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Hinter der Maske der Kurtisane

1. KAPITEL

London, im Sommer 1818.

Constance betrachtete bewundernd das Porträtbild. Es sah ihr sehr ähnlich, fand sie. Ein gewisser Thomas Lawrence hatte es im Mai 1817 gemalt. Die Porträtierte räkelte sich auf einer roten Chaiselongue. Das prachtvolle goldbraune Haar floss ihr über den Rücken. Um den Hals trug sie ihre berühmte Perlenkette, die einen reizvollen Kontrast zu ihrer olivfarbenen Haut bildete. Sie war nackt; nur ein Frisiermantel aus Spitze lag wie zufällig hingeworfen auf ihrem Körper. Ihr bloßer Rücken, ihre Knöchel, ihre Füße schauten hervor. Von ihren vollen Brüsten war gerade so viel zu sehen, dass Constance meinte, ein bisschen von ihren Brustwarzen erahnen zu können. Die schöne Frau schaute den Betrachter des Bildes nicht direkt an, sondern auf einen anderen Punkt – vielleicht zu einem Liebhaber hinüber. Die Lider waren fast geschlossen. Ihr Blick wirkte verführerisch; ihre vollen Lippen deuteten ein träges Lächeln an.

Es war ein provozierendes Bild und ganz unverhohlen erotischer Natur. Constance fand es ein wenig verstörend. Sie berührte die Perlen, die nun um ihren Nacken lagen. Es war, als blicke sie auf eine andere Version ihrer selbst. Das Bild war wie ein Spiegelbild, von dem sie nicht gewusst hatte, dass es überhaupt existierte. Eine andere Art von Constance, die verborgen gewesen war, solange sie ihr respektables, bürgerliches Leben geführt hatte.

Tränen verschleierten ihre Sicht. Annalisa! Sie hatte sie nie kennengelernt, als sie noch La Perla war: wunderschön, berühmt-berüchtigt und die begehrteste und exklusivste Kurtisane von ganz London. Die hinfällige Frau, die so plötzlich und unerwartet vor Constances Tür gestanden hatte, war nur ein schwacher Schatten der üppigen Schönheit auf dem Porträtbild gewesen. Die Schwindsucht war dabei, sich durch ihren Körper zu fressen.

Annalisa. La Perla. Constances Zwillingsschwester.

Constance trocknete ihre Augen mit einem spitzenbesetzten Taschentuch. Das Taschentuch gehörte Annalisa ebenso wie das Haus, das Constance zurzeit bewohnte; und die Kleider, die sie trug. Es hatte sich zuerst seltsam angefühlt, in das Leben ihrer Schwester hineinzuschlüpfen, aber Constance glaubte fest daran, dass sie auf diese Weise etwas über diese exotische Person, von deren Existenz sie bis vor sechs Monaten nicht einmal gewusst hatte, erfahren konnte.

Sie drehte dem Porträt den Rücken und strich über die Bettdecke aus Satin. Blutrot. Purpur. Zinnober. Die Farbe der Sünde. Constance schauderte, als habe ein leichter Sommerwind ihre Haut gestreift. Sündig. Das Bett roch regelrecht nach Sünde. Mit solchen Worten hätte Granville, Constances verstorbener Ehemann, Annalisa wohl beschrieben, wenn er ihr je begegnet wäre. Granville, dieser Mann Gottes, der seine ehelichen Pflichten genauso ausgeübt, wie er seine Sonntagspredigten gehalten hatte: mit pingeligem Widerwillen. Als Annalisa von ihrem sündigen Leben erzählt hatte, hatte ihr Bericht in Constances Ohren verboten und schockierend angenehm geklungen. So angenehm, dass Constance sich gefragt hatte, ja, sogar gewünscht hatte, solche Vergnügungen auch einmal zu erleben.

Über dem Bett war ein Spiegel in die Zimmerdecke eingelassen. Neben dem Bett, in einem Nachtschrank aus poliertem Walnussholz, lag eine Auswahl an exotischen Dingen. Die Verwendung einiger von ihnen stellte Constance vor Rätsel. Ein Seil aus Samt, große, farbige Federn. Die süß lächelnden Gesichter dieser elfenbeinernen Gegenstände in ihren hübschen Kleidern, die den Schaft eines Mannes nachahmten, hatte Constance zuerst für Puppen gehalten. Sie errötete. Granville war niemals so hart und so groß geworden.

Sie tauchte ihre Finger in die duftenden Öle, stülpte etwas über ihre Hand, dass wie eine Fessel aus Schwanendaunen aussah, und versuchte sich das dunkle, vergnügte Leben ihrer Schwester vorzustellen. Wie war es gewesen? Wie würde sie sich damit fühlen? Mit einem kräftigen, potenten, begehrenswerten Mann zu sündigen? Ein Mann, der sich seiner Begierden nicht schämte? Sie schloss die Augen, strich mit der Federfessel leicht über ihre Wange und schauderte. In diesem Haus fleischlicher Begierden, das Annalisas Zuhause gewesen war, war es fast möglich, sich vorzustellen, wie das wäre. Eine leichte Erregung ergriff sie.

Constance begann im Ankleidezimmer herumzugehen und überließ sich der dekadenten Atmosphäre des Ortes. Eine Kommode im Ankleidezimmer war voller ungewöhnlicher Unterkleidung. Prächtige Farben, luxuriöse Stoffe. Sie dienten offensichtlich dazu, aufzureizen, zu erregen und zu provozieren. Behutsam legte sie sie ein Paar schwarzseidener Strümpfe an und genoss das weiche, seidige Gefühl auf der Haut.

Ein anderer Schrank war voller Schuhe mit juwelenbesetzten Absätzen. Sie wählte ein scharlachrotes Paar aus, das zu den Bändern an ihrem Strumpfhalter passte. Dann lupfte sie ihr Kleid, um den verführerischen Anblick im Spiegel zu betrachten. Sie kopierte Annalisas Gesichtsausdruck auf dem Gemälde und lächelte herausfordernd. Sie erkannte sich selbst nicht wieder. Die Frau, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickte, war ihr völlig fremd. Selbstbewusst und verführerisch. Sinnlich. Constance hatte ihre Kurven bisher noch nie als sinnlich empfunden.

In einem verschlossenen Kasten, unter ihrem Schmuck, waren Annalisas Tränke verborgen, die sie wohl dazu benutzt hatte, um die Folgen all dieser Sünden zu vermeiden. Sie waren beide kinderlos geblieben. Annalisa wollte keine Kinder, für Constance war diese Kinderlosigkeit eine Tragödie. Unfruchtbar hatte Granville sie genannt. Seine unfruchtbare Frau. Sie seufzte und versuchte, ihren Schmerz zu vergessen

Während sie den Deckel des Kästchens schloss, erklang die Türglocke. Sie erschrak. Es waren keine Diener im Haus. Annalisa hatte das Haus geschlossen, als sie es verlassen hatte. Sie wusste, dass sie nie wieder zurückkehren würde. Constance zögerte. Wer konnte das sein? Niemand wusste, dass sie hier war. Die Glocke erklang noch einmal. Constance raffte ihre Röcke und ging behutsam in die Eingangshalle. Ihre Spitzenunterröcke raschelten verführerisch. Die Seidenschuhe mit ihren unbeschreiblich hohen Absätzen klackten auf den Marmorfliesen. Die blutroten Bänder, die ihre Strümpfe festhielten, rutschten. Die Türglocke schlug wieder und wieder an. Es gab zwar keinen Türklopfer mehr, aber eine kräftige Faust begann, gegen das Holz der Tür zu trommeln.

Constance strich ihre Locken zurück, öffnete die Tür – und stieß fast mit dem kräftigen Mann auf der anderen Seite zusammen. Ein starker Arm hielt sie fest. Sie sah auf. Und blickte in ein Gesicht, das so verboten gut aussehend war, dass sie scharf die Luft einzog. Glänzendes schwarzes Haar, das er so lang trug, dass es der herrschenden Mode widersprach. Die Haarspitzen stießen gegen eine makellos weiße Halsbinde. Kräftige schwarze Augenbrauen über lang bewimperten Augen, die dunkelbraun sein mussten, aber dunkler wirkten. Eine ausdrucksvolle Nase. Ein überraschend sensibler Mund. Dunkle Haut, fast schwärzlich, als habe er zu viel Zeit in der Sonne verbracht. Schwarzer Bartschatten auf seinen Wangen. Ein Grübchen mitten auf seinem Kinn. Schwarz wie die Sünde. Als wären ihre Fantasien zu Fleisch geworden, dachte sie.

Als er sie losließ, stolperte sie rückwärts und musste sich an der Messingtürklinke festhalten. Dieser Mann war mehr als real, bemerkte sie, und dazu außerordentlich gut angezogen. Sein Gehrock war gut geschnitten und hatte fast dieselbe Farbe wie ihr Kleid. Eine goldene Uhrkette schaute aus der Tasche seiner hellblauen Weste. Graue Hosen. Schwarze, glänzend polierte Stiefel. „Kann ich Ihnen helfen?“ Ihre Stimme klang atemlos, bemerkte sie.

„Ich hoffe sehr, dass Sie das können, Madam.“ Troy Templeton, Earl of Ettrick, stieß die Türe so weit auf, dass er eintreten konnte, und schloss sie dann fest hinter sich.

„Was tun Sie da? Ich kann mich nicht erinnern, Sie hereingebeten zu haben, Sir“, sagte Constance, während sie versuchte, nicht allzu panisch zu klingen.

„Angesichts der Geschäfte, die ich mit Ihnen zu besprechen habe, scheint es mir nicht angemessen, auf der Türschwelle stehen zu bleiben.“

Troy ging zur Tür auf der rechten Seite. Seine widerwillige Gastgeberin hatte keine andere Möglichkeit, als ihm zu folgen. Sie betraten einen hübschen Salon, der ganz in Rosa gehalten war. Es war ein sehr weiblicher Raum mit Stühlen, deren Lehnen vergoldet waren, und vielen Nippsachen, ein Raum, der zu der kunstvollen Frau passte, die darin ihre Geschäfte abwickelte.

Er war erst einmal zuvor in einem solchen Salon gewesen. Als er neunzehn war und in jedem Sinne noch grün hinter den Ohren, hatte er zum ersten Mal die Ballsaison in ...

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