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Heute verführe ich den Boss

1. KAPITEL

Jenny Watson wusste sehr gut, was eine schlechte Idee war.

„Es ist kein Date“, belehrte sie ihre beste Freundin Emily Kiley, auf deren Bett sie es sich bequem gemacht hatte. Sie trug Jeans und hatte ein Bein an den Körper herangezogen.

Aus den Tiefen des begehbaren Kleiderschrankes meldete sich Emily zu Wort. „Nur weil es für ihn kein Date ist, heißt das noch lange nicht, dass du schlecht aussehen musst.“

„Er ist mein Boss. Das Ganze ist rein beruflich.“

„Es ist eine Hochzeit.“

„Ja, die in einem bekannten Wohltätigkeitsclub stattfindet. Im Texas Cattleman’s Club, kurz TCC, falls ich dich erinnern darf“, korrigierte Jenny sie. „Und zu der er in seiner Funktion als Interimspräsident eingeladen wurde.“

Mit einem Stück dunkelroten Chiffons in der Hand trat Emily aus dem Kleiderschrank. „Vielleicht das hier.“ Sie hielt sich das Stück Chiffon, das sich als Kleid entpuppte, vor den Körper. Es war eine hinreißende Kreation: Von dem engen ärmellosen Oberteil, das nur an der Schulter zusammengehalten wurde, ging ein Rock in A-Linie ab, der gerade einmal bis zur Hälfte des Knies reichte.

„Sehr witzig“, kommentierte Jenny trocken.

Natürlich wusste Emily, dass Jenny sich niemals dieses extravagante Kleid ausgesucht hätte. Allein schon wegen der gewagten Farbe.

„Mit hochgesteckten Haaren wäre das der Hammer.“ Im Dreivierteltakt tänzelte Emily durch den Raum. „Du darfst dir auch meine Riemchenpumps mit den Glitzersteinen ausleihen. Außerdem habe ich noch diese Wahnsinnsohrringe und eine passende Halskette. Die Steine sind zwar nicht echt, aber das muss ja niemand wissen.“

„Ich werde dieses Kleid nicht anziehen“, beharrte Jenny.

„Komm schon, Süße“, trällerte Emily. „Genieß es doch ein bisschen. Du wirst absolut fantastisch aussehen. Mitch wird die Spucke wegbleiben.“

„Ich werde albern aussehen.“ In ihrem texanischen Heimatort Royal würde Jenny ganz bestimmt nicht wie eine großstädtische Diva vor ihren Nachbarn und Freunden auftauchen. „Was hast du an meinem schwarzen Kleid eigentlich auszusetzen?“

Sie liebte ihr Kleid, das sie zu allen besonderen Anlässen trug. Heiß und innig – ein gerade geschnittenes ärmelloses Modell aus Jerseystoff, das die Knie bedeckte und zu dem sie für gewöhnlich ein schlichtes schwarzes Seidentuch umlegte. Für Jenny war es die perfekte Kombination aus klassischer und moderner Eleganz.

„Und wie oft hat Mitch dich jetzt schon darin gesehen?“

„Oft“, gab Jenny unumwunden zu.

Mitch war es sowieso egal, was sie trug. Er brauchte lediglich eine aufmerksame Begleiterin als Informantin an seiner Seite. Denn er wollte über jedes Mitglied des Texas Cattleman’s Club, so gut es ging, informiert sein. Und Jenny wusste, dass sie ihm als Assistentin des TCC eine große Hilfe war.

„Seit deinem zwölften Lebensjahr bist du in ihn verknallt.“

„Ich war in ihn verknallt.“ Aber das war schon eine Ewigkeit her. „Der Mann hat die Stadt verlassen, da war ich gerade sechzehn.“

Als bester Quarterback des American Football Teams hatte Mitch Hayward damals ein Sportstipendium bekommen und war nach Dallas aufs College gegangen. In den ersten beiden Sommern war er nach Royal zurückgekommen, um zu jobben. Doch dann hatte ihn die Karriere als Sportler völlig in Anspruch genommen. Erst im vergangenen Jahr war er aufgrund einer Schulterverletzung wieder zurückgekehrt.

„Er ist aber schon seit zwölf Monaten hier“, gab Emily nicht nach.

„Schon so lange?“ Jenny zupfte an der Bettdecke herum und tat so, als wüsste sie nicht ganz genau, wann, zu welcher Stunde und in welcher Minute Mitch Hayward nach Royal zurückgekehrt war.

Emily ließ sich neben Jenny aufs Bett fallen. „Du bist eine wirklich schlechte Lügnerin.“

Jenny seufzte. „Ich werde mich nicht zum Idioten machen, indem ich mich für Mitch aufbrezele.“

„Dann brezel dich eben für Rick Pruitt und Sadie Price auf.“ Das waren die Braut und der Bräutigam. Rick war schon lange ein von allen geschätztes Mitglied des Texas Cattleman’s Club.

„Als ob es die beiden interessiert, was ich trage“, entgegnete Jenny.

Emily packte Jenny beim Arm und sah sie eindringlich an. „Dieses Mal geht’s ums Ganze, Jen.“

Wie dramatisch. „Klär mich auf!“

„Seit einem Jahr beobachte ich, wie du leidest. Entweder schnappst du dir endlich Mitch, oder du fängst an, dich mit anderen Männern zu verabreden.“

„Ich leide nicht.“

Doch Emily hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Jennys Kehle war plötzlich wie zugeschnürt. Ein ganzes Jahr lang hatte sie versucht, sich einzureden, dass Mitch passé sei. Nichts weiter als eine längst vergessene Schwärmerei aus Kindertagen.

„Du wirst bald dreißig“, sagte Emily.

„Du auch.“

„Das stimmt. Aber ich habe einen Plan.“

„Einen Plan, um dreißig zu werden?“

„Einen Lebensplan“, erwiderte Emily versonnen und blickte sehnsuchtsvoll an Jenny vorbei aus dem Fenster.

„Sollte ich bis zu meinem nächsten Geburtstag keinen Mann treffen, also den Mann …“ Plötzlich runzelte sie die Stirn und kniff die Augen zusammen. „Na ja, zumindest einen, der theoretisch der Mann sein könnte, dann werde ich trotzdem alles tun, um schwanger zu werden.“

Erschrocken fuhr Jenny hoch. Sie konnte gar nicht glauben, was sie da gerade gehört hatte. „Alleinerziehend? Machst du Witze? Weißt du eigentlich …“

„Ich will aber Kinder.“

„Und ich weiß aus eigener Erfahrung, wie furchtbar es ist, mit nur einem Elternteil aufzuwachsen.“

„Wir reden hier aber nicht über deine Kindheit.“ Emily blickte sie an und sprang vom Bett. „Zurück zum Thema Hochzeit. Wenn ich so verrückt nach einem Kerl wie Mitch wäre, würde ich alles tun, um ihn zu bekommen.“

„Würdest du nicht.“

„Doch.“ Emily nickte entschlossen. „Komm schon, Jen. Was hast du zu verlieren? Wenn du ihm nicht ins Auge fällst, gut. Dann hast du dich anlässlich einer Hochzeit eben einfach nur ein bisschen hübsch gemacht. Aber falls doch, bist du im Spiel.“

„Falls ihm nichts an mir auffällt“, begann Jenny und sagte sich insgeheim, dass genau das der Fall sein würde, „ist das Spiel gelaufen.“

Mitfühlend sah Emily sie aus ihren blauen Augen an. „Wenn du ihm in diesem Kleid nicht auffällst, war das Spiel eh schon längst vorbei. Würdest du es denn nicht gern herausfinden?“

Jenny wollte gerade heftig den Kopf schütteln, hielt aber inne. Wollte sie wirklich die nächsten Jahre damit verbringen, einen Mann anzuschmachten, der keinerlei Interesse an ihr hatte? Oder sollte sie nicht doch lieber der Wahrheit ins Gesicht sehen, so bitter diese auch sein mochte?

„Wenn er nicht auf dich steht, Jen, kannst du dir immer noch überlegen, wie du weitermachst. Aber weitermachen musst du.“

Na schön. Jetzt oder nie. Vielleicht hatte Emily recht.

„Steh deine Frau!“, sagte ihre Freundin, während sie Jenny das Kleid entgegenhielt und ihr aufmunternd zunickte.

Jenny holte tief Luft, stand auf und nahm Emily das Kleid aus der Hand. „Ich muss verrückt sein, dass ich das tue.“

„Vorher springst du aber noch unter die Dusche“, sagte Emily streng und nahm ihr das Kleid wieder ab. „Und rasier dir die Beine. Wir haben genau vier Stunden, um dich herauszuputzen.“

„Aber ich werde nicht …“

Emily schob sie sanft in Richtung Badezimmer. „Oh doch, du wirst.“

Nachdem Emily Jenny das Haar hochgesteckt, ihr Make-up aufgetragen, ins Kleid geholfen und zu guter Letzt den Schmuck angelegt hatte, war Jenny völlig mit den Nerven fertig. Denn Emily hatte ihr verboten, in den Spiegel zu sehen, bis ihr Werk vollbracht sein würde. Nun machte Jenny vorsichtig ein paar Schritte im Schlafzimmer, bemüht, in den hochhackigen Schuhen nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Der Stoff des extravaganten Kleides raschelte leise bei jeder Bewegung. Ihr Gesicht war perfekt geschminkt, außerdem war sie in eine Duftwolke von Emilys exklusivstem Parfum gehüllt.

Emily warf ihr einen letzten prüfenden Blick zu. „Bereit?“

„Seit über drei Stunden.“

Emily grinste übers ganze Gesicht. „Du siehst sagenhaft aus.“

„In diesen Schuhen werde ich mir den Hals brechen.“

„Nein, wirst du nicht.“

„Außerdem hasse ich Kontaktlinsen.“

„Reiß dich zusammen, schließlich geht es um die gute Sache.“

„Das schwarze Kleid wäre völlig okay gewesen.“

„Das schwarze Kleid würde dein Leben aber nicht radikal verändern.“

Jenny sah ihre Freundin verständnislos an. Dieser Abend war kein Abend der radikalen Veränderungen. Für niemanden. Mitch würde ganz bestimmt nicht quer durch den Saal des Texas Cattleman’s Club auf sie zulaufen und sie in seine Arme schließen, weil er endlich, endlich die wahre Jenny in ihr erkannt hatte.

Niemals würde das geschehen.

Wie deprimierend.

Zumindest musste sie sich nach diesem Abend nie wieder etwas vormachen.

„Los geht’s“, sagte Emily und schloss die Tür ihres begehbaren Kleiderschranks, dessen vordere Front verspiegelt war.

Jenny sah in den Spiegel und blinzelte fassungslos.

Die Frau, die sie anstarrte, sah aus wie eine Fremde.

„Oje“, stieß sie fassungslos hervor.

„Hm?“

„Das bin nicht ich.“

Emily lachte. „Und ob du das bist.“

Skeptisch begutachtete Jenny sich von allen Seiten. Die High Heels ließen ihre Beine, die noch vom sommerlichen Schwimmen im See gebräunt waren, endlos lang erscheinen. Überhaupt wirkte alles an ihr viel anmutiger: der Hals, die Arme, der Rücken. Aus ihrem vollen blonden Haar hatte Emily eine elegante Hochsteckfrisur gezaubert, zu der Emilys Ohrringe hervorragend passten. Die Steine der Halskette funkelten, während Jenny nervös mit den verlängerten Wimpern über ihren grünen Augen klimperte.

Der Ausschnitt des Kleides konnte ihr Dekolleté gar nicht besser betonen, und die freie Schulter wirkte geradezu verrucht sinnlich. Aus irgendwelchen Gründen schien ihre Taille schmaler geworden zu sein. Vielleicht lag es an dem schwingenden Rock. Oder daran, wie das enge Oberteil ihre Brüste zur Geltung brachte.

Vor lauter Nervosität bildete sich ein winziger Schweißtropfen über ihrer Augenbraue. „So kann ich unmöglich los.“

„Was denn? Angst, einen Verkehrsstau zu verursachen?“

„Angst, etwas zu aufgedonnert zu sein.“

„Großer Gott, du siehst aus wie ein Filmstar, nicht wie ein Flittchen.“

„So fühl ich mich aber.“

„Wie, bitte schön, fühlt sich denn ein Flittchen?“ Emily nahm eine mit Glitzersteinen verzierte Abendtasche aus der Kommode und schnappte sich Jennys Handtasche, die auf der Sitzbank unter dem Fenster lag.

„Das ist nicht komisch.“ Panik stieg in Jenny auf.

Auch wenn das Ergebnis ihrer Rundumerneuerung perfekt war, konnte sie Emilys Wohnung in diesem Aufzug nicht verlassen. Noch Monate später würde ganz Royal über sie herziehen.

Wieso hatte sie sich nur darauf eingelassen?

Sie schluckte. „Wir müssen das alles wieder rückgängig machen.“

„Dafür ist es jetzt zu spät.“

„Aber …“

„Wenn du dich nicht bald auf den Weg machst, wird die Braut dich zur Kirche prügeln lassen. Emily stopfte die wichtigsten Dinge aus Jennys Handtasche in die elegante Abendtasche.

„Ich meine das ernst, Em.“

„Ich auch.“ Emily drückte Jenny die Tasche in die Hand und hielt ihr die Autoschlüssel vor die Nase. „Du musst los.“

„Aber …“

„Oder willst du zu spät kommen?“

„Natürlich nicht.“ Jenny war stolz darauf, immer pünktlich zu sein. Niemals würde sie ein angesehenes Mitglied des TCC in eine unangenehme Situation bringen, indem sie auf die letzte Minute bei einer Hochzeit erschien.

Emily schob sie sanft zur Tür. „Viel Spaß, Cinderella.“

Mitch Hayward war viel zu spät dran. Ausgerechnet an diesem Tag. Und das aus einem so blödsinnigen Grund. Wenn er in diesem Tempo weitermachte, dann würden Rick und Sadie im Texas Cattleman’s Club zu Mann und Frau erklärt werden, während er noch einen Parkplatz suchte.

Er sprang in seine alte rote Corvette und raste so schnell auf die River Road, dass die Hinterräder durchzudrehen drohten. Trotzig drückte er das Gaspedal durch und betete, dass in diesem Moment keine Polizeistreife in der Nähe war.

Dann tauchte von Weitem endlich das Dach des Clubhauses zwischen den alten Eichen auf. Als er näher kam, sah er eine Reihe weißer Limousinen vor dem Gebäude stehen. Das waren bestimmt Sadie und ihre Brautjungfern. Noch einmal trat er kräftig aufs Gas. Möge ihm Sadie das waghalsige Manöver verzeihen.

Mit quietschenden Reifen hielt er auf dem Vorplatz des Clubhauses an, obwohl man dort eigentlich nicht parken durfte, sprang dann in einem Wahnsinnstempo aus dem Wagen und hastete die Treppen hinauf.

Vor der Tür wartete schon ungeduldig seine Assistentin Jenny Watson auf ihn.

Beiläufig musterte er ihr dunkelrotes Kleid, bevor er ihr den Arm anbot und mit ihr hineinging.

„Was ist passiert?“, fragte sie ihn, während sie versuchte, mit ihm Schritt zu halten.

„Ein Haufen Flamingos“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und suchte die Reihen nach freien Plätzen ab.

„Bitte?“

Er entdeckte zwei leere Stühle in dem mit Kerzen und Blumen üppig dekorierten Saal und ging schnurstracks darauf zu.

„Diese Plastikflamingos für die Spendenaktion“, flüsterte er ihr zu, ohne auf die strengen Blicke zu achten, die ihm die anderen geladenen Clubmitglieder zuwarfen. „Ein ganzer Haufen davon steht mitten auf dem Rasen vor meinem Haus.“

Er drückte Jenny auf einen Stuhl und setzte sich selbst auf den freien Platz daneben. Genau in dem Moment setzte die Musik ein. Alle drehten die Köpfe zur Tür, und die erste Brautjungfer schritt durch den Seitengang nach vorne.

Die Brautjungfern, die ihr folgten, trugen herrliche veilchenfarbene Kleider. Doch Sadies und Ricks zweijährige Zwillingsmädchen stahlen allen die Schau in ihren elfenbeinfarbenen Spitzenkleidchen. Während sie den Gang entlanggingen, streuten sie sehr gewissenhaft Rosenblütenblätter auf den Boden, die sie in Körbchen vor sich hertrugen.

Als der Pianist begann, den Hochzeitsmarsch zu spielen, erhoben sich die Gäste, und Sadie erschien in einem weißen, traumhaft schönen Hochzeitskleid und mit Blumen im Haar. Als sie sich neben Rick stellte, strahlte sie übers ganze Gesicht. Selbst Mitch, der alles andere als ein Romantiker war, berührte der Anblick dieser beiden Menschen, die gemeinsam so viel durchgemacht hatten und sich offenbar sehr liebten.

Als der Priester beide zu Mann und Frau erklärte, brachen die Gäste spontan in Applaus aus. Und als Rick schließlich seine Frau küsste, wischten sich viele der weiblichen Gäste, aber auch einige der männlichen, lächelnd ein paar Tränen aus den Augen. Als das Blitzlichtgewitter verebbt war, nahmen Rick und Sadie ihre Töchter und gingen gemeinsam mit ihnen den Gang zurück zum Eingang.

„Das war wunderbar“, sagte Jenny, während sie das Taschentuch zurück in die Handtasche steckte.

„Man muss sich einfach für die beiden freuen“, fügte Mitch hinzu.

Dann stieß sie ihm einen Ellbogen in die Seite. „Hat die Footballübertragung länger gedauert, oder wieso warst du so spät hier?“

„Tut mir leid“, entschuldigte er sich und erinnerte sich wieder an das Malheur, das ihn fast zu spät hätte kommen lassen.

Der wahre Grund war ein Anruf seines Teamkollegen der Texas Tigers, Jeffrey Porter, der gleichzeitig ein guter Kumpel von ihm war. Jeffreys Freundin hatte herausgefunden, dass er sie betrog, und die Beziehung sofort beendet.

Mitch wusste nur zu gut, wie verführbar man als Spieler war. Mangel an schönen Frauen herrschte nie. Das war einer der Gründe, warum Mitch sich nie auf eine ernste Beziehung eingelassen hatte. Da er sich selbst schon nicht trauen konnte, wollte er auch anderen keine Versprechungen machen.

Vermutlich war es aber gar nicht schlecht, dass Jeffrey wegen seiner Eskapaden endlich einmal der Kopf gewaschen wurde. Erstaunlich, dass er nicht viel früher aufgeflogen war. Trotzdem hatte Mitch Mitleid mit seinem alten Teamkameraden.

„Was ist passiert?“, fragte Jenny, während die Gäste langsam durchs Foyer dem Ausgang entgegenströmten.

„Wie ich bereits sagte, es waren die Flamingos.“ Mitch entschied sich, noch mal den Teil der Geschichte zu wiederholen, die er sich zurechtgelegt hatte. Es war eine alte Tradition in Royal, einem Wohltäter Plastikflamingos vor die Tür zu stellen, damit er seine Spende erhöhte. Erst dann wurden die Tiere wieder abtransportiert und auf den Rasen eines anderen wohlhabenden Spenders platziert.

„Offenbar hat irgendein Witzbold dafür bezahlt, die Vögel auf meinem Rasen abzuladen.“

Jenny machte keinen Hehl daraus, dass sie ihm nicht glaubte, als sie ihn aus ihren grünen Augen anblickte. „Was denn, alle haben sich gegen dich verschworen?“

Er musterte sie erneut. Irgendetwas war heute anders an Jenny. Es ließ ihm einfach keine Ruhe.

„Einen von ihnen habe ich aus dem Rasen gezogen“, erwiderte er. Nach dem Telefonat mit Jeffrey war er so in Eile gewesen, dass er zu dicht an einem Plastikvogel vorbeigefahren war und sich einen Kratzer an der vorderen Stoßstange seiner Corvette zugezogen hatte.

„Hast du dem armen Tier Schaden zugefügt?“, fragte Jenny mit todernster Miene. Offenbar amüsierte sie sich über seine Misere.

„Es wird überleben“, gab er schlagfertig zurück. „Ich hätte ja sofort etwas auf meine Spende draufgelegt, wenn mir dadurch die Flamingos erspart geblieben wären“, stöhnte er.

Mitch unterstützte regelmäßig und gern das örtliche Frauenhaus, dessen Symbol der Flamingo war. Daher war es selbstverständlich für ihn, die jährliche Spendensumme zu erhöhen.

„Ich helfe dir einfach, ein neues Opfer zu finden. Vielleicht können wir sie ja auf Coles Rasen pflanzen“, sagte Jenny. Mitchs Freund, Nachbar und Vorstandsmitglied des Clubs Cole Maddison war in der Tat ein spendabler Mensch.

„Meinetwegen“, antwortete Mitch abwesend, weil er immer noch darüber nachgrübelte, was an ihr anders war.

Es war die Brille.

Sie trug keine Brille.

Das war sehr ungewöhnlich für Jenny.

Er fragte sich, ob sie diese vergessen oder sich entschieden hatte, ausnahmsweise einmal Kontaktlinsen zu tragen. Er wusste, wie sehr sie das eigentlich verabscheute.

Als sie weitergingen, fiel sein Blick auf das kurze Kleid. Auch das war sehr ungewöhnlich. Normalerweise trug sie knielange Röcke, Baumwollhosen oder Jeans mit Bluse und Blazer. Jenny war so zugeknöpft, wie es zugeknöpfter gar nicht sein konnte. Ihre ohnehin schon überkorrekte Art wurde durch ihre Kleidung nur noch unterstrichen. Allerdings war das Kleid, das sie heute trug, luftig, gewagt, dunkelrot und kurz. Zudem war eine Schulter frei, und an ihren Ohren baumelten Ohrringe.

Was war geschehen?

„Jenny?“

Sie drehte sich zu ihm um.

Allmächtiger! Aus diesem Winkel betrachtet, sah das Komplettpaket einfach nur atemberaubend aus. Was war nur mit seiner ernsthaften und korrekten Assistentin passiert?

„Ja?“ Fragend sah sie ihn an.

„Nichts.“ Er folgte der Gästeschar, insgeheim verlegen über die Reaktion, die ihr neues Outfit bei ihm ausgelöst hatte. Sie durfte sich kleiden, wie sie wollte. Und er hatte nicht die geringsten Absichten.

Sie gingen durch die große Tür nach draußen auf die Rückseite des Clubhauses, von wo aus sie einen herrlichen Ausblick auf das imposante Grundstück hatten. Während Mitch sich an das Geländer der Veranda lehnte, ging Jenny über die riesige Treppe hinunter in den Garten. Mitch war überrascht, dass sie nicht wie sonst an seiner Seite blieb. Vielleicht wollte sie ja mit einem der Clubmitglieder oder mit Freunden sprechen.

Als Interimspräsident des Clubs hatte Mitch die Vorbereitungen für das Hochzeitsfest wochenlang verfolgen können. Einige Tage zuvor war ein riesiges Zelt aufgestellt worden für den Fall, dass es regnen würde. Doch der Montagnachmittag war klar und warm. In einem Pavillon baute gerade eine Band die Instrumente auf. Die Tanzfläche war auf einem sanften Hügel neben einem Teich errichtet worden. Überall auf dem Rasen standen runde, weiß eingedeckte Tische.

Mittlerweile hatte die Hochzeitsgesellschaft sich für die Fotos auf dem Rasen versammelt. Selbst von Weitem erkannte Mitch, wie gespannt das Verhältnis zwischen der ersten Brautjungfer Abigail Langley und dem Trauzeugen Brad Price war. Als letzte lebende Nachfahrin des Begründers des TCC war Abigail das einzige weibliche Clubmitglied.

Brad hingegen machte kein Geheimnis daraus, was er von Frauen im Club hielt – nämlich gar nichts. Die meisten taten seine Witzchen als bedeutungslos ab. Doch seit Abigail Wind von Brads frauenfeindlichen Sprüchen bekommen hatte, war sie beleidigt. Sie forderte ihn sogar bei der anstehenden Wahl um den Vorsitz des Texas Cattleman’s Club heraus.

Als er seinen Blick über die eher förmlich und steif gekleideten Gäste schweifen ließ, fiel es Mitch nicht schwer, Jenny auszumachen. Sie stand in der Nähe des Buffets und war in ein Gespräch mit Cole Maddison vertieft. Als der irgendetwas sagte, lachte sie und legte ihm kurz die Hand auf den Arm. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund wurmte das Mitch.

Lächerlich.

Nur weil er Jenny noch nie mit einem anderen Mann gesehen hatte, hieß das nicht, dass sie sich nicht mit Männern verabredete. Hey, wenn sie Cole mochte, und Cole mochte sie …

Und dann merkte Mitch, dass er geradewegs auf die beiden zuging.

„Hey, Mitch“, rief Cole ihm zu, als er fast bei ihnen war.

Mitch nickte seinem Freund zu.

„Schöne Zeremonie“, begann er und wunderte sich, dass er sich unbehaglich fühlte.

„Entschuldigt mich“, unterbrach Jenny ihn und ließ die beiden zurück, um dem Brautpaar zu gratulieren.

Mitch blickte ihr hinterher.

„Hammer.“

„Was?“ Mitch versuchte, seine Aufmerksamkeit von Jennys gebräunten Beinen und den sexy High Heels, die ihre süßen Füße betonten, abzulenken. Selbst die dunkelrot lackierten Zehennägel waren ihm nicht entgangen.

Fragend blickte Cole ihn an. „Ich rede von Jenny. Sie sieht phänomenal aus.“

„Ja, das Kleid ist ganz hübsch“, ließ Mitch sich hinreißen zu sagen, versuchte aber sofort, seine Selbstbeherrschung zurückzuerlangen. Es war doch nur Jenny – die vernünftige, fleißige, professionelle Jenny.

„Sie ist eine Wahnsinnsfrau“, sagte Cole. „Ich frage mich, warum sie sich sonst immer hinter diesen langweiligen Klamotten versteckt.“

Mitch runzelte die Stirn. „Ich glaube nicht, dass sie sich versteckt. Im Büro tritt sie jedenfalls immer sehr professionell auf.“

Cole sah ihn an. „Das sollte auch nicht beleidigend klingen. Aber du musst zugeben, das Outfit ist der Hammer.“

Was Mitch so schockierte, war, dass er gar nicht anders konnte, als immer wieder zu ihr hinüberzublicken.

„Ich könnte sie zum Tanzen auffordern“, sagte Cole.

„Warum?“, fragte Mitch unüberlegt.

Warum? Was bist du? Ihre Anstandsdame?“

„Jenny ist ein nettes Mädchen. Nur weil sie ein hübsches Kleid trägt, ist sie noch lange kein Freiwild.“ Doch noch während er das sagte, merkte Mitch, wie lächerlich das klang. Es ging ihn absolut nichts an, mit wem Jenny tanzte. Oder mit wem sie sich verabredete oder ins Bett ging. Er war ihr Boss, nicht ihr Aufpasser.

Argwöhnisch kniff Cole die Augen zusammen. „Bist du etwa hinter ihr her?“

„Nein, ich bin nicht hinter ihr her. Wir sind Kollegen, die sich jeden Tag im Büro sehen.“ Sie hatten eine rein berufliche Beziehung, mehr nicht.

„Das sähe dir auch nicht ähnlich“, murmelte Cole.

„Jenny scheint dich ja wirklich zu beschäftigen.“

„Mich?“ Cole lachte kurz auf. „Du bist doch derjenige, der die Augen nicht von ihr lassen kann.“

Mitch bemerkte, dass er sie immer noch ansah, verwundert über ihre Anmut und Ausstrahlung. Er wandte sich wieder Cole zu, der ihn unverschämt angrinste.

„Halt dich ja zurück“, stieß Mitch hervor.

Cole und Mitch nahmen sich beide ein Glas Champagner von dem Tablett eines Obers, der gerade vorbeiging.

„Gib’s zu“, sagte Cole. „Du findest sie heiß.“

„Ich schätze sie als Mitarbeiterin.“ Und damit war auch schon alles gesagt, was in Mitchs Welt zählte, mochte Jenny an diesem Abend auch noch so verführerisch aussehen.

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