Logo weiterlesen.de
Hinter den Wolken das Glück

1. KAPITEL

Der Nationale Wetterdienst gibt die folgende Warnung aus: Wirbelsturm Arlene nimmt in den nächsten 24 Stunden an Stärke zu. Zwar wird erwartet, dass er nach Norden abdreht und nicht auf Land trifft, dennoch gilt weiterhin eine Sturmwarnung für die Ostküste Floridas.

Stephanie Arlene Bryant stellte den Motor ihres Mietwagens ab und stieg aus. Schlagartig umfing sie die schwüle Hitze, die in Cocoa Beach als Spätsommer durchging.

„Was für eine Ironie“, murmelte sie und nahm ihren Laptop vom Rücksitz. „Ich bin noch keine Woche in Florida, und schon benennen sie einen Wirbelsturm nach mir.“

Ihre Mutter wäre begeistert gewesen. Sie hatte ihre Jüngste immer für den Mittelpunkt des Universums gehalten. Und jetzt hatte die US-Regierung es amtlich bestätigt. Natürlich konnte es sein, dass ihre Familie in Ohio noch nichts davon gehört hatte. Doch ihre Mutter schaute mit Sicherheit die Nachrichten auf CNN, solange ihre Tochter im Sonnenscheinstaat lebte. Dass Stephanies Handy noch nicht dauerläutete, konnte nur daran liegen, dass sich in dieser Gegend ein Funkloch ans nächste reihte.

Die Ruhe würde nicht lange anhalten.

Ein kurzer Blick auf ihr BlackBerry bestätigte ihr, dass sie spätestens am Mittag wieder per Festnetztelefon, Internet und Kabelfernsehen mit der Welt verbunden sein würde. Dann würde sie beweisen, dass sie fähig war, harte Entscheidungen zu treffen und sie auch durchzusetzen. Space Tech hatte seine Filiale in Florida umorganisiert und sie hergeschickt, damit es keine Pannen gab. Dafür war sie zur Personalchefin befördert worden.

Das war eine wichtige Stufe auf der Karriereleiter, die sie hoffentlich bis in den Vorstand führte, aber der Job brachte auch Risiken mit sich. Ganz zu schweigen von den Stirnfalten, die wahrscheinlich nur mit Botox zu glätten waren. In den kommenden zwölf Monaten durfte sie sich keinen Fehler erlauben, wenn sie nicht für immer im Kopierraum des Unternehmens landen wollte.

Stephanie strich sich eine widerspenstige Locke hinters Ohr und atmete tief durch. So eine Chance würde sie kein zweites Mal bekommen. Sie war fest entschlossen, sie zu nutzen.

Ihre Absätze bohrten sich in den Kies, als sie auf die Haustür zuging und dabei einen nagelneuen Schlüssel aus der Tasche ihrer Caprihose holte. Sie schloss auf, tastete nach dem Lichtschalter und betrat das Haus, das Space Tech ihr für das kommende Jahr zur Verfügung stellte.

„Ein Strandhaus sollte hell und luftig sein“, hatte sie zu Deb, der von Space Tech beauftragten Immobilienmaklerin, bei der Besichtigung am vergangenen Freitag gesagt. Das Büro befand sich auf dem Festland, aber ihre Vorgesetzten waren sich sicher gewesen, dass Stephanie ein Leben direkt am Meer genießen würde. Komplett renoviert und mit modernen Haushaltsgeräten ausgestattet, war das Haus der ideale Ort für eine aufstrebende Managerin – aber nicht mit geschlossenen Fensterläden.

„Eine reine Vorsichtsmaßnahme“, hatte Deb achselzuckend erwidert. „Wirbelstürme haben hier noch nie die Küste erreicht. Das hat damit zu tun, wie das Land in Cocoa Beach in den Atlantik hinausragt. Die Stürme ziehen einfach vorbei und verschonen uns.“

Die Frau hatte ihr versichert, dass das Haus in einer tornadofreien Zone stand und ihr einen Stapel Broschüren gegeben, in denen die Ostküste Zentralfloridas in leuchtenden Farben präsentiert wurde. Und da Stephanie nicht groß genug war, um die sturmfest montierten Fensterläden zu öffnen, hatte Deb versprochen, jemanden vorbeizuschicken.

Bis dahin gab es zum Glück elektrisches Licht und eine Klimaanlage. Stephanie stellte den Becher Kaffee, den sie sich von der Tankstelle mitgebracht hatte, auf einen der Umzugskartons, die die Spedition an einer Wand gestapelt hatte. Ihr Terminplan sah vor, dass sie sich in ihrem neuen Zuhause einrichtete, ehe die Techniker kamen, um ihre Verbindung zur Außenwelt zu installieren. Danach hatte sie den ganzen Abend Zeit, um Personalakten zu lesen und sich die Namen und Gesichter sämtlicher Mitarbeiter von Space Tech einzuprägen, bevor sie am nächsten Morgen zur Arbeit erschien.

Doch als sie schließlich alles ausgepackt und eingeräumt hatte, war immer noch niemand zu sehen. Sie überlegte, ein öffentliches Telefon anzusteuern. Doch bestimmt würden die Techniker ausgerechnet dann auftauchen, wenn sie weg war, und niemanden vorfinden. Also blieb sie im Haus und strich ein paar rebellische Locken ebenso energisch aus dem Gesicht, wie sie sich gegen einen Anflug von Selbstzweifeln wehrte. Wie sie bei Space Tech Erfolg haben sollte, wenn ihr nicht mal die eigenen Haare gehorchten, war eine Frage, über die sie nicht nachdenken wollte.

Die kinnlangen Ringellöckchen waren nicht gerade das, was sie sich vorgestellt hatte, als sie sich auf ihr neues, von der Firma bezahltes Erscheinungsbild eingelassen hatte. Das galt auch für die kunstvoll modellierten und pinkfarben lackierten Fingernägel und den Schrank voller schicker Designeroutfits. Aber ihre Vorgesetzten hatten darauf bestanden, dass sie ihren sonst eher strengen, zugeknöpften Stil ablegte, damit sie in der entspannten Atmosphäre Floridas nicht unangenehm auffiel. Ein wenig widerstrebend hatte sie zugestimmt.

Jetzt gefährdeten ein paar unpünktliche Handwerker den ganzen Plan.

Stephanie stieß die Haustür weit auf. Sofort strömten heiße Luft und Sonnenschein herein und hoben ihre Stimmung so sehr, dass sie ins Freie ging, um die Wärme zu genießen. Sie blickte die Straße entlang. Keine Spur von einem Techniker. Oder irgendjemand anderem. Nur Bremslichter leuchteten auf, als ein Streifenwagen in eine Seitenstraße einbog.

Dass an einem so schönen Tag kein Mensch unterwegs war, erstaunte sie, aber was wusste sie schon? Nach einem Jahr in Florida würde der Duft von Orangenblüten für sie vielleicht ebenso alltäglich sein wie für ihre Nachbarn.

Achselzuckend ging sie daran, die leeren, zusammengelegten Umzugskartons an den Straßenrand zu stellen. Der Broschüre, die ihr die Maklerin in die Hand gedrückt hatte, war zu entnehmen, dass die Müllabfuhr am Montag kam.

Mit eingeschaltetem Blaulicht fuhr Brett Lincoln an den mit Brettern vernagelten Surfshops, Bars und Restaurants von Cocoa Beach vorbei. Mittlerweile waren die meisten Einheimischen aus der Gefahrenzone geflohen, nur ein paar Touristen hielten sich dort noch auf. Aber je näher der Wirbelsturm kam, desto eiliger hatten auch die es, sich in Sicherheit zu bringen.

Er lenkte den Streifenwagen mit einer Hand, während er der Zentrale seinen Standort meldete. Auf der Fifth Street sah er, wie ein großer, drahtiger Mann versuchte, einen übergewichtigen braunen Labrador in den Kofferraum seines Minivans zu bugsieren. Brett schmunzelte. Den Mann kannte er doch – und den Hund, der offenbar wenig Lust hatte, sich zwischen die in Kartons verpackten Habseligkeiten der Familie zu quetschen.

„Hey Tom, kann ich helfen?“ Mit seinen einssiebenundachtzig saß Brett in seinem Wagen sehr beengt und war dankbar für jede Gelegenheit zum Aussteigen. Er hatte die Fahrertür schon offen, noch bevor der Wagen ausgerollt war.

„Danke, ich schaffe es schon“, kam die Antwort. „Na los, Seminole.“

Tom Jenkins holte einen Leckerbissen aus der Hosentasche und warf ihn in die Luft. Der Labrador schnappte ihn sich im Sprung und vollführte eine Präzisionslandung inmitten der Kartons. Tom tätschelte ihn liebevoll, dann schloss er die Heckklappe.

Mit drei Schritten hatte Brett den handtuchgroßen Garten durchquert und gab dem Mann die Hand. Auch wenn sie nicht mehr viel Zeit zusammen verbrachten, war Tom Jenkins noch immer sein bester Freund.

„Du bleibst bis zur letzten Minute, was?“, fragte er leise. Die Fenster des Minivans waren geschlossen, und die Klimaanlage lief, aber die Zwillinge auf dem Rücksitz waren äußerst hellhörig.

„Was soll ich machen? Ich bin selbstständig.“ Tom zuckte mit den Schultern. „Erinnerst du dich an Dave Hartsong und Dan Sinclair?“

„Du meinst Dan Hartsong und Jack Sinclair?“, entgegnete Brett. Sein Freund wusste genau, wie viele Halterungen für Angelruten und Getränkebecher ein Boot hatte, aber die Namen der Eigner konnte er sich nie merken.

„Wie auch immer. Die beiden haben mit dem Anlegen bis zur letzten Minute gewartet. Ich hätte sie ihrem Schicksal überlassen können, aber dann haben sie mit einem Bündel Dollarnoten gewedelt.“

Brett sagte nichts dazu. Sein Freund würde immer zu den Letzten gehören, die sich über den Damm zwischen Cocoa Beach und Merritt Island in Sicherheit brachten. Geschäfte und Wohnhäuser sturmfest zu machen, brauchte Zeit, und sollte Wirbelsturm Arlene den Ort mit voller Wucht treffen, würden diese Maßnahmen trotzdem nicht ausreichend sein. Dennoch tat es jeder. Brett ließ seinen erfahrenen Blick über das Sperrholz wandern, mit dem Tom sämtliche Fenster und Türen seines bescheidenen Zuhauses gesichert hatte.

„Wohin willst du?“, fragte er. In solchen Zeiten boten die soliden Schulgebäude den besten Schutz, doch dort waren keine Haustiere zugelassen. Und es war zu spät, um dem Wirbelsturm auszuweichen. Noch vor Sonnenaufgang würde Arlene Land erreicht haben.

„Hab ein Tierheim in Orlando gefunden, das Seminole aufnimmt. Wir bleiben in der Nähe.“

„Der Schutzraum an der Lee Vista hat noch freie Plätze“, sagte Brett. „Ich habe angefragt.“

„Dann fahren wir dorthin.“

Brett wollte noch etwas hinzufügen, doch in diesem Moment trat eine kleine Frau beladen mit zwei Großpackungen Windeln durch die noch ungesicherte Haustür. Hinter ihr knallte das Fliegengitter gegen den Rahmen. In der Stille des verlassenen Viertels klang es wie ein Startschuss. In gewisser Weise war es ja auch einer. Sofort eilte Tom seiner Frau zu Hilfe.

Mary war anzusehen, wie sehr sie sich ängstigte. Tränen schimmerten in ihren Augen, aber im Moment ging es den meisten Küstenbewohnern nicht anders. Sie alle flüchteten vor Arlene und verwandelten den sechzig Meilen langen Highway nach Orlando in einen endlosen Parkplatz. Die Fahrt würde Stunden dauern, und Mary durfte unterwegs nicht die Nerven verlieren. Er räusperte sich.

Tom warf ihm einen warnenden Blick zu. Brett nickte und sprach so laut, dass alle ihn hören konnten. „Sobald alles ausgestanden ist, sehe ich hier nach dem Rechten“, versprach er. Sobald der Wind damit aufhörte, jeden losgerissenen Palmwedel in eine tödliche Waffe zu verwandeln. „Der Sturm kann immer noch drehen. Vielleicht haben wir diesmal mehr Glück als beim letzten Mal.“

„Hoffen wir es“, murmelte Ton und schnappte sich einen Hammer. Erst zwei Jahre zuvor hatte ein Wirbelsturm seinen Jachthafen zerstört und ihm damit seinen Lebensunterhalt genommen. Alles wieder aufzubauen, hatte viel Zeit und Geld gekostet. Ein zweites Mal konnte er sich das nicht leisten.

„Warte. Ich fasse mit an!“, rief Brett.

Eigentlich waren Worte überflüssig. Bevor er zur Polizei gegangen und Tom seiner zukünftigen Frau begegnet war, hatten die beiden Männer viel Zeit miteinander verbracht. Und immer noch war es, als könnte einer die Gedanken des anderen lesen. Sie brauchten keine Minute, um die passgenau zugeschnittene Sperrholzplatte vor die Haustür zu nageln.

„Ich rufe an“, versprach Brett, als sie fertig waren.

„Tu das. Vielleicht wird es diesmal nicht ganz so schlimm.“

„Ja, vielleicht.“ Auch wenn es unwahrscheinlich war, aber das sagte er nicht.

Obwohl Tom es sich nicht anmerken zu lassen versuchte, spürte Brett, dass sein alter Freund Angst um seine Familie hatte. Immerhin würde das Tom davon abhalten, eine Dummheit zu begehen – wie zum Beispiel bei einem Wirbelsturm der Stärke vier auf einer Insel vor der Küste auszuharren. Sie gaben einander die Hand, diesmal ein paar Sekunden länger, und Brett war froh, dass sie beide dunkle Sonnenbrillen trugen.

„Bleib direkt hinter mir, bis wir die Brücke erreichen“, sagte Brett, als sein Freund schließlich hinter dem Steuer seines Wagens saß. „Ich schere aus, sobald ihr an der Reihe seid.“

Tom nickte. Er hatte mehr Evakuierungen erlebt als die meisten anderen und kannte sich aus.

Mary beugte sich vor. „Ist es wirklich okay, dass du das für uns tust?“

Dass der beste Freund ihres Mannes ihnen eine Polizeieskorte verschaffte, war nichts Neues. Trotzdem fragte sie jedes Mal.

„Hey, wir halten zusammen“, erwiderte er und schaute in den Wagen. Alle waren angeschnallt.

Beruhigend lächelte er den zwei Jahre alten Mädchen zu, die in ihren Kindersitzen auf der Rückbank saßen, zwischen sich einen riesigen Karton mit Spielsachen. Als die beiden zurückwinkten, verspürte er einen unerwarteten Anflug von Neid auf seinen Freund. Hastig klopfte er Tom auf die Schulter und musste schlucken, bevor er wieder ein Wort herausbrachte.

„Bleib dicht hinter mir“, wies er ihn an. Er ging zum Streifenwagen, stieg ein und schaltete Blaulicht und Sirene ein. Toms Mädchen liebten das.

Die strahlende Sommersonne stand schon einige Handbreit tiefer, und am Horizont sammelten sich bereits Wolken, als sie den Damm erreicht hatten und seine Freunde aufs Festland hinüberfuhren.

Brett griff nach dem Funkgerät. „Zentrale, hier Lincoln. Ich fahre jetzt nach Palm Royale, um weiter nach Nachzüglern zu suchen.“

Im Lautsprecher rauschte und knisterte es, dann war eine Frauenstimme zu hören. „Nur noch eine kurze Weile, dann haben wir die ganze Stadt für uns … Dann machen wir beide uns eine schöne Zeit.“

Seine Anspannung ließ nach. Wie immer wusste Doris, die „Stimme aus der Zentrale“, wie sie ihre „Jungs“ aufmuntern konnte.

„Kann es kaum erwarten“, gab er zurück. „Nur du, ich und – wie heißt sie noch?“

„Arlene? Diese schamlose Person? Die macht nur heiße Luft. Sieh zu, dass du den Rest unserer Mitbürger in Sicherheit bringst. Ich und die anderen Jungs treffen dich auf der Wache. Wir bleiben hier, bis Arlene weg ist.“

„Zehn-vier, Zentrale“, sagte Brett und startete den Motor des Streifenwagens.

Er kontrollierte die verlassenen Viertel mit den vernagelten Häusern, und da der gesamte Verkehr sich vor dem Damm staute, brauchte er für die sechs Meilen durch Cocoa Beach nur acht Minuten. Als er am Ende seiner Inspektionstour wendete, prägte er sich jedes Detail der Umgebung ein, wie er es bei den US-Marines gelernt und an jedem Tag seiner vier Jahre bei der Polizei praktiziert hatte.

Etwas an dem kleinen Haus, das im Schatten der Palm-Royale-Apartments lag, brachte ihn dazu, ein zweites Mal hinzuschauen. Aber alles sah so aus wie immer. Nach dem Wirbelsturm vor zwei Jahren hatten die Hensons das Dach erneuert und innen alles renoviert, anstatt das beschädigte Haus abzureißen. Es war erst kürzlich verkauft worden, und Brett beschloss kurzerhand, die neuen Eigentümer zu begrüßen.

Am Armaturenbrett knisterte das Funkgerät, als wollte es ihn daran erinnern, was er noch zu erledigen hatte. Achselzuckend bog er vom Highway A 1A ab und steuerte in Richtung Ozean. Am Fuß des hoch aufragenden Apartmentkomplexes säumten Palmen und gepflegte Wege die endlose Reihe leerer Parkplätze. Brett konnte nur hoffen, dass kein Bewohner der Luxuswohnungen etwas Wertvolles zurückgelassen hatte. Das Gebäude stand in vorderster Reihe und würde als eines der ersten Arlene zum Opfer fallen. Der Wirbelsturm würde es schneller verschlingen, als Brett einen Chickenwing essen konnte. Danach würde der Sturm die Knochen ausspucken und ein Skelett zurücklassen.

Kopfschüttelnd löste Brett den Sicherheitsgurt. Nichts stimmte einen Mann nachdenklicher als eine drohende Katastrophe.

Als er die Fahrertür aufstieß, drang das Rauschen der Brandung viel lauter als üblich zu ihm herein. Am Himmel ballten sich dunkle Wolken zusammen, und unter seinen Schritten knirschte der Sand. Obwohl die Luft sich heiß und schwer anfühlte, atmete Brett tief durch. Kein Zweifel, Arlene kam näher, und sie war ein echtes Prachtexemplar.

Die ersten Tropfen, die auf den erhitzten Asphalt trafen, verdampften sofort. Regenschauer waren Vorboten des Hurrikans und würden in den kommenden Stunden immer heftiger werden. Cocoa Beach war gesichert, aber der Wind konnte jeden Mülleimerdeckel in eine fliegende Kreissäge verwandeln.

Die Brise trieb ihm den Sand ins Gesicht. Mit zusammengekniffenen Augen schaute er aufs Meer hinaus. Die Wellen türmten sich bereits auf und kündigten die erste Bö an. Anders als vorhergesagt, war Arlene nicht abgedreht. Im Gegenteil, sie kam an Land, und das schneller als erwartet.

Mit quietschenden Reifen raste Brett vom Parkplatz auf den leeren Highway. Sekunden später stieg er auf die Bremse und starrte ungläubig auf den Berg aus zusammengelegten Umzugskartons, der sich am Straßenrand stapelte. Er öffnete den Mund, um einen Fluch auszustoßen, schloss ihn jedoch wieder.

Der Berg gehörte dort nicht hin. Vorhin war er noch nicht da gewesen. Und er würde dafür sorgen, dass er wieder verschwand.

Stephanies Herz machte einen Freudensprung, als es an der Tür läutete. Sie rannte los, blieb jedoch vor dem Spiegel im Eingangsbereich stehen und warf einen Blick hinein. Nach kurzem Zögern tauschte sie ihr erleichtertes Lächeln gegen eine empörte Miene aus. Der Handwerker kam glatte fünf Stunden zu spät und würde für seinen Einsatz nicht auch noch Geld verlangen dürfen. Doch mit einer kostenlosen Installation konnte sie nicht rechnen, wenn sie den Mann überschwänglich begrüßte.

Sie riss die Tür auf. „Höchste Zeit!“

Stephanie konnte nicht wissen, wie leichtsinnig es war, an einem Spätnachmittag in Florida eine nach Westen zeigende Haustür zu öffnen. Die Strahlen der untergehenden Sonne trafen sie wie ein Blitzlichtgewitter, bevor sie sich die Hand vor Augen hielt. Vor den Funken, die in der Luft zu tanzen schienen, zeichnete sich der Umriss eines hochgewachsenen Mannes ab. Rasch senkte sie den Blick und schaute erst auf die Kieselsteine ihrer Terrasse, dann auf ein Paar schwarzer Schuhe.

Handwerker trugen Stiefel, keine Schuhe. Schon gar nicht Schuhe, die geradezu militärisch glänzten.

Langsam ließ sie den Blick wieder nach oben wandern. An der messerscharfen Bügelfalte der marineblauen Hose entlang, dorthin, wo statt des Werkzeuggürtels etwas hing, das einem Pistolenholster glich. Die große, kräftige Hand, die darauf lag, ließ ihr Herz schneller schlagen. Ihr Blick erfasste eine breite Brust, noch breitere Schultern, ein Gesicht, das im Schatten eines breitkrempigen Huts lag, und fiel schließlich auf eine verspiegelte Sonnenbrille.

„Cocoa Beach Police, Ma’am. Haben Sie ein Problem?“

Die tiefe Stimme ließ sie zusammenzucken. Blinzelnd starrte sie den Mann an. „Polizei?“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe Sie nicht gerufen.“ Sie sah, wie seine Miene sich etwas entspannte.

„Tut mir leid, Ma’am. Als Sie ‚höchste Zeit‘ sagten, dachte ich, Sie hätten vielleicht ein Problem mit Ihrem Wagen oder so. Also haben Sie alles im Griff? Sie können aufbrechen?“

Stephanie rang sich ein Lächeln ab. Natürlich hatte sie alles im Griff, aber wenn er sie noch einmal „Ma’am“ nannte, konnte sie für nichts garantieren!

„Ja, Officer, aber … Entschuldigung, ich habe Ihren Namen nicht verstanden.“

„Lincoln, Ma’am. Officer Lincoln.“

Drei „Ma’ams“ hintereinander – dabei war sie erst sechsundzwanzig. Aber sie ließ sich nichts anmerken, obwohl die unheimliche Stille um sie herum ohnehin schon an ihren Nerven zerrte. Sie blinzelte die Tränen weg, die ihr das grelle Sonnenlicht in die Augen getrieben hatte, und straffte tapfer die Schultern. „Es freut mich, Sie kennenzulernen, Officer Lincoln. Ich bin Stephanie, Stephanie Bryant.“ Sie legte genug Eis in ihre Stimme, um ihm klarzumachen, dass sie kein „Ma’am“ mehr hören wollte. Als er sich an die Hutkrempe tippte, wusste sie, dass die Botschaft angekommen war.

Als sie fortfuhr, bemühte sie sich, ein wenig freundlicher zu klingen. „Bei mir ist alles gut“, versicherte sie. „Und es wird noch besser, wenn die Handwerker endlich eintrudeln. Auf die warte ich nämlich. Sie kennen nicht zufällig jemanden bei der Telefongesellschaft, oder?“

„Nein, Ma… Nein, Miss Bryant. Aber heute kommt ohnehin kein Handwerker mehr.“

Das war knapp, dachte sie und beschloss, ihm noch eine letzte Chance zu geben. Muskulöse Polizisten, die dufteten wie ein Pinienwald, verdienten eine. „Ich weiß, es ist fast fünf, aber sie haben es versprochen. Bestimmt sind sie nur aufgehalten worden.“

„Bis nächste Woche.“

Officer Lincoln griff nach seiner Brille. Die Sonne verschwand hinter seiner Schulter, und Stephanie fragte sich, ob er wusste, wie er auf sie wirkte. Sie starrte auf ein Profil, das so markant war, als hätte Michelangelo es in Stein gemeißelt. Am kantigen Kinn verrieten Bartstoppeln, dass er sich normalerweise zweimal am Tag rasierte, und über kräftigen Wangenknochen straffte sich gebräunte Haut. Das dichte, dunkle Haar kräuselte sich, wo es in der schwülen Luft feucht wurde. Als er seine dunkelblauen Augen auf sie richtete und ein forschender Blick sie traf, spürte sie eine vollkommen unerwartete Wärme in sich aufsteigen.

„Miss Bryant, warum sind Sie noch hier?“, fragte er. „Haben Sie die Wettermeldungen nicht verfolgt?“

Schlagartig verschwand das Bedürfnis, seine Wange zu berühren. So unauffällig wie möglich stieß Stephanie die angehaltene Luft aus. Dann verschränkte sie die Arme, wich einen Schritt zurück und fragte sich nicht zum ersten Mal, warum Männer so begriffsstutzig waren. Dieser hier sah zwar aus wie ein griechischer Gott, aber offenbar hörte er ihr ebenso wenig zu, wie Adonis es bei Aphrodite getan hatte. Sie versuchte es noch mal.

„Ich bin gerade eingezogen und habe weder Kabelfernsehen noch einen Festnetzanschluss, weil ich auf die Handwerker warte. Die haben sich nämlich verspätet.“

„Das habe ich verstanden, aber die kommen nicht mehr. Und Sie sollten auch nicht mehr hier sein.“ Officer Lincoln schaute über die Schulter. „Gehören die Umzugskartons am Straßenrand Ihnen?“

„Warum? Kontrollieren Sie, ob die Bürger die Mülltermine einhalten?“

Die Frage war als Scherz gemeint, aber der Officer verzog keine Miene. „Sie können dort nicht bleiben“, erwiderte er. „Sie müssen sie hereinholen.“

Stephanie biss die Zähne zusammen. Sie hatte versucht, höflich zu sein. Sie hatte es sogar mit Humor probiert, und was hatte es ihr eingebracht? Es war an der Zeit, energisch zu werden.

„Officer Lincoln, ich habe mich informiert. Die Müllabfuhr ist morgen. Ich verstehe nicht, wo das Problem liegt.“

Der Mann nahm ein gefaltetes Taschentuch aus der Tasche und putzte die blitzsauberen Gläser seiner Sonnenbrille. „Sämtliche vorgelagerten Inseln müssen evakuiert werden“, erklärte er. „Das gilt auch für Cocoa Beach. Sie müssen von hier verschwinden und haben weniger als zwei Stunden, um den Damm zu überqueren, bevor er geschlossen wird. Ich schlage vor, Sie brechen sofort auf.“

Stephanie biss sich auf die Zunge, um Officer Lincoln nicht darauf hinzuweisen, dass er unrecht hatte. Erst am vergangenen Morgen hatte der Wetterbericht verkündet, dass der Wirbelsturm abdrehen würde. Aus zuverlässiger Quelle wusste sie, dass Hurrikans niemals in Cocoa Beach auf Land trafen. Und selbst wenn es stimmte, dass die Inseln evakuiert werden sollten, so befand sie sich auf dem Festland, und …

Ihr Herzschlag beschleunigte sich, als sie an die Landkarte dachte, die sie von der Maklerin bekommen hatte. Cocoa Beach lag auf einer der Landzungen, die zwischen den Inseln ins Meer ragten. Sie hatte genug Bilder von Küstenorten gesehen, die von einem Wirbelsturm verwüstet worden waren. Unwillkürlich tastete sie nach dem Türrahmen, um sich festzuhalten. Officer Lincolns Lippen bewegten sich, aber Stephanie hörte nichts als tosende Brandung und heulenden Wind. Sie verstand kein Wort von dem, was er sagte.

„Nein“, flüsterte sie entsetzt. Das hier musste ein böser Traum sein!

Ungläubig starrte Brett die junge Frau an. Sie sah aus, als würde sie jeden Moment explodieren. Es würde Stunden dauern, sie zu beruhigen. Und ihm blieben keine Stunden. Bis dahin wären sie Wirbelsturm Arlene ausgeliefert, der Cocoa Beach unter meterhohen Wellen begraben würde.

Während die blauesten Augen, die er jemals gesehen hatte, immer größer wurden, ging er seine Optionen durch. Er konnte versuchen, sie zur Vernunft zu bringen. Er war ein guter Unterhändler und hatte schon mal einen Geiselnehmer zur Aufgabe bewogen. Aber dazu brauchte es Zeit, und die hatten sie beide nicht.

Er konnte sie an den Schultern packen und sie schütteln, doch das würde ihm mit Sicherheit eine Klage einbringen. Er hatte Anwälte in Aktion erlebt.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Hinter den Wolken das Glück" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen