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Highlandherzen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. KAPITEL EINS
  6. KAPITEL ZWEI
  7. KAPITEL DREI
  8. KAPITEL VIER
  9. KAPITEL FÜNF
  10. KAPITEL SECHS
  11. KAPITEL SIEBEN
  12. KAPITEL ACHT
  13. KAPITEL NEUN
  14. KAPITEL ZEHN
  15. KAPITEL ELF
  16. KAPITEL ZWÖLF
  17. KAPITEL DREIZEHN
  18. KAPITEL VIERZEHN
  19. KAPITEL FÜNFZEHN
  20. KAPITEL SECHZEHN
  21. KAPITEL SIEBZEHN
  22. KAPITEL ACHTZEHN
  23. KAPITEL NEUNZEHN
  24. KAPITEL ZWANZIG
  25. KAPITEL EINUNDZWANZIG
  26. KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
  27. KAPITEL DREIUNDZWANZIG
  28. KAPITEL VIERUNDZWANZIG
  29. KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
  30. KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
  31. KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
  32. KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
  33. KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
  34. KAPITEL DREISSIG
  35. KAPITEL EINUNDDREISSIG
  36. KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG
  37. KAPITEL DREIUNDDREISSIG
  38. KAPITEL VIERUNDDREISSIG
  39. EPILOG
  40. Anmerkung der Autorin

Über die Autorin

Mia Marlowe ist eine klassisch ausgebildete Opernsängerin und stand bereits mit Stars wie Placido Domingo auf einer Bühne. Ihrer Familie zuliebe hat sie ihre Karriere aufgeben, doch inzwischen hat sie festgestellt, dass das Singen sie bestens auf ein Leben als Schriftstellerin vorbereitet hat. In jeder ihrer Opernrollen hat sie die Geschichten ihrer Figuren weitergesponnen, und nachdem sie gezwungen war, in einem Korsett das hohe C zu treffen, kann sie sich bestens in die Heldinnen von historischen Liebesromanen hineinversetzen. Mia hat bereits in neun Ländern gelebt, momentan nennt ihre Familie den Nordosten der USA ihr Zuhause. Mehr über die Autorin auf ihrer Homepage: www.miamarlowe.com

Den Kopf des Wildschweins trag ich in der Hand,
geschmückt mit Lorbeerblatt und Rosmarin.

»The Boar’s Head Carol«

»Und wenn ihr noch so viele hübsche Blätter und
duftende Kräuter auf das jämmerliche Ding gebt,
bleibt’s doch trotzdem bloß der Kopf eines
toten Schweins, nicht wahr?«

Nab, Hofnarr des Earls of Glengarry

KAPITEL EINS

»Die Weihnachtszeit ist keine Zeit für ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter, Kat.«

Katherine zog die Mundwinkel schnell nach oben. Das erzwungene Lächeln, das sie aufsetzte, fühlte sich für sie schon fast natürlich an. Sie hatte weiß Gott genug Übung darin, doch Margaret, ihrer Schwägerin, die sie in einem unachtsamen Moment erwischt hatte, würde es nicht genügen. Deshalb lächelte Kat ein wenig breiter, ließ für einen Moment sogar ihre Zähne aufblitzen und hoffte, dass niemand im Saal ihres Vaters den Unterschied zwischen dieser Maske, die sie aufgesetzt hatte, und einem Ausdruck echter Freude erkennen würde.

»Ich bin nur ein bisschen müde.« Sie zwang sich, einen Schluck von ihrem hellen Bier zu trinken, und schob das Essen auf ihrem Holzteller hin und her, ohne es anzurühren. Katherine befürchtete, alles wieder von sich geben zu müssen, wenn sie auch nur einen Bissen von der Singvogel-Pastete aß. Sie nahm jedoch ein Stückchen Fleisch und hielt es unter dem Tisch Angus hin. Ihr kleiner Terrier fraß es artig auf und leckte dann auch noch das Fett von ihren Fingern ab.

Er zuckte jedes Mal zusammen, wenn die Schottischen Hirschhunde am Kamin die Knochen zerknackten, die ihnen die Bewaffneten des Earls zuwarfen, oder wenn sie sich knurrend und nacheinander schnappend um einen besonders leckeren Happen stritten. Aus Furcht vor ihnen wagte Angus nicht, Katherine von der Seite zu weichen.

»Nach all unserer Arbeit heute überrascht es mich, dass du nicht auch völlig erschöpft bist, Margie«, sagte Katherine.

Die Frauen hatten einiges vorzuweisen nach den Anstrengungen, die sie an diesem Tag auf sich genommen hatten. Der große Saal funkelte im Licht von Dutzenden kostspieliger Bienenwachskerzen. Das dickere Ende des Yule Logs oder Weihnachtsstamms war tief in den mächtigen Kamin hineingeschoben worden und brannte bereits munter vor sich hin. Da der Stamm lang und dick genug war, um die vorgeschriebenen zwölf Weihnachtstage hindurch zu brennen, reichte er bis weit in den Saal hinein und verschwand zwischen den langen Tafeln. Am Vormittag, bevor es stark zu schneien begonnen hatte, waren Katherine und Margaret draußen gewesen und hatten Arme voller Grünzeug gesammelt, um den großen Saal mit duftenden Kränzen und Girlanden zu schmücken. Allein für den Kranz aus Efeu, Tanne und Misteln hatten sie Stunden zum Binden und Aufhängen gebraucht.

Nicht, dass mich unter dem Mistelkranz jemand küssen würde, dachte Katherine, und ein schmerzliches Gefühl der Einsamkeit schnürte ihr die Brust zusammen.

»Ich bin wirklich froh, dass du dich dazu entschlossen hast, herzukommen und Weihnachten mit uns zu feiern.« Mit einem zufriedenen Seufzen ließ Margaret sich das letzte Stück ihrer Pastete schmecken. »Dank dir, Schwägerin, habe ich mehr die Aufsicht geführt als selbst gearbeitet. Aber ich muss dir auch gestehen, dass Frauen kurz vor der Niederkunft nicht müde, sondern eher hungrig werden«, sagte sie mit einem interessierten Blick auf Katherines Teller. »Falls du das also nicht mehr isst …«

Kat schob ihren Teller zu ihrer Schwägerin hin. Schließlich musste Margie ja auch für zwei essen. Oder womöglich gar für drei, so wie sich der feine Stoff ihres Gewands über ihrem Leib wölbte.

Katherine zwang sich, noch ein wenig breiter zu lächeln, damit nur ja niemand erriet, dass sie innerlich jedes Mal ein bisschen starb vor Kummer, wenn sie Margarets runden Bauch ansah. Schnell hob sie wieder ihren Bierkrug an die Lippen.

Es war beruhigend, sich hinter dem Krug verstecken zu können. Niemand brauchte zu wissen, dass diese Weihnachtszeit nicht die kleinste Spur von Freude für sie bereithielt. Nicht einmal William, der es eigentlich wissen und das Gleiche empfinden musste, hatte eine Ahnung davon, was an ihr nagte und in ihr gärte.

Und wenn er es wusste, kümmerte es ihn nicht.

Katherine wurde aus ihren düsteren Gedanken gerissen, als ihr Cousin Ranulf MacNaught, der kämpferischste der Gefolgsmänner ihres Vaters, den Dudelsack eines Jungen ergriff, der schon den ganzen Abend von Zeit zu Zeit versucht hatte, ihn zu spielen. MacNaught begann, dem Instrument nun ein paar eigene quietschende Töne zu entlocken. Obwohl er Lord Glengarrys Neffe war, fand Katherine, dass Ranulf weit mehr Aufmerksamkeit zuteilwurde, als er verdiente. Eine bestimmte Gruppe der Bediensteten ihres Vaters umschmeichelte Ranulf mit hündischer Unterwürfigkeit. Jetzt hoben auch Lord Glengarrys Gefolgsmänner ihre Trinkhörner und stießen sie im Takt der monotonen Melodie auf das zerkratzte dunkle Holz der langen Tische. Der pochende Rhythmus schallte unangenehm in Katherines Brust wider.

Ihre Nasenflügel zuckten. Der Geruch von zu viel fettem Essen, feuchter Wolle, ungewaschenen Hunden und ungekämmten Männern konnte nie vollständig durch den Duft von Tannenzweigen und Gewürzkugeln überdeckt werden. Der hell erleuchtete Saal begann ihr plötzlich eng zu erscheinen, und sie hatte ein Gefühl, als rückten die steinernen Mauern langsam auf sie zu.

»Beim Leib Christi, es ist Weihnachten, Lady Katherine«, murmelte eine sanfte Stimme hinter ihr. »Warum seid Ihr so traurig?«

Sie drehte sich um. Nab, der Hofnarr ihres Vaters, stand hinter ihr und betastete die herabhängenden Enden seiner lächerlichen Narrenkappe. Unter dieser Kappe quoll sein wirres, teilweise zu dünnen Zöpfchen geflochtenes karottenrotes Haar hervor. Sein buntgeschecktes Narrenkostüm war mit Überresten des Festmahles befleckt. Da Nab gewöhnlich äußerst penibel in Bezug auf sein Äußeres war, mit Ausnahme seines Haars, das allen Bändigungsversuchen widerstand, nahm Katherine an, dass ihm Essen zugeworfen worden war, als wäre er einer der Hunde.

Einmal abgesehen von seiner merkwürdigen Erscheinung hatte sie nie verstanden, warum Lord Glengarry gerade Nab als Unterhalter für sich und seinen Haushalt ausgesucht hatte.

Die meisten Hofnarren waren perfide und grausam in ihren Witzeleien und Possen, Nab dagegen war schüchtern, still und hatte überhaupt nichts Boshaftes an sich. Aber er hatte die Angewohnheit, die merkwürdigsten Dinge zur falschen Zeit zu sagen, was ihr Vater unglaublich komisch fand. Im Moment huschte der Blick des Narren zu allem Möglichen im Saal, nur nicht zu ihr, was sie ihm jedoch nicht übelnahm, da er grundsätzlich nur sehr selten jemanden direkt ansah. Außerdem wusste sie, dass seine Aufmerksamkeit trotz alledem nur ihr galt und er auf eine Antwort wartete.

»Du irrst dich, Nab. Ich bin nicht traurig, sondern müde.«

»Nein, müde ist jemand, wenn er gähnt. Traurig ist er, wenn er nur so tut, als ob er lächele.« Stirnrunzelnd blickte er auf die hochgebogenen Spitzen seiner Schuhe hinab. »Ich glaube, Ihr seid es, die sich irrt. Wenn ich verwirrt bin, gehe ich schlafen, und in meinen Träumen klärt sich alles. Deshalb solltet Ihr zu Bett gehen, dann seid Ihr morgen auch nicht mehr traurig.«

Margaret lachte leise. »Auf seine Weise hat der Narr ganz recht. Geh zu Bett, Kat. Du hast gearbeitet bis zur Erschöpfung, seit du heimgekommen bist, um mir zu helfen. Und der Lärm hier im Saal wird nur noch schlimmer werden heute Nacht.«

Wie um ihr recht zu geben, legte Ranulf den Dudelsack beiseite und brüllte: »Wenn wir diese Weihnachtszeit in Gang bringen wollen, müssen wir einen Narrenprinzen krönen.«

Katherines Vater erhob sich von seinem Platz an der erhöhten Tafel, stützte seine großen Hände auf den Tisch und maß MacNaught mit einem scharfen Blick. Seine grauen Augenbrauen zogen sich zu einem finsteren Stirnrunzeln zusammen, aber alle lachten, weil sie wohl ahnten, dass ihr Herr es nicht ernst meinte. Zur Weihnachtszeit war diese scheinbare Absetzung ihres wahren Herrn nichts weiter als das Zeichen, dass das Feiern nun erst richtig begann.

»Soll das heißen, dass es dir nicht gefällt, wie ich die Dinge hier handhabe, MacNaught?«, rief Lord Glengarry mit dröhnender Stimme.

»Nein, Mylord. Seid versichert, dass wir Euch selbst in die Hölle folgen würden, genauso unbeschwert und guter Dinge, wie wir es das ganze Jahr lang tun.« MacNaught verbeugte sich kurz. »Aber die Weihnachtszeit braucht einen Meister des Feierns, einen regelrechten Abt der Unvernunft, und mein Lord Glengarry ist die Vernunft und die gütige Herrschaft in Person. Was wir jetzt brauchen, ist ein dekadenter Despot und dümmlicher Tyrann.« Er blickte sich im Saal um, bis er Nab entdeckte. »Was wir jetzt brauchen, ist ein Narr! Holt ihn, Jungs.«

»Nein.« Katherine sprang auf, aber es war bereits zu spät. Einige der Männer in der Nähe schnappten sich Nab, der es auch so schon hasste, angefasst zu werden, und reichten ihn über ihren Köpfen von einem zum anderen weiter. Dabei stieß der Arme jämmerliche, blökende Geräusche aus, die sich wie die der Glengarry-Schafe anhörten, wenn die Schersaison begann.

»Lasst ihn sofort herunter!«, forderte Katherine, aber niemand schien sie zu hören, am wenigstens ihr Vater, der wie alle anderen wieherte vor Lachen.

Verärgert eilte sie hinter Nab her und trat dabei versehentlich auf Angus. Der Terrier jaulte auf, was die Hirschhunde auf seine Anwesenheit aufmerksam machte. Die beiden größten Weibchen sprangen auf und jagten ihn wie einen im Dickicht aufgestöberten Hasen. Angus flitzte unter den langen Tisch zurück, gefolgt von den Hirschhunden, die auf ihrem Weg Bänke umstießen und mit ihnen alle zu Fall brachten, die ihnen nicht schnell genug ausgewichen waren.

Mit Nab, der durch die Luft geworfen wurde, und den Hunden, die zwischen den Beinen der Männer herumwuselten, war der große Saal zu einem einzigen Gewühl schwer auseinanderzuhaltender Glieder geworden. Und um dem Chaos noch die Krone aufzusetzen, flog nun die Tür auf, und ein eisig kalter Windstoß fegte in den Saal.

Es war ein Stück Winter, das William Douglas, den Laird von Badenoch, mitbrachte. Er blieb auf der Schwelle stehen, um sich den Schnee von den Stiefeln zu stampfen und dicke weiße Eisbrocken von seiner Kleidung abzuschütteln. Sogar sein dunkles Haar war mit Schnee bestäubt, obwohl er sich das Ende seines Plaids über den Kopf gezogen hatte. Eine steile Falte stand zwischen den dunklen Augenbrauen über seiner wohlproportionierten Nase.

Bei seinem Anblick erwachte eine kribbelnde Erwartung in Katherines Brust, die sie jedoch schnell unterdrückte, weil Hoffnung viel zu wehtat. Sie hatte geglaubt, über Weihnachten vor ihm sicher zu sein, da seit der Mittagszeit ein schwerer Schneesturm tobte, aber er war durch die Kälte und das Unwetter geritten, um ihr nachzueilen.

Hol der Teufel ihn und seinen Eigensinn!

Der kleine Angus schien jedoch erleichtert zu sein, William zu sehen. Er rannte schnurstracks auf ihn zu und sprang ihm mit einem großen Satz in die Arme. Sofort umringten die Hirschhunde sie knurrend und schnappten nach dem Terrier.

»Vorsicht, Kleiner!« William ergriff den zappelnden Angus und hielt ihn hoch, um ihn außer Reichweite der Schnauzen der Hirschhunde zu bringen, während er seine Öltuchtasche absetzte.

Diese Tasche verhieß nichts Gutes. Sie schien vollgepackt zu sein, was nur bedeuten konnte, dass er vorhatte, sich eine Zeitlang auf Glengarry Castle aufzuhalten.

Als der kleine Hund sich beruhigt hatte, schob William ihn unter sein Plaid. Angus, der sich nun endlich in Sicherheit fühlte, rollte sich zusammen und machte es sich in den Falten des warmen Wollstoffes bequem. Er regte sich nicht einmal, als Will die Hirschhunde anschrie: »Weg mit euch, ihr wurmzerfressenen Viecher!«

Die Hunde zogen die Schwänze ein und traten, sich ab und zu besorgt nach William umsehend, den Rückzug an. Angus spähte zwischen Williams Hemd und dem über seine Schulter geworfenen Plaid hinaus und sah triumphierend zu, wie die viel größeren Hunde mit eingezogenen Schwänzen zum Kamin zurückschlichen.

Aber Will schien Lord Glengarrys Meute bereits aus seinem Kopf gedrängt zu haben. Als spürte er Katherines Blick auf sich, hob er seinen dunklen Kopf und drehte sich zu ihr um. Sie stand noch immer mitten im Saal, und trotzdem schien er ganz genau zu wissen, wo sie war.

Wie er es immer wusste.

Wie macht er das nur?

Wenn er dazu imstande war, warum konnte er dann nicht auch spüren, wie sehr sie ihn hier fortwünschte?

Aber zumindest bahnte er sich nicht den Weg zu ihr durch die noch immer dichtgedrängte Menge. Der arme Nab wurde nach wie vor von einer Gruppe Männer zur nächsten geworfen und heulte jedes Mal auf, wenn er durch die Luft schoss.

Sowie William darauf aufmerksam wurde, ging er mit großen Schritten auf die ausgelassene Menge zu.

Als Nab auf irgendjemandes Händen dicht in seiner Nähe landete, schnappte William sich den Narren und half ihm wieder auf die Beine. »Nab ist kein Gerstensack, den man durch die Gegend werfen kann! Was soll dieser ganze Aufruhr hier?«

Ranulf MacNaught verzog den Mund, aber er beschränkte sich darauf, die Fäuste zu ballen.

Will war ein starker Mann, der die meisten anderen im Saal auch noch um etwa einen halben Kopf überragte. Seine Schultern waren breit wie die eines Steinmetzes, und der Ruf, den er wegen seiner Heldentaten genoss, war schon beinahe legendär. Katherine konnte verstehen, dass Ranulf eingeschüchtert war. Bessere Männer als er hatten sich schon unter dem Blick des Black Douglas geduckt.

»Nicht, dass es Euch etwas anginge«, sagte Ranulf, »aber wir krönen gerade unseren Abt der Unvernunft.«

»Wenn das so ist und Nab für die nächsten zwölf Tage euer Narrenprinz sein soll, solltet ihr ihm ein bisschen mehr Respekt erweisen.« William wandte sich an Nab. »Als Abt der Unvernunft kannst du befehlen, was du willst, und deine Untertanen müssen dir gehorchen.«

»Wirklich?« Nabs Blick flatterte herum wie eine Mücke und blieb nie länger als für einen flüchtigen Moment auf irgendjemandem haften.

»Ja, genauso ist es.« William konnte hart wie Stein sein, wenn er wollte, aber die Güte, die jetzt in seiner Stimme lag, versetzte Katherine einen Stich ins Herz. Es wäre so viel einfacher, zu tun, was sie tun musste, wenn er ein furchtbarer Tyrann wäre. »Und was befehlt Ihr nun, Laird Nab?«

»Ich sage … ich befehle …«, Nab streckte die Hände auf Armeslänge aus, »dass alle zurücktreten.«

MacNaught murrte, aber er und der Rest seiner Leute kamen Nabs Forderung nach.

»Du kannst ihnen auch befehlen, sich auf den Kopf zu stellen, wenn du willst«, schlug William vor.

Nabs rötliche Augenbrauen zogen sich zusammen. »Es könnte aber einen schlimmen Stiefelabdruck hinterlassen, wenn Ranulf versuchen würde, sich auf seinen eigenen Kopf zu stellen.«

William lachte über Nabs Fehlinterpretation. »Das könnte durchaus sein. Auch wenn ich diesbezüglich Zweifel habe, wenn man bedenkt, wie hart Ranulf MacNaughts Kopf ist. Was allerdings nichts daran ändert, dass du zum Laird ernannt wurdest und daher bis zur zwölften Nacht deine eigenen Regeln machen kannst.«

»Aber ich bin kein Laird«, sagte Nab mit einem verstohlenen Blick zu Katherines Vater. Lord Glengarry schenkte seinem Narren jedoch ein breites Lächeln und nickte ihm ermunternd zu. Nab errötete bis in die Spitzen seiner viel zu großen Ohren. »Oder zumindest fühle ich mich nicht wie einer.«

»Vielleicht können wir das ändern.« Will hockte sich hin und begann, in seiner Öltuchtasche herumzukramen. Schließlich zog er einen langen, in weiches Rehleder eingehüllten Gegenstand heraus und gab ihn Nab.

Vorsichtig öffnete der Narr das Päckchen, und zum Vorschein kam ein kleines Zepter. Es war nicht länger als ein Spielzeugbogen, aber auf dem goldgeränderten Silber waren mystische Symbole eingraviert, deren Bedeutung weit über Menschengedenken hinausging. Der polierte Stein an dem einen Ende schimmerte, als würde er von einem Feuer tief in seinem Innersten erleuchtet.

Jetzt musste er auch noch dieses vorsintflutliche Ding mitbringen, dachte Katherine und verschränkte verstimmt die Arme vor der Brust.

Nab gab William das Zepter zurück.

»Das ist nichts für mich.« Der Narr trat ein paar Schritte zur Seite. »Es ist viel zu edel.«

»Nichts ist zu edel für den Narrenprinzen«, sagte William mit einem Lächeln, das Katherine fast das Herz brach. In dieses Lächeln hatte sie sich einst verliebt.

Erst später hatte sie begonnen, den Mann zu lieben.

»Außerdem ist es ein Zepter, das wahre Macht besitzt«, fuhr William fort. »Es ist unschätzbar alt und wurde im Douglas-Clan von Anfang an von Vater an Sohn weitergegeben.«

»Ist das so?« Ranulf MacNaught fand seine Stimme und ein bisschen seiner Courage wieder, aber Kat fiel auf, dass er nicht näher an William herangetreten war. »Das Zepter ist aber recht klein für etwas, von dem du uns glauben machen willst, es sei derart großartig.«

»Nur weil etwas klein ist, bedeutet das noch lange nicht, dass es nicht seinen Dienst tut«, sagte Will. »Ist es nicht dieser Glaube, auf den du dich bei deinen Frauen verlässt, MacNaught?«

Daraufhin ertönte ein schallendes Gelächter im Saal. Ranulfs Gesicht nahm eine ungesunde Röte an, aber William ignorierte seine zunehmende Wut und wandte sich wieder Nab zu.

»Der Legende nach kam dieses Zepter vom Feenvolk zum Douglas-Clan, und wie du weißt, sind viele dieser geheimnisvollen, magischen Wesen kleiner als wir. Aber es wäre ein Fehler, sie zu unterschätzen.« William legte Nab eine Hand auf die Schulter und hielt ihm das Zepter erneut hin. »Manchmal sind die Kleinen und scheinbar Schwachen in Wahrheit die Stärksten.«

Nab streckte die Hand aus und nahm das Zepter diesmal zögernd an. Dann drückte er es fest an seine Brust. »Ich werde bis Dreikönig gut darauf aufpassen, Lord Badenoch.«

»Nenn mich William. Du bist jetzt unser Herr. Und ich weiß, dass du das Zepter gut behüten wirst, denn sonst hätte ich es dir nicht geliehen. Kommt, Leute, lasst uns ein Glas auf Laird Nab erheben. Gut möge er herrschen, wenn auch nicht sehr lange!«

Nachdem die Männer auf das Wohl des Narrenprinzen getrunken hatten, schwenkte Nab das Zepter, während er seine neuen Untertanen in der Kunst unterwies, auf einem Fuß zu balancieren und dabei im Kreis zu hüpfen. Unter allgemeinen Heiterkeitsausbrüchen tat die halbbetrunkene Menge es ihm nach.

Zur Begrüßung seines Gastgebers machte William eine schnelle Verbeugung vor Katherines Vater und ließ dann die Narreteien hinter sich zurück, um durch den Saal zu ihr zu gehen.

Sie hätte am liebsten ihre Röcke gerafft und die Flucht ergriffen, aber sie konnte nicht einmal einen Fuß vor den anderen setzen. Es war, als ob sie wieder in ihrem sich ständig wiederholenden Albtraum gefangen wäre, in dem ein Ungeheuer einen Berg zu ihr hinunterstürmte und sie sich nicht bewegen konnte. Genau wie in ihrem Traum schienen ihre Füße auch jetzt wie festgewachsen an den Steinplatten des Fußbodens zu sein.

Will blieb vor ihr stehen, und griff unter sein Plaid, um Angus hervorzuholen, und hielt Kat den kleinen Hund hin, als wäre er ein Laib Brot. Natürlich zappelte und jaulte dieses »Brot«, und seine kurzen Beinchen paddelten in der Luft, als könnte er zu ihr hinüberschwimmen, wenn William ihn nur losließe.

»Das gehört dir, glaube ich.«

Katherine nahm ihm den Terrier ab, und Angus presste sich an sie, leckte ihr den Hals und drückte seine kalte Hundenase an ihre Haut. »Danke, Will.«

»Ich habe noch etwas, das dir gehört.«

Sie hütete sich, ihn zu fragen, was das war. Seine dunklen Augen sprachen deutlich genug. Will konnte sehr wortgewandt sein, wenn er wollte, und sie könnte es jetzt nicht verkraften, ihn seine Liebe zu ihr beteuern zu hören. Alles, was er sagte, würde sich unaufrichtig anhören. Sie konnte viel ertragen, aber keine Unwahrheiten.

»Du wirst dich nach deiner Reise erfrischen wollen, nehme ich an.« Normalerweise übernahm Margaret die Aufgabe der Burggräfin, da sie mit Katherines Bruder verheiratet war. Es war an ihr, den Bedürfnissen der Gäste gerecht zu werden. Doch da Margie sich kurz vor der Niederkunft befand, hatte Katherine ihre Pflichten übernommen, seit sie vor zwei Tagen auf Glengarry Castle eingetroffen war. »Ich werde dir dein Zimmer zeigen.«

»Solange es auch dein Zimmer ist«, erwiderte William und hievte sich die Öltuchtasche auf die Schulter. »Oder ist es deinem Gedächtnis schon entfallen, dass du meine Gemahlin bist?«

Oh, da kommt sie, über die Wiese dort.
Mit vielen feinen Geschichten für dich,
und sie hat ein Kindlein auf den Knien
und noch ein weiteres unterwegs.

»The Gaberlunzie Man«

»Fragt ihr euch bei diesem Lied nicht,
woher sie diese Kinder hat?
Es klingt fast so, als ob sie sie auf der Wiese aufgesammelt
hätte, nicht? Natürlich habe ich sagen gehört, dass
dort eine ganze Menge Kinder ihren Anfang nehmen.«

Nab, Hofnarr des Earls of Glengarry

KAPITEL ZWEI

»Nein, was zwischen dir und mir ist, steht in meinen Gedanken an erster Stelle«, sagte Kat. »Auch wenn ich das Gefühl habe, dass du in letzter Zeit nicht viel darüber nachgedacht hast. Genau genommen bin ich sogar überrascht, dass du meine Abwesenheit überhaupt bemerkt hast.«

William bewahrte eine ausdruckslose Miene. Sie hatte recht. Ganze anderthalb Tage waren vergangen, bis ihm aufgefallen war, dass sie Badenoch Castle verlassen hatte. »Aber hier bin ich, oder etwa nicht?«

»Ja doch. Gerade rechtzeitig für die Gans mit allem Drum und Dran«, sagte sie und zog eine ihrer rotbraunen Augenbrauen hoch.

William wünschte, er könnte diese Braue glätten, aber wahrscheinlich würde sie seine Hand wegstoßen. Schließlich hatte sie ihn seit Wochen von sich weggestoßen. »Willst du diese Auseinandersetzung wirklich im Saal deines Vaters vor Gott und der Welt führen?«

Katherines Lippen wurden schmal und verzogen sich zu einem Ausdruck des Missfallens, aber sie nahm eine Kerze aus einem der Wandhalter und ging William voran aus dem großen Saal hinaus. Sie sagte kein Wort, als sie vor ihm die Wendeltreppe hinaufstieg, die zu dem von der Familie bewohnten Teil der Burg führte. Aber bei jedem Schritt ihre wiegenden Hüften vor sich sehen zu müssen, löste eine größere Hitze in Will aus, als es das Kaminfeuer im großen Saal je gekonnt hätte.

Aber wenn sie sich zu mir umdrehte, würde das Stirnrunzeln meiner reizenden Frau mir eher das Blut in den Adern gefrieren lassen als der Nordwind.

William ging halb gebückt, während er hinter ihr die Treppe hinaufstieg, und trotzdem stieß er sich fast jedes Mal die Stirn am Türsturz, wenn sie um eine Zimmerecke bogen, um wieder auf die Stufen zu gelangen.

Die Privatgemächer der Familie lagen auf aufeinanderfolgenden Ebenen des Turmes und waren alle mit demselben Treppenhaus verbunden. Lord Glengarrys spartanisch eingerichtetes Zimmer war das erste, das sie auf dem Weg hinauf passierten. Nachdem Katherines Mutter gestorben war, hatte der Graf allen weiblichen Zierrat aus seinem Gemach entfernt und sich mit der Befriedigung der grundlegendsten Bedürfnisse begnügt – einem bequemen Bett, einer Truhe für seine Kleidung und einer etwas größeren für seine Waffen. Der einzige Luxus, den er sich gönnte, bestand in seinem privaten Ankleidezimmer, das mit einer kupfernen Sitzbadewanne und einer in die Burgmauer eingebauten Latrine ausgestattet war.

Das nächsthöhere Gemach gehörte Donald, Lord Glengarrys Erben und Kats einzigem Bruder. Er teilte es offenbar mit Margaret, seiner Frau, da die Wände mit Tapisserien bedeckt waren und das Zimmer vollgestopft war mit schweren Möbeln im neumodischen Tudorstil. Die tief eingedrückten Kissen auf der Kniebank des Betstuhls in der Ecke waren der Beweis für Lady Margarets Frömmigkeit. Denn William war sich sicher, dass Donald so gut wie nie Zeit auf den Knien verbrachte.

Ganz oben im Turm befand sich, wie es sich für die Tochter des Hauses geziemte, weil es der sicherste Ort innerhalb der Burg war, Katherines Zimmer. Es war der Raum, den sie ihr Leben lang bewohnt hatte, bis sie vor vier Jahren Williams Frau geworden war.

Sie stellte die Kerze vor ihren Spiegel aus versilbertem Glas, der das Licht verstärkte und in den Raum zurückwarf. Dann ging sie zum Kamin hinüber und fachte das nur noch glimmende Feuer wieder an.

Als es hell aufflackerte, ließ sie den kleinen Angus herab, dessen kurze Beinchen sich schon hin und her bewegten, bevor seine Füße die duftende Binsenstreu auf dem Steinboden berührten. Dann nahm der Terrier Anlauf und sprang mit einem Satz auf das Bett, in dessen Mitte er sich zufrieden seufzend niederließ.

»Das Bett wird schon schmal genug sein für dich und mich, Kat«, sagte Will, während er seine Tasche abstellte. »Ich glaube nicht, dass da noch Platz für Angus bleibt.«

Er war fast ein wenig beschämt darüber, wie sehr er den Hund beneidete. Seine Frau überschüttete diese kleine Flohfalle mit so viel Zuneigung und Zärtlichkeit, dass er selbst schon mit einem kleinen Teil davon zufrieden gewesen wäre.

»Es ist sehr anmaßend von dir, zu glauben, du dürftest mir in diesem Bett Gesellschaft leisten.«

»Du bist meine Frau, Katherine. Du hast vor Gott versprochen, mir zu gehorchen. Wenn ich mit dir schlafen will, dann werde ich das verdammt noch mal auch tun.«

Es war schlimmer als Zahnweh, die Sache erzwingen zu müssen. Bevor er geheiratet hatte, war William in die Betten sehr vieler Frauen eingeladen worden, aber er hatte nicht ein einziges der Angebote angenommen. Er war mit Katherine verlobt worden, als sie beide noch Kinder waren, und mit einer anderen Frau zu schlafen, wäre ihm respektlos erschienen, nicht nur Katherine, sondern auch der von ihren Vätern getroffenen Vereinbarung gegenüber. Er war vergeben und daher fest entschlossen, sein Ehebett zu würdigen. Auch wenn sein junger Körper gebrannt hatte vor Neugierde darauf, was zwischen einem Mann und einer Frau geschah, hatte er dafür gesorgt, dass er und seine Braut all das zusammen erfuhren.

Und der Unterricht in Sache Liebe, den sie einander erteilt hatten, war dann auch wirklich wundervoll gewesen. Kat war warmherzig und anschmiegsam, ihr Körper unter ihrem Kleid wunderbar weich und wohlgerundet. Will hatte Gott gedankt und sich darangemacht, sein neues Königreich sehr gründlich zu erforschen. Und Katherine hatte sich in gleicher Weise revanchiert.

Zu Anfang jedenfalls.

Die Einladungen in die Betten anderer Frauen hatten nicht aufgehört, nachdem er sein Ehegelübde abgelegt hatte. Und noch immer wandte er sich von diesen verführerischen Lächeln ab, aber es fiel ihm immer schwerer. Schließlich schien gerade die Frau, die von allen die Entgegenkommendste hätte sein müssen, am wenigstens mit ihm zu tun haben zu wollen.

»Wenn du vorhast, Gott ins Spiel zu bringen«, sagte diese Frau gerade, »dann lass mich dich an die Heilige Schrift erinnern, die uns lehrt, dass nicht nur der Körper der Frau ihrem Mann gehört, sondern auch der des Mannes seiner Frau.« Kats grüne Augen funkelten gefährlich. »Wenn ich also beschließe, dass dein Körper woanders schläft, mein Herr Gemahl, dann ist das mein gottgegebenes Recht.«

Beim Leiden Christi! Er hätte sie nie von Pater Simon unterrichten lassen dürfen. Sie war eine viel zu gute Theologin für verbale Auseinandersetzungen mit ihm geworden. Will beschloss, es anders zu versuchen.

»Ich weiß nicht einmal, worüber du verärgert bist«, sagte er und ballte unwillkürlich die Fäuste.

»Dann lass mich deine Erinnerung auffrischen.« Ihre feingezeichneten Augenbrauen zogen sich über ihrer hübschen kleinen Nase noch mehr zusammen. »Sagt dir der Name Lady Ellen etwas?«

»Lady Ellen?«

»Ja, das gutgebaute junge Ding, von dem du glaubtest, es unserem Haushalt hinzufügen zu müssen.«

Gutgebaut? William hätte das Mädchen eher als spindeldürr bezeichnet. Für ihn musste eine Frau ein bisschen Fleisch auf den Knochen haben und weich und wohlgerundet sein. Wie seine Katherine. »Lady Ellen ist doch noch ein Kind.«

»Sie ist fünfzehn. In jüngerem Alter als ihrem werden Frauen zu Müttern gemacht.«

»Das ist es, was ihre Familie befürchtet. Sie soll mit meinem Cousin John verlobt werden, und mein Onkel bat mich, sie bis zu ihrer Hochzeit im kommenden Mai bei uns aufzunehmen. Ihre Familie lebt im Flachland, und John wird seinem Vater keine Hilfe sein, wenn er ständig unterwegs ist, um ihr den Hof zu machen, statt sich um die Ländereien seines Vaters zu kümmern.«

»Verstehe.« Ihre Schultern entspannten sich ein wenig, als wäre ihr der Wind aus den Segeln genommen worden.

»Außerdem wollen ihre Eltern, dass wir ihre Unschuld behüten, da sie befürchten, dass das Mädchen imstande wäre, mit John durchzubrennen, wenn sie nicht sehr streng bewacht wird.«

»Oh.« Katherine biss sich auf die Unterlippe.

»Mach dir keine Sorgen. Ich habe Duncan beauftragt, sie zu behüten wie ein Schäferhund.« Will war überzeugt, dass das Mädchen in Duncans Obhut sicher war. Ihr ergrauter, einäugiger Verwalter konnte Dummköpfe nicht ertragen. Besonders junge nicht. »Er wird dem Mädchen nichts widerfahren lassen. Egal, wie sehr sie es sich selbst vielleicht auch wünscht.«

»Warum hast du mir nie etwas von alledem erzählt?«

»Weil du in letzter Zeit nicht gerade den Eindruck machtest, als wolltest du mit mir reden.« Tatsächlich hatte sie seit Michaelis sogar auf getrennten Schlafzimmern bestanden, als wären sie gottverdammte englische Aristokraten, die selbst in den Highlands für ihre unterkühlten Ehen bekannt waren. »Denkst du wirklich so schlecht von mir, dass du dachtest, ich würde mir eine Geliebte unter dasselbe Dach holen, unter dem meine Gemahlin lebt?«

Kats Schultern versteiften sich erneut. »Soll das heißen, dass du dir anderswo eine Mätresse hältst?«

»Herrgott noch mal, wofür hältst du mich eigentlich, Kat?«, knurrte er. »Eine Frau in meinem Leben ist mühsam genug. Was sollte ich mit zweien tun? Du hast kein Recht, verärgert zu sein.« Er stapfte zu dem einzigen Sessel im Zimmer und ließ sich hineinfallen, um seine Stiefel auszuziehen. »Ich bin nicht derjenige, der sich mitten im Winter davongemacht hat, ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen. Dachtest du, dass ich mir keine Sorgen um dich machen würde?«

Der linke Stiefel ließ sich problemlos abstreifen, aber bei dem rechten schien William trotz aller Mühe nicht den richtigen Ansatzpunkt zu finden. Katherine seufzte und kam zu ihm hinüber, um zu helfen. Zumindest vernachlässigte sie nicht alle Pflichten einer Ehefrau.

»Die Frau meines Bruders ist kurz davor, ihm ein weiteres Kind zu schenken«, sagte sie, während sie sich rückwärts mit gespreizten Beinen über sein ausgestrecktes Bein stellte und an dem Stiefel zog. Aber der rührte sich nicht. »Konntest du dir nicht denken, dass sie bei der Geburt gern eine Verwandte bei sich hätte?«

»Doch.« Aber trotzdem hätte es nichts geschadet, ihm von ihren Plänen zu erzählen. »Deshalb bin ich ja auch schnurstracks hergekommen, als ich merkte, dass du keine kranken Pächter besuchst oder mal wieder Essenskörbe an sämtliche Bettler auf der Straße verteilst.«

Jeder Bettler mit einer traurigen Geschichte konnte seiner Katherine mühelos etwas zu essen oder ein Geldstück abschwatzen. William hielt ihre Gebefreudigkeit schon für zwanghaft, zumal sie bedeutete, dass Kat ihre anderen Aufgaben als Burgherrin oft vernachlässigte, um die Armen zu versorgen.

»Du scheinst zu glauben, dass jeder zerlumpte Bettler, der an unserem Tor erscheint, eine Chance für dich ist, einen unerkannten Engel zu bewirten.«

Und du scheinst ihn für wichtiger als deinen Ehemann zu halten, dachte er erbittert.

William stemmte seinen bestrumpften Fuß gegen ihren Po und gab ihm einen Stoß, um mitzuhelfen, den anderen Stiefel loszuwerden. Endlich glitt er über seine Ferse, und Kate taumelte nach vorn. Sie wäre mit dem Kopf voran gestürzt, wenn er sie nicht an der Taille gepackt und auf seinen Schoß gezogen hätte.

»Du lässt meine Wohltätigkeit wie etwas Dummes klingen«, beschuldigte ihn Katherine und versuchte, sich zu erheben. Aber er hielt sie fest.

»Nein, das ist nichts Dummes.« Wenn das Eheleben ihn eins gelehrt hatte, dann, dass es manchmal besser war, seine wahren Gedanken für sich zu behalten. »Aber es gibt auch manche, die dein gutes Herz ausnutzen.«

Sie ließ den Kopf hängen. »Du glaubst nur, ich hätte ein gutes Herz, weil du nicht weißt, warum ich Almosen gebe.«

Sie gab es auf, gegen seine Umarmung anzukämpfen, und verhielt sich einen Moment lang still. William atmete tief ein und füllte seine Lungen mit ihrem Duft, einem süßen Duft nach Gewürzen und Tannen, und ließ beim Ausatmen seine ganze Anspannung aus sich entweichen. Es war erholsam und beruhigend, Katherine so zu halten, fast so, als ob die Zeit für sie stehengeblieben wäre, während der Rest der Welt für ein Weilchen ohne sie weitermachte.

Er lebte für solche Momente – stille, zärtliche Minuten, in denen er die Frau, die er liebte, einfach in seinen Armen halten konnte. Schade nur, dass solche Augenblicke so dünn gesät waren.

»Manchmal denke ich, dass mir, wenn ich nur genug für andere tue und meine Taten gegen meine Sünden aufgewogen und für schwerer befunden werden, vielleicht mein größter Wunsch erfüllt wird«, sagte Katherine leise.

William hatte nicht den Mut zu fragen, worin dieser Wunsch bestand. Er wusste es ohnehin bereits. Es sie aussprechen zu hören, würde nur etwas in ihm zerbrechen.

Sie legte ihren Kopf an seine Schulter. »Wie du siehst, William, ist mein Herz gar nicht so gut, wenn ich nur deshalb gute Taten tue, weil ich damit etwas zu erreichen hoffe.«

»Überlass das Urteil darüber mir.« William legte einen Finger unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht ein wenig zu sich an. Ihre Augen waren riesig im Schein des Feuers, das sich in ihnen widerspiegelte. Aber die unausgesprochene Qual dahinter war noch größer.

William neigte den Kopf und ergriff Besitz von ihrem Mund. Wenn er ihren Kummer doch nur auf sich nehmen könnte! Aber wenn er es nicht einmal ertrug, dass sie darüber sprach, wie sollte er ihn ihr dann abnehmen?

Deshalb legte er seine ganze Liebe zu ihr in den Kuss.

Und sie gab dem Drängen seiner Lippen nach und öffnete die ihren, um seine Zunge zu einem aufregenden erotischen Spiel zu empfangen.

Das zumindest stimmt noch zwischen uns.

In den etwa fünfzehnhundert Tagen ihres Ehelebens hatte William diese Frau unzählige Male geküsst, und im Gegensatz zu den Voraussagen seiner Freunde war es eine immer wieder neue Erfahrung für ihn. Wie konnte es das auch nicht sein, wenn er doch nie sicher sein konnte, was Kat gerade durch den Kopf ging, während sie sich küssten?

Vielleicht war es auch ganz gut, das nicht zu wissen. Vielleicht verstanden sie sich besser, wenn sie nur ihre Körper sprechen ließen. Zärtlich strich er über ihre Brust unter dem weichen Stoff ihres Gewands, und sie gab einen leisen Laut von sich, eine Art zufriedenes kleines Gurren wie das einer nistenden Taube. Dieses Geräusch verfehlte es nie, ein fast schmerzhaftes Ziehen in seinen Lenden zu erzeugen, auch wenn es schon einige Monate her war, seit er es zuletzt gehört hatte.

Mit Katherine in den Armen stand William auf und trug sie zu ihrem Bett hinüber. Angus rappelte sich schnell auf, um sich unter einem der Kissen zu verbergen. Will dachte, dass er sich auch später noch um dieses kleine Fellknäuel kümmern konnte, nachdem er sein brennendes Verlangen nach seiner Frau und ihrem verführerischen Körper gestillt hatte.

Aber als er sich auf diesem wundervollen Körper niederließ, presste sie abwehrend ihre Hände gegen seine Brust. »Nein, Will, ich kann nicht.«

»Ach, sei nicht grausam, Liebste«, murmelte er und bedeckte ihr Kinn und ihren Nacken mit vielen zarten Küssen, die sie etwas nachgiebiger zu stimmen schienen. »Nicht zu einem Mann, der durch einen Schneesturm geritten ist, um zu dir ins Bett zu kommen.«

Als er spielerisch an ihrem Ohrläppchen knabberte, erschauerte sie, und er glaubte sich schon auf halbem Wege in den Himmel. Doch als er ihren Mund wieder in Besitz nehmen wollte, drehte sie den Kopf zur Seite.

»Und glaube bitte nicht, ich begehrte dich nicht. Denn das tue ich. Mehr als du dir vorstellen kannst.« Ihre Stimme brach. »Es ist nur so, dass ich … unpässlich bin.«

Ihre Worte trafen William wie ein Faustschlag in den Magen. Er rollte sich von ihr herunter, blieb auf dem Rücken neben ihr liegen und starrte an das strohgedeckte Dach des Turms.

Zum Teufel aber auch!

Sie hatte schon wieder ein Kind verloren. Nach seiner Rechnung war sie im dritten Monat gewesen, aber sicher konnte er sich nicht sein, da sie ihre Hoffnungen diesmal nicht mit ihm geteilt hatte. Aber zählen konnte er. Sie hätte wissen müssen, dass er darauf wartete, es von ihr zu hören, hätte ihm ihr Geheimnis anvertrauen müssen, damit sie sich zusammen freuen konnten.

Jetzt war das Einzige, was er mit seiner Frau teilen konnte, das bittere Ende eines weiteren Scheiterns. Eines weiteren Verlusts.

Es ist nicht deine Schuld, wollte er sagen, aber die Worte erstarben ihm auf der Zunge. Er hatte sie schon oft genug gesagt, doch Katherine schien sie nie zu hören. Er hätte die Hälfte seines Besitzes dafür gegeben, wenn ihm jemand hätte sagen können, was er tun oder sagen sollte, um Katherines Schmerz zu lindern.

Er streckte eine Hand nach ihr aus, um sie in seine Arme zu ziehen, aber sie drehte sich auf die Seite und wandte ihm den Rücken zu. Sie sagte nichts, aber im Halbdunkel konnte er ihre Schultern zucken sehen.

Sie weinte. Lautlos.

Selbst in ihrer Trauer schloss sie ihn noch aus.

Der kleine Angus kroch unter dem Kissen hervor und kuschelte sich an ihren Rücken. Ihn schob sie nicht weg.

Oh Gott, nicht mal einen Hund kann ich überbieten.

Will richtete sich auf und schwang die Beine über den Rand des Betts.

»Wo gehst du hin?«, fragte Katherine leise.

»Mich sinnlos betrinken, Liebste. Oder vielleicht fange ich sogar eine Schlägerei mit diesem Trottel Ranulf MacNaught an.« Er stapfte zur Tür, stieß sich prompt die Stirn an dem niedrigen Türsturz und fluchte unterdrückt. »Ich kann mir keine bessere Art vorstellen, Weihnachten zu feiern. Du?«

Ding, dong, fröhlich in der Höh’
im Himmel erklingen die Glocken.
Ding, dong, wahrlich, der Himmel ist von Engelsgesang erfüllt.
Gloria, hosianna in excelsis!

Weihnachtslied aus dem 16. Jahrhundert

»Haltet ihr es für verkehrt, dass ich zu einem solch
ernsten Anlass wie der Geburt unseres Herrgotts tanzen will?
Ich glaube nicht, dass ihr es mir verübeln könnt, wenn sogar
die Engel einen solchen Krawall veranstalten.«

Nab, Hofnarr des Earls of Glengarry

KAPITEL DREI

Die Glocken der Kapelle weckten William und bohrten sich mit jedem Schlag ein bisschen tiefer in sein Gehirn. Er drehte sich im Bett um und tastete mit einer Hand nach Katherine. Als er sie nicht fand, zwang er sich, die Augen zu öffnen.

Sie musste seit geraumer Zeit fort sein, da nicht das kleinste bisschen Wärme auf ihrem Kissen zurückgeblieben war. Angus allerdings krabbelte unter der Decke hervor und leckte William das Gesicht.

»Scheinbar sind wir beide alleingelassen worden«, sagte William zu dem Hund. »Typisch Kat, zur Christmesse aufzustehen. Aber sie ist fromm genug, dass ihre Gebete zweifelsohne für uns alle reichen werden.«

Und das war gut so, da Will dem Allmächtigen vorläufig sowieso nicht viel zu sagen hatte.

Nach einer Weile schlug er die Decken zurück und tappte, ohne die Gänsehaut auf seinem nackten Körper zu beachten, durch das Zimmer zu dem Waschtisch in der Ecke. Eine dünne Eisschicht bedeckte das Wasser in der Schüssel, die William erst durchbrechen musste, um sich das Gesicht zu waschen. Die eisige Kälte verschaffte ihm jedoch zumindest wieder einen klaren Kopf.

Gestern Abend war er in den großen Saal zurückgekehrt und hatte viel zu viel Bier getrunken. Später, als der Rest der Gesellschaft schnarchend unter den Tischen lag, hatte sein Schwiegervater den guten Whisky herausgeholt, und gemeinsam hatten sie die bereits angebrochene Flasche geleert.

Er erinnerte sich nicht an allzu viel von dem, worüber der Laird und er gesprochen hatten. Er glaubte sich an Lord Glengarrys Verärgerung darüber zu entsinnen, dass Ranulf MacNaught immer mehr Anhänger innerhalb des Clans gewann. Und dass Donald, der Sohn des Lairds, sich nicht einmal dazu überwinden konnte, sich lange genug vom Königshof zu entfernen, um sich die Namen seiner eigenen Männer einzuprägen. Da Katherines Vater im letzten Winter einen Schlaganfall erlitten hatte, war er ziemlich abgemagert und machte sich wahrscheinlich große Sorgen, ob Donald überhaupt bereit war, den Clan zu führen, falls er sterben sollte. Ranulfs zunehmende Beliebtheit gab dem Laird auf jeden Fall einen Grund zu trinken.

Nicht, dass Wills Schwiegervater einen Grund dazu benötigt hätte.

William maß Lord Glengarrys Klagen keine große Bedeutung bei, weil seine Gespräche mit ihm einem Karussell glichen, das sich immer nur um Lord Glengarry drehte. Zudem hatte William genug eigene Sorgen. Trotzdem war er der Welt schon wohlgesinnter, als die Kerzen in den frühen Morgenstunden immer weniger Licht abgaben. Aber vielleicht war es auch nur der Whisky gewesen.

»Ich weiß nicht, was zwischen dir und meiner kleinen Katikins nicht stimmt, und ich will es auch nicht wissen. Die meiste Zeit verstehe ich meine Tochter selbst nicht. Frauen sind schwierige Geschöpfe«, hatte der alte Mann gesagt. »Aber eins weiß ich über meine Kat: Sie liebt dich, Junge. Über alles. Darauf könntest du deine Hoffnung auf das Paradies aufbauen.«

Will zog sich in dem kalten Zimmer schnell das Hemd über und hüllte sich dann in das mit einem Gürtel versehene Plaid. Es wäre viel einfacher gewesen, wenn er beim Fälteln der langen Stoffbahn Katherines Hilfe gehabt hätte. Doch so, wie es war, warf er einfach den überschüssigen Stoff über eine Schulter und befestigte ihn mit einer zinnernen Nadel an dem unteren Teil des Plaids. Zumindest war er jetzt mehr oder weniger anständig bekleidet, und ihm war auch schon viel wärmer.

Bis auf sein Herz, das immer noch die Kälte des leeren Raums spürte.

»Sie liebt mich, Angus«, sagte er zu dem Hund, nur weil er die Worte erneut hören wollte.

Er blickte sich noch einmal nach dem zerwühlten Bettzeug um. Seine Erinnerungen an die gestrige Nacht waren etwas verschwommen, aber ihm schien, als wäre Katherine aufgestanden, um ihm beim Entkleiden zu helfen, als er spätnachts in ihr Zimmer zurückgetorkelt war. Die Tatsache, dass sein Hemd und sein Plaid ordentlich gefaltet gewesen waren, statt auf dem Fußboden herumzuliegen, war der sichere Beweis dafür, dass Katherine dabei ihre Hand im Spiel gehabt hatte.

Und als sie sich dann beide wärmesuchend unter die Decken kuschelten, hatte sie ihn nicht weggestoßen, als er sie von hinten umarmt und sich an sie gedrückt hatte. Seine letzte deutliche Erinnerung an die Nacht war, dass er seine Nase in ihrem dichten langen Haar vergraben und ihren Duft tief eingeatmet hatte.

Wenn er es nicht so übertrieben hätte mit dem Trinken, wäre er vielleicht auch nicht so schnell vom Schlaf übermannt worden. Vielleicht wären dann seine und auch Katherines Leidenschaft erwacht, ob sie ihren Monatsfluss nun hatte oder nicht, oder ob die körperliche Liebe dann eine Sünde war oder nicht, und vielleicht hätte sie darüber sogar vergessen, wie unglücklich sie war.

Die Kapellenglocke läutete wieder, und er zog den schweren Vorhang zurück, um einen Blick aus der Pfeilscharte zu werfen, die diesem Raum als Fenster diente. Der nächtliche Sturm hatte alles mit einer frischen Schicht funkelnden weißen Schnees bedeckt. Unten im Burghof stapften Katherine und Lady Margaret durch den Neuschnee von der Kapelle zur Burg zurück.

Wenn er sich beeilte, würde er seiner Frau vielleicht noch bei ihrem weihnachtlichen Frühstück Gesellschaft leisten können.

»Das wäre ein guter Anfang«, sagte er zu Angus. »Ein Neubeginn.«

Der kleine Hund jaulte und verkroch sich wieder unter den Bettdecken.

William schnaubte. »Du gibst wohl nicht viel auf meine Chancen, was?«

Und um ehrlich zu sein, tat er es auch nicht.

Kreischend wie Gespenster und sich mit eisigen Schneebällen bewerfend, rannten Katherines drei kleine Neffen an ihr und ihrer Mutter vorbei. Margaret strauchelte, als sie einem der Schneebälle auswich. Sie wäre vermutlich gefallen, wenn Katherine sie nicht noch im letzten Moment gegriffen und festgehalten hätte.

»Dermid, du kleiner Heide, sieh nur, was du deiner Mutter beinahe angetan hättest! Und ihr, Lachlan und Monroe, ermutigt ihn gefälligst nicht auch noch dazu«, tadelte Katherine verärgert ihre Neffen. »Beruhigt euch mal, ihr drei.«

»Nicht schimpfen, Tante Kat. Schließlich ist Weihnachtsmorgen, und da werden alle Jungen übermütig«, sagte Margaret mit sehr viel mehr Nachsicht, als Kat sie aufbringen konnte.

»Eine Frau in anderen Umständen sollte umhegt werden und nicht in das Kreuzfeuer einer Schnellballschlacht geraten.«

»Ach, es ist doch nichts passiert.« Margie bückte sich, um mit ihrem Sprössling zu sprechen, der immerhin den Anstand hatte, ein reuiges Gesicht zu machen. Sichtlich nervös und mit den Füßen scharrend, stellten sich alle in einer Reihe vor ihrer Mutter und Tante auf wie eine kleine Treppe, vom Ältesten bis hinab zum Jüngsten. Obwohl Katherine mit ihnen geschimpft hatte, konnte Margaret kaum dem Bedürfnis widerstehen, sich hinzuknien und sie in die Arme zu nehmen, um ihre pummeligen kleinen Gesichter und Stupsnasen zu küssen. »Lauft schon mal vor in die Küche und richtet der Köchin von mir aus, dass ihr frische Fladenbrote und Marmelade mit Streichrahm haben dürft.«

Die Jungen stießen Freudenschreie aus und rannten wie von einer Schleuder abgeschossen zur Burg.

»Komm, gib mir deinen Arm, Margie«, sagte Katherine, während sie den Jungen mit wehem Herzen hinterhersah. »Wir können nicht riskieren, dass du kopfüber im Schnee landest.«

»Die Schneeverwehungen sind so tief, dass es auf jeden Fall eine weiche Landung würde«, erwiderte Margaret lachend. »Sie halten einen schon ganz schön auf Trab, die kleinen Racker! Und warte nur, bis Lucas und Tam alt genug sind, um das Kinderzimmer zu verlassen und sich ihnen anzuschließen! Dann wird es nur so wimmeln von kleinen Jungen auf der Burg.«

»Fünf Söhne in acht Jahren«, stellte Katherine fest. Und Margarets Söhne gediehen prächtig. In einer Zeit, in der Krankheiten und Tod die Kinder des Lehnsherrn ebenso oft dahinrafften wie die seiner Pächter, war es ein kleines Wunder, so viele lebende Nachkommen zu haben. »Du und mein Bruder, ihr könnt euch wirklich glücklich schätzen. Donald muss sehr froh sein.«

Während sie nebeneinander weitergingen, fiel ein Schatten über Margarets Gesicht. »Ich nehme an, dass er das sein wird, wenn die Jungs erst einmal älter sind. Im Moment interessieren sie ihn nämlich nicht besonders.«

»Ach?« Katherine fragte sich, ob alle Männer bezüglich ihrer Kinder so empfanden. Wenn ja, würde das erklären, warum William nie ein Bedauern über ihre Verluste geäußert hatte. Was ihn allerdings keineswegs entschuldigte.

Wind erhob sich wieder und wirbelte die Schneewehen vor ihnen auf, sodass Katherine ihre Schwägerin stützen musste, als sie mit vorsichtigen Schritten den Burghof überquerten.

»Für Donald sind sie noch Kleinkinder, die weder ein Gespräch führen noch einen Dolch tragen können wie ein Mann. Auch wenn ich zugeben muss, dass dein Bruder beim letzten Mal, als er hier war, etwas mehr Zeit mit Dermid verbracht hat.« Margaret strahlte vor Stolz. »Er ist jetzt schon sieben und gibt sich alle Mühe, seinen Vater zu beeindrucken, indem er Französisch lernt.«

»Französisch?«

»Aye. Donald sagt, dass unsere Söhne Französisch lernen müssen, wenn sie darauf hoffen, einmal an den Hof gehen zu können. Es ist die Sprache der Diplomatie, sagt er.«

Donald war zwölf Jahre älter als Katherine, weswegen sie nie viel Zeit mit ihm verbracht hatte, während sie heranwuchs. Aber wenn er seinen Söhnen so wenig Beachtung schenkte, war es vielleicht gar kein so großer Verlust, ihren Bruder nicht besonders gut zu kennen.

»Und ist es auch das, was du willst?«, fragte Kat. »Dass deine Söhne Höflinge und Diplomaten werden, meine ich?«

Margaret zuckte mit den Schultern. »Es spielt gar keine Rolle, was ich will. Ihr Vater wird für sie entscheiden, wenn die Zeit gekommen ist. Da Dermid sein Erbe ist, wird er natürlich in der Verwaltung des Besitzes und der Kriegskunst unterrichtet werden, aber Donald wird auch für die anderen Pläne haben. Für einen von ihnen wird es garantiert die Kirche sein. Und ich habe große Angst, dass er mindestens einen von ihnen zur See schicken wird.«

»Wenn du nicht willst, dass deine Söhne zur See gehen, solltest du Donald sagen, wie du darüber denkst.«

»Und hast du deinem Mann gesagt, was du denkst?«

»Was ich worüber denke?«

»Über was auch immer es sein mag, das dich ohne ihn hierher geführt hat«, gab Margie zurück. »Natürlich bin ich dir für deine Gesellschaft so kurz vor der Niederkunft dankbar. Aber ich habe das Gefühl, als sei der Grund, der dich heimgebracht hat, nicht nur, deinen neuesten Neffen oder deine Nichte gesund zur Welt kommen zu sehen.«

Katherine presste für einen Moment die Lippen zusammen, weil sie argwöhnte, dass ihre Schwägerin sie nicht ermutigen würde, wenn sie wüsste, was sie vorhatte. »Wir sprechen hier nicht über mich, Margaret.«

»Schade. Das sollten wir nämlich, damit du das Problem bereinigen kannst, was auch immer es ist. Aber wenigstens hast du deinen Mann in deiner Nähe.« Margaret lächelte traurig. »Wann habe ich schon mal Gelegenheit, mit Donald zu reden? Dein Bruder ist fast nie zu Hause. Dein Vater beaufsichtigt die Verwaltung des Besitzes, aber Donald verbringt seine ganze Zeit am Hof. ›Glengarrys Zukunft wegen‹, sagt er immer.«

König James V. war nun, im Jahre 1529, siebzehn und stand endlich nicht mehr unter der Fuchtel der Männer, die in seinem Namen regiert hatten. Es war vernünftig, sich um der Grafschaft willen zu bemühen, die Gunst des jungen Königs zu erlangen. Aber die Geburt eines Kindes sollte auch als etwas Wichtiges betrachtet werden.

»Zu deiner Niederkunft wird er doch bestimmt hier sein.«

Margaret lachte, aber es lag keine Heiterkeit in ihrem Ton. »Ausgerechnet zu Weihnachten den Hof verlassen? Das möchte ich doch sehr bezweifeln. Außerdem bringt Donald nicht die nötige Geduld für Krankenzimmer auf. Er wird kommen, wenn die Taufe des Kindes bevorsteht und ich kirchlich gesegnet worden bin. Nicht vorher.«

Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, das nur von dem Knirschen des Schnees unter ihren Füßen unterbrochen wurde.

»Um ganz ehrlich zu sein«, sagte Margaret schließlich leise, »ich hatte gehofft, es sei mein Donald, als dein Mann gestern Abend in die Burg stürmte.«

Kat drückte tröstend Margies Arm. »Ich wünschte, es wäre so gewesen.«

»Sag das nicht, Katherine! Du weißt nicht, wie glücklich du dich schätzen kannst, einen Mann zu haben, der alles stehen und liegen lässt, um dir zu folgen, und das nur, weil er bei dir sein will.«

»Er will etwas, ja, aber ich bin mir nicht sicher, dass ich das bin.«

»Halte es dem Mann zugute, dass er hier ist. Nachdem dieses Kind geboren ist, wird Donald gerade mal lange genug nach Hause kommen, um mich erneut zu schwängern, was keine große Anstrengung erfordern wird, befürchte ich. Beim letzten Mal hatte er kaum Zeit gehabt, sein Plaid an den Haken zu hängen, als ich schon wieder guter Hoffnung war.« Margaret seufzte. »Und sowie er seine Pflicht bei mir getan hat, wird er wieder weg sein.«

So mühelos also empfing Margaret ihre Kinder und trug sie aus. Katherine kam sich selten nutzloser und unweiblicher vor als in der Gegenwart ihrer Schwägerin. Natürlich war das nicht Margies Schuld. Sie sagte nie etwas, um Kat zu erniedrigen, aber ihr fast ständig angeschwollener Bauch war anklagend genug.

»Zumindest kannst du meinem Bruder Kinder schenken.«

Margaret musste die Wehmut in ihrer Stimme gehört haben, denn sie verhielt abrupt im Schritt. »Ach Katherine, es tut mir leid, dass ich so unbedacht war. Ich wollte mich nicht beklagen. Wirklich nicht. Auch bei dir wird es wieder geschehen. Du musst nur daran glauben.«

Es war geschehen. Viele Male. Aber Katherines Körper schien einfach nicht in der Lage zu sein, ein Kind in sich zu behalten. Margaret wusste allerdings nur von dem totgeborenen Jungen, von dem Katherine etwa ein Jahr nach ihrer und Williams Heirat entbunden worden war. Noch Monate danach war dieser kleine Geist Katherine nicht von der Seite gewichen. Und heute hatte er schon eine Hand voll ungeborener Geschwister.

»Du musst nur daran glauben«, wiederholte Katherine Margies Worte. »Denkst du wirklich, dass das alles ist, was es braucht?«

In der Pause zwischen Gloria und Credo heute Morgen hatte Katherine einen Entschluss gefasst. Sie wusste, was sie zu tun hatte. Es war das Beste für William und der einzige Weg, ihm wirklich ihre Liebe zu beweisen. Jetzt brauchte sie nur noch den Mut dazu. Die Worte eines Psalms, die ihr gerade einfielen, bestärkten sie noch in ihrem Entschluss.

»›Wie Pfeile in der Hand des Starken, also geraten die jungen Knaben‹«, zitierte Katherine und versuchte, die Verbitterung aus ihrer Stimme fernzuhalten. »›Wohl dem, der seinen Köcher derselben voll hat!‹ So heißt es doch im Psalm 127, oder?«

»Donalds Köcher ist voll genug.« Margaret lächelte und tätschelte ihren Bauch. »Ich hoffe nur, dass es dieses Mal ein Mädchen ist.«

William trat in das helle Sonnenlicht hinaus. Er wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher als typisch schottisches Wolkenwetter, aber der Himmel schien entschlossen, ihn daran zu erinnern, dass er sich gestern Nacht viel zu viel Whisky einverleibt hatte. Will ignorierte die schmerzhaften Stiche hinter seinen Augen und ging tapfer auf Katherine und ihre Schwägerin zu.

»Frohe Weihnachten, Schwägerin«, sagte er höflich zu Margaret. Er wusste, dass es sich irgendwann für ihn lohnen würde, bei ihr in gutem Ansehen zu stehen. Katherine war Margie treu ergeben, und ein Mann konnte nie wissen, wann er eine weibliche Verbündete benötigen würde.

»Auch dir ein frohes Weihnachtsfest, Schwager.« Sie lächelte ihn schelmisch an und zwinkerte dann Katherine zu – was Will vermuten ließ, dass Margaret mehr über den Zustand seiner Ehe wusste als er selbst. »Wenn du mich später brauchst, Katherine, findest du mich in meinem Zimmer, wo ich ein bisschen die Füße hochlegen werde.«

»Gut«, sagte Williams Frau. »Du brauchst deine Ruhe.«

»Ruhe? Das ist eher unwahrscheinlich mit diesem Kleinen hier drinnen, das Purzelbäume schlägt und sich dreht und windet.« Sie legte schützend eine Hand auf ihren Bauch. »Das Beste, was ich mir erhoffen kann, ist, dass mir nicht auch noch die Knöchel anschwellen.«

Als Katherine ihr in die Burg folgen wollte, hielt William sie am Ellbogen fest. »Geh ein Stück mit mir, Kat.«

»Durch den Schnee?«

»Es gab eine Zeit, in der wir höheren Schneeverwehungen als diesen trotzten, um für einen Moment allein sein zu können.« Er zog ihre Hand an seine Lippen und blies seinen warmen Atem auf ihre kalten Finger. Sie hätte Handschuhe anziehen sollen. »Natürlich könnten wir auch auf unser Zimmer gehen.«

»Am hellen Vormittag?«

»Auch das hätte uns vor nicht allzu langer Zeit nichts ausgemacht.« Er schob eine ihrer Hände in seine Armbeuge und begann loszugehen, aber nur in verhaltenen Schritten, damit Kat leichter mit ihm mithalten konnte. Er führte sie die Stufen zu den Zinnen der imposanten Burgmauer hinauf, von denen man einen wunderbaren Ausblick hatte. Der Rand des Sees war zugefroren, und das tiefe, offene Wasser weiter draußen glitzerte schwarz wie Pech.

Will strich mit dem Daumen über Katherines Handrücken. »Ich erinnere mich an eine Zeit, in der die Leute sagten, wir seien uns so ungewöhnlich nahe, dass man nicht einmal ein Stückchen Pergament zwischen uns schieben könne. Wir konnten einfach nicht die Hände voneinander lassen.«

Die Röte, die Kat in die Wangen stieg, hatte wenig mit dem kalten Wetter zu tun. Seine Frau zum Erröten bringen zu können, betrachtete Will immerhin schon als einen kleinen Sieg. Sanft legte er eine Hand um die zarte Biegung ihrer Wange und genoss das Gefühl ihrer weichen, seidenglatten Haut. »Ich vermisse diese Zeiten, Liebste.«

Katherine schloss die Augen und schmiegte ihr Gesicht an seine Hand. »Ich auch, Will. Sehr sogar.«

Eigentlich nur mit der Absicht, ihr einen sanften, kleinen Kuss zu geben, senkte er seinen Mund auf ihren. Aber er hatte schon so lange den Trost ihres schönen Körpers missen müssen, dass der Kuss von einem Moment zum anderen leidenschaftlich und fordernd wurde. Ehe er sich versah, hatte er sie an die steinerne Brüstung gedrückt und ließ sie den Beweis seines sinnlichen Verlangens spüren. Ein glutvolles Begehren flammte heiß und unbezwingbar zwischen ihnen auf.

Großer Gott! Katherine bog sich ihm entgegen und presste sich noch fester an ihn, sodass er befürchtete, auf der Stelle die Beherrschung zu verlieren.

Wenn irgendjemand ihm gesagt hätte, dass ein Mann derart betört von seiner eigenen Frau sein konnte, hätte er es nicht geglaubt.

»O Kat, meine schöne Kat«, murmelte er und ließ seine Lippen an ihrem Nacken hinuntergleiten. Gott stehe ihm bei, aber am liebsten hätte er ihre Röcke angehoben, um sie gleich hier in Sichtweite des Burghofes zu nehmen. Es würde ohnehin sehr schnell gehen. Gott, eine kraftvolle Bewegung oder zwei würden genügen, um ihn die Kontrolle über sich verlieren zu lassen. Und dann würde er sie zu ihrem Zimmer hinauflocken, wo er sie von ihrer Festtagskleidung befreien würde und …

Katherine schob ihre Arme zwischen sie und unterbrach den Kuss.

»Hör auf, Will. Es könnte uns jemand sehen.«

»Niemand schaut hierher. Die meisten Männer deines Vaters schlafen noch, und die Dienstboten sind mit den Vorbereitungen für das Weihnachtsessen beschäftigt.«

Früher war Katherine abenteuerlustiger und kühner gewesen. Er erinnerte sich, dass es ihnen einmal sogar gelungen war, sich im Schatten des Fallgitters zu lieben, ohne von den Wachen auf der Mauer über ihnen bemerkt zu werden. Bei jenem schnellen, atemlosen Akt hatte Katherine ihren Mund bedecken müssen, um nicht aufzuschreien, als sie den Höhepunkt der Lust erreichte.

Jetzt aber bedeckte sie ihr Gesicht nur noch, um nicht zu weinen.

»Was ist mit uns geschehen, Katherine?«

Liebst du mich nicht mehr? Die Worte brannten Will auf der Zunge, aber er erlaubte sich nicht, sie auszusprechen. Ein Mann durfte nicht so liebebedürftig sein.

Sie seufzte und ließ die Hände sinken. Tränen glitzerten an ihren Wimpern, aber sie wischte sie schnell fort.

»Natürlich erinnere ich mich noch, wie es war, Will«, sagte sie dann langsam. »Aber ich glaube, die richtige Frage wäre jetzt, wie es in Zukunft für uns sein soll.«

»Wie meinst du das?«

Sie straffte die Schultern und vermied es, William anzusehen. »Ich habe vor, nach Dreikönig einen Brief nach Rom zu senden, um die Annullierung unserer Ehe zu beantragen. Weißt du, ich habe sehr lange und sehr gründlich darüber nachgedacht, und …«

Will wusste, dass sie sprach, weil sich ihre Lippen bewegten, aber die Worte, die aus ihrem Mund kamen, konnte er nicht in sich aufnehmen. Ab und zu schnappte er ein paar Bruchstücke auf, die er verstand – dass sie den Bischof bitten wolle, das Gesuch persönlich auszuhändigen, und die Überlegung, ob eine großzügige Spende an das hiesige Kloster den Vorgang beschleunigen konnte –, aber der Rest ihrer Worte ergaben keinen Sinn für ihn.

»Du hast keine Begründung für eine Annullierung«, sagte er schließlich, um sie zu unterbrechen.

»Ich werde schon eine finden.«

William konnte sich keinen triftigen Grund vorstellen. Sie waren nicht eng miteinander verwandt. Manchmal wurde eine Annullierung gewährt, wenn ein Paar die Entdeckung machte, dass sie entfernte Cousins waren. Aber das war bei ihnen nicht der Fall, da keiner aus dem Douglas-Clan je eine Glengarry zur Frau genommen hatte.

Die fehlende Mündigkeit war ein weiterer möglicher Grund, eine Ehe für ungültig erklären zu lassen. Gut, sie waren als Kinder verlobt worden, aber bei ihrer Hochzeit waren sie beide volljährig gewesen. Manchmal waren Geburtsurkunden schmutzig geworden und konnten gefälscht werden, aber keiner, der bei ihrer Trauung anwesend gewesen war, hätte Katherine und Will für Kinder unter zwölf und vierzehn ...

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