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Hexenkatze

Über Andrea Schacht

Andrea Schacht lebt als freie Schriftstellerin in der Nähe von Bad Godesberg. Neben erfolgreichen historischen Romanen hat sie etliche Bücher veröffentlicht, in denen Katzen eine Hauptrolle spielen. Bei Rütten & Loening liegen von ihr vor: »Das doppelte Weihnachtskätzchen«, «Weihnachten mit Plüsch und Plunder«, »Weihnachtskatz und Mausespeck« sowie »Weihnachtskatze gesucht«. Im Aufbau Taschenbuch veröffentlichte sie »Der Tag mit Tiger«, »Auf Tigers Spuren«, »Tigers Wanderung«, »Die Katze mit den goldenen Augen«, »Katzenweihnacht« sowie »Morgen Katzen wird’s was geben«.

Informationen zum Buch

Deba McMillen hat nach der Trennung von ihrem amerikanischen Mann eigentlich genug von Männern. Auch ihr Nachbar Alexander Harburg macht keinen besonderen Eindruck auf sie – ganz im Gegenteil. Immer öfter muss sie sich über ihn ärgern, was seltsame Kräfte in ihr freisetzt. Auf der Suche nach der Ursache ihrer zerstörerischen Fähigkeiten begreift Deba, dass es irgendwie mit den Katzen Holy und Mystery zu tun hat, die sich bei ihr und ihrer Tochter Micki eingeschlichen haben. Ein wunderbarer Roman über Katzen, Liebe und Dämonen.

»Mam, fahr etwas langsamer, da vorne läuft gleich eine Katze über die Straße!«

Wenn Micki das so sagt, dann höre ich auf sie. Mit schlechtem Gewissen kam ich von den siebzig Stundenkilometern runter, die in dem Wohngebiet mit verkehrsberuhigtem Tempo dreißig wirklich zu viel waren. Somit konnte ich noch rechtzeitig auf die Bremse treten, als eine graugetigerte Katze mit weißen Pfoten schwerfällig über die Straße trottete. Ihr Ziel war wohl das unbebaute Grundstück gegenüber. Allerdings sträubten sich mir dennoch die Nackenhaare, und ich warnte meine Tochter: »Gleich knallt’s!«

In diesem Moment kam ein dunkler Wagen der gehobenen Klasse um die Ecke geschossen. Gummi quietschte auf dem Pflaster, es krachte ohrenbetäubend, Glas klirrte und splitterte, und wir wurden ein ganzes Stück nach vorne geschoben. Die Tigerkatze wurde von unserer Stoßstange erfasst und flog auf den Bürgersteig.

Micki und ich rissen gleichzeitig unsere Türen auf, um nach dem Tier zu sehen.

Die Graugetigerte war schon recht betagt, aber dennoch sichtlich hochträchtig. Sie sah uns benommen aus wundervollen blauen Augen an, was auf eine orientalische Beimischung schließen ließ. Vertrauensvoll ließ sie sich von Micki, die ein Händchen für kranke Wesen hat, untersuchen. Unser erster Eindruck war, dass sie außer einem Schock keine Verletzung erlitten hatte. Allerdings stand die Niederkunft nahe bevor. Vermutlich war sie auf dem Weg zu ihrem Nest.

»Wir sollten sie mitnehmen«, meinte Micki und sah mich fragend an. »Und außerdem sollten wir das Geräusch da abstellen.«

»Das Geräusch da«, wie Micki es so feinfühlig bezeichnete, nahm ich jetzt auch wahr, da ich mich nicht mehr auf die Katze konzentrierte. Es kam aus dem Mund einer jungen Frau, die dem BMW entstiegen war. Und es war unangenehm.

»Sind Sie eigentlich bescheuert, oder was? Einfach hier zu halten! Ich glaube, Sie ticken nicht ganz richtig. Sehen Sie sich doch mal an, was mit meinem Auto passiert ist. Ist Ihnen das denn völlig egal? Ich könnte durch die Scheibe geflogen sein und verbluten. Aber Sie knien hier einfach neben einer verwilderten Katze …«

Ich sah so kühl wie möglich nach oben.

»Erstens sind wir in einem Wohngebiet, da muss man damit rechnen, dass einem Haustiere, Kinder oder alte Leute über den Weg laufen. Und zweitens waren Sie ein bisschen hurtig unterwegs, meinen Sie nicht auch?«

»Einen Dreck war ich, Sie miese Schnepfe! Sie haben hier einfach mitten auf der Straße angehalten, Sie gefährden hier den Verkehr. Ich werde die Polizei rufen.«

»Nur zu«, munterte ich das zornschnaubende Geschöpf auf und betrachtete sie näher. Natürlich, die war das! Und das Auto kannte ich ebenfalls. Leider mischte sich jetzt Micki auch noch ein, die schnurrende Katze auf dem Arm.

»Sie sollten wirklich langsamer fahren, unsere erste Katze ist auch von so einem Raser überfahren worden.«

»Halt dich da raus, du blödes Negergör. Du hast hier überhaupt nichts zu melden. Verp …«

Nun ist Micki ein klein wenig empfindlich, was ihre Hautfarbe anbelangt. Ich sah, wie sie sich steif machte und Xenia, unsere wildgewordene Unfallgegnerin, mit einem brennenden Blick musterte. Diese machte einen Schritt auf uns zu, stolperte über die Bordsteinkante, verlor das Gleichgewicht und setzte sich mit ihrem orangeroten Seidenhintern in eine schlammige Pfütze. Damit war »das Geräusch da« kurzzeitig abgestellt.

Ich stellte mich zwischen die beiden, und Micki senkte verschämt die Augen.

»Was ist denn hier passiert?«, hörte ich eine Reibeisenstimme fragen – auch diese war mir bestens bekannt. Ich wappnete mich gegen den nächsten Ausbruch wütender Anschuldigungen, denn das Auto, das sich in das Heck meines Kleinwagens gebohrt hatte, gehörte meinem Nachbarn Alexander Harburg, zu dem mein Verhältnis höflich als »leicht gespannt« umschrieben werden konnte. Also schickte ich zuerst einmal Micki weg. Das konnte ich relativ einfach, da sich das ganze Drama unweit unseres Hauses abgespielt hatte. Ich warf ihr also den Schlüssel zu und forderte sie auf: »Bring die Katze rein und mach ihr Tigers alten Korb zurecht. Vielleicht müssen wir noch zum Tierarzt.«

»Unsere geschätzte Nachbarin hat ihrem Tierschützer-Trieb nachgegeben und sich mir in den Weg gestellt«, fauchte Xenia und betastete stinkwütend ihr nasses Hinterteil.

»Eine leicht übertriebene Darstellung.«

»Es ist Ihnen sicherlich klar, dass das Parken hier verkehrsbehindernd ist, Frau McMillen. Oder sehen Sie das anders?« Dieser Mann konnte Eissplitter in seine Stimme legen.

»Ich parke hier nicht, Herr Harburg.« Ich konnte auch Frost erzeugen.

»Ich hoffe, Sie sind versichert.«

»Und ich hoffe, dass Sie oder diese reizende junge Dame das ebenfalls sind. Nach den hiesigen Bestimmungen der Straßenverkehrsordnung ist nämlich derjenige, der auffährt, zunächst einmal schuld.«

Schon keifte Xenia wieder los. Und ich hatte alle Mühe, meine Gefühle für sie unter Kontrolle zu halten. Immerhin ging sie mit dem Gegeifere offensichtlich meinem Nachbarn auch auf die Nerven, und er wies sie an, sich still zu verhalten. Schmollend drehte sie sich von ihm weg. Dann ließ er sich herab, sich meine Version des Unfallhergangs anzuhören, und willigte schließlich, nach oberflächlicher Prüfung des Schadens, ein, ohne die Gesetzeshüter einzuschalten, die Angelegenheit über seine Versicherung abzuwickeln.

Nur den Ärger hatte ich mal wieder. Traurig sah ich die barocken Formen des hinteren Teils meines Kleinwagens an. Das andere Fahrzeug hatte lange nicht so viel Schnörkel im Blech. Aber ein größeres Auto konnte ich mir im Moment nicht leisten, jetzt, wo ich das Haus gekauft hatte. Ich zuckte mit den Schultern, parkte am Straßenrand und machte mich ans Telefonieren. Zum Glück hatte die Werkstatt wenigstens gleich einen Termin frei und einen Leihwagen für mich.

Micki hatte eine alte Decke und ein Kissen in einen runden Korb gelegt, und die Grautiger-Kätzin war heftig dabei, Kinder zu gebären, als ich zurückkam.

»Ich glaube nicht, dass die hier jemandem gehört. Oder hast du sie schon mal gesehen, Mam?«

»Doch, ja. Drüben in der Wiese. Hat sie irgendwelche Kennzeichen?«

»Nein, nichts. Du, das wär schön, wenn die bei uns bleiben würde.«

Micki sah mich mit sehnsüchtigen braunen Augen an. Die sie nicht von mir hat, denn meine sind nun mal grün. Und schon lange nicht mehr sehnsüchtig.

»Ich vermute, so eine alte Streunerin bleibt nicht im Haus.«

»Aber die Kitten, die Kleinen …?«

»Ein Wurf kann bis zu sieben …«

»Versuchen kann man es, ja, Mam? Bitte! Ich glaube nämlich, diese Katze ist ein Omen!«

»Mmh. Ein gutes oder ein böses?«

»Weiß ich noch nicht. Ein bisschen von allem, denke ich. Wie immer. Aber ist auch wurscht. Ich möchte sie behalten. Und wenigstens zwei von den Kitten.«

»Also gut, zwei kleine Katzen. Aber du kümmerst dich darum. Und darum, dass alle, die über zwei sind, ordentlich untergebracht werden.«

»Okay.« Sie strahlte mich an und streichelte die Grautigerin, die ein schwarzes, feuchtes Etwas produziert hatte und jetzt heftig ableckte. »Hat sich der Schorsch von nebenan eigentlich beruhigt?«

»Der wer?«

»Unser Nachbar.«

Ich verkniff mir ein Kichern. Der »Schorsch von nebenan« war gut. Ich weiß nicht, ob ich das Haus genommen hätte, wenn ich vorher gewusst hätte, was wir uns für Probleme mit dem Mann eingehandelt hatten. Aber das war etwas, um das ich mich zum Zeitpunkt der Suche wenig gekümmert hatte. Dumm gelaufen!

»Herr Alexander Harburg hat zwar Frost verbreitet, aber sich zumindest fair verhalten. Was schon ein Wunder an sich ist.«

»Zumindest ist das mehr als das, was die schrille Xenia geboten hat. Guck mal, da ist das nächste Kätzchen.«

Wer bin ich, dass ich meiner Tochter den Wunsch nach den Kätzchen hätte abschlagen können? Vor allem, wo wir jetzt ja wirklich auch die Umgebung dazu hatten.

Vor einer Woche waren wir in die Doppelhaushälfte eingezogen. Schon zu diesem Zeitpunkt war mir klar, dass wir es mit unserem Nachbarn nicht leicht haben würden.

Natürlich hatten wir vor dem Einzug renovieren müssen. Damit fingen die Schwierigkeiten bereits an. Nicht, dass ich Probleme mit dem Renovieren habe. Wände streichen, Lampen anbringen, Gardinenleisten befestigen und kleinere Elektromontagen bekomme ich ganz gut hin. Und auch Micki ist sehr geschickt. Wir klebten also fröhlich die Fenster und Türen ab und hatten dazu eine fetzige CD laufen. Und weil man sich ja nicht einseitig belasten soll, drehten wir bei unserer Lieblingsmusik den Lautstärkeregler etwas höher und tanzten ausgelassen in den leeren Räumen. Es hallt so schön, wenn keine Möbel in der Wohnung stehen.

Plötzlich brach die Musik ab, und ein Mann stand an der offenen Terrassentür, den Stecker in der Hand.

»Es mag ja sein, dass Sie der irrigen Auffassung sind, sich hier benehmen zu können wie im Affenstall, aber ich muss doch um etwas mehr Rücksichtnahme bitten, junge Frau!«

Die Stimme war polterig, der Mann groß und breitschultrig, aber da ich gegen das Licht blicken musste, konnte ich sein Gesicht nicht erkennen. Außerdem schätze ich es nicht, von wildfremden Männern mit »junge Frau« angeredet zu werden! Schon gar nicht in dem Ton.

»Wer sind sie eigentlich?«, pflaumte ich daher etwas ungehalten zurück.

»Zufällig ihr Nachbar. Und ich muss sagen, so wie Sie sich hier einführen, lässt das nicht auf ein gutes Zusammenleben schließen.«

»Das letzte, was ich will, ist mit Ihnen zusammenleben, guter Mann«, giftete ich zurück. »Wir renovieren unser Haus, wie es uns passt. Wie Sie vielleicht wissen, kann es dabei durchaus mal etwas laut werden.«

»Sie sollten mit Fachleuten arbeiten. Profis stellen sich geschickter und leiser an. Und beschallen nicht die gesamte Nachbarschaft mit dieser Teufelsmusik!«

Ich war inzwischen auf hundertachtzig. Was bildete sich dieser Mensch denn ein?

»Weder habe ich Sie eingeladen, in mein Haus zu kommen, noch brauche ich Ihre Ratschläge. Sie können also gerne verschwinden.«

»Sie sind eine aufsässige, unerzogene Zeitgenossin, junge Frau. Merken Sie sich bitte, dass Sie nicht alleine in diesem Haus wohnen. Und mäßigen Sie vor allem die Lautstärke der Musik bei Ihren Tanzeinlagen.«

Damit verschwand er.

»O Mann, das ist unser Nachbar?« Micki klappte die Augen nach oben.

Wir stellten zwar nach diesem Auftritt die Musik etwas leiser, aber ich konnte es nicht lassen, bis abends um zehn noch ein wenig zu bohren und zu hämmern. Schließlich wollten wir nicht in eine Baustelle einziehen.

Aber entweder war der Herr Nachbar nicht zu Hause, oder diese Art Lärm störte ihn nicht so sonderlich, jedenfalls bekamen wir zu dem Thema keinen Anpfiff mehr. Jedoch zu einem anderen.

Wir hatten unsere Müllsäcke mit Tapetenresten und Farbeimern auf der Terrasse gelagert, weil die Müllabfuhr uns noch nicht auf der Entsorgungsliste hatte. Leider war einer der blauen Plastiksäcke aufgegangen, und der Inhalt hatte sich dummerweise auf das Nachbargrundstück ergossen.

Diesmal sah ich auch sein Gesicht. Der Mann mochte so Mitte vierzig sein, dunkler Schnauzbart, grimmige Augenbrauen und ein verwittertes Gesicht. Er hätte vielleicht sogar in gewisser Weise als attraktiv gelten können, wenn er nicht mit einer derart eisigen Miene seine Beschwerde vorgebracht hätte.

»Sorgen Sie gefälligst dafür, dass Ihr Müll aus meinem Garten verschwindet«, begrüßte er mich, als ich mit einer schweren Bücherkiste die Treppe zur Haustür erklomm.

Ich gönnte ihm nur einen kalten Blick und schob ächzend meine Last in den Flur. Das konnte ja wirklich heiter werden. Drinnen setzte ich mich schnaufend auf die Kiste. Nicht, dass ich seine Hilfe gebraucht hätte. Ich bin gut trainiert und schaffe solche Aktionen auch alleine. Außerdem, viele Möbel hatten wir ja sowieso nicht, die großen, neuen Teile hatte das Möbelhaus bereits angeliefert, und zwei, drei Bekannte hatten mit aufgebaut. Aber im Interesse gut nachbarschaftlichen Verhaltens hätte er ja wenigstens ein Hilfsangebot machen können, statt mich gleich wieder anzurußen.

Als ich mit Micki zusammen später den Beutel des Anstoßes wieder einräumte, um den ganzen Kram in die Garage zu bringen, lernte ich ein weiteres Mitglied des Nachbarhaushaltes kennen. Am Fenster im ersten Stock stand eine Frau, die uns äußerst interessiert zusah. Ich nickte förmlich und wandte mich wieder ab. Micki hingegen schüttelte sich und flüsterte: »Na, das ist ja mal eine seltene Nuss!«

»Wieso?«

»Die guckt so komisch.«

»Die ist nur neugierig. Achte nicht drauf.«

Aber mir kam sie auch etwas seltsam vor. Sie war verhältnismäßig jung, vielleicht Anfang zwanzig. Ich schloss daraus, dass sie wahrscheinlich die Tochter des griesgrämigen Nachbarn war. Für seine jüngere Gespielin wollte ich sie eigentlich nicht halten, aber man konnte ja nie wissen.

Jedenfalls hatte sie wohl tagsüber nicht sehr viel zu tun, denn ich bemerkte, dass sie uns oft beobachtete.

Ich lernte sie noch näher kennen, als wir bereits zwei Tage lang in dem Haus wohnten. Weil es noch sommerlich warm war, hatte ich mittags den Gartengrill nach draußen gestellt, um uns Fisch zu grillen.

»Micki, zündest du bitte die Grillkohle an«, rief ich aus der Küche, und Micki sprang die Treppen hinunter in den Garten. Ich kümmerte mich nicht weiter um sie, was vielleicht ein Fehler war. Jedenfalls rief sie mir nach einer Weile zu: »Mam, es klappt nicht.«

Mir schwante Böses, und ich ging zu ihr hinaus. Hier stand dieses Kind, hielt die Hände über den Grill und starrte gebannt auf das Häufchen Kohle.

»Micki, spinnst du? Wir haben Grillanzünder und Streichhölzer im Haus.«

»Aber sonst …«

»Nicht hier!«

»Warum denn nicht? Das ist doch unser Haus.«

Nun ja, es machte keinen Krach, es erzeugte keinen Müll, also, warum nicht? Ich half Micki, das Feuer zu entzünden.

Doch als ich zurück ins Haus ging, spürte ich den konzentrierten Blick der Nachbarstochter in meinem Nacken prickeln. Mist!

An diesem Abend klingelte es an der Haustür, und als ich öffnete, stand eben diese vor mir. Sie hatte kurze, blauschwarze Haare, war auffällig geschminkt, trug hautenge Stretchhosen und ein bauchfreies Top.

»Hallo! Ich bin die Xenia«, rauchhauchte sie.

»Hallo, Xenia. Ich bin Deba McMillen. Wie geht’s?«

»Oh, prima. Ich wollte fragen, ob Sie nicht Lust haben, heute mit mir wegzugehen. Kleine Party unter Freunden.« Sie zwinkerte mit einem Auge, dessen Wimpern stachelig getuscht waren.

Nanu, womit hatte ich denn die Aufmerksamkeit verdient?

»O sorry. Tut mir leid, aber das geht heute nicht. Ich muss noch arbeiten.«

»Dann vielleicht ein anderes Mal?«

Weder bin ich ein passionierter Partygänger noch ein Nachtmensch. Und das Letzte, was ich mir als Vergnügen vorstellen konnte, war mit dieser ausgeflippten Maid bei irgendwelchen kruden Veranstaltungen herumzuhängen.

»Vielen Dank für die Einladung. Aber sehen Sie, ich habe eine Tochter, um die ich mich abends kümmern muss. Deshalb gehe ich nicht viel aus.«

»So, nicht?« Sie wirkte eingeschnappt. »Na, dann lassen Sie es.«

Das Benehmen musste wohl in der Familie liegen. Kopfschüttelnd schloss ich die Tür hinter ihr.

Ich arbeitete noch zwei Stunden, dann ging ich rechtschaffen müde zu Bett und fiel auch gleich in einen abgrundtiefen Schlaf.

In der mondlosen Nacht schimmerte die weiße Rose wie ein milchiger Opal. Ihre seidigen Blütenblätter hatten sich geschlossen, und der honigschwellende Kelch lag geschützt in ihrem duftenden Dunkel.

Mit einem zärtlichen Summen umkreiste das schwarze Insekt die stolz aufgerichtete Blüte. Es sang und sirrte sein verführerisches Lied.

Zögernd, doch auch willig, von dem Schwirren der Flügel gelockt, breitete die Rose Blatt für Blatt aus. Werbend umkreiste und umtanzte das Insekt die schimmernde Rose. Und so öffnete sie sich dem lieblichen Gesang. Sie bot ihm den Kelch voll goldenem Honig dar. Und gierig trank das schwarze Flügelwesen von dem süßen Nektar, bis es satt und taumelnd weiterflog.

Und die seidigen Blütenblätter hingen schlaff von dem geschändeten Kelch, zu kraftlos, die schützende Hülle wieder zu schließen. Erst als von dem dunklen Mond der schwarze Tau herniedersank und die welken Blätter netzte, fand die Rose die Kraft, ihre Blüte zu schließen.

Und als die ersten Sonnenstrahlen sie rosig überhauchten, war es, als sei nichts geschehen.

Ich wachte auf und fühlte mich alles andere als ausgeschlafen. Obwohl ich eigentlich solche Probleme sonst nie hatte. Träge reckte ich mich in meinem Bett und versuchte, mit ein paar erfreulichen Gedanken das Unbehagen zu vertreiben. Es gelang mir auch, sowie ich mich in meinem hellen Schlafzimmer umsah. Meinem eigenen Schlafzimmer, das ich ganz alleine für mich hatte.

Das Haus war wirklich eine Verbesserung unserer Lebensumstände, wie sie drastischer nicht sein konnte. Vier, fast fünf Jahre lang hatten wir in einer Zweizimmerwohnung mitten in der Stadt gewohnt, ohne Balkon, ohne Katze, ohne Mann und Vater und ohne Grün vor der Tür. Damals, nachdem Jerry endgültig fortgegangen war, war das die erstbeste Lösung. Ich war schon froh, dass wenigsten Micki bei mir bleiben konnte, denn auch darum, wie um viele andere Dinge ebenfalls, hatte es hässlichen Streit gegeben. Heute zweifelte ich manchmal, ob Micki ihren Vater vermisste oder ob sie ihm grollte. Auf jeden Fall reagierte sie im Augenblick empfindlich auf das allzu deutliche Erbe, das er ihr vermacht hat. Sie ließ sich von mir auch nicht überzeugen, dass sie vermutlich einmal zu einer der umwerfendsten Schönheiten im Geviert würde. Jerry ist nämlich elternmäßig zur Hälfte Schotte, was uns unseren hübschen Hochland-Namen bescherte, und zur anderen Hälfte rabenschwarz. Außerdem war er der faszinierendste G. I., der mir mit achtzehn über den Weg gelaufen war.

Mit zwanzig zeigte sich dann, dass das Kind einer glatthaarigen, blonden Weißen mit grünen Augen und eines faszinierend dunkelhäutigen G. I.s blonde Löckchen, braune Augen und eine milchkaffeefarbene Haut hatte.

Jetzt, dreizehn Jahre später, wuchs sich dieses Kind zu einer unbeschreiblichen Jugendlichen heraus mit einer noch zu schlaksigen Figur, aber unbestreitbaren Anmut. Meine Tochter Michaela eben.

Vater Jerry hatte aber nach sechs Jahren Army und einigen Jahren Ehe mit mir so seine eigenen Probleme bekommen, die schließlich dazu führten, dass er zurück zu den Magnolienblüten des Südens wanderte. Wohin es mich nicht unbedingt zog. Ich wollte in Deutschland bleiben. Punktum. Und da setzte dann eben der größte Streit an.

Na, jedenfalls hatte ich in den letzten Jahren hart gearbeitet und inzwischen ein regelmäßiges Einkommen als freiberufliche Übersetzerin, so dass die Vergleichsrechnung zwischen Miete und Hypothekenabtrag endlich aufging. Außerdem hatte ich meinen Stolz hinuntergeschluckt und eine Unterstützung von meinem Vater angenommen. So hatten wir dieses kleine Doppelhaus gefunden, dessen rechte Hälfte zum Verkauf stand. Groß war es nicht, Küche, Wohn- und Essbereich unten, zwei Zimmer im ersten Stock und ein Atelier ganz oben, das zu meinem Arbeitszimmer deklariert wurde. Gegen Mickis Wünsche. Aber nicht alle bekommt sie erfüllt.

Bei den zwei Kätzchen war es geblieben, was uns der Verantwortung enthob, in die Tierkindervermittlung einzusteigen. Beide Kleinen waren per Definition Mädchen und schwarz, zumindest am Anfang. Und die graugetigerte Mutter der beiden hatte offensichtlich beschlossen, ihr Streunerleben aufzugeben, um unter unserer Adresse sesshaft zu werden. Vielleicht wusste sie, dass sie zu alt geworden war, um die Jungen in der Wildnis aufzuziehen. Wir tauften sie Freia, weil ich den Namen Omen für sie strikt ablehnte. Der Katze schien es recht zu sein, und insbesondere in Verbindung mit wohlgefüllten Futterschalen akzeptierte sie Freia als ihren Namen. Bei den beiden Kätzchen bestand Micki auf Holy und Mystery, was ich etwas überzogen fand. Aber manche Wünsche bekommt meine Tochter eben doch erfüllt.

Nun hatte ich zwar schon oft mit Katzen zu tun, allerdings noch nie mit derartigen Winzlingen. Vermutlich gab es da gewisse Prozeduren, die man zu beachten hatte, auch wenn Micki mit der ganzen mütterlichen Weisheit ihrer dreizehn – pardon, fast vierzehn – Jahre behauptete, das könne man alles der Mutterkatze überlassen. Ich neigte dazu, mir professionellen Rat einzuholen. Aber es ergab sich erst gut zwei Wochen später, dass ich genau die Frau traf, die mir Auskunft geben konnte.

Ich bin eine Schreibtisch-Arbeiterin. Seitenweise produziere ich für ein paar Unternehmen technische Übersetzungen in den mir geläufigen Fremdsprachen, vornehmlich Amerikanisch und Spanisch. Da ich das zu Hause mache, kann ich mir die Zeit ganz gut einteilen, sonst hätte ich wahrscheinlich Micki doch an ihren Vater abgeben müssen. Außerdem erlaubt mir diese Tätigkeit, dass ich an meinen Vormittagen, wenn Micki sich in der Schule aufhält und hässliche Ausdrücke lernt, meinem Hobby nachzugehen. Ich bin nämlich Trainerin in einem Fitness-Studio, was mir nicht nur ungeheuren Spaß macht, sondern meine Figur auch mal die etwas üppiger belegte Pizza verzeihen lässt.

Diese Figur kleidete ich in einen weißen Trainingsanzug mit pink und roten Sternen und der Aufschrift »Move Your Body«. Das war Studio-Design und ein Geschenk vom Besitzer desselben.

Dieses Studio »Move Your Body« lag günstig für mich. Es waren nur wenige Minuten mit dem Auto zu fahren. Mit dem Fahrrad schaffte ich es in einer Viertelstunde und mit den Skates etwas darunter.

Die Sonne schien strahlend, aber nicht zu heiß an diesem Septembermorgen, die Straße war trocken und der Berufsverkehr vorbei. Ich wuchtete mir den Rucksack auf den Rücken und zog mir auf den Stufen vor der Haustür sitzend die Inline-Skates an. Dabei konnte ich feststellen, dass auch der Wagen des Herrn Nachbar inzwischen wieder glattgebügelt war. In dem schnittigen Coupé lag sein gelber Helm mit dem Logo einer großen Baugesellschaft und seinem Namen. Ich hatte mir nicht die Mühe gemacht, herauszufinden, was der werte Herr von Beruf war. Vermutlich war er über den Status des gemeinen Maurers hinausgekommen, sonst hätte er sich die Nobelkiste nicht leisten können. Aber für mehr als Polier reichten seine Manieren nicht, denn als ich mich gerade aufrichtete, um loszulaufen, hörte ich seine raue Stimme: »Na, für diese Art der Fortbewegung sollten Sie doch langsam zu alt sein!«

Leider, und das muss ich zugeben, verlor ich prompt den Halt und fiel rückwärts auf mein Hinterteil. Das tat zwar nicht besonders weh, war aber in vielerlei Hinsicht demütigend. Ich rappelte mich auf und konnte sehen, wie Alexander Harburg in seinen Wagen stieg. Ich sandte ihm einen zornentbrannten Blick zu. Er startete, fuhr an, und mit einem leichten Scheppern fiel das Auspuffrohr auf die Straße. Ein sattes Dröhnen erklang.

Die ersten hundert Meter waren lästig, Verbundsteinpflaster ist für die Skates nicht der optimale Untergrund. Aber dann ging die Straße in glatten Asphalt über, und ich kam auf Geschwindigkeit. Vergessen war mein Zorn. Ich liebe einfach diese gleitende Bewegung, es ist beschwingend, wenn man so durch den Verkehr rauscht.

Auf dem Parkplatz standen schon ein paar Autos, die mir bekannt vorkamen. Prima, dann war der erste Kurs heute Morgen wenigstens gut besucht. Neun Uhr ist für manche der Damen einen Hauch zu früh. Aber um zehn jammern sie auch schon wieder, weil sie die Kinder abholen und Essen kochen müssen.

»Hallo, Jeany!«

»Hi, Deba! Vier bis jetzt.«

»Gut. Stell mir schon mal ein großes Glas Wasser hin.«

»Klar!«

Ich zerrte mir die Skates von den Füßen und stapfte in die Umkleide. Hier traf ich auf Agnes, die sich gerade die Schuhe band.

»Agnes! Genau die Frau, die ich heute brauche.«

»Na, so was? Aber ich war eine Woche wandern, das war mal nötig. Wie kommt es, dass du mich brauchst?«

»Du kennst dich doch mit Katzen aus, nicht?«

Agnes hatte sich einen Mini-Bauernhof auf einem Grundstück mit einem alten Fachwerkhaus geschaffen und nahm alle naselang irgendwelche Tiere zur Betreuung auf. Letzthin waren es zwei Gänse, die mir unsympathisch waren. Ihre Hunde hingegen, ein Riesenschnauzer mit Namen Schnäuzelchen und eine riesige Dogge, unendlich passend Mäuschen gerufen, sind bezaubernd. Beide verstehen sich blendend mit den diversen Katzen, die – bis auf drei oder vier ständige Hoftiger – bei ihr auf Durchgangsstation sind.

»Nach dem Training habe ich ein bisschen Zeit, dann können wir dein Problem lösen.«

»Super!«

Auf Agnes konnte man sich verlassen.

Die zwei Stunden in dem verspiegelten Raum verliefen vergnügt und schweißtreibend, anschließend ließ ich mich mit meinem Glas Wasser zusammen mit Agnes, wir beide in dicke Handtücher gehüllt, in die Sitzecke fallen, die »de Ärisch«, Erich bürgerlich und Maître dieses Etablissements, auf unser Betreiben hin eingerichtet hat.

Die fachliche Beratung war kurz und kompetent, und ich musste Micki mal wieder Abbitte leisten.

»Überlass das Aufziehen der Katzenmutter. Erst wenn die verschwindet, hast du ein Problem. Dann rufst du mich einfach an.«

So ist Agnes.

»Wie kommst du so mit deinem neuen Heim zurecht. Schon alles an seinem Platz?«

»Das war ziemlich schnell gelöst. Wir sind ja mit kleinem Gepäck gereist.«

»Du bist ja auch sehr energisch. Ich habe nicht den Eindruck, dass sich in deinem Keller viele Erinnerungsstücke anhäufen. So wie bei mir. Allmächtige, wenn ich noch einmal umziehen müsste!«

»Na ja, es gab schon ein paar Sachen. Aber ich habe mit der Vergangenheit auch viele Dingen ausgemistet. Bis auf einige Stücke mit gefühlsmäßigem Wert ist nichts geblieben. Und Micki hat es genauso gemacht. Aber trotzdem …«

Ich trank einen großen Schluck Wasser, um den Flüssigkeitsverlust des Trainings wieder auszugleichen.

»Hört sich so an, als ob doch nicht alles so ganz eitel Sonnenschein wäre?«

Ich zögerte einen Moment. Warum sollte ich Agnes mit meinen Schwierigkeiten im Nachbarschaftsverhältnis belästigen?

Andererseits – warum nicht?

»Tja, ich habe wohl etwas meine Sozialisationsfähigkeit überschätzt.«

»Huch, was für ein Wort! Willst du damit sagen, dass du Ärger mit den Nachbarn hast?«

»Singular. Dem Nachbarn.«

»Ah. Guckt er dir ins Schlafzimmerfenster?«

»Was?« Und dann stellte ich mir das bildlich vor und musste laut lachen. »Eher weniger. Unsere Beziehung ist eine deutlich andere. Außerdem ist der Typ zu alt dafür.«

»Dazu sind die nie zu alt«, kicherte Agnes, die es wissen musste, denn sie ist bereits vierundfünfzig und ihr Mann noch ein Stück älter. Na gut, ich akzeptierte den Einwand. So alt war Harburg auch wieder nicht. Es nivelliert sich alles ein wenig, wenn man selbst Mitte dreißig ist.

»Der Mann hat auf den ersten Blick eine Abneigung zu uns gefasst. Wir können ihm schlicht und ergreifend nichts recht machen. Das fing schon an, als wir renoviert haben.«

Ich schilderte ihr die Vorkommnisse, und sie nickte mitfühlend.

»Aber du lässt dir nichts gefallen, was?«

»O doch, sehr viel. Ich bin ein Ausbund an Höflichkeit.« War ich wirklich. Von eisiger Höflichkeit. Obwohl, die Sache vorhin …

»Na, Mädchen? Müsst ihr heute gar nicht Mittagessen kochen?«

Rüdiger! Wenn es einen Schmierlappen gibt, den ich verabscheue, dann ihn.

»Du hast ja wohl auch schon Staub gewischt und die Betten bezogen.«

»Ganz frisch bezogen, Süße. Könntest ja mal ausprobieren kommen.«

»Danke, vielleicht in der nächsten Inkarnation, wenn ich wieder Bettwanze bin.«

Agnes gluckste, als sich Rüdiger abwandte.

»Du hast ein Schandmaul, Deborah. Bist du ganz sicher, dass du immer freundlich zu deinem Nachbarn bist?«

»Ganz sicher. Er steht immerhin noch ein ganz kleines Stück über Rüdiger.«

»Ich mag den Jungen auch nicht!«

Rüdiger ist einer der Trainer aus dem Gerätebereich, und eine ganze Reihe der Mädels im Studio findet ihn hinreißend. Er frisiert seine schwarzen Haare zu gelglibberigen Locken, trägt eine Menge Metall um Hals und Handgelenken und hat ein Bilderbuch von Tätowierungen auf Armen, Brust und Rücken. Und wahrscheinlich noch an anderen dekorativen Stellen. Außerdem ist er ein Anhänger der Piercing-Mode, und zeigt uns allzu gerne seine durchstochenen Brustwarzen, in denen Ringe mit Kettchen baumeln. Damit unterscheidet er sich zwar vom Aussehen nicht allzu sehr von anderen, die in diesem und ähnlichen Studios ihre Muskeln stählen, aber er hat so ein – na – verachtendes Gebaren an sich, das mich abstößt.

Als er in der Umkleide verschwunden war, fiel mein Blick auf die Uhr über der Theke, und ich stand auf.

»Agnes, ich muss los. Danke, dass du mir zugehört hast. Vielleicht gewöhne ich mich ja noch an meinen Nachbarn. Aber diese Xenia ist wirklich das Letzte.«

»Wer ist das?«

»Die Frau, die bei ihm wohnt. Ich weiß nicht, ob sie seine Tochter oder Freundin ist, auf jeden Fall ist sie bestimmt zwanzig Jahre jünger als er und eine absolut schräge Ziege.«

»Na, mit solchen hast du ja hier Erfahrung gesammelt.«

»Mit der tun sich allerdings noch ganz neue Horizonte auf.«

Ich schnallte mir wieder die Skates an die Füße, den Rucksack auf den Rücken und eilte nach Hause.

Harburgs Auto war weg. Der Auspuff auch. Eine Spur von schlechtem Gewissen bemerkte ich doch bei mir.

Es war inzwischen halb eins, Micki hatte heute lange Schule. Also machte ich mir nach dem Duschen zwei Vollkornbrote mit Käse und Tomaten. Dann zog ich mich an meinen Schreibtisch zurück und schaltete den PC ein. Eine halbe Stunde arbeitete ich intensiv an einem komplizierten Protokoll, das mit technischen Ausdrücken und Abkürzungen nur so gespickt war, dann begann der Lärm mich zu stören.

Es war Musik, ja. Aber eher unmelodiös und von ziemlich aggressivem Rhythmus. Zu allem Überfluss kam auch noch ein reichlich seltsamer Gesang dazu, offensichtlich live aus Xenias Kehle. Ich versuchte es zu ignorieren und mich weiter auf meinen Text zu konzentrieren, aber es fiel mir schwer.

Was diese Xenia so trieb, war mir noch unklarer als Harburgs Beschäftigung. Die Frau schien keiner geregelten Tätigkeit nachzugehen, oder wenn, dann einer, die sich in den Abendstunden abspielte. Ein paar Mal hatte ich sie schon in herrlich aufgebrezelter Form aus dem Haus gehen sehen. Bei diesem unmenschlichen Geheul, das da von nebenan herüberklang, wollte ich mal zu ihren Gunsten annehmen, dass sie in einer drittklassigen Rockband mitsang.

»Hallo, Mam, bin wieder da!«

»Hallo, Micki. Hast du Hunger?«

»Bärigen. Aber brauchst nicht runterkommen. Ich mache mir ein Omelett!«

Micki kann ganz gut kochen, also ließ ich sie in der Küche herumpantschen und machte noch ein paar Seiten fertig. Die Musik von drüben hatte inzwischen aufgehört.

Dann stand meine Tochter plötzlich an meinem Schreibtisch und grinste mich an.

»Na, Mausebärchen, satt und zufrieden?«

»Hab ’ne Eins in der Mathearbeit.«

»Sauber!«

»Mh.«

»Was ist?«

Das Grinsen wurde breiter, und Mickis Augen funkelten. Das tun sie immer, wenn sie etwas ausheckt.

»In Deutsch hab ich auch eine Eins.«

»Soso.«

»Mh.«

»Sonst noch wo?«

»Vokabeltest!«

»Aha. Und du bist jetzt irgendwie der Meinung, dass du noch mehr Lob und Anerkennung brauchst?«

Micki bittet selten um irgendwelche ausgefallenen Dinge, deswegen war ich jetzt nur neugierig.

»Duhu, ich hab doch übernächste Woche Geburtstag.«

»Das hätte ich jetzt glatt vergessen. Gut, dass du mich daran erinnerst. Wie alt wirst du eigentlich?«

»Mam!«

»Nun lass es raus!«

»Wenn das Wetter schön ist, könnte ich wohl zwei, drei Leute zum Grillen einladen?«

»Wie viele sind ›zwei, drei Leute‹?«

Ich kenne doch meine kontaktfreudige Tochter.

»Ähm, Sylvi, Trixi, Nele, Dani, Yasemin, Sheba …«

»Wer?«

»Oh, eine Neue. Mit Kopftuch. Aber sie muss auch mal unter Leute kommen.«

»Unter zwei, drei. Ich verstehe. Bislang war das eine reine Damengesellschaft. Ich denke, mit vierzehn bist du alt genug für Herrenbegleitung, nicht? Wen gibt es denn da noch so?«

»Oh, Tobi, Berni, Reza, Schluffi und … äh, Kevin.«

»Äh Kevin? Kenne ich äh Kevin?«

Mickis milchkaffeefarbene Haut hatte bei dem letzten Namen eine dunklere Färbung angenommen.

»Er … er ist zwei Klassen über mir. Kevin Knopfloch.«

»Gott, der Ärmste.«

»Ja, nicht? Darf ich die alle einladen?«

»Darf ich dazu die Salate, die Bowle, den Schwenkbraten und die Würstchen machen?«

»Ach, Mam!«

Micki kam zu mir um den Schreibtisch herum und drückte mich. In diesem Moment begann das Dröhnen und Wimmern nebenan wieder, und sie zuckte zusammen.

»Was ist das denn?«

»Oh, das hatte ich schon eine Stunde lang. Das scheint Xenia abzusondern.«

»Kriegt die hin und wieder Schreikrämpfe da drüben?«

»Du hast es wahrscheinlich erfasst. Das hört sich wirklich an, als ob sie gegrillt wird.«

»Jetzt verstehe ich aber gar nicht mehr, warum der Schorsch sich so aufregt, wenn wir mal ein bisschen Techno hören. Das ist ja glattweg barocke Flötenmusik gegen dieses Gedonner da.«

»Ich versteh’s auch nicht, Micki. Und wenn das nicht aufhört, werde ich mich leider heute Abend bei ihm beschweren müssen.«

»Ich stopfe mir jetzt Watte in die Ohren und mach Aufgaben.«

»Gute Idee!«

Ich folgte ihrem Beispiel und vertiefte mich wieder in mein Protokoll.

Zwei Stunden später war ich fertig, las das Geschriebene Korrektur und ließ es ausdrucken. Nebenan war Ruhe eingekehrt. Während der Drucker arbeitete, räumte ich meinen Schreibtisch auf. Ein bisschen Ordnung muss sein. Dann streckte ich mich, um meine verkrampften Schultern zu lockern, und erfreute mich an meinem Arbeitszimmer. Bisher hatte ich ein Eckchen im Schlafzimmer für mich reserviert und beständig in einem Wust aufgeschlagener Wörterbücher, Nachschlagewerke und Fachzeitschriften gelebt. Deswegen war ich froh, jetzt alles in weißen Regalen stehen zu haben, hinter den blau gemusterten Gardinen einen luftigen Ausblick über die vier Bäume im Garten zu genießen und meine nackten Zehen in den hellgrauen Teppichboden vergraben zu können. Es war schon schön, ein geräumiges Haus zu haben, selbst wenn es mit dem einen Nachbarn nicht so klappte. Die anderen waren ja sehr verträglich. Keiner drängte sich auf, aber alle grüßten freundlich und nahmen auch schon mal Pakete für uns an.

Ich ging hinunter. Mickis Zimmertür war geschlossen, es drang leise Musik heraus. Also ging ich weiter nach unten. In der Küche stand Freias Korb. Die Grautigerin schlief oder döste, die weißen Pfötchen sorgsam um ihren schwarzen Nachwuchs geschlungen. Als ich an den Kühlschrank ging, blinzelte sie mir träge zu. Ich bückte mich und streichelte sie ein wenig. Für eine Streunerkatze war sie ganz gut gepflegt und nicht zu mager gewesen, als wir sie aufgeklaubt hatten. Aber vermutlich hatte sie so ihre Futterstellen. Es gab viele Haushalte mit Katzen in dieser Straße.

Wir waren Semi-Vegetarier, Micki und ich. Also nicht unbedingt fanatisch. Aber Fleisch gab es selten bei uns. Ich sah die Vorräte durch. Allem Anschein nach sollte es Nudeln mit einer Gemüse-Sauce geben. Ich setzte Spaghetti auf, putzte Zwiebeln, Pilze und Peperoni, die in Tomatenpüree gedünstet wurden. Zur Abrundung wollte ich ein paar frische Kräuter aus dem Garten holen. Unsere Vorbesitzer hatten ja zum Glück ein wohlsortiertes Kräuterbeet hinterlassen, und ich hatte noch ein paar Schalen dazu angelegt. Mit allen meinen Lieblingspflanzen, wie Rosmarin und Thymian, Lavendel und Salbei, Estragon und Dill, Majoran und Liebstöckel. Und natürlich Petersilie und Schnittlauch. Das erleichterte viele Dinge für mich. Und die fehlenden Gewächse würde ich im nächsten Frühjahr aussäen. Jetzt strich ich sacht mit der Hand über den duftenden Majoran und den Rosmarin, dann schnitt ich einige Zweiglein ab, um sie nachher in die köchelnde Sauce zu geben. Als ich mich wieder aufrichtete, sah ich, dass der Herr Nachbar ebenfalls im Garten war. Er kehrte mir den Rücken zu und musterte die hohe Buchsbaumhecke, die das Grundstück zur anderen Seite begrenzte. Eigentlich ein stattlicher Mann, groß, breites Kreuz und von aufrechter Haltung. Kein Sesselheld. Er hatte eine blaue Latzhose an, ein verwaschenes Sweatshirt und ausgetretene Turnschuhe. Richtiger Worker-Look. Wahrscheinlich verbarg aber eben diese Latzhose einen Bierbauch, denn er nahm gerade einen Schluck aus der Flasche.

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