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Hexenkind

Über die Autorin

Joana Adesuwa Reiterer wurde 1981 in Nigeria geboren und arbeitete in der nigerianischen Film- und Entertainment-Industrie als Schauspielerin, Ausstatterin und Event-Produzentin. 2003 kam sie nach Österreich, wo sie 2006 den Verein EXIT gründete, der den Frauenhandel in Afrika bekämpft. Für ihr Engagement im Kampf gegen den Menschenhandel und gegen die Hexenverfolgung in Afrika wurde sie unter anderem von der Women’s Federation for World Peace mit dem Titel »Ambassador of Peace« geehrt.

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Inhalt
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Zitat
  7. Prolog
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  25. Kapitel 18
  26. Kapitel 19
  27. Kapitel 20
  28. Kapitel 21
  29. Danksagung
  30. Verwendete Quellen

Prolog

Am 30. August 2010 stellte sich Godswill Akpabio, der Gouverneur des nigerianischen Bundesstaates Akwa Ibom, einem Interview auf CNN zum Thema Hexenverfolgung in seinem Land. Kurz zuvor hatte der Sender einen Bericht gebracht, der Beweise für die Misshandlung von sogenannten »Hexenkindern« vorlegte. Kinder, denen die Anwendung von schwarzer Magie vorgeworfen wurde, waren zusammengeschlagen und mit kochendem Wasser übergossen worden. Einige der Kinder waren mit Narben übersät, die auf Schnittwunden von Macheten hindeuteten. Andere erzählten, sie wären von ihren Familien verstoßen worden.

Der Gouverneur bezeichnete die Anschuldigungen als übertrieben. Solche Dinge kämen nur sehr selten vor. Außerdem habe er bereits im Jahr 2008 ein Gesetz gegen diese Vorkommnisse erlassen. Das Gesetz machte die Stigmatisierung eines Kindes als Hexe zu einer kriminellen Handlung, die mit bis zu fünfzehn Jahren Gefängnis bestraft werden konnte.

»Das brachte die Situation sofort unter Kontrolle«, sagte Akpabio.

Auf genauere Nachfrage gab er jedoch zu, dass noch niemand nach dem neuen Gesetz verurteilt worden war. Fünf Menschen wären aber bereits angeklagt worden und befänden sich in ihrem Gerichtsverfahren.

Der Gouverneur attackierte einen Bericht scharf, der von Stepping Stones Nigeria, einem Verein, der mit lokalen Straßenkindern arbeitet, an die Vereinten Nationen geschickt worden war. Der Bericht enthielt Beweise dafür, dass eine große Anzahl von Kindern in Akwa Ibom der Hexerei beschuldigt und in die Wälder gebracht worden waren. Dort waren sie mit Säure verätzt, verbrannt oder lebendig begraben worden.

»Dieser Report ist Teil einer medialen Propaganda gegen den Staat und wurde aus finanziellen Gründen verfasst«, behauptete Akpabio.

Er erklärte auch, dass er selbst nicht an Hexerei glaube. Er glaube auch nicht, dass tausende nigerianische Kinder misshandelt würden, weil sie angeblich Hexen seien. Dennoch nähme er diese Anschuldigungen sehr ernst.

»Es gibt keine Regierung, die zusehen würde, wie Kinder lebendig verbrannt und umgebracht werden, ohne Maßnahmen zu ergreifen.«

1

Sommer 2008

Die feuchte Hitze machte den Wagen zu einem Dampfbad. Unser Fahrer kurbelte sein Fenster herunter und heiße, trockene Luft mischte sich mit dem Dampf im Inneren des Fahrzeugs. Mit erhobenem Kopf und ausgestreckter Hand versuchte der Fahrer, die Aufmerksamkeit einiger Soldaten, die neben der Straße standen, auf sich zu ziehen.

»Was ist denn schon wieder?«, rief er.

Niemand kümmerte sich um ihn. Frustriert klopfte er gegen die Außenseite der Fahrertür.

»Nutzloses Pack. Statt Verbrecher zu jagen, stehen sie herum und halten ordentliche Leute auf.«

Laut wagte er seine Beschwerde nicht vorzutragen, um die Soldaten nicht zu verärgern. »Motherfuckers«, schimpfte er leise. Er drehte sich zu uns um. »Habt ihr ein bisschen Kleingeld?«

Ich durchsuchte meine Handtasche.

»Etwa hundert Naira«, sagte ich. Den irritierten Gesichtsausdruck meines Mannes Harald ignorierte ich. Ich wusste, was gleich geschehen würde.

Einer der Soldaten kam zum Fenster.

»Well done«, begrüßte er den Fahrer. Er meinte damit wohl die Tatsache, dass wir angehalten hatten.

Unser Fahrer lächelte nun höflich.

»Danke, Boss! Wie geht es heute?«

Nigeria war voller Schauspieler. Dieses Talent zur Verstellung unterstützte den Erfolg von Nollywood, der nigerianischen Filmszene.

Ein zweiter Soldat kam näher. Er umrundete unseren Wagen und spähte herein. Seine Mimik war starr und seine Augen waren blutunterlaufen. Ich sah weg. Der erste Soldat beugte sich durch das halb offene Fenster zu uns.

»Wohin fahrt ihr?«, fragte er.

Ein Windstoß trieb den Geruch von Alkohol durch den Bus. Meine Schwester Itohan, die hinter mir saß, kommentierte das flüsternd.

»Betrunken. Wie immer.«

Unser Fahrer rückte so weit wie möglich vom Fenster weg. Es sah aus, als hätte er Angst, sich bei dem Betrunkenen mit dessen Fahne anzustecken.

»Nach Benin City«, sagte er zu dem Soldaten. Dann drehte er sich zu uns um. »Die Kontrollen sind notwendig. Räuber machen seit Jahren diese Strecke unsicher.« Entweder wollte er uns damit beruhigen oder dem Soldaten noch mehr von seiner gespielten Wertschätzung zeigen.

Harald verzog das Gesicht. Er brauchte für seine bissigen Kommentare nicht zu flüstern. Er sprach einfach deutsch.

»Ich bezweifle stark, dass uns dieser Haufen von Betrunkenen vor irgendjemandem retten könnte«, sagte er.

Ich warf ihm einen warnenden Blick zu.

»Wer ist das weiße Kind?«, fragte der Soldat. Er hatte meinen Sohn Roland gesehen.

»Er gehört zu den anderen«, antwortete der Fahrer schnell. »Sie sind eine Familie.«

»Oh, well done, sister!« Der Soldat schenkte mir ein zweideutiges Lächeln, das seine braunen Zähne zeigte.

Ich bedankte mich höflich.

»Wird das hier noch lange dauern?«, fragte ich. »Es ist schon recht spät, und Sie wissen ja, wie gefährlich die Straßen in der Nacht sind.«

Wie gefährlich sie waren, wusste ich seit meiner letzten Reise auf der A121 von Lagos nach Benin. Das war sechs Jahre zuvor gewesen, einen Tag vor dem Geburtstag meiner Schwester. Geburtstage bedeuteten uns viel, und ich wollte ihren auf keinen Fall verpassen, insbesondere nicht nach der Trennung unserer Eltern. Also nahm ich einen Nachtbus nach Benin.

Auf halbem Weg fuhr der Bus über ein Brett, das quer über die Straße gelegt worden war. Es war gespickt mit Nägeln, die die Reifen des Busses sofort zum Platzen brachten. Der Wagen kam ins Schleudern und es fielen Schüsse. Die Menschen schrien und beteten. Blut spritzte an die Fenster. Ein brennender Schmerz durchfuhr mich, eine Schrotkugel hatte sich in meine rechte Schulter gebohrt. Irgendwie schafften wir es, durch die zerbrochenen Fenster ins Freie zu kriechen. Dort warteten schon die Räuber, eine Bande Jugendliche, auf uns. Wir mussten uns flach auf den Boden legen.

»Geld her oder ihr seid tot!«, schrien sie uns an.

Einige Menschen starben noch vor Ort. Andere, die Geld hatten, konnten sich freikaufen und durften in den Wald flüchten. Ich gab den Räubern alles, was ich hatte, und rannte. Erst drei Stunden später kam die Polizei.

Diese Nacht war mir eine Lehre gewesen, die Straße nach Benin nie mehr nach Einbruch der Dunkelheit zu nehmen. Die Narbe, die mir von der Schusswunde geblieben war, erinnerte mich immer wieder daran.

Der Soldat antwortete nicht. Mein Mann wurde immer unruhiger.

»Was wollen die eigentlich? Geld?« Der Ärger in seiner Stimme war unüberhörbar.

Ich betete, dass wir die Kontrolle unbeschadet überstehen würden und dass alles bald vorbei sein würde. Auch für mich waren diese sogenannten Checkpoints nervenaufreibend, insbesondere weil wir auf dieser Straße alle fünf Minuten einen passieren mussten.

»Wir sind sehr froh, dass Sie diese Autobahn sichern, das ist wirklich gute Arbeit«, sagte ich rasch zu dem Soldaten.

»Danke«, antwortete er. »Diese Idioten von Fahrern verstehen das leider nicht. Gestern erst haben wir wieder einen gerettet.«

Ich versuchte, interessiert auszusehen.

Der Fahrer suchte in seinen Taschen nach Kleingeld. Zumindest tat er so. Minuten verstrichen.

Der Soldat hatte keine Eile. Wild gestikulierend erzählte er uns von seinem tapferen Einsatz in der vergangenen Nacht, von Schüssen und von seinem Sieg gegen die Räuber. Mit einer Flasche Dry Gin aus seiner Hosentasche prostete er Gott im Himmel zu, der ihn heil aus der Sache herausgebracht hatte.

Zum Glück kannte sich unser Fahrer aus. Er war bei jedem Checkpoint stehen geblieben und hatte die Anweisungen der Soldaten mit einem verständnisvollen Lächeln befolgt. Solange ein Fahrer kooperativ war, machten sie keinen Gebrauch von den braunen Gewehren, die über ihren Schultern hingen.

Der Soldat vor unserem Fenster wurde ungeduldig und unterbrach seine Lobrede auf sich selbst.

»Beeil dich, Fahrer«, sagte er. »Du verzögerst alles.«

Mit der Spitze seines Gewehrs deutete er auf die Schlange wartender Autos hinter uns. Ich sah mich um. Links und rechts der Straße war der Busch. Die Pflanzen waren so braun wie der lehmige Boden, ausgetrocknet und mit Staub bedeckt. Frauen und Kinder liefen mit Obstschalen auf dem Kopf zwischen den Autos durch. Sie nutzten die Gelegenheit, um etwas zu verkaufen. Ich sah nach Roland. Er lächelte und zeigte mit seinem Kinderfinger auf den Soldaten.

»Oyibo Baby, du schwitzt aber sehr.« Der Soldat lachte Roland freundlich an. Dann wandte er sich wieder an mich. »Sister, putz seine Stirn. Er ist zu schön, um zu schwitzen.«

»Du bist es, der ihn in dieser Hitze warten lässt«, sagte ich steif. Ich nahm meine Tasche und suchte nach einem Geldschein.

»Gib ihm nichts«, sagte Harald. »Er bekommt genug Gehalt fürs Nichtstun.«

Ich ignorierte meinen Mann. Ich wollte dieses korrupte System natürlich nicht unterstützen, doch mehr als alles andere wollte ich weg von dieser Straße. Der Soldat spazierte inzwischen zu dem Auto hinter uns, während ein anderer unseren Bus umrundete. Die Sonne stand schon tief am Himmel. Je länger wir warteten, desto ängstlicher wurde ich. Vor allem wegen Roland. Er saß auf meinem Schoß, denn Kindersitze gab es in Nigeria nicht. Das machte mich fast noch nervöser als die Gewehre der Soldaten. Ich selbst war ebenfalls ohne Kindersitz aufgewachsen, doch in Europa hatte ich mich an die höheren Sicherheitsstandards gewöhnt. Hier, auf der staubigen Autobahn zwischen Lagos und Benin, schien Europa allerdings so fern zu sein wie der Mond.

Nachdem der Soldat seine zweite Runde vollendet hatte, steckte unser Fahrer seine Hand erneut aus dem Fenster. Der Soldat ergriff sie und zwanzig Naira wechselten unauffällig den Besitzer. So regelt man die Dinge hier.

Nachdem wir losgefahren waren, sprang die Klimaanlage an und die Temperatur im Auto war bald wieder angenehm. Ich sah von meinem Mann zu meinem Kind, dann aus dem Fenster auf die staubige Straße. Die nigerianische Sonne stand tief am Himmel und schien mir ins Gesicht.

Ich war zum ersten Mal seit vielen Jahren zurück in meiner Heimat. Offiziell war es eine Geschäftsreise. Vor fünf Jahren hatte ich in Wien einen Verein zur Bekämpfung von Menschenhandel gegründet, der hier in Nigeria eine Niederlassung hatte. Ich war gekommen, um einige Projekte voranzutreiben und mich mit der Leiterin vor Ort zu besprechen. Gleichzeitig wollte ich die Zeit nutzen, um meine Mutter, meine Geschwister und meine Großmutter wiederzusehen, die alle noch hier lebten. Seit ich aus Afrika fortgegangen war, hatte ich nur noch telefonisch Kontakt zu ihnen gehabt.

Dann war da auch noch mein Vater. Ich hatte niemandem von meinem heimlichen Wunsch, auch ihn zu treffen, erzählt. Meinem Mann Harald nicht und schon gar nicht meiner Mutter, die am wenigsten Verständnis dafür gehabt hätte. Mein Vater hatte unsere Familie zerstört. Wegen ihm hatte ich viele Nächte auf der Straße verbringen müssen. Doch er war auch der Grund, warum ich nächtelang wach lag und mich nach Hause sehnte. Er war immer noch mein Daddy, und ich wünschte mir nichts mehr als einen Neuanfang mit ihm. Doch was zwischen uns vorgefallen war, war nicht so einfach zu vergessen.

2

1997 – 2008

Meine Eltern hatten immer schon viel gestritten. Anfangs, als ich noch klein war, war alles noch nicht so schlimm gewesen. Mein Vater führte eine erfolgreiche Tankstelle, von deren Einnahmen unsere Familie gut leben konnte. Wir waren eine normale Familie der nigerianischen Mittelschicht. Meine Mutter arbeitete als Lehrerin. Meine beiden Brüder, meine kleine Schwester und ich besuchten gute Schulen. Mein Vater war geschäftlich viel unterwegs. Oft nahm er uns auf seine Reisen mit und wir verbrachten viele schöne Tage an den Stränden von Nigeria.

Irgendwann änderte sich etwas. Ich weiß nicht genau wann, und ich weiß bis heute nicht, warum es gerade zu diesem Zeitpunkt geschah. Eines Tages sah mein Vater meine Mutter mit anderen Augen an. Hatten sie sich zuvor immer wieder kurz wegen Kleinigkeiten gezankt, so stritten sie jetzt heftig und lange, bis meine Mutter nach- oder aufgab und weinend in die Küche flüchtete. Ich sah sie zu keinem Zeitpunkt mehr ohne blaue Flecken. Sie trug eine riesige Sonnenbrille, doch ihre geschwollenen Augen und die Schrammen waren nicht zu übersehen. Niemand wagte es, sich einzumischen. Bekannte und Verwandte sahen einfach weg.

»Das ist eine familieninterne Angelegenheit«, sagten sie.

Es war der Vorwurf der Hexerei, der im Raum stand, und in so etwas wollte niemand hineingezogen werden. Meine Großmutter war die Einzige, die uns zu helfen versuchte. Doch mein Vater verbot ihr, unser Haus zu betreten, und so konnte sie nicht viel tun. Sie durfte nicht einmal mit meiner Mutter, ihrer eigenen Tochter, reden. Ich wusste, dass sich meine Eltern früher oder später trennen würden.

Mein Vater hatte Probleme mit seinem Geschäft. Da die Schuld dafür seiner Meinung nach unmöglich bei ihm liegen konnte, musste er sie bei jemandem anderen suchen. Zuerst beschuldigte er seine eigenen Eltern, insbesondere seinen Vater. Zu ihm durften wir daher keinen Kontakt haben. Auch seine Geschwister verdächtigte er, ihm aus Eifersucht auf seinen Erfolg schaden zu wollen. Deshalb ging er gemeinsam mit seiner Cousine, meiner Tante Clara, von einer Kirche zur nächsten, um sich Rat zu holen. Zum Schluss landete er bei einem Juju-Priester, der schnell eine Schuldige fand: meine Mutter. Sie sollte meinen Vater verhext haben.

Jeden Tag kam mein Vater nun mit neuen Beschuldigungen nach Hause. Er drängte meine Mutter, zuzugeben, dass sie eine Hexe sei. Das wäre ihre einzige Chance, sein Geschäft und ihre Ehe zu retten.

»Wenn du es zugibst, bezahle ich sogar die notwendigen Rituale, um deine bösen Kräfte zu vertreiben«, bot er ihr an. »Vielleicht lassen sich deine Kräfte auch umkehren und du kannst sie für etwas Gutes einsetzen. So hätten wir alle etwas davon. Deine Kinder könnten weiter zur Schule gehen. Tu es, wenn du deine Kinder liebst!«

Mein Vater drängte meine Mutter jeden Tag mehr und wurde immer aggressiver dabei. Einmal prügelte er so heftig auf sie ein, dass sie fast ohnmächtig wurde.

»Eure Mutter ist böse, weil sie nicht zugeben will, dass sie eine Hexe ist«, rechtfertigte er sich vor uns Kindern.

Seine Ausbrüche wurden so schlimm, dass sogar ich meine Mutter zu einem Geständnis drängte. Ich flehte sie an, es für uns, ihre Kinder, zu tun.

»Akzeptiere einfach die Beschuldigungen. Mach die Rituale und dann wird alles wieder gut«, sagte ich.

Ich war egoistisch. Ich hatte Angst, mein Vater würde in Konkurs gehen und könnte das Schulgeld für unsere guten Schulen nicht mehr bezahlen. Meine Mutter war nur eine einfache Lehrerin und verdiente nicht annähernd genug, um dafür aufzukommen.

»Wir alle sind von Daddy abhängig«, sagte ich. »Bitte, tu einfach, was er sagt.«

Da wusste ich noch nicht, dass ich bald selbst an die Stelle meiner Mutter rücken würde – als der nächste Sündenbock meines Vaters.

»Deine Frau ist nicht die Einzige, die dir schadet«, verkündeten die Priester meinem Vater eines Tages. Ich war damals etwa vierzehn Jahre alt. »Zwei deiner Kinder sind ebenfalls Hexen. Auch sie müssen ihre Schuld zugeben. Das ist die einzige Möglichkeit, den Bann zu brechen.«

Als mein Vater von den Priestern nach Hause kam, erzählte er uns, was sie gesagt hatten. Wir Kinder mussten uns in einer Reihe aufstellen, während er vor uns auf und ab schritt und die Worte der Priester wiedergab. Von da an hörten die Anschuldigungen nicht mehr auf. Jedes Mal wenn ich nach Hause kam, redete mein Vater auf mich ein. Meine Zeit daheim wurde zur Qual.

Mit sechzehn wurde ich an der Universität angenommen. Ich war froh, eine gute Ausbildung zu bekommen. Das war in Nigeria nicht selbstverständlich, schon gar nicht für ein Mädchen. Solange mein Vater das Geld für die Universität bezahlte, konnte ich studieren. Ich musste jedes Wochenende zwei Stunden mit dem Bus nach Hause fahren, um mir das Schulgeld für die nächste Woche abzuholen. Das viele Fahren machte mir nichts aus. Ich wusste aber, dass es nur eine Strategie meines Vaters war, um mich im Auge zu behalten. Wenigstens sah ich meine Mutter und meine Geschwister, wenn ich am Wochenende heimkam.

Als ich eines Abends die Straße zu unserem Haus entlangging, sah ich meinen Vater schon am Balkon stehen und auf mich warten. Er zupfte seine Kleider zurecht und sah auf mich herunter. Seine Augen und sein Mund waren zu schmalen Schlitzen zusammengepresst. Es war klar, dass es Ärger geben würde. Diesen Ausdruck in seinem Gesicht kannte ich bereits. Mein Vater kochte vor Wut.

Unsere Nachbarn standen am Zaun und sahen zu uns herüber. Auch sie wussten wohl, dass es heute wieder einmal einen schrecklichen Streit geben würde. Ich hasste es, ein Teil dieser öffentlichen Vorführungen zu sein. Ich schämte mich. Doch unsere Nachbarn hatten nichts Besseres zu tun, als immer wieder unseren Streitereien zu lauschen. Die Familienzwiste waren eine willkommene Abwechslung in ihrem eintönigen Alltag. Ich hörte, wie sie tuschelten. Manche wollten uns sogar Anweisungen geben, als führten sie Regie in einem schlechten Film.

Mein Vater liebte es, der Protagonist unserer kleinen Dramen zu sein. Ob er dabei eine gute oder böse Rolle spielte, war ihm offenbar egal. Hauptsache, er stand im Mittelpunkt.

»Was tust du hier?«, fragte er mich von seinem Balkon herunter.

Ich fühlte alle Kraft aus meinem Körper weichen. Ich stammelte meine übliche Begrüßung.

»Guten Abend, Daddy.«

»Bleib, wo du bist!«, befahl er.

Ich blieb wie angewurzelt vor dem Zaun stehen, nur ein paar Meter von meinem Elternhaus entfernt. Ich wartete, dass irgendetwas geschehen würde. Ich hoffte, meine Mutter würde aus dem Haus laufen und mir helfen, doch sie kam nicht.

Eine unserer Nachbarinnen rief mir die schreckliche Nachricht schließlich zu.

»Deine Mutter ist fort!«

Mein Vater hatte sie aus dem Haus geworfen. Ich sah die Frau mit offenem Mund an und für einen kurzen Moment glaubte ich, in Ohnmacht zu fallen. Mir schwindelte und dann hatte ich das Gefühl, mich von meinem Körper zu lösen, hoch oben zu schweben und das Geschehen am Boden wie aus großer Entfernung zu beobachten. Ich sah mich selbst auf dem Hof stehen. Ein Mädchen ohne Mut und Hoffnung. Die zornige Stimme meines Vaters durchschnitt die Stille und brachte mich ruckartig zurück in die Realität.

»Böses Kind! Du bist eine Hexe!«, schrie er.

Seine Worte schmerzten wie Messer in meiner Brust. Tränen flossen unkontrolliert über meine Wangen. Mein Vater war außer sich vor Wut.

»Beide seid ihr Hexen! Adesuwa! Itohan! Eine nutzlose Mutter habt ihr! Geht zu ihr!«, schrie er. »Hexen, Wassergöttinnen, Ogbanjes, das seid ihr! Wegen euch habe ich alles verloren.«

Erschrocken hörte ich, wie mein Vater auch meine kleine Schwester angriff. Er gab uns die Schuld an seinen finanziellen Misserfolgen, und nun schrie er seine Wut heraus, damit alle Nachbarn davon hörten.

In Nigeria haben die meisten Menschen genauso viel Angst vor bösen Kräften wie mein Vater.

Ich wusste, es würde nicht lange dauern, bis unsere Nachbarn alles weitererzählt hatten. Bald würden alle meine Freunde davon erfahren und auch sie würden es weitererzählen, bis es ganz Benin wusste. Meine Schwester Itohan und ich waren als Hexen gebrandmarkt.

»Bring ihre Sachen her«, hörte ich meinen Vater zu meinem älteren Bruder Fred sagen.

Fred gehorchte. Mein Vater riss ihm den Reisesack mit Schwung aus der Hand, sodass Fred beinahe der Länge nach hingefallen wäre. Der Sack fiel vom Balkon, landete auf dem betonierten Teil unseres Hofes und riss auf.

Ich lief hin, sammelte die Kleider ein und machte einige schnelle Schritte zurück zum Tor. Itohan kam aus dem Haus und lief auf mich zu.

»Ich will mitkommen!« Sie weinte und umfasste meine Taille.

Sie war erst elf und reichte mir gerade bis zur Schulter. Mein Vater hatte sie ebenfalls eine Hexe genannt, doch aus dem Haus geworfen hatte er sie noch nicht. Heute war der Großteil seiner Wut gegen mich gerichtet, ihr Tag würde wohl erst später kommen.

Itohan hatte dennoch Angst vor ihm, jetzt da Mutter und ich nicht mehr da sein würden. Sie umklammerte meinen Bauch, so fest sie konnte. In mir fühlte es sich an, als ob etwas zerbrechen würde. Mein Magen war leer, bis auf einen beißenden Schmerz, der mich fast umwarf.

»Ich weiß noch nicht, wo ich hingehe, und ich habe kein Geld. Bleib lieber hier«, sagte ich mit letzter Kraft zu Itohan, doch sie wollte nicht hören.

»Nein, lieber sterbe ich!« Sie weinte und hielt mich fest. »Du wirst es schaffen. Du wirst dich um mich kümmern.«

»Verlasst beide dieses Haus«, schrie da mein Vater. »Ihr seid Hexen, genau wie eure Mutter. Auch du, Itohan! Ihr seid alle gleich. Verlasst mein Grundstück, bevor ich das Gewehr hole und euch erschieße!«

Itohan brauchte mich nicht weiter zu überreden. Ihr Tag war nun doch schon früher gekommen.

Wir kamen vorübergehend bei unserer Großmutter unter. Wir waren völlig mittellos, besaßen nur noch die wenigen Kleidungsstücke, die mein Vater uns erlaubt hatte mitzunehmen. Wir hatten kein Geld für die Schule und kaum zu essen.

Wenn ich mich heute an diese Zeit erinnere, ist alles ein bisschen verschwommen. Doch so aussichtslos die Lage auch war, irgendwie ging es immer weiter, mal bergauf, mal bergab. Ich fand eine Arbeit und baute mir ein Geschäft auf. Ich zog meine Schwester groß. Wir überlebten.

Ich lernte einen Mann kennen, heiratete und kam nach Österreich. Die Ehe scheiterte, doch auch danach musste es weitergehen. Langsam arbeitete ich mich nach oben und baute mir eine neue Existenz auf.

Ich lernte Harald kennen. Ich wollte anderen Menschen in Not helfen und gründete den Verein EXIT. Nun, elf Jahre nach diesem furchtbaren Abend, war ich erneut, und dieses Mal wirklich glücklich verheiratet. Mein erstes Kind, Roland, war bereits ein Jahr alt. Ich hatte mein Leben im Griff.

3

Wir waren bereits mehr als sechs Stunden unterwegs, und das, obwohl die Entfernung zwischen Lagos und Benin City nur knapp dreihundert Kilometer beträgt. Die vielen Checkpoints und die tiefen Löcher in der Straße hatten uns drei Stunden gekostet. Schließlich hielten wir an einer der vielen Raststationen, die gemeinsam mit Öltankern, Motorrädern und Verkaufsständen die Straße säumten. Wir waren im nigerianischen Bundesstaat Ondo gelandet, in einer Stadt namens Ore.

»Ore ist ein guter Ort, um Rast zu machen. Von hier aus ist es nicht mehr weit«, meinte meine Schwester.

Sie hatte recht. Von Ore waren es nur noch dreißig Kilometer bis nach Benin, höchstens eine Stunde Fahrt.

»Fünf Minuten«, sagte unser Fahrer. Er wollte nicht länger hier bleiben als unbedingt nötig.

Ich reichte Roland meiner Schwester, die ihn bereitwillig auf den Schoß nahm, und stieg aus dem Auto, um meine Beine nach der langen Fahrt kurz auszustrecken. Sofort schlug mir das intensive Aroma von Suya entgegen. Suya war eines der wenigen Dinge, die ich in Österreich wirklich vermisste. Die gegrillten Fleischspieße mit Erdnüssen sind eine nigerianische Delikatesse.

Ich bestellte an einem der Stände eine Portion und wartete. Heißer Wind blies mir um die Ohren und wehte mir Sand und Staub ins Gesicht. Ich hielt mir die Hand flach über die Augen und sah mich blinzelnd um. Ich war wirklich wieder in Nigeria. Ich konnte es noch gar nicht glauben. Die tiefe Sehnsucht, die ich schon seit Jahren gefühlt hatte, stieg mit voller Kraft in mir hoch und mischte sich mit Vorfreude und Angst.

Eine Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Das Suya war fertig. Die Verkäuferin hielt es mir lächelnd hin. Rasch nahm ich es und ging zum Wagen zurück. Der Fahrer wartete schon ungeduldig.

Wir kamen Benin City immer näher und mit jedem Kilometer schlug mein Herz etwas schneller. Ich legte den Kopf auf Haralds Arm. Durch die Windschutzscheibe sah ich schon die ersten Häuser von Benin.

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