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Hexengericht

Über den Autor

Stefan Fandrey, geboren 1970 in Hamburg, studierte nach seinem Abitur einige Semester Volkswirtschaft, bevor er sich einem Germanistik- und Politikstudium zuwandte. Schon als Kind schrieb er seine ersten Geschichten auf. Mit der Zeit kam dann das Interesse an der Recherche hinzu – und seine Vorliebe für historische Schauplätze. »Hexengericht« ist sein erster Roman. Der junge Autor lebt mit seiner Freundin in Hamburg.

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Inhalt
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. PROLOG
  8. Erster Teil
    1. Der neue Prior
    2. Ein ungewöhnliches Mädchen
    3. Im Hexenturm von Rouen
    4. Der Hexenprozess
    5. Miraculus, der Gaukler
    6. Das zweite Opfer
    7. Flucht aus Rouen
    8. Ein frommer Christ
    9. Der finstere Mönch
    10. Schneeglöckchen
    11. Ritter Seiner Majestät
    12. Im Palast des Papstes
  9. Zweiter Teil
    1. Die Gabe
    2. Im Würgegriff der Pest
    3. Juda
    4. Lunas Geheimnis
    5. Ein gefahrvoller Marktbesuch
    6. Der letzte Sinn
    7. Angriff bei Nacht
    8. Duell im Wald
    9. Das rätselhafte Idolum
    10. Unter dem Zeichen des Bären
    11. Der Marquis
    12. Schachpartie
    13. Rex mundi
    14. Auge um Auge
  10. Dritter Teil
    1. Drei Rollen
    2. Die letzte Botschaft Jesu
    3. Einer wird gehen
    4. Eine Prophezeiung erfüllt sich
    5. Am Montségur
    6. Der Schlüssel Petri
    7. Die Raubritter kommen
    8. Der letzte Kampf
    9. Abschied
    10. Ein Hof bei Dreux
    11. Das Haus mit den roten Schindeln
  11. EPILOG

Stefan Fandrey

HEXEN
GERICHT

Historischer Roman

Für Julia

In Gedenken an meine Mutter Hannelore (1947–2001)

PROLOG

Tiefste Finsternis. Die schwärzeste Nacht war gleißendes Feuer gegen diesen dunklen, kalten Ort. Und still war es. Stiller als auf einem Totenacker. Selbst die Ratten wagten sich nicht hierher. Als wäre dies der einzige Winkel auf Erden, den Gott in seinem siebentägigen Werk mit Leben zu füllen vergessen hatte.

Plötzlich wurde es Licht. Es fiel als dünner Strahl von oben auf den kalten Boden. Dann ertönten Schritte. Und mit den Schritten kam mehr Licht. Das Klackern von Sandalen erfüllte die Gänge und Hallen. Die Mönche entzündeten Fackeln an den Wänden, und mit der Stille verschwand auch die Dunkelheit. Immer weiter drang das Licht vor, bis alle Schatten aus den Nischen verschwanden.

Niemand sprach ein Wort. Alle hatten ihre Aufgaben zu erfüllen. Einige schleppten schwere Säcke durch die Gänge in Vorratskammern, andere trugen Reliquien und Statuen durch die Räume. Aus verborgenen Kammern kamen sie mit Skulpturen und Büsten aus purem Gold, die hässliche Fratzen zeigten.

Nachdem sie ihr Werk vollbracht hatten, sammelten sich die Mönche in einem großen Saal. Ein halbes Dutzend Stufen führte in der Mitte zu einer ovalen Empore aus weißem Marmor. An der Längsseite stand ein hoher Altar aus tiefschwarzem Lydit. Vorn am Altar prangte die Fratze eines goldfarbenen Dämons. Die Wände waren reich mit biblischen Szenen und Bildern des Weltenendes bemalt.

Die Mönche standen mit verschränkten Händen beieinander und beteten lautlos. Da begann einer von ihnen einen Choral anzustimmen, und seine Mitbrüder fielen in den Singsang ein.

Dann erschienen die Priesterinnen. Die schlanken Körper waren in weiße Gewänder gehüllt, die Schädel kahl geschoren. In einer stillen Prozession stellten sie sich neben die Mönche. Kaum hatte die Letzte unter ihnen ihren Platz gefunden, stimmten auch sie in den Choral ein.

Schließlich verstummten sie, und der älteste Mönch unter ihnen sprach Verse, die die anderen singend wiederholten.

Darauf öffnete sich eine Tür hinter dem Altar. Eine schwarz gekleidete Gestalt mit verhülltem Gesicht betrat den Saal. Sie stieg die Stufen hoch und trat an den Altar. Sie sah im Raum umher, nickte und nahm mit beiden Händen den Schleier ab. Zum Vorschein kam das Gesicht einer jungen Frau mit großen Augen und dunklem, lockigem Haar, das ihr bis über die Schultern reichte. Die Mönche und Priesterinnen fielen auf die Knie.

Die dunkle Priesterin hob beschwörend die Hände und rief: »Dich rufe ich an, den Ungeborenen. Dich, der die Erde und den Himmel erschuf. Dich, der die Nacht und den Tag erschuf. Dich, der die Dunkelheit und das Licht erschuf.«

Auch die Mönche und Priesterinnen hoben die Hände. »O, Adu en I Ba Ninib!«, sangen sie.

»Du«, fuhr die Priesterin fort, »hast zwischen dem Gerechten und dem Ungerechten unterschieden. Du hast das Weibliche und das Männliche geschaffen. Du hast den Samen und die Frucht hervorgebracht. Du hast die Menschen geformt, dass sie einander lieben und dass sie einander hassen.«

»O, Adu en I Ba Ninib!«, sangen die Mönche und Priesterinnen.

Die Stimme der Priesterin wurde lauter. »Höre mich, denn ich bin der Engel von Osoronophris. Ich rufe Dich an, den schrecklichen und unsichtbaren Gott, der im leeren Platze des Geistes wohnt. Komme und wohne uns bei an diesem Tage der wirbelnden Luft und des brausenden Feuers. Eile herbei und segne Deinen obersten Diener.«

Nun sangen nur die Mönche: »Qu-u imtana.«

Die Priesterinnen antworteten: »Allu-u pi-ia.«

In diesem Augenblick öffnete sich wieder die Tür hinter dem Altar. Ein Mann in glänzend schwarzer Robe trat aus der Dunkelheit. Sein schwarzes Haar war schütter, und auf dem Hinterkopf trug er die Tonsur der Mönche. Seine Nase war lang; die kleinen dunklen Augen lagen tief in den Höhlen. Kein Muskel in dem hageren Gesicht regte sich. Wortlos ging er zu der Priesterin am Altar. Kurz trafen sich ihre Blicke, dann kniete er vor ihr nieder. Sie nahm eine schwarze Tiara aus einer Nische des Altars und hob sie über den Kopf des Mönchs. »Geist des Großen Planeten«, rief sie, »erinnere Dich! Gott des Sieges über die dunklen Engel, erinnere Dich. Herr all der Lande, erinnere Dich! Überwältiger der Alten, erinnere Dich! Kenner der Geheimnisse aller Dinge, erinnere Dich! Gehörnter der Stille, erinnere Dich!«

»Ninib ia duk Marduk!«, sangen die Versammelten.

»Im Namen des zwischen Dir und der Rasse der Menschen geschlossenen Pakts«, fuhr die Priesterin fort, »rufe ich Dich! Höre und erinnere Dich! Segne in Deinem Namen diesen Mann! Auf dass er Dein oberster Priester und geringster Diener zugleich sei! Führe und schütze ihn auf seinen Wegen! Und strafe ihn, wenn er sich Deiner unwürdig erweist!« Mit diesen Worten setzte sie die Tiara auf das Haupt des Mönchs. »Erhebe dich, Sohn der flammenden Scheibe des Anu! Erhebe dich, Abkömmling der goldenen Waffe des Marduk! Erhebe dich, Bewahrer der Wahrheit!«

Langsam stand er auf. Entrückt blickte er die Priesterin an. Auch die Priesterinnen und Mönche im Saal erhoben sich.

Erneut griff die Priesterin in eine Nische des Altars und holte drei Rollen aus Ziegenleder heraus, die an den Rändern die Abnutzung von Jahrhunderten zeigten. Sogleich warfen sich die Mönche und Priesterinnen erneut auf den weißen Marmor. Feierlich überreichte sie die Rollen. »Auf dass du unsere Gemeinde auf ihrem Pfade weiterführst und das Geheimnis vor den Verrätern beschützt. So wie es viele vor dir getan haben und viele nach dir tun werden.«

Der schwarze Mönch nahm die Rollen behutsam entgegen. Er wandte sich seiner Gemeinde zu und hielt die Rollen hoch. »Wendet eure Blicke auf die Wahrheit!«, rief er. »Kein Zauber soll euch hindern! Kein Spruch euch binden! Kein Gericht soll euch richten! Kein Kerker euch schinden! Nun geht und verstreut die Speise des Lebens. Geht und versprengt das Wasser des Lebens. Geht mit der Wahrheit im Herzen!«

»Marzas zin kanpa!«, antwortete die Gemeinde ihrem neuen Abt.

Der Mönch wandte sich der Priesterin zu. Ein kaltes Lächeln huschte über seine Lippen. Er legte die Rollen auf den Altar, nahm ihr Gesicht in beide Hände und küsste sie. Er war am Ziel seiner Wünsche …

Das Land, in dem dies geschah, hieß Frankreich. Man schrieb das Jahr der Menschwerdung des Herrn 1331.

Erster Teil

Der Rabe

Wo ich auch hinblickte, es gibt nichts als Bilder des Todes.

Ovidius, Tristia 1. 11,23

Der neue Prior

Sechzehn Jahre später.

»Bruder Raphael – wach auf, Bruder.«

Das sanfte Rütteln an seiner Schulter riss Raphael aus einem tiefen Traum. Schlaftrunken öffnete er die Augen und erblickte über sich Bruder Brunos faltiges Gesicht. »Habe ich etwa verschlafen, Bruder?«, fragte er.

»Nein, nein«, sagte der alte Mönch. »Wir haben die Nachricht bekommen, dass Bruder Henri früher eintrifft als erwartet. Es bleibt nicht einmal Zeit für das Morgengebet. Der gesamte Konvent versammelt sich in diesem Moment vor den Toren des Klosters.«

»Ich verstehe«, murmelte Raphael. »Ich komme sofort.«

Bruder Bruno verließ Raphaels Schlafzelle.

Der Mond schien durch ein kleines Fenster in den schmalen Raum. Selbst die Sonne ist noch nicht erwacht, dachte Raphael. Er gähnte, fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht und stand auf. Auf einem Tisch standen eine Karaffe mit Wasser und eine Schale aus Ton, in die er das Wasser goss. Er fröstelte. Es war Herbst, doch die herrschende Kälte ließ bereits den kommenden Winter ahnen.

»Bruder Henri«, flüsterte Raphael. Henri le Brasse sollte ihn als Prior des Dominikaner-Klosters St. Albert bei Rouen ablösen. Nachdem der letzte Prior, Bruder Michel, im Frühjahr gestorben war, hatte der Konvent ihn, Raphael, zum Prior gewählt. So lange, bis der Generalmagister des Ordens aus der fernen römischen Abtei Santa Sabina einen Nachfolger für Bruder Michel vorschlug. Seine Wahl war auf Henri le Brasse gefallen. Ein Dominikaner aus Carcassonne, der viele Jahre im Palast des Papstes in Avignon beschäftigt gewesen war. Obgleich Bruder Henri offiziell von den Mönchen des Klosters zum Prior gewählt werden musste, stand der Ausgang der Wahl fest. Es gab ohnehin keine Gegenkandidaten – und Raphael war der Letzte, der dieses Amt anstrebte. Seine Wahl zum Prior auf Zeit hatte, obwohl eine Ehre für ihn angesichts seines noch jungen Alters, stets eine Last für ihn bedeutet. Viel lieber widmete er seine Zeit der Erforschung und Übersetzung alter Schriften im Scriptorium.

Nachdem er sich gewaschen hatte, warf er den weißen, wollenen Habit über. Er glich einer römischen Tunika mit langen, schmalen Ärmeln. Um die Hüfte band er einen Ledergürtel, an dem ein Rosenkranz hing. Darüber legte er das schwarze Skapulier. Das weite Kleidungsstück, das ebenfalls bis zum Boden reichte, bestand aus zwei Stoffbahnen, die vorne und am Rücken herabfielen, und einer angenähten Kapuze. Schließlich band er seine Sandalen um und verließ seine Zelle.

Der Fichtenwald reichte bis an die hohen Mauern des Klosters. Ein breiter Weg führte durch das Dickicht direkt bis vor die Tore und weiter Richtung Rouen. Über dem Boden waberte Morgennebel.

Vor den massiven, eisenbeschlagenen Toren von St. Albert fand Raphael seine Mitbrüder vollständig versammelt vor. Einige waren vertieft in leise Gespräche, andere standen stumm und frierend da. Raphael suchte nach seinem Freund Bruno und sah ihn kurz darauf kommen.

»Bruder Raphael!«, rief Bruno und lief auf den Prior zu.

Raphael lachte. »Langsam, Bruder«, sagte er. »Der Herr sieht die Eile gar nicht gern.«

Raphael legte seinem Mitbruder die Hand auf die Schulter. »Wo ist er nun, Bruder?«

»Du hast es wohl sehr eilig, deine Verpflichtungen als Prior abzugeben?«, fragte Bruno.

»Sieben Monate waren eine lange Zeit«, antwortete Raphael und fuhr sich über die Tonsur, die von braunem Haar umkränzt war. »Es warten Aristoteles, Plato, Horaz und Homer auf mich.«

Aus den Wäldern drang Hufgetrappel herüber.

»Ich glaube, der Herr hat dich erhört!«, meinte Bruno.

Und in der Tat – Augenblicke später erschien eine zweispännige Carretta mit dem Emblem des Heiligen Stuhls.

Er lässt es sich nicht nehmen, mit gehörigem Pomp vorzufahren, dachte Raphael.

Der Lenker nahm die Zügel und brachte sein Gefährt direkt vor Raphaels Füßen zum Stehen. Noch bevor die Pferde sich beruhigt hatten, wurde die Tür aufgestoßen, und ein Mann stieg aus und trat in den Vorhof des Klosters. Henri le Brasse war angekommen.

Unter den Augen seiner fünfzig Mitbrüder ging Raphael zu Henri. Dieser fasste Raphael sanft bei den Schultern und zog ihn an sich, um ihm den brüderlichen Kuss zu geben.

»Seid willkommen in St. Albert, Bruder Henri«, sagte Raphael und neigte mit gefalteten Händen seinen Oberkörper. Unauffällig betrachtete Raphael den neuen Prior. Henri le Brasse war ein Mann mit schwarzen Knopfaugen und spitzer Nase, die ihm das Aussehen eines Raben verliehen. Die Gestalt war hager, der Gang aufrecht. Sein Schädel war kahl bis auf einen schwarzen Haarkranz.

Henri lächelte kalt. »Ich danke Euch, Bruder. Bevor wir mit der Wahl beginnen, führt mich ins Abthaus – und lasst den Zellerar und den Bursar ebenfalls erscheinen.«

Verwundert rief Raphael Bruder Antoine und Bruder Joseph zu sich und bedeutete ihnen, ihnen zu folgen.

Das Abthaus des Klosters lag direkt neben der Klosterkirche. Raphael hatte es von Beginn an vermieden, hier zu leben. Er wollte dieses äußerliche Zeichen äbtlicher Würde nicht annehmen. Stand es doch von vornherein fest, dass er die Geschicke des Klosters nur übergangsweise leitete. Das Abthaus verfügte über drei Räume: den Schlafraum, den Arbeitsraum und den Speiseraum. Raphael führte die kleine Gruppe zunächst in den Arbeitsraum, was Henri mit einem zustimmenden Nicken quittierte.

Während der Kutscher die Habseligkeiten Henris in den Schlafraum stellte und gleich darauf wieder verschwand, schaute Henri in die Gesichter seiner Mitbrüder. »Ich will keine kostbare Zeit vergeuden. Bevor wir zur Wahl schreiten, wünsche ich einen Überblick über die Finanzen und Güter des Klosters zu erhalten.«

Bruder Joseph war als Bursar des Klosters zuständig für die Finanzen und gemeinsam mit Bruder Antoine, dem Zellerar, für den Wohlstand der Klostergemeinde verantwortlich. Zwar war Joseph unvorbereitet, doch er hatte die Zahlen immer im Kopf. »Das Kloster verfügt zurzeit über bare Mittel in Höhe von 7 579 Livre, 3 544 Sous, 1 061 Gros tournois und 633 Gros parisi.«

Wortlos blickte Henri zu Bruder Antoine.

Der führte sogleich aus: »Das Kloster St. Albert erhält jährlich von seinen unfreien Bauern 5 800 Scheffel Getreide,
1 400 Schweine und Ferkel, 3 000 Hühner, 17 000 Eier,
12 000 Lot Leinen, drei Fässer Honig, 3 500 Eimer Wein,
1 100 Sous bares Geld, dazu noch über 3 000 Fuhrdienste und 15 000 Tage Arbeitsdienste.«

»Grundherrschaften?«, fragte Bruder Henri.

Der Zellerar überlegte einen Moment und sagte: »Im letzten Jahr erwarb das Kloster die Herrschaft über das Dorf Maromme. Zudem gehören zum klösterlichen Besitztum das Dorf Boos sowie alle angrenzenden Wälder. Die Rechte der Ländereien umfassen urkundlich Abgaben aus dem Grundbesitz, also von Höfen, Äckern und Weinbergen, dazu die Abgaben aus der Vergabe dörflicher Einrichtungen wie Mühle, Kelter und Badestube. Zudem verfügt die Abtei über die Rechte, in den Dörfern Steuern zu erheben sowie Schultheiß und Dorfgericht einzusetzen.«

»Wie viele Unfreie?«, wollte Henri wissen.

»187 Eigenleute, Bruder Henri«, antwortete Antoine. »Die Abtei hat ihnen gegenüber besondere Rechte, die sich auf die Hinterlassenschaft beim Tode dieser Personen erstrecken.«

Henri le Brasse sah starr vor sich hin. »Der Ordensgeneral hat mit keinem Wort erwähnt, wie wohlhabend St. Albert ist«, sagte er mehr zu sich selbst. Er blickte auf. »Danke, das ist alles, Bruder Antoine und Bruder Joseph. Ruft den Konvent zusammen. Bruder Raphael und ich werden alsbald dort erscheinen.«

Noch während die Tür des Abthauses sich hinter Antoine und Joseph schloss, wandte sich Henri an Raphael. »Ihr habt gute Arbeit geleistet, Bruder. Bedenkt man Euer geringes Alter und Eure unzureichende Erfahrung.«

Statt einer Antwort neigte Raphael leicht den Oberkörper. Er unterdrückte seinen Zorn und dachte an die achte Ordensregel im ersten Kapitel des Augustinus von Hippo: Lebt also alle wie ein Herz und eine Seele zusammen und ehrt gegenseitig in euch Gott; denn jeder von euch ist sein Tempel geworden. Ihn fröstelte plötzlich. Waren es die herbstlichen Temperaturen oder die Grabeskälte, die von Henri ausging?

»Sagt, Bruder«, fuhr Henri le Brasse fort, »wie steht es mit der Hexerei in der Gemeinde? Gibt es Zauberer und Hexen? Wie viele und wie groß ist der Schaden, den sie angerichtet haben?«

Verwirrt antwortete Raphael: »Es gab bis dato in Rouen und Umgebung keine Hinweise auf Schadenszauber und Hexenwirken, Bruder Henri.«

»Ihr meint, es gab keinen Hexenprozess, Bruder?«

»Keinen einzigen.«

Henri legte die hohe Stirn in Falten. »Ihr wollt doch nicht etwa behaupten, dass, während in ganz Frankreich die Scheiterhaufen brennen, unsere Gemeinde von der Hexerei verschont blieb?«

»In der Tat, so ist es, Bruder Henri«, sagte Raphael.

»Ich sehe«, sagte Henri, »dass das Kloster zumindest in der Fürsorge um das Seelenheil des Sprengels gefehlt hat. Ist es doch unbestritten, dass kein Ort von den schrecklichen Heimkehrungen der Hexen und Hexenmeister sicher ist. Mir scheint, Ihr habt in diesem Bereich versagt.«

Ohne auf den Vorwurf einzugehen, sagte Raphael: »Erlaubt mir die Frage, mit welchen Aufgaben Ihr am Heiligen Stuhl betraut wart, Bruder.«

»Mit der Inquisition«, war die knappe Antwort.

Der junge Mönch erschrak zutiefst. Er ahnte, dass mit Henris Ankunft eine Zeitenwende in ihrer Gemeinde angebrochen war. Zugleich hoffte er, dass der neue Prior keine Opfer finden würde. Bisher war die Bevölkerung von Rouen und Umgebung eine fromme und friedfertige Gemeinschaft gewesen. Aber aus Berichten wusste er, dass Inquisitoren aus den sanftesten Christen gewissenlose Denunzianten und blutrünstige Mörder machen konnten.

»Führt mich jetzt zum Kapitelhaus!«, verlangte Henri.

Raphael eilte Henri voran durch die klösterlichen Gänge. Es war, als triebe der Teufel persönlich ihn durch den Kreuzgang. Die kalten Blicke Henris in seinem Rücken schienen ihm direkt in den Schädel zu fahren und seine Gedanken zu durchforschen.

Im Kapitelsaal stand das Konventkapitel vollzählig bereit, um die Wahl durchzuführen. Der weitläufige Saal war prachtvoll ausgestattet. In den Säulenzwickeln fand man Rundbildnisse, die Mönche mit Büchern zeigten. An Nord- und Südwand hatte ein unbekannter Meister vier großflächige Fresken mit Szenen aus der Bibel geschaffen. An der Stirnwand gegenüber dem Eingangsportal prangte ein dreiteiliger Mäander in den schönsten Gold- und Blautönen. Unter dem geschwungenen Ornamentband befand sich ein großer, massiver Tisch, hinter dem ein prunkvoller, mit Leder besetzter Stuhl stand. Dieser Ort bildete den Machtmittelpunkt des Priors. Seitlich davor gab es eine kleine Kanzel, von der aus der Sakristan bei Versammlungen die Gebete leitete und lateinische Verse vortrug. An den Seitenwänden standen drei Reihen mit Bänken, auf denen nun die Mönche still warteten.

Hinter Henri schloss Raphael die Tür. Mit hoch erhobenem Kopf ging Henri auf den prächtigen Stuhl zu und setzte sich würdevoll. Raphael nahm neben Bruno auf einer der Bänke Platz. Nachdenklich blickte er zu dem neuen Prior hinüber. Über Henris Kopf prangten in Stein gemeißelt die Worte contemplari et contemplata aliis tradere. Der junge Mönch fragte sich, ob Henri le Brasse die Frucht der Kontemplation weiterzugeben vermochte.

Der Sakristan, Bruder Mathieu, ein alter, gebeugt gehender Mönch, betrat die Kanzel und stimmte einen gregorianischen Choral an. Der Rest des Konvents fiel ein, und einstimmiger lateinischer Gesang erfüllte den Kapitelsaal. Bruder Bruno, der die Choräle über alles liebte, übertönte mit seiner tiefen, klaren Stimme seine Mitbrüder. Daher übernahm er bei den Chorälen stets den Cantus des Konvents – die melodieführende Stimme. Er wiegte seinen bauchigen Körper im Takt, die Augen geschlossen, die Brauen angehoben.

Nach zwei Chorälen brach der Sakristan ab. Er öffnete die Bibel und las aus dem Neuen Testament. Hin und wieder bestätigten die Mönche die Verse mit einem gesungenen Amen. Es folgten Auszüge aus den Ordensregeln und ein weiterer Choral.

Schließlich schritt man zur Wahl des Priors. Berechtigt zu wählen war jeder Mönch, der mindestens den Rang eines Subdiakons innehatte. Diesem Kreis gehörten sämtliche Brüder des Klosters an. Allein die Novizen waren von der Wahl ausgeschlossen. Raphael ergriff die tönerne Wahlurne und schritt die Reihen seiner Mitbrüder ab. Unter Henris wachsamen Blicken warf ein jeder ein kleines Pergament in die Urne, auf dem entweder mit Ja oder Nein gestimmt war. Die Urne hoch erhoben, schritt Raphael feierlich zu dem Tisch, hinter dem Henri saß, und leerte sie dort aus. Henri benötigte zwei Drittel der Stimmen, um die Wahl zu gewinnen. Raphael kannte das Ergebnis, noch bevor er den ersten Stimmzettel ergriff. Die anfängliche Freude, sich nun wieder mit seinen Studien im Scriptorium befassen zu können, war verblichen und machte einer ungewohnten Befangenheit Platz. Er spürte, dass er an einem Scheidepunkt seines Lebens angekommen war. Eine ungewöhnliche Erkenntnis für einen jungen Mönch, der sein Leben mit voller Hingabe dem Herrn und der heiligen Mutter Kirche widmete.

Die Auszählung dauerte nicht lang, und monoton verkündete er das Ergebnis: »Der Konvent hat einstimmig Bruder Henri zum Prior des Klosters St. Albert gewählt.« Er kniete vor Henri nieder und küsste dessen Ring als Anerkennung der neuen Würde. Bedächtig erhob er sich und machte Platz für seine Mitbrüder.

Nun war Henri le Brasse offiziell geistlicher Vater des Klosters. Jeder Mönch, jeder Novize musste ihn als Lehrer und Führer anerkennen. Für sie war er nun kein Bruder mehr, sondern ein Vater, während sie seine Söhne waren. Und als hätte Gott der Herr sein wohlwollendes Auge auf Henri le Brasse gerichtet, schien der erste Sonnenstrahl des Tages durch das hohe, runde Fenster auf ihn herab.

Nach der Investitur blieben Henri und Raphael allein im Saal zurück. Henri zeigte keinerlei Regung. Er stand am Fenster und schaute in den Klostergarten. Noch immer wartete Raphael auf ein Zeichen von Henri. Plötzlich stand dieser auf. »Begleitet mich nach Rouen«, sagte er. »Ich will mir einen ersten Eindruck von der Gemeinde verschaffen.«

Ein ungewöhnliches Mädchen

Unfertige Körbe lagen in dem einzigen Raum des bescheidenen Hauses herum, darauf wartend, dass Anne Langlois ihre Arbeit beendete. Diffuses Licht fiel durch die von Holzwürmern zerfressenen Fensterläden. Zu viel Helligkeit würde Lunas Leid nur steigern. Anne Langlois betete seit vielen Jahren nicht mehr. Sie hoffte nur aus tiefstem Herzen, dass es nicht wieder anfing. Nicht heute. Jeden Moment konnte Jean erscheinen, um seine Körbe abzuholen. »Halte durch, mein Engel«, flüsterte sie.

Luna litt an starken Leibschmerzen. Anne Langlois wusste nicht, wie sie ihrer Tochter noch helfen sollte. Es schien, als würden die Schmerzen von Tag zu Tag stärker werden. Geld für einen Medicus besaß Anne nicht. So musste sie tun, was sie stets in solchen Fällen tat: Sie braute einen Kräutertee, legte Luna kalte Wickel auf die Stirn und hielt an ihrem Bett Wacht.

Sie ging hinüber zu der winzigen Kochstelle, schöpfte mit einer Kelle etwas Tee in einen Becher und setzte ihn ihrer Tochter an den Mund. Luna trank einen kleinen Schluck, dann fiel ihr Kopf wieder nach hinten auf das mit Stroh gefüllte Kissen. Anne seufzte.

»Maman«, wisperte Luna. Ihre Augen blieben geschlossen.

»Ja, mein Engel?«

»Hörst du das Krächzen, Maman? Hörst du es?«

Nicht schon wieder, dachte Anne. Warum muss das arme Kind so leiden? »Nein, ich höre es nicht. Schlaf, mein Engel. Schlaf.« Zärtlich streichelte sie die blassen Wangen.

Plötzlich schlug Luna die Augen auf. »Es ist fort. Dunkelheit. Ich sehe nur Dunkelheit.«

Erleichtert atmete Anne auf. Sie holte eine Schale mit Dinkeleintopf. »Iss etwas.«

Luna war völlig verändert. Ihr Gesicht rötete sich, ihre Augen glänzten wieder. Gierig schlang sie die Suppe hinunter. Mit vollen Backen strahlte sie ihre Mutter an. Und solche Momente waren es, die Anne die Kraft gaben, an den schwarzen Tagen zu bestehen. Momente, in denen tiefstes Leid zu höchstem Glück wurde.

Luna reichte ihrer Mutter die Schale, sprang aus dem Bett, zog ihr erdfarbenes Hemdkleid über und lief laut lachend aus dem Haus.

Anne hielt kurz inne, um dann ihre Arbeit an den Körben fortzusetzen. Ihre erfahrenen Hände vollführten die Arbeit selbstständig. In die Stadt ging sie nur selten, und wenn sie Weidenruten für die Körbe brauchte, Dinkel, Erbsen, Bohnen und Kräuter für den Eintopf, Leinen für Kleider, die sie selbst nähte, dann machte sie sich immer allein auf den Weg nach Rouen. Das Leben in der Stadt war nichts für Luna. Betrunkene Spießgesellen, anrüchige, leicht bekleidete Huren, grobschlächtige Kesselflicker, die willkürlichen Methoden des Landvogts, das alles wollte sie Luna ersparen.

Es klopfte. »Anne, bist du da? Hier ist Jean.«

Schnell wischte Anne ihre feuchten Hände an ihrer Schürze ab und eilte zur Tür. Das gutmütige runde Gesicht Jean Brillons lächelte sie an. »Guten Morgen, Jean«, sagte sie. »Komm herein.«

»Einen wunderschönen guten Morgen auch dir, Anne«, sagte Jean.

»Wie geht es Lisette?«, fragte Anne.

»Hervorragend«, antwortete Jean. »Sie lässt dir schöne Grüße bestellen und fragt, ob du noch etwas von deinem himmlischen Dinkeleintopf hast.«

Belustigt musterte Anne den dicken Bauch ihres Nachbarn und Freundes. »Ist Lisette an meinen Kochkünsten interessiert oder ist es allein dein Magen, Jean?«

Ertappt rieb Jean über sein fleischiges Kinn.

Anne lachte auf. »Für dich habe ich immer eine Schüssel übrig.«

Jean Brillon grinste und setzte sich, mit der Zunge schnalzend, an den Tisch. Gierig schlürfte er das einfache, doch delikate Mahl hinunter. Dabei sah er sich um. »Du musst dir endlich einen Mann suchen, Anne. Das Haus und das Kind brauchen eine starke Hand. Yves Rénards Frau ist letztes Jahr gestorben. Er ist der wohlhabendste Bauer in dieser Gegend und würde gut für dich und Luna sorgen.«

»Yves Rénard ist vierundsechzig Jahre alt, Jean«, wandte Anne ein. Sie verspürte nicht das geringste Verlangen, über mögliche Ehemänner zu sprechen.

»Aber …«, begann Jean. Doch Annes strenger Blick hieß ihn schweigen.

»Sieben Körbe sind fertig«, sagte Anne. »Die restlichen fünf bekommst du in ein paar Tagen.«

Betrübt senkte Jean den Kopf. Er legte den Löffel aus der Hand. »Es tut mir Leid, Anne. Aber ich kann dir die Körbe nicht abnehmen.«

»Ich … ich verstehe nicht«, stammelte Anne. Sie brauchte die wenigen Sous zum Überleben.

»Die Zeiten sind schlecht«, erklärte Jean. »Die Ernte ist jämmerlich ausgefallen.«

Anne schwieg. Sie war zu stolz, um über ihre missliche Lage zu klagen.

»Ich wünschte, ich hätte eine bessere Nachricht für dich, Anne«, sagte Jean und stand auf.

»Es ist gut. Ich bringe dich zur Tür.«

Gemeinsam traten sie auf den schlammigen Vorhof hinaus. Luna machte gerade einen wackligen Handstand.

»Schau, Maman!«

»Das machst du sehr gut, mein Engel!«, rief Anne.

»Ach!«, entfuhr es Jean. »Luna, mein liebes Kind, ich habe da etwas für dich.«

Unsanft plumpste Luna auf den Bauch, rappelte sich wieder hoch und lief neugierig zu Jean. »Was ist es, Onkel Jean?«

Brillon öffnete seine große Ledertasche. Behutsam holte er eine lange Rabenfeder hervor. »Da, schau! Es ist eine Schwanzfeder. Die findet man nicht überall.«

In diesem Augenblick ging eine schreckliche Veränderung mit Luna vor. Sie schrie aus Leibeskräften. Sie schrie, als ramme ein unsichtbarer Dämon ihr glühende Nadeln in den Schädel. Dann musste sie sich übergeben.

»Oh, mein Gott!«, rief Jean aus. »Geht es wieder los, Anne? Ist es wieder so weit?«

Anne achtete nicht auf Jean, sondern stürzte zu ihrer Tochter. Gerade noch rechtzeitig, um sie zu halten.

»Maman!«, brüllte Luna. »Ein Rabe kommt. Ein Rabe, schwärzer als die Nacht!«

»Beruhige dich, mein Engel«, flüsterte Anne und strich Luna über die eiskalte Stirn. Zu Jean gewandt, sagte sie: »Geh, Jean! Geh und grüß Lisette von mir.«

Verunsichert stolperte Brillon davon, hin und wieder einen Blick über die Schulter zurückwerfend.

Lunas Augen waren in weite Ferne gerichtet. Anne wusste nicht einmal zu sagen, ob ihr Kind sie überhaupt wahrnahm.

»Er kommt auf einem Pferd, Maman«, hauchte Luna. Sie war nun etwas ruhiger. Doch plötzlich schrie sie wieder auf. »Feuer! Alles brennt! Nein! Nicht alles. Du brennst, Maman! Du brennst!«

Anne erschrak zu Tode. Sie war unfähig, irgendetwas zu sagen oder zu tun.

»Ich sehe ein Auge«, rief Luna. »Es blutet! Da ist ein Mann. Ich kenne ihn, aber ich kann sein Gesicht nicht sehen. Er ist ein guter Mensch. Er wird mir helfen. Vielleicht hilft er dir auch, Maman! Er hilft dir bestimmt!«

Tausend Gedanken schossen Anne durch den Kopf. Nie hatte sie verstanden, was Luna in ihren Visionen vorhersah. Als Jeans Kuh verendet war, hatte sie ranzige Butter in einem Fass gesehen. Niemand konnte je sagen, welche Bedeutung die Bilder vor Lunas innerem Auge hatten.

»Der Rabe kommt näher! Immer näher!«, schrie Luna. »Wir müssen fort, Maman! Weit, weit fort!«

»Sssch, mein Engel«, flüsterte Anne. »Wir sind hier in Sicherheit!«

Luna fuhr hoch. »Auf der Stelle!«, schrie sie, wie sie nie zuvor geschrien hatte.

Die Pferde waren schnell gesattelt gewesen, und Henri und Raphael ritten auf der Straße nach Rouen. Die Sonne war hinter dicken Wolkenschichten verborgen. Über ihren Köpfen zogen einige Raben krächzend dahin.

Der schweigsame Ritt bedrückte Raphael. Gern hätte er mehr über Henris Vergangenheit gewusst, traute sich aber nicht, ihn zu fragen. Zudem schien der Prior ein Mann zu sein, der die Stille schätzte. Und so suchte Raphael etwas Zerstreuung, indem er sich an Gottes Schöpfungen des Waldes erfreute.

»Erzählt mir von Euch«, sagte Henri irgendwann unvermittelt.

Raphael schrak auf. »Was begehrt Ihr zu wissen, ehrwürdiger Vater?«

»Nun, woher stammt Ihr? Wer sind Eure Eltern?«

Raphael sammelte kurz seine Gedanken. »Meine Eltern leben als Bauern in der Nähe von Dreux, zwei Tagesreisen von Paris entfernt.«

»Leibeigene?«, wollte Henri wissen.

»Freie Bauern, Vater«, gab Raphael zurück. Er wusste, worauf der Prior hinauswollte. Viele unfreie Bauern gaben ihre Kinder in die Obhut eines Klosters. Sei es aus religiöser Ergebenheit, aus finanziellen Erwägungen oder unter Zwang. Und der erzwungene Eintritt eines Kindes in die Gemeinschaft Gottes schürte später oft Insubordination und Lasterhaftigkeit. Henri prüfte seine Wurzeln und damit seine Demut.

»Wie lange gehört Ihr dem Orden an?«, fragte der Prior weiter.

»Ich trat dem Orden im Alter von zehn Jahren bei, Vater«, sagte Raphael. »Eine Nonne aus unserem Orden half mir auf die Welt. Meine Mutter blutete stark, und ihr Leben lag in Gottes Hand. Mein Vater versprach der Schwester, dass er mein Leben der heiligen Mutter Kirche schenken würde, wenn meine Mutter und ich die Geburt überstünden.«

»Ein frommer Mann«, meinte Henri.

Raphael nickte. »Er hat aus mir einen guten Christen gemacht, und ich habe freiwillig sein Gelübde erfüllt.«

Damit schien Henri zufrieden. Er schwieg.

»Woher stammt Ihr, ehrwürdiger Vater?«, fragte Raphael und biss sich auf die Zunge. Die Frage ziemte sich nicht für einen einfachen Mönch wie ihn.

»Aus Montaillou«, antwortete Henri. Er schien an der Frage keinen Anstoß zu nehmen. »Sagt, wie steht Ihr zur Inquisition?«, fragte er unvermittelt.

»Nun«, sagte Raphael gedehnt. Er spürte, dass es von großer Bedeutung für ihn selbst und für die Gemeinde war, was er nun sagen würde. Fieberhaft suchte er nach einem Ausweg. »Plato sagt im 11. Buche, Kapitel 772 seiner Schriften über die Gesetze: ›Es glauben gewisse Leute, dass sie durch allerlei Gaukeleien, Zaubersprüche und so genannte Bannformeln anderen Schaden zufügen können, und viele fürchten sich vor jenen, die sie im Besitz solcher Kräfte wähnen. Was für eine Bewandtnis es mit solchen Dingen hat, ist nicht leicht zu durchschauen, noch schwerer ist es, andere darüber zu belehren, ja es lohnt sich nicht der Mühe, dies bei Leuten zu versuchen, die bereits einen derartigen Verdacht gefasst haben.‹«

»Ihr meint demnach, dass Hexerei reine Einbildung ist?«, fragte Henri. »Eine Art Rausch … wie wenn man schweren Wein getrunken hat?« Er lachte trocken auf. »Sagt mir, mein Sohn, wem schenkt Ihr mehr Glauben: einem heidnischen Philosophen, dessen Gebeine längst zu Staub zerfallen sind, oder der Heiligen Schrift?«

»Ohne Zweifel dem Wort Gottes, Vater«, antwortete Raphael.

Er wollte noch etwas hinzufügen, doch Henri kam ihm zuvor: »Dann erinnert Euch der Worte Mosis, die da lauten: Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen. Wenn ein Mann oder Weib Wahrsager und Zeichendeuter sein wird, die sollen des Todes sterben, man soll sie steinigen, ihr Blut sei auf ihnen.«

Raphael unternahm einen letzten verzweifelten Versuch, seine Position zu stärken. »Ehrwürdiger Vater«, sagte er, »selbst der heilige Dominikus und sein Bischof Diego machten Bekanntschaft mit der Häresie der Katharer. Sie waren bereit, von ihnen zu lernen.«

Von einem Moment zum anderen verwandelte sich Henris Hochmut in unbändigen Zorn. »Die Katharer waren gottlose Ketzer!«, fauchte er. »Ich verbiete Euch, jemals wieder von ihnen zu sprechen!«

Eingeschüchtert mied Raphael Henris strengen Blick. Ratlos starrte er auf den Schädel seines Pferdes, der sich im Rhythmus des Trittes hob und senkte. Warum brachte die Erwähnung der Katharer Henri so auf? Sie existierten längst nicht mehr. Nach den Albigenserkriegen vor mehr als einem Jahrhundert waren sie fast gänzlich ausgerottet worden, und die Inquisition hatte ihnen anschließend endgültig den Garaus gemacht.

Am Horizont erschienen die ersten Höfe vor den Toren der Stadt Rouen. In der Ferne sah man einige Gestalten, die ihre Äcker bewirtschafteten. Henri ritt auf sie zu.

»Wer lebt dort?«, fragte Henri. Er zeigte auf einen kleinen Hof.

»Der Bauer Jean Brillon, Vater«, antwortete Raphael.

»Frei?«

»Ein unfreier Bauer, Vater. Er und seine Familie sind Leibeigene des Klosters.«

Als Jean Raphael erblickte, winkte er freudestrahlend und rief Frau und Kinder aus dem Haus. Lisette richtete ihr Haar, und die beiden Söhne liefen den Mönchen lachend entgegen. Als sie Henris Gesicht aus der Nähe sahen, stockten sie mitten im Lauf. Verunsichert lächelten sie Raphael zu, warfen einen verstohlenen Blick auf Henri und rannten zurück zu ihren Eltern, um sich hinter ihrer Mutter zu verstecken.

Vor dem Haus stieg Raphael ab. Mit ausgestreckten Händen ging er auf Jean und Lisette zu. »Gott mit Euch«, sagte er und strich den beiden Knaben über das dunkle Haar. »Ich möchte Euch den ehrwürdigen Vater Henri vorstellen. Seit heute Prior von St. Albert.«

Jean legte als Erster seine Beklommenheit ab. Er ging auf Henri zu. »Ehrwürdiger Vater, seid willkommen auf meinem bescheidenen Hof.«

Verächtlich fielen Henris Mundwinkel herab. »Bescheiden in der Tat«, sagte er von seinem Pferd herunter und sah sich um. »Warum bestellst du nicht sämtliche Felder? Sprich!«

»Ehrwürdiger Vater«, stammelte Jean. »Seit Generationen betreiben wir auf diesem Land die Dreifelderwirtschaft. Ein Drittel liegt immer brach.«

»Reicht mir die Unterlagen«, verlangte der Prior von Raphael.

Der ging hinüber zu seinem Pferd und nahm aus den Satteltaschen ein Bündel Schriftrollen. Eine davon gab er Henri.

»Wohlan denn«, murmelte Henri und studierte das Papier. »Laut Vertrag bist du verpflichtet, jedes Jahr 200 Scheffel Getreide abzugeben. In diesem Jahr waren es nur 120, im vorigen Jahr nur 100. Von den Hühnern, Schweinen und Eiern ganz abgesehen. Was hast du dazu zu sagen?«

Lisette tat zwei Schritte vor und wollte den Mund öffnen, doch Jean hielt seine Frau zurück. »Es ist gut, Lisette.« Er wandte sich wieder dem Prior zu. »Die letzten Ernten waren verheerend, ehrwürdiger Vater. Früher Frost verdarb einen Großteil der Ernte, und der Getreiderost tat ein Übriges. Die Erträge reichten gerade aus, um nicht zu verhungern.«

Henri kniff die Augen zusammen. »Dann frage ich mich, wie du und dein Weib so fett geworden seid, Mann.«

Ohne eine Erwiderung senkte Jean den Kopf.

»Stell den gesamten Hof für die nächste Ernte um! Alle Felder!«, befahl Henri.

»Wie Ihr wünscht, ehrwürdiger Vater«, gab Jean kleinlaut zurück.

»Die fehlenden Abgaben reichst du im nächsten Jahr nach«, ergänzte Henri.

Jean sah verstört auf, unfähig, ein Wort zu sagen.

Raphael wollte seine Stimme für die Familie erheben, aber Henri bedeutete ihm, aufzusitzen. Mit einem letzten Blick wollte er den Brillons aufmunternd zulächeln – es misslang, und er verzog nur bekümmert das Gesicht.

Schnell entfernten sie sich von dem Hof. Mit sich selbst hadernd, überlegte Raphael, wie er Henri die Augen für die Probleme der Bevölkerung öffnen könnte. Durch das Versprechen der Oboedientia war er seinem Prior zum bedingungslosen Gehorsam verpflichtet. Aber bedeutete das, dass er seine Meinungen und Ansichten unterdrücken musste? Erneut suchte er Antwort in den Ordensregeln des Augustinus von Hippos. Sie besagten, dass der Mönch seinem Oberen wie einem Vater gehorchen solle. Mit dem gebührenden Respekt, der ihm kraft seines Amtes zustand. Andernfalls fehlte der Mönch gegen Gott.

Nun gut, dachte Raphael. An Respekt soll es nicht mangeln. Aber wie steht es mit Henris Verpflichtungen gegenüber seinen Söhnen aus dem Kloster? Und den ihm anvertrauten Seelen der Gemeinde? Augustinus sagte hierzu, dass der Obere sich nicht deshalb glücklich schätzen soll, weil er kraft seines Amtes gebieten, sondern weil er in Liebe dienen kann. Durch unsere Hochachtung soll er unter uns herausgehoben sein, doch wegen seiner Verantwortung vor Gott soll er sich als der Geringste von uns einschätzen.

Dient Henri in Liebe?, überlegte Raphael. Sah er sich als den Geringsten unter seinen Brüdern? Beide Fragen konnte er mit Nein beantworten. Henri war hochmütig und selbstgefällig. Schwere Sünden für einen Dominikaner.

Und noch während der junge Mönch über seinen Zwiespalt nachdachte, erreichten sie ein kleines schmuckloses Haus, vor dem ein Mädchen spielte.

»Luna!«, rief Raphael und winkte.

Luna sprang auf und lachte mit erhobenen Armen. Dann sah sie Henri, schwankte und sank ohnmächtig zu Boden.

Anne Langlois trat vor das Haus. Sie erblickte Henri, und der Tonkrug in ihren Händen zersprang auf den Dielen klirrend in hundert Teile.

Und Henri le Brasse griff sich ans Herz, das Gesicht kreidebleich.

Raphael saß auf seinem Pferd und verstand nicht, was um ihn herum vor sich ging.

Da nahm Henri die Zügel, stieß seinem Pferd die Fersen in die Flanken und stob davon. Raphael konnte seinen Blick nicht von dem bewusstlosen Kind und der wie zu Stein erstarrten Anne abwenden. Dann folgte er Henri.

Henri raste über das Land. Sein Pferd schnaubte und blähte die Nüstern. Es bereitete Raphael alle Mühe, mit dem wahnwitzigen Tempo mitzuhalten.

Im Kloster angekommen, rannte Henri ins Abthaus, dicht gefolgt von Raphael. Eilig ergriff Henri Gänsekiel und Tinte und setzte eine Note an den Landvogt auf. Raphael spähte über die Schulter des Priors und versuchte zu lesen, was dort stand. Aber er vermochte kein Wort zu entziffern. Er konnte lediglich erkennen, dass Henri das Schreiben mit »Henri le Brasse, Prior des Klosters St. Albert und Inquisitor der heiligen Mutter Kirche« unterzeichnete. Er siegelte es und reichte es Raphael mit den Worten: »Gebt dies einem Boten, auf dass er das Schriftstück unverzüglich dem Landvogt überreiche. Eilt Euch!«

Mit unheilvollen Gefühlen reichte er das Schreiben an einen Novizen weiter und trug ihm Henris Worte auf. Der Novize sattelte unverzüglich ein Pferd und ritt davon. Noch lange schaute Raphael dem Schüler vor den Mauern St. Alberts nach.

Am selben Abend, kurz nach Einbruch der Dunkelheit, klopften vier Reiter in Rüstung und Waffen an die Tür von Anne Langlois …

Am nächsten Morgen, noch vor den Laudes, verließ Henri le Brasse das Kloster auf einem jungen, starken Fuchs. Kurz nach Sonnenaufgang erreichte er Jean Brillons Hof. Verschlafen kam dieser gerade aus seinem Haus und suchte Erleichterung an einem dürren Baum, in dessen blattlosem Wipfel still ein Rabe hockte.

Noch bevor Jean seine Gegenwart wahrnahm, war Henri abgestiegen und bis auf wenige Schritte an den Bauern herangekommen. »Guten Morgen«, sagte er.

Jean fuhr herum, die Augen erschrocken aufgerissen. »Ehrwürdiger Vater!«, rief er. »Wo kommt Ihr denn so plötzlich her?«

»Das ist nicht wichtig«, sagte Henri. »Ist dein Weib schon wach? Und deine Kinder?«

»Sie schlafen allesamt noch, ehrwürdiger Vater.«

Henri nickte. »Gut, dann höre, was ich dir zu sagen habe.«

»Ich höre, ehrwürdiger Vater«, gab Jean zurück und schnürte hastig seine Hose zu.

»Du kennst das Weib Anne Langlois?«

»Sie ist mir gut bekannt.«

»Hast du jemals etwas Auffälliges an ihr bemerkt?«

Verständnislos starrte Jean den Prior an. »Ich verstehe nicht, ehrwürdiger Vater.«

»Gab es, sagen wir, unerklärliche Phänomene, während sie zugegen war?«, fragte Henri ruhig weiter.

»Es tut mir Leid«, beteuerte Jean, »aber ich weiß nicht, was Ihr zu erfahren begehrt, ehrwürdiger Vater.«

Henri sah aus, als wollte er dem Bauern an die Kehle springen. Er ballte seine Hände zu Fäusten, auf die Stirn traten Zornesfalten. »Ich will von dir wissen, ob sie dir oder deiner Familie Schaden zugefügt hat, Mann!«, fauchte er. »Hast du irgendwann Anzeichen für Schadenszauber oder sonstige Hexerei bemerkt?«

In Jeans Augen glomm der Funke des Verstehens. »Ihr meint, sie ist eine Hexe, ehrwürdiger Vater? Nein, nein, das ist völlig ausgeschlossen. Sie …«

»Das zu beurteilen, überlass mir allein!«, unterbrach Henri, und Jean duckte sich wie ein geschlagener Hund. »Und jetzt denk nach! Hast du jemals ein Kind verloren? Ist eines deiner Kinder oder dein Weib je ernsthaft erkrankt?«

Fieberhaft überlegte Jean. »Kinder haben wir keine verloren«, sagte er. Allmählich ahnte er, worauf der Prior hinauswollte. »Ehrwürdiger Vater, ich versichere Euch, dass Anne eine ehrbare Frau ist.«

»Mir scheint, du bist dir nicht im Klaren darüber, welche Konsequenzen deine Weigerung, mir Auskunft zu geben, nach sich ziehen kann«, sagte Henri mit eiskalter Stimme. »Du erfüllst deine Pflichten dem Kloster gegenüber nicht, was allein deiner Faulheit und der deiner Familie geschuldet ist. Dein Hof und du gehört der Kirche. Ich kann dich zertreten wie eine Assel, und es wird keinen scheren. Ich kann deine Kinder verkaufen und deine Frau auf den Scheiterhaufen bringen. Aber ich kann dir auch die Freiheit schenken. Dieser Hof könnte dir gehören und alles, was darauf wächst und gedeiht. Du könntest gut für deine Familie sorgen. Es würde euch an nichts fehlen. Also, denk nach!«

Jean schluckte schwer. »Vor einigen Jahren war einer meiner Söhne sehr krank«, sagte er schleppend. »Sein Bauch war hart wie Stein, und er erbrach alles, was er zu sich nahm. Das Leben wich aus ihm wie Getreide aus einem aufgeschnittenen Sack.«

»Gut, gut«, sagte Henri. »Ich nehme an, dass Anne Langlois zuvor bei euch im Haus war?«

»Nein, ehrwürdiger Vater.«

Henri schnaufte. »Hör zu: Anne Langlois war bei euch im Haus am Tag, bevor dein Sohn krank wurde.«

Mit gesenktem Kopf sagte Jean Brillon: »Ja, am Tag zuvor war Anne bei uns.«

»Und du hast gesehen, wie sie heimlich Formeln in einer unbekannten Sprache aufgesagt hat und in jeder Ecke des Hauses umgedrehte Kreuze schlug.«

»Ja, das habe ich gesehen.«

Zum ersten Mal lächelte Henri. »Deine Felder hat sie auch verhext, um dir Schaden zuzufügen. Deine schlechten Ernten sind allein auf Teufelswerk zurückzuführen.«

»In der Tat, so ist es«, flüsterte Jean.

»Hast du jemals fleischliche Lust nach Anne Langlois verspürt?«, fragte Henri weiter.

Tränen stiegen in Jeans Augen hoch. »Ja, das habe ich.«

Unberührt starrte Henri den Bauern an. »Nun, gut. Bist du willens, diese, deine heute gemachten Aussagen vor Gericht zu wiederholen und vor Gott zu bezeugen?«

»Das bin ich, ehrwürdiger Vater.«

»Dann besprich dich mit deinem Weib, dass sie deine Angaben bestätigen kann«, sagte Henri abschließend. Er wartete keine Antwort ab, sondern stieg wortlos auf sein Pferd. Einen Moment lang stach sein Blick in Jean Brillons Augen, dann ritt er davon.

Unfähig zu denken, stand Jean da und blickte dem dunklen Reiter nach. Da ging die Tür seines Hauses auf. Lisette kam auf ihren Mann zu und umarmte ihn von hinten. »Ich habe Stimmen gehört«, sagte sie. »Mit wem hast du gesprochen?«

Jean wandte sich um. Er wich ihrem Blick aus und antwortete tonlos: »Mit dem Teufel, Lisette. Mit dem Teufel.«

Im Hexenturm von Rouen

In den folgenden zwei Monaten fiel es Raphael schwer, seiner Arbeit an den alten Schriften mit der gewohnten Sorgfalt nachzugehen. Henri hatte er seit ihrem Ritt nach Rouen nur bei den Gebeten gesehen. Offenbar war es dem Prior mühelos gelungen, ohne die Hilfe seines Vorgängers die Leitung des Klosters zu übernehmen. Raphael war dies nur recht. Solange er sich nur seiner Arbeit widmen konnte, stimmte ihn die Abwesenheit Henris nicht trüb. Dennoch kreisten seine Gedanken ständig um diesen seltsamen Mann, der die Aura eines eisbedeckten Felsens hatte. Ihr Ausritt ließ Raphael nicht zur Ruhe kommen. Die Reaktionen von Anne und ihrer Tochter Luna, als sie Henri erblickt hatten, wollten sich ihm nicht erschließen. Und dann die Panik in Henris Augen, als er Annes gewahr wurde, und seine überstürzte Flucht. Es gab eine Verbindung zwischen den dreien. Nur welche? Was hatte ein Mönch, der die letzten Jahre in Rom verbracht hatte, mit einer einfachen Frau wie der Langlois zu schaffen? Die zwei konnten sich zuvor kaum jemals über den Weg gelaufen sein. Oder doch? Und Luna? Gewiss, er kannte das Gerede der Leute über dieses Kind, schenkte dem jedoch wenig Glauben. Wie passte sie in das Bild? Hatte sie mehr in Henri gesehen, als jeder Spiegel zeigen könnte? Fragen über Fragen, deren Antworten der Allmächtige Raphael schuldig blieb. Oft übermannte dieses Karussell von Fragen und Vermutungen Raphael, wenn er sich zur Nachtruhe begab. Und er vermochte sich aus diesem Strudel der Gedanken nur zu befreien, indem er sich vorstellte, wie ein Burgtor nach unten gelassen wurde und den Weg zu den Fragen versperrte. Dann fiel er in einen unruhigen Schlaf. Doch häufig schafften es einige Fragen, über die Burgmauern zu springen und ihn im Schlaf zu überraschen. Dann wachte er schweißgebadet und mit heftigem Herzklopfen auf.

An diesem Morgen stand Raphael gemeinsam mit drei Mitbrüdern im Scriptorium an einem Pult und übersetzte hebräische Schriften ins Lateinische. Es war kalt, doch Raphael war dermaßen in seine Arbeit vertieft, dass er die Welt um sich herum vergaß. Plötzlich stand Henri, scheinbar aus dem Nichts kommend, vor seinem Pult.

»Mein Sohn«, dröhnte Henris Stimme.

Raphael zuckte zusammen und sah auf. »Ehrwürdiger Vater?«

»Begleitet mich nach Rouen.«

Insgeheim wünschte sich Raphael, bei seiner Arbeit zu bleiben, sagte aber stattdessen: »Sofort, ehrwürdiger Vater.« Er legte den Federkiel beiseite, verschloss das Tintenfässchen und folgte seinem Prior in den Stall. Schnell waren zwei Pferde gesattelt, und die beiden Mönche machten sich auf den Weg in die Stadt.

Raphael fröstelte. Seine Zähne schlugen aufeinander, und der eisige Wind schnitt ihm ins Gesicht. Die wollene Kukulle hielt die Kälte kaum ab. Er zog die Kapuze hoch und schob seine Arme in die weiten Ärmel des Ausgehmantels. Er warf einen verstohlenen Blick auf Henri. Der schien die erbärmliche Kälte gar nicht wahrzunehmen. Das Gesicht des Priors war zu einer Maske erstarrt. Steif, die Augen in die Ferne gerichtet, saß er auf seinem Pferd.

Einem inneren Impuls folgend, fragte Raphael: »Was begehrt Ihr in Rouen zu tun, ehrwürdiger Vater?«

»Wir suchen eine Gefangene im Kerker auf«, antwortete Henri, ohne den Kopf zu wenden.

Überrascht zog Raphael die Brauen hoch. »Um wen handelt es sich?«

»Die Hexe Anne Langlois.«

Raphael erschrak. Anne Langlois? Hatte Henri wirklich Hexe gesagt? Die gute, stets hilfsbereite Frau? Das konnte nicht sein! Nein, es musste sich um einen Irrtum handeln. Er überlegte, ob er widersprechen sollte, entschied sich dann aber dafür, abzuwarten. Jetzt konnte er ohnehin noch nichts für sie tun.

Den Rest der Reise rutschte Raphael unruhig auf seinem Sattel hin und her. Endlich kamen die Mauern der Stadt Rouen in Sicht. Die Torwachen ließen die Mönche ungehindert passieren. Mit traumwandlerischer Sicherheit lenkte Henri sein Pferd durch die engen Straßen und Gassen. Hin und wieder begegneten ihnen Menschen, die Raphael seit Jahren vertraut waren, und sie nickten dem jungen Mönch freundlich zu. Henri jedoch bedachten sie mit angsterfüllten, misstrauischen Blicken. Der Prior beachtete sie nicht.

Die Burg Rouen, die auf einer Anhöhe mitten in der Stadt lag, rückte ins Sichtfeld der Dominikaner. Raphael vermutete, dass dort ihr Ziel war. Doch Henri lenkte sein Pferd gen Westen und ritt um die Burg herum. Noch grübelte Raphael über diesen ungewöhnlichen Weg nach, da sah er hinter der Burg einen etwa fünfzig Fuß hohen steinernen Turm. Seltsam! Das Bauwerk hatte doch bei seinem letzten Besuch in Rouen noch nicht dort gestanden. Soweit Raphael sehen konnte, hatte der Turm eine massive Tür und daneben ein kleines vergittertes Fenster. Er schätzte, dass der Umfang des Turms etwa hundert Schritt betrug. Ein imposantes Monument. Trotz düsterer Vorahnungen siegte seine Neugier. »Ehrwürdiger Vater«, flüsterte er, »was ist das?«

»Der Hexenturm von Rouen«, erklärte Henri.

Behände stieg der Prior vor dem Hexenturm vom Pferd und ließ es dort stehen. Raphael folgte ihm in einigen Schritten Abstand zum Eingang des Turms. Dort erwartete sie ein grobschlächtiger Klotz mit schlechten Zähnen. Das linke Auge war trübe wie Eidotter, das rechte klein und gierig wie das eines Habichts.

»Ehrwürdiger Vater«, sagte der Klotz und verneigte sich tief. Er stank wie die Latrinengrube in St. Albert.

»Führe uns zu der Gefangenen!«, befahl Henri le Brasse.

Der Henker grinste breit und stieß ein devotes »Sehr wohl, ehrwürdiger Vater«, hervor. Er ging hinein, nahm eine Fackel von der Wand und humpelte die breiten Stufen hinab. Es stank entsetzlich nach Exkrementen, und Raphael hätte sich beinahe übergeben.

Nachdem sie die Treppe hinuntergestiegen waren, führte der Henker die Mönche in einen durch zwei Fackeln nur schwach beleuchteten Seitengang. Von den Wänden tropfte Wasser. Der Gestank war kaum noch zu ertragen. Vor einer schmalen eisenbeschlagenen Tür blieb er stehen und grinste.

Henri wandte sich an Raphael. »Lasst mich zuerst allein hineingehen.«

»Wie Ihr wünscht, ehrwürdiger Vater.«

Schnell schloss der Henker die Tür auf, und Henri trat in den dunklen Raum. Er riss dem Henker die Fackel aus der Hand und bedeutete ihm, die Tür wieder zu verschließen. Er war allein mit Anne Langlois.

Anne saß mitten in dem Verlies im Block, ihre Hände und Füße festgeschraubt in den dafür vorgesehenen Löchern, sodass sie weder Arme noch Beine bewegen konnte.

»Da bist du also«, sagte Henri halblaut und hielt die Fackel höher.

Erst jetzt schien Anne den Besucher zu bemerken. »Henri?« Sie lachte auf. »Ich wusste, dass du dahintersteckst. Begrüßt man so eine alte Freundin?«

Ihr Sarkasmus verwirrte Henri. Doch schnell gewann er seine Fassung wieder. »Es wäre besser für dich gewesen, wir hätten uns nie wieder gesehen. Nun bleibt mir keine andere Wahl.«

Wieder lachte Anne. »Keine Wahl? Du hattest immer eine Wahl.«

»Schweig!«, fuhr Henri die Gefangene an. Dann hielt er kurz inne. »Dieses Kind …«

»Luna«, warf Anne ein.

»Wie alt ist sie?«

Anne versuchte zu lächeln. Sie hob den Kopf und schaute Henri in die Augen.

»Nein«, flüsterte der Prior. Er stolperte drei Schritte zurück und stieß gegen die Kerkerwand.

Anne kicherte. »Ich sehe, du erkennst die Wahrheit. Willst du mir nicht endlich sagen, warum du mich hier gefangen hältst?«

Hastig richtete Henri seinen Habit und sagte wie beiläufig: »Du bist der Hexerei beschuldigt.«

Eine Weile starrte Anne Henri an. Dann lachte sie keuchend. »Ich? Eine Hexe?«

»Dir wird das Lachen noch vergehen!«, schrie Henri. »Spätestens in der Folterkammer!«

»Du vergisst dabei eins«, sagte Anne ruhig. »Ich weiß um deine Machenschaften. Ich bin sicher, das Gericht und der Papst wären interessiert an meiner Geschichte.«

Nun lachte Henri. »Und ich bin sicher, dir liegt viel am Leben deiner Tochter. Ein Wort von dir an irgendwen, und dieses Kind leistet dir im Kerker und auf dem Scheiterhaufen Gesellschaft.«

Anne erschrak. »Das wirst du nicht wagen.«

Statt einer Antwort warf Henri ihr einen eiskalten Blick zu.

»Doch, du schon«, sagte Anne und senkte den Kopf.

Als Raphael das erbarmungswürdige Geschöpf im Block sah, wäre er beinahe auf die Knie gefallen. Anne Langlois war nicht wiederzuerkennen. Das einst glänzende Haar war stumpf und verfilzt, die Kleider hingen nur noch als verdreckte Lumpen an ihrem geschundenen, ausgezehrten Körper. Soweit er erkennen konnte, waren ihr durch die Kälte in dem Verlies drei Zehen und ein Daumen zu schwarzen Stümpfen erfroren. Der bestialische Gestank und ihre Kleidung deuteten darauf hin, dass Anne seit Wochen, wenn nicht gar Monaten in ihren eigenen Exkrementen saß. Raphael schloss die Augen, faltete die Hände und betete stumm.

»Beten könnt Ihr später«, raunte Henri. Wortlos ging er zu der schmalen Tür und klopfte dagegen. »Komm herein«, sagte er zu dem Henker, der die Tür öffnete und hereinlugte.

»Hol sie da raus!«, rief Henri, zum Henker gewandt.

Der Henker nestelte mit flinken Fingern den richtigen Schlüssel hervor, schloss den Block auf und packte Anne unter den Armen. Kot und schwarze Blutklumpen fielen aus Annes Kleid auf den Boden. Der Henker hielt sie fest, damit sie nicht vor Schwäche umfiel.

»In die Folterkammer mit ihr!«, befahl der Prior.

»Wollt Ihr sie nicht waschen?«, fragte Raphael. Und auf Henris tadelnden Blick hin beeilte er sich zu sagen: »Nur damit wir uns nicht Läuse oder Gott weiß was einfangen, ehrwürdiger Vater.«

»Nun, gut«, sagte Henri. »Wasch sie, gib ihr ein Hemd und schaff sie in die Folterkammer.«

Ein sanftes Lächeln erschien auf Raphaels Gesicht.

In der Folterkammer wartete ein Aktuar des Gerichts von Rouen auf die Mönche. Henri machte sich nicht die Mühe, Raphael den jungen Mann vorzustellen.

Quälend langsam verging die Zeit. Raphael nutzte diese Augenblicke, um die Kammer zu inspizieren. Das finstere Gewölbe verfügte über ein Fenster knapp unter der Decke, das etwas Licht hereinließ. In der Mitte stand ein langer Tisch mit einigen Vorrichtungen, deren Zweck Raphael nicht kannte. Holz knisterte in einem Kamin. Einige metallene Gerätschaften, die wie Schürhaken aussahen, lagen im Feuer. Daneben stand ein Stuhl, der auf der Sitzfläche, dem Rückenteil und den Armlehnen gespickt war mit eisernen Nägeln. Rundherum waren Lederriemen angebracht. An den Wänden hingen eiserne Masken und Halsringe, gespickt mit Eisennägeln, Ketten, Zangen, Messer, ein Schwert und weitere grausige Folterinstrumente, auf dass die Gefangenen bis aufs Blut gepeinigt werden konnten.

Just kam der Henker mit Anne herein. Sie war nun gewaschen und steckte in einem dünnen weißen Hemd.

»Bring sie her!«, herrschte Henri den Henker an.

Der Henker schleppte Anne durch die Folterkammer. Vor Henri ließ er sie los. Raphael sprang unverzüglich zu ihr, doch konnte er nicht verhindern, dass sie hart auf dem nackten, kalten Boden aufschlug. Sachte richtete er ihren Oberkörper auf. Anne lächelte ihn schwach an.

»Wir beginnen mit den Hexenproben«, sagte Henri, zum Aktuar gewandt. Der schrieb jedes Wort mit Gänsekiel und Tinte auf ein Pergament. »Zuerst die Tränenprobe.« Er legte Anne eine Hand auf den Kopf und sprach: »Ich beschwöre dich um der bitteren Tränen willen, die von unserm Heiland, dem Herrn Jesus Christus, am Kreuze für unser Heil vergossen worden sind, dass du, im Falle du unschuldig bist, Tränen vergießest, wenn schuldig, nicht!«

Aufmerksam beobachteten Henri, der Henker und der Aktuar die Gefangene. Aus Annes Augen floss keine einzige Träne.

Henri rümpfte die Nase. »Ich sehe keine Tränen.« Fragend schaute er in die Runde. Der Henker lächelte schief, der Aktuar machte seine Notizen.

»Schreiten wir zur Nadelprobe«, sagte Henri. »Henker, suche nach dem stigma diabolicum

Augenblicklich stapfte der Klotz hinüber zu Anne und riss ihr mit einem Griff das Hemd vom Leibe. Dann nahm er ein scharf gewetztes Messer zur Hand, legte die andere Pranke auf ihren Kopf und schnitt ihr Haar ab. Anne schrie auf und versuchte, sich zu wehren, doch gegen die harte Hand des Henkers konnte die geschwächte Frau nichts ausrichten. Die letzten Büschel schabte der Klotz mit der Klinge ab.

Raphael stellte sich zwischen Henri und den Henker. »Ehrwürdiger Vater!«, protestierte er. »Ich bitte Euch, diesem unmenschlichen Treiben Einhalt zu gebieten.«

Henri stieß ihn beiseite. »Geht mir aus den Augen!«

Raphael stolperte. Seine Blicke jagten zwischen Anne und Henri hin und her. Das Gefühl der Hilflosigkeit machte ihn wütend und verzweifelt zugleich.

Blut rann Anne über Gesicht und Nacken. Der Henker spreizte ihre Beine. Raphael wandte sich erschrocken ab. Der Henker schien seine Umgebung nicht mehr wahrzunehmen. Lüstern hockte er zwischen Annes Beinen und starrte auf ihre unverhüllte Scham.

Raphael suchte Annes Blick. Er wollte ihr stumm Mut zusprechen, doch sie war vor Tränen und Schmerzen nicht in der Lage, seine Bemühungen zu erkennen. Wut stieg in ihm auf. Wenn er nur etwas für diese arme Frau tun könnte!

»Was sitzt du da und starrst vor dich hin?«, fuhr Henri den Henker an.

Wie ein geschlagener Hund zuckte der Klotz zusammen und begann sogleich, Anne den letzten Rest ihrer Würde vom Körper zu schneiden und zu kratzen. Sie schrie, fluchte und weinte. Da die Tränenprobe abgeschlossen war, nahm Henri nunmehr keine Notiz von den Tränen.

Schließlich legte der Henker das blutverschmierte Messer zur Seite. Auf einem Tisch fand er eine lange Nadel. Die Nadel in der Hand, prüfte er, ob Anne eine Narbe, einen Leberfleck oder ein Muttermal hatte. Auf ihrem Bauch fand er schließlich ein Muttermal. Er stieß die Nadel zweimal tief hinein. Blut floss aus der Wunde.

»Weiter!«, befahl Henri.

Der Henker leckte sich über die Lippen und suchte nach weiteren Malen. Eines fand er auf einem ihrer Schenkel, ein anderes auf dem Rücken. Aus beiden strömte Blut, nachdem er die Nadel tief hineingebohrt hatte.

Grimmig nickte Henri. Mit Blick auf den Schreiber führte er aus: »Die gefundenen Male auf dem Körper der Anne Langlois zeigten nach eingehender Untersuchung, dass sie natürlichen Ursprungs sind.«

Raphael atmete auf.

»Doch«, ergänzte Henri, »ist dies nur ein weiteres Zeichen, dass das Weib mit dem Teufel im Bunde ist, denn der Teufel zeichnet nur diejenigen, deren er noch nicht ganz sicher ist; seine getreuesten Anhänger lässt er bekanntlich ohne Zeichen.«

Unmerklich schüttelte Raphael seinen Kopf. Fieberhaft suchte er nach Gründen, juristischen oder kanonischen, um diesem unmenschlichen Treiben ein Ende zu setzen.

»Ferrum candens«, verkündete Henri in diesem Moment. »Die Feuerprobe.«

»Nein!«, schrie Anne. Sie lag zusammengekauert auf dem kalten Boden und zitterte.

Der Henker holte mit einer Zange ein glühendes Stück Eisen aus dem Kamin. »Streck deine Hände aus!«

Anne versteckte ihre Hände unter ihrem geschundenen Körper.

»Streck deine Hände aus!«, wiederholte der Henker und trat ihr dabei kräftig in die Rippen.

Anne schrie auf. Zitternd hielt sie ihre Hände hin.

Der Klotz ließ das glühende Eisen in Annes Hände fallen. Achtlos warf er die Zange in die Ecke und presste Annes Hände um das Eisen zusammen. Sie brüllte, schlug mit den Beinen um sich und versuchte, der sengenden Umklammerung zu entkommen. Dann schenkte ihr der Schmerz gnädige Bewusstlosigkeit.

Nun konnte Raphael nicht mehr tatenlos zusehen. »Ehrwürdiger Vater«, rief er. »Im Namen Christi ersuche ich Euch …«

»Schweigt!«, fuhr ihn der Prior an. »Weck sie auf!«, befahl er dem Henker.

Der Henker holte einen Eimer Wasser und schüttete ihn auf Annes Kopf aus. Sie erwachte und sah sich benommen um. Dann kehrte die Erinnerung zurück. Entsetzt kroch sie fort von den Teufeln in Menschengestalt. Raphael wollte auf sie zustürzen, aber der Henker war schneller. Er packte sie an einem Bein und schleifte sie quer durch die Folterkammer zurück.

»Wir verlassen den Hexenturm für die letzte Probe«, sagte Henri. »Ordale judicium aquae frigidae. Das Gottesurteil des kalten Wassers.« Er warf dem Henker einen stummen Blick zu.

Der griff nach Anne und schleppte sie wie einen Sack Mehl aus der Folterkammer, die Stufen hinauf und aus dem Hexenturm hinaus. Sofort zogen sie die Aufmerksamkeit der Bürger auf sich.

Kaum an der Burg vorbei, zog die seltsame Prozession einen Strom belustigter Gaffer hinter sich her Richtung Seine. Henri schritt ihnen hoch erhobenen Hauptes und mit ernster Miene voran. Raphael wollte zu Anne, die der Henker halb bewusstlos durch die dreckigen Gassen schleifte. Eine Gruppe rauflustiger Jungen, kaum älter als Luna, lief lachend neben dem Henker her. Sie bedachten Anne mit hämischen Bemerkungen, bespuckten sie und bewarfen sie mit Steinen. Als Raphael sie scharf zurechtwies, lachten sie nur und liefen weiter – dem nächsten Zeitvertreib entgegen. Es waren dumme Jungen, die es nicht besser wussten. Doch was ihn wahrhaft zornig machte, war der Anblick der johlenden Menge, die ihnen folgte. Sie taten es jetzt den Jungen gleich und beschimpften und bespuckten Anne. Sie warfen fauliges Gemüse, Eier und schwere Steine. Einer traf Anne an der Schläfe, und sie brach zusammen. Raphael rannte zwischen dem Gesindel umher, um sie von ihrem Tun abzuhalten, er wetterte gegen sie mit Bibelsprüchen und drohte ihnen das Höllenfeuer an, so sie nicht aufhörten mit diesem unchristlichen Benehmen. Plötzlich traf ihn ein spitzer Stein am Hinterkopf. Er strauchelte, fiel auf ein Knie und rappelte sich wieder auf. Blutend wankte er auf den Henker zu, packte ihn am Arm und riss ihm Anne aus den Pranken. Er legte seine Kukulle ab, schlug sie der nackten Frau um den Körper und hob sie auf seine Arme. So trug er sie bis zum Fluss.

Von alledem hatte Henri nichts bemerkt. Kaum stand er an der Seine, lief der Henker zu ihm und deutete auf den jungen Mönch, der Anne fest in seinen Armen hielt. Henri rümpfte die Nase und zeigte auf den Boden vor seinen Füßen. Sanft, beinahe zärtlich, setzte Raphael die Frau vor seinem Prior ab.

Zu beiden Seiten des Seineufers und auf einer nahe gelegenen Brücke waren die Schaulustigen versammelt. Sie zeigten auf Anne, lachten und scherzten miteinander. Vom nahe gelegenen Markt her kamen einige Händler und boten ihre Waren feil. Sie machten ein gutes Geschäft an diesem kalten Tag.

Kurzerhand benutzte der Henker einen am Fluss montierten Kran, der zum Entladen der Schiffe diente. Grinsend nahm er ein Seil zur Hand, schlurfte zu Anne, die zitternd im Dreck lag, und riss ihr unter Jubelrufen Raphaels Mantel vom Leib. Er band der Angeschuldigten den linken Daumen an die rechte große Zehe und den rechten Daumen an die linke große Zehe. Um ihren Leib schlang er ein weiteres Seil. Anne ließ es apathisch geschehen. Dann trug er die nackte Frau hinüber zu dem Kran. Mit wenigen Handgriffen war Anne am Seilzug befestigt. Der Henker schaute zu Henri – der nickte kurz. Der Henker zog fest an dem Seil. Anne riss es vom Boden in die Höhe. Der Henker gab ihr einen Stoß, ließ das Seil nach; da klatschte sie auch schon in das schlammgrüne Wasser der Seine.

Gespannt, mit offenem Mund, starrte die Menge auf das Geschehen am Fluss. Ging Anne unter, dann war ihre Unschuld bewiesen, oder schwamm sie auf dem Wasser wie ein Pantoffelholz? War sie eine Hexe?

Während alle Augen auf Anne gerichtet waren, beobachtete Raphael den Henker. Er war verwundert, dass der Henker das Seil noch immer fest in beiden Händen hielt. Er hätte es leicht in einer Hand führen können. Raphaels Blick glitt an dem gespannten Seil hinauf, vorbei am Flaschenzug und wieder hinunter zu dessen Ende, wo Anne gegen das Ertrinken kämpfte. Etwas stimmte hier nicht. Da traf ihn die Erkenntnis wie ein Schmiedehammer. Der Henker hielt Anne absichtlich an der Wasseroberfläche, damit sie nicht unterging und so ihre Unschuld bewiesen wäre!

»Ehrwürdiger Vater«, beschwor Raphael seinen Prior, »der Henker entstellt die Beweisfindung. Seht, er zieht an dem Seil! Anne Langlois kann gar nicht untergehen!«

Henri schien Raphael nicht zu beachten. »Es ist gut«, rief er dem Henker zu. »Zieh sie herauf!«

»Ehrwürdiger Vater«, sagte Raphael erneut, »Ihr könnt dem nicht tatenlos zusehen. Ich bitte Euch …«

»Schluss damit!«, unterbrach Henri den Mönch. »Kehrt unverzüglich zurück nach St. Albert und bereitet Euch auf den morgigen Tag vor. Ihr werdet dem Weib als Advokat vor Gericht zur Seite stehen.«

Benommen schaute Raphael dem Henker zu, wie er Anne aus dem Wasser zog. Er sollte Anne vor Gericht verteidigen? Er verfügte nicht über eine juristische Ausbildung. Kenntnisse des Rechts besaß er nur aus alten griechischen und römischen Schriften. Wie sollte er Anne Langlois’ Leben und ihre Seele verteidigen?

Der Henker brachte Anne zurück in den Hexenturm, der Pöbel folgte ihm und Henri.

Eine Weile stand Raphael noch am Ufer der ruhig dahinfließenden Seine. Dann gab er sich einen Ruck, holte sein Pferd und ritt nach St. Albert.

»Ich weiß nicht, was ich tun soll, Bruder«, sagte Raphael am selben Abend im Scriptorium zu seinem Freund Bruno. Es war der Abend vor Mariä Lichtmess, und eigentlich hätten sie an den Vorbereitungen zu den Feierlichkeiten teilnehmen sollen. Doch Raphael hatte Bruno heimlich fortgezogen. Hier nun, im Scriptorium, waren sie ungestört.

Raphael stand vor seinem Pult, auf dem eine Kerze langsam herunterbrannte. Darauf lagen zwei päpstliche Bullen, der Liber Sextus und die Constitutio Clementinae. Bruno hielt die Arme über dem Bauch verschränkt und lächelte.

»Der ehrwürdige Vater hat dir ein schweres Amt aufgebürdet«, sagte Bruno.

»In der Tat«, erwiderte Raphael.

»In den Bullen hast du nichts gefunden?«

»Nein«, seufzte Raphael. »Diesen zufolge handelt der Prior den Rechten gemäß. Es gibt dort nichts, auf das ich meine Verteidigung stützen könnte. Rein gar nichts.«

»Hm«, machte Bruno und rieb sich sein fleischiges Kinn. »Erinnerst du dich an den vergangenen Frühling, als man Baptiste Vadé wegen Rauferei und Trunkenheit einkerkerte?«

»Ja.« Raphael wusste nicht, worauf sein Freund hinauswollte.

»Vadé hat gerauft. Und er hat getrunken. Seine Festnahme war rechtens. Doch du hast ohne weiter nachzudenken Bürgermeister Juspierre aufgesucht und ihm in deutlichen Worten nahe gelegt, Vadé unverzüglich freizulassen.«

»Vadé ist Eigentum der Kirche«, sagte Raphael und blickte verlegen zu Boden.

»War das Eigentumsrecht der Grund, warum du eingegriffen hast, Bruder?«, fragte Bruno.

»Nein«, antwortete Raphael leise.

»In der Tat, dir ging es um den Menschen. Die Schergen haben Vadé misshandelt, seine Frau war guter Hoffnung. Du hast dafür gesorgt, dass Vadé unverzüglich freikam, und noch dazu den entstandenen Schaden vom Bürgermeister ersetzt bekommen – und das Geld anschließend Vadé gegeben.«

Raphael nickte langsam. »Ich glaube, ich verstehe.«

Bruno lächelte gutmütig. »Tu das, was du für richtig hältst, Bruder. Sag das, was dir richtig erscheint. Vertraue dem Herrn, denn Er wird dein Herz sprechen lassen.«

»Ja«, sagte Raphael. Er streckte seine müden Glieder. »Ich danke dir, Bruder.«

Bruno winkte ab. »Und jetzt geh schlafen. Sammle deine Kräfte. Du wirst sie morgen brauchen.«

Der Hexenprozess

Der Gerichtssaal der Stadt Rouen war überfüllt mit Menschen. Hier saßen Bäcker Roche und seine Frau, dort der Waffenschmied Malaut mit seinen Söhnen, hinter den Bänken standen Sekretäre des Landvogts. Jeder ein frommer Bürger der Stadt. Und neben ihrer tiefen Frömmigkeit verband sie noch etwas anderes: die Gier. Die Gier nach dem Feuer, das die erste Hexe von Rouen verbrennen sollte. Anne Langlois’ Schuld stand für sie längst fest. Weder die Kirche noch der Bürgermeister würden eine Frau der Hexerei beschuldigen, wenn sie nicht eindeutige Beweise hätten. So diente der Prozess, der eine unschuldige Frau das Leben kosten könnte, nur ihrer Unterhaltung. Ein wenig Abwechslung vom eintönigen Leben. Etwas Ablenkung von den alltäglichen Problemen, mit denen ein jeder sich tagein, tagaus herumschlagen musste.

Hinter einer mächtigen Tafel saßen die Ankläger. In der Mitte Henri, rechts daneben Bürgermeister Juspierre, links daneben Bischof de Margaux und außen zwei vom Gericht bestellte Schöffen – beide ehrbare Bürger von Rouen. Vor der Tafel nahm ein Aktuar mit seinen Schreibutensilien Platz.

Hinter einem kleinen Tischchen zwischen Publikum und Klägern wartete Raphael nervös auf seinen Schützling.

»Bringt die Angeklagte herein«, rief Henri le Brasse feierlich. Die Menge verstummte.

Ein Büttel verschwand hinter einer kleinen Tür am Ende des Saales. Wenig später zerrte er Anne mit dem Rücken zu den Anwesenden herein, damit sie die Richter nicht mit ihren Blicken verhexen konnte. Die Richter inspizierten die Angeklagte gründlich. Henri fragte nach ihrem Alter und Namen, was sie wahrheitsgemäß beantwortete. Anne schien völlig ruhig.

»Sie ist angeklagt«, sagte Henri, »eine Ketzerin zu sein. Einen anderen Glauben zu haben und zu verbreiten als die heilige Kirche.«

Leises Gemurmel erfüllte den Saal.

»Glaubt sie an Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist?«, fuhr Henri fort. »Glaubt sie an Jesus Christus, geboren von der Jungfrau Maria, gekreuzigt, auferstanden und aufgefahren in den Himmel? Glaubt sie, dass der Leib Jesu Christi auf dem Altar ist?«

Anne schwieg.

»Nun?«, drängte Henri.

»Nein, ich glaube das alles nicht.«

Ein Aufschrei ging durch die Menge. Mit dieser Lästerung Gottes hatte niemand gerechnet. Raphael begann zu schwitzen. Hinter dem Tisch steckten die Ankläger die Köpfe zusammen und berieten das weitere Vorgehen. Anne stand ruhig und stolz da. Die Qualen der gestrigen Hexenproben schien sie ungewöhnlich gut überstanden zu haben.

»Ruhe!«, rief Henri. »Kann sie zaubern?«, fragte er weiter.

»Ich mache den besten Dinkeleintopf der Stadt«, antwortete Anne. »Manche behaupten, das wäre Zauberei.«

Das Publikum lachte und klopfte sich auf die Schenkel.

»Ruhe!«, brüllte Henri erneut. »Also kann sie nicht zaubern?«

»Nein.«

»Hat sie böse Geister in Zirkel, Ringe oder Spiegel gebannt?«, fragte Henri. »Und den Menschen, welche ihr verhasst waren, dadurch Schaden zuzufügen gesucht, dass sie deren Bilder von Wachs oder Blei durchbohrte?«

»Nein«, gab Anne zurück. »Was für eine merkwürdige Frage.«

Henri runzelte die Stirn. »Dann ist es wohl auch eine merkwürdige Frage, ob sie mit dem Tode und der Hölle ein Bündnis geschlossen, böse Geister angebetet, ihnen geopfert und von ihnen die Enthüllung der Zukunft sowie Unterstützung bei frevelhaften Anschlägen gegen ihre Mitmenschen verlangt hat?«

»Dann wäre ich wohl nicht hier.«

Wieder lachte das Publikum. Raphael schien es, als hätte Anne mit ihrem ungebrochenen Stolz und dem fehlenden Respekt gegenüber dem Gericht die blutgierige Meute auf ihre Seite gezogen.

Henris Augen wurden schmal. »Ich sehe, dass sie ein arg großes Maul hat! Sie soll sich zu ihrem Advokaten setzen. Die Zeugen sollen hereinkommen.«

Der Büttel öffnete kurz die Tür und winkte jemandem zu. Herein kamen Jean und Lisette Brillon.

Anne sah die beiden Freunde, sprang auf und schlug entsetzt die Hände vor ihr Gesicht. »Nein! Nein, nicht ihr!«, stammelte sie.

»Setzen!«, brüllte Henri. »Sie soll sich setzen!«

Schnell fasste Raphael Anne bei den Schultern und zog sie hinunter auf den Stuhl. Er versuchte, seine Gefühle von Fassungslosigkeit, Enttäuschung und Wut zu überspielen. Vor allem, um Anne das Gefühl zu geben, dass der Auftritt ihrer Freunde nicht das Ende bedeutete.

Nachdem ihm Jean und Lisette Namen und Beruf genannt hatten, fragte Henri le Brasse: »Die Angeklagte ist euch bekannt?«

»Ja, ehrwürdiger Vater«, antwortete Jean.

»In welcher Beziehung steht sie zu euch?«

»Sie hat ihr Haus neben unserem Hofe, ehrwürdiger Vater.«

»Arbeitet sie für euch?«

Jean begann zu schwitzen. »Nicht direkt, ehrwürdiger Vater.«

»Was heißt ›nicht direkt‹? Sprich deutlich.«

»Sie flicht hier und da Körbe für uns, ehrwürdiger Vater.«

»Aha«, sagte Henri. Er las einige Zeilen eines Schriftstückes. »Vor vier Jahren war einer deiner Söhne schwer krank. War die Angeklagte vor der Erkrankung bei euch im Hause?«

»Nun, ja«, sagte Jean. Er trat von einem Bein aufs andere. »Drei Tage vorher hat Anne eine Lieferung Körbe zu uns gebracht.«

»Was geschah an diesem Tag?«

»Lisette und ich waren vor dem Haus. Ich sagte Anne, sie solle die Körbe nur hereinbringen. Wir vertrauen Anne, und deshalb …«

»Schweif nicht ab!«, polterte Henri. »Was hast du gesehen, als du in das Haus kamst?«

Der Blick des Bauern wanderte von Lisette zu Henri, zu den anderen hohen Herren und zu Lisette zurück. Er wagte nicht, in Annes Richtung zu schauen. »Ich habe gesehen, dass Anne Worte in einer Sprache aufsagte, die ich nie zuvor gehört habe.«

»Sprach sie zu dir?«

»Nein, ehrwürdiger Vater.«

»Sondern?«, fragte Henri ungeduldig.

»Sie sprach in alle vier Ecken des Hauses«, sagte Jean. »Wie zu unsichtbaren Geschöpfen. Und dabei schlug sie fortlaufend umgedrehte Kreuze.«

Gemurmel entstand unter den Versammelten.

»Gut, gut«, sagte Henri. Er schien zufrieden. »Die Aufzeichnungen zeigen, dass deine Ernten in den letzten Jahren schlecht ausgefallen sind. Kannst du dir das erklären?«

Jean blickte zu Boden.

»Kannst du dir das erklären?«, wiederholte Henri schärfer.

»Ja, ehrwürdiger Vater«, gab Jean zu. »Ich fand eines Tages auf meinem Acker eine seltsame Puppe. Sie sah aus wie der Teufel, und sie war geflochten aus dem Schilf, das Anne für ihre Körbe verwendet.«

»Ergo hat die Angeklagte deinen Acker behext, auf dass er nicht mehr Früchte trug?«

»Ja, ehrwürdiger Vater.«

Erneutes Gemurmel.

»Es ist bekannt«, führte Henri aus, »dass Hexen unter Zuhilfenahme von verderblichen Mixturen und Zaubersprüchen einen Mann behexen können, sie zu lieben und ihnen zu Willen zu sein. Hast du je fleischliche Lust für die Angeklagte empfunden?«

»Das habe ich, ehrwürdiger Vater«, flüsterte Jean.

»Sprich lauter!«

»Ja, das habe ich«, wiederholte Jean.

»Wie hat sie dir die Zaubertränke verabreicht?«, fragte Henri.

»Sie hat mir oft und reichlich von ihren selbst gekochten Speisen angeboten«, sagte Jean. »Sie war erbost, wenn ich abgelehnt habe.«

»Hast du jedes Mal, wenn du bei der Angeklagten ihre Speisen gegessen hast, fleischliche Lust nach ihr verspürt?«

»Jedes Mal, ehrwürdiger Vater«, antwortete Jean.

»Dein Weib bestätigt deine hier gemachten Aussagen?«

»Ja, ehrwürdiger Vater.«

Anne, die die ganze Zeit apathisch dagesessen hatte, löste sich plötzlich aus ihrer Starre. »Das ist doch alles nicht wahr, Jean«, stöhnte sie weinend. »Sag ihnen, dass das nicht wahr ist. Lisette, sag du es ihnen!«

»Ruhe!«, rief Henri, und Raphael legte einen Arm um seinen von unmenschlichen Qualen gemarterten Schützling.

Noch bevor Henri die beiden Zeugen entlassen konnte, sprang Raphael von seinem Stuhl auf. »Ich bitte das hohe Gericht, den Zeugen einige Fragen stellen zu dürfen.«

»Es ist Euch erlaubt«, zischte Henri.

Raphael sammelte seine Gedanken. Seine Knie zitterten. Es ging um das Leben einer ehrbaren, unschuldigen Frau. »Diese Puppe, von der du sprachst … Hast du sie mitgebracht? Kannst du sie vorzeigen?«

»Äh«, stammelte Jean. Er starrte hinüber zu seiner Frau, dann zu Henri und zurück zu Raphael.

»Nun?«, fragte Raphael.

»Nein, ich habe sie nicht hier.«

Raphael zog die Augenbrauen hoch. »So? Wo ist sie dann?«

»Ich …« Man sah Jean die Verzweiflung an. Schließlich hellte sich sein Gesicht auf. »Ich habe sie verbrannt.«

Raphael sackte in sich zusammen. Es schien aussichtslos, diesen Prozess zu Gunsten von Anne zu entscheiden. Ein Komplott womöglich? Nur, was lag Henri daran, eine Frau auf den Scheiterhaufen zu schicken, der er nie zuvor begegnet war? »Hast du gesehen, dass Anne Langlois die Speisen mit Zaubertränken vergiftet hat?«, fragte er weiter. »Mit deinen eigenen Augen?«

Diesmal griff Henri ein. Noch bevor Jean ein Wort sagen konnte, bemerkte er: »Der Zeuge hat ausgesagt, dass er die Angeklagte jedes Mal nach dem Genuss der Speisen begehrte. Das genügt dem Gericht als Beweis. Die Zeugen Brillon können gehen.«

»Hohes Gericht«, rief Raphael. Seine Stimme überschlug sich. »Ich beantrage die Beendigung des Verfahrens und die unverzügliche Freilassung der Angeklagten Anne Langlois. Das Corpus Delicti, die Teufelspuppe, konnte nicht vorgelegt werden, die Zeugen haben nicht gesehen, dass die Langlois die Mahlzeiten vergiftet hat. Es gibt keinerlei Hinweise auf Hexenwerk. Die Inquisitio muss abgebrochen werden.«

Wütend schlug Henri le Brasse auf den Tisch und stand auf. »Das Gericht sieht die Beweise als gültig an!

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