unförmlich dazu, Geld in Alkoholika zu investieren. Ja, da passieren schon sonderbare Sachen in meinem Leben. Wissen Sie, was beim Nachdenken hilft? Brusthaare kratzen und kraulen. Meine lieben Leserinnen, Sie können das nicht so nachvollziehen, dennoch hoffe ich auf Verständnis dieser männerspezifischen Verhaltensweise.

Also: Nachdenkprozess gestartet. Wo fang ich an?

Nun ja, ich könnte mal darüber sinnen, was ich denn weiter mit meinem Leben machen sollte. Uuhuhuhuuu … Eine große Frage für einen großen Morgen. Der dieser nicht ist. Kleinere Fragen, simplerer Morgen: Was ist denn gestern passiert und was kann ich daraus lernen? Hm, ja, wieso nicht? Wissen Sie, ich bin doch recht reflektiert – das kann schon mal anstrengend, und hi ha ho, auch gut für die eigene Menschentwicklung sein. Deshalb lässt sich die ganze Geschichte damit starten, dass ich den gestrigen, anfangs harmlos-unschuldigen Abend Revue passieren lasse.

Ich war auf einer 30er-Geburtstagsfeier eingeladen. Wohlgemerkt: Ich hatte drei Tage zuvor bereits eine Weihnachtsfeier und zwei weitere Geburtstagsfeiern beehrt. Summa summarum, eben eine eingerauschte Woche, die mindestens eine Woche zum Ausrauschen beansprucht – genau das wird allerdings nicht passieren. Denn wie Sie wissen: Es weihnachtet sehr. Gut, ich kam mit dem Zug etwas verfrüht an. Meine 30er-Freundin lud mich in ihre Wohnung ein, die sie mit ihrem Göttergatten teilt, ich konnte dort nächtigen. Der Partyabend stand im Zeichen je eines individuellen Partymottos. Sprich, jeder Partygast hatte ein eigenes Partythema erhalten, das er oder sie umsetzen sollte. So gab es Wild Wild West, Disco Fever, Piraten, sexy Krankenschwestern und, mein Motto eben, Bad Taste. Sie denken, nichts leichter als das? Mein schlechter Geschmack sollte dennoch etwas Stil beweisen. So hatte ich mir eine Leggins gekauft, die am rechten Oberschenkel ein Einhorn und am linken Oberschenkel einen Cyber-Space-T-Rex hatte. Das Weltall diente den beiden Figuren als mit Farben spielender Hintergrund. Ach, man vergesse nicht meine güldene Unterhose, die natürlich über der Leggings getragen wurde – antiquiert trifft auf fancy shmansy! So würde ich das mal beschreiben. Obenrum eine Punkfrisur, etwas Glitzer im Gesicht, schrilles T-Shirt, et voilà, mein Kostüm war fertig.

Die Party fand im Vereinslokal der örtlichen Musikkapelle statt. Es wurde prächtig aufgetischt: Alkohol in Unmengen, Kuchen in allen Variationen, Gulaschsuppe zu späterer Stunde und natürlich Partyfressalien in Form von chemisch schmeckenden Käsebällchen und Chipsallerlei. Der Abend begann sich fortzuschreiten und Sie kennen das gewiss: hier ein Plausch, dort ein Plausch. Menschen willkommenküssen, weil man sich Monate nicht gesehen hat, updates zum Arbeits- und Beziehungsstatus, Posen für ein Foto, noch ein Getränk holen und so weiter.

Zögling war da schon Teil der Partymasse, jedoch nicht auf meinem Schirm. Ich sage es Ihnen nun: 18-Jährige sind nicht mein Beuteschema. Punkt. Aus. Amen.

Nach der fünften Wiederholung der gängigen Partyaktivitäten ging es erst richtig los. Die Schwester des Geburtstagskinds und ich hatten eine Quiz-Show vorbereitet, die eine Überraschung sein sollte. So sprachen wir vor dem Partysaal über letzte Details und baten Zögling darum, die vor Glitzer schreiende „Einzugsmusik“ voll aufzudrehen, damit unsere Show beginnen konnte. Gefügig managte Zögling auch die Punktevergabe der Quizshow mit – Gott sei Dank hatten wir eine zusätzliche Hand, ansonsten hätte das Quiz-Duo wahrscheinlich den Überblick verloren. Spiel zu Ende, die Tumla-Trophy wurde der Siegerin überreicht und gleichsam bekam die Quizshow damit was von einem biennalen Event, das künftig vom Sieger gehostet werden muss. Man will ja auch mal zum Zug kommen und selbst eine Trophy gewinnen …

Jetzt eine Zigarette und einen Drink. Montenegro bot sich an. Jacke anziehen, sonst wird man krank, sagt meine Mutter und raus an die frische Luft. Ah, eine Zigarette danach kann immer was. Es kamen weitere Menschen dazu, wir tratschten über den Show-Verlauf – und eben auch Zögling trat heran, der mir den Montenegro über meine Jacke goss. Ein Versehen. Ich – ganz ruhig – sagte so was wie, dass das uncool sei und dann war auch noch Montenegro auf meiner Zigarette. Ich habe ihm eine frische geschenkt und kein Danke gehört.

Blablabla, ich hörte mich selbst die Predigten meiner Mutter wiederholen. Welch’ Schmach, die ich im „Streitgespräch“ mit Zögling vertuschte. Das sei ihm im Rausch verziehen, jedoch war sein Verhalten einfach uncool. Zögling sollte sich fassen. Zögling hatte das verstanden.

Ich ging wieder rein. Währenddessen – ich erhielt alle Infos retrospektiv – regte sich Zögling über mein Verhalten auf, was ich mir da erlaubt hätte. Seine Neugierde wehte ihn jedoch wieder in den Partyraum. Ich zeigte ihm die kalte Schulter, da ich schlicht kein Interesse an ihm hatte. Hallo? Wo hätte ich mit ihm hinsollen? Diese Frage wird noch beantwortet.

Gut, während ich manche Partygäste samt aufsetzbarem Rentiergeweih inklusive Bimmelglöckchen weiter belustigte, schwänzelte Zögling in meiner Nähe rum und wollte, dass ich mit ihm nochmals rauchen gehe. „Ja, ich komm ja mit. Lass uns zuerst noch einen Monte holen, dann gehen wir raus.“

Während der Getränkeorganisation kam dann das große Geständnis: „Ich bin bisexuell.“ Das Geburtstagskind wüsste Bescheid und eben jetzt ich, worauf ich antwortete, dass wir dann zu dritt auf seine Sexualität anstoßen müssten. Gesagt, getan, raus, Zigarette zu zweit. Leicht torkelnder Zögling kam meinem inzwischen stark betrunkenem Selbst näher. Zugegebenermaßen, er konnte flirten. Und küssen. Wild! Jedoch hatte er noch nicht sein offizielles Coming-Out gehabt. Er schlug vor, dass wir ums Eck gehen, um dort in aller Ruhe unseren Kusstrieben nachkommen sollten. Also runter und weiter im Programm. Ich hörte, wie andere Menschen zum Rauchen rauskamen. Sie waren ruhig. Verdammt ruhig. Dann kam es mir. Die hörten uns nicht sprechen. Denn sie lauschten nur den klingenden Glöckchen meines leihweise aufgesetzten Geweihs. Also Kopfschmuck ab. Ab jetzt war alles nur mehr Wurst. Darum hieß es: Ab zurück zur Partymeute! Zögling wurde zum Wassertrinken geschickt. Die Party, es war etwa drei Uhr, ging auch langsam zu Ende und ich half beim Aufräumen. Inzwischen gab es Zögling-Breaks – die von den anderen Partygästen im Pop-Corn-Modus von hinter den Vorhängen aus beobachtet wurden. Da erklang Gelächter vom Feinsten – so wie kleine Schulmädchen, die in der letzten Schulbankreihe kichern.

Vier Uhr. Die Party löste sich auf. Ich sagte Zögling, dass er nach Hause fahren solle, aber er wollte die Nacht mit mir verbringen. Nun gut, darauf ließ ich mich ein. Meine Moral war gekentert – es war nur noch das nervös-wackelnde Steuerruder am Ende des Rumpfs zu erkennen. Unser Schlafplatz wurde gefunden, im elterlichen Haus des Geburtstagskinds. Ihre Schwester wies uns kurz noch ein und fragte: „Brauchst du sicherlich sonst nichts mehr?“ Sie wissen, von was sie sprach. „Nochmals nein, das passt schon.“ Okay, ich ging ins Zimmer, Zögling war bereits nackt.

Ich erspare Ihnen die Details und zitiere Madonna: „I prefer young men. They don't know what they do but they do it all night long.“ Naja, Zögling wollte noch mehr. Er hätte das noch nie so gemacht, fühle sich sicher und wolle unbedingt etcetera etcetera. Meine Moral kam just in diesem Moment aus der Versenkung hervor, wirbelte wie ein Skydancer vor meinem mentalen Auge, hielt mir ein Stopp-Schild vors Gesicht, brüllte mir „Vernunft bewahren!“ ins Ohr und hatte damit natürlich recht. Zögling sollte dieses Erlebnis mit jemandem teilen, der ihm was bedeutete. Sie kennen die Leier? Eben. Das große Jammern kam aus meinen Lenden, aber es war eine gute, die richtige Entscheidung. Daher musste jetzt geschlafen werden, denn ansonsten hätte noch ein Unfall passieren können.

Sie erinnern sich an den Beginn dieses Kapitels? Zögling schnarchte. Schlafen fand für mich nicht statt. Dennoch, ein entzückender Bengel! Bis dahin wusste ich immer noch nichts von seinem Alter und seiner … schülerischen Profession. Nun ja.

Die Frage, die ich mir hier im Liegen nun wieder stelle, ist: Was habe ich daraus gelernt? Denn man kann ja immer etwas lernen. Sagt der Optimist in mir. So bin ich der Meinung, dass ich am besten ehrlich und mit offenem Herzen durch das Leben gehen sollte und dann werden mir prinzipiell nur „gute Dinge“ passieren. Das bringt natürlich mit sich, dass man öfter als gewollt auf die Schnauze fallen kann. Oder jemand fällt einem in den Rücken. Oder auch beides. Also, liebes Leben, was willst du mir nun sagen? Spontan kommen mir da Einsichten wie: Die Liebe ist ein komisches Spiel. Hm! Oder: Trieben soll man nachkommen. Blödsinn! Vielleicht: Lebe den Moment. Oh, ein Klassiker unter den Lebensweisheiten der Generation Y. Dennoch: Ich genoss die Zuneigung, die unschuldige Kraft, die aus Zöglings Umarmung auf mich überging. Eine jugendhafte Gunst, die mir wirklich wohltat. Dieses Kindlich-Ehrliche, das noch nicht durch große Liebesenttäuschungen vernichtet wurde. Ich sog es auf. Wie konnte ich da Nein sagen? Ich fühlte mich wie eine Blume, die gegossen wurde. Nein, nicht so! Sondern mit positiver Energie. Wissen Sie, was ich meine? Hätte ich dem nicht nachgeben sollen? Es etwa bereuen? Nein – wenn es auch irgendwo falsch war. Wieso sollte ich einer Sache widerstehen, die mir Kraft gibt?

Sie sehen, ich steckte in einer Zwickmühle aus vernünftigen und moralischen Fragen. Und kam auf keinen grünen Zweig.

Indessen stupste ich Zögling wach, schaute in seine Augen, bekam einen Kuss, er wünschte mir einen guten Morgen. So bittersüß. Oh, Zöglein auf der Weide … Irgendwo war ich mir im Klaren darüber, dass das Ganze schon jetzt ein Ende hatte, wenn es auch schön und angenehm in dieser Seifenblase war. Mein Fluchtinstinkt wurde wach und ich wollte raus aus dem Bett. Raus, Luft und den Moment kaputtmachen, weil das alles auf Dauer mehr Schaden als Freude bereiten würde.

„Zögling, ich gehe auf Nahrungssuche.“

„Passt.“ Ein Kuss.

Ich brauchte Wasser und Ablenkung.

Oh liebes Universum, noch kann ich keinen Sinn aus dieser Episode ziehen, eher ein gewisses Maß an Unwohlsein über meine Entscheidung. Klar, ich kann sagen, ich habe gelernt, dass ich meine Finger von Zöglingen nehmen muss. Das ist mir bewusst. Das war mir auch bis dato noch nie passiert. Ich wusste ja bis zum Frühstück noch gar nicht, wie alt Zögling denn wirklich war. Ach. Freilich denke ich noch an diesen unschuldigen Moment zurück. Er war schön. Er war wahr. Er war da. Ich habe Ja zum Leben gesagt. Und Leben hat mich mit seiner Keule aus dem Bett geschlagen, mein Herz kurz aus der Brust gerissen und es vermöbelt wieder returniert.

2.

Ado(n’t)nis

Inzwischen ist es Dienstag geworden. Ich musste meinen Aufenthalt verlängern, da der Kater am Sonntagmorgen schlimm war. Und ich musste das alles erst mal verarbeiten. Mit das meine ich Zögling. Das Geburtstagskind hat montags immer frei, somit war eine Aufenthaltsverlängerung kein Problem.

Nun ist es Abend und ich sitze im Zug retour ins elterliche Haus. Der weihnachtliche Familienzauber steht vor der Tür. Sie kennen das bestimmt. Es muss alles perfekt sein: Essen, Klamotten, die Gespräche und so weiter. Natürlich ist die Realität meist das komplette Gegenteil. Tja ja! Aber noch bin ich nicht dort. Demnach sollte ich die Zeit nutzen. Jetzt.

Hm, Zugfahrten eignen sich perfekt zum Gedankenschweifenlassen. Man blickt durch das Fenster, sieht Landschaften vorbeiziehen und so, wie die Gedanken gekommen sind, gehen sie auch wieder. Manche bleiben erhalten, manche kommen genau in diesem Moment zurück. Aus Spanne 1 meines Lebens hat sich dann tatsächlich doch noch jemand gemeldet: ein von anderen als Adonis betitelter Mensch mit Gwen-Stefani-Haarfarbe, Vegetarierattitüden und Ich-sehe- und-erkenne-den-Weltschmerz-Blick auf Facebook-schwarz-weißen Profilfotos. Und dennoch eine Augenweide.

Per Zufall hatte ich seine Nummer über eine Ecke erhalten. Ich hatte ihm natürlich nicht geschrieben, da ich dachte, er sei in einer Beziehung. Die Nummer war sozusagen ein kleines, dreckiges Geheimnis, das er nicht kannte, das mir aber jederzeit die Möglichkeit geben konnte, ihn doch aus seiner Beziehung zu locken. Aber: falsch gedacht! Meine Gedankenspielereien waren umsonst – er war Single! Ich fragte mich, wie ich das bloß einfädeln sollte. Hm. Manchmal muss man etwas wagen und über den eigenen Schatten springen. Sich doch trauen, das zu tun, was man wirklich tun will. Auch, wenn man sich damit etwas entblößt. Ich wollte ihm sagen, dass ich ihn sehen mochte: eine Art Kampfansage, doch mit einem gewissen, süßen Touch.

Die Idee brannte bereits in mir. Sollte ich sie nun verbraten? Okay. Zettel organisiert, Stifte ebenso. Beat-lastige und leicht zum Date auffordernde Musik, check. Okay.

Ich begann, auf dem ersten Zettel was zu schreiben. Hm. Ganz easy beginnen mit „Hey!“ Nächster Zettel.

„Hm, wie fahre ich fort?“, überlegte ich.

„Du wirst dich sicher über dieses Video wundern.“ Perfekt.

Verstehen Sie? Auf jeden Zettel schrieb ich neue, kleine Nachrichten, die ihn zum Date überreden sollten. Ich nahm ein Video auf und legte Zettel für Zettel ins Bild – im Hintergrund die gewählte Musik. Und zack, das Video war gedreht.

Sie können sich gar nicht vorstellen, wie aufgeregt ich war, als ich das Video per Message lossendete. Stellen Sie sich vor, ein Fremder schickt Ihnen plötzlich ein Date-Video. Naja, er „kannte“ mich, besser gesagt: Er konnte meinen Namen meinem Körper zuordnen, aber wir haben kaum je miteinander gesprochen. Und dann empfangen Sie so ein Video? Schon etwas unheimlich, oder? Ich hielt es allerdings für eine großartige Idee und dachte mir: „Sei, wie du bist.“ Und ansonsten war es immerhin ein toller Bastelabend.

Zwei blaue Häkchen erschienen auf dem Monitor.

GRUND – LOS PANIK!

Hirn begann zu rasen und sah die Realität einbrechen. Meine Idee wurde sozusagen an den Beinen gepackt, kopfüber durchgeschüttelt und nebenbei von Doctor Evil ausgelacht. Obwohl eigentlich alles kopfstand, fiel mir Herz vom vierten Stock in den Keller runter. Nun denn, meine Idee fand ich gar nicht mehr so toll. Ich suchte schon mal den Kellerschlüssel, der müsste da irgendwo rumliegen. Ich Vollspast – nach zehn Minuten immer noch keine Reaktion. Das war wohl ein Schuss in den Ofen, Herrschaftszeiten – ah! Moment! Halleluja! Eine Zusage zu einem Picknick kam. Ich war überglücklich und erleichtert. Holte Herz wieder hoch, tätschelte und beruhigte es kurz. Herz tupfte mir die Stirn ab. Dann sprang es inklusive gemeinsamem Handschlag wieder an Ort und Stelle.

Adonis und ich schrieben etwas hin und her, jedoch gab es terminliche Kollisionen, da sich gerade die Osterfeiertage anbahnten … so viel zum Thema alle Drei Heiligen Zeiten … waren wir beide familiär eingespannt und entschieden uns, unser Date nach hinten – höhö, pardon – zu verschieben. Zusätzlich schickten wir uns jeden Tag zur Prime-Time einen Song, der uns gefiel. Zusätzlich versahen wir die Songs mit ein paar Zeilen, um uns sozusagen noch auf andere Art digital näherzukommen und die Wartezeit zu verkürzen. Zugegebenermaßen schon eine tolle Kennenlernidee meinerseits, finden Sie nicht?

Schließlich kam der große Picknicktag und, klarerweise, regnete es in Strömen. Dennoch fand Adonis eine Lösung: Picknick in der Wohnung. Es war – Zitat: „tatsächelich entzückelich“. Zwischen Grünzeug, das in seinem Zimmer stand, und vegetarischen Fressalien wurde über alles gequatscht. Die Prime-Time-Songs bildeten die Playlist (smart move seinerseits, das muss ich zugeben) und man kam sich näher – bis ich mich doch zur Übernachtung überreden ließ.

Nein, in dieser Story wird es nicht um Sexdetails gehen. Ich war wirklich von Beginn an verliebt. Ich empfand eine gewisse Verbindung, intellektuell und auch im Lachen, ein elektrisches Gefühl. Ich konnte es bitzeln hören. Britzeln fände ich als Verb noch etwas lautmalerischer. So dieses brrzbrzlbrbrbzl. Hören Sie es? Ich mag britzeln. Da war viel Zauber in der Luft, den ich spüren konnte. Sie hätten mich am Folgetag erleben sollen: Ich traf eine gute Freundin. Ihr fiel mein Strahlen so auf, dass sogar unsere Konversation davon beeinträchtigt wurde. Ganz kurz gefasst: Ich war in ein Fass Liebe gefallen.

Jetzt spule ich mal einen knappen Monat vorwärts. Nahezu jeden Tag wurde etwas zu zweit unternommen. Nun schreiben wir Juni 2017. Gegenwärtig sitzen wir in einem Café, denn irgendwie scheint es zwischen uns seit einer Woche so richtig zu hängen und man wollte sprechen. Er hatte mich mit folgenden Worten auf das Gespräch vorbereitet: „Ich muss mal mit dir reden.“ Man kennt das Resultat solcher Talks.

Die Konversation verlief (in etwa) so:

„Hm, ich glaube, dass wir das so nicht weiterführen sollten.“

Patsch! „Wie, was? Ich versteh’ das nicht.“

„Ja, ich kann es auch nicht sagen. Oder dir mehr als eine fadenscheinige Antwort darauf geben, dass ich einfach nicht kann.“

„Ich bin jetzt etwas sprachlos, denn vor zwei Wochen war das doch noch komplett anders und …“

„Ja, deswegen sage ich ja fadenscheinig. Ich spüre es jetzt nicht mehr und es ist dann irgendwie blöd, so weiterzumachen. Ich kann es mir auch nicht erklären.“

„Ah, äh, ja ich bin etwas überfordert, mir scheint es auch etwas schleierhaft, ja, und so plötzlich und weiß gerade nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich trink mal etwas Wasser. Und Kaffee.“

„Ich möchte aber trotzdem sagen, dass ich dir nicht wehtun will, aber …“

„Dann war es einfach halt nicht ich. Und umgekehrt, einfach nicht du. Das ist ja noch kein Kollateralschaden und wir wollten doch nicht heiraten und haben keine gemeinsame Wohnung gekauft. Wir bereden das jetzt einfach wie erwachsene Menschen. Es ist gut, dass du über deine Sichtweise sprichst und nicht dich und mich belügst. Sonst hätten wir beim Kauf einer Hauskatze noch einen Rosenkrieg begonnen. Haha, muss etwas darüber lachen. Eine Verlegenheitslache.“

Ich glaubte mir ja selber kein Wort von dem, was ich da sagte. Dennoch, Memo an mich: Wieso kommentiere ich mich immer selbst? Das hätte jetzt nicht sein müssen. Remember: Always watch your face. Always watch your gait.

„Ich möchte jetzt nicht im Streit und in dieser komischen Stimmung auseinandergehen. Lass und doch noch über was anderes quatschen.“

&

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Viel Spaß!



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