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High Society 10 - Sammelband

Inhalt

Marion Alexi
Fürsten-Roman - Folge 2437
Annina Komtess von Hilsberg hat ihr Musikstudium erfolgreich abgeschlossen und kehrt gut gelaunt heim zu ihrer Mutter. Die ganze Zugfahrt über muss sie an einen sympathischen jungen Mann denken, den sie auf dem Bahnsteig kennengelernt hat. Er geht ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf.

Doch als Annina zu Hause ankommt, wird sie sofort aus ihren Tagträumen gerissen, denn sie erfährt, dass ihre Mutter Sabrina nach einem plötzlichen Herzinfarkt im Sterben liegt. Kurz vor ihrem Tod vertraut Gräfin Sabrina ihrer Tochter ein Geheimnis an: Annina hat eine Zwillingsschwester, die bei ihrem Vater, Wolfram Prinz von Themming, auf Schloss Habichtshöhe lebt. Kurz nach der Geburt der Zwillinge hatten Sabrina und Wolfram sich voneinander getrennt, und die Gräfin hat seitdem nie wieder Kontakt zu den Themmings aufgenommen.

Kurz entschlossen macht sich Annina auf den Weg zu Schloss Habichtshöhe - und begegnet dort nicht nur zum ersten Mal ihrer Zwillingsschwester, sondern auch dem sympathischen jungen Mann, von dem sie geglaubt hatte, ihn nie wiederzusehen -


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Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Versuchung auf Schloss Habichtshöhe
  4. Vorschau

Versuchung auf Schloss Habichtshöhe

Annina lüftet ein altes Familiengeheimnis und findet die große Liebe

Von Marion Alexi

Annina Komtess von Hilsberg hat ihr Musikstudium erfolgreich abgeschlossen und kehrt gut gelaunt heim zu ihrer Mutter. Die ganze Zugfahrt über muss sie an einen sympathischen jungen Mann denken, den sie auf dem Bahnsteig kennengelernt hat. Er geht ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf.

Doch als Annina zu Hause ankommt, wird sie sofort aus ihren Tagträumen gerissen, denn sie erfährt, dass ihre Mutter Sabrina nach einem plötzlichen Herzinfarkt im Sterben liegt. Kurz vor ihrem Tod vertraut Gräfin Sabrina ihrer Tochter ein Geheimnis an: Annina hat eine Zwillingsschwester, die bei ihrem Vater, Wolfram Prinz von Themming, auf Schloss Habichtshöhe lebt. Kurz nach der Geburt der Zwillinge hatten Sabrina und Wolfram sich voneinander getrennt, und die Gräfin hat seitdem nie wieder Kontakt zu den Themmings aufgenommen. Kurz entschlossen macht sich Annina auf den Weg zu Schloss Habichtshöhe – und begegnet dort nicht nur zum ersten Mal ihrer Zwillingsschwester, sondern auch dem sympathischen jungen Mann, von dem sie geglaubt hatte, ihn nie wiederzusehen …

»Hallo, Mama, ich bin jetzt am Hauptbahnhof. Endlich!« Komtess Annina hielt das Mobiltelefon ans Ohr gepresst. »Hier ist es furchtbar laut und chaotisch. Es herrscht totaler Stress wegen des Streiks. Hoffentlich verstehst du mich trotzdem, wenn du deine Mailbox abhörst.« Die schlanke, junge Dame stellte sich auf die Zehenspitzen, um über die Köpfe der Mitreisenden hinweg Ausschau nach dem Zug zu halten. »Ich habe schon den Schreck meines Lebens bekommen, weil ich dachte, ich hätte den Zug verpasst. Noch nie habe ich mich so über eine Verspätung gefreut.«

Die plötzlich einsetzende Aktivität auf dem Bahnsteig signalisierte der Komtess, dass bald mit der Einfahrt des Zuges zu rechnen war. Eine Studentengruppe schulterte die Rucksäcke, während eine alte Dame ängstlich nach ihren Enkeln rief, die sich am Kiosk mit Reiseproviant versorgten.

»Mama, ich bringe eine Wahnsinnsüberraschung mit. Du wirst dich riesig freuen«, kündigte Annina lächelnd an, obwohl ihr klar war, dass ihre Mutter dieses hübsche Lächeln nicht sehen konnte. Aber ihr war danach, ihr Lächeln kam direkt aus ihrem übervollen, glücklichen Herzen.

Im nächsten Augenblick wurde Annina von Hilsberg grob und rücksichtslos angerempelt. Ein schlaksiger junger Mann mit Baseballcap überholte sie, um zu einem bestimmten Abteil des gerade einfahrenden Zuges zu gelangen.

»Hoppla!«, rief er unbekümmert.

Annina war auf den rüden Stoß nicht gefasst gewesen. Sie ließ vor Schreck die Mappe fallen, die sie bis eben mit dem linken Arm fest an sich gepresst hatte. Die Mappe öffnete sich schon im Fallen, der gesamte Inhalt verteilte sich flugs auf dem Boden, und der einfahrende Zug sorgte dafür, dass die einzelnen Blätter durch die Luft gewirbelt wurden.

Ein Albtraum! Annina konnte die Papiere unmöglich zurücklassen. Ihr Abschlussdiplom der Musikhochschule befand sich darunter, übrigens ein hervorragendes Diplom. Es bescheinigte der Musikstudentin Annina Komtess von Hilsberg außerordentliche Musikalität, Sensibilität und großes Engagement.

Sie geriet in Panik. In Kürze würde der Zug weiterfahren. Ohne sie. In diesem Fall würde ihre Mutter vergebens am Zielort auf sie warten und sich wieder fürchterliche Sorgen machen.

»Sorry, hab’s eilig«, fügte der Flegel schnöde hinzu und verschwand blitzschnell in seinem Zugabteil.

Keiner der Reisenden bot Annina seine Hilfe an. Nicht einmal der Dicke mit dem discotauglichen Ohrring, der die Komtess die ganze Zeit ungeniert anstarrte, rührte sich.

Doch auf einmal stand ein großgewachsener Mann vor Annina – attraktiv, jung, Typ Gentleman, mit den ausdrucksvollsten Augen der Welt. Er hatte dunkles, glattes Haar und ein klassisches Profil mit einer schönen Stirn und einem festen Mund.

»Das mag eben eine Erklärung gewesen sein, aber eine Entschuldigung war es leider nicht«, stellte er lakonisch fest.

Bevor Annina etwas erwidern konnte, ging er schon in die Knie und sammelte die losen Blätter ein. Geschickt machte er das und fabelhaft schnell.

»Danke«, stammelte sie. »Sie sind sehr freundlich.«

Dann setzte ihr Herzschlag aus, um kurz darauf wie verrückt loszurattern, weil Annina nie zuvor einem Mann mit derart blauen Augen begegnet war. Sie erinnerten sie an das Lieblingsbild ihrer Mutter, das zu Hause in deren Zimmer hing.

Das Aquarell zeigte einen See inmitten eines romantischen Schlossparks. Auf dem See schwammen schwarze Schwäne, und drum herum standen uralte Baumgruppen und blühende Büsche. Das Schönste aber waren die Schwertlilien, deren strahlendes Blau das ganze Bild dominierte. Obwohl Anninas Mutter oft mit einem ungewohnt melancholischen Gesichtsausdruck vor dem Bild stand, hatte sie sich noch nicht entschließen können, ihrer Tochter den Namen des Schlosses anzuvertrauen, das in ihren Erinnerungen offenbar eine große Rolle spielte …

»Ist doch selbstverständlich.« Der Fremde mit den schönen Augen lächelte Annina zu. »Wäre ich eher am Tatort gewesen, hätte ich dem unhöflichen Typ ein paar passende Worte gesagt. Ist das Ihr Zug?«

Sie nickte, weil sie keinen Ton hervorbrachte. Sie dachte an die blauen Schwertlilien ihrer Mutter und fand, dass diese aufrechten, stolzen Blumen bestens zu ihrem Retter passten.

Der dunkelhaarige junge Mann warf einen Blick auf das Notenblatt in seiner Hand.

»Ah, Chopin«, murmelte er.

Sprechen konnte Annina nicht. Aber lächeln. Und wie!

»Das ist ja ein Original!« Er war verblüfft.

»Mein Professor hat es mir geschenkt«, hauchte sie.

»Ein nobles Geschenk.« Er reichte ihr das Bündel eingesammelter, gottlob nur leicht zerknitterter Blätter mit einer galanten Bewegung. »Bitte sehr.« Als er in ihr von rötlich-blondem Haar gleichsam eingerahmtes Gesicht blickte, stutzte er. »Sind wir uns vielleicht schon mal begegnet?«

Jedem anderen hätte sie die Frage verübelt, ihm jedoch nicht, denn sie traute ihm keine plumpe Anmache zu.

Annina schüttelte den Kopf. »Ich wüsste nicht …«

»Dumme Frage«, tadelte er sich. »Ich hätte die Begegnung bestimmt nicht vergessen.«

Im Hintergrund ertönte ein schriller Pfiff.

Oh nein, viel zu früh!, dachte Annina, und ihr Herz klopfte wüst! Ich muss mich doch noch bei ihm bedanken! Außerdem …

»Ihr Zug fährt ab«, teilte er ihr mit, während er eine Karte aus der Jackentasche zog und dabei trotz der freundlich-höflichen Miene sehr ernst wirkte.

Annina nickte und hielt die Visitenkarte fest. Wie bizarr: Plötzlich hatte sie nichts mehr dagegen, den Zug zu verpassen. Obwohl sie wusste, dass sie damit die Pläne ihrer straff organisierten Mutter durcheinanderbringen würde.

»Wir fahren nicht zufällig in dieselbe Richtung, oder?«, hörte sie sich zu ihrer Verblüffung fragen.

»Leider nicht. Gute Reise«, wünschte er ihr, der Fremde mit den schönen Augen von der Farbe blühender Schwertlilien.

Der Schaffner gab das Zeichen zur Abfahrt des Zuges. Annina verabschiedete sich hastig von ihrem Retter und ließ ihn stehen, um zur Abteiltür zu sprinten und noch gerade rechtzeitig einzusteigen. Seltsamerweise wusste sie, dass der junge Mann sich nicht von der Stelle rührte, sondern sie beobachtete.

Dankbar erinnerte sie sich an das, was ihre Mutter ihr einmal gesagt hatte: »Kind, du hast Anmut und Stil – Dinge, die man weder lernen noch kaufen kann.«

Als sie auf ihrem Platz saß, presste Annina die heißen Lippen auf seine Visitenkarte und träumte mit offenen Augen von einem Wiedersehen.

***

Annina suchte noch in den Tiefen ihrer schier unergründlichen Handtasche nach ihren Schlüsseln, als sie hörte, wie im Hintergrund die benachbarte Wohnungstür geöffnet, vielmehr aufgerissen wurde. Es schien, als habe die Nachbarin fieberhaft auf diesen Augenblick – also auf Anninas Ankunft – gewartet.

»Komtess, wie gut, dass Sie endlich kommen!« Frau Schröter schoss wie eine Muräne auf Annina zu und riss sie in ihre Arme. »Oh Sie armes, armes Mädchen!«

Annina war ausgelaugt nach Hause gekommen, mit dem überbordenden Bedürfnis, jeden anzufahren, der ihr über den Weg lief. Nach der Fahrt in dem überfüllten Zug sehnte sie sich nach Ruhe, um sich endlich ihren Erinnerungen an einen gewissen jungen Mann mit blauen Augen widmen zu können.

Sie versteifte sich. Noch nie hatte sie Frau Schröter leiden können, die an ihrer Mutter zu kleben pflegte wie ein Blutegel. Von Anfang an hatte die Nachbarin Sabrinas Anstand ungeniert ausgenutzt und dabei stets behauptet, flöt-flöt, es sei nicht ihre Art, viel Aufhebens von sich zu machen. Sie nehme nur Anteil an den Freuden und Nöten ihrer Mitmenschen …

»Was ist los, Frau Schröter?« Die Komtess überfiel zum ersten Mal eine Ahnung nahenden Unheils. Wie eine schwarze Wolke verdüsterte es ihr Gemüt. »Ist meine Mutter nicht da?«

Die Stille hinter der Wohnungstür war Annina unheimlich.

»Wären Sie doch eher gekommen, Komtess!«, brachte Frau Schröter erstickt hervor.

»Ich habe am Bahnhof auf meine Mutter gewartet.«

»Das meinte ich nicht.« Ein kleines, demonstrativ trauriges Lächeln umspielte die Lippen der Nachbarin. »Gestern hätten Sie kommen sollen. Dann wäre es vielleicht nicht so weit gekommen.« Frau Schröter schluchzte in ihr Taschentuch. »Ist der Mantel neu?«

»Wie?« Annina fand die Frage grotesk.

»Er steht Ihnen. Braun ist eindeutig Ihre Farbe. Andererseits trägt man Mäntel neuerdings wieder länger. Ich könnte Ihnen den Namen meiner Änderungsschneiderin … Eine patente und zuverlässige Person. Wenn Sie einen Moment warten, suche ich Ihnen ihre Telefonnummer heraus …«

»Wo ist meine Mutter!?« Nicht zum ersten Mal verwünschte Annina die sanfte Langmut ihrer Mutter, die Frauen wie Frau Schröter magisch anzog.

»Es ist ein Unglück geschehen, Komtess«, verkündete Frau Schröter mit tragischem Unterton. »Und seither bete ich zum Himmel, dass er ihr helfen möge, unserer guten Gräfin. Hat sie nicht schon genug ertragen müssen, die liebe Seele? Mein Gott, ihr Leben war eine einzige Achterbahn. Oder?«

»Was ist passiert?«, fragte Annina ungeduldig.

»Ich war – Glück im Unglück – zufällig hier oben, also direkt vor ihrer Tür, als es passiert ist …«

Nicht zufällig, dachte Annina grimmig.

»Und ich habe mich natürlich sofort an meinen Traum erinnert, also an das, was ich in der letzten Nacht geträumt habe. Als hätte ich das Zweite Gesicht, Komtess …«

Wie sie sich aufspielt, dachte Annina wütend, außer sich vor Sorge um ihre Mutter. Am liebsten hätte sie die Nachbarin tüchtig geschüttelt.

»Ist Mama krank geworden?«

»Ich habe sie nie zuvor in diesem Zustand gesehen. Sie hatte keine Farbe mehr im Gesicht. Und sie hat am ganzen Körper gezittert! Es war ein Wunder, dass ich bei dem Anblick nicht in Ohnmacht gefallen bin. Als junges Mädchen habe ich nämlich dazu geneigt …«

Deshalb also hatte Annina ihre Mutter telefonisch nicht erreichen können! Das Herz der Komtess pochte wild. Alles schwankte um sie herum.

»Ich habe sofort den Notarzt angerufen«, fügte Frau Schröter wichtigtuerisch hinzu. »Und der hat dann einen Rettungswagen angefordert. Es ging alles fabelhaft schnell, wie im Fernsehen, in diesen Tatorten, Sie wissen schon …«

Annina fragte sich, ob Schweigen nicht manchmal wirkungsvoller war als die größte Beredsamkeit.

»In welchem Krankenhaus ist sie?«, fiel sie der Nachbarin ins Wort.

Frau Schröter verstummte, sie wirkte beleidigt, weil die Komtess nicht das ganze Drama hören wollte.

»Sie ist ganz anders als ihre Mutter«, würde sie später dem Hausmeister erzählen, »direkt undankbar. Wenn man bedenkt, dass ich ihrer Mutter quasi das Leben gerettet habe …«

»Wir reden später, okay?« Annina hatte schon brüsk kehrtgemacht und rannte hastig die Treppe hinunter.

»Ihre Mutter hat eine Nachricht für Sie hinterlassen!«

Die zierliche junge Frau blieb stehen und wandte sich um. Frau Schröters Stimme kam von weit her, wie von einem anderen Stern. Oder aus einem bösen Traum.

»Sie sollen sich keine Sorgen machen«, rief Frau Schröter, weit über das Geländer gebeugt, und wiederholte einige ihrer medizinischen Hinweise, für die sich der Notarzt angeblich überschwänglich bedankt hatte. »Prinzipiell ist ein Herzinfarkt natürlich eine ernste Sache. Obwohl es nicht zwangsläufig so schlimm kommen muss wie bei meinem armen Onkel Uwe, der anschließend nie wieder der Alte war.«

***

»Im Augenblick schläft sie ein wenig«, teilte die Stationsschwester der Komtess mit gedämpfter Stimme mit und fügte erklärend hinzu: »Wir haben ihr etwas gegeben.«

»Ist es so schlimm? War es wirklich ein Herzinfarkt?«

Schwester Leonie nickte bestätigend. »Ein schwerer.«

Wie schrecklich!

»Und? Wird meine Mutter es schaffen?«, fragte Annina, die sich nicht erinnern konnte, ihre Mutter jemals ernsthaft krank erlebt zu haben.

Immer war sie stark und mutig gewesen, alles hatte sie beherzt angepackt. Für nichts war sie sich zu schade, obwohl ihr wahrlich nicht an der Wiege gesungen worden war, wie mühsam ihr Leben verlaufen und dass sie leider nicht immer auf Rosen gebettet sein würde.

»Wir tun für Ihre Mutter, was in unserer Macht steht«, versprach die Schwester.

Annina sah die junge Frau an, forschte in deren Gesicht, als stünde dort die Wahrheit über den Zustand ihrer Mutter.

Schwester Leonie schob die Tür auf und blickte in das schwach erhellte Krankenzimmer. Die Patientin war mehrfach verkabelt, etliche Monitore blinkten und tickten.

Ansonsten herrschte absolute Stille, und das schnürte Annina die Kehle zu. Wieso sagte die Schwester nichts? Was hatte das Schweigen zu bedeuten?

»Gräfin von Hilsberg, hören Sie mich?«, fragte die Schwester dann. »Sie haben Besuch bekommen, lieben Besuch.«

Die Komtess fühlte eine Leere im Kopf und eine langsam aufsteigende Kälte. Ihre Zähne schlugen aufeinander.

»Annina«, brachte sie schließlich heiser hervor. »Bist du es, Annina?«

Die Schwester schob die junge Frau ins Krankenzimmer und schloss behutsam die Tür hinter ihr.

»Mama!« Mit wildem Herzklopfen beugte sich Annina über die bedrohlich blasse Mutter, die so kraftlos und müde wirkte, als habe sie sich schon vom Leben verabschiedet.

»Meine kleine Annina«, hauchte Sabrina von Hilsberg. »Es tut mir so … leid, dass ich dich … nicht vom Bahnhof abholen konnte. Bitte, habe keine Angst, ich …«

»Nicht so viel reden. Es strengt dich zu sehr an.« Annina kämpfte tapfer gegen die aufsteigenden Tränen an, während sie sich vorwarf, ihre Mutter zugunsten ihrer eigenen Interessen vernachlässigt zu haben.

Herrgott, wenn sie auf die gestrige Abschiedsfeier in der festlich geschmückten Aula der Musikhochschule verzichtet hätte, wäre sie erheblich früher heimgekommen. Vielleicht wäre es dann nicht zu dem Herzinfarkt gekommen.

Sabrina versuchte, zu lächeln.

»Du bist da«, stellte sie fest. »Darauf habe ich die ganze Zeit gewartet. Ich muss dir noch ganz viel erzählen, meine Kleine, bevor …«

Angst schnürte Annina die Kehle zu. Rohe, rücksichtslose Angst, die sie mit bleckenden Raubtierzähnen anfiel.

»Später, Mama. Das hat noch Zeit.«

»Ach, Kleines! Ich habe keine Zeit mehr, das fühle ich.«

Die junge Frau begann zu zittern, es schüttelte sie, ihre Knie gaben nach. Sie fasste schnell nach dem Stuhl neben dem Bett und ließ sich fallen.

»Heutzutage ist ein Herzinfarkt nicht mehr so schlimm wie früher«, sagte sie. »Die moderne Medizin hat unglaubliche Fortschritte gemacht. Und du bist hier in einem sehr guten Krankenhaus, die vollbringen wahre Wunder.«

»Sicher«, flüsterte Sabrina mit ihrem wehen Lächeln. Sie tastete nach Anninas Hand und hielt sie fest. »Bitte bleib bei mir, Kleines, und erzähl mir etwas von dir.«

Annina fror. »Viel wichtiger ist, wie es zu dem Infarkt kommen konnte. Was ist passiert?«

Die Gräfin gab ein lang gezogenes Stöhnen von sich, einen Laut so alt wie die trauernde Menschheit. Ihre fein geschwungenen Lippen zuckten, als wolle sie weinen. Aber sie weinte nicht, sie beherrschte sich untadelig, wie sie sich ihr Leben lang zurückgenommen hatte.

Annina hielt es für angebracht, ihre Mutter abzulenken. Sie erzählte ihr von ihrem Abschlussdiplom, das nicht besser hätte sein können.

»Professor Dieterich hat mir geraten, nach dem Bachelor of Music noch den Master dranzuhängen. Um den Studienplatz solle ich mir keine Gedanken machen.«

»Herzlichen Glückwunsch.« Sabrina von Hilsberg seufzte erleichtert auf. »Nachher zeigst du mir dein Diplom, ja?«

»Natürlich, Mama.«

»Meine erfolgreiche Tochter.« Es fiel Sabrina schwer, die Augen offen zu halten. »Ich bin sehr stolz auf dich.«

Annina bemühte sich, all die Monitore zu ignorieren, die über das Leben ihrer Mutter wachten.

»Das Beste kommt aber noch, Mama«, fügte sie eilends hinzu. »Ich habe schon ein Engagement, stell dir vor. In München. Aufregend, oder? Alte Musik, Hammerklavier und Barockvioline.«

»So eine wunderschöne Überraschung!« Sabrinas Lächeln stürzte ab, bevor es ihre Augen erreichen konnte.

»Professor Dieterich hat mir das Engagement vermittelt. Ich verdanke ihm unendlich viel.« Annina beugte sich vor und erzählte mit leuchtenden Augen von dem noblen Geschenk des Professors, ihres väterlichen Freundes und Mentors. »Ein Nocturne von Frédéric Chopin hat er mir zum Abschied geschenkt. Ein Original, Mama! Eine Kostbarkeit! Ich werde das Blatt bis in alle Ewigkeit in Ehren halten.«

Die Gräfin nickte ihr zu. Ihr Atem ging jetzt beängstigend flach. Annina fragte sich bedrückt, ob sie vielleicht nach der Schwester klingeln sollte.

»Nicht«, sagte Sabrina, als hätte sie ihre Gedanken erraten. »Sie ist lieb, aber ich brauche sie jetzt nicht.«

»Ich wäre längst gekommen, wenn die Nervensäge von nebenan, Horror-Schröter, mich nicht aufgehalten hätte«, erklärte Annina.

»Sie meint es eigentlich immer nur gut …«

»Sie ist ein Teil von jener Kraft, die immer das Gute will und stets das Böse schafft.«

»Haarsträubend frei nach Goethe.«

»Das habe ich vom Professor. Er ist unglaublich klug.«

»Es tut mir unendlich leid, dass du ohne Vater aufwachsen musstest.« Sabrina öffnete die Augen und lächelte sanft.

»Oh Mama, mach dir deshalb bitte keine Vorwürfe.«

»Du hast dich immer nach einem Vater gesehnt, nicht?«

Manchmal, dachte Annina.

»Nein, Mama«, sagte sie jedoch. »Möchtest du lieber schlafen? Ich bleibe gern noch eine Weile hier und passe auf dich auf.«

Sabrinas Augen waren geschlossen, doch sie schlief nicht. Ihre Hand streichelte die ihrer Tochter.

»Morgen bringe ich dir dein Aquarell mit, Mama«, versprach Annina.

Sabrina schlug die Augen auf, doch sie blickte an Annina vorbei. Ihr Blick wurde starr ‘ wie er es in Augen wird, die träumend auf ein fernes Erinnerungsbild schauen.

»Habichtshöhe«, wisperte sie mit jener melancholischen Miene, die man immer dann an ihr sah, wenn sie das Aquarell in ihrem Zimmer betrachtete. »Dort war ich so glücklich wie nie zuvor in meinem Leben … leider auch so unglücklich wie nie zuvor.«

»Du hast dort gelebt? Auf Schloss Habichtshöhe?«, fragte Annina erstaunt.

Sie kannte kein Schloss dieses Namens.

»Ich habe es als junge Frau kennengelernt. Es ist ein wunderschönes Schloss, fast ein Märchenschloss … Aber unverzeihlich vernachlässigt. Und der Park war ganz zugewachsen, denn es gab schon lange keine Gärtner mehr. Als dein Vater mich zum ersten Mal dorthin gebracht hat, nach Habichtshöhe …«

»Mama, es interessiert mich brennend, was du mir erzählen möchtest. Aber ich glaube, es strengt dich zu sehr an.«

Sabrina kümmerte sich nicht um den besorgten Einwand ihrer Tochter.

»Ich war damals noch so jung und grenzenlos naiv. Nichts habe ich begriffen … Vielleicht wäre manches anders gekommen, wenn ich früher klug geworden wäre …« Sie brachte einen Laut hervor, der sich wie ein Schluchzen anhörte. »Wenn man doch aus seinem Leben das machen könnte, was man daraus machen will! Aber den Gefallen tut es einem leider nicht. Und eine zweite Chance kriegt man nie.«

»Habichtshöhe gehört meinem Vater?«

»Seinen Eltern. Prinz Gottfried und Prinzessin Sophie.«

»Du magst sie nicht?«, fragte Annina leise, weil ihre Mutter erschauerte, als sie den Namen der Prinzessin aussprach.

»Die kalte Sophie hat mich von der ersten Minute an gehasst. Und was hat sie mir nicht alles unterstellt!«

Wie herzlos! Annina war es ein Rätsel, wie man ihre Mutter, die Sanftmut in Person, hassen konnte.

»Und mein Vater?«

»Ach«, hauchte Sabrina.

Es war nur ein Seufzer, und doch beinhaltete er einen ganzen Roman, vielmehr eine Tragödie.

»Er konnte dich nicht schützen«, vermutete Annina.

»Er war meine erste große Liebe, Kleines. Wolfram Prinz von Themming. Das klingt nach einem Märchenprinzen, oder?«

»Ja«, gab Annina zu. »Ihr habt also nicht geheiratet?«

»Doch. Ich habe nach der Scheidung wieder meinen Mädchennamen angenommen. Weil ich ganz von vorn anfangen wollte. Mit der Vergangenheit wollte ich nichts mehr zu tun haben, nichts sollte mich an sie erinnern.«

Und wieso hing das Bild vom Schlosspark in ihrem Zimmer?, fragte sich Annina.

»Arme Mama, wie musst du gelitten haben«, sagte sie.

»Ich war vor allem grenzenlos enttäuscht.«

»Wieso hast du alles für dich behalten? All die Jahre!«

»Ich wollte dich nicht belasten, mein Liebes.«

»Hast du meinen Vater wirklich total vergessen?«

Sabrina schüttelte sachte den Kopf. »Wie kann man seine erste große Liebe vergessen? Ach, das ist unmöglich. Außerdem hast du viel von deinem Vater geerbt.«

»Obwohl ich ihn nicht kenne?«

»Als ich fortging, warst du noch ein Baby. Aber du hast seine Augen, Annina. Und manchmal, wenn du am Klavier sitzt und improvisierst, dann meine ich, ihn spielen zu hören.«

»Mein Vater war auch musikalisch?« Annina fand es merkwürdig, einem Vater ähnlich zu sein, der für sie der große Unbekannte war.

»Vielleicht ist er immer noch musikalisch.«

»Er ist nicht … tot?« Das hatte Annina immer angenommen.

»Ich weiß es nicht. Wir haben nichts mehr voneinander gehört, seit ich Habichtshöhe verlassen habe. Mit dir und einem kleinen Koffer. Mehr stand mir nicht zu. Denn das, was ich noch mitnehmen wollte, musste ich zurücklassen.«

»Deinen Schmuck?«

»Aber nein.« Sabrina lächelte flüchtig. »Beatrix.«

Annina sah sie fragend, doch ahnungsvoll an. Ein Kaleidoskop von bunten Bildern drehte sich vor ihren flüchtig geschlossenen Augen, alles spaltete sich, wurde doppelt, schob sich in gläsernen Schichten übereinander.

»Deine Schwester Beatrix. Deine Zwillingsschwester.«

Großer Gott! Die Komtess saß regungslos da. Der Schock hatte ihr die Sprache verschlagen.

Ich habe eine Zwillingsschwester? Annina war fassungslos. Es gab sie doppelt? Plötzlich erinnerte sie sich an jene Szene auf dem Bahnsteig, als der junge Mann mit den bemerkenswert blauen Augen ihr ritterlich geholfen hatte.

Er hatte nach einem Blick in ihr Gesicht laut überlegt, ob sie sich vielleicht schon einmal begegnet waren. Ganz genau erinnerte sich Annina an seine Verblüffung. Konnte es sein, dass er ihre Zwillingsschwester kannte?

»Wolframs Familie ist von Anfang an gegen unsere Beziehung gewesen«, berichtete Sabrina leise. »Sie haben alle möglichen, vielmehr unmöglichen Argumente gegen mich vorgebracht. Ich sei zu jung, zu unbedeutend, vor allem fehle es mir an Hintergrund, an glänzenden Verbindungen.«

»Wie grausam! Das ist unglaublich unfair.«

»Wolfram war der einzige Sohn. Er sollte eine reiche Erbin heiraten, um die Familie finanziell zu sanieren.«

»Oh Mama, das klingt ja mittelalterlich.«

»Sie haben erst zähneknirschend nachgegeben, als ich schwanger wurde – was sie mir übrigens als Trick ausgelegt und niemals verziehen haben. Es war alles sehr bitter.«

»Aber ihr durftet heiraten.«

»Ja, weil Prinzessin Sophie einen Skandal vermeiden wollte. Und ich törichtes junges Ding habe gehofft, dass sich mit der Zeit alles einrenken würde.«

»Du hast wirklich Zwillinge zur Welt gebracht?«

»Zwei süße kleine Mädchen. Beatrix und dich. Du bist fast zehn Minuten älter als sie. Sie war sehr kräftig, als sie geboren wurde«, erinnerte sich Sabrina wehmütig. »Ganz laut hat sie geschrien.«

»Und ich nicht?«

»Nein, du nicht. Du warst schon immer lieb und sanft.« Sabrina war extrem blass.

»Hat die Geburt deine Schwiegereltern nicht versöhnen können?«, wollte die Tochter wissen. »Gleich zwei Enkelinnen hast du ihnen geschenkt. Eigentlich ein Traum.«

»Insbesondere Prinzessin Sophie hat es mir furchtbar verübelt, dass ich keine Söhne zur Welt gebracht habe. Das Intrigieren ging also munter weiter, sie haben mir nichts geschenkt.«

»Es muss die Hölle für dich gewesen sein.« Annina schüttelte konsterniert den Kopf. »Und unser Vater?«

»Er war Diplomat. Und das mit Leib und Seele.«

Die Komtess begriff. »Also hat er laviert.«

Sie war nicht sicher, ob sie diesen Vater leiden mochte.

»Ich habe mich in jener Zeit sehr allein gefühlt. Und schrecklich unglücklich. Bis zu jenem Tag, an dem ich es nicht mehr ausgehalten habe. Da habe ich mich entschlossen, endlich zu handeln.«

»Du bist gegangen?«

Ob sie darauf gewartet haben?, fragte sich Annina.

Sabrina nickte. »Aber ich durfte nur ein Kind mitnehmen. Ich stand vor der grausamsten Entscheidung meines Lebens.«

»Du hast dich für mich entschieden. Ich danke dir. Du hast mir dieses Gruselschloss erspart.«

»Prinzessin Sophie wollte Beatrix behalten und ganz in ihrem Sinne großziehen. Mich hat es fast zerrissen.«

Fast?, dachte Annina.

»Hätte mein Vater dir nicht helfen können?«, wollte sie wissen.

»Wolfram hätte es nie gewagt, seiner Mutter zu widersprechen. Also musste ich mich fügen. Ich hatte keine Wahl.«

»Arme Mama, man hat dich grausam behandelt.«

»Oft habe ich damit gehadert und mir vorgeworfen, zu egoistisch gewesen zu sein. Vielleicht hätte ich bleiben und die Zähne noch fester zusammenbeißen sollen.«

»Wie lange noch? Bis sie dir ausgefallen wären?«

»Sie haben mich weder akzeptiert noch respektiert. Als ich gehen wollte, hat mich niemand zurückgehalten. Einzig an Beatrix waren sie interessiert. Nicht an mir.«

An mir offenbar auch nicht, dachte Annina.

»Du hast die richtige Entscheidung getroffen, Mama«, sagte sie.

»Aber ich habe dir dadurch die väterliche Familie vorenthalten. Du hättest in einem Schloss aufwachsen können. In der Gesellschaft einer Zwillingsschwester.«

»Wie ist sie? Sieht Beatrix aus wie ich?«

»Ich habe sie zuletzt als Baby gesehen. Als ich mich von ihr verabschiedet habe, hat sie mich böse angesehen – wie meine Schwiegermutter.« Als Sabrina aufseufzte, schien dieser Seufzer aus tiefster, schwer gekränkter Seele zu kommen. »Ja, ich fürchte, sie hat viel von Sophie. Leider.«

»Dann ist es gut, dass sie weit weg ist.«

Sabrina schloss die Augen, sie wirkte unendlich matt.

»Ruh dich aus, Mama.« Annina beugte sich über sie und küsste ihre Wangen. »Schlaf schön, wenn du kannst. Und gräm dich nicht, bitte. Ich komme morgen wieder, darf ich?«

»So früh, wie du kannst, mein Kleines. Ich muss dir noch viel erzählen. Und mir läuft die Zeit davon …«

***

Die Komtess hatte das Aquarell sorgsam in eine Decke gewickelt. Jetzt befreite sie es von der schützenden Hülle und sah es sich aufmerksam an. Mamas Sehnsucht nach einem Leben im Duft von Schwertlilien, stellte sie wehmütig fest.

»Annina?«, fragte die Kranke im Bett leise. Sie schien zu schwach zu sein, um den Kopf zu heben. »Bist du es?«

»Ja, Mama.« Die junge Frau begrüßte ihre Mutter mit liebevollen Küssen auf beide Wangen. »Wie geht es dir heute?«

Der Stationsarzt hatte ihr vorhin bei dem ausführlichen Gespräch die Situation erklärt, ihr aber leider kaum Hoffnung gemacht. Das Herz ihrer Mutter, so hatte der Doktor mitfühlend gesagt, sei zu schwach, es wolle auch nicht mehr kämpfen …

Wenn man nur wüsste, was ihr so einen Schock versetzt hat, dass es sich bis auf ihren Lebensmut ausgewirkt hat, dachte Annina. Sollte sich Prinz Wolfram von Themming nach all den Jahren des Schweigens überraschend bei ihr gemeldet haben?

»Die reizenden Blumen«, sagte Sabrina mit ihrem blassen Lächeln. »Aber du sollst dein Geld doch nicht für mich ausgeben, Liebes. Was für eine Verschwendung.« Sie strich flüchtig über die seidenzarten Blütenblätter der rosafarbenen Rosen. »Wie schön kühl sie sich anfühlen.«

»Ich werde sie ins Wasser stellen. Eine passende Vase habe ich schon gefunden.«

»Ach, lass sie mir noch eine Weile.« Sabrina fasste nach ihrer Hand und hielt sie fest. »Setzt du dich zu mir?«

Annina griff nach dem Stuhl.

»Nein, Liebes, setz dich hierhin.« Sabrina deutete auf die Bettkante. »Da bist du mir näher.«

Sie fasste schnell nach Anninas Hand und presste ihre Lippen darauf.

»Wie hübsch du bist.« Mit ihrem schmalen, durchsichtigen Gesicht blickte sie ihre Tochter zärtlich an. »Du warst das Beste in meinem Leben, mein Kleines. Es ist nicht ein Tag vergangen, an dem ich Gott nicht dankbar gewesen wäre, dich mir geschenkt zu haben.«

»Ach, Mama, meine liebste, gütigste Mama.« Weiter kam die Komtess nicht, der Kummer schnürte ihr die Kehle zu.

Sabrinas Hand wurde langsam warm unter Anninas Berührung. Sie wirkte viel jünger als sonst und sehr verletzlich.

Wie lange werde ich sie noch bei mir haben?, durchzuckte es Annina. Wie viel Zeit bleibt uns noch?

Das Krankenzimmer war erfüllt vom Duft der Rosen. Der betörend süße Duft verdrängte den typischen Krankenhausgeruch und nahm Annina ein bisschen von ihrer Angst.

Lieber Gott, flehte die junge Frau mit dem rotblonden Haar, lass sie mir. Ich brauche sie so sehr. Und sie hat noch so viele Pläne, ist voller Energie und Temperament.

»Annina, Kind, hüte dich vor Claus Rupert«, kam es flüsternd und gleichzeitig ermahnend von Sabrinas blassen Lippen.

Die Komtess hob erstaunt den Kopf. Sie hatte eigentlich erwartet, mehr von Schloss Habichtshöhe zu erfahren, dem Schauplatz des trostlosesten Kapitels in Sabrinas Lebensbuch. Und nun warnte ihre Mutter sie vor Claus Rupert, dem Mann, für den Sabrina beruflich tätig war.

Rupert gehörte ein angesehenes Antiquitätengeschäft im Herzen der Stadt. Eine sogenannte erste Adresse. Und seine Kundschaft hatte Rang und Namen und das nötige Vermögen, um sich Ruperts erlesene Antiquitäten leisten zu können.

Den Lebensunterhalt für sich und ihr Kind hatte Sabrina nach der Scheidung von Prinz Wolfram zunächst als Verkäuferin verdient. Ihre seriöse, verlässliche und diskrete Art hatte fantastisch auf die Kunden gewirkt – und auf den Umsatz.

Sabrina war ein Glücksfall für Rupert gewesen. Im Gegensatz zu ihm, einer nervösen, wenn nicht gar windigen Erscheinung, strahlte sie heitere Gelassenheit aus. Und sie verkörperte all das, was er sich immer gewünscht hatte, natürlich vergebens, nämlich Stil, Eleganz und Tradition.

Anders als er ließ sie sich weder vom Geldrausch noch vom Prestige aus der Konzentration reißen.

Für ihn war sie perfekt, auch weil mit ihr der Erfolg gekommen war. Er hatte sie anfangs bewundert, später verehrt. Und nachdem er herausgefunden hatte, dass sie viel in Bücher-, Kunst- und Bilderwelten lebte, dass sie eine Spezialistin für Altmeister war, insbesondere für italienische Kunst des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, hatte er ihr vorgeschlagen, als Restauratorin für ihn zu arbeiten.

Sabrina war sich natürlich bewusst gewesen, dass er sich ihr Flair, ihre Ruhe und Geschicklichkeit – und nicht zuletzt ihren Adelstitel clever zunutze machte. Sie hatte ihn ja längst durchschaut. Aber sie hatte zugestimmt, vor allem weil sie bei ihm mehr verdiente als vorher.

Sie hatte mit Annina eine größere Wohnung bezogen, die sie hinreißend geschmackvoll eingerichtet hatte, ein atemberaubender Mix aus Altem und Modernem. Typisch Sabrina eben.

»Warum warnst du mich vor Claus Rupert, Mama?«, hakte Annina nach.

»Er ist ein Betrüger.« Sabrina umklammerte Anninas Hand. »Du darfst ihm nicht vertrauen, versprich es mir!«

Annina hatte diesem Wurm in Nadelstreifen nie vertraut.

»Alles verspreche ich, alles, was du willst. Was hat er getan, Mama?«, fragte die Komtess flüsternd.

»Er hat mich schändlich betrogen …« Sabrina atmete nun schwer. »Er hat mein Vertrauen schamlos ausgenutzt.«

Die rings um das Bett aufgestellten Monitore, Wächter über Sabrinas Leben, zuckten bedenklich.

»Zum Schluss hatte er die Frechheit, mich zu bitten, ihn zu heiraten. Stell dir vor, Annina, er hat es gewagt!«

»Ich stelle es mir lieber nicht vor. Und was ist vor dem unverschämten Heiratsantrag passiert?«

Sabrina wollte sich aufrichten. Es misslang natürlich, denn ihr fehlte die nötige Kraft.

»Ich habe herausgefunden, dass er … seit geraumer Zeit schon … einen schwunghaften Handel betreibt mit den Kopien, die ich …«

»Du hast für ihn Kopien angefertigt?«, fragte Annina atemlos, da sie zutiefst schockiert war. »Warum?«

»Ich kann es dir nicht verdenken, es mir vorzuwerfen.«

»Ich werfe dir nichts vor, Mama.«

»Ich hätte es wissen müssen. Er ist kein anständiger Mensch. Aber wie konnte ich ahnen, was er wirklich mit den Kopien vorhat?« Sabrinas braune Augen füllten sich mit Tränen und drohten, überzulaufen. »Mir hat der Schuft erzählt, dass vermögende Kunden ihre Gemälde aus Sicherheitsgründen nicht länger in ihren Villen haben und sich stattdessen Kopien an die Wände hängen wollten. Dafür hatte ich Verständnis. Natürlich. Die Lüge klang so plausibel.«

»Mama, gönn dir bitte eine Pause.« Annina reichte ihr das Wasserglas. »Hier, trink einen Schluck. Bitte.«

»Ich habe mich wahnsinnig aufgeregt, als die Wahrheit schließlich ans Licht gekommen ist.« Sabrinas Lippen bebten auch jetzt. »Vorgestern kam ein Kunde ins Geschäft und hat Rupert zur Rede gestellt. Es war eine grauenvolle Auseinandersetzung, die Wände haben gewackelt.«

»Und dir war alles entsetzlich peinlich.«

»Mir hat der Kunde vorgeworfen, mich an dem Betrug beteiligt zu haben. Ich soll diese illegalen Kopien bewusst angefertigt haben, um gemeinsam mit Rupert daran zu verdienen.« Die Gräfin stöhnte qualvoll auf. »Räuberhöhle hat er den Betrieb genannt und mir unterstellt, ihn raffiniert eingewickelt zu haben, um ihn anschließend auszuplündern. Annina, ich war außer mir, schon während der unseligen Szene!«

»Mama, du hättest mich sofort anrufen sollen.«

»Ich habe mich wegen meiner Naivität in Grund und Boden geschämt. Wieso habe ich nie Verdacht geschöpft?«

»Hat Claus Rupert den wahren Sachverhalt dargestellt?«

»Er hat alles abgestritten.« Sabrina brach in Tränen aus. »Mein Leben lang habe ich mich um Aufrichtigkeit bemüht, ich habe immer den geraden Weg gewählt, auch wenn er steiniger war als der krumme. Und nun muss ich erleben, dass mich jemand in ganz üble Machenschaften verwickelt hat!«

»Mama, hat der Kunde denn mit einer Anzeige gedroht?«

Sabrina schluchzte so heftig, sie konnte nicht sprechen.

»Du darfst dich nicht aufregen, es schadet dir«, sorgte Annina sich.

»Meine Ehre ist beschmutzt worden. Ich bin vernichtet!«

»Aber jeder, der dich kennt, wird bezeugen, dass du immer ehrbar, aufrecht und bescheiden gelebt hast.«

»Ich habe Bilder gefälscht!«

»Rupert ist der Verbrecher, Mama, dich trifft keine Schuld.« Annina streichelte die Wangen ihrer Mutter. »Ich werde ihn zur Rede stellen und ihn zwingen, dich zu entlasten. Er soll sich schriftlich äußern.«

»Wenn die Presse sich einmischt, wird es einen Skandal geben. Und wenn man auf Schloss Habichtshöhe davon erfährt, wird Prinzessin Sophie blasiert die Brauen heben und ihrer Umgebung mitteilen, dass sie so etwas immer geahnt hat.«

»Mama, niemand wird etwas erfahren. Niemand wird mit dem Zeigefinger auf dich zeigen und es wagen, dich zu diffamieren. Ich werde dafür sorgen, ich verspreche es dir.«

»Liebes, du bist ein Engel. Aber du kennst doch den alten Spruch: Es bleibt immer etwas hängen. In der Branche spricht sich alles herum. Ach, ich bin so verzweifelt.«

Nun wusste Annina, was bei ihrer Mutter den Herzinfarkt ausgelöst hatte. Die Ursache des Zusammenbruchs war jene Szene im Antiquitätengeschäft gewesen. Sabrina war aus allen Wolken gestürzt, ihr Herz hatte entsprechend reagiert.

»Weißt du, Mama, ich bin froh, dass du mir alles erzählt hast«, sagte Annina. »Jetzt kämpfen wir gemeinsam, einverstanden?«

Ein wehes Lächeln huschte über Sabrinas Gesicht. Es kehrte wieder Ruhe im Krankenzimmer ein.

Dennoch vermochte Annina sich nicht zu entspannen. Eine seltsame Nervosität bemächtigte sich ihrer, gleichzeitig empfand sie eine tiefe Erschöpfung, eine überwältigende Müdigkeit. Sie ließ den Kopf auf Sabrinas Hände sinken.

Irgendetwas hatte sich verändert, das spürte Annina angstvoll. Eisige Kälte überrieselte sie. Der Tod stand unsichtbar lauernd im Zimmer. Er blieb ganz ruhig, denn er hatte keine Eile. Er wusste ja, dass er seinen Anteil bekommen würde. In Kürze.

Annina stieß einen Schrei aus, als sie den Kopf hob.

Sabrina lächelte noch, aber sie lebte nicht mehr. Ihre Hände fühlten sich kalt und schlaff an.

»Oh Mama«, flüsterte die junge Frau verzweifelt. »Bitte nicht, verlass mich nicht. Ich hab doch nur dich.«

Mit einem Eisklumpen statt eines Herzens in der Brust starrte sie die Tote an, alles verschwamm vor ihren Augen. Und das Gefühl unendlichen Grams überkam sie.

***

Schloss Habichtshöhe kam offenbar ohne prachtvolles Tor mit Pförtnerhaus aus, ohne eindrucksvolles Gitter rund um den Park und vor allem ohne Pauken und Trompeten.

Annina ließ erste interessierte Blicke schweifen.

Bei aller Unaufdringlichkeit fehlte es dem traditionsreichen Adelssitz indes keinesfalls an Glanz und Gloria. Schon aus der Ferne wirkte das Gewirr von Dächern, Türmen und Zinnen, Obelisken, Bandelwerk-Brüstungen und Balkonen so weitläufig und majestätisch, dass Anninas Herz zwangsläufig aus dem Rhythmus geriet. Und je näher sie ihrem Ziel kam, desto schneller schlug es. Schnell und angespannt.

Denn die Ansicht des großartigen, in einen herrlichen Park gebetteten Schlosses, das auf dem Kamm eines Hügels zwischen uralten Bäumen aufragte, erinnerte sie schmerzlich an die Erzählungen ihrer Mutter.

Wie oft hatte Sabrina wohl an der Stelle gestanden, wo sie jetzt stand? Bei welcher Gelegenheit hatte sie beim Anblick des Schlosses auf der Hügelkuppe nicht länger Freude, sondern Herzweh empfunden? Es glich einem riesigen Schiff, das in der Landschaft Anker geworfen hatte. Ein steingewordener Traum war das Schloss, hinter dessen Fassaden sich einst eine Tragödie abspielt hatte …

»Sie sind zu spät«, teilte ihr die sportliche junge Frau knapp mit. »Ich wollte gerade zuschließen.«

Annina sah sie überrascht an. »Zu spät – wozu?«

»Wären Sie vor einer Viertelstunde gekommen, hätten Sie die letzte Tour mitmachen können.« Die junge Frau rasselte mit einem eindrucksvollen Schlüsselbund.

»Die letzte Tour?« Annina überlegte herzklopfend, ob sie möglicherweise träumte.

In letzter Zeit hatte sie eine ganze Skala von Albträumen kennengelernt …

»In den Sommermonaten beginnt die letzte Schlossbesichtigung um fünfzehn Uhr. Pünktlich.« Die junge Frau zeigte erste Anzeichen von Ungeduld. »Sie können ja morgen wiederkommen.«

»Ich …« Annina würde bestimmt nicht wiederkommen, denn dazu fehlte es ihr am nötigen Mut.

Zu dieser Fahrt aufzubrechen, hatte sie einiges an Kraft gekostet. Schließlich war Habichtshöhe eine Art Terra incognita für sie, ein unbekanntes Land. Von seinen Bewohnern ganz zu schweigen.

Auch Kolumbus war damals zu einem Abenteuer mit ungewissem Ausgang aufgebrochen. Aber ihm hatten Gefährten zur Seite gestanden. Sie war allein und würde es mit Sicherheit noch lange bleiben. Schwer lasteten auf ihr die Umstände, die zum tragischen Tod ihrer Mutter geführt hatten.

»Oder Sie machen einen Spaziergang durch den Park. Zu dieser Jahreszeit soll er besonders schön sein – sagt man.«

Annina musterte die junge Frau überrascht.

»Ich kann es nicht beurteilen. Ich bin nämlich allergisch gegen Gräserpollen«, fügte die Fremdenführerin erklärend hinzu.

»Das tut mir leid.«

Auch ein Schicksal, mitten im Paradies zu leben und dieses nicht betreten zu können, dachte Annina.

Die junge Frau überlegte. »Wissen Sie was? Ich bringe Sie schnell zur letzten Gruppe. Weit können die noch nicht gekommen sein. Meine Kollegin lässt nichts aus, obwohl ich ihr schon hundertmal geraten habe, nicht so ausführlich zu werden. Die meisten Leute wollen es ja gar nicht so genau wissen.«

Annina hatte sich eigentlich nach ihrem Vater erkundigen wollen, nach Prinz Wolfram von Themming. Ihren Besuch hatte sie nicht angekündigt, weder brieflich noch telefonisch, sondern sich spontan auf die Reise gemacht, um ihn kennenzulernen – ihren unbekannten Vater, den Schlossbesitzer.

Nach dem Tod ihrer Mutter war sie tagelang völlig verstört gewesen.

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