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Himmlische Küsse

PROLOG

Er fasste es nicht, dass seine Schwester ihm das angetan hatte.

Verärgert betrachtete Cal McCall die Frau, die vor ihm stand. Sie war relativ groß, doch selbst ihr weites T-Shirt und ihre leger geschnittenen Jeans konnten nicht kaschieren, dass sie spindeldürr war. Sie hielt den Kopf gesenkt, sodass ihre dichten, kupferroten Locken den größten Teil ihres Gesichts verbargen, während sie reglos dastand und wartete. Worauf wartete?

Auf Fragen, nahm er an. Auf Anweisungen. Er hatte seine Schwester gebeten, ihm eine Haushälterin zu suchen, also hatte er sich das alles selbst zuzuschreiben. Silver, die das weichste Herz von ganz South Dakota hatte, hatte ihm erklärt, Lyn Hamill bräuchte einen Job und ein Dach über dem Kopf, wenn sie ihren Zufluchtsort verließ. Und so, wie seine Schwester es sah, bot er die ideale Lösung.

Wieder ließ er den Blick über seine neue Angestellte schweifen. Verflixt, sie sah mitnichten gesund genug aus, um das Frauenhaus zu verlassen, geschweige denn, um in der Lage zu sein, das große Ranchhaus zu bewirtschaften, das er vor Kurzem gekauft hatte. Sie war das Opfer häuslicher Gewalt gewesen, und er hatte bestimmt Verständnis für ihre Probleme. Aber er brauchte jemanden, der ihm beim Renovieren half, der Badewannen schrubbte und Berge von Wäsche wusch, einen Gemüsegarten in Ordnung hielt, mit launischen Rindern fertig wurde und Pferde striegelte, wenn nötig. Diese Frau dagegen sah selbst ausgesprochen hilfsbedürftig aus.

“Also”, hörte Cal sich sagen, “wenn ich es recht verstehe, möchten Sie für mich arbeiten.”

Sie nickte kaum merklich, doch selbst diese kleine Bewegung ließ ihre Lockenpracht in der Sonne feuerrot aufleuchten. Er musste an sich halten, um nicht die Hand auszustrecken und durch ihre Locken zu streichen, die ihr bis über die Schultern fielen. Eines jedenfalls stand fest, sie hatte wunderschönes Haar.

Cal seufzte tief. Silver hatte ihn in eine richtige Zwickmühle gebracht. Es war sein größter Traum gewesen, die Ranch seines Vaters zurückzukaufen. Als sich die Gelegenheit dazu bot, hatte er sie sofort ergriffen, und Silver hatte ihm geholfen, das alte Haus wieder instand zu setzen. Leider hatte sie sich in einen Rancher aus der Nachbarschaft verliebt und ihn geheiratet, ehe die Renovierung beendet war.

Trotzdem war er ihr für ihre Hilfe etwas schuldig, und als Hochzeitsgeschenk hatte sie sich von ihm nur gewünscht, dass er dieser jungen Frau hier eine Chance gab.

“Tja, ich denke, wir können es mal versuchen. Ich bin beim Renovieren, und da gibt es im Haus hin und wieder zusätzliche Unordnung und Dreck. Aber ich werde Ihre Unterstützung auch bei verschiedenen Arbeiten außerhalb des Hauses brauchen.” Cal hielt inne, weil er eine Antwort erwartete, aber es kam keine. Um das erneute Schweigen zu brechen, fragte er: “Wo ist denn Ihr Gepäck? Ich lade es schon mal ein, während Sie sich verabschieden.”

Die Frau nickte wieder. Ohne hochzusehen, zeigte sie auf eine große Papiertüte mit dem Logo eines bekannten Kaufhauses, die an einem Pfosten an der Veranda lehnte.

“Das ist alles?” Diese Tüte konnte doch unmöglich ihr ganzes Gepäck sein.

“Bist du zur Abreise bereit, meine Liebe?” Eine große, füllige Frau in viel zu engen Jeans und knallrosa Bluse kam über die Veranda und zog seine schweigsame Haushälterin an ihre üppigen Brüste.

Über Lyns Schulter hinweg sah sie zu ihm. “Sie sind also Mr McCall. Ich bin Rilla. Ihre Schwester ist wirklich ein lieber Mensch.” Ihrem Ton nach zu urteilen, bezweifelte sie offenbar sehr, dass man das auch von ihm sagen konnte.

Er bedachte die Leiterin des Frauenhauses mit einem gewinnenden Lächeln. Dieses Lächeln hatte Dutzende von misstrauischen Anlegern überzeugt, dass sie ihm ihr schwer verdientes Geld anvertrauen konnten, und es funktionierte auch diesmal. “Ich verspreche Ihnen, dass Miss Hamill in meinem Haus mit dem größten Respekt behandelt wird, Ma’am. Kann ich irgendetwas tun, damit sie sich wohler fühlt?”

Rilla lachte herzlich. “Abgesehen von einer Geschlechtsumwandlung bezweifle ich, dass Sie viel für sie tun können.”

“Tut mir leid. Das habe ich nicht vor.” Cal schmunzelte, während Rilla ihren Schützling ein letztes Mal an sich drückte.

“Geh schon mal zum Wagen, Honey. Ich möchte noch kurz mit Mr McCall reden.”

Lyn murmelte etwas Unverständliches, immerhin die ersten Laute, die er von ihr vernahm, und umarmte ihrerseits Rilla. Dann machte sie Anstalten, ihre erbärmliche Papiertüte an sich zu nehmen.

“Die trage ich.” Doch als er nach der Tüte griff, schrie Lyn voller Panik auf, und sofort trat er beiseite.

Lyn wich derart hastig vor ihm zurück, dass sie gegen Rilla stieß, die immer noch hinter ihr stand.

“Meine Liebe, meine Liebe”, besänftigte Rilla sie. “Es ist alles in Ordnung. Mr McCall ist ein Gentleman. Er will doch nur die Tüte für dich tragen.” Sie tätschelte Lyn die Schulter. “Und jetzt geh zum Wagen.”

Deutlich hörbar holte Lyn tief Luft und entfernte sich dann.

Kopfschüttelnd schob Cal seinen Hut nach hinten und wippte nachdenklich auf den Absätzen vor und zurück. Es sah ganz danach aus, dass die Sache immer schlimmer wurde. Wie sollte er mit einer Haushälterin klarkommen, die panische Angst vor ihm hatte? “Ich bin mir nicht so sicher, ob es funktionieren wird.”

“Ich mir auch nicht”, antwortete Rilla. “Ihre Schwester hält Sie zwar quasi für einen Heiligen, aber ehrlich gesagt, habe ich ein paar Zweifel, ob Sie mit dieser verletzten kleinen Lady umgehen können.”

Das traf ihn. Es war eine Sache, wenn er selbst anzweifelte, ob es klappen würde, aber es gefiel ihm überhaupt nicht, wenn jemand anderes ihn für unfähig hielt.

“Ich werde mit ihr zurechtkommen. Ich will ihr bloß nicht noch mehr Angst machen.”

Rilla seufzte. “Sie muss sich wieder an die Gesellschaft von Männern gewöhnen. Ihre Schwester gab mir einige Referenzen, damit ich mich über Sie erkundigen kann, und alle Leute haben mir versichert, dass Sie ein guter Mann sind.”

Cal war erst hoch erstaunt, dann empört. “Sie haben Leute angerufen, um sich nach meinem Charakter zu erkundigen?”

Die Leiterin des Frauenhauses zuckte mit den Schultern, doch ihre Augen funkelten verschmitzt. “Natürlich. Ich muss doch Gewissheit haben, dass meine Schützlinge in Sicherheit sind, wenn sie das Haus hier verlassen.” Ihr Blick wurde ernst. “Mr McCall, Sie können sich nicht vorstellen, was einige Frauen, die sich hierher flüchten, erlitten haben. Für manche ist das nackte Überleben bereits ein Sieg. Die kleine Lynnie hat allen Grund, sich vor Männern zu fürchten. Ich habe sie gesehen, gleich nachdem Ihre Schwester sie ins Krankenhaus gebracht hatte, und die Ärzte waren sich gar nicht sicher, ob sie je wieder auf die Beine kommt, in körperlicher und seelischer Hinsicht.”

Rilla hielt einen Moment inne. “Lyn kann sich nicht daran erinnern, was passiert ist. Vielleicht wird sie das nie können. Die Polizei vermutet, dass es ihr Exmann war, der sie so misshandelt hat, und sucht ihn. Denn er ist verschwunden. Vielleicht werden sie ihn nie finden. Aber am wichtigsten ist erst einmal, dass Lyn ein ruhiges Plätzchen findet, um sich zu erholen.”

“Kann ich irgendetwas Besonderes für sie tun?”, wollte er wissen, obwohl er eigentlich keine Zeit für diese Geschichte hatte. Er musste eine Ranch wieder auf Vordermann bringen, Vieh kaufen, Arbeiter einstellen. Nein, er hatte wirklich keine Zeit zum Babysitten.

Rilla schüttelte den Kopf. “Sie braucht keine medizinische Behandlung, sondern einfach Zeit, um ihr seelisches Gleichgewicht wiederzufinden. Seien Sie freundlich zu ihr, lassen Sie ihr viel Raum, und die Zeit wird alle Wunden heilen. Lynnie kann hier bei einer Selbsterfahrungsgruppe mitmachen, wenn sie das möchte. Außerdem werde ich sie hin und wieder anrufen, um zu hören, wie es ihr geht. Und Ihre Schwester wollte sich ja auch gelegentlich nach Lynnie erkundigen.”

Cal nickte und bemühte sich, ein Lächeln zu unterdrücken. “Gelegentlich” hieß bei Silver vermutlich zwei- oder dreimal am Tag. “Sie kommt in ein paar Tagen von ihrer Hochzeitsreise zurück und wird sich dann bestimmt gleich vergewissern, dass alles in Ordnung ist.” Er holte tief Atem. “Miss Rilla, Sie können jederzeit zu Besuch kommen. Auf der Ranch gibt es genügend Gästezimmer.”

“Danke.” Die Leiterin des Frauenhauses reichte ihm die Hand. “Passen Sie auf Lynnie auf und rufen Sie an, falls Sie irgendwelche Fragen haben.” Sie steckte ihm einen Zettel in die Brusttasche. “Das ist meine Telefonnummer. Sie gilt rund um die Uhr. Notfälle halten sich nicht an Geschäftszeiten.”

“Ja, Ma’am”, erwiderte er ernst. “Hoffen wir, dass die kleine Lady alle Notfälle ihres Lebens hinter sich hat.”

Die eineinhalb Stunden Fahrt von Rapid City zurück nach Kadoka waren Cal noch nie so lang vorgekommen. Seine neue Haushälterin saß stumm neben ihm und dachte offenbar gar nicht daran, es aus Höflichkeit mit ein wenig Konversation zu versuchen.

In seinem Kopf herrschte das reinste Chaos, und weil er damit beschäftigt war, es zu ordnen, gab er sich keine Mühe, Lyn aus der Reserve zu locken. Als sie den Ort Wall erreichten, fragte er sie, ob sie etwas erledigen wolle, doch sie schüttelte den Kopf. Er hoffte, das hieß, dass sie in absehbarer Zeit nicht zur Toilette musste, denn bis Kadoka, ihrem Ziel und zugleich dem nächsten Vorposten der Zivilisation auf diesem Abschnitt des Interstate 90, war es noch eine Stunde.

Nachdem sie den Interstate bei Kadoka verlassen hatten, fuhren sie auf der Route 73 Richtung Süden, bis sie endlich die Abfahrt zu seiner Ranch erreichten. Seine Ranch. Jedes Mal, wenn er daran dachte, dass das Land tatsächlich ihm gehörte, überkam ihn tiefe Freude.

Als das Haupthaus in Sicht kam, warf er seiner neuen Angestellten einen Seitenblick zu, weil er ihre Reaktion auf sein Zuhause sehen wollte.

Ihr liefen Tränen übers Gesicht.

Das schockierte ihn derart, dass er abrupt auf die Bremse trat. Lyn schrie auf, und er stellte sofort den Motor ab. “Aber, aber, keine Panik. Es ist alles in Ordnung.”

Verunsichert holte Lyn Atem, während Cal seinen Hut abnahm und sich mit der Hand durchs Haar fuhr.

Nachdem er sich gefangen hatte, fragte er: “Habe ich etwas getan, was Sie aus der Fassung gebracht hat?”

Sie schüttelte den Kopf, sah ihn aber auch jetzt nicht direkt an.

“Warum weinen Sie dann?” Er konnte nicht verhindern, dass das ziemlich verzweifelt klang.

Lyn hob den Kopf. Langsam wandte sie sich Cal zu, und zum ersten Mal kam ihr Gesicht unter ihrer roten Lockenmähne zum Vorschein. Ihre Augen waren grün. Nein, es waren riesengroße, smaragdgrüne Seen. Leider waren diese faszinierenden Augen von grünen und gelben Flecken umrahmt, und auch auf der Stirn prangte ein ehemals blauer Fleck. Sie hatte einen hellen Teint, wenn man von den letzten Spuren verschiedener Blutergüsse im Gesicht und am Hals absah, und auf der Nase und den Wangen ein paar Sommersprossen. Aber es war ihr Mund, der ihn in seinen Bann zog.

Eine lange Narbe, die sich vom linken Unterkiefer bis zur Unterlippe erstreckte, verunzierte ihre ansonsten perfekt geformten Lippen. Man sah, dass die Wunde, die offenbar von einem tiefen Schnitt herrührte, fachgerecht genäht und dass kürzlich die Fäden gezogen worden waren. Sie schien sehr gut zu heilen.

Weil Lyn nicht merken sollte, dass er sie anstarrte, ließ er den Blick schnell wieder höher gleiten. Ihre Wimpern waren kastanienbraun, genau wie die fein geschwungenen Brauen über ihren unglaublich schönen Augen.

Augen, in denen noch immer Tränen schimmerten.

“Warum weinen Sie denn?”, fragte er erneut.

Lyn machte Anstalten zu antworten. Doch ihr versagte die Stimme. Sie versuchte es noch einmal, und Cal hörte sie in einem heiseren Ton flüstern: “Ich habe früher hier gelebt.”

1. KAPITEL

Neun Wochen später

Lyn Hamill sah auf die robuste Armbanduhr an ihrem linken Handgelenk. Die Uhr war nichts Besonderes, doch sie bedeutete ihr viel, weil Cal McCall sie ihr in der zweiten Woche ihrer Tätigkeit als seine Haushälterin geschenkt hatte. Es war jetzt fast vier. Gut. Lyn wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn, nahm mit einer Zange die Einmachgläser aus dem kochenden Wasser und stellte sie zum Abkühlen beiseite. Dann gab sie weitere Gläser in den Topf. Sie würde genug Zeit haben, um die letzten Tomaten einzuwecken, ehe ihr Boss zum Essen kam.

Als sie etliche abgekühlte Tomatengläser in den Vorratskeller brachte, hielt sie einen Moment inne, um sich zufrieden umzusehen. Obwohl sie erst im Juli auf die Ranch gekommen war, zu spät, um im Garten Gemüse anzupflanzen, schaffte sie es, Vorräte für den Winter anzulegen. An den Deckenbalken hingen Netze voller Zwiebeln und Knoblauch, und auf dem gestampften Lehmboden standen große Körbe mit Kartoffeln. Langsam füllten sich auch die drei Wandregale mit Eingemachtem. Dort standen schon Dillgurken, grüne Bohnen, Erbsen, Pflaumenmus, Blaubeergelee und die Tomaten von heute.

Da Cal ihr ein reichlich bemessenes Haushaltsgeld gab und sie sparsam damit wirtschaftete, hatte sie angefangen, Gemüse für den Wintervorrat zu kaufen. Die Tomaten und noch einiges mehr hatten Nachbarn ihr geschenkt. Oder besser gesagt, es waren Geschenke für Cal anlässlich seiner Rückkehr in die Heimat, die sie in Empfang genommen hatte, weil er selbst die meiste Zeit über auf der Ranch unterwegs war.

Sie hatte Cals Schwester bei der Kartoffelernte geholfen, und Silver hatte darauf bestanden, dass sie auch Kartoffeln mitnahm. Mittlerweile war September, und sie war jetzt seit fast neun Wochen zu Hause. Nein, es ist nicht mehr dein Zuhause, sagte Lyn sich streng. Sie war nur die Angestellte des Besitzers der Ranch. Und als solche würde sie morgen Äpfel ernten und von den kleinen roten Apfelkuchen backen. Die anderen würde sie zu Mus und Kompott verarbeiten.

Oben fiel eine Tür ins Schloss. Lyn fasste sich an den Hals, während sie zu zittern begann. Ihr Atem ging stoßweise, und für einen Moment hörte sie ihren Herzschlag in den Ohren dröhnen. Vor Angst stand sie wie gelähmt da.

Er hatte sie schließlich doch gefunden. Wayne. Gütiger Himmel, was sollte sie nur tun? Sie war hier unten gefangen. Was, wenn er … Wenn er was tat? Wie jedes Mal, wenn sie sich an die zurückliegenden Ereignisse zu erinnern versuchte, liefen ihre Gedanken ins Leere. Wenn sie sich doch bloß entsinnen könnte!

“Lyn? Wo ist das Desinfektionsmittel?”

Cal. Grenzenlose Erleichterung durchströmte sie, und sie atmete tief durch und fing sich wieder. Es war nur Cal.

Lyn eilte die Treppe hinauf in die Küche.

Ihr Boss stand vor der Spüle, und als sie neben ihn trat, sah sie, dass er eine Schnittverletzung am Finger hatte, die blutete. Schnell holte sie das Desinfektionsmittel aus dem Medikamentenschränkchen, und weil er die Flasche mit einer Hand schlecht selbst aufschrauben konnte, tat sie es für ihn und träufelte etwas Flüssigkeit auf die Wunde.

Cal sog geräuschvoll den Atem ein, als das Mittel seine Wirkung tat. Doch es war leider unvermeidbar, dass sie ihm wehtat. Sacht schob sie eine Hand unter seine und gab noch mehr Desinfektionsmittel auf den verletzten Finger. Während Lyn sich ganz auf ihre kleine Aufgabe konzentrierte, verschwand ihre vorherige Panik vollständig, und ein anderes Gefühl breitete sich in ihr aus.

Sein starker Arm war gegen ihre Schulter gepresst, und Cals Nähe ließ sie wohlig erschauern. Er ging ganz ungezwungen mit ihr um, sie duzten sich mittlerweile, aber sie war ihm bisher sehr selten derart nah gewesen. Noch seltener hatte sie ihn berührt.

Ihre Finger zitterten. Mit einer abrupten Geste nahm Cal ihr die Flasche ab und trat einen Schritt beiseite.

“Danke, das kann ich jetzt allein machen.”

Enttäuscht über seine Zurückweisung ging sie zum Herd. Nach einem Blick auf die Uhr nahm sie den nächsten Schwung Einmachgläser aus dem Wasser.

“Ah, Tomaten.” Cals Stimme klang hoffnungsvoll. “Vielleicht kannst du im Winter davon ja mal Spaghettisoße kochen.”

Lyn nickte und strahlte. Sie nahm sich vor, seinen Wunsch auf keinen Fall zu vergessen, denn sie war stets bemüht, Cal McCall eine Freude zu machen. Er hatte ihr so viel gegeben, dass sie glaubte, sich ohnehin nie wirklich revanchieren zu können. Deshalb zeigte sie ihm mit kleinen Aufmerksamkeiten, wie sehr sie seine Unterstützung zu schätzen wusste.

Das galt auch für Silver, Cals Schwester, und Don, deren Mann. Diese drei hatten ihr geholfen, als ihr sonst niemand auf der Welt half, und sie bedankte sich auf ihre Art mit selbst gemachten Leckereien, Rezepten und Handarbeiten.

Allerdings stimmte es nicht ganz, dass sie für Silver und Don das Gleiche empfand wie für Cal. Nein, ihre Empfindungen für Cal waren einzigartig. Auch wenn sie sich an vieles nicht erinnern konnte, so wusste sie dennoch genau, dass sie noch nie solche Gefühle gehegt hatte wie für den heutigen Besitzer der Ranch, auf der sie früher gelebt hatte. Schon gar nicht für ihren Exmann.

Sie warf Cal, der noch an der Spüle stand, einen Seitenblick zu. Er hatte seinen Strohhut nicht abgenommen. Das tat er eigentlich immer erst, wenn er nach einem langen Arbeitstag unter die Dusche ging. Sein Hut gehörte so sehr zu ihm, dass er ohne ihn fast nackt wirkte.

Tagsüber war es immer noch sehr heiß, und er trug ein dünnes Hemd, das seine breiten Schultern betonte. Er war geritten, wie ihr das vor dem Haus angebundene Pferd verriet und auch der dunkle Schweißfleck auf seinem Rücken, der vom Hemdkragen bis zum Bund der Jeans reichte.

Seine Jeans. Sie saßen einfach perfekt! Lyn erinnerte sich genau, als ihr zum ersten Mal aufgefallen war, wie fantastisch sie Cals gut geformten Po zur Geltung brachten. Sie war seit drei Tagen auf der Ranch gewesen, und Cal hatte darauf bestanden, dass sie sich erst einmal einlebte. Doch an jenem dritten Tag war sie vor ihm aufgestanden.

Sie hatte ihm ein herzhaftes Frühstück zubereitet und ein Lunchpaket, weil er den ganzen Tag Luzerne mähen und einfahren wollte. Gerade als sie alles fertig gehabt hatte, war Cal genüsslich schnuppernd in die Küche gekommen.

Sie hatte ihm einen Becher Kaffee gereicht, und nachdem er den Kaffee probiert hatte, sagte er: “Sie sind engagiert!” Danach hatte er seine Stiefel angezogen. Als er sich dabei bückte, war sie geradezu hingerissen gewesen von seinem Po. Ihre Reaktion hatte sie derart überrascht, ja, schockiert, dass sie sich hastig abgewandt und ihm sein Frühstück serviert hatte.

Jetzt brachte die Erinnerung an diese Szene sie fast zum Lachen.

Während sie zur Spüle ging, um einen Krug Wasser zu holen, warf sie einen weiteren Blick auf Cals Verletzung. Genäht zu werden brauchte sie zwar nicht, aber Heilsalbe und ein Verband waren angebracht. Nachdem sie schnell Wasser in den Kochtopf mit den Tomatengläsern nachgefüllt hatte, holte sie Verbandszeug.

Cal nickte. “Ja, ich sollte die Wunde wohl lieber verbinden. Als der Draht zurückschnellte, konnte ich ihm gerade noch ausweichen, aber er hat mich am Finger erwischt.”

Lyn erschauerte bei dem Gedanken, was ein Stück Stacheldraht, wenn es beim Reparieren eines Zauns außer Kontrolle geriet, anrichten konnte.

Sie machte sich daran, Cal einen Verband anzulegen. Ihre Finger zitterten, als sie sich seiner kräftigen Hände bewusst wurde. Nachts träumte sie häufig von diesen Händen und von den sinnlichen Genüssen, die Cal ihr damit bereiten könnte.

Aber das waren Träume. Hier in der Küche seine Hand zu halten, war Wirklichkeit, und ihm derart nah zu sein, war eine süße Qual. Angesichts seiner Größe fühlte sie sich zierlich und feminin, obwohl sie nun bestimmt nicht klein war.

“So, fertig”, sagte sie mit einem Lächeln. “Ich glaube, du wirst es überleben.”

“Das ist das erste Mal, dass du mich neckst.”

Weil Cal unmittelbar vor ihr stand, konnte sie die winzigen dunklen Sprenkel um seine graue Iris sehen. Er hatte auch ganz dunkle Wimpern und ebensolche Brauen.

Lächelnd hielt er ihren Blick fest. “Du hast einen weiten Weg zurückgelegt, seit ich dich auf die Ranch geholt habe.”

Sie räusperte sich verlegen. “Ich fange an, mich … wieder nützlich zu fühlen.”

Sein Nicken zeigte ihr, dass er verstand, was sie meinte. “Oh ja, du bist ganz bestimmt nützlich”, neckte nun er sie. “Ich weiß gar nicht, wie diese Ranch vorher ohne dich ausgekommen ist.” Ehe sie wusste, wie ihr geschah, zog er sie in die Arme.

Nackte Angst drohte sie zu ersticken. Doch so plötzlich, wie die Angst sie überfallen hatte, war sie auch wieder verschwunden. Es war Cal, der sie umarmte, und es gab keinen Grund, vor ihm Angst zu haben. Sie schloss die Augen und atmete tief seinen Duft ein. Außer dem Geruch von Sattelleder und Pferd nahm sie auch Cals ureigenen Duft wahr, den sie nicht hätte beschreiben können.

Dass er sie umarmte, hatte sie wirklich nicht erwartet. Doch sie hatte nichts dagegen. Mehr noch, sie mochte es sogar sehr.

Da ließ er sie schon wieder los und trat zurück. “Entschuldige, wenn ich dir Angst gemacht habe. Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass ich deine Hilfe zu schätzen weiß.”

Ohne ihn anzusehen, nickte sie. Hatte er gespürt, wie sehr sie sich nach ihm sehnte? Sie würde sich in Grund und Boden schämen, wenn er je dahinterkäme. Um ihre Verlegenheit zu überspielen, sagte sie schnell: “Du hast mir keine Angst gemacht. Du hast mich nur für einen Moment aus der Fassung gebracht, mehr nicht.”

Cal zog die Brauen hoch. Dann grinste er, und das freche Funkeln in seinen schönen grauen Augen nahm ihr einen Moment lang den Atem. “Ich fing schon an, mich zu fragen, ob du auch zwei Sätze hintereinander sagen kannst.”

“Natürlich”, verteidigte sie sich. “Ich hatte bisher nur nicht viel zu sagen.” Ihre Stimme hörte sich in ihren eigenen Ohren laut und ziemlich heiser an. Der Arzt hatte ihr erklärt, da sie so heftig gewürgt worden sei, könnten ihre Stimmbänder auf Dauer geschädigt sein. Sie fand das nicht weiter schlimm – eine große Sängerin war sie nie gewesen, und solange sie überhaupt sprechen konnte, war es ihr eigentlich egal, wie sie sich anhörte.

Cal stand da und starrte sie mit seltsamem Gesichtsausdruck an.

“Was ist?”, fragte sie schließlich.

Er lächelte sie an. “Du klingst ziemlich heiser. War das schon immer so?”

“Meine Stimme klingt anders als früher.”

“Hab noch ein paar Monate Geduld. Du hast sie ja eine ganze Weile nicht mehr richtig benutzt. Vielleicht musst du dich nur daran gewöhnen, wieder regelmäßig zu sprechen.”

Sie nickte.

Schweigen.

“Tja, ich muss los, um den Zaun fertig zu reparieren”, meinte Cal. “Wilsons neuer Bulle ist diese Woche schon dreimal ausgebrochen, und zwar unten auf der Weide am Wasserreservoir. Wenn er den Zaun noch mal niederreißt, schlachte ich ihn und bringe Wilson das Fleisch persönlich vorbei, das schwöre ich dir.”

Lyn musste lächeln, während Cal hinausging. Die Zäune instand zu halten, damit die Viehherden sich nicht mit denen des Nachbarn vermischten, war für jeden Rancher eine Dauerbeschäftigung. Doch so heftig seine letzte Bemerkung auch geklungen hatte, Cal war ein guter Nachbar.

Er bestieg Tor, seinen Wallach, und Lyn sah ihm durchs Fenster nach, bis er in der Ferne verschwunden war. Dann kümmerte sie sich weiter um ihre Tomaten. Ja, sie würde diesen Winter mehrere Riesenportionen Spaghettisoße kochen.

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