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Himmel, Herz und Kuss!

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder
auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich freue mich unheimlich über dieses zweite Buch meiner neuen Razor-Bay-Serie. Max Bradshaw haben Sie schon in „Verküsst & zugenäht!“ kennengelernt, als er seinem Ruf als „Mann weniger Worte“ immer gerade dann gerecht wurde, wenn Harper Summerville in der Nähe war. Doch auch wenn es Max bei ihrem Anblick jedes Mal die Sprache verschlägt, kann er ihr in einer kleinen Stadt wie Razor Bay natürlich nicht aus dem Weg gehen.

Viele von Ihnen wissen, dass Razor Bay eine ganz spezielle Bedeutung für mich hat. Ich habe den Handlungsort an den Hood Canal verlegt – einen hundertfünf Kilometer langen Salzwasserfjord im Westen Washingtons –, genau dorthin, wo meine Eltern, als ich neun Jahre alt war, ein kleines Haus bauten. Aber auch vorher waren wir jeden Sommer dort, ich tollte mit meinen Brüdern, Cousins und Cousinen so lange im Wasser herum, bis meine Finger und Zehen schrumpelig waren, spielte, bis die Sonne hinter den majestätischen Olympic Mountains unterging, und röstete Marshmallows und Hotdogs über prasselndem Lagerfeuer. Für mich ist es der herrlichste Ort der Welt.

Max habe ich mit einer tiefen Liebe zu diesem unglaublichen Fleckchen Erde ausgestattet. Nach zu vielen Jahren in Kriegsgebieten hat er nicht vor, Razor Bay jemals wieder zu verlassen. Nun muss er nur noch Harper davon überzeugen, hier mit ihm ihr Leben zu verbringen.

Susan

Jen und Margo in Liebe gewidmet. Weil sie mich durch ihre unvergleichliche Mitarbeit immer richtig gut dastehen lassen.

Und der Mazama-Crew: Ken, Sue, Ron, Steve, Doug, Mimi, Martha & Gary – für fabelhaftes Essen, Musik, Skifahren, Schneeschuhwandern und Shoppingtouren.

Oh, und Mama – für dein Lachen, das durch alles hindurchfunkelt.

Ich liebe euch alle.

Susie

1. KAPITEL

Oh mein Gott. Kommt er etwa hierher?

Harper Summerville hatte ihren freien Tag bisher sehr genossen. Also bis zu dem Moment, als sie Max Bradshaw durchs Fenster erspähte und bemerkte, dass er über den sonnengesprenkelten, von Bäumen gesäumten Weg des Hotelgeländes direkt in ihre Richtung marschierte. Sie war gerade dabei, sich in dem kleinen Cottage einzurichten, das sie als neue Eventmanagerin von The Brothers’ Inn mietfrei zur Verfügung gestellt bekommen hatte. Sie liebte, liebte, liebte die Aussicht auf den Hood Canal und die dahinter aufragenden Olympic Mountains. Diese spektakuläre Landschaft lockte Jahr für Jahr viele Besucher in den kleinen Ferienort Razor Bay in Washington.

Dass dieser große, ernsthafte Mann jetzt auf sie zusteuerte, trübte ihre gute Laune zwar deutlich – zugleich aber beschleunigte sich unerklärlicherweise ihr Herzschlag.

Er sah anders aus als bei ihren bisherigen kurzen Zusammentreffen, denn normalerweise trug er seine Polizeiuniform. Trotzdem erkannte sie ihn sofort an seiner Statur und an seinem strengen Blick – er wirkte wie immer fest entschlossen und reserviert.

Sie blinzelte überrascht, da er plötzlich den Weg verließ und aus ihrem Sichtfeld verschwand, dann schüttelte sie den Kopf. Oh, ganz großes Kino, Harper. Bisschen eitel, wie? Denn obwohl ihr Haus am Ende des Weges stand, der sich anschließend im Wald verlor, hatte Bradshaw offenbar ein ganz anderes Ziel. Sie stieß erleichtert den Atem aus – erleichtert, richtig? –, steckte sich die Kopfhörer zurück in die Ohren und fuhr fort, ihre Kartons auszuräumen.

Sofort war sie wieder bester Laune. Sie zog gern um, lernte gern neue Menschen kennen und stürzte sich gern in neue Jobs, die immer ein wenig anders waren als der davor. Seit sie sich ihr Leben entsprechend eingerichtet hatte, war sie insgesamt betrachtet eine glückliche Frau.

Harper sang laut zu Maroon 5 mit, während sie die Kiste mit dem Krimskrams auspackte, die ihr ihre Mutter geschickt hatte. Sie ließ die Hüften kreisen und hüpfte im Takt der Musik.

Doch beim Gedanken an ihre Mutter, an deren Vorstellungen und Erwartungen, musste sie selbst beim Singen leise aufseufzen. Gina Summerville-Hardin wollte einfach nicht glauben, dass ihre Tochter ohne festen Wohnsitz und persönliche Habe wirklich glücklich sein konnte. Kein Wunder – sich ein Heim zu schaffen war ihre Art gewesen, mit den ständigen Umzügen zurechtzukommen, die durch den Beruf ihres Mannes notwendig gewesen waren. Weder sie noch Harpers Bruder Kai hatten es besonders genossen, immer wieder neue Länder und Menschen kennenzulernen. Im Gegensatz zu Harper und ihrem Dad.

Aber insgeheim freute Harper sich über die Kissen und Kerzen, die ihr ihre Mutter geschenkt hatte. Sie verpassten dem winzigen Häuschen eine heimelige Atmosphäre – und es war ja nicht so, dass sie damit etwa die Ideale ihres Dads verriet, die sie so in Ehren hielt.

Als der Song zu Ende war, durchsuchte sie ihre Playlist nach dem Lieblingslied ihres Vaters.

„Papa was a rolling stone“, trällerte sie dann zusammen mit den Temptations, während sie überlegte, wohin sie die Sachen ihrer Mutter packen sollte – Stauraum war hier kostbar. „Wherever he …“

Etwas Warmes streifte ihren Ellbogen. Ihr Puls schoss in die Höhe wie ein Affe auf einer Rakete, und eine große männliche Hand legte sich auf ihren Arm. Einen Moment erstarrte Harper, dann schrie sie sich die Seele aus dem Leib.

„Shit!“, hörte sie Max Bradshaw rufen, nachdem sie die Kopfhörer herausgerissen hatte und zu ihm herumgewirbelt war.

Die Hände hocherhoben wich er einen riesengroßen Schritt von ihr zurück, als würde sie mit einem Degen auf sein Herz zielen.

„Ms Summerville … Harper … tut mir leid“, entschuldigte er sich mit dunkler rauer Stimme. „Ich habe ein paar Mal geklopft und hörte Sie singen, deswegen wusste ich, dass Sie da sind. Aber ich hätte natürlich nicht einfach so hereinkommen dürfen.“ Langsam nahm er die Hände runter und vergrub sie in den Hosentaschen, wobei sich seine breiten Schultern nach oben wölbten. „Ich wollte Sie nicht erschrecken.“

Er hatte sie singen gehört – falsch und laut und powackelnd! Was ihr jedoch viel interessanter erschien, war die Tatsache, dass er in ihrer Gegenwart noch nie so viele Worte gesprochen hatte. Sie ließ die Hände sinken, die sie an ihr Herz gedrückt hatte wie eine panische Stummfilmheldin im Angesicht des Schnurrbart zwirbelnden Bösewichts. „Ja, also, Absicht oder nicht, Deputy Bradshaw …“

„Max“, warf er ein.

„Max.“ Hätte sie auch selbst draufkommen können. Schließlich war sie ihm nicht nur bei ihrem Vorstellungsgespräch hier im Hotel über den Weg gelaufen, sondern vor ein paar Wochen auch auf einem Grillfest. „Wie ich sagte …“

Die sowieso schon offene Haustür krachte plötzlich laut gegen die Wand. Sie wirbelten herum und starrten sprachlos den Mann an, der gerade hereingeschneit kam. Aus dem Augenwinkel bemerkte Harper, dass Max die Hand an seine rechte Hüfte legte, wo sich normalerweise zweifellos seine Pistole befand.

Der Schwung schleuderte den Typ mitten in den kleinen Raum, und als die Fliegengittertür hinter ihm zuschlug, richtete er sich zu einem großen, schlaksigen Mann Mitte dreißig auf.

Da Max, der beschützend vor sie getreten war, ihr die Sicht versperrte, beugte sie sich zur Seite, um an ihm vorbeispähen zu können.

„Sind Sie in Ordnung, Miss?“, fragte der Mann und schaute sich dabei hektisch um. Sie vermutete, dass er sich erst langsam an das dunklere Licht in dem Raum gewöhnen musste, denn sowie er Max schließlich erblickte, wurden seine Augen ziemlich groß. Sein auffälliger Adamsapfel hüpfte auf und ab, als er hörbar schluckte.

Aus gutem Grund. Max war locker über einsneunzig groß und wog sicher um die hundert Kilo.

Jedes einzelne Gramm davon feste Muskelmasse.

Eines musste man dem Hotelgast lassen. Er war Max zwar eindeutig körperlich unterlegen und wirkte auch, als ob er sich am liebsten genauso schnell wieder aus dem Staub gemacht hätte, wie er hier aufgekreuzt war, dennoch machte er einen Schritt auf sie zu und befahl mit fester Stimme: „Treten Sie von der Dame weg, Sir.“

„Ach, Himmel!“, hörte sie Max murmeln und musste ein hysterisches Gekicher hinunterschlucken. Max tat, worum er gebeten worden war.

Dann schaute sie den Hotelgast an. „Mir geht es gut“, meinte sie besänftigend. „Es ist wirklich nicht so, wie Sie denken.“ Sie durchforstete ihr Gedächtnis nach seinem Namen. „Sie sind Mr Wells, richtig? Ich glaube, Ihre Frau besucht meine Yogaklasse.“

„Sean Wells“, bestätigte er, und endlich löste sich seine Anspannung, die ihn förmlich vibrieren ließ, ein wenig.

„Das hier ist Deputy Bradshaw“, fuhr sie fort. „Ich habe nur so laut geschrien, weil ich ihn wegen der Kopfhörer nicht gehört habe.“

Sean entspannte sich noch etwas mehr, musterte Max aber weiterhin skeptisch – die beigefarbenen Cargoshorts, das schwarze Muskelshirt und die Tribal-Tätowierung, die sich von seiner muskulösen Schulter bis zu seinem harten Bizeps um den rechten Oberarm schlängelte. „Sie sehen nicht wie ein Deputy aus.“

Der düstere Blick, mit dem Max ihn fixierte, ließ ihn erstarren. „Heute ist mein freier Tag“, entgegnete Max vollkommen nüchtern.

Harper konnte sich selbst nicht erklären, was sie daran so dermaßen erregend fand.

„Ich bin nur gekommen, um Ms Summerville zum Abendessen einzuladen“, fügte er hinzu – was sie überrascht zusammenzucken ließ.

Sie drehte den Kopf und sah ihn an. „Wirklich?“ Mist. Hatte sich gerade ihre Stimme überschlagen? Normalerweise verlor sie nämlich so gut wie nie die Fassung. Aber ein bisschen wundern durfte man sich schon. Sie hätte Stein und Bein geschworen, dass sie auf Max’ Attraktionsbarometer bisher für keinerlei Ausschlag gesorgt hatte.

„Ja.“ Sein Gesicht färbte sich etwas dunkler. „Das heißt, Jake hat mich geschickt. Jenny macht heute Abend ein Grillfest und möchte, dass Sie auch kommen.“ Jetzt warf er Sean Wells einen Sie-sind-ja-immer-noch-da-Blick zu.

Woraufhin sich der Mann eine Entschuldigung murmelnd umgehend nach draußen verzog.

„Danke“, rief Harper ihm nach, bevor sie sich wieder zum Deputy umdrehte und ihn mit hochgezogener Augenbraue musterte. „Sie wissen jedenfalls, wie man jemanden in die Flucht schlägt.“

„Yeah.“ Er hob die Schulter mit der Tätowierung und ließ sie wieder sinken. „Eines meiner Talente.“ Er sah sie direkt an. „Also, was soll ich Jenny sagen? Sind Sie heute Abend dabei oder nicht?“

„Ich bin dabei. Was soll ich mitbringen?“

„Das fragen Sie mich? Ich gehöre zu den Typen, die einfach mit einem Sixpack Bier auftauchen.“

Sie lächelte. „Ich rufe Jenny an.“

Er erwiderte ihr Lächeln zwar nicht, doch immerhin hellte sich sein Gesicht ein wenig auf, was vielleicht seine Version eines Lächelns war. Schwer zu sagen, da seine Stimme nach wie vor kühl klang, als er entgegnete: „Gute Idee. Dann können Sie selbst zusagen. Also.“ Er bedachte sie mit diesem knappen Nicken, das sie schon von früheren Begegnungen kannte. „Noch mal Entschuldigung, dass ich Sie erschreckt habe. Ich schätze, dann bis heute Abend.“ Er wandte sich zur Tür.

„Das schätze ich auch“, murmelte sie seinem Rücken zu. Sie folgte ihm und schaute ihm hinterher, wie er davonschlenderte. Und drehte sich erst wieder um, nachdem er hinter einer Kurve verschwunden war.

Wow. Nichts, nicht einmal das Foto, das sie von ihm im Sunday’s Childs Investigator gesehen hatte, konnte einen auf diese umwerfende Wirkung vorbereiten, die von dem Mann in Fleisch und Blut ausging.

Ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen, schließlich schüttelte sie den Kopf. „Zumindest hat er diesmal nicht Ma’am zu mir gesagt.“

Max riss die Tür des Zimmers im oberen Stockwerk auf, das sein Halbbruder Jake als Büro benutzte. Er hielt direkt auf den langen Tisch zu, hinter dem Jake saß, knallte die Hände auf die Tischplatte und stützte sein Gewicht darauf. „Sie hat Ja gesagt. Sie kommt.“ Wild entschlossen ignorierte er sein Herz, das seit seinem Zusammentreffen mit Harper etwas ungleichmäßig schlug. „Ich kapiere immer noch nicht, warum du sie nicht einfach selbst einladen konntest. Immerhin geht es um die Grillparty deiner Verlobten.“

Jake löste den Blick vom Bildschirm seines Computers und schaute Max an. „Wie ich dir schon erklärt habe, Bro, bin ich erst seit lausigen vier Tagen wieder in der Stadt und habe einen total knappen Abgabetermin.“

„Warum haben die es denn so eilig?“, erwiderte er, noch immer ganz schön durch den Wind und mehr als bereit, seine schlechte Laune an seinem jüngeren Halbbruder auszulassen. „Du hast doch sowieso nur zehn Tage von den drei Wochen in Afrika ausgehalten und bist früher wieder nach Hause gekommen. Da müsste dir doch noch jede Menge Zeit bleiben?“ Er drückte sich von der Tischplatte ab, verschränkte die Arme vor der Brust und taxierte Jake. „Für einen Typen, der es mal kaum erwarten konnte, hier rauszukommen, scheint es dir in Razor Bay ziemlich gut zu gefallen.“

„Ja.“ Jake lächelte. „Dafür kannst du dich bei Jenny und Austin bedanken.“

„Was du nicht sagst!“ Max’ Halbbruder war im Frühjahr nach Razor Bay zurückgekehrt, um sich um seinen damals dreizehn Jahre alten Sohn Austin zu kümmern, den er zurückgelassen hatte, als er selbst noch ein Teenager gewesen war. Sein ursprünglicher Plan, den Jungen mit nach New York zu nehmen, hatte sich schnell zerschlagen, weil er sich Hals über Kopf in die Hotelmanagerin Jenny Salazar verliebt hatte, die für seinen Sohn so etwas wie eine große Schwester war.

Sein Instinkt sagte ihm, dass hier irgendwas nicht stimmte, und auf seinen Instinkt konnte er sich verlassen. „Warum will Jenny ausgerechnet dann grillen, wenn du einen Abgabetermin hast?“

„Ich habe keinen blassen Schimmer!“

Was schwer zu glauben war. Er starrte Jake mit seinem besten Polizistenblick in Grund und Boden und bemerkte amüsiert, wie sich sein Halbbruder zu winden begann.

„Okay.“ Die Aufmerksamkeit, mit der Jake seinen Bildschirm fixierte, war sehr verdächtig. Vor allem wenn man bedachte, mit welcher Geschwindigkeit er dabei in Wahrheit die Miniaturbilder seiner Fotos anklickte. „Womöglich habe ich ihr nicht so direkt von dem Abgabetermin erzählt.“

„Im Ernst? Nicht direkt erzählt oder keinen Ton erwähnt?“

„Womöglich habe ich es vergessen.“ Jake hob die Schultern und gab es endlich auf, Arbeit vorzuschützen. „Hey, wenn Jenny grillen will, dann soll sie grillen.“ Sein Lächeln war so albern, dass Max sich an seiner Stelle schämen würde.

„Okay. Aber um wieder auf deinen verkürzten Trip zu sprechen zu kommen, warum hat es der National Explorer so eilig?“

„Sie haben von Anfang an nicht damit gerechnet, dass ich drei Wochen für den Job brauche. Und es war vereinbart, dass ich eine Woche nach meiner Rückkehr eine erste Fotoauswahl schicke.“

„Mit anderen Worten ist es also kein knapper Abgabetermin.“

Jake sah ihn unter gerunzelten Brauen an. „Zum Teufel, Max – willst du jetzt vielleicht noch eine Verhörlampe anknipsen?“

„Hey, ich will doch nur verstehen, was los ist. Warum bist du noch nicht weiter, wenn du von der siebentätigen Deadline wusstest?“

„Ähm, ich war die meiste Zeit mit Jenny zugange.“

„Himmel, erzähl mir solchen Kram nicht!“ Max erschauerte unwillkürlich. „Jetzt würde ich am liebsten mein Hirn mit Industriereiniger sauber schrubben, damit ich die Bilder wieder aus meinem Kopf kriege.“ Bis sein Bruder in der Stadt aufgetaucht war, hatte er Jenny nämlich nicht in seinen wildesten Träumen als sexuelles Wesen betrachtet.

Jake schnaubte. „Bitte. Du bist doch bloß neidisch, weil du keine Frau hast.“

Unwillkürlich musste Max an jemanden in einem kleinen Cottage auf dem hinteren Teil des Hotelgrundstücks denken. Harper. An ihre schöne Haut. An ihre großen olivgrünen Augen und die dunklen Korkenzieherlocken. Ihre rauchige Stimme. Er würde seinen linken Hoden dafür geben, wenn er mit ihr …

Ungeduldig schüttelte er den Kopf. „Hey. Ich kann jederzeit eine Frau haben, und zwar einfach so!“ Er schnippte direkt vor Jakes Nase mit den Fingern. Leider interessierte er sich nicht für die Frauen, die er haben könnte, sondern für Harper Summerville, und zwar seit sie mit Jenny vor ein paar Wochen beim Fotoshooting des örtlichen Baseballteams hereingeschneit war.

Mürrisch starrte er seinen Halbbruder an. „Nächstes Mal schickst du einen anderen los. Du bist schließlich Vater, Himmel Herrgott. Warum hast du nicht einfach deinen Sohn damit beauftragt?“

„Hätte ich ja, aber es ist Sommer, er ist vierzehn und mit Nolan und Bailey segeln. Er wird den ganzen Tag unterwegs sein. Davon abgesehen …“ Jake warf ihm einen Seitenblick zu. „War ich nicht immerhin nett genug, dir vorher Kaffee zu kochen?“

„Na und?“

„Hey, und ich habe dir meine Arbeit gezeigt. Dich an der Genialität meiner in zehn Tagen äußerst effektiv entstandenen Fotos teilhaben lassen. Das würde ich nicht mit jedem tun, weißt du.“

„Und das war toll.“ Er ließ seine Stimme absichtlich ironisch klingen, allerdings hatte er es in Wahrheit genossen, mal einen Blick hinter die Kulissen werfen zu dürfen. Schließlich bekam man nicht jeden Tag die Fotos eines bekannten National-Explorer-Fotografen zu Gesicht.

Er schlenderte hinüber zu dem großen Fenster, wo er reges Interesse an einem Adler vortäuschte, der gerade dicht gefolgt von Krähen und einer Möwe über das Gelände flog. Eine Sommerbrise ließ die schweren Äste der Bäume schaukeln.

Dann schob er die Hände tief in die Taschen und schaute seinen Halbbruder über die Schulter an.

Selbst unter Termindruck sah Jake mit seinem teuren Haarschnitt und dem blassgrünen Hundertdollarseidenhemd, das perfekt zu seinen Augen passte, wie ein reicher Schnösel aus.

Max fand es nach wie vor erstaunlich, dass sie inzwischen richtig gut miteinander auskamen, und das, nachdem sie sich ein Leben lang spinnefeind gewesen waren. Wer hätte jemals damit rechnen können? Er jedenfalls nicht, das stand fest. Aber da es nun mal so gekommen war, drehte er sich um. „Es war wirklich ziemlich beeindruckend, wie du diese Unmengen von Fotos gesichtet hast.“ Er zog die Augenbrauen zusammen. „Trotzdem schuldest du mir was.“

„Klar“, entgegnete Jake staubtrocken. „Es war sicher entsetzlich, mit einer hübschen Frau reden zu müssen.“

„Sie ist nicht hübsch, du Idiot, sie ist schön. Aber du hast schließlich selbst schon zweimal miterlebt, wie ich versucht habe, mich mit ihr zu unterhalten.“ Und wie es ihm jeweils die Sprache verschlagen hatte – das war mehr als armselig gewesen. Er war immerhin Deputy – und ehemaliger Marine, Himmelherrgott! Normalerweise konnte er mit jedem reden.

Außer eben mit Frauen, die mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden waren.

„Oh“, murmelte Jake. „Stimmt, das war ziemlich peinlich.“

„Verdammt richtig“, stimmte Max ihm brummend zu. „Wobei ich mich heute ausnahmsweise gar nicht mal so blöd angestellt habe. Was ’ne gute Sache ist. Noch einmal hätte ich es nicht ertragen, mich zu blamieren. Und vergiss mal nicht, dass ich Zugang zu einem kompletten Waffenarsenal habe. Das heißt, ich könnte mich jederzeit von meinen Qualen erlösen.“

Jake zog die Augenbrauen hoch. „Nun komm mal wieder runter. Wir wissen doch beide, dass du ein viel zu hartgesottener Pragmatiker bist, um eine derart endgültige Lösung für ein vorübergehendes Problem zu wählen.“ Er lächelte Max fröhlich an. „Und betrachte es mal von der positiven Seite, Bro – es kann nur noch besser werden.“

„Schön, danke für deine aufbauenden Worte.“ Max schlenderte zur Tür. „Los, zurück an die Arbeit. Ich hab auch noch zu tun – ich kann hier nicht den ganzen Tag vertrödeln. Wir sehen uns dann um sieben bei Jenny.“

Während er die Treppe hinuntertrottete, dachte er: Dein Wort in Gottes Ohr. Wenn es nach ihm ginge, konnte es gar nicht schnell genug besser werden. Er ließ die Fliegengittertür hinter sich zuknallen. Nicht mal annähernd schnell genug.

Denn er hatte es wirklich satt, in Harper Summervilles Nähe loszustottern wie ein Dreizehnjähriger beim Anblick seiner ersten großen Liebe.

2. KAPITEL

Max knallte die Autotür zu, überquerte den kleinen Parkplatz und hielt schnurstracks auf Jennys Cottage zu. Mit zwei großen Schritten eilte er die Treppe zum Windfang hinauf.

Er kam nicht absichtlich zu spät. Nach seinem Besuch bei Jake war er zum Cedar Village gefahren, einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche ein paar Meilen außerhalb der Stadt.

Er war selbst früher ein zorniger Teenager gewesen, er kannte diese unkontrollierbare Wut nur zu gut und wusste, wie schnell man abrutschen konnte. Und weil er diese Kids so gut verstand, war es ihm so wichtig, ihnen in seiner Freizeit ein bisschen unter die Arme zu greifen.

Jedenfalls hatte er mal wieder vollkommen die Zeit vergessen, wie eigentlich jedes Mal. Die Jungen hatten ihn in ein ziemlich spannendes Basketballspiel verwickelt – dass sie ihn überhaupt gebeten hatten, mitzuspielen, war ein gutes Zeichen. Hätte er abgelehnt, hätten sie ihn vielleicht nie wieder gefragt. Und das hatte er nicht riskieren können.

Danach war er schnell nach Hause gefahren, um zu duschen und sich umzuziehen. So zwanglos Jennys Einladungen auch sein mochten, sie konnte wohl erwarten, dass er frisch rasiert und geduscht bei ihr auftauchte. Zumal sein Halbbruder Jake, die Liebe ihres Lebens, immer aussah wie der aktuellen GQ-Ausgabe entsprungen. Nicht auszumalen, was sie zu einem Kerl sagen würde, der stank, wie nur ein Mann stinken konnte, der sich gerade auf dem Basketballplatz verausgabt hatte.

Er strich sich mit der Hand glättend über das marineblaue T-Shirt, das er fest in die Jeans gesteckt hatte, damit die Knitterfalten nicht zu sehr zu sehen waren. Mit einem Sixpack Fat Tire unterm Arm – das Jake lieber trank als Budweiser – klopfte er an die Tür.

Als sie aufgerissen wurde, hörte er Geschirrgeklapper und Frauengelächter aus der Küche. Er blickte in das Gesicht seines Neffen Austin.

„Hey Kumpel!“ Der Vierzehnjährige, der nur aus Armen und Beinen zu bestehen schien, grinste ihn an. „Gott sei Dank – wir brauchen unbedingt Verstärkung. Jenny hat viel mehr Frauen als Männer eingeladen.“

„Ach, viel mehr, von wegen.“ Jenny kam in den Windfang, ihr braunes Haar schimmerte im Licht. „Ich habe bloß ein paar Frauen eingeladen, die noch nichts vorhatten. Hallo, Max.“ Sie durchquerte den kleinen Raum.

Da er sie so langsam kannte, beugte er sich zuvorkommend nach vorn, um sich von ihr umarmen zu lassen. Diese ständige Umarmerei, egal ob jemand kam oder ging, war ihm ziemlich fremd, weshalb er sie auch immer steif wie ein Stock über sich ergehen ließ. Doch das schien Jenny nichts auszumachen.

Und irgendwie fand er es ja auch nett – obwohl er sich jedes Mal wie ein Fremdkörper fühlte, der eigentlich nicht hierhergehörte.

Jenny war eine winzige Frau, was ihr selbst aus irgendeinem Grund nicht bewusst zu sein schien, und sie drückte ihn noch einmal fest, bevor sie einen Schritt zurückwich. „Die Männer sind draußen auf der Veranda und kümmern sich um den Grill.“ Sie tätschelte seinen Arm. „Am besten bringst du ihnen gleich das Bier – eine Kühlbox voll Eis steht gleich rechts von der Tür.“ Sie wandte sich an Austin. „Und was hast du überhaupt in der Nähe der Küche zu suchen, wenn du dich bei all den Frauen so unwohl fühlst?“

Der Junge baute sich vor ihr auf. „Ich fühle mich nicht unwohl“, protestierte er. „Ich habe nur gesagt, dass es ziemlich viele und wir Typen zahlenmäßig unterlegen sind. Und ich bin nur hier, weil ich das Krocket-Set suche. Dad meinte, wir könnten nach dem Essen eine Runde spielen.“

„Dann nehme ich alles zurück.“ Sie hob die Hände und zerzauste ihm sein Haar. „Das Set ist im Schuppen.“

Austin grinste sie an, dann jagte er nach draußen.

Selbst nicht ganz sicher, ob er in der Lage wäre, jetzt eine Küche voller Frauen zu betreten, wich Max einen Schritt zurück. „Nun, dann geh ich mal direkt auf die Veranda. Schöner Abend, hm?“

Sie warf ihm ein blitzendes Lächeln zu, das ziemlich sicher Folgendes bedeutete: Wem willst du hier eigentlich was vormachen? Aber sie war wirklich so ein netter Mensch, wie er immer schon vermutet hatte, denn sie strich ihm einfach nur über den Arm und sagte: „Und wie schön!“

Jennys beste Freundin steckte ihren rotblonden Schopf durch die Küchentür. „Jen, wir suchen … oh, hallo, Max.“

„Hallo, Tasha. Wie geht’s denn so?“

„Ziemlich klasse.“ Sie beäugte ihn interessiert, wie er so dastand mit einem Fuß im Raum und dem anderen schon halb auf der Treppe. „Kommst du nicht rein?“

„Ich wollte gerade nach vorn auf die Veranda gehen und den Jungs Hallo sagen.“

Sie schaute ihn fragend an. „Eingeschüchtert von den vielen Frauen in der Küche, wie?“

„Absolut – obwohl ich nicht mal weiß, um wie viele es sich überhaupt handelt.“ Auf einmal ging ihm auf, wie albern er sich aufführte, und er musste lächeln.

Tasha blinzelte. „Wow, das solltest du wirklich öfter tun.“

„Was?“

„Lächeln“, antwortete Jenny für ihre Freundin. „Du hast ein unglaubliches Lächeln, nur leider bekommt man es fast nie zu sehen.“

„Weil ich es mir für die hübschesten Mädchen aufspare“, meinte er mit einem seltenen Anflug von Charme. „Uuuuund … ich gehe jetzt besser wirklich auf die Veranda.“

Er hörte sie lachen, als er die Treppe hinunterging.

Einen Moment später sah er, dass Jake mit Mark, dem Vater von Austins bestem Freund, auf der Veranda stand. „Mensch, das ist alles? Dann hat Austin ja nicht übertrieben, als er sagte, dass viel mehr Frauen als Männer hier wären.“

„Wendy Chapman hat ihren neuen Freund mitgebracht“, meinte Mark, dann zuckte er die Achseln. „Aber der ist noch frisch verliebt und hängt lieber bei den Frauen in der Küche rum.“

Sie alle schüttelten ungläubig den Kopf.

Jake betrachtete das Sixpack Bier und begann zu lachen. „Hey, du hast ja tatsächlich das gute Zeug mitgebracht. Hervorragend. Aber für dich sind auch ein paar Flaschen Budweiser in der Kühlbox.“

Max ignorierte das warme Gefühl, das in ihm aufstieg, angelte eine Flasche Budweiser aus der Kühlbox und verstaute dann die Fat-Tire-Flaschen. Er trank sein Bier und gab ein paar Tipps, wie die Steaks am besten gegrillt werden sollten – denn, mal ehrlich, welcher Mann konnte schon seine Meinung für sich behalten, wenn es um Feuer, scharfes Werkzeug und rohes Fleisch ging?

Als Jenny einen Freiwilligen suchte und Jake sich weigerte, die Grillgabel aus der Hand zu legen, bot er sich an, den langen Tisch aufzubauen. Danach bekam er ein paar der Frauen zu Gesicht, als sie den Tisch mit bunten Plastiktellern, Besteck und Servietten deckten. Sie stellten sogar eine Vase mit Blumen in die Mitte.

Und dann brachte Harper eine große Schüssel Salat auf die Veranda, und er musste sich zwingen, sie nicht anzustarren – also die Frau, nicht den Salat.

Manchmal umgab sie eine würdevolle Ruhe, die sie wie eine Königin wirken ließ. Vielleicht lag es aber auch einfach an ihrem Aussehen, ihrer exotischen Hautfarbe, den langen Gliedern, dem schönen Knochenbau. Oder an ihrer stolzen Haltung. Himmel, vielleicht waren es auch die vollen Lippen und die schweren Lider, die sie so distanziert wirken ließen. Woran auch immer es lag, diese Ruhe jedenfalls unterstrich ihre Reiche-Mädchen-Ausstrahlung, die ihn jedes Mal zum Stottern brachte, nur noch mehr.

Er wusste selbst nicht, warum er sich in Gegenwart solcher Frauen immer derart unwohl fühlte. Bestimmt hatte es nichts mit seiner Schwärmerei für Heather Phillips in der sechsten Klasse zu tun. Seine Mutter hatte ihm damals mit der ihr typischen Verbitterung erklärt, dass so ein Mädchen für jemanden wie ihn viel zu reich wäre.

Und dass er besser nicht damit rechnen sollte, jemals zu irgendeiner Party dieser Kids eingeladen zu werden. Natürlich hatte ihn ihre Meinung nicht interessiert, meistens war er in der Lage gewesen, Angie Bradshaws Negativität einfach von sich abprallen zu lassen. Zum Glück, sonst wäre er am Ende noch genauso geworden wie sie.

Aber um auf Harper zurückzukommen, man musste es ja auch nicht übertreiben. Heute Vormittag hatte er sich doch recht gut gehalten. Und sie, mit dem Hintern wackelnd und lauthals irgendein Lied singend, das nur sie hören konnte, hatte auch nicht direkt unterkühlt gewirkt. Genauso wenig wie jetzt, als sie mit Tasha weitere Salate, Brot und eine Obstplatte nach draußen brachte. Sie lachte laut und strahlte eine Fröhlichkeit aus, ein Charisma, das geradezu elektrisierend war.

„Das Fleisch ist fertig“, verkündete Jake und begann, die Steaks auf einen Teller zu stapeln.

Jenny brachte gerade einen Krug Sangria auf die Veranda, der fast so groß war wie sie selbst, und Mark ging um das kleine Cottage herum, um die Kinder zum Essen zu rufen, die gerade ihren Krocket-Kurs aufbauten. Einen Moment lang, als alle sich auf ihre Plätze setzten, herrschte ein heilloses Durcheinander.

Während die Teller und Schüsseln herumgereicht wurden, betrachtete Max die Anwesenden genauer. Austin, sein Freund Nolan und seine Freundin Bailey, außerdem Nolans kleiner Bruder. Bei den Singlefrauen handelte es sich um Tasha, Harper und Sharon – Letztere kannte er kaum, da sie damals einen Mann geheiratet hatte, der mindestens fünfzehn Jahre älter als Max war. Vor einigen Jahren hatten die beiden sich scheiden lassen. Sharon, Leiterin des Housekeeping im Hotel, war in der Stadt geblieben, während ihr Mann sich ein neues Leben in Tacoma aufgebaut hatte. Außerdem am Tisch: er, Jake und Jenny, Mark und seine Frau Rebecca, daneben Wendy, der der Salon Wacka Do in der Harbor Street gehörte, mit ihrem neuen Freund Keith.

Als die Platten einmal die Runde gemacht hatten, beruhigten sich das Gelächter und das Gerede etwas, und alle begannen zu essen.

Etwas später lehnte Tasha sich vor, um Harper über den Tisch hinweg anzusehen. „Ich habe Ihre Anzeige in der neuen Hotelbroschüre gesehen. So einen Yogakurs könnte ich wirklich gut gebrauchen. Ich bin viel zu steif.“ Sie musterte Harper. „Was man von Ihnen nicht gerade sagen kann. Sie sehen ganz schön biegsam aus.“

Harper warf ihr dieses Lächeln zu, das ihr Aussehen komplett veränderte. Es war breit und zeigte nicht nur strahlend weiße Zähne, die aussahen, als ob jemand ein Vermögen darin investiert hätte, sondern auch einen guten Teil ihres gesunden Zahnfleischs. „Dann sollten Sie unbedingt mal vorbeikommen. Jenny hat bestimmt nichts dagegen, auch wenn Sie kein Hotelgast sind.“

„Natürlich nicht“, rief Jenny grinsend. „Nur zu!“

Tasha stieß ihr freundschaftlich in die Seite, dann sagte sie an Harper gewandt: „Ich würde das Angebot ja gern annehmen – aber leider finden die Kurse während meiner Arbeitszeit statt.“

„Stimmt ja. Ihnen gehört dieser Pizzaladen in der Stadt, richtig?“

„Ja. Bella T’s.“

„Ich hatte bisher noch keine Gelegenheit, vorbeizukommen, aber die Pizza soll fantastisch sein.“

„Die beste Pizza der Welt“, erklärte Austins Freund Nolan mit vollem Mund.

Mark zerraufte das Haar seines Sohns, lächelte dabei aber Harper an. „Hätte mit leerem Mund zwar besser geklungen, aber recht hat er trotzdem.“

„Dann muss ich auf jeden Fall bald einmal kommen.“ Sie sah Tasha an. „Und wegen des Yogakurses sollten wir uns nach dem Essen noch mal unterhalten. Bestimmt finden wir eine Uhrzeit, die für uns beide funktioniert.“

„Was haben Sie denn gemacht, bevor Sie hierherkamen?“, fragte Marks Frau Rebecca.

„Ein bisschen von allem – sehr zum Entsetzen meiner Mutter. Seit wir wieder in Amerika sind, habe ich alles Mögliche gemacht. Ich habe bei Nordstrom gearbeitet, außerdem für eine Collegezeitung und als Projektmanagerin für ein mittelständisches Bauunternehmen …“

Max wollte sie zwar nicht unterbrechen, platzte aber trotzdem mit seiner Frage heraus: „Warum waren Sie länger nicht in Amerika?“ Und wer ist wir?

Mit zur Seite geneigtem Kopf sah sie ihm in die Augen. „Die lange oder die kurze Version?“

„Die lange“, riefen alle Frauen fast gleichzeitig.

„Okay.“ Wenn sie lachte, waren ihre olivgrünen Augen unter den langen Wimpern nur halb zu sehen. „Meine Eltern haben sich auf dem College kennengelernt und innerhalb von drei Monaten geheiratet. Mom ist zu jeweils einem Drittel Kubanerin, Afroamerikanerin und Waliserin. Mein Daddy war das einzige Kind einer alteingesessenen Familie in Winston-Salem. Seine Eltern waren von der Hochzeit ganz und gar nicht begeistert. Sie schlugen sogar vor, sie annullieren zu lassen.“ Sie schüttelte den Kopf, ein kleines nostalgisches Lächeln umspielte ihre Lippen. „Sie müssten meinen Vater kennen, um zu ahnen, was für ein Fehler dieser Vorschlag gewesen war. Meine Großeltern waren zwar in Wahrheit nicht so dumm, aber sie hatten wohl Angst davor, was ihre Freunde sagen könnten.“ Sie schnitt eine Grimasse. „Wie auch immer, daraufhin hat mein Dad beschlossen, Amerika zu verlassen. Wir haben überall auf der Welt gelebt, ich wurde in Amsterdam geboren, mein Bruder Kai in Dubai.“

„War das nicht schwer?“, fragte Jenny. „Immer umziehen zu müssen?“

„Nein, nicht für mich. Ich bin da wie mein Vater. Wir fanden es immer großartig, neue Orte und Menschen kennenzulernen. Kai und meine Mutter waren allerdings weniger begeistert.“ Ein kurzer Schatten fiel über ihre Augen. „Das ist wohl auch der Grund, warum meine Mutter es nicht so gern sieht, dass ich noch immer durch die Gegend ziehe. Sie und mein Bruder waren heilfroh, als sie endlich einen festen Wohnsitz hatten. Es wurmt sie, dass ich nicht genauso bin.“

Tasha stützte ihr Kinn auf die Hand. „Und haben Ihre Eltern sich jemals mit Ihren Großeltern versöhnt?“

„Ja, sogar ziemlich schnell. Ich selbst kann mich an den Bruch überhaupt nicht erinnern, ich habe nur davon gehört. Es dauerte nicht lange, und sie haben meine Mom fast genauso geliebt wie mein Dad. Sie waren die tollsten Großeltern, die man sich vorstellen kann.“ Ihr Lächeln erhellte die ganze Runde, und in Max’ Brust rührte sich etwas.

Jake, der für seine Zeitschrift viel auf Reisen war, fragte Harper über verschiedene Länder aus, in denen sie gelebt hatte, und sie begannen, ihre Eindrücke zu vergleichen. Max hörte stumm zu … und kämpfte dabei schwer gegen ein aufsteigendes Gefühl von Neid an. Zu viele Jahre seines Lebens hatte er damit verschwendet, seinen Halbbruder zu hassen, doch leider förderte Harpers aufregende Lebensgeschichte wieder seine alte Unsicherheit zutage. Ihre Welten lagen so unendlich weit auseinander, und zu sehen, mit welcher Leichtigkeit Jake mit ihr plauderte, ließ die alten Ressentiments erneut hochkommen.

Doch das durfte er nicht zulassen. Auf keinen Fall wollte er wieder in diesem dunklen Morast aus verdrehten Emotionen versinken, nicht jetzt, wo es zwischen ihm und Jake so gut lief.

Ihr gemeinsamer Vater hatte Max und seine Mutter verlassen, als Max noch ein kleiner Junge gewesen war. Wenn Charlie Bradshaw damals einfach aus der Stadt verschwunden wäre, so wie er es später tat, als er auch Jakes Mutter verließ, dann wäre es vielleicht leichter gewesen. Oder wenn Max eine andere Mutter gehabt hätte …

Ungeduldig hob er eine Schulter. So war es aber nun mal nicht gewesen. Charlie gehörte zu den Männern, die sich immer nur um ihre aktuelle Familie kümmerten. Also in Max’ Fall um Jake und die zweite Mrs Bradshaw. Er hatte seinen alten Herrn ab und zu mit ihnen zusammen gesehen, denn Razor Bay war eine verdammt kleine Stadt. Und jedes Mal hatte Charlie sich Jake gegenüber als Dad aufgespielt, während Max für ihn mehr oder weniger Luft war.

Obwohl in Erinnerungen versunken, war er sich Harpers Gegenwart auf der anderen Seite des Tisches die ganze Zeit über vollkommen bewusst. Deshalb bemerkte er auch, dass sie gerade die Hand nach dem Sangriakrug ausstreckte. Der Krug war noch ziemlich voll, der Abstand nicht optimal, und er sah, dass er nach vorn kippte. Schnell sprang er auf, beugte sich über den Tisch und legte seine Hand über ihre.

Es war, als ob er ein Stromkabel angepackt hätte. Hitze jagte wie ein Blitz durch seine Venen, und es hätte ihn nicht überrascht, wenn jemand angefangen hätte, auf seinen Kopf einzuschlagen und zu brüllen, dass sein Haar Feuer gefangen hätte. Er fragte sich, ob sie es auch spürte oder ob die ganze Sache bei ihm begann und auch endete. Sie saß bewegungslos da, ihre Augen hingen an ihm und waren genauso erstaunt gerundet wie ihre Lippen. Aber das konnte natürlich auch daran liegen, dass er ihr zu Hilfe geeilt war wie eine tätowierte, aufgepumpte Version von Superman.

Sobald der Krug wieder sicher auf dem Tisch stand, riss er die Hand zurück und ließ sich wieder auf seinen Stuhl fallen.

Dann tat er sein Bestes, um den Reststrom, der noch immer durch ihn hindurchzischte, zu ignorieren. Er vermied es, sie noch einmal anzusehen, und zog sich wieder in seine sichere und vertraute Gedankenwelt zurück, in der es um seine alte Feindschaft mit Jake ging.

Seine Mom hatte die ganze Situation auch nicht gerade besser gemacht, was er erst kapiert hatte, als er alt genug war, die ganze Sache aus einer erwachsenen Perspektive zu betrachten. Wenn Angie Bradshaw eine andere Frau gewesen wäre, hätte die Trennung seiner Eltern bei ihm keinen so großen Schaden angerichtet. Schließlich war er gerade mal zwei Jahre alt gewesen, als Charlie sich davonmachte. Die einzigen Erinnerungen, die er an seinen Vater hatte, rührten von den Familienvideos her, die dieser zurückgelassen hatte.

Seine Mutter aber gehörte nicht zu den Menschen, die loslassen konnten. Kaum ein Tag war damals vergangen, an dem sie ihn nicht daran erinnerte, was sie verloren hatten. Alles, was er zu hören bekam, waren giftige Geschichten über diese Nutte, die ihm den Vater weggenommen hatte, und über seinen Halbbruder, diesen kleinen Scheißer, der nun alles bekam, was eigentlich ihm zustand.

Dass sein Halbbruder ein guter Schüler war und mit den wohlhabenden Kids von Razor Bay herumhing, während er nur durchschnittliche Noten bekam, mit einer eher wilden Clique unterwegs war und ab und zu in Schwierigkeiten geriet, machte das Ganze auch nicht gerade besser.

Deswegen wohl hatte er solche Probleme mit den Goldlöffel-Mädchen. Sie waren schlichtweg die weibliche Version von Jake.

„Max?“

Harpers Stimme riss ihn aus seinen Gedanken, und es dauerte einen Moment, bis er begriff, dass sein Name wohl nicht das Erste war, was sie zu ihm gesagt hatte. Als er sie jetzt über den Tisch hinweg ansah, zog sich sein Herz wieder so töricht zusammen wie jedes Mal, wenn sie ihm unter die Augen kam.

Er räusperte sich. „Entschuldigen Sie. Ich habe gerade über die Arbeit nachgedacht“, log er ohne Bedenken. „Was sagten Sie?“

„Ich habe Sie bloß gefragt, was Sie heute noch gemacht haben, nachdem wir uns gesehen haben.“

Gut, endlich mal etwas, worüber er tatsächlich gern sprach. „Ich war im Cedar Village.“ Überrascht stellte er fest, dass sie zu wissen schien, was er damit meinte. Er hob die Augenbrauen. „Sie haben schon davon gehört?“

„Ja, irgendjemand hat den Namen mal erwähnt, auch wenn ich nicht mehr weiß, wer. Es handelt sich um eine Art … Jugendcamp?“

Jake gab ein Schnauben von sich, und Max schaute sie schief lächelnd an. „Achten Sie gar nicht auf ihn, er ist der Ansicht, dass es sich eher um eine Besserungsanstalt handelt. Aber genau genommen ist es ein Heim für verhaltensauffällige Kinder – Jungen. Und, ja, die meisten von ihnen haben schon mal in Schwierigkeiten gesteckt. Doch in ihrem Alter war ich genauso, und …“

„Und seht nur, was aus ihm geworden ist.“

Die Ironie in der Stimme seines Bruders – seines Halbbruders – brachte ihn zum Grinsen. „Ich weiß, ’ne ganze Menge, richtig? Zum Beispiel habe ich im Gegensatz zu dir einen richtigen Job, statt nur mit Kameras herumzuspielen.“

Harper starrte ihn an, und sein Lächeln erlosch, seine Befangenheit kehrte zurück. Doch seine Arbeit mit den Cedar-Jungen war zu wichtig, deswegen riss er sich am Riemen und sprach weiter: „Wie auch immer, die meisten dieser Jungen kommen aus wirklich beschissenen Verhältnissen – kaputte Familien, Mutter oder Vater drogensüchtig, manchmal auch beide. Die Eltern unserer Jugendlichen sind zwar nicht gewalttätig, aber manche vernachlässigen ihre Kinder ganz bewusst, andere wiederum müssen den ganzen Tag arbeiten, damit was zu essen auf den Tisch kommt. Ganz wenige der Jungen stammen aus intakten Familien und sind aus anderen Gründen auf die schiefe Bahn geraten. Sie alle jedenfalls brauchen die Aufmerksamkeit und die Stabilität, die ihnen die Betreuer im Cedar Village bieten können.“

„Und das sind Sie – Betreuer? Und Deputy?“

„Ich?“ Jetzt musste er wieder leicht grinsen. Er schüttelte den Kopf. „Nein. Ich bin im Verwaltungsrat, aber ich verbringe oft einfach etwas Zeit mit den Jungen. Aber wo wir gerade von meiner Position im Verwaltungsrat sprechen …“

Alle außer Marks jüngstem Sohn und diese Frau namens Sharon stöhnten auf. Max lachte laut. „Sehr richtig, meine Damen und Herren. Jetzt heißt es Karten auf den Tisch oder Klappe halten. Unser Pancake-Benefiz-Frühstück findet nächsten Sonntag statt. Ich weiß, dass die meisten von euch bereits Eintrittskarten haben, aber wir brauchen noch Freiwillige, die helfen. Ich habe ganz zufällig Anmeldeformulare in meinem Wagen.“

„Dürfen wir aufstehen?“ Austin schob hastig seinen Stuhl zurück. Bailey und Nolan folgten seinem Beispiel. „Wir müssen noch den Krocket-Kurs aufbauen.“

„Das betrachte ich mal als Ja“, sagte Max. „Wollt ihr lieber bedienen oder in der Küche helfen?“

„Ach Mann! Müssen wir?“

„Natürlich arbeiten an dem Tag auch einige Jungen aus dem Heim mit, aber das reicht nicht.“ Er sah seinem Neffen in die Augen. „Diese Jungen haben es nicht so leicht gehabt wie du. Es ist für einen guten Zweck.“

Austin seufzte, nickte aber. Und seine Freunde ebenfalls. Jetzt richtete Max seine Aufmerksamkeit auf die Erwachsenen.

„Mich brauchen Sie gar nicht anzusehen“, sagte Sharon. „Diese Jungen machen mir eine Heidenangst.“

„Ach, kommen Sie. Es sind doch nur Kinder.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Spielt keine Rolle, sie machen mir trotzdem Angst. Aber ich werde eine Eintrittskarte kaufen.“

Natürlich war er nicht dumm genug, sich darüber zu ärgern, trotzdem musste er sich ziemlich anstrengen, um freundlich zu entgegnen: „Danke, das hilft auch schon. Möchten Sie lieber um acht oder um halb zehn kommen?“

„Um acht.“

„Ich könnte mithelfen“, sagte Harper.

Max riss den Kopf herum. Oh ja, Baby. Nachdem er seine Libido streng ermahnt hatte, die Klappe zu halten und sich wieder zu setzen, hob er eine Augenbraue. „Wirklich?“

„Aber sicher. Ich habe nächsten Sonntag frei, und auf diese Weise könnte ich die Leute im Ort besser kennenlernen. Ich würde gern bedienen.“

„Hervorragend. Vielen Dank.“ Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah sich um. „Also, wunderbar, das ist doch mal ein super Anfang. Was ist mit dem Rest von euch?“ Er machte eine für ihn untypisch ausladende Handbewegung. „Treten Sie vor, Ladies und Gentlemen. Die Schlange beginnt hier links.“

3. KAPITEL

Tiefes, lautes, männliches Gelächter dröhnte aus der Küche des Gemeindezentrums hinaus bis zur Theke, wo Harper gerade eine riesengroße Platte mit Pancakes hochhob. Einen Moment lang erstarrte sie mitten in der Bewegung, das Geplapper und Geschirrgeklapper an den voll besetzten Tischen trat in den Hintergrund, als sie sich nach der Quelle des Gelächters umsah.

Nicht dass ein Zweifel daran bestanden hätte, aus wessen breiter Brust es gekommen war. Gut, sie hatte es bisher erst ein einziges Mal gehört, aber dieses Lachen war einfach unverwechselbar. Genauso wie dieses Lächeln, das sie jedes Mal förmlich umhaute – doch sein Lachen … das war wie eine Dampfwalze, die sie einfach überrollte.

Wobei sie allerdings nicht vergessen durfte, dass ihr Interesse an ihm einseitig war. Das wusste sie spätestens, seit sie beinahe diesen Sangriakrug umgestoßen hätte. Max’ Hand auf ihrer hatte gereicht, um einen Stromstoß durch ihren Körper zu jagen, ähnlich wie bei ihrem allerersten Zusammentreffen, als sie aus Versehen seinen nackten Unterarm berührt hatte. Die Hitze, die er ausstrahlte. Natürlich war die Haut eines Menschen niemals wärmer als die eines anderen, und doch bestand ihr Verstand darauf, genau das zu glauben.

Warum? Sie schüttelte leicht den Kopf. Da die Antwort darauf sowieso keine Rolle spielte, hatte es auch keinen Sinn, weiter darüber nachzudenken. Sie mochte zwar diesen Stromschlag gespürt haben, doch er hatte seine Hand so schnell weggerissen, als ob er ohne Chemikalienschutzanzug mit Giftmüll in Berührung gekommen wäre.

Sie sah, dass er an dem gewaltigen Herd in der Küche stand und die ganzen Jungen um sich herum mindestens um einen Kopf überragte. Mit den braunen Tribal-Tattoos, der zerrissenen Jeans und dem strahlend weißen, mit Teig bekleckerten T-Shirt, das um seine breiten Schultern spannte, sah er wie ein Hell’s Angel aus. Das ausgebleichte blaue Tuch, das er um sein dunkles Haar geschlungen hatte, verstärkte diesen Eindruck nur noch.

Doch sein Gesicht leuchtete, seine Zähne blitzten mindestens so weiß wie sein T-Shirt, und die meisten Jungen starrten ihn an wie einen Rockstar. Angesichts der Tatsache, dass sie ihn selbst wie hypnotisiert beobachtete, konnte sie ihnen das wirklich nicht verdenken. Wahrscheinlich kannten sie ihn auch mit eher ernstem und strengem Gesicht.

Widerwillig richtete sie die Aufmerksamkeit wieder auf ihre eigentliche Aufgabe, drehte sich um und trug das Tablett zu einem der langen Tische. „Wer möchte noch Pfannkuchen?“, fragte sie fröhlich und blickte nur ein einziges Mal über ihre Schulter zurück, um sich zu versichern, dass Max aus diesem Winkel nicht mehr zu sehen war.

Überwiegend männliche Begeisterungsschreie beantworteten ihre Frage, und lachend und plaudernd legte sie jedem, der Interesse bekundete, einen frischen Pfannkuchen auf den Teller.

„Haben Sie noch genug Sirup?“, fragte sie, und als die Antwort nein war, winkte sie einen der Freiwilligen zu sich, damit er die fast leere Flasche durch eine volle ersetzte. Außerdem bat sie zwei weitere freiwillige Helfer, die leeren Gläser mit Wasser oder Orangensaft aufzufüllen.

„Megan, Joe, hallo!“ Mit der Gabel reichte sie zwei Hotelgästen, die am Tag zuvor bei ihrer Kajaktour mitgemacht hatten, die Pfannkuchen. „Wie schön, dass Sie es einrichten konnten!“

Joe grinste. „Das sind wirklich gute Pfannkuchen. Wir sind sehr froh, dass Sie uns davon erzählt haben.“

Sie lachte. Die Pfannkuchen waren in Ordnung, aber meilenweit von wirklich gut entfernt. Zumindest aber gab es genug davon, und die Stimmung im Raum war aufgekratzt, was den Genuss höchstwahrscheinlich um einiges steigerte.

Als ihr am nächsten Tisch die Pfannkuchen ausgingen, eilte sie zurück Richtung Küche und rannte dabei beinahe Tasha über den Haufen.

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