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Himmel über Ostpreußen

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. 1848
  7. April 1849
  8. August 1849
  9. Dezember 1849
  10. Februar 1850
  11. Januar 1851
  12. Sommer 1857
  13. 1861
  14. Frühjahr 1866
  15. 1868
  16. 1869
  17. Sommer 1873
  18. Nachwort

Über die Autorin

Maja Schulze-Lackner wurde in Berlin geboren. Neben ihrer Tätigkeit als Designerin unter dem Label Maja of Munich und als Geschäftsfrau schrieb sie für die Bunte, Die Welt und Elle. In Ihrem ersten Buch Und Wunder gibt es doch erzählt sie

die Geschichte ihrer Familie. Fortgesetzt wird diese in Wilde Rosen, weites Land und Solange es Träume gibt. Nach dem großen Erfolg ihrer ersten drei Bücher schildert sie nun erneut bewegte Zeiten in Ostpreußen. Maja Schulze-Lackner lebt mit ihrem Mann in München.

Mehr über die Autorin auf www.schulze-lackner.de

1848

Vignette.tif

Sehr früh war in diesem Jahr der Winter über Ostpreußen hereingebrochen. Innerhalb von ein paar Stunden war das Thermometer um 10 Grad gefallen. Obwohl erst Anfang November, versank das Land bereits im Schnee, und der eisige Ostwind trug dazu bei, dass kaum jemand Lust verspürte, die schützenden Mauern des Schlosses zu verlassen. Die Tag und Nacht von den Dienern befeuerten Kamine hatten Mühe, die hohen, weiten Räume ausreichend zu heizen. Es würde noch eine Weile dauern, bis sich die dicken Mauern erwärmt hatten und man sich im ganzen Schloss bewegen konnte, ohne ständig zu frieren. Die behaglichsten Zimmer waren die nicht allzu große Bibliothek, der Lieblingsraum des Schlossherrn, Horst Graf von Wallerstein, und der grüne Salon, ein mit Biedermeiermöbeln aus hellem Kirschholz eingerichteter Raum. Auf pastellfarbenen Smyrner-Teppichen standen mehrere Sitzgruppen, zierliche Stühle und Sessel, die mit beige-hellgrün gestreifter Seide bezogen waren. Vor dem großen Kamin gruppierten sich Sofas und Sessel und überall Tischchen mit Nippes, Silberschalen und üppigen Blumenarrangements aus dem schlosseigenen Treibhaus. Die hohen, von resedafarbenen Ripsportieren eingerahmten Fenster boten freien Blick auf den herrlichen, tief verschneiten Park. An den mit hellgrüner Seide bespannten Wänden hingen in Pastell gemalte Landschaftsbilder in ovalen Goldrahmen.

Kurt, der Diener, war gerade dabei, den Teetisch vor dem Kamin zu decken, als Aglaia, die einzige Tochter der Wallersteins, mit ihrer Cousine Tanya von Ahlfeld in das Zimmer stürmte. Beide Mädchen hatten leuchtend rote Backen. »Puh, ist das kalt«, sagte Tanya und hielt ihre klammen Hände über das prasselnde Feuer. »Kaum bin ich angekommen, zerrst du mich schon hinaus in die eisige Kälte. Morgen setze ich keinen Fuß vor die Tür.«

»Ach, stell dich nicht so an«, sagte Aglaia lachend. »Ein bisschen frische Luft hat noch keinem geschadet.« An den Diener gewandt fügte sie hinzu: »Wo ist meine Mutter, schläft sie noch?« Sie zählte die Tassen auf dem Teetisch. »Warum deckst du für fünf, bekommen wir Besuch?«

»Ja, die Frau Gräfin erwartet die Frau Kommerzienrat Heller und die Baronin von Welsen.«

»O Gott!« Die beiden jungen Mädchen rollten die Augen. »Bitte, Kurt, servier uns den Tee in der Bibliothek«, bat Aglaia. »Papa kommt ja erst morgen aus Berlin zurück.«

»Is jut, mach ich«, sagte Kurt schmunzelnd »werd man noch tüchtich einheizen drüben, is ja bastich kalt heute.«

Aglaia senkte ihre Stimme zu einem Flüstern. »Weißt du was, Cousinchen? Wir werden den beiden alten Schabracken höflich guten Tag sagen und uns dann nach drüben verdrücken.«

»Tante Wilhelmine wird das aber gar nicht recht sein«, sagte Tanya zweifelnd. »Du weißt doch, wie viel Wert sie darauf legt, dass wir mit ihren Freundinnen gepflegte Konversation machen. Hast du etwa Mademoiselle Claude vergessen?«

»O Gott, nein, wie könnte ich! Wenn ich an die denke, packt mich immer noch das kalte Grausen.« Ihre Mutter hatte eines Tages die Idee gehabt, zusätzlich zum Privatlehrer eine Gouvernante einzustellen. »Die Mädchen müssen anständige Manieren lernen«, hatte sie ihrem Mann mitgeteilt. »Aglaia treibt sich ja nur noch im Stall herum oder reitet stundenlang über die Felder. Mich umweht hier von morgens bis abends dieser scheußliche Stallgeruch. Und Tanya vergräbt sich mit ihren Büchern in ihrem Zimmer.«

»Und was ist daran auszusetzen?«, hatte der Graf gefragt. »Sie sind doch noch Kinder.«

»Daran auszusetzen ist, dass sie einfach kein Benehmen haben. Wenn Gäste da sind, verdrücken sie sich, anstatt sich gesittet an der Unterhaltung zu beteiligen.«

»Wahrscheinlich langweilen sie sich«, lachte der Graf, »und ehrlich gesagt, bei einigen deiner Freundinnen kann ich das auch verstehen.«

Allen Einwänden zum Trotz wurde eine Gouvernante eingestellt. Ein ältliches, vertrocknetes Fräulein ohne jeglichen Humor, ein Musterbeispiel ihres Berufsstandes sozusagen. Sie war immer in Schwarz gekleidet, nur ein täglich frisches weißes Spitzenkrägelchen hellte die Trostlosigkeit ein wenig auf. Auf dem schütteren, zu einem Knoten gezurrten Haar, saß eine kleine Haube und auf der spitzen Nase ein Zwicker. Sie aß mit bei Tisch und gab den Mädchen ständig Anweisungen wie: »Aglaia, halt dich bitte gerade.« – »Man isst die Suppe etwas zierlicher, Tanya, man sollte den Löffel nicht hören.« – »Meine Güte Aglaia, wie kann man die Kartoffeln nur so unfein zerdrücken?« – »Eine vollendete Dame wischt sich den Mund nicht ab wie ein Kutscher, Tanya. Sie tupft sich nur zart die Mundwinkel mit der Serviette.« So ging es in einem fort. Vor allem ihre Ordnungsliebe brachte die Mädchen oft zur Verzweiflung. »Man lässt keine Bücher aufgeschlagen herumliegen, Tanya.« – »Aglaia, die Reitgerte gehörte in den Stall. Würdet ihr euch bitte langsam Ordnung angewöhnen.«

Die herrlichen freien Nachmittage waren jetzt vollgestopft mit Unterricht im Sticken und Klavierspiel. Eines Tages meinte sie: »Heute werden wir Übungen zur Konversation machen. Eine gepflegte Unterhaltung ist lebensnotwendig für eine junge Dame.« Mademoiselle Claude hatte sich da etwas ausgedacht, auf das sie ganz besonders stolz war, das ihr allerdings zum Verhängnis werden sollte. Im großen Salon wurden auf verschiedenen Sesseln Puppen platziert, die Schilder um den Hals trugen mit Namen aus dem Bekanntenkreis der Wallersteins. »Ihr kennt diese Herrschaften ja alle«, begann sie streng. »Nun versucht einmal, euch mit ihnen zu unterhalten.«

Die Mädchen saßen sprachlos da. Dann begannen sie zu kichern. Das war ja wohl der Gipfel der Blödheit!

»Nun, dann fangen wir mal mit der Kommerzienrätin Heller an. Aglaia, möchtest du beginnen?« Die Augen der Gouvernante funkelten böse, und ihr schmaler Mund war zu einem Strich zusammengepresst. Aglaia saß trotzig da, die Arme über der Brust verschränkt. »Mit der doofen Heller will ich nicht reden. Die strickt ja immer nur.«

»Und du, Tanya? Wie ist es mit dir?«

Tanya überlegte fieberhaft, was sie die Kommerzienrätin fragen könnte, dann sagte sie leise: »Was wird das denn da, Frau Heller, vielleicht ein Schal?«

Aglaia prustete los. »Das ist doch wirklich zu blöd«, rief sie, »nein, so was Dummes.« Sie konnte sich gar nicht beruhigen. Vor Zorn bebend holte die Gouvernante ein Stöckchen aus ihrer Tasche und gab Aglaia damit einen Schlag auf die Hand. Die schrie laut »Aua!« und sah die Gouvernante entsetzt an. Noch nie hatte sie jemand geschlagen. Dann brach sie in Tränen aus. In dem Moment betrat der Graf den Salon.

»Was um Gottes willen machen Sie denn da, sind Sie von allen guten Geistern verlassen?« Auf seiner Stirn schwoll eine dicke Ader, ein sicheres Zeichen außergewöhnlichen Zorns.

»Ich versuche den beiden jungen Damen im Auftrag ihrer Gattin Manieren beizubringen«, antwortete sie spitz.

»So, hat meine Frau Ihnen auch aufgetragen, sie zu schlagen?« Er bebte vor Wut.

»Nun, nicht so direkt …«

»Sie verlassen auf der Stelle das Schloss«, befahl er, jetzt wieder ganz beherrscht. »Man wird Ihnen in der Verwaltung Ihr Gehalt bis Monatsende auszahlen.« Das war das jähe Ende der Ära Mademoiselle Claudes.

Zu Aglaias und Tanyas Erleichterung wurde keine neue Gouvernante angestellt. Stattdessen mussten sie, als sie alt genug waren, die Schule für Höhere Töchter der Leonie von Quasten besuchen – darauf hatte Aglaias Mutter Wilhelmine bestanden.

»Ach Tanyachen, mach dir man um Mama keine Gedanken«, sagte Aglaia jetzt. »Ich werde sie bitten, uns zu entschuldigen. Schließlich bist du ja gerade erst aus Königsberg zurückgekommen.« Aglaia brannte darauf, den neuesten Klatsch aus der Großstadt zu erfahren. Sie war gerade achtzehn geworden, nicht ganz zwei Jahre älter als ihre Cousine und hatte ihre Ausbildung dort bereits vor einiger Zeit beendet.

»Danke, Kurt.« Aglaia lächelte den Diener dankbar an, als er den Salon verließ, um in der Bibliothek einzuheizen. Im Hinausgehen hielt er die Tür auf für Wilhelmine von Wallerstein. »Ah, da bist du ja wieder, Tanya«, begrüßte sie ihre Nichte kühl.

»Ja, Tante Wilhelmine«, sagte Tanya und küsste mit einem tiefen Knicks die Hand ihrer Tante. »Ich bin froh, wieder zuhause zu sein.«

»Nun, ich erwarte, dass Fräulein von Quasten dir anständige Manieren beigebracht hat. Wie ist dein Zeugnis? Ich hoffe …«

»Aber Mamachen!«, fiel ihr Aglaia ins Wort. »Du weißt doch, Tanya ist viel klüger und viel braver als ich. Ihr Zeugnis ist hervorragend.«

»Du sollst so etwas doch nicht sagen.« Flehend sah Tanya ihre Cousine an. Sie wusste, ihre Tante schätzte es gar nicht, wenn sie irgendetwas besser konnte als Aglaia.

»Nun zeig es doch Mama, Tanya.«

Zögernd reichte Tanya Wilhelmine das weiße, mit goldener Schrift beschriebene Büttenpapier. Achtlos legte die es auf den Teetisch. »Ich werde es mir später ansehen. Ach, ich höre schon die Stimme der Baronin – nehmt ihr den Tee mit uns?«

»Nein, Mamachen«, sagte Aglaia schnell. »Ich habe Tanya so lange nicht gesehen. Wir gehen rüber in die Bibliothek. Du bist doch nicht böse?«

Die Baronin betrat von der Frau Kommerzienrat gefolgt den kleinen Salon. Beide wurden von Wilhelmine überschwänglich begrüßt. Die beiden Mädchen küssten den Damen die Hand, und nach ein paar belanglosen Worten verschwanden sie nach nebenan.

Aglaia und Tanya konnten unterschiedlicher nicht sein. Aglaia war groß, mit breiten, geraden Schultern, einem üppigen Busen und einer schlanken Taille. Das bildschöne Gesicht wurde von großen dunklen Augen mit dichten langen Wimpern beherrscht. Die braunen Locken waren mit Schildpattkämmchen achtlos nach oben gesteckt, und ihre vollen roten Lippen entblößten beim Lachen eine Reihe makelloser, perlweißer Zähne. Sie hatte eine gesunde Gesichtsfarbe, die sie wohl ihrem steten Verlangen nach frischer Luft verdankte. Wann immer das Wetter es erlaubte, ritt sie stundenlang über die Felder, und auch jetzt trieb sie sich so oft sie konnte im Stall herum, striegelte ihre Lieblingsstute Hortensie und verwöhnte sie mit Möhren oder Zucker.

Tanya dagegen war genau das Gegenteil. Klein und zart, glich sie einer Madonna. Die tizianroten Haare waren in der Mitte gescheitelt und hinten zu einem dicken Zopf geflochten, sodass sie die zierlichen Ohren fast verdeckten. Ihre Haut war alabasterfarben, und die grüngrau gesprenkelten Augen blickten meist melancholisch. Doch auch die entzückende kleine Nase und der herzförmige zartrosa Mund, ihre ganze Anmut und Lieblichkeit, konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass das junge Mädchen nicht glücklich war. Nur hin und wieder begleitete sie Aglaia bei ihren Ausritten. Sie fürchtete sich ein wenig vor den großen Tieren, die ihr unheimlich waren. Lieber las sie Bücher, die Bibliothek ihres Onkels war ja unerschöpflich. Oder sie schrieb heimlich Gedichte, die sie aber nicht einmal Aglaia zeigte.

Die beiden jungen Mädchen verband ein Geheimnis. Schon als kleines Kind war Aglaia äußerst neugierig gewesen. Ihr war aufgefallen, dass der oberste Stock des Schlosses nie benutzt wurde, selbst wenn das Haus voller Gäste war. »Was ist da, Papachen?«, fragte sie eines Tages ihren Vater. »Da oben ist es immer so still?«

»Dort hat mein Onkel Archibald, der Bruder deines Großvaters, gelebt«, antwortete er. »Er hat jeden Abend mit seinem Teleskop die Sterne beobachtet. Der Himmel über Ostpreußen war das Einzige, was ihn am Ende noch interessierte. Wir haben alles so gelassen, wie es nach seinem Ableben war. Aber gut, dass du mich daran erinnerst. Gelegentlich möchte ich die Räume ausleeren lassen.«

Aglaias Neugierde war geweckt. Ein paar Tage später hatten sich die Mädchen die Erlaubnis erbeten, im selben Zimmer zu schlafen. Es war eine sternenklare Nacht, und irgendwann rief Aglaia leise: »Tanya, schläfst du schon?«

»Nein, noch nicht so ganz«, flüsterte diese. »Was ist, kannst du nicht schlafen?«

»Steh auf, wir wollen heute auch mal die Sterne beobachten wie Großonkel Archibald!«

Tanya rieb sich schlaftrunken die Augen. »Das dürfen wir bestimmt nicht. Wenn Tante Wilhelmine …«

»Ach, du weißt doch, Mama geht immer früh zu Bett. Niemand wird uns hören.« Leise öffnete Aglaia die Tür. Kein Laut war zu vernehmen. »Nun komm!« Sie nahm Tanya fest bei der Hand. »Hab keine Angst. Ich bin ja bei dir.« Barfuß stiegen sie vorsichtig die Treppe hinauf. Wenn eine Stufe knarzte, blieben sie mit klopfendem Herzen stehen. Aber niemand schien sie zu hören, und so gingen sie leise weiter. Die oberen Türen waren unverschlossen. Fahles Mondlicht beschien die mit großen weißen Tüchern verhüllten Möbel. Es roch modrig und verstaubt, und Spinnen hatten riesige Netze gespannt.

»Das ist fürchterlich gruselig.« Tanya zitterte am ganzen Leib. »Sieh nur die Bilder an den Wänden. Die Augen verfolgen uns mit ihren Blicken.«

»Ach Unsinn«, sagte Aglaia forsch, obwohl ihr das alles auch nicht ganz geheuer war, »das sind bloß unsere Ahnen, die sind schon ewig lange tot. Na ja, manchmal sollen sie im Schloss spuken, sagt Kurt.«

Tanya erstarrte. »Ich will hier sofort weg. Ich will wieder in mein Bett!« Sie schlotterte vor Angst.

»Nun stell dich nicht so an.« Aglaia sprach nun in normaler Lautstärke. »Ich glaube nicht an Gespenster. Und sieh mal, dahinten, das muss das Fernrohr von Großonkel Archibald sein.« Sie zog ihre zitternde Cousine mit sich, und tatsächlich, da stand es, das Wunderding, leicht verstaubt, aber noch völlig intakt.

In dieser Nacht eröffnete sich den beiden Mädchen eine neue Welt. Sooft sie konnten, schlichen sie nach oben und betrachteten staunend den Himmel. War einmal für längere Zeit schlechtes Wetter, fieberten sie der Nacht entgegen, wenn es endlich wieder klar und ihre Sterne wieder zu sehen waren. Sie hatten gehört, dass sie alle Namen hatten, aber aus Angst, entdeckt zu werden, wagten sie niemanden danach zu fragen.

Eines Abends, sie saßen dicht beieinander und blickten hinauf in das geheimnisvolle Weltall, sagte Aglaia: »Ich glaube, Tanya, es gibt nichts Schöneres auf der Welt als den Himmel über Ostpreußen.«

Tanya nickte schweigend. Drei der unzähligen Himmelskörper erschienen ihnen besonders strahlend. »Onkel Horst hat einmal gesagt, als ich wieder mal so furchtbar traurig war, meine Mama wäre jetzt ein Engel und wohnte auf einem der Sterne. Sieh mal, Aglaia, der da, ganz links, siehst du ihn? Ich glaube, da sitzt meine Mama und schaut auf mich herunter.« Ganz glücklich sah sie in diesem Moment aus. »Ich werde den Stern Ingewild nennen. So hieß nämlich meine Mama.«

»Ich habe eine Idee, Tanya«, sagte nun Aglaia aufgeregt. »Wir suchen uns jetzt jede einen Stern aus, dem wir unseren Namen geben. Und wenn wir mal voneinander getrennt sein sollten …«

Verschreckt klammerte Tanya sich an ihre geliebte Cousine. »Aber du gehst doch nicht weg von mir? Versprich mir das, bitte!«

»Natürlich nicht, du Dummchen«, gab Aglaia altklug zurück, »aber es kann ja mal sein, wenn wir groß sind, und auch nur für kurze Zeit … Also dann gucken wir immer am Abend um zehn Uhr in den Himmel zu unseren Sternen und denken aneinander. Wollen wir uns das versprechen?«

Tanya nickte ernst. »Ganz fest will ich dir das versprechen.«

»Danke, Kurt.« Aglaia hob die Hand, als der Diener ihnen den Tee einschenken wollte. »Wir brauchen dich nicht mehr. Ich mache das selbst.« Sie konnte es kaum erwarten, endlich mit ihrer geliebten Cousine allein zu sein. »Nun erzähl doch«, fragte sie aufgeregt, »was gibt es Neues?« Es klopfte, und Kurt betrat mit Feuerholz erneut den Raum. Während er sich am Kamin zu schaffen machte, kuschelte sich Tanya in den tiefen russischgrün bezogenen Ledersessel. Sie liebte diesen Raum mit seinen unzähligen Büchern, Erstausgaben so vieler berühmter Dichter und Schriftsteller, den dicken Teppichen und dem großen, mit rotem Safranleder bezogenen Schreibtisch. Dort hatte ihr geliebter Onkel Horst sie oft getröstet, wenn Tante Wilhelmine mal wieder streng und ungerecht mit ihr gewesen war. Als sie ganz klein war, hatte sie sich in ihrem Kummer manchmal in dem Mahagonigehäuse der großen Standuhr versteckt und war nur durch gutes Zureden ihres Onkels dazu zu bewegen gewesen, dieses wieder zu verlassen. Immer hatte er ein liebes Wort für sie. Oft, wenn er sie irgendwo leise weinend fand, hörte sie ihn danach mit seiner Frau schelten. Einmal hatte Tanya gelauscht.

»Was hast du nur gegen das arme Kind. Sie kann doch nun wirklich nichts dafür«, hatte sie ihren Onkel sagen hören.

»Man muss streng mit ihr sein! Manche Dinge vererben sich, dem muss Vorschub geleistet werden«, war die Antwort ihrer Tante gewesen. Tanya hatte keine Ahnung, an was sie schuld sein sollte. Auch was sie geerbt haben könnte, war ihr schleierhaft, und irgendwann vergaß sie das Gespräch. Aber was sie nicht vergessen konnte, war, dass ihre Tante sie hasste.

Aglaias Stimme riss sie aus ihren Gedanken. »Was ist Tanya? Nun erzähl schon.« Aglaia reichte ihr eine Tasse heißen Tee. »Kurt ist weg. Also, hat dir Egbert einen Antrag gemacht?« Sie blickte ihre Cousine gespannt an. Die Tasse in Tanyas Hand begann heftig zu zittern, und das zarte Porzellan fing an zu klirren. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

»Nein …« Sie schwieg.

»Aber warum nicht?«, rief Aglaia aufgebracht. »Seit über einem Jahr macht er dir den Hof. Wir … ich … meine Mama rechnet fest mit einer Verlobung.«

»Ich weiß.« Tanya hatte sich wieder gefasst. »Deine Mutter will mich so schnell wie möglich loswerden.«

»Ach Tanyachen …« Aglaia sprang auf und nahm das unglückliche Mädchen in den Arm. »Mama ist manchmal ein bisschen streng mit dir, ich weiß, aber sie meint es doch nur gut, ganz bestimmt.«

Tanya antwortete nichts darauf. Sie wusste, dass es nicht stimmte. Als Neugeborenes war sie zu den Wallersteins gekommen und zusammen mit Aglaia aufgewachsen. Sie waren wie Geschwister und liebten sich von Herzen. Irgendwann, als sie größer wurde, hatte man ihr gesagt, dass ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben gekommen seien und Horst von Wallerstein als einziger Verwandter sich angeboten hatte, sie bei sich aufzunehmen. Er liebte sie und zeigte es ihr auch immer wieder. Aber Wilhelmine lehnte sie ab. Alles hatte Tanya versucht, die Liebe oder wenigstens ein bisschen Zuneigung ihrer strengen Tante zu gewinnen. Aber sie war nur auf eisige Ablehnung gestoßen, und irgendwann gab sie ihre Bemühungen auf. Als sie älter wurde, hatte sie Fragen nach ihren Eltern gestellt, aber immer nur ausweichende Antworten bekommen, und hatte schließlich aufgehört zu fragen.

»Also, was ist los?«, fragte Aglaia erneut. »Habt ihr euch gestritten?«

»Nein. Ich weiß nicht, was los ist. Egbert ist in der letzten Zeit so merkwürdig. Er liebt mich, das weiß ich. Aber er hat anscheinend große Sorgen. Man munkelt in Königsberg, dass seine Familie in finanziellen Schwierigkeiten ist. Sein Vater spielt … Es geht da wohl um große Summen … ach, ich weiß nicht.« Sie war kurz davor, in Tränen auszubrechen.

»Du meinst, Graf Schlieren hat sein ganzes Vermögen verspielt?« Aglaia blickte ihre Cousine entsetzt an. »Das ist ja furchtbar.« Sie nahm einen Schluck Tee. »Aber Egbert ist doch Offizier bei den Ulanen. Was hindert ihn daran, dich zu heiraten?«

»Vielleicht, weil ich keine Mitgift bekomme. Ich weiß es nicht! Jedenfalls hat er mich noch nicht gefragt, und ich kann ihm ja schließlich keinen Antrag machen.« Tanya wirkte in ihrem Unglück so klein und zerbrechlich, dass Aglaia versuchte, sie aufzuheitern.

»Nächste Woche beginnt die Saujagd. Egbert kommt bestimmt, jedenfalls war er bisher immer da.« Sie puffte Tanya liebevoll in die Seite. »Komm, sei wieder fröhlich. Es wird bestimmt alles gut. Und jetzt erzähl mal, was in Königsberg so los war.«

Während Aglaia dem harmlosen Klatsch Tanyas lauschte, schoss Wilhelmine im kleinen Salon mit ihrem Stickrahmen in der Hand ihre Giftpfeile ab. »Nun ist Ihre Nichte ja auch mit der Schule fertig«, sagte die Frau Kommerzienrat Heller und lud sich das fünfte Stück Kuchen auf den Teller. »Wird sie weiter bei Ihnen leben?«

»Ich hoffe sehr, dass wir sie bald unter der Haube haben«, antwortete Wilhelmine spitz. »Wir haben sie ja lange genug durchgefüttert.«

Elvira von Welsen sah ihre alte Freundin leicht belustigt an. »Na ja, meine Liebe, die Haare scheint sie euch nun nicht gerade vom Kopf gefressen zu haben. Sie ist ja zart wie ein Grashalm, im Gegensatz zu dir.«

Wilhelmines Gesicht lief rot an.

»Wenn du die paar Pfund meinst, die ich zugenommen habe … ridicul ist das. Einfach lächerlich, so etwas zu sagen!« Sie fächelte sich mit ihrer Stickerei Luft zu. Die Wechseljahre machten ihr zu schaffen und natürlich die unübersehbare Gewichtszunahme. Sie warf der Elvira von Welsen einen empörten Blick zu. »Du hast gut reden«, fügte sie beleidigt hinzu. »Du bist ja richtig dürr.« Sie schnaufte tief. »Aber schließlich führst du ja auch seit Manfreds Tod keinen großen Haushalt mehr mit ich weiß nicht wie vielen Mahlzeiten.« Der Baron war vor über einem Jahr an einem Herzinfarkt gestorben.

»Sei nicht albern, Wilhelmine«, sagte Elvira, »ich war immer schlank und habe auch die Absicht, es zu bleiben.«

»Nun, was Tanya angeht«, nahm Wilhelmine den verlorenen Faden wieder auf, »weißt du doch, Elvira, was ich meine.«

»Natürlich weiß ich das, meine Liebe. Du kannst das arme Würmchen einfach nicht ausstehen.«

»Du liebe Zeit, das arme Würmchen! Wo wäre sie denn, wenn wir uns ihrer nicht angenommen hätten?« Ihr mächtiger Busen hob und senkte sich.

»Gibt es denn schon einen geeigneten Kandidaten?«, fragte Frau Kommerzienrat Heller jetzt, um die gereizte Stimmung zu entschärfen.

»Nun, Egbert Schlieren bemüht sich schon seit einiger Zeit um sie. Erstaunlich, wo sie doch mit keinerlei Mitgift zu rechnen hat. Er ist eine sehr gute Partie, fabelhafte Familie. Offensichtlich scheint ihn die …«

»Wilhelmine!« Die schneidende Stimme Elviras ließ die Gräfin innehalten. »Überleg dir gut, was du sagst!« Frau Kommerzienrat Heller hörte schlagartig auf zu kauen. Jetzt schien es äußerst interessant zu werden. Eigentlich war es ihr unbequem, sich direkt am Klatsch zu beteiligen, was aber nicht hieß, dass sie sich nicht brennend für all das interessierte. Aber zu ihrem Verdruss wechselte die Gräfin sofort das Thema, und die Kommerzienrätin griff wieder zu ihrem Strickzeug.

»Warst du nicht kürzlich bei deinen Verwandten auf Schloss Birkenau, Elvira?«, fragte Wilhelmine. »Wie geht es denn dem Grafen Kaulitz? Wir haben ihn eine Weile nicht gesehen. Seit dem Tod seiner Frau hat er sich ja sehr zurückgezogen. War es gemütlich? Erzähl doch mal.«

»Es war reizend. Man isst hervorragend. Das Schloss ist neu renoviert und wunderbar eingerichtet, die Diener in Livree, glatt rasiert …«

»Was, glatt rasiert?«, fiel ihr Frau Kommerzienrat Heller ins Wort »das hätte es in meiner Jugend nicht gegeben!« Ihre Stricknadeln klapperten empört.

»Nun, die Zeiten ändern sich«, lächelte die Baronin amüsiert. »Übrigens geht es Jesko, meinem Cousin – wir sind wirklich nur sehr weitläufig verwandt –, sehr viel besser, seit sein Sohn Eberhard seinen Abschied genommen hat. Er lebt jetzt auf Birkenau und hat die Verwaltung der schlosseigenen Güter übernommen.« Sie nahm einen Schluck Tee. »Er war ja immer mehr Landwirt als Soldat.«

»Ich weiß, sehr zum Kummer seiner Mutter.« Kommerzienrätin Heller rümpfte die Nase. »Sie liebte ja alles, was mit Militär zu tun hatte. Immer wieder wusste sie zu erwähnen, was für ein hochrangiger und schneidiger Offizier ihr Vater gewesen ist.«

»Eberhards Abschied von den Ulanen war ja wohl nicht ganz freiwillig«, warf Wilhelmine jetzt ein. »Wie gut, dass die Kaulitz das nicht mehr erleben musste.«

Die Kommerzienrätin nickte verständnisvoll, während Elvira laut auflachte. »Alle Welt weiß, dass der arme Junge von seinem Rittmeister erwischt wurde, als er drei Stunden nach dem Zapfenstreich und auch wohl etwas derangiert in seine Garnison zurückkam. Man hätte das als Kavaliersdelikt abtun können, aber dieser Rittmeister hat es an die große Glocke gehängt.«

»Und nun ist der junge Graf degradiert und nur noch Offizier der Reserve. Der ganze Landkreis hat sich ja darüber echauffiert«, fügte Wilhelmine spitz hinzu.

»Eine Schande ist das, eine Schande«, murmelte die Kommerzienrätin.

»Macht euch doch nicht lächerlich!« Elvira war jetzt erbost. Diese Diskussion begann ihr auf die Nerven zu gehen. »Weder Jesko noch Eberhard machten mir einen unglücklichen Eindruck, das scheint mir doch die Hauptsache zu sein. Und solch Geschwätz hat sie noch nie interessiert. Übrigens erwähnte Jesko, dass du sie zu eurer Saujagd eingeladen hast, Wilhelmine. Offensichtlich hat dich diese ›Schande‹ nicht davon abgehalten.« Es machte Elvira höllischen Spaß, ihre Freundin zu ärgern. Sie wusste, wie sehr dieser daran lag, den seit einigen Jahren eingeschlafenen gesellschaftlichen Verkehr mit den von Kaulitz wieder aufleben zu lassen. Schließlich gehörten sie zu den einflussreichsten und größten Grundbesitzern des Landkreises.

Wilhelmine schoss giftige Blicke in Richtung ihrer Freundin. »Man muss auch vergessen können«, sagte sie leichthin. »Was meinst du denn, Elvira, werden sie kommen?« Man sah ihr an, dass sie vor Neugierde platzte.

»Jesko war sich noch nicht ganz sicher«, flunkerte Elvira. Sollte Wilhelmine doch noch ein paar Tage in Ungewissheit schmoren. »Er wird dir eine Note schicken. Übrigens, Eberhard hat sich nach Aglaia und Tanya erkundigt. Er meinte, die entzückenden kleinen Mädchen müssten ja inzwischen bildhübsche junge Damen geworden sein. Er hat sie jahrelang nicht gesehen.«

Ehe Wilhelmine antworten konnte, meinte die Kommerzienrätin, nun doch noch etwas zur Konversation beitragen zu müssen. Unaufhörlich mit ihrem Strickzeug klappernd, sagte sie: »Ihre Mamsell, beste Gräfin, hat mir kürzlich das Rezept für die wunderbare Blaubeermarmelade gegeben. Ich weiß nicht, irgendwie ist sie mir nicht gelungen.«

»Da werden Sie wohl etwas falsch gemacht haben, meine Liebe«, sagte Elvira, sich erhebend. Sie wusste, jetzt würde die Mamsell gerufen, man würde über Blaubeermarmelade palavern, und sie hasste nichts mehr als Gespräche über Kochrezepte.

»Willst du schon gehen?«, fragte Wilhelmine erstaunt.

»Ja, ich muss mich leider verabschieden. Ich habe ganz vergessen, dass mich meine Schneiderin in Insterburg zur Anprobe erwartet.«

»Was, du lässt dir neue Kleider machen?« Wilhelmine sah sie fassungslos an. »Doch wohl nicht etwas Farbiges! Du bist doch in Trauer.«

»Ich bin jetzt über ein Jahr in Schwarz herumgelaufen, und du weißt genau, wie sehr ich um Manfred getrauert habe. Aber nun ist damit Schluss, ob es dir passt oder nicht.« Sie sagte das ganz ruhig, obwohl sie innerlich kochte. »Ich denke nämlich nicht daran, die nächsten zwanzig Jahre als trauernde Witwe zu verbringen, und noch weniger will ich eine dicke Matrone werden …« Im letzten Moment verkniff sie sich das »wie du«.

Ächzend versuchte die Gräfin, sich aus ihrem Sessel zu erheben, um ihre Freundin zu verabschieden.

»Lass nur, Wilhelmine, bleib sitzen. Ich finde schon allein hinaus. Bis bald und auf Wiedersehen, Frau Kommerzienrat.«

Der Wind hatte nachgelassen, und durch eine Wolkenlücke schimmerte die blasse Sonne hervor. Fest in ihre Felldecke gewickelt, genoss Elvira von Welsen die Fahrt durch die verschneite Landschaft. ›Schrecklich, diese alte Heller‹, dachte sie, ›was Wilhelmine bloß an ihr findet?‹ Aber eigentlich, wenn sie es recht bedachte, war ihre alte Freundin auch nicht viel besser als die Kommerzienrätin. Was war nur aus der ›schönen Wilhelmine‹ ihrer Jugend geworden? Elviras Gedanken wanderten zurück in die Vergangenheit. Sie und Wilhelmine waren gleich alt, seit ihrer Kindheit befreundet und hatten alle Geheimnisse miteinander geteilt. Ihre Eltern hatten miteinander verkehrt, später besuchten sie beide dasselbe Mädchenpensionat und heirateten sogar im gleichen Jahr. Elvira den etwas älteren Manfred von Welsen, einen Königsberger Bankier, und Wilhelmine Horst von Wallerstein, den schönsten Mann des Landkreises und das Objekt der Begierde aller heiratsfähigen jungen Damen. Aber Wilhelmine hatte alle aus dem Feld geschlagen. Zwar war sie von niederem Adel, Horsts Mutter war darüber nicht gerade entzückt gewesen, aber dafür eine außergewöhnliche Schönheit. ›Wenn ich Aglaia sehe, denke ich immer, Wilhelmine steht vor mir‹, dachte Elvira. ›Wie schade, dass sie sich dermaßen gehenlässt.‹ Sie seufzte. Was hatte sie für eine traumhafte Figur gehabt und dazu dieser verschleierte Blick! Und was ist jetzt aus ihr geworden – sie ist aus dem Leim gegangen, die schönen Augen eingebettet in Fett und Tränensäcke. Kaum zu glauben, dass sie erst siebenundvierzig Jahre alt ist. Wie eine sechzigjährige Matrone sieht sie inzwischen aus. Und richtig bösartig ist sie inzwischen. Wie sie mit der armen Tanya umgeht, ist ein Skandal, wirklich! Und das schon seit so vielen Jahren … Ja, ja, ihre alte Freundin ist schon lange nicht mehr die, die sie mal so sehr bewundert hatte. Kaum erstaunlich, dass Horst immer mehr Zeit in Berlin verbringt. Na gut, es ist Revolution – jedenfalls hört man ständig davon. Aber hier in Ostpreußen, auf dem Land konnte man sich das gar nicht so richtig vorstellen. Ob er nicht doch eine Geliebte in Berlin hat, wie man munkelte? Wilhelmine hatte wohl noch nichts davon mitgekriegt. Jedenfalls hatte sie bisher nichts erwähnt. Elviras Gedanken wanderten zu Manfred, ihrem verstorbenen Mann. Er hatte sie geliebt. Immer wenn sie von Wilhelmine geschwärmt hatte, hatte er ihr gesagt, wie entzückend er sie selbst fand. »Du gefällst mir viel besser als sie. Du bist so süß und hübsch, so zierlich, und ganz besonders liebe ich dein entzückendes Stupsnäschen und die blonden Locken.«

Elvira wusste, er mochte keine dicken Frauen, und immer, wenn ihr Mieder etwas enger saß, aß sie von allem nur noch die Hälfte. Bis jetzt hatte sie es so gehalten, und sie beabsichtigte auch nicht, das zu ändern. Manfred hatte ihr ein beträchtliches Vermögen hinterlassen. ›Jetzt ist die Trauerzeit vorbei‹, dachte sie, ›und ich werde mein Leben genießen. Auf keinen Fall werde ich in meinem Witwentum aufgehen. Wilhelmine wird sich noch wundern.‹ Sie schreckte aus ihren Gedanken hoch. Der Schlitten hielt in der Wilhelmstraße vor dem Haus von Frau Klühspieß, ihrer Schneiderin.

Der Graf war schon früh am Morgen nach Wallerstein zurückgekehrt. Er saß bereits im Frühstückszimmer bei der Lektüre der Neuen Preußischen Zeitung, als Aglaia hereinstürmte. »Papachen, wie schön, dass du wieder da bist.« Strahlend fiel sie ihrem Vater um den Hals.

»Mein Liebling!« Er drückte seine Tochter fest an sich, um sie dann mit beiden Armen von sich zu schieben. »Jedes Mal, wenn ich wieder nach Hause komme, bist du noch hübscher geworden«, sagte er, »und meine Angst, dass dich mir jemand wegnehmen könnte, wird von Mal zu Mal größer.«

Aglaia lachte auf. »Keine Angst, Papachen, Verehrer gibt es ja genug, aber bis jetzt gefällt mir noch keiner so gut wie du.« Bewundernd betrachtete sie ihren Vater. Was war er doch für ein schöner Mann! Ungewöhnlich groß und schlank, wirkte er wesentlich jünger als zweiundfünfzig. Sein von den täglichen Ausritten leicht gebräuntes Gesicht wurde beherrscht von leuchtend blauen Augen unter buschigen Brauen und einer fein gebogenen, aristokratischen Nase. Auffallend war sein voller, sinnlicher Mund. Die immer noch dunklen Haare waren an den Schläfen leicht ergraut, und sein Gesicht war bis auf einen schmalen, gestutzten Wangenbart glatt rasiert.

»Wo ist Tanya? Sollte sie nicht schon wieder hier sein?«

»Ja, sie ist gestern angekommen. Sie wird gleich da sein, sie war noch nicht ganz mit ihrer Toilette fertig.«

In diesem Moment betrat die Gräfin den Raum. Der Graf erhob sich und küsste seiner Frau die Hand. »Guten Morgen, meine Liebe«, sagte er förmlich »wie ist dein Befinden?«

»Danke, ich möchte nicht klagen.« Sie fächelte sich mit ihrer Serviette Luft zu. »Die fliegende Hitze macht mir zu schaffen. Abscheulich ist das, wirklich abscheulich.« Sie ließ sich von Kurt Tee einschenken. »Und wie war deine Reise, seit wann bist du zurück?«, fuhr sie fort.

Die Tür öffnete sich, und der Graf wandte sich um. »Tanya, meine Kleine, wie schön dich wieder bei uns zu haben.« Er nahm seine Nichte in den Arm.

»Ja, Onkel Horst, ich freue mich auch, wieder hier zu sein«, sagte das junge Mädchen errötend, und an ihre Tante gewandt: »Verzeih, Tante Wilhelmine, dass ich etwas zu spät bin. Aber ich war doch sehr müde.«

Bevor diese etwas sagen konnte, rief der Graf: »Du musst dich doch nicht entschuldigen, mein Kind. Erhol dich jetzt erst mal von dem Drill bei der Quasten.«

»Das hat ja wohl noch keinem geschadet«, murmelte die Gräfin.

Die Bemerkung ignorierend, fragte der Graf: »Nun, Tanya, ich nehme an, du hast ein fabelhaftes Zeugnis. Darf ich es denn mal sehen?«

»Ich habe es Tante Wilhelmine gegeben«, antwortete Tanya schüchtern.

»So, und wie ist es?« Fragend blickte er zu seiner Frau.

»Ich hatte noch keine Zeit, es mir anzusehen«, sagte diese unwirsch.

»Soso, mit was warst du denn so beschäftigt?« Der Graf hob verärgert die Augenbrauen.

»Gestern hatte ich die Kommerzienrätin Heller zum Tee, und Elvira war auch kurz da …«

»Das ist ja hochinteressant!« Die Ironie in seiner Stimme war nicht zu überhören. Bevor er seinem Ärger Luft machen konnte, wurde die Unterhaltung von Kurt unterbrochen, der auf einem silbernen Tablett die Post brachte. »Ah, Jesko Kaulitz kommt mit Eberhard zur Saujagd«, rief der Graf erfreut, als er das erste Couvert geöffnet hatte. »Wir haben uns ja seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Eberhard muss jetzt auch schon Anfang zwanzig sein.«

»Er ist vier Jahre älter als ich«, sagte Aglaia. »Tante Elvira hat es mir kürzlich erzählt.«

»Ach, die gute Elvira, wie geht es ihr denn? Durch meine ständigen Reisen nach Berlin sehe ich sie ja kaum noch.« Sie war eine der wenigen Freundinnen seiner Frau, die er mochte. »Wird sie auch zur Saujagd kommen?«

»Ja«, sagte Wilhelmine indigniert, »und wahrscheinlich in einem farbigen Kleid!«

»Und was ist daran so ungewöhnlich, ich meine, was stört dich daran?« Wieder sah er seine Frau fragend an.

»Sie ist schließlich Witwe.« Wilhelmine schnaufte empört.

»Nun lass mal die Kirche im Dorf.« Er wurde jetzt wirklich ärgerlich. »Manfred ist bald zwei Jahre tot …«

»Eineinhalb!«

»Nun dann eben eineinhalb. Aber Elvira ist eine lebenslustige Person. Es ist bestimmt nicht in Manfreds Sinn, dass sie für den Rest ihres Lebens in Trauer versinkt.« Aglaia und Tanya wechselten einen verstohlenen Blick. Die Diskussion wurde ihnen zu ungemütlich. Wilhelmines Gesicht war verdächtig rot angelaufen.

»Dürfen wir aufstehen, Mamachen?«, bat Aglaia. »Du weißt, nach dem Frühstück brauche ich immer frische Luft.« Und ohne eine Antwort abzuwarten, zog sie Tanya mit sich aus dem Zimmer.

Auch der Graf erhob sich. »Verzeih, meine Liebe. Ich habe wichtige Post. Du weißt, die Revolution … Wir sehen uns später.« Eilig verließ auch er den Raum. Die wütende Wilhelmine blieb allein zurück.

Seit Tagen herrschte im Schloss rege Betriebsamkeit. Gästezimmer wurden gelüftet, Betten frisch bezogen, Böden geschrubbt, Regale abgestaubt und alle vorhandenen Kamine angeheizt. Die Vorbereitungen für die Saujagd liefen auf Hochtouren, und auch in der Küche herrschte Hochbetrieb. Die Mamsell trieb mit lauter Stimme die Küchenmädchen zur Eile an, und wenn mal wieder eine Pastete oder Sülze nicht so geworden war, wie sie es sich vorgestellt hatte, hörte man bis in den grünen Salon ihr entsetztes »Erbarrrmung!«. Ungefähr vierzig Gäste wurden erwartet, ganz genau wusste man das nie. Die meisten würden übernachten, und wenn ihnen danach war, auch einige Tage länger bleiben. Das war so üblich in Ostpreußen, und kein Gastgeber käme auf die Idee zu fragen, wie lange man denn zu bleiben gedenke. Wilhelmine war in ihrem Element. Sie kommandierte die Stubenmädchen herum, ließ wegen jeder Kleinigkeit die Hausdame kommen und ermahnte mehrmals Kurt, den ersten Diener, darauf zu achten, dass die Livree der Lakaien jederzeit ausgebürstet, die Handschuhe makellos weiß und die Schuhe blank geputzt seien. Gerda, ihre Zofe, wurde angewiesen, ihr neues Abendkleid etwas auszulassen. Nach der unverschämten Bemerkung Elviras über ihr Gewicht hatte Wilhelmine es vorsichtshalber noch einmal anprobiert, und tatsächlich war es etwas zu eng.

»Es muss irgendwie eingegangen sein«, stellte sie ärgerlich fest. »Es ist mir schleierhaft, wie so etwas passieren kann.« Gerda machte dazu ein ausdrucksloses Gesicht. Später in der Küche sagte sie zu der Mamsell: »Die Gjnädige wird man immer dicker. Allet, aber och allet is ihr zu eng.«

Tanya war überglücklich. Nach tagelangem bangem Warten war endlich ein Brief von Egbert angekommen. »Er schreibt, dass er mich liebt«, sagte sie strahlend zu Aglaia, »und er kann es kaum erwarten, mich zu sehen. Ich soll ihn sooft es geht auf meiner Tanzkarte eintragen.« Sie seufzte tief. »Er kommt nur morgen zur Soiree, leider kann er nicht zur Saujagd bleiben.« Sie drückte den Brief wie einen Schatz an ihre Brust. »Ich bin ja so froh, Aglaia. Ich kann ihn sehen, auch wenn es nur für ein paar Stunden ist.«

»Siehst du, ich hab dir doch gesagt, es wird alles gut.« Aglaia streichelte die Hand ihrer Cousine. »Ich bin ja so froh, dich wieder glücklich zu sehen.«

Endlich war der Abend der Soiree gekommen. Hunderte von Kerzen tauchten die große Halle in ein warmes Licht, und der Hausherr begrüßte die ersten Gäste. Wo blieb denn bloß Wilhelmine? Schon mehrere Male hatte er verstohlen auf seine goldene Taschenuhr gesehen. Bereits zehn Minuten nach sieben! Was war nur in sie gefahren? Sie wusste doch, wie sehr er Unpünktlichkeit hasste.

Währenddessen versuchten die Zofe und ein zu Hilfe gerufenes Stubenmädchen verzweifelt, Wilhelmine in ihr Korsett zu zwängen. »Können gjnädigste Gjräfin nich noch en bisschen mehr Luft einhalten«, rief Gerda verzweifelt. »Es fehlt ja man nur noch gjanz wenig.«

Wilhelmines Gesicht war hochrot angelaufen, und Schweißperlen standen auf ihrer Stirn. »Nun macht schon«, japste sie, »ich muss runter, ich bin schon viel zu spät!« Endlich war der letzte Haken am Korsett zu und das dunkelgrüne Samtkleid unter größter Mühe geschlossen. »Du solltest es doch weitermachen, Gerda!«, schnaubte Wilhelmine. »Hast du es vergessen?«

»Nu ne nich!« Die Zofe war leicht pikiert. »Ich hab man alles rausgjelassen, nu is nüscht nich mehr drin in den Nähten.«

Als hätte sie das nicht gehört, rief Wilhelmine aufgebracht: »Gib mir meine Puderdose … wo ist denn bloß mein Fächer, und die Smaragde, mein Lorgnon … schnell!« Endlich war sie fertig und betrat, sich unaufhörlich Luft zufächelnd, die bereits halbgefüllte Halle.

Ihr Mann begrüßte gerade Jesko von Kaulitz und seinen Sohn Eberhard. »Mein lieber Kaulitz, was für eine Freude, dich zu sehen«, und zu Eberhard: »Donnerwetter, mein Junge, was bist du für ein stattlicher Kerl geworden.« Wilhelmine trat zu ihnen. »Ah, da bist du ja, meine Liebe. Sieh nur, wer gerade gekommen ist.« Sein Blick strafte seine freundlichen Worte Lügen. Die beiden Herren begrüßten sie mit einem Handkuss, man tauschte Freundlichkeiten aus, und dann mischten sie sich unter die anderen Gäste.

Auch Aglaia und Tanya waren endlich mit ihrer Toilette fertig. Sie waren etwas spät, weil Tanya sich nicht entscheiden konnte, was sie anziehen sollte. Schließlich hatte sie ein altrosa schillerndes Taftkleid gewählt und die Taille so eng geschnürt, dass man sie mit zwei Händen umfassen konnte. Der tiefe Ausschnitt ging über in kleine Puffärmel, und aus dem weiten, bauschigen Rock sah man die Spitzen ihrer rosa Satinschuhe. Ihr Haar war an den Seiten zu dicken Schnecken geflochten, und als einzigen Schmuck trug sie Ohrringe aus rosa Südseeperlen, ein Geschenk ihres Onkels zu ihrem sechzehnten Geburtstag.

»Du siehst einfach hinreißend aus«, sagte Aglaia. »Egbert soll tot umfallen, wenn er dir jetzt keinen Antrag macht!«

»Du übertreibst«, Tanya errötete leicht. »Sieh doch selbst in den Spiegel. Du siehst erst recht umwerfend aus.«

Aglaia trug ein tief dekolletiertes Abendkleid aus zartgelber Spitze, unterlegt mit gelbem Taft. Die dunklen Locken waren zu einer kunstvollen Hochfrisur aufgetürmt, in die kleine Schleifen aus gelben Seidenbändern gesteckt waren. Um den Hals trug sie ein zweireihiges Collier de Chien aus weißen Perlen. Während sie die langen gelben Glacéhandschuhe überstreifte, fragte sie: »Hast du meinen Fächer gesehen, Tanya?« Nach kurzem Suchen war er gefunden, verdeckt von Unterröcken und achtlos abgelegten Kleidern. Das immer lauter werdende Stimmengewirr von unten, vermischt mit dem Stimmen der Instrumente des Orchesters ließ Aglaia aufhorchen. »Komm, Tanya, wir müssen gehen. Du weißt, wie sehr Papa Unpünktlichkeit hasst.«

Tanya, erschreckend blass, tupfte noch schnell etwas Rouge auf ihre Wangen. »Ja, ich komme«, rief sie, »aber lass uns, ehe wir hinuntergehen, durch die Balustrade schauen. Ich will sehen, ob Egbert schon da ist.«

Wie zwei kleine Mädchen hockten sich die beiden hinter das Geländer der großen Treppe und blickten auf die elegante Gesellschaft hinunter. Es war ein wahrlich festliches Bild. Alle Damen in großer Toilette, die Herren in Frack oder Uniform. Schmuck und Orden blitzten um die Wette. Lakaien servierten auf silbernen Tabletts eisgekühlten Champagner. Es herrschte eine heitere Stimmung. Die meisten kannten sich, die Begrüßung war laut und herzlich. »Sieh nur, da, neben der Tür zum Speisesaal, steht Egbert. Sieht er nicht wunderbar aus?«, flüsterte Tanya aufgeregt.

»Ja, natürlich sehe ich ihn.« Aglaia lächelte. Sie fand, dass er, hochgewachsen wie er war, eher einem in die Höhe geschossenen Knaben glich als einem richtigen Mann. Er hatte ein hübsches, sehr blasses Gesicht, lange Wimpern und um den Mund einen weichen Zug. Er trug Uniform und war in ein angeregtes Gespräch mit einem etwa gleichaltrigen jungen Mann in Zivil vertieft. Er war genauso groß wie Egbert, hatte breite Schultern, eine schlanke Taille und schmale Hüften. Sein Frack saß perfekt. Sein Gesicht war schmal mit ebenmäßigen Zügen und bis auf einen gepflegten Oberlippenbart glatt rasiert. Eben lachte er laut auf und entblößte eine Reihe ebenmäßiger Zähne. »Wer ist das da bei Egbert?«, flüsterte nun Aglaia. »Er kommt mir irgendwie bekannt vor, und sieh dort, da sind Gustav und Mathias Goelder aus Weischkehmen.«

Aber Tanya war bereits aufgesprungen. »Komm, nun lass uns endlich gehen. Ich kann es kaum erwarten, Egbert zu sehen.« Unauffällig mischten sie sich unter die Gäste. Aglaia war heilfroh, dass ihr Vater ihre verspätete Ankunft offensichtlich nicht bemerkt hatte. Artig nach rechts und links grüßend, bewegten sie sich zielstrebig auf die jungen Männer zu.

»Ach du bist das, Eberhard!«, lachte Aglaia auf, als sie endlich vor den beiden stand. »Ich habe dich als schlaksigen Knaben in kurzen Hosen und mit aufgeschlagenen Knien in Erinnerung, der kleine Mädchen auf den Tod nicht ausstehen konnte.«

»Nun, mit den Mädchen hat sich das ein bisschen geändert«, gab er lachend zurück. »Vor allem wenn aus denen eine so schöne Frau geworden ist wie du.«

Aglaia errötete. »Na, na, nun übertreib mal nicht so«, sagte sie verlegen, wurde aber sofort abgelenkt von der Ankunft der Baronin von Welser. »Ist das nicht Tante Elvira?«, fragte Aglaia überrascht. Auch Tanya wollte ihren Augen kaum trauen.

»Sie sieht unglaublich aus verglichen mit letzter Woche in ihrer Witwentracht und mit schwarzer Schute auf dem Kopf.« Tatsächlich war sie kaum wiederzuerkennen. Das in der Mitte gescheitelte blonde Haar war seitlich zu dicken Korkenzieherlocken gedreht. Das taubenblaue, reich bestickte Seidenkleid betonte ihre schmale Taille und zeigte ein üppiges Dekolletee, und der prachtvolle Saphirschmuck am Hals und an den Ohren harmonierte perfekt mit dem leuchtenden Blau ihrer Augen.

»Was für eine Wandlung«, flüsterte Aglaia ihrer Cousine ins Ohr. »Alte Schabracke werde ich sie in Zukunft sicher nicht mehr nennen.«

Mit ausgebreiteten Armen begrüßte nun Horst von Wallerstein die neu Angekommene. »Elvira, du siehst fabelhaft aus. Manfred wäre ja so stolz auf dich.« Er küsste ihr beide Hände. »Was für eine Freude, dich heute als meine Tischdame zu haben«, und in ihr Ohr flüsternd, »ich habe um dich gebeten. Wilhelmine hatte mir doch tatsächlich die alte Heller zugedacht!« In komischer Verzweiflung schlug er die Augen gen Himmel.

Wilhelmine war jetzt zu ihnen getreten, und ein erbarmungsloser Lorgnettenblick traf ihre Freundin. »Na, du siehst ja aus!«, zischte sie. »Manfred wird sich im Grab umdrehen.«

»Vor Freude, meine Liebe, vor Freude«, beschwichtigte ihr Mann. »Hört ihr, Kurt hat den Gong geschlagen. Gott sei Dank, ich habe nämlich einen Bärenhunger.« Er bot Elvira galant den Arm. »Darf ich dich zu Tisch führen?«

Das Diner war vorzüglich. Die Küche auf Schloss Wallerstein galt als exzellent, man wusste das, und jedem Gang wurde kräftig zugesprochen. Die Damen tranken ausschließlich Champagner, während die Herren edle Weine bevorzugten. Man lachte, flirtete und scherzte, und je weiter der Abend fortschritt, umso lebhafter wurde die Unterhaltung. Das Stimmengewirr glich einem Bienenschwarm.

»Ich bin ja so froh, dass Papa die heutige Einladung angenommen hat«, gestand Eberhard seiner Tischdame Aglaia. »Es ist das erste Mal seit Mamas Tod.« Er deutete zu Elvira von Welsen hinüber, die in dem Moment laut auflachte, wohl über einen Scherz, den Jesko von Kaulitz ihr gerade ins Ohr geflüstert hatte. »Sie hat Papa regelrecht überredet zu kommen. Was für eine Tragödie, hätte er erneut abgesagt.« Er unterstrich seine Worte mit scherzhaft dramatischer Geste. »Dann wäre ich dir womöglich erst wieder begegnet, wenn du verheiratet und Mutter vieler Kinder wärest.« Er sah sie fragend an. »Du bist doch hoffentlich noch nicht vergeben?«

»Nein«, Aglaia musste lachen. »Weder verlobt noch verheiratet. Und wie ist es mit dir?«

»Noch habe ich die Richtige nicht gefunden. Ich werde meine Braut danach auswählen, wie gut sie Polka tanzt.« Er blickte sie verschmitzt an. »Würdest du mir bitte alle Polkas auf deiner Tanzkarte reservieren … oder nein, lieber die ersten zehn Tänze? Einen Walzer möchte ich auch probieren.«

»Findest du das nicht ein bisschen übertrieben?« Aglaia schlug ihm leicht mit ihrem Fächer auf die Hand. »Ich habe hier einige sehr ernsthafte Verehrer, die kann ich unmöglich enttäuschen.« Sie zeigte hinüber zu den Goelderbrüdern. »Zum Beispiel Gustav und Mathias. Sie machen mir beide ordentlich den Hof.« Die Zwillingsbrüder, blendend aussehende Junggesellen, waren gleich groß und sahen sich bis auf die unterschiedlichen Haarfarben sehr ähnlich. Gustavs dunkles Haar war mit Pomade nach hinten gekämmt, während Mathias eine feuerrote Mähne trug. Sie waren im ganzen Landkreis berüchtigte Herzensbrecher.

»Fabelhaft«, neckte Eberhard sie, »beide eine hervorragende Partie. Wie ich hörte, hat Gustav gerade von seinem Vater Weischkehmen überschrieben bekommen und Mathias das herrliche, gleich daran angrenzende Ashruten.« Er lachte. »Und was ist mit Leopold, merkst du nicht, dass er dauernd zu uns herüberschielt?«

»Um Himmels willen!« Aglaia hob abwehrend die Hände. »Er ist zwar ein sehr schöner Mann, aber was man da so hört … wilde Feste auf Schloss Troyenfeld – nein, das ist nun wirklich kein Mann für mich.« Um der Unterhaltung eine andere Richtung zu geben, sagte sie nun: »Jetzt schau dir bloß Tante Elvira an. Unsere beiden Väter scheinen sie ja bestens zu unterhalten.« Mal neigte Elvira sich dem einen zu, lachte und flirtete, dann ließ sie sich von dem anderen die Hand küssen.

»Ja, ich habe meinen Vater lange nicht mehr so ausgelassen gesehen. Schon nach ihrem Besuch kürzlich auf Birkenau war er wie verwandelt. Ihre fröhliche Art tut ihm gut.«

Inzwischen war das Dessert abgetragen, und Wilhelmine hob die Tafel auf. Die großen Flügeltüren zum nebenan liegenden Saal öffneten sich, und das Orchester ließ die »Aufforderung zum Tanz« ertönen. Gleich darauf begannen sie mit einer Polka.

»Nun, dann wollen wir mal mit dem Test beginnen«, rief Eberhard und wirbelte mit Aglaia über das Parkett.

Nachdem die älteren Herren mehr oder weniger fest auf den Beinen – einige hatten den schweren Weinen etwas zu sehr zugesprochen – ihren Pflichttanz absolviert hatten, zogen sie sich in die Bibliothek zurück. Dort servierte Kurt Portwein und Cognac und reichte ein Ebenholzkästchen mit Zigarren herum. Während Horst von Wallerstein langsam und bedächtig das Deckblatt der Havanna anschnitt, begannen einige Herren bereits eine lebhafte Diskussion.

Natürlich beschäftigte zur Zeit nur ein Thema die Gemüter: die Revolution. Legationsrat Hartmann, ein dicklicher älterer Herr mit eisgrauem Backenbart, und Fritz von Eyersfeld, etwa gleich alt, aber schlank, fast hager, mit Monokel im linken Auge, waren lautstark einer Meinung.

»Diese Sozis sind die Pest«, sagte der Baron von Eyersfeld. »Mord und Totschlag hat es im März in Berlin gegeben.«

»Bin ganz Ihrer Meinung, lieber Baron«, stimmte ihm der Legationsrat zu, »aber nicht nur in Berlin, im ganzen Land hat es kriegsähnliche Ausmaße angenommen, tststs. Ich frage mich nur, wofür?« Er schüttelte verständnislos seinen großen Kopf.

»Immerhin haben die Anführer die Bauernbefreiung und Aufhebung der Pressezensur erreicht«, mischte sich nun Horst von Wallerstein ein. »Aber die Durchführung von Wahlen zu einer verfassungsgebenden Nationalversammlung geht auf deren Konto«, ereiferte sich jetzt Graf Dühnkern, ein hochgewachsener Herr mit spärlichem Haarwuchs und einer stark gebogenen Nase über einem schmallippigen Mund. Horst von Wallerstein ließ sich von Kurt einen Cognac nachschenken. »Immerhin, man hat sich Posen einverleibt. Es gehört ab sofort zum Deutschen Bund.«

»Trotzdem eine Pest, diese Sozis, eine Pest«, schimpfte erneut Baron von Eyersfeld.

»Nun, es gibt aber auch eine starke Gegenbewegung zu der Revolution«, warf Hofrat von Saalfeld ein. »Dieser pommersche Junker, wie heißt er man noch – Bismarck glaube ich, der macht da mächtig von sich reden.«

»Ja, gerade habe ich in der Neuen Preußischen Zeitung einen interessanten Artikel von ihm gelesen«, fiel Horst von Wallerstein ein. »Er hat dieses neue Blatt ja wohl auch mitbegründet. Ich habe es sofort zusätzlich zur Hartungschen Zeitung abonniert.« Er nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarre. »Sehr lesenswert, wirklich sehr lesenswert.«

»Alter altmärkischer Adel, die Bismarcks«, sagte nun Jesko von Kaulitz, der bisher der Unterhaltung interessiert gefolgt war. »Ich bin früher dort oft zur Jagd gewesen.«

»Na ja, inzwischen wohl etwas verwässert, dieser Adel«, näselte der Baron. »Die Mutter von diesem Bismarck ist eine Menken, schlicht und einfach nur Menken …« Er hob indigniert die Augenbrauen. »Eine Kaufmannstochter aus dem Oldenburgischen. Einfach schrecklich, wenn man das vom züchterischen Standpunkt aus betrachtet.«

»Also Fritz, jetzt lass aber mal die Kirche im Dorf!«, lachte Jesko von Kaulitz gutmütig. »Unsere Altvorderen sind ja auch nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren worden.« »Und abgesehen davon, lieber Eyersfeld«, mischte sich Graf Dühnkern ein, »Otto von Bismarck hat vom züchterischen Standpunkt, wie Sie es nennen, schon alles wieder ins Lot gebracht. Letztes Jahr hat er Johanna von Puttkammer geheiratet. Ein reizendes junges Mädchen aus fabelhafter Familie. Ich konnte mich persönlich davon überzeugen, war nämlich in Rheinfeld auf der Hochzeit.«

Jesko von Kaulitz ging sein Freund Eyersfeld mit seinem Dünkel mal wieder gehörig auf die Nerven, und er erhob sich. »Ich verlasse Sie jetzt, meine Herren. Ich habe mich auf der Tanzkarte meiner überaus reizenden Cousine Elvira eingetragen und möchte sie nicht über Gebühr warten lassen.«

Während die Jugend unermüdlich tanzte, saßen die älteren Damen auf den an den Wänden aufgestellten Sesseln und Sofas und tranken ihren Mokka. Elvira hatte sich nach dem Essen etwas frisch gemacht und ließ sich nun strahlend neben Wilhelmine auf dem Sofa nieder, eingehüllt in eine Wolke von Parfüm. Wieder traf sie ein strafender Blick aus dem Lorgnon ihrer Freundin. »Musst du denn immer so schrecklich übertreiben, Elvira? Zu viel Parfüm, zu viel Dekolletee, zu viele Locken … in deinem Alter!«

Elvira lachte laut auf. »Was soll das denn heißen? Ich fühle mich einfach nicht alt, und erst recht nicht wie eine alte Witwe, auch wenn es dir nicht passt.« Ein Lakai servierte ihr einen Mokka, dann sprach sie weiter. »Ich habe mich heute Abend so gut amüsiert wie schon seit langem nicht mehr.«

»Das war nicht zu übersehen.« Wilhelmine fächerte sich hektisch Luft zu, ihr Ärger war offensichtlich.

»Mir scheint, du bist ein bisschen eifersüchtig, meine Liebe«, stichelte Elvira gutmütig. Glücklicherweise tanzten in diesem Augenblick Tanya und Egbert an ihnen vorbei und enthoben Wilhelmine einer Antwort.

»Was für ein entzückendes Paar«, rief die Baronin von Eyersfeld, die dem Geplänkel der beiden Freundinnen amüsiert gelauscht hatte. Sie strahlte eine liebenswürdige Überheblichkeit aus. Auch sie war eine Frau Mitte vierzig, nicht übermäßig hübsch, aber groß, schlank und durch ihren extravaganten Geschmack sehr attraktiv. Sie war ganz und gar Elviras Meinung. Wenn ihr Fritz – schließlich war auch er schon in den Sechzigern – das Zeitliche segnen würde, hatte auch sie nicht die Absicht, für den Rest ihres Lebens die trauernde Witwe zu spielen.

»Hat er sich denn schon erklärt, der junge Egbert von Schlieren?«, ließ sich jetzt die Frau Kommerzienrat Heller vernehmen. »Sie erwähnten doch kürzlich, liebe Gräfin …«

»Leider noch nicht«, fiel ihr Wilhelmine ins Wort. »Aber ich hoffe doch, dass der junge Mann morgen dazu die Gelegenheit findet.« Ein Lakai reichte ein Tablett mit kleinen Kuchen herum. Elvira und die Baronin lehnten dankend ab, während Wilhelmine sich einen ganzen Teller volllud.

»Die Hälfte täte es auch«, flüsterte Elvira ihr zu, was ihr erneut einen giftigen Blick ihrer Freundin eintrug.

»Wie gesagt«, fuhr Wilhelmine fort, das junge Paar mit ihrem Lorgnon verfolgend, »ich hoffe doch, dass er morgen bei Horst um ihre Hand anhält.«

Elvira sagte nichts dazu. Als sie eben draußen ihre Nase puderte, hatte Tanya ihr erzählt, dass Egbert schon morgen früh in Königsberg in seiner Garnison zurückerwartet wurde. »Es ist Wintermanöver. Aber sag nichts zu Tante Wilhelmine«, hatte Tanya sie beschworen. »Bitte, Tante Elvira, versprich es mir.« Er hatte also offensichtlich nicht die Absicht, sich in absehbarer Zeit zu erklären. Sie spürte unendliches Mitleid mit dem armen Mädchen, wusste sie doch alles über ihre Herkunft und Wilhelmines daraus resultierende Abneigung gegen sie.

»Nun sieh doch bloß, Wilhelmine. Aglaia und Eberhard scheinen sich ja blendend zu verstehen«, rief sie, um von Tanya und Egbert abzulenken.

»Ja, sie tanzen schon die siebente Polka zusammen«, ließ sich die Kommerzienrätin vernehmen.

»Donnerwetter, Sie passen aber gut auf«, spottete Elvira. Offensichtlich beschäftigte sie sich mit Zählen, wenn sie mal nicht strickte. Sie und die Baronin begannen ein Gespräch über Mode, als sich Graf Kaulitz den Damen näherte.

»Cousinchen, darf ich um den nächsten Tanz bitten?«, rief er.

»Aber mit dem größten Vergnügen!« Sie sprang auf und beide schwebten bei einem Wiener Walzer davon.

Am nächsten Morgen waren die Jagdgäste noch vor Tagesanbruch mit lautem Getöse und begeisterten »Weidmannsheil!«-Rufen aufgebrochen. Aglaia dagegen schlief noch tief, als es sachte an ihre Tür klopfte. »Darf ich reinkommen?«, flüsterte Tanyas Stimme.

Schlaftrunken richtete Aglaia sich auf. »Wieso bist du schon wach?« Ihr war, als wäre sie gerade erst eingeschlafen.

»Egbert ist eben aufgebrochen. Ich kann jetzt einfach nicht allein sein.«

Mit einem Schlag war Aglaia hellwach. »Woher weißt du das? Du hast ihn doch nicht etwa …?« Entsetzt sah sie ihre Cousine an.

»Doch«, sagte die. »Er war die ganze Nacht bei mir.«

Aglaia war wie gelähmt. Wie konnte Tanya nur! Ihre Gedanken überstürzten sich. Wenn Egbert nun von jemandem gesehen worden war und ihre Mutter davon erfuhr! Nicht auszudenken, was dann passieren würde. Allein diese Vorstellung ließ Aglaia erzittern. Die schrecklichsten Szenen malte sie sich aus. Das leise Klappern von Tanyas Zähnen holte sie aus ihrer Erstarrung. »Mein Gott, du Arme«, flüsterte sie, »du schlotterst ja vor Kälte.« Sie hob die Bettdecke. »Komm, schlüpf rein, du holst dir sonst noch den Tod.« Die Mädchen schwiegen eine Weile. Jede hing ihren Gedanken nach. Aglaia sprach als Erste. »Tanyachen, wie konntest du nur! Hättet ihr nicht warten können, bis ihr verlobt seid?« In ihrer Stimme lag leiser Vorwurf.

»Wir haben uns heute Nacht heimlich verlobt«, flüsterte Tanya aufgeregt. »Wenn Egbert aus dem Manöver zurück ist, will er mit Onkel Horst sprechen. Ganz fest hat er mir das versprochen.«

»Das verstehe ich nicht«, sagte Aglaia empört. »Warum hat er nicht schon gestern mit Papa gesprochen, warum noch warten, wenn er sich so sicher ist?« Sie war wütend auf Egbert, wusste sie doch, dass es wieder endlose Sticheleien seitens ihrer Mutter geben würde. Und selbst Egbert dürfte das in der letzten Zeit nicht entgangen sein. Er wusste ja inzwischen, wie Wilhelmine zu Tanya stand. »Und du kennst doch Mama. Wenn sie hört, dass ihr heimlich verlobt seid …«

»Um Himmels willen, das darf sie nicht erfahren. Es ist heimlich, verstehst du … heimlich!« Tanyas Stimme klang flehend.

Entrüstet setzte Aglaia sich auf. »Aber warum denn diese Heimlichkeit? Ich begreife das nicht.«

»Ach Aglaia, so genau weiß ich das doch auch nicht. Aber bitte sei mir nicht böse und auch nicht auf Egbert. Er sagt, es gibt noch einiges zu klären mit seinem Vater.« Sie seufzte. »Glaub mir, wir haben uns einander ganz fest versprochen. Es wird bestimmt alles gut.« Sie drückte die Hand ihrer Cousine. »Bitte bitte, sei mir nicht mehr böse. Ich bin ja so schrecklich glücklich.«

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