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Himmel über der Hallig

Ein Wort vorweg …

 

Die Personen dieses Romans sind frei erfunden. Also jedenfalls die meisten.

Die Schwierigkeit beim Schreiben der Geschichte war, dass auf Hallig Hooge momentan hundertundsieben Menschen leben, wenn ich auf dem aktuellsten Stand bin, was nicht immer ganz einfach ist. Darunter ist ein Pastor, ein Bürgermeister, ein Briefträger, eine Betreiberin eines Souvenirshops, eine, die Lebensmittel verkauft, der Lehrer, die Kindergärtnerin, usw. … Zentrale Personen müssen vorkommen. Und auch die typischen Namen, die jeder auf Hooge dauernd im Ohr hat, müssen sein, sonst könnte die Atmosphäre nicht gelingen. Aber natürlich darf ich keine real existierenden Menschen beschreiben. Das wäre nicht fair, denn dann würde sich dieser Roman in der Wahrnehmung des Lesers und Hooge-Besuchers zu sehr mit der Wirklichkeit vermischen, und das würde womöglich ein falsches Licht auf den einen oder anderen werfen.

Also: Typen, Charaktere, Figuren sind frei erfunden. Sie haben mit den Hallig-Lüüd, die ich kennenlernen durfte, rein gar nichts zu tun. Ihre Namen haben sie völlig zufällig bekommen. Auch die Geschichte mit der Christus-Figur stimmt so nicht. Doch, sie stimmt. Nur die Ergebnisse der Nachforschungen, von denen hier erzählt wird, inklusive der Geschichte von Ockenswarft, stimmen nicht.

Unverändert sind die Namen der Cafés und Restaurants. Aber auch hier gilt: Was sich dort abspielt, ist meine Fantasie und lässt weder auf das echte Personal schließen, noch hat es sich so an diesen Orten zugetragen.

Ein Wort an die Hallig-Leute: Ich hatte meine Augen und Ohren offen, habe meinen Figuren in den Mund gelegt, was ich hier und da aufgeschnappt habe. Kritik und Protest also bitte ggf. direkt und ausschließlich zu mir!

I

Das Fenster ist sehr schön!« Lea betrachtete das bunte Glas. Es zeigte einen Ertrinkenden, der in Todesangst seine Arme nach Jesus Christus ausstreckte. »Herr hilf mir!«, stand darunter. Sie bekam eine Gänsehaut. So oft hatte sie gebetet, Hilfe erfleht in den vergangenen Monaten, obwohl sie in ihrem Leben nie eine große Kirchengängerin gewesen war. Anscheinend hatte es geholfen. Immerhin war sie jetzt hier, oder etwa nicht?

»Ein Motiv mit Symbolkraft«, sagte der Pastor und lächelte versonnen. »Das ist Petrus.« Er deutete auf den Ertrinkenden. »Er konnte über das Wasser gehen, genau wie Jesus. Aber nur so lange, bis er die Angst zuließ. Sobald ihm das Vertrauen abhandenkam, versank er.«

Lea zog den Kragen ihres Daunenmantels fester um sich. Es war kalt in der kleinen Kirche. »Die Angst fragt nicht lange, ob jemand sie zulässt. Sie ist einfach da, meinen Sie nicht?«, gab sie zu bedenken.

Er wiegte den Kopf, statt zu antworten. »Dieses Fenster erzählt eine ganze Geschichte, finde ich.« Der Pastor sah sie freundlich an. »Eine Geschichte von Ängsten, Vertrauen und Zweifel. Es hat übrigens auch eine interessante Geschichte. Ein Kaufmann aus Hamburg hat das bunte Kirchenfenster gespendet. Sein Name war Feddersen. Jahr für Jahr kam er nach Hooge, um seinen Bruder zu besuchen. Es war im Jahr 1919, als er mal wieder von Föhr anreiste. Eine direkte Verbindung vom Festland gab es damals ja noch nicht. Jedenfalls wurde er im Sturm über Bord geschleudert und wäre beinahe ertrunken.« Der Pastor machte eine Pause und betrachtete das gläserne Bild, als wären dort die Geschehnisse von damals zu sehen. »Aber er wurde in letzter Sekunde vor dem Ertrinken gerettet. Ein Wunder. Als Dank dafür spendete er dieses Fenster.« Wieder eine Pause. Er hatte Zeit. »So ist es mit allem hier«, sagte er schließlich. »Jedes Stück hätte etwas zu erzählen, wenn es könnte.« Die Begeisterung für »sein« Gotteshaus war nicht zu überhören. Seine Augen, mit buschigen Brauen darüber, strahlten. Lea wollte nach dem Kruzifix fragen, das hier vor vielen Jahren, wie es hieß, angeschwemmt worden sein sollte. Doch der Halligpastor sprach schon weiter.

»Ist Ihnen aufgefallen, dass an der Wange einer Bank 1624 geschrieben steht?«

»Tatsächlich.« Sie stutzte. »Ich dachte, mit dem Bau dieser Kirche sei erst um 1640 begonnen worden.«

»1637, um genau zu sein. So steht es jedenfalls in den Kirchenrechnungsbüchern. Das Gestühl, auch das Taufbecken und die Kanzel sind einmal für Osterwohld angefertigt worden. Das war ein Ort auf Alt-Nordstrand, der 1624 eine neue Kirche bekam. Nur zehn Jahre später hat eine schlimme Sturmflut die Westküste verwüstet und die neue Kirche zerstört.«

Lea fragte sich, ob eine Sturmflut nicht immer schlimm sei. Gleichzeitig versuchte sie, sich die Gewalt vorzustellen, die die Nordsee offenbar aufzubringen in der Lage war. Wenn eine Kirche komplett zugrunde gerichtet werden konnte, mussten Wellen und Sturm eine wahrlich unheilige Allianz eingegangen sein und sich gegenseitig in ihrem zerstörerischen Treiben ebenso grausam wie perfekt unterstützt haben.

»Von neuntausend Menschen, die damals hier auf den Inseln und Halligen und an den Küsten lebten, sind beinahe sechseinhalbtausend ums Leben gekommen«, fügte der Pastor hinzu, als habe er ihre Gedanken gelesen. »Nicht nur die Kirche von Osterwohld ist untergegangen, sondern viele andere auch.«

»Aber Teile des Inventars wurden gerettet?«

»Allerdings.« Er nickte eifrig. Seine Augen blitzten. »Das müssen Sie sich vorstellen: Es tobte der Dreißigjährige Krieg, die Männer waren alle fort im Feld. Also machten sich die Frauen, nachdem das Meer sich wieder zurückgezogen hatte, auf ins Watt, um alles zu retten, was noch zu gebrauchen war. Und da haben die Frauen von Hooge dann Teile der Einrichtung des Osterwohlder Gotteshauses gefunden und geborgen.«

»Wo haben sie nur die Kraft und den Mut hergenommen, allein ins Watt hinauszugehen? Das ist wirklich beachtlich.«

»Ja«, stimmte er ihr zu und nickte wiederum, »das ist es. Sie haben eben keine Angst zugelassen und nie die Zuversicht verloren. Das ist ganz wichtig.«

»Das klingt für meinen Geschmack etwas sehr einfach. Mehr als jeder Zweite um einen herum tot oder vermisst, eingestürzte Häuser und die Männer unerreichbar weit entfernt, da bekommt man es mit der Angst zu tun, ob man will oder nicht.«

»Sicher, da haben Sie recht. Das Entscheidende ist aber, ob man sich von der Angst unterkriegen lässt.« Er blickte wieder zu dem farbenfroh leuchtenden Kirchenfenster. »Wer das zulässt, der geht unter.«

Sie folgte kurz seinem Blick, betrachtete dann aber lieber die Kanzel aus der Nähe. Was sie wohl wiegen mochte? Wie viele Frauen hatten an ihr gezerrt, weil sie wussten, wie kostbar sie war, welche Mühe es bedeutet hätte, eine neue Kanzel so prächtig zu gestalten. Lea ließ die kalten Finger über die aus Holz geschnitzten Apostel gleiten. Eine herrliche Arbeit! Schnell versenkte sie die Hände wieder in den Taschen ihres Mantels und versuchte, den Text unter den Szenen aus dem Leben Jesu zu entziffern.

»Das sind Zitate aus der plattdeutschen Bugenhagen-Bibel«, erklärte ihr der Pastor. Auch er war zwischen die Bänke getreten.

»Einiges kann ich lesen, aber längst nicht alles«, gab Lea zu und lächelte. »Für mich ist Plattdeutsch eine Fremdsprache.«

»Nicht nur für Sie«, erwiderte er lachend. »Auf Hooge sind über die Hälfte der Einwohner Zugezogene. Ich übrigens auch. Wir müssen die Sprache richtig lernen, wenn wir platt schnacken wollen.«

Die Kälte aus dem roten Backsteinfußboden kroch durch die Sohlen von Leas Winterstiefeln und machte ihre Zehen steif. Sie versuchte, sie ein wenig zu bewegen, und blickte unwillkürlich nach unten. Dabei entdeckte sie zwischen den Bänken Holzplanken und feinen Sand mit Muscheln darin. Sie erinnerte sich, darüber gelesen zu haben, dass das Wasser, sollte je wieder eine Sturmflut kommen und die Kirchwarft mitsamt dem kleinen Gotteshaus überschwemmen, im Sand schnell wieder versickern konnte, anstatt lange im Gemäuer zu stehen und Schäden anzurichten. Für jemanden vom Festland war der Gedanke, dass die Nordsee mehrmals im Jahr so heftig über das winzige Eiland schwappte, dass nur noch die Warften aus dem Wasser schauten, schon beängstigend genug. Die Vorstellung, selbst hier könnten die eisigen Wogen eindringen, war ihr mehr als unheimlich.

 

Ihr Blick wanderte zu einer der beiden Längswände, aus der der Putz so heftig bröckelte, dass stellenweise breite graue Furchen zwischen den Mauersteinen entstanden waren. Kein Wunder, ging es ihr durch den Kopf, die Feuchtigkeit, die salzige Luft und überhaupt die raue Witterung, der die gesamte Hallig ausgesetzt war, konnten einem Bauwerk schon zu schaffen machen. Es war erstaunlich, dass es überhaupt die vergangenen dreihundertsiebzig Jahre oder mehr überdauert hatte.

»Und das ist also das geheimnisvolle Kreuz«, stellte sie fest und betrachtete die dunklen Holzbalken und die schlicht geschnitzte Christusfigur daran.

»Ja, das ist es. Zwanzig Menschen sind damals in der Sturmflut im Jahr 1825 ums Leben gekommen. Als sich das Wetter langsam beruhigt hat, gingen die Hooger Jungs zum Holzsammeln, wie immer nach einem Sturm. Und da fanden sie den Christus, der angespült worden war. Arme und Beine waren nicht komplett. Aber man hat ihn liebevoll restauriert. Sehen Sie, man kann gar nicht erkennen, was neu gemacht wurde. Und ein schönes Kreuz hat er auch bekommen. Die Leute meinen, dass er sehr alt ist und von einem spanischen Schiff stammt.«

Die Art, wie der Mann mit dem weißen Haar betonte, ließ sie an einen Märchenerzähler denken. Bestimmt hatte er viel mit Kindern gearbeitet, vermutete sie.

»Inzwischen gibt es aber einen Wissenschaftler, der das ganz anders sieht«, warf sie ein, ohne die Augen von der hölzernen Skulptur nehmen zu können. So einfach, wie sie war, so ausdrucksvoll war sie gleichermaßen. Lea konnte sich ihrer Ausstrahlung einfach nicht entziehen. »Er meint, das Kreuz wäre keinesfalls spanische Handwerkskunst, sondern könne eher aus einer Kirche in dem bereits erwähnten Osterwohld stammen, die bei der großen Mandränke zerstört wurde. Sagt man das hier nicht so?« Sie blickte ihn verunsichert an.

»Mandränke, ja, so sagt man hier.« Wieder sein eifriges Nicken. »Ein passender Name, nicht? Es sind jedes Mal Männer ertrunken. Und Frauen natürlich. Aber nicht mehr, seit das Kreuz hier hängt. Ganz egal, woher es stammt, die Hooger sagen, dass zumindest keiner mehr sein Leben bei einer Sturmflut verlieren musste, seit es hier seinen Platz gefunden hat. Und das wird auch so bleiben, solange es dort hängt. Das ist das Wichtigste.«

»Stimmt.« Lea zog die eisigen Hände aus der Tasche und rieb sie aneinander. »Um mehr herauszufinden, bin ich ja da. Ich hoffe, das gelingt mir, bevor ich erfroren bin«, scherzte sie. In Dortmund hatte es schon den einen oder anderen milden Märztag gegeben, und man hatte ahnen können, dass die Natur sich für den Frühling bereit machte. Hier dagegen hatte der Winter das kleine Eiland noch fest im Griff. Es lag Schnee, und die Priele schliefen unter einer Eisschicht.

 

Nachdem sie sich verabschiedet hatte, stapfte Lea von der Kirchwarft zu dem Weg, der zur Hanswarft führte, dem Herzen Hooges. Hafenmeister Thorben, der sie mit ihrem Gepäck am Anleger abgeholt und ihr gleich gesagt hatte, dass man sich unter Hallig-Leuten duze, hatte ihr den Tipp gegeben, dass »der Seehund« von achtzehn bis zwanzig Uhr geöffnet habe.

»Oder hast du Proviant für den ersten Abend mit? Sonst musst du nämlich bis morgen früh warten. Dann macht der Hallig-Kaufmann auf.«

Sie hatte angenommen, er wolle sie auf den Arm nehmen, doch seine Miene deutete eigentlich nicht auf einen Spaß hin. Darum hatte sie ihn ungläubig gefragt, ob tatsächlich nur ein einziges Restaurant geöffnet habe, und dann auch nur für zwei Stunden.

»So isses«, kam es wie aus der Pistole geschossen zurück. »Mehr lohnt sich noch nicht.«

Es war jetzt kurz nach sechs, und Lea war müde und hungrig. Sie zog ihre Kapuze fest zu. Der Wind kam direkt von vorn, blies ihr kleine Nadeln – es hatte zu regnen begonnen – in die Augen und das Gesicht und zerrte an ihrem Mantel. Nein, so kalt hatte sie es sich nicht vorgestellt. Es war ihr erster Tag, und schon zweifelte sie mit jedem Schritt, den sie sich mühsam gegen den Sturm vorwärts kämpfte, ob es eine gute Idee gewesen war, hierherzukommen. Vor zwei Jahren hatte sie eine Reportage im Fernsehen gesehen, in der ein Projekt vorgestellt wurde, das sich Hand gegen Koje nannte. Vier Stunden täglich ehrenamtliche Mitarbeit auf der Hallig gegen eine freie Koje, eine kostenlose Unterkunft also. Auf Segelschiffen waren derartige Handel üblich. Man packt mit an, wird Teil einer Crew und erhält dafür einen Schlafplatz. Lea fand den Bericht damals interessant. Sie liebte das Meer und ganz besonders die Nordsee. Warum also nicht ein bisschen arbeiten, die Einheimischen kennenlernen und günstig Urlaub machen? Sie hatte überlegt, ob sie sich bewerben sollte, aber irgendwie war ihr der Alltag dazwischengekommen. Als Kunsthistorikerin hatte sie das Glück, mit zwei Verlagen eng zusammenzuarbeiten, die bei ihr einzelne Kapitel oder auch ganze Bücher zu den unterschiedlichsten Themen in Auftrag gaben. Sie hatte viel zu viel zu tun gehabt und ihren Urlaub immer wieder verschoben. Hand gegen Koje hatte sie irgendwann vergessen.

Erst als sie vor sechs Monaten die vierwöchige Reha hinter sich hatte und man ihr sagte, sie solle sich noch eine gute Weile schonen, stolperte sie erneut über die Hallig und die Möglichkeit eines günstigen Aufenthaltes. Sie hatte den Artikel eines Bremer Wissenschaftlers gelesen, der das bis dato angenommene Alter einer Jesus-Figur anzweifelte, die auf Hooge vor vielen Jahren angespült worden war. Sofort kam ihr der Fernsehbericht wieder in den Sinn. Und plötzlich war da die Idee, die Herkunft des Kreuzes vor Ort zu erforschen. Besonders anstrengend würde das schon nicht sein, hatte sie sich gesagt. Als sie jetzt kaum Luft bekam, weil ihr der Sturm so heftig entgegenblies, als wolle er sie vertreiben, war sie dessen nicht mehr sicher. Damals hatte sie angenommen, das Reizklima würde ihr guttun. Sie hatte geglaubt, sie könne kurzfristig reisen und herrliche Sommerwochen auf der Hallig verbringen. Doch da hatte sie sich gründlich getäuscht. Erst Anfang März sei ein Platz frei, hatte man ihr erklärt. Nun gut, Nordsee im Winter klang auch nicht übel. Irgendwie hörte es sich für Lea nach totaler Entspannung an. Die freundliche Mitarbeiterin des Gemeindebüros hatte ihr die Rahmenbedingungen erklärt. Nein, ihre Nachforschungen könnten nicht als ehrenamtliche Mitarbeit gewertet werden, sie müsse schon auch Bürotätigkeiten übernehmen. Das wäre im März aber noch nicht so wahnsinnig viel, so dass ihr sicher auch während des Dienstes noch Zeit für ihre Recherchen bliebe. Den Rest müsse sie dann eben am Nachmittag erledigen. Es sei auch gar nicht schlecht, wenn sie etwas zu tun hätte.

»Hooge im Winter ist nichts für Anfänger. Das kann ganz schön einsam sein«, hatte die Dame sie gewarnt.

 

Endlich erreichte Lea Hanswarft. Ihr Daunenmantel war nass, beim Erklimmen des kleinen Weges, der hinauf zum Uns Hallig Hus führte, in dem das Gemeinde- und Tourismusbüro untergebracht war, rutschte sie auf den eisglatten Steinen aus und konnte sich nur mit Mühe abfangen. Großartig, der fiese Nieselregen fror offenbar augenblicklich am Boden fest. Sie setzte behutsam einen Fuß vor den anderen, kam nur langsam voran. Dann erreichte sie die Warftmitte. Hier gab es zauberhafte kleine Häuser mit Reetdächern, auf denen winzige Eiskristalle glitzerten. Sie betrat das Gasthaus Zum Seehund und fand sich in einer großzügigen Diele wieder. Bloß raus aus dem nassen Mantel, ging es ihr durch den Kopf. Sie fröstelte. Es würde sie nicht wundern, wenn sie morgen einen Schnupfen hätte.

Der Gastraum strahlte Gemütlichkeit aus. Sie fühlte sich mit einem Schlag behaglich und irgendwie zu Hause. Wahrscheinlich lag das an der blau-weißen Einrichtung, die sie an die Küche ihrer Oma erinnerte, in der sie als Kind die schönsten Stunden verbracht hatte. Bis zu den Fenstern reichte eine blaue Holzvertäfelung, darüber waren die Wände gefliest. Waren das Delfter Kacheln?, fragte sie sich. Sie wählte einen kleinen Tisch in der Ecke gegenüber der Eingangstür. In der von ihr am weitesten entfernten Ecke saß ein Mann ebenfalls alleine. Er hatte kurz aufgesehen, als sie eingetreten war, und sich dann wieder in die Lektüre seines Buches vertieft.

»Moin!« Die Wirtin, eine zierliche Person mit schwarzem Haar und sehr wachen Augen, kam hinter dem Tresen hervor und brachte ihr die Speisekarte.

»Guten Abend.«

»Darf es schon etwas zu trinken sein?«, fragte sie, während sie Lea eine Kerze anzündete.

»Ich könnte etwas gebrauchen, das mich auftaut. Vielleicht einen Glühwein oder so etwas.«

»Tut mir leid, den haben wir nicht. Ich kann Ihnen einen Grog anbieten oder Pharisäer oder vielleicht eine Tote Tante.«

»Eine was?« Lea zog die Augenbrauen hoch.

»Heißer Kakao mit Rum und Sahne. Der taut Sie garantiert auf. Ist eine Spezialität hier auf der Hallig«, erklärte sie freundlich.

»Hört sich gut an. Dann nehme ich mal eine Tote Tante.«

Die Wirtin verschwand hinter dem Tresen und bereitete Leas Kakao mit Schuss zu. Die vergrub ihre Nase derweil in die Speisekarte. Verstohlen blickte sie auf ihre Uhr. Schon kurz nach halb sieben. Sollte es an diesem Abend bei zwei Gästen bleiben, hatte Hafenmeister Thorben zweifellos recht. Dann lohnten sich der Betrieb weiterer Restaurants oder längere Öffnungszeiten kaum.

Eine Tote Tante und ein Friesen-Spezi später, Kartoffelpuffer mit einem Berg Krabben und hausgemachter Knoblauchsoße, überfiel sie eine bleierne Müdigkeit. Kein Wunder, sie war im Morgengrauen aufgestanden und hatte den ganzen Tag in überheizten Zügen gehockt. Auf Hooge angekommen, hatte Thorben sie in ihre Wohnung auf Ockenswarft gebracht und ihr während der nur wenige Minuten dauernden Fahrt erklärt, er würde sie direkt zum Pastor bringen, der nämlich für ein paar Tage auf den Kontinent müsse und sie wenigstens vorher einmal begrüßen wolle. Also hatte er ihr Gepäck ausgeladen, ihr das kleine Wohn- und noch kleinere Schlafzimmer, Küche und Bad gezeigt und sie anschließend zur Kirchwarft gefahren.

»Hat’s Ihnen geschmeckt?« Die Wirtin räumte den Teller weg.

»Sehr gut! Ich bin übrigens Lea«, verkündete sie spontan und streckte der Frau die Hand hin. »Ich mache hier zwei Wochen Hand gegen Koje und will versuchen, etwas über das geheimnisvolle Kruzifix herauszubekommen, das in der Kirche hängt.«

»Ach, Sie sind die Kunsthistorikerin. Das ist ja schön.« Die Wirtin schüttelte Leas Hand, stellte sich ebenfalls vor und sagte: »Der Pastor hat sich so gefreut, dass Sie kommen. Es wäre toll, wenn Sie das Rätsel von dem angeschwemmten Christus lösen könnten.«

»Hoffentlich freut er sich auch noch, wenn ich herausfinden sollte, dass der gar nicht so alt und mysteriös ist, wie alle denken.«

»Klar! Ist doch egal, woher er kommt. Die Hauptsache, er hängt jetzt an Ort und Stelle. Und es wäre halt schön, seine Geschichte zu kennen.« Sie zuckte mit den Schultern. Dann blickte sie kurz zu dem anderen Gast hinüber und fragte: »Haben Sie Christoph eigentlich schon kennengelernt?«

Lea schüttelte den Kopf. »Ich bin ja heute erst angekommen und war bisher nur in der Kirche.«

»Da ist er auch meistens anzutreffen. Moment mal.« Ehe Lea sich’s versah, rief die Wirtin den Fremden heran. »Christoph, hast du ein paar Minuten? Das hier ist Lea. Du weißt schon, die Kunsthistorikerin, die das Kreuz untersuchen will.«

Jeder schien hier schon vor ihrer Ankunft zu wissen, wer sie war und was sie hier wollte, dachte sie. Nun ja, Geheimnisse gab es auf einem Eiland, das gerade mal hundertundsieben Menschen ihr Zuhause nannten, wahrscheinlich nicht.

»Moin!«, tönte es aus der hinteren Ecke des Lokals zu ihr herüber. »Willkommen auf Hooge. Nett, Sie kennenzulernen. Aber ich will nicht stören, vielleicht wollen Sie lieber erst mal allein sein. Wann sind Sie denn angekommen?«

»Heute Mittag. Mit der Fähre von Schlüttsiel.«

»Wie auch sonst?« Er lachte freundlich.

Die Wirtin stellte zwei Schnapsgläser auf Leas Tisch. »Ich stelle dir deinen Köm hier hin«, sagte sie mit einem Blick auf den Mann, der Christoph hieß. »Dann könnt ihr zur Begrüßung anstoßen, anstatt durch den ganzen Saal zu brüllen.« Und an Lea gewandt, erklärte sie: »Kleiner Verdauer. Der geht aufs Haus.«

Der Mann erhob sich, schnappte sein Buch, nahm seine Brille ab, die er in einem Futteral verstaute und dann in der Brusttasche seines Hemdes verschwinden ließ. »Darf ich?«, rief er ihr zu.

»Gern.«

»Christoph Witt«, stellte er sich vor und reichte ihr die Hand. Er hatte dunkelblondes kurzes Haar, das sich ein wenig wellte. »Am liebsten nur Christoph. Auf der Hallig duzen sich sowieso alle.«

»Das habe ich heute schon mal gehört. Also dann einfach nur Lea.« Er hatte einen angenehm kräftigen Händedruck.

»Du hast also in der Kirche zu tun?«, fragte sie neugierig.

»Ja, ich kümmere mich um die Orgel«, erklärte er, während er sich setzte. »Sie hat nach all den Jahren einen etwas schrägen Ton am Leib.« Er beugte sich vertraulich zu ihr über den Tisch. »Das hat sie mit einigen der Bewohner hier übrigens gemeinsam, wenn du mich fragst.« Um seine Augen bildeten sich kleine Netze aus Lachfältchen.

»Also bis jetzt waren alle ganz nett zu mir. Da habe ich wohl noch Glück gehabt, was?«

»Nein, nein, versteh mich nicht falsch. Die Hallig-Lüüd sind in Ordnung. Mehr als das. Sie sind einfach toll. Aber eben eigen. Das wirst du schnell merken. Ist aber kein Grund zur Sorge.« Er ergriff das kleine Glas. »Prost!«

 

Die Tür zur Gaststube ging auf, und ein Mann kam herein. Seine Bewegungen muteten ein wenig wie in Zeitlupe an. Gemächlich schloss er die Tür hinter sich. »Moin«, murmelte er gedehnt, ohne sich umzusehen und wahrzunehmen, ob überhaupt Gäste da waren. Nach einer Weile hatte er den Tresen erreicht.

»Moin, Alara, ist Knut da?«

»Nee, der ist doch auf dem Festland.«

»Mist, das hab ich total vergessen. So’n Schiet! Na denn tschüss.« In aller Ruhe drehte er sich um und verließ das Restaurant.

Lea sah ihm fasziniert nach. Der hatte ja wirklich die Ruhe weg.

»Das war der Bürgermeister«, erklärte Christoph und schmunzelte. »Falls du jemals etwas mit ihm zu besprechen hast, plane dafür unbedingt ganz viel Zeit ein. Er geht es gerne gemütlich an. Ohne eine Tasse Tee kommst du auf keinen Fall davon.«

»Ist das so?« Sie schüttelte den Kopf. »Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir das auf einer Hallig genau so vorgestellt, alles schön ruhig und gemächlich. Wie sollte wohl einer Bürgermeister werden, wenn er nicht zu diesem Rhythmus passt?«

»Einerseits schon. Andererseits sind die Leute hier Widrigkeiten ausgesetzt, von denen auf dem Kontinent keiner auch nur eine Ahnung hat.«

»Kontinent?« Sie erinnerte sich, dass Thorben das Wort auch schon benutzt hatte.

»Das sagt man hier, wenn man das Festland meint.« Er grinste. »Ja, hier ist alles anders. Aber das lernst du schnell.« Er nahm den Faden wieder auf: »Jedenfalls gibt es auf einer Hallig Probleme, die du sonst nirgends hast. Da ist es mit Abwarten und Tee-Trinken längst nicht getan. Der Bürgermeister wirkt zwar ein wenig langsam, im Grunde ist er aber ganz schön auf Zack, hat ständig neue Ideen und weiß auch, wie er die umsetzen kann. Und das ist gut so, das braucht die Hallig.«

Alara trat an den Tisch. »So, es wird Zeit. Ich muss euch leider rausschmeißen.«

»Kein Problem«, sagte Lea, »ich bin sowieso todmüde.« Sie zückte ihr Portemonnaie.

»Sehen wir uns morgen früh in der Kirche?«, wollte Christoph wissen, während er einen Schein auf den Tisch legte.

»Nein, ich muss erst im Gemeindebüro antreten. Wenn ich das richtig verstanden habe, werde ich vormittags immer dort sein und kann mich dann in meiner Freizeit um das geheimnisvolle Strandgut kümmern.«

»Verstehe. Na ja, früher oder später läuft man sich sowieso wieder über den Weg.«

»Das glaube ich gern.«

Vor dem Restaurant trennten sich ihre Wege. Christoph schlug die Richtung ein, aus der Lea gekommen war. Sie machte sich auf Richtung Landsende. Wie gut, dass man ihr gesagt hatte, sie müsse sich unbedingt eine Taschenlampe mitnehmen. Je weiter sie sich von dem spärlichen Schein einiger Wohnzimmerlampen auf der Warft entfernte, desto mehr schloss sie eine Nachtschwärze ein, wie sie sie noch nicht erlebt hatte. Straßenlaternen gab es nicht. Von beleuchteten Schaufenstern oder Leuchtreklame ganz zu schweigen. Eine solche gründliche Dunkelheit war in Dortmund schlicht undenkbar. Das galt auch für diese Stille! Nur ihre eigenen Schritte waren zu hören und das Keuchen ihres Atems. Sie blieb stehen. Nichts. Das heißt, da war nichts Künstliches, nichts von Menschen Gemachtes. Nur die Natur kleckste ein paar Geräusche in die Nacht. Sie schaltete ihre Taschenlampe aus. Der Sturm hatte abgenommen, und es hatte aufgehört zu regnen. Trotzdem rauschte und pfiff der Wind noch immer leise und bildete einen dünnen Klangteppich, einen dauerhaften Hintergrund für die Tonakzente der Vögel. Ja, tatsächlich, jetzt wurde ihr bewusst, dass Vögel kreischten und piepsten. Und das nach Sonnenuntergang! Sie legte ihren Kopf in den Nacken. Die Kälte biss und zupfte an ihren Wangen, die Stirn schmerzte. Allmählich gewöhnten sich ihre Augen an die Finsternis. Und da entdeckte sie, dass sich über ihr ein Sternenhimmel spannte, der endlos zu sein schien.

»Gott, ist das schön!«, flüsterte sie fasziniert. Da war nichts, was sich dem Blick in den Weg stellte, kein hohes Gebäude, kein Strommast, kein Verkehrsschild. Nicht einmal ein Baum. Da war einfach nur Weite, die sich gleichzeitig anfühlte, als läge der Himmel wie eine Käseglocke über der Hallig, als könne man ihn berühren, wenn man nur zum Sommerdeich gehen und die Hand ausstrecken würde.

Lea machte einige vorsichtige Schritte durch die Dunkelheit. Es war herrlich. Ein Frieden ergriff sie, wie sie ihn lange nicht gespürt hatte, wenn überhaupt jemals. Erst bei Ockenswarft angekommen, schaltete sie ihre kleine Lampe wieder an, um den Pfad zu ihrer Wohnung zu finden.

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