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Hexenzirkel

Wir bestimmen unser Schicksal, indem wir entscheiden, was uns im Leben wichtig ist und was wir dafür tun.

Anthony Robbins

1

»Was soll das heißen, du hast mich nominiert Ich hielt den Atem an.

»Oh, meine Liebe, hätte ich das vielleicht nicht tun sollen

Am Telefon war Lydia Whitmore, eine reizende alte Hexe, die nur zehn Minuten von mir entfernt wohnte. Ich konnte ihr erschrockenes Gesicht förmlich vor mir sehen. Mit ihrem freundlichen Lächeln und dem schneeweißen, stets zu einem ordentlichen Knoten gebundenen Haar sah sie aus wie die typische Plätzchen backende Großmutter. Außerdem hatte sie hier in der Gegend das Monopol der lieben, süßen Hexe gepachtet und entsprach damit dem Idealbild von uns Hexen, das die simpleren Menschen unserer Gesellschaft haben.

Lydia hatte mich angerufen, um mir zu sagen, dass der Ältestenrat der Hexen der Witches Elders Council, kurz WEC genannt eine Nachfolgerin für Vivian Diamond suchte, die Hohepriesterin des Clevelander Konvents, die unter geheimnisvollen Umständen verschwunden war.

Für mich war ihr Verschwinden allerdings keineswegs ein Geheimnis, denn ich hatte sie höchstpersönlich an einen Vampir ausgeliefert, den sie vorher verraten hatte. So bald würden wir sie nicht wiedersehen.

Um eine neue Hohepriesterin zu bestimmen, hielt der Rat, laut Lydia, einen offiziellen Wettbewerb ab, das Eximium. Und Lydia hatte unglaublich, aber wahr mich als Teilnehmerin nominiert.

»Aber Lydia, ich will keine Hohepriesterin werden

»Papperlapapp«, sagte Lydia. »Du bist perfekt geeignet für dieses Amt, Persephone! Sachkundig, erfahren, sympathisch. Mit deinem charmanten Lächeln wärst du eine fantastische Hohepriesterin, meine Liebe

»Ich fühle mich wirklich geschmeichelt«, sagte ich und rieb mir die Stirn, »aber ich kann nicht. Im Moment habe ich dafür überhaupt keine Zeit

»Oh, richtig! Die Kleine wohnt ja jetzt bei dir, nicht

»Genau«, sagte ich. Meine neue Aufgabe als Pflegemutter war nicht der einzige Grund meiner Ablehnung, aber vielleicht ein guter Vorwand, um Lydia von ihrem Vorhaben abzubringen.

Erst drei Wochen waren seit dem Mord an Lorrie Kordell vergangen, einer Wærwölfin, die zuvor bei Vollmond in den Zwingern in meinem Keller Unterschlupf gefunden hatte. Ihre Tochter Beverly hatte sie damals stets begleitet und die Nacht bei mir im Haus verbracht. Lorries Beerdigung hatte erst vor eineinhalb Wochen stattgefunden, und am darauffolgenden Montag hatte Beverly zum ersten Mal ihre neue Schule besucht. Ich hatte alle Anträge, die notwendig waren, um auch offiziell Beverlys Vormund zu werden, gestellt, und wir begannen gerade ein Gefühl dafür zu bekommen, wie ein »normales« Leben für uns aussehen könnte. Was Beverly jetzt brauchte, waren Stabilität und Sicherheit, damit sie sich einleben und zur Ruhe kommen konnte. »Ich möchte nichts beginnen, was zu viel Zeit in Anspruch nimmt. Beverly braucht mich jetzt

»Wie geht es dem armen Ding denn

»Sie trauert noch immer, und der Zustand wird auch sicher noch eine Weile anhalten. Aber sie ist tapfer. Wir schaffen das schon Beverly war mir sehr ans Herz gewachsen. Als ihre Mutter einen neuen Job in der Stadt angenommen und die Vollmondnächte nicht mehr bei mir verbracht hatte, war mir bewusst geworden, dass ich mehr vermisste als nur die gemeinsamen Abende mit Popcorn und Disney-Filmen. »Also, Lydia«, sagte ich, um das Thema zu wechseln, »wie kommt es, dass du die Kandidaten für dieses Ex-i-mium auswählst

»Weil ich die Älteste bin Lydia lachte. »Heutzutage zeigen die Medien großes Interesse an den wichtigen Konventen, da will der WEC eine smarte, intelligente und junge Frau an deren Spitze sehen Sie sprach die Abkürzung für den Rat wie »weck« aus. »Natürlich wissen sie, dass eigentlich ich an der Reihe wäre, aber nicht das richtige Auftreten dafür besitze. Damit, dass ich die Kandidaten auswählen darf, wollen sie mir etwas Gutes tun, sodass ich nicht allzu beleidigt bin

Lydia war die ehemalige Besitzerin meines alten Farmhauses. Mit dem Erlös aus dem Verkauf verschiedener Grundstücke hatte sie sich erst ein Wohnmobil gekauft und anschließend das Schild »Vom Besitzer zu verkaufen« in ihrem Vorgarten aufgestellt. Ich hatte es gesehen und Lydia angerufen. So lernten wir uns kennen und wurden über die Jahre Freundinnen.

Das ebenerdige Wohnen tue ihren Knien gut, sagte Lydia. Der einzige Nachteil sei, dass sie den »Charme und den erdigen Geruch eines Gemüsekellers gegen eine sterile Vorratskammer mit Gitterregalen« eingetauscht hätte. Als Küchenhexe kochte sie nicht nur das Gemüse ein, das sie in ihrem Garten zog, sondern machte auch das beste Himbeergelee aus dunklen Früchten, das ich je gegessen hatte. Die karierten Schleifchen, die nie fehlten, wenn sie ihre kleinen Köstlichkeiten verschenkte, hatte sie vermutlich aus dem Stoff ihrer abgelegten Kleider gemacht. Ohne dass es jemandem aufgefallen wäre, hätte Lydia sich unter die Statisten von »Unsere kleine Farm« mischen können. Nur die Haube fehlte ihr zur Perfektion.

»Ich habe von Anfang an gesagt, dass Vivian eine nichtsnutzige Gaunerin ist«, fuhr sie fort. »Ich habe damals sogar versucht zu verhindern, dass sie am letzten Eximium in Cleveland teilnehmen konnte, aber meine Einwände wurden beiseitegefegt. Erst, als sich die Mitgliederliste dann plötzlich wie ein ›Who is Who‹ unserer hiesigen gut betuchten Schickeria las, ist der Rat hellhörig geworden

»Ich weiß«, sagte ich, auch wenn Lydia keine Ahnung hatte, dass Vivian bei Weitem nicht nur dem Konvent geschadet hatte. Sie hatte auch versucht, mich zu benutzen, um einen Sitz im Ältestenrat zu ergattern, und sie war es gewesen, die Lorrie ermordet hatte und die beinahe den Tod von Theo, einer weiteren Freundin von mir, verschuldet hätte. Deshalb hatte ich Vivian dem Vampir Menessos ausgeliefert. Obwohl es wohl ein bisschen vermessen war, es so zu beschreiben, denn in Wahrheit hätte ich ihn natürlich nicht davon abhalten können, sie einfach in seine Gewalt zu bringen.

Welche Rolle auch immer ich tatsächlich gespielt hatte – Vivian ward nicht mehr gesehen, seitdem der Vampir mit ihr verschwunden war. Nun aber rückte Halloween näher, und es gab keine Hohepriesterin, die durch den wichtigen jährlichen Hexenball führen würde. Der Ball war die größte Spendenaktion des Jahres für den Konvent und eine ausgezeichnete Gelegenheit, sich der Öffentlichkeit zu präsentieren. Eine Stellvertreterin oder eine Priesterin, die das Amt zeitlich befristet übernahm, war laut Lydia für die Ältesten inakzeptabel.

»Ich frage mich wirklich, was ihr wohl zugestoßen ist«, sagte Lydia nachdenklich.

»Ich glaube, sie ist verschwunden, nachdem sie Beverly bei mir abgegeben hat. Vielleicht hat ihre Rolle als Patin sie ja überfordert So hatten es die Medien jedenfalls formuliert. Was mir sehr recht war, da ich damit aus dem Schneider war. Also blieb ich bei dieser Geschichte.

»Wirst du sie adoptieren, Persephone

»Natürlich, wenn sie es auch möchte. Aber vorerst bleibe ich erst einmal ihr Vormund. Sie braucht Zeit, um sich einzugewöhnen und einfach nur Kind zu sein

»Siehst du, meine Liebe, du hast so viel Verantwortungsbewusstsein! Du solltest den Konvent führen, nicht irgendjemand, der vielleicht noch nicht einmal hier aus der Gegend stammt. Du weißt doch, die Leute aus Cleveland werden nur langsam mit Fremden warm, und ich will nicht, dass wieder eine Schönrednerin das Amt für ihre Zwecke missbraucht

Vivian hatte das Zeichen eines Vampirs getragen – ich nenne es ein »Stigma«. Schon allein aus diesem Grund hätte sie kein Amt übernehmen dürfen, ganz egal, welches. Eine Hexe, die unter dem Einfluss eines Vampirs stand und gleichzeitig Macht über andere Hexen ausübte? Keine gute Idee. Vivian war Letzteres nur gelungen, weil sie ihren Vampirmeister mit einem magischen Pflock in Schach gehalten hatte. Da sie aber den Fehler begangen hatte, mich, die ich zwar ahnungslos, aber verantwortungsbewusst war, in ihren Plan miteinzubeziehen, existierte dieser Pflock nicht mehr, Vivian befand sich in der Gewalt ihres Vampirmeisters, und ich trug ebenfalls ein Stigma.

Nein, ich verdiente es genauso wenig wie Vivian, Hohepriesterin zu werden, aber das wollte ich nicht an die große Glocke hängen. »Lydia, ehrlich, ich möchte das Amt nicht Das war zwar nicht die ganze Wahrheit, aber auch keine wirkliche Lüge.

»Ich habe deinen Namen wegen deines Verantwortungsbewusstseins ins Spiel gebracht. Man hat mich gebeten, jemand Geeigneten aus dem Konvent zu benennen, und das habe ich mit dir getan

»Aber ich praktiziere allein! Und ich komme zwar aus Cleveland, aber im Konvent bin ich doch kaum aktiv. Ich besuche nicht die Esbaten, nicht die Sabbate oder«

»Trotzdem bist du am besten geeignet, Persephone Alcmedi, und wenn du die Nominierung durch mich tatsächlich nicht annehmen willst, wirst du wohl in den Tempel kommen und sie förmlich ablehnen müssen. Schönen Tag noch

Dann war die Leitung tot.

Aha. Wenn es nicht nach ihrem Willen ging, konnte die ansonsten so liebe, alte Lydia also auch böse werden.

Es waren doch immer die zumeist Liebenswerten, vor denen man sich hüten musste.

2

Im Tempel war ich bisher nur ein Mal, vor fast einem Jahrzehnt, gewesen, als ich mich offiziell als Erwachsene ins Register eingetragen und erklärt hatte, eine Einzelgängerin zu sein eine Hexe, die allein praktizierte, aber weiterhin Stimmrecht besaß. Damals war der Tempel ein einfacher quadratischer Betonklotz auf einem eineinhalb Hektar großen Feld gewesen. An jeder Seite befand sich ein Garagentor, das geöffnet werden konnte, um die Natur hereinzulassen, ohne dass es hereinregnete. Ich war überrascht, als ich nun ein beeindruckendes rundes Bauwerk mit einer geodätischen Kuppel inmitten einer gepflegten Grünanlage erblickte. Mauern aus Naturstein erhoben sich in einem natürlich gestalteten Park, daneben gab es einen breiten, gepflasterten Parkplatz. Der Rasen war so säuberlich gepflegt wie ein Golfplatz, und in jeder der vier Ecken erhoben sich Holunder, Eschen, Eichen und Dornenbüsche. In dem Park war genug Platz, um Rituale abzuhalten, und im kalten Winter Ohios fanden die Konventmitglieder Schutz und Bequemlichkeit im Innenraum. Eine perfekte Mischung aus traditionellen Hexensymbolen die Natur, der Kreis, das Dreieck, aber ausgestattet mit dem Komfort derer, die ihn sich leisten konnten.

Der neue Tempel war wohl Vivians Vermächtnis. Sie hatte das alte Gebäude niederreißen lassen und es mithilfe des Geldes ihrer Lieblingsschäfchen durch diese turnhallengroße Anlage ersetzt.

Als ich das Gebäude jetzt umrundete, erinnerten die Dreiecke der Kuppel mich an die geodätischen Linien der Erde, die Leylinien, von denen eine auch durch die Felder hinter meinem Haus führte und meine Schutzzauber mit Energie versorgte.

Ich parkte meinen Wagen, einen Toyota Avalon, den ich vor allem wegen seines Namens und weniger wegen seines Aussehens oder seines Benzinverbrauchs gekauft hatte. Ich war nun einmal ein großer Fan von König Artus und konnte mich für alles begeistern, was mit der Artussage zusammenhing. Als ich die Tür öffnete und ausstieg, empfing mich kühle Abendluft. Da für später Regen angekündigt war, wollte ich rechtzeitig wieder zu Hause sein, um ein paar Getreidehalme als Halloweendekoration von den Feldern zu holen.

Riesige Holztüren führten aus allen vier Himmelsrichtungen in den Tempel. In die, der ich mich nun näherte, war ein großes O für Osteingang geritzt worden, was ich auch aus dem dunkler werdenden Abendhimmel in meinem Rücken hätte schließen können. Über der Tür hing eine Holztafel mit dem kunstvoll geschnitzten Gesicht eines Grünen Mannes und der Inschrift: »Frohes Treffen, frohes Scheiden«. Trotz ihres Gewichts ließ sich die Tür leicht aufdrücken.

Drinnen war es beinahe stockfinster. Über mir an der Decke funkelten winzige Lichter wie Sterne am Himmel und erhellten die zulaufenden Spitzen eines Pentagramms aus rötlichem Kirschholz, das in den hellen Kiefernholzboden eingelassen war. An meinem Standort und um den hölzernen Kreis herum war der Boden aus strapazierfähigem körnigem Waschbeton in Erdtönen.

»Hallo, flüsterte die Leylinie vorsichtig, als versteckte sie sich weit entfernt.

Auch die Leylinie auf meinem Grundstück hatte schon zu mir gesprochen, als ich zum ersten Mal durch das Kornfeld hinter meinem Haus gegangen war. Seitdem spürte ich dort jedes Mal ein Pulsieren, so als würde mir ein Nachbar von der anderen Straßenseite grüßend zuwinken. Jemand, der nicht empfänglich für magische Energien war, würde sie weder spüren noch hören, doch alle anderen hatten in ihrer Nähe etwas wie eine böse Vorahnung, ein Gefühl, das die meisten Menschen als unheimlich beschreiben würden.

»Hallo«, flüsterte ich zurück.

Der Geruch von Ylang-Ylang stieg mir in die Nase, und ich nahm Energiereste wahr. Meine Schritte hallten laut, als ich weiter in den Raum hineinging, und langsam gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit.

Ich hörte ein Geräusch zu meiner Linken.

Ein paar Stufen führten zu einer circa drei Meter erhöhten Empore hinauf, die an der Innenseite des Bauwerks herumführte. Wie praktisch: ein Bereich für die Medien, von dem aus die Kameras gute Sicht auf die Rituale hatten. Sieh mal einer an, Vivian und ihre Leute hatten wirklich an alles gedacht.

Doch das Geräusch, das ich gehört hatte, kam nicht von dort oben. Von einer breiten Treppe, die zwischen der zweiflügligen Osttür, durch die ich die Tempelhalle betreten hatte, und der Südtür nach unten führte, drang Licht herauf. Ich vernahm Stimmen und das Klingeln eines Telefons und ging die Stufen hinunter.

»Venefica-Tempel Pause. »Ja, wir haben Ihr Fax bekommen

Am Fuß der Treppe sah ich mich um und entdeckte Hinweispfeile, Toilettenschilder und eine Glaswand, hinter der sich ein Büro befand. Die Tür zu dem Raum war nur angelehnt. Drinnen saß eine künstlich aussehende Blondine an einem Schreibtisch, den Stift hielt sie über einem Notizblock, während sie die mit dickem Lidstrich betonten Augen verdrehte. Sie kam mir bekannt vor, aber ich hatte keine Ahnung, woher. Eine andere Frau lehnte an einem mittelhohen Tresen, zwei weitere saßen auf gepolsterten Stühlen an der Wand und blätterten in den Zeitschriften New Witch und Green Egg.

»Okay«, sagte die Frau am Telefon, »ich mache eine Notiz in Ihrer Akte, Miss Taylor Sie steigen im Motel 6 am Flughafen ab. Natürlich werden wir Sie dort anrufen

Bei den Worten Motel 6 kicherte die Frau am Tresen und drehte sich zu mir herum. Ihr kritischer Blick wanderte über meine Trekkingstiefel, die Jeans, das schwarze T-Shirt und das dunkle Flanellhemd. »Sind Sie hier, um die Anlage winterfest zu machen

»Die Anlage

Sie wedelte mit der Hand. »Na, die Tempelanlage Sie klang verärgert, als würde ich ihre Zeit verschwenden.

Dachte sie etwa, ich wäre die Gärtnerin? »Nein«, entgegnete ich ruhig.

»Sagen Sie bloß nicht, Sie wollen sich für das Eximium einschreiben Sie verschränkte die Arme, musterte mich noch einmal von oben bis unten und lachte.

Eigentlich hatte ich für heute Abend vorgehabt, Korn zu schneiden und zu Garben zu binden. Als Nana mich ins Haus ans Telefon gerufen hatte, hatte ich gerade mit Beverly und Ares, unserer schwarzen Dänischen Dogge, im Garten gespielt. Nach dem Gespräch mit Lydia hatte ich mich sofort auf den Weg gemacht. Dass es im Tempel eine Kleiderordnung gab, war mir neu. »Und wenn es so wäre

»Wollen Sie sich nun einschreiben oder nicht, fragte sie schroff.

Sie war braun gebrannt, groß und spindeldürr. Das glatte, blauschwarz glänzende Haar reichte ihr bis zu den Ellbogen. Das fachkundig aufgetragene Make-up war bis auf den feuerroten Lippenstift in natürlichen Farben gehalten. Ihre teure weiße Bluse war makellos, die Manschetten hatte sie lässig umgeschlagen. Die enge dunkle Designerjeans hatte auf der Vorderseite eine rasiermesserscharfe Bügelfalte, die Hosenbeine waren unten breit hochgekrempelt, um die zarten Knöchel der Frau zu betonen an einem hing ein goldenes Kettchen. Dazu trug sie Pumps, die farblich zu ihrem Lippenstift passten.

Ich musste an Lydias Bemerkung denken, dass der WEC smarte, intelligente und junge Frauen an der Spitze des Konvents haben wollte, die für die Medien attraktiv waren.

Ich blieb bei meinen kurzen Antworten. »Ja

»Wohnen Sie auch im Motel 6, fragte sie mit einem gekünstelten Lächeln.

»Nein

»Gut. Ich hoffe, Sie haben eine repräsentativere Unterkunft gefunden. Eine zukünftige Hohepriesterin sollte schließlich ihren Stolz haben. Ich wohne im Renaissance in der Stadt, und Sie

Sie begann, mich zu nerven. »Zu Hause

»Oh«, sagte sie gedehnt und kniff die blauen Augen zusammen. »Dann sind Sie also die hiesige Kandidatin Sie streckte die rechte Hand aus. »Ich bin Hunter. Hunter Hopewell

Ich war vorgewarnt, als alle im Raum Anwesenden erwartungsvoll den Blick hoben.

Hexen, vor allem die dominanten, aggressiven unter ihnen, besitzen eine Angewohnheit, die dem Macho-Handschlag der Männer, bei dem dessen Festigkeit darüber entscheidet, wer von beiden männlicher ist, ganz ähnlich ist. Hunter Hopewell hatte vor, mir einen Schlag mit der Energie ihrer Aura zu versetzen, um herauszufinden, ob meine schwächer oder stärker war. Die Energie wurde durch die rechte Hand abgeleitet. Ich kannte den Trick, hatte aber bisher weder Grund noch Lust gehabt, Spielchen wie dieses anzuwenden, weshalb ich jetzt zögerte.

Mir fiel ein Experiment zur Demonstration von Leitfähigkeit aus der Schule ein. Die ganze Klasse hatte sich an den Händen gefasst. An einem Ende hatte jemand die Elektrizitätsquelle, mit niedriger Spannung natürlich, berührt, am anderen jemand die metallene Ablage für die Kreide. Alle hatten einen elektrischen Schlag bekommen. Ich war diejenige gewesen, die das Metall angefasst hatte. Damals hatte der Versuch Spaß gemacht, denn wie die meisten Teenager besaß ich eine sadistische Ader, sodass es mich mit Genugtuung erfüllte, als gewisse Klassenkameraden einen leichten Schlag verpasst bekamen.

An diesen sadistischen Teenager, der ich mal gewesen war, dachte ich jetzt, als ich Spannung in meine Handfläche leitete und Hunters Hand mit derselben Schadenfreude packte, die ich damals auf der Highschool empfunden hatte.

Nichts geschah.

Hunters Augen verengten sich erneut. Ich hob die Mundwinkel. Da nichts passierte, mussten wir ähnlich stark sein. Oder mein neues Stigma glich ihren Schock aus.

Das Telefon klingelte. Die Sekretärin nahm den Hörer ab: »Ja

»Ich habe Ihren Namen nicht verstanden«, sagte Hunter Hopewell und ließ meine Hand los.

»Ich hatte ihn auch nicht genannt

Die Sekretärin legte den Hörer auf und drehte ihren Stuhl zu uns herum. »Lydia wird Sie jetzt empfangen

Hunter wollte um den Tisch herumgehen.

»Oh, nicht Sie, Miss Hopewell. Ich meinte Miss Alcmedi

Dass die Frau meinen Namen kannte und ihn sogar richtig aussprach, überraschte mich. Als ich ihr dankte, fiel mir wieder ein, woher ich sie kannte. »Mandy, richtig? Aus Vivians Café in Cleveland

Ein verlegenes Lächeln huschte über ihr rundes Gesicht.

»Sie haben jetzt eine andere Haarfarbe Damals war ihr Haar braun gewesen.

Sie strich sich über das strohig blonde, lange Haar, das ihr über die Schultern fiel. »Ja, die Veränderung war Vivians Idee

Ich fragte mich, zu welchen Dummheiten Vivian sie noch angestiftet hatte. Armes Mädchen. Fieberhaft suchte ich nach einem Kompliment, das ich ihr machen könnte, doch vergeblich: Mir fiel keins ein. Diese gebleichte Krause würde niemandem stehen, und ich brachte es einfach nicht über mich zu lügen.

Mandy sah aus, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen. »Alles in Ordnung mit Ihnen, fragte ich.

»Ich vermisse sie so

»Oh Was sollte ich nun darauf sagen? Es hätte wohl einen schalen Beigeschmack gehabt, wenn ausgerechnet ich, die Vivian auf dem Gewissen hatte, versuchen würde, Mandy zu trösten.

»Fast zwei Jahre lang war ich Vivians Assistentin und ihr Protegé. Man sollte doch meinen, dass sie wenigstens mit mir gesprochen hätte, bevor sie ging Sie verdrehte wieder die Augen, während sie sie trocken tupfte. Wenigstens einer, der gut von Vivian gedacht hatte. »Ich hätte nicht erwartet, dass Sie sich noch an mich erinnern«, sagte sie.

Meine Erinnerung hatte einen Grund. Der Kaffee, den sie mir zubereitet hatte, hatte grässlich geschmeckt was aber auch daran gelegen haben konnte, dass ich kurz zuvor von dem Mord an Lorrie erfahren hatte. Ich zuckte die Achseln. »Zuerst hat mich die neue Haarfarbe irritiert. Ich bin wiederum erstaunt, dass Sie mich erkannt haben

»Vivian hat nicht sehr oft jemanden in ihr Büro mitgenommen« Mandy hielt inne. »Wie geht es dem Mädchen

»Sie gewöhnt sich gut ein«, sagte ich und begann, um den Schreibtisch herumzugehen. »Danke, dass Sie nachfragen

»Aber ich war zuerst hier«, protestierte Hunter.

»Ich weiß«, presste Mandy durch ihre zusammengebissenen Zähne hindurch. »Sie sind seit genau dreiunddreißig Minuten und«, sie warf einen Blick auf die Wanduhr, »vierzehn Sekunden hier

»Dann wird die einheimische Kandidatin wohl schon jetzt bevorzugt«, verkündete Hunter. »Warum findet überhaupt ein Eximium statt, wenn die Entscheidung bereits gefallen ist

Ich stand in der Tür und blickte sie fragend über die Schulter hinweg an.

»Wer zuerst erscheint, sollte auch zuerst drankommen«, beschwerte sie sich.

»Meine Güte, finden Sie sich einfach damit ab«, sagte Mandy.

Hunter gab einen verächtlichen Laut von sich und hob das Kinn.

»Wissen Sie«, sagte ich zu Hunter, »eine Hohepriesterin sollte auch den Unterschied zwischen Stolz und Arroganz kennen Damit schloss ich die Tür hinter mir.

Lydia machte einen zerbrechlichen Eindruck, wie sie mit sanftmütiger Miene in ihrem großen Schreibtischsessel hinter dem schweren Mahagonitisch saß, aber ich wusste es besser. Sie erhob sich, um mich zu begrüßen. Ihr übliches kariertes Sommerkleid hatte sie gegen einen dünnen weißen Rollkragenpullover, einen grünen Pulli mit breitem Kragen und einen langen braunen Cordrock eingetauscht. Offensichtlich war ihr kalt.

Wir umarmten uns, bevor ich mich auf einem Stuhl vor dem Schreibtisch niederließ. »Sind die alle so, fragte ich.

»Nein, der Göttin sei Dank. Hunter ist die Schlimmste

»Gut

»Nein, Seph. Das ist schlecht

»Warum

»Weil sie das Eximium gewinnen wird, wenn du nicht antrittst

Ich runzelte die Stirn. Mich beschlich das Gefühl, dass ich gerade manipuliert wurde. Lydia hatte gewusst, dass ich herkommen würde, um meiner Nominierung zu widersprechen, darauf hätte ich wetten können. Wahrscheinlich hatte sie nur darauf gewartet, dass Hunter durch die Tür kam, um mich im nächsten Moment anzurufen. Sie hatte damit gerechnet, dass ich mich sofort auf den Weg machen würde, und hatte Hunter in der Zwischenzeit warten lassen, damit diese gereizt war, wenn wir aufeinandertrafen. Lydia baute darauf, dass ich dann meine Meinung ändern und doch am Eximium teilnehmen würde. Diese schlaue alte Hexe.

»Was ist Forschend betrachtete sie meine nachdenkliche Miene. »Sag mir nicht, du hast sie nicht sofort durchschaut

»Lydia

»Hat sie dir einen Schlag verpasst

»Sie hat es versucht

»Ich wusste es Lydias Miene hellte sich auf, als sie mit der flachen Hand auf den Tisch schlug. »Aber bei dir hat sie es nicht geschafft, was Sie klopfte mit ihren knotigen Fingern auf den Tisch. »Sie hat bereits jede in diesem Büro erwischt, außer die arme kleine Mandy. Die hat Hunter einfach ignoriert, als sie ihr die Hand hinstreckte. Sie hat nur weitergetippt und gesagt: ›Wenn Sie mich beeindrucken wollen, dann stecken Sie sich beide Daumen in den Hintern und laufen auf Ihren Ellbogen.‹« Lydia kicherte. »Sie wirkt so harmlos, und dann rutscht ihr plötzlich so was raus

Als ich aufgehört hatte zu lachen, sagte ich ernst: »Gerade eben dachte ich für einen Moment, Mandy würde anfangen zu weinen

Lydia seufzte. »Ohne Vivian fühlt sie sich verloren Sie beugte sich näher, stützte einen Ellbogen auf den Schreibtisch und hielt die hohle Hand vor den Mund. »Außerdem leidet sie unter Stimmungsschwankungen«, flüsterte sie. »Wahrscheinlich hat sie ihre Tage Sie lehnte sich zurück und fuhr wieder in normaler Lautstärke fort: »Aber wenn Hunter dir keinen Schlag verpasst hat, bestätigt das nur meine Meinung. Du darfst dich nicht einfach weigern

Ich konnte ihr schlecht sagen, dass es wohl eher ein Vampirstigma gewesen war, das Hunters Energie ausgeglichen hatte, also quälte ich hervor: »Das ist alles sehr ich weiß nicht. Aber «

»Ich weiß, ich weiß. Du bist nur gekommen, um deine Nominierung zurückzuziehen Sie zog eine Schublade auf und begann darin herumzukramen. »Vivian war so organisiert, und ich habe nur eine Woche gebraucht, um ihre Ordnung in ein Chaos zu verwandeln. Die arme Mandy hat es wirklich nicht leicht mit mir Sie wühlte heftiger. »Wo ist denn bloß das Formular

»Das Formular

Lydia nickte und suchte weiter.

»Aber warum muss ich ein Formular ausfüllen? Ich habe ja auch keines ausgefüllt, um mich anzumelden

»Nein, du nicht, aber ich. Die Ältesten verlangen eine formelle Benachrichtigung, wenn sie selbst die hiesige Kandidatin aussuchen sollen

»Mit Konventpolitik kenne ich mich nicht aus

»Natürlich nicht, du bist ja auch eine Einzelgängerin Sie schloss die Schublade und öffnete eine andere. »Vor einer Sekunde habe ich es doch noch gesehen«

»Warum kannst du nicht einfach jemand anderen benennen

»Das ist nicht erlaubt. Wenn die Kandidatin, die ich ausgesucht habe, ablehnt, dann kommen die Ältesten ein paar Tage früher als geplant zusammen, um aus allen Mitgliedern des Konvents einen Ersatz auszusuchen Sie fixierte mich mit verärgerter Miene. »Reine Zeitverschwendung, das steht jetzt schon fest Sie wühlte erneut in der offenen Schublade. »Dank Vivian besteht unser Konvent nun aus vielen einflussreichen Leuten, die ihn, wenn sie könnten, wie einen Countryclub führen würden, in dem Exklusivität wichtiger ist als Spiritualität. Wir anderen haben nicht mehr viel zu sagen. Manche sind weggezogen, manche praktizieren seither allein, und einige haben ihre eigenen Konvente gegründet, die vom WEC allerdings nicht anerkannt werden

»Aber die Ältesten werden sie doch sicher bei ihrer Auswahl miteinbeziehen. Es muss doch eine geeignete Kandidatin zu finden sein, oder

Lydia knallte die Schublade zu. »Ich weiß, wie die Sachen laufen. Und ich weiß, dass Hunter das Eximium gewinnen wird, wenn du jetzt kneifst. Dann wird sie Hohepriesterin. Eine Frau, der die Präsenz in der Öffentlichkeit nur noch mehr zu Kopf steigen wird

»Lydia, ich will nicht dazu beitragen, dass der Konvent auseinanderfällt. Ich verstehe, dass dir das alles sehr viel bedeutet, und ich will dir ja auch helfen, aber ich habe schon genug Verpflichtungen. In letzter Zeit hat sich in meinem Leben so viel geändert, und ich muss mich nicht nur um Beverly, sondern auch um Nana kümmern«

»Um Demeter

»Ja, sie«, begann ich, aber Lydia schnitt mir erneut das Wort ab.

»Ich dachte, Demeter wäre in einem Pflegeheim

»Sie haben sie rausgeschmissen, und ich bin sicher, dass ihre herrische Art und ihre Zigarettensucht rein gar nichts damit zu tun gehabt haben

Lydia verstand meinen Sarkasmus. »Oh, natürlich nicht

»Aber, Moment mal du kennst Nana

»Von früher. Aber das ist lange her, Liebes. Sehr lange sogar Sie lächelte voller Zuneigung, als würde sie sich gern daran erinnern. »Ist sie immer noch so mutig

»Mutig? Ich würde sie eher als eigensinnig und stur bezeichnen. Komm uns doch mal besuchen

»Ich glaube nicht, dass sie sich darüber freuen würde

»Warum nicht

»Nun, wir sind nicht gerade im Guten auseinandergegangen Sie schwieg. »War sie das vorhin am Telefon

»Ja

»Die Möglichkeit ist mir gar nicht in den Sinn gekommen Lydia sank in ihrem Sessel zurück, und ein warmes, erinnerungsseliges Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

Ich fuhr fort, meine Verpflichtungen aufzuzählen. »Ich muss mich also nicht nur um Nana kümmern, sondern auch um Beverly, den Hund, das Haus und den Garten. Und um meine Kolumne, die mittlerweile landesweit erscheint Die allwöchentlich veröffentlichten Texte, in denen ich meinen Lesern nahezubringen versuchte, wie schwer es für Wærwölfe war, ein »normales« Leben zu führen, begannen sich tatsächlich endlich auszuzahlen. Leider hatte ich es dem Vampir, der mich stigmatisiert hatte, zu verdanken, dass sie nun amerikaweit erschienen, aber mein Agent war nichtsdestotrotz begeistert. Vielleicht würde er dadurch endlich lernen, meinen Vor- und Nachnamen richtig auszusprechen. »Damit stehe ich unter sehr viel Druck

»Ist das die Kolumne, die du unter dem Namen Circe Muirwood schreibst

»Ja Lydia hatte den Verkauf ihres Hauses keinem Makler überlassen, sondern sich selbst darum gekümmert. Bevor sie mich als Käuferin akzeptiert hatte, war ich von ihr richtiggehend ausgefragt worden. Es wäre, hatte sie behauptet, ihre Pflicht sicherzustellen, dass ihr Hexenhaus mit der nahen Leylinie nicht in die falschen Hände fiel. Und damit es auch in den richtigen Händen blieb, hatte sie wissen wollen, wie ich die Hypothek zu zahlen gedächte und ob ich eine regelmäßige Arbeit hätte. Damals hatte ich ihr von der Kolumne erzählt.

»In deinen Texten stellst du Wærwölfe in einem ziemlich positiven Licht dar, nicht wahr

»Ja, viele von meinen Freunden sind Wære Ich war an die Vorurteile der Leute gewöhnt. »Stört dich das Möglicherweise bot sich hier mein Ausweg aus dem Wettbewerb.

»Ganz und gar nicht. Ich zähle selbst viele Wære zu meinen engen Freunden, aber, na ja, Demeter mochte sie damals nicht besonders

»Hexen und Wærwölfe«, begann ich.

»– passen nicht zusammen«, beendete Lydia den Satz mit mir gemeinsam.

Wir lachten, dann wurden wir beide wieder ernst. »Ist das immer noch ihr Mantra, fragte sie.

»Das war es bis vor Kurzem, ja. Aber mittlerweile ist sie mit einigen von meinen Wær-Freunden tatsächlich warm geworden. Zu meinem großen Erstaunen

»Und was hält sie von deiner Kolumne

»Damit verdiene ich unseren Lebensunterhalt, also dürfte sie eigentlich nicht meckern, trotzdem hält sie das manchmal nicht davon ab

Lydia schwieg nachdenklich. Ich sah ihr an, dass sie enttäuscht war. »Ich verstehe. Du hast wirklich viele Eisen im Feuer Sie schlug leicht mit ihrer Handfläche auf den Tisch. »Und ich hatte so gehofft, du würdest einwilligen. Ich vertraue dir, weil du nicht in diese ganzen politischen Machenschaften verwickelt und verdorben bist

»Wenn die Dinge anders lägen, hätte ich es gemacht, Lydia Doch ich war verdorben, auch wenn Lydia davon nichts wusste. Ich trug das Zeichen des Vampirmeisters Menessos, und das allein war Grund genug, warum ich dieses Amt niemals annehmen konnte. Nicht annehmen durfte! Es wäre unethisch gewesen, und außerdem hatte ich Angst, dass ich damit Menessos Anlass geben würde, sich noch stärker in mein Leben zu drängen. Denn als Hohepriesterin hätte ich natürlich auch politischen Einfluss.

Aber das war noch nicht alles. Glaubte man Nana und Johnny einem Wærwolf, der sich erstaunlich gut mit Mystik auskannte und mein Leben noch komplizierter, aber auch angenehmer machte, so war ich die Lustrata und konnte zwischen den Welten wandeln. Noch immer war ich dabei zu lernen, was genau das bedeutete. Johnny war in das Dachgeschoss eingezogen, um auf mich aufzupassen und mir zu helfen, mich in meiner neuen Rolle zurechtzufinden. Nana war der Meinung, ich sollte mich dem Rat als Lustrata zu erkennen geben, doch das würde ich erst tun, wenn ich genau wusste, was, zum Hades, es hieß, eine Lustrata zu sein. Wer konnte schon sagen, was es für Folgen haben würde in politischer, persönlicher, spiritueller Sicht, wenn eine Lustrata zugleich auch Hohepriesterin war.

Ich seufzte resigniert. Ich war hierhergekommen, um meine Nominierung abzulehnen, und das würde ich auch.

Aber, Moment mal! Wie ausgebufft von der schlauen, alten Teufelin! »Lydia, wenn du das Formular doch schon ausgefüllt hast, warum bin ich dann gekommen? Um es zu unterschreiben

Sie machte ein mürrisches Gesicht, verschränkte die Arme vor ihrer Brust und wandte sich mit gerunzelter Stirn ab. »Okay, du hättest nicht kommen müssen

Gerade wollte ich empört erklären, dass ich es ganz und gar nicht mochte, vorgeführt zu werden, als jemand vor der Tür laut aufschrie.

Ich sprang auf.

»Setz dich, Persephone«, sagte Lydia sanft.

»Aber«

»Hunter hat gerade wieder jemanden mit ihrer Aura geschockt. Wahrscheinlich eine andere Bewerberin

Ich ließ mich zurück auf meinen Stuhl sinken. »Kannst du sie nicht disqualifizieren

»Aber nur so wird man eine Hohepriesterin, Liebes. Sie sind die Besten, ob mit Besen oder Zauberstab. Oh, die Prüfungen sind nicht moderner geworden, aber wenn Hunter es sich verdient, wenn sie beweist, dass sie besser als die anderen ist, dann wird sie das Amt bekommen. Auch, wenn sie zu jung ist, und auch, wenn sie ein eingebildetes Mädel aus dem mittleren Westen ist, das mit einem silbernen Löffel im Mund geboren wurde und niemals diese Stadt und ihre Menschen begreifen wird

Wir schwiegen eine Weile.

Draußen schrie Mandy: »Aua Und dann: »Du Miststück

Lydia sah mich traurig an.

»Also gut«, sagte ich. »Ich bin dabei

3

Ich stand am Rand des Feldes hinter meinem Haus. Das trockene Korn rauschte im Nachtwind. Bald war Halloween. Nur noch eine Woche. Ich konnte den Wechsel der Jahreszeiten bereits spüren. Die Welt richtete sich neu aus, bereitete sich auf den Winter und die Kälte vor.

Jedes Jahr stieg die Göttin Persephone, meine Namensschwester, für sechs Monate in die Unterwelt hinab. Während ihre Mutter, die Göttin Demeter, die Abwesenheit ihrer Tochter betrauerte, wurde die Welt kälter und kam zur Ruhe es wurde Winter. Und wie meine Namensschwester verließ auch ich meine gewohnte Welt und betrat eine neue.

Aber ich würde nicht zurückkehren wenigstens nicht als dieselbe, die ich zuvor gewesen war.

Mein Leben war ein gänzlich anderes als noch vor einem Monat, eine Karikatur all dessen, was ich einmal geglaubt hatte zu wissen. Alles war verkehrt, das genaue Gegenteil, so als hätte ich den Sommer über Winterschlaf gehalten und wäre zum Beginn der bitteren, frostigen Jahreszeit erwacht. Die Pflanzenwelt welkte dahin im Gegensatz zu meinem Leben, das immer wilder wucherte.

Doch Halloween war mein liebster Feiertag, und ich würde das Beste daraus machen und das Haus mit Korngarben und Kürbissen dekorieren. Und Äpfel karamellisieren. Und Beverly der kommenden Kälte zum Trotz ein warmes Zuhause bieten.

Darum stand ich nun hier, am Rand des Kornfeldes. Der angekündigte Regen war noch nicht gefallen, aber ich konnte ihn in der Luft spüren. Der Holzgriff der Sichel fühlte sich in meiner schwitzigen Hand glatt an. Neben mir lag ein säuberlicher Haufen Halme auf dem dunklen Gras. Aus ihnen wollte ich Garben für die Veranda binden. Während ich gearbeitet hatte, war die Nacht hereingebrochen. Letzte Woche war Neumond gewesen, jetzt schimmerte zwischen den dicken, grauen Wolken ein exakter Halbmond hindurch. Es passte zur herbstlichen Stimmung, das Korn unter dem dunklen Himmel zu schneiden.

Anders als die gelbe Eiche im Vorgarten, die bereits ihre goldenen Blätter fallen ließ, trugen Weißesche und Weißeiche hinter dem Haus noch ihren Schmuck aus lilafarbenem, bronzenem und rotem Laub. Dass diese Bäume ihre Blätter immer ein wenig später als die anderen verloren, musste an der Leylinie liegen, die durch das Feld führte.

Zwischen ihren Wurzeln lag die Stelle, an der ich die Energie für meine Schutzbanne zog. Es war zwar kein Knoten ein Punkt, an dem sich mehrere Linien kreuzen, aber auch nicht weit von einem solchen entfernt. An dieser Stelle war die Erdenergie besonders stark, und nur dank lebenslanger Übung war ich heute in der Lage, solche Energien zu nutzen. Zuerst hatte ich gelernt, sie zu erspüren und zu unterscheiden, dann konnte ich verborgene Energien aus Edelsteinen ziehen und nach meinem Willen formen. Und irgendwann hatte ich genügend Erfahrung gesammelt, um auch mit größeren Quellen umgehen zu können so wie mit dieser Kraftlinie. Bisher hatte ich sie eigentlich nur für die Schutzbanne benutzt. Nur ein Mal hatte ich mit ihr Theos Leben gerettet und ein anderes Mal die Abwehr meines Hauses gegen Vampire reaktiviert.

Wie Nana immer sagte: Einmal ist ein Fehler, aber zweimal ist eine Gewohnheit. Ich wollte nicht, dass es mir zur Gewohnheit wurde, mich der Leylinie zu bedienen.

Bei diesem Gedanken wanderte mein Blick zurück zum Haus. In Beverlys Zimmer brannte noch Licht. Wahrscheinlich las Nana ihr vor. Seit ich vom Tempel zurückgekommen war, hatte ich nur einige wenige Worte mit Nana gewechselt, doch irgendwann würde ich ihr erzählen müssen, was dort passiert war. Allerdings konnte das noch ein wenig warten. Ich wollte das neue abendliche Ritual nicht stören.

Der Abend begann stets damit, dass Beverly nach oben ging, um zu duschen. Ares folgte ihr, legte sich im Badezimmer auf den Boden und leistete ihr Gesellschaft. Wenn Beverly fertig war, half Nana ihr, ihr glänzendes, dunkles Haar zu kämmen und zu trocknen. Dann spielten sie ein Brettspiel, und anschließend las Nana vor, während Beverly langsam zur Ruhe kam. Manchmal stand ich im dunklen Zimmer nebenan und beobachtete sie dabei. Beverly lernte eine andere, bessere Version von Nana kennen als die, mit der ich aufgewachsen war sozusagen eine Demeter 2.0.

Ich wollte ihnen ihr Ritual nicht nehmen, nicht einmal für einen Abend. Nanas Meinung über das Eximium war mir wichtig, doch gleichzeitig zögerte ich, ihr davon zu erzählen. Ganz sicher würde sie einen Grund finden, um gegen meine Teilnahme zu sein.

Der Wind frischte auf, doch die Kornhalme regten sich nicht. Nur die Baumwipfel rauschten.

Komm.

Die Leylinie kommunizierte mit mir!

Die Äste wiegten sich im Wind, riefen mich. Und auf einmal lud mich auch das Feld ein. Halme bogen sich, Ähren nickten, wimpelartige Blätter winkten mir ermunternd zu.

Neugierig legte ich die Sichel auf den Boden und folgte der Einladung. Sofort hielten die Halme in ihrer Bewegung inne, waren still. Die trockenen Blätter hoben sich und bildeten wie für einen willkommenen Gast eine Gasse zu der Baumgruppe aus Weißesche und Weißeiche, zur Quelle der Energie.

Meine Schritte knirschten auf den trockenen Gräsern und setzten das Aroma des Herbstes frei: feuchte Erde und Pflanzen, die der Fäulnis und dem Wind der kühleren Tage überlassen worden waren. Ich blieb stehen, streckte die Finger aus und befühlte die trockenen Hülsen.

Ich spürte ein Pulsieren. Die Leylinie begrüßte mich. Ich hatte nur eine leichte Bewegung erwartet, einen sachten Windstoß, aber diese Reaktion war viel stärker, wie ein kleines Erdbeben unter meinen Füßen oder das Dröhnen der Bassdrums in meinem Bauch bei einem Rockkonzert.

Etwas war anders. Warum?

Du bist anders.

Ich ging weiter. Super, die Leylinie wusste also, dass ich stigmatisiert war. Das hatte mir gerade noch gefehlt; jetzt fühlte ich mich erst recht wie ein Monster.

Als ich den Rand des Wäldchens erreichte, begann es zu nieseln.

Wenn der Regen zunehmen würde, so wie es der Meteorologe vorhergesagt hatte, wäre ich völlig durchnässt, bevor ich wieder im Haus war. Als ich zu den Wolken hochschaute, stolperte ich über eine Wurzel. Halt suchend schrammte meine Handfläche über die raue Borke einer etwas entfernt stehenden Eiche. Ich geriet ins Straucheln und fiel auf die Knie.

Sofort bildete sich um das Wäldchen und mich ein bläuliches Feld.

Der Geruch von Salzwasser stieg mir in die Nase, ich vernahm Möwengeschrei und das Rauschen von Wellen. Regentropfen rannen an der sanft schimmernden, kugelförmigen Oberfläche des Felds hinunter. Es sah aus, als befände ich mich im Inneren einer Seifenblase. Vom Boden vor mir wirbelte blauer Dunst empor, wand und streckte sich wie ein Wesen, das in einem Ballon gefangen war.

»Ich bitte dich, vergib mir mein Eindringen

Die Stimme war die einer Frau, sanft und melodisch. Vor mir schwebte eine sechzig Zentimeter große Meerjungfrau.

»Ich bin Aquula

»Bist du bist du eine Meerjungfrau? In meinem Weizenfeld

Als sie kicherte, hörte es sich an wie das Aneinanderstoßen von kleinen Kieselsteinen, wenn eine Welle sich darüber hinweg zurückzieht.

»Ich bin eine Fee«, flüsterte sie mit kindlicher Stimme, als würde sie mir ein Geheimnis verraten. »Eine Wasserfee

Früher, in den alten Zeiten, hatten Hexen ihre Kreise von Feen bewachen lassen, doch heutzutage würde eine Hexe es mit ihrem Leben bezahlen, wenn sie eine Fee rief.

Da sie allergisch gegen Asphalt und Eisen waren, wollten die Feen in ihrer eigenen Welt bleiben. Sie weigerten sich, von Hexen ohne Vorwarnung aus ihrer Welt gerissen zu werden, in der die Zeit anders verging, nur um einen Kreis zu schützen. Schon lange vor 1971, als all jene, die nicht nur Mensch waren, an die Öffentlichkeit getreten waren, wurde das Konkordat mit der Bezeichnung »Munus« geschlossen, das sozusagen das »Arbeitsrecht« der Feen regelte. Von dieser Zeit an durften Hexen nicht mehr ungestraft Feen zu ihrem Schutz rufen. An ihrer Stelle hatten sich die vier Elemente bereit erklärt, unsere Wächter zu sein in Geistform.

Zwar stand es den Feen weiterhin frei, unsere Welt zu besuchen, doch aufgrund ihrer ausgeprägten Allergien fanden diese Besuche nur sehr sporadisch statt.

Ich selbst kannte Feen bisher nur aus dem Fernsehen. Am liebsten hätte ich Aquulas unirdisches Gesicht von Nahem studiert. Es war so fein und unschuldig. Aber ich kannte die Sagen, in denen es hieß, Feen sähen nur so aus, als seien sie zerbrechlich. Eben dieser Irrtum hatte die Menschen dazu verleitet, ihre Angst vor diesen sehr gefährlichen Wesen abzulegen. »Warum bist du hier

»Wegen Menessos Nachdem sie seinen Namen ausgesprochen hatte, hauchte sie wie ein verliebter Teenager: »Ahhh«

»Oh. Klasse Doch mein Tonfall suggerierte, dass ich alles andere als begeistert war.

»Ist er nicht ein schöner Mann

Na gut, ja, damit hatte sie immerhin recht. Menessos sah haargenau so aus wie Artus Pendragon, König Artus, der Mythos und mein idealer Fantasiemann, von dem ich schon träumte, solange ich denken konnte. Trotzdem war er immer noch ein Vampir, wenn auch ein sehr attraktiver. Ich tippte mit den Fingern nervös auf meinen Oberschenkel. »Kann sein

»Kann sein Sie schlug mit ihrem Schwanz und tat so, als würde sie in Ohnmacht fallen, indem sie sich langsam zur Seite neigte. Ihr Haar begann langsam nach oben zu steigen. Außerhalb der Blase regnete es nun heftiger. »Ich finde ihn wunderschön, aber ich vergesse mich Sie drehte sich wieder aufrecht. »Du warst es, die ihn dazu gebracht hat, wieder einen Kreis zu ziehen

Das hatte auch Samson D. Kline behauptet, kurz bevor Menessos ihn geköpft hatte, der wiederum es mir später bestätigt hatte. »Damals war ich mir nicht darüber im Klaren

»Trotzdem danke ich dir

»Schön, dass dich das freut Vielleicht würde sie ihn ein Weilchen beschäftigen und somit von mir fernhalten.

»Ich bin seine Wächterin im Westen und werde ihn nun wiedersehen

Wusste sie etwa nichts von dem Konkordat?

»Die Wächter im Norden, Osten und Süden sind voller Angst, jetzt, da er in den Kreis zurückgekehrt ist. Doch ich kann es kaum erwarten, von ihm gerufen zu werden Sie hielt inne, über ihr Gesicht huschte ein träumerischer Ausdruck.

Offenbar wussten sie und die anderen Wächter also doch von dem Abkommen mit den Hexen. Menessos war allerdings nicht nur ein Vampir, sondern auch ein Zauberer, und ich hatte keine Ahnung, inwiefern die Bedingungen des Konkordats auch auf ihn zutrafen. Es schien so, als wussten es die Feen selbst nicht.

Aquulas Miene wurde ernst. Sie glitt zu mir und legte ihre kalte Hand auf mein Handgelenk. Mit dunklen Augen musterte sie mein Gesicht. Ein unheimlicher Anblick, denn ihre Iris war sehr viel größer als die eines Menschen. »Sei auf der Hut, Persephone, die anderen verschwören sich. Ich selbst würde nie etwas tun, das den Zorn meines Meisters erregen könnte, doch die anderen streben danach, sich von ihm und seiner Macht zu befreien. Du bist ihm teuer, sonst hätte er deinen Kreis niemals betreten. Die anderen haben diese Schlussfolgerung noch nicht gezogen, süße Persephone, aber es wird nicht mehr lange dauern«, sagte sie mit wichtiger Miene. »Ich flehe dich an, triff Vorkehrungen, um dich zu schützen

»Das werde ich«, sagte ich.

»Ich kann nicht länger bleiben Noch während sie sprach, wurde der Regen schwächer.

Ich fragte mich, ob diese Welt für die Fee so etwas Ähnliches war wie meine Meditationswelt, in der ich einen Schakal namens Amenemhab traf, der mich in wichtigen Fragen meines Lebens beriet. »Geh, Aquula. Und danke

Sie löste sich in Dunst auf, dann platzte die Blase mit einem leisen Plopp. Der Geruch und die Geräusche des Meeres wurden schwächer. Die letzten Regentropfen drängten den Dunst zurück in die Erde, und ich fand mich im Schutz der Äste stehend wieder.

Ich setzte mich auf den Boden, um nachzudenken. Da ich Vivians Pflock zerstört hatte, stand Menessos in meiner Schuld. Ich wäre ja schon zufrieden gewesen, wenn er sich zum Dank von mir fernhielte, aber wenn seine Feinde meinten, mich benutzen zu können, um sich von ihm zu befreien, dann würde ich den Gefallen, den er mir schuldete, wohl doch einfordern müssen.

Ich begann, durch die Reihen der Weizenhalme zum Haus zurückzugehen, doch schon nach wenigen Schritten hörte ich, wie nicht weit entfernt ein Zweig knackte.

Ich blieb stehen.

Wahrscheinlich ein Reh oder einer von Menessos’ Betrachtern, gut gebaute Möchtegern-Vampire, die mich auf seinen Befehl hin im Auge behielten.

Dies war mein Land, meine eigenen neun Hektar, verdammt! Wenn ich hier einen Spaziergang machte, sollte ich mich eigentlich sicher fühlen und keine Angst haben.

Und wenn es bereits die Feen waren?

Oder Menessos selbst hatte mir gesagt, dass seine Feinde ihn mithilfe der Verbindungen, die er einging, zu manipulieren versuchten.

Mir stockte der Atem.

Als ich weiter aufs Haus zuging, hörte ich es ganz deutlich: entfernte Schritte, taktgleich zu meinen, damit ich sie nicht bemerkte. Seitdem ich das verdammte Stigma trug, war mein Gehör um einiges besser geworden, doch dankbar war ich keineswegs für diese oder andere »Verbesserungen«.

Als ich abrupt stehen blieb, um nicht mit dem Gesicht in ein Spinnennetz zu laufen, vernahm ich hinter mir ein Knacken. Dann folgte Stille.

Bleib ganz ruhig. Denk nach.

Dem letzten Geräusch nach zu urteilen, war mein Verfolger ungefähr fünfzehn Meter hinter mir.

Adrenalin schoss durch meine Adern, mein Fluchtinstinkt regte sich. Ich tauchte unter dem Spinnennetz hindurch und nutzte den biochemischen Energieschub. Ich schlug die Halme aus dem Weg und rannte, so schnell ich konnte, in Richtung Garten. Zwar sah ich nicht, wohin ich meine Schritte setzte, aber ich wusste, dass ich so flink und wendig war wie noch nie. Noch ein Vorteil des Stigmas.

Die Luft strömte leichter und tiefer in meine Lunge, Sauerstoff und Adrenalin wurden schneller in meine Muskeln transportiert. Mein Körper funktionierte wie eine neue und verbesserte Maschine, bei der alle Einzelteile plötzlich effizienter und geschmeidiger zusammenarbeiten, als wäre irgendein Teil, das bisher die erhöhte Leistung verhindert hatte, endlich entfernt worden. Oder als wäre ein längst fälliger Ölwechsel durchgeführt worden.

War dieses blockierende Teil meine Menschlichkeit gewesen? Meine Seele?

Wie angewurzelt blieb ich stehen.

Nur zwei Zentimeter vor meiner Nase schwebte eine weitere schwarz-gelbe Wespenspinne in der Mitte ihres vor Nässe glitzernden Netzes.

Ich fiel auf die Knie, kämpfte darum, kontrollierter, ruhiger zu atmen, und krabbelte unter dem Netz hindurch. Ich hörte, wie sich die Schritte mir vorsichtig näherten. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis mein Verfolger mich eingeholt hatte.

Er war nah. Ich spürte es.

Ich schoss hoch und rannte los. Hinter mir hörte ich einen schrillen Schrei, Fluchen und dann, wie jemand um sich schlug. Ja, das konnte selbst die Härtesten in Panik versetzen, wenn sie plötzlich eine große Spinne und ihr Netz im Gesicht hatten. Aber lange würde der Zwischenfall ihn, wer immer es war, nicht aufhalten.

Ich rannte weiter, sprintete durch die rauschenden Kornhalme, ohne auf dem regennassen Boden auch nur ansatzweise ins Straucheln zu geraten. Ich versuchte mir zu sagen, die Flucht sei nur ein Wettrennen, und lief noch schneller auf die Lichtung vor mir zu, nach Hause.

Plötzlich tauchte ein anderes Kornfeld vor meinem geistigen Auge auf. Ich dachte daran, wie ich als Kind schon einmal in einer ähnlich dunklen Nacht geflüchtet war. Damals war ich vor der Angst und Unsicherheit in meinem Leben davongerannt. Gerade hatte sich meine Mutter aus dem Staub gemacht und mich bei Nana zurückgelassen. Ich fühlte mich ungeliebt und war todunglücklich. Statt nach der Schule nach Hause zu gehen, ließ ich die kleine Stadt hinter mir und stapfte durch den Wald, über einen Feldweg und in ein Kornfeld hinein, fest entschlossen, nie wieder zu Nana zurückzugehen. Irgendwann jedoch wurde mir kalt, und ich bekam Angst. Ich begann zu laufen und rannte immer weiter, bis ich schließlich erschöpft und schluchzend zwischen den Getreidereihen zusammenbrach. Dort war mir dann die Göttin erschienen. Die Erinnerung an sie gab mir auch jetzt Kraft und machte mir Mut.

Ich schaffe es. Ich schaffe es!

Mein Verfolger holte auf. Rhythmisch wie das Schnaufen einer Lokomotive drang sein schweres Keuchen an mein Ohr. Ich fühlte mich schutzlos, als würde ich »Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann« spielen. Ich hatte dieses Spiel immer gehasst. Er ist direkt hinter dir Wenn er dich fängt, musst du ihm helfen, die anderen zu fangen! Der Versuch, mir einzureden, dies sei nur ein Wettlauf, war gescheitert. Angst überkam mich, und eine andere chemische Mischung durchströmte meinen Blutkreislauf und schien meine letzte Kraft aufzusaugen. Mein Atem wurde schneller und flacher, meine Beine fühlten sich an, als wären sie aus Blei.

Ruf die Leylinie! Aber mir wollte kein Zauber einfallen.

4

»Persephone

»Johnny Allein seinen Namen zu rufen verbrauchte kostbaren Sauerstoff. Ich wurde langsamer.

Mein Verfolger war direkt hinter mir. Ich spürte, wie Finger über meinen Rücken glitten, nach meinem Flanellhemd griffen.

»Persephone

Johnny kam näher. Göttin sei Dank!

Ich ließ das Kornfeld hinter mir und prallte gegen ihn. Er versuchte, mich festzuhalten, aber ich fiel heftig atmend zu Boden. Der Geruch des Grases stieg mir in die Nase. Mein Herz schlug gegen meinen Brustkasten wie ein wild hüpfender Gummiball.

»Da draußen ist jemand Ich rollte mich auf den Rücken.

»Ich weiß, ich kann ihn riechen. Erik Er nickte Erik zu der Drummer von Johnnys Band Lycanthropia, den ich erst jetzt bemerkte. Die Halme raschelten, als Erik ins Feld stürmte.

»Alles in Ordnung Johnny ging neben mir in die Hocke.

»Ja

»Mensch, wie du da durch das Feld gesaust bist«, sagte er grinsend, »ich wusste gar nicht, dass du ein Schnelligkeitsdämon bist. Wahrscheinlich bist du sogar schneller als ein Wær. Weiß das Olympische Komitee von dir

Um Atem ringend konnte ich über Johnnys Witze nicht lachen. Zudem konnte ich ausschließlich daran denken, dass ich nur dank Menessos’ Stigma auf einmal so schnell laufen, so gut hören konnte und diesen zusätzlichen Sinn und weiß die Göttin, was sonst noch alles, von dem ich nur noch nichts wusste besaß.

»He, warum guckst du so finster? Was ist los

»Nichts. Ich muss nur wieder zu Atem kommen

»Aber niemand guckt ohne Grund so finster Johnny stand auf und sah mit verschränkten Armen auf mich herunter. »Raus mit der Sprache

»Ich bin nur erschöpft und verängstigt Immer noch heftig atmend setzte ich mich auf. »Nichts weiter

Natürlich war das gelogen. Ich hatte mehr als genug Gründe, um ein finsteres Gesicht zu machen. Johnny wusste nicht, dass ich immer noch Menessos’ Stigma trug. Er glaubte, es wäre durch den Schmerz, den der Pflock mir bereitet hatte, und die daraus folgende zusätzliche Macht ausgelöscht worden. Einerseits hatte er mit seiner Vermutung recht: Ich hätte tatsächlich ohne Stigma sein können, doch noch immer war ich mit dem Vampir durch Teile von mir, von meiner Persönlichkeit, verbunden, von denen ich mich nicht hatte trennen wollen.

Auch dass das Stigma nun fest zu mir gehörte, wusste er nicht. Ich konnte mich nicht mehr von ihm befreien, ohne bei dem Prozess zu viel von mir selbst zu verlieren.

Ich hatte es ihm nicht erzählt, denn er war immer noch nicht darüber hinweg, dass er im Kampf mit Menessos den Kürzeren gezogen hatte. Ich wusste, dass Johnny mich wirklich mochte, aber die Blumen, die Gemälde und die teuren Geschenke, die der Meistervampir mir geschickt hatte, nachdem ich den Pflock zerstört hatte, statt ihn zu nutzen, um seine Existenz zu beenden, waren Johnny selbst jetzt noch ein Dorn im Auge.

Wie sollte ich da zu ihm sagen: »Übrigens, Johnny, ich spüre Menessos noch immer in jeder Faser meines Körpers«?

Vielleicht könnte ich es, wenn ich mehr über diese Lustrata-Sache wüsste, doch bisher hatte ich auf meine Fragen keine Antworten erhalten. Nana sagte, die Lustrata müsse ein Stigma tragen, damit sie Teil der Welt der Vampire sein könnte. Vielleicht dachte Johnny ja, ich würde mir irgendwann später eins von einem netteren Vampir als Menessos verpassen lassen.

»Jetzt sag mir endlich, warum du die Stirn runzelst, sonst werde ich dir nicht helfen Nur Johnny schaffte es, verschmitzt zu lächeln und dabei gleichzeitig besorgt auszusehen. Seine Augen, um die herum das Symbol des ägyptischen Gottes Horus das Udjat-Auge tätowiert war, glitzerten im Licht, das aus dem Haus zu uns nach draußen fiel. Er trug enge schwarze Jeans und ein offenes schwarzes Hemd mit leicht glänzenden, ebenfalls schwarzen Streifen. Darunter schmiegte sich ein weißes Tanktop an seinen schlanken Körper und betonte die Wölbungen seiner Brustmuskeln. Im Licht der Dämmerung waren es bloß Schatten, doch allein die Umrisse reichten, um in mir die Sehnsucht zu wecken, ihn zu berühren, ihm das Hemd vom Körper zu reißen, die unzähligen Tattoos darunter zu enthüllen, sie mit den Fingern und meiner Zunge nachzuzeichnen. Enge Jeans mit dunkelroten Wolfskopf-Aufnähern und Schmuckketten an den Taschen sowie Bikerboots aus Leder vervollständigten Johnnys Bad-Boy-Rocker-Look. Mir gefiel er.

»Ich kann es dir nicht sagen. Es ist mir peinlich, und anschließend wirst du es mir immer wieder unter die Nase reiben, wann immer sich die Gelegenheit ergibt

»Da gibt es aber etwas an dir, was ich viel lieber reiben würde Er entspannte sich und reichte mir die Hand. Irgendwo im Feld schrie Erik laut auf. Johnny fuhr herum und wollte seinem Drummer schon zu Hilfe eilen, als dieser rief: »Die Scheißspinne hat mich gebissen

Johnny wandte sich mir wieder zu und streckte mir die Hand entgegen, um mir aufzuhelfen. »Wie dem auch sei, du warst echt schnell, Red Red, so nannte er mich, seit Nana vor ein paar Wochen bei mir eingezogen war. Er sagte, er käme sich nun vor wie der große, böse Wolf, der Rotkäppchen bei seiner Großmutter besuchte. Was nicht ganz stimmte, denn Nana wohnte ja bei mir, nicht andersherum. Außerdem hasste sie es, wenn man sie Großmutter nannte.

Ich schob meine Hand in seine und er zog mich mühelos hoch.

»Sieh nur, du bist voller Gras«, sagte er mit einem spitzbübischen Lächeln und begann, die kleinen grünen Blättchen von den Ärmeln meines Flanellhemdes zu zupfen. Dann trat er hinter mich und berührte sanft mein dunkles Haar. Ein Schauer überlief mich. Seine Hände strichen leicht über den Rücken meines Hemdes. Dann stellte er sich wieder vor mich und ging in die Hocke, während er mit einer Hand an meiner Jeans entlangfuhr. Die andere beließ er sicher nur, um das Gleichgewicht zu halten an der Innenseite meines Oberschenkels.

Ich betrachtete sein Gesicht und dachte daran, wie stark sein Auge nach der Auseinandersetzung mit Menessos geschwollen gewesen war. Verdient hatte er es, keine Frage. Er hatte mich schließlich belogen. Aber immer wieder musste ich daran denken, wie ernsthaft, wie entschlossen er gewesen war. Johnny glaubte stärker an mich als ich selbst.

Und er wollte mich. All die Monate hatte er die Vollmondnächte stets allein in seinem Zwinger verbracht. Und wenn ich den Erzählungen von Celia und Erik glauben durfte, dann hatten ihn die Avancen anderer Frauen bei den Auftritten der Band immer kaltgelassen und es hatte reichlich interessierte Frauen gegeben.

Es schien, als hätte er auf mich gewartet. Auf mich, die für die Liebe hoffnungslos Unbegabte, die für eine normale Beziehung Untaugliche.

Auf mich.

Jetzt wohnten wir schon seit zwei Wochen unter demselben Dach, und obwohl er keine Zweifel an seinen Absichten gelassen hatte, hatte er mich nie gedrängt, war immer ein Gentleman geblieben wenn auch ein äußerst verführerischer Gentleman mit einem erstaunlichen Talent für zweideutige Anspielungen.

Für einen Wær war sexuelle Abstinenz etwas Absurdes, normalerweise war seine Libido ständig auf einem hohen Level aber Johnny hatte sich stets beherrscht, sich unter Kontrolle gehabt. Vielleicht hatte er auch sehr oft kalt geduscht, während er darauf wartete, dass ich endlich aufwachte.

Nun, jetzt war ich wach, genauso wie mein Verlangen nach körperlicher Befriedigung. Früher war ich mit einem gebrochenen Herzen fertig geworden, indem ich mir einredete, dass meine Libido mit einer Überdosis Schlaftabletten kaltgestellt war und mich somit nie wieder in eine Situation bringen könnte, in der ich so stark wie zuletzt würde leiden müssen. Aber nun war meine Lust aus dem langen Koma erwacht und schien die Absicht zu haben, das Verpasste nachzuholen. Die Frage, die sich mir stellte, war nur: Hatte Johnny sie geweckt, oder war mein Stigma der laut klingelnde Wecker gewesen?

Sein regennasses, gewelltes Haar zog meine Finger magisch an. Zärtlich strich ich ihm ein paar verirrte Strähnen aus der Stirn. Ich roch seinen Körper, seinen Duft nach Zedern und Salbei, und meine Hände wollten weiterwandern. Ich sehnte mich so danach.

Aber nein. Er war es schließlich gewesen, der Nana und Beverly in Gefahr gebracht hatte, also sollte ich böse auf ihn sein!

Beinahe hätte ich vor Frustration laut aufgestöhnt. In den letzten beiden Wochen hatte dies in meinem Verhältnis zu Johnny zu meinem größten inneren Kampf geführt.

Doch mein Gewissen erinnerte mich daran, dass letztendlich niemand zu Schaden gekommen war. Nana war lediglich empört gewesen, und Beverly hatte sich die Zeit ihrer »Entführung« mit Videospielen vertrieben, sodass der ganze Vorfall sie nicht weiter beeindruckt zu haben schien. Aber das war nicht der Punkt. Der Punkt war: Weil Johnny mich betrogen hatte, hätten sie verletzt und sogar getötet werden können.

Außerdem wartete ich immer noch darauf, dass er mir erklärte, wie er einzelne Körperteile wandeln konnte. Während seines kurzen Kampfes mit Menessos hatte er seine Hände in Klauen verwandelt, doch normalerweise war ein Wær zu partiellen Wandlungen nicht fähig.

Unter anderen Umständen hätte das bedeutet, dass sich der Wærwolf in der Nähe eines Hexenzaubers aufgehalten haben musste, ...

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