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Hexenheide

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Ein halbes Jahr vorher
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  25. Kapitel 18
  26. Kapitel 19
  27. Kapitel 20
  28. Kapitel 21
  29. Kapitel 22
  30. Kapitel 23
  31. Kapitel 24
  32. Kapitel 25
  33. Kapitel 26
  34. Kapitel 27
  35. Kapitel 28

Über dieses Buch

Karim und Lenne wissen genau, dass sie nicht über die Heide gehen sollen, wenn sie von der Schule kommen, auch wenn der Weg viel kürzer ist. Denn auf der Hexenheide, irgendwo zwischen den Mooren, lauert ein dunkles Geheimnis. Aber Karim und Lenne haben Fragen. Was ist mit dem Mädchen Rinnie passiert, die im letzten Sommer plötzlich verschwunden ist? Was ist wahr an der Geschichte von der weißen Hexe? Welches Geheimnis umgibt die alte Wassermühle? Und überhaupt: wer ist die Frau mit den langen weißen Haaren und den merkwürdigen Augen, die ihnen begegnet?  Eines Tages erscheint ein unheimliches Gesicht im Wasser, und nachts wandern Lichter über die Heide. Ein Spuk? Karim und Lenne erhalten mehr Antworten, als ihnen lieb ist.

Über die Autorin

Mariëtte Aerts, 1962 in Utrecht geboren, gehört zu den bekanntesten Schriftstellerinnen in den Niederlanden. Sie schrieb schon mit acht Jahren erste eigene Geschichten. Später wollte sie Illustratorin werden und studierte an der Kunstakademie. Schließlich wurde das Schreiben ihre Leidenschaft. 1996 erschien ihr erstes Buch, dem viele weitere folgten. Der bei Baumhaus erschienene Kinderroman "Hexenheide" wurde zum Überraschungserfolg.

Ein halbes Jahr vorher

Ein kalter Wind ließ die Fensterläden klappern. Das Haus stöhnte und ächzte unter den Böen, die über die Heide fegten. Das Frühjahr wollte einfach nicht in die Gänge kommen, und drinnen saßen die drei Frauen um das Herdfeuer, das normalerweise in dieser Jahreszeit nicht mehr so stark geschürt werden musste.

Die Jüngste streckte ihre mageren Hände zitternd dichter zum Feuer hin.

Die Frau, die neben ihr saß, strich sich eine lange Strähne ihrer schlohweißen Haare aus den Augen und warf ihrer jüngeren Schwester einen besorgten Blick zu.

»Mir ist einfach kalt«, sagte die zitternde Frau beruhigend.

Aber die ältere Frau schüttelte den Kopf. »Und du bist müde, viel zu müde.« Sie ließ den Blick durch den feuchtkalten Raum wandern. Er blieb einen Augenblick lang an den Ritzen im Fensterrahmen hängen. »Es muss unbedingt etwas passieren.«

»Ja«, stimmte ihr die dritte Frau plötzlich zu und beugte sich vor. »Wir sind viel zu brav geworden. Meiner Meinung nach hat uns mittlerweile so ziemlich jeder vergessen.« Mit einer ärgerlichen Bewegung zog sie sich das schwarze Umschlagtuch, das sie trug, fester um die Schultern.

»Vergessen zu werden war bei Weitem das Sicherste«, antwortete die weißhaarige Frau zurechtweisend.

»Ich habe es aber satt.« Wieder zerrte die andere ungeduldig an dem schwarzen Tuch. »Wenn nicht bald etwas passiert, gehe ich von hier weg.«

»Wo willst du denn hin?«

Darauf hatte die Frau mit dem Tuch keine Antwort. Aber sie richtete sich kerzengerade auf. »Ich denke, es ist jetzt an der Zeit für etwas frisches Blut.« In ihre giftgrünen Augen trat ein Glitzern. »Ich hab das schon öfter gesagt, Alba. Frisches Blut, oder wir sterben einen langsamen, langweiligen Tod.«

Die weißhaarige Frau seufzte. Dann nickte sie. »Vielleicht hast du ja recht, Vita.« Sie runzelte die Stirn und sah zu der jungen Frau neben sich. »Erin?«

Diese zuckte zögernd mit den Schultern und senkte den Kopf, wodurch ihr Gesicht von roten Locken verborgen wurde. Sie war diejenige gewesen, die immer entschieden gegen das frische Blut war, das Vita gerade zum soundsovielten Mal gefordert hatte.

Vita klopfte ungeduldig mit ihren Absätzen auf den Boden. »Werde endlich mal erwachsen, Erin! Und tu nicht so scheinheilig. Du weißt schließlich, dass es sein muss. Und versteck dich nicht immer hinter deinem tugendhaften Gesicht. Was machst du überhaupt noch hier, wenn du dich mit solchen Gedanken nicht abfinden kannst?«

»Scht!«, zischte die Frau mit den weißen Haaren. »Fangen wir doch nicht schon wieder so an. Erin, ich befürchte, dass ich Vita zustimmen muss. Sie hat recht. Und ich denke auch, dass wir es möglichst schnell über die Bühne bringen müssen. Auch du kommst langsam in die Jahre, und bald ist dann von deinem ewig jungen Gesicht nichts mehr zu sehen.« Sie blickte Vita fragend an. »Glaubst du, dass diesmal eines reicht?«

»Zwei«, antwortete Vita prompt. »Mindestens.«

»Hast du schon jemanden im Auge?«

Vita nickte und lächelte.

Erins Kopf zuckte hoch. »Oh, also deshalb hast du dich immer wieder hier und da umgesehen? Was führst du noch alles im Schilde, ohne uns etwas davon zu erzählen?« Sie warf der Frau mit den weißen Haaren einen empörten Blick zu. »Oder … oder bin ich die Einzige, die hier noch nichts davon weiß. Habt ihr das zusammen ausgeheckt, ohne mir was davon zu sagen?«

Vita grinste unbarmherzig. »Ja, was hast du denn gedacht? Wenn wir darauf warten müssen, dass du einverstanden bist, dann sitzen wir hier noch in dreihundert Jahren und diskutieren.«

Die weißhaarige Frau mit dem Namen Alba stand von ihrem Stuhl auf. »Vita, ich hab dir schon gesagt, dass ich deiner Meinung bin, also übe jetzt nicht solchen Druck aus. Allerdings … wir machen es nicht auf deine Art.«

»Es gibt keine andere Art.«

»Aber natürlich.«

»Was willst du denn dann machen? Einladungen rumschicken?«

»Wenn das möglich wäre …« Alba seufzte.

Vita sprang auf und schmiss dabei ihren Stuhl um. Sie warf den beiden anderen Frauen einen verächtlichen Blick zu und stolzierte mit rauschenden Röcken aus dem Zimmer. Bevor sie die Tür hinter sich zuschlug, zischte sie ihnen noch zu: »Was ihr macht … das müsst ihr selbst wissen. Ich mache es auf meine Art. So, wie es schon immer gemacht worden ist. Und verschont mich bloß mit eurem süßlichen Getue.«

1

Karim hievt sich den Rucksack auf die Schultern und geht über den Schulhof. Etwas weiter vor sich sieht er eine schwarze Jacke mit Kapuze zwischen all den vielen bunten Winterjacken. Er geht schneller.

»Lenne? He … Lenne!«

Das Mädchen in der schwarzen Jacke bleibt stehen, streift die Kapuze ab und wirft einen Blick zurück.

»Gehen wir zusammen nach Hause?«, schlägt Karim vor, als er sie eingeholt hat.

»Prima.« Lenne nickt.

Zusammen verlassen sie den Schulhof.

Lenne und Karim wohnen beide ein Stück vom Dorf entfernt in derselben Straße. Offiziell gehören die Häuser in dieser Straße noch zum Dorf, doch von der Schule aus ist es ein ordentliches Stück. Darum gehen sie gewöhnlich zusammen, das macht mehr Spaß.

»Ganz schön kalt heute, was?«, bemerkt Lenne fröstelnd und zieht sich die Kapuze wieder über die Ohren. »Obwohl doch gerade erst Oktober ist.«

»Die Kälte finde ich nicht so schlimm«, sagt Karim, »aber den Regen, den hasse ich!« Er zieht seine Baseballkappe aus der Jackentasche und setzt sie auf.

»Ja.« Lenne nickt. »Aber da, wo du herkommst, scheint sicher immer die Sonne?«

»Wie, wo ich herkomme? Ich bin in den Niederlanden geboren, du Schnepfe.« Das klingt nicht besonders liebenswürdig, doch Karim und Lenne necken und beschimpfen sich den ganzen Tag, aber eigentlich sind sie so gute Freunde, dass sie das nur zum Lachen finden.

Lenne kichert. »Na ja, das stimmt, aber dein Vater nicht.«

»Nein, der nicht.« Karim lacht mit ihr. »Der sitzt dann auch nur mit sechs Wollhemden übereinander am Ofen.«

»Du lügst doch wie gedruckt. Ich hab deinen Vater noch nie mit sechs Wollhemden übereinander gesehen.« Lenne findet Karims Vater sehr nett. Er hat immer einen Tee bereit, wenn Karim aus der Schule kommt. Pfefferminztee, den Karim seltsamerweise gar nicht mag. Er holt sich dann schnell eine Flasche Cola aus dem Kühlschrank. Aber Lenne findet diesen süßen Tee mit ganz viel Zucker wunderbar.

Weil er nicht in die Pfützen treten will, geht Karim in Schlenkern neben Lenne her, die hohe schwarze Stiefel anhat und fröhlich mitten durch das Wasser marschiert.

»Spritz nicht so!«, mault Karim.

»Das wird gleich noch schlimmer«, meint Lenne und zeigt nach vorne. Hier im Dorf gibt es natürlich Pfützen auf dem Bürgersteig, aber außerhalb des Dorfs ist die Straße nur eine einzige große Schlammfläche. Sie wirft einen Blick auf Karims Füße. »Du brauchst andere Schuhe, Mann. Das sind ja Sommerturnschuhe.«

»Ja, weiß ich. Ich muss mir noch welche kaufen. Mittwochnachmittag fahr ich mit meiner Mutter in die Stadt. Ich bin wieder mal aus allem rausgewachsen. Die vom letzten Jahr sehen jetzt aus wie Babyschuhe, in die passe ich echt nicht mehr rein.« Karim war immer ziemlich klein und schmächtig, aber seit seinem Geburtstag im letzten Sommer scheint er sich auf Aufholjagd begeben zu haben. Er wächst und wächst, als hätte er vor, mindestens zwei Meter groß zu werden. Er streckt die Arme vor sich aus. Die Unterarme ragen aus den Ärmeln seiner Jacke hervor. »Schau mal, auch viel zu klein geworden.«

Etwas später beginnt der Kampf mit den Schlammpfützen. Immer mal wieder kann er seitlich auf dem höher gelegenen Straßenrand gehen, doch auch das Gras auf dem Straßenrand ist triefend nass, und ziemlich schnell spürt er, wie es feucht und kühl durch seine Socken sickert.

»Mist, verdammter«, brummt er.

»Sollen wir ein Stück abkürzen?«, schlägt Lenne zögernd vor und zeigt auf die Pfosten mit Stacheldraht, die entlang der Straße stehen. Sie wissen beide genau, wo ein paar Meter weiter eine Stelle ist, an der sie über den Stacheldraht klettern können. Der Eisendraht mit den Spitzen hängt dort zwischen zwei umgetretenen Pfosten bis ins Gras durch, und so kann man über ihn hinwegsteigen. Wenn man von da quer über die Heide und ein Stückchen durch den Wald geht, wird der Weg um mindestens zehn Minuten kürzer.

Aber Karim sieht sie an und beißt sich auf die Lippe. »Du weißt, dass wir das nicht dürfen.«

Lenne verzieht ärgerlich das Gesicht. Früher sind sie immer so gelaufen. Aber nach dem, was im letzten Sommer passiert ist, haben ihnen ihre Eltern eingeschärft, niemals, aber auch wirklich niemals wieder über die Heide zu gehen. »Ich finde das so bescheuert«, mault Lenne. »Niemand weiß genau, wo Rinnie verschwunden ist. Genauso gut könnte sie mitten im Dorf bei jemandem ins Auto gestiegen sein oder so, das weiß doch keiner. Aber jeder tut jetzt so, als ob die Heide gefährlich wäre. Wir sind immer über die Heide gelaufen, schon seit wir sechs Jahre alt sind. Und passiert ist trotzdem nichts, oder?«

»Nein …« Karim zögert. »Nein … wir sind nie jemandem begegnet.« Er wirft noch einen Blick auf seine durchgeweichten Turnschuhe und zuckt dann mit den Schultern. »Also dann mal los, je früher ich zu Hause bin, desto besser. Dann kann ich die nassen Dinger zumindest an die Heizung stellen.«

Aber als sie kurz darauf über die stille Heide laufen, müssen sie beide vor Nervosität ein bisschen kichern, und unbewusst werden ihre Schritte immer größer und schneller.

Ein bleigrauer Himmel hängt schwer und düster über ihren Köpfen und lässt die im Sommer so fröhlich violette Heide fahlbraun aussehen.

Karim muss an das Foto von Rinnie denken. Es hängt an der Pinnwand hinten im Klassenzimmer, und alle Kinder haben etwas dazugetan. Gedichte, die sie selbst geschrieben haben, Briefe mit ihren Wünschen, sie solle doch irgendwann wieder unversehrt nach Hause zurückkommen, Bilder, die sie für sie gemalt haben, voller knallbunter Blumen, in der Hoffnung, damit die Mutlosigkeit zu bekämpfen.

Sie war plötzlich, von einem Tag auf den anderen, verschwunden, und niemand weiß, was eigentlich mit ihr passiert ist.

Dasselbe Foto war auch in der Zeitung gewesen. Jorinde Munter hatte in kleinen schwarzen Buchstaben darunter gestanden. In der Schule hieß sie Rinnie, so nannte sie da jeder.

Karims Füße werden noch etwas schneller.

»Nicht so schnell!«, beschwert sich Lenne. »Ich komme da nicht mit!«

Karim blickt beharrlich nach vorne zu dem Birkenwald vor ihnen, durch den sich der Weg schlängelt, den sie früher immer genommen hatten. Kann er Lenne noch vorschlagen, zurückzugehen und normal über die Straße zu laufen? Nein, dann findet sie ihn bestimmt schrecklich kindisch und hält ihn für einen Angsthasen.

Plötzlich bricht ein einsamer Sonnenstrahl durch die Wolkendecke, und die weißen Birkenstämme und gelben Blätter leuchten auf, als ob sie Kulissen einer Bühne seien, auf die jemand sein Spotlicht richten würde. Karim bricht in Lachen aus.

»Was ist denn?«, fragt Lenne überrascht.

»Nichts«, meint Karim lachend. Erleichtert schaut er sich um. Alles sieht auf einmal ganz anders aus. »Da muss irgendwo ein Regenbogen sein. Es regnet, und gleichzeitig scheint die Sonne.«

»Ich sehe nichts«, sagt Lenne. »Siehst du irgendwo einen Regenbogen?«

Karim schüttelt den Kopf.

Als der Himmel sich nach ein paar Minuten wieder zuzieht und die Sonnenstrahlen sich hinter der Wolkendecke verstecken, haben sie das Birkenwäldchen zum Glück bereits hinter sich.

»Fast zu Hause«, sagt Karim und gibt Lenne einen spontanen Stoß in den Rücken. »Komm, los, wer zuerst bei mir an der Haustür ist!«

2

Am nächsten Tag gehen Lenne und Karim wieder über die Heide, und gegen Ende der Woche ist es für sie fast wieder normal geworden, genauso wie früher den kürzeren Weg zu nehmen. Doch sie sind klug genug, das niemandem zu erzählen.

»Meine Mutter würde einen Koller kriegen, wenn sie das wüsste«, sagt Lenne und sieht sich schnell noch einmal um, bevor sie über den Stacheldraht steigt. Niemand da, der sie beobachtet?

»Und meine erst.«

»Zum Glück haben wir keine reichen Eltern.«

Karim macht ein verwundertes Gesicht. »Was hat das denn damit zu tun?«

»Na, Rinnies Familie hat total viel Geld. Die haben doch die ganzen Läden!«

»Ja und? Es ist doch gar kein Brief wegen Lösegeld oder so gekommen. Bei einer solchen Entführung kommt doch immer einer von diesen Briefen, das weißt du doch, dass man irgendwo einen Sack mit Geld hinlegen muss, sonst kriegt man sein Kind nicht wieder. Bei Rinnie war das nicht so.«

»Vielleicht kriegen wir solche Sachen nur nicht zu hören«, meint Lenne. »Die erzählen uns doch nicht alles.«

»Ich hab auch nichts davon in der Zeitung gelesen. Da ist es nirgends um Geld gegangen.«

»Hast du die Matheaufgaben schon alle fertig?«, wechselt Lenne schnell das Thema. Sie hat überhaupt keine Lust, über Rinnie zu reden, wenn sie gerade über dieses einsame Stück der Heide gehen.

»Nein.«

»Wollen wir diese langweiligen Hausaufgaben nicht gleich zusammen machen?«

»Bei mir zu Hause oder bei dir?«

»Bei dir«, sagt Lenne. »Dann kriege ich wieder den leckeren Tee von deinem Vater. Außerdem hilft er immer bei diesen blöden Aufgaben, das macht meine Mutter jetzt gar nicht mehr. Sie sagt nur noch, dass ich das nun mal lernen muss, dieses Dividieren. Bah!«

Plötzlich hören sie ein Knacken aus dem Birkenwald.

Karim bleibt stehen. »He, hast du das gesehen?« Er boxt Lenne gegen den Arm.

»Was?« Lenne läuft vor lauter Schreck ein kalter Schauer über den Rücken.

»Ein Eichhörnchen«, antwortet Karim.

Lenne boxt ihn fest zurück. »Mein Gott! Ich erschreck mich zu Tode, du Idiot.«

Karim grinst.

»Das ist nicht lustig!«, meint Lenne.

»Aber natürlich. Eichhörnchen sind richtig lustig.« Karim biegt vom Weg ab und geht ein paar Schritte zwischen den Bäumen hindurch. »Was hat ein Eichhörnchen bei Birken verloren? Eichhörnchen fressen doch schließlich Bucheckern und so was.«

»Die stehen weiter vorne«, Lenne streckt den Arm aus. »Buchen.« Sie kratzt sich im Nacken und zögert. »Oder vielleicht waren das auch Eichen …«

Karim läuft noch ein Stückchen weiter. »Ich kann es nicht mehr sehen.«

Lenne stampft ungeduldig mit den Füßen. »Kommst du noch mal zurück?«

»Vielleicht war es gar kein Eichhörnchen«, murmelt Karim. »Hast du es nicht gesehen?«

»Nein. Jetzt komm schon.«

»Ich hab was Rotbraunes gesehen. Meiner Meinung nach war das ein Eichhörnchenschwanz.« Karim späht an den Baumstämmen hoch.

»Karim!« Lenne ballt ihre Hände zu Fäusten.

Karim wirft ihr über die Schulter einen boshaften Blick zu. »Vielleicht war das ein Kidnapper mit roten Haaren.«

»Tu du mal nicht so witzig. Und wenn du vielleicht versuchst, mir Angst zu machen …«

Wieder hören sie Zweige knacken.

»… dann ist dir das gelungen.« Lenne läuft hinter Karim her. Mit ein paar großen Schritten ist sie bei ihm und packt ihn an der Jacke. »Und jetzt kommst du mit.«

Ein plötzlicher Windstoß lässt die Blätter der Bäume rascheln. Karim und Lenne blicken gleichzeitig nach oben. Die kleinen gelben Blätter scheinen zu zittern und aufgeregt zu flüstern. Der Himmel darüber ist strahlend blau und keine Wolke in Sicht.

»Da … da kann einem doch ganz … schwindelig von werden … wenn du da lange hinguckst«, murmelt Lenne, und sie starrt wie hypnotisiert weiter nach oben zu den sich flirrend bewegenden knallgelben Blättern vor dem porzellanfarbenen Hintergrund.

Karim muss ein plötzlich aufkommendes Gähnen unterdrücken. »Ja …«, bestätigt er mit einem tiefen Seufzer. Es ist, als ob der Wind ein pfeifendes Geräusch macht, und die Ohren gehen ihm davon zu. Er schüttelt den Kopf und zwinkert mit den Augen.

Lenne steht da wie erstarrt, noch immer in derselben Haltung, den Kopf in den Nacken gelegt. Das pfeifende Geräusch verwandelt sich in eine weiche Stimme, eine Stimme, die ruft, eine Stimme, die ihren Namen kennt.

Lenne … Lennehhh.

»Lenne … Lenne!«

»He … was?« Lenne erschrickt und fällt beinahe um.

»Was machst du da?«, fragt Karim.

»Ich?« Lenne sieht ihn verwundert an. »Ich mache nichts.«

»Du hast plötzlich die Arme in die Luft gestreckt.«

»Was? Wie kommst du denn da drauf?« Sie hält ihre Hände vor sich und betrachtet ihre zitternden Finger. »Das hab ich überhaupt nicht gemacht. Ich hab meine Hände in den Jackentaschen gehabt.«

»Ja, erst schon, aber dann nicht mehr. Ich hab es doch ganz genau gesehen. Plötzlich hast du ganz seltsam dagestanden und die Arme geschwenkt.«

»Das hast du dir ausgedacht.«

»Wirklich nicht!« Karim guckt sie entrüstet an. Langsam merkt er, wie sich eine eklige Gänsehaut vom Nacken aus über seinen ganzen Körper ausbreitet. Er packt Lenne am Arm und zerrt sie aus dem Birkenwald raus. »Komm, wir gehen nach Hause.«

»Au, du kneifst mich!«

Karim lässt nicht los.

»Karim, du kneifst mich, hab ich gesagt!«

Karim bleibt stehen. »Du hast dich echt ganz komisch benommen, Lenne. Als wolltest du gleich losfliegen oder so, und du hast die Augen nach allen Seiten verdreht.«

»Jetzt benimm dich mal wieder normal!«

»Ich? Du bist es, die sich komisch benimmt.« Er lässt Lennes Arm los und schaut ihr tief in die Augen. »Das war ganz schön gruselig.«

Ein schwerer Windstoß lässt die Äste der Birken knacken, und plötzlich bricht mit einem lauten Knall ein dicker Ast ab. Aus dem Augenwinkel sieht Lenne, wie er herabstürzt, und sie packt Karim am Arm und reißt ihn mit einem Ruck zur Seite.

Mit einem lauten Krachen stürzt der Ast direkt neben ihnen in einen Haufen früh abgefallener welker Blätter. Wenn Lenne nicht so geistesgegenwärtig gewesen wäre, hätte der Ast Karim im Nacken getroffen.

Mit ängstlichen Augen gucken sich die beiden einen Moment lang an und rennen dann gleichzeitig los. Ohne ein Wort zu verlieren, laufen sie, bis sie die Heide hinter sich gelassen haben und vor dem Holzzaun bei Karims Haus stehen.

Mit zitternden Knien klettern sie über den Zaun.

Als sie auf dem Gartenweg zur Haustür gehen, fangen beide an zu kichern.

»Was war das denn jetzt?«

»Woher soll ich das wissen? Einfach ein dummer Zufall!«

»Mann, hast du eine Angst gehabt!«

»Von wegen! Du hast selbst Angst gehabt.«

»Quatsch. Ich hab mich nur erschrocken.«

»Ja, ich auch.«

Schulterzuckend gehen sie ins Haus.

Lenne trinkt den glühend heißen Tee in kleinen Schlucken. An der Tasse wärmt sie sich die Hände.

»Papa«, fragt Karim, »weißt du, ob es auf der Heide Eichhörnchen gibt?«

»Auf der Heide? Ihr seid doch nicht etwa auf der Heide gewesen?«

Lenne schneidet Karim eine Grimasse. Blödmann! Warum fängst du jetzt mit der Heide an?

Karim beugt sich schnell vor, um einen Bleistift aufzuheben, der ihm zuvor runtergefallen ist. Seine Wangen glühen. Wenn er das abstreiten will, muss er knallhart lügen. Als er sich wieder aufrichtet, sagt er: »Ich frag doch nur, ob es da Eichhörnchen gibt!«

In diesem Augenblick kommt seine Mutter ins Wohnzimmer. Sie hat ihre Jacke noch an. »Hab ich euch über die Heide reden hören?«, fragt sie ihren Mann stirnrunzelnd, während sie sich mit einer ungeduldigen Handbewegung eine hellblonde Locke aus der Stirn streicht.

»Lass mal!«, ruft Karim und wedelt verärgert mit den Händen durch die Luft. »Ich frag doch nur, ob es hier in der Nachbarschaft Eichhörnchen gibt.«

Seine Mutter wirft ihre Jacke über einen Stuhl. »Ist für mich auch noch Tee da?«

Karims Vater gießt ihr eine Tasse ein. »Bist du müde? War auf der Arbeit wieder so viel zu tun?«

Lenne und Karim sehen sich an. Zum Glück beginnt Karims Mutter stöhnend von dem Druck zu erzählen, unter dem die Krankenhausabteilung steht, in der sie arbeitet, und keiner der beiden Eltern kommt auf Karims Frage zurück.

Lenne beugt sich über ihr Heft und schreibt etwas. »Kommt bei deiner Rechnung dasselbe raus?«, fragt sie und schiebt Karim ihr Heft hin.

Karim liest, was da steht: TROTTEL! Er grinst. Und doch hätte er gerne eine Antwort auf seine Frage gehabt. Hatte er sich das Eichhörnchen vielleicht doch nur eingebildet?

Als Karim abends in seinem Bett liegt, fällt es ihm schrecklich schwer, sich auf sein Buch zu konzentrieren. Es will einfach nicht funktionieren. Gestern Abend fand er die Geschichte noch so spannend, und jetzt interessiert ihn die ganze Handlung überhaupt nicht mehr.

Er legt das Buch weg und knipst die Nachttischlampe aus. Auf dem Rücken liegend starrt er ins Dunkel. In seinem Zimmer ist es nicht so stockfinster, dass er nichts mehr sehen könnte. Durch das Licht der kleinen Laternen, die neben dem Gartenweg stehen und einen schwachen Schimmer an seine Zimmerdecke werfen, kann er die Gegenstände im Raum gerade noch erkennen.

Warum hatten sie heute Mittag eigentlich solche Angst, Lenne und er? Es war doch gar nichts passiert, oder? Ein Knacken von brechenden Ästen und Zweigen hört man oft im Wald. In der Natur leben so viele Tiere, die man meistens nicht sieht, wohl aber hört. Nichts, um sich davon erschrecken zu lassen.

Karim weiß nun wirklich nicht mehr, ob er tatsächlich ein Eichhörnchen gesehen oder sich das nur zusammenfantasiert hat. Ein paar Sekunden später, als er zwischen den Bäumen stand, konnte er das kleine Tier nirgends mehr entdecken. Er hatte auch nicht wirklich ein Eichhörnchen erkannt, sondern aus dem Augenwinkel wahrgenommen, wie sich etwas Rotbraunes bewegte, das wie der Blitz hinter einem Baumstamm verschwunden war.

Der schwere Ast, der heruntergebrochen war – das war schon verrückt. Aber im Herbst passieren solche Dinge schließlich immer wieder. Pech, dass er gerade druntergestanden hatte. Oder in jedem Fall druntergestanden hätte, wenn Lenne nicht gewesen wäre.

Lenne … ja, Lenne hatte sich schon seltsam benommen. Da konnte einem doch mulmig werden …

Oder hatte sie ihn auf den Arm nehmen wollen? Das sähe ihr ähnlich. Karim lacht leise. Wetten, dass sie ihn mit ihrem eigenartigen Flattern der Arme und den verdrehten Augen einfach zum Narren gehalten hatte? Oder vielleicht war ihr vom Starren in die Blätter, die sich oben über ihrem Kopf bewegten, auch etwas schlecht geworden. Sie hatte schon früher einmal gesagt, dass ihr davon schwindelig wird.

Er sieht sie wieder vor sich. Und dann kriegt er plötzlich wieder eine Gänsehaut. Er kriecht tief unter seine Bettdecke und zieht sie bis zum Kinn hoch.

Er denkt an Rinnie. Doch was auch immer mit Rinnie passiert ist, kann doch damit nichts zu tun haben? Oder ist vielleicht mit ihr so was passiert, wie heute Mittag mit Lenne? Vielleicht hat sie auch zu lange raschelnde Blätter angesehen und ist dann ohnmächtig geworden, irgendwo mitten auf der Heide. Aber ohnmächtig werden ist eigentlich nicht so schlimm, irgendwann kommt man von selbst wieder zur Besinnung. Und dann hätte sie doch einfach nach Hause gehen können. Sie ist bestimmt nicht irgendwo auf der Heide liegen geblieben. Die Polizei hatte damals mit wild schnüffelnden Hunden die ganze Heide abgesucht. Ein ohnmächtiges Mädchen, das da lag, hätten sie mit Sicherheit gefunden.

Karim schlägt die Bettdecke zurück und steigt aus dem Bett. Er zittert vor Kälte, aber irgendetwas zwingt ihn, aus dem Fenster zu gucken. Widerwillig geht er zu den dunkelblauen Vorhängen und zieht sie zögernd ein Stück zurück, gerade weit genug, um durch den Spalt spähen zu können.

Von seinem Fenster aus sieht er auf die Heide. Tagsüber kann er etwas entfernt den kleinen Wald sehen, den er nun wieder mit Lenne jeden Tag durchquert. Aber jetzt ist es dunkel.

Karim legt seine Stirn an das kalte Glas und starrt in Richtung Birkenwald. Der Mond steht hell am Himmel, sodass er die Umrisse der Bäume erkennen kann. Sonst nichts. Oder doch? Sein Blick wird von etwas Merkwürdigem angezogen, ein Stück links von der Baumgruppe. Er kneift die Augen zusammen und schaut noch einmal genau hin. Es sieht aus wie zwei kleine grüne Lichter. Da muss er plötzlich an den Hund von seiner Tante denken. Wenn sich der Hund unter den Tisch legt und man die Tischdecke hochzieht, um darunter zu gucken, leuchten die Augen des Hundes manchmal in der gleichen Weise auf. Zwei leuchtende grüne Murmeln, die einen aus dem Halbdunkel anstarren. Die Gänsehaut, die Karim inzwischen bekannt ist, überzieht plötzlich wieder seine Arme, und erschrocken macht er einen Schritt zurück. Schnell zieht er die Vorhänge zu und reibt sich über die Arme. Doch die Gänsehaut verzieht sich nicht, sondern kriecht ihm bis in den Nacken. Es fühlt sich an, als würden sich die Haare auf seinem Kopf senkrecht aufstellen.

Mit einem großen Sprung ist er im Bett und zieht sich die Decke bis über den Kopf.

Morgen geht er bestimmt nicht über die Heide, sondern bleibt brav auf der Straße! Dann muss er zwar zehn Minuten länger laufen, aber auf den Weg zwischen den Bäumen hindurch kriegen ihn keine zehn Pferde mehr!

3

»Papa, gibt es auf der Heide Wölfe?«, fragt Karim seinen Vater morgens beim Frühstück.

»Fängst du jetzt schon wieder mit der Heide an. Wölfe, Eichhörnchen … Was hast du bloß?«

»Nichts!«, sagt Karim und gießt sich einen kräftigen Schuss Milch auf seine Cornflakes. »Aber ich … ich kann die Heide sehen, das weißt du doch, aus meinem Fenster oben. Und es kommt mir manchmal so vor, als würde ich, äh, da Tiere rumlaufen sehen und so.« Das ist nicht gelogen, und so muss er seinem Vater nichts von dem kürzeren Weg erzählen, den er und Lenne nun ein paarmal gewählt hatten.

»Kannst du aus deinem Fenster oben Eichhörnchen auf der Heide erkennen?« Sein Vater lacht. »Dann hast du die besten Augen, die je ein Mensch gehabt hat, Junge.«

»Na ja, und wie ist es mit Wölfen?«, fragt Karim so ganz nebenbei.

»Wölfe gibt es in den Niederlanden doch schon lange nicht mehr.«

»Ein Fuchs«, sagt Karims Mutter. »Es könnte ein Fuchs gewesen sein, den du gesehen hast.«

Karim stößt einen Seufzer der Erleichterung aus. Natürlich, ein Fuchs! Dass er daran nicht früher gedacht hat. Füchse sind rotbraun. Und es könnte sehr gut sein, dass sie genau wie Hunde Augen haben, die im Dunkeln aufleuchten. Er lächelt seine Mutter an.

Seine Mutter lächelt zurück und fragt sich, womit sie dieses strahlende Lächeln ihres Sohnes verdient hat. Sie steht auf und schaut auf ihre Uhr. »Verdammt, ich komme schon wieder zu spät. Karim, soll ich dich zur Schule fahren?«

Karim deutet auf seine Cornflakes, er hat noch nicht einen Löffel davon gegessen. »Nein, ich hole Lenne gleich ab.«

Lenne wartet an der Kreuzung auf ihn.

»Weißt du, was es war?«, ruft er schon von Weitem.

»Was?«

»Gestern. Weißt du, was es war, was ich gesehen hab?« Mit dem Erzählen wartet er, bis sie nebeneinander herlaufen. »Das Eichhörnchen, das war ein Fuchs.«

»Ein Fuchs?« Lenne zieht die Augenbrauen zusammen.

»Das Rotbraune, was ich gesehen hab.«

»Du hast doch gesehen, wie es auf einen Baum verschwunden ist?«

»Nicht auf einen Baum, hinter einem Baum.«

»Du hast nach oben geguckt.«

»Hm, ja … danach.« Karim überlegt kurz. »Der Schwanz von einem Fuchs, der kann doch gut bis … na, sagen wir mal … also ungefähr so hoch kommen?«

»Natürlich nicht.« Lenne lacht laut auf. »Das wäre dann ja ein Riesenfuchs gewesen. Füchse sind doch nur so klein, Mann!« Mit den Händen zeigt sie, welche Größe sie meint.

»Woher weißt du denn das schon wieder?«

»Das weiß doch jeder«, sagt Lenne selbstbewusst.

»Aber ich hab seine Augen gesehen«, erzählt Karim. »Gestern Abend, als ich aus dem Fenster geguckt hab.«

Lenne blickt ihn argwöhnisch mit hochgezogenen Augenbrauen an.

»Fuchsaugen, genau wie Hundeaugen.«

Lenne schüttelt den Kopf. Sie versteht ihn nicht.

»Hundeaugen im Dunkeln – hast du die schon mal gesehen? Dass die aufleuchten und grün werden, das weißt du doch.«

»Oh … das, ja. Das hab ich schon mal gesehen.«

»Also«, Karim macht ein triumphierendes Gesicht, »das hab ich gestern Abend von meinem Fenster aus gesehen. Genau beim Birkenwald, zwei knallgrüne Augen, und die haben mich angeguckt.«

»Wie bitte?« Lenne bleibt stehen. »Die haben dich angesehen?«

»Na ja«, Karim wird etwas unsicher. »Jedenfalls hat es so ausgesehen.« Er räuspert sich. »Genauso hat es ausgesehen.« Über seinen Augen bildet sich eine Falte. »Ist eigentlich ziemlich verrückt.«

»Ein Fuchs, der sich auf die Heide setzt und dich ansieht. Mitten in der Nacht.«

»Nein, abends, es war am Abend«, stammelt Karim.

Lenne legt spöttisch die Hand auf seine Stirn. »Aber sonst geht’s dir gut?«

»Aber das war wirklich so. Und meine Mutter sagt, dass es hier Füchse gibt. Also hab ich einen gesehen, denke ich. Und der Fuchs hat mich gesehen … das weiß ich genau.« Karim versucht es sich wieder vorzustellen. Die grünen Augen, die genau in seine eigenen zu blicken schienen. Aber wie war das bei der Entfernung möglich? Ein Schauer läuft ihm über den Rücken.

Lenne wirft ihm einen besorgten Blick zu.

Karim guckt an ihr vorbei zum etwas entfernten Birkenwald. »Heute Morgen, hm … wie üblich über die Straße?«

»Mir egal.« Lenne lacht ihn aus.

Im Unterricht kommen Karim und Lenne nacheinander dran, um das Ergebnis einer ihrer Matheaufgaben zu nennen. Die Ergebnisse von beiden sind glücklicherweise richtig, was aber kein Zufall ist, denn das waren genau die Aufgaben, die Karims Vater für sie ausgerechnet hatte, um es ihnen einmal vorzuführen. Hinter dem Rücken von ein paar Klassenkameraden lachen sich Karim und Lenne an.

»Was ist so lustig, Karim?«, fragt der Lehrer.

Das Lachen verschwindet aus Karims Gesicht.

»Wie viele Aufgaben hast du denn richtig?«

Karim stiert in sein Heft. »Hm …« Er tut so, als müsste er schnell nachzählen. Wer weiß, vielleicht würde es der Lehrer damit gut sein lassen. Aber nein, er fragt noch einmal. »Drei«, antwortet Karim wahrheitsgemäß.

»Junge, solche Aufgaben hast du im letzten Jahr auch schon gehabt!« Der Lehrer seufzt. »Karim, sammel die Hefte mal ein, von allen. Ich möchte mit eigenen Augen sehen, wie ihr zu diesen Ergebnissen gekommen seid. Legt alle eure Hefte an die Tischkante.«

Karim steht auf und geht durch das Klassenzimmer, um alle Hefte einzusammeln. Als er zu Lenne kommt, verzieht sie das Gesicht. Aber was hätte er denn tun sollen? Als ob es seine Schuld wäre, dass Herr Paul nun alle Hefte sehen will.

Als er durch die hinterste Reihe geht, fällt sein Blick auf die Pinnwand. Da hängt das Foto von Rinnie. Er geht schnell vorbei, doch als er sich von der Pinnwand abwendet, hat er das Gefühl, dass sich der Blick des Mädchens in seinen Rücken bohrt. Das Bild von den grünen Augen auf der dunklen Heide erscheint wieder vor ihm. Schnell dreht er sich wieder um und starrt mit einem unbehaglichen Gefühl ein paar Augenblicke lang auf das Foto. Für den Bruchteil einer Sekunde hätte er fast geschworen, dass die Augen auf dem Foto genauso leuchtend grün waren.

Das ist doch totaler Unsinn, ruft er sich selbst zur Ordnung. Wie komme ich denn auf die Idee?

»Karim«, ertönt die Stimme des Lehrers, »beeilst du dich etwas?«

»Hm, ja … ich bin schon fertig.«

Nach der Schule rennt Karim schnell hinter Lenne her.

»Du willst doch sicher nach dem Fuchs suchen?«, erkundigt sich Lenne.

»Nein, nein«, sagt Karim und schüttelt heftig den Kopf. Keinesfalls will er schon wieder über die Heide laufen!

»Oh, dann ist ja gut, denn ich muss erst mal in die andere Richtung.« Lenne klopft auf ihren schweren Rucksack. »Ich muss in die Bücherei, meine Bücher zurückbringen. Die sind alle schon überfällig.«

»Soll ich mit dir gehen?«, schlägt Karim vor. Er versucht, es lässig klingen zu lassen, denn Lenne braucht nicht zu wissen, dass er ein bisschen Angst davor hat, alleine entlang der Heide nach Hause zu gehen.

»Wenn du möchtest«, meint Lenne und zuckt die Achseln.

»Mensch, wie viele hast du denn da?«, fragte Karim und zeigt auf den Rucksack.

»Sechs.«

»Und die hast du alle schon durch?« Karim liest nicht besonders viel, ein Buch pro Monat vielleicht, und wenn es ein bisschen dicker ist, kann es auch länger dauern.

Lenne nickt. »Alle.«

In der Bücherei sagt Lenne der Frau, die hinter der Theke steht, freundlich Guten Tag, und sie erwidert:

»Hallo, Lenne, da bist du ja wieder.«

Karim schlendert eine Weile an den Regalen mit Büchern entlang. Er selbst ist in der Bücherei immer nach fünf Minuten fertig, aber Lenne braucht erheblich länger.

Mit den Händen in den Jackentaschen trödelt Karim an einer Wand mit Fotos vorbei. Meistens hängen da Bilder, die er sich eigentlich nicht anschaut, Kunst interessiert ihn nicht so sehr. Doch er sieht, dass die Fotos, die dieses Mal hier hängen, alte Aufnahmen aus der Umgebung sind. »Was ist das diesmal für eine Ausstellung?«, fragt er die Frau an der Theke.

»Oh, das ist die alte Fotosammlung von Frau Sachs. Sie ist ins Pflegeheim gekommen, und beim Aufräumen ihrer Wohnung hat ihre Tochter all die alten Fotos gefunden. Sie hat uns gefragt, ob wir daran interessiert wären, und da haben wir die schönsten ausgesucht und aufgehängt. Und das hat eingeschlagen, das ganze Dorf ist schon mal zum Gucken vorbeigekommen. Man kann noch alles darauf erkennen, du musst nur genau hinsehen.«

Karim geht einen Schritt näher ran. Ja, das ist der Dorfplatz, und offensichtlich gab es da früher eine Pumpe. Die ist heute nicht mehr da. Und daneben eine Fassade mit der Aufschrift Lebensmittel. Da ist jetzt der große Supermarkt. »Lenne!«, ruft er plötzlich so laut, dass er selbst darüber erschrickt und einige Leute ärgerlich aufblicken. Oh, stimmt ja, in einer Bücherei muss man immer etwas leiser sein. Lenne kommt verwundert näher. »Euer Haus!« Er zeigt darauf.

»Ach herrje.«

»Das war früher ein Bauernhof.«

»Ja, das weiß ich. Das haben mir meine Eltern erzählt.«

»Sieh mal, die hatten auch Hühner.«

»Die hatten nicht nur Hühner. Wo jetzt unsere Küche ist, da war früher ein Stall mit an die vierzig Kühen und auch noch ein paar Ziegen«, weiß Lenne.

»Schade, der Stall ist nicht mit auf dem Bild.«

Karim geht ein Stückchen weiter. Einige der Fotos sind wohl schon sehr alt. Man kann sie kaum noch schwarz-weiß nennen, sie sind eher braungelb, so sehr haben sie sich verfärbt, und manche haben hässliche Flecken. »He, die Heide.«

»Wo?«

»Hier, auf dem. Das sieht aus wie unser Birkenwald, nur noch kleiner.«

»Da sind noch mehr Fotos von der Heide«, sagt Lenne. »Ich versteh nur nicht … diese Unterschrift … Karim, lies doch mal, was hier steht.«

Es ist eine kleine und krakelige Unterschrift. Karim beugt sich vor. »Die Her… Herenheide?«

Lenne schüttelt den Kopf. »Das ist ein x … die Hexenheide?«

Sie rümpfen beide die Nase und sehen sich an.

»Gruselig«, sagt Lenne schließlich, »eine Hexenheide!« Sie überlegt kurz und dreht sich dann plötzlich um. Mit großen Schritten stiefelt sie entschlossen auf die Theke zu. »Frau Hendriks, warum heißt die Heide auf dem einen Foto die Hexenheide

Frau Hendriks sieht sie lachend an. »Ach, Kind, das kommt von den alten Geschichten. Kennst du die nicht?«

Lenne zieht die Augenbrauen hoch.

»Also, das sind Geschichten, die sind noch viel älter als die Fotos hier«, erklärt die Frau. »Vielleicht sind sie schon Hunderte von Jahren alt, all die verrückten Erzählungen. Versuch dir mal vorzustellen, wie es in dieser Gegend früher, in der Zeit vor der Straßenbeleuchtung und Neonreklame, ausgesehen hat. Das hier war nur ein kleines Dorf mit einem Gasthaus, wenigen Häusern und ein paar Bauernhöfen drumherum. Und dann die ausgedehnte Heide mit dunklen Wäldern und allem, puh … da wäre man nicht so einfach spazieren gegangen, wie es die Leute heute geruhsam mit ihren Hunden am Sonntagnachmittag tun! Darüber ist unten im Archiv das eine oder andere zu finden.«

»Kann ich da auch hin, in das Archiv?«, fragt Lenne.

»Nein«, ist die Antwort. »Da können wir nicht einfach irgendwelche Kinder drin rumkramen lassen.«

Lenne macht ein beleidigtes Gesicht.

»Es gab damals auch noch keine öffentlichen Beförderungsmittel«, fährt die Frau fort. Offensichtlich hat sie selbst regelmäßig und in aller Ruhe in dem Archiv rumgekramt. »Es verkehrte da so eine Art Postkutsche zwischen den Dörfern, ab und zu jedenfalls. Oder man ist mit einem Bauernkarren losgezogen oder zu Pferd. Mehr gab es nicht. Und nirgendwo Laternenpfähle. Na, da könnt ihr euch ja wohl vorstellen, dass natürlich die verschiedensten unheimlichen Geschichten die Runde gemacht haben. Die Menschen waren damals noch so einfältig, du meine Güte, an alles haben sie geglaubt, an Hexen und Gespenster, so verrückt, wie ihr sie euch gar nicht vorstellen könnt.« Sie lächelt.

»Aber erklären Sie uns doch das mit der Hexenheide«, bohrt Lenne ungeduldig weiter.

»Wie meinst du das? Warum genau sie so geheißen hat? Tja, da fragst du mich was. Gott, ja, ich bin immer mal wieder auf diese Erzählungen gestoßen … Na, sie haben wohl gedacht, dass da auf der Heide Hexen leben!« Die Frau starrt ein paar Sekunden grübelnd vor sich hin. »Da war was mit einer … meine Güte, wie hieß das Weibsbild nur …« Die Frau trommelt ärgerlich mit den Fingern auf die Theke. »Ich komme doch einfach nicht auf den Namen, wie blöd.«

»Der Name einer Hexe?«, fragt Karim, der mittlerweile dazugekommen ist.

»Karfunkel?«, schlägt Lenne vor und kichert. »Eukalypta? Griselda?«

Die Frau schnippt ungeduldig mit den Fingern. »Ja, irgend so was! Nein … nicht Griselda … hm … Aberdina! Alberdine, das war es. Ja, die wurde der Hexerei verdächtigt.«

»Was ist mit ihr passiert?«, will Lenne wissen.

»Na, sie wird wohl auf dem Scheiterhaufen gelandet sein oder so. Die Menschen waren damals nicht so zart besaitet. Oder vielleicht haben sie sie auch ertränkt.« Frau Hendriks lächelt noch einmal über das ganze Gesicht, als ob sie das für einen guten Witz halten würde.

»Das find ich aber nicht zum Lachen«, murmelt Karim mit gerunzelter Stirn. »So was macht man doch nicht!«

»Ach ja, das sind doch alles nur Geschichten«, sagt die Frau abwiegelnd. »Da wird schon ein wahrer Kern drinstecken, aber was im Lauf der Jahre alles dazuerfunden worden ist, das kann man doch nicht mehr zurückverfolgen.«

»Na vielleicht schon, wenn man in das Archiv darf«, brummt Lenne mit enttäuschtem Gesicht.

»Tja …« Frau Hendriks zieht die Schultern hoch. Sie blickt auf den kleinen Stapel Bücher, den Lenne im Arm hat. »Bist du schon fertig mit Suchen?«

»Hm, ja, ich denke, dass ich diesmal nur die hier mitnehme.«

4

Am Samstagmorgen wird Karim nur mit viel Mühe wach. Immer wieder reibt er sich die Augen. Er erinnert sich, dass er sehr unruhig geschlafen hat und immer wieder von seltsamen Träumen aufgewacht ist. In der Nacht wusste er noch genau, worum es bei den Träumen ging, aber nun sind sie wie ausgelöscht.

Er setzt sich auf die Bettkante und starrt ein paar Sekunden auf die gegenüberliegende Wand. Langsam steigt ein Bild in ihm hoch. Augen. Etwas mit grünen Augen. Er sieht eine Frau mit langen roten Locken und großen grünen Augen vor sich. Ihr Gesicht ist blass. Über ihre hellen Wangen kullern Tränen. Aber die Tränen sind nicht durchsichtig, sie sind grün. Als würden ihre Augen schmelzen. Wie grünes Glas, das tropfend schmilzt.

Karim schüttelt den Kopf. »Aber nein«, sagt er zu sich selbst. »Das ist ganz und gar nicht das, was ich geträumt hab, das denke ich mir gerade aus.« Oder doch nicht? Er weiß es nicht mehr. Schnell rennt er ins Badezimmer. Puh, das war nun wirklich kein schönes Bild, das ihm da in den Kopf gekommen ist. Jetzt aber schnell eine schöne warme Dusche.

Von unten zieht der Geruch von gebratenen Eiern hoch, und Karim kann gar nicht schnell genug in seine Kleider springen, um an den Frühstückstisch zu kommen. Sein Magen knurrt vor Hunger.

»Machst du heute noch was Schönes?«, fragt sein Vater.

»Ich denke, ich geh gleich mal gucken, ob Lenne zu Hause ist.«

Aber Lenne ist schon aus dem Haus, sagt ihre Mutter zu ihm. »Draußen spielen. Vielleicht im Park oder so.«

Karim beschließt, sie zu suchen, obwohl er lieber ganz gemütlich drinnen spielen würde, denn er findet es heute Morgen kalt, auch wenn eine bleiche Herbstsonne am Himmel steht.

Im Park liegen ganze Haufen von abgefallenen Blättern der Pappeln, die rundum stehen, und Karim sieht, dass eine fröhliche Blätterschlacht im Gang ist. Malika ist auch da, ein Mädchen aus seiner Klasse, und ein Junge, den er vom Sehen kennt. Der wohnt auch im Dorf, ist aber schon etwas älter. Karim stürzt sich mitten ins Getümmel.

»He«, ruft Lenne fragend, »machst du auch mit?«

»Das siehst du doch!« Karim wirft eine Handvoll Blätter nach ihr. »Da sind doch hoffentlich keine Hundehäufchen drin, oder?«

»Igitt, bah«, sagt Malika und hört auf der Stelle mit dem Schmeißen auf, »da sagst du was!«

Karim nickt dem Jungen zu. »Hör mal, du bist doch auch auf unsere Schule gegangen, oder?«

»Das ist schon eine Weile her. Ich hab gerade gehört, dass ihr jetzt beim Paul in der Klasse seid. Der ist zwar ein bisschen streng, aber er kennt viele schöne Geschichten.

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