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Heute, morgen und für immer

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Kapitel 1 - Spieglein, Spieglein an der Wand ...
  7. Kapitel 2 - Blutsbrüder
  8. Kapitel 3 - Wie du mir, so ich dir!
  9. Kapitel 4 - Ski Heil!
  10. Kapitel 5 - Der Bruch
  11. Kapitel 6 - Die Brauhexe
  12. Kapitel 7 - Die Mondscheinsonate
  13. Kapitel 8 - Wo geht's hier bitte zum Schafott?
  14. Kapitel 9 - Von wegen Götter in Weiß!
  15. Kapitel 10 - Das Drama mit der Rama-Familie ...
  16. Kapitel 11 - Lehrjahre sind keine Herrenjahre!
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13 - Hiobs Nachfolgerin - Ich will zurück in die Narkose
  19. Kapitel 14 - Die (Pf-)Lasterfrau
  20. Kapitel 15 - Der Gang nach Canossa
  21. Kapitel 16 - Ahnenforschung
  22. Kapitel 17 - »O du Fröhliche ...«
  23. Kapitel 18 - »Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt ...«
  24. Kapitel 19 - Bonnie und Clyde
  25. Kapitel 20 - Hier spielt die Musik!
  26. Kapitel 21 - Auf das Karma ist immer Verlass
  27. Kapitel 22 - Das Tier, dein bester Freund und Helfer
  28. Kapitel 23 - Wachgeküsst
  29. Kapitel 24 - Eine zweite Chance?
  30. Kapitel 25 - Bergluft
  31. Kapitel 26 - Halleluja mit vier Fäusten
  32. Kapitel 27 - Schlussakt im Duett
  33. Danksagung

Über die Autorin

Anke Greifeneder studierte Jura in Konstanz, wo sie »weder Gerechtigkeit noch einen Ehemann fand«. Sie tauchte ab in die Medienwelt und arbeitete für MTV in London, München und Berlin; heute ist sie Programmdirektorin von Turner Broadcasting System. Sie lebt und liebt in München. »Heute, morgen und für immer« ist ihr fünfter Roman.

Homepage: www.anke-greifeneder.de

Anke Greifeneder

HEUTE,
MORGEN UND
FÜR IMMER

Roman

Für meine Eltern, Elsbeth und Dietmar,

denen ich so vieles,

vor allem aber die Liebe zur Musik

verdanke …

Kapitel 1
Spieglein, Spieglein an der Wand …

»Was machen Sie denn da?«, fragte ich mit schläfriger Stimme die beflissene Kosmetikerin, die mich in ein großes Handtuch gewickelt hatte und aus dem Hintergrund mit Walgesängen beschallte.

»Ich habe Ihnen nur noch schnell die Augenbrauen gefärbt, damit Sie mehr Ausdruck bekommen«, säuselte sie leise. »Das ist so ein Steckenpferd von mir …«

Mir schwante Übles - und gegen den Duft des ätherischen Lavendelöls ankämpfend richtete ich mich, so gut es ging, auf und verlangte nach einem Spiegel.

Ich konnte den Schrei nicht unterdrücken. Wo eben noch zwei rotblond geschwungene Augenbrauen wuchsen, standen jetzt zwei fette schwarze Balken.

»Ich seh aus wie Theo Waigel, machen Sie das wieder weg, ich habe heute Abend ein Konzert!«

Jessica, so stand es auf dem mintgrünen Kittel zu lesen, wurde nervös. »Das geht nicht einfach wieder weg, das verblasst in zwei bis drei Wochen …«

Mein Blick sollte ihr Angst machen.

»Im Konzert ist es doch dunkel … das fällt bestimmt nicht auf …«, versuchte sie mich zu beruhigen.

Meine Beherrschung war dahin. »Meine Liebe, ICH gebe das Konzert, ich bin Pianistin!«

Das Handtuch umgeschwungen und in Frotteebadelatschen rannte ich aus der Kabine in den Eingangsbereich, um das Ausmaß der Katastrophe bei Tageslicht zu begutachten. »Vielleicht fällt das ja nur Ihnen selbst so sehr auf!« Die Beschwichtigungsversuche der Kosmetikerin verpufften, als ich geradewegs meiner älteren Schwester Helene und ihrem Sohn Max in die Arme lief, die gekommen waren, um mich abzuholen. Entsetzt verzog sich Helenes Gesicht.

»Krass, was hast du denn mit deinen Brauen gemacht?«, prustete mein zwölfjähriger Neffe getreu dem Motto »Teeniemund tut Wahrheit kund« los. »Das Publikum wird denken, Mr. Bean tritt auf …«

Ha, ha! Sehr witzig! Mein zorniger Blick ließ ihn auf der Stelle verstummen. Helene, pragmatisch wie immer, verkniff sich das Lachen und inspizierte die Haarbalken aus der Nähe. Dann drehte sie sich in aller Seelenruhe zu Jessica, deren Gesichtsfarbe inzwischen dem Farbton ihres Kittels glich, und fragte unaufgeregt freundlich: »Jessica, Kindchen, was können wir tun? Meine Schwester tritt in wenigen Stunden vor sechshundert Menschen auf, die viel Geld für eine Eintrittskarte bezahlt haben. Sie möchten doch auch, dass die Leute sich auf die Musik und nicht auf diese geteerten Augenbrauen konzentrieren, nicht?«

Jessica nickte panisch. »Blondieren geht nicht, da werden sie orange, hm, wenn ich sie ausdünne vielleicht … oder wir kleben falsche auf, dann müssen wir ihre allerdings abrasieren …«

Bei »abrasieren« protestierte ich lautstark. Helene nahm meine Hand, tätschelte sie beruhigend und flüsterte Jessica zu: »Schätzchen, abrasiert wird nichts, finden Sie 'ne andere Lösung. Meine Schwester leidet vor jedem Konzert unter großem Lampenfieber, da kann sie schon eine Kleinigkeit aus dem Konzept bringen. Normalerweise hat sie irre viel Humor und würde über diese kleine Panne herzlich lachen!«

Ich hatte mich wohl verhört? Kleine Panne? Die beiden Büsche über meinen Augen, die bereits ein Eigenleben führten und denen ich im Begriff war einen Namen zu geben, waren keine kleine Panne, sondern eine Riesenkatastrophe! Bevor ich Schnappatmung bekam, schob mich Helene in die Kabine zurück und suchte mit Jessica und den herbeigeeilten Kolleginnen nach einer Lösung. Ich sah in den Spiegel, meine roten langen Locken saßen perfekt, mein blasser Teint mit den Sommersprossen strahlte, meine hellgrauen Augen leuchteten, nur Ernie und Bert, meine neuen schwarzen Begleiter, zerstörten das Bild. So sah keine Sirene aus, die Tausende und Abertausende in ein Konzert lockte. Verzweifelt starrte ich mein Spiegelbild an. Eigentlich war ich nicht sonderlich eitel, eher der natürliche Typ, der ohne großen Aufwand gut aussieht, aber kurz vor Konzerten lagen meine Nerven wirklich blank. Es half auch nicht gerade, dass Jasper heute ins Konzert kommen wollte. Vor einigen Wochen hatten wir uns im Museum Brandhorst kennengelernt. Zu gut erinnerte ich mich, wie ich die verstörend wahrhaftig wirkende Skulptur einer gebärenden Frau mit neugeborenem Säugling auf dem Bauch betrachtete, als plötzlich eine Stimme neben mir sagte: »Nur keine Angst, in Wahrheit tut das nicht so weh! Wäre doch zu schade, wenn sich so attraktive Frauen im besten Alter durch so 'ne Plastik abschrecken ließen, Kinder zu bekommen!«

Mit gerunzelter Stirn drehte ich mich zur Seite, um zu sehen, von wem diese freche Bemerkung kam, und sah in ein Paar blitzender hellgrauer Augen, die sich verschmitzt über meine Aufmerksamkeit freuten. Mit einem jungenhaften Lachen stellte sich der Typ vor, den ich auf Anfang dreißig schätzte und den ich, was seinen Klamottenstil anging, einem kreativen Beruf zuordnete.

»Jasper, freut mich!« Mit einem sympathischen Grinsen hielt er mir erwartungsvoll die Hand hin. Kurz zögerte ich, aber Jaspers fröhliche Art überzeugte.

»Clara … Und wie kommst du bitte auf die Idee, dass Kinderkriegen nicht wehtut?«

Jasper schien erfreut, dass ich mich auf ein Gespräch einließ. »Das ist komplett gelogen und diente einzig und allein dazu, mit dir ins Gespräch zu kommen. Natürlich hätte ich es auch mit einem ganz üblen Anmachspruch versuchen können, aber das schien mir nicht passend.«

So, so. Ein Mann, der ins Museum ging, Anfang dreißig war, aber noch Anmachsprüche draufhatte. Eine interessante Mischung … »Wie würde denn so ein Anmachspruch klingen?«, fragte ich interessiert nach.

Jasper überlegte keine Sekunde. Gespielt pathetisch legte er mir eine Hand auf die Schulter und sah mir gekonnt schmachtend in die Augen. »Glaubst du an die Liebe auf den ersten Blick, oder soll ich noch mal reinkommen?«

Sehr witzig! Wider Willen musste ich lachen, was Jasper sehr freute. Gemeinsam gingen wir weiter durch die Ausstellung. Mir gefiel die Architektur des Brandhorst Museums fast besser als die Kunstwerke, die es zu sehen gab, aber Jasper kommentierte jedes noch so abstruse Bild unheimlich lustig und zudem auch passend. »Warum kannst du denn so gut Bilder interpretieren? Bist du Kunsthistoriker oder Galerist?« Ich tippte insgeheim auf Galerist.

Jasper verzog übertrieben das Gesicht. »Nee, weder noch. Der Galerist ist mein Dealer, und der Kunsthistoriker wird zu Lebzeiten leider nie über mich schreiben, denn ich bin Künstler und male selbst leidenschaftlich gerne.«

Na gut, so schlecht lag ich nun auch nicht, zumindest, dass er einen kreativen Beruf haben musste, war mir gleich in den Kopf gekommen. Wir bummelten gemeinsam von Raum zu Raum weiter, und je näher wir dem Ende der Ausstellung kamen, verlangsamten sich unsere Schritte … als ob wir es hinauszögern wollten. Aber Jasper schien die Zeit genutzt zu haben, einen Plan zu schmieden.

»So, Clara, wir wären hiermit am Ende unserer heutigen Führung angelangt. Als Künstler verzichte ich auf schnöde Bezahlung und lasse mich in Naturalien für mein Wissen bezahlen. Schau nicht so verstört, was denkst du denn, bitte? Ich meine natürlich in Form von Kaffee und Kuchen im Gartenpavillon um die Ecke.« In mir machten sich ein Kribbeln in der Magengegend und eine Leichtigkeit breit, die sich ungewohnt, aber gut anfühlten. Normalerweise würde ich eine Ausrede vorschieben: Keine Zeit, bereits verabredet … Aber warum sollte ich nicht einmal gegen meine Prinzipien handeln? Mein Leben bestand zu Genüge aus Disziplin und Plänen, die genau eingehalten werden mussten - anders war mein Job auf Dauer nicht zu bewältigen. Für Spontaneität gab es wenig Raum, vielleicht war es gerade das, was Jasper für mich anziehend machte … Kurz entschlossen und über mich selbst überrascht willigte ich in Jaspers Vorschlag ein und fühlte mich für meine Verhältnisse extrem verwegen.

Auf dem kurzen Weg zum Gartenpavillon nahm er mich ins Kreuzverhör und wollte alles Mögliche über mich wissen. Von der Schuhgröße bis zum Lieblingsessen, jedes noch so nebensächliche Detail schien ihn brennend zu interessieren.

»Das ist jetzt aber kein Rekrutierungsgespräch für den BND oder so?«, flehte ich lachend um eine Pause.

»Sorry, wenn mich jemand begeistert, bin ich sehr neugierig, sag einfach stopp, wenn's zu viel ist.«

Das war eine gute Vorlage.

»Stopp!«, rief ich theatralisch und musste noch mehr lachen. Dieser Jasper ließ einen wirklich schweben, Humor war einfach sexy, wobei sein Aussehen mit diesem gepflegten Dreitagebart und den leicht verwuschelten Haaren ebenfalls einen gewissen Charme hatte.

Nach unserem Besuch im Gartenpavillon nahm Jasper mich an die Hand, was sich überhaupt nicht fremd oder übergriffig anfühlte. »Hast du noch kurz Zeit? Ich möchte dir was zeigen!«

Falls Jasper ein gestörter Serientäter sein sollte, war er der beste seines Fachs, denn so vertrauensvoll, wie er nach nur einem gemeinsam verbrachten Nachmittag wirkte, würde selbst Miss Marple ohne Zögern ins Verließ steigen. »Meine Mama hat mir beigebracht, nicht mit fremden Männern mitzugehen!«

Jasper warf lachend den Kopf in den Nacken, kramte in seiner Jackentasche und zog einen leicht eingedrückten Marsriegel hervor. »Auch nicht, wenn der Fremde Schokolade dabeihat?«

Ich gab mich geschlagen und ging mit, nicht ohne Helene eine kurze SMS zu schicken, damit wenigstens eine wusste, wo ich war.

Wir gingen nur ein paar Minuten durch das bunte Univiertel, in dem zu jeder Tagesund Nachtzeit reges Leben herrschte. Kleine Restaurants neben liebevoll eingerichteten Geschäften, die alle keiner großen Kette angehörten, sondern individuell und besonders eingerichtet waren. Junge Designer in geschmackvoll renovierten Altbauten versuchten sich neben Antiquariaten, Studenten ebenso wie junge Familien waren hier zu Hause. In der Mitte der Türkenstraße schlenderte Jasper mit mir durch eine große Eingangstür in einen begrünten Innenhof. Vor einer verschnörkelten Tür aus massivem Holz mit der Nummer 8 blieben wir stehen. Während Jasper nach seinem Schlüssel kramte und die Tür aufschloss, schickte ich Helene eine Nachricht mit der Adresse, woraufhin diese mir hysterisch zurückschrieb: »Bist du jetzt völlig bekloppt oder lebensmüde? Wer ist der Typ?!?«

»Keine Sorge, alles ganz harmlos!«, tippte ich und stellte mein Handy nach dem Absenden auf lautlos, schließlich kannte ich Helene nur zu gut, sie würde ab jetzt Telefonterror betreiben, bis ich ranging.

Weniger harmlos war der Aufstieg durchs nicht mehr enden wollende Treppenhaus. So schön der Altbau war, gegen einen modernen Aufzug hätte ich nichts einzuwenden gehabt. Keuchend trabte ich Jasper hinterher, der um einiges fitter war als ich und federleicht die Treppen nach oben zum Dachgeschoss nahm.

Angeber!

»Lass dir Zeit, ich nutz den Vorsprung zum Aufräumen!«, spottete Jasper mit zwei Stockwerken Vorsprung durchs hallende Treppenhaus.

»Ich kann auch wieder umdrehen!«, rief ich beleidigt zurück, was dazu führte, dass Jasper blitzschnell zu mir runterspurtete und mich Schritt für Schritt begleitete. Endlich oben angekommen, schloss er auf und ließ mich eintreten. Mich erwarteten zum Glück keine abgehangenen Rinderhälften und selbst gebastelte Collagen von Stalkingopfern, nein, ich trat ein in sein Atelier und war ein zweites Mal atemlos. Die Gemälde, an denen er arbeitete, waren von einer leuchtenden Farbigkeit, die zu Jaspers Ausstrahlung passte. An einer großen Staffelei und einem Tisch mit sauber aufgereihten Pinseln vorbei ging ich langsam durch die Räume und betrachtete Jaspers Bilder, die teilweise an den Wänden lehnten, teilweise provisorisch an einem Nagel mit Bindschnur befestigt an der Wand hingen. Eine Treppe führte unters Dach, wo sich Jaspers Wohnung befand. Obwohl er mich gewähren ließ und ich neugierig war, verkniff ich mir erst einmal, sein privates Reich zu erkundschaften. Es gab in den Atelierräumen allein schon genug Sehenswertes. Jasper folgte mir bei meinem Rundgang belustigt, aber ruhig und blieb dezent in einiger Entfernung stehen, damit ich mir seine Werke ungestört ansehen konnte. Nicht alle Bilder sprachen mich an, aber mindestens drei gefielen mir so gut, dass ich sie vom Fleck weg kaufen würde. Eins, das mir besonders ins Auge stach, zeigte ein kleines Mädchen, das mit einem kräftig an der Leine ziehenden Hund inmitten einer Fußgängerzone stand und versunken vor sich hin blickte und nichts von dem zerrenden Hund, dem Trubel an den Marktständen und den Fahrradfahrern mitbekam. Magischer Realismus wurde die Art zu malen genannt, ein bekannter Vertreter dafür war Neo Rauch. Das Atelier samt Wohnung musste ordentlich kosten. »Das hier finde ich wunderschön! Wer ist das Mädchen auf dem Bild?«

»Das Mädchen ist Nele, meine Nichte. Du musst sie unbedingt mal treffen.«

Mein lieber Herr Gesangsverein, ein Tempo hatte der drauf … Doch hatte ich zuerst den Eindruck gehabt, Jasper könnte nicht nur entschlussfreudig, sondern auch sprunghaft sein, so empfand ich hier in seiner vertrauten Umgebung auch ein großes Maß an Konzentration und Beharrlichkeit, mit der er seiner Leidenschaft, dem Malen, nachging.

»Hast du Lust, die Farben auszuprobieren?« Jasper hielt mir einen frischen Pinsel hin und zeigte auf eine kleine Staffelei mit weißem eingespannten Papier. Zögerlich antwortete ich: »Hm, ich habe schon ewig nicht mehr gemalt. Ich hab keine Ahnung, ob ich das überhaupt noch kann!«

Jasper grinste. »Ich hab ja auch gefragt, ob du Lust hast, nicht, ob du es kannst. Mach dich locker.« Geduldig zeigte er mir die Technik, wie er malte. Nach und nach taute ich auf, begann, vorsichtig ohne Plan vor mich hin zu malen, was mir erstaunlich viel Spaß machte und eine ganz andere Art der Entspannung eröffnete.

»Wie findest du deine Motive?«, wollte ich wissen, während ich mit den vielen bunten Farben experimentierte und mich in meine Kindergartenzeit zurückversetzt fühlte.

»Das klingt jetzt kitschig, aber die Motive finden mich. Entweder sehe ich eine Situation, die mich berührt oder anregt, oder ich habe eine konkrete Idee, die sich in meinem Kopf gestaltet.«

Aha, auch wenn ich null Talent für die Malerei mitbrachte, so musste ich zugeben, dass es Spaß machte zu malen. Jasper freute sich sichtlich, wie ich konzentriert Farben mischte, erst abstrakt, dann wieder genau zeichnete und dabei immer mehr in mich versank.

»Siehst du, deshalb liebe ich die Malerei: Ab einem bestimmten Punkt der Konzentration gelangt man in diesen Fluss und ist ganz bei sich.«

Nur zu gut verstand ich, wovon er sprach. Mir ging es so mit der Musik, die mich dazu bringen konnte, die Welt um mich herum komplett zu vergessen. Eines interessierte mich dann doch: »Kannst du von deinen Bildern leben?«

Jasper sah mich erstaunt an. Wahrscheinlich wirkte ich unbedarft, was daran lag, dass ich mich in der Kunstszene nicht wirklich auskannte.

»Ich verkauf im Schnitt ein bis zwei Bilder im Monat, was richtig gut ist. In München habe ich mir schon länger einen Namen gemacht, so langsam kommen Berlin und das Ausland hinzu.«

Wenn er von ein bis zwei Bildern leben und sich sogar die Miete für das großzügige Atelier leisten konnte, mussten die Bilder einiges kosten.

»Ist dein Name Kunstkennern ein Begriff?«

Jasper überlegte kurz, wie er wohl am besten antwortete, ohne arrogant zu klingen. »Sagen wir so, es würde niemand vor Ehrfurcht anfangen zu hyperventilieren, aber dem ein oder anderen würde mein Name was sagen.«

»Hast du denn einen Nachnamen, Jasper?«, zog ich ihn auf.

»Jasper Maienstein, wenn's genehm ist.«

Maienstein … hieß so nicht auch eine alte Münchner Brauerei? »Wie die Biermarke?«

Jasper nickte. »Ja, die Brauerei gehört meinen Eltern, aber ich habe damit nicht viel am Hut. Also mit dem Produkt selber natürlich schon, trinken kann ich, aber wie's gebraut wird, interessiert mich weniger.«

Das verstand ich gut, mich interessierte auch von jeher nur die Musik, und ich könnte mir keinen anderen Beruf vorstellen.

»Apropos … magst du ein Bier oder ein Glas Wein?« Er deutete die Treppe zum Dachgeschoss hinauf.

Jaspers Frage holte mich zurück ins Jetzt. Draußen wurde es dunkel, es war bereits spät, höchste Zeit zu gehen! Nicht dass Helene mit einem Einsatzkommando der GSG 9 bereits Stellung vor der Wohnung bezogen hatte und bereit zum Sturm war. »Danke, aber ich muss mal langsam los …«

»Wieso denn?« Jaspers Stimme klang ehrlich erstaunt. »Hast du noch was vor?«

Nein, aber ich konnte ja schlecht gleich bei ihm einziehen, wobei es mich nicht wundern würde, wenn er es vorschlüge.

Bevor er dies tun konnte, verabschiedete ich mich hastig von Jasper, der mich ohne Berührungsängste fest in den Arm nahm und mich wie selbstverständlich sanft auf den Mund küsste, was ein aufregendes Prickeln hinterließ und mich fahrig werden ließ. »Ah, okay. Dann mal danke für die Führung. War ein schöner Tag, also wirklich«, stammelte ich.

Jasper hingegen blieb entspannt, lächelte und sagte schlicht: »Bis morgen, ich ruf dich an!«

Beflügelt ging ich, nein schwebte ich aus seinem Atelier, beruhigte erst mal meine große Schwester Helene, die sage und schreibe neun Anrufe in Abwesenheit hinterlassen hatte, und staunte über mich selbst. Bislang war ich nicht durch Spontaneität und verrückte Aktionen aufgefallen, was Männer anging. Jasper schlug ein neues Kapitel auf, wie mir schien.

Auf unser erstes zufälliges Treffen folgten zahlreiche Verabredungen, die alle so leicht und lustig waren, weil Jasper eine verrückte Idee nach der anderen hatte. Vom aufgeschlagenen Zelt im Englischen Garten mit vorbereitetem Dinner über Spaziergänge mit anschließendem Blätterpressen und Kastanienmännchenbasteln bis hin zum Ausflug an die Isar für eine gemeinsame Floßfahrt gab es nichts, was einem mit Jasper nicht passieren konnte. Mit ihm wurde es keine Sekunde langweilig. Seine schrägen Einfälle ließen mich den manchmal fordernden Alltag vergessen, mit ihm fühlte ich mich wieder wie zu besten Pubertätszeiten, denn mit Mitte dreißig war Jasper alles, nur nicht erwachsen - und das schien ansteckend … Sensibel war er dazu, was sich nicht nur in seinen Küssen und Liebhaberqualitäten herausgestellt hatte, sondern in der Art und Weise, wie er Stimmungen und Spannungen in einem Raum augenblicklich orten konnte. Jasper tat mir einfach gut, mein Magen, der sich nach knapp drei Monaten immer noch flau anfühlte, wenn ich an ihn dachte, stand kurz vor einem Übersäuerungsalarm bei dem bloßen Gedanken, dass er heute im Publikum sitzen und meine verunglückten Augenbrauen sehen würde, die ausschauten, als ob mich eine Zeitschrift versucht hätte zu anonymisieren. Zumindest wirkten die Balken so, wie man sie sonst auf Fotos von Menschen in Zeitschriften sieht, die dringend geschützt werden mussten, nur dass die Balken bei mir nicht die Augen bedeckten, sondern die Brauen! Zum Glück hatte Jasper Humor. Als Künstler konnte er vielleicht meinem unfreiwilligen Experiment etwas abgewinnen. Helene, meine großartige Schwester, steckte den Kopf zur Tür herein und unterbrach meine Gedanken. »Komm raus, wir haben was für dein Problem gefunden!«

Wie gut, dass sie als Krankenschwester wusste, wie man Menschen auch ohne Betablocker beruhigte.

»Noch zehn Minuten bis zur Aufführung …«, dröhnte es aus dem Lautsprecher in meiner Garderobe. In Gedanken ging ich die Partitur durch, machte Finger- und Atemübungen. Schrittweise versuchte ich, mich in diesen konzentrierten tranceähnlichen Zustand zu bringen, in dem ich nur noch aus Tunnelblick bestand und nichts anderes mehr wahrnahm. Langsam schritt ich, begleitet von Sofia, die meine Noten umblättern würde - sehr schwere Stücke spielte ich immer mit Noten -, aus meiner Garderobe den langen Flur des Prinzregententheaters entlang und nahm die anderen Personen und vielen Lichter um mich herum kaum noch wahr.

»Wie siehst du denn aus? Trägst du jetzt Pelz statt Augenbrauen?«

Eine allzu bekannte Stimme drang an mein Ohr, die niemand anderem als Amelie Fischer gehörte! Amelie! Meine Konkurrentin und Erzfeindin seit Kindertagen holte mich zurück ins Hier und Jetzt. Sie, die blonde, engelsgleiche Tochter aus reichem Hause mit ihrer krankhaft ehrgeizigen Mutter, die sie zu jedem Unterricht, jedem Auftritt begleitete und ihr die besten Lehrer engagiert und die außergewöhnlichsten Kurse ermöglicht hatte! Und ich, das arme rothaarige Aschenputtel, das mit seinem Talent innerhalb der Familie völlig aus der Reihe getanzt und von Stipendien und Begabtenförderung abhängig gewesen war. Während Amelie im schicken Auto zu Veranstaltungen gefahren wurde, kam ich auf dem Rad angehechelt, nahm die S-Bahn oder eine Mitfahrgelegenheit. Während sie bereits mit zwölf Jahren in Haute-Couture-Roben aufgetreten war, hatte ich im selbst genähten Kleid von Omi danebengestanden. Wenn wir in einer anderen Stadt spielen mussten, schlief sie mit Mami im Hotel, ich mit Helene oder Omi in der Jugendherberge oder bei Freunden.

»Das trägt man diese Saison!«, antwortete ich schnippisch und drückte mein Amulett mit dem Bild meiner Eltern fest an mich. Amelie kannte es zu gut.

»Hast du immer noch diesen Talisman? Ich dachte, aus dem Alter sind wir längst raus …«

Sie vielleicht, ich würde es nie sein, denn die Tatsache, dass es Helene und meine Omi waren, die mich begleiteten, war dem schlimmsten Ereignis meines Lebens zu verdanken, dem 18. Juni vor neunzehn Jahren, dem Tag, an dem meine Eltern bei einem Busunglück ums Leben kamen, als sie mit einer Wandergruppe in die Berge unterwegs waren. Gerade mal elf war ich, als der Unfall passierte, ohne meine Omi und Helene hätte ich ihren plötzlichen Tod nie verkraftet. In meiner Erinnerung war die Zeit nach dem Unfall die einzige Phase, in der Amelie nett zu mir war. Naiv hatte ich geglaubt, ihre Zuneigung sei ehrlich gemeint, und mich gefreut, endlich eine Freundin zu haben, mit der ich alles teilen konnte und die den gleichen Weg wie ich ging. Sogar bei ihr zu Hause übernachten durfte ich einige Male, und ihre vom Ehrgeiz getriebene Mutter, die mich sonst ignorierte, tätschelte mir gut gemeint und seufzend den Kopf. Irgendwann aber wurde Amelie die Gute-Tat-Nummer langweilig, und als sie merkte, dass viele Menschen, insbesondere auch die Lehrer, sehr behutsam und liebevoll in dieser schweren Zeit mit mir umgingen, und sie dadurch glaubte, weniger im Mittelpunkt zu stehen, war schnell wieder alles beim Alten.

»Amelie, mein Kind, wie siehst du aus! Du musst dringend in die Maske, und zieh das schwarze Kleid an, in diesem hellen siehst du mit deinen blonden Haaren aus wie Mürbeteig!«

Amelies Mutter, stets elegant gekleidet und makellos frisiert, war zu meiner Erleichterung so sehr mit ihrem Töchterchen beschäftigt, dass sie mich gar nicht wahrzunehmen schien.

»Sind wir aus dem Alter nicht raus, wo uns die Mütter die Kleidung aussuchen?«, stichelte ich gar nicht nett und brachte Amelie damit aus dem Konzept.

Nach meiner kurzen Freundschaft zu Amelie war ich allein mit meiner Begabung und Liebe zur Musik und übte seitdem ohne Amelie und ohne Eltern. Sosehr Helene und Omi versuchten, meinen Schmerz zu lindern, es gab einfach keinen Ersatz für das fröhliche Lachen meiner Mutter und die ruhige Besonnenheit meines Vaters. Seit jener Zeit war meine Sehnsucht nach einer großen, intakten Familie sehr ausgeprägt, und wann immer ich eine solche Familie kennenlernte, verspürte ich einen Stich in der Herzgegend.

»Clara, komm, wir müssen weiter!«

Sofia drängte mich behutsam weiter Richtung Bühne, was ich geschehen ließ. Im Gehen drehte ich mich nach Amelie um und zeigte ihr deutlich, was ich von ihr hielt. Mit dem ausgestreckten Mittelfinger kratzte ich mich gar nicht ladylike unterm Auge - ja, wir kamen einfach aus unterschiedlichen Ställen! Und wenn mein Temperament mit mir durchging, dann legte ich keinen großen Wert mehr auf Etikette.

Mit dem Blick nach vorn war ich augenblicklich wieder konzentriert und schritt im nächsten Moment und unter großem Applaus an den Flügel, setzte mich auf meinen Schemel, Sofia sich auf ihren. Ein kurzer Blick zum Dirigenten, der mir zunickte, wir sahen uns in die Augen, ich atmete ein, er hob den Taktstock, und los ging es mit einer Fontäne aus perlenden Tönen, mal leise, mal lauter, mal im Alleingang, mal mit Orchesterbegleitung. Die Musik war mein Element, meine Berufung, meine Gabe. Das geschah wie von selbst; sobald ich spielte, war jedes Lampenfieber vergessen, jeder Zweifel, weshalb ich mir all die Reisen, Entbehrungen und stundenlangen Übungen antat, ausgeräumt.

Einfach nur glücklich und tief versunken fühlte ich mich, selbst meine aufgeklebten Augenbrauen, die man von weiter weg nicht erkennen konnte, waren mir gleichgültig. Im Spielen vergaß ich alles um mich herum und war nur Musik.

Der letzte Ton verhallte. Einen Moment lang herrschte Stille, dann brauste Applaus auf. Aus den Augenwinkeln, den Kopf noch nach unten geneigt, sah ich die entspannten, befreiten Gesichter des Dirigenten und der Musiker. Gelöst stand ich auf und verneigte mich. Jasper blinzelte mir aus der ersten Reihe zu, was mich kurz aus der Bahn warf. Helene und Omi weinten wie immer, wenn ich spielte, »weil das sooo schön ist und zu Herzen geht!«, auch wenn Helene eher auf Rock stand und Omi auf Chansons. Maxi sah peinlich berührt aus, wohl weil es in seinem Alter uncool war, ins klassische Konzert zu gehen, und ich freute mich schon darauf, was erst passierte, wenn er richtig pubertierte. Den obligatorischen Blumenstrauß gab ich nie der ersten Geigerin, wenn ich in München spielte, sondern meiner bezaubernden, verrückten Omi, die dann errötete und gekonnt mit dem entzückten Publikum flirtete. Todschick im Übrigen für ihre vierundsiebzig Jahre. Bevor der zweite Vorhang fiel, kam Amelie, die nach mir auftreten sollte, auf die Bühne und versuchte, mit ihrem frühzeitigen Erscheinen den Beifall zu beenden. Leider hatte sie nicht mit Helene und Omi gerechnet, die in mir immer noch das elfjährige Mädchen sahen, das es zu beschützen galt, und Amelie so ziemlich alles, was ansteckend war, an den Hals wünschten. Die beiden begannen, lauthals mit den Füßen zu trampeln, riefen dabei laut »Bravo« und »Zugabe« und nötigten auch den armen Max, der bis eben sicher noch gedacht hatte, peinlicher könne es nicht werden, alles zu geben. Jasper, wie immer leicht zu begeistern, machte liebend gern mit. Der Saal tobte, und Amelie stand wie Falschgeld hinter mir, bis der Saal meinen Auftritt gebührend gefeiert hatte.

Gezwungenermaßen lächelte Amelie mir zuckersüß zu. Beim Abgang hob ich betont meine aufgeklebten Augenbrauen mehrmals deutlich in die Höhe, was bestimmt schräg aussah. Ja, wer zuletzt lacht …

»Was für ein schönes Konzert!« Jasper, der Kindskopf, wirbelte mich in die Höhe und lachte mich begeistert an. Seine welligen Haare waren, wie so oft, leicht zerzaust, seine Augen leuchteten. Erleichterung machte sich in mir breit. Zwar hatte ich ein gutes Selbstbewusstsein, konnte mich wehren und auch austeilen, wenn es sein musste, gleichzeitig wusste ich, dass ich sehr empfindlich und unsicher sein konnte, keine einfache Kombination …

»Das müssen wir feiern!«

Etwas, was Jasper sehr gut konnte, wie ich in den letzten Monaten bemerkt hatte. Als Künstler, der seine Bilder gewinnbringend verkaufte, konnte er aber auch einfach die Nacht zum Tage machen, und wenn es sein musste, auch die ganze Woche. Vor lauter Euphorie musterte er mich erst jetzt genauer.

»Ah, nehmen wir deine neuen Augenbrauen auch mit oder fahren die extra, denn ich weiß nicht, ob die noch Platz im Auto haben?« Frech grinste er mich an. Maxi kicherte sofort, ihm gefiel männliche Verstärkung in diesem Weiberhaufen.

Es wurde wirklich Zeit, dass Helene endlich damit rausrückte, wer Max' Vater war. Seit zwölf Jahren war ihr dieses Geheimnis nicht zu entlocken. Helene hatte keinen festen Freund zum fraglichen Zeitpunkt gehabt, und von einer Affäre war mir auch nichts bekannt. Eines Tages war sie plötzlich schwanger, ohne auch nur ein Sterbenswörtchen darüber zu verlieren, von wem. Beim Jugendamt ließ sie den Vater als unbekannt eintragen. Seither rätselten Omi, ich und auch Maxi, wer sein Vater sein könnte. Vom Postboten bis zum Gemüsehändler wurden alle Männer in Helenes Umfeld unter die Lupe genommen und unauffällig Ohren und Nasen auf genetische Ähnlichkeit mit Maxi untersucht. Einmal dachte Helenes Kfz-Mechaniker, ich sei völlig meschugge, als ich ihm immer wieder auf die Nase starrte, weil ich meinte, einen ähnlichen kleinen Knick wie bei Maxi entdeckt zu haben. Helene, die sonst einen klaren Menschenverstand besaß und wusste, was richtig war, schien auf diesem Ohr taub zu sein. Natürlich plagte sie ihr schlechtes Gewissen, das sie dadurch versuchte zu kompensieren, sämtliche guten männlichen Freunde viel Zeit mit Max verbringen zu lassen, vom Fußball spielen bis zum Zelten, das komplette Vater-Sohn-Programm eben. Max war ein helles Köpfchen und fand, dass er ein Recht darauf hatte zu erfahren, wer sein Vater war, und ich unterstützte ihn darin. Helene knurrte immer: »Ja, wenn die Zeit gekommen ist!«, was alles andere als befriedigend, aber immerhin ein Anfang war.

Omi trug ihr silbergraues Kleid passend zum schwarzen Haar mit silbernen durchwobenen Strähnen und hielt sich aufrecht. »Ich habe zur Feier des Tages im Waldhaus eine Kleinigkeit vorbereiten lassen …!« Mit gurrendem Lachen hakte sie sich bei mir ein. Auf dem Weg nach draußen entfernte ich noch schnell meine aufgeklebten Augenbrauen und gab volle Sicht auf Ernie und Bert frei - was Jasper ein »Woah, jetzt verstehe ich alles! Wächst das wieder raus?« entlockte - und los ging es.

Das Waldhaus lag direkt am Englischen Garten und verdankte seinen Namen dem alten Waldbestand, der den Park mitten in Schwabing säumte. Das verwunschene Grundstück endete nah am Eisbach und war zusammen mit der denkmalgeschützten Gründerzeitvilla so wunderschön, dass es einem den Atem verschlug, wenn man dieses Kleinod das erste Mal entdeckte. Man vergaß, wo man war, so ruhig und entlegen wirkte dieses Stück Erde, nur das Plätschern des Wassers und die Vögel waren zu hören. In diesem Paradies war ich aufgewachsen! Meine Großeltern hatten damals das Waldhaus nach dem Krieg günstig kaufen können, aus eigener Kraft fast alles selbst renoviert und dann das Gästehaus, wie sie es nannten, eröffnet. Nur zwölf Zimmer hatte das Hotel Waldhaus, dafür machten das alte Haus und das große Grundstück enorm viel Arbeit und verschlangen Unmengen an Geld für die Instandhaltung. Meine Eltern waren früh mit eingestiegen und hatten bis zu ihrem Tod geschuftet, um den Familienbetrieb profitabel zu machen, was ihnen auch gelungen war. Zwar waren keine hohen Summen dabei rausgesprungen, aber immerhin waren schwarze Zahlen geschrieben worden. Nach dem Tod meiner Eltern führte Omi das Gästehaus allein weiter, was ihr viel Kraft abverlangte. Helene und ich halfen, wann immer wir Zeit hatten, aber das meiste blieb an ihr hängen. Nicht, dass es sie quälte, Omi war geradezu geschaffen für diese Arbeit. Sie liebte Menschen, Geselligkeit und wollte Gästen ein Zuhause schaffen. Es gab einige, die seit Jahren kamen und dem Waldhaus die Treue hielten. In den letzten zwei Jahren allerdings mutierte der Hotelbetrieb zu einem Fass ohne Boden, ein reines Zuschussgeschäft. Nicht selten landeten fast meine gesamte Gage und immer wieder Teile meiner Ersparnisse im Waldhaus; ich konnte nicht anders: Es war das Vermächtnis meiner Eltern, meine Kindheit, mein Zuhause. Ich war mir nicht sicher, woran es lag, ob es die immer wieder anfallenden Renovierungen waren oder ob Omi langsam den Überblick verlor. Dabei gab es so vieles, was dringend modernisiert werden müsste. Auch ein Anbau und eine kleine Wellnessoase wären wichtige Investitionen, wenn wir konkurrenzfähig bleiben wollten. Heute Abend mochte ich aber nicht länger darüber nachdenken, sondern feiern! Da es aufgrund meiner vielen Reisen in den letzten Jahren keinen Sinn gemacht hätte, eine Wohnung in München zu mieten, wohnte ich immer im Waldhaus bei Omi, wenn ich da war. Das wollte ich jetzt ändern und war auf Wohnungssuche, denn sosehr ich Omi und das Hotel liebte, ich brauchte endlich einmal mein eigenes Reich, nicht zuletzt Jasper wegen. Er war heute zum ersten Mal im Waldhaus - bislang hatten wir uns immer in seiner Wohnung getroffen - und rief hingerissen: »Dass es so ein Hotel heutzutage noch gibt, entgegen jeder amerikanisierten gleich gemachten Hotelkette! So persönlich, liebevoll und voller Geschichte! Vor allem so geschmackvoll eingerichtet! Mich wundert es, dass das nicht viel bekannter in München ist, allein wegen der Lage!« Er kam aus dem Schwärmen gar nicht mehr raus, was ihm ein paar Pluspunkte mehr bei Omi und Helene einbrachte, deren Herzen ebenso am Waldhaus hingen wie meins.

»Folgt mir!«

Omi ging mit forschem Schritt in den privaten Bereich, wo sie im eleganten Salon ein kleines Büfett mit selbst belegten Broten, Nudelsalat und meinem Lieblingskäsekuchen aufgestellt hatte. Zur Feier des Tages gab es ausnahmsweise sogar Champagner, wofür ich ihr einen strafenden Blick zuwarf.

»Sekt oder Prosecco hätten es allemal getan, du weißt, dass ich den Unterschied kaum schmecke!«

Omi winkte ab.

»So ein Quatsch, nachdem du jahrelang durch die Welt getingelt bist, hast du endlich wieder in München gespielt! Außerdem, wo du jetzt sesshaft wirst, da darf es auch Champagner sein!«

Omi reichte uns allen ein Glas.

»Auf Clara und darauf, dass es mit der Stelle am Richter Konservatorium klappt!«

Darauf stieß ich gern an.

»Das gefällt mir mit dem Sesshaftwerden«, flüsterte mir Jasper ins Ohr. »Konnte ich mir bislang nicht vorstellen, aber mit dir schon … selbst Kinder wären drin!«

Schön, das zu hören, wäre langsam auch mal an der Zeit. Mit meinen Anfang dreißig waren Kinder für mich das zentrale Thema, denn dass ich Familie wollte, stand außer Frage. Am liebsten gleich drei! Jasper kannte ich zwar noch nicht so lange, und ob er, der Künstler, der so sehr Routine und normales Leben hasste, sich wirklich als Familienvater eignen würde, musste ich sehen, aber wer weiß, vielleicht waren ja gerade seine verrückten Ideen, seine Wärme und sein Enthusiasmus gut für Kinder. Spießig würden sie auf alle Fälle nicht aufwachsen.

»Wann hast du denn dein Vorstellungsgespräch bei Professor Bruckner?«

Helene konnte kaum erwarten, dass der Bewerbungsprozess losging und es besiegelte Sache war, dass ich die Stelle bekam. Der Wettbewerb war zwar groß, aber da ich persönlich vom Beirat des Konservatoriums angesprochen und empfohlen worden war, sah es gut für mich aus. Das Richter Konservatorium war eine private Hochschule, die über eine Stiftung finanziert wurde. Ende der siebziger Jahre wurde es vom Stardirigenten und Pianisten Leonhard Richter gegründet und genoss einen ausgezeichneten Ruf weit über die Landesgrenzen hinaus, was zum einen an den vielen erfolgreichen Musikern lag, die das private Konservatorium hervorbrachte, und zum anderen den vielen außergewöhnlichen Gastdozenten zu verdanken war, die ihr Know-how an die Studenten weitergaben. Das Auswahlverfahren der Studenten war, obwohl es sich um eine private Institution handelte, die einiges kostete, sehr streng. Zum Glück war München eine wohlhabende Stadt, und die Förderer der Stiftung waren spendabel, sodass pro Semester fünf Stipendien vergeben wurden, eines davon hatte ich vor vielen Jahren bekommen. Trotz der guten Voraussetzungen und Empfehlungen, was die Dozentenstelle anging, war ich mit voreiligen Freudensprüngen zurückhaltend.

»Erst den Bären erlegen und dann das Fell verteilen«, pflegte mein Papa zu sagen. Auf alle Fälle wollte ich diesen Job unbedingt, denn das dauernde Reisen und das Aus-dem-Koffer-Leben hatte ich gründlich satt! Inzwischen kannte ich jeden Flughafen auf der Welt, grüßte die Sicherheitsbeamten beim Check-in mit Vornamen und traute mir zu, sofort für eine Stewardess einzuspringen, falls Not am Mann wäre.

»Tee oder Kaffee? Den Tomatensaft mit Salz und Pfeffer?«

Wie oft war ich auf diesen Reisen einsam gewesen, wie sehr hatte ich Omi, Helene, Maxi und meine Freunde vermisst. Beziehungen hielt mein Job sowieso nicht aus, zum einen war ich einfach nie da, um auch mal Alltägliches zu teilen, und wenn ich da war, gab ich oft ein Konzert, bei dem ich dann im Mittelpunkt stand und zusätzlichen Verpflichtungen nachkommen musste. Dabei war ich keineswegs eine der Pianistinnen, die des Applauses wegen spielten. Das war ein willkommener Nebeneffekt. Nein, der Grund, weshalb ich all diese Strapazen, stundenlanges Üben, Reisen, Jetlag, zerbrochene Beziehungen und Heimweh auf mich genommen hatte, war schlichtweg die Liebe zur Musik und dass ich sonst keine sonderliche Begabung in einem anderen Bereich vorweisen konnte. Außerdem verdiente ich gutes Geld, mit dem ich Omi und das Waldhaus unterstützen und damit etwas zurückgeben konnte. Nie würde sie mich die Opfer spüren lassen, die sie für meine Ausbildung gebracht hatte, alles an ihr hatte eine gewisse Leichtigkeit, und nur zu gut konnte ich mir vorstellen, wie sie damals vor dem Abi nach Paris durchgebrannt war, mit diesem glutäugigen Franzosen, der ihr die Stadt der Liebe zeigen wollte. Passend zum Thema Liebe kam gerade Hubertus, die gute Seele des Hauses, um Getränkenachschub zu bringen. Er war deutlich jünger als Omi, arbeitete als Concierge und war außerdem verantwortlich für die Veranstaltungen im Haus. Er hatte ausgezeichnete Manieren, ein gepflegtes Äußeres und kam überhaupt nicht damit zurecht, dass Omi ihn unverfroren anflirtete und ihm ab und zu den Allerwertesten tätschelte. Auch jetzt wieder: »Wie aufmerksam, wie kann ich mich für deine Nachsicht nur bedanken?«

Bevor Hubertus antworten konnte, drückte sie ihm auch schon einen Kuss auf die Wange und kicherte fröhlich los. Hubertus räusperte sich verlegen und zog sich errötend zurück.

»Erklär mir das mit der Stelle bitte noch mal! Ich hab das noch nicht genau verstanden!«

Omi pflanzte mich in einen der gemütlichen Ohrensessel am Kamin, den Hubertus vorsorglich bei den herbstlichen Temperaturen eingeheizt hatte, und sah mich aufmerksam an.

»Die Richter Hochschule sucht für das kommende Semester einen neuen Dozenten, der die Meisterschüler unterrichten kann. Das ist ein sehr begehrter und lukrativer Job, der meistens auf Lebenszeit vergeben wird. Gleichzeitig bekommt man durch die Stelle ein festes Engagement in München und spielt dadurch fast alle Konzerte vor Ort. Da ich während meines Studiums Pädagogik belegt habe, sind meine Chancen für die Stelle ziemlich gut. Allerdings hat sich Amelie überraschend auch auf die Stelle beworben!«

Beim Namen »Amelie« zuckten alle zusammen.

»Wieso will die denn sesshaft werden? Ich kann mich genau an eines ihrer affigen Interviews erinnern, indem sie großkotzig von sich gab: ›Paris, New York, Tokio, ich bin in der Welt zu Hause. Ich brauche diese Reisen in andere Kulturen, als Kosmopolitin engt mich Deutschland ein!‹« Helene äffte Amelie perfekt nach, sie hatte aber auch jahrelang Zeit gehabt, sie genau zu studieren. Auch wenn diese Konzertwelt so gar nicht die meiner Familie war, zeigten sie sich stets interessiert. Und solange ich nach wie vor zum Kegeln mitkam und lieber in den Biergarten anstatt ins Sternerestaurant ging, war alles in Ordnung.

»Ich habe von einer Kollegin gehört, dass Amelie von ihrer Mutter verkuppelt werden soll. Angeblich mit Benedikt Steiniger!«, ließ ich die Katze aus dem Sack.

Jasper lachte erstaunt.

»Meinst du den Benedikt Steiniger, der für den Stadtrat kandidiert? Der Sohn des ehemaligen Vorstands von Schickl, Jurist und Burschenschaftsvorsitzender? Der mit der Schleimtolle und dem Teiltoupet auf dem Kopf?«

Ich nickte.

»Genau der Benedikt Steiniger, der seine Mutter seine engste Vertraute und beste Freundin nennt und in seinem Leben genau auf einer Demo war, und die war FÜR die Fuchsjagd. Er ist das, was man eine gute Partie nennt. Amelies Mutter ist bereits länger auf Brautschau, aber Benedikt Steiniger soll es werden, die Familien seien sich zumindest einig, hört man.«

Helene schüttelte sich angewidert.

»Das ist ja wie früher bei Hofe, wo nach Ländern verheiratet wurde oder danach, wer die frischesten Gene in die Familie einbringt. Also diesen Schleim-Steiniger würde ich nicht mal anfassen, wenn mir jemand liquid Ecstasy ins Glas gemischt hätte!«

Das war eine Vorlage, die ich natürlich nicht unbeantwortet lassen konnte.

»Ah ja? Und wen genau würdest du auf liquid Ecstasy anfassen? Wer wäre denn dein Typ?«

Helene zog genervt die Mundwinkel auseinander.

»Netter Versuch, Schwesterlein!«

Na gut, sie war einfach noch zu nüchtern … aber apropos liquid Ecstasy … benutzte das amerikanische Militär nicht diese Wahrheitsdroge? Wo hatte ich das bloß gesehen? Bei James Bond? Wo kam man wohl an das Zeug ran, ob es auffiel oder sogar strafbar war, im Internet danach zu suchen? Wenn Helene in diesem Jahr nicht das Geheimnis um Maxis Vater lüftete, würde ich meine Nachforschungen mithilfe dieser Wahrheitsdroge vertiefen. Maxis ausgiebiges Gähnen unterbrach jäh meine 007- Pläne, ich sah auf die Uhr, es war nach Mitternacht, und langsam machten sich auch bei mir Erschöpfung und Müdigkeit breit. So war das meistens nach einem Konzert. Erst der Adrenalinrausch, dann Freude und Erschöpfung, und manchmal schlichen sich Leere und Einsamkeit ein. Aber nicht heute, heute war ich einfach nur entspannt. Gerade wollte ich Jasper zum Aufbruch drängen, als Omi verschwörerisch zu mir herüberblinzelte.

»Für euch Turteltäubchen habe ich eine Überraschung, ich habe euch Zimmer 8 frei gehalten!«

Zimmer 8 war das schönste und größte Zimmer im Waldhaus, eine Art Suite mit Fischgrätenparkett, eigenem Kamin, Blick auf den Englischen Garten und einem wunderschönen geschwungenen Messingbett.

Ich juchzte und fiel Omi um den Hals.

»Danke! In Zimmer 8 habe ich das letzte Mal geschlafen, als ich meine Meisterprüfung bestanden habe. Am Morgen habt ihr mir sogar Frühstück ans Bett gebracht!«

Omi drückte mich fest an sich und kicherte.

»Ja, aber das Frühstück willst du morgen bestimmt nicht ans Bett, wenn so ein schmucker junger Mann darin liegt, oder?«

Auweia, die Stimmung stieg, das Niveau sank, nichts wie ins Bett, bevor es noch schlüpfrig wurde!

Kapitel 2
Blutsbrüder

»Wir sind hier drüben, bei den Kürbissen!«, rief Jasper und gab mir wild mit den Armen wedelnd Zeichen. Mein Herz rutschte mir in die Hose, nicht weil ich Angst vor Gemüse hatte, nein, die Kürbisse waren lauter kleine Knirpse. Wir befanden uns an der Maria Hilf Grundschule, wo an diesem Tag das alljährliche Herbstfest stattfand. Mein erhöhter Puls war darauf zurückzuführen, dass ich im Begriff war, Jaspers Familie zu treffen. Zum ersten Mal! Ein großer Moment und ein ungewöhnliches Ambiente, aber Jaspers Nichte Nele gab mit ihrer Klasse ein Erntedankfest-Theaterstück zum Besten. Nele spielte einen der Kürbisse, was die gesamte Familie bewundern wollte. Jasper umarmte mich, nahm mich an die Hand und führte mich zu seinen Eltern.

»Das ist Clara!«, seine Augen leuchteten vor Stolz, als er mich vorstellte.

»Ich bin Ulrike, und das ist mein Mann Georg!«

Georg winkte hinter einer Videokamera hervor, die er für Neles großen Auftritt versuchte, zum Laufen zu bekommen. Ulrike war eine attraktive Frau Anfang sechzig mit kurzem dunklem Haar. Sie hatte kluge Augen und die richtige Sorte Falten, also keine hängenden Mundwinkel, sondern kleine sympathische Lachfalten und ein paar interessante Denkfalten. Wenn ich Menschen und ihre Gesichter betrachtete, musste ich oft an Albert Schweitzer denken, der einmal gesagt hatte: »Mit zwanzig hat jeder das Gesicht, das Gott ihm gab, mit vierzig das Gesicht, das das Leben ihm gab, und mit sechzig das Gesicht, das er verdient!« Georg, Jaspers Vater, war früher bestimmt ein richtig gut aussehender Mann gewesen, heute trug er ein gemütliches Bäuchlein, seine grauen Haare waren merklich ausgedünnt, aber sein Blick war wach und herzlich. Man sah ihm an, dass er ein Genießer war.

»Freut mich, wir haben schon viel von dir gehört. Ulrike hat sogar zwei deiner CDs. Beethoven und Chopin, glaube ich. Jasper hat uns erst eine feste Freundin vor dir vorgestellt und das war,, mit achtzehn! Du musst ihn also schwer beeindruckt haben«, legte Georg fröhlich los, unbeeindruckt von Ulrikes dezentem Tritt vors Schienbein. Ich mochte die beiden auf Anhieb und sie mich, wie es mir schien.

»Und du bist Nele?«, fragte ich das kleine Mädchen im Kürbiskostüm mit den glatten haselnussbraunen Haaren, die schulterlang geschnitten waren. Sehr glücklich sah sie nicht aus. Sie nickte mit zusammengekniffenem Mund. Jasper und seine Eltern sprachen ihr gut zu und versuchten, ihr die Freude an der Aufführung nahezubringen. »Marie und Luna sind doch auch Kürbisse. Ihr habt bestimmt viel Spaß zusammen!«

Nele zuckte mit den Schultern und war nicht aufzuheitern. Wo waren denn bitte ihre Eltern? Ich fragte Jasper.

»Valentin wird bestimmt wieder von den anderen Müttern festgehalten, sein Fanclub. Die finden ihn sooo toll, dass sie ihn immer gleich umzingeln!«, rollte Jasper gespielt entnervt die Augen.

»Und warum ist er so beliebt? Tauscht er tolle Kochrezepte aus, oder weiß er am besten, wie man das Silberbesteck sauber bekommt?« Kichernd versuchte ich, die Anspannung aus meinem Körper zu vertreiben.

»Weder noch, er gibt ihnen Tipps, was sie für ihre Männer drunterziehen könnten, damit mal wieder was im Bett läuft!«, hörte ich eine tiefe Stimme spöttisch antworten. Vor mir stand Valentin, Jaspers älterer Bruder, der keinen Zweifel daran ließ, wie bescheuert er mich und meinen Kommentar fand.

Das konnte ja heiter werden!

»Ich bin Clara!«, stotterte ich und schickte »Jaspers Freundin« hinterher, was keinen großen Eindruck zu schinden schien.

»Dass du nicht Papas Freundin bist, dachte ich mir schon!« Valentin grinste herablassend, woraufhin Ulrike ihn zugleich erstaunt und strafend anblickte. Das also war Jaspers Bruder! Unterschiedlicher hätten die beiden nicht sein können. Während Jasper hellbraune gewellte Haare und blaue Augen hatte, insgesamt ein sonniger Typ mit weicheren Gesichtszügen, war Valentin eindeutig nach Ulrike geraten, markant gezeichnete Gesichtskonturen und schwarze kurze Haare. Auch vom Charakter her schienen sich die Brüder ungefähr so zu ähneln wie Grünkohl und Curry. Jasper, offen, lustig, verspielt, Valentin, allem Augenschein nach distanziert, kühl, ernster - ein typischer älterer Bruder eben. Zum Glück war Nele Hauptperson, und schnell konzentrierten sich alle auf sie. Valentin, eben noch ein echtes Ekelpaket, ging zu Nele, sprach mit ihr, und ein paar Minuten später lachte sie und ging bereitwillig an seiner Hand zur Bühne. Wir wurden gebeten, uns in der holzvertäfelten Aula einzufinden, wo Jasper schon für uns alle eine Stuhlreihe frei gehalten hatte. Ganz links saßen seine aufgeregten Eltern, bepackt mit Videokamera und Fotoapparat, dann kam Valentin. Ich ging vor Jasper in die Reihe hinein und ließ neben Valentin den Platz frei, für seine Frau. Valentin schaute überrascht zu mir herüber. »Stink ich, Lara, oder weshalb sitzt du da drüben?« Diese Unverschämtheit und sein Blick, in dem lässiges Desinteresse lag, verschlugen mir fast die Sprache.

»Na ich dachte, ich lass Platz für Neles Mutter«, erklärte ich.

Valentin drehte nur kurz den Kopf zu mir.

»Die macht lieber Werbung für Blasenschwäche und kommt nicht, Lara!«

»Ah, Clara, nicht Lara!«

»Wie?«

»Ich heiße Clara und nicht Lara!«

Valentin nickte kurz.

»Ach so, alles klar!« Doch leise murmelte er: »Ob es lang genug hält, um sich das zu merken?«

Mir stieg die Galle hoch, was man mir sofort ansah, denn meine blasse Haut wurde in solchen Situationen von roten Flecken übersät. Immerhin passend zum Farbton meiner Haare.

Jasper nahm beschwichtigend meine Hand und setzte sich zwischen Valentin und mich.

»Er macht gerade 'ne schwere Zeit durch«, flüsterte er mir entschuldigend zu.

Ach was! Hätte ich so gar nicht gemerkt, bei seiner charmanten Art. »Ein paar Infos vorab über deine Familie wären durchaus hilfreich gewesen!«, zickte ich Jasper leise an, der bekümmert dreinblickte. Das war typisch Jasper, den Kopf voller Ideen, erzählte mir alle möglichen Kindheitsgeschichten, aber die wirklich wichtigen Details vergaß er einfach oder ließ sie weg.

Schuldbewusst nutzte Jasper die wenigen Minuten, bis das Theaterstück begann, und wandte seinem Bruder den Rücken zu, um mir im Schnelldurchlauf die wichtigsten Infos ins Ohr zu raunen. »Valentin ist von Haus aus BWLer, er war bis vor einem halben Jahr in einem hochdotierten Job als Manager bei einem Pharmakonzern in Hamburg. Bis Jutta, seine Frau, auf die Idee kam, sich ihren Kindheitstraum zu erfüllen. Sie wollte immer schon Schauspielerin werden und macht Neles Geburt dafür verantwortlich, dass aus der Weltkarriere nichts geworden ist. Also hat sie mit neunundzwanzig noch mal alles auf eine Karte gesetzt und lebt seither in Berlin. Sie besucht eine private Schauspielschule und kommt alle Schaltjahre mal in München vorbei, meistens, wenn irgendein Casting ansteht.«

»Und hat diese Jutta Talent?«, fragte ich leise. Die Frage, ob sie überlegte, sich einen Künstlernamen zuzulegen, verkniff ich mir.

»Valentin meint, sie hat nicht mehr Talent als eine Eckbank …«

Jetzt hätte ich fast losgeprustet, konnte mich aber im letzten Moment noch fassen.

»Und wieso sind Valentin und Nele hier in München?«

Jasper sah sich kurz nach seinem Bruder und seinen Eltern um, die jedoch selbst gerade in Gespräche verwickelt waren. Valentin hatten gleich zwei befreundete Mütter aus der Reihe hinter uns in Beschlag genommen.

»Er hat unseren Eltern zuliebe den Job gekündigt und ist hergezogen, um sich um den Betrieb zu kümmern … während der Finanzkrise hat Vater den Betrieb fast in den Ruin geführt, weißt du, wenn jemand die Lehman Brothers für 'ne Band hält, sollte er lieber seine Finger von Finanzgeschäften lassen … und außerdem hat Nele durch den Umzug ihre Großeltern um sich, die sie über alles liebt.«

Jetzt wurde mir auch klar, warum die Mütter so auf Valentin flogen. Er war quasi ein alleinerziehender Vater, und dazu noch ein cooler, gut aussehender und vor allem alleinstehender. Auch wenn Charme nicht seine hervorstechendste Eigenschaft war, schien er ein paar gute Eigenschaften wie Verantwortungsgefühl und Familiensinn zu haben. Das kam bei diesen Frauen anscheinend gut an.

Das Licht in der holzvertäfelten Aula wurde gedimmt, und der schwere rote Samtvorhang öffnete sich langsam, Jasper musste seinen Einführungskurs in die Verhältnisse seiner Familie beenden, denn das Herbststück begann.

Singende Bienchen, tanzende Weizenfelder und sprechende Kürbisse spielten mit vereinten Kräften und einer Ernsthaftigkeit, dass es mich geradezu rührte. Nele meisterte ihren Auftritt mit Bravour und war mit Abstand das talentierteste Kind auf der Bühne. Georg hantierte hektisch mit der Videokamera herum, und Ulrike sprach aufgeregt den Text mit, den sie offensichtlich mit Nele eingeübt hatte, und musste sich immer wieder ein paar Tränen wegwischen. Wenn Valentins Einschätzung stimmte, was das Talent von Neles Mutter betraf, so blieb sie dieser Aufführung vielleicht auch deshalb lieber fern, weil es schmerzte, wenn das eigene Kind von Natur aus mitbrachte, worum man sich selbst erfolglos bemühte. Ich mahnte mich, Jutta nicht vorschnell zu verurteilen, aber bei allem, was ich gehört hatte, hielt ich sie jetzt schon für eine blöde Kuh. Valentin hingegen saß mit geschwellter Brust und typischem Papalächeln da und rief nach Neles Auftritt begeistert »Bravo« dazwischen. Jaspers Familie war einfach liebenswert, ja sogar Valentin schien zumindest, was seine Tochter betraf, ein Herz zu haben. Und als der gespielte Zyklus vom Säen, Pflanzen, Gießen und Ernten beendet wurde, tobte der Saal. Die Kürbisse und alle anderen verkleideten Kinder kamen zum Applaus Hand in Hand auf die Bühne, verneigten sich glucksend und kichernd mit hochroten aufgeregten Köpfen.

»Kommt mit, wir holen Nele ab!«, forderte Valentin uns auf.

»Ach, das ist nur was für euch junge Leute, zwischen so vielen Kindern«, sagte Ulrike. »Wir warten lieber draußen auf euch.«

»Okay, und ihr?« Valentin sah seinen Bruder kurz an und ging auch schon Richtung Bühne. Ich fragte mich, ob er mich überhaupt dabeihaben wollte, aber es blieb mir keine Wahl, denn Jasper zog mich im selben Moment auch schon mit.

In dem Klassenraum, der als Garderobe diente, herrschte ein reges Treiben und Durcheinander. Die Kinder versuchten, sich teils allein, teils mithilfe der Lehrer aus ihren Kostümen zu schälen, hier suchte jemand einen Schuh, dort fehlte eine Brille, und mittendrin stand Nele, die glücklich lächelte. Valentin ging zu ihr und wirbelte sie durch die Luft.

»Toll hast du das gemacht! Hat's Spaß gemacht?«

Nele nickte.

»Ich will aber trotzdem Tierärztin werden. Schauspielerin ist doof!«

Ich ahnte, was in Nele vorging. Die meisten Mädchen in ihrem Alter träumten davon, Schauspielerin, Sängerin oder Tänzerin zu werden, eher der Aufmerksamkeit wegen. Auch wenn Nele offensichtlich Talent hatte, so verband sie die Schauspielerei mit ihrer Mutter, die sie genau deshalb im Stich gelassen hatte.

»Tierärztin finde ich einen tollen Beruf. Hast du selbst ein Tier?«, fragte ich Nele und half ihr aus dem Kürbiskleid aus Pappe. Nele schüttelte den Kopf. »Aber ich hätte gern eins«, sagte sie.

Das konnte ich gut verstehen, als Kind war ich selbst völlig tierverrückt gewesen. Zumindest bis die Musik Vorrang bekam. Wir hatten im Waldhaus Katzen gehabt, und mit meiner Mutter war ich oft in der Reitschule gewesen, um den Pferden zuzuschauen.

»Kennst du die Reitschule am Englischen Garten? Da müssen wir unbedingt mal hin Kuchen essen. Du sitzt da auf einer Bank am Glasfenster, und durch das Fenster siehst du die Pferde in der Reithalle!«

Nele schien von meiner Idee begeistert zu sein und strahlte, ich mochte sie. Aber vielleicht sollte ich mich wegen Valentin mit solchen Vorschlägen besser zurückhalten. Ich zwinkerte Nele noch einmal zu und trat etwas zur Seite.

»Darf ich Sie mal kurz sprechen?«, fragte mich plötzlich ein junger Mann, ohne eine Antwort zu erwarten. »Ich bin so froh, dass Sie doch gekommen sind. Nele war es so wichtig! Sie hat bei den letzten Proben andauernd davon gesprochen, dass sie hofft, dass Sie kommen werden. Und wie Sie sehen, war Ihre Anwesenheit gut, denn Nele hat offensichtlich Ihr Talent geerbt. Ich würde sie gerne in die Theatergruppe aufnehmen. Wir spielen leichte Stücke, die spielerisch sind, und üben ein Mal die Woche!«

»Ah, ich bin gar nicht …«, hatte ich begonnen, die Situation aufzuklären, als plötzlich Valentin neben mir stand.

»Herr Maienstein, ich sprach gerade mit Ihrer Frau, dass Nele unbedingt in die Theatergruppe gehört, finden Sie nicht auch?«

Valentins tiefe Falte, die sich zwischen seinen Augenbrauen abzeichnete, markierte deutlich eine andere Meinung.

»Das ist nicht meine Frau, sondern Lara, die neueste Errungenschaft meines Bruders, und ob Nele in die Gruppe möchte, bespreche ich erst mal mit ihr. Wir sagen dann Bescheid!«

Valentin schubste mich vor sich her zur Tür, wo Nele und Jasper bereits auf uns warteten.

»Clara, nicht Lara! Ich heiße …!«

Valentins wütend funkelnde Augen ließen mich verstummen.

»Was fällt dir eigentlich ein, dich in Dinge einzumischen, die dich so gar nichts angehen?«, zischte er mir ins Ohr. »Nur weil mein Bruder es ausnahmsweise mal ernster meint und seine neueste Gespielin mit zu einem Familienausflug bringt, gibt dir das noch lange nicht das Recht, in unseren Angelegenheiten mitreden zu wollen. Nele hat genug Unsicherheiten hinter sich, da braucht sie nicht noch eine neue Tante, die sie groß rausbringen will, verstanden?«

Mir blieb vor Empörung die Luft weg, aber zum Glück nicht die Spucke, denn vor lauter Aufregung zischte ich mit deutlich feuchter Aussprache zurück: »Ich hoffe, dass du die Tabletten, die du nimmst, gut versteckst, immerhin hast du ein Kind in deiner Obhut, und diese Wahrnehmungsstörungen, die du hast, sind ja schon bei Erwachsenen sehr gefährlich! Ich hab keine Ahnung, was ich dir getan habe, dass du dich so bescheuert verhältst, aber dieser Lehrer eben nahm an, ich sei Neles Mutter. ER sprach MICH an, und bevor ich das richtigstellen konnte, bist du schon in deiner erfrischenden Art dazwischengeplatzt. Übrigens, Nele hatte gehofft, dass ihre Mutter kommt, und sie hat wohl von nichts anderem gesprochen in den Proben. Vielleicht konzentrierst du dich mal darauf, wenn dein Gehirn schon nicht dazu reicht, sich einen einfachen Namen wie Clara zu merken, Walter!«

Ha! Das hatte gutgetan.

»Was ist denn passiert?«, fragte Jasper, als wir durch das Gedränge hindurch an der Tür angekommen waren.

Ich winkte ab und wollte am liebsten nur noch nach Hause, aber Jasper hielt mich zurück. »Nichts da, du kommst mit zu meinen Eltern, wir trinken noch was. Ich rede mit Valentin! Bestimmt belastet ihn irgendwas anderes. Was immer er auch gesagt hat, nimm das nicht persönlich.«

Ich versuchte mich zu beruhigen. Vielleicht hatte Valentin auch nur ein Problem mit meinen roten Haaren. Das gab es häufiger, als man meinen sollte, ja, auch heute noch!

Auf dem Weg zum Auto sah ich, wie Ulrike ihr Handy nahm und unauffällig etwas eintippte. Sie sprach kurz mit jemandem und rief dann Nele zu: »Kind, die Mama ist dran. Sie möchte wissen, wie dein Auftritt war.«

So schnell konnte ich gar nicht schauen, wie Nele angeflitzt kam. Freudestrahlend nahm sie das Handy in Empfang und berichtete ihrer Mutter am anderen Ende haarklein, wie alles gelaufen war.

»Opa hat alles gefilmt, und Papa sagt, wir können das hochladen, und dann siehst du es übers Internet!«

Nele strengte sich sehr an, ihre Mama stolz zu machen. Das spürte man. Doch diese Mama war nicht einmal in der Lage, ihr Kind selbst anzurufen … Zum Glück hatte Nele all die anderen Bezugspersonen hier, die sie über alles liebten.

Jasper hatte mich bereits vorgewarnt, dass seine Eltern nicht im Zentrum wohnten, was milde untertrieben war. Wir fuhren fast eine halbe Stunde, bis wir zur Stadtgrenze Münchens gelangten. Sobald ich das große Gelände mit den drei Häusern sah, war mir auch klar, weshalb. Für eine Brauerei brauchte man Platz, und der war im Münchner Zentrum sicherlich unerschwinglich. Die schmale Straße führte durch eine Kastanienallee auf das großzügige Anwesen. Hier gab es ein Haupthaus, in dem das Geschäft und der Ladenverkauf untergebracht waren. Es handelte sich um ein altes Fachwerkhaus mit schönen Holzrahmenfenstern, die von Weinlaub umwachsen waren.

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