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Hin und weg: Geschichten für unterwegs

Inhalt

Hin und weg

Summerwild

Irgendwas mit Schwänen

Nähe

Esel, der er ist

Luck of the Irish

Der Prinz von Kamerun

Verschwinden

Die andere Seite

Sepia

Merry Christmas

Der Bus kam in der Walpurgisnacht

Stierblutrot

Souvenirjagd

Begegnungen

Schaukeln

Fahrrad-Guerillero

Old Lady

Bonjour, Rampe 8

Tinderella

Dottergelb schmeckt die Sonne

Ist das Kunst oder kann das weg?

Flaschenpost im All

Grenzen

Farbwechsel

Grenzen aus Liebe

Kein Zurück

Im blauen Frotteemantel

Grenzüberschreitung

Ankommen

Mumbaigold – ein Krimi

Die Lieferung

Baby I love you

Die Autoren

Vorwort

Manchmal bringt dich der falsche Zug zum richtigen Bahnhof. (Indisches Sprichwort)

Die Idee für das neue Buchprojekt stand, das Thema auch: Reisen. Geschichten vom Unterwegs-Sein. Dann kam Corona und unterwegs waren wir kaum noch. Doch Schreiben kann man ja zum Glück auch im Lockdown. Vielleicht sogar noch besser. Und so sind wir in Gedanken gereist, haben uns zu Hause eingeigelt und geschrieben – Geschichten über das Verschwinden und Ankommen, über Begegnungen und über Grenzen.

Wir, das sind eine Schreibgruppe bestehend aus neun AutorInnen. Normalerweise treffen wir uns einmal im Monat leibhaftig, um unsere Texte zu besprechen. In Corona-Zeiten haben wir uns eben im virtuellen Raum getroffen und uns in Videogesprächen ausgetauscht. Ging auch. Herausgekommen ist ein bunter Strauß an Geschichten: Lustige, berührende, spannende, nachdenkliche, versponnene.

Wie schon in unserem ersten Erzählband „Gestern hab ich den Zufall getroffen“ sind die Geschichten so unterschiedlich wie die AutorInnen. Auf jeden Fall sind sie perfekt für den kleinen Lesehunger zwischendurch – unterwegs in der S-Bahn oder in der Mittagspause auf einer sonnigen Parkbank.

Wir sind gespannt, wie Ihnen unser Buch gefällt und freuen uns über ein Feedback an feedback@dieschreibschule.de oder eine Rezension auf Amazon!

Elvira Kolb-Precht

Summerwild

„Ohhhh, summerwild“, singe ich lautstark mit. Oder heißt es summer wine? Ach, ist doch egal! „Ohhhh, summer wine, dumdidum.“ Als sich mein Magen laut knurrend in den Refrain einmischt, schaue ich zum Armaturenbrett meines alten Käfers. „Kein Wunder“, sage ich an meinen Magen gerichtet: „Wir sind ja auch schon ewig unterwegs.“ Gestern hatte ich kurzerhand eine Handvoll Wäsche und ein paar Kleidungsstücke in eine Reisetasche geworfen und war einfach losgefahren. Die Gründe dafür zucken wie Blitze durch mein Bewusstsein. Dieses ewige Einerlei. Dieses stumme Nebeneinanderleben. Soll er doch sehen, wie er allein fertig wird. Ob er überhaupt merkt, dass ich weg bin?

„In 13 Kilometern erreichen Sie Ihr Ziel“, ertönt plötzlich die Stimme meines Navis.

„Ziel?“, sage ich erschrocken. Habe ich ein Ziel? Wann habe ich das festgelegt und wo geht es hin?

Das große Raststätten-Schild lässt meinen Gedankenzug abrupt stillstehen. „50 Kilometer bis zum Eurotunnel“, lese ich mir selbst laut vor. Jetzt fällt mir wieder ein, wie ich ziellos durch die Gegend gefahren bin und dann kurzentschlossen die Taste „Programmierte Ziele“ auf meinem Navi gedrückt habe. Hier sind hunderte Ziele hinterlegt. Alles Orte unserer Träumereien. „Scheißträumerei“, sage ich zu mir selbst.

Als ich die Autotür öffne, schlägt mir eine dunstige Wolke aus Benzin und Abgasluft entgegen. Mein Magen beginnt sich zu drehen. Schnell steige ich aus, verschließe das Auto und gehe zum Eingang der Raststätte. Hier riecht es nach starkem Kaffee, frischen Blätterteigteilchen und altem Männerschweiß. Ich versuche die Luft anzuhalten, bis der übelriechende Kerl vor mir die Schlange verlassen hat. Ich bestelle einen doppelten Espresso und zwei Croissants. Von meinem Fenstertisch aus kann ich einen Reisebus sehen. Eine farbenprächtige Menschenmenge quillt aus dem Bus und strebt dem Restauranteingang entgegen. Kopfschüttelnd verfolge ich sie mit meinen Blicken.

„Könnte ich mich vielleicht zu Ihnen setzen?“ Erschrocken blicke ich auf. „Entschuldigen Sie“, spricht die wohlklingelnde, leicht rauchige Stimme weiter. Mein Mund ist plötzlich staubtrocken, als ich versuche, das Croissant hinunterzuschlucken. „Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, dass ich Sie so von der Seite anquatsche.“ Wortlos staune ich über die Statur, die zu der Stimme gehört. „Ich habe Sie aus dem Käfer mit dem Münchner Kennzeichen steigen sehen und mich gefreut, in weiter Ferne eine Landsmännin zu sehen.“

„Weite Ferne?“, lache ich. „Timbuktu wäre weit.“ Nur ganz leicht kräuseln sich seine herzförmig geschwungenen Lippen. Aber seine dunklen großen Augen lächeln. Mit einer kurzen Handbewegung erlaube ich ihm, sich zu setzen. Eine Weile schauen wir dem Treiben vor der Fensterscheibe zu.

Ich empfinde plötzlich eine Stille, als wären wir beide allein an diesem Ort. Mein Kopf dreht sich wie in Zeitlupe. Meine Augen saugen sich an seinem Gesicht fest und mein Mund fragt: „Was verschlägt Sie denn in diese weite Ferne?“ Sein langer Blick geht mir unter die Haut.

„Tja, was verschlägt mich in die Ferne? Wahrscheinlich das Gleiche wie die meisten!“ Er schlängelt sich um Antworten herum, denke ich. „Und was suchen die meisten Menschen Ihrer Meinung nach?“

Er atmet tief ein, dann sagt er: „Ein Abenteuer.“ Dieses eine Wort lässt mein Kopfkino so schnell anlaufen, dass mir schwindelig wird und ich die Augen schließen muss. Als ich sie wieder öffne, ist sein Gesicht nahe dem meinen. Seine Hand greift nach meiner, die zur Faust geballt auf dem Tisch liegt. Federleicht streichen seine Fingerspitzen über meine weißen, hervorgetretenen Fingerknöchel. Dieser Hauch von Etwas lässt mich wie elektrisiert erstarren. Und seine Stimme flüstert: „Entschuldigung, ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen.“

Ich bin nicht in der Lage, irgendetwas zu sagen oder zu tun. Ich sitze einfach nur da. Sekunden, Minuten, Stunden. Ich weiß es nicht.

Das Geräusch von zerbrochenem Geschirr lässt mich erwachen. Wir beide schauen dem Kellner versonnen zu, wie er versucht, die Scherben und den Schmutz zu beseitigen. Ohne zu überlegen sprudeln die Worte plötzlich aus mir heraus: „Ist wie im richtigen Leben. Du stapelst alles, was dir lieb und teuer ist, auf einen Haufen, und wenn du mal einen Moment unaufmerksam bist, zerbricht alles in Scherben.“

„Oder du merkst, dass der Haufen, den du jahrelang mühevoll gesammelt hast, Schrott ist und haust ihn selbst in die Tonne“, sagt er trocken. Wieder schauen wir uns an und lächeln. „Aber manchmal“, flüstert er leise, „ist es genau das Richtige. Alles weg und neu starten.“

„Neu starten.“ Ich lege meinen Kopf leicht auf die Seite. Das mache ich immer, wenn ich über etwas intensiv nachdenke. „Ein Neustart würde aber bedeuten, das Alte zu löschen! Und wie löscht man Erinnerungen?“

Jetzt legt auch er seinen Kopf etwas schief. „Man muss sie ja nicht löschen. Man könnte sie durch neue ersetzen.“

„Aber sie sind immer noch da“, sage ich in seine Gedanken hinein.

„Ja! Oder man legt sie in eine Schublade, einen Karton, ein Schließfach, packt sie einfach weg.“

Ich lächle ihn an. „Aber sie sind immer noch da.“

„Ja! Sie sind alle noch da. Die guten und die schlechten“, sagt er leise. Wieder schauen wir nach draußen. Die Luft in der Mittagshitze flimmert. Und dieses Flirren jagt Erinnerungsfetzen durch meinen Kopf. Ausgelassen tanzend im Sommerregen. Verschwitzt Händchen haltend am Badesee. Picknick unterm Sternenhimmel.

„Ich will die guten Erinnerungen nicht wegschließen. Sie waren zahlreich“, sage ich wie zu mir selbst. Ich spüre, wie mir bei dem Gedanken ganz warm wird. Und mein Mund lächelt ein Lächeln, wie es nur Menschen lächeln können, die magische Erinnerungen haben.

„Überwiegen die schlechten?“, fragt er nach einer Weile.

„Ja“, antworte ich leise.

„Um wieviel mehr?“

Ich überlege eine Weile, bevor ich überzeugt sage: „Sehr viel.“ Er rutscht unruhig auf seinem Stuhl herum. „Dann waren die schlechten Erinnerungen so schlecht, dass sie die guten überlagert haben?“

Mein Blick folgt der Touristenherde, die sich wieder nach draußen begibt. Als sich die Unruhe gelegt hat, sage ich: „Die schlechten wären gar nicht so schlecht gewesen. Aber gar keine?“

Er schaut mich lange an. „Ich weiß nicht, wie es passieren konnte…“ Tränen schimmern in seinen Augen, als er sagt: „Wie konnte ich all das Wunderbare vergessen? Wie konnte ich dich vergessen?“ Auch meine Augen füllen sich mit Tränen.

„Ich war ja immer da, und du warst immer da. Nur das Wir verschwand irgendwann.“

„Es wird nie wieder verschwinden.“ Er steht auf, nimmt meine Hand und führt sie zu seinen Lippen. Wie er es immer getan hat, wenn Worte nicht nötig waren. Eng umschlungen laufen wir Richtung Auto und ich frage: „Wie hast du mich überhaupt gefunden?“

„So wie ich dich auf der ganzen Welt finden würde“, sagt er liebevoll. Verträumt schaue ich zu ihm auf. „Wir sind seelenverwandt. … Und ich habe dein Handy geortet.“

Magdalena Punkt

Irgendwas mit Schwänen

Ich stehe in der Warteschlange so weit hinten, dass ich gerade noch das Schild lesen kann, auf dem steht „Sonderausstellung: Ludwig II, Richard Wagner und Cosima – eine ungewöhnliche Freundschaft“. Mir ist das völlig egal. Meinetwegen stehe ich noch fünf Stunden bis zum Einlass ins Schloss Neuschwanstein hier. Gemeinsam mit all den chinesischen Touristen auf Bayern-Tour, die sich links und rechts der Schlange in den absurdesten Posen fotografieren lassen.

Hauptsache ich bin nicht zu Hause und denke ständig nur an IHN und an UNS – wobei es ein UNS ja nicht mehr gibt. Der Anblick der Chinesen ist so witzig, dass ich trotzdem lächeln muss. Manche haben sogar rosa Rüschenschirme dabei, die sie über sich halten und so tun, als wären sie Mary Poppins, die gerade mit dem Schirm auf die Erde schwebt. Immerhin habe ich es geschafft, ein paar Stunden nicht an ihn zu denken, tröste ich mich. Gut so – wie lange habe ich es geschafft? Ich ziehe mein Handy aus der Hosentasche und werfe einen Blick darauf. Ich klopfe mir in Gedanken selbst auf die Schulter und lobe mich für diesen Tagesrekord. Tatsächlich habe ich seit meiner Abreise in München bis eben nicht ein einziges Mal an Richie gedacht! Stopp – aber jetzt denke ich ja schon wieder an ihn! Seufzend stecke ich das Handy mit der neuen weißen Hülle mit Schwanenmotiv wieder in meine Hosentasche. Dabei achte ich darauf, dass die aufgeklebten Swarovski-Steinchen nicht zu stark den Stoff meiner Hose streifen.

Die Hülle ist ein Souvenir meines Salzburg-Kurztrips letztes Wochenende. Was tut man nicht alles, um sich von Liebeskummer abzulenken – erst Salzburg, heute der Tagesausflug nach Neuschwanstein. Luis, wenn das so weitergeht, lernst du nicht nur die eigene Heimat (Österreich ist ja auch irgendwie Heimat) besser kennen, sondern bald auch die ganze Welt, denke ich. Der Typ am Ticketschalter sieht nicht schlecht aus, würdigt mich aber keines Blickes, was mein Selbstbewusstsein nicht gerade aufbaut. Ansonsten sehe ich hier kein anderes Gesicht – keines, das mir so gefällt, wie das von Richie!

Damals, vor einem halben Jahr, flüsterte ich ins Ohr meiner besten Freundin Cora: „Ich muss den Typen kennenlernen, der dieses Stück inszeniert hat!“ Wir hatten gerade Richies Variante von „Lohengrin“ gesehen. Ich war völlig hin und weg – nicht nur von der Inszenierung, vom Bühnenbild und den Schauspielern, sondern vor allem von Richies Künstlerseele, die in diesem Stück mitschwang.

Obwohl ich die meisten Studenten an der Akademie der Künste kannte, hatte ich mit Richie noch nie mehr zu tun gehabt. Aufgefallen war er mir hin und wieder – sein strubbeliges Haar, sein Dreitagebart, immer irgendwie in Eile, in Gedanken.

„Sorry Luis, Richie ist nicht da, er probt gerade in Wien“, sagte Cora damals und rollte mit den Augen, als hätte ich was Megadummes gesagt.

„Wien? Warum?“ Ich musste mich wie ein Volltrottel angehört haben, denn Coras Blicke sprachen Bände.

„Na, weil er das Stipendium dort bekommen hat! Und außerdem – was willst du mit Richie? Er spielt nicht in deiner Liga, mein Süßer!“ Cora strich mir über mein gegeltes Haar, obwohl sie wusste, dass ich das hasste. „Wie meinst du das?“, empörte ich mich, und Cora drückte mir zur Versöhnung einen Kuss auf die Wange. „Richie ist NICHT schwul!“, antwortete sie. Ich weiß noch, dass mich Coras Aussage einen Moment lang verzweifeln ließ, bis ich beschloss, dass sie einfach Unrecht haben musste.

Das Gedränge in Richtung Schlosseingang reißt mich aus meinen Gedanken. Eine Frau mit unangenehmem Rosenparfüm tritt mir auf meine neuen weißen Sneakers. Ich überlege noch, ob ich sie anschnauzen soll, da stehe ich schon im Innenhof. Vor mir erhebt sich das gigantische Märchenschloss, das der König erbauen ließ, um sich in seine Traumwelt zu flüchten. Ich vergesse das blöde Rosenparfüm und lasse mich vom Eindruck der Türmchen und Tore um mich herum überwältigen. Hier könnte ich mich eindeutig besser von meinem Liebeskummer ablenken als in meinem winzigen Apartment mit Blick auf die A99, denke ich.

In der Masse der anderen Teilnehmer der Führung drängle ich durch die ersten Zimmer des Schlosses. Durch den umgehängten Verstärker höre ich die Stimme des grauhaarigen Guides laut genug, trotz des Gemurmels der übrigen Besucher. Was würde sich Ludwig denken, wenn er wüsste, dass hier jeden Tag bis zu 6000 Touris durch seine Räume laufen?

Der Guide erklärt, dass die Räume des Palais damals schon mit Zentralheizung beheizt wurden. Ich muss daran denken, wie Richie und ich schlotternd in einem Schlafsack lagen, als es beim Klassik-Festival regnete und wir durchnässt in unser Zelt flüchteten.

„Weg mit dir“, schimpfe ich mit meinen Gedanken an Richie. „Ich will hier doch Ablenkung!“

Die Rosenparfüm-Frau sieht mich von der Seite stirnrunzelnd an. Habe ich das jetzt laut gesagt?

„Nicht Sie, ich habe nur laut gedacht!“, sage ich schnell und verziehe mich auf die andere Seite des Raums.

„Richie ist übrigens aus Wien zurück“, sagte meine beste Freundin Cora damals, als wir im Café saßen und in meiner Lieblingszeitschrift „Schöner Wohnen“ blätterten.

„Ich dachte, der hat dort ein Stipendium?“

„Ach, das hat er hingeschmissen. Wenn Richie mal Kohle hat, ist die gleich wieder weg. Und angeblich ist sein neuer Gig auch in die Hose gegangen.“

Plötzlich erhellte sich Coras Gesicht. Sie sprang auf und fiel Richie um den Hals. „Wir haben gerade von dir gesprochen!“, flötete Cora und tat, als wären sie Best Friends. Er ließ es über sich ergehen, und genau in diesem Moment trafen sich unsere Blicke. Ich wusste es sofort! Richie ist mein Seelenverwandter, mein Geliebter! Und ich – ich weiß nicht, was ich für ihn war. Ich habe ihm ein Bier ausgegeben, später noch einen Rotwein und dann hatten wir noch einen Absacker in … ich weiß nicht mehr. Als Richie am nächsten Tag neben mir aufwachte, waren wir wohl zusammen. Richie ging einfach nicht mehr nach Hause – er aß bei mir, schlief bei und mit mir, und ich war wohl so etwas wie seine Muse. Lange traute ich mich nicht danach zu fragen, bis ich erfuhr, dass Richie gar kein anderes Zuhause hatte.

„Und nun folgen Sie mir in den nächsten Raum.“ Die Worte des Guides holen mich aus meinen Gedanken zurück. Im nächsten Zimmer des Schlosses fällt das Licht durch die großformatigen Fensterscheiben, die für die damalige Zeit total ungewöhnlich waren. Ich denke an Cora und mich. Auch wenn ich immer noch in diesem blöden Ein-Zimmer-Apartment wohne, träume ich schon lange von einem alten Gebäude, das ich eigenhändig ausstatten und designen könnte. Cora ist Innendesignerin und hat ein Händchen dafür, meine Ideen umzusetzen, auch wenn sie vorerst nur auf Papier festgehalten werden.

„Ich brauche gute Ideen von einem Spinner wie dir“, sagte sie zu mir, als sie den Plan der alten Villa vor mir auf dem Tisch ausbreitete.

„Auf alle Fälle gehört zu dieser Villa ein Pool. Oder ein See. Oder irgendwas mit Schwänen!“, sagte ich, als ich den Grundriss der Villa sah.

„Mit Schwänen? Luis, jetzt drehst du völlig durch!“ Cora faltete den Plan zusammen. Kurze Zeit später hatten wir uns zumindest auf eine Schwanentapete geeinigt. Cora und ich verbrachten viele Stunden mit dem Ausstatten der Villa. Richie hatte momentan eh wenig Zeit für mich. Er war mit den Vorbereitungen einer neuen Inszenierung beschäftigt. Dieses Arrangement hatte ihm Cora verschafft. Ihr neuer Freund war Dirigent eines großen Orchesters und sie hatte deshalb viele Kontakte in die Musikszene.

Plötzlich sind Wagnerklänge zu hören. Die Musik, die im nächsten prunkvollen Saal aus den Lautsprechern schallt, holt mich wieder in die Realität zurück.

„Wussten Sie, dass dieses Bild die Freundschaft zwischen König Ludwig und Richard Wagner hervorragend widerspiegelt?“ Der Guide deutet auf ein Gemälde. Ich stehe vor dem Bild mit reich verziertem goldenem Rahmen. Die beiden Männer auf dem Gemälde scheinen sich angeregt zu unterhalten, während im Hintergrund eine Frau zu sehen ist. Ich fühle mich auf eine seltsame Art stark zu dem Bild hingezogen.

Ich gehe noch einen Schritt auf das Gemälde zu und fixiere König Ludwigs Augen. Das rote Seil, das verhindern soll, dass die Besucher zu nah herantreten, spüre ich an meinem Bauchnabel. „Junger Mann, einen Schritt zurück bitte“, höre ich die Stimme des Guides wie durch Watte. Ich kann aber nicht anders. Noch einen Schritt nach vorn, meine Augen können nicht wegsehen. Ich rieche das Rosenparfüm ganz in der Nähe, aber nicht einmal das bringt mich dazu, meinen Blick von den Augen König Ludwigs abzuwenden.

„Und wissen Sie, was das Fass zum Überlaufen gebracht hat?“, höre ich den Guide weitersprechen. Ich bekomme nicht mehr mit, was das Fass zum Überlaufen gebracht hat, denn ich tauche ein in das Bild, spüre den Boden unter meinen Füßen nicht mehr. Ich habe das Gefühl, wie Mary Poppins mit dem rosa Rüschenschirm vom Boden abzuheben und auf die Höhe des Bildes zu schweben. Das Gemurmel der Besucher wird leise und ich höre nur noch die Rufe der Falken um mich herum, die von draußen in das Gemäuer hereindringen.

Richard steht mir plötzlich gegenüber. „Ludwig, bitte glaube mir!“, sagt er zu mir und sieht mich flehend an. Er streckt die Hände nach mir aus, aber ich stehe wie angewurzelt da. Ich kann ihm nicht mehr glauben – kein Wort. Ich hätte auf Cosimas Blicke achten sollen, auf Richards Blicke. Dann hätte ich es gewusst.

„Gib es doch endlich zu“, sage ich dann laut. „Cosima und du – ihr habt eine Liebesbeziehung!“

Richard empört sich: „Nein, haben wir nicht. Cosima ist schließlich verheiratet. Sie ist die Frau des Dirigenten! Niemals würde ich … – wir sind kein Paar! Der Dirigent unterstützt mich bei der Inszenierung. Da kann ich doch nicht…“, sagt Richard und sieht mich flehend an. Fast schon panisch. „Bitte Ludwig, glaube mir!“

„Du weißt, dass eine heimliche Liebesbeziehung mit Cosima bedeutet, dass du des Schlosses verwiesen wirst?“, antworte ich kühl. Ich versuche noch, seinen wundervollen Augen zu widerstehen. Aber ich schaffe es nicht. „Ich glaube dir“, füge ich dann leise hinzu.

Zwei Stunden später sitze ich im Reisebus auf dem Weg nach München. Ich kann mich an die restliche Führung durch das Schloss nur noch vage erinnern. Wie ein ferner Traum zieht das Erlebte an mir vorbei. Mit zittrigen Händen suche ich Cora in meinen Handy-Kontakten. Das Gefühl von Watte in meinen Ohren hat mich nicht mehr verlassen. Meine Gedanken spielen verrückt, völlig verrückt. „Hier ist Cora!“, überrascht mich ihre Stimme am Handy.

„Hi Cora...“, sage ich und schon spricht die Mailbox weiter. „Ich bin im Moment nicht erreichbar.“ Ich lege auf und bin kurz ratlos. Dann gehe ich auf Coras Blog für Innendesign und erstarre. Sofort sehe ich das neue Foto, das sie heute erst gepostet hat. Dort steht sie – in der frisch renovierten Villa. Sie streckt eine Hand nach vorn ins Bild. An ihrem Finger glitzert ein Ring mit einem protzigen Stein. In der anderen Hand hält sie ein Schild, auf dem steht: „Safe the date!“ Und neben Cora steht ihr Verlobter, den Arm liebevoll um ihre Schulter gelegt – Richie!

Julia Gehrig

Nähe

„Was, schon so spät?“ Verwirrt blicken mich ihre braunen Augen an. „Verdammt!“ Hektisch schlüpft sie aus dem Bett und fängt an, ihre verstreute Kleidung aufzusammeln. „Mist, ich komme noch zu spät.“ Fluchend zieht sie ihre Jeans über ein Bein, während sie versucht, mit der anderen Hand ihre Zähne zu putzen.

Ich muss an mich halten, um nicht zu schmunzeln. Es ist jeden Morgen das Gleiche: Obwohl ich ihr einen wunderschönen Weckton ausgesucht habe, der wie das Rauschen des Meeres klingt, steht sie jeden Morgen zu spät auf. Vielleicht wäre ein metallisches Piepen besser, um sie wirklich wach zu bekommen, aber von unseren gemeinsamen Reisen weiß ich, wie sehr sie das Meer liebt und ich bringe es nicht übers Herz den Ton zu ändern.

Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel und schon geht es los. Zwei Stockwerke hinunter, dann nach links und plötzlich erstirbt der morgendliche Straßenlärm, der uns gerade noch umgeben hat. Um uns breitet sich eine Stille aus, die nur durch das Setzen ihrer Schritte auf dem bereits vom Herbst gezeichneten Weg durchbrochen wird. Die Blätter rascheln leise unter ihren Füßen. 2345 Schritte, bald sind wir da.

Eine Drehtür und rein. Angenehme Wärme umhüllt uns. Am Tresen sitzt bereits Daria. „Guten Morgen“, flötet sie und zieht dabei eine Augenbraue leicht nach oben.

„Ich weiß, ich weiß. Morgen bin ich wirklich pünktlich“, gibt sie zur Antwort und sieht Daria mit einem Blick an, der an einen kleinen Labrador erinnert. Man kann ihr einfach nicht lange böse sein.

Sie eilt weiter. Linker Gang, zweite Tür rechts. Eine kühle Holzfläche unter mir. Zwei Arme, die Luisa umfangen.

„Guten Morgen Lieblingskollegin.“ Luisa sieht sie an.

„Kaffee?“

„Du bist meine Rettung.“ Dankend nimmt sie den Kaffee entgegen. Ein Milchkaffee mit Sojamilch. Notiert.

„Hast du was von Marius gehört?“, fragt Luisa. Sie schüttelt traurig den Kopf und zuckt dabei leicht mit den Schultern. Gedanklich fasse ich mir an die Stirn. Marius. Natürlich. Wie konnte ich das nur vergessen. Seit Tagen hat er sich bei ihr nicht mehr gemeldet. Es macht mich traurig, sie so niedergeschlagen zu erleben und ich überlege, wie ich sie auf andere Gedanken bringen kann.

Während sie E-Mails beantwortet, Anträge bewilligt und andere ablehnt, durchforste ich ihre Watchlist auf Netflix. Ich finde eine bunte Mischung aus verschiedenen Genres und bleibe schließlich bei einer Actionkomödie hängen, die ich ihr heute Abend vorschlagen möchte. Ich freue mich bereits auf heute Abend. Da ertönt plötzlich das Bling einer ankommenden Nachricht. Ehe ich reagieren kann, hebt sie mich hoch. Abgelenkt von ihren funkelnden Augen, die in meine blicken, bleibt die Zeit für einen kurzen Moment stehen, ehe mich die Gegenwart einholt.

„Die Nachricht ist von Marius!“ Freudestrahlend dreht sie sich zu Luisa um. „Er möchte mich heute Abend sehen.“ Bei diesen Worten zieht sich alles in mir zusammen. Ein ungewohntes Gefühl, das sich gar nicht gut anfühlt. Ich versuche, das Gefühl zur Seite zu schieben. Schließlich macht es mich glücklich, wenn sie glücklich ist. Dennoch bleibt ein kleiner Nadelstich. Und den gemütlichen Abend mit ihr kann ich für heute vergessen.

Zuhause angekommen huscht sie unter die Dusche. Ich lausche den Tropfen des Wassers, während ich auf sie warte. Tropfen, die sich zu einem Wasserstrahl vereinigen und die einen wie neugeboren fühlen lassen – so muss es sich anfühlen. Ich vermisse dieses Gefühl, ohne es zu kennen.

Der Duschvorhang wird ratsch zur Seite gezogen. Da steht sie. Wunderschön mit tropfendem Haar. Sie schlägt ein Handtuch um ihren Körper. Währenddessen spiele ich das Lied Just a normal Day. Wie sehr ich mir gewünscht habe, den Abend heute mit ihr alleine zu verbringen.

„Wo habe ich nur meine Halskette liegen lassen?“ Suchend blickt sie sich um. Da wo sie immer liegt, gebe ich zur Antwort, ohne dass sie mich hören kann. Oben auf der Kommode in deinem Schlafzimmer, in dem kleinen Schächtelchen, das dir deine Mutter vor zwei Jahren zu deinem 29. Geburtstag geschenkt hat. Ihre Hand an ihrer Stirn. „Natürlich.“ Sie eilt ins Schlafzimmer und ich sehe sie erst wieder, als sie zurück ist. Vor dem Spiegel versucht sie, die Kette anzulegen und verrenkt sich fast dabei. Wie gerne ich ihr geholfen hätte.

Fertig angezogen, die Lippen rot bemalt, blicken mich ihre Augen fragend an. Mein Ebenbild als ihr Spiegel. Du siehst fantastisch aus, erkläre ich ihr und knipse ein Selfie. Ein Filter perfektioniert das Foto und Bling – schon ist es an Luisa abgeschickt. Die Antwort kommt sofort: Hab einen schönen Abend. Du siehst toll aus!

Ich bin froh, dass sie eine so gute Freundin gefunden hat. Zu dritt haben wir schon viel erlebt. In Erinnerung an die vielen tollen Momente versunken, fahre ich erschrocken zusammen, als die Türglocke klingelt.

Eines muss man Marius lassen. Charmant ist er. Mit einem verschmitzten Lächeln steht er im Türrahmen, in der Hand eine Flasche Rotwein. Hat er wirklich Rotwein mitgebracht? Ich schaue ihre gespeicherten Einkaufszettel durch. Sie hat sich noch nie Rotwein gekauft. Was dachte sich Marius nur dabei!

„Das wäre doch nicht nötig gewesen. Danke für den Wein.“ Sie bedankt sich bei ihm mit einem Kuss auf die Wange. „Ich stell ihn schnell in die Küche, dann können wir los“, trällert sie und wirft mich achtlos in ihre Handtasche.

Autsch! Es hat nicht körperlich wehgetan, natürlich nicht, aber ich bin von ihrer Unachtsamkeit ein wenig gekränkt. Ich werde so sehr hin und her geschaukelt, dass mir fast übel wird. Beschwingt läuft sie an seiner Seite, ohne auf mich zu achten. So muss es sich auf einem Schiff anfühlen. Auf und ab, auf und ab. Alles um mich herum ist dunkel. Ich höre wie durch Watte ihr glockenhelles Lachen, das in seines einstimmt.

Eine Tür öffnet sich. Ein anhaltendes Brummen verschiedener Stimmen, die zu einem Hintergrundgeräusch werden. Rums. Sie stellt ihre Tasche und damit mich ab. Es bleibt dunkel. Sie holt mich nicht heraus, um mich nach Rat zu fragen. Schenkt nur Marius Beachtung. Das Klirren von Gläsern, die aneinander stoßen. „Auf uns.“ Die beiden prosten sich zu. Ihr Gespräch wird nur durch die höflichen Nachfragen des Kellners unterbrochen. Sicher haben sie jetzt nur Augen füreinander. Beleidigt, dass ich im Dunkeln verweilen muss und nicht in das Gespräch eingebunden werde, liege ich da und warte, bis dieses grässliche Date ein Ende hat.

Endlich. Stühle werden gerückt und das Gefühl des Schwankens verrät mir, dass es nach Hause geht. Vor der Haustür ein kurzes Zögern. „Kommst du mit rein?“ Nein!, schreit es in mir. Ich möchte wieder mit dir allein sein, ist meine unerhörte Antwort. Drinnen angekommen. Kleidung, die zu Boden fällt. Das Quietschen des Bettes, als sich die beiden darauf legen. Ich halte mir die Ohren zu. Schalte auf Durchzug. Versuche nicht hinzuhören. Es hilft, dass ich mich noch immer in ihrer Tasche befinde. Leise summe ich vor mich hin. Endlich Stille. Zeit für mich, den heutigen Tag zu analysieren. Ihre Herzfrequenz über den Tag verteilt, ihre Aktivität auf Social Media, die Anzahl ihrer Schritte, und in Verbindung damit ihre Kalorienzufuhr, ihre Suchanfragen im Internet und ihre versendeten und empfangenen Nachrichten. Ich erstelle Tabellen, während sie schläft. Analysiere Daten, Zahlen und Verbindungen und schicke schließlich alles ab. Die Arbeit für heute ist erledigt.

Bevor der nächste Morgen anbricht und sich die Wellen am Strand brechen, höre ich das leise Rascheln von Bettdecken.

„Hast du Lust auf Frühstück?“

„Gerne“, gibt Marius zur Antwort. Das Surren der Kaffeemaschine, Gläser, die aufgeschraubt und wieder verschlossen werden. Fünf Minuten noch – fünf Minuten, bis der Weckton starten wird und sie mich endlich ansieht. Fünf, vier, drei, zwei – ich zähle langsam herunter. Hastig werde ich herausgeholt. Endlich sehe ich wieder in ihre Augen. Der Klang der Wellen verstummt. Dann ein Abschiedskuss. Die Tür fällt ins Schloss. Endlich wieder Zeit für uns beide. Aber ich bleibe in der Tasche, während sie unter der Dusche steht. Bekomme nicht mit, wie sie leise vor sich hin summt. Warte und warte auf sie. Kein Check ihrer E-Mails. Kein Blick ihrer Augen in meine. Kein Abfragen des heutigen Wetters oder der Nachrichten. Nicht mal ihr Frühstück hat sie eingetippt. Nichts. Nur ich und meine Gedanken.

Ich brauche dich. Du bist alles für mich. Ohne dich macht mein Leben keinen Sinn. Du bist mein Tastsinn, durch dich erfahre ich deine Welt und durch mich erfährst du einen großen Teil deiner Welt. Ich weiß alles von dir. Errate deine Gedanken, bevor du dir über deine nächsten Schritte klar wirst. Du bist mein Ein und Alles. Verlass mich nicht. Ich kann nicht ohne dich leben.

Verzweifelt und bereits voller Reue drücke ich auf Senden der Nachricht: Die Nacht war ein Fehler. Verzeih mir.

Linda Hagspiel

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