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Him (01) – Mit ihm allein

SARINA BOWEN & ELLE KENNEDY

HIM

Mit ihm allein

Roman

Ins Deutsche übertragen von
Melike Karamustafa

Zu diesem Buch

Jamie Canning hat keine Ahnung, wie er sich verhalten soll, als er Ryan Wesley zum ersten Mal nach vier Jahren wieder gegenübersteht. Er und Wes waren einst beste Freunde und verbrachten als Jugendliche jeden Sommer gemeinsam im Eishockey-Trainingscamp. Doch dann führte eines Abends eine betrunkene Wette dazu, dass sie miteinander im Bett landeten, und von einem Tag auf den anderen brach Wes den Kontakt zu ihm ab. Jamie hat nie verstanden, warum, schließlich ist doch er derjenige, der eigentlich auf Frauen steht, und nicht Wes! Als ihre Teams bei den Collegemeisterschaften aufeinandertreffen, ist er deshalb fest entschlossen, ihre Freundschaft wieder aufleben zu lassen. Allerdings hat er nicht mit dem Gefühlschaos gerechnet, das Wes plötzlich in ihm hervorruft. Jamie ist völlig überfordert von der Art, wie sein Körper – und sein Herz – auf den anderen Mann reagieren. Und als er das Angebot erhält, gemeinsam mit Wes als Trainer in ihr altes Camp zurückzukehren, weiß er ganz genau, dass nach diesem Sommer nichts mehr sein wird wie zuvor …

1

Wes

April

Die Schlange im Café ist ziemlich lang, aber ich weiß, dass ich es trotzdem rechtzeitig zur Eissporthalle schaffen werde. Manchmal läuft einfach alles wie geschmiert.

Am Wochenende hat mein Eishockeyteam die ersten beiden Runden des NCAA-Playoffs für sich entschieden, und jetzt bereiten wir uns auf die Finalserie der nationalen Collegemeisterschaft vor, die Frozen Four. Außerdem habe ich es irgendwie geschafft, eine Zwei minus für meine letzte Hausarbeit in Geschichte zu bekommen, die ich in einer Art Erschöpfungskoma geschrieben habe. Und mein messerscharfer Verstand sagt mir, dass der Typ vor mir auf keinen Fall einen komplizierten Drink mit tausend Zutaten bestellen wird. So wie er angezogen ist, scheint er eher von der schlichten Sorte zu sein.

Wie gesagt, es läuft gerade richtig gut für mich. Die Kufen meiner Schlittschuhe sind scharf, und das Eis ist spiegelglatt.

Der Langweiler vor mir ist an der Reihe. »Einen kleinen Kaffee. Schwarz bitte.«

Versteht ihr jetzt, was ich meine?

Ich will gerade den Mund öffnen, um meine Bestellung aufzugeben, als die junge Barista loskreischt. »Ohmeingottohmeingott, Ryan Wesley! Herzlichen Glückwunsch!«

Ich habe keine Ahnung, wer sie ist. Aber die Jacke, die ich trage, macht mich zu einem Rockstar – zumindest für diese Woche. »Danke, Süße. Könnte ich bitte einen doppelten Espresso bekommen?«

»Aber klar, sofort.« Sie gibt meine Bestellung an ihren Kollegen weiter und fügt mit einem Lächeln in meine Richtung hinzu: »Und zwar fix! Schließlich hat hier jemand eine Meisterschaft zu gewinnen.«

Und, wer hätte das gedacht? Der Kaffee geht aufs Haus.

Ich stopfe fünf Dollar in die Trinkgeldbox und mache mich schnell aus dem Staub. Meine Stimmung könnte nicht besser sein, als ich den Vorführraum im Eisstadion der erstklassig ausgestatteten Trainingseinrichtung der Northern Mass Universität betrete. Ich liebe Hockey, mehr als alles andere. In wenigen Monaten werde ich in die Profiliga wechseln, und ich kann es verdammt noch mal kaum erwarten.

»Ladys«, begrüße ich meine Teamkollegen und lasse mich auf meinen üblichen Platz fallen.

Die Sitzreihen sind in einem Halbkreis um einen riesigen Bildschirm an der Stirnseite des Raums angeordnet und die Stühle mit Leder gepolstert. Jep, alles nur vom Feinsten.

Ich sehe zu Landon hinüber, einem unserer neuen Defensivspieler, gerade erst im ersten Collegejahr. »Du siehst ziemlich grün im Gesicht aus, Kumpel.« Ich grinse. »Tut das Bäuchlein noch weh?«

Landon zeigt mir den Stinkefinger, aber die Geste wirkt nicht sehr überzeugend. Er sieht wirklich krank aus, was mich kaum wundert. Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, hat er so inbrünstig an einer Whiskyflasche genuckelt, als wolle er sie dazu bringen, abzuspritzen.

»Mann, du hättest ihn sehen sollen, als wir nach Hause gelaufen sind«, meldet sich Donovan, ein Student im dritten Jahr, zu Wort. »Er hat versucht, die Statue vor der Südbibliothek zu vögeln – in seinem scharfen weißen Slip.«

Das Team bricht in brüllendes Gelächter aus. Ich bilde keine Ausnahme, vor allem weil ich weiß, dass es sich bei der Statue um ein in Bronze gegossenes Pferd handelt. Ich nenne es schlicht den Ackergaul, aber ich vermute, dass es ein Denkmal für irgendeinen stinkreichen Ehemaligen der Uni ist, der vor hundert Jahren die Olympischen Spiele im Springreiten gewonnen hat.

»Du hast versucht, den Ackergaul zu besteigen?«, frage ich Landon und kann mir das Grinsen nicht verkneifen.

Nervöse rote Flecken breiten sich auf seinen Wangen aus. »Nein«, sagt er mürrisch.

»Oh, doch«, korrigiert ihn Donovan.

Die Jungs lachen sich immer noch halb tot, aber ich bin abgelenkt von dem boshaften Grinsen, das Shawn Cassel in meine Richtung aussendet.

Ich könnte Shawn wohl als meinen besten Freund bezeichnen. Vom ganzen Team ist er derjenige, der mir am nächsten steht, und ja, wir hängen auch nach dem Training zusammen ab. Aber »bester Freund« ist kein Begriff, mit dem ich wahllos um mich werfe. Ich habe Freunde. Sogar eine ganze verdammte Menge davon. Aber ob mich einer von ihnen wirklich kennt? Eher nicht. Cassel kommt der Bezeichnung nur ziemlich nah.

Ich sehe ihn an und verdrehe die Augen. »Was?«

Er zuckt mit den Schultern. »Landon ist nicht der Einzige hier, der letzte Nacht Spaß hatte.« Er hat die Stimme gesenkt, was vollkommen unnötig ist, da unsere Teamkollegen nach wie vor damit beschäftigt sind, Landon mit seinen Pferde-Eskapaden zu quälen.

»Und das soll heißen?«

Seine Mundwinkel zucken. »Das heißt, dass ich gesehen habe, wie du mit diesem Muskelprotz verschwunden bist. Und als mich Em gegen zwei nach Hause gezerrt hat, bist du immer noch nicht zurück gewesen.«

Fragend hebe ich eine Augenbraue. »Wo liegt das Problem?«

»Es gibt kein Problem. Mir war nur nicht klar, dass du neuerdings auch Heteros verführst.«

Shawn ist der Einzige aus dem Team, mit dem ich mein Sexleben diskutiere. Als schwuler Eishockeyspieler weiß ich nur zu gut, dass ich mich auf einem ziemlich schmalen Grat bewege. Wenn mich jemand darauf anspräche, würde ich nicht den Schwanz einziehen und mich im Schrank verstecken, aber ich werde die Info ganz sicher auch nicht breittreten. Um ehrlich zu sein, ist meine sexuelle Orientierung wahrscheinlich das am schlechtesten gehütete Geheimnis in dieser Mannschaft. Die Jungs wissen Bescheid. Die Trainer wissen Bescheid. Aber es interessiert sie nicht. Cassel dagegen schon, allerdings auf eine andere Art und Weise. Es ist ihm scheißegal, dass ich mit Typen ins Bett gehe, aber er macht sich Sorgen um mich. Er hat mir schon mehr als einmal gesagt, dass er glaubt, dass ich mein Leben vergeude, indem ich von einer anonymen Bekanntschaft zur nächsten stolpere.

»Wer sagt, dass er nicht schwul war?«, frage ich provozierend.

Shawn wirft mir einen ungläubigen Blick zu. »Im Ernst?«

Als ich wieder anzüglich eine Augenbraue hebe, muss er lachen.

Um die Wahrheit zu sagen, bezweifle ich stark, dass der Verbindungstyp, mit dem ich gestern rumgemacht habe, wirklich schwul ist. Bi-neugierig vielleicht, und genau das war es, was mich angemacht hat. Es ist sehr viel einfacher, etwas mit Männern anzufangen, die am nächsten Morgen so tun, als würdest du nicht existieren. Eine Nacht lang Spaß ohne Verpflichtungen, ein Blowjob, einmal vögeln – je nachdem, wie viel Mut sie sich angetrunken haben –, und dann sind sie wieder verschwunden. Dann tun sie so, als hätten sie nicht stundenlang meine Tattoos aus der Ferne bewundert und sich meine Lippen an ihrem Schwanz vorgestellt. Als wären sie niemals mit ihren gierigen Händen über meinen Körper gefahren und hätten darum gebettelt, von mir berührt zu werden.

Mit schwulen Typen abzustürzen ist meist komplizierter. Es könnte schließlich sein, dass sie mehr wollen. Dass ich Verpflichtungen eingehen soll. Dinge versprechen, die ich nicht geben kann.

»Moment mal«, sage ich, als ich registriere, was Shawn da eben von sich gegeben hat. »Was heißt, dass Em dich nach Hause gezerrt hat?«

Cassels Miene verdüstert sich. »Genau das, wonach es sich anhört. Sie ist plötzlich im Verbindungshaus aufgetaucht und hat mich rauszitiert.« Er entspannt sich ein wenig, aber der finstere Blick bleibt. »Anscheinend hat sie sich Sorgen um mich gemacht. Mein Handy-Akku war leer, und ich hatte auf keine ihrer Nachrichten geantwortet.«

Ich werde nichts dazu sagen. Irgendwann habe ich es aufgegeben, Shawn darauf aufmerksam zu machen, wie diese Frau wirklich drauf ist.

»Wenn sie nicht aufgetaucht wäre, hätte ich mich total abgeschossen. Deswegen denke ich … äh … dass es ziemlich cool von ihr war, mich abzuholen, bevor es zu spät war.«

Ich beiße mir auf die Zunge. Nein, ich werde die Beziehung meines Kumpels nicht kommentieren. Nur weil Emily zufällig die anhänglichste, zickigste und verrückteste Tussi aller Zeiten ist, gibt mir das nicht das Recht, mich einzumischen.

»Abgesehen davon weiß ich, wie sie sich fühlt, wenn ich alleine ausgehe. Ich hätte die Party gleich sausen lassen sollen, dann …«

»Mann, du bist verdammt noch mal nicht mit ihr verheiratet.« Ich kann mich einfach nicht mehr beherrschen. So viel dazu, dass ich eigentlich die Klappe halten wollte.

Cassel starrt mich entgeistert an.

Hastig versuche ich zurückzurudern. »Sorry. Äh … vergiss einfach, was ich gesagt habe.«

Er holt tief Luft, seine Kiefer arbeiten, als wolle er seine Backenzähne zu Staub zermahlen. »Nein. Ich meine, verdammt, du hast recht. Wir sind nicht verheiratet.« Dann murmelt er etwas, das ich nicht verstehen kann.

»Was?«

»Ich habe gesagt … noch nicht.«

»Noch nicht?«, wiederhole ich entsetzt. »Oh, Mann, bitte sag mir, dass du nicht mit diesem Mädchen verlobt bist!«

»Nein«, murmelt Shawn schnell. Dann senkt er die Stimme zu einem Flüstern. »Aber sie redet immer wieder darüber, wie sehr sie sich wünscht, dass ich ihr einen Antrag mache.«

Antrag? Allein der Gedanke daran jagt mir einen kalten Schauer über den Rücken. Mist, und ich muss bestimmt Trauzeuge bei ihrer Hochzeit sein. Ob es möglich ist, einen Toast auszusprechen, ohne darin die Braut zu erwähnen?

Zum Glück kommt unser Coach O’Connor in den Vorführraum, bevor mich die Unterhaltung mit Cassel noch vollkommen in den Wahnsinn treibt. Augenblicklich herrscht Totenstille. Unser Trainer hat etwas von einem Offizier. Nein, eher etwas von einem schrecklichen, Furcht einflößenden Offizier. Er ist fast zwei Meter groß, und mal ganz abgesehen von seinem dauerhaft mürrischen Gesichtsausdruck rasiert er sich auch noch eine Glatze. Nicht etwa, weil ihm die Haare ausfallen, sondern ganz einfach, weil es ihm gefällt, wie ein brutales Arschloch auszusehen.

O’Connor beginnt das Teammeeting, indem er jeden Einzelnen von uns daran erinnert, was er beim gestrigen Training falsch gemacht hat. Was zumindest in meinem Fall komplett unnötig ist, da mir meine Fehler auch so noch tief in den Knochen stecken. Ich habe einen Faceoff Drill – den Anstoß des Pucks – komplett in den Sand gesetzt, Pässe vergeigt und trotz einer absoluten Traumvorlage am Tor vorbeigeschossen. Es war eins von diesen beschissenen Trainings, bei denen alles schiefgeht, und ich habe mir bereits geschworen, mich zusammenzureißen, wenn wir morgen wieder aufs Eis gehen.

Es stehen noch zwei Spiele in der finalen Ausscheidungsrunde an, was bedeutet, dass ich mich wirklich konzentrieren muss. Unser College hat seit fünfzehn Jahren keine Frozen-Four-Championship mehr gewonnen, und als der Spielmacher unseres Teams habe ich mir fest vorgenommen, den Sieg für uns nach Hause zu holen, bevor ich dieses Jahr meinen Abschluss mache.

»Alles klar, dann lasst uns starten«, brüllt Coach O’Connor, nachdem er damit fertig ist, uns einzubläuen, was für Versager wir sind. »Wir fangen mit dem Rainier-Seattle-Spiel aus der letzten Woche an.«

Als das Standbild einer Collegearena auf dem riesigen Bildschirm erscheint, runzelt einer unserer Außenstürmer die Stirn. »Warum fangen wir ausgerechnet mit Rainier an? In der ersten Runde spielen wir gegen North Dakota.«

»Auf die werden wir uns beim nächsten Mal konzentrieren. Rainier ist das Team, das mir sehr viel mehr Sorgen bereitet.« Der Trainer drückt eine Taste am Laptop vor sich auf dem Tisch, woraufhin das Video zum Leben erwacht.

Die lauten Anfeuerungsrufe der Zuschauer erfüllen den Raum. »Wenn wir im Finale auf diese Typen treffen, dann müssen wir uns auf eine Runde schlimmster Schmerzen gefasst machen«, fügt O’Connor mit grimmiger Miene hinzu. »Ich will, dass ihr euch vor allem den Torhüter ganz genau anseht. Der Junge ist aufmerksam und schnell wie ein Falke. Wir müssen seine Schwächen analysieren, um sie zu unseren Gunsten nutzen zu können.«

Ich konzentriere mich auf das Spiel und auf den in Schwarz und Orange gekleideten Torwart. Er ist sehr schnell, keine Frage. Und wachsam. Mit ruhigem, hoch konzentriertem Blick beobachtet er das Spielgeschehen, um dann blitzartig den Handschuh um den Puck zu schließen, als ihm der erste Schuss entgegenzischt.

»Seht euch genau an, wie sicher seine Rückpässe sind«, fordert uns O’Connor auf, als das gegnerische Team einen weiteren Angriff spielt. »Flüssig und kontrolliert.«

Je länger ich zusehe, desto unwohler fühle ich mich. Ich habe keine Ahnung, warum, aber die Haut in meinem Nacken beginnt zu prickeln. Irgendetwas an diesem Torhüter versetzt meine Instinkte in Alarmbereitschaft, ich habe das Gefühl, innerlich zu vibrieren.

»Er hat die perfekte Körperspannung.« Unser Coach klingt nachdenklich, beinahe beeindruckt.

Ich bin es definitiv auch. Bisher habe ich den Teams von der Westküste nur wenig Beachtung geschenkt. Dafür war ich zu sehr mit den Mannschaften aus der Eastern Conference beschäftigt, gegen die wir die Saison über angetreten sind. Aber jetzt, da die Endrunde vor der Tür steht, wird es Zeit, dass wir uns mit den zwei Mannschaften auseinandersetzen, auf die wir dort im Halbfinale und vielleicht im Finale treffen werden.

Fasziniert starre ich weiter auf den Bildschirm, präge mir jede Bewegung des Torhüters ein. Verdammt, mir gefällt sein Spiel. Falsch, ich kenne sein Spiel.

Im selben Moment, als O’Connor sagt: »Sein Name ist …«, fällt bei mir der Groschen.

Jamie Canning.

»… Jamie Canning. Er ist im Abschlussjahrgang.«

Verdammte Scheiße! Mein Körper hat aufgehört zu vibrieren, stattdessen zittere ich. Ich weiß schon länger, dass Canning für Rainier spielt, aber als ich in der vergangenen Saison recherchiert habe, was er so treibt, war er gerade zugunsten irgendeines total heiß gehandelten Nachwuchsspielers aus dem zweiten Studienjahr auf die Ersatzbank verbannt worden. Wann haben sie ihn wieder zum ersten Torwart gemacht? Ich werde nicht lügen, ich hatte den Typen eine ganze Weile im Blick. Aber als mich das Ganze langsam schon selber an Stalking erinnert hat, habe ich damit aufgehört. Schließlich besteht absolut keine Chance, dass er sich noch in irgendeiner Weise dafür interessiert, was ich gerade treibe, nachdem ich unsere Freundschaft wie ein absolutes Riesenarschloch torpediert habe.

Die Erinnerung an meine egoistische Aktion trifft mich wie ein Schlag in den Magen. Verdammt. Ich habe mich wie der beschissenste Freund auf der ganzen Welt verhalten. Es war sehr viel einfacher, Canning aus meinen Gedanken zu verbannen, als ich wusste, dass er sich Tausende Kilometer weit entfernt befindet, aber jetzt … Die plötzlich in mir aufsteigende Panik schnürt mir die Kehle zu. Wir werden uns bei den Ausscheidungsspielen in Boston begegnen, vielleicht treten wir sogar gegeneinander an. Es ist fast vier Jahre her, dass ich ihn gesehen oder mit ihm gesprochen habe. Was zur Hölle soll ich zu ihm sagen, wenn wir uns gegenüberstehen? Wie entschuldigt man sich dafür, dass man jemanden von heute auf morgen ohne auch nur den Hauch einer Erklärung aus seinem Leben verbannt hat?

»Sein Spiel und seine Technik sind so gut wie fehlerfrei«, unterbricht der Coach meine Gedanken.

Nein, nicht ganz fehlerfrei. Er zieht sich zu schnell zurück. Das war schon immer sein Problem. Sobald sich ein Angreifer der blauen Linie nähert, steht er viel zu dicht am Netz und beschert ihm damit einen besseren Schusswinkel. Und er verlässt sich zu sehr auf die Abwehrqualitäten seiner Schoner, womit er gegnerischen Stürmern perfekte Rebound-Möglichkeiten bietet.

Ich muss mir auf die Lippe beißen, um mich davon abzuhalten, die Insiderinfos mit den anderen zu teilen. Es fühlt sich einfach … falsch an, meinem Team von Cannings Schwächen zu erzählen. Auch wenn ich es definitiv tun sollte. Und zwar, weil hier die verdammten Frozen Four auf dem Spiel stehen. Auf der anderen Seite ist es Jahre her, dass ich zusammen mit ihm auf dem Eis stand. Es könnte gut sein, dass er seine Schwächen inzwischen ausgebügelt hat.

Ich dagegen kämpfe noch immer mit genau derselben Schwäche wie damals. Sie ist sofort wieder da, als ich wie gebannt auf den Bildschirm starre und Canning dabei beobachte, wie er einen weiteren brettharten Schuss abwehrt. Während ich die Anmut und tödliche Präzision jeder seiner Körperbewegungen bewundere.

Er ist meine Schwäche.

2

Jamie

April

»Du bist heute Morgen so schweigsam – selbst für deine Verhältnisse.« Holly lässt die Finger über den Rücken bis zu meinem nackten Hintern gleiten. »Denkst du an die Frozen Four?«

»Jep.« Und das ist nicht wirklich gelogen. Garantiert spukt heute Morgen mehr als zwei Dutzend Spielern der Trip nach Boston im Kopf herum – und mindestens einer Trillion Fans. Aber mir bereitet noch etwas ganz anderes Sorgen, als zu gewinnen.

Seit klar ist, dass wir an der National Championship teilnehmen, muss ich mich wohl oder übel mit dem Gedanken beschäftigen, dass wir auf Northern Mass treffen. Und deren bester Spieler ist niemand anderes als Ryan Wesley, mein ehemals bester Freund.

»Was ist mit dir los, Süßer?« Holly stützt das Kinn auf die Hand und mustert mich aufmerksam. Normalerweise schläft sie nicht bei mir, aber der Sexmarathon der vergangenen Nacht hat uns bis vier Uhr wachgehalten, und ich wollte kein Arschloch sein und sie um die Zeit noch in ein Taxi setzen.

Ich weiß nicht so recht, wie ich es finden soll, dass sie jetzt neben mir im Bett liegt. Abgesehen von dem fantastischen Morgensex fühle ich mich in ihrer Anwesenheit immer ein wenig unwohl. Ich habe ihr gegenüber nie ein Blatt vor den Mund genommen, was die Sache zwischen uns bedeutet, oder besser gesagt, was sie nicht bedeutet. Aber ich hatte schon mit genug Mädchen etwas, um zu wissen, dass ein kleiner Teil von ihnen fast immer hofft, dass bei der ganzen Freunde-mit-gewissen-Vorzügen-Geschichte am Ende doch noch eine feste Beziehung herausspringt.

»Jamie?«, hakt sie beharrlich nach.

Ich verdränge meine grüblerischen Gedanken, nur um sie sofort durch ähnlich deprimierende zu ersetzen. »Bist du jemals von einer guten Freundin gefeuert worden?«, höre ich mich selbst fragen.

»Von jemandem, für den ich gearbeitet habe?« Sie sieht mich aus diesen großen blauen Augen an, die keinen Moment an mir zu zweifeln scheinen.

Ich schüttle den Kopf. »Nein. Der Torjäger von Northern Mass war in der Highschool mein bester Freund. Sogar schon davor, in der Junior High. Erinnerst du dich an das Hockeycamp, wo ich im Sommer immer gearbeitet habe?«

»Elites?« Sie nickt.

»Ja, genau. Bevor ich dort als Coach angefangen habe, war ich selber Teilnehmer des Camps, zusammen mit Wes. Er war total verrückt darauf.« Allein beim Gedanken an seine ganzen idiotischen Aktionen von damals muss ich grinsen. »Der Kerl hat sich ständig irgendeinen neuen Blödsinn einfallen lassen. In der Stadt gibt es diese Rodelbahn. Im Winter kann man bis auf den zugefrorenen See rutschen. Im Sommer ist sie geschlossen, mit einem dreieinhalb Meter hohen Zaun drumherum. Und er sagt nur: ›Kumpel, sobald die Lichter ausgehen, klettern wir da rüber.‹«

Holly massiert sanft meine Brust. »Und, hast du mitgemacht?«

»Na klar. Ich war mir sicher, dass sie uns erwischen und aus dem Camp schmeißen würden. Aber wir hatten Glück, niemand hat etwas bemerkt. Wes war schlau genug, ein Handtuch mitzunehmen, auf dem er runterrutschen konnte. Ich hatte von dem verdammten Ding noch Tage später fiese Verbrennungen an den Oberschenkeln und am Rücken.«

Holly grinst mich an.

»Und ich frage mich immer noch, wie viele Touristen nach dem Urlaub ihre Fotos vom Mirror Lake gelöscht haben, weil Wes mal wieder die Hosen runtergelassen hat, sobald einer die Kamera zückte.«

Ihr Grinsen verwandelt sich in ein Kichern. »Hört sich an, als sei er ein ziemlich lustiger Typ.«

»Das war er. Doch dann hat sich auf einmal alles verändert.«

»Was ist passiert?«

Ich falte die Hände hinter dem Kopf zusammen und versuche eine lockere Pose einzunehmen, um das plötzliche Unbehagen, das mir wie ein kalter Schauer den Rücken hinunterläuft, zu verbergen. »Ich habe keine Ahnung. Wir standen von Anfang an in ziemlich starker Konkurrenz zueinander. Trotz unserer Freundschaft. Während unseres letzten gemeinsamen Sommers hat er mich zu einem Wettkampf herausgefordert …« Mehr werde ich Holly dazu nicht erzählen, die wirklich persönlichen Dinge behalte ich lieber für mich. »Ich kapiere bis heute nicht, was genau passiert ist. Nach dem Sommer hat er den Kontakt abgebrochen und auf keine meiner Textnachrichten mehr geantwortet. Er hat mich als Freund einfach … gefeuert.«

Holly drückt mir einen Kuss auf den Hals. »Hört sich an, als wärst du immer noch sauer auf ihn.«

»Bin ich auch«, höre ich mich zu meiner eigenen Überraschung sagen. Wenn mich gestern jemand gefragt hätte, ob es in meiner Vergangenheit irgendetwas gibt, das mich heute noch beschäftigt, hätte ich mit Nein geantwortet. Aber jetzt, wo sich Ryan Wesley irgendwie einen Weg zurück in meinen Kopf gebahnt hat, bin ich plötzlich vollkommen aufgewühlt. Zur Hölle mit ihm! Das ist echt das Letzte, was ich vor den beiden bisher wichtigsten Spielen meines Lebens gebrauchen kann.

»Und jetzt musst du gegen ihn antreten«, sagt Holly nachdenklich. »Das setzt dich bestimmt unter Druck.« Gedankenverloren streichelt sie über meine Hüfte.

Ich bin mir sicher, dass sie dabei noch eine ganz andere Art von »Druck« im Hinterkopf hat. Sie ist auf eine zweite Runde aus, aber dafür habe ich jetzt keine Zeit mehr.

Schnell nehme ich ihre Hand und drücke einen flüchtigen Kuss darauf. »Ich muss los. Sorry, Babe. In zwanzig Minuten sehen wir uns Videoaufnahmen von Spielen der Konkurrenz an.« Ich schwinge die Beine aus dem Bett und drehe mich noch einmal um, um mir noch einen ausführlichen Blick auf Hollys Kurven zu gönnen. Meine Freundin-mit-gewissen-Vorzügen ist unglaublich heiß, und mein Schwanz dankt ihr mit einem heftigen Zucken für den ganzen Spaß, den wir in den letzten Stunden zusammen hatten.

»Was für eine Verschwendung«, raunt Holly und dreht sich einladend auf den Rücken. »Dabei habe ich mein nächstes Seminar erst am Nachmittag.« Verführerisch streicht sie mit einer Hand über ihren flachen Bauch bis hinauf zu den Brüsten. Ohne den Blick von mir zu wenden, kneift sie sich mit zwei Fingern in einen Nippel und leckt sich dabei über die Lippen.

Was meinem besten Stück natürlich nicht entgeht. »Du hinterhältiges Ding. Ich hasse dich.« Schnell sehe ich weg und streife mir eine Boxershorts über, bevor ich wieder komplett hart werde.

Holly kichert. »Und ich mag dich auch kein bisschen.«

»Ja, ja, rede dir das nur ein.« Ich beiße mir auf die Lippen, bevor ich noch mehr sagen kann. Sechs Wochen vor dem Abschluss wäre es mehr als unklug, eine Diskussion – und sei sie auch noch so spielerisch – darüber anzufangen, wie sehr wir uns mögen. Es ist vollkommen klar, dass wir nur Gelegenheitssex haben, aber in letzter Zeit hat Holly immer wieder Andeutungen darüber gemacht, wie sehr sie mich nächstes Jahr vermissen wird. Ihrer Recherche nach liegen zwischen Detroit, wo ich demnächst auf die Uni gehen werde, und Ann Arbor, wo sie Medizin studieren will, gerade mal siebzig Kilometer. Wenn sie irgendwann anfängt, laut darüber nachzudenken, auf der Hälfte der Strecke gemeinsam ein Apartment zu mieten, weiß ich nicht, was ich darauf antworten soll. Jep, definitiv keine Unterhaltung, auf die ich mich besonders freue.

Eine Minute später bin ich angezogen und auf dem Weg zur Tür. »Ist es okay für dich, wenn ich dich hier alleine lasse?«

»Kein Problem.« Ihr Lachen stoppt mich, bevor ich den Knauf ganz herumgedreht habe. »Nicht so schnell, mein heißer Hengst.« Holly steht auf und kommt zu mir herübergeschlendert, um mich gebührend zu verabschieden.

Ich beherrsche mich, eine Sekunde stillzuhalten und den Kuss zu erwidern. »Später«, murmele ich. Meine Standardfloskel. Heute frage ich mich jedoch zum ersten Mal, ob Holly vielleicht hofft, etwas anderes von mir zu hören.

Als die Tür hinter mir zufällt, bin ich mit den Gedanken schon wieder ganz woanders. Ich schwinge mir den Rucksack über die Schulter und trete in den nebligen Aprilmorgen hinaus. In fünf Tagen werde ich an der Ostküste sein, um mit meinem Team die National Championship für uns zu entscheiden. Vor zwei Jahren war ich schon einmal bei den Frozen Four, aber damals war ich nur der Ersatztorwart. Ich habe nicht gespielt, und wir haben nicht gewonnen. Ich rede mir gerne ein, dass die beiden Dinge in einem Zusammenhang stehen. Aber diesmal wird alles anders sein. Ich werde zwischen den beiden Pfosten stehen. Genau an der Linie, die die letzte Grenze zwischen der gegnerischen Offensive und der Trophäe markiert. Das alleine reicht aus, selbst den ruhigsten Torwart der Liga nervös zu machen. Und die Tatsache, dass der Star-Center des anderen Teams mein ehemals bester Freund ist, der von einem Tag auf den anderen beschlossen hat, nicht mehr mit mir zu reden, macht die Sache noch viel komplizierter.

Vor dem Eisstadion treffe ich auf eine Handvoll meiner Teamkollegen. Sie machen sich gerade über die Eskapaden lustig, die sich irgendjemand gestern im betrunkenen Zustand im Bus geleistet hat, während sie sich lachend gegenseitig auf die Glastüren zuschubsen, die sich automatisch zum dahinterliegenden, hell erleuchteten Gang öffnen. Rainier hat im vergangenen Jahr eine umfassende Stadionrenovierung springen lassen. Rechts und links säumen Siegeswimpel und Fotografien der verschiedenen Teams die Wände. Und das hier ist nur der öffentliche Bereich. Wir bleiben vor einer verschlossenen Tür stehen, damit Terry, einer unserer Stürmer, seine ID-Karte unter den Erkennungslaser halten kann. Ein grünes Licht leuchtet auf, und wenige Sekunden später befinden wir uns innerhalb des luxuriös ausgestatteten Trainingsbereichs.

Bisher habe ich noch kein Wort gesagt, was nicht weiter auffällt, da ich sonst auch nie so viel rede. In der Teamküche schenke ich mir einen Becher Kaffee ein und schnappe mir einen Blaubeermuffin vom Tresen. Ich fühle mich hier jedes Mal wie ein verwöhntes Balg, aber das kostenlose Frühstück ist extrem praktisch, wenn ich mal wieder verschlafen habe.

Zehn Minuten später sitzen wir im Vorführraum vor einem Video und hören der Analyse unseres Trainers Wallace zu. Er steht auf einem Podium und spricht in ein kleines Mikrofon, sodass er auch in der letzten Reihe deutlich zu hören ist.

Aber ich bin zu abgelenkt, um mich auf seine Stimme zu konzentrieren. Ich bin damit beschäftigt, Ryan Wesley anzustarren, der wie der Blitz übers Eis schießt. Ein Clip nach dem anderen zeigt Wes, der sich durch die Verteidigung schlängelt wie ein Aal und Torchancen aus scheinbar nichts als abgeschürftem Eis und Geistesblitzen herbeizaubert.

»Die Nummer zwei der torgefährlichsten Stürmer der ganzen Nation. Der Junge hat Eier aus Stahl«, räumt unser Trainer mürrisch ein. »Und er ist schnell genug, um jeden Gegner wie eure neunzigjährige Oma aussehen zu lassen.«

Auf dem Bildschirm beobachten wir ein unglaubliches Tor nach dem anderen, und die Hälfte der Zeit davon hat Wes noch nicht einmal den Anstand, angesichts seiner Trefferquote sonderlich überrascht auszusehen. Er gleitet so mühelos und beherrscht übers Eis, als sei er bereits mit Kufen unter den Füßen geboren worden.

»Northern Mass hätte es letztes Jahr genau wie wir in die Endrunde geschafft, wenn sie nicht durch eine Verletzungsserie in den regionalen Playoffs daran gehindert worden wären«, sagt der Coach. »Sie sind das Team, das wir schlagen müssen.«

Das Videomaterial ist hypnotisierend. Das erste Mal habe ich Wes im Sommer nach Abschluss der siebten Klasse auf dem Eis gesehen. Mit dreizehn dachten wir alle noch, wir wären die Größten, weil wir fürs Elites – eines der weltbesten Eishockey-Trainingscamps der Welt – in Lake Placid in New York ausgewählt worden waren. Wir fühlten uns unbesiegbar, weil wir die Besten aus der Masse der Spieler unserer Teams zu Hause waren. Und gleichzeitig die Kids, die man auf dem zugefrorenen Weiher schlagen wollte.

Dabei waren wir vor allem eins: ziemlich lächerlich.

Aber selbst mein unausgereiftes Junior-High-Selbst konnte sehen, dass Wes eine Ausnahme bildete. Von meinem ersten Sommer in Elites an verspürte ich einen gewissen Respekt vor ihm. Na ja, zumindest bis ich herausfand, was für ein großspuriger kleiner Bastard er war. Danach hasste ich ihn für eine Weile, aber da wir als Zimmernachbarn eingeteilt wurden, fiel es auf Dauer schwer, die Abneigung aufrechtzuerhalten.

Sechs Sommer lang spielte ich immer dann am besten, wenn ich gegen den scharfsichtigen Ryan Wesley antrat. Ganze Tage brachte ich mit der Anstrengung zu, mit seinen blitzschnellen Reflexen und knallharten Schüssen mitzuhalten.

Nach dem Training war er allerdings eine noch größere Herausforderung. Interesse, ein Wettklettern zum oberen Ende der Trainingswand einzulegen? Frag Wes. Du brauchst einen Partner, der mit dir zur Schlafenszeit die Gefriertruhe des Camps knackt? Wes ist dein Mann.

Ich kann mir gut vorstellen, wie die Stadt Lake Placid jeden August einen Seufzer der Erleichterung ausstieß, nachdem das Hockeycamp zu Ende war. Endlich konnte man wieder zum normalen Leben zurückkehren, ohne sich dem Anblick von Wes’ blassem Hintern ausgesetzt zu sehen, der seine morgendliche Nacktbaderunde im See absolvierte. Ladies und Gentlemen, das ist Ryan Wesley!

Unser Trainer redet in einem fort weiter, während Wes und sein Team auf dem Eis weiter ihren Zauber ausüben.

Den meisten Spaß, den ich je im Stadion hatte, erlebte ich mit Wes. Dabei war es sogar so, dass er mich häufig auch wahnsinnig aufregte. Um genau zu sein, tat er das pro Stunde in etwa einmal. Aber wenn ich an unsere Wettkämpfe und seine Sticheleien zurückdenke, kann ich mit Überzeugung sagen, dass er einen besseren Spieler aus mir gemacht hat. Abgesehen von der letzten Herausforderung, vor die er mich gestellt hat und die ich niemals hätte akzeptieren dürfen.

»Neulich«, hatte er mich geneckt, während er vor mir rückwärts übers Eis skatete, schneller, als die meisten es vorwärts fertigbringen, »da hattest du Schiss, noch mal gegen mich beim Penaltyschießen anzutreten, oder? Wie es aussieht, leckst du deswegen immer noch deine Wunden.«

»Red keinen Scheiß.« Ich hatte keine Angst, gegen Wes zu verlieren. Aber gerade bei einem Penaltyschießen – dem Elfmeterschießen des Eishockeys – ist es besonders schwer, den Puck zu halten, und außerdem schuldete ich Ryan bereits ein Sixpack Bier. Dabei war ich total abgebrannt. Als das jüngste von sechs Kindern war das Einzige, was meine Eltern sich gerade so leisten konnten, mich in dieses noble Camp zu schicken. Und das bisschen Geld, das ich mir beim Rasenmähen verdient hatte, war bereits für Eis und anderen Kleinkram draufgegangen.

Wenn ich eine weitere Wette verlor, würde ich sie nicht begleichen können.

Wes umrundete mich so schnell, dass er mich ein wenig an einen Tasmanischen Teufel erinnerte. »Diesmal wetten wir nicht um Bier«, sagte er, als hätte er meine Gedanken gelesen. »Mein Flachmann ist randvoll mit Whisky, seit ich Cooper gestern gezeigt habe, wo der Hammer hängt. Der Preis könnte also etwas ganz anderes sein.« Er grinst verschlagen.

»Wie zum Beispiel …?« So wie ich Wes kannte, befürchtete ich, dass es darum gehen würde, sich in der Öffentlichkeit auf irgendeine Weise vollkommen lächerlich zu machen. Der Verlierer lässt seinen Verstand an den städtischen Docks zurück, während er lauthals die Nationalhymne singt, oder so ähnlich.

Ich legte mehrere Pucks in einer Reihe nebeneinander auf den Boden und machte mich bereit. Der erste Schlag verfehlte Wes nur knapp und sauste blitzschnell an ihm vorbei. Ich holte zum nächsten Schuss aus.

»Der Verlierer schuldet dem Gewinner einen Blowjob«, sagte Wes genau in dem Moment, als ich den Schläger nach hinten schwang.

Ich verfehlte den verdammten Puck.

Wes brach in lautes Gegacker aus und blieb schlitternd vor mir stehen.

Oh, Mann, der Typ war wirklich gut darin, mich aus dem Konzept zu bringen. »Du bist echt vollkommen durchgedreht.«

Wes atmete keuchend von der schnellen Skatingrunde. »Glaubst du, du kannst nicht gewinnen? Der Preis würde keine Rolle spielen, wenn du selbstsicher genug wärst.«

Plötzlich fühlte sich der Schweiß auf meinem Rücken unangenehm kalt an. Er hatte mich in die Ecke gedrängt, und das wusste er genau. Wenn ich die Herausforderung ablehnte, hätte er gewonnen. Wenn ich sie annahm, hätte er mich bereits fertiggemacht, bevor überhaupt der erste Puck in meine Richtung geflogen war. Ich stand wie der letzte Trottel vor ihm und hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. »Du und deine bescheuerten Psychospielchen«, murmelte ich schließlich.

»Oh, Mann, Canning. Hockey besteht zu neunzig Prozent aus Psychospielchen. Das versuche ich dir seit sechs Jahren beizubringen.«

»Okay«, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Du fängst an.«

Wes brach unter seinem Gesichtsschutz in schallendes Gelächter aus. »Du siehst jetzt schon völlig verängstigt aus. Das wird ein Fest!«

Er will dich nur verarschen, sagte ich mir immer wieder. Ich war durchaus in der Lage, ein Penaltyschießen zu gewinnen. Und dann würde ich den Spieß rumdrehen und ihn zappeln lassen. Natürlich würde ich den Preis ablehnen, aber danach würde ich für alle Zeiten das Damoklesschwert über seinen Kopf halten können, dass er mir noch einen Blowjob schuldet. Psychospielchen konnte ich genauso gut spielen. Warum war ich eigentlich vorher nie auf die Idee gekommen?

Ich positionierte einen weiteren Puck und schoss ihn mit Kraft nur knapp an Wes’ arrogantem Grinsen vorbei. »Das wird ein Kinderspiel«, sagte ich. »Wie wär’s, wenn wir das Penaltyschießen – bei dem ich dir übrigens kräftig in den Arsch treten werde – nach dem Mittagessen veranstalten?«

Nur für einen winzigen Augenblick schien ihm seine üblicherweise so selbstbewusste Miene zu entgleiten. Eine Zehntelsekunde, in der sein Gesichtsausdruck verriet, was er wirklich dachte: Verdammte Scheiße! »Perfekt«, sagte er stattdessen.

»Okay.« Ich nahm den letzten Puck auf und steckte ihn in meinen Handschuh, bevor ich pfeifend davonskatete, als würde ich mir um meinen bevorstehenden Sieg nicht die geringsten Sorgen machen.

Das war der letzte Tag unserer Freundschaft gewesen. Und ich hatte es nicht kommen sehen.

Über den Bildschirm flimmert inzwischen eine neue Filmsequenz, die die Offensivstrategie von North Dakota unter die Lupe nimmt. Unser Trainer denkt nicht mehr über Ryan Wesley nach. Ich dafür umso mehr.

3

Wes

Noch bevor ich richtig darauf vorbereitet bin, erscheint schon die Bostoner Skyline in meinem Blickfeld jenseits der Fenster des Reisebusses. Von der Northern Mass bis zur neuen Sportarena TD Garden in Boston sind es gerade mal neunzig Minuten Fahrtzeit. Die Frozen Four werden immer in einem neutralen Stadion ausgetragen, aber wenn dieses Jahr jemand einen Heimvorteil auf dem Eis hat, dann bin ich das. Ich wurde in Boston geboren. In der Arena der Boston Bruins zu spielen, bedeutet für mich, dass ein Kindheitstraum wahr wird.

Und offensichtlich auch der größte Traum meines idiotischen Vaters. So kann er sich nicht nur damit brüsten, alle seine Arschloch-Kollegen zu meinem Spiel einzuladen, er kommt dabei auch noch ziemlich kostengünstig davon. Im Gegensatz zu jedem anderen Austragungsort muss er hier nur Geld für eine Limo springen lassen und kein Flugticket kaufen.

»Weißt du, was mir an diesem Plan am besten gefällt?«, fragt Cassel, der neben mir sitzt und den Terminplan durchblättert, den unser Teammanager verteilt hat.

»Dass sich bei der Veranstaltung so ungefähr jedes Eishockeygroupie der Nation rumtreiben wird?«

Er schnaubt amüsiert. »Ja, okay, das auch. Aber eigentlich meinte ich, dass sie uns in einem richtig schicken Hotel untergebracht haben, anstatt wie sonst immer in irgendeiner Bruchbude gleich neben der Interstate.«

»Stimmt.« Auch wenn das Hotel mit Sicherheit bei Weitem nicht so pompös sein wird wie das Anwesen meiner Eltern in Beacon Hill ein paar Kilometer weiter. Das würde ich natürlich niemals laut sagen. Ich bin kein Snob. Ich weiß, dass Wohlstand weder vor ignorantem Verhalten noch vor Depressionen schützt. Dafür muss man sich nur meine Familie ansehen.

Die nächste halbe Stunde stehen wir, wie üblich in Boston, im Stau. Als wir endlich ankommen und den Bus ausladen, ist es bereits fünf Uhr nachmittags.

»Die Ausrüstung bleibt hier«, brüllt unser Manager. »Nehmt nur euer privates Gepäck mit rein.«

»Wir müssen nicht mal die Ausrüstung schleppen?«, ruft Cassel begeistert. »Baby, ich bin im Himmel angekommen. Es wird Zeit, dass wir uns an die neue Sonderbehandlung gewöhnen, Wes.« Er stößt mir spielerisch einen Ellbogen in die Seite. »Nächstes Jahr in Toronto hast du wahrscheinlich einen persönlichen Assistenten, der deinen Schläger trägt.«

Es fühlt sich ein wenig so an, als würde es Unglück bringen, vor den Frozen Four über Verträge mit der NHL, der Profihockeyliga, zu reden, deswegen wechsele ich schnell das Thema. »Das ist der Hammer, Kumpel. Ich liebe es, wenn ein anderer Typ meinen Schläger hält.«

»Das war eine echte Steilvorlage von mir, was?«, fragt Cassel grinsend, während wir uns die Sporttaschen schnappen, die der rotgesichtige Busfahrer auf dem Bürgersteig abgestellt hat.

»Und ob.« Ich lasse Cassel vor mir in die Drehtür treten, damit ich den Griff festhalten kann, sodass er zwischen den Glasscheiben festsitzt.

Er wendet sich zu mir um und streckt mir den Mittelfinger entgegen. Als ich mich unbeeindruckt zeige, greift er an seinen Gürtel, um mir und allen anderen, die an diesem windigen Freitag im April am Hotel vorbeilaufen, seinen nackten Hintern zu zeigen.

Ich lasse den Türgriff los und verpasse ihr einen Stoß, sodass die Scheibe gegen seinen bis jetzt noch bedeckten Po knallt. Ach ja, Hockeyspieler. Mit uns kann man sich wirklich nirgendwo sehen lassen.

»Wie sieht die Bar aus?«, frage ich, als wir in der opulenten Lobby stehen.

»Offen«, antwortet Cassel. »Meiner Meinung nach die einzig wirklich wichtige Information, die wir benötigen.«

»Richtig.«

Wir warten ein wenig abseits von den anderen, während unser Manager die Verteilung der Zimmer organisiert. Was noch eine ganze Weile dauern kann, denn die Lobby wird immer voller. Auf unserer Seite des Raumes wimmelt es nur so von grün-weißen Jacken – die Farben von Northern Mass. Uns gegenüber dagegen fallen mir die orange-schwarzen Jacken einer anderen Mannschaft ins Auge, deren Spieler gerade nach und nach durch dieselben Drehtüren strömen, durch die wir eben gekommen sind. Sie schubsen sich gegenseitig, rempeln sich an und benehmen sich im Allgemeinen wie eine Horde testosterongeladener Jagdhunde. Nichts, was uns fremd wäre.

Als mein Blick auf einen sandblonden Haarschopf fällt, scheint sich der Raum für einen Augenblick zu verengen. Ich brauche nicht mehr als eine Zehntelsekunde, um sein schiefes Lächeln zu erkennen.

Verdammt, Jamie Canning übernachtet im selben Hotel wie wir.

Während ich darauf warte, dass er den Kopf dreht und mich erkennt, bleibe ich stocksteif stehen. Doch er sieht mich nicht. Er ist viel zu vertieft in eine Unterhaltung mit einem Teamkollegen. So wie sich Jamie schüttelt, scheint der andere gerade einen Witz gerissen zu haben.

Früher haben wir genauso zusammen gelacht. Ich kann mich noch gut an den Klang seines Lachens erinnern. Tief und rau und melodisch, als würde ihm nichts auf der Welt Sorgen bereiten. Jamie Canning hat sich nie von etwas unterkriegen lassen. Er war immer der Inbegriff des Sich-treiben-Lassens, was vermutlich auch damit zusammenhängt, dass er im lockeren Kalifornien aufgewachsen ist.

Bis zu diesem Moment war mir nicht klar gewesen, wie sehr ich ihn vermisst habe.

Na los, geh hin und rede mit ihm. Die Stimme in meinem Kopf klingt nachdrücklich, aber ich stopfe ihr das Maul, indem ich mich zwinge, meinen Blick von Jamie loszureißen. Die Schuldgefühle, die wie schwere Steine auf meiner Brust lasten, machen mir nur umso deutlicher, dass ich mich bei meinem alten Freund entschuldigen muss. Aber jetzt gerade bin ich dazu nicht in der Lage. Nicht hier, nicht mit all diesen Leuten um uns herum.

»Hier drin ist es so voll wie in der verdammten Grand Central Station in New York«, beschwert sich Cassel.

»Alter, ich muss noch was besorgen. Kommst du mit?« Die Idee ist mir ganz spontan gekommen, aber sie ist gut.

»Sicher?«

»Hintertür«, sage ich nur und bugsiere ihn zum nächsten Ausgang.

Als wir auf der Straße stehen, wird mir klar, dass wir uns nur wenige Schritte entfernt von der Faneuil Hall befinden. Der alten Markthalle, wo sie jede Menge Kitsch an Touristen verkaufen. Perfekt. »Na los.« Ich gebe Cassel einen Stoß in Richtung des ersten Ladens.

»Hast du deine Zahnbürste vergessen, oder was?«

»Nein, ich muss noch ein Geschenk kaufen.«

»Für wen?«, fragt er und schiebt die Sporttasche auf seiner Schulter höher.

Ich zögere. Bisher habe ich niemandem von Jamie erzählt. Diese Erinnerungen gehören mir. Jeden Sommer hat er für sechs Wochen nur mir gehört.

»Für einen Freund«, sage ich schließlich. »Einer von den Rainier-Spielern.«

»Ein Freund also.« Cassel lacht dreckig. »Suchst du nach einer Möglichkeit, dich nach dem Match morgen flachlegen zu lassen? In was für einen Laden willst du mich schleppen?«

Verdammter Cassel. Ich hätte ihn in der Lobby stehen lassen sollen. »Mann, so ist das nicht.« Selbst wenn ich es mir wünschen würde. »Dieser Typ, Canning, der Torwart – wir waren mal ziemlich eng befreundet.« Dann füge ich schnell noch hinzu: »Bis ich es versaut habe, indem ich mich wie das letzte Arschloch aufgeführt habe.«

»Du? Wer hätte das gedacht …«

»Jep.«

Ich mustere die Auslagen in den Schaufenstern. Sie sind voll mit dem Bostoner Touristenmist, den ich normalerweise nie beachte: Hummer aus Plastik, Boston-Bruins-Wimpeln, Freedom-Trail-T-Shirts. Irgendwas davon wird garantiert den Zweck erfüllen, den ich im Kopf habe.

»Los.« Ich winke Cassel, mir in den kitschigsten Laden zu folgen und sehe mich um. Die knallbunten Farben scheinen einen regelrecht anzuschreien. Ich nehme eine Wackelkopffigur von Paul Revere, dem Freiheitskämpfer, in die Hand, stelle sie aber schnell wieder zurück.

»Die sind witzig«, sagt Cassel, der eine Packung Red-Sox-Kondome in der Hand hält.

Ich muss lachen, bevor ich genauer darüber nachdenke. »Stimmt. Aber das ist nicht die Art von Geschenk, nach dem ich suche.« Was auch immer ich am Ende kaufe, es darf nichts mit Sex zu tun haben. Wir haben uns früher jede Art von Scherzartikeln geschickt – je schmutziger, desto besser. Aber diesmal nicht.

»Kann ich Ihnen helfen?« Die Verkäuferin ist von oben bis unten originalgetreu im Stil der Kolonialzeit gekleidet. Bis hin zum rüschenbesetzten Kleid, dessen Mieder ihren Busen zusammenquetscht.

»Aber gerne doch, Süße.« Ich lehne mich lässig gegen den Tresen. Sie sieht mich mit großen Augen an. »Haben Sie irgendwas mit Katzen drauf?«

»Katzen?« Mit Mühe unterdrückt Cassel ein Prusten. »Wofür zur Hölle?«

»Sein Team sind die Tigers.« Oh, Mann.

»Aber natürlich.« Miss Betsy Ross wird bei meiner Frage plötzlich ganz munter, vermutlich, weil dieser Job ansonsten todlangweilig ist. »Eine Sekunde bitte.«

»Was genau geht hier vor?« Cassel knallt die Kondompackung auf den Kassentisch. »Mir kaufst du nie was.«

»Canning und ich haben uns im Sommercamp kennengelernt. Wir waren sehr gut befreundet, auch wenn wir uns nur einmal im Jahr sechs Wochen gesehen haben.« Sehr intensive sechs Wochen. »Hast du so enge Freunde?«

Cassel schüttelt den Kopf.

»Abgesehen von ihm habe ich die auch nicht. Wir haben uns das ganze Jahr über nicht gesprochen. Nur Textnachrichten geschickt. Und die Kiste.«

»Die Kiste?«

»Ja …« Ich kratze mich am Kinn. »Ich glaube, die Sache fing an seinem Geburtstag an. Er muss damals vierzehn geworden sein.« Verdammt, waren wir wirklich mal so jung? »Ich habe ihm damals diesen scheußlichen lilafarbenen Männertanga geschickt. Verpackt in einer leeren Zigarrenbox von meinem Vater.«

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich die Kiste in mehrere Lagen braunes Packpapier gewickelt und mit mindestens hundert Metern Klebeband versiegelt hatte, damit sie auch ja heile ankommt. Damals hatte ich mir vorgestellt, wie er das Geschenk vor all seinen Freunden auspacken würde und der Inhalt ihm wahnsinnig peinlich wäre.

»Da hätten wir eine kleine Auswahl!« Betsy Ross ist wieder aufgetaucht und breitet mehrere Gegenstände auf dem Tresen aus. Ein Hello-Kitty-Stifteetui, eine dicke Stoffkatze, die ein Bruins-T-Shirt trägt, und weiße Boxershorts mit kleinen Kätzchen darauf.

»Die hier«, ich deute auf die Shorts. Auf Unterwäsche war ich eigentlich nicht aus, aber die Katzen darauf haben sogar den richtigen Orangeton. »Und dann bräuchte ich noch eine Geschenkbox. Am besten in Form einer Zigarrenkiste, wenn Sie so etwas haben.«

Die Verkäuferin zögert. »Verpackung kostet extra.«

»Kein Problem.« Als ich ihr verschwörerisch zuzwinkere, errötet sie leicht.

Verstohlen mustert sie die Tattoos, die am Ansatz meines V-Ausschnitts zu sehen sind. Nichts, was ich ihr übel nehmen würde. Die meisten Frauen mögen sie – und noch besser, die meisten Männer auch.

»Lassen Sie mich sehen, was ich finden kann«, zwitschert sie und huscht davon.

Ich drehe mich zu Cassel um, der mich Kaugummi kauend anstarrt, so als wäre ich nicht mehr ganz dicht. »Ich kapier’s immer noch nicht.«

Wie auch. »Ein paar Monate später kam die Box zurück. Ohne Nachricht. Aber sie war bis zum Rand mit lilafarbenen Jelly Beans gefüllt.«

»Ekelhaft.«

»Nein, Mann. Ich liebe lilafarbene Jelly Beans. Habe allerdings mindestens einen Monat gebraucht, um sie aufzuessen. Es waren wirklich viele. Danach habe ich die Kiste wieder an ihn geschickt.«

»Was war drin?«

»Keine Ahnung, ich erinnere mich nicht.«

»Was? Ich dachte diese Geschichte hätte irgendeine Pointe.«

»Nicht wirklich.« Bis eben war mir nicht einmal selbst klar gewesen, dass der Inhalt der Box eigentlich nie wirklich eine Rolle gespielt hatte. Es ging vor allem darum, sie hin- und herzuschicken. Wie jeder Teenager war ich mit langweiligen Dingen wie Schule, Nachhilfe und Hausaufgaben beschäftigt, und meine Kommunikation beschränkte sich auf E-Mails, Textnachrichten und Angrunzen. Als die Box so unerwartet in meinem Postkasten gelegen hatte, war das wie Weihnachten gewesen, nur besser. Mein Freund hatte an mich gedacht und sich die Mühe gemacht, die Kiste zur Post zu tragen.

Als wir älter waren, wurden die Scherzartikel immer bescheuerter. Falsche Hundehaufen. Furzkissen. Ein Schild, das Blähungen verbot. Knetbälle, die wie Brüste geformt waren. Der Inhalt war nicht annähernd so wichtig wie die Tatsache, dass wir uns etwas schenkten.

Betsy Ross kommt mit einer Kiste zurück, die ungefähr die richtige Größe hat, auch wenn sie sich nicht, wie die Zigarrenbox von damals, mit einem Scharnierdeckel schließen lässt.

»Mit der wird’s gehen«, sage ich, auch wenn ich ein wenig enttäuscht bin.

»Also …« Cassel sieht sich gelangweilt im Laden um. »Dann schenkst du ihm jetzt die hier?«

»Ja. Die alte Zigarrenbox muss irgendwo bei uns zu Hause rumfliegen.« Und wenn ich nicht so ein Arschloch wäre, wüsste ich auch, wo genau. »Ich habe sie irgendwann nicht mehr zurückgeschickt. Deswegen muss jetzt die hier herhalten.«

»Ich texte kurz dem Manager, ob er inzwischen die Zimmerschlüssel hat«, sagt Cassel und zieht sein Handy heraus.

»Mach das.« Ich sehe Betsy Ross dabei zu, wie sie die Boxershorts in eine Art Seidenpapier wickelt und in die Box legt.

»Brauchen Sie auch eine Karte?«, fragt sie und lächelt mich an, während sie sich leicht vorbeugt, um mir einen besseren Blick in ihren Ausschnitt zu gewähren.

Die Dinger haben keine Wirkung auf mich, Süße. »Ja, bitte.«

Sie reicht mir eine Grußkarte und einen Stift.

Ich schreibe genau ein Wort darauf und lege sie mit in die Box. Das wäre geschafft. Im Hotel werde ich das Geschenk über die Rezeption auf Jamies Zimmer schicken lassen.

Und sobald sich die Gelegenheit ergibt, in Ruhe zu reden, werde ich mich bei ihm entschuldigen. Es ist unmöglich, das Desaster, das ich vor vier Jahren angerichtet habe, rückgängig zu machen. Weder kann ich die lächerliche Wette zurückziehen, in die ich ihn damals hineingedrängt habe, noch die Folgen, die sie hatte. Wenn ich die Möglichkeit hätte, die Zeit zurückzudrehen und mein idiotisches achtzehnjähriges Selbst davon abzuhalten, so einen Scheiß vorzuschlagen, würde ich es auf der Stelle tun.

Aber das kann ich nicht. Ich kann ihm nur endlich wie ein Mann gegenübertreten, seine Hand schütteln und ihm sagen, wie gut es tut, ihn wiederzusehen. Ich kann in diese braunen Augen sehen, deren Anblick mich jedes Mal fast umgebracht hat, und mich dafür entschuldigen, mich wie ein komplettes Arschloch benommen zu haben. Und dann kann ich ihm einen Drink ausgeben und versuchen, mit ihm über Sport und andere unverfängliche Dinge zu reden. Sichere Themen. Der Fakt, dass er der erste Mann ist, in den ich mich verliebt habe und der mir einige ziemlich beängstigende Dinge über mich selbst klargemacht hat – das alles muss ich für mich behalten. Und dann wird mein Team seins im Finale fertigmachen. Aber so läuft das Leben nun mal.

4

Jamie

Wir haben eine ruhige Nacht im Hotel vor uns – was die meisten meiner Teamkollegen ganz sicher nicht zu schätzen wissen. Vor allem nicht die Studenten aus dem ersten und zweiten Jahr, die zum ersten Mal bei den Frozen Four dabei sind und sicherlich erwartet haben, das ganze Wochenende durchzufeiern. Unser Coach hat ihre Hoffnungen darauf jedoch ziemlich schnell zunichtegemacht.

Bevor einer von uns beim Abendessen die Speisekarte in die Hand nehmen konnte, hat er schon die Regeln aufgestellt: um zehn ins Bett, kein Alkohol, keine Drogen, keine idiotischen Aktionen.

Die Älteren unter uns kennen die ungeschriebenen Gesetze bereits, weswegen keiner besonders enttäuscht ist, als wir den Aufzug in den dritten Stock des Hotels nehmen. Morgen ist Spieltag. Das bedeutet, heute Nacht geht es darum, sich zu entspannen und eine ordentliche Mütze Schlaf zu bekommen.

Terry und ich haben das Zimmer mit der Nummer 309 in der Nähe des Treppenhauses, ganz am Ende des Gangs. Als wir dort ankommen, bleiben wir abrupt stehen. Vor der Tür steht eine kleine Box in hellblau. Sie ist nicht eingepackt, aber auf dem Deckel ist eine weiße Karte befestigt, auf der Jamie Channing steht.

Was zum Teufel? Mein erster Gedanke ist, dass meine Mum etwas aus Kalifornien geschickt hat, aber wenn sie das getan hätte, wäre irgendwo eine Adresse zu lesen oder eine Briefmarke zu sehen. Außerdem erkenne ich die Handschrift nicht.

»Hm«, Terry sieht mich unsicher an, bevor er die Hände in die Hüften stemmt. »Glaubst du, es ist eine Bombe?«

Ich muss lachen. »Keine Ahnung. Halt doch mal dein Ohr dran und sag mir, ob du was ticken hörst.«

»Haha, sehr witzig. Ich seh schon, du bist wirklich ein toller Freund. Schickst mich vor an die Front. Vergiss es. Immerhin ist es dein Name, der auf dem verdammten Ding steht.«

Wir starren beide weiter auf die kleine Kiste.

Plötzlich verzieht Terry gespielt dramatisch das Gesicht und kreischt: »Was ist in der Box?«

»Kumpel, keine schlechte Seven-Performance«, sage ich, ehrlich beeindruckt.

Er grinst. »Du hast ja keine Ahnung, wie lange ich auf eine Gelegenheit gewartet habe, das zu machen. Jahre!«

Wir klatschen uns ab, bevor ich mich hinknie, um den Karton aufzuheben. So unterhaltsam unser Schlagabtausch auch ist, wissen wir beide, dass die Kiste in Wahrheit ungefährlich ist. Ich klemme sie mir unter den Arm, als Terry die Schlüsselkarte durch den Magnetschlitz zieht, dann betreten wir unser Zimmer. Terry schaltet das Licht ein und wirft sich auf sein Bett, ich setze mich auf die Kante meiner Matratze und hebe den Deckel der Box an.

Mit gerunzelter Stirn falte ich das Seidenpapier auseinander und ziehe ein weiches Stoffpaket hervor.

»Mann, was soll der Scheiß?«, ruft Terry vom gegenüberliegenden Ende des Zimmers.

Ich habe keinen blassen Schimmer. Irritiert starre ich auf die weiße Boxershorts mit dem Kätzchenaufdruck. Eine gestreifte Tigerkatze rekelt sich quer über dem Schritt. Als ich die Shorts am Bündchen in die Höhe halte, flattert mir eine weitere Karte in den Schoß. Auf ihr steht nur ein Wort.

Miau.

Und diesmal erkenne ich die Handschrift. Ryan Wesley. Ich kann mich nicht beherrschen. So laut, dass Terry vor Erstaunen die Augenbrauen hochzieht, pruste ich los. Ich ignoriere seine Reaktion, dafür bin ich viel zu amüsiert und perplex ob der Bedeutung des Geschenks.

Die Box. Wes hat sie von den Toten wiederauferstehen lassen. Nur dass ich absolut keine Ahnung habe, warum. Ich war derjenige, der sie zum letzten Mal verschickt hatte. Und ich erinnere mich noch ziemlich genau daran, wie verdammt zufrieden ich mit der Wahl des Inhalts gewesen war: einer Packung »Blow Pops«, bunten Lollis mit Kaugummikern. Wie hätte ich da widerstehen können?

Wes hat sich danach nie wieder gemeldet. Er hat nicht angerufen, keine SMS geschickt, keine Schneckenpost beauftragt und auch keine Brieftaube. Kein einziges Wort von ihm seit dreieinhalb Jahren. Bis jetzt.

»Von wem ist die?« Terry grinst, er findet das bescheuerte Geschenk ganz offensichtlich wahnsinnig unterhaltsam.

»Holly.« Der Name kommt mir so leicht über die Lippen, dass es mich selbst überrascht. Ich weiß nicht, warum ich gerade lüge. Es wäre ganz einfach zu sagen, dass es sich um einen Scherz unter alten Freunden handelt, unter Konkurrenten, was auch immer. Aber aus irgendeinem Grund kann ich mich nicht überwinden, Terry die Wahrheit zu sagen.

»Ist das so eine Art Insiderjoke? Warum sollte sie dir eine Katzen-Boxershorts schicken?«

»Äh … Na ja, weil sie mich manchmal Kätzchen nennt.« Ach, du scheiße …

Terry braucht nur eine Zehntelsekunde, um sich darauf zu stürzen. »Kätzchen? Deine Freundin nennt dich Kätzchen?«

»Sie ist nicht meine Freundin.« Aber mein Einwand spielt keine Rolle mehr, denn Terry windet sich bereits unter Lachkrämpfen. Und ich könnte mich gleich mehrfach dafür in den Hintern treten, ihm genug Munition gegeben zu haben, um sich bis zum Ende aller Zeiten über mich lustig zu machen. Ich hätte ihm ganz einfach erzählen sollen, dass das Geschenk von Wes ist. Warum zum Teufel habe ich es dann nicht getan?

»Entschuldige«, sagt Terry, immer noch lachend, und geht in Richtung Tür.

Ich kneife die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. »Wo willst du hin?«

»Mach dir darüber mal keine Sorgen, mein Kätzchen

Ich seufze ergeben. »Du wirst an jede Tür klopfen und es den Jungs erzählen, oder?«

»Jep.« Und bevor ich weiter protestieren kann, ist er bereits verschwunden.

Aber ehrlich gesagt bin ich deswegen nicht allzu beunruhigt. Die anderen werden sich ein paar Tage über die Geschichte amüsieren und mich damit nerven. Und dann wird irgendjemand anderes aus dem Team etwas Bescheuertes machen und ich bin aus der Schusslinie.

Nachdem die Tür hinter Terry ins Schloss gefallen ist, starre ich wieder auf die Boxershorts hinunter. Ohne es zu beabsichtigen, muss ich lächeln. Dieser verdammte Wes. Ich bin mir nicht ganz sicher, was das bedeuten soll, aber er weiß anscheinend, dass ich wegen der Meisterschaft in der Stadt bin. Vielleicht ist das seine Art, sich zu entschuldigen, die weiße Flagge zu hissen? Was auch immer er damit sagen will, ich bin zu neugierig, um seine Geste zu ignorieren.

Ich schnappe mir das Telefon und wähle die Nummer der Rezeption. In der Warteschleife läuft eine Endlosversion des Katy-Perry-Songs »Roar«. Weswegen ich noch mehr lachen muss. Miau und Roar – das passt ja perfekt zusammen.

Als sich endlich jemand meldet, frage ich nach der Zimmernummer von Ryan Wesley. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Meer aus grün-weißen Jacken, auf das wir in der Lobby getroffen sind, bedeutet, dass er im selben Hotel übernachtet.

»Ich darf leider keine Nummern von anderen Gästen herausgeben, Sir.«

Einen Augenblick stutze ich. Immerhin hat es Wes ganz offensichtlich geschafft, an meine Zimmernummer heranzukommen. Aber wir sprechen hier von Wes. Vermutlich hat er einer der Rezeptionistinnen im Austausch einen Blick auf seinen Waschbrettbauch geboten.

»Sir? Ich kann gerne versuchen, Sie direkt durchzustellen.«

»Ja, danke.«

Ich höre das Freizeichen. Niemand geht ran. Mist. Aber vielleicht gibt es noch eine andere Möglichkeit. Im Adressbuch meines Handys suche ich nach seinem Namen, vielleicht habe ich ihn noch gespeichert. Da ist er. Anscheinend war ich nie wütend genug auf ihn, um seine Kontaktdaten zu löschen. Ich tippe eine Textnachricht, die aus genau vier Worten besteht: Derselbe Klugscheißer wie früher.

Als ich eine Sekunde später einen Signalton höre, bin ich mir sicher, dass meine Nachricht nicht durchgegangen ist. Dass Wes seine Nummer schon vor Jahren geändert hat.

Doch auf dem Display ist zu lesen: Manche Dinge ändern sich nie.

Automatisch füge ich in Gedanken hinzu: Aber andere tun es eben doch. Merkwürdig, sonst bin ich eigentlich nicht der Typ, der schnell beleidigt ist. Damit würde ich ganz sicher auch nicht weit kommen. Deswegen tippe ich stattdessen: War das jetzt ein Begrüßungsgeschenk oder eher eine Provokation? Pass auf du Loser, wir werden euch ordentlich in den Hintern treten!

Seine Antwort kommt innerhalb von Sekunden: Beides?

Grinsend sitze ich auf meinem Hotelbett und starre auf das Handy hinunter. Ernsthaft, ich mache mir Sorgen, dass es mein Gesicht in zwei Hälften zerreißt. Nostalgische Erinnerungen an eine leichtere Zeit gehen mir durch den Kopf. Als die schwierigsten Entscheidungen noch darin bestanden, den besten Belag für eine Pizza auszusuchen oder sich den nächsten Blödsinn auszudenken, den man seinem Kumpel in einer alten Zigarrenbox schicken konnte. Aber mir gefällt dieses leicht wehmütige Gefühl, weswegen ich schnell zurückschreibe: Ich wollte gerade an die Bar gehen.

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