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Himmelssinfonie

Über die Autorin

Eileen Ramsay, in Schottland geboren und aufgewachsen, arbeitete in Washington, DC, und Kalifornien als Lehrerin. Neben der Liebe zur klassischen Musik war das Schreiben schon immer ihre Leidenschaft, die sie inzwischen zu ihrem Beruf gemacht hat.

Die Autorin lebt mit ihrem Ehemann in Angus, Schottland, einer Landschaft, deren Reiz sie in ihren epischen Romanen »Schetterlingstage« und »Sternschnuppennächte« aufs Schönste entfaltet. In »Pinienträume« bezaubert sie ihre Leser nicht nur mit der herben Schönheit von Edinburgh, sondern entführt sie auch in die sanften Hügel der Toskana.

EILEEN RAMSAY

HIMMELS

sinfonie

Roman

Aus dem Englischen
von Sonja Schuhmacher

BASTEI ENTERTAINMENT

KAPITEL 1

Als Juliet die Treppe aus der Metro hinauflief, schien ihr die blendend helle Frühlingssonne ins Gesicht. April in Paris – war die Stadt wirklich so schön, wie Frank Sinatras Song versprach? Wie dem auch sei – Juliet war entschlossen, jeden Augenblick zu genießen. Schmetterlinge flatterten in ihrem Bauch, während sie sich umsah. Vor ihr lagen die Place de l’Opéra und der Boulevard des Capucines. Ungeduldig drehte sie sich um – und da stand sie in all ihrer Pracht, die Opéra Garnier.

Die Sonne ließ den Goldfries der Fassade mit den Bögen, Säulen und Ornamenten funkeln und verlieh der Dachkuppel einen grünen Schimmer. Ihre Strahlen fielen auch auf eine rot-weiß-blaue Flagge, die lustlos an einer hohen Fahnenstange links vor dem Palais flatterte, sowie auf den Verkehr, der scheinbar planlos, dafür aber laut und abgasreich um das gewaltige Gebäude wogte, das sich wie eine Insel daraus erhob. War das ein Traum, oder stand sie, Juliet Crawford, Absolventin der Royal Scottish Academy of Music, wirklich hier? Und würde sie tatsächlich dieses großartige Haus betreten, wenn sie sich erst einmal durch diese Flut von Autos, Bussen, Motor- und Fahrrädern gekämpft und sich einen Weg durch die bunte Menge gebahnt hatte, die, fröhlich plaudernd oder einfach nur stumm in den Anblick von Paris versunken, auf den Stufen saß? Am liebsten hätte sie innegehalten, um einfach nur die ersten Eindrücke von diesem Heiligtum in sich aufzusaugen – gab es einen Musikliebhaber auf der Welt, der nichts von dessen Wundern wusste? Aber dafür war jetzt keine Zeit. Das erste Treffen war für elf Uhr angesetzt, also blieben ihr nur noch wenige Minuten, um den richtigen Eingang zu finden.

Juliet sah nach links und rechts, doch kaum wagte sie sich auf die Straße, da schrillte eine Hupe; ein Motorradfahrer blieb wenige Zentimeter vor Juliet stehen und ließ frech den Motor aufheulen, während er ihr erlaubte zu passieren. Mit dem Notenkoffer unter dem Arm stieg sie die Stufen zum Eingang empor, vorbei an freundlichen französischen Studenten. Juliet trug einen knielangen gerüschten Rock im Gypsy-Look, ein knappes T-Shirt und die kurze Lederjacke, die bei jungen Frauen auf der ganzen Welt beliebt ist – an ihrer Kleidung konnte es demnach nicht liegen, dass man sie nicht für eine Französin hielt. Vermutlich waren es ihre schönen blaugrünen Augen und die schulterlange rotbraune Mähne, die auf den ersten Blick eine andere Nationalität verrieten, denn alle jungen Leute, die sie aufforderten, sich zu ihnen in die Sonne zu setzen, sprachen sie auf Englisch an.

Juliet lächelte und lehnte mit einem höflichen Non, merci ab – das immerhin hatte sie in den grauenhaften Französischstunden an der St Ninian’s School for Girls gelernt. Vorbei an riesenhaften Marmorstatuen nackter Damen und hohen Lampenständern, auf denen nicht nur weiße Kugeln schwebten, sondern auch die Leier des Apoll, des Gottes der Musik, gelangte Juliet zu einem unbewachten schmiedeeisernen Tor. Am zweiten Eingang wurde sie jedoch von einem Wachmann aufgehalten. In der Hoffnung, dass er Englisch sprach, sagte sie mit klarer Stimme: »Guten Morgen. Ich heiße Juliet Crawford und nehme am Dirigierwettbewerb Prix d’Argent teil.«

Der Mann sah sie ratlos an, erwiderte etwas, was sie nicht verstand, und machte Anstalten, das Portal zu schließen. Über seinen Kopf hinweg erhaschte Juliet einen Blick in das atemberaubende Foyer mit dem großartigen Treppenhaus. Der Grand Escalier übertraf die Erwartungen noch, die der Reiseführer weckte, und Juliet hätte sich diese Treppe nur allzu gern richtig angesehen. Sie sehnte sich danach, dazuzugehören, hier zu stehen und still der Musik zu lauschen, die aus dem Zuschauersaal drang, die Stufen hinauf- und hinunterzulaufen wie ein bekannter, geschätzter Gast, vertraut mit jedem Kristallleuchter, in dessen Licht abends die Brillanten der vornehm gekleideten Damen funkelten, die zum berühmten Grand Foyer hinaufstiegen. Verzweifelt rasselte sie den auswendig gelernten französischen Satz herunter, der ihr Anliegen erklärte. Doch der Türsteher zeigte sich unbeeindruckt und machte ihr umständlich klar, dass sie hier nicht hereindürfe, sondern den Eingang zur Bibliothek an der Rückseite des Gebäudes nehmen müsse. Sein ganzes Verhalten brachte unmissverständlich zum Ausdruck, was er von Ausländern hielt, die nicht genug Hirn hatten, anständig Französisch zu lernen.

Eines Tages, schwor sie sich, als sie das monumentale Gebäude umrundete, eines Tages wird man mich durch dieses Portal hereinbitten – und zwar als Dirigentin.

Drei hektische Tage später stand Juliet mit neun weiteren Teilnehmern des Halbfinales, acht Männern und einer Frau, hinter der Bühne und wartete auf das Verdikt der Juroren, die die Namen der drei Finalisten bekannt geben würden. Der lange Korridor wirkte düster, obwohl die Wandleuchten brannten und die Schatten der Dirigenten auf den kalten Marmormosaikboden warfen. Man hatte die jungen Leute gebeten, sich möglichst ruhig zu verhalten, aber hin und wieder klopfte einer mit dem Fuß einen kleinen Rhythmus, was ein nervöses chut von Madame de Champs hervorrief, die an der Tür wachte wie früher die Hausmutter im Internat. Juliet war vollkommen erschöpft. Die ersten Etappen dieses bedeutenden Wettbewerbs waren eine Strapaze gewesen, die Anspannung, fremde Musiker in einem fremden Konzertsaal zu dirigieren, ging an die Substanz. Aber es winkte ein verlockender Preis. Die Finalisten und die entsprechenden Ruhmesworte würden rund um den Globus Schlagzeilen machen, und der Gewinner würde für ein ganzes Jahr als Assistenzdirigent mit einem der berühmtesten Orchester Frankreichs arbeiten. Und nicht nur das, er – oder sie – konnte auch einen Scheck über zwanzigtausend Euro mit nach Hause nehmen. Ein toller Start für eine internationale Karriere.

Juliet schluckte schwer. Sie versuchte sich von dem Drama abzulenken, das sich in dem prachtvollen rot-goldenen Zuschauerraum abspielte, indem sie ihre scheinbar geduldigen Konkurrenten musterte. Sie verkniff sich ein Lächeln. Alle trugen ausnahmslos eine schwarze Hose und ein weißes Hemd, es war fast schon eine Uniform. Bryony Wells, der Amerikanerin, war es gelungen, einen Akzent zu setzen: Sie hatte ihr üppiges schwarzes Haar mit einem dunkelroten Band gebändigt – über den korrekten Umgang mit langem Haar war im Regelwerk des Wettbewerbs nichts zu finden. Offenbar hatten sich die Organisatoren noch nicht mit der Tatsache auseinandergesetzt, dass Jahr für Jahr immer mehr Frauen zum Taktstock griffen, um eine der bestverteidigten Männerbastionen zu erobern.

Juliet, sehr schlank und viel größer als die Amerikanerin, interessierte sich mehr für das Ergebnis des Concours als für ihre Erscheinung. In allererster Linie war sie Musikerin. Als sie spürte, dass die Adrenalinstöße, die sie während des langen Abends in Anspannung gehalten hatten, allmählich verebbten, holte sie tief Luft. Ihr Magen rebellierte, und ihre verkrampften Hände fühlten sich verschwitzt an. Sie hoffte nur, dass sich ihre Gefühle nicht in ihrem Gesicht widerspiegelten. Niemand sollte merken, wie viel dieser Wettbewerb ihr bedeutete. Eigentlich zu dumm, schließlich wusste ohnehin jeder, dass der Concours für alle Teilnehmer lebenswichtig war. Sie musste gewinnen, und diesmal rechnete sie sich eine echte Chance aus. Juliet hatte sich nie Selbsttäuschungen hingegeben und war sicher, dass es gut gelaufen war. Das Orchester hatte genauso reagiert und gespielt, wie sie es sich erhofft hatte. Die Aufführung hatte einen hohen Grad an Perfektion erreicht. Bestimmt würde es gut ausgehen. Sie musste sich entspannen. Neben ihr stand Claude Morrisette, ein Teilnehmer aus Frankreich, der nervös am Daumennagel kaute. Claude war klein und untersetzt, und er war schon so oft mit den Händen durch sein dichtes dunkles Haar gefahren, dass es wirr von seinem Kopf abstand. »Du warst gut, Claude.«

Er lächelte gequält. »Das ist der schlimmste Augenblick, Juliet. Schon zweimal habe ich es bis ins Finale geschafft. Wie sagt ihr Engländer doch gleich: Aller guten Dinge sind drei?«

Sollte sie sagen: Ich hoffe es, Claude? Aber so gern sie ihn aufgemuntert hätte, es wäre nicht ehrlich gewesen. Deshalb begnügte sie sich mit einem banalen »Der Beste möge gewinnen«, was ihm ein leises Lachen entlockte.

»Oder die Beste? Ich glaube, diesmal bist du die größte Konkurrenz für mich.« Er wies auf das Ende des Korridors. »Hör nur, sie finden kein Ende. Für uns hängt alles davon ab, für die Preisrichter dagegen ist es nur ein ganz gewöhnlicher Abend.«

Sie lächelte ihn an. »Claude, ich glaube auch, dass du es bist, gegen den ich antrete.«

Er sah sie ernst an. »D’accord. Der eine gewinnt, der andere verliert. Leicht ist das nicht. Schau dir dieses Mädchen an. Sie hat etwas … Sie hat Talent, aber du, du …«

Juliets Blick wanderte zu der lebensprühenden, attraktiven Bryony, die unbekümmert plauderte. Wie konnte sie nur so locker sein? Überspielte sie ihre Angst womöglich nur?

Juliet sah an sich herunter. Bryony war vielleicht nicht ganz so elegant wie sie, aber die Amerikanerin besaß eine erotische Ausstrahlung. War das die erfolgversprechende Kombination: unverkennbares Talent, funkelnde dunkle Augen und Sexappeal? Talent habe ich jedenfalls, dachte Juliet. Die Aufführung war gut. Da öffnete sich hinter ihnen eine Tür, eine Frau stöckelte auf hohen Absätzen hinaus und eilte hörbar den Korridor entlang. Wieder war ein lautes chut von Madame zu vernehmen. Juliet seufzte, bemüht, positiv zu denken. Sie hatte das Gefühl, schon seit Stunden hier zu stehen, aber es konnten nur zehn oder fünfzehn Minuten sein, gerade so lange, wie der Sponsor brauchte, um den geladenen Gästen zu erklären, dass es eine Freude sei, durch die Finanzierung dieses Wettbewerbs, der Suche nach dem besten Jungdirigenten, etwas für die Zukunft internationaler Orchester zu tun.

Eine Weile hatte Juliet seinen umständlichen Ausführungen aufmerksam gelauscht. War es ihm denn gleichgültig, dass hier zehn junge Leute aus der ganzen Welt in einem trübe beleuchteten Gang warteten und jeder von ihnen inständig hoffte, dass sein Name aufgerufen wurde und er unter dem begeisterten Applaus der Zuschauer auf die Bühne treten durfte?

Denk an das Theater, an das Privileg, hier sein zu dürfen, in diesem prachtvollen Haus!, sagte Juliet sich, aber der Gedanke an den ersten Preis drängte sich erbarmungslos in den Vordergrund.

Soeben veränderte sich der Tonfall. »Et maintenant – nun ist der Augenblick gekommen, unseren Finalisten zu gratulieren …« Endlich wurden sie auf die hell erleuchtete Bühne gebeten, wo neben den fünf Preisrichtern – vier Männern im Smoking und einer Frau, deren Mutter niemals gesagt hatte: »Schau in den Spiegel, bevor du aus dem Haus gehst, und zieh etwas aus« – nur noch der Sponsor stand, der Vicomte de Saint-Nectaire, ein gebrechlicher älterer Herr. Die Juroren, die ihre Aufgabe erfüllt hatten, waren abgetreten, und der Vicomte, dessen kräftige Stimme sein kränkliches Aussehen Lügen strafte, ergriff wieder das Wort.

Juliet war wie geblendet, bis sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten. Sie blickte auf und fühlte sich gänzlich unbedeutend in diesem phantastischen Saal mit den kannelierten Goldsäulen und den mit wunderbaren Schnitzereien verzierten Bögen, auf denen die grandiose, von Marc Chagall ausgemalte Kuppel ruhte, seine Hommage an vierzehn große Komponisten. Juliet ließ den Blick durch den Zuschauerraum schweifen, aber auch wenn sie die Gesichter der Gäste hätte sehen können, sie hätte bestimmt niemanden gekannt. Morgen, zum Finale, würden ihre Eltern kommen. Ihr Vater würde vermutlich Theater machen, weil er eine Vertretung finden musste, obwohl er sich insgeheim zweifellos freute.

Sie kreuzte die Finger. Ich muss dabei sein, unbedingt. Das ist der wichtigste Augenblick in meinem Leben. Wenn ich jetzt gewinne, habe ich einen Vertrag in der Hand; wenn ich verliere … Sie wagte nicht daran zu denken.

Die Atmosphäre war wie aufgeladen; die Anspannung, unter der die zehn Teilnehmer standen, war mit Händen zu greifen, und diejenigen unter ihnen, die eine besonders blühende Phantasie hatten, glaubten die Angst riechen zu können. Das Publikum schien den Atem anzuhalten. Der Vicomte verbeugte sich, alle klatschten. Was hatte er gesagt? Juliet hatte es nicht verstanden, doch in diesem Augenblick trat die Vorsitzende der Jury, Madame Geneviève Michau, nach vorn, um die Namen der drei Finalisten bekannt zu geben. Einen Augenblick lang herrschte vollkommene Stille, denn alle Anwesenden konzentrierten sich auf diese nach allen Regeln der Kunst zurechtgemachte Dame. Die Französin sprach so schnell, dass Juliet nur die Namen verstand.

»Bryony Wells.«

Die Teilnehmer rechts und links von der Amerikanerin küssten sie, während Juliet versuchte, Ruhe zu bewahren, und pflichtschuldig klatschte. Schön für dich, Bryony. Sei nicht neidisch, Juliet! Du hast noch zwei Chancen.

»Claude Morrisette.«

Das Publikum jubelte, und Juliet schüttelte Claude begeistert die Hand. »Meinen Glückwunsch, Claude!«

Er umarmte sie und küsste sie nach Art der Franzosen dreimal. »Du bist die nächste, Juliet.«

War die Pause zwischen der zweiten und der dritten Bekanntgabe noch länger als die nach der ersten? Juliet, deren Nerven zum Zerreißen gespannt waren, kam es so vor. Sie hielt den Atem an, damit auch nicht das leiseste Geräusch sie hinderte, ihren Namen zu hören.

»Jaime Jiménez.«

Das war unmöglich, das konnte nicht sein! Juliet kämpfte die Tränen nieder. Die Enttäuschung schnürte ihr die Kehle zu, sodass sie zu ersticken glaubte. Am liebsten hätte sie gerufen: Einen Augenblick, da liegt ein schrecklicher Irrtum vor, aber das war ausgeschlossen. Die dünne Schicht zivilisierten Benehmens, die uns von unseren ungezähmten vierbeinigen Geschwistern unterscheidet, hinderte sie daran. Sie biss sich ganz wörtlich auf die Zunge. Das war ungerecht, falsch, da war etwas schiefgelaufen! Hier meldete sich nicht ihr Ego, ihre Arroganz. Sie wusste einfach, dass sie die Beste gewesen war. Davon war sie fest überzeugt, und trotzdem war sie nicht ins Finale gekommen. Doch die Erziehung, die gute Kinderstube, ein Verhaltenskodex, den man ihr eingetrichtert hatte, behielten schließlich die Oberhand, und sie hörte, wie sie den einen gratulierte, den anderen ihr Mitgefühl aussprach, das Gesicht zu einem Lächeln erstarrt. Die Kritiker würden ihr vorbildliches Benehmen würdigen. Nur gut, dass sie nicht hinter die Maske blicken konnten.

Vor nicht einmal einer Stunde war der Saal von den Klängen himmlischer Musik erfüllt gewesen, Flöten waren ertönt, eine meisterhaft gespielte Violine hatte die Melodie aufgenommen. Jetzt wurde gelacht, in einem bunten Sprachgewirr geplaudert, Küsschen wurden ausgetauscht, man umarmte sich, sprach Glückwünsche und Bedauern aus.

Claude wirkte ratlos, als sie die Bühne verließen, den Marmorkorridor mit den beleuchteten Nischen entlanggingen und schließlich ein Empfangszimmer betraten, das mit den riesigen goldgerahmten Spiegeln, den Stilmöbeln und dem glänzenden Parkett fast ebenso prächtig wirkte wie der Zuschauerraum. Hier kamen alle zusammen, Gewinner, Verlierer, die Jury, Sponsoren. »Ich dachte wirklich, dass du mich diesmal aus dem Rennen wirfst, Juliet. Das Orchester hat auf dich besser reagiert als auf alle anderen.« Verlegen zog Claude die Schultern hoch, aber er war ehrlich genug, seine Meinung zu sagen. »Wer weiß, worauf sie Wert legen, mon amie

»Ja, wer weiß? Claude, du hast gewonnen, und ich freue mich für dich.« Das wenigstens war aufrichtig gemeint, denn Claude war anständig, er hatte Talent und arbeitete hart. Ihr Freund sollte seinen Triumph genießen können. Viel schlimmer war es, gegen Jaime Jiménez zu verlieren, diesen eingebildeten Schnösel.

Als habe sie ihn mit dem Gedanken herbeigerufen, stand der Südamerikaner plötzlich vor ihr. Sie roch seine Pomade, bevor sie ihn sah, und konnte gerade noch zurückweichen, um eine übermütige Umarmung zu verhindern.

»Pech gehabt, Juliet. Aller guten Dinge sind drei, nur leider nicht für dich. Wirklich schade! Aber vielleicht solltest du den Tatsachen ins Auge sehen.« Er berührte ihren Oberarm und blickte ihr mit ernster Miene ins Gesicht – wie ein guter Freund, der einem eine schmerzliche Wahrheit sagen muss. Er grinste und entblößte strahlend weiße Zähne. »Frauen können nun mal nicht dirigieren. Ihnen fehlt einfach die Ausstrahlung, die Begabung, die moralische und physische Kraft, die nötig ist, damit das Orchester tut, was man will. Du bist zwar groß, aber neben mir wirkst du zerbrechlich.«

Sie kämpfte um Selbstbeherrschung. Nein, diesen Köder würde sie nicht schlucken; sie würde nicht kommentieren, dass er ihre Laufbahn offenbar interessiert verfolgt hatte und sogar wusste, an wie vielen Wettbewerben sie schon teilgenommen hatte. Dies war tatsächlich ihr dritter gewesen. Die Illusion der Macht, die seine stolze Haltung und seine schiere Körpergröße schufen, fand Juliet bedrohlich, und sie trat noch einen Schritt zurück. »Mit Glück oder Pech hat das nichts zu tun, Jaime«, sagte sie schließlich nur.

»Aber, aber, meine Liebe, nicht wieder das alte Lied von den ungleichen Chancen! Wenn Frauen verlieren, heißt es immer: ›Ach, die Männer wollen uns außen vor halten.‹ Hast du je darüber nachgedacht, dass du vielleicht nicht gut genug bist?«

»Wäre mir nicht in den Sinn gekommen, Jaime«, gab sie kühl zurück. »Und außerdem ist Bryony auch eine Frau.«

Sein Lächeln war höchst abstoßend. »Die Wells hat – wie wollen wir es nennen? – einen einflussreichen Freund. Aber gewinnen wird sie nicht, so weit reicht sein Arm nicht.« Das klang schon nicht mehr ganz so großspurig. Und dass einflussreiche Freunde am Beginn einer Karriere hilfreich sein konnten, war eine bekannte Tatsache.

Jedenfalls mochte sich Juliet solche Gemeinheiten nicht länger anhören, obwohl sie Bryony Wells nicht besonders leiden konnte. Schon im Gehen drehte sie sich, einer plötzlichen Eingebung folgend, noch einmal um. »Übrigens, hombre«, sagte sie sarkastisch, »auch ohne ›einflussreichen Freund‹ ist Claude euch beiden haushoch überlegen. Ich freue mich schon darauf, ihm morgen Abend zu gratulieren.«

Das hatte gesessen. Für einen Augenblick fühlte sie sich besser, doch dann ergriff die niederschmetternde Enttäuschung wieder von ihr Besitz. O Gott, ich muss hier raus, damit ich endlich heulen kann! Aber sie kam nicht darum herum, noch mit anderen Leuten zu reden, mit Teilnehmern, Preisrichtern und Sponsoren. Ein kaltes Büfett stand bereit, und man erwartete von ihr zuzugreifen, obwohl der Wein wie Essig und die kunstvoll garnierten Horsd’œuvres wie Pappe schmeckten. Vergiss deine Manieren nicht, Juliet!, ermahnte sie sich. Immer hübsch lächeln und die Zähne zusammenbeißen! Auch wenn du nur hohle Phrasen von dir gibst, es bleibt dir nichts anderes übrig. Achselzuckend sah sie sich nach der Amerikanerin um, der sie gratulieren wollte, konnte sie aber nirgends entdecken.

»Miss Crawford?« Vor ihr stand das angesehenste Mitglied der Jury, der tschechische Dirigent Alexander Stoltze.

Seine Augen waren mitfühlend, verständnisvoll und zutiefst freundlich. Juliet blieb fast das Herz stehen. »Maestro.«

»Wenn es Sie tröstet, Miss Crawford, ich hätte Sie sehr gern unter den Finalisten gesehen. Sie waren phantastisch.«

Ihre Niedergeschlagenheit verflog. Alexander Stoltze, der berühmte Alexander Stoltze, bewunderte ihr Dirigat. »Wie freundlich von Ihnen, Maestro! Ich kann Ihnen gar nicht sagen –«

»Schon gut! Ihre Zeit wird noch kommen. Wenn etwas schiefläuft, was in unserer grässlichen Welt unausweichlich geschieht, dann denken Sie daran, dass Stoltze Sie in einer Liga mit Haken sieht.«

Juliet brachte kein Wort heraus, so fassungslos war sie über dieses Kompliment. Karel Haken, ebenfalls Tscheche, war Stoltzes Protegé. Er hatte ebendiesen Wettbewerb im legendären Alter von neunzehn Jahren gewonnen und war inzwischen, elf Jahre später, bei Orchestern in aller Welt ein gefragter Mann. Juliet hatte die Karriere des jungen Maestros verfolgt, seine Einspielungen auf CD gesammelt, Zeitungsberichte über ihn und Kritiken seiner Aufführungen gelesen. Ein solches Lob war fast noch besser als der erste Preis. Sie hoffte nur, dass sie nicht hysterisch in Tränen ausbrechen würde. »Danke, Maestro. Ich fühle mich sehr geehrt.«

Er ergriff ihre Hand und führte sie in einer charmanten Geste an die Lippen, wobei er ihr in die Augen schaute. »Wir werden uns wiedersehen, Miss Crawford, und vielleicht sind die Karten beim nächsten Mal nicht so schlecht gemischt.« Er drückte ihre Hand, entfernte sich mit einer Verbeugung und gesellte sich zu einem anderen Preisrichter, der sich am anderen Ende des Raums lebhaft gestikulierend unterhielt. Juliet blickte ihm fassungslos nach. Wäre er nicht so berühmt gewesen, hätte man fast meinen können, er habe mit ihr geflirtet.

Reiß dich zusammen, Juliet! Er weiß, dass er attraktiv ist. Wahrscheinlich verdreht er jeder Frau den Kopf, die er zuvor mit einem Handkuss bezirzt hat. Die Karten waren schlecht gemischt – hatte nicht auch der schmierige Jiménez so etwas angedeutet? Merkwürdig! Ein Zufall?

Sie hielt es nicht länger aus. Sie wollte ins Hotel zurück, um Eltern und Freunde anzurufen. Wieder würde sie ihnen sagen müssen, dass sie gescheitert war. Doch solange sie selbst noch so am Boden zerstört war, konnte sie nicht mit ihnen sprechen, denn das hätte ihre Eltern noch trauriger gemacht als die Tatsache, dass sie es nicht geschafft hatte. Obwohl keiner von beiden wirklich musikalisch war, hatten sie ihre Tochter im Studium unterstützt, so gut es ging, und auch jetzt noch, nachdem sie die Musikhochschule abgeschlossen hatte und eigentlich Geld verdienen sollte, überwiesen sie Juliet nach wie vor monatlich einen kleinen Betrag, damit sie sich über Wasser halten konnte.

Juliet verabschiedete sich, holte ihren Mantel und schlüpfte hinaus. Ein kleiner Spaziergang durch das wunderschöne abendliche Paris würde ihr helfen, den Kopf wieder klar zu bekommen und die Enttäuschung zu überwinden. Aber es half nichts, obwohl die Stadt ebenso beeindruckend war wie an dem Morgen, an dem Juliet zum ersten Mal hier entlanggegangen war – von Hoffnung erfüllt, verliebt in Paris, in die Musik, in das Leben. Sie folgte der Avenue de l’Opéra zum Palais Royal und zum Louvre, bis sie an die Seine gelangte. Die Gebäude an den Ufern waren wunderschön in dem Licht, mit dem sie angestrahlt wurden und das auch den Fluss schimmern ließ, und die Bäume entfalteten eine frühlingshafte Pracht, doch Juliet konnte sich nicht daran freuen.

Sieh den Tatsachen ins Gesicht, Juliet! Vielleicht solltest du endlich aufgeben und dir eingestehen, dass nichts daraus wird. Es ist höchste Zeit, dass du dir deinen Lebensunterhalt selbst verdienst, statt auf einen Scheck von deinen Eltern angewiesen zu sein.

Zwar verdiente sie ein wenig Geld mit Klavierstunden und der Begleitung von Sängern. Manchmal trat sie auch mit ihrer besten Freundin Hermione, einer Geigerin, auf, die wie Juliet immer wieder an Wettbewerben teilnahm, aber leben konnte sie davon nicht. Während Juliet wie gehetzt durch die Straßen dieser Stadt eilte, in der die Liebe zu Hause war, bemerkte sie nicht einmal die bewundernden Blicke, die sie erntete. Ihr offener Mantel flatterte im Abendwind, sodass ihre schlanke Figur in der gut geschnittenen Hose zur Geltung kam. Zum Finale hatte sie ein Abendkleid anziehen wollen. Das würde nun in seiner Hülle bleiben.

»Eigentlich sollte es regnen«, sagte sie laut, hoffte aber sofort, dass die beiden jungen Männer, die sich an das Brückengeländer lehnten, kein Englisch verstanden. Beschämt über ihren egoistischen Ausbruch, lächelte sie die beiden entschuldigend an. J’aime Paris. Dann eilte sie weiter.

Kaum hatte Juliet das Hotel erreicht, klingelte ihr Handy. Sie setzte sich auf eine Bank im Innenhof, der vom Duft prächtiger Blumen in Terrakottakübeln erfüllt war.

Es war ihr Agent, Aldo Navarini, ein quirliger Mensch, der sich wie immer optimistisch gab. »Ich wünschte, ich könnte bei dir sein. Die Ergebnisse stehen schon im Internet, und die Kommentare der Juroren sind fabelhaft, Juliet. Die können dir nur weiterhelfen. Wenn ich das lese, begreife ich wirklich nicht, warum du nicht in die engere Wahl gezogen wurdest.«

Sie erzählte ihm von dem kurzen Gespräch mit Alexander Stoltze, und er brach in ein solches Indianergeheul aus, dass sie sich den Apparat vom Ohr weghielt.

»Phantastisch! Wenn Stoltze auf deiner Seite ist, dann hast du es so gut wie geschafft, Mädel. Er gehört zu den ganz Großen. Schade, dass er den Rest der Jury nicht umstimmen konnte. Man könnte meinen, wenn er wirklich so viel Einfluss hat … Aber das braucht uns im Augenblick nicht zu kümmern. Wir treffen uns zum Essen, sobald du wieder zu Hause bist, dann gehen wir die ganze Sache durch und versuchen rauszukriegen, was schiefgelaufen ist. Wir müssen etwas Grundsätzliches übersehen haben.«

»Aldo, ich glaube, es geht darum, dass sie einfach keine Frauen am Dirigentenpult wollen. Sollte die Amerikanerin gewinnen, dann wäre die Hölle los. Aber Morrisette ist gut, fast so gut, wie ich zu sein gehofft habe.« Sie schluchzte. Aldo störte so etwas nicht.

»Nur keine negativen Schwingungen, Juliet! Das ist verboten. Wir finden schon eine Lösung. Du bist die Beste – sogar Stoltze hat das gesagt –, und wenn er dich unterstützt, dann kann es nur in eine Richtung gehen: nach vorn.«

Hoffentlich hatte er Recht. Ein Förderer konnte den Ausschlag geben, obwohl sie sich vorgenommen hatte, es allein zu schaffen. Stoltze hatte sie dirigieren sehen, hatte gehört, was sie mit dem Orchester erreicht hatte, und nach eigener Aussage hatte ihm die Darbietung gefallen. Dennoch hatte sie das Finale nicht erreicht, obwohl sein Wort als Vorsitzender der Jury Gewicht besaß. Wie war das möglich? Das nächste Mal. Das nächste Mal würde sie gewinnen. Jetzt würde sie erst einmal nach Edinburgh zurückkehren, an sich arbeiten und besser werden. Beim nächsten Wettbewerb würde sie den ersten Preis machen.

Sie rief ihre Eltern an, die verlangten, sie solle ohne Umwege nach Hause kommen.

»Wir müssen uns ernsthaft über deine Zukunft unterhalten.« Dieser Tonfall war sonst den Patienten im Behandlungszimmer ihres Vaters vorbehalten. Juliet sah ihn vor sich, groß und schlank wie sie, das braun-grau melierte Haar. »Natürlich tut es uns leid, dass du traurig bist. Wir dachten, dass du mindestens das Finale erreichst. Auf der Musikhochschule hast du schließlich immer alle Preise abgeräumt. Was ist jetzt bloß anders?«

»Ich weiß es nicht, Dad.«

»Das war eigentlich keine Frage, Liebes, aber denk dran, dass wir immer für dich da sind. Wenn du unbedingt erst deine Freunde in Edinburgh sehen willst, ist das in Ordnung, aber bitte komm danach möglichst bald heim.«

»Ich muss mit Aldo eine Strategie ausarbeiten, Dad. Er ist einer der besten Agenten im Musikgeschäft, es ist wirklich ein Glück, dass ich ihn habe.«

»Bisher hat er nicht viel für dich erreicht.«

Wie oft hatte sie schon erklären müssen, dass jedes Orchester auf der Welt schon einen Dirigenten hatte und es Jahre dauern könne, bis man einen nennenswerten Erfolg verbuchte?

»Dad, bitte sag Mum, dass ich gleich nach meiner Besprechung mit Aldo komme. Dann reden wir.«

Juliet und Aldo Navarini verabredeten sich zum Mittagessen in Edinburgh in einem seiner Lieblingslokale, dem Bouzy Rouge in der Alva Street. Das Innendekor – Holztische, helle Fliesen, moderne Kunst an den Wänden – hatte eine aufmunternde Wirkung auf Juliet. Bevor sie ihr Essen bestellten, studierten sie bei Baguette und Wein, was die Preisrichter nicht nur über sie, sondern auch über die anderen Teilnehmer geschrieben hatten. Schließlich lehnte sich Aldo auf dem Stuhl zurück, und wie immer betete Juliet, dass das Gestell der Belastung standhalten möge. Ihr Agent war in vielerlei Hinsicht ein gewichtiger Mann, und sie fürchtete nicht nur die Blamage, sollte der Stuhl unter ihm zusammenbrechen, sondern vor allem, dass sein Herz irgendwann nicht mehr mitmachte. Schon ein paarmal hatte sie ihm ins Gewissen geredet, aber er tat Juliets Sorgen mit einem Lachen ab und schob alles auf den Knochenbau und die Gene.

»Wir sind alle kräftig gebaut, Juliet. Meine Großmutter – mein Gott, sie konnte einem Respekt einflößen. Sie war eins achtzig ohne Schuhe.« Er brach ein Stück Weißbrot ab. »Herrlich, wie das duftet! Nichts ist köstlicher als frisch gebackenes Brot.« Aldo steckte sich den Bissen in den Mund und musterte Juliet eindringlich. »Ich kann mir einfach nicht vorstellen, was du falsch gemacht hast, Mädel. Erzähl mir noch einmal, was du getragen hast.«

»Beim ersten Durchgang eine braune Hose und ein rosa T-Shirt, beim Halbfinale eine schwarze Hose und eine wirklich schöne weiße Seidenbluse. Fast alle hatten das Gleiche an – die Männer weiße Hemden.«

Er zog die Stirn kraus. »Du hättest ein Kleid oder einen kurzen Rock tragen sollen. Du hast tolle Beine.«

Verärgert warf Juliet die Serviette auf den Tisch. »Ich habe dir schon hundertmal gesagt, dass ich nichts von dieser Masche halte. Wenn ich Erfolg habe, dann weil ich etwas kann. Außerdem hat man uns nahegelegt, in Hose und Bluse anzutreten – vielleicht damit die Aufmerksamkeit nicht auf das Geschlecht gelenkt wird.«

Aldos italienisches Gesicht mit den buschigen Brauen zeigte Heiterkeit. »Natürlich wirst du gebührende Anerkennung finden, und das schon bald, aber musst du deshalb wirklich aussehen wie ein Junge? Du solltest deine Weiblichkeit zum Erfolgsfaktor machen.«

Das brachte das Fass zum Überlaufen. »Oh, tolle Beine, und sie kann sogar Noten lesen – kaum zu glauben! Das soll wohl ein Witz sein.« Aber dann hatte sie Erbarmen mit ihm, weil er sich so ins Zeug legte. Schließlich glaubte er an ihr Talent, obwohl sie seit ihrem Examen nicht das Geringste erreicht hatte und er keinen roten Heller an ihr verdiente. »Eine gut geschnittene Hose kann übrigens auch ziemlich sexy sein, Aldo.«

Erleichtert, dass ihr Zorn schon verraucht war, lachte er. »Jetzt sollten wir uns die anderen Wettbewerbe ansehen. Wir haben mehrere zur Auswahl, aber welcher kommt für dich in Frage?« Er holte einige Unterlagen aus seiner dicken Aktentasche. »Wie wär’s mit dem Internationalen Grzegorz-Fitelberg-Wettbewerb? Den gewinnst du, wenn du den Namen richtig aussprichst. Sorry, das war ein blöder Witz.« Er überflog das Blatt. »Hat keinen Sinn, der findet nur alle vier Jahre statt. Letztes Jahr hättest du mitmachen können. Astrachan, Meisterklasse. Russland im Oktober. Würde dir das gefallen? Darüber könnten wir mehr rausfinden. Ich habe die Websites. Colin Metters, Meisterklasse in Leipzig, in der ersten Novemberwoche. Die könntest du beide besuchen. Russland und Deutschland machen sich immer gut im Lebenslauf.« Er hatte sich ein weiteres Blatt vorgenommen. »Dann könntest du Chile oder Argentinien versuchen oder vielleicht Australien. Aber ich habe auch Orkney zu bieten, das wäre ein bisschen näher am schönen Dundee.«

Nun brachte der Kellner das Essen, Rehrücken mit Blaubeersauce für Aldo und gebratenes Hühnchen mit foie gras und Orangensauce für Juliet.

Obwohl ihr das Wasser im Munde zusammenlief, nahm sie Aldo die Unterlagen ab und las, während der Ober Wein nachschenkte. »St-Magnus-Festival. Dirigierkurs auf Orkney. Das ist erst nächstes Jahr im Juni. Außerdem brauche ich Wettbewerbe, Aldo, eine Aufführung, um zu zeigen, was ich kann. Das sind fast alles Kurse. Daneben muss ich es irgendwie schaffen, Geld zu verdienen. Es ist demütigend, dass ich immer noch von meinen Eltern abhängig bin. Und eine bezahlte Stelle zu finden ist praktisch unmöglich, wenn ich alle paar Monate ausfalle.«

»Ich weiß, deshalb habe ich meine Fühler ausgestreckt. Mal sehen, ob wir dich irgendwo als Assistentin unterbringen, aber bis dahin schauen wir uns die Lehrgänge und Wettbewerbe an. Und unterrichten kannst du ja auch.«

Sie überhörte die Bemerkung. Sie wollte dirigieren, und obwohl sie durch eine Meisterklasse in Polen, Chile oder Australien ihre Fähigkeiten verbessern könnte, hing alles davon ab, wer den Kurs leitete. Von den meisten Lehrern auf Aldos Liste hatte sie noch nie gehört. Nein, das hatte wenig zu bedeuten. Auch wenn sie keine klangvollen Namen trugen wie Abbado, Muti, Ashkenazy oder Barenboim, konnten sie durchaus hochbegabte, erfolgreiche Lehrer sein. Sie würde sich die Websites ansehen, Informationen sammeln und dann ihre Entscheidung treffen. In der Zwischenzeit musste sie sich einen Job suchen. Damit würde sie sofort nach diesem wunderbaren Essen anfangen. Und dann stand natürlich der Besuch bei den Eltern an.

Auf dem Weg zu ihrer Wohnung machte sie einen Abstecher zum Arbeitsamt und meldete sich an. Ihr Selbstvertrauen war durch die Niederlage in Paris so angeschlagen, dass sie bereit war, praktisch jede Stelle anzunehmen, die ein wenig Geld brachte. Sogar hier im Job Center vermittelte man ihr das Gefühl, zu nichts zu taugen, weil sie keinerlei vermarktbare Fähigkeiten zu bieten hatte. Immerhin war sie Musikerin, sprach einigermaßen Deutsch und konnte Auto fahren.

»Dieser kleine Job hier dürfte ideal für Sie sein«, meinte der Vermittler. »Beim Theaterfestival in Edinburgh werden immer Leute gebraucht, die sich um alles Mögliche kümmern: Schauspieler und Künstler vom Flughafen abholen, eine Tuba transportieren, Mädchen für alles eben. Das wäre doch perfekt.«

»Schön«, sagte Juliet. »Ich werde mich bewerben.« Aber insgeheim hoffte sie, dass irgendein Orchester sie retten würde, bevor es so weit kam.

KAPITEL 2

Am Freitag nach dem Treffen mit ihrem Agenten machte sich Juliet auf den Weg nach Dundee. Ihr Elternhaus in der alten Stadt an der schottischen Ostküste stand in einer Allee, in der sich Gebäude aus der Zeit König Edwards aneinanderreihten. Vom Bahnhof aus war es leicht mit dem Bus zu erreichen. Juliet liebte das Haus und die Straße mit den Kirschbäumen, deren hellrosa Blüten im Frühling ihre ganze Pracht entfalteten. Vom Bus aus beobachtete sie, wie die zarten Blütenblätter zur Erde segelten. Sie wollte am frühen Abend eintreffen, wenn ihr Vater aus seiner Praxis nach Hause kam und ihre Mutter in der Küche beschäftigt war. Juliet liebte ihre Eltern und freute sich auf das Wiedersehen. Das Problem war nur, dass Dr. Crawford die Berufswahl seines einzigen Kindes nie ganz akzeptiert hatte. Ihm wäre es lieber gewesen, Juliet hätte Medizin studiert und wäre in seine Praxis eingestiegen. Die Beziehung zu ihrer Mutter war da viel unkomplizierter. Mrs Crawford staunte nur so über die Talente ihrer eleganten, attraktiven Tochter und war sehr stolz auf sie. Besonders gern bat sie Juliet, für Gäste Klavier zu spielen. Die bescheidene Juliet fühlte sich dabei nicht recht wohl in ihrer Haut, wollte ihre Mutter aber auf keinen Fall enttäuschen.

Juliet genoss es, den gepflasterten Weg zu der dunkelgrünen Haustür mit dem Löwenkopfklopfer zu nehmen, die vertrauten Tweedjacken an der alten Garderobe zu sehen, den Duft der getrockneten Blumen einzuatmen, die in einer Porzellanschale auf der Holztruhe im Wohnzimmer stand. In dieser Truhe, die der kleinen Juliet einst als Stütze bei den ersten Gehversuchen gedient hatte, befand sich eine wunderbare Kollektion reich bestickter chinesischer Tischdecken und -servietten. Juliet genoss es, sich von ihrer viel kleineren, rundlichen Mutter in die Arme schließen zu lassen, deren neue Kurzhaarfrisur zu bewundern und sich im Kreis zu drehen, damit ihre Mutter sehen konnte, wie lang ihr braunes Haar geworden war, während beide Eltern riefen: »Aber ich hätte dich doch abholen können!«

»Tut mir leid, dass ich euch wieder enttäuscht habe«, sagte sie schließlich, als sie es sich in dem gemütlichen Wohnzimmer bequem gemacht hatten. Ihr gegenüber saß ihr Vater Richard, dem sie äußerlich so ähnelte. Er hatte ein ernstes Gesicht, auf dem sich leider viel zu selten Lachfältchen abzeichneten. Juliet seufzte. Wie sehr hatte sie sich bemüht, die perfekte Tochter zu sein! Alles hatte sie getan, was er von ihr verlangt hatte, und zwar mit Erfolg, alles – nur nicht Medizin studiert. »Ich bemühe mich um Arbeit und habe mich bei allen möglichen Agenturen beworben. Dieses Jahr klappt es, Daddy. Ich werde bestimmt Arbeit finden. Ja, ich hab sogar schon einen Job, aber leider erst im August, beim Festival.«

Mutlos sah sie, wie sehr sich ihre Eltern freuten. »Es ist nichts Besonderes. Ich werde Leute fahren, Musiker, Sänger und so weiter, sie am Flughafen abholen und zum Hotel bringen. Es ist ein Anfang«, sagte sie kleinlaut.

Ihr Vater, der mit seinem allabendlichen Scotch mit Soda in seinem Lieblingssessel vor dem großen Kamin saß, sprang ungeduldig auf. »Du studierst jahrelang, und jetzt ergatterst du einen Job auf diesem prestigeträchtigen Festival – als Fahrerin. In diesem Stadium solltest eigentlich du diejenige sein, die gefahren wird.«

Juliet erhob sich ebenfalls. »Daddy, du weißt ganz genau, dass es eine Zeit dauert, bis man etabliert ist. Darüber haben wir doch schon so oft gesprochen.«

»Du hast es nicht einmal bis ins Finale geschafft. Ein ganzes Jahr in Wien, all die Meisterklassen, die du besucht hast, und du bist nicht einmal in die engere Auswahl gekommen.« Er winkte müde ab, als sie Anstalten machte zu antworten. »Und bitte sag jetzt nicht, dass du das Halbfinale erreicht hast. Ist es nicht langsam Zeit, Vernunft anzunehmen? Ich weiß, dass du Talent hast. Das haben mir deine Lehrer versichert, seit du fünf Jahre alt warst. Da brauche ich keinen Alexander Stoltze, der dich unter seine Fittiche nimmt. Was dir aber inzwischen genauso klar sein sollte wie mir – falls du nicht wie deine Mutter die Augen vor der Wahrheit verschließt –, ist, dass die Leute keine Frau am Dirigentenpult wollen. Sieh es endlich ein, Juliet, und erspare dir, deiner Mutter und mir noch mehr Kummer!«

Sie griff das Wort Kummer auf. Wenn ihr Vater eine Tirade vom Stapel ließ, war es am besten, nur eins der vorbeigaloppierenden Pferde zu packen. »Es tut mir leid, dass ich euch Kummer mache.«

Ihre Mutter klopfte neben sich auf das gemütliche hellblaue Sofa. »Setz dich zu mir, Schatz! Daddy hat das nicht so gemeint.«

»Bitte lass mich für mich selbst sprechen, Lesley.«

Lesley Crawford lächelte ihren Mann an. »Warum, mein Lieber? Du hast für mich gesprochen, seit wir verheiratet sind. Juliet, ich weiß, wie viel dir dein Beruf bedeutet, aber vielleicht hat dein Vater Recht. Es liegt nicht an deinen Fähigkeiten, sondern daran, dass du eine Frau bist. Es ist nun mal schwer, gegen den Strom zu schwimmen. Seit deinem Examen hast du an drei Wettbewerben teilgenommen, zweimal wurdest du in die nähere Auswahl gezogen, hast aber nicht gewonnen, und diesmal warst du nicht einmal unter den besten drei, ganz gleich was Maestro Stoltze sagt. Drei andere waren besser, du wurdest auf den vierten oder womöglich auf den zwanzigsten Platz verwiesen, das spielt ja keine Rolle. Und sag bitte nicht, dass eine Frau im Finale war. Sie hat bestimmt nicht gewonnen, oder?«

»Ein Franzose hat das Rennen gemacht.« Juliet ignorierte die mütterliche Aufforderung und ging zu dem Stutzflügel – der ganze Stolz ihrer Mutter. Sie blickte aus dem Erkerfenster, das auf den Garten ging, schlug achtlos einige Tasten an und experimentierte mit einer Melodie.

»Was ist das, Juliet? Es ist so ärgerlich, wenn du ins Blaue hinein improvisierst.«

Juliet lächelte ihren Vater an. »Heute ärgerst du dich, weil du schlecht gelaunt bist. Normalerweise macht dir das Raten Spaß.« Sie sah, dass die Venen an seinem Hals hervortraten, ein Warnsignal. »Es ist Beethoven, Daddy, die Fünfte, dritter Satz. Sie wird meine öffentliche Form des Widerstands sein, schließlich hat Beethoven seine Sinfonie selbst so verstanden – als Angriff gegen die Gefälligkeit.«

Verzweifelt hob er die Hände und schaute seine Frau an. »Jetzt interpretiert sie auch noch Beethoven.«

»Genau das ist die Aufgabe des Dirigenten, Richard.« Lesley stand auf. »Gehen wir ins Esszimmer! Es gibt pochierten Lachs zum Abendessen, dazu Salat mit meiner selbstgemachten Sahnesauce. Und zum Nachtisch Erdbeeren, die kommen zwar aus Spanien, aber ich wollte etwas Besonderes machen. Erdbeeren mit Vanilleeis. Und jetzt hört auf zu streiten, ihr beiden. Wir sehen dich so selten, Juliet, seit du in Edinburgh wohnst. Ich dachte eigentlich, du würdest hier übernachten, wenn du an den Wettbewerben teilnimmst.« Das unausgesprochene »Es käme doch auch viel billiger« hing in der Luft.

Man kann den eigenen Eltern nicht auf höfliche Weise erklären, dass das Zusammenleben mit ihnen erdrückend ist, also hielt Juliet den Mund. Wenn sie jetzt über ihre Wohnverhältnisse spräche, würde unweigerlich eine Einladung an die »liebe Hermione« folgen und erneutes Erstaunen darüber, dass die beiden nach wie vor mit Heather und Gregor – »das ist doch unpassend, oder« – die große Wohnung teilten, die so nah an der New Town der schottischen Hauptstadt lag, wie die vier es sich leisten konnten.

Stillschweigend kam die Familie überein, nicht mehr über Juliets Berufspläne zu sprechen. Aber zuvor machte Juliets Vater noch eine letzte Verlautbarung: »Gib dir noch Zeit bis zum Jahresende, aber dann überlegst du dir, wie es weitergehen soll.« Und für den Rest des Wochenendes gaben sich alle die größte Mühe, so glücklich miteinander zu sein wie irgend möglich. Juliet ging am Samstag mit ihrer Mutter einkaufen und spielte am Sonntag mit ihrem Vater Golf. Sie interessierte sich für die Finessen des alten Spiels ungefähr genauso wie er für die Feinheiten einer Sinfonie, aber beide machten ein fröhliches Gesicht. Die Bitte, noch eine weitere Nacht zu bleiben – »Daddy kann dich auf dem Weg zur Praxis doch leicht am Bahnhof absetzen« –, blockte sie mit der Behauptung ab, dass Aldo oft am Montagmorgen anrufe.

Am Sonntagabend saß sie in der Bahn nach Edinburgh und war wie immer hin- und hergerissen zwischen Glück und Traurigkeit, als der Zug den Tay überquerte, der heute silbern schimmerte. Sie wünschte sich sehnlich, ihrem Vater Freude zu machen, die Tochter zu sein, die er sich erträumte, und weil sie das nicht konnte, fühlte sie sich schuldig. Während ihrer Schulzeit hatte sie sich nie auch nur im Geringsten für Medizin interessiert. Nur die Musik beflügelte sie, und sie wusste, dass daran nicht zu rütteln war und sie es im tiefsten Herzen auch gar nicht wollte. Konnte ihr Vater das nicht akzeptieren? Juliet zweifelte nicht daran, dass er sie liebte und genau wusste, wie viel er ihr bedeutete, aber das Leben wäre erheblich einfacher, wenn sie einen Vater hätte wie Hermione, der einfach alles, was seine Tochter tat, großartig fand.

Ihre besten Freunde, Hermione und Gregor, warteten am Bahnhof Waverley bereits auf Juliet, die lachte, als sie die beiden sah. Hermione hatte ihr kurzes blondes Haar purpurrot gefärbt, und da Gregor von Natur aus feuerrote Haare hatte, boten sie nebeneinander einen höchst merkwürdigen Anblick. Noch seltsamer wirkte das, weil Hermione klein und zierlich war, während Gregor sogar Juliet überragte und ziemlich unbeholfen wirkte; er erweckte den Eindruck eines zu schnell geschossenen Knaben, der sich an seine Größe erst noch gewöhnen musste. Über Hermiones Kleidung, die aussah, als würde sie in einem Mittelalterfilm mitspielen, verlor Juliet lieber kein Wort. »Was ist mit deinen Haaren passiert?«

»Damit mache ich auf mich aufmerksam. Du solltest das auch tun, Juliet, damit diese altmodischen Dirigenten dich wahrnehmen.«

»Ich falle auch so auf. Ich bin nämlich größer als die meisten von ihnen. Mum hat mir Himbeermarmelade für dich mitgegeben.«

»Toll, ich liebe deine Mutter. Meine hat überhaupt keine kulinarischen Fähigkeiten.« Hermiones Mutter, die Ehrenwerte Chloe Elliot-Chevenix, hatte das auch nicht nötig, denn sie leitete mit Erfolg eine international operierende Firma und konnte es sich leisten, eine gute Köchin zu beschäftigen. »Ich gebe dir etwas von meiner Marmelade ab, Gregor, wenn du mir versprichst, nicht aus dem Glas zu essen.«

Gregor, der mit Juliets Reisetasche in der Hand neben ihnen herging, blieb verwundert stehen. »Aber du machst das doch selbst die ganze Zeit, und ich benutze wenigstens einen sauberen Löffel.«

»Lieber Himmel, wie läuft diese Frau herum?«, rief Hermione, wahrscheinlich um von Gregors Bemerkung abzulenken. »Man sollte strafrechtlich gegen Leute vorgehen, die sich nicht von hinten im Spiegel betrachten, bevor sie aus dem Haus gehen, noch dazu, wenn sie Parlamentsabgeordnete sind.«

Juliet und Gregor, die die Taktik durchschauten, wechselten wortlose Blicke. Der Bus, in den sie vor dem Bahnhof stiegen, brachte sie durch die hübsche New Town nach Stockbridge. Nach wenigen Minuten waren sie an dem unauffälligen grauen Mietshaus angelangt, in dem sie wohnten. Das leuchtende Rot der Eingangstür war das Werk Hermiones. Sie drückte auf die Klingel und konnte wenige Sekunden später die Tür aufdrücken. Dass die vierte Mieterin daheim war, hörte man an dem glockenhellen Sopran, der Tonleitern übte.

»Ist Mrs McDermott nicht zu Hause?«, fragte Juliet, während sie das krankenhausgrüne Treppenhaus zum zweiten Stock hinaufgingen.

»Nein, sie ist bei uns. Heather hat morgen ein Vorsingen, und du kennst sie ja, jede Minute zählt. Deshalb haben wir einen Gast zum Abendessen. Rate mal, wen?«

Juliet schnitt eine Grimasse. Da musste sie nicht lange überlegen. »Mrs McDermott.« Schade, sie hatte sich darauf gefreut, mit den Freunden allein zu sein, aber andererseits mussten sie darauf achten, es sich nicht mit ihrer Nachbarin zu verderben, weil Gregor Morrison, ein angehender Komponist, fast den ganzen Tag Klavier spielte, während Heather sang, und zwar vornehmlich Tonleitern, was, wie sie selbst sagte, nur eine Mutter aushalten konnte, und weil Hermione in jeder freien Minute auf der Geige übte. Juliet, die ebenfalls Klavier spielte, wenn sie eine Partitur studierte, hörte ständig CDs mit interessanten Aufnahmen. Zwar versuchten alle vier, sich an normale Arbeitszeiten zu halten, abends die Lautstärke zu begrenzen und, wenn irgend möglich, nach Mitternacht gar keinen Lärm zu machen, aber gelegentlich hielten sie sich nicht an die selbst auferlegten Regeln, und dann kam es zu hitzigen Diskussionen mit Mrs McDermott und Andy Morgen, der ebenfalls eine Wohnung im Haus hatte. Die einzige Möglichkeit, mit der Situation umzugehen, bestand darin, Mrs McDermott zu den abendlichen Proben einzuladen. Den vier Musikern tat die alte Dame leid. Ihr Gesicht war schon arg zerfurcht, und ihre jungen Nachbarn fragten sich, wie sie es schaffte, die ziemlich teure Wohnung zu halten.

Mrs McDermott, die sich für den Abend schick gemacht hatte, besaß einen katastrophalen Geschmack. Ihr schütteres Haar war messingblond und ließ ihre rosige Kopfhaut sehen. Ihre nach jahrzehntelangem Zupfen nicht mehr vorhandenen Augenbrauen ersetzte sie durch zwei schwarze, geschwungene Linien, die ihr einen permanent erstaunten Gesichtsausdruck verliehen. Auch hatte sie leider ihre Vorliebe für Rouge nie aufgegeben, und sie besprühte sich großzügig mit einem Moschusduft. Mit ihren schwarzen Augenbrauen, den roten Wangen und den tiefrot geschminkten, ziemlich schmalen Lippen erinnerte sie Juliet an Olympia, die Puppe aus Hoffmanns Erzählungen. Vielleicht hatte Heather deshalb Olympias berühmte schwierige Arie »Les oiseaux dans la charmille«, »Die Vögel im Laubengang«, für das Vorsingen ausgewählt.

»Ich kenne diese Arie«, erklärte Mrs McDermott, »und Sie haben sie ganz ausgezeichnet gesungen, meine Liebe. Vor Jahren habe ich die große Edita Gruberova in dieser Rolle gehört. Warum Sie noch nicht in Covent Garden auftreten, Heather, weiß ich wirklich nicht.«

»Ich auch nicht«, gab Heather zurück. »Kommen Sie doch in die Küche, es gibt Rühreier, Mrs McDermott, und dann begleitet Gregor Sie nach Hause, nicht wahr, Gregor?«

Der einzige Mann im Haushalt verzog das Gesicht, erklärte sich aber selbstverständlich dazu bereit. Was sollte er auch erwidern, wenn ihm die ältere Dame versicherte, dass auch er seine Werke in Covent Garden präsentieren müsse, wenn es mit rechten Dingen zuginge?

Juliet und Hermione blieben im Wohnzimmer zurück, das mit einem ausgefallenen Sammelsurium an Schnäppchen und edlen, von Hermiones Eltern spendierten Stücken möbliert war. Die jungen Frauen öffneten erst einmal eines der hohen Fenster, um den Parfumgeruch zu vertreiben, bevor sie auf das rote Sofa sanken, das seine beste Zeit schon hinter sich hatte. »Wie war’s?«, fragte Hermione, nachdem sie es sich bequem gemacht hatten, was bedeutete, dass ein Großteil der bunten Kissen auf dem Boden landete.

»Das Übliche. ›Wird es nicht Zeit, dass du den Tatsachen ins Auge siehst?‹ Vielleicht haben sie ja Recht.«

Hermione spielte mit den Schnüren ihres roten Ledermieders und strich über den dünnen Stoff ihres langen Rocks. Plötzlich musste sie lachen. »Oh, mein Gott, Juliet, ich werde eine zweite Mrs McDermott. Wir tragen fast dieselben Klamotten. Soll ich mir auch Apfelbäckchen malen?«

»Lass den Quatsch! Sie ist der Mode ihrer glücklichsten Jahre treu geblieben, und das war zu der Zeit, als ›Bohemian Rhapsody‹ rauskam. Das Pech ist nur, dass diese Hippiekleider nur ganz jungen Frauen stehen. Was sagt deine Mutter zu deinem neuen Look?«

»›Du meine Güte, Darling!‹«

Als Juliet nichts erwiderte, wiederholte Hermione: »›Du meine Güte, Darling!‹ Achte bitte auf den Tonfall, Juliet! Das sagt sie immer, und dann fügt sie hinzu: ›Warum kannst du nicht so sein wie die liebe Juliet, die sich immer damenhaft kleidet?‹ Aber die ›liebe Juliet‹ sollte sich lieber ein bisschen ausgeflippt zurechtmachen so wie ich.«

»Aldo hat auch etwas in dieser Richtung gesagt. Er findet, meine Kleider sollten ins Auge stechen. Meine Jeans sind zu burschikos, er rät mir zu kurzen Röcken, weil ich tolle Beine habe – meint Aldo.«

»Was deine Beine betrifft, hat er Recht. Ich finde, am Pult solltest du Rot tragen. Stell dir das vor, ein roter Satinrock, dazu eine ganz sittsame, aber schön geschnittene weiße oder cremefarbene Bluse und eine rote Jacke.«

»Schwarz wäre besser. Ich will ja das Publikum nicht blenden und das Orchester schon gar nicht.«

»Eine abscheuliche Idee, die schwarze Jacke. Damit würdest du aussehen wie eine Dressurreiterin. Irgendein frecher Kerl würde bestimmt rufen: ›Und wo bleibt das Pferd?‹« Hermione legte die Beine auf den gediegenen Couchtisch aus Walnussholz und begutachtete zufrieden ihre kleinen goldenen Slipper. »Wie findest du sie? Die sind jetzt absolut in. Mummy meint, die Schuhe erinnern sie an diese scheußlich aufgetakelten Frauen in Florida.« Endlich bemerkte sie, dass Juliet das Thema nicht interessierte. »Vergiss meine Schuhe«, sagte sie. »War das dein Ernst mit der schwarzen Jacke?«

Ärgerlich sprang Juliet auf und wanderte auf und ab. »Natürlich nicht. Die Kleidung ist meine geringste Sorge. Ich bin mit meinem Latein am Ende, Hermione. Ich habe keine Ahnung, wie es weitergeht. Soll ich morgen eine Anzeige aufgeben: ›Dirigentin ohne Anstellung sucht neues Betätigungsfeld‹?«

Hermione stand auf und trat zu ihr. »So ein Mist, Juliet! Dabei hatte ich mir fest vorgenommen, es nicht zu vergessen. Schau, ich habe es mir auf die Hand geschrieben.«

Sie hielt die Hand in die Höhe, sodass Juliet die mit dickem Filzstift hingekritzelten Worte sehen konnte: Margarita Rosa Grey.

»Hat das irgendwas zu bedeuten? Es war ein Anruf von Aldo heute Nachmittag. Tut mir leid, er möchte –«

Weiter kam sie nicht, denn Juliet schloss sie in die Arme, küsste sie ausgelassen und stürmte hinaus.

KAPITEL 3

Ob Schule, Kirche, Gemeindesaal oder weltberühmte Konzerthalle – für Juliet machte das keinen Unterschied. Die Minuten vor Beginn der Aufführung waren immer die spannendsten. Der Zaubertrank verfehlte nie seine Wirkung: Ein wunderbares Ereignis stand bevor. Wie sollte es auch anders sein? Die für viel Geld renovierte Usher Hall mit ihren beeindruckenden Stuckarbeiten und vergoldeten Medaillons ehrte berühmte Schotten ebenso wie die Heroen der Musikgeschichte: Das kundige Auge entdeckt dort den schottischen Dichter Robert Burns, den Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart und viele andere. Unzählige Leuchter lassen den Saal erstrahlen, wenn sich die vornehm oder leger gekleideten Musikliebhaber einfinden. Die Decke, die wegen der vielen Risse jahrelang den Anschein erweckt hatte, von einem Netz gehalten zu werden, war mittlerweile frisch renoviert und gab dem Abonnementpublikum Anlass zu hitzigen Debatten.

»Meine Güte, sie sieht aus wie eine Hochzeitstorte!«

»So ein Unsinn! Sie ist prachtvoll.«

Für Juliet war die Usher Hall einfach der schönste Konzertsaal der Welt, und überdies war die Akustik unübertroffen, besser als alles, was Paris und London zu bieten hatten. Das Programm, ein Konzert des Royal Scottish Orchestra unter Leitung des tschechischen Dirigenten Alexander Stoltze, versprach für Juliet das höchste Vergnügen. Seit dem Wettbewerb hatte sie unablässig Partituren studiert, CDs gehört, Arbeit gesucht und inständig auf irgendein Angebot gehofft, das sie weiterbringen würde. Eines Tages hatte der Briefträger ein Einschreiben abgeliefert. Darin lag eine Eintrittskarte für einen Logenplatz bei dem einzigen Konzert, das Alexander Stoltze in diesem Jahr in Schottland plante. Das beigelegte Schreiben war eine persönliche Einladung des Maestros.

Juliet hatte vor Freude einen Luftsprung gemacht. Er hatte an sie gedacht und sich die Mühe gemacht, ihre Adresse herauszufinden! War es denkbar, dass er, einer der ganz großen Dirigenten, sich für ihre Karriere interessierte? Ein gutes Omen, denn nur wenige Wochen zuvor hatte sie erfahren, dass sie zum Margarita-Rosa-Grey-Dirigentenwettbewerb zugelassen worden war. Stoltze hatte sie auch dazu aufgefordert, ihn nach dem Konzert hinter der Bühne zu treffen, und da würde sie ihm danken und ihm von dem Wettbewerb erzählen. Gott sei Dank zählte er nicht zu den Juroren; sie wollte nicht den Eindruck erwecken, protegiert zu werden.

Juliet öffnete die Tür zur Loge und schlüpfte hinein. Noch ein weiterer Zuhörer hatte sich dort eingefunden, saß aber nicht vorne, wo man den Zuschauerraum und das Orchester überblickte, sondern in einer hinteren Ecke. Es war zu erwarten gewesen, dass sie nicht allein sein würde. Schließlich war Alexander Stoltze ein international gefeierter Orchesterleiter. Bestimmt kannte er viele Leute in Edinburgh. Zögernd trat sie ein, und plötzlich wünschte sie, sie hätte sich diese wirklich hübsche, aber viel zu teure pinkfarbene Jacke gekauft, die sie bei Jenners in der Princes Street anprobiert hatte. Hermione wäre beinahe in Tränen ausgebrochen, weil Juliet sich weigerte, die Jacke zu kaufen. Ich hätte auf sie hören sollen, dachte Juliet, als sie den anderen Gast des Maestros erkannte. Sogar von hinten glaubte sie diesen schönen Kopf zu erkennen, die etwas zu langen schwarzen Haare, die breiten, geschmeidigen Schultern. Sie legte die Hand auf ihr heftig pochendes Herz. Von allen Menschen auf der Welt musste ausgerechnet er hier sein. Ihr Mund wurde trocken. Sie würde ihr Idol kennen lernen, den Dirigenten, dessen Karriere sie voller Bewunderung verfolgt hatte: Karel Haken.

Er stand auf, als er sie hörte, und blickte sie erstaunt an. Dann lächelte er und streckte ihr die Hand entgegen.

»Miss Crawford, Sie sind doch Miss Crawford? Guten Abend.«

Juliet schüttelte ihm die Hand. »Guten Abend, Maestro«, sagte sie leise und setzte sich auf einen Platz vorn in der Loge, auf den er wies. Sie versäumte es, zu applaudieren, als der Kapellmeister die Bühne betrat, weil sie versuchte, ihr rasendes Herz zu beruhigen. Was mochte das bedeuten? Nicht einer, sondern zwei einflussreiche Orchesterleiter am selben Abend, und einer von ihnen dieser begabte junge Mann, der von allen Nachwuchsdirigenten gleichermaßen beneidet und bewundert wurde. Wie kam es nur, dass Haken sie erkannt hatte? Sie waren sich noch nie begegnet. Er war ein wenig größer als sie, und seine Augen waren dunkel; welche Farbe sie genau hatten, konnte Juliet nicht sagen. Schließlich wurde sie durch donnernden Applaus aus ihren Gedanken gerissen. Alexander Stoltze betrat den Saal, bahnte sich seinen Weg durch die Musiker und trat ans Pult. Wie immer schien ihn die Aufregung zu verblüffen. Mit erhobenem Taktstock stand er abwartend da, bis sich das Publikum beruhigt hatte. Die Orchestermusiker sahen ihn aufmerksam an, aber der silberne Taktstock zuckte nicht.

Es herrschte ein atemloses, erwartungsvolles Schweigen. Dann bewegte der Arm sich, und alles war nur noch Klang. Am Ende des ersten Satzes bemerkte Juliet, dass sie auf der Stuhlkante saß und hingerissen die Luft anhielt. Sie entspannte sich und ließ sich in das erstaunlich bequeme Polster sinken. Sie hatte vergessen, wo sie sich befand und dass sie nicht allein in der Loge war. Bis zur Pause war sie völlig in die Musik versunken gewesen. Den Maestro hatte sie nicht aus den Augen gelassen. Wie dynamisch er war! Er erinnerte an einen Wagenlenker, der nicht zwei, sondern hundert Pferde zu bändigen hatte, unter ihnen Primadonnen, die behutsam und doch mit strenger Hand geführt werden mussten. Andere waren scheu und zurückhaltend, aber begabte Musiker, die ermuntert werden mussten, ihr Bestes zu geben. Alexander Stoltze kannte jeden Einzelnen von ihnen, wusste über ihre Stärken und Schwächen Bescheid. Zu beobachten, wie ein großer Dirigent einem Weltklasseorchester Töne entlockte, von denen die Musiker kaum zu träumen gewagt hatten, war für Juliet eine höchst aufregende Erfahrung. Bald, sehr bald sogar, so hoffte sie, würde auch sie hier in der Usher Hall am Pult stehen.

»Ich freue mich, dass Sie sich entschlossen haben weiterzuatmen, Miss Crawford«, bemerkte Karel Haken, als das Orchester abtrat. Seine Stimme war angenehm, tief und melodisch, mit einem leichten, attraktiven Akzent. »Verraten Sie mir eins, ist der Musikgenuss intensiver, wenn Sie den Atem anhalten? Vielleicht sollte ich es auch einmal versuchen?« Er machte sich über sie lustig, doch das Lächeln in seinen Augen war freundlich.

»Nein, und das ist keine Absicht. Mich packt die Aufregung, wenn große Musik so wunderbar gespielt wird. Ich wusste, dass dieses Konzert mich mitreißt.«

»Liegt das an Stoltze, am Orchester, oder ist es der Komponist, der Sie so fasziniert?«

»Alle drei zusammen, würde ich sagen.« Juliet bemühte sich, Selbstbewusstsein auszustrahlen, als sie neben ihm durch den kahlen, weiß gestrichenen Korridor zum Foyer ging. Was hatte er nur an sich, das ihr so den Kopf verdrehte? Andere Konzertbesucher erkannten ihn, man trat zurück, um ihn durchzulassen, und einige verneigten sich wie in Anerkennung seiner Berühmtheit und seiner außergewöhnlichen Begabung, doch er schien es nicht zu bemerken.

»Ich werde mich hüten, Sie jemals zu einem meiner Konzerte einzuladen, Miss Crawford. Wie soll ich die notwendige Konzentration aufbringen, wenn ich befürchten müsste, dass Sie nicht genug Luft bekommen? Und wenn ich hören müsste, dass Sie zusammenbrechen, dann wäre mein armes Orchester ohne Leitung. Champagner?« Er wartete nicht auf ihre Antwort, sondern bestellte bereits. Lächelnd reichte er ihr ein Glas, und jetzt sah sie, dass seine Augen graublau waren wie die Kiesel in einem Bergbach. »Köstlich«, sagte er. »Ich trinke sehr selten Alkohol, aber wenn, dann am liebsten Champagner – wie die schönen Frauen. Ist es nicht so?«

Juliet lachte. »Ich weiß nicht, ob das ein Kompliment sein soll oder eine Feststellung.«

»Sagen wir, beides. Aber eins würde mich interessieren, Miss Crawford, wie kommt es, dass der Maestro Sie so gut kennt?«

Er war direkt, aber sie hatte sich bereits dieselbe Frage gestellt. »Ich glaube nicht, dass er mich gut kennt, Mr Haken. Wir sind uns bei einem Wettbewerb in Paris begegnet. Er war so freundlich, mir in einem Moment Mut zu machen, in dem ich am Boden zerstört war. Und die Eintrittskarte ist aus heiterem Himmel gekommen.« Er sah sie ratlos an, und sie erklärte: »Es war eine Überraschung, Maestro, völlig unverhofft.«

Haken machte ein nachdenkliches Gesicht. »Er ist ein freundlicher Mensch, Miss Crawford, und auch sehr klug. Zufällig habe ich Sie in Paris ebenfalls dirigieren sehen. Ich hatte mich in die geheimnisvolle Loge Nummer fünf zurückgezogen, Sie wissen schon, die Loge des Phantoms, ein wunderbares Versteck. Aber sosehr ich mir wünschte, Sie kennen zu lernen, es wäre mir nie eingefallen, Ihnen eine Konzertkarte zu schicken. Es sei denn, Sie reisen in den nächsten Monaten nach Prag, dann werde ich das natürlich mit Freuden tun. Sie sehen also, dass ich dem Maestro täglich etwas abgucke.«

Flirtete er mit ihr, oder war er bloß nett? Sie beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken. »Sie brauchen nichts zu befürchten, Maestro. Die nächsten Monate bleibe ich in Edinburgh.«

Während sie ihren Champagner tranken und unbefangen über das Konzert plauderten, ließen die Leute die beiden nicht aus den Augen. »Gefällt es Ihnen, beobachtet zu werden, Maestro?«, fragte Juliet.

»Meistens denke ich nicht darüber nach, und außerdem könnte es doch sein, dass die Leute sich mehr für Sie interessieren, Miss Crawford.«

Juliet wurde rot. Er flirtete eindeutig mit ihr. Natürlich hatten die Konzertbesucher nur Augen für Haken, den Jungstar, das Phänomen, aber er schien entschlossen, sich die Bewunderung, die ihm entgegenschlug, nicht zu Kopf steigen zu lassen.

Sie leerten die Gläser und kehrten in die Loge zurück. »Freuen Sie sich auf Mahlers Vierte, Miss Crawford? Ich hoffe, Sie können ruhig atmen.«

»Ja, bestimmt. Champagner entspannt.« Aber er wirkte auch stimulierend, oder lag es an seinem lässigen Charme? Juliet staunte. Was sie über ihn gelesen hatte, die Fotos, die sie kannte, hatten sie zu der Überzeugung geführt, er sei viel zu ehrgeizig und zu beschäftigt, um zu flirten, aber genau das tat er. Auch Schneemänner schmelzen, dachte sie und setzte sich zurecht, um dem Orchester zu lauschen. Zum ersten Mal zog die Kraft großer Musik sie nicht völlig in den Bann. Sie hatte Maestro Haken nicht mehr im Blick und glaubte beinah, er sei nicht da, es sei alles nur ein Traum gewesen. Ich habe mit Karel Haken geschäkert. Soll ich mich zwicken? Reiß dich zusammen, Juliet, und hör dir den Mahler an!

Als es vorüber war und der stürmische Applaus verebbte, gingen sie miteinander die Treppe zum Foyer hinunter. Durch die geöffneten Türen sah man in einen wunderschönen Frühsommerabend hinaus. Der zartblaue Himmel war immer noch so hell, dass man das Programmheft hätte lesen können.

»Die schottischen Sommerabende sind wirklich erstaunlich. Sie kommen doch mit zu Maestro Stoltze.« Es war keine Frage, er hielt ihre Zustimmung für selbstverständlich. Auf der belebten Freitreppe nahm er ihren Arm. Rechts ging es zum Bühneneingang. »Bestimmt stehen die Autogrammjäger schon Schlange, aber wir können draußen warten. Essen Sie doch mit uns zu Abend!« Er schaute ihr in die Augen. »Er hat sie doch eingeladen, oder?« Mit der Rechten, seiner Dirigentenhand, deutete er auf das gegenüberliegende Haus. »Wir wohnen in dem Hotel da drüben. Bestimmt hat er einen Tisch reserviert.«

Am Eingang wurden sie von den Wachleuten durchgewinkt, dann öffnete Karel für Juliet eine Tür aus Holz und Glas. Ihre Absätze klapperten auf dem Marmorfußboden, was aber in dem fröhlichen Lärm, der aus dem Dirigentenzimmer drang, unterging. Für die Menschen, die sich hier drängten, blieb allerdings wenig Platz, denn der glänzende Mahagoniflügel nahm den Großteil des Raums ein. Von Bewunderern umringt, unterhielt sich der berühmte Orchesterleiter fröhlich lachend in mindestens drei Sprachen gleichzeitig, gab Autogramme auf Programmheften und posierte für Fotografen. Als er Karel und Juliet bemerkte, bahnte er sich einen Weg durch die Menge und streckte ihnen in einem theatralischen Willkommensgruß die Hände entgegen. »Miss Crawford, da sind Sie ja, und Karel, mein Junge! Wie schön! Aber ihr seht, hier ist zu viel los. Geht doch schon ins Hotel und fangt einfach ohne mich an.«

Karel antwortete ihm in einer Sprache, die Juliet nicht verstand – vermutlich Tschechisch. »Es sind Leute vom Konsulat hier, Miss Crawford. Er braucht noch zwanzig Minuten.«

Juliet zögerte. »Aber Sie sollten auch lieber hierbleiben, Mister Haken. Der Abend war wunderbar, und ich habe mich bei Maestro Stoltze bedankt. Ich gehe jetzt auch gern nach Hause.«

Wieder nahm er ihren Arm und führte sie hinaus. »Die Leute habe ich vorhin schon begrüßt. Im Exchange ist ein Abendessen bestellt, dort kann uns der Maestro nicht verfehlen. Er möchte nämlich mit Ihnen sprechen.«

Als Karel ihr verdutztes Gesicht sah, lächelte er. »Er hätte Ihnen wohl kaum eine Konzertkarte geschickt, wenn er nicht mit Ihnen reden wollte. Sie müssen wissen: Er besitzt sehr viel Einfluss.«

Sofort wurde Juliet nervös, was ihrem Begleiter nicht entging. An der Ampel blieben sie stehen. »Es war das Wort ›Einfluss‹, nicht wahr? Am Anfang braucht jeder Hilfe, Miss Crawford. Das ist keine Schande. Kommen Sie, wir unterhalten uns beim Essen darüber.«

Sie nickte. Als die Ampel Grün anzeigte, überquerten sie die stets belebte Lothian Road. Obwohl sie überdeutlich seine Hand an ihrem Arm spürte, versuchte Juliet, sich darauf zu konzentrieren, wie sie ihren Standpunkt erklären sollte. Über die Eintrittskarte hatte sie sich verständlicherweise gefreut. Sie war eine arbeitslose Dirigentin, und Stoltze … Ein Wort von ihm hier, ein Lob dort konnten Wunder wirken. Und Haken? Wenn er sie empfehlen oder – sie wagte kaum davon zu träumen – sie einstellen würde, wie anders würden dann die nächsten Jahre aussehen! Aber da war die uralte Frage, die Frauen auf dem Weg nach oben umtrieb: Ist es mein Können oder mein Geschlecht? Ich will mich als Frau in einer der letzten Domänen der Männer durchsetzen. Verdammt noch mal, ich bin gut, wenn auch nicht so bedeutend wie Haken, aber ich bin bereit, ununterbrochen zu arbeiten, zu lernen und alles zu opfern, um mein Potenzial auszuschöpfen. Und ich will das nicht erreichen, weil mir zwei Männer den Aufstieg leicht machen, oder? Über dieses Problem hatte sie sich schon ausgiebig Gedanken gemacht, aber Haken und unzählige andere junge Musiker waren von älteren Stars unterstützt worden, die sich in der Pflicht fühlten, ihr Können weiterzugeben und ihren jüngeren Kollegen als Mentoren beizustehen. Ob es ihr damit besser ginge, wenn eine Dirigentin ihre Hilfe anbieten würde? Es gab ja so viele talentierte Frauen, Marin Alsop, Jane Glover, Sian Edwards, um nur einige zu nennen. Zum Kuckuck, sie wollte es allein schaffen und nur als Musikerin beurteilt werden!

Mit dieser Einstellung, Juliet Crawford, schneidest du dich ins eigene Fleisch.

Sie seufzte, als sie an der Drehtür des Sheraton Grand angelangt waren, die in den mit Marmor ausgekleideten Eingangsbereich führte. Links ging es zum Terrace und zum Grill Restaurant, aber sie folgten weiter dem prachtvollen Korridor. Karel deutete auf die Tür. »Typisch Großbritannien. Nach zehn kriegt man kein anständiges Abendessen mehr.«

Das Wort »Unsinn« lag Juliet auf der Zunge, nur war sie zu feige – oder zu höflich –, um es auszusprechen.

Karel führte sie in die Exchange Bar, die sich anscheinend großer Beliebtheit erfreute. Da er offenbar auf einen Kommentar wartete, sagte sie schließlich: »Wie lange bleiben Sie noch in Schottland, Maestro?« Wenn er hoffte, dass ihm eine verzweifelte Dirigentin Honig ums Maul schmierte, hatte er sich getäuscht.

»Seufzen Sie, weil wir über Schottland sprechen, Miss Crawford?«

»Eigentlich nicht. Mich bekümmert nur Ihre Bemerkung über die Essenszeiten.«

Er lachte. »Das war nicht ernst gemeint, und sehen Sie«, er wies auf die bequemen Lehnstühle und die abgeschirmten Nischen, »das Exchange ist wirklich sehr angenehm. Ich verstehe, dass lange Arbeitszeiten und Überstunden Probleme schaffen. Außerdem wird man inzwischen in Schottland bedeutend besser bewirtet. Der Maestro hat beispielsweise erzählt, dass er bei seinem ersten Aufenthalt in Schottland gar kein Abendessen bekommen hat. Er musste sich von Bananen ernähren.«

Diesmal ließ sich Juliets Widerspruchsgeist nicht unterdrücken. »Unsinn! Er kannte nur die entsprechenden Lokale nicht. In Edinburgh hat es schon immer wirklich gute italienische Restaurants gegeben, und Fish and Chips bekommt man auch noch am späten Abend. Aber Sie haben mir noch nicht verraten, wie lange Sie bleiben. Ich würde Ihnen dann nämlich gern eine Liste mit Restaurants zusammenstellen, in denen Sie auch nachts noch essen können.«

Plötzlich verdunkelte sich seine Miene. »Es tut mir leid. Ich habe Sie gekränkt.«

»Keineswegs. Ich möchte nur verhindern, dass Sie oder andere Besucher unserer Stadt verhungern.«

»Das ist sehr freundlich. Leider kann ich Ihr Angebot nicht annehmen. Ich habe ein außerplanmäßiges Engagement in Heidelberg und muss morgen abreisen.«

Erleichtert griff sie das neue Thema auf. »Eine wunderschöne Stadt. Ein Frühlingsspaziergang am Fluss, wenn alles blüht, und dann sieht man nach einer Wegbiegung dieses erstaunliche Schloss vor sich – das ist wie im Märchen. Im Herbst bin ich einmal auf einer Landstraße in die Stadt gefahren. Da sind die Hasel- und Walnüsse nur so von den Bäumen geprasselt – schade drum. Die Gehsteige waren mit Nüssen übersät, während weltweit Menschen verhungern – in Deutschland natürlich nicht. Ob die Nüsse wohl gesammelt werden? Ich hab es damals nicht rausgefunden.«

»Ich werde im nächsten Herbst mal darauf achten. Haben Sie nicht danach gefragt?«

Gott sei Dank, er war nicht beleidigt. »Damals habe ich noch kaum Deutsch gesprochen. Aber ich hatte eine entzückende Begegnung mit einer älteren Dame, die ihren Garten winterfest machte. Sie hat mir eine Menge erzählt. Allerdings habe ich kein Wort davon verstanden.«

Das gab ihm Rätsel auf. »Trotzdem war es entzückend?«

»O ja, sie hat schon gemerkt, dass ich nicht recht mitkomme, aber es war für uns beide wichtig zu kommunizieren.« Sie lehnte sich auf ihrem bequemen Stuhl zurück. Die Nische war so geschickt abgeschirmt, dass man zwar hinaussehen konnte und gesehen wurde, sich jedoch völlig ungestört unterhalten konnte. »Was für ein schönes Hotel!«

Er ging nicht darauf ein. Wahrscheinlich war er schon in so vielen Hotels abgestiegen, dass ihm eines wie das andere vorkam. »Kommunikation ist für einen Dirigenten von größter Bedeutung.«

Sie hatte nicht vor, mit ihm über sein Dirigat zu sprechen. Das hätte leicht den Eindruck erweckt, als wolle sie sich einschmeicheln. Und noch weniger wollte sie über ihre Einstellung zum Dirigieren reden, sonst glaubte er womöglich noch, sie sei auf Komplimente aus. Aber schon meldete sich Hermiones Stimme, die ihr ins Gewissen redete. »Das nennt man Kontaktpflege, Schätzchen.« Aber Kommunikation war ein unverfängliches Thema, also sah sie ihn offen an. »Ehrliche Kommunikation ist in jedem Metier wichtig, meinen Sie nicht?«

Just in diesem Augenblick wurde Karel ans Telefon gerufen. »Es tut mir sehr leid. Ich muss Sie einen Moment alleinlassen. Ich habe nach dem Konzert mein Handy nicht wieder angemacht. Bestellen Sie doch bitte etwas zu trinken. Der Kellner wird gleich kommen. Bitte entschuldigen Sie mich.«

Er eilte den mit Spiegeln dekorierten Korridor entlang, und Juliet, die sich ein wenig im Stich gelassen fühlte, schickte den diensteifrigen Ober fort. Sie konnte ja wohl kaum anfangen zu essen, bevor ihr Gastgeber eintraf. Aber sie musste nicht lange warten, denn wenige Minuten später erschienen Stoltze und Haken und nahmen unter Entschuldigungen Platz.

»Aber warum haben Sie nichts zu trinken, Miss Crawford?«, fragte Stoltze, und Juliet hörte erstaunt, dass er den wartenden Kellner anfuhr. »Ich habe doch angeordnet, dass mein Gast sofort bedient wird. Warum sitzt die Dame dann auf dem Trockenen?«

Haken sagte etwas, und Juliet griff ebenfalls ein. »Er hat mich nach der Bestellung gefragt, Maestro. Ich habe es vorgezogen zu warten.« Sie lächelte den Kellner an, während sie sprach, aber Stoltze winkte ab.

»Jetzt werden wir bedient.«

Der Kellner öffnete eine Flasche Champagner und schenkte ein, dann wurden Platten mit allerhand Köstlichkeiten serviert.

»Ich wollte, dass es ein perfekter Abend für Sie wird, Miss Crawford«, begann Stoltze, als die Speisen aufgetragen waren. »Karel ist schuld. Er hätte sein Handy nicht abstellen sollen, aber genug davon. Ein guter Tropfen, nicht wahr?«

Juliet kostete. Der »gute Tropfen« war laut Etikett ein ausgezeichneter Jahrgang. »Ich würde eher sagen, Maestro, er ist etwas ganz Besonderes.«

Er lachte. »Den habe ich eigens für Sie ausgesucht, meine Liebe. Ich habe Ihre mitreißende Darbietung bei dem Wettbewerb in Paris nämlich nicht vergessen. Karel ist derselben Meinung – für uns waren Sie eindeutig die Siegerin.«

Was für aufregende Worte: »mitreißende Darbietung«, »eindeutig die Siegerin«, und vielleicht noch wichtiger: »Karel ist derselben Meinung«. Juliet unterdrückte ihre Aufregung und bemühte sich, einen klaren Kopf zu bewahren. »Offensichtlich war der Rest der Jury anderer Meinung«, stellte sie nüchtern fest. »Aber dabei sein ist alles, und ich habe dort eine Menge gelernt. Inzwischen wurde ich zum Margarita-Rosa-Grey-Wettbewerb im November zugelassen. Darauf setze ich meine ganze Hoffnung.«

Karel erbot sich, ihr nachzuschenken, aber sie lehnte ab und bemerkte, dass er auch sein Glas nicht auffüllte.

»Sie essen wie ein Spatz, Miss Crawford.« Stoltze reichte ihr eine der Platten. »Margarita-Rosa ist ein prestigeträchtiges Ereignis mit einer ausgezeichneten Jury international renommierter Experten. Gratuliere, aber darf ich trotzdem noch einige weitere Wettbewerbe vorschlagen? Ich bin zuverlässig informiert, dass nächstes Jahr ein wichtiger Concours in New York stattfindet. Mehr darf ich noch nicht verraten, aber die Veranstaltung wird von mehreren herausragenden Dirigenten unterstützt. Was für eine Chance! Derzeit wird keines der großen amerikanischen Orchester von einer Frau geleitet. Vielleicht werden Sie nach langer Zeit die erste sein. Außerdem bewegt sich das Preisgeld zwischen fünfzig- und hunderttausend Dollar.« Er klopfte seinem jüngeren Kollegen onkelhaft auf die Schulter. »Findest du nicht, dass sie sich um eine Zulassung bemühen sollte, Karel, mein Junge?«

Karel setzte sein leeres Glas ab und nahm sich etwas Räucherlachs. »Selbstverständlich.« Er zwinkerte Juliet zu. »Wenn es nächstes Jahr wirklich einen solchen Wettbewerb gibt, könnte ich ja versuchen, aus meinem Vertrag in Prag auszusteigen, und die Fünfzigtausend selbst einheimsen. Vor einem Jahr gab es mehrere internationale Vorentscheidungen, Miss Crawford. Wir könnten darum ersuchen, Sie für Europa ins Rennen zu schicken.« Er lächelte sie an. »Was meinen Sie?«

Juliet hatte Stoltze beobachtet, während Karel sprach, und trotz Karels Zwinkern und seines witzigen Tonfalls glaubte sie eine unterschwellige Spannung zu spüren. Welche Hintergedanken hatten die beiden? Stoltze war über Karels unbekümmerte Worte offenbar schockiert, vielleicht auch verärgert. Sie beschloss, so zu tun, als nähme sie seine Bemerkung ernst. »Ich fände das äußerst unfair, wenn Sie teilnähmen, Maestro, und wenn Sie es tun, werde ich mich persönlich an die Spitze des Protests stellen.« Ihr Lächeln spiegelte sich in seinen humorvollen Augen, was sie zutiefst verwirrend fand. An Stoltze gewandt fuhr sie fort: »Wie freundlich, dass Sie so viel Interesse an mir zeigen, Maestro. Ich werde meinen Agenten auf diesen Wettbewerb aufmerksam machen.«

»Tun Sie das unbedingt. Ich werde dafür sorgen, dass Ihnen meine Sekretärin noch Informationen zu zwei oder drei anderen wichtigen Auswahlverfahren schickt. Wir wollen nicht mit einem negativen Ergebnis rechnen beim Wettbewerb im November, aber es ist immer besser, mehrere Eisen im Feuer zu haben. Und wenn man nach Referenzen fragt: Sie kennen ja Stoltze.« Er wandte sich Karel zu und streckte die Hand aus, als wolle er ihn umarmen. »Und den brillanten Haken. Mein Licht leuchtet ja nun schon etwas länger, aber das meines Schülers hier hat der Welt gerade erst neuen Glanz gebracht.« Er lachte verlegen über seinen Gefühlsausbruch, und auch Karel senkte peinlich berührt die Augen. »Jedenfalls wäre es uns ein Vergnügen, Ihnen behilflich zu sein.«

»Das ist wirklich zu freundlich, Maestro. Ich bin Ihnen überaus dankbar.«

Er winkte ab und bot ihr eine Platte mit Graved Lachs an, aber sie lehnte ab. Da erschien der Kellner mit der Dessertkarte – der ideale Augenblick, um zu gehen. Juliet stand auf, und die Männer folgten ihrem Beispiel. »Nein, bitte, Sie müssen hundemüde sein, und ich habe schon genug von Ihrer wertvollen Zeit beansprucht. Ich bin Ihnen beiden sehr dankbar.«

»Bei mir müssen sie sich nicht bedanken, Miss Crawford«, sagte Karel, »und wenn wir uns vorher nicht wiedersehen, dann werde ich auf jeden Fall im November in der Barbican Hall sein, um Ihnen alles Gute zu wünschen. Erlauben Sie mir, dass ich Sie nach Hause begleite. Es ist schon spät.«

»Das Wetter ist wunderbar, Maestro, und ich bekomme direkt vor dem Eingang ein Taxi. Das wäre mir wirklich lieber. Sie waren beide zu freundlich.«

Die Männer bestanden darauf, sie nicht nur zur Tür zu bringen, sondern bis zur Straße, wo das Taxi wartete. Als sie eingestiegen war und der Fahrer versuchte, den Wagen in den Verkehrsstrom der Lothian Street einzufädeln, drehte sie sich um. Die fröhliche Stimmung, die den ganzen Abend geherrscht hatte, schien verflogen zu sein. Juliet hatte sogar den Eindruck, dass Alexander Stoltze ausgesprochen wütend war.

Was hatte ihn nur so verstimmt? Er hatte doch nicht etwa gehofft, dass Karel ihn verteidigen würde, als er sagte, er sei so weit gegangen, wie er konnte. Brauchte sein Ego etwa unablässig Streicheleinheiten? Auch seine Verbalattacke gegen den Kellner hatte sie überrascht, wo er doch im Theater und zuvor in Paris so jovial gewirkt hatte.

Juliet lehnte sich zurück, während das Taxi von der Lothian Road in die Princes Street bog. Wieder pochte ihr Herz, ihr Mund war trocken, und ihre Hände klebten. Auch ihr Magen war nervös, und das ließ sich nicht auf den Champagner zurückführen, dessen Wirkung längst vergangen war. Dennoch würde es ihr schwerfallen, ihren neugierigen Mitbewohnern eine zuverlässige Kritik des Konzertabends zu liefern. Bestürzt stellte sie fest, dass sie sich kaum noch daran erinnerte und dass sie das signierte Programmheft zu Rate ziehen musste, um zu sagen, welche Stücke gespielt worden waren. Warum? Lag es an Stolzes charismatischem Dirigat oder an Karels lachenden Augen?

Seufzend streckte sich Juliet, doch dann setzte sie sich rasch wieder auf, falls der Fahrer sie im Rückspiegel beobachtete. Es lag bestimmt an Karel. Er hatte es ihr angetan. Er sah genauso aus wie auf den Fotos und doch auch ganz anders, denn die Aufnahmen, die man von ihm kannte, unterschlugen das Lächeln, das um seine Mundwinkel spielte, und wurden auch seinen geheimnisvollen dunklen Augen nicht gerecht, die die Vernunft zum Verstummen brachten. Juliet fasste sich an den Ellbogen, wo er sie berührt hatte, und legte die Hände auf die heißen Wangen, die beide Dirigenten zum Abschied geküsst hatten. Zwei Stellen brannten geradezu. Sie war überzeugt, dass Karel sie dort geküsst hatte, denn Stoltze war größer als sein Schüler.

Was ist bloß mit mir los?, fragte sie sich. Ich bin vermutlich verrückt. Oder der Lachs war nicht in Ordnung. Bei Fisch muss man ja immer vorsichtig sein. Ich habe eine Grippe. Das ist es. Ich brüte etwas aus.

Ausnahmsweise waren Juliets Freunde zu Hause und mehr oder weniger salopp gekleidet. Juliet sah ihre lieben Gesichter, ihre erwartungsvollen Blicke. Wie wunderbar es war, solche Menschen in seiner Nähe zu haben! »Seid ihr etwa meinetwegen aufgeblieben?«

Hermione, Heather und Gregor tauschten einen ratlosen Blick. »Meine Güte!«, sagte Gregor, »ist die Kleine eingebildet! Warum sollten wir uns dafür interessieren, wenn unsere Mitbewohnerin mit einem ältlichen Dirigenten versumpft?«

Juliet warf die Jacke aufs Sofa, entschlossen, am nächsten Tag auf jeden Fall zu Jenners zu gehen und die pinkfarbene Jacke zu kaufen – wenn sie noch da war. Stoltze hatte sie darauf hingewiesen, wie wichtig es war, vorbereitet zu sein. Sie war jedenfalls auf alles gefasst.

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