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Hier stehe ich, ich kann nicht anders

Helge Hesse

HIER STEHE ICH,
ICH KANN
NICHT ANDERS

In 80 Sätzen
durch die Weltgeschichte

Inhalt

  1. Vorwort
  2. 1. Erkenne dich selbst!
    Thales von Milet (um 625 – um 547 v. Chr.)
  3. 2. Alles fließt
    Heraklit (um 540 – um 480 v. Chr.)
  4. 3. Der Mensch ist das Maß aller Dinge
    Protagoras (um 485 – 415 v. Chr.)
  5. 4. Ich weiß, dass ich nichts weiß
    Sokrates (um 470 – 399 v. Chr.)
  6. 5. Wehe den Besiegten!
    Brennus (4. Jhdt. v. Chr.)
  7. 6. Das ist der springende Punkt
    Aristoteles (384 – 322 v. Chr.)
  8. 7. Geh mir ein wenig aus der Sonne
    Diogenes von Sinope (um 404 – um 323 v. Chr.)
  9. 8. Was zu beweisen war
    Euklid (um 320 – um 275 v. Chr.)
  10. 9. Um dem Volk voranzugehen, muss man sich dahinter stellen
    Laozi (auch Lao-Tse; vermutl. 3./4. Jhdt. v. Chr.)
  11. 10. Du verstehst zu siegen, den Sieg zu nutzen, verstehst du nicht
    Marhabal (3. Jhdt. v. Chr.)
  12. 11. Störe meine Kreise nicht
    Archimedes (287 – 212 v. Chr.)
  13. 12. Die Würfel sind gefallen
    Julius Caesar (100 – 44 v. Chr.)
  14. 13. Irren ist menschlich
    Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v. Chr.)
  15. 14. Nutze den Tag!
    Horaz (65 – 8 v. Chr.)
  16. 15. Ich wasche meine Hände in Unschuld
    Pontius Pilatus (Statthalter 26 – 36 n. Chr.)
  17. 16. Welch ein Künstler geht mit mir zugrunde!
    Nero (37 – 68 n. Chr.)
  18. 17. Geld stinkt nicht
    Vespasian (9 – 79 n. Chr.)
  19. 18. In diesem Zeichen wirst du siegen!
    Konstantin der Große (um 288 – 337)
  20. 19. Im Zweifel für den Angeklagten
    Corpus iuris civilis (Entstehung 528 – 534)
  21. 20. Bete und arbeite!
    Benedikt von Nursia (480 – 547)
  22. 21. Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns mit ihnen
    Lothar I. (795 – 855)
  23. 22. Ich glaube, um zu erkennen
    Anselm von Canterbury (1033 – 1109)
  24. 23. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst
    Eike von Repgow (um 1180 – um 1233)
  25. 24. Tabula rasa
    Albertus Magnus (1193 – 1280)
  26. 25. Teile und herrsche!
    Ludwig XI. (1423 – 1483)
  27. 26. Der Zweck heiligt die Mittel
    Niccolò Machiavelli (1469 – 1527)
  28. 27. Hier stehe ich, ich kann nicht anders
    Martin Luther (1483 – 1546)
  29. 28. In meinem Reich geht die Sonne nie unter
    Karl V. (1500 – 1558)
  30. 29. Wissen ist Macht
    Francis Bacon (1561 – 1626)
  31. 30. Und sie bewegt sich doch!
    Galileo Galilei (1564 – 1642)
  32. 31. Ich denke, also bin ich
    René Descartes (1596 – 1650)
  33. 32. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf
    Thomas Hobbes (1588 – 1679)
  34. 33. Der Staat bin ich
    Ludwig XIV. (1638 – 1715)
  35. 34. Laissez faire!
    Pierre de Boisguilbert (1646 – 1714)
  36. 35. Nach uns die Sintflut!
    Marquise de Pompadour (1721 – 1764)
  37. 36. Jeder muss nach seiner Fasson selig werden
    Friedrich II., der Große (1712 – 1786)
  38. 37. Der Mensch ist frei geboren, und liegt doch überall in Ketten
    Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1788)
  39. 38. Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit
    Immanuel Kant (1724 – 1804)
  40. 39. Zeit ist Geld
    Benjamin Franklin (1706 – 1790)
  41. 40. Es steht in unserer Macht, die Welt aufs Neue zu beginnen
    Thomas Paine (1737 – 1809)
  42. 41. Das größte Glück der größten Zahl
    Jeremy Bentham (1748 – 1832)
  43. 42. Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen
    Marie Antoinette (1755 – 1793)
  44. 43. Die Revolution frisst ihre Kinder
    Pierre Victurnien Vergniaud (1753 – 1793)
  45. 44. Vierzig Jahrhunderte blicken auf euch herab!
    Napoleon Bonaparte (1769 – 1821)
  46. 45. Ich wollte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen
    Arthur Wellesley Herzog von Wellington (1769 – 1852)
  47. 46. Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln
    Carl von Clausewitz (1780 – 1831)
  48. 47. Friede den Hütten! Krieg den Palästen!
    Georg Büchner (1813 – 1837)
  49. 48. Eigentum ist Diebstahl
    Pierre-Joseph Proudhon (1809 – 1865)
  50. 49. Deutschland, Deutschland über alles!
    Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 – 1874)
  51. 50. Proletarier aller Länder vereinigt Euch!
    Karl Marx (1818 – 1883)
  52. 51. Erst wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann
    Weissagung der Cree-Indianer
  53. 52. Blut und Eisen
    Otto von Bismarck (1815 – 1898)
  54. 53. Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will
    Georg Herwegh (1817-1875)
  55. 54. Getrennt marschieren, vereint schlagen
    Helmuth Graf von Moltke (1800 – 1891)
  56. 55. Vom Kap bis Kairo
    Cecil Rhodes (1853 – 1902)
  57. 56. Sprich leise und trage einen großen Knüppel
    Theodore Roosevelt (1858 – 1919)
  58. 57. Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche
    Wilhelm II. (1859 – 1941)
  59. 58. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser
    Wladimir Iljitsch Lenin (1870 – 1924)
  60. 59. Freiheit ist immer nur Freiheit des Andersdenkenden
    Rosa Luxemburg (1870-1919)
  61. 60. Die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden
    Paul von Beneckendorff und von Hindenburg (1847 – 1934) 255
  62. 61. Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen
    Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951)
  63. 62. Gott würfelt nicht
    Albert Einstein (1879 – 1955)
  64. 63. Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte
    Max Liebermann (1847 – 1935)
  65. 64. Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen
    Adolf Hitler (1889 – 1945)
  66. 65. Blut, Schweiß und Tränen
    Winston Churchill (1874 – 1965)
  67. 66. Wollt ihr den totalen Krieg?
    Joseph Goebbels (1897 – 1945)
  68. 67. Die Hölle, das sind die anderen
    Jean-Paul Sartre (1905 – 1980)
  69. 68. Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, produziert stets die Hölle
    Karl Raimund Popper (1902 – 1994)
  70. 69. Die Banalität des Bösen
    Hannah Arendt (1906 – 1975)
  71. 70. Ich bin ein Berliner
    John F. Kennedy (1917 – 1963)
  72. 71. I have a dream
    Martin Luther King (1929 – 1968)
  73. 72. Dies ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein riesiger Sprung für die Menschheit
    Neil Armstrong (geb. 1930)
  74. 73. Wir wollen mehr Demokratie wagen
    Willy Brandt (1913 – 1992)
  75. 74. The games must go on!
    Avery Brundage (1887 – 1975)
  76. 75. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben
    Michail Gorbatschow (geb. 1931)
  77. 76. Blühende Landschaften
    Helmut Kohl (geb. 1930)
  78. 77. Die Mutter aller Schlachten hat begonnen
    Saddam Hussein (geb. 1937)
  79. 78. I did not have sexual relations with that woman, Miss Lewinsky
    Bill Clinton (geb. 1946)
  80. 79. Die Renten sind sicher!
    Norbert Blüm (geb. 1935)
  81. 80. Die Achse des Bösen
    George W. Bush (geb. 1946)
  82. Dank
  83. Literaturverzeichnis
  84. Personenregister

Vorwort

Viele berühmte Sätze, die wir im Alltag lesen, hören und sagen sind zum Teil Jahrtausende alt. Sie entstanden in schicksalhaften Momenten der Weltgeschichte, entweder als Ausspruch oder wurden niedergeschrieben. Einige sind sogar älter als unsere heutige Sprache. Sie alle erzählen uns etwas über unsere Kultur und Geschichte.

Gehen wir den berühmten Zitaten der Geschichte nach und werfen einen Blick auf ihre Urheber und erforschen die Umstände, unter denen sie entstanden sind, können wir feststellen, dass sich mit ihnen nicht nur eine Reise in die Vergangenheit unternehmen lässt, sondern auch eine Abfolge von Stippvisiten zu besonders bedeutenden Wegmarken der Menschheitsgeschichte.

Dieses Buch lädt Sie auf eine Reise ein. So wie Jules Verne seinen Held Phileas Fogg in 80 Tagen um die Welt reisen ließ, verläuft unsere Reise in 80 berühmten Sätzen durch die Weltgeschichte und besucht Orte, Menschen und historisch bedeutsame Momente. Von »Erkenne dich selbst!« bis zu der »Achse des Bösen« durchmisst es einen Zeitraum von etwa 2600 Jahren.

Hinter jedem Zitat, das dieses Buch unterwegs aufsucht, verbirgt sich mindestens eine hochinteressante Episode der Geschichte. Jedes stößt eine Tür zu einem eigenen Abschnitt in Zeit und Raum auf, entfaltet überraschende Eindrücke vergangener Epochen und zeigt immer wieder den Menschen mit seinem sehr individuellen Blick auf die Welt.

Wie auf jeder Reise, muss man immer wieder die Entscheidung treffen, wo man halt macht, was man besichtigt und was man am Wegesrand stehen lässt. Da dieses Buch von der Weltgeschichte erzählt, habe ich literarische Zitate nur dann aufgenommen, wenn sie für eine besondere historische Zeit oder ein bedeutsames Ereignis in Politik und Gesellschaft stehen. An manchen Orten würden Sie vielleicht gerne länger verweilen, obwohl unsere Fahrt schon wieder weiter geht. Diese Reise verfolgt nicht den Anspruch, erschöpfend oder ausgewogen zu sein. Sie könnte es auch nicht leisten, nicht zuletzt, weil nicht jedes wichtige Ereignis der Weltgeschichte ein geläufiges Zitat hervorgebracht hat. Dieses Buch soll vielmehr in erster Linie Vergnügen an der Geschichte bereiten, und wenn Sie angeregt durch die Lektüre einiges ausführlicher nachlesen wollen, hilft Ihnen das Literaturverzeichnis weiter, das zu jedem Zitat Quellen nennt.

Ein letzter Hinweis: Jedes Kapitel ist in sich abgeschlossen und obwohl das Buch chronologisch vorgeht, können Sie, sollte das ein oder andere Zitat auf den ersten Blick nicht Ihr Interesse wecken, dieses einfach überspringen. Vielleicht kommen Sie später wieder darauf zurück, womöglich, wenn Ihnen das Zitat erneut im Alltag begegnet.

Ich hoffe, dass Sie sich mir als »Reiseführer« dieser Reise in 80 Sätzen durch die Weltgeschichte anvertrauen und dass Ihnen dieses Buch zeigen kann, wie spannend Geschichte ist. Viel Vergnügen!

Helge Hesse
Düsseldorf, im Juni 2006

1
Erkenne dich selbst!
Thales von Milet (um 625 – um 547 v. Chr.)

Diesen hohen Besuch hatte man selbst beim Orakel von Delphi noch nicht gesehen. Die Sieben Weisen, die klügsten Männer des antiken Griechenland, hatten die teils weite und beschwerliche Reise angetreten und sich in dem Heiligtum getroffen. Damit ein wenig ihres Wissens für alle Zeit auch dem heiligen Ort zuteil werde, bat der Priester des Orakels jeden von ihnen, einen Sinnspruch im Stein des Tempels zu hinterlassen. Als Erster verewigte sich der Staatsmann Chilon aus Sparta. Über den Eingang des Heiligtums meißelte er die Worte »Gnothi seauton!« (Erkenne dich selbst).

So beginnt eine der ältesten Urheberrechtsstreitigkeiten der Geschichte. War die Maxime »Erkenne dich selbst!« tatsächlich eine Idee Chilons? Oder hatte er sie nur übernommen? Stammte sie stattdessen von Thales, einem anderen der Sieben Weisen, dem viele diese Worte zuschreiben? Andere Quellen weisen den Satz sogar einem dritten damals Anwesenden zu: dem athenischen Staatsmann Solon.

Wem also ist eines der ältesten überlieferten Zitate der Menschheitsgeschichte zu verdanken? Auf wen gehen die Worte zurück, die wie die Initialzündung der abendländischen Philosophie anmuten? Bereits in der Antike hat diese Frage so manchen griechischen Denker beschäftigt.

Hundert Jahre nach besagtem Ereignis meinte Anaximenes, der wie Thales aus Milet stammte, Chilon habe Thales aus purer Geltungssucht den Satz gestohlen. Weitere hundert Jahre später wies der weise Antisthenes der ersten Priesterin des Orakels von Delphi, der berühmten Phaemonoe, die Urheberschaft des Satzes »Erkenne dich selbst!« zu. Von ihr, so glaubte er, habe dann Chilon den Spruch entlehnt. Auch wenn wir den Streit wohl nie werden klären können, in der Tendenz spricht vieles für Thales als Urheber. Denn der Satz »Erkenne dich selbst!« scheint wie geschaffen, den Beginn der abendländischen Philosophie zu markieren, und mit Thales von Milet nahm sie für viele ihren Anfang.

Warum gilt gerade Thales als einer der ersten Philosophen? Befragen wir die Geschichtsschreibung. Diese lässt die Philosophie meist mit den griechischen Denkern um 650 – 450 v. Chr. beginnen. Man nennt diese Denker Vorsokratiker, weil sie die Philosophie vor Sokrates prägten, der dann um 450 eine neue Richtung im Denken einschlug. Die Vorsokratiker bezeichnet man häufig auch als Naturphilosophen, weil sie sich vor allem darum bemühten, die Zusammenhänge der Natur zu verstehen. Daher ist es kein Wunder, dass fast jeder von ihnen eine Schrift mit dem Titel Über die Natur verfasst hat. Thales gilt als der Erste dieser Vorsokratiker oder Naturphilosophen, zu denen auch sein Schüler Anaximander, der bereits erwähnte Anaximenes, die Pythagoreer, die Eleaten wie Xenophanes und Parmenides sowie die Atomisten wie Leukipp und Demokrit gehören. Auch die Sophisten wie Protagoras ordnet man oft noch den Vorsokratikern zu, obwohl diese im engeren Sinne keine mehr sind.

Die Naturphilosophen suchten nach dem die Welt durchdringenden Urstoff oder Urprinzip, aus dem alles entstanden ist. Sie wollten das Wesen allen Seins erkennen. Für Thales war der Ursprung allen Lebens das Wasser. Er argumentierte, wie Aristoteles berichtet, alle Pflanzen seien feucht, auch alle Samen. Alle Leichen hingegen trockneten aus. Thales ging so weit, dass er meinte, die Welt sei ein großes, auf dem Wasser schwimmendes Floß. Die Gründe für Thales’ Verbundenheit mit dem Wasser sind nachzuvollziehen. Immerhin hatte er viel von seinem Wissen in Ägypten und Mesopotamien – also an Nil, Euphrat und Tigris – erworben, wo man das Wasser verständlicherweise besonders verehrte.

Warum man letztlich Thales den Zuschlag für den Satz »Erkenne dich selbst!« geben möchte, liegt daran, dass er zeigte, wie das Wahrnehmen des eigenen Ichs, seiner Stärken und Schwächen, zu Lösungen beitragen kann. Sein Leben, sein Individualismus schienen immer wieder der Maxime »Erkenne dich selbst!« zu folgen. »Dich«, so kann man die Worte verstehen, »gibt es nur einmal. Nur du bist in der Lage dich zu erkennen und die Entscheidungen über die Wege zu treffen, die du gehst.«

Die Worte »Erkenne dich selbst!« stehen für die Abkehr vom Vertrauen auf die Götter und für den Beginn des Nachdenkens über den Ursprung, den Lauf und die Zusammenhänge der Welt. Auch weil die Aufforderung »Erkenne dich selbst!« den Menschen selbst in den Mittelpunkt der Erkenntnis rückt, markiert sie den Anfang der Philosophie. Seit über 2500 Jahren mahnt sie jeden, sich und sein Dasein in der Welt zu hinterfragen und die eigene Rolle im Leben zu finden. Dass der Satz die Jahrtausende überdauerte, zeigen auch die Worte, die Oscar Wilde im 19. Jahrhundert niederschrieb: »Über der Pforte der antiken Welt stand geschrieben: ›Erkenne dich selbst!‹ Über der Pforte unserer neuen Welt sollte geschrieben stehen: ›Sei du selbst‹.«

Thales war ganz »er selbst«. Er lebte die meiste Zeit in Milet, einer reichen griechischen Hafenstadt, gelegen auf einer Halbinsel an der Westküste Ioniens in der heutigen Türkei. Milet war ein gutes Pflaster für die Geburt der »Liebe zur Weisheit«, wie man die Philosophie sinngemäß übersetzen kann. Denn die wohlhabenden Mileter mussten sich nicht mehr um das Überleben des nächsten Tages sorgen. Die geschenkte Zeit nutzten sie, um über Zusammenhänge nachzudenken, über Ursachen und Wirkungen der Dinge. Thales stand noch mehr Zeit zur Verfügung als den meisten seiner Mitbürger, denn er war der Sohn wohlhabender phönizischer Eltern. Er erlernte einen Beruf, mit dem man ihn heute halb als Naturwissenschaftler und halb als Techniker bezeichnen würde. Die Wissenschaften waren noch nicht in einzelne Disziplinen getrennt. Als junger Mann reiste Thales nach Ägypten, in den Mittleren Orient und auch nach Athen. Vor allem bei ägyptischen Priestern eignete er sich das damalige Wissen über Mathematik, Navigation und Astronomie an. Zurück in Milet versuchte er sich zunächst in der Stadtpolitik. Doch bald war es erneut die Betrachtung der Natur, der er seine Zeit widmete. Thales wurde stadtbekannt und man sagte ihm nach, ein versponnener Kauz zu sein. Auf den ersten Blick schien er sich auch alle Mühe zu geben, die Philosophie gleich zu ihrem Beginn in den Ruf geraten zu lassen, ein Betätigungsfeld eigentümlicher und zerstreuter Gelehrter zu sein. So betrachtete Thales eines Nachts im Gehen die Sterne und weil er nicht auf den Weg achtete, fiel er in einen Brunnen. Eine Magd, die das beobachtet hatte, sagte lachend zu ihm, er beschäftige sich zwar mit den Dingen im Himmel, doch sehe er nicht, was direkt vor seinen Füßen liege.

Thales’ Mutter hätte ihr vermutlich beigepflichtet und dann noch seufzend hinzugefügt: »Würde er doch wenigstens die Frauen beachten!« Denn so sehr sie ihren Sohn auch drängte, er wollte partout nicht heiraten. Auch wenn einige Quellen sagen, Thales habe eine Frau und sogar einen Sohn gehabt, ist folgende Überlieferung zu schön, um auf ihre Wahrheit geprüft zu werden: Auf die Drängeleien seiner Mutter, endlich zu heiraten, soll er jahrelang hartnäckig geantwortet haben: »Noch ist nicht die Zeit dazu«, bis er endlich antworten konnte: »Nun ist die Zeit dazu vorüber.«

Zum Star der Wissenschaft seiner Zeit stieg Thales auf, als er eine Sonnenfinsternis vorhersagte, die er mit einigem Glück aus alten Quellen gedeutet hatte und die dann in Anatolien tatsächlich zu sehen war. Schriftliches ist von Thales nicht erhalten. Wenn überhaupt, so wird von dem großen frühen Geschichtsschreiber der Philosophie Diogenes Laertius vermutet, verfasste er zwei Schriften über astronomische Fragen. Im Mittelpunkt seines Denkens standen zweifellos die Naturwissenschaften und da vor allem die Astronomie. Auch wenn Thales glaubte, die Welt sei eine Scheibe und der Himmel eine Halbkugel, die darüber gestülpt sei, leistete er auf diesem Gebiet Beachtliches.

Thales starb vermutlich mit Ende 70, andere Quellen sagen sogar, er sei 90 geworden. Zum Zeitpunkt seines Todes hatte er im Stadion einem Wettkampf zugeschaut. Der Philosoph des Wassers war infolge der gerade herrschenden Hitze an Austrocknung und an Altersschwäche gestorben.

Doch eine Sache wäre noch zu klären. Was hat Thales damals in Delphi getan, als Chilon die Worte »Erkenne dich selbst!« in Stein meißeln ließ, obwohl er sehr wahrscheinlich nicht der erste war, der sie formuliert hatte? Welchen Spruch ließ Thales daraufhin in dem Heiligtum verewigen? Es war der schlichte Satz »Gedenke der Freunde«. Wer weiß, an wen Thales dabei gedacht hat – und an wen nicht.

2
Alles fließt
Heraklit (um 540 – um 480 v. Chr.)

Alles fließt? Auf den ersten Blick könnte man meinen, Heraklit habe den Staffelstab des Thales von Milet übernommen. Denn der hatte gesagt, der Urstoff allen Seins sei das Wasser. Das Neue bei Heraklit war – wenn wir die beiden Worte des Zitates interpretieren –, dass er das Wasser als etwas Dynamisches verstand. Für ihn war alles im Fluss. Alles wird, alles vergeht, alles ändert sich. Nichts bleibt, wie es ist.

Heraklit jedoch als einen Philosophen des Wassers zu bezeichnen, hieße wohl zuallererst, seinen Unmut zu erregen. Denn er verdammte das Wasser als das größte Übel, das es für den Menschen gebe, weil es alles in schändlichste Tiefen hinabziehe. Für Heraklit war das Feuer die Ursubstanz aller Dinge, denn Feuer wandle sich »in das All und das All in Feuer«, wie es in den von ihm erhaltenen Fragmenten heißt.

Wie Thales war auch Heraklit vornehmer Herkunft. Sein Vater war ein direkter Nachfahre des Gründers der Stadt Ephesos, gelegen im Landesinnern der anatolischen Halbinsel, in der heutigen Türkei. Ephesos beherbergte mit dem Tempel der Artemis eines der sieben Weltwunder der Antike. Eines Tages trug man Heraklit sogar die Königswürde an. Doch er wies sie zurück und übertrug sie auf seinen nächstgeborenen Bruder. Politik und Macht waren nicht Heraklits Sache, er war auch kein besonders geselliger Zeitgenosse. Dazu hielt er viel zu wenig von seinen Mitmenschen und auch an seinen Philosophenkollegen ließ er kaum ein gutes Haar. Hesiod, Xenophanes und Pythagoras kanzelte er gnadenlos ab.

Diogenes Laertius berichtet, Heraklit habe sich eines Tages im Artemistempel mit kleinen Jungen ins Würfelspiel vertieft. Als Mitbürger hinzutraten und ihm angesichts dieser nach ihrer Meinung nichtsnutzigen Tätigkeit Vorhaltungen machten, beschied er sie barsch, dass dies besser sei als mit ihnen den Staat zu führen.

Den in Heraklits Augen letzten Beweis dafür, wie schlecht sie waren, lieferten ihm seine Mitbürger, als sie – wie Diogenes Laertius berichtet – Hermodor, den damaligen Herrscher über die Stadt und ein Freund von Heraklits Familie, mit der Begründung verjagten, dass unter ihnen »keiner der Beste sein (solle), und wenn einer das ist, dann sei er an einem anderen Orte und bei anderen Leuten«. Heraklit grollte: »Recht täten die Epheser, sich Mann für Mann aufzuhängen allesamt.« Er verließ die Stadt und wurde Eremit.

In der Einsamkeit verfasste er eine Schrift, die wie die Hauptwerke der meisten Naturphilosophen Von der Natur hieß. Er hinterlegte sie im Artemistempel. Keiner, der sie las, verstand sie. Die Sätze wirkten wie Orakelsprüche und die mehrdeutigen Bilder, in denen Heraklit sprach, brachten ihm den Beinamen »der Dunkle« ein. Wer weiß, vielleicht hat er es so gewollt. In jedem Fall führte die Vielfalt, mit der seine Worte interpretiert werden können, dazu, dass ihn noch heute Philosophen auf mannigfache Weise deuten. Böse gesprochen: Heraklits Sätze kann jeder mehr oder minder so auslegen, wie es ihm gerade passt. Daher gilt also auch in gewisser Weise für die Heraklit-Rezeption: »Alles fließt.«

Worum ging es Heraklit? Sein Anliegen war weniger das Sein der Dinge, sondern vielmehr das Werden und Vergehen, und so sah er alles Dasein als permanenten Wandel. Das Leben war für ihn ein immer währender Kampf der Gegensätze. Verbindet man den Satz »Alles fließt« mit einem anderen berühmten Satz von ihm, mit »Der Kampf ist der Vater aller Dinge«, dann stößt man in das Herz seines Denkens. Denn für Heraklit trieben Gegensätze wie Für und Wider, Sein und Nichts die Welt, das gesamte Leben voran. Man kann sagen, dass bei Heraklit bereits die Thematik von These und Antithese aufscheint und damit die Dialektik. Diese Denkweise wurde bald von den Sophisten, wie Protagoras, ins Zentrum der Philosophie gerückt und erfuhr dann ihre erste große Blüte durch Sokrates.

Mit dem Satz »Alles fließt« nahm Heraklit die Gegenposition zu der Auffassung seines Zeitgenossen Parmenides ein. Der war wie viele Denker jener Tage der Ansicht, dass gar nichts im Dasein fließe. Für Parmenides war alles Sein unbeweglich und unveränderlich. Alles sei immer schon da gewesen. Dass der Mensch Veränderung wahrnehme, liege lediglich an Täuschungen der Sinne. Befrage man die Vernunft, müsse man erkennen, dass es nur Sein oder Nichtsein gebe.

Während also Parmenides auf das Sein und die reine Vernunft setzte, vertraute Heraklit auf die Sinne und auf ihre Wahrnehmung von Veränderungen. Auf diese Weise schuf Heraklit einen Gegenentwurf zur allgemeinen Denkauffassung seiner Zeit.

Von Heraklits Satz »Alles fließt« wissen wir durch Platon, der die Worte »Pánta rhei« (Alles fließt) Sokrates im Dialog Kratylos in den Mund legt und ihn verkünden lässt, Heraklit habe diesen Spruch gelehrt. In Heraklits erhaltenen Schriften – nur Fragmente haben die Zeiten überdauert – ist das wortwörtliche Zitat »Alles fließt« nicht zu finden. Doch bei ihm selbst stößt man – je nach Übersetzung – auf zwei ebenfalls berühmt gewordene Sätze, die ohne weiteres als variierende »Langfassungen« des Mottos »Alles fließt« zu deuten sind. Der erste heißt: »Wir können nicht zweimal in denselben Fluss steigen.« Soll heißen: Wenn wir zum zweiten Mal in einen Fluss steigen, ist völlig neues Wasser herangeflossen und auch wir haben uns inzwischen verändert. Daher sei beim zweiten Mal nichts so, wie es beim ersten Mal war. Der zweite erhaltene Satz variiert diesen Gedanken nur: »In dieselben Fluten steigen wir und steigen wir nicht: wir sind es und sind es nicht.«

3
Der Mensch ist das Maß aller Dinge
Protagoras (um 485 – um 415 v. Chr.)

Das öffentliche Leben spielte sich im antiken Athen vor allem auf der Agora ab, dem Markt- und Versammlungsplatz zu Füßen der Akropolis. Das weite Dreieck war lose umsäumt von Tempeln und den wichtigsten Verwaltungs- und Versammlungsgebäuden des Stadtstaates. Diejenigen, die nicht am politischen Tagesgeschäft teilnehmen mussten, gingen vielleicht an den über den Platz verteilten Marktständen entlang und schlenderten dann hinüber zu dem Monument der athenischen Helden, an dessen Sockel Papyruszettel mit den neuesten öffentlichen Bekanntmachungen angebracht waren.

Wer in das angrenzende Haus von Simon, dem Flickschuster trat, um sein repariertes Schuhwerk abzuholen, traf dort an manchen Tagen den Philosophen Sokrates, der wie der Staatschef Perikles zu Simons Kunden gehörte. Vielleicht wurde man von Sokrates sofort in ein Gespräch verstrickt, das man im Schatten einer Säulenhalle fortführte. Womöglich begegnete man auch Protagoras, und dann konnte man ihn fragen, ob es immer noch so wahnsinnig teuer sei, sich von ihm in der Kunst der Rede unterrichten zu lassen.

In jenen Tagen war Protagoras wer. Er war befreundet mit Euripides, dem Tragödiendichter, und mit dem die Stadt regierenden Perikles. Protagoras kam aus einer armen Familie im thrakischen Abdera, nahe der heutigen griechisch-türkischen Grenze. Die Skurrilität, die man den Einwohnern von Abdera nachsagte, mündete in dem Begriff »abderitisch«, mit dem man Einfältigkeit und Schildbürgertum beschrieb. Wie zum Trotz brachte Abdera berühmte Söhne wie den Naturphilosophen Demokrit und eben besagten Protagoras hervor.

Dem etwa 25 Jahre älteren Demokrit gebührt das Verdienst, »Entdecker« des jungen Protagoras gewesen zu sein, der damals in Abdera mit Transporten für Kaufleute den Lebensunterhalt für seine Familie verdiente. Demokrit wurde eines Tages Zeuge, wie Protagoras eine große Ladung Holz auf einen Esel packte. Das Geschick, das Protagoras dabei zeigte, war für Demokrit ein Hinweis, dass der junge Mann auch für die Philosophie begabt sein müsse. Er beschloss, sich seiner anzunehmen. Protagoras enttäuschte seinen berühmten Förderer nicht. Vor allem als Redner zeigte er außergewöhnliche Begabung. Nachdem er in Abdera eine Zeit lang als öffentlicher Vorleser gearbeitet hatte, zog es ihn schließlich in das Athen des Perikles. Dieser ließ gerade auf der Akropolis, dem weißen, die Stadt überragenden Felsen, neue Prachtbauten wie das Parthenon errichten.

In der Regierungszeit des Perikles standen nicht nur die Architektur, das Handwerk und alle Künste in hoher Blüte, auch die Demokratie als Gesellschaftsform erfuhr ihren ersten Höhepunkt. So setzte Perikles durch, dass auch weniger vermögende athenische Bürger an der Regierung mitwirken konnten, indem er ihnen ihre politische Tätigkeit bezahlen ließ. In jenen Tagen, vielleicht den besten, die die Stadt je erlebte, zog es die Menschen des übrigen Griechenland, vor allem die Intellektuellen, nach Athen.

Protagoras wurde in Athen rasch als Lehrer der Redekunst reich und berühmt. Wie das möglich war? Die Antwort liefert die radikale Form der Demokratie, die man dort zur Zeit des Perikles praktizierte. Der Volksversammlung, in der die wichtigsten politischen Entscheidungen zu treffen waren, gehörten nicht etwa nur bestimmte gewählte Personen an, sondern alle freien Männer der Stadt. Weil jeder als politisch gleich fähig eingestuft wurde, bestimmte man die politischen Beamten, wie etwa die Männer des Rats und der Gerichte, per Los aus den Reihen der Volksversammlung. Nur die Strategen wie Perikles und die Finanzaufsicht wurden gewählt. Daher konnte, wer in diesem Staat nach Macht und Einfluss strebte, nicht mehr auf Zugehörigkeit zum Adel oder auf Reichtum vertrauen, sondern musste argumentieren und überzeugen können. Dass darüber die öffentliche Rede zunehmend zum rhetorischen Wettstreit geriet, kam dem Wesen der Griechen entgegen, schließlich haben sie die Olympischen Spiele erfunden und trugen auch sonst begeistert Wettkämpfe in Kunst und Schauspiel aus. All das war Humus für die Sophisten, jene Gelehrte, die in der Redekunst und der geschickten argumentativen Verteidigung jedweder Ansicht unterrichteten. Protagoras war Vorreiter und Star dieses Berufsstandes und womöglich sogar der Erste, der sich »Sophist« nannte.

Auch wenn die Bezeichnung »Sophist« später für Menschen gebraucht wurde, die man der Rechthaberei bezichtigen wollte, hatte das Wort zu Protagoras’ Zeiten zunächst einen guten Klang. Denn es stand in seinem griechischen Wortursprung für nichts anderes als für einen Lehrer der Weisheit. Doch weil die Kritiker der Sophisten, allen voran Sokrates und Platon, sehr viel berühmter und einflussreicher als jene wurden, schrieben auch in diesem Fall die »Sieger« die Geschichte. Sokrates und Platon stellten die Sophisten als spitzfindige und keiner Wahrheit oder Moral verpflichtete Söldner des Denkens und Redens dar. Vor allem Sokrates wollte sich trotz vieler Gemeinsamkeiten klar gegen diese abgrenzen.

Um den Sophisten und vor allem Protagoras Gerechtigkeit zukommen zu lassen, kommt der berühmteste Satz, der Protagoras zugeschrieben wird, gerade recht: »Der Mensch ist das Maß aller Dinge«, auf Griechisch: »Anthropos metron hapanton.« Protagoras soll ihn in seiner nicht erhaltenen Schrift Aletheia (Wahrheit) niedergeschrieben haben. Dieser später so genannte Homo-mensura-Satz wurde schon in der Antike oft zitiert. Aristoteles erwähnte die Worte in seiner Metaphysik und Platon ging auf sie in seinem Dialog Theaitetos ein. Darin beschäftigt sich Platon mit der Erkenntnis und zitiert Protagoras mit den Worten: »Denn irgendwo sagte er, der Mensch ist das Maß aller Dinge, der seienden, dass (wie) sie sind, der nichtseienden, dass (wie) sie nicht sind.«

Protagoras ging es mit diesem Satz um die Erkenntnisfähigkeit des Menschen. Immer wieder streitet die Philosophie darüber, ob er vom Menschen als Gattungsbegriff oder vom Menschen als Individuum sprach. Denn ob man die Menschheit an sich oder jeden einzelnen Menschen zum Maß aller Dinge erklärt, führt zu völlig verschiedenen Schlüssen. Macht man die Menschheit in ihrer Gesamtheit zum Maß aller Dinge, geht es um kollektive Begriffe. Doch damit verlässt man auch in Bezug auf Erkenntnis das Individuelle und blendet Abweichungen aus. Versteht man in Protagoras’ Satz den Menschen aber als ein Individuum, das Maß aller Dinge ist, dann berücksichtigt man, wie verschieden die Sicht auf die Welt und damit wie facettenreich die menschliche Erkenntnis sein kann.

Vieles spricht dafür, dass Protagoras Letzteres im Auge hatte und die Erkenntnisfähigkeit des einzelnen Menschen meinte. Insofern könnte »Der Mensch ist das Maß aller Dinge« auch heißen: »Alles Menschliche – alle Erkenntnis über die Dinge, die Welt – ist subjektiv.« Denn nur der Mensch misst und bewertet die Erscheinungen der Welt – seine Schlüsse zieht er aufgrund seiner begrenzten und subjektiven Sicht. Daher gibt es, wo der Mensch im Spiel ist, keine Objektivität. Das, was der Mensch erkennt, ist nicht absolut, sondern nur relativ. Auch eine andere, recht häufige Auslegung dieses Satzes wird damit widerlegt: Protagoras sei es um eine Erhebung des Menschen über die Natur gegangen. Genau das hatte er nicht im Sinn.

Dass Protagoras mit seinen berühmten Worten die Relativität der Erkenntnis ansprach, legt auch ein anderer Satz von ihm nahe: »Über jede Sache gibt es zwei entgegengesetzte Aussagen.« In diesen Worten zeigt sich nicht nur der Geist der Sophisten, sondern in ihnen findet sich auch die Benennung von These und Antithese. Doch bei Protagoras entsteht daraus keine Dialektik und damit eine Synthese, wie zwei Jahrtausende später bei Hegel, sondern läuft der Gedanke auf die Schlussfolgerung hinaus, dass es keine endgültige Wahrheit gibt und daher jeder einzelne Mensch mit seiner Sicht zu akzeptieren ist. Für das Zusammenleben der Menschen leitet sich daraus die Aufforderung ab, den Pluralismus der Meinungen und Lebensformen zu pflegen und zu schützen. Daher ist Protagoras der Philosoph der Demokratie. Es ist nur folgerichtig, dass Karl Raimund Popper, der große Staatsphilosoph des 20. Jahrhunderts und Hauptverfechter einer offenen Gesellschaft, Protagoras zu einem seiner Helden erklärte.

Als Protagoras bereits 70 Jahre alt war, hatten einige in Athen endgültig genug von ihm. Seine Schrift Über die Götter, in der er die Auffassung vertrat, es sei für den Menschen nicht festzustellen, ob es Gott gebe oder nicht, brachte ihm eine Anklage wegen Leugnung der Götter ein. Anders als einige Jahre später sein Kollege Sokrates entschloss er sich zu fliehen. Je nach Überlieferung ertrank er auf der Flucht beim Schiffbruch vor Sizilien oder starb friedlich im Exil.

4
Ich weiß, dass ich nichts weiß
Sokrates (um 470 – 399 v. Chr.)

Als sich das Jahr 400 v. Chr. dem Ende neigte, reichte in Athen ein gewisser Meletos eine Anklageschrift ein. Ihre Begründung schien an den Haaren herbeigezogen, die geforderte Strafe absurd übertrieben. Meletos beschuldigte den 70-jährigen Philosophen Sokrates, die alten Götter nicht anzuerkennen, sogar neue Götter einzuführen und obendrein die Jugend zu verderben. Deshalb sei nichts Geringeres als die Todesstrafe zu verhängen.

Sokrates war damals der bekannteste Philosoph in Athen. Doch so groß sein Ruhm auch sein mochte, er verkörperte alles andere als das Ideal seiner Zeit. Sein ganzes Benehmen, sein Aussehen, sein Lebenswandel waren für viele seiner Mitbürger ein Affront. Auf offener Straße stellte er sich plötzlich unbekannten Leuten in den Weg und verwickelte sie in philosophische Gespräche – und die verliefen nicht immer angenehm. Wer an einem späten Vormittag auf der Agora, dem athenischen Marktplatz einkaufen wollte, dem konnte es passieren, dass er an seinen Erledigungen gehindert wurde, weil ein ungewaschener, nachlässig gekleideter kleiner Mann mit knolliger Nase, mächtigem Schädel und schütterem Haar an seine Seite trat, ihn mit wachen Augen unter hoher, vorgewölbter Stirn fixierte und ihm aus heiterem Himmel die Frage stellte, was Weisheit sei oder was man gut und was man gerecht nennen könne. Antwortete der Angesprochene dann, stellte ihm Sokrates rasch die nächste Frage. Diese zog die gegebene Antwort oft in Zweifel. Der Gefragte dachte nun womöglich noch länger nach, gab eine nächste Antwort, der sofort eine weitere bohrende, verunsichernde, auf die Schwäche der Argumentation zielende Frage des Sokrates folgte. Nach einiger Zeit dachten vermutlich die meisten, Sokrates wolle sie bloßstellen. Das war aber nicht sein Anliegen. Sokrates fragte, um Wissen zu erlangen. Er befragte auf diese Weise nicht nur andere, sondern auch sich selbst und zog damit immer wieder seine eigenen Gedanken und Schlussfolgerungen in Zweifel. Diese besondere Art des Gesprächs, in dem der Lehrer der Hinterfragende ist und den Schüler animiert, über die gestellten Fragen nachzudenken und das, was er eigentlich meint, zu sagen und damit zu echtem Wissen zu gelangen, kennt die Philosophie als sokratische Methode. Sie war Sokrates’ wichtigstes Instrument in seinem Bemühen um wahre Erkenntnis und das daraus abzuleitende richtige Handeln.

Die wahren Gründe für die Anklage des Sokrates werden wir wohl nie in Erfahrung bringen. Fest steht, dass Athen in jenen Tagen nach politisch turbulenten Jahren wieder zur Demokratie zurückfand. Wenige Jahre zuvor hatte die Stadt den verheerenden Peloponnesischen Krieg (431–404 v. Chr.) gegen Sparta verloren. Der spartanische Feldherr Lysander setzte 30 Oligarchen ein, die brutaler wüteten als alle ihre Vorgänger in den Jahrhunderten davor und die als die »30 Tyrannen« in die Geschichte Athens eingingen. Sokrates, der nicht die schlechtesten Verbindungen zu dieser Herrscherclique hatte, ließ sich in jener Zeit nichts zuschulden kommen. Doch als die Demokraten die Tyrannen vertrieben hatten, empfand mancher, der nun bei der anbrechenden inneren Neuordnung Athens vor allem Sicherheit und klare Antworten suchte, gerade Sokrates mit seinem Nonkonformismus, seinem Infragestellen jeder vermeintlichen Gewissheit, als Bedrohung der erhofften Ruhe. Die archaische Seite Athens erstarkte wieder. Anders als in den meisten anderen griechischen Siedlungen des Mittelmeerraums, hatten sich die Menschen Athens trotz der Vorreiterrolle der Stadt in der Dichtkunst, der Bildhauerei und der Architektur nie von den alten staatlichen Götterkulten gelöst. Nun zeigte sich, dass in Athen das neue rationale Denken in der Philosophie trotz Sokrates noch längst nicht verankert war. Sokrates, bekannt, geachtet, bewundert, stand als Störenfried da.

Der Prozess des Sokrates wurde ein großes Ereignis. Im Frühjahr 399 kam der Fall wie seinerzeit in Athen üblich vor einer Jury von 500 Bürgern zur Verhandlung. Sokrates verteidigte sich selbst. Den Gedanken »Ich weiß, dass ich nichts weiß« stellte er ins Zentrum seiner Selbstverteidigung.

Während des Prozesses hielt Sokrates drei Reden, die sein Schüler Platon später in seiner Schrift Apologie des Sokrates festhielt. In der ersten, seiner eigentlichen Verteidigungsrede, wies Sokrates alle Anklagepunkte zurück. Er kam auf das Argument seiner Ankläger zu sprechen, dass einer, der die Dinge erforsche wie er, die Existenz der Götter leugnen müsse. Seine Weisheit, so sagten seine Anhänger, sei ein Beweis dafür. Sokrates erörterte daraufhin, wie er in den Ruf der Weisheit gelangt sei. Er berichtete, wie sein Freund Chairephon in Delphi das Orakel gebeten habe, ihm den Weisesten Athens zu nennen. Das Orakel habe geantwortet: »Weise ist Sophokles, weiser ist Euripides, aber von allen der Weiseste ist Sokrates.«

Als Sokrates davon erfuhr, beschloss er, den Orakelspruch zu widerlegen. Er befragte Politiker, Dichter und Handwerker. Dabei bemerkte er, dass sie sich alle für weiser hielten, als sie tatsächlich waren. Und das nur, weil sie ihr jeweiliges Metier gut beherrschten. Aus dieser Beobachtung folgerte Sokrates, dass er tatsächlich wohl der Weiseste von ihnen sei. Denn er selbst glaube nicht, weise zu sein. »Ich weiß, dass ich nichts weiß« war sein berühmtes Fazit.

Nach der Übersetzung von Manfred Fuhrmann legte Platon Sokrates diese Worte in den Mund, als der von seinem Gespräch mit einem Politiker berichtete: »… er aber (der Politiker) bildet sich ein etwas zu wissen, obwohl er nichts weiß, während ich, der ich nichts weiß, mir auch nichts zu wissen einbilde.« Auch wenn Sokrates also den griffigeren Satz »Ich weiß, dass ich nichts weiß« so vermutlich nie sagte, schimmert auch in dessen »Langfassung« die berühmte sokratische Ironie durch. Denn natürlich wusste Sokrates etwas und würde man aus dem Satz die Ironie herausnehmen, müsste er etwa heißen: »Ich vermute etwas zu wissen, weiß aber, dass ich nicht genug weiß.«

Wie ging der Prozess weiter? Nach Sokrates’ Verteidigungsrede wurde abgestimmt. Schuldig oder nicht schuldig? 280 stimmten für schuldig, 220 waren für einen Freispruch. Nun, so wollte es das damalige Verfahren, sollte jede Seite, Anklage wie auch Verteidigung, eine Strafe vorschlagen, über die dann erneut abgestimmt wurde. Die Anklage plädierte abermals für die Todesstrafe. Was würde Sokrates anbieten? Falls er vorhatte, sein Leben zu retten, beging er nun den entscheidenden Fehler. Laut Platon schlug er in seiner zweiten Rede vor, ihm als öffentlichem Wohltäter in der Stadthalle lebenslang freie Kost zu gewähren. Das sollte eine Strafe sein? Es war eine Düpierung des Gerichts. Schließlich bot Sokrates mehr oder minder halbherzig eine Geldstrafe an. Doch der provozierende erste Vorschlag hatte den Schaden bereits angerichtet. Nicht jeder teilte den Humor des alten Philosophen. Nun stimmten, so berichtet es Diogenes Laertius, die 500 Jurymitglieder in einem Verhältnis von 360 zu 140 für die Todesstrafe – also viel mehr, als ihn zuvor für schuldig befunden hatten.

Daraufhin hielt Sokrates seine dritte, abschließende Rede. Platon berichtet, Sokrates habe sich zuerst an die gewandt, die ihn verurteilt hatten, und erklärt, dass sie sich mit seiner Verurteilung keineswegs den lästigen Fragen entziehen könnten, die bisher nur er gestellt hatte. Denn ihm würden andere nachfolgen, die noch unbequemer seien als er. An die Adresse seiner Freunde sagte er, dass er den Tod nicht fürchte. Sofern er ein traumloser Schlaf sei, sei er ein Gewinn. Sei der Tod aber, wie manche sagen, ein Leben in einer Welt, in der man den Menschen vergangener Zeiten begegne, dann freue er sich darauf, Homer, Hesiod oder Minos zu treffen und mit ihnen zu reden.

Eigentlich war es üblich, ein Todesurteil sofort zu vollstrecken. Da jedoch die Verurteilung Sokrates’ in die Zeit der Gesandtschaft zur heiligen Insel Delos fiel und niemand hingerichtet werden durfte, so lange das Schiff nicht zurück gekehrt war, schob man die Hinrichtung auf. Sokrates saß noch einen Monat im Gefängnis, wo ihn seine Freunde häufig besuchten. Im Dialog Kriton deutet Platon an, dass Sokrates die Möglichkeit zur Flucht gehabt habe, doch diese ungenutzt verstreichen ließ. Sokrates begründete sein Verhalten damit, dass er ein guter Bürger sein und nicht gegen das gesprochene Recht verstoßen wolle, auch wenn es sich gegen ihn selbst richte. Schließlich trank er aus dem Schierlingsbecher, und wenn es so gekommen ist, wie er es sich gewünscht hat, dann löchert er noch heute in einer anderen Welt nicht nur Minos und Homer mit seinen Fragen.

Sokrates’ Gedankengang des »Ich weiß, dass ich nichts weiß« wurde essenziell für die Philosophie. Denn jede Suche nach Erkenntnis beginnt mit dem Eingeständnis, etwas nicht zu wissen. Sokrates wollte Nichtwissen und Scheinwissen aufdecken und den einzelnen Mensch durch vernünftige Einsicht – die Sokrates mit Tugend gleichsetzte – zu richtigem Handeln führen. Im Alltag fällt die Äußerung »Ich weiß, dass ich nichts weiß«, wenn jemand vor voreiligen Schlussfolgerungen warnen und zum nochmaligen Nachdenken anregen oder mit einer gewissen Ironie sein Nichtwissen dokumentieren will. Beide Arten seiner Anwendung hätten Sokrates vermutlich Spaß gemacht.

5
Wehe den Besiegten!
Brennus (4. Jhdt. v. Chr.)

Im Juli des Jahres 387 v. Chr. versammelten sich etwa 30 000 gallische Krieger weniger als 15 Kilometer vor Rom an einem kleinen Nebenfluss des Tiber namens Allia. Ihnen hatte sich ein 40 000 Mann starkes römisches Heer entgegengestellt. Der Anblick der groß gewachsenen gallischen Krieger mit ihren langen, hellen Haaren, gekleidet in Felle und bunte Stoffe, war für die meisten römischen Soldaten nicht nur ungewohnt, sondern einschüchternd.

Seit Jahren waren die Barbaren, wie die Römer sie nannten, über die Poebene immer weiter nach Italien vorgedrungen. Rom war noch weit von seiner späteren Macht entfernt. Doch der Ehrgeiz der römischen Bürger war bereits groß. Sie strebten danach, die Region zu beherrschen. Irgendwann musste das Heer der Stadt Rom den Barbaren entgegentreten.

Als die Waffen der Heere klirrend aufeinandertrafen, zeigte sich schnell, dass den Römern ein Feldherr fehlte, der ihre Reihen zusammenhielt. Den ruhmreichen Camillus hatten sie gerade verbannt, da er auf die Alleinherrschaft in der Stadt aus gewesen war. Das römische Heer wandte sich bald zur Flucht, löste sich auf und die Schlacht an der Allia geriet zu einem der größten Desaster der römischen Geschichte. Schnell drang die Kunde der verheerenden Niederlage nach Rom und es hieß, die siegreichen Gallier seien auf dem Weg in die Stadt. Männer, Frauen und Kinder flohen.

Doch etwa tausend römischen Soldaten unter Führung des Marcus Manlius gelang es, rechtzeitig nach Rom zurückzukehren. Sie verschanzten sich mit einigen Bürgern auf dem Kapitol, dem von einem dicken Mauergürtel umgebenen Burgberg. Die Festung beherbergte nicht nur Tempel, vornehme Wohnhäuser und zahlreiche Amtsgebäude, dort lagerten auch die Schätze der Stadt.

Als die Gallier Rom erreichten, standen die Tore offen. Die Mauern waren unbewacht. Einen Hinterhalt fürchtend betraten sie zögerlich die leeren Straßen. Auf dem zentralen Platz der Stadt, dem Forum Romanum, bot sich den Eindringlingen ein merkwürdiges Bild. Still, wie lebende Säulen, standen dort in ihren Gewändern die alten Senatoren. Unbewaffnet erwarteten sie den Feind und den Tod. Die Gallier erschlugen sie ohne Ausnahme. Dann zogen sie plündernd und brandschatzend durch die Stadt. Es war ihr letzter Triumph. Nun begann sich über sie der Fluch jenes Siegers zu senken, der es nicht vermocht hatte, vollkommen zu siegen. Denn es gelang ihnen nicht, das Kapitol zu erstürmen, das sich auf drei Seiten über unzugänglichen Fels erhob. Die letzten Verteidiger Roms waren nicht zur Aufgabe zu zwingen.

Die Gallier nahmen die Belagerung auf. Sie dauerte Tage, Wochen, schließlich Monate. Bitter büßten sie nun für die Zerstörung der Stadt. Die Krieger hatten keine ausreichende Verpflegung und darbten wie die Belagerten. Schließlich brach der Winter ein. In den Ruinen der Stadt fanden die Gallier keinen Schutz vor Sturm und Regen. Krankheiten brachen aus.

Auch bei den Belagerten auf dem Kapitol neigten sich die Vorräte in den Speichern dem Ende zu. In der Not beschloss man, mit dem verbannten Camillus Kontakt aufzunehmen. Sollte er die Gallier vertreiben, wollte man ihm die Alleinherrschaft über die Stadt anbieten, ihm also das gewähren, was zuvor noch Grund für seine Verbannung gewesen war. Im Schutz der Nacht sandte man einen Boten aus. Über geheime Wege kletterte er ins Tal.

Der Bote kam durch, doch die Gallier entdeckten seine Fußspuren und so den geheimen Pfad hinauf auf das Kapitol. In der folgenden Nacht, die Belagerten warteten noch auf Antwort von Camillus, machte sich ein gallisches Kommando auf den Weg und schlich hinauf zur Burgmauer. Unbemerkt erreichten sie den Durchschlupf, den der Bote tags zuvor genommen hatte. Kein Wachposten war zu sehen. Die Gallier waren fast am Ziel, sie setzten bereits an, in die Festung zu schleichen und die Belagerten im Schlaf zu überraschen, da durchbrach plötzlich Lärm die Stille. Seltsame weiße Wesen erschienen zwischen den Mauern und liefen schreiend umher. Nach dem Schreck kam das Erkennen. Es waren die Gänse, die ein Bürger der Stadt gestiftet hatte und die im Tempel zu Ehren der Göttin Juno gehalten wurden. Sie hatten die Gefahr gewittert. Die schlafenden Mauerwächter wachten von dem lauten Schnattern ebenso auf wie der Kommandant Marcus Manlius. Der stieß laut Legende den vordersten gallischen Angreifer von der Burgmauer, der mehrere seiner Kampfgenossen mit sich in die Tiefe riss.

Die Gänse auf dem Kapitol hatten Rom fürs Erste gerettet. Erneut begann eine Zeit des Wartens. Von Camillus war nichts zu erfahren und bei den Eingeschlossenen schwand die Hoffnung auf seine Hilfe. Da griffen sie zu einer List. Sie warfen die letzten Brote, die ihnen geblieben waren, über die Burgmauer auf die Belagerer. Der Bluff gelang. Die Gallier glaubten, die Belagerten lebten noch immer im Überfluss.

Brennus, der Führer der Gallier und Häuptling des Stammes der Senonen, erklärte sich nun bereit, über einen Abzug zu verhandeln. So berichtet es der römische Geschichtsschreiber Livius. Ob dieser Brennus tatsächlich gelebt hat, ist historisch nicht gesichert. Laut Livius einigte man sich nach einigem Hin und Her auf einen Abzug der Gallier. Bedingung war allerdings, dass die Römer tausend Pfund in Gold als Lösegeld zahlten. Das war eine stattliche Summe. Die Eingeschlossenen trugen sie, wenn auch unter großen Schwierigkeiten, zusammen. Für Brennus war es dennoch eine Niederlage. Wie viele Schätze hatte er sich vor Monaten erwartet, als er wie der vollkommene Sieger aussah? Wie viel hatte er seitdem ertragen müssen? Wie viele Männer hatte er seitdem verloren, ohne etwas zu gewinnen?

Die Gallier schafften schließlich Waagschalen und Gewichte herbei und begannen das römische Gold abzuwiegen. Da trat plötzlich ein römischer Offizier vor und bezichtigte die Gallier, falsche Gewichte zu benutzen. Brennus war empört. Wütend rief er »Vae victis!« (Wehe den Besiegten!), nahm sein Schwert und warf es in die Waagschale zu den gallischen Gewichten. So erzählt es Livius. Ob Brennus des Lateinischen mächtig war, darf bezweifelt werden und so ist es Livius’ Sprache, die den Sinn des Satzes transportiert.

Brennus’ Worte waren laut dem römischen Geschichtsschreiber Florus bereits im 2. Jahrhundert n. Chr. sprichwörtlich geworden. Auch die Redewendung »sein Schwert in die Waagschale werfen« leitet sich von jener Begebenheit ab. Will man einigen besonders dramaturgiefreundlichen Berichten glauben, überschlugen sich nach Brennus’ Ausruf die Ereignisse: Denn plötzlich erschien der herbeigesehnte Camillus mitsamt dem wiedervereinigten Heer der Römer, und einen flotten Spruch soll er auch auf den Lippen gehabt haben: »Mit Eisen, nicht mit Gold pflegen wir Römer zu bezahlen!«

Dann ließ er Taten folgen. Er drängte die ausgezehrten Gallier aus der Stadt. Die setzten sich tapfer zur Wehr, doch schließlich waren sie besiegt. Fortan nannte man Camillus dankbar den zweiten Gründer Roms, und um die Geschichte ganz rund zu machen erzählen einige Quellen, man habe Brennus noch auf dem Schlachtfeld hingerichtet und die Sieger hätten ihm spöttisch sein eigenes »Wehe den Besiegten!« zugerufen.

Ob sich vor allem die zuletzt beschriebenen Ereignisse tatsächlich so zutrugen, bleibt wie gesagt ungewiss. Vielleicht zog Brennus auch unbehelligt mit den Schätzen ab, wie andere Quellen berichten. Doch ein besiegter und getöteter Brennus war auf jeden Fall das versöhnlichere Ende für das römische Selbstverständnis.

Die Ereignisse jener Tage blieben in der Seele der Römer als Trauma haften. Auf lange Zeit war der 18. Juli, der Tag der Niederlage an der Allia, ein »dies ater«, ein schwarzer Tag. Die von nun an tief verankerte Furcht vor den Galliern konnte sich Jahrhunderte später auch Julius Caesar für seine Ziele zunutze machen. Doch Rom setzte nach diesen Ereignissen seinen Aufstieg zur Weltmacht fort. Um 270 v. Chr. hatte sich die Stadt die Vormachtstellung über ganz Mittel- und Süditalien gesichert und strebte nach mehr. Viele waren überzeugt, dass sich erfüllen würde, was der römische Gott Jupiter einst seiner Stadt prophezeit hatte: »Ihr setze ich im Raum nicht, noch in der Zeit eine Grenze: Herrschaft ohne Ende habe ich ihr gegeben!«

6
Das ist der springende Punkt
Aristoteles (384 – 322 v. Chr.)

Anscheinend war 387 v. Chr. ein besonders bemerkenswertes Jahr für die Menschheit. In Italien entging das aufstrebende Rom durch das warnende Schnattern der Gänse auf dem Kapitol nur knapp seiner völligen Zerstörung. Zur gleichen Zeit gründete in Griechenland am Rande der Stadt Athen ein Mann namens Platon eine Schule. Der Hain, in dem sie lag, war dem Helden Akademos gewidmet und so erhielt sie den Namen Akademie. Mehr als 900 Jahre lang sollte hier gelehrt werden. Später, im Mittelalter, wurde Platons Schule Vorbild für die in ganz Europa entstehenden Universitäten.

Zum berühmtesten Schüler dieser wichtigsten geistigen Wiege des Abendlandes entwickelte sich Aristoteles. Er kam 367 im Alter von 17 Jahren aus dem Provinzstädtchen Stageira, einem Ort in Thrakien, nach Athen. Angeblich hatte das Orakel in Delphi seinem Vater, dem Leibarzt des makedonischen Königs Amyntas II., geraten, den begabten Sohn Philosophie studieren zu lassen. Als Aristoteles in die Akademie eintrat, lehrte Platon dort bereits seit 20 Jahren. Er sollte an der Schule noch weitere 20 Jahre wirken bis er starb. Aristoteles wurde in dieser Zeit sein enger Mitarbeiter, blieb aber immer ein Außenseiter unter Platons Schülern. Er lispelte ein wenig und steckte seinen Kopf den ganzen Tag über in Bücher, sodass Platon ihn bald »den Leser« nannte. Während die anderen Schüler Platons sich zunehmend der Askese zuwandten, achtete Aristoteles auf einen bequemen Lebenswandel. Gute Kleidung war ihm ebenso wichtig wie gepflegtes Haar und schmückende Ringe an den Fingern.

In seinen philosophischen Arbeiten vertiefte, kategorisierte und differenzierte Aristoteles Platons Denken. Noch zu Lebzeiten seines Lehrers kam es zu ersten philosophischen Auseinandersetzungen zwischen ihnen, was Platon seufzen ließ: »Aristoteles hat gegen mich ausgeschlagen, wie es junge Fohlen gegen ihre Mutter tun.« Trotzdem war die Verehrung, die Aristoteles für Platon hegte, grenzenlos. Und doch unternahm er schließlich etwas für einen Schüler Ungeheuerliches: Er veränderte radikal den Blickwinkel, den sein Lehrer eingenommen hatte, stellte ihn geradezu auf den Kopf. Denn während Platon die Welt und die Dinge als Ausdruck einer ewigen und unveränderlichen Idee ansah, suchte Aristoteles nach dem Wesen und der Idee in den Dingen selbst.

Zum endgültigen Bruch mit der Schule Platons kam es für Aristoteles, als nach dem Tod seines Lehrers im Jahr 347 nicht er zum Nachfolger ernannt wurde, sondern der vergleichsweise unbedeutende Speusippos. Tief verletzt verließ Aristoteles Athen und ging nach Kleinasien an den Hof von Hermias, dem Herrscher von Atarneus. Die Männer wurden enge Freunde und Aristoteles heiratete schließlich Phytias, eine Nichte oder Schwester des Herrschers. Im Jahr 342 v. Chr. ging Aristoteles an den makedonischen Königshof von Philipp II. Dort wurde er Teil einer der bemerkenswertesten Beziehungen der Weltgeschichte, denn man betraute ihn mit der Erziehung des 13-jährigen Thronfolgers Alexander, der später als Welteroberer Alexander der Große in die Geschichte einging.

Im Jahr 334 v. Chr. kehrte Aristoteles nach Athen zurück und gründete seine eigene Schule. Er nannte sie Lykeion, was sich später in dem Wort Lyceum wiederfand. In Ermangelung eines adäquaten Lehrgebäudes traf sich Aristoteles mit seinen Schülern in einer Säulenhalle und lehrte, indem er mit ihnen diskutierend auf und ab ging. Bald nannte man sie überall in der Stadt die »Herumwandler« und so gingen sie nach dem griechischen Ausdruck dafür als »Peripatetiker« in die Philosophiegeschichte ein.

Wie durch die Säulengänge schien Aristoteles in seinem Denken durch die Themen der Menschheit zu »wandeln«, denn seine Schriften befassen sich mit nahezu allen Fragen des Daseins: Philosophie, Naturwissenschaft, Ethik, Politik und Staat. Als er starb, hinterließ er ein sowohl vom Inhalt als auch vom Umfang her unglaubliches schriftliches Werk. Bedenkt man, dass er in den zwölf Jahren, die ihm nach der Gründung seiner Schule noch verblieben, seine Schrifttätigkeit sogar reduzierte und viele seiner Gedanken nun in Mitschriften seiner Schüler niedergelegt wurden, ist seine Leistung umso eindrucksvoller.

Aristoteles ordnete nicht nur das gesamte Denken umfassend, sondern durchdrang es als Erster inhaltlich und formal. Er führte zahlreiche Grundbegriffe der Philosophie ein, die heute selbstverständlich sind. Darüber hinaus begründete er die Logik und hob die philosophische Disziplin der Metaphysik aus der Taufe. Diese in 14 Büchern ausgeführte Lehre vom Sein, von seinen Ursachen und seinem Wesen, erhielt ihren Namen, weil sie in einer späteren Ausgabe (70 v. Chr.) »meta«, also »nach« den Büchern zur Physik eingeordnet wurde. In der Tat beschäftigt sich die Metaphysik mit den Fragen, die über den Erkenntnisgegenstand der Natur (griech. ph´ysis) hinausgehen.

Auch der Betrachtung der Poesie widmete sich Aristoteles eingehend. Doch nur ein Buch ist erhalten: das über Tragödie und Epos. Umberto Eco machte 1982 Aristoteles’ verschollenes Buch über die Komödie zum Auslöser der Ereignisse in seinem erfolgreichen Roman Der Name der Rose.

Mit seinen Schülern hatte Aristoteles auch alles über die Tierwelt gesammelt, was sie erfassen konnten: Wie die Tiere beschaffen sind, wie sie sich fortpflanzen, von welchen Krankheiten sie heimgesucht werden. Dabei unterliefen ihm manche kuriosen Irrtümer. So werden nach Aristoteles Rebhühner durch den Luftzug, der von den Menschen ausgeht, trächtig, oder Mäuse durch das Lecken von Salz befruchtet.

Auch das geflügelte Wort vom »springenden Punkt« ist auf einen Irrtum zurückzuführen. Aristoteles beschrieb in seiner zehn Bücher umfassenden Zoologie Historia animalium, dass sich im Weißen eines Eies das Herz des werdenden Vogels »als ein Blutfleck« erkennen lasse. Dies sei ein »Punkt, (der) wie ein Lebewesen hüpfe und springe«. Im 15. Jahrhundert übersetzte der Aristoteliker Theodorus Gaza den zweiten Abschnitt ins Lateinische mit den Worten »quod punctum salit iam et movetur ut animal«. Dies wiederum wurde zum »punctum saliens« und somit zum springenden Punkt. Herkunft und Zusammenhang des »springenden Punkts« erklären also auch, warum man ihn heranzieht, wenn man das Wesentliche, den Kern einer Sache, benennen will.

Die Wirkung von Aristoteles’ Werk war immens. Seine Fülle und Vielfalt beendete die noch bei Platon vorhandene Einheit der Wissenschaft. Nun driftete sie in einzelne theoretische und praktische Disziplinen wie Physik, Politik, Ethik, Logik oder Zoologie auseinander. Als Aristoteles’ Schriften zu Beginn des Mittelalters wieder ins Bewusstsein rückten, wurde das Denken der westlichen Welt bis zum Ende des 17. Jahrhunderts im Kern ein Denken nach seinen Kategorien. Das Christentum lag von Aristoteles aus gesehen noch über 300 Jahre in der Zukunft. Doch seine Auffassung von Gott als Geist, der über die menschliche Vernunft hinausgeht, reichte aus, dass sich die Scholastiker – die christlichen Philosophen des Mittelalters – mangels anderer Quellen auf den Wissensreichtum seiner Schriften, vor allem auf seine naturwissenschaftlichen Arbeiten stürzten. Somit war Aristoteles selbst zum »springenden Punkt« für das Denken des christlichen Abendlandes geworden.

7
Geh mir ein wenig aus der Sonne
Diogenes von Sinope (um 404 – um 323 v. Chr.)

Der Eine war nur für seine Mitbürger ein Ärgernis. Der Andere wurde es für ganze Völker. Die Rede ist von dem Philosophen Diogenes von Sinope und dem Welteroberer Alexander dem Großen. Sie begegneten sich, so will es die Legende, im Jahr 336 v. Chr. in Korinth. Doch sie hatten sich dort nicht etwa verabredet. Nein, Alexander war gerade oberster Feldherr des Korinthischen Bundes geworden und hatte die üblichen Huldigungen empfangen. Sein Vater Philipp II., König von Makedonien, war kurz zuvor einem Attentat zum Opfer gefallen. Anschließend hatte der erst 20-jährige Alexander gegen alle Widerstände die Macht ergriffen. Nun war er nicht nur König der Makedonier, sondern auch oberster Heerführer der griechischen Allianz, die einst sein Vater geschaffen hatte. Auf das Erscheinen des Diogenes, den er verehrte, doch noch nie getroffen hatte, wartete Alexander einen ganzen Tag lang vergeblich. Da beschloss er, Diogenes in Begleitung einiger seiner Offiziere einen Besuch abzustatten.

Sie trafen Diogenes in der warmen Mittagssonne liegend. Er döste, womöglich vor jener Tonne, die sein Zuhause gewesen sein soll. Mehr, so hieß es, brauche und wolle er nicht. Diogenes war nicht mehr jung. Fast 70 Jahre mochte er in seinen Knochen haben. Der alte Körper, schmal von der lebenslangen Askese, die Haut gegerbt vom ständigen Aufenthalt in Wind und Sonne, war in grobes Tuch gehüllt. Ob die Tonne des Diogenes mit Stroh für ein Nachtlager ausgelegt war, ist nicht überliefert, vermutlich verschmähte er derlei als Luxus und schlief lieber auf den groben Planken. Neben Diogenes lag der Stock, mit dem er in der Stadt umherzustreifen pflegte, außerdem nur noch die kleine Tasche, in die er die Essensreste steckte, die man ihm überließ. Das war Diogenes’ ganzer materieller Besitz.

Als Alexander den alten Denker sah, war er noch ganz eingenommen von seinem Erzieher Aristoteles, der ihn bis kurz vor der Thronbesteigung unterrichtet hatte. Diogenes, von dem der ehrgeizige und hochintelligente junge König viel gehört hatte und dessen Wesen und Denken so gegensätzlich zu dem seinen schien, faszinierte ihn. Die Macht trifft gerne auf den Geist, sofern es zu ihren Bedingungen geschieht.

»Ich bin Alexander, der König von Makedonien«, sagte er zu dem alten Mann und trat so nah an ihn heran, dass seine Gestalt einen Schatten auf ihn warf.

Der Bettler-Philosoph blickte auf.

»Ich bin Diogenes, der Kyniker«, antwortete der alte Mann.

Was mag Alexander, der nur im Großen fühlte und dachte, bei Diogenes’ Anblick in den Sinn gekommen sein? Vielleicht die Frage, wie und wo sich ihre gegensätzlichen Welten treffen könnten? Diogenes’ materielle Bedürfnislosigkeit sah er, von Diogenes’ geistiger Unabhängigkeit hatte er gehört. Unter dem Eindruck des alten Mannes gab sich Alexander ganz als König, als Weltbeweger.

»Oh Diogenes, nenne mir einen Wunsch. Ich erfülle ihn dir. Egal, was es kostet«, sagte er.

Auf dieses Angebot folgte ein Moment der Stille. Alexander war zufrieden, vielleicht bewegt von dem Anblick des alten weisen Mannes, doch ebenso bewegt von seinem eigenen königlichen Großmut. Diogenes indessen hatte sich weder erhoben, noch die Haltung aufgegeben, in der Alexander ihn angetroffen hatte. So fiel auch nach wie vor der Schatten des jugendlichen Königs auf ihn.

»Dann geh mir ein wenig aus der Sonne«, antwortete er.

Alexander, verblüfft von der Antwort, tat wie von ihm gewünscht, nickte Diogenes vielleicht noch kurz zu und ging schließlich davon. Seine Offiziere folgten. Empört begannen sie über den ungehobelten alten Denker zu schimpfen und zu spotten. Doch Alexander gebot ihnen zu schweigen. »Wäre ich nicht Alexander«, sagte er, »so wollte ich Diogenes sein.«

Überliefert haben diese Begebenheit Jahrhunderte später Cicero (im 1. Jhdt. v. Chr.) in seinen Gesprächen in Tusculum und Diogenes Laertius in seinem Hauptwerk Über Leben und Meinungen bekannter Philosophen (im 2. Jhdt. n. Chr.). Aber vielleicht ist das alles nie geschehen, womöglich hat Diogenes auch nie in einer Tonne gelebt. Denn es kann sein, dass die Geschichtsschreibung nur einen Ausspruch Senecas weitergesponnen hat, der einmal sagte, ein Mann mit solch geringen Bedürfnissen könne auch in einer Tonne leben.

Fest steht aber, dass Diogenes eins war in seinem Denken und Tun. Für ihn konnte ein Mensch nur das Glück erlangen, wenn er auf alles Materielle verzichtete und entsprechend seinem eigenen Wesen im Einklang mit der Natur lebte. Skandalös für seine Zeitgenossen war dieser Sonderling, den sie auch »kyon«, den Hund nannten, weil er seine Geisteshaltung nicht nur auslebte, sondern auch Schamgrenzen unbekümmert überschritt. Diogenes tat alles in der Öffentlichkeit, auch, was die Angelegenheiten der Liebesgöttin Aphrodite betraf, und als man ihn dabei sah, soll er gerufen haben: »Wenn man nur auch den Hunger stillen könnte, indem man sich den Bauch reibt!«

Am helllichten Tag ging er mit einer Laterne in der Hand über den Markt und leuchtete den Menschen ins Gesicht. Immer wieder ging er kopfschüttelnd weiter. Als man ihn schließlich fragte, was er da tue, antwortete er: »Ich suche einen Menschen.«

War Diogenes lediglich der Klassenkasper der Philosophie? Zweifelsohne sind die mit ihm verbundenen Anekdoten bekannter als seine philosophische Leistung. Geboren in Sinope, einem Ort an der Schwarzmeerküste, war er der Sohn eines Finanzbeamten, den man aus der Stadt jagte, weil er mit Prägungen von Münzen herumgepfuscht hatte. Diogenes wurde Schüler des Antisthenes, der wiederum Schüler des Sokrates gewesen war. Für viele war Antisthenes der Gründer der kynischen Schule. Die Kyniker forderten die Unabhängigkeit des Individuums, taten das aber so gründlich, dass sie alles Gesellschaftliche ablehnten, sei es Politik, Kunst, Religion, Sitte oder Anstand. Sie verneinten schroff die allgemein akzeptierten Werte. Dies führte zu dem Wort »zynisch«, das heute für verletzendes Spotten steht. Fast könnte man sagen, dass für die Kyniker nur das Private zählte. Diogenes nahm das alles sehr ernst. Er lebte Autarkie durch Bedürfnislosigkeit und strebte darin Perfektion an. Sogar seinen Becher warf er weg, als er sah, dass ein Knabe Wasser aus der hohlen Hand trank.

Beliebt ist die Anekdote von der Begegnung des reichen, nach Weltherrschaft strebenden Alexanders mit dem bedürfnislosen Diogenes bis heute. Diogenes’ Entgegnung negiert anarchisch und schlagfertig Alexanders Machtwillen und Erfolgshunger. Das Zitat »Geh mir ein wenig aus der Sonne« ist wie die Anekdote selbst ein Beispiel der extremen Pole des menschlichen Daseins, die in den beiden Protagonisten verkörpert waren.

Alexander eroberte in den 13 Jahren, die ihm von nun an noch blieben, den Großteil der damals bekannten Welt. 333 unterjochte er Kleinasien, er besiegte den persischen Herrscher Darius III., zerschlug dessen Großreich und unterwarf Syrien, Palästina und Ägypten. Er eroberte Babylon und Persien und stieß schließlich 327 bis nach Indien vor. Erst als seine Soldaten meuterten, trat er den Rückzug an. 323 starb er unerwartet in Babylon. Er war erst 33 Jahre alt. Vermutlich endete Alexanders Leben im gleichen Jahr wie das des alten Mannes, dem er 336 in Korinth begegnet war.

Angesichts Alexanders frühen Todes erscheint »Geh mir ein wenig aus der Sonne« im Nachhinein wie eine Warnung des alten Philosophen: Erkenne das Wichtige im Leben. Sieh nicht bloß das Messbare, das Materielle, sondern auch das Innere, die Seele, den Geist.

Der heutige Gebrauch des Satzes »Geh mir ein wenig aus der Sonne« lässt dessen Ursprung leicht vergessen. Denn im Alltag fallen die Worte nicht im Zusammenhang mit einer Philosophie der Genügsamkeit, sondern wenn man jemandem scherzhaft sagen will, dass er stört oder dass er einem tatsächlich das Licht nimmt.

Als hätte das Schicksal Alexander Jahre später noch einmal einen ähnlichen Wink geben wollen, ließ es ihn nach strapaziösen Märschen im fernen Indien dem Brahmanen Dandamis begegnen. Der weise Mann soll Alexander nach Aussage von Plutarch lediglich die Frage gestellt haben: »Aus welchem Grund ist Alexander eigentlich diesen weiten Weg hierher gekommen?«

Es scheint, als habe Diogenes diese Frage aus der Ferne übermitteln lassen.

8
Was zu beweisen war
Euklid (um 320 – um 275 v. Chr.)

Als Euklid in der damals noch im Aufbau befindlichen ägyptischen Metropole Alexandria das Licht der Welt erblickte, hatte man dort gerade ihren Gründer Alexander den Großen nach seinem frühen Tod zur Ruhe gebettet. Alexandria war eine von 17 nachgewiesenen Stadtgründungen des Welteroberers. Sie wurde die bedeutendste und berühmteste von ihnen.

In den Jahrzehnten, die Euklid in Alexandria verbrachte, erlebte er, wie auf der vorgelagerten Insel Pharos der berühmte und über 100 Meter hohe Leuchtturm errichtet wurde, der als das siebte Weltwunder der Antike galt. Euklid wurde auch Zeuge, wie seine Heimatstadt zum Mittelpunkt des Hellenismus heranwuchs. Die hellenistische Epoche entstand aus der einheitlichen griechischen Kultur, die sich trotz des frühen Todes Alexanders, in dessen unvollendet gelassenem Weltreich ausbreitete und im Osten bis zum Indus vordrang. Griechisch entwickelte sich zur Weltsprache, Kunst, Kultur und Wissenschaften erklommen atemberaubende Höhen. Bis zur römischen Kaiserzeit (beginnend mit Augustus’ Prinzipat 27 v. Chr.) blieb der Hellenismus dominierend. Dann wurde er nach und nach von der römischen Kultur in den Hintergrund gedrängt, verging aber nicht ganz. Mit dem Niedergang Roms entdeckte man den Hellenismus in der Spätantike im 4. Jahrhundert n. Chr. wieder. Nun wurde er zum Orientierungspunkt und Alternativentwurf für diejenigen, die dem aufkommenden christlichen Glauben distanziert gegenüberstanden. Bemerkenswert ist, dass Alexandria auch als ein frühes Zentrum des Christentums galt.

In Ägypten war der Hellenismus eng mit der Herrscherdynastie der Ptolemäer verbunden. Ptolemaios I. Soter, genannt »der Retter«, Jugendfreund, Weggefährte und ein Heerführer Alexanders des Großen wurde von diesem zum Statthalter in Alexandria bestimmt. Nach Alexanders Tod behauptete Ptolemaios geschickt seine Macht in den Kämpfen der Diadochen, der Feldherren Alexanders, die sich nach dessen Tod um sein Weltreich stritten (das griechische Wort diádochos bedeutet »Nachfolger«). Als Ptolemaios schließlich König wurde, war das der Beginn der Ptolemäerdynastie, die erst 30 v. Chr. mit dem Tod der letzten Herrscherin, der berühmten Kleopatra, enden sollte. Ptolemaios I. gründete in Alexandria das Museion, eine Akademie der Wissenschaften und der Literatur. In dessen Nähe errichtete sein Sohn Ptolemaios II. später die berühmte Bibliothek. Sie war öffentlich zugänglich und beherbergte zu ihrer Glanzzeit über eine Dreiviertelmillion Buchrollen.

Man kann verstehen, dass es die großen Gelehrten jener Zeit nach Alexandria zog. Einer war von Anfang an dort: Euklid. Sein Forschungsgebiet, die Geometrie, ist aus der Antike nicht wegzudenken. Überall im Alltag jener Tage war sie zu finden, in der Architektur, dem Schiffs- oder dem Städtebau. Die Straßen, durch die Euklid in Alexandria lief, trafen alle im rechten Winkel aufeinander. Geometrisch angeordnet wie auf einem Schachbrett standen die Häuserblocks auf der Halbinsel an der Mündung eines Nilarmes. Sie beherbergten Wohnviertel für Ägypter, Juden und Griechen. Nahezu eine Million Menschen lebten in der Metropole. Hier schuf Euklid sein mathematisches Werk, dessen Bedeutung fundamental für die gesamte Geistesgeschichte wurde. Über 2000 Jahre lang war sein Buch Elemente (Stoicheia) das Basislehrbuch für den Geometrieunterricht und einige halten es neben der Bibel für die Schrift, die das Denken des Abendlandes am nachhaltigsten geprägt hat.

Was ist der Grund? Dass es Euklid in den Elementen gelingt, das gesamte mathematische Wissen seiner Zeit zusammenzufassen, ist nur das Eine. Das war quasi die Pflicht und er erledigt sie mit großer Sorgfalt. Doch ihm ging es um mehr: Er gab dem Zusammengetragenen ein System, setzte also alles in einer bestimmten Ordnung in Beziehung zueinander. Ganz so, als habe ihn der schachbrettartige Stadtplan Alexandrias inspiriert. Sein System entwickelte er aus der Annahme eines Raums, in dem die drei Dimensionen (vorne/hinten, links/rechts, oben/unten) aufeinander treffen.

Euklid begann seine Ausführungen mit einfachen Begriffen, legte die geometrischen Grundbegriffe wie Punkt oder Gerade dar, erörterte die gesamte Zahlentheorie und baute jede nachfolgende Definition auf der vorangegangenen auf. Die gesamte so genannte Euklidische Geometrie lässt sich dank ihres systematischen Aufbaus auf fünf Grundannahmen, die fünf Axiome zurückführen. Jeden seiner Beweise beendete Euklid mit dem Satz »Was zu beweisen war«. Diese Worte wurden in späteren Jahrhunderten – der Hellenismus war längst vergangen – als lateinisches »quod erat demonstrandum« berühmt und oft auch als q.e.d. abgekürzt.

Aber gerade die Aufforderung »quod erat demonstrandum« sollte Euklids Mathematikerkollegen noch vor ungeahnte Probleme stellen. Der Beweis für das fünfte Axiom, also die Erfüllung des »quod erat demonstrandum«, wurde zum mathematischen Abenteuer.

Die ersten vier Axiome sind noch einfach zu verstehen und bergen auch keinen Zündstoff:

Man kann zwischen zwei Punkten eine Gerade ziehen.

Eine Gerade kann endlos verlängert werden.

Man kann einen Kreis zeichnen, wenn Mittelpunkt und Abstand bekannt sind.

Alle rechten Winkel gleichen sich.

So weit, so gut. Doch das fünfte Axiom hatte es in sich:

Wenn eine Gerade zwei andere Geraden so schneidet, dass die beiden inneren Winkel auf der einen Seite zusammen kleiner als zwei rechte Winkel sind, dann schneiden oder treffen sich die beiden Geraden, wenn sie verlängert werden, auf der Seite, auf der die Winkel liegen, die zusammen kleiner als zwei rechte Winkel sind.

Einfacher gesagt: Wenn neben einer Geraden ein Punkt existiert, kann durch diesen Punkt nur eine einzige weitere Gerade gezeichnet werden, die parallel zu der ersten Geraden ist. Daher trägt Euklids fünftes Axiom auch den Namen Parallelaxiom. Das alles scheint logisch, fand sich auch im Schachbrett. Doch dieses Axiom ist nicht so makellos und klar wie die anderen. Die hellsten Köpfe der Mathematik sollten sich in den nächsten zwei Jahrtausenden daran die Zähne ausbeißen. Denn vergeblich versuchte man dem Parallelaxiom das angedeihen zu lassen, was Euklid ihm vielleicht aus gutem Grund verweigert hatte: den Beweis.

Der Versuch, das Parallelaxiom aus Euklids anderen Axiomen herzuleiten, blieb ohne Erfolg. Erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es zur so genannten kopernikanischen Wende in der Mathematik. Unabhängig voneinander entwickelten der Deutsche Carl Friedrich Gauß, der Ungar János Bolyai und der Russe Nikolai Iwanowitsch Lobatschewski die nichteuklidische Geometrie, deren Lücken 1899 der Deutsche David Hilbert schloss. Die nichteuklidische Geometrie lässt das Parallelaxiom einfach weg. An die Stelle der Vorstellung eines »geraden« Raumes tritt das Bild vom »gebogenen« Raum, das später mit der Relativitätstheorie Albert Einsteins eine weitere Dimension erfuhr. Euklids Elemente sind dennoch auch im 20. Jahrhundert bedeutsam für die Mathematik geblieben.

9
Um dem Volk voranzugehen, muss man sich dahinter stellen
Laozi (auch Lao-Tse; vermutl. 3./4. Jhdt. v. Chr.)

Eines Tages konnte der weise alte Laozi den zunehmenden Verfall in seiner Heimatprovinz nicht mehr ertragen und beschloss, trotz seines hohen Alters das Land zu verlassen. Als er die Grenze am Gebirgspass erreichte, erkannte ihn der Dienst habende Wächter. Da der befürchtete, dass mit Laozi auch all sein Wissen entschwinde, bat er den weisen Mann, dieses in einem Buch niederzulegen. Laozi entsprach der Bitte. Erst dann zog er davon und »niemand weiß, wo er geendet hat«. So soll, quasi als ein Zoll des Wissens, eines der wichtigsten Werke der fernöstlichen Philosophie entstanden sein, das Daodejing (auch: Tao-te-king). Das berichtet der chinesische Geschichtsschreiber Sima Qian in seinem Werk Shiji um 100 v. Chr.

Sinngemäß kann man den Titel Daodejing mit »Vom Sinn und der Kraft« übersetzen. In 81 knappen Kapiteln und etwas mehr als 5000 Wörtern enthält es die wesentlichen Gedanken eines der größten Meister der chinesischen Philosophie.

Laozi und das Daodejing fallen zeitlich in das Ende der Zhou-Dynastie. Diese große Sippe eroberte 1122 v. Chr. die damalige Hauptstadt Yin und baute im Laufe der Jahrhunderte einen weit verzweigten Lehnsstaat auf. Ab Anfang des 8. Jahrhunderts begannen die Lehnsherren der Regionen gegeneinander zu kämpfen und die Einheit des Reiches zerfiel. Die Periode des endgültigen Niedergangs der Zhou-Dynastie, die »Zeit der streitenden Reiche« (um 475 – um 221 v. Chr.) bescherte China eine Blüte des Geisteslebens, die es bis heute nicht wieder erreicht hat. Ihre bedeutendsten Denker wurden selbst in der europäischen Kultur früh bekannt: Kong Zi (besser bekannt als Konfuzius) und Laozi.

Über Laozis Leben weiß man wenig. Die einzige historische Quelle ist jene bereits erwähnte Schrift Shiji des Geschichtsschreibers Sima Qian, deren Inhalt sich auf lange Überliefertes stützt. Sima Qian merkt selber an, wie unsicher das von ihm Berichtete ist. Man glaubt, dass Laozi als Archivar und Verwalter am Hof seiner Heimatprovinz, dem heutigen Hénán, arbeitete. Vermutlich wurde er im 4. oder 3. Jahrhundert v. Chr. geboren. Andere Quellen orten ihn schon im 6., manche sogar im 7. Jahrhundert v. Chr. Doch letztlich ist nicht einmal sicher, ob es ihn überhaupt gegeben hat oder ob er nur Legende ist. In diesem Falle wäre Laozi gar nicht der Schöpfer des Daodejing. In der Tat gehen einige neuere Forschungen von mehreren Verfassern des Buches aus.

Wie viel Legende um Laozi gestrickt wurde, lassen Berichte erahnen, die behaupten, er sei über 160 Jahre alt geworden. Daoisten – die Anhänger von Laozis Lehre – glauben, dass er so alt wurde, weil er seine eigenen Maximen befolgte. Laozi bedeutet »der Alte«, »alter Sohn« oder »alter Meister«. Sein eigentlicher Name war Li Er. Ist »der Alte« lediglich die Personifizierung einer Idee oder wäre es ganz in Laozis Sinne, dass er als »der Alte« berühmt geworden ist? Denn wenn es stimmt, was man über ihn sagt, war er bescheiden und zurückhaltend und wollte ganz im Sinne seiner Lehre ohne Namen bleiben.

Will man den Daoismus verstehen, als dessen Begründer Laozi gilt, muss man einen Blick in das Daodejing werfen. Die Bedeutungsvielfalt der chinesischen Schriftzeichen schafft ein erstes Hindernis. Wie ist der Sinn eines Zeichens zu übersetzen? Deutsche Übersetzungen des Daodejing gibt es zahlreiche, mit ebenso vielen Deutungsvarianten. Schon die ersten Worte des Daodejing stiften Verwirrung. Man kann sie übersetzen mit »Das Dao, das man beschreiben kann, ist nicht das absolute – ewige – Dao«. Oder mit »Der Name, den man geben kann, ist kein absoluter – ewiger – Name«.

Was ist dieses »Dao«? Mit Dao wird keine Gottheit an sich beschrieben. Dao ist ein Weg, der Sinn, der Ursprung, das Wesen der Dinge. Dao ist das alles umfassende und ewige Prinzip in der Natur. Es ist das Sein und das Nichts zugleich und daher durch Worte nicht zu beschreiben. Worte grenzen es nur ein. Und der Mensch? Der soll durch Nichteinmischung in die Natur versuchen, sich dem Dao zu nähern.

Trotz aller Kulturvielfalt haben nur wenige historische Zitate, die von außerhalb des europäischen Kulturkreises stammen, den Weg in unseren Alltagsgebrauch gefunden. Beispiele finden sich außer bei Laozi und Konfuzius noch bei dem indischen Dichter und Philosoph Rabindranath Tagore, natürlich bei Mahatma Gandhi und, unter den heute Lebenden, zuweilen bei dem Dalai Lama.

Der Satz »Um dem Volk voranzugehen, muss man sich dahinter stellen« ist eine der bekanntesten Äußerungen Laozis und im 66. Kapitel des Daodejing zu finden. Sie gilt in allen Übersetzungen unstrittig und zugleich als beispielhaft für den Denkstil Laozis. Immer wieder stellt Laozi in den zahlreichen Aphorismen des Daodejing die beiden gegensätzlichen Ausprägungen einer Sache, gleich These und Antithese, gegeneinander. Hier sind es »vorangehen« und »dahinter stellen«. An anderer Stelle spricht er vom »Dienen, um zu herrschen«.

Laozis Philosophie vom »Wirken durch Nichtwirken«, seine Forderung, dass der Mensch sich dem Dao zu nähern habe, indem er möglichst nicht in den Lauf und das Wesen der Dinge eingreift, gilt auch hier. Der Satz »Um dem Volk voranzugehen, muss man sich dahinter stellen« ist nicht als frühe Variante eines Demokratieverständnisses zu deuten. Hier geht es nicht darum, streitende Interessen auszugleichen, zu debattieren oder abzustimmen. Laozis Satz ist auch weniger als Handlungsanweisung an einen Regierenden denn als eine Aufforderung zu verstehen, eine bestimmte innere Haltung einzunehmen. Die Einwirkung auf das Volk, das »Vorangehen«, das Laozi meint, ist als ein Vorangehen im Geiste, bestenfalls als ein Vorangehen durch Beispiel zu verstehen.

Mit ihrer Naturbezogenheit bildet die Lehre vom Dao eine Antithese zum Konfuzianismus, der als Staatsphilosophie eher auf den praktischen Alltagsgebrauch zielt und die Harmonie des Einzelnen mit der Gemeinschaft, auch mit der Macht und dem Staat anstrebt. Dem Daoismus hingegen liegen Dinge wie das Streben nach Macht, äußerem Fortschritt und Kultur fern. Ihm geht es um die Harmonie des Individuums mit sich und der Natur. Man erkennt in ihm Parallelen zur Naturbezogenheit und Gesellschaftsferne des Diogenes und der Kyniker. Sowohl der Daoismus als auch die Kyniker lieferten Varianten einer frühen Forderung von »Zurück zur Natur!«. Sie wurden trotz der Einflüsse, die von ihnen ausgingen und die vom Daoismus auch heute noch ausstrahlen, in keiner Gesellschaft dauerhaft zum geistigen Leitbild. Konfuzius und seine Lehre sind dagegen tief verwurzelt in den ostasiatischen Gesellschaften, vor allem in den chinesisch geprägten. Dennoch geht vom Daoismus bis heute eine ungebrochene Faszination aus.

10
Du verstehst zu siegen, den Sieg zu nutzen, verstehst du nicht
Marhabal (3. Jhdt. v. Chr.)

Immer wieder trifft man auf historische Momente, die einladen darüber nachzusinnen, wie der Lauf der Geschichte ausgesehen hätte, wäre ein Entschluss anders gefasst worden.

Zu derlei Gedankenspielerei lädt auch die Entscheidung eines Feldherrn ein, der nach einer siegreichen Schlacht im Jahr 216 v. Chr. nicht nachsetzte, um den Feind endgültig zu besiegen, sondern seine Soldaten ausruhen ließ. Dieser Feldherr, der Karthager Hannibal, hatte soeben ein zahlenmäßig weit überlegenes römisches Heer auf einem Feld nahe dem apulischen Ort Cannae vernichtend geschlagen. Die Schlacht bei Cannae gilt als eine der größten Meisterleistungen militärischer Taktik. Noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts gehört sie als Paradebeispiel einer Umfassungsschlacht zum Unterrichtsplan in Militärakademien. Mit der karthagischen Kavallerie hatte Hannibal die römischen Truppen in die Zange genommen und vollkommen vernichtet. Vier Legionen waren für Rom verloren. Der Weg in die Stadt schien frei.

Marhabal, der Kommandeur von Hannibals Kavallerie, drängte nach diesem überwältigenden Sieg seinen Befehlshaber, nun nach Rom zu ziehen und die Stadt einzunehmen. »Binnen fünf Tagen wirst du auf dem Kapitol im Triumph zu Abend essen!«, soll er Hannibal zugerufen haben. Doch Hannibal, dessen Streitmacht in der Schlacht vergleichsweise glimpflich davongekommen war, traute seinen Kräften nicht. Der Krieg hatte ihm und seinen Soldaten schon übermenschliche Leistungen abverlangt. Hannibal rechnete mit dem erbitterten Widerstand der Einwohner Roms und wusste, seine Truppen verfügten weder über die Ausrüstung noch über die Verpflegung für eine Belagerung. Daher lehnte er es ab, den Marschbefehl zu geben. Die Einnahme der Stadt musste warten. Daraufhin sagte Marhabal enttäuscht: »Du verstehst zu siegen Hannibal, den Sieg zu nutzen, verstehst du nicht.« So berichtet es der römische Geschichtsschreiber Titus Livius. »Vincere scis, Hannibal, victoria uti nescis«, heißt es in seiner Römischen Geschichte.

Hat Hannibal nach der Schlacht bei Cannae einen möglichen Sieg über Rom verschenkt? Die Historiker sind uneins. Einige meinen, ihm hätte es durchaus gelingen können, die Stadt unter seine Kontrolle zu bringen. Andere führen an, dass Hannibal davon ausgehen musste, dass die Metropole binnen kurzer Zeit trotz der Vernichtung ihres Heeres genug Soldaten rekrutieren konnte, um die Stadtmauern zu verteidigen. Außerdem musste er fürchten, dass ihm bei einer Belagerung Verbündete Roms in den Rücken fielen.

Hannibal bot Rom Friedensverhandlungen an. Doch obwohl die Lage der Stadt denkbar schlecht war, lehnte der Senat ab. Im Gegenteil: Die Römer begannen neue Armeen auszuheben. Der Krieg ging weiter. Nach der Schlacht bei Cannae zog Hannibal mit seinem Heer noch 15 lange, blutige Jahre durch Italien, ohne eine Entscheidung herbeiführen zu können.

In diesem zweiten Punischen Krieg (218 – 201 v. Chr.) ging es wie im zuvor ausgefochtenen ersten Punischen Krieg (264 – 241 v. Chr.) darum, ob Rom oder die an der heutigen tunesischen Küste gelegene Stadt Karthago die Macht im Mittelmeer ausübt. Die Punischen Kriege sind benannt nach der römischen Bezeichnung für die Phönizier, die Karthago einst gegründet hatten.

Zwei Jahre vor den Ereignissen bei Cannae war Hannibal in Spanien, das damals zum karthagischen Reich gehörte, mit etwa 60 000 Mann und 37 Kriegselefanten aufgebrochen. Er überquerte die Alpen und kam in Italien mit nur noch 20 000 Mann an. Es gelang ihm im Verlauf des Krieges nie, sein Heer gegen das mächtige Rom noch einmal entscheidend zu stärken. Trotz des Sieges von Cannae gewann Hannibal keinen entscheidenden strategischen Vorteil. Obwohl der ein oder andere Bündnispartner Roms in den nächsten Jahren auf die Seite der Karthager wechselte – wie zwischenzeitlich die Stadt Capua und später Tarent und Syrakus –, blieb das römische Bündnissystem intakt. Hannibal hingegen konnte keine entscheidende Allianz schmieden. Darüber hinaus kam kaum Unterstützung aus Karthago. Sein geplanter Eroberungsfeldzug erlahmte zu einem jahrelangen Kleinkrieg.

211 v. Chr. versuchte Hannibal noch einmal einen Vorstoß auf Rom. Der Aufschrei der Bürger in der bedrohten Stadt »Hannibal ad portas!« (Hannibal vor den Toren!) wurde in der grammatikalisch nicht korrekten Version »Hannibal ante portas!« berühmt. Doch es blieb bei dem angstvollen Ausruf. Hannibal gelang auch diesmal nicht der entscheidende Schlag. Die Kräfte reichten nicht aus. Er zog sich zurück.

201 v. Chr. endete der zweite Punische Krieg mit der Niederlage Karthagos. Die Römer hatten es letztlich ihrem Gegner nachgemacht: Sie trugen den Krieg vor dessen Haustür. Zuerst hatte der römische Feldherr Scipio den Nachschub Hannibals in Spanien abgeschnitten, dann war er in Nordafrika gelandet. In der Entscheidungsschlacht von Zama 202 v. Chr. besiegte Scipio Hannibal mit dessen Taktik von Cannae. Rom verlangte Karthago immense Kriegsentschädigungen ab. Hannibal nahm sich nach jahrelanger Flucht vor den Häschern Roms 189 v. Chr.

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