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Hexenherz

Kapitel 1

„Mist.“

Und dann noch ein paar Mal: „Mist, Mist, Mist.“

Das waren die Worte, mit denen mich meine Mutter begrüßte, kaum dass ich geboren worden war.

„Mist.“

„Ein Mädchen“, musste sie nicht extra dazu sagen, das war auch so jedem der Anwesenden klar: Meiner Muttersmutter, die ich später zärtlich „Großmutter Mamu“ nannte, ihrem Mann Mark, meinem Vater und dem Geburtshelfer.

Kurz darauf erschien der Staatsdiener, der meine Geburt zur Kenntnis nahm und meine Existenz gewissenhaft festhielt. Ein Mädchen. Für den Staat ein Geschenk reinster Güte, für meine sonst so beherrschte Mutter ein Grund, hemmungslos loszuweinen. Der Staatsdiener schüttelte verwundert den Kopf. Selbst mit zwei Söhnen bestraft, kamen ihm wohl unfeine Gedanken, aber die behielt er wohlweislich für sich.

Papa lächelte jedes Mal, wenn er mir die Geschichte erzählte. Er schaute mich an, wuschelte mir die Haare und erzählte vom Tag meiner Geburt. Und am Ende lachte er und ich lachte mit.

Nun sollte man ja meinen, dass die Geburt einer Tochter etwas Schönes ist, eine tolle Leistung, vielleicht sogar „ein lobenswerter Beitrag zum Erhalt unserer ruhmreichen Gesellschaft“ – so sah das zumindest die Goldene Frau. Und die musste es ja wissen, nicht wahr?

Meine Mutter kümmerte es allerdings wenig, was die Goldene Frau sagte oder die Silberne oder die Bronzene oder alle anderen, die in der politischen Hackordnung unseres wunderbaren Landes danach kamen. Sie hatte einfach nur einen Sohn gewollt.

Der kam vier Jahre später und was soll ich sagen? Den stillte meine Mutter sogar vier Monate lang, verschwendete also volle zwei Monate länger als nötig ihre Zeit an einen Jungen! In unserer Kleinstadt war man schon an die Exzentrik meiner Mutter gewöhnt, aber das setzte dem Ganzen dann doch die Krone auf. Von da an galt sie selbst unter den tolerantesten und friedlichsten Frauen als Außenseiterin und entsprechend durfte sich mein Brüderchen einige Gehässigkeiten gefallen lassen. Wir, seine Familie, glichen das aus, verwöhnten ihn nach Strich und Faden und nichts liebte ich so sehr, wie sein kleines Kugelbäuchlein zu kitzeln und ihn so zum Lachen zu bringen!

Danach wurde meine Mutter nicht mehr schwanger. Ich vermute, da gab es reichlich Druck von oben. Eine Schwangerschaft ist ja auch immer so eine Sache: Während der langen Monate benötigt eine Frau ihre gesamte Magie für das heranwachsende Leben und ist dann zu nichts anderem zu gebrauchen. Die Sache lohnt sich, wenn denn ein Mädchen dabei herauskommt. Ist es ein Junge, sehen die Staatsoberen nur eine Verschwendung magischer Zeit. Klar, manche Frauen sind so schlecht, dass es darauf nicht wirklich ankommt. Wie die Heitmeyer zum Beispiel, die kann ja nicht mal den einfachsten Windhauch fabrizieren! Bei einer so talentierten Frau wie meiner Mutter fallen neun Monate jedoch wirklich schwer ins Gewicht. Die taten in der Hauptstadt fast so, als würde die Welt untergehen, wenn Mama mal eine Weile nicht mitzaubern konnte!

So wuchs ich also auf – geliebt und umgeben von meiner Muttersmutter, ihrem Mann, meinem Vater und meinem Brüderchen. Mama wohnte natürlich fast das ganze Jahr über in der Hauptstadt, wo sie arbeitete. Sie fehlte mir unendlich, dennoch war meine Kindheit glücklich. Bis zu dem Tag, an dem die Magie in mir erwachte.

Amelie, meine beste Freundin, ging mir schon seit ihrem zehnten Lebensjahr damit auf den Zeiger: „Ohhh, ich hoffe, ich bekomme was mit Tieren! Oh, oder Lügenleserin wäre nicht schlecht, oder? Dann könnte ich für die Goldene Garde arbeiten! Oder, oder, oder … Ob ich doch lieber Ärztin werde?“

„Aaaaamelie“, seufzte ich damals schon genervt. „Die Menschheit hat tausende von Jahren gebraucht, um zu kapieren, dass jede Frau – na ja, fast jede – zaubern kann. Da wirst du ja wohl noch ein paar Jahre warten können, oder?“

Konnte sie nicht, musste sie aber. Und dann stellte sich auch noch heraus, dass sie eine sehr mächtige Frau war, die über die seltene Fähigkeit des vollkommenen Feuerzaubers verfügte. Meine Güte, und das bei dem unbeständigen Gemüt! Launisch und zickig wie sie war, schien sich auch ihr Vater vor Unfällen mehr zu fürchten als alles andere und ließ sie von ihrer Mutter kurzerhand in ein Internat stecken. So endete unsere lange Freundschaft mehr oder weniger. Immer noch besser, als aus Versehen während eines Streits verbrannt zu werden, oder? Ich meine, ich will ja nicht gemein sein, aber einmal hat sie bei sowas meine Ohrringe schmelzen lassen, das brauche ich echt nicht noch einmal. Meine Güte, tat das weh! Bin dann noch drei Wochen mit riesigen Brandblasen herumgelaufen. Und das, obwohl wir in der Stadt eine echt gute Ärztin hatten!

Die Zeit verging und wie, um mir meine Kindheit zu bewahren, ließ die Magie bei mir auf sich warten. Die anderen Mädchen meines Jahrgangs gingen eine nach der anderen weg, besuchten nun die Frauenschule und warfen mir an den Nachmittagen Spötteleien zu. Allen voran Katja: „Na, Helena? Immer noch im Kleinkindalter?“

Haha, war das immer witzig! Und so einfallsreich, echt! Hätten sie nicht die in ein Internat stecken können?

Katja konnte ich schon bei unserem ersten Aufeinandertreffen nicht leiden. Und sie mich nicht. Keine Ahnung, warum, aber die und ich, wir kamen einfach nicht miteinander aus. Und dann … Tja, unnötig zu erwähnen, dass ausgerechnet sie eine interessante Magie entwickelte, oder? Dazu auch noch die Kraft der Telekinese, das Leben war echt nicht fair! Sowas schreit ja geradezu nach Hauptstadt oder Kriegsrat. Vielleicht hatte ich ja auch ausnahmsweise mal Glück und Katjas Talent würde nur zur Errichtung großer Gebäude reichen.

Und dann kam der Tag, auf den wir alle gewartet hatten, mein Papa, meine Großeltern, mein Bruder, meine Mutter und ich: Meine Magie setzte ein.

Ich hätte es wissen müssen, nicht wahr? Meine Brust nahm langsam weibliche Züge an, meine Hüften erst recht und meine Laune schwankte zwischen düster und freudetrunken. Dann kam er also, der lang erwartete Tag: Ich war eine Frau! Gesegnet mit der Magie, Leben zu schenken. Und was noch? Es dauert meistens einige Zeit herauszufinden, was genau die weiteren magischen Fähigkeiten einer frisch erweckten Frau sind. Und ehrlich gesagt war ich auch nicht sonderlich scharf darauf, es zu wissen. Denn mit jedem Tag, der verging, rückte der Tag meines Abschiedes näher.

Wie es so üblich ist, veranstaltete meine Familie eine Feier. Da eine Blutung ungefähr fünf Tage dauert, kann man den Tag des Magieerwachens ziemlich gut vorherbestimmen. Sogar Mama bekam drei Tage Sonderurlaub. Das war das einzig Schöne an dem Tag. Am schlimmsten war der Besuch unserer Stadtoberen, der dicken Frau Schwarz. Ich meine: Nichts gegen Dicke, aber die ist nun wirklich ein Kaliber für sich! Rund wie eine Kugel und … so unnatürlich aufgedunsen irgendwie. Man munkelt, dass sie wirklich alles versucht, um die Wechseljahre aufzuhalten, Tränke aus pulverisierten Körperteilen seltener Tiere und so. Kein Wunder eigentlich: Was hatte sie schon, außer ihrer Macht? Ihr Mann war schon vor Jahren in den Minen gestorben, Kinder gab es keine. Sobald ihre Magie erlosch, würde natürlich eine andere Stadtobere werden und ihr bliebe dann nur ihre Rente. Ich konnte mir nur schwer vorstellen, was die Schwarz dann den ganzen Tag lang machen würde.

So saß ich also da am Geburtstag meiner Magie und wurde von Frau Schwarz mit diversen Tränken und Zaubern bedacht. Immerhin musste die Magie ja erst noch „geweckt“ werden, wie es so schön heißt. Ich schluckte brav, was immer sie mir gab, und würgte das Ganze mit dem grandiosen Roibuschtee meiner Muttersmutter herunter. Frau Schwarz sprach eine Formel, ließ dabei etwas von ihrer Magie in mich fließen und das war’s, dann hieß es warten. Da mein Blut am Tag zuvor aufgehört hatte zu fließen, müsste sich heute meine Magie offenbaren. Ich gebe zu: Ich war gespannt und sehr nervös. Die Nachbarn hatten schon seit Jahren nichts Besseres zu tun, als zu spekulieren. Vorzugsweise die Männer und Großmütter, versteht sich. Die wenigen Frauen, die ganzjährlich im Dorf wohnten, hatten Wichtigeres zu tun. Außer meiner Mutter und Frau Schwarz waren an diesem Tag nur fünfzehn andere Frauen auf Heimaturlaub da. Eine davon, die Mutter der unsäglichen Katja, runzelte immer die Stirn, wenn sie mich sah. Der pure Neid natürlich. Denn im Gegensatz zu meiner Mutter, die direkt in der Hauptstadt arbeitete und ihre Befehle von der Silbernen Frau persönlich bekam, war die Liebig zusammen mit der Bern im Wirtschaftsministerium tätig – wie langweilig!

So saß ich also nun da – meine Mutter und meine Muttersmutter hinter mir – und wartete darauf, dass Frau Schwarz meine Magie identifizierte. Natürlich hatte ich an dem Morgen schon heimlich was ausprobiert: Telekinese, Feuerzauber, Wetter, Gedankenlesen, ganz egal was. Zu meiner großen Enttäuschung – obschon ich es geahnt hatte: Zu denken, ich würde etwas wirklich Tolles können, wäre bescheuert gewesen – konnte ich natürlich nichts von alledem. Nicht mal eine winzige Flamme kam aus meinen Fingerspitzen, dabei kann das nun wirklich jede Frau, aber anscheinend musste ich selbst das erst lernen!

Frau Schwarz musterte mich kritisch und stellte mir Fragen: „So, Helena! Hast du denn schon irgendwas gemerkt? Nein? Keine Anzeichen bisher? Nein? Hm.“

Sie ließ mich verschiedene Dinge ausprobieren: Gegenstände bewegen, meine Haarfarbe ändern, meine Mutter einen Handstand machen lassen und andere lächerliche Sachen. Nichts davon gelang.

Ich ging natürlich dennoch auf die Frauenschule unserer Gemeinde und lernte dort nach und nach die kleinen Zaubereien, die jede Frau unabhängig von der Beschaffenheit ihrer Magie ausüben kann: Ein einfaches Feuer machen, eine Kerze löschen (um ein ganzes Lagerfeuer zu löschen, dafür hat’s bei mir natürlich nicht gereicht und Katja und Konsorten lachten mich aus), die Aura eines Menschen zumindest oberflächlich ergründen (wozu auch immer das gut sein soll) und so weiter und so fort. Ich wusste, die Direktorin war nicht glücklich über mich: Ich hatte scheinbar nichts vom Talent meiner Mutter geerbt. Schade, fanden die meisten und starrten mich an, als wäre es meine Schuld. Dabei hatte ich ja nichts getan oder so. Nicht wie Frau Meier unten in Mühlgraben etwa: Die bekam ein Kind nach dem anderen und war somit schon seit fünfzehn Jahren für nichts Sinnvolles mehr zu gebrauchen, als für anderleuts Kinder Milchmutter zu sein. Sie lebte davon und von der Stütze, die ihr die Frauen ihrer Familie aus dem ganzen Land zukommen ließen. Man munkelte natürlich, dass ihre Magie sowieso nicht viel taugte, doch immerhin hätte sie das tun können, was auch die unbegabteste aller Frauen hinbekommt: Kleine Wachszauber über Nutzpflanzen sprechen, Heiltränke zubereiten, die Männer bei der Arbeit beaufsichtigen und so weiter. Ich meine ja nur. Oder die Risse im Asphalt der Straßen flicken! Ist zwar Männerarbeit, klar, aber Teer stinkt so fürchterlich, dass sich die Frauen hier schon lange vor meiner Geburt dazu bereit erklärt haben, das per Magie zu erledigen. Naja, immerhin haben wir so fast immer eine Milchmutter.

Alles in allem war ich mit meinem Leben zufrieden. Selbst meine kaum spürbare Magie bereitete mir kaum Kummer, konnte ich mir ein Leben außerhalb unseres Dorfes eh nicht vorstellen. Denn obwohl ich die Tochter meiner Mutter war, der magiebegabtesten Frau, die in den letzten hundert Jahren hier geboren worden war, hatte ich mich wohl unterbewusst schon lange darauf eingestellt, mein Leben hier zu verbringen. Doch dann kam der Tag, der mein Leben für immer verändern sollte.

Kapitel 2

Kurz vor meinem siebzehnten Geburtstag ging ich zusammen mit Mamu zu der Vierteljahresversammlung unserer Stadt.

„Zieh dich ordentlich an, mein Kind!“, sagte meine Muttersmutter. „Du bist jetzt schließlich eine Frau und somit voll stimmberechtigt!“

Ich gehorchte ihr gerne, denn ich war schon sehr gespannt darauf, wie die Versammlung ablaufen würde. Auch durchströmte mich ein seltsames Gefühl der Macht: Stimmt, ich war eine Frau. Und hatte somit mehr Einfluss auf die Entwicklung unserer Stadt, als Mamu neben mir, die als Großmutter ja nur noch eine halbe Stimme hatte.

Tatsächlich war die Versammlung mehr als langweilig: Wir waren alle im großen Saal der Festhalle zusammengekommen. Und obschon es eigentlich nur um Frauenbelange ging, waren viele Männer erschienen, um Berichte abzuliefern, Rechenschaft über ihre Arbeit abzulegen oder auch das eine oder andere Anliegen vorzutragen. Frau Schwarz und Frau Bohne, ihre Stellvertreterin, verlasen unsere Leistungen der vergangenen Monate sowie den Rang, den uns die Goldene Frau für dieses Jahr verliehen hatte. Wir standen ganz gut da, nicht zuletzt dank der wertvollen Mineralien und Kunstwerke, die wir Jahr für Jahr in alle Teile des Reiches sandten, und hatten uns im Vergleich zum Vorjahr um drei Plätze verbessern können. Man sah Frau Schwarz an, dass ihr das nicht reichte. Ihre Zeit als Frau lief bald ab und zweifelsohne hatte sie sich immer mehr erhofft, als ihr ganzes magisches Leben lang Obere einer Kleinstadt zu bleiben. Mein Mitgefühl hielt sich in Grenzen: Nummer 2.840 von 7.020 war zwar nicht besonders gut, aber eben auch nicht schlecht.

Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde es endlich interessant. Zuerst trat Gerold vor, der Sprecher der Männer im Ort. Er war ein etwa 60-jähriger Mann, der bei seiner Frau, Großmutter Henrichs, lebte und wie die meisten Männer hier einen leicht gebückten Gang hatte, denn unsere Männer sind überwiegend Minenarbeiter.

„Wir bitten untertänigst um die Hilfe und Unterstützung mehrerer Frauen bei der Arbeit in den Stollen“, begann er zögerlich.

Frau Schwarz blickte ungnädig auf ihn herab. „Was verstehst du unter ‚mehrere Frauen‘, Gerold?“

Der Mann druckste herum. „Vier, vielleicht fünf, Frau Schwarz.“

Sie hob die Augenbrauen.

„Es ist nur“, stotterte er weiter, „weil wir immer tiefer graben müssen, um noch Erz zu finden. Wenn wir Maschinen hätten, nur ein paar ganz einfache! Es heißt, in der Türkei gäbe es …“

„Das will ich nicht gehört haben!“, schnitt ihm die Stadtobere das Wort ab. „Maschinen! Noch dazu von unseren Feinden?!“

Gerold senkte beschämt den Blick. „Es ist nur … wir werden die Liefermenge so nicht weiter beibehalten können …“

Frau Schwarz kniff die Augen zusammen. „Schweig, Gerold! Eine strengere Stadtobere, als ich es zu deinem Glück bin, würde dir das als Hochverrat anrechnen, ist dir das eigentlich klar?“

Der Mann erbleichte und trat hastig einen Schritt zurück.

Unter den Frauen indes erhob sich aufgeregtes Gemurmel. Viele Frauen schimpften, gründete sich doch unser Wohlstand zu einem nicht unerheblichen Teil auf die Förderung der Metalle und Erze! Andererseits war die Arbeit in den Minen für eine Frau fast schon eine Schande, war sie doch eintönig und brauchte zudem nur wenig Magie.

Schließlich wurde abgestimmt und den Minen für ein paar Monate zwei Frauen zugesprochen. Dabei hoffte natürlich jede Frau, dass es nicht sie treffen würde.

„Welch eine Verschwendung!“, raunte Mamu mir zu. „Frauen für diese Arbeit einzusetzen, pff.“

Frau Schwarz kündigte an, am Ende der Versammlung zu entscheiden, welche Frauen ihre Magie demnächst in den Minen einsetzen mussten. Dann ging es weiter mit der alljährlichen Besprechung der Heiltrankzubereitung.

Ich musste ein wenig weggedöst sein, das Ganze war so unsagbar langweilig …

Ich schreckte auf, als jemand mit lautem Gepolter die Flügeltüren der Versammlungshalle aufstieß. Fünf Kriegerinnen der Abwehrgarde betraten den Raum. Sie alle waren muskulös und in Uniformen aus fest gewobenem und magisch verstärktem Stoff gekleidet. Zusätzlich trugen drei von ihnen diverse Waffen, was sie als Frauen kennzeichnete, die nicht über eine ganz so mächtige Magie verfügten. Umso gefährlicher wirkten ihre waffenlosen Schwestern.

Nachdem sich der erste Schreck gelegt hatte, wurde es unnatürlich still. Selbst ich wusste, dass etwas Schlimmes passiert sein musste.

Die Anführerin, eine Frau Anfang dreißig mit grimmigem Gesichtsausdruck, trat nach vorne, nickte Frau Schwarz zu und drehte sich dann zu uns um. Im Raum herrschte Totenstille.

„Wiebke Meikenewa von Silbach, Obere der Westgarde“, sagte sie knapp. „Wir kommen mit schlechten Nachrichten.“

Die Spannung im Saal nahm spürbar zu. Meine Muttersmutter ergriff meine Hand und drückte sie so fest, dass ich beinahe aufgeschrien hätte. Frau Meikenewa sah, wie es schien, jedem Einzelnen ins Gesicht und räusperte sich. Dann hob sie den Blick zur Decke.

„Vor vier Tagen sind fünfzehn Schülerinnen des Fraueninternats Klarasgrund bei einem Ausflug entführt worden.“

Die Menschen um mich herum schnappten entsetzt nach Luft. Dann durchbrach ein Schrei das Gemurmel: Alle wandten ihre Köpfe zu der Frau, die aufgesprungen war. Es war Frau Weinert, die Mutter von Amelie. Frau Meikenewa schloss kurz die Augen. Sie verzog das Gesicht und einen Moment lang dachte ich, sie würde anfangen zu weinen. Doch bereits wenige Sekunden später hatte sie sich wieder im Griff, ihr Gesicht eine starre Maske.

„Die Mädchen wurden von einer der Rebellengruppen um Matthias Schulte entführt und gefangengenommen. Unter ihnen auch die 17-jährige Amelie Weinert. Sie lebt.“ Die Frau schüttelte leicht den Kopf. „Sie wurde zusammen mit den anderen in Sichtweite eines Dorfes … freigelassen.“

Erst jetzt merkte ich, dass ich die Luft angehalten hatte. Erleichtert stieß ich sie wieder aus. Amelie lebte! Sofort blitzten unzählige Kindheitserinnerungen in mir auf: Wie wir miteinander gespielt hatten, sonnendurchflutete Tage am Fluss. Das gemeinsame Warten auf das Erwachen unserer Magie. Amelies Ungeduld. Ihre Wutausbrüche. Wunderbar kaltes Erdbeereis und nackte Füße, die von der Mauer baumelten. Sie war entführt worden. Aber es ging ihr gut!

„Amelie befindet sich derzeit im Frauenkrankenhaus in der Hauptstadt“, fuhr Frau Meikenewa fort. „Sie wird dort bestens versorgt. Ihr Zustand und der der anderen Frauen ist … sie …“ Die Frau schluckte hörbar. „… sind auf dem Weg der Erholung.“

Der Blick der Gardenoberen legte sich sanft auf Frau Weinert, die noch immer als Einzige von uns stand.

„Wir sind hier, um Sie abzuholen. Wir werden Sie sofort zu Ihrer Tochter bringen! Amelies Schwester auch, wenn Sie wollen.“

Frau Weinert nickte benommen. Zwei andere Frauen nahmen sie am Arm und führten sie dann vorsichtig aus dem Saal. Hätten sie die Frau nicht festgehalten, wäre sie zusammengebrochen. Auf ein Zeichen der Gardenoberen ging ihnen eine Gardistin hinterher.

Hunderte Blicke verfolgten Amelies Mutter, bis sich die Tür hinter ihr und ihren Begleiterinnen wieder geschlossen hatte. Dann herrschte wieder Stille. Mir brannten hunderte Fragen auf der Zunge: Wer war dieser Matthias Schulte? Warum entführten er und seine Leute unschuldige Frauen? Nur um sie dann ein paar Tage später wieder freizulassen? Was hatten sie mit den jungen Frauen angestellt? Und noch viel wichtiger: Warum schien außer mir keiner erleichtert zu sein, dass es Amelie und den anderen gut ging? Ich wandte mich zu Mamu um, bereit, ihr all diese Fragen zu stellen. Sie kniff nur die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. Sie war aschfahl im Gesicht. Auch einige der anderen Frauen waren bleich, andere zornesrot. Immer wieder Kopfschütteln und geballte Fäuste. Stimmen wurden laut, mehrere Frauen standen auf und riefen Frau Meikenewa Fragen zu. Wütend, zornig. Die Stimmung heizte sich auf. Nur einige wenige Frauen saßen mit gesenktem Kopf da, als könnten sie es noch immer nicht glauben. Die Gardenobere wechselte einen Blick mit der Kriegerin, die neben ihr stand.

Dann trat sie vor. „Frauen, beruhigt euch!“

Die sonst so sanftmütige Frau Bechthold schrie: „Ruhig sollen wir bleiben? Fünfzehn junge Frauen und wir sollen ruhig bleiben?“ Andere Frauen stimmten ein, ebenso die Großmütter.

„Was tut die Goldene Frau dagegen?“

„Was soll jetzt aus den Mädchen werden?“

„Wann hat das endlich ein Ende?“

„Warum hat die Garde sie nicht beschützt?“

Wut, Zorn und Hass durchströmten die Menge. Und inmitten all dieses Lärms und Getöses saß ich und verstand gar nichts mehr. Ich hatte den Namen Matthias Schulte zwar schon ab und an gehört, doch immer, wenn die Frauen mich sahen, waren die Gespräche über diesen Mann sofort verstummt.

„Mamu“, fragte ich leise. „Was ist denn hier los? Ich verstehe das alles nicht. Was haben die Männer denn mit den Frauen gemacht? Es scheint ihnen doch gut zu gehen, also warum regen sich alle so auf?“

Meine Muttersmutter wandte sich mir zu. Erst jetzt sah ich, dass ihr Gesicht tränenüberströmt war. „Es sind keine Frauen mehr“, flüsterte sie.

Ich schluckte. „Ich verstehe nicht …?“

Großmutter Mamu ballte die Hände zu Fäusten und sah mir direkt in die Augen. Ich zuckte zurück, als ich den Hass und die Kälte darin sah. „Deine Freundin Amelie und all die anderen …“ Unwillig wischte sie sich mit noch zu Fäusten geballten Händen die Tränen weg. „Sie sind keine Frauen mehr.“

Ich schüttelte den Kopf. „Wie kann das sein? Ich verstehe das nicht.“

Die Frau neben Großmutter Mamu lachte bitter. „Das soll heißen, Schätzchen, dass keine Frau, die einmal in die Fänge von Matthias Schulte und seiner Bagage geraten ist, noch eine Frau ist. Denn das ist es, was sie mit denen machen, die sie in die Finger bekommen!“

„Sie meinen …?“

„Hysterektomie. So nennt man das, was sie machen: Sie entführen Frauen und sorgen dafür, dass sie nie wieder Magie ausüben können. Sie setzen eine verbotene Technik aus anderen Ländern ein, schneiden ihnen die Gebärmutter raus und lassen die Frauen dann wieder frei. Deswegen nennt man sie auch die Großmüttermacher.“

Ich war verwirrt. In meinen Ohren rauschte es. Vor meinen Augen erschien ein Bild von Amelie. Amelie, die es nicht hatte erwarten können, endlich zur Frau zu werden. Amelie, die voller Stolz strahlte, als ihre Magie endlich erwacht war. Amelie, wie sie ihr Können ausprobierte. Wie sie mir von ihrer Zukunft vorschwärmte. Sogar Kinder hatte sie eines Tages haben wollen!

Das alles war jetzt vorbei. Siebzehn Jahre alt und schon Großmutter. Ausgeschabt und ausgeräumt, wie ein Schwein beim Schlachter.

Sie würde mir nie wieder in einem Wutanfall die Ohren versengen können.

Amelie.

Flüssiges Eis durchströmte meinen Körper, floss durch jede einzelne Blutbahn, erreichte mein Herz.

Etwas in mir zerbrach.

Teil 2

Zwölf Jahre später

Aus den Annalen des Goldenen Reiches

~1466~

Erschüttert von der Hinrichtung einer unschuldigen Jugendfreundin als Hexe erheben sich die Schwestern Beatrix und Stephanie gegen den Wunsch der bislang geheimen Hexenelite und verhindern zusammen mit Gleichgesinnten eine weitere Hexenverbrennung.

Von der Inquisition verfolgt offenbaren die Schwestern ihren Anhängern, dass jede Frau eine Hexe ist, erwecken die Magie in ihnen und machen es sich fortan zur Aufgabe, Frauen wie Männer aus den Fängen der Inquisition zu befreien.

Als die Zahl der unter ominösen Umständen befreiten Gefangenen immer weiter ansteigt, reagiert die Inquisition mit vermehrten Verhaftungen und Eilprozessen. Währenddessen steigt die Zahl der Erweckten stetig an.

Einige Frauen machen es sich zur Aufgabe, die neu erweckten Hexen heimlich in ihrer Magie zu unterweisen.

Kapitel 3

Missmutig schaue ich auf. Ich bin gerade dabei gewesen, mir eine Karte der westlichen Region des Großen Moldawischen Reiches einzuprägen, als jemand meinen Namen gerufen und mich aus meiner Konzentration gerissen hat. Ich bin sowieso in gereizter Stimmung: Da die Woche meiner Magieerneuerung begonnen hat, kann ich nicht mit auf Patrouille gehen. Nicht mal so einfache Dinge wie Schutzzauber über Uniformen sprechen oder Heiltränke zubereiten ist mir möglich. Wie ich es hasse, hier untätig herumzusitzen, während meine Schwestern ihr Leben riskieren! Aber so ist es nun mal und den anderen Frauen geht es nicht anders: In dieser Zeit ohne Magie wäre ich den aufständischen Männern mit ihren Waffen schutzlos ausgeliefert oder schlimmer noch, würde die anderen Frauen der Garde in Gefahr bringen. Also verbringe ich meine Abende in dem Einzelzelt, das mir als Gardenzweite zusteht, und vertreibe mir die Zeit mit dem Studieren von Landkarten. Tagsüber drille ich junge Anwärterinnen im körperlichen Kampf. So kann ich wenigstens einen kleinen Beitrag leisten, während sich meine Magie erneuert.

„Herein“, rufe ich unwillig. Die Zeltplane wird auseinander geschoben und herein tritt Richard, Rickie, mein kleiner Bruder. Überrascht schaue ich ihn an. „Was willst du denn hier?“

„Welch warmherzige Begrüßung, Schwesterchen“, grummelt er gutmütig und schenkt mir sein schiefes Lächeln. „Willst du mich denn nicht umarmen?“

Er schließt die Tür und kommt mit ausgebreiteten Armen auf mich zu. Ich zucke mit den Schultern, stehe auf und lasse es zu, dass er mich an sich drückt. Ich fühle mich seltsam spröde dabei. Zärtliche Gefühlsbekundungen sind nicht mein Ding. Ich bewege mich keinen Millimeter, lasse die Berührung nur kurz zu und winde mich dann heraus.

Erleichtert lasse ich mich wieder auf den Boden sinken. Mit einer Geste fordere ich Richard auf, es mir gleich zu tun. Als Tisch dient mir eine kleine Truhe mit Platz für meine persönlichen Sachen: Uniform, Notfallwaffen, falls es während meiner Tage der Erneuerung zu einem Angriff kommt, ein paar Heiltränke. Jede hohe Gardistin hat solch eine Truhe in ihrem Zelt, die einfachen Kriegerinnen müssen sich mit einem Rucksack und Zweier- oder Viererzelten zufrieden geben. In einer Ecke liegt meine Schlafdecke, in der anderen ist eine kleine Feuerstelle, das war’s. Richard scheint sich ähnliche Gedanken zu machen: Er sieht sich in meiner schlichten Behausung um und verzieht das Gesicht.

„Himmel, ein bisschen mehr Luxus hatte ich schon erwartet!“, lächelt er und setzt sich mir gegenüber auf den Zeltboden.

Ich zucke mit den Schultern. Irgendetwas an der Art, wie er das sagt, geht mir auf die Nerven.

„Was denn? Dachtest du, dass die Frauen, die das Reich und auch all die ach so armen Männer beschützen, es sich hier gut gehen lassen und ein Leben in Luxus führen?“, fauche ich. Richard zuckt zusammen. Kein guter Start. Vor allem wenn man bedenkt, dass wir uns seit vier Jahren nicht mehr gesehen haben. Mir war allerdings noch nie groß daran gelegen, über Belanglosigkeiten zu plaudern, lieber komme ich direkt zur Sache.

„Was willst du hier?“

„Du hast dich kein bisschen verändert“, seufzt Richard und mustert mich aus seinen dunklen, schönen Augen.

„Warum sollte ich auch?“

Ich habe nicht vor, mich vor meinem kleinen Bruder für irgendwas zu rechtfertigen. Und, es tut fast weh es zuzugeben, seine Worte verletzen mich; in allem, was er sagt, klingt ein Vorwurf durch.

Richard schüttelt den Kopf, schließt für einen Moment die Augen, holt tief Luft. Atmet bedächtig wieder aus. Als er die Augen wieder öffnet, ist sein Blick mild.

„Ich bin kaum eine Minute hier und schon fangen wir an zu streiten“, sagt er leise. „Dabei freue ich mich so, dich endlich wiederzusehen, Schwesterchen! Zu viel Zeit ist vergangen, seit du das letzte Mal Heimaturlaub hattest!“

Sofort fühle ich mich wieder in die Defensive gedrängt: „Die Moldawier lassen mir kaum eine andere Wahl. Du weißt, wie es aussieht. Auch das aufständische Gesocks auf unserer Seite der Grenze ist lange nicht so friedlich, wie du und deinesgleichen vielleicht gerne glauben würdet.“

Wütend zeige ich auf die Landkarte, die ich auf den Tisch gelegt habe.

„Das große Moldawische Reich breitet sich immer weiter aus und wird uns gegenüber nicht mehr lange so friedlich bleiben. Und auch auf unserer Seite sieht es nicht so gut aus, wie du vielleicht denken magst: Die Rebellen versuchen immer öfter, verbotene Technik ins Land zu schmuggeln. Da stecken natürlich Regierungen hinter und wenn sie’s noch so leugnen! Wir sind vielen Ländern ein Dorn im Auge; sie beliefern unsere Aufständler und hoffen so, uns von innen heraus zu schwächen, und genau das dürfen wir nicht zulassen! Du siehst also, lieber Bruder, ich habe eine ganze Menge zu tun, um den Frieden zu sichern. Um das Land zu beschützen. Und auch dich und all die Männer, die sich beschweren, wie schwer sie es doch haben. Ich …“

„Helena!“

Richard steht auf, kommt auf mich zu und hockt sich direkt vor mich. Er schaut mir fest in die Augen und legt seine Hände auf meine Schultern. Ich unterdrücke das Verlangen, sie wegzuschlagen.

„Helena“, wiederholt er. „Was ist nur los mit dir?“

„Mit mir?“

„Mit uns, was weiß ich denn?“ Richard schaut zu Boden, lässt seine Hände aber auf meinen Schultern.

„Helena, hör dich doch mal reden! Du redest zu mir von ‚dir und deinesgleichen‘! Du bist meine Schwester, meine Familie! Was ist nur aus dir geworden?“

Das muss ich mir nicht länger anhören. Wütend schüttele seine Arme ab und springe auf.

„Was mit mir passiert ist? Das fragst du noch?“

„Lena“, sagt Richard leise, „wie lange ist das jetzt her mit Amelie?“

„Was meinst du?“, zische ich. „Von welchem ihrer Tode sprichst du?“

„Ich meine ihren Freitod“, murmelt Richard und senkt die Augen.

„Acht Jahre“, sage ich kalt. „Vor zwölf Jahren und einem Monat, am 08.08.2004, haben ihr Schultes Männer alles genommen, was ihr Leben lebenswert gemacht hat. Und vor acht Jahren, drei Wochen und sechs Tagen hat sie sich das Leben genommen, am 09.08.2008, es war ein Samstag. Und? Willst du mir auch dafür die Schuld geben?“

Richard erbleicht und schüttelt den Kopf.

„Was redest du denn da? Das habe ich nie gesagt, nie sagen wollen. Aber …“

„Aber was?“

„Du musst doch zugeben, dass etwas … falsch läuft, völlig verkehrt. Wenn sich eine Frau von 21 Jahren das Leben nimmt, nur weil sie nie wieder Magie anwenden oder Kinder bekommen kann. Mensch, da läuft doch was vollkommen falsch im System! Dass eine Frau anders keine Anerkennung mehr bekommen kann, als Mensch, der sie ist, und nur noch diesen Ausweg sieht …“

„Ach, also ist es ihre eigene Schuld? Willst du das damit sagen, ja? Dass sie nicht stark genug war? Nach allem, was sie ertragen musste, nach allem, was die ihr angetan haben?“ Ich grabe die Fingernägel tief in das Fleisch meiner geballten Fäuste. Trotz all meiner Wut, die sich wie ein roter Schleier über mich legt, bin ich plötzlich froh, meine magieerneuernde Zeit zu haben: Wäre Richard eine Woche später gekommen, er hätte seine Dreistigkeit vielleicht mit dem Leben bezahlt. Es wäre nicht das erste Mal, dass meine Magie in einem Moment der Wut aus mir herausfließt. Meine Magie ist aus Eis und Eis ist ein sehr schmerzhafter Tod.

„Helena, Helena!“ Richard brüllt jetzt, steht ebenfalls auf.

„Nein Helena, hör mir doch mal zu! Es muss doch einen Weg geben“, seine Stimme klingt mühsam beherrscht, als er sie wieder auf normale Lautstärke senkt, „wie wir alle zusammenleben können: Menschen mit Magie und ohne. Frauen und solche, die unfruchtbar sind und keine Magie in sich tragen. Großmütter. Und … Männer.“

Ich atme hektisch ein und aus, dieses Gerede habe ich schon zu oft gehört. Ich will es nicht hören, will gleichzeitig schreien und mir die Ohren zuhalten. Doch ich tue nichts von beidem, sondern stehe wie erstarrt da und lasse zu, dass Richard seine Worte wie giftige Pfeile auf mich abfeuert.

„Es muss doch eine Möglichkeit geben, wie alle Menschen, Männer und Frauen, gleichberechtigt und in Frieden miteinander leben können!“

„Ach ja?“ Ich lache laut auf.

„Meinst du etwa so wie in all den Jahrhunderten, als die Männer die Frauen unterdrückt haben?“

„Nein.“ Richard schüttelt energisch den Kopf.

„So meine ich das nicht und das weißt du. Mensch Helena, denk doch mal nach: Du denkst, du würdest als Frau zu einer Mehrheit gehören, aber das stimmt nicht! Wie lange habt ihr Magie? 30, 35 Jahre, wenn es hochkommt? Das ist eine Minderheit, zu der du gehörst. Meine Güte“, er lacht bitter auf, „viele dieser sogenannten Frauen sind noch 11, 12 Jahre alte Kinder, überleg doch mal! Gleichzeitig fällt die Zahl der Geburten mit jedem Jahr weiter … Es ist eine Minderheit, die uns regiert und bestimmt. Und was willst du machen, wenn du selbst Großmutter bist, hm? Der Tag ist nicht so fern, wie du vielleicht denken magst. Das kann doch alles nicht sein, es muss doch möglich sein, das besser zu machen! Ich meine eine Gesellschaft, in der jeder Mensch die gleichen Rechte hat, egal ob Mann oder Frau oder Nicht-Frau oder Großmutter. Es muss einen Frieden zwischen uns geben können! Das ganze System ist doch falsch, siehst du das nicht? Es ist allerhöchste Zeit, etwas zu ändern, eine Gesellschaft aufzubauen, die …“

„Richard!“, unterbreche ich ihn erschrocken. „Richard, was redest du denn da?“

Ich spüre förmlich, dass ich erblasse. Meine Brust zieht sich zusammen und schnürt mir die Luft ab. Unwillkürlich fasse ich mir an die Kehle, in meinen Ohren rauscht es.

„Richard“, wiederhole ich mühsam beherrscht und kann kaum verhindern, dass meine Stimme zittert. „Du redest wie … du hörst dich an, wie ein …“

Ich kann es nicht aussprechen, so sehr fürchte ich, Richard würde meinen Verdacht bestätigen und somit zur furchtbaren Wahrheit machen. Ich will es nicht hören, doch Richard kennt keine Gnade. Vollkommen ruhig sieht er mich an.

„Ja. Ich werde mich den Rebellen anschließen. Darum bin ich hergekommen. Dies ist vielleicht das letzte Mal, dass wir uns sehen werden, Schwester.“

Atmen. Ich stehe da und kann nichts weiter tun, als zu versuchen weiterzuatmen. Richard. Mein Bruder! Der mit ein paar wenigen Worten alles zerstört, was je zwischen uns gewesen ist. Alles in mir schreit, will ausbrechen, wüten und toben. Unsichtbare Fäuste trommeln von innen gegen mein Herz, drohen es zu zerreißen. Mein eigener Bruder.

„Rickie!“ Verzweifelter Aufschrei.

„Lena.“ Resigniert.

Ich schlucke. Tränen laufen mir über die Wangen. Ich wische sie weg. Erinnere mich daran, wer ich bin.

„Richard“, wiederhole ich und obwohl nicht ich der Verräter bin, ist mir, als würde mein Herz zerspringen. „Du weißt, dass uns das zu Feinden macht?“

Der Blick, den mein Bruder mir zuwirft, werde ich meinen Lebtag nicht vergessen.

Richard dreht sich um und geht.

Ich lasse mich zu Boden sinken und weine, bis mein Herz zu Eis gefriert. Rickie, mein kleiner Bruder, dem ich vor so langer Zeit und in einem anderen Leben das Bäuchlein gekitzelt habe, bis er vor lauter Lachen umgeplumpst ist. Den ich geliebt habe, wie niemanden sonst. Jetzt ist er mein Feind.

Am nächsten Tag erwache ich mit grauenvollen Kopf- und Unterleibsschmerzen. Mürrisch stehe ich auf, öffne die Tür und hole den Eimer Waschwasser herein, den mir eine der Anwärterinnen jeden Morgen zu bringen hat. Ich stelle den Eimer auf die Truhe und tauche meinen Kopf komplett hinein. Der Schock, den das eiskalte Wasser verursacht, verschafft mir sofort wieder einen klaren Kopf. Der Auftritt meines Bruders am gestrigen Abend erscheint mir nun nicht mehr wie der Weltuntergang, sondern nur noch wie ein lästiger, aber letztendlich unbedeutender Besuch aus der Vergangenheit. Ich ziehe mich aus und wasche mich gründlich. Im Gegensatz zu vielen anderen Frauen mag ich die Kälte, sodass es mir nichts ausmacht, mich mit dem eisigen Wasser zu waschen. Ich trockne mich ab, schlüpfe in Uniform, Stiefel und Mantel und stelle den Eimer beiseite. Dann wühle ich mir aus der Truhe einen Heiltrank gegen den Kopfschmerz heraus. Meine Laune ist auch so schon schlecht genug. Sehnsüchtig denke ich an den Tag, an dem meine Magie endlich wieder erneuert sein wird. Die Untätigkeit, dazu verbunden mit Unterleibskrämpfen, zerrt an meinen Nerven.

Meine Beschwerden sind angeboren. Ich habe mich bereits drei Mal in einem Frauenkrankenhaus deswegen behandeln lassen, doch irgendwann setzen sich meine Gene dummerweise immer wieder durch. Und die passenden Heiltränke lähmen meine Magie zu sehr, als dass ich es wage, sie regelmäßig einzunehmen. Aber gegen den Kopfschmerz kann ich etwas tun, immerhin etwas. Ich schlucke die Medizin und muss grinsen. Jahrhundertelang haben die Menschen das Gebiet der Medizin erkundet: Die klügsten Frauen studierten sie und sogar Männer haben in der Vergangenheit die eine oder andere Entdeckung gemacht. Die mit Sicherheit ältesten Schmerzen der Welt – die Strapazen einer Geburt und der Schmerz während der Erneuerung – hat dagegen noch niemand dauerhaft bekämpfen können. Es scheint fast so, als würde eine höhere Macht wollen, dass Frauen dies zu erdulden haben …

Ich schüttele den Kopf über meine eigenen Gedanken. Lächerlich. Was sollte es Götter kümmern, ob wir eine Woche im Monat unpässlich sind oder nicht? Vor langer, langer Zeit, so habe ich es einst im Geschichtsunterricht gelernt, hatte es einen Glauben gegeben, der genau dies gesagt hat: Er stammte aus dem Zeitalter der patriarchischen Religionen und seine Anhänger beteten einen Gott an, der Frauen für ihre angeblichen Sünden mit eben jenen Schmerzen bestrafen wollte. Was für ein Humbug! Welcher vernünftige Gott würde einen Teil der Menschheit zu Frauen machen, nur um sie dann dafür zu bestrafen? Und wie kann ein Gott den Menschen ernsthaft weismachen wollen, dass durch die Frauen alles Schlechte in die Welt gekommen ist? Egal, es ist einerlei. Und die dazu gehörige Religion ist schon vor langer Zeit untergegangen, ist nicht mehr als eine weitere kleine Fußnote in der Geschichte der Menschheit.

Ich verlasse mein Zelt und gehe zu dem in der Mitte des Lagers, in dem die Gefangenen auf mich warten.

Die drei Menschen, die ich gleich vernehmen werde, wurden gestern in den Wäldern nahe der Grenze von unserer Patrouille aufgegriffen: Eine Frau mit ihrem Mann und ihrem Kind, einem Jungen von etwa zehn Jahren. Sie hatten sich als Flüchtlinge ausgegeben, die dem Hunger und der Not im Großen Moldawischen Reich entkommen wollten, aber ich glaube ihnen das natürlich nicht so ohne Weiteres. Sicher, sie sehen abgemagert und verhärmt aus. Doch ich habe bereits einen Blick in die Augen der Frau namens Ada werfen können und das gierige Funkeln darin gesehen. Ich weiß, was sie will.

Ich verhöre sie zuerst. Jetzt, da Ada von ihrem Mann getrennt befragt wird, macht sie keinen Hehl mehr aus dem Grund ihrer Flucht.

„Ich habe Dinge erhört“, beginnt sie mit aufgeregter Stimme, „von Dinge, die bei uns nicht gibt!“

Ihr Deutsch ist nicht besonders gut, aber da ich in meinem derzeitigen Zustand nicht mit Hilfe meiner Magie ins Slawische wechseln kann, muss es auch so gehen. Nihan, eine Gardistin und langjährige Freundin von mir, hebt die Augenbrauen. Ich schüttele leicht den Kopf und sie grinst. Mein Sturkopf ist in der ganzen Garde bekannt, ich würde mir auch von ihr nicht helfen lassen.

Franziska, die andere Gardistin, die mich ins Gefangenenzelt begleitet hat, lächelt ebenfalls.

„Was willst du?“, frage ich Ada.

Sie schiebt störrisch das Kinn vor.

„Ich will Magie! Es sagt, ihr könnt es erwecken! Das will ich, darum bin ich gekommen hierhin!“

Ich lege den Kopf schief und schaue sie neugierig an.

„Und dein Mann?“

Ada hebt die Schultern, schaut verwirrt: Sie versteht nicht, was ich meine.

Ich formuliere um: „Dein Mann: Was hast du ihm gesagt, warum ihr hier seid?“

Ada denkt kurz nach, dann grinst sie und schafft es trotz der Fesseln eine wegwerfende Geste zu machen. Dann rollt sie mit den Augen und macht „Pffft.“

Unsere Blicke treffen sich und wir müssen beide lachen.

„Weißt du“, erklärt sie und ihre Augen blitzen vor Zorn, „ich mache immer Essen, putze, kümmere mich um unsere Kind. Wir alle haben gehört, dass wir auch Magie haben. Ich will nicht weiter arbeiten, ich will eine Hexe werden, wie hier!“

„Also hast du deinen Mann angelogen und beschlossen, hierher zu kommen?“

Sie nickt.

„Ich will bessere Leben. Ich trage Magie, heißt es. Und ihr könnt sie wecken. Ich sage zu meinem Mann, dass wir hierher gehen müssen. Mein Mann denkt, wir wären hier für nicht mehr hungern, pah!“

Ich lächle und werfe Nihan einen Blick zu. Dank ihrer Magie kann sie in einen Menschen schauen, kann Herzschlag, Schwitzen und weitere Anzeichen von Nervosität klar vor sich sehen. Nur wenige Menschen, nur die besten Lügner, vermögen es, sie zu täuschen. Nihan blinzelt einmal langsam, Ada spricht die Wahrheit.

Ich weise Franziska an, Ada etwas zu essen bringen zu lassen, nicke der Gefangenen zu und verlasse das Zelt. Wieder eine neue Schwester für das Goldene Reich!

Adas Mann kann gar kein Deutsch, nicht einmal ein paar Brocken. Sie muss es heimlich gelernt haben. Dieses Mal übernimmt Franziska die Vernehmung. Auf Slawisch, klar, und ich verstehe kein Wort. Soweit Nihan mir übersetzt, hatte der Mann wirklich gedacht, mit seiner Familie in ein besseres Leben zu flüchten. Idiot.

So ganz glaubt ihm keine von uns. Wer sagt, dass er nicht doch ein Spion ist? Immer wieder flüchten unerweckte Frauen aus anderen Ländern zu uns, vor allem aus dem Großen Moldawischen Reich, China und jenen Stadtstaaten, in denen Frauen am meisten unterdrückt werden, das ist allgemein bekannt. Und schon einige Regierungen haben versucht, uns auf diese Art Spione unterzujubeln oder den Aufständlern geschmuggelte Waffen und Lebensmittel bringen zu lassen.

Ich traue Nihans Fähigkeiten, weiß aber auch, dass Männer in den östlichen Ländern oft in der Armee darauf gedrillt werden, ohne jede körperliche Regung zu lügen. Daher verfasse ich einen kurzen Bericht für die Gardenobere, in dem ich den Transport des Gefangenen in die Hauptstadt empfehle. Dort gibt es Frauen, die ganz spezielle Magie besitzen, bessere noch als Nihan, und bislang noch aus jedem die Wahrheit herausbekommen haben.

Der Mann wimmert. Franzi hat ihn wohl etwas zu hart angefasst. Na ja, er wird es schon überleben.

Als er anfängt, nach seiner Gattin und dem Kind zu rufen, verlassen wir das Zelt.

Bleibt nur noch der Junge.

Doch ehe ich mich um diese Angelegenheit kümmern kann, tritt mir Alexandra in den Weg. Ich unterdrücke ein Knurren: Sie und ich sind bereits an der Gardeakademie aneinander geraten. Wir haben denselben exzellenten Abschluss gemacht, nur ist meine Magie stärker als ihre. Sie versucht bis heute, das mit einer größeren Körperkraft zu kompensieren und trainiert im Gegensatz zu mir jeden Tag mehrere Stunden den magielosen Kampf. Zweifellos ist sie körperlich stärker als ich und könnte mich in meiner Zeit der Magieerneuerung ohne große Anstrengung schlagen. Aber was nützt ihr das schon?

Nichts, und das weiß sie auch. Dass ich sie erneut ausgestochen habe und Gardenzweite geworden bin, hat unser Verhältnis nicht gerade verbessert.

„Was ist?“, fauche ich sie an.

Sie salutiert feixend.

„Du sollst sofort zur Oberen kommen.“

Ich bin überrascht: Ich habe Frau Helmich erst in drei Tagen zurück erwartet. Na gut, dann kann ich ihr gleich Bericht erstatten. Grimmig mache ich mich auf den Weg zu ihrem Zelt. Zu meiner Überraschung folgt mir Alexandra zusammen mit ihrer besten Freundin Melissa und betritt ebenfalls die Unterkunft unserer Gardenoberen.

Frau Helmich ist eine beeindruckende Person, die ich seit unserem ersten Kennenlernen verehre: Sie ist klein, gerade mal 1,60 Meter groß, und stammt aus dem Nordosten des Reiches. Der Blick ihrer braunen Augen ist stets grimmig-entschlossen. Sie gilt als streng und unnachgiebig, aber es ist ebenso bekannt, dass sie immer ein offenes Ohr für die Nöte und Sorgen ihrer Frauen hat. Ihre Magie ist selten und ihre Fähigkeit, die Rufe wilder Tiere zu verstehen, in den Wäldern hier von unschätzbarem Wert. Diese Frau ist bereits jetzt eine Legende. Schade, dass ihr nur noch fünf, maximal sieben Jahre Zeit bleiben werden, bevor ihre Wechseljahre eintreten. Sie ist mir Mentorin und Ersatzmutter zugleich, ich werde sie sehr vermissen.

Ich hebe den Kopf, bereit vor meiner Gardenoberen zu salutieren, als ich eine böse Überraschung erlebe: Der Stuhl, auf dem Frau Helmich immer sitzt, ist nach wie vor leer. Stattdessen spüre ich, wie mich von hinten plötzlich Magie umklammert.

„Du hast doch nicht etwa gedacht, damit durchzukommen, meine liebe Helena“, dringt es honigsüß an mein Ohr.

„Was soll das?“, fauche ich und versuche, mich aus Alexandras magischer Fessel zu befreien. Zwecklos.

„Lass mich sofort los, oder …“

„Oder was, Helena?“

„Für dich heißt das immer noch ‚Gardenzweite‘“, zische ich.

Was bildet die sich eigentlich ein?

„Wenn die Gardenobere davon erfährt, dann …“

„Oh, das wird sie, keine Sorge“, zwitschert Alexandra heiter.

Ich sehe mich um und erkenne, dass mittlerweile fünf weitere Frauen das Zelt betreten haben: Die Obere der Fährtenleserinnen, die Ärztin Frau Winters, Nihan und zwei weitere Frauen von hohem Rang. Meine Kehle zieht sich zu, mein Mund wird trocken. Was geht hier vor?

Alexandra baut sich vor mir auf, Melissa feixt.

„Helena, ich klage dich hiermit offiziell der Unterstützung einer Verschwörung, des Eidbruches und Hochverrates an!“

Ich erbleiche. Dann schüttele ich den Kopf.

„Was soll der Blödsinn, Alexandra? Hat dir einer was auf den Kopf gegeben?“

Ich schaue in die Gesichter der anderen Frauen und das Lachen bleibt mir im Halse stecken.

Dann tritt Lynn vor. Was hat meine persönliche Wache damit zu tun?

Doch noch ehe sie stockend berichtet, was sie am Vorabend gehört hat, weiß ich, was kommt.

Richard ist mein Bruder, dennoch ist er auch ein Verräter. Und ich habe ihn weder festgenommen, noch gemeldet. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, ihn … Was habe ich denn eigentlich gedacht, verdammt? Gar nichts, ich habe gar nicht nachgedacht! Habe diese ganze, verdammte Geschichte irgendwie als Familienangelegenheit betrachtet. Als Streit unter Geschwistern, was weiß ich. Und habe damit das größte aller Verbrechen begangen: Hochverrat. Denn ohne den geringsten Zweifel habe ich einen Rebellen, einen waschechten Verräter, gehen lasse, anstatt ihn in Ketten zu legen. Ich habe einen Fehler gemacht und die Goldene Frau ebenso verraten, wie meine Gardeschwestern. Ich weiß, dass ich schuldig bin, also bleibe ich stumm auf Alexandras gehässige Anklage. Ich werde mich vor dem Gericht der Goldenen Frau erklären oder irgendwie versuchen, meinen Fehler wieder gut zu machen. Hier und jetzt bin ich ohne meine Magie Alexandra, dieser miesen Schlampe, hilflos ausgeliefert, also kann ich mich genauso gut vorerst in mein Schicksal fügen. Ich schließe die Augen, damit ich Alexandras hämisches Grinsen nicht länger sehen muss.

Aus den Annalen des Goldenen Reiches

~1467~

Papst Paul II verhängt über alle erweckten Frauen den Kirchenbann und erlässt ein Sonderedikt, nach dem fortan während jedes Gottesdienstes über das Übel der Hexerei zu predigen ist. Weiter entsendet Rom Wanderprediger, die dem sich in deutschen Landen ausbreitenden Ketzertum entgegenwirken sollen.

~1468~

Papst Paul II ruft alle Fürsten des Heiligen Römischen Reiches auf, sich unter dem Christenbanner zu vereinen und das Reich von den Hexen zu säubern. Damit zieht er sich den Zorn Kaiser Friedrichs III zu, der die Zerstörungen eines Kreuzzuges innerhalb seines Reiches fürchtet.

Noch im selben Jahr stirbt Papst Paul II unter ungeklärten Umständen.

Sein Nachfolger Papst Eugen V, auch bekannt als „Fekete Papa“, flieht nach mehreren Todesdrohungen nach Ungarn, wo er sich unter den Schutz König Matthias Corvinus‘ und seiner Schwarzen Armee stellt. Im Gegenzug übereignet er Corvinus Ablassbriefe in unbekannter Höhe sowie eine beträchtliche Summe in Gold-Scudi. Papst Eugen V stirbt im Exil zusammen mit acht Kardinälen und fünfzehn Diakonen durch die Cousinen Marta, Sorcha, Rosika und Darinca von Siebenbürgen. Diese vier Frauen werden daraufhin als „Finstere Hexen von Siebenbürgen“ bezeichnet und halten später unter der fälschlichen Bezeichnung „die sieben Finsterhexen“ Einzug in zahlreiche Schauergeschichten.

~1468~

Der Burgunderherzog Karl der Kühne verbündet sich mit verschiedenen Reichsstädten und zieht gegen die Hexenschwestern ins Feld. Beginn der Hexenkriege.

~1469~

Tod Karls, Ende der männlichen Linie des Hauses Burgund.

Kapitel 4

Am nächsten Tag beginnt die beschwerliche Reise: Da Kriegspferde viel zu kostbar in Unterhalt und Ausbildung sind, um auf solch eine Reise verschwendet zu werden, müssen die beiden Gardistinnen und ich mit lahmen Zugpferden vorlieb nehmen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie die über 1.000 Kilometer bis zur Hauptstadt schaffen werden.

Da ich noch immer nicht wieder magiefähig bin, begnügen sich meine Bewacherinnen damit, mir Handfesseln anzulegen. Vor mir im Sattel sitzt Adas Junge, ebenfalls nur an den Händen gefesselt und ebenfalls auf dem Weg in die Hauptstadt; dort soll er im Jungenheim untergebracht werden, bis seine Eltern eingehender überprüft worden sind – Standardprozedur. Zum Glück für mich scheint er während des Rittes stumm bleiben zu wollen. Allein die Bewegung seines Kopfes hin und wieder verrät mir, dass er nicht schläft. Fast hätte ich gegrinst: Hätte ich diesen Transport angeordnet, ich hätte nur eine Frau dafür abgestellt. Wie sollten der Junge und ich auch fliehen können?

Immerhin kann ich mich nicht über die Kleidung beklagen, die sie mir gegeben haben. Nach all den Jahren in Uniform fühlt sich die Zivilkleidung zwar merkwürdig an, aber an der Baumwollhose, dem Oberteil und vor allem dem dicken Wollmantel ist ansonsten nichts auszusetzen.

Nadia und Karoline, unsere beiden Bewacherinnen, sind schlecht gelaunt. Kein Wunder: Das wird eine lange und beschwerliche Reise. Ich kann verstehen, dass sie keine große Lust dazu haben. Auch meine ich, den Hass und die Verachtung, die mir von den beiden entgegenschlägt, zu spüren. Einst habe ich sie in unzählige Kämpfe gegen die Rebellen geführt, bin mit ihnen auf Patrouille gegangen und habe mit ihnen am Feuer gesessen. Nun habe ich sie verraten.

Gegen Mittag erreichen wir die Ruinen einer lange schon verfallenen Stadt.

„Debrecen“, sagt Karoline ehrfürchtig, als wir den Stadtrand erreichen, „die Gestorbene Stadt.“

In mir regt sich eine Erinnerung aus dem Geschichtsunterricht: Diese Stadt hatte in der Zeit der sogenannten Hexenkriege eine große Rolle gespielt, ich weiß nicht mehr, welche.

Jetzt liegt die einst vermutlich prächtige Stadt wie ausgestorben vor uns. Die Einwohner haben sie schon lange verlassen und geblieben sind nur pflanzenüberwucherte Trümmer sowie ein paar hundert Ruinen einstiger Häuser als Zeugnisse längst vergangener Pracht.

Karoline und Nadia wechseln einen Blick, dann zügeln sie ihre Pferde.

„Weißt du noch“, fragt Nadia ihre Kampfgefährtin, „wie uns die Gardenzweite aus dem Hinterhalt gerettet hat? Als wir so dumm waren, zu den Biharugra-Teichen zu gehen, um unsere Wasservorräte aufzufüllen?“

„Ja“, antwortet Karoline langsam. „Schon verdammt lange her, was?“

Nadia nickt.

„Ich weiß noch, letzten Sommer“, Karoline verzieht das Gesicht bei der Erinnerung, „hat mich so ein Schwein mit einem Schussgewehr erwischt. Jana konnte zum Glück die anderen Kugeln mit ihrer Windmagie abwehren, aber eine hat mich erwischt, direkt in die Brust. Hätte die Gardenzweite damals nicht meine Wunde vereist und mich unter Einsatz ihres Lebens zu der Ärztin gebracht, wäre ich verblutet.“

Ich bin irritiert: Was soll das?

Ist das der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Beschimpfungen und Bestrafungen, die mir die beiden zukommen lassen wollen? Ich würde es ihnen nicht mal übel nehmen, wenn sie mich verprügeln würden, hier und jetzt, an dieser menschenverlassenen Stelle. Oder Schlimmeres. Allein ihre Magie dürfen sie nicht gegen mich richten. Noch nicht: Bin ich erst einmal offiziell des Hochverrates überführt, habe ich natürlich das Recht auf eine ehrenvolle Behandlung verwirkt. Nadia und Karoline machen allerdings keine Anstalten, mir nahe zu kommen. Eine merkwürdige Spannung liegt in der Luft, die ich nicht recht zuordnen kann. Auch der Junge scheint sie zu spüren, er hat sich stocksteif aufgesetzt und rührt sich keinen Millimeter.

„Ach, Debrecen“, sinnt Nadia und betrachtet die Geisterstadt. „Welch wunderschönes Labyrinth! Hier machen wir Pause!“

Spricht’s und steigt ab. Karoline tut es ihr nach.

Ich fasse es nicht: Was machen die denn da? Keine Gardistin mit nur einem Funken Verstand steigt vom Pferd, bevor der Gefangene aus dem Sattel gestiegen ist! Zu leicht kann dieser dann nämlich … Da dämmert es mir. Ich schaffe es gerade so eben, den beiden keinen dankbaren Blick zuzuwerfen. Sie setzen ihre Ehre aufs Spiel, um mir meine Taten zu vergelten. Ich schließe für einen winzigen Moment die Augen, danke ihnen stumm. Dann schlage ich meinem Pferd die Hacken in die Seiten, sodass es einen erschrockenen Sprung macht. Dabei schreie ich gellend. Mein eigenes Pferd Mitternacht würde wie jedes Kriegspferd ob dieses Lärms nicht einmal schnauben, doch dieses Tier hier ist es gewohnt, friedlich und in Ruhe Güter zu transportieren. Es schreckt auf, versucht zu steigen. Als hätte er meine Absichten erkannt, kreischt auch der Junge laut, sodass nun auch die Pferde der Gardistinnen in blinder Panik davonstieben. Mit aller Kraft lehne ich mich nach vorne und drücke dabei den Jungen mit. Ich mache mich so schwer wie möglich. Die Stute schnaubt, scheut wieder, verweigert meine gebrüllten Befehle. Erst als ich ihr abermals die Hacken in den Bauch treibe, wiehert sie schrill und galoppiert dann mit uns davon. Trägt uns tief hinein in das Labyrinth der Gestorbenen Stadt.

Nach stundenlanger Hast durch das Gewirr der stillen Straßen bin ich mir sicher, unsere Verfolgerinnen abgehängt zu haben. Die Stute zittert vor Erschöpfung, doch ich treibe sie unbarmherzig weiter in Richtung der dichten Wälder. Es wird nicht lange dauern, bis ein ganzer Trupp Gardistinnen die Gegend durchkämmt. Sicher haben Nadia und Karoline schon vor Stunden per Magie einen Hilferuf gesendet. Ich bin ihnen nicht böse: Sie haben mir zur Flucht verholfen und da sie auch erst wieder ihre Tiere einfangen mussten, dürften wir einen wertvollen Vorsprung haben.

Noch immer bleibt der Junge stumm. Das einzige Geräusch, das er von sich gibt, ist ein leises Zähneklappern. Mittlerweile ist es dunkel geworden und von Osten weht ein eisiger Wind. Ich kann nichts dagegen tun.

Als ich es schließlich für sicher erachte anzuhalten, befinden wir uns tief in einem dichten Wald. Es ist bereits so finster, dass wir schon seit einer Stunde zu Fuß gehen und die treue Stute am Zügel führen müssen. Jetzt reibe ich sie notdürftig mit meinem Umhang ab, der Junge schaut wortlos zu.

Ich benutze den Sattel als Kopfkissen und mache es mir auf dem Waldboden bequem, schließe für einen Moment die Augen. Ich höre, wie der Junge ein wenig herumraschelt; wahrscheinlich deckt er sich, da er keinen Umhang hat und nur ein dünnes Hemd trägt, mit Laub zu.

Eine Erinnerung blitzt in mir auf: Richard und ich, wie wir eine Nacht im Wald hinter unserem Haus zelten wollten. Wie uns das blöde Zelt gerissen war. Wir haben dennoch nicht eine Sekunde daran gedacht, wieder nach Hause zu gehen. Stattdessen haben wir uns dicht aneinander gekuschelt und uns gegenseitig damit aufgezogen, wer am stärksten zittert. Dann waren wir eingeschlafen, warm und voller Glück.

Mit einem Seufzen schlage ich die Augen wieder auf und schaue den Jungen an.

„Komm her“, raune ich und hebe meinen nach Pferdeschweiß riechenden Mantel. „Du kannst bei mir schlafen.“

Der Junge gehorcht wortlos und kuschelt sich mit dem Rücken an meine Brust. Ich decke ihn so gut es geht mit dem Mantel zu. Zwar betrachte ich, seit ich über das Eis gebieten kann, die Kälte als meine Freundin, aber die Wärme des Jungen erfüllt mich dennoch mit einer merkwürdigen Behaglichkeit.

Ich liege noch lange wach und grübele, was ich jetzt machen soll. Ich habe mich zweifellos des Hochverrates schuldig gemacht. Und obschon mein Herz noch immer der Goldenen Frau und dem Reich gehört, bezweifele ich, dass ich je wieder in den Dienst meines Landes werde treten dürfen. Bestenfalls werden sie mir meine Magie nehmen und mir ein genügsames Leben als Großmutter lassen. Ich habe keine Ahnung, was ich tun soll. Und dann ist da auch noch dieser Junge, der ohne mich zweifellos hier in der Wildnis sterben wird. Er ist noch so klein …

Mein letzter wacher Gedanke gilt Richard, Rickie, meinem kleinen Bruder aus glücklichen Kindertagen. Mit seinem Lachen im Ohr schlafe ich ein.

Am nächsten Morgen schlage ich die Augen auf. Manch einer wäre an meiner Stelle wohl einen Moment orientierungslos, aber ich bin es gewohnt, inmitten eines Waldes aufzuwachen. Wenn wir auf Patrouille gehen, können wir nicht immer Zelte und Kochstellen aufzaubern: Entweder der Platz reicht nicht, oder aber es ist schon zu dunkel und die Aufständler zu nah, um magische Lichter riskieren zu können. Zu oft müssen wir mit dem Waldboden vorlieb nehmen. Freilich bin ich daran gewöhnt, mir meinen Schlafgrund von Lynn zurechtzaubern zu lassen. Die Erdmagierin fehlt mir wie alle meine Schwestern. Dann jedoch fällt mir wieder ihr Verrat ein. Möge ihre Magie früh versiegen!

Missmutig schaue ich auf den Jungen, der noch immer eng an mich gedrängt schläft. Er hat kurzes, dunkles Haar, einen leicht breiten Kopf und hohe Wangenknochen. Ich kenne mich mit Kindern kaum aus, meine allerdings, Anzeichen eines kräftigen Kinns und einer recht männlichen Nase in dem jungen Gesicht ausmachen zu können. Ein hübscher Bursche, zweifelsohne. Auch wenn er im Moment eher aus Haut und Knochen, denn aus Muskeln und Fleisch besteht.

Als hätte ich ihn mit meinen Gedanken aufgeweckt, öffnet der Junge die Augen. Er dreht den Kopf zu mir und der klare Blick seiner braunen Augen trifft die meinen. So verharren wir einen Moment. Ich rechne damit, dass er jeden Moment etwas sagen wird. Doch nichts. Ob er stumm ist?

„Na los, steh auf“, sage ich nicht unfreundlich.

Ich ziehe meinen Mantel von ihm und gebe ihm einen sanften Stups. Langsam kommt er auf die Beine. Der Junge schaut sich kurz um. Dann sieht er wieder mich an, einen fragenden Ausdruck in den Augen. Ich ignoriere ihn, strecke mich und vergewissere mich, dass es der Stute gut geht, die friedlich an den wenigen Büschen knabbert. Sie scheint sich erholt zu haben und kommt auf einen Pfiff hin zu mir rüber, reibt ihre Nase an meiner Schulter.

Was soll ich jetzt tun? Wohin soll ich gehen? Und was mit dem Jungen anfangen? Moment, eins nach dem Anderen! Ich erleichtere mich in einem Gebüsch und beschließe dann, dass unsere Flucht Priorität hat. Man kann um diese Jahreszeit locker eine Weile im Wald überleben, wenn man nur weiß, was man alles essen kann. Natürlich brauche ich mich da eh nicht zu sorgen: Noch vier Tage, dann wird meine Magie erneuert sein. Eis ist nicht die beste aller Jagdmethoden und es dauert immer recht lange, bis man von mir erlegte Beute essen kann: Ich neige stets dazu, vor lauter Jagdfieber zu viel Eis zu schleudern und die Tiere dabei gleich schockzufrosten.

Ich kehre zu dem Jungen und der Stute zurück und befehle ihnen zu warten. Die Sonne ist durch den dichten Blätterwald der Baumkronen noch nicht zu sehen, die Sterne schon zu weit verblasst, daher muss ich mich anderweitig orientieren.

Der Junge ruft etwas und sieht mich erschrocken an. Ich weise auf die Stelle, an der wir geschlafen haben: „Bleib hier, ich komme gleich wieder!“

Kaum drehe ich mich um, kommt er hinter mir her gerannt und greift nach meinem Mantel. Wütend schüttele ich ihn ab. Wie er da so vor mir steht und irgendwelche Wörter stottert, tut er mir fast leid. Dabei gestikuliert er wild. Als ob das helfen würde, ihn zu verstehen! Da er aus dem Großen Moldawischen Reich kommt, nehme ich an, dass er Einheitsslawisch spricht, eventuell mit einem alten Dialekt wie Russisch oder Polnisch. Mir ist an der Akademie des Öfteren nahegelegt worden, eine oder mehrere Fremdsprachen zu lernen, aber wozu? Ein paar Tage noch und ich werde den Jungen ohne Mühe verstehen können. Nicht dass ich davon ausgehe, er hätte überhaupt etwas Sinnvolles zu sagen. Mir ist allerdings auch klar, dass ich ihn nicht so einfach loswerde, ich kann ihn ja nun schlecht aussetzen oder so.

Wie er so dasteht und mich ansieht und ihm Tränen über das Gesicht kullern, kommt mir eine Idee.

„Wie heißt du?“

Ein fragender Blick. Er versteht mich nicht, logisch. Hätte ihm Ada nicht zumindest etwas Deutsch beibringen können?

Ich zeige auf ihn und dann, weil er noch immer nicht zu verstehen scheint, auf mich. Lege meine Hand auf mein Herz und sage: „Helena.“

Dann zeige ich wieder auf ihn. Er starrt weiter. Meine Güte, das kann doch nun wirklich nicht so schwer zu verstehen sein, oder? Immerhin weint er jetzt nicht mehr.

Also noch einmal: „He-le-na.“

Der Junge scheint nachzudenken, dann nickt er: „Tak, Kolja.“

Das soll wohl so viel wie „Ja, verstehe.“ heißen. Ermunternd zeige ich erneut auf ihn.

Der Junge legt sich die Hand aufs Herz, schluckt schwer und sagt etwas.

Ich verstehe gar nichts. Was da aus seinem Mund kommt, kann doch unmöglich ein Name sein!

Er wiederholt seinen Namen in der guttural klingenden Sprache.

„Meujizerze bolli?“, versuche ich es.

Der Junge legt den Kopf schief und grinst mich doch tatsächlich an.

„Haha, sehr komisch! Ich will dich mal hören, wenn du versuchst, Deutsch zu sprechen“, brumme ich. „Auf jeden Fall kann kein normaler Mensch diesen Namen aussprechen, geschweige denn, ihn sich merken! Was soll das überhaupt für ein Name sein?“

Ich überlege kurz. „Ich nenne dich einfach ‚Meuserdsch‘. Oder hast du ein Problem damit?“

Der Junge grinst noch breiter.

„Moji cerce bolli“, korrigiert er mich betont langsam.

„Von mir aus auch das.“ Ich zucke mit den Schultern. „Oder einfach nur ‚Mojserce‘, du wirst schon drauf hören!“

Ich zeige erneut auf den Boden: „Mojserce, also … bleib einfach hier, ja?“

Ich deute in Richtung Waldrand. „Ich bin gleich wieder da!“

Dieses Mal bleibt der Junge, wo er ist, und ich mache mich auf den Weg.

Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, müsste der Wald bald lichter werden. Und richtig: Bereits nach einer knappen Viertelstunde stehen die Bäume freier, sodass sich genügend Laubbäume mit ihren dicken Ästen finden, um daran hochzuklettern. Ich entscheide mich für eine riesige Eiche. Oben angekommen lasse ich meinen Blick umherschweifen. In der Ferne sehe ich die Reste von Debrecen, folglich muss das Südwesten sein. Der Baumwuchs bestätigt meinen Verdacht: In diesem Klima kommt der Wind meist aus westlicher Richtung, sodass sich freistehende Bäume stets leicht nach Osten neigen. Ich breche einen kleinen Zweig des Baumes ab, nehme einen Zettel aus meiner Manteltasche und falte ihn auf. Es ist ein Brief von meiner Muttersmutter, die als Großmutter auf Briefe angewiesen ist, wenn sie mir etwas mitteilen will. Höchst umständlich das Ganze, doch so habe ich wenigstens eine schöne weiße Fläche. Ich lege den gefalteten Brief auf meine Handfläche und stelle den kleinen Stock senkrecht darauf. Trotz des wenigen Lichtes wirft er einen hauchzarten Schatten: Westen. Ich krame einen Stift aus meiner Manteltasche und markiere die Lage Debrecens im Verhältnis zu den Himmelsrichtungen Osten und Westen. Jetzt muss ich mir nur noch überlegen, wohin wir gehen sollen. Ich werfe den Stock weg, stecke Papier und Stift ein und klettere wieder nach unten.

Dem Jungen steht die Erleichterung ins Gesicht geschrieben, als ich wieder unseren Lagerplatz betrete. Ich nehme erneut den Zettel zur Hand, erzeuge einen weiteren Schatten darauf und drehe ihn eine Weile hin und her. Jetzt weiß ich genau, wo wir sind, nur – wohin sollen wir fliehen? Nicht nach Westen, das steht fest. Im Süden ist unser Hauptlager, außerdem wimmelt es in der Richtung nur so von Aufständlern. Im Osten würden wir bald an die gut gesicherte Grenze des Großen Moldawischen Reiches stoßen; ich habe keine Ahnung, wie Ada ihre Familie darüber gebracht hat, aber ich habe nicht vor, dieses Risiko einzugehen. Und überhaupt: Was soll ich da? Bleibt also vorerst nur der Norden.

„Los, Mojserce, komm!“, rufe ich dem Jungen zu. Dann nehme ich die Stute am Zügel und führe sie in nördliche Richtung. Nach einer Weile lasse ich die Zügel locker, überlasse es der Stute, wohin wir gehen. Ich muss lediglich ab und zu überprüfen, ob wir noch auf dem richtigen Kurs sind. In einer Viertelstunde geht die Sonne auf, dann wird es einfacher werden. Und mit ein bisschen Glück hat uns das Pferd bis dahin mit seiner empfindlichen Nase zu einer Quelle geführt.

Dank der Stute finden wir tatsächlich Wasser und trinken uns satt. Dann lasse ich die Stute frei. Unschlüssig steht sie da, genau wie der Junge vorhin, und schickt sich an, uns zu folgen. Ich schaue in ihre großen braunen Augen.

„Es geht nicht, du kannst leider nicht mit uns kommen“, flüstere ich und streichle ihr über die samtweiche Nase. Längst hat sie mir mein grobes Verhalten von gestern verziehen. Sie ist zwar kein ausgebildetes Kriegspferd, hat sich dennoch wacker geschlagen. Es tut weh, sie gehen zu lassen. Aber auch wenn sie nicht beschlagen ist, würden uns ihre Abdrücke über kurz oder lang verraten.

„Geh jetzt, Schwester Pferd“, raune ich ihr zu.

Sie stellt ihre Ohren auf und es scheint fast, als würde sie mich verstehen. Ich trete zurück und gebe ihr einen Klaps auf die Flanke. Die Stute dreht den Kopf und starrt mich vorwurfsvoll an. Ich zucke mit den Schultern. Sie schnaubt kurz, wiegt den Kopf hin und her, als wolle sie die beste Richtung für sich herausfinden, und trottet dann davon. Ich atme einmal tief ein und aus. Dann gehen wir weiter.

Mein Magen knurrt und meine Laune sinkt mit jedem Schritt. Wenn ich Hunger habe, gehen mir selbst meine besten Freundinnen aus dem Weg, und das mit gutem Grund. Dem Jungen scheint es nicht besser zu gehen; hin und wieder kann ich auch seinen Magen knurren hören.

Ich habe keinen Plan, sondern folge stur dem Weg nach Norden. Bislang habe ich noch nichts von möglichen Verfolgern mitbekommen und bin optimistisch, bis heute Nacht endgültig in Sicherheit zu sein. Soweit wir überhaupt jemals wieder in Sicherheit sein können.

Den ganzen Tag über trottet der Junge stumm hinter mir her. Bei einer der wenigen Pausen, die ich uns gönne, versucht er zwar, ein Gespräch zu beginnen, aber er merkt schnell, wie sinnlos das ist. Hätte sich meine Magie bereits erneuert und würde ich ihn verstehen, würde der Kurze wahrscheinlich ununterbrochen auf mich einplappern.

Ein wenig neugierig bin ich allerdings schon: Wie hat es Ada geschafft, sich und ihre Familie so weit in den Westen zu führen? Zwar ist sie am Ende unserer Patrouille in die Arme gelaufen, doch so weit hat es schon lange keiner mehr geschafft.

Gegen Abend bin ich zu erschöpft, um noch extra nach einem geeigneten Lagerplatz Ausschau zu halten. Ich bedeute dem Jungen stehenzubleiben. Aufmerksam sehe ich mich um, konzentriere all meine Sinne auf den Wald um mich herum. Als ich sicher bin, dass kein größeres Tier in der Nähe ist, das uns gefährlich werden kann, weise ich den Jungen mit Gesten an, sich hinzusetzen. Nutzlos wie er ist, kann er sich genauso gut schon mal ausruhen, während ich im letzten Tageslicht auf Nahrungssuche gehe.

Gefühlte Stunden sammele ich Brombeeren und Bucheckern. Bärlauch und Löwenzahnblätter von einer kleinen Lichtung vervollständigen die karge Mahlzeit. Mit Wurzeln kenne ich mich nicht genug aus, als dass ich es gewagt hätte, welche auszugraben, und etwas anderes Essbares finde ich nicht. Dummerweise kann ich mich nicht mehr daran erinnern, was genau Lucia uns immer vorgesetzt hat, wenn wir länger unterwegs gewesen sind: Sie hat unsere Mahlzeiten stets mit frischem Grünzeug und anderen Sachen aus der nahen Umgebung aufgewertet.

Bei dem Gedanken an das letzte Wildragout zieht sich mein Magen umso schmerzhafter zusammen. Was ich jetzt will, ist meine Zähne in eine ordentliche Rehkeule zu schlagen. Ohne meine Magie habe ich allerdings keine Chance, eines der scheuen Tiere zu erlegen. Ich seufze und kehre zu unserem Lagerplatz zurück.

Ich pflücke ein paar große Blätter und breite dann vor Mojserces neugierigem Blick meine Schätze darauf aus. Er beäugt meine Beute und stupst mich dann an.

„Was ist?“, frage ich gereizt.

Er fuchtelt irgendwas mit seiner Hand. Dann macht er zu meiner großen Verblüffung genau die Geste, mit der ich ihm immer geheißen habe, auf mich zu warten.

„Helena!“, sagt er, winkt und verschwindet kurzerhand im Wald.

Dieser Schlingel! Ich fasse es nicht! Nicht nur, dass mir dieser junge Bursche Befehle erteilt, nein, er verzieht sich auch einfach, als könnte er hier tun und lassen, wonach ihm grade ist! Egal, nicht mein Problem, wenn er einem Wildschwein oder Bären über den Weg läuft. Im Grunde genommen wäre es sogar eine Erleichterung, wenn ich fortan nur noch für mich selbst sorgen müsste. Ich beschließe, die Beeren, Eckern und Blätter dennoch vorerst aufzuteilen. Ich gebe dem Bengel ein Drittel und mir zwei. Schließlich bin ich größer und habe folglich auch einen größeren Magen, oder?

Kaum bin ich fertig, steht der Junge auch schon wieder vor mir. Er hat sein Hemd am unteren Ende hochgezogen und scheint etwas darin zu transportieren. Er grinst frech von einem Ohr zum anderen und lässt dann seine Beute auf den Boden kullern: Champignons! Drei Dutzend riesige, köstliche, perlweiße Champignons! Mir läuft das Wasser im Mund zusammen.

Ich überlege kurz, dann teile ich alles nochmal neu auf. Dieses Mal bekommt der Junge von allem die Hälfte.

Halbwegs gesättigt schlafen wir unter meinem Mantel ein. Am nächsten Morgen wache ich davon auf, dass mir jemand einen Revolver an den Kopf hält.

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