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Hinter dem Regenbogen

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Gedicht
  6. Kapitel Eins
  7. Kapitel Zwei
  8. Kapitel Drei
  9. Kapitel Vier
  10. Kapitel Fünf
  11. Kapitel Sechs
  12. Kapitel Sieben
  13. Kapitel Acht
  14. Kapitel Neun
  15. Kapitel Zehn
  16. Kapitel Elf
  17. Kapitel Zwölf
  18. Kapitel Dreizehn
  19. Kapitel Vierzehn
  20. Kapitel Fünfzehn
  21. Kapitel Sechzehn
  22. Kapitel Siebzehn
  23. Kapitel Achtzehn
  24. Kapitel Neunzehn
  25. Kapitel Zwanzig
  26. Kapitel Einundzwanzig
  27. Kapitel Zweiundzwanzig
  28. Kapitel Dreiundzwanzig
  29. Kapitel Vierundzwanzig
  30. Kapitel Fünfundzwanzig
  31. Kapitel Sechsundzwanzig
  32. Kapitel Siebenundzwanzig
  33. Kapitel Achtundzwanzig
  34. Kapitel Neunundzwanzig
  35. Kapitel Dreißig
  36. Kapitel Einunddreißig
  37. Kapitel Zweiunddreißig
  38. Kapitel Dreiunddreißig
  39. Kapitel Vierunddreißig
  40. Kapitel Fünfunddreißig
  41. Kapitel Sechsunddreißig
  42. Kapitel Siebenunddreißig
  43. Kapitel Achtunddreißig
  44. Kapitel Neununddreißig
  45. Kapitel Vierzig
  46. Kapitel Einundvierzig
  47. Kapitel Zweiundvierzig
  48. Kapitel Dreiundvierzig
  49. Kapitel Vierundvierzig
  50. Kapitel Fünfundvierzig
  51. Kapitel Sechsundvierzig
  52. Kapitel Siebenundvierzig
  53. Kapitel Achtundvierzig
  54. Kapitel Neunundvierzig
  55. Kapitel Fünfzig
  56. Kapitel Einundfünfzig
  57. Kapitel Zweiundfünfzig
  58. Kapitel Dreiundfünfzig
  59. Kapitel Vierundfünfzig
  60. Kapitel Fünfundfünfzig
  61. Kapitel Sechsundfünfzig
  62. Kapitel Siebenundfünfzig
  63. Kapitel Achtundfünfzig
  64. Kapitel Neunundfünfzig
  65. Kapitel Sechzig
  66. Kapitel Einundsechzig
  67. Kapitel Zweiundsechzig
  68. Kapitel Dreiundsechzig
  69. Kapitel Vierundsechzig
  70. Kapitel Fünfundsechzig
  71. Kapitel Sechsundsechzig
  72. Kapitel Siebenundsechzig
  73. Kapitel Achtundsechzig
  74. Kapitel Neunundsechzig
  75. Danksagung

Nadia Hashimi

Hinter dem

Regenbogen

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch
von Rainer Schumacher

Für meine wundervolle Tochter Zayla.
Für all unsere wundervollen Töchter.

Meerwasser bettelt, dass die Perle ihre Schale öffnen mag.

Aus dem ekstatischen Gedicht
Einen Kuss, den wollen wir mit unserem ganzen Leben
von Jalal ad-Din Mohammad Rumi,
einem persischen Dichter des 13. Jahrhunderts

Kapitel Eins

Rahima

Shahla stand an unserer Haustür, deren grünes Metall an den Kanten rostete, und reckte den Hals. Als Parwin und ich um die Ecke bogen, sahen wir Erleichterung in ihren Augen. Wir durften nicht zu spät kommen, nicht schon wieder.

Parwin warf mir einen Blick zu, und wir beschleunigten unseren Schritt. Wir durften nicht rennen, es hätte zu viel Aufmerksamkeit erregt, aber wir beeilten uns. Unsere Gummisohlen wirbelten Staub auf. Die Säume unserer Röcke flatterten um unsere Knöchel, und mein Kopftuch klebte am Schweiß auf meiner Stirn. Ich nahm an, Parwin ging es ähnlich, denn auch ihr Kopftuch war noch nicht weggeflogen.

Verdammt sollten sie sein. Es war ihre Schuld! Diese Jungs mit ihrem schamlosen Grinsen und den zerrissenen Hosen! Es war nicht das erste Mal, dass wir ihretwegen zu spät kamen.

Wir liefen an blauen, purpurnen und roten Türen vorbei. Farbflecken auf einer Lehmleinwand.

Shahla winkte uns zu sich.

»Beeilt euch!«, zischte sie entnervt.

Keuchend folgten wir ihr durch die Tür. Metall schlug gegen den Türrahmen.

»Parwin! Was soll das?«

»Tut mir leid, tut mir leid! Ich dachte nicht, dass das so laut ist.«

Shahla rollte mit den Augen, genau wie ich. Parwin schlug die Tür immer zu.

»Warum hat das überhaupt so lange gedauert? Seid ihr nicht durch die Gasse hinter der Bäckerei gelaufen?«

»Das ging nicht, Shahla! Da stand er

Wir hatten den Umweg über den Markt genommen und die Bäckerei gemieden, wo die Jungs herumlungerten und mit ihren Blicken den Khaki-Dschungel auskundschafteten, der unser Dorf war.

Neben Straßenfußball war das der liebste Sport der Jungs: Mädchen beobachten. Sie hingen draußen herum und warteten darauf, dass wir aus unseren Klassen kamen. Hatte ein Junge ein Auge auf ein bestimmtes Mädchen geworfen, schoss er zwischen den Autos und Fußgängern hindurch und nahm die Verfolgung auf. So machte er seinen Anspruch geltend. Das ist mein Mädchen, sagte er auf diese Weise. Hier ist nur Platz für einen Schatten. Heute stand Shahla, meine zwölfjährige Schwester, im Mittelpunkt dieser ungewollten Aufmerksamkeit.

Die Jungs meinten das selbstverständlich als Kompliment, doch den Mädchen machte es Angst, denn die Leute konnten denken, sie hätte diese Art von Aufmerksamkeit provoziert. Aber es gab hier auch wirklich nicht viele Möglichkeiten für die Jungs, sich zu amüsieren.

»Shahla, wo ist Rohila?«, flüsterte ich. Das Herz schlug mir bis zum Hals, als wir auf Zehenspitzen ums Haus schlichen.

»Sie hat etwas zu essen zum Nachbarhaus gebracht. Madar-jan hat ein paar Auberginen für sie gekocht. Ich glaube, da ist jemand gestorben.«

Gestorben? Mir zog sich der Magen zusammen, und ich konzentrierte mich wieder darauf, Shahlas Fußstapfen zu folgen.

»Wo ist Madar-jan eigentlich?«, fragte Parwin leise und nervös.

»Sie bringt das Baby ins Bett«, antwortete Shahla und drehte sich zu uns um. »Also macht nicht zu viel Lärm, sonst merkt sie, dass wir erst jetzt nach Hause kommen.«

Parwin und ich erstarrten, und Shahla wurde kreidebleich, als sie unsere aufgerissenen Augen sah. Sie wirbelte herum. Madar-jan stand hinter ihr. Sie war durch die Hintertür gekommen und wartete nun auf dem kleinen, gepflasterten Hof hinter dem Haus.

»Eure Mutter weiß ganz genau, wann ihr Mädchen nach Hause kommt, und sie ist sich durchaus bewusst, was für ein Vorbild eure ältere Schwester für euch ist.« Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt, und ihr verärgerter Tonfall sprach dieselbe Sprache.

Shahla ließ beschämt den Kopf hängen, und Parwin und ich versuchten, Madar-jans wütenden Blick zu meiden.

»Wo seid ihr gewesen?«, verlangte sie zu wissen.

Oh, wie gerne hätte ich ihr die Wahrheit gesagt!

Ein Junge, der das Glück hatte, ein Fahrrad zu besitzen, war Shahla gefolgt und hatte uns immer wieder umkreist. Shahla hatte ihn keines Blickes gewürdigt. Als ich ihr zuflüsterte, dass er sie beobachtete, zischte sie mir zu, still zu sein, als würde es erst wahr, wenn man es laut aussprach. Bei seiner dritten Umkreisung kam er uns zu nah.

Der Junge hatte vor uns kehrtgemacht und radelte wieder auf uns zu. Er raste die staubige Straße hinunter und wurde erst langsamer, als er sich uns näherte. Shahla schaute ihn noch immer nicht an und verzog wütend das Gesicht.

»Parwin! Pass auf!«

Bevor ich Parwin aus dem Weg stoßen konnte, rollte unser Verfolger über eine Getränkedose, die auf der Straße lag. Er schwankte hin und her und riss dann den Lenker herum, um einem streunenden Hund auszuweichen. Das Fahrrad raste direkt auf uns zu. Der Junge riss Augen und Mund auf und kämpfte um sein Gleichgewicht. Dann streifte er Parwin und stürzte über die Stufen vor einem Laden für Trockenobst.

»Bei Allah!«, rief Parwin, die ganz aus dem Häuschen war. »Schaut nur! Es hat ihn glatt umgehauen!«

»Glaubst du, er ist verletzt?«, fragte Shahla. Sie hielt sich die Hand vor den Mund, als hätte sie nie etwas Erschütternderes gesehen.

»Parwin, dein Rock!« Mein Blick war von Shahlas besorgtem Gesicht zu Parwins zerrissenem Saum gewandert. Die Drähte, mit denen der Junge die alten Speichen repariert hatte, hatten sich in Parwins Kleid verfangen, als er sie gestreift hatte.

Sofort brach Parwin in Tränen aus – es war ihre neue Schuluniform. Wir wussten, wenn Madar-jan das unserem Vater erzählte, dann mussten wir daheim bleiben und durften nicht mehr in die Schule gehen. Es wäre nicht das erste Mal.

»Warum schweigt ihr alle, wenn ich euch etwas frage?«, verlangte Madar-jan zu wissen. »Habt ihr denn gar nichts zu eurer Verteidigung zu sagen? Erst kommt ihr zu spät, und dann seht ihr auch noch aus, als hättet ihr Hunde durch die Straßen gejagt!«

Shahla hatte schon oft für uns gesprochen und sah verzweifelt aus, und Parwin war wie immer ein Nervenbündel, sie fummelte nur an ihrem Kleid herum. Dann, bevor ich überhaupt wusste, was ich eigentlich sagen wollte, hörte ich plötzlich meine eigene Stimme.

»Madar-jan, es war nicht unsere Schuld! Da war dieser Junge auf dem Fahrrad, und wir haben ihn ignoriert, aber er ist immer wieder zurückgekommen, und ich habe ihn angeschrien. Ich habe ihm gesagt, er sei ein Dummkopf, wenn er nicht den Weg nach Hause kennt.«

Parwin konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. Madar-jan funkelte sie tadelnd an.

»Ist er euch zu nahe gekommen?«, fragte sie und drehte sich zu Shahla um.

»Nein, Madar-jan. Ich meine, er war ein paar Meter hinter uns. Er hat kein Wort gesagt.«

Madar-jan seufzte und legte die Hände an die Schläfen.

»Schön. Macht, dass ihr reinkommt, und setzt euch an die Hausaufgaben. Wir werden ja sehen, was euer Vater dazu sagt.«

»Du wirst es ihm sagen?«, rief ich entsetzt.

»Natürlich werde ich es ihm sagen«, antwortete Madar-jan und schlug mir auf den Po, als ich an ihr vorbei ins Haus ging. »Wir haben noch nie etwas vor eurem Vater verheimlicht, und wir fangen jetzt nicht damit an!«

Während wir in unsere Hefte kritzelten, unterhielten wir uns darüber, was Padar-jan wohl sagen würde, wenn er nach Hause kam. Da hatte Parwin eine Idee.

»Ich glaube, wir sollten Padar sagen, dass unsere Lehrerinnen von diesen Jungs wissen und dass sie schon Ärger bekommen haben. Sie werden uns nicht mehr belästigen«, schlug sie eifrig vor.

»Parwin, das wird nicht funktionieren. Was willst du denn sagen, wenn Madar-jan Khanum Behduri fragt, ob das stimmt?« Shahla war wie immer die Stimme der Vernunft.

»Nun, dann sagen wir eben, dass es dem Jungen leidgetan hat und dass er versprochen hat, uns nie mehr zu belästigen. Oder dass wir uns einen anderen Schulweg suchen werden.«

»Schön, Parwin. Sag du ihm das. Ich bin es ohnehin leid, ständig für euch zu sprechen.«

»Parwin wird gar nichts sagen. Sie spricht nur, wenn niemand zuhört«, erklärte ich.

»Wirklich lustig, Rahima. Du hältst dich wohl für besonders tapfer. Mal sehen, ob du auch noch so mutig bist, wenn Padar-jan nach Hause kommt«, schmollte Parwin.

Und ich war in der Tat keine sonderlich tapfere Neunjährige mehr, als wir Padar-jan schließlich gegenüberstanden, im Gegenteil. Verzweifelt versuchte ich, meine Gedanken hinter meinen geschürzten Lippen zu verstecken, doch das blieb nicht unbemerkt. Zu guter Letzt beschloss Padar-jan, uns wieder aus der Schule zu nehmen.

Wir bettelten und flehten ihn an, uns wieder gehen zu lassen. Eine von Parwins Lehrerinnen, eine Freundin von Madar-jan aus Kindertagen, kam sogar in unser Haus und versuchte, mit unseren Eltern zu reden. In der Vergangenheit hatte Padar-jan stets nachgegeben, doch diesmal nicht. Er wollte zwar, dass wir in die Schule gingen, doch er war um unsere Sicherheit besorgt. Und was sollten die Leute denken, wenn sie sahen, wie die Jungs seine Töchter durch die Straßen jagten?

»Hätte ich einen Sohn, dann würde all das nicht passieren! Verdammt nochmal! Warum nur haben wir ein Haus voller Mädchen? Nicht eins, nicht zwei … nein … fünf!«, rief er dann immer, und Madar-jan konzentrierte sich auf ihre Hausarbeit, während die Last der Enttäuschung auf ihren Schultern ruhte.

Und zurzeit war Padar-jan noch launischer als sonst. Madar-jan ermahnte uns stets, leise und respektvoll zu sein. Sie erzählte uns, Padar-jan seien viele schlimme Dinge passiert und das mache ihn sehr wütend. Sie sagte, wenn wir uns gut benehmen würden, dann würde er bald wieder er selbst sein. Doch es fiel mir schwerer und schwerer, mich an die Zeit zu erinnern, als Padar-jan nicht immer nur laut und wütend gewesen war.

Da wir nun ständig daheim waren, wurde mir die zusätzliche Aufgabe übertragen, Lebensmittel einzukaufen. Meine älteren Schwestern durften dagegen nicht nach draußen, denn sie waren erwachsener und fielen somit auch mehr auf. Ich hingegen war für die Jungen bis jetzt unsichtbar und ging kein Risiko ein, wenn ich mich auf der Straße zeigte.

Alle zwei Tage stopfte ich ein paar Geldscheine in einen Beutel, den Madar-jan mir ins Kleid genäht hatte, damit ich keine Entschuldigung hatte, wenn ich sie verlor. Dann suchte ich mir einen Weg durch die engen Straßen und ging die dreißig Minuten zum Markt. Ich liebte den alten Basar. In den Läden hier herrschte reges Treiben. Die Frauen sahen inzwischen deutlich anders aus als noch vor ein paar Jahren. Einige trugen lange blaue Tschaderi, andere lange Röcke und sittsame Kopftücher. Die Männer wiederum trugen das Gleiche wie mein Vater: lange Hemden und Pluderhosen in den tristen Farben unserer Landschaft. Kleine Jungs hatten reich verzierte Kappen mit kleinen, runden Spiegelpailletten und durchsetzt von Goldfäden. Als ich schließlich am Markt ankam, waren meine Schuhe voller Staub, und ich hielt mein Kopftuch als Schutz vor den Staubwolken, die von unzähligen Karren und anderen Fahrzeugen aufgewirbelt wurden, vor den Mund. Es war, als würde sich die khakifarbene Landschaft in der Luft über unserem kleinen Ort auflösen.

Zwei Wochen nachdem uns verboten worden war, die Schule zu besuchen, kannten die Ladenbesitzer mich. Allerdings gab es außer mir auch nicht allzu viele neunjährige Mädchen, die mit festem Schritt von Laden zu Laden zogen. Ich hatte meine Eltern oft genug feilschen sehen und war fest davon überzeugt, es auch zu können. Ich diskutierte mit dem Bäcker, der versuchte, mir das Doppelte von dem zu berechnen, was er von meiner Mutter verlangte, und ich stritt mich mit dem Kaufmann, der mir weismachen wollte, dass das Mehl, das ich wollte, importiert worden sei und deshalb auch mehr koste. Ich schnaubte verächtlich, als ich den Preis hörte, den er mir nannte, und erklärte ihm, dass ich das gleiche Mehl auch bei Agha Mirwais kaufen könne, ein Stück die Straße runter. Wütend knirschte der Kaufmann mit den Zähnen, stopfte das Mehl zu den anderen Lebensmitteln, die ich gekauft hatte, und knurrte Worte vor sich hin, die nicht für die Ohren eines Kindes bestimmt waren.

Madar-jan freute sich, dass ich ihr bei den Einkäufen half. Sie hatte schon genug mit Sitara um die Ohren, die gerade zu laufen begann. Parwin kümmerte sich um die Kleine, wenn Madar-jan und Shahla putzten oder kochten, und nachmittags setzte Madar-jan uns an den Tisch, damit wir die Hausaufgaben machen konnten, die sie uns aufgetragen hatte.

Für Shahla waren die Tage lang und schwer. Sie sehnte sich nach ihren Freundinnen und den Gesprächen mit den Lehrerinnen. Shahlas Stärken waren ihre Intuition und ihre Intelligenz. Sie war zwar nicht die Klassenbeste, aber es gelang ihr eigentlich immer, ihre Lehrerinnen zu bezirzen, sodass die sie in die Liste der besten Schülerinnen aufnahmen. Shahla sah nur durchschnittlich aus, doch sie legte großen Wert auf ihr Äußeres. So bürstete sie jeden Abend mindestens fünf Minuten ihre Haare, seit irgendjemand ihr gesagt hatte, ihre Lockenpracht würde dann noch länger werden. Shahlas Gesicht war das, was die Leute als »nett« bezeichneten, weder schön noch einprägsam. Doch ihre Persönlichkeit ließ sie von innen strahlen. Wenn die Leute sie anschauten, dann konnten sie nicht anders, als zu lächeln. Shahla war höflich und sittsam und in der Schule sehr beliebt. Wenn sie die Menschen ansah, fühlten sie sich automatisch wichtig. Vor Freunden und Familie machte Shahla Madar-jan stolz, denn sie sprach wie eine Erwachsene und erkundigte sich stets nach dem Wohlbefinden eines jeden Besuchers und seiner Familie.

»Wie geht es Farzana-jan?«, fragte sie dann zum Beispiel. »Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen. Bitte, sagen Sie ihr, dass ich nach ihr gefragt habe.« Großmütter nickten dann anerkennend und lobten Madar-jan für ihre Erziehung.

Parwin war da vollkommen anders. Sie war atemberaubend. Ihre Augen hatten nicht unser Schlammbraun, sondern ein Haselnussbraun, das sich mit Grau mischte. Man vergaß, was man gerade sagen wollte, sobald man in sie hineinschaute. Das Haar fiel in langen, von Natur aus glänzenden Wellen um ihr Gesicht. Ohne Zweifel war Parwin das bestaussehende Mädchen in unserer ganzen, weitläufigen Familie.

Doch ihre sozialen Fähigkeiten ließen zu wünschen übrig. Wenn Madar-jans Freundinnen vorbeikamen, verschwand Parwin in einer Ecke und beschäftigte sich mit irgendwas, und wenn es ihr gelang, den Raum zu verlassen, bevor die Erwachsenen hereinkamen, war es umso besser. Und wenn sie der traditionellen Begrüßung mit drei Küssen entkommen konnte, war ihr Glück perfekt. Richtete aber trotzdem jemand eine Frage an sie, dann antwortete sie so knapp wie möglich, während ihr Blick auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit aufgeregt hin und her huschte.

»Parwin, bitte! Khala Lailoma hat dir eine Frage gestellt. Würdest du dich bitte umdrehen? Diese Pflanzen müssen doch nicht ausgerechnet jetzt gegossen werden!«

Doch diesen Mangel an sozialen Fähigkeiten machte Parwin mit ihrem künstlerischen Talent wett. Mit Papier und Bleistift war sie eine Meisterin. Graphit verwandelte sich in ihren Händen in visuelle Energie. Faltige Gesichter, ein verletzter Hund, ein zerstörtes Haus. Parwin besaß die Gabe, anderen zu zeigen, was sie selbst dann nicht sahen, wenn sie direkt darauf schauten. Binnen Minuten konnte sie ein Meisterwerk zeichnen, doch wenn sie Geschirr spülen sollte, dauerte das Stunden.

»Parwin lebt in einer anderen Welt«, sagte Madar-jan immer. »Sie ist eben etwas anders.«

»Und was wird ihr das nützen?«, erwiderte Padar-jan dann stets. »Sie muss in der echten Welt überleben.« Doch er liebte Parwins Zeichnungen. Er verwahrte einen ganzen Stapel davon neben seinem Bett und schaute sie sich von Zeit zu Zeit an.

Und Parwin hatte noch ein Problem, sie war mit einer schwachen Hüfte geboren worden. Irgendjemand hatte Madar-jan gesagt, dass sie während der Schwangerschaft wohl ein wenig zu viel auf der Seite gelegen habe. Schon von dem Augenblick an, da sie zu krabbeln begann, hatte sich gezeigt, dass mit Parwin etwas nicht stimmte. Sie hatte erst sehr spät zu laufen begonnen, und sie humpelte bis heute. Als sie fünf oder sechs Jahre alt gewesen war, hatte Padar-jan sie zu einem Arzt gebracht, doch der hatte gesagt, es sei schon zu spät, um noch etwas daran zu ändern.

Und schließlich gab es mich. Dass ich nicht mehr zur Schule gehen durfte, störte mich nicht so sehr wie meine Schwestern. Ich nehme an, das lag daran, dass ich so Gelegenheit bekam, ein wenig allein durchs Dorf zu laufen, ohne dass meine Schwestern mich ständig tadelten oder ermahnten, ihre Hand festzuhalten, wenn wir die Straße überquerten. Endlich war ich frei … und das sogar noch mehr als meine Schwestern!

Madar-jan brauchte dringend Hilfe, wenn es etwas im Ort zu besorgen galt, und auf Padar-jan war in letzter Zeit immer weniger Verlass. Wenn sie ihn bat, etwas auf dem Markt zu besorgen, dann vergaß er es unweigerlich und beschwerte sich anschließend, dass nichts in der Speisekammer war. Aber wenn Madar-jan selbst auf den Markt ging, dann geriet Padar-jan außer sich vor Wut. Von Zeit zu Zeit bat Madar-jan die Nachbarn, ihr ein, zwei Sachen mitzubringen, doch sie war bemüht, dass nicht zu oft zu tun. Sie wusste, dass die Leute hinter vorgehaltener Hand schon darüber redeten, wie Padar-jan in unserer Straße auf und ab lief, wild gestikulierte und dabei mit den Vögeln sprach. Meine Schwestern und ich wunderten uns auch über dieses Verhalten, doch Madar-jan erklärte uns, Padar-jan müsse eine spezielle Medizin nehmen. Deshalb benehme er sich manchmal auch so komisch.

Daheim konnte ich nicht anders, als von meinen Abenteuern in der Welt draußen zu erzählen. Das ärgerte Shahla mehr als Parwin, die mit ihrem Zeichenstift eigentlich ganz zufrieden war.

»Ich glaube, morgen hole ich mir ein paar geröstete Kichererbsen auf dem Markt. Ich habe etwas Geld. Wenn du willst, bringe ich dir welche mit, Shahla.«

Shahla seufzte und setzte Sitara auf ihr anderes Bein. Sie sah wie eine gereizte junge Mutter aus.

»Vergiss es. Ich will keine. Geh einfach, und mach deine Arbeit, Rahima. Ich bin sicher, du trödelst da draußen nur herum. Mit Sicherheit hast du es nicht eilig, wieder heimzukommen.«

»Ich trödele nicht! Ich gehe einkaufen, wenn Madar-jan es sagt. Ach, vergiss es. Bis später.«

Ich wollte nicht, dass meine Schwestern neidisch auf mich waren. Ich wollte meine neuen Privilegien einfach nur ein wenig feiern. Endlich konnte ich durch die Geschäfte ziehen, ohne ständig von meinen Schwestern überwacht zu werden. Natürlich hätte ich das mit ein wenig mehr Taktgefühl auch anders sagen können. Und ich glaube, es war mein vorlauter Mund, der auch Khala Shaimas Aufmerksamkeit erregt hat. Vielleicht hatte meine Taktlosigkeit ja einen höheren Sinn.

Khala Shaima war die ältere Schwester meiner Mutter. Madar-jan stand ihr näher als sonst jemand in ihrer Familie, und wir sahen sie oft. Und wären wir nicht mit ihr aufgewachsen, wir hätten bei ihrem Anblick vermutlich Angst bekommen. Khala Shaima war mit einem krummen Rückgrat geboren worden, das sich wie eine Schlange über ihren Rücken wand. Unsere Großeltern hatten gehofft, sie zu verheiraten, bevor ihr Zustand zu offensichtlich wurde, doch niemand hatte sie gewollt. Familien waren gekommen und hatten nach meiner Mutter oder Khala Zeba gefragt, der jüngsten der drei Schwestern, doch niemand hatte Khala Shaima, die Bucklige, gewollt.

Khala Shaima hatte schon früh in ihrem Leben gelernt, dass sie nie die Aufmerksamkeit eines Jungen erregen würde, und so hatte sie sich auch nicht mehr um ihr Äußeres gekümmert. Sie ließ ihre Augenbrauen zusammenwachsen, rasierte sich die Haare am Kinn nicht und trug ständig die gleichen farblosen Kleider.

Statt auf sich selbst konzentrierte sie all ihre Energie auf ihre Nichten und Neffen und kümmerte sich um meine Großeltern, als diese älter wurden. Und Khala Shaima kümmerte sich auch um uns. Sie sorgte dafür, dass wir gut in der Schule waren, dass wir ordentliche Kleider trugen und dass wir keine Läuse hatten. Sie war wie ein Sicherheitsnetz für alles, was unsere Eltern nicht für uns tun konnten, und sie war einer der wenigen Menschen, die Padar-jan ertragen konnten.

Aber man musste Khala Shaima erst einmal richtig kennenlernen, um sie zu verstehen, und ich meine wirklich zu verstehen. Wenn man nicht wusste, dass sie nur das Beste für die anderen wollte, dann konnte sie einen mit ihrer schroffen Art, der ständigen Kritik und dem zweifelnden Funkeln in ihren Augen leicht verärgern. Doch wenn man wusste, wie Fremde und Familie sie ihr ganzes Leben lang behandelt hatten, dann war das nicht erstaunlich.

Khala Shaima war gut zu uns Mädchen und hatte die Taschen immer voller Süßigkeiten. Padar-jan bemerkte dann stets schnippisch, ihre Taschen seien das einzig Süße an Khala Shaima, und meine Schwestern und ich täuschten Geduld vor, während wir begierig auf das Rascheln des Schokoladenpapiers warteten. Als Khala Shaima an diesem Tag eintraf, war ich gerade vom Markt zurück, gerade noch rechtzeitig für meinen Anteil an den Süßigkeiten.

»Shaima, bei Allah, du verwöhnst die Mädchen! Wo bekommst du nur die Schokolade her? Billig ist das sicher nicht!«

»Stell dich keinem Esel in den Weg, der dir nicht gehört«, schoss sie zurück. Auch das war typisch für Khala Shaima. Natürlich benutzte jeder hier die alten afghanischen Sprichwörter, doch bei Khala Shaima gab es kaum einen Satz ohne sie, und daher redete sie so verdreht wie ihr Rückgrat krumm war. »Halt dich einfach raus, und lass die Mädchen ihre Hausaufgaben machen.«

»Wir sind mit den Hausaufgaben fertig, Khala-jan«, sagte Shahla. »Wir haben den ganzen Morgen daran gearbeitet.«

»Den ganzen Morgen? Wart ihr denn nicht in der Schule?« Khala Shaima runzelte die Stirn.

»Nein, Khala Shaima. Wir gehen nicht mehr in die Schule«, antwortete Shahla und riss die Augen auf. Sie wusste ganz genau, dass sie Madar-jan damit in Teufels Küche brachte.

»Was soll das heißen? Raisa! Warum sind die Mädchen nicht in der Schule?«

Madar-jan, die gerade Tee kochte, hob widerwillig den Kopf.

»Wir mussten sie wieder rausnehmen.«

»In Allahs Namen, was für eine Ausrede hast du dir denn diesmal ausgedacht, um sie von ihren Studien fernzuhalten? Hat sie vielleicht ein Hund auf der Straße angebellt?«

»Nein, Shaima. Glaubst du etwa, ich würde sie nicht gern zur Schule gehen lassen? Aber da ist all der Blödsinn auf der Straße. Du weißt doch, wie die Jungs sind. Und na ja, ihr Vater ist nicht gerade erpicht darauf, sie rauszuschicken, nur damit die Nachbarjungen mit ihnen spielen können. Und ich kann ihm das nicht zum Vorwurf machen. Du weißt ja, dass die Mädchen ohnehin erst seit einem Jahr auf die Straße dürfen. Vielleicht ist es ja noch zu früh.«

»Zu früh? Wohl eher zu spät! Sie hätten schon die ganze Zeit über in die Schule gehen sollen, nur sind sie das nicht. Überleg doch nur mal, wie weit sie ohnehin schon hinten dran waren, und jetzt, wo sie alles aufholen könnten, hältst du sie zuhause fest und lässt sie den Boden schrubben? Auf der Straße wird es immer irgendwelche Idioten geben, die was weiß ich nicht sagen oder sie dämlich anglotzen. Das ist eben so. Wenn du die Mädchen deswegen hierbehältst, dann bist du nicht besser als die Taliban, die die Schulen geschlossen haben.«

Shahla und Parwin schauten einander entsetzt an.

»Was soll ich denn tun?«, verlangte Madar-jan zu wissen. »Arifs Cousin Haseb hat ihm erzählt, dass …«

»Haseb? Dieser Esel, dessen Maul größer ist als das Rohr eines russischen Panzers lang? Du triffst Entscheidungen für deine Töchter aufgrund von etwas, das Haseb erzählt hat? Schwester, ich hatte mehr von dir erwartet.«

Madar-jan schnaubte entnervt und rieb sich die Schläfen.

»Dann bleib gefälligst hier, bis Arif wiederkommt, und sag ihm, was du glaubst, das wir tun sollten«, erwiderte Madar-jan.

»Habe ich denn gesagt, dass ich wieder gehen will?«, entgegnete Khala Shaima kühl. Sie schob sich ein Kissen hinter den krummen Rücken und lehnte sich zurück. Wir bereiteten uns auf das Schlimmste vor. Padar-jan hasste es, wenn Khala Shaima sich in unsere Angelegenheiten einmischte, und er war genauso direkt wie sie.

*

»Du bist ein Narr, wenn du glaubst, es sei besser für die Mädchen, daheim zu verrotten, als in der Schule zu lernen.«

»Du bist doch auch nie zur Schule gegangen, und schau nur, was aus dir geworden ist«, erwiderte Padar-jan giftig.

»In jedem Fall habe ich mehr Verstand als du, Ingenieur-sahib.« Das war ein Tiefschlag. Nach der Schule hatte Padar-jan Ingenieurwesen studieren wollen, doch seine Noten waren nicht gut genug gewesen. Jetzt besaß er einen kleinen Laden, in dem er alte Elektrogeräte reparierte, und obwohl er recht gut darin war, kämpfte er immer noch mit seiner Enttäuschung, dass er es nicht bis zum Ingenieur geschafft hatte, denn das war ein hochangesehener Titel in Afghanistan.

»Verdammt sollst du sein, Shaima! Verschwinde aus meinem Haus! Das sind meine Töchter, und ich lasse mir nicht von einem Krüppel sagen, wie ich mit ihnen umgehen soll!«

»Wie du meinst, aber dieser Krüppel hat vielleicht eine Idee, wie man dein Problem lösen kann … eine Idee, wie du deinen ach so wichtigen Stolz bewahren kannst und die Mädchen in die Schule gehen können.«

»Vergiss es. Mach einfach, dass du rauskommst. Ich kann dein Gesicht nicht mehr sehen. Raisa! Wo zum Teufel bleibt mein Essen?«

»Was ist das denn für eine Idee, Shaima?«, mischte Madar-jan sich ein. Sie respektierte ihre Schwester, denn Khala Shaima hatte meistens recht. Rasch holte Madar-jan einen Teller Essen und brachte ihn zu Padar-jan, der inzwischen mit leerem Blick aus dem Fenster starrte.

»Raisa, erinnerst du dich noch an die Geschichte, die unsere Großmutter uns erzählt hat? Die Geschichte über Bibi Shekiba?«

»Oh, die! Ja, aber wie soll das den Mädchen helfen?«

»Bibi Shekiba wurde, was ihre Familie brauchte. Sie wurde, was der König brauchte.«

»Der König.« Padar-jan schnaubte verächtlich. »Deine Geschichten werden jedes Mal verrückter, wann immer du dein hässliches Maul aufmachst.«

Khala Shaima ignorierte ihn. Sie war Schlimmeres gewohnt.

»Glaubst du wirklich, das würde auch bei uns funktionieren?«, fragte Madar-jan.

»Die Mädchen brauchen einen Bruder.«

Madar-jan wandte den Blick ab und seufzte enttäuscht. Seit Shahlas Geburt litt sie unter ihrer Unfähigkeit, einen Sohn zu gebären. Und sie hatte nicht damit gerechnet, dass das heute Abend auf den Tisch kommen würde. Verlegen mied sie Padar-jans Blick.

»Bist du deshalb hier?«, fuhr Padar-jan Khala Shaima an. »Um mir zu sagen, dass wir einen Sohn brauchen? Glaubst du etwa, das weiß ich nicht? Wenn deine Schwester eine bessere Frau wäre, dann hätten wir vielleicht einen!«

»Red nicht solchen Unsinn und lass mich erst mal zu Ende erzählen.«

Doch sie kam nicht ans Ende. Sie fing nur an. An diesem Abend fing Khala Shaima an, uns die Geschichte meiner Ururgroßmutter Shekiba zu erzählen. Eine Geschichte, die meine Schwestern und ich noch nie zuvor gehört hatten. Eine Geschichte, die mich veränderte.

Kapitel Zwei

Shekiba

Shekiba.

Dein Name bedeutet »Geschenk«, meine Tochter. Du bist ein Geschenk Allahs.

Wer hätte schon wissen können, dass Shekiba dereinst tatsächlich werden würde, was ihr Name versprach: ein Geschenk, das von einer Hand zur anderen wanderte. Shekiba wurde um die Wende zum 20. Jahrhundert geboren, in einem Afghanistan, auf das sowohl Russland als auch Großbritannien einen gierigen Blick geworfen hatten. Beide versprachen abwechselnd, die Grenzen des Landes zu verteidigen, in das sie gerade eingefallen waren, wie ein Pädophiler, der seinem Opfer ewige Liebe schwört.

Die Grenze zwischen Afghanistan und Indien wurde so häufig neu festgelegt, als wäre sie nur mit Bleistift gezogen worden, damit man sie jederzeit wieder ausradieren konnte. Die Menschen lebten mal in dem einen und mal in dem anderen Land. Ihre Nationalität änderte sich so oft wie der Wind seine Richtung. Für Großbritannien und Russland, so wie auch später für die Sowjetunion, war Afghanistan das Spielfeld des »Großen Spiels«, des Machtkampfes um die Herrschaft über Zentralasien. Doch das Spiel neigte sich langsam seinem Ende entgegen, und das afghanische Volk widersetzte sich immer mehr der Kontrolle von außen. Mit stolzgeschwellter Brust erzählten die Afghanen von ihrem Kampfeswillen.

Trotzdem nahmen die größeren Staaten sich immer wieder Teile von Afghanistan. Das Land schrumpfte Stück für Stück wie ein Wollpullover im Regen. Die Gebiete im Norden wie Samarkand und Buchara gingen an das Russische Reich verloren, und auch im Süden wurde die Grenze immer weiter landeinwärts getrieben.

In dieser Hinsicht war Shekiba Afghanistan. Seit ihrer Kindheit nagten Niedertracht und viele Schicksalsschläge an ihrer Seele, bis sie nur noch ein Bruchteil der Person war, die sie hätte sein sollen. Wenn Shekiba doch nur hübscher gewesen wäre, ein Anblick, der dem Auge schmeichelte. Vielleicht hätte ihr Vater dann auf eine bessere Partie hoffen können, als Shekibas Zeit gekommen war. Und vielleicht hätte sie dann wenigstens einen Hauch von Güte erfahren.

Doch Shekibas Dorf war gnadenlos. Nach Kabul ritt man eine Woche, und dabei musste man einen Fluss und drei Berge überqueren. So verbrachten die meisten Menschen ihr ganzes Leben im Dorf und auf den von Bergen umgebenen grünen Feldern und wanderten über die staubigen Feldwege, die ein ummauertes Anwesen mit dem anderen verbanden. Ihr Dorf lag in einem Tal. Die dunkle Erde wurde von einem nahegelegenen Fluss genährt, und hohe Gipfel vermittelten den Menschen ein Gefühl von Abgeschiedenheit und Ungestörtsein. Ein paar Dutzend Klans, Großfamilien, lebten hier, die einander schon seit Generationen kannten. Die meisten Leute waren miteinander verwandt, und Gerüchte waren eine Form des Zeitvertreibs.

Shekibas Eltern waren Cousins zweiten Grades. Ihre Ehe hatte Shekibas Großmutter väterlicherseits arrangiert. Ihre Familie lebte wie viele andere auch als Bauern. Doch mit jeder Generation wurde das Land geteilt, damit die Leute sich ein Heim bauen konnten, wenn sie beschlossen, nicht mehr im Haupthaus des Klans zu leben. Shekibas Vater, Ismail Bardari, war der Jüngste in seiner Familie. Seine älteren Brüder hatten schon vor ihm geheiratet und das Anwesen mit ihren Frauen und Kindern bevölkert.

Als er sah, dass es keinen Platz mehr für ihn und seine Braut Shafiqa gab, griff Ismail nach einem Meißel und machte sich an die Arbeit. Er hatte das Glück, dass sein Vater ihm ein fruchtbares Stück Land gegeben hatte. Und er wusste, dass seine Ernte gesichert war, weil er härter arbeitete als seine Brüder. Und sein Vater hatte sicherstellen wollen, dass das Potenzial dieses Stücks Land auch ausgenutzt wurde. Schließlich gab es viele hungrige Mäuler zu stopfen, und eine gute Ernte bedeutete Extraeinkommen für das ganze Dorf. Ismail hatte ein besonderes Talent für die Landwirtschaft, während es seinen Brüdern daran mangelte. Er wusste genau, wann die Temperatur für die Aussaat stimmte, wie oft der Boden gedüngt werden musste und wie viel Wasser das Korn gedeihen ließ. Ismail war der Lieblingssohn seines Vaters, und das verübelten ihm seine Brüder. Sie taten so, als würden sie gerne noch im Haupthaus leben. Ismail aber umgab den neuen Hof mit einer Mauer aus Lehm und Stein, wie es in Afghanistan üblich war, um ein wenig Raum für sich allein zu haben.

Dann brachte Ismail seine aufgeregte Braut in ihr neues Heim, das mitten auf dem kleinen Stück Land stand, das an die Felder seines Bruders grenzte. Wenn Shafiqa draußen war, dann konnte sie sehen, wer bei ihrem Schwager ein- und ausging. Sie konnte die Tschaderi der Frauen sehen, leuchtend blaue Flecken in der khakifarbenen Landschaft. Wenn die Frauen in ihre Richtung kamen, lief sie sofort wieder hinein, um sich zu bedecken. Es war ihr peinlich, dass ihr Bauch durch das Kind so angeschwollen war. Die Frauen seufzten, wenn sie mit ihr sprachen, und sie flüsterten mit ihrem Mann, wenn Shafiqa nicht in der Nähe war. Wäre Shekibas Vater wie die meisten anderen Männer gewesen, er hätte auf dieses Flüstern gehört und sich eine zweite Frau genommen. Doch Ismail Bardari war anders. Was auch immer seine Mutter und seine Schwestern sagten, er blieb bei der einen Frau.

Shekibas Brüder, Tariq und Munis, waren die einzige Verbindung zum Klan, denn Shafiqa wachte über Shekiba und Aqela, ihre kleine Schwester, die den Spitznamen »Bülbül« trug, weil ihre helle, melodische Stimme Ismail an den gleichnamigen Singvogel erinnerte. Tariq und Munis aber liefen ständig zwischen dem Hof ihres Vaters und dem ihres Großvaters hin und her und dienten so als Boten für Kleidung, Gemüse und Neuigkeiten. Ihre Großeltern liebten die Jungs und schätzten sie als männliche Erben. Ismails Mutter, Bobo Shahgul, sagte oft, dass die beiden Jungs das einzig Gute seien, was je von Shafiqa ausgegangen sei. Die Jungs mussten sich viele hasserfüllte Bemerkungen anhören, doch sie wussten, dass sie es besser für sich behalten sollten. Shekiba und Aqela wiederum hatten nicht die geringste Ahnung, wie die Familie ihres Vaters über sie dachte, denn sie verbrachten die meiste Zeit an der Seite ihrer Mutter. Manchmal war die Nähe sogar zu groß.

Im Alter von zwei Jahren stellte eine ungeschickte Shekiba ihr Leben in nur einem einzigen Augenblick auf den Kopf. Sie wachte von ihrem Morgennickerchen auf und tapste los, um ihre Mutter zu suchen. Sie hörte vertraute Geräusche in der Küche und stolperte hinein. Ihr winziger Fuß verfing sich im Saum ihres Kleides, und sie ruderte mit dem Arm, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Dabei traf sie einen Topf mit heißem Öl und warf ihn um, bevor ihre Mutter nach ihr greifen konnte. Das Öl spritzte auf und schmolz die linke Hälfte von Shekibas Engelsgesicht zu einem Fleischklumpen.

Shafiqa schrie und versuchte, das Gesicht ihrer Tochter mit kaltem Wasser zu löschen, doch es war zu spät. Es dauerte Monate, bis alles abgeheilt war, und Shafiqa hielt die ganze Zeit über Shekibas Gesicht mit einem Gemisch sauber, dass der örtliche Alchemist für sie zusammengestellt hatte. Doch die Schmerzen wurden immer stärker, je mehr die Haut darum kämpfte, sich zu erholen. Das Jucken trieb Shekiba fast in den Wahnsinn, und ihre Mutter war gezwungen, ihre Hände in Stoff zu wickeln, besonders wenn sie die tote schwarze Haut abzupfte. Und dann bekam Shekiba Fieber. Das kleine Kind zitterte am ganzen Leib und wand sich, und Shafiqa konnte nichts dagegen tun, außer an der Seite ihrer Tochter zu beten, sie in den Armen zu wiegen und Allah um Gnade zu bitten.

Bobo Shahgul besuchte Shekiba, als sie von dem Unfall hörte. Shafiqa hoffte so sehr, dass ihre Schwiegermutter einen guten Rat für sie hätte, doch Bobo Shahgul blieb stumm. Als sie das Haus verließ, sagte sie nur, Shafiqa solle besser auf ihre Kinder aufpassen, und sie murmelte Worte des Danks, dass es keinen der Jungs getroffen hatte.

Shekibas Überleben kam einem Wunder gleich, ein weiteres Geschenk von Allah. Doch obwohl ihr Gesicht verheilte, war sie anschließend nicht mehr dieselbe. Von da an bestand Shekiba aus zwei Hälften. Wenn sie lächelte, dann lächelte nur ihr halbes Gesicht. Wenn sie weinte, dann weinte nur ihr halbes Gesicht. Doch das Schlimmste war, wie die Menschen sie nun anschauten. Sah jemand ihr Profil von rechts, dann lächelte er, doch sobald er die andere Seite sah, änderte sich sein Gesichtsausdruck. Und jede dieser Reaktionen erinnerte Shekiba daran, dass sie hässlich war, ein Horror. Manche Menschen wichen unwillkürlich zurück und schlugen erschrocken die Hand vor den Mund. Andere wagten es, sich vorzubeugen, die Augen zusammenzukneifen und sie genauer anzusehen. Ging sie über die Straße, dann blieben die Menschen auf der anderen Straßenseite stehen und deuteten auf sie.

Da! Hast du das gesehen? Da geht das Mädchen mit dem halben Gesicht. Ich habe dir ja gesagt, wie schrecklich sie aussieht. Allah allein weiß, womit sie das verdient hat.

Selbst Shekibas Tanten und Onkel schüttelten jedes Mal die Köpfe und schnalzten mit den Zungen, wenn sie sie sahen, als wären sie jedes Mal von Neuem enttäuscht und schockiert. Ihre Cousins dachten sich Spottnamen für sie aus. Shola-Gesicht, weil ihre Haut an klebrige Reisklumpen erinnerte, oder Babalu, Monster. Und diesen Namen hasste Shekiba mehr als alles andere, denn sie hatte Angst vor dem Babalu, jener Kreatur, vor der sich alle afghanischen Kinder in der Nacht fürchteten.

Shafiqa versuchte zwar, ihre Tochter vor all dem Spott, den Demütigungen und den Blicken zu schützen, doch es war zu spät, um Shekibas Selbstwertgefühl zu retten, dieses Gut, das die Menschen ohnehin nicht allzu sehr schätzten. Shafiqa verhüllte Shekiba mit einem Tschaderi, wann immer Leute sich ihrem Haus näherten oder bei den seltenen Gelegenheiten, da die Familie ins Dorf ging.

Vergiss nicht, dass Shekiba »Geschenk« bedeutet. Du bist unser Geschenk, meine Tochter. Da müssen dich andere nicht angaffen.

Shekiba wusste, dass sie furchtbar entstellt war und dass sie von Glück sagen konnte, dass zumindest ihre engste Familie sie akzeptierte. Im Sommer war es unter dem Tschaderi heiß und stickig, doch Shekiba fühlte sich sicherer damit, beschützt. Sie war zwar nicht wirklich glücklich, aber zufrieden damit, daheim und vor den Blicken der anderen geschützt zu sein. So musste sie sich wenigstens nicht beleidigen lassen. Ihre Eltern hielten immer mehr Abstand zum Klan, und dessen Abneigung gegen Shafiqas Unnahbarkeit wuchs immer mehr.

Tariq und Munis dagegen waren voller Energie, und da sie nur knapp ein Jahr voneinander trennte, konnte man sie leicht für Zwillinge halten. Als sie acht und neun waren, halfen sie ihrem Vater bei der Feldarbeit und machten Besorgungen im Dorf. Für gewöhnlich überhörten sie Kommentare über ihre »verfluchte Schwester« einfach, doch dann und wann schleuderte Tariq eine Beleidigung zurück. Eines Tag kam Munis mit blauen Flecken und schlecht gelaunt nach Hause. Einer der Jungen hatte ihn wegen seiner Monster-Schwester verspottet, und er hatte sich den Kerl vorgeknöpft. Padar-jan ging daraufhin zum Haus des Jungen, um bei dessen Eltern Wiedergutmachung zu leisten, doch er tadelte Tariq oder Munis nie dafür, wenn sie ihre Schwester verteidigten.

Aqela, die immer lächelte, sang Wiegenlieder mit ihrer lieblichen Bülbül-Stimme und sorgte so für gute Laune bei ihrer Mutter und Shekiba, während die ihrer Arbeit nachgingen. Sie alle waren mit sich selbst zufrieden. Sie hatten nicht viel, aber sie hatten alles, was sie brauchten, und sie fühlten sich nie allein.

1903 raffte eine Cholerawelle viele Afghanen dahin. Kinder starben binnen Stunden in den geschwächten Armen ihrer Mütter. Und auch Shekibas Familie blieb keine andere Wahl, als das vergiftete Wasser zu trinken, das durch ihr Dorf floss. Zuerst traf es Munis, dann die anderen. Die Krankheit kam schnell und mit ganzer Kraft. Der Gestank war unerträglich, und Shekiba war wie benommen. Sie sah, wie die Gesichter ihrer Geschwister binnen Tagen blass wurden und abmagerten. Aqela war still, ihre Lieder nur noch ein leises Stöhnen. Shafiqa war außer sich, und Ismail schüttelte nur stumm den Kopf. Im großen Haus des Klans starben zwei Kinder, je eines von Shekibas Onkeln.

Shekiba und ihre Eltern warteten darauf, dass sich auch ihre Bäuche verkrampften. Nervös kümmerten sie sich um die anderen, beobachteten einander und rechneten jeden Augenblick damit, dass der andere krank wurde. Shekiba sah, wie ihr Vater die Arme um die Schultern seiner Frau schlang, während sie vor und zurück schaukelte und betete. Aqelas Haut wurde grau. Tariqs Augen waren eingefallen. Munis war vollkommen still.

Shekiba war dreizehn, als sie ihren Eltern half, Tariq, Munis und Aqela, den Singvogel, zu waschen und in weißes Tuch zu wickeln, das traditionelle Kleid der Verstorbenen. Shekiba schluchzte leise, denn sie wusste, dass sie auf ewig von der Erinnerung an ihren weinenden Vater verfolgt werden würde, der Gräber für ihre Brüder und Aqela aushob, die gerade erst zehn geworden war. Shekiba und ihre Eltern gehörten zu den Überlebenden.

Es war das erste Mal seit Jahren, dass der Klan zu Besuch kam. Shekiba schaute zu, wie ihre Onkel und deren Frauen im Haus aus- und eingingen, um ihr Beileid zu bekunden, wie es die Tradition verlangte, und dann zum nächsten Haus weiterzuziehen, dass seine Toten betrauerte. Natürlich bemitleideten sie Shekibas Eltern, doch weniger, weil sie drei Kinder verloren hatten, sondern vielmehr, weil Allah in seiner Gnade nicht einen der Söhne, sondern das entstellte Mädchen verschont hatte. Glücklicherweise war Shekiba zu diesem Zeitpunkt wie betäubt.

Tausende starben in jenem Jahr. Die Verluste in Shekibas Familie waren nur ein paar Tropfen in der Flut der Seuche.

Eine Woche, nachdem sie drei ihrer Kinder begraben hatte, begann Shafiqa vor sich hin zu flüstern, wenn niemand hinschaute. Sie bat Tariq, ihr mit den Wassereimern zu helfen. Sie ermahnte Munis, seine Mahlzeit aufzuessen, damit er genauso groß und stark werden würde wie sein Bruder, und sie fuhr mit den Fingern durch das Garn der Decke, als würde sie Aqela einen Zopf flechten.

Dann wieder saß sie einfach nur herum und riss sich die Haare aus, eins nach dem anderen, bis sie kahl war. Selbst ihre Augenbrauen und Wimpern waren verschwunden. Und als sie nichts mehr zu zupfen hatte, machte sie sich an der Haut an ihren Armen und Beinen zu schaffen. Sie aß, aber sie würgte immer wieder, wenn sie vergessen hatte, ein Stück zu kauen. Ihr Flüstern wurde immer lauter, und Shekiba und ihr Vater taten so, als würden sie es nicht bemerken. Manchmal hörte Shekiba zu, und dann kicherte sie so unbeschwert, wie man es in ihrem Haus sonst kaum noch hörte. Nach und nach wurde Shekiba zur Mutter ihrer Mutter. Sie sorgte dafür, dass sich Shafiqa wusch, und sie erinnerte sie daran, wenn es an der Zeit war, schlafen zu gehen.

Ein Jahr später, im selben trostlosen Monat, beschloss Shekibas dahinvegetierende Mutter, nicht mehr aufzuwachen. Es war keine Überraschung.

Ismail hielt die Hände seiner Frau und dachte darüber nach, wie erschöpft sie nach all dem Händeringen wohl sein mussten. Shekiba legte die Wange auf die ihrer Mutter und sah, dass die Verzweiflung aus Shafiqas Augen gewichen war. Als Madar-jan gestorben war, musste sie das Angesicht Allahs gesehen haben, dachte Shekiba. Nichts anderes hätte ihr so schnell den Frieden wiedergeben können.

Das Haus seufzte erleichtert auf. Shekiba badete ihre Mutter ein letztes Mal, wusch ihren kahlen Kopf und sah, dass Shafiqa sogar die Haare von ihrem Geschlecht gezupft hatte. Sie war erschreckend leicht, nachdem das Gewicht der Trauer von ihren Schultern gefallen war.

Am nächsten Tag waren Shekiba und ihr Vater auf dem Feld, um abermals die Erde zu öffnen. Sie machten sich gar nicht erst die Mühe, es dem Rest der Familie zu erzählen. Shekibas Vater las über dem Grab aus dem Koran. Dann schauten Vater und Tochter einander an und fragten sich stumm, wer von ihnen den anderen wohl als Nächster folgen würde.

Shekiba blieb bei ihrem Vater zurück. Ein Cousin kam vorbei, um sie über eine bevorstehende Hochzeit zu informieren, und als er zum Klan zurückkehrte, berichtete er von dem neuen Witwer. Es dauerte nur wenige Tage, und die Geier kreisten ums Haus, um ihr Beileid zu bekunden, doch erst nachdem sie Shekibas Vater geraten hatten, die Gelegenheit zu nutzen und mit einer neuen Frau ein neues Leben zu beginnen. Sie nannten ihm ein paar Familien mit geeigneten Töchtern im Dorf. Die meisten waren nur wenige Jahre älter als Shekiba, doch das Herz ihres Vaters war gebrochen, und die Familie konnte ihn nicht dazu bringen, sich eine neue Frau zu nehmen.

Als Shekiba zur Frau wurde, hatte sie nur ihren Vater, seine wenigen Worte und seinen einsamen Blick. Tag und Nacht arbeitete sie an seiner Seite, und je länger sie das tat, desto leichter fiel es Padar-jan zu vergessen, dass sie ein Mädchen war. Er begann, sie als Sohn zu betrachten, und manchmal rief er sie sogar bei den Namen ihrer Brüder. Im Dorf machten Gerüchte über die beiden die Runde. Wie konnte ein Vater allein mit seiner Tochter leben? Mitgefühl wich Kritik, und Ismail und Shekiba hielten sich immer mehr von der Außenwelt fern. Der Klan wollte nichts mehr mit ihnen zu tun haben, und die anderen Dörfler hatten ohnehin kein Interesse an einem vernarbten, alten Mann und seinem entstellten Tochter-Sohn.

Im Laufe der Jahre redete sich Ismail mehr und mehr ein, dass er schon immer ohne Frau gelebt und nur ein Kind hatte. Alles andere verdrängte er. Er war der einzige Mensch, der Shekibas entstelltes Gesicht nicht sah und nicht bemerkte, dass sie auf dem Weg vom Kind zur Frau ein wenig Anleitung brauchte. Als sie jeden Monat blutete, tat er so, als würde er die schmutzigen Lumpen nicht riechen, die sie in ihrem kleinen Haus mit den zwei Zimmern hinter einem Stapel Feuerholz versteckte. Und wenn er sie weinen hörte, dann meinte er, sie habe eine Erkältung.

Shekibas Vater nahm seinen Tochter-Sohn mit auf die Felder, um ihm bei der Arbeit zu helfen. Shekiba hackte Holz und schlachtete Ziegen wie ein starker Sohn. Sie ermöglichte es Ismail zu glauben, dass sie schon immer als Vater und Sohn zusammengelebt hatten. Und Shekiba erwies sich als durchaus fähig. Ihr Vater hatte vollstes Vertrauen in sie, den Hof auch alleine zu bewirtschaften. Ihre Arme und Schultern waren hart von Muskeln.

Wieder vergingen Jahre. Shekibas Gesichtszüge wurden immer rauer, und ihre Hände und Füße waren voller Schwielen. Jeden Tag ging Ismail krummer. Seine Augen sahen kaum noch etwas, und er brauchte jeden Tag mehr Hilfe. In dieser Zeit kümmerte sich allein Shekiba um Haus und Hof.

Wäre Shekiba nicht Shekiba gewesen, sondern irgendein anderes Mädchen, sie hätte sich in diesem einsamen Leben vermutlich allein gefühlt, doch ihre Umstände waren andere. Die Kinder in der Nachbarschaft zeigten mit den Fingern auf sie und sangen Spottlieder, und ihre Eltern waren nicht viel besser. Shekibas Aussehen rief überall Entsetzen hervor außer daheim.

Menschen, die einmal vom Schicksal heimgesucht worden sind, und dann ein zweites Mal, werden ganz sicher ein weiteres Mal trauern. Es fällt dem Schicksal leichter, denselben Weg wieder einzuschlagen. Shekibas Vater wurde immer schwächer, seine Stimme rauer und sein Atem flacher. Eines Tages, als Shekiba von der Mauer aus Stein und Lehm zuschaute, griff er sich an die Brust, ging noch zwei Schritte und brach dann mit der Sichel in der Hand zusammen.

Shekiba war erst achtzehn Jahre alt, aber wusste genau, was zu tun war. Auf einem großen Tuch zog sie den Leichnam ihres Vaters zurück zum Haus. Alle paar Schritte blieb sie stehen, um ihren Griff zu verstärken und sich die Tränen von der rechten Gesichtshälfte zu wischen. Die linke zeigte keine Regung.

Shekiba legte den Leichnam im Wohnzimmer auf den Boden, setzte sich neben ihn und wiederholte die vier, fünf Koranverse, so wie ihre Eltern es ihr beigebracht hatten, bis die Sonne aufging. Am Morgen begann sie die Zeremonie, die sie schon viel zu oft in ihrem kurzen Leben vollzogen hatte. Sie zog ihren Vater aus, achtete aber sorgfältig darauf, dass sein Gemächt stets von einem Tuch bedeckt war. Eigentlich hätte ein Mann die rituelle Waschung durchführen müssen, doch Shekiba hatte niemanden, an den sie sich hätte wenden können. Sie riskierte lieber Allahs Zorn, als sich die boshaften Menschen aus dem Dorf ins Haus zu holen.

Shekiba badete Ismail und wandte sich ab, während sie Wasser über seinen Unterleib goss. Dann wickelte sie den steifen Leib blind ein, so wie sie und ihre Mutter es auch mit ihrer Schwester gemacht hatten. Schließlich zog sie ihn nach draußen und öffnete ein weiteres Mal die Erde, um auch das letzte Familienmitglied zu begraben. Shekiba kaute auf ihrer Unterlippe und dachte darüber nach, für sich selbst auch ein Grab auszuheben. Schließlich würde niemand mehr da sein, wenn die Reihe an sie kommen würde. Doch sie war zu müde, und so sprach sie ein paar Gebete und schaute zu, wie ihr Vater unter der Erde verschwand, die sie auf ihn schaufelte … genau wie ihre Schwester, ihre Brüder und ihre Mutter.

Shekiba kehrte in das leere Haus zurück und saß schweigend da, ängstlich, wütend und ruhig.

Nun war sie allein.

Kapitel Drei

Rahima

»Wir wären nicht die Ersten. So unüblich ist das nicht.«

»Du hast wieder dieser irren Shaima zugehört und der Geschichte über deine ach so geliebte Großmutter.«

»Es war nicht meine Großmutter. Es war …«

»Mir doch egal. Ich weiß nur, dass das Weib mir Kopfschmerzen bereitet.«

»Arif-jan, ich glaube, es wäre klug, zumindest darüber nachzudenken. Es ist nur zum Besten für uns alle.«

»Und was soll das nützen? Es hat sonst ja auch niemand getan. Oder kennst du jemanden? Und in ein paar Jahren wird alles wieder rückgängig gemacht. Das ändert gar nichts.«

»Aber Arif-jan, sie könnte uns dann helfen. Sie könnte in den Laden gehen und ihre Schwestern zur Schule bringen.«

»Tu, was du willst. Ich gehe jetzt.«

Ich stand im Flur, nur wenige Schritte von unserem gemeinsamen Schlafzimmer entfernt, und hörte aufmerksam zu. Unsere Küche befand sich unmittelbar hinter dem Wohnzimmer. Unser Heim war insgesamt sehr geräumig, denn es stammte aus einer Zeit, als die Familie meines Großvaters noch wohlhabend gewesen war. Jetzt waren die Wände kahl und rissig und sahen aus wie bei all unseren Nachbarn auch.

Als ich hörte, wie Padar-jan aufstand, lief ich rasch auf Zehenspitzen davon. Später, als er fort war, kehrte ich wieder ins Wohnzimmer zurück und fand meine Mutter in Gedanken versunken.

»Madar-jan?«

»Was? Oh. Ja, Bachem? Was ist?«

»Worüber haben du und Padar-jan gesprochen?«

Sie schaute mich an und biss sich auf die Lippe.

»Setz dich«, sagte sie, und ich hockte mich im Schneidersitz vor sie. Dabei achtete ich sorgfältig darauf, dass mein Rock Knie und Schenkel bedeckte. »Erinnerst du dich noch an die Geschichte, die Khala Shaima gestern Abend erzählt hat?«

»Die über unsere Ururur…«

»Manchmal bist du schlimmer als dein Vater. Ja, die. Ich glaube, es ist an der Zeit, dass wir etwas ändern. Ich glaube, es wäre das Beste, wenn du deinem Vater ein Sohn wärst.«

»Ein Sohn?«

»Es ist eigentlich ganz einfach. Das wird ständig gemacht, Rahima. Überleg doch nur mal, wie glücklich ihn das machen würde! Und du könntest viele Dinge tun, die deine Schwestern nicht tun können.«

Madar-jan wusste ganz genau, wie sie mein Interesse wecken konnte. Ich legte den Kopf auf die Seite und wartete darauf, dass sie fortfuhr.

»Wir könnten dich anders anziehen und dir einen neuen Namen geben. Dann könntest du zum Laden laufen, wann immer wir etwas brauchen. Du könntest zur Schule gehen, ohne dir um die Jungs Sorgen machen zu müssen, und du könntest draußen spielen. Na? Wie klingt das?«

Das klang wie ein Traum für mich! Ich dachte an die Söhne unseres Nachbarn: Jamil, Fahim und Bashir. Meine Augen wurden immer größer bei der Vorstellung, genau wie sie einen Ball über die Straße zu treten.

Madar-jan dachte jedoch nicht an die Jungs auf der Straße. Sie dachte an unseren leeren Schrank. Sie dachte an Padar-jan und wie sehr er sich verändert hatte. Wir konnten von Glück sagen, wenn er einen Tag lang arbeitete und etwas Geld nach Hause brachte. Dann und wann konnte er sich gut genug konzentrieren, um sich an einem alten Motor zu schaffen zu machen und ihn wieder zum Leben zu erwecken. Sein kleiner Verdienst war aber immer rasch ausgegeben, ungleich verteilt auf Padar-jans Medizin und Kleidung und Essen für den Rest der Familie. Je mehr Madar-jan darüber nachdachte, desto klarer wurde ihr, wie verzweifelt unsere Situation allmählich wurde.

»Kommt mit«, sagte sie. »Es gibt keinen Grund, das noch länger hinauszuzögern. Dein Vater braucht immer mehr und mehr … Medizin. Deine Khala Shaima hat recht. Wir müssen etwas tun, bevor wir wirklich Ärger bekommen.«

Wir Mädchen wollten auf keinen Fall krank werden. Wir hatten Angst, dann die gleiche Medizin nehmen zu müssen wie Padar-jan. Die Medizin bewirkte, dass er komische Dinge tat. Die meiste Zeit wollte er jedoch einfach nur im Haus liegen und schlafen. Manchmal sagte er auch Dinge, die einfach keinen Sinn ergaben, und später erinnerte er sich nie daran. Doch wenn er seine Medizin nicht nahm, war es noch schlimmer.

Padar-jan hatte so gut wie alles zerbrochen, was es im Haus zu zerbrechen gab. Das Geschirr und die Gläser hatten nur überlebt, weil ihm die Energie fehlte, sie aus dem Schrank zu holen. Doch alles in seiner Reichweite hatte er gegen die Wand geworfen: einen Keramikkrug und eine Glasplatte, die Madar-jan geschenkt bekommen hatte, alles Verluste in dem Krieg, der in Padar-jans Kopf tobte.

Padar-jan hatte jahrelang mit den Mujaheddin gekämpft und Russen getötet, die unser Dorf mit Raketen beschossen hatten. Als die Sowjets sich schließlich wieder in ihr zerfallendes Land zurückgezogen hatten, war Padar-jan zurückgekehrt und hatte gebetet, dass nun endlich alles wieder normal werden würde, obwohl nur wenige Leute sich an eine solche Zeit zurückerinnern konnten. Das war 1989 gewesen.

In jenem Jahr war er zu seinen Eltern zurückgekehrt, die den Jungen kaum wiedererkannt hatten, der vor so langer Zeit mit einem Gewehr über der Schulter von zuhause weggegangen war, um für Allah und sein Land zu kämpfen. Damals war er siebzehn gewesen. Seine Mutter und sein Vater beeilten sich daraufhin, eine Ehe für ihn zu arrangieren. Denn inzwischen war er vierundzwanzig Jahre alt und schon lange überfällig, und sie glaubten, eine Frau und Kinder würden ihn wieder in die Normalität zurückbringen. Doch wie der Rest des Landes hatte auch Padar-jan längst vergessen, was »normal« bedeutete.

Madar-jan war knapp achtzehn, als sie heiratete. Ich nehme an, sie hatte vor ihrer Hochzeitsnacht genauso viel Angst wie ich vor meiner. Manchmal frage ich mich, warum sie mich nicht davor gewarnt hat, doch ich nehme an, dass Frauen über so etwas einfach nicht sprechen.

Als das Land einen Neuanfang plante, taten das auch meine Eltern. Meine Schwester Shahla kam als Erste, gefolgt von Parwin und Rohila. Dann kamen ich und Sitara. Bis auf Sitara sind wir alle genau ein Jahr auseinander und somit nahe genug beieinander, dass nur unsere Mutter uns auseinanderhalten konnte, nachdem wir laufen gelernt hatten. Doch als Frau, die eine Tochter nach der anderen zur Welt brachte, erfüllte Madar-jan nicht die Erwartungen ihres Mannes. Meine Großmutter war sogar noch enttäuschter, hatte sie selbst doch respektable fünf Söhne und nur eine Tochter zur Welt gebracht.

Und so fiel daheim alles auseinander, wie im ganzen Land nach dem Abzug der Russen. Während die afghanischen Krieger ihre Sturmgewehre und Raketenwerfer gegeneinander richteten, versuchte Padar-jan, sich eine normale Existenz aufzubauen. Er arbeitete an der Seite seines Vaters als Tischler, doch einem Mann, den man nur das Zerstören gelehrt hatte, fiel es schwer, etwas zu erschaffen, und laute Geräusche erschreckten ihn. Und so fand er keinen Sinn in der Arbeit und schloss sich wieder dem Kriegsherrn Abdul Khaliq an, unter dem er auch während der Besatzungszeit gekämpft hatte.

Die Kriegsherren bildeten Afghanistans neue Aristokratie. Schloss man sich einem Mann mit lokaler Macht an, bedeutete das ein besseres Leben. Man hatte ein Einkommen in einer Welt, in der sonst niemand etwas verdiente. So dauerte es nicht lange, bis Padar-jan sein Sturmgewehr ölte, es sich über die Schulter warf und wieder kämpfen ging, diesmal im Namen von Abdul Khaliq. Ab und an kam er auch nach Hause. Als er das erste Mal kam, musste er feststellen, dass Madar-jan ein weiteres Mädchen zur Welt gebracht hatte, mich, und mit neuer Wut zog er wieder in den Kampf.

Madar-jan ließ er mit einem Haus voller Mädchen zurück, und sie hatte nur ihre verbitterten Schwiegereltern, an die sie sich wenden konnte. Wir lebten in einem kleinen Haus mit zwei Zimmern, das Teil des Familienanwesens war. Der Krieg führte Familien enger zusammen. Zwei meiner Onkel wurden bei den Kämpfen getötet, und die Frau eines dritten starb bei der Geburt ihres sechsten Kindes. Bis er zwei Monate später wieder heiraten konnte, kümmerten sich meine Mutter und die anderen Tanten um die Kinder. Eigentlich hätten wir uns als eine große Familie fühlen müssen. Wir hätten freundlich zueinander sein sollen, doch stattdessen herrschten Ablehnung, Wut und Eifersucht. Nicht nur im Land tobte ein Bürgerkrieg, sondern auch bei uns.

Madar-jans Familie lebte nur ein paar Kilometer entfernt, doch sie hätte genauso gut auf der anderen Seite des Hindukusch wohnen können. Sie hatten ihre Tochter Padar-jan gegeben und wollten sich nun nicht in deren Beziehung zu ihrer neuen Familie einmischen. Madar-jans missgestaltete Schwester Shaima war die Ausnahme.

Missbildungen wurden nicht so leicht verziehen, und so hatte Khala Shaima schon früh gelernt, mit den Spottnamen, den Demütigungen und dem Gaffen der anderen umzugehen. Unsere Tante war fast zehn Jahre älter als Madar-jan, und sie erzählte uns Dinge, von denen sonst niemand redete. Sie erzählte uns vom Krieg und wie die Kriegsherren alles gnadenlos eroberten und die Frauen auf schamloseste Art attackierten. Für gewöhnlich brachte Madar-jan ihre Schwester dann mit einem flehentlichen Blick zum Schweigen. Immerhin waren wir noch sehr jung, und wenn wir Albträume von diesen Geschichten bekamen, dann war es nicht Khala Shaima, die uns trösten musste. Doch manchmal vergaß Khala Shaima, dass wir noch Kinder waren, und sie erzählte uns so viel, dass wir unseren eigenen Vater voller Angst und mit großen Augen anstarrten.

Wenn Padar-jan nach Hause kam, duckten wir uns weg. Seine Laune wechselte zwischen Freude und Wut, und man konnte sie unmöglich voraussagen, wenn er mal wieder auftauchte. Madar-jan war einsam und freute sich über die Besuche ihrer Schwester, auch wenn ihre Schwiegermutter das nicht so gerne sah. Tatsächlich berichtete meine Großmutter meinem Vater jedes Mal, wie oft Khala Shaima zu Besuch gekommen war, während er gekämpft hatte. Dabei schnalzte sie missbilligend mit der Zunge, und das fachte seinen Zorn nur noch mehr an. Das war ihre Art, Madar-jan zu zeigen, wer in unserem Haus das Sagen hatte, obwohl es fünfzehn Meter vom Haupthaus entfernt lag.

Jeder in unserem Land versuchte, die Dinge unter Kontrolle zu bringen, doch das war schwierig. Der Einzige, dem das zumindest teilweise gelang, war Abdul Khaliq Khan, der Kriegsherr. Ihm und seiner Miliz gelang es, unsere und die benachbarten Städte unter seine Herrschaft zu zwingen, nachdem er seine Rivalen vertrieben hatte. Wir lebten nördlich von Kabul und hatten seit vier Jahren keine Kämpfe mehr erlebt, doch dann hörten wir, dass Kabul offensichtlich belagert wurde. Die Menschen in unserer Stadt schüttelten bei dieser Nachricht traurig die Köpfe. Schließlich wussten sie ganz genau, was die Bewohner der Hauptstadt gerade durchmachten. Unsere Häuser waren schon längst zerschossen, und vielleicht sollten auch die Menschen in Kabul einmal erfahren, was wir überlebt hatten.

Es war eine hässliche Zeit. Ich kann mir kaum vorstellen, was mein Vater alles gesehen haben muss, seit er ein Teenager war. Wie viele andere betäubte er die Erinnerungen mit der »Medizin«, wie Madar-jan es nannte. Er vernebelte sein Gehirn mit dem Opium, das Abdul Khaliq seinen Männern gab, um ihren Kampfgeist zu erhalten.

Madar-jan wurde unserem Vater gegenüber immer vorsichtiger, doch sie konnte nur uns Mädchen beschützen. Khala Shaima brachte ihr einen Trank, damit sie nach mir keine weiteren Kinder mehr bekommen konnte. Ich weiß nicht genau, was das für eine Medizin war, aber sie half sechs Jahre lang. Als Madar-jan Bauchs sich wieder spannte, betete sie und tat alles, was Khala Shaima ihr sagte. Nichts half. Enttäuscht und voller Angst nannte sie unsere jüngste Schwester Sitara, und sie fürchtete sich vor dem Tag, an dem Padar-jan wieder nach Hause kommen und eine weitere Tochter vorfinden würde.

Dann kamen die Taliban. Zunächst waren sie einfach nur eine weitere Gruppe im Bürgerkrieg, doch ihre Macht wuchs rasch und ihr Regime breitete sich im Land aus. Uns betraf das zunächst nicht, bis wir aus der Schule genommen wurden und wir die Fenster schwärzen mussten und keine Musik mehr hören durften. Madar-jan seufzte und machte einfach weiter. Die neuen Regeln hatten kaum Einfluss auf ihren Alltag.

Als bekannt wurde, dass unsere Stadt an die Taliban gefallen war, führte Abdul Khaliq seine Männer nach Hause, um zurückzuschlagen und seine Ehre als Kriegsherr zu verteidigen. Ein paar Wochen lang gab es Explosionen, Weinen und Begräbnisse, dann kehrten die Männer siegreich heim. Unsere Stadt gehörte wieder uns.

Padar-jan blieb ein paar Monate. Er verbrachte Zeit mit seinen Brüdern, ging seinem Vater im Geschäft zur Hand und half sogar ein paar Nachbarn, ihre Häuser wieder aufzubauen. Alles lief gut, zumindest bis zu dem Tag, an dem ein Junge an unsere Tür klopfte und eine Nachricht für Padar-jan brachte. Am nächsten Morgen ölte Padar-jan seine Waffe wieder, zog seine Pakul an und ging los, um erneut Krieg zu führen.

Dann und wann kam er wieder zurück, und seine Stimmungsschwankungen wurden mit jedem Besuch heftiger. Wir sahen ihn immer nur zwei, drei Tage am Stück, und als Kinder waren wir noch viel zu jung, um die Wut zu verstehen, die er mit nach Hause brachte. Er war nicht mehr derselbe. Selbst Bibi-jan, meine Großmutter, weinte nach seinen Besuchen und sagte, nun habe sie noch einen Sohn im Krieg verloren.

Mein Cousin Siddiq brachte uns die Nachricht. Er hatte sie von unserem Großvater gehört.

»Die Amerikaner. Sie sind gekommen und bombardieren die Taliban. Sie haben die größten Kanonen und die größten Raketen! Und ihre Soldaten sind so stark!«

»Warum sind die Amerikaner dann nicht schon längst gekommen?«, verlangte Shahla zu wissen. Zu dem Zeitpunkt war sie schon fast zwölf Jahre alt und klug genug, um Fragen zu stellen, die unsere Bewunderung weckten.

Siddiq war zwar erst zehn, doch er besaß das Selbstvertrauen eines doppelt so alten Jungen. Nachdem sein Vater schon vor vielen Jahren getötet worden war, hatte unser Großvater ihn unter seine Fittiche genommen. Er war der Mann im Haus.

»Die Taliban haben Amerika bombardiert. Jetzt sind sie wütend, und sie bomben zurück.«

Unser Großvater betrat den Hof und überhörte unser Gespräch.

»Siddiq-jan, was erzählst du deinen Cousinen da?«

»Ich habe ihnen gerade von den Amerikanern erzählt, Boba-jan. Dass sie Raketen auf die Taliban schießen!«

»Boba-jan«, fragte Shahla schüchtern. »Haben die Taliban denn viele Häuser in Amerika zerstört?«

»Nein, Bachem. Irgendjemand hat ein Gebäude in Amerika angegriffen. Jetzt sind sie wütend und jagen ihn und seine Leute.«

»Nur ein Gebäude?«

»Ja.«

Wir schwiegen. Das klang nach guten Neuigkeiten. Ein großes, mächtiges Land war zu unserer Rettung geeilt! Unsere Leute hatten einen Verbündeten im Kampf gegen die Taliban!

Doch Boba-jan konnte an Shahlas Blick erkennen, dass sie etwas verwirrte, und er wusste genau, was das war. Warum war Amerika wegen eines Gebäudes so wütend? Unser halbes Land war unter den Taliban zerstört worden. Wir dachten alle das Gleiche.

Wenn das Amerika doch genauso wütend gemacht hätte.

Kapitel Vier

Shekiba

Shekiba arbeitete weiter auf den Feldern, als wäre ihr Vater noch immer an ihrer Seite. Sie fütterte die Hühner und den Esel und reparierte den Pflug, wenn die Achse an einem Stein auf dem Acker brach. Das Haus war still und trostlos. Manchmal nagte die Stille an Shekibas Nerven, und dann versuchte sie, sie mit den Geräuschen der Arbeit zu vertreiben oder indem sie mit den Vögeln auf der Mauer sprach. Und an manchen Tagen war sie sogar zufrieden oder gar glücklich. Sie hoffte, dass ihrer Mutter die kleinen Blumen gefielen, die sie gepflanzt hatte, während sie dem Bülbül lauschte, der an Aqelas Grab sang.

Manche Dinge waren schwer. Ohne ihren Vater hatte Shekiba keinerlei Verbindung zum Dorf und dessen Ressourcen mehr. Wo es nur ging, sparte sie an Öl, und sie aß nur so viel vom Feld, dass sie nicht verhungerte. Zwischen dem Haus und der Mauer hob sie einen schmalen Graben aus und vergrub dort Kartoffeln, damit sie etwas für den Winter hatte. Sie pflückte Bohnen und aß ein paar. Den Rest trocknete sie für später.

Shekiba hatte das Gefühl, dass der Winter nach dem Tod ihres Vaters schneller kam. Sie hatte kein Zeitgefühl mehr. Aber warum hätten Monate oder ein Jahr sie auch kümmern sollen? Die Sonne ging auf und wieder unter, und Shekiba machte ihre Arbeit und fragte sich nur manchmal, was wohl aus ihr werden würde. Mehr als einmal dachte sie daran, ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Dann hielt sie sich die Nase zu und schloss den Mund. Sie spürte, wie ihre Brust sich zusammenzog, doch schließlich atmete sie wieder ein, lebte weiter und verfluchte ihre Schwäche.

Auch dachte sie immer noch darüber nach, sich selbst ein Grab neben dem ihres Vaters auszuheben und sich hineinzulegen. Vielleicht würde Gabriel, der dunkle Engel, sie dann sehen und mit ihrer Familie wiedervereinen. Würde sie dann auch ihre Mutter wiedersehen?, fragte sich Shekiba. Wenn es so sein sollte, dann betete sie, dass es die Mutter sein würde, die beim Kochen sang, und nicht die kahlköpfige Frau mit dem leeren Blick, die Shekiba begraben hatte.

Der Winter kam, und Shekiba lebte von dem, was sie während des Herbstes eingelagert hatte. Jedes Mal, wenn sie sich die Mühe machte, sich auszuziehen und zu baden, musste sie feststellen, dass ihre Rippen ein wenig mehr herausragten. Sie benutzte die Kleider ihrer Geschwister als Kissen, um ihre Hüftknochen vor dem harten Boden zu schützen. Sie wurde immer schwächer, ihr Haar brüchig und verfilzt, und ihr Gaumen blutete, wenn sie kaute, doch sie schmeckte das Blut kaum.

Der Frühling kam, und Shekiba freute sich auf die Wärme der Sonne und die Aufgaben, die damit verbunden waren. Doch mit dem Frühling kamen auch ein Besucher und der erste Hinweis darauf, dass man Shekiba nicht gestatten würde, lange so zu leben.

Shekiba fütterte gerade die Hühner, als sie einen Jungen in der Ferne sah. Er kam vom Haus ihres Großvaters. Shekiba konnte zwar nicht erkennen, wer das war, doch sie ging ins Haus und zog ihren Tschaderi über. Dann lief sie aufgeregt auf und ab und lugte immer wieder zur Tür hinaus, um sich zu vergewissern, ob der Junge wirklich zu ihr kam. Und das tat er, und als er näher kam, sah Shekiba, dass er nicht älter sein konnte als sieben oder acht Jahre. Sie staunte über sein gesundes Aussehen, und sie fragte sich, was ihre Cousins im Haupthaus wohl aßen. Wieder einmal war Shekiba dankbar dafür, sich hinter dem blauen Schleier verstecken zu können.

»Salaam!«, rief der Junge, als er nahe genug gekommen war. »Ich bin Hamid! Lieber Onkel, ich will mit dir sprechen!«

Hamid? Welcher Hamid? Es überraschte Shekiba nicht, dass sie ihn nicht erkannte. Vermutlich waren viele Cousins geboren worden, nachdem sie den Kontakt zum Klan verloren hatte. Shekiba fragte sich, wie sie damit umgehen sollte. Sollte sie antworten oder schweigen? Was würde weniger Neugier wecken?

»Salaaaaaam! Ich bin Hamid! Lieber Onkel …«

Shekiba fiel ihm ins Wort.

»Dein Onkel ist nicht daheim. Er kann jetzt nicht mit dir sprechen.«

Eine Zeitlang kam keine Antwort. Shekiba fragte sich, ob man Hamid vor ihr gewarnt hatte. Sie konnte sich gut vorstellen, was sie gesagt hatten.

Pass auf, Hamid. Dein Onkel hat eine Tochter, ein Monster. Sie ist furchtbar anzuschauen, aber du musst dich nicht fürchten. Sie ist einfach nur verrückt.

Shekiba legte ihr Ohr an die geschlossene Tür und versuchte zu hören, ob Hamid noch da war oder ging.

»Wer bist du?«

Shekiba wusste nicht, wie sie darauf antworten sollte.

»Ich habe gefragt: Wer bist du?«

»Ich … Ich bin …«

»Bist du die Tochter meines Onkels? Bist du Shekiba?«

»Ja.«

»Wo ist mein Onkel denn? Ich soll ihm eine Nachricht bringen.«

»Er ist nicht hier.«

»Aber wo ist er?«

Am Rand des Feldes. Hast du den Baum gesehen? Den, der eigentlich Äpfel tragen sollte, an dem aber nichts wächst? Da ist er. Du bist direkt an ihm vorbeigegangen und auch an meiner Mutter, meiner Schwester und meinen zwei Brüdern. Wenn du ihm etwas zu sagen hast, dann kannst du es ihm auf dem Heimweg sagen.

Doch Shekiba sprach das nicht aus. So verrückt war sie noch lange nicht.

»Noch einmal … Wo ist er?«

»Er ist ausgegangen?«

»Und wann kommt er wieder zurück?«

»Ich weiß nicht.«

»Nun, wenn er wieder da ist, dann sag ihm, dass Bobo Shahgul ihn sehen will. Er soll zum Haus kommen.«

Bobo Shahgul war Shekibas Großmutter väterlicherseits. Shekiba hatte sie zum letzten Mal vor der Cholera gesehen. Damals war Bobo Shahgul gekommen, um ihrem Sohn von einem Mädchen aus dem Dorf zu erzählen, der Tochter eines Freundes. Ihr Sohn sollte sich eine zweite Frau nehmen, mit ihr auf den Hof der Familie ziehen und die erste hier zurücklassen. Shekiba erinnerte sich noch gut daran, wie ihre Mutter dem Gespräch stumm und mit gesenktem Kopf gelauscht hatte.

»Sag Bobo Shahgul, dass … dass er im Augenblick nicht hier ist.«

Shekiba versuchte, die Wahrheit zu vermeiden.

»Und wirst du meinem Onkel sagen, dass ich hier war?«

»Ja.«

Shekiba hörte, wie die Schritte sich entfernten, doch sie wartete noch eine ganze Stunde, bis sie sich von der Wand löste … nur für den Fall. Sie war zwar nicht gerade das hellste Mädchen, aber selbst Shekiba war klar, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis ihre Großmutter einen zweiten Boten schicken würde.

Drei Monate vergingen.

Shekiba legte gerade dem Esel das Geschirr an, um das Feld zu pflügen, als sie zwei Männer näher kommen sah. Sofort lief sie ins Haus und griff panisch nach ihrem Tschaderi. Während sie wartete, schlug ihr das Herz bis zum Hals. Wieder drückte sie das Ohr an die Wand und lauschte auf das Geräusch der näher kommenden Schritte.

»Abdullah! Komm raus, und sprich mit uns! Deine Brüder sind hier!«

Die Brüder ihres Vaters? Bobo Shahgul meinte es wirklich ernst. Verzweifelt suchte Shekiba nach einer plausiblen Ausrede.

»Mein Vater ist nicht hier!«

»Es reicht, Abdullah! Lass den Unsinn! Wir wissen, dass du da bist! Du bist viel zu feige, um dein Haus zu verlassen! Komm raus, oder wir treten die Tür ein und schütteln dein bisschen Verstand aus dir heraus!«

»Bitte, mein Vater ist nicht daheim!« Shekiba hörte, wie ihre Stimme brach. Würden sie wirklich die Tür aufbrechen? Viel Kraft brauchten sie dafür nicht. Sie war völlig morsch.

»Verdammt nochmal, Abdullah! Was versteckst du dich hinter deiner Tochter? Zur Seite, Mädchen! Wir kommen rein!«

Kapitel Fünf

Rahima

Mit Schere und Rasierer in der Hand führte Madar-jan mich hinters Haus. Ich war nervös, als ich mich setzte und meine Schwestern zuschauten. Madar-jan nahm mein langes Haar hinter dem Kopf zusammen, flüsterte ein Gebet und begann langsam zu schneiden. Shahla schaute staunend zu. Rohila schien amüsiert zu sein, und Parwin schaute nur einen Augenblick lang zu, bevor sie ins Haus rannte, um Papier und Bleistift zu holen. Dann zeichnete sie wie wild.

Madar-jan schnitt und schnitt und bog mein Ohr nach vorne, um auch dahinter zu schneiden. Und schließlich schnitt sie mir einen geraden kurzen Pony. Ich schaute auf den Boden und sah überall Haare. Madar-jan klopfte die abgeschnittenen Haare von meinen Schultern, blies mir in den Nacken und wischte meinen Rücken ab. Mein Hals fühlte sich nackt an. Ich kicherte aufgeregt. Nur Shahla fiel die einzelne Träne auf, die Madar-jan über die Wange lief.

Dann war meine Kleidung an der Reihe. Madar-jan bat die Frau meines Onkels um ein Hemd und eine Hose, aus denen mein Cousin inzwischen ebenso herausgewachsen war wie vor ihm sein älterer Bruder und mein anderer Cousin. Dann schickte sie mich ins Haus, um mich umzuziehen, während sie und meine Schwestern das Haar aus dem Hof kehrten.

Ich stieg erst in das eine, dann in das andere Bein. Die Hose war enger und schwerer als die Ballonhosen, die ich normalerweise unter meinen Kleidern trug. Ich zog das Band an der Hüfte zusammen und machte einen Knoten. Dann zog ich mir das Hemd über den Kopf und bemerkte, dass da kein Zopf mehr war, den ich hätte hindurchziehen müssen. Instinktiv strich ich mir über den Hinterkopf und tastete die Stoppeln ab.

Ich schaute nach unten und sah meine spitzen Knie durch die Hose. Anschließend verschränkte ich die Arme vor der Brust und legte den Kopf auf die Seite, wie ich es so oft bei meinem Vetter Siddiq gesehen hatte. Dann trat ich nach einem imaginären Ball. War das alles? War ich jetzt ein Junge?

Ich dachte an Khala Shaima, und ich fragte mich, was sie wohl sagen würde, wenn sie mich so sehen könnte. Würde sie lächeln? Hatte sie es überhaupt ernst gemeint, als sie vorgeschlagen hatte, mich in einen Jungen zu verwandeln? Sie hatte uns erzählt, dass unsere Urururgroßmutter als Junge auf dem Hof gearbeitet hatte und ihrem Vater ein Sohn gewesen war. Mehr hatte sie jedoch nicht erzählt, und ich war gespannt, wie es weiterging. Sie würde später wieder zurückkommen, hatte Khala Shaima gesagt, an einem anderen Tag, und dann würde sie uns den Rest der Geschichte erzählen. Ich hasste es zu warten.

Ich strich mein Hemd glatt und ging wieder nach draußen, um zu sehen, was meine Mutter sagte.

»Da sieh einer an! Was für ein hübscher Junge du doch bist!«, rief Madar-jan. Selbst ich konnte die Nervosität und Unsicherheit in ihrer Stimme hören.

»Bist du sicher, Madar-jan?«, fragte ich. »Sehe ich nicht ein wenig komisch aus?«

Shahla schlug die Hand vor den Mund, als sie mich sah.

»Allah! Du siehst wirklich wie ein Junge aus! Madar-jan, man sieht ja kaum noch, dass das Rahima ist!«

Madar-jan nickte.

»In jedem Fall muss man dir nicht mehr die Knoten aus den Haaren machen«, bemerkte Rohila neidisch. Das allmorgendliche Bürsten war eine äußerst schmerzhafte Prozedur. Vor allem Rohilas Haar war immer ein Gewirr aus winzigen Vogelnestern, mit dem Madar-jan zu kämpfen hatte, während Rohila weinte und jammerte

»Bachem, von nun an werden wir dich Rahim statt Rahima nennen«, erklärte Madar-jan zärtlich. Ihr Blick war schwermütiger, als er bei einer Dreißigjährigen hätte sein sollen.

»Rahim? Wir müssen sie jetzt Rahim nennen?«

»Ja, sie ist jetzt Rahim, euer Bruder. Ihr werdet eure Schwester Rahima vergessen und euren Bruder willkommen heißen. Könnt ihr das, Mädchen? Es ist sehr wichtig, dass ihr ab jetzt nur noch von eurem Bruder Rahim redet und eure Schwester nie erwähnt.«

»Nur für den Fall, dass wir vergessen, wie sie einmal ausgesehen hat, hat Parwin ein Bild von Rahima gezeichnet.« Rohila gab Madar-jan die Zeichnung, die Parwin angefertigt hatte, während mir die Haare abgeschnitten worden waren. Die Ähnlichkeit war verblüffend. Das war haargenau mein altes Ich mit den langen Haaren und dem naiven Blick. Madar-jan schaute sich die Zeichnung an und flüsterte etwas, das wir nicht verstanden. Sie faltete das Papier und steckte es in eine Schublade.

»Das war’s? Einfach so? Jetzt ist sie ein Junge?« Shahla schaute skeptisch drein.

»Ja, einfach so«, antwortete Madar-jan leise. »So wird das gemacht. Die Leute verstehen das. Ihr werdet schon sehen.« Sie wusste, dass es besonders schwer werden würde, meine Schwestern zu überzeugen. Alle anderen – Lehrer, Tanten, Onkel, Nachbarn – würden den neuen Sohn meiner Mutter ohne Vorbehalte akzeptieren. Ich war nicht der erste Bacha Posh. Das war eine übliche Tradition für Familien, die sich einen Sohn wünschten. Wovor sich Madar-jan jedoch jetzt schon fürchtete, war der Tag, an dem sie die Veränderung würde rückgängig machen müssen. Doch das würde erst der Fall sein, wenn ich zu einer jungen Frau werden würde, und das lag noch Jahre in der Ferne.

»Oh, wow.« Parwin kehrte in den Hof zurück, um zu sehen, was los war.

»Einfach so. Sie ist jetzt ein Junge.«

»Nein, noch nicht«, erwiderte Parwin ruhig. »Noch nicht ganz.«

»Was meinst du damit?«, fragte Rohila.

»Sie muss erst unter einem Regenbogen hindurch.«

»Unter einem Regenbogen?«

»Wovon redest du da?«

»Bei Allah, Parwin«, sagte Madar-jan und lächelte schwach. »Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dir dieses Gedicht beigebracht zu haben. Woher kennst du es?«

Parwin zuckte mit den Schultern. Wir waren nicht überrascht. Parwin konnte einem zwar nicht sagen, ob sie gefrühstückt hatte oder nicht, aber oft erzählte sie einem Dinge, die niemand von ihr erwartete.

»Wovon redet sie da, Madar-jan?«, fragte ich neugierig. Hatte Parwin recht, oder war wieder einmal ihre Fantasie mit ihr durchgegangen?

»Sie spricht von einem alten Gedicht. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, aber es geht darum, was passiert, wenn man unter einem Regenbogen hindurchgeht.«

»Und was passiert dann?«, hakte Rohila nach.

»Es gibt eine Legende, in der es heißt, dass Mädchen sich dann in Jungen verwandeln und umgekehrt.«

»Was? Stimmt das? Kann das wirklich passieren?«

Das verwirrte mich. Ich war nicht unter einem Regenbogen hindurchgegangen. Ich hatte noch nie einen gesehen. Wie sollte diese Verwandlung überhaupt funktionieren?

»Wir wollten das Gedicht hören, Madar-jan. Ich weiß, dass du dich daran erinnerst. Wir tranken frohen Mutes …«, begann Parwin für sie.

Madar-jan seufzte und ging ins Wohnzimmer. Wir folgten ihr. Sie setzte sich mit dem Rücken an die Wand, schaute zur Decke und versuchte, sich an die Einzelheiten zu erinnern. Ihr Tschaderi fiel ihr über die Schultern. Wir setzten uns um sie herum und warteten.

»Afsaanah, see-saanah …«, begann sie. Eine Geschichte, dreißig Geschichten. Und dann sang sie:

Wir atmeten das Gefühl und spielten auf den Feldern

Verzückt von Indigo, Safran und Teal.

Nebel war zwischen ihnen und mir.

Farben greifen in den Himmel, um Gott zu berühren.

Ich beneide den Bogen, so stark und weit,

Wenn ein Strahlen verschmilzt mit dem anderen.

Und die Farben verneigen sich tief,

Um einen Bruder willkommen zu heißen.

Wir demütigen Diener wandern ergeben

Unter Rostams Bogen her,

Der Mädchen in Jungen verwandelt,

Den einen zum anderen macht,

Bis die Luft trocknet und des Spiels überdrüssig wird.

Dann öffnet der Nebel seine Arme

Und fordert die Farben zurück.

Kapitel Sechs

Shekiba

Shekiba saß mit dem Rücken an der kühlen Wand. Es war Nacht. Niemand rührte sich in dem großen Haus. Schnarchen kam aus jeder Richtung, mal lauter, mal leiser. Im sanften Licht des Mondes sah Shekiba die Kessel und Töpfe, die sie geschrubbt und in der Ecke gestapelt hatte, um Platz für ihre Decke zu schaffen. Wie in den meisten Nächten waren ihre Augen offen, während die aller anderen geschlossen waren. Es waren die Stunden der Nacht, da sie sich fragte, was sie hätte anders machen können.

Ihre Onkel waren an jenem Tag ins Haus eingedrungen und hatten sich geweigert zu gehen. Und nun, da Shekiba wieder mit ihrer Großmutter vereint war, konnte sie ihren Onkeln diese Hartnäckigkeit nicht übel nehmen. Niemand wollte Bobo Shahgul enttäuschen. Sie war schon schlimm genug, wenn sie zufrieden war.

Es hatte nicht lange gedauert, bis Shekibas Onkel gemerkt hatten, dass mit ihrem Bruder etwas passiert sein musste. Das Haus stank nach Fäulnis und Einsamkeit. Shekiba hatte irgendwann aufgehört, den Boden zu fegen, und in der Ecke häuften sich die Kartoffelschalen. Sie hatte einfach kein Interesse mehr daran gehabt, sie rauszubringen, und nach einiger Zeit hatte sie sich auch an den Geruch gewöhnt. Aber es war nicht nur das Haus. Shekiba war apathisch geworden. Sie hatte ihr Kleid nicht mehr gewaschen, und den größten Teil des Winters über hatte sie sich unter einer Decke zusammengerollt und in ihrem eigenen Gestank gesuhlt. Licht und Wärme hatten sie zwar irgendwann dazu bewegt, sich wieder zu waschen, doch es brauchte mehr als nur ein paar Bäder, um ungeschehen zu machen, was aus ihr geworden war. Auch hatte sie ihr Haar schon seit Monaten nicht mehr gebürstet und in ein Läusenest verwandelt.

Shekiba war blass und ausgemergelt. Einen Augenblick lang hatten ihre Onkel geglaubt, sie hätten einen Djinn vor sich, denn sie sah aus wie ein Geist. Wie konnte lebendes Fleisch so aussehen?

Sie fragten sie nach ihrem Vater. Die Blicke der Männer schweiften durch den Raum, und sie erkannten sofort, dass Ismail nicht da war. Shekiba zitterte am ganzen Leib und wandte sich ab. Sie wollte sich vor ihren Onkeln verstecken. Sie sollten bloß nicht näher kommen. Und tatsächlich konnten sie sie in ihrer Ecke kaum sehen, doch sie rochen die Angst, den Schweiß und das Blut. Sie fragten erneut, diesmal lauter, wütender.

Das war der Augenblick, da Shekiba floh. Sie hörte einen Schrei und sah einen blauen Geist in die Mauer rennen, die sie vor den Blicken anderer geschützt hatte … die Mauer, die ihr Vater gebaut hatte, um seine Familie zu beschützen. Ein weiterer Schrei ertönte, und als sie zu Boden stürzte, packten Hände den Geist. Sie waren entsetzt, wie dürr er war. Der Geist wollte sich wehren, wollte weglaufen, fliehen, doch die Männer hatten Fleisch auf den Knochen. Sie packten Shekiba, und sie wehrte sich nicht mehr, sondern ließ sich von ihren Onkeln auf eine Decke legen und zurück zum Anwesen der Familie tragen … genau wie sie ihren Vater zu Grabe getragen hatte.

Als sie an dem Baum vorbeikamen, unter dem ihre Familie begraben lag, stöhnte Shekiba und rief nach ihnen. Sie versuchte, den Kopf zu heben, um die Gräber zu sehen.

Madar. Padar. Tariq. Munis. Bülbül.

Shekiba sah nicht, wie ihre Onkel einander anschauten und die Erkenntnis teilten, dass die gesamte Familie gestorben sein musste, auch ihr Bruder Ismail. Shekiba sah nicht, wie sie sich auf die Zungen bissen, mit den Tränen kämpften und vor sich hin murmelten, dass sie den Leichnam ihres Bruders hätten waschen und Erde auf sein Grab hätten werfen sollen. Shekiba war die letzte Überlebende … ausgerechnet sie, die Einzige, die nicht hätte überleben sollen. Die Männer fragten sich, wie lange das Mädchen wohl schon allein lebte, und sie schüttelten vor Scham die Köpfe. Ein Mädchen? Allein? Wenn das im Dorf bekannt wurde, wäre das eine große Schande für die Familie.

Sie legten Shekiba im Hof des Anwesens ab und riefen Bobo Shahgul. Nach wenigen Minuten stand die agile alte Dame über Shekiba gebeugt und musterte die Enkelin, auf deren Anwesenheit sie gerne verzichtet hätte, durch das Gitter ihres Tschaderi hindurch.

»Sagt euren Frauen, sie sollen sie waschen. Und bereitet sie darauf vor, dass sich ihnen der Magen umdrehen wird, wenn sie ihr Gesicht sehen. Sie sollen sie auch füttern. Wir müssen uns um diese Kreatur kümmern, wenn wir im Dorf das Gesicht wahren wollen. Möge Allah sie dafür strafen, dass sie ihren Vater von uns ferngehalten hat, meinen Sohn! Sie hat uns noch nicht einmal Bescheid gegeben, als er diese Welt verlassen hat! Dafür soll sie zahlen.«

Und Bobo Shahgul war eine Frau, die meinte, was sie sagte. Seit ihr Mann zwei Jahre zuvor gestorben war, hatte sie freudig die Rolle der Matriarchin übernommen. Mit ihrem Gehstock herrschte sie über die Bräute ihrer Söhne. Sie hatte ihn ständig bei sich, obwohl mit ihren Beinen eigentlich alles in Ordnung war. Nachdem sie ihrem Mann sechs Söhne und zwei Töchter geschenkt hatte, hatte sie sich das Recht erworben, erhobenen Hauptes über den Hof zu gehen. Jetzt war es an ihr, mit der gleichen eisernen Faust zu herrschen, die auch sie einst ertragen hatte.

Shekiba ließ sich ausziehen und baden. Das war viel leichter, als Widerstand zu leisten. Die jüngsten Frauen wurden mit der furchteinflößenden Aufgabe betraut, das Tier zu beseitigen, zu dem Shekiba geworden war. Kübel voll Wasser wurden gebracht, und Shekiba wurde das Haar geschoren. Es war viel zu verfilzt, als dass man noch etwas hätte retten können. Die Frauen verfluchten den furchtbaren Gestank, den Shekibas Körper verströmte und der ihnen in den Nasen brannte. Dann stopften sie ihr Essen in den Mund. Dabei hielten ein paar Frauen ihren Kiefer und erinnerten sie daran zu kauen.

Ein paar Tage später kehrte auch Shekibas Verstand wieder zurück. Sie begann zu hören, was die Menschen sagten, und sie bemerkte, dass ihr Bauch nicht länger vor Hunger schmerzte. Sie hob die Hand und ertastete ein Kopftuch, das ihre Stoppeln bedeckte.

Ich muss wie einer meiner Cousins aussehen, dachte sie.

Shekibas Haut war rau und rot von den brutalen Bädern, die man ihr bereitet hatte. Ihre Tanten hatten ganze Dreckschichten weggeschrubbt und die fragile Haut dabei zerrissen. Ganze Bereiche waren wund, und Shekiba war zu unterernährt, als dass ihr Körper diese kleinen Schäden von selbst hätte heilen können. Nachts schlief sie in eine Decke gewickelt in der kleinen Küche. Oft stieß sie mit dem Fuß gegen einen Topf und wurde so geweckt. Morgens brachte man sie dann in eines der vielen Zimmer, wo sie niemandem im Weg war, während die Frauen das Frühstück vorbereiteten.

Ich ...

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