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Heute ist für immer

INHALT

  1. Cover
  2. ÜBER DIE AUTORIN
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Dienstag, 14. August
    1. MARLEEN
    2. HEINRICH
    3. MARLEEN
    4. HEINRICH
  6. Mittwoch, 15. August
    1. MARLEEN
    2. HEINRICH
    3. MARLEEN
    4. HEINRICH
    5. MARLEEN
  7. Donnerstag, 16. August
    1. HEINRICH
    2. MARLEEN
    3. HEINRICH
  8. Freitag, 17. August
    1. MARLEEN
    2. HEINRICH
  9. Sonntag, 19. August
    1. MARLEEN
  10. Montag, 20. August
    1. HEINRICH
  11. Dienstag, 21. August
    1. MARLEEN
    2. HEINRICH
    3. MARLEEN
    4. HEINRICH
  12. Samstag, 25. August
    1. MARLEEN
    2. HEINRICH
  13. Samstag, 1. September
    1. MARLEEN
  14. Dienstag, 4. September
    1. HEINRICH
  15. Mittwoch, 5. September
    1. MARLEEN
    2. HEINRICH
  16. Samstag, 8. September
    1. MARLEEN
  17. März 1962
    1. HEINRICH
  18. Sonntag, 9. September
    1. MARLEEN
    2. HEINRICH
    3. MARLEEN
  19. Montag, 10. September
    1. HEINRICH
  20. Samstag, 15. September
    1. MARLEEN
  21. Montag, 17. September
    1. HEINRICH
    2. MARLEEN
    3. HEINRICH
  22. Dienstag, 18. September
    1. MARLEEN
  23. Mittwoch, 19. September
    1. HEINRICH
    2. MARLEEN
  24. Donnerstag, 20. September
    1. HEINRICH
  25. Freitag, 21. September
    1. MARLEEN
    2. HEINRICH
  26. Sonntag, 23. September
    1. MARLEEN
  27. Montag, 24. September
    1. HEINRICH
    2. MARLEEN
    3. HEINRICH
    4. MARLEEN
    5. HEINRICH
    6. MARLEEN
    7. HEINRICH
  28. EPILOG
  29. VIELEN DANK AN

ÜBER DIE AUTORIN

Mirjam Müntefering, geboren 1969 im Sauerland, studierte Theater- und Filmwissenschaften sowie Germanistik, arbeitete als Fernsehredakteurin und schrieb bereits zahlreiche Jugendbücher und Romane für Erwachsene. Nachdem sie mehrere Jahre lang eine eigene Hundeschule betrieb, konzentriert sie sich inzwischen ganz aufs Schreiben. Sie lebt mit ihrer Partnerin und ihren Hunden auf einem alten Bauernhof im Ruhrgebiet.

MIRJAM
MÜNTEFERING

HEUTE ist
für IMMER

ROMAN

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Dienstag, 14. August

MARLEEN

In den vergangenen eineinhalb Jahren hat sie ein untrügliches Gespür dafür entwickelt, wann er auftauchen wird. Als seien ihr Fühler gewachsen, mit denen sie seine Nähe ertasten kann, feinste Antennen, die sie vorbereiten auf seinen Anblick, seine Stimme, seinen Geruch.

Und tatsächlich. Als sie sich vom Herd, auf dem die Pastasoße köchelt, abwendet und aus dem Fenster im vierten Stock sieht, parkt sein winziger Wagen gerade auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein.

Kann ein rückwärts einparkender, uralter Mini Cooper erotisch sein?

Ja, entscheidet Marleen. Wenn man die schlanken, geschickten Hände, die das Steuer umfassen, so genau kennt. Wenn man die beweglichen Finger stundenlang dabei beobachtet hat, wie sie über die weißen und schwarzen Tasten eines Klaviers tanzen. Sie anschließend auf der Haut gespürt hat, auf den Augenlidern, zart wie ein Schmetterling, auf der Wange, der Brust, dem Bauch.

Sie muss lächeln.

Manchmal kommt es ihr so vor, als rinne ihr ganzes bisheriges Leben durch einen Trichter, in den man nach und nach nur die feinsten Zutaten gibt. Zunächst die warmherzige Liebe der Eltern, die erst so spät Vater und Mutter wurden und ihrer einzigen Tochter ermöglichten, stets ihren eigenen Interessen und Wünschen zu folgen. Dann die vielen Geschichten, die in ihrer Kindheit aus den Büchern zu ihr ins Zimmer sprangen und ihre Fantasie beflügelten. Die Freude, wenn sie mit der Laientheatergruppe in ihrem Dorf auftreten durfte. Und schließlich die allmählich wachsende Gewissheit darüber, wohin der eigene Lebensweg führen würde.

All diese Erfahrungen scheinen zusammengeflossen zu sein, scheinen sich gemischt zu haben in einem wohligen, lebendigen Strudel. Und so kann sie heute die glücklichen Momente genießen, in denen sie auf die Bühne des imposanten Hamburger Schauspielhauses hinaustritt, diese Momente, die die Knie weich und das Herz so weit machen. Denn dann ergreift sie das herrliche Gefühl, angekommen zu sein.

Und jetzt ist es Zeit, dass ein neuer, ein ganz besonderer Abschnitt beginnt.

Marleen legt die Hände auf ihren mittlerweile schon sehr runden Bauch. Es dauert nicht lange, und der kleine Mensch darin antwortet dem sanften Druck mit einem zarten Tritt. Wieder muss Marleen unwillkürlich lächeln.

Wo es wohl passiert ist? Vielleicht auf dem violetten Satinlaken, das sie manchmal aufzieht, nicht um darauf zu schlafen, sondern nur, um darauf die Liebe zu genießen – einfach, weil es so herrlich verrucht aussieht? Vielleicht war es aber auch in Florians schöner großer Altbauwohnung in Ottensen? In seinem mit weißem Leinen bezogenen antiken Jugendstilbett, dessen exquisite Herkunft jedes Mal zur völligen Nebensache geriet, weil viel zu sensationell war, was darin geschah? Oder, wer weiß, vielleicht geschah es auch während eines ihrer romantischen Wochenenden in Marleens kleinem Häuschen in Fleckeby. Diesem Kleinod an der Schlei, Marleens ganzem Stolz und ihr gemeinsamer Lieblingsort. Natürlich ist es völlig egal, wo es geschehen ist. Aber es macht Spaß, sich an die vielen Gelegenheiten zu erinnern, denn eine davon könnte der Moment gewesen sein, der ihr den runden Bauch und diese unvergleichliche Vorfreude geschenkt hat.

Inzwischen ist ihr kleines Appartement erfüllt vom Duft der frischen Tomatensoße, und unten auf der Straße öffnet sich gerade die Fahrertür des Minis. Als ein langes, schlankes Bein in ausgeblichener Jeans erscheint, wendet Marleen sich rasch um und eilt zurück an den Herd. Doch auch jetzt, während sie mit den letzten Vorbereitungen für das Essen beschäftigt ist, lauscht sie ständig auf die Geräusche im Hausflur.

Als sie den Schlüssel im Schloss hört, beginnt ihr Herz zu rasen. Nach eineinhalb Jahren und trotz ihres Acht-Monats-Bauchs hat sich daran noch immer nichts geändert. Flo lässt ihr Herz schneller schlagen. Indem er zu ihr kommt. Einfach, weil er ein Teil ihres Lebens ist.

Der Wohnungsflur ist winzig. Irgendwo plumpst seine Tasche auf den Boden, und mit ein paar Schritten ist er bei ihr. Sie dreht sich nicht um, rührt geschäftig in der Soße, in die sie gerade die letzten frischen Kräuter gibt.

»Ich hatte schon gehofft, dass dieser sagenhafte Duft im Treppenhaus aus deiner Wohnung kommt«, sagt er zur Begrüßung.

Obwohl es eng ist zwischen Herd und Küchentheke, schmiegt er sich von hinten an sie, legt eine Hand auf ihre Schulter, die andere seitlich an ihren Bauch. Gut, dass sie sich vorhin die Haare hochgesteckt hat. Immer noch findet sie, dass sie diesem so erbarmungslos gutaussehenden Mann nicht viel zu bieten hat. Aber er liebt ihren Nacken, die feinen blonden Härchen dort, und er kann es auch jetzt nicht lassen, ihn sanft zu küssen.

»Wie geht’s meinen beiden Mädels?«

Marleen lacht.

»Du mit deinem Mädchen! Was ist, wenn es doch ein Junge wird? Dann kommt der arme Kleine mit einem handfesten Trauma zur Welt.«

Ihr Baby hat sich fest entschlossen, sein Geschlecht nicht preiszugeben. Noch bei keinem Ultraschall ist es der Ärztin auf Anhieb gelungen, es deutlich zu sehen. Und da Flo felsenfest überzeugt davon ist, es sowieso schon zu kennen, haben sie auch nie lange nachgeforscht. Es ist zu einem unterhaltsamen Spiel zwischen ihnen geworden.

»Echte Kerle haben nichts dagegen, hin und wieder wie ein Mädchen behandelt zu werden. Sie müssen sich schließlich nichts beweisen«, behauptet Flo und vergräbt seine Nase in ihrem Haaransatz. »Hm … hier riecht’s ja noch viel besser als in der Küche.«

Marleen schaltet alle Herdplatten ab und dreht sich vorsichtig zu ihm herum. Oft kann sie ihr Glück kaum fassen, wenn sie ihn ansieht. Natürlich stimmt es, dass die Schönheit der Dinge im Auge des Betrachters liegt, aber ganz ehrlich, Florian Steinbeck sieht auch ganz objektiv betrachtet einfach fantastisch aus.

Einen Meter zweiundachtzig, sehr schlank, souveräner Gang, aufrechte Haltung, verstörend grüne Augen unter markanten Brauen, ausgeprägte Wangenknochen, gerade Nase, sinnlicher Mund und ein Grübchen am Kinn. Nur seine braunen Haare, die ausschließlich nach dem Duschen ordentlich frisiert aussehen, stehen meist wild vom Kopf ab. Mal hier, mal da. Als wollten sie seinen ansonsten perfekten Auftritt mit einem lässigen Augenzwinkern kommentieren.

»Du bist ja komplett zerzaust.« Marleen greift in sein Haar und wuselt noch ein bisschen mehr darin herum. »Wie war es am Theater?«

Er verzieht das Gesicht.

»Borner nervt. Er will, dass ich die drei Eingangsszenen umschreibe.«

»Und? Hat er recht damit?«

»Natürlich nicht. Aber leider entscheidet nun mal er, ob das Stück gespielt wird oder nicht. Wird auf jeden Fall eine Menge Arbeit«, seufzt er.

Sie lösen sich voneinander. Flo greift nach dem Nudeltopf und schüttet die Spaghetti ins Sieb, während Marleen die Soße auf den Tisch stellt.

»So viel Arbeit, dass es in die nächste Spielzeit rutscht?«, erkundigt Marleen sich und hofft, dass es belanglos klingt.

Aber natürlich durchschaut er sie. Als er die Nudeln zum Tisch bringt, grinst er von einem Ohr zum anderen.

»Süße, gib es endlich auf. Selbst wenn du zu den Proben schon wieder einen flachen Bauch haben solltest, wird Borner dir die Rolle nicht geben. Auch wenn ich sie dir quasi auf den Leib geschrieben habe. Svenja ist dran. Sonst haut sie ab nach München oder Berlin. Und dann ist es vorbei mit deiner perfekten Zweitbesetzung.«

Marleen lächelt und füllt die Teller. Dass er es immer schafft, eine schlechte Nachricht wie eine gute aussehen zu lassen, ist eins der vielen Dinge, die sie abgöttisch an ihm liebt.

Flo kostet die Tomatensoße und schließt genießerisch die Augen.

»Wunderbar!«

Er ist wunderbar.

Aber die Soße ist ihr in der Tat auch wirklich gut gelungen. Marleen wickelt ein paar Spaghetti um ihre Gabel und erfreut sich an der Geschmacksexplosion an ihrem Gaumen.

Flo langt kräftig zu. Hungrig steckt er ganze Nudelknäule in den Mund und kaut mit selig geschlossenen Augen. Und zwischendurch schlägt seine Gabel auf dem Salatteller zu. Knackend verschwinden die frischen grünen Blätter zwischen seinen makellosen Zähnen.

»Caroline gibt am Samstag eine Party«, erzählt Marleen.

»Mmhhh?!«, macht Flo.

Auch mit vollem Mund gelingt es ihm, argwöhnisch zu klingen.

Marleens Schauspielkollegin und Freundin Caroline ist bekannt für ihre sagenhaften Motto-Partys und versetzt den wenig extrovertierten Flo damit stets in Angst und Schrecken.

»Keine Sorge. Nichts Besonderes. Nur was Kleines mit Freunden, angeblich, um ihre wiedergewonnene Freiheit zu feiern – wo es doch mit Mirko endgültig vorbei ist. Ich glaub aber, sie möchte sich eigentlich eher ablenken. Es macht ihr mehr aus, als sie zugeben will«, sagt Marleen und muss daran denken, wie lange sich die Streitereien zwischen Caroline und Mirko hingezogen haben. »Wir gehen doch hin, oder?«

Flo kaut ziemlich lange an seinem Bissen herum.

Marleen, die zwar nur mit einem vorsichtigen, aber immerhin zustimmenden Nicken gerechnet hatte, schaut irritiert auf.

»Flo?«

Es dauert eine ganze Weile, bis er endlich antwortet.

»Tut mir leid, aber ich …«

Sein Blick weicht dem ihren aus und irrt über den Tisch, als habe er dort einen wichtigen Gegenstand verloren.

Oh nein, dieses Gesicht kennt sie nur zu gut. Marleen wartet.

Aber Flo schweigt.

»Du hast vor, zu deiner Familie zu fahren, stimmt’s?«, fragt sie.

Endlich schaut er auf, und seine Augen sind ganz dunkel. Verdammt, verdammt. Sie hasst es, ihn so zu sehen, denn jetzt weiß sie, dass sie ins Schwarze getroffen hat.

»Ja. Am Wochenende gibt’s dort eine kleine Feier. Und ich dachte, ich sollte …«

Marleen seufzt und sticht mit ihrer Gabel ein wenig zu heftig in die restlichen Spaghetti auf ihrem Teller.

»Richtig, deine Mutter hat Geburtstag. Am 18. August. Nur zur Erinnerung: Letztes Jahr warst du auch allein dort und hast anschließend gesagt, dass du dir den Krampf in diesem Jahr ersparen willst.«

»Ich weiß«, sagt er gequält.

»Du warst tagelang … ach was, wochenlang mies drauf. Weißt du das nicht mehr?«

»Doch.«

»Doch?«

Ein längeres Schweigen erfüllt den Raum. »Sie hat doch nur mich …«, bringt er schließlich heraus. »Es würde sie und meinen Vater riesig freuen, wenn ich zur Feier komme.«

»Riesig freuen?! Hm. Waren es nicht deine Eltern, die ihr Geld zurückgefordert haben, als du dein Studium abgebrochen hast?«

»Ja, aber …«

»Und hast du deinem Vater damals nicht gesagt, dass – ich zitiere wörtlich – du es satthast, dass deine persönliche Freiheit immer nur so lange deine Freiheit ist, wie es der Familie in den Kram passt?«

»Stimmt. Aber …«

»Deine Mutter hat damals doch diesen tollen Vorschlag gemacht, oder? Du könntest deine Stücke auch in deiner Freizeit schreiben – wenn du nach zehn Stunden Arbeit in der Kanzlei nach Hause kommst. War es nicht so?«

»Ja«, seufzt Flo. »Aber …«

Er unterbricht sich und lauscht dem Wort nach, als könne er nicht recht glauben, dass er es in diesem Zusammenhang benutzt.

»Was ›aber‹?«, hakt Marleen nach.

»Aber im Grunde ist es nur mein Großvater, der …«, sagt er.

Marleen kennt den Rest.

Anfangs hatte Flo so gut wie gar nicht über seine Familie gesprochen, als würde diese reiche Patentanwaltssippe ein unaussprechliches Geheimnis umgeben. Doch als sie sich besser kannten und Marleen nach all den bunten Schmetterlingen im Bauch zum ersten Mal an ernsthafte Liebe dachte, erzählte Flo irgendwann von seinem Großvater. Davon, dass er nicht nur die Kanzlei, sondern auch die Familie wie ein Diktator im Griff habe.

»Hey, weißt du was? Ich hab eine Idee!«, sagt Marleen ein wenig munterer, um dem Gespräch die Schärfe zu nehmen. »Wie wäre es, wenn wir einfach zusammen hinfahren? Auch wenn ich nicht eingeladen bin.«

»Was?«, entfährt es ihm.

Seine sonst so angenehm männliche Stimme klingt plötzlich schrill.

»Ja, du sagst ihnen, es gibt eine riesige Überraschung. Das ist schließlich nicht gelogen. Es wird sie bestimmt umhauen, dass sie demnächst Familienzuwachs bekommen. Und das von einer … uuuhhh, Schauspielerin

Flo lacht. Aber es ist nicht sein übliches, herzliches und betörendes Lachen. Es klingt freudlos.

»Du weißt wirklich nicht, was das bedeutet. Sie würden dich in hohem Bogen rauswerfen. Und mich wahrscheinlich gleich mit.«

»Na und?«, erwidert Marleen trotzig. Sie greift nach seiner Hand. Das restliche Essen auf ihren Tellern ist mittlerweile kalt. »Flo, bitte. Lass uns doch endlich mit diesem Versteckspiel aufhören. Wie lange willst du das denn durchhalten?«

Es ist einfach unerträglich, wenn er ihr nicht in die Augen sehen kann. Sicher weiß er, dass sie recht hat. Er windet sich. Er möchte ihr zustimmen. Aber irgendetwas hindert ihn. Warum nur fällt ihm dieser Schritt so schwer?

Dann räuspert er sich. »Ich könnte doch auf der Geburtstagsfeier schon mal eine Andeutung machen. Quasi den Boden bereiten? Und dann, in ein, zwei Wochen, auf jeden Fall bald, lassen wir die Bombe platzen. Was meinst du?!«

Flo versucht sich an einem tapferen Grinsen. Doch seine Augen bleiben davon unberührt.

Marleen schüttelt den Kopf. »Du machst dir selbst was vor, Flo. Wenn es nach dir ginge, würden sie es nie erfahren. Langsam frage ich mich wirklich, was ich dir bedeute. Ich und … unser Baby.«

»Marleen!«, erwidert er voller Verzweiflung.

Mehr nicht. So viel Qual und Entsetzen liegt in diesem Ausruf, dass es ihr selber wehtut. Aber sie ist nicht mehr allein. Sie muss jetzt auch an ihr Baby denken und daran, dass sie sich auf Flo verlassen können will.

»Ja, Flo. Was bedeute ich dir eigentlich, wenn du nicht mal bereit bist, mich deinen Eltern vorzustellen?«

Er starrt sie fassungslos an, als wäre diese Sicht auf die Dinge für ihn völlig neu und unverständlich.

»Das hat doch nichts, wirklich überhaupt nichts mit dir zu tun, Marleen!«, stammelt er. »Es liegt doch nur an ihnen. Ich will dir das alles einfach nicht zumuten.«

»Florian«, sagt Marleen und ist selbst entsetzt über den Ernst und den Vorwurf, die in ihrer Stimme liegen. »Um eins ganz klarzustellen: Du musst keine Entscheidungen für mich treffen, auch nicht, wenn du glaubst, dass sie zu meinem Besten sind. Mag sein, dass ich nicht mehr viel mit deiner Familie zu tun haben will, wenn ich sie erst einmal kennengelernt habe. Aber das entscheide ich selbst. Verstanden? Es ist deine Familie, Flo. Das ist es, was für mich zählt. Es sind deine Eltern …«

Sie kann nicht weitersprechen. Ihre Kehle ist plötzlich wie zugeschnürt. Hilflos sucht sie seinen Blick. Wenn er sie doch nur anschauen würde, liebevoll, warm, wie sie ihn kennt. Vielleicht würde es dann nicht mehr so wehtun. Vater. Mutter. Er weiß doch, was diese beiden Worte für sie bedeuten. Wie ein Messerstich fühlt es sich an, wenn sie diese Worte hört. Ein Messerstich, den sie mit einem Lächeln ertragen muss, seit eineinhalb verdammten Jahren. Doch dieses Mal, vielleicht zum ersten Mal, spürt er anscheinend nicht, was in ihr vorgeht. Viel zu sehr scheint er gefangen zu sein in seinen eigenen Gefühlen, seinen eigenen Enttäuschungen. Er wendet sich ab, schiebt den Stuhl vom Tisch zurück.

»Sieh mich nicht so an.«

»Wie sehe ich dich denn an?«, fragt sie verwirrt.

Flo zögert kurz, doch dann sagt er: »Als hättest du alle Achtung vor mir verloren.«

Er klingt furchtbar.

»Hey, das ist doch Unsinn«, sagt sie sanft und will wieder nach seiner Hand greifen, doch er hat sie zurückgezogen. »Entschuldige, Flo, aber es kann doch wirklich nicht sein, dass ein über Achtzigjähriger eure ganze Familie terrorisiert. Er ist doch kein Sklavenhalter. Du bist nicht sein Eigentum!«

Marleen schaut Florian an. Etwas geht in ihm vor, das ihn ihr plötzlich ganz fremd erscheinen lässt.

»Und übrigens auch nicht deins«, sagt er dann kühl.

Marleen will aufspringen, aber ihr Bauch ist ihr im Weg. Sie zerrt an der Stuhllehne, strauchelt beim Aufstehen. Ihre Unbeholfenheit macht sie noch wütender, und auch, dass Flo die Hand ausstreckt, um sie zu stützen.

»Marleen«, sagt er fast flehend.

»Ach, vergiss es!«, faucht sie, stürmt in den Flur, nimmt den Schlüssel vom Haken und wirft die Tür mit einem lauten Knall hinter sich zu.

HEINRICH

Heinrich schließt den Tresor und lässt das Zahlenschloss einrasten. Der Entwicklungsbericht mit den aktuellen Messdaten für das neue Patent ist dort sicher aufgehoben, auch wenn diese Forschungsergebnisse zu einer neuen, platzsparenden Verpackung höchstwahrscheinlich sowieso keinen Industriespion hinter dem Ofen hervorlocken würden.

Ganz im Gegensatz zu dem Projekt, das er heute Abend hoffentlich ins Leben rufen kann.

Es geht um Küchenmaschinen. Kneten, rühren, häckseln, backen, kochen – alles, was das Hausfrauenherz begehrt. Klingt unspektakulär, aber das war bei der Erfindung des Reißverschlusses auch erst einmal nicht anders. Und heute ist er aus unserem Leben gar nicht mehr wegzudenken.

Genauso sind moderne Küchen nicht mehr ohne eine ständige Verbesserung der Arbeitsabläufe vorstellbar. Handliche, optimierte Küchenmaschinen haben da ihren festen Platz. Ein Unternehmen, das Millionen investiert, um sich als weltweiter Marktführer in diesem Bereich zu positionieren, ist der ideale Geschäftspartner. Da sollte es um etliche Patente pro Jahr, vielleicht sogar im Monat gehen. Eine Goldader. Und er hat sie entdeckt.

Heinrich geht über den weichen Teppich zu seinem ausladenden Schreibtisch und drückt auf den Knopf der Gegensprechanlage. »Frau Petersen, bitte bringen Sie mir noch einmal frischen Tee.«

»Sofort, Herr Steinbeck«, ertönt die Stimme seiner Sekretärin.

Heinrich stellt sich vor, wie sie von ihrem Schreibtisch im Vorzimmer aufsteht und in die kleine Teeküche geht. Dort wird sie den Wasserkocher füllen und anschalten. Dann spült sie eine der feinen, japanischen Teekannen mit heißem Wasser aus und gibt zwei Maßlöffel Ostfriesentee in die Aufgusskanne. Sie übergießt den Tee mit sprudelndem Wasser und stellt die kleine Uhr auf zwei Minuten. Dann gießt sie den Tee durch das Sieb in die Teekanne.

Heinrich schaut auf seine Armbanduhr und tritt an die Fensterfront.

Von hier aus hat er einen großzügigen Blick auf die Wasserwege in der Speicherstadt. Erst war er sich nicht sicher dabei gewesen, mit der Kanzlei in diesen Teil der Stadt zu ziehen. Paul hatte den Vorschlag gemacht, als die alte Kanzlei in Blankenese zu klein geworden war. Aber inzwischen fühlt er sich hier sehr wohl, und die Kunden wissen die Lage auch zu schätzen.

Er schaut auf das dunkle Wasser, in dem jetzt im August fortwährend diese grässlichen Touristenboote herumschippern. Bunt gekleidete Menschen, die ihre winzigen Fotoapparate vor ihre riesigen Sonnenbrillen oder, noch schlimmer, ständig ihre Handys in die Luft halten. Eine Unsitte. Schlimm genug, wenn sie auf Mallorca oder Gran Canaria so herumlaufen. Aber hier sind sie in Hamburg. Mitten in einer historischen Hansestadt voll edler Geschäfte und kultivierter Hotels, Restaurants und Museen. Unglaublich, wie wenig Stil und Benehmen die meisten Menschen heute noch besitzen.

Heinrich rückt seine Krawatte zurecht und zupft am Revers seines Anzugs. Obwohl er seit drei Stunden hier im Büro allein über den Unterlagen für die Verpackungsfirma sitzt, wäre er nie auf die Idee gekommen, sein Jackett auszuziehen. Tadellose Kleidung in jeder Situation ist ebenso selbstverständlich wie eine aufrechte Körperhaltung und das angemessene Benehmen.

Wieder ein Blick auf die Uhr. Er runzelt die Stirn. Wo bleibt nur sein Tee?

Dort unten wieder so ein Touristenboot, auf dem ein dicker Mann mit rotem Sonnenhut die Kamera hochreißt und ein Foto schießt, vielleicht von ihm, wie er hier hinter der Scheibe steht. Heinrich tritt einen Schritt zurück.

Kurze Zeit später klopft es an der Tür, und Frau Petersen erscheint.

»Das hat ja gedauert. Ist noch etwas anderes dazwischengekommen? Gibt es noch Nachrichten für mich?«, erkundigt Heinrich sich, während sie das Tablett auf dem Schreibtisch abstellt. Hoffentlich hat der Tee nicht zu lange gezogen.

Frau Petersen räuspert sich kurz. »Entschuldigen Sie, aber es ging noch ein Anruf ein. Das Restaurant, in dem Sie heute Abend die Herren aus Texas treffen. Sie wollten wissen, ob es in Ordnung ist, wenn sie Ihnen einen Tisch im hinteren Bereich bereitstellen. Offenbar gibt es eine kleine Feierlichkeit, für die der vordere Bereich gebraucht wird.«

Vorsichtig gießt sie aus der Kanne die klare Flüssigkeit in die zierliche Tasse. Ein Tropfen Milch dazu.

»Ich hoffe doch, Sie haben abgelehnt«, bemerkt Heinrich.

Frau Petersen blinzelt.

»Rufen Sie noch mal an!«, sagt er barsch. »Es kommt auf keinen Fall infrage, dass ich mit diesem wichtigen Besuch irgendwo in eine dunkle Ecke verbannt werde. Ich wollte den runden Tisch vorn an der Säule mit der Palme, direkt an der Flügeltür zur Terrasse. Sagen Sie, wenn ich damit rechnen muss, nicht das zu bekommen, was ich bestellt habe, speise ich lieber anderswo. Und zwar in Zukunft immer.«

Seine Sekretärin schaut ihn kurz an und dann auf eine Stelle hinter ihm. Wahrscheinlich auf den Degas, der dort an der Wand hängt.

»Ja, Herr Steinbeck.«

»Danach können Sie dann gehen.«

Er wartet, dass sie sich verabschiedet und geht. Doch sie bleibt zögernd stehen.

»Was gibt’s denn noch?«, fragt er.

»Es ist nur … Haben Sie sich in diesem Jahr selbst um ein Geschenk für Frau Steinbeck gekümmert?«, erkundigt sich Frau Petersen vorsichtig.

Ach herrje. Heinrich wirft einen raschen Blick auf den Kalender an der Wand. Noch vier Tage bis zum 18. August, dem Geburtstag seiner Schwiegertochter.

»Bitte besorgen Sie doch morgen in einem ruhigen Moment ein Geschenk. Die übliche Preisklasse«, sagt er.

Sie lächelt, nickt und zieht sich zurück.

Heinrich greift nach dem filigranen Henkel der Teetasse und nimmt einen großen Schluck.

Wie konnte ihm das passieren? Wie konnte er nur den Geburtstag seiner Schwiegertochter vergessen? Wie alt wird sie noch? Kurz rechnet er nach. Achtundfünfzig.

Er ist milde beeindruckt.

Das war er auch, als Paul, sein Sohn, im Februar seinen Sechzigsten gefeiert hat. Kein Alter heutzutage, wo alle Welt Sport treibt, auf gesunde Ernährung achtet und bei jedem Bauchkneifen gleich zum Arzt rennt, überhaupt kein Alter. Trotzdem hat es Heinrich für einen Augenblick verblüfft, als er die Zahlen auf der Geburtstagstorte betrachtete.

Er selbst ist im April vierundachtzig geworden. Die Zeit vergeht immer rascher, je älter er wird. Die Tage schmelzen zusammen und werden zu einer einzigen, kaum erinnerbaren Masse aus dahinrasenden Stunden. Ach, was plagen ihn heute sonderbare Gedanken. Heinrich schüttelt sanft den Kopf und stellt die leere Teetasse zurück aufs Tablett.

Noch ein Blick auf die Uhr. Wenn er jetzt nach Hause fährt, kann er sich vor dem Treffen mit den Texanern noch frisch machen. Er wählt auf der Telefonanlage Martens’ Kurzwahlnummer.

»Herr Steinbeck?«, meldet der sich nach dem ersten Freizeichen.

»Sie können vorfahren, Herr Martens«, sagt Heinrich.

»Bin schon da, Herr Steinbeck«, erwidert er lässig. »Hab den Wagen gerade vor dem Eingang geparkt. Sie können reinspringen.«

Martin Martens ist ein junger Kerl, gerade mal dreißig, und Heinrich ist froh, ihn als Fahrer gewonnen zu haben. Die lockeren Sprüche sieht Heinrich ihm großzügig nach, denn Martens ist ein Genie hinter dem Steuer. Er kennt alle Schleichwege in der Stadt, ist stets über Baustellen, Unfälle und sonstige Verkehrshindernisse informiert, immer kommt Heinrich mit ihm schnell und trotzdem sicher an sein Ziel. Und der Wagen ist tipptopp in Schuss, seit Martens ihn fährt.

Heinrich verlässt sein Büro, nickt auf dem Gang einem jungen Referendar zu, der gerade im Begriff ist, an Pettermanns Bürotür zu klopfen. Er grüßt Heinrich höflich zurück. In den beiden Räumen der Sekretärinnen sitzen trotz der vorgerückten Zeit noch drei der Mitarbeiterinnen und sind in ihre Arbeit vertieft. Engagierte Leute, die ihn hier umgeben. Angefangen bei den beiden angestellten Anwälten Pettermann und Klaasen über die Rechtsanwaltsfachangestellten bis hin zu den Referendaren und Studenten. Er ist stolz auf sein Unternehmen, stolz auf sein Lebenswerk.

Als Heinrich den Aufzug betritt, ist er vollkommen eins mit sich. Wenn sein Fahrer schon auf die Minute im Voraus weiß, wann er gebraucht wird, spricht das von einem überaus geregelten Tagesablauf. Wie ein Uhrwerk, denkt Heinrich. Ich funktioniere wie ein Uhrwerk.

Und weil niemand ihn sehen kann, erlaubt er sich ein zufriedenes Lächeln.

MARLEEN

Nach einer ausgedehnten Runde durch ihr Viertel hat sich Marleens Wut wieder gelegt. Sie kann ja auch verstehen, dass Flo genervt reagiert, wenn sie ihn wegen seiner Familie so bedrängt. Vielleicht hat sie es dieses Mal ja wirklich etwas übertrieben. Sie wird ihn um Entschuldigung bitten, und vielleicht können sie noch einmal in Ruhe über alles reden.

Doch als Marleen zurück in die Wohnung kommt, ist Flo verschwunden.

Sie seufzt und betrachtet die Reste ihres gemeinsamen Abendessens, die noch auf dem Tisch stehen. Dann leert sie die Teller in den Abfall und stellt sie in die Spülmaschine.

Die Wärme des Augusttages hat sich zwischen den Wänden hier oben gestaut, und auf ihrem Gesicht hat sich bald ein feiner Schweißfilm gebildet. Allmählich wird wirklich jede kleinste Tätigkeit zu einer Herausforderung. Während sie eine Hand in den unteren Rücken stützt, mixt sie ein erfrischendes Getränk aus eisgekühltem Pfefferminztee und Holunderblütensirup.

»Süß muss es für dich sein, oder?«, hat Flo erst neulich noch gesagt, sie mit beiden Armen umfangen und so eng an sich gedrückt, wie es ihre stetig wachsende Kugel gerade noch erlaubte.

Ach verdammt, es tut ihr ja schon wieder leid.

Es war wirklich nicht der beste Zeitpunkt, um dieses Thema anzusprechen. Flo hat schließlich eine Menge Stress im Moment. Das Gespräch mit Borner über das neue Stück. Gleich drei Szenen umschreiben. Eine Menge Arbeit. Da kann man schon mal die gute Laune verlieren.

Aber andererseits wäre so eine Familienfeier doch wirklich ideal, um endlich mal reinen Tisch zu machen. Selbst wenn diese seltsame Sippe empört aufschreien und sie beide dann achtkantig rauswerfen würde.

Auf das viele Geld sind sie doch gar nicht angewiesen. Und Anerkennung für das, was er mit so viel Liebe und Hingabe tut, bekommt Florian von seiner Familie doch sowieso nicht. Wieso also diese Geheimniskrämerei?

Und trotzdem – sie hätte nicht einfach so wegrennen sollen.

Wären sie doch nur in seiner schönen, geräumigen Altbauwohnung gewesen, so wie meistens in letzter Zeit! Schließlich wird der Weg hinauf in den vierten Stock für Marleen immer beschwerlicher, und bei ihm wohnen sie ebenerdig mit Garten – ein Traum.

Wären sie dort gewesen, hätte es wahrscheinlich schon gereicht, wenn sie kurz in den Garten gegangen wäre, um ein wenig Abstand zu gewinnen, in Ruhe durchzuatmen und sich dann auf eine ihrer kinoreifen Versöhnungsszenen vorzubereiten.

Ihre eigene Wohnung ist nun mal einfach zu winzig, um einander wirklich aus dem Weg gehen zu können. Aber das gehört ja bald der Vergangenheit an. Die Wohnung ist längst gekündigt. Ende des Monats wollen sie sie räumen. Gerade noch rechtzeitig, bevor das Baby kommt. Heute hatten sie Abschied feiern, den Umzug planen und entscheiden wollen, welche Möbelstücke mit in Flos Wohnung ziehen sollten.

Sie hatte sich so sehr darauf gefreut, mit ihm bei einem guten Essen darüber zu sprechen, wie sie das Zimmer für das Baby einrichten, wohin sie das Bettchen und die Wickelkommode stellen wollen.

Warum war sie nur so forsch gewesen? War es die Aufregung, die diese einschneidende Veränderung mit sich brachte? Hatte das zu diesem Streit geführt?

Erschöpft von ihren eigenen Gedanken geht Marleen hinüber ins Schlafzimmer, wo sie sich schwerfällig aufs Bett sinken lässt. So heftig wie diesmal haben sie noch nie gestritten.

Wie ein gestrandeter Wal liegt sie hier auf dem Rücken und hängt ihren düsteren Gedanken nach, bis ihr Blick auf den Schrank fällt. Eine Tür steht einen Spalt offen.

Ein paar Sekunden lang starrt sie einfach nur auf den Schrank. Dann wälzt sie sich umständlich auf die Seite und erhebt sich von der Matratze. Hinter der Schranktür herrscht Leere.

Flo hat also sogar seine Sachen mitgenommen? Kann er so wütend und enttäuscht gewesen sein, dass er ihr ein trotziges Signal senden wollte?

»Ach, verflucht«, entfährt es ihr.

Sie nimmt ihr Handy vom Schreibtisch und tippt seine Kurzwahlnummer. Es tutet endlos, doch er nimmt nicht ab.

Na, hoffentlich macht er jetzt nicht einen auf gekränkt. Das kann Marleen bei Frauen schon nicht leiden. Aber schmollende Männer findet sie unerträglich. Und eigentlich weiß Flo das auch. Also sucht er die klärende Aussprache, wenn sie sich streiten – woraufhin sie meistens im Bett landen.

Als Flo sich nicht meldet, wählt Marleen seine Festnetznummer. Der Anrufbeantworter springt sofort an. »Hallöchen. Florian Steinbeck ist nicht zu Hause, hier ist nur sein Anrufbeantworter. Wenn Sie ihm eine freundliche Nachricht hinterlassen, richte ich sie ihm gerne aus.« Pieeep.

»Flo?«, sagt Marleen. Ihre Stimme klingt seltsam dünn. »Hey, bist du da? Es tut mir leid. Hörst du? Du hast natürlich recht. Du selbst musst entscheiden, niemand anderer. Ich weiß, wie schwer dir das fällt. Aber manchmal bin ich einfach nur ungeduldig. Echt dumm von mir. Wenn du also nach Hause kommst, ruf mich an, ja?«

Sie legt das Handy zurück auf den Tisch, auf dem normalerweise eine penible Ordnung herrscht. Da versteht sie keinen Spaß.

Der Laptop wartet immer hinten an der Wand. Rechts davon steht der Stiftehalter mit Kugelschreiber, Füller, Bleistift. Der Platz davor ist für Tintenfässchen und Briefpapier reserviert. Doch heute liegt der Block geöffnet mitten auf dem Schreibtisch, der Füller daneben. Flo muss die Sachen benutzt haben.

»Du schreibst Briefe, mit dem Füller …«, hatte Florian damals ehrfürchtig gesagt, als er sie zum ersten Mal in ihre Wohnung begleitete.

»Ja, an meine Cousine in den USA, an meine Patentante, die sich nach dem Unfall meiner Eltern sehr um mich gekümmert hat, und natürlich an alle, die mir einen Brief schreiben«, hatte Marleen mit einem gewissen Stolz geantwortet. »Ich mag da altmodisch sein, aber ich finde, handgeschriebene Briefe sind etwas ganz Besonderes. Denkst du nicht?«

Er hatte sie angesehen und geschluckt. »Ja, etwas ganz Besonderes«, wiederholte er, ohne dem Briefpapier einen weiteren Blick zu gönnen.

Aber jetzt sieht es so aus, als hätte Flo doch einen Brief geschrieben. Von ihrem neuen Briefblock wurde eindeutig ein Blatt abgerissen. Und auch die dazugehörige Packung mit den cremefarbenen Umschlägen ist geöffnet worden.

Marleens Herz beginnt zu flattern. Sie haben sich gestritten, er hat seine Sachen aus dem Schrank genommen und hat einen Brief geschrieben. Das lässt nichts Gutes vermuten. Florian ist schließlich Schriftsteller. Es wäre ihm zuzutrauen, dass er erst einen dramatischen Abschiedsbrief verfasst, um dann für immer das Weite zu suchen. Kalter Schweiß tritt Marleen auf die Stirn.

Mein Gott, sie sind nicht mehr zu zweit. Er wird doch nicht einfach sie und das Baby hier zurücklassen wegen eines solch lächerlichen Streits?

Marleen gibt sich einen Ruck. Vom Rumstehen und Starren wird sie nicht schlauer werden. Sie muss diesen Brief finden!

Vielleicht hat Flo ihn auf den Schreibtisch gelegt, und er ist heruntergefallen. Mühsam bückt sie sich, um nachzuschauen. Auf allen Fensterbänken sucht sie, zwischen den Pflanzen und auch auf dem Kühlschrank. Hinter dem Badezimmerspiegel. Auf der kleinen Kommode in dem schlauchartigen Flur. Vor und hinter dem Fernseher. In der Schublade mit ihrem Süßigkeitenvorrat. Im Schuhschrank. Nein, halt, das ist verrückt. Einen solchen Brief versteckt man schließlich nicht, oder?

Obwohl ihr auf der Treppe in letzter Zeit viel zu schnell die Puste ausgeht, läuft sie die vierzig Stufen hinunter und öffnet mit bang klopfendem Herzen ihren Briefkasten. Doch auch der ist leer. Keuchend geht sie wieder zurück in die Wohnung, wo sie sich völlig erschöpft auf den Stuhl am Küchentisch setzt, den normalerweise Florian benutzt. Lange bleibt sie regungslos so sitzen.

Als sie sich vor eineinhalb Jahren das erste Mal im Theater sahen, war er völlig überwältigt. Es bestand kein Zweifel, er war verrückt nach ihr. Und bei ihr, ja, auch bei ihr hatte diese Erkenntnis nicht lange auf sich warten lassen. Einfach alles zwischen ihnen hatte von Anfang an gestimmt.

Manchen gutaussehenden Männern ist sofort anzusehen, dass sie um ihre Schönheit wissen, sie nutzen und einsetzen, um ihre Ziele zu erreichen. Flo aber war von einer berauschenden Ahnungslosigkeit, was seine Wirkung anging. Auch jetzt noch wird er verlegen, sobald sie ihm beteuert, wie viele Blicke ihm folgen, wenn er durch die Stadt geht. Und das ist es, was sie so betörend, ja einfach unwiderstehlich an ihm findet.

Sie hatte nicht damit gerechnet, war nicht auf der Suche gewesen. Für sie stand damals ihr Beruf im Vordergrund. Mit vier Jahren Schauspielschule im Gepäck hatte sie die ersten, vielversprechenden Engagements erhalten. Sie war talentiert, keine Frage. Sich zu verlieben und dann auch noch ein Baby zu bekommen, hatte nicht auf ihrem Lebensplan gestanden – zumindest jetzt noch nicht. Aber als es passierte, hatte sich alles hundertprozentig richtig angefühlt. Weil Flo an ihrer Seite war.

Wenn es zwischen einer Frau und einem Mann so etwas wie Seelenverwandtschaft geben kann, dann zwischen ihnen. Sie hatten einander erkannt.

Und sie kennen einander.

Marleen schüttelt leicht den Kopf. Ja, der Streit war heftig, der schlimmste bisher. Doch jetzt, wo sie hier sitzt, verfliegt der erste Schrecken, und Marleen spürt wieder die alte Gewissheit. Flo würde sie und das Baby nicht einfach im Stich lassen, dafür würde sie ihre Hand ins Feuer legen. Es muss einfach etwas anderes auf sich haben mit seinem Verschwinden, und auch mit diesem mysteriösen Brief. Aber wenn er den Brief nicht an sie geschrieben hat, um ihr das Ende ihrer Beziehung zu erklären – was steht dann auf diesem Blatt Papier? Und wo ist es jetzt? Wo ist Flo?

HEINRICH

Der Abend entwickelt sich unerfreulich.

Der braune Nadelstreifenanzug befindet sich nicht im Schrank.

»Frau Dierksen?«, ruft Heinrich von seinem Ankleidezimmer aus auf den Flur hinaus. Doch nichts rührt sich.

Er wirft einen Blick über den Gang und sieht die breite Treppe hinunter. Vielleicht ist sie unten in der Küche?

Er seufzt. Natürlich kommt es nicht infrage, durchs Haus zu brüllen wie ein Wikinger. Also geht er mit elastischen Schritten hinunter und über das schwarz-weiße Schachbrettmuster der Fliesen in der Eingangshalle.

Als er an dem großen Wohnzimmer vorbeikommt, das zu Pauls und Karins Räumen gehört, sieht er die Haushälterin auf einer Leiter am Fenster stehen.

»Was machen Sie denn da?«, fragt er verblüfft.

Frau Dierksen dreht sich auf der Leiter zu ihm um. »Die Übergardine richten.«

»Hat das nicht Zeit bis morgen?«

»Am Samstag ist die Geburtstagsfeier«, sagt Frau Dierksen, zupft noch einmal an dem schweren Samtstoff herum und steigt dann die Sprossen der Leiter hinunter. »Da gibt es noch jede Menge zu tun. Morgen will ich das Silber putzen.«

Heinrich nickt ungeduldig. »Mein brauner Anzug hängt nicht im Schrank.«

Frau Dierksen klappt die Leiter zusammen. »Kann er auch nicht. Er ist in der Reinigung, wie Sie es mir gesagt haben, Herr Steinbeck.«

»Nein, nein«, sagt Heinrich. »Ich habe nicht gesagt, dass er in die Reinigung soll. Ich habe gesagt, dass Sie dafür sorgen sollen, dass er heute Abend aus der Reinigung wieder zurück ist. Ich brauche ihn für ein wichtiges Geschäftsessen.«

Stella Dierksen blickt ihn fragend an. Sie ist schon seit etlichen Jahren hier im Haus das Mädchen für alles. Na ja, Mädchen kann man nicht mehr wirklich sagen. Sie geht stramm auf die fünfzig zu. Aber tüchtig ist sie schon immer gewesen. Nur etwas schlicht manchmal.

»Das haben Sie mir nicht gesagt«, erwidert sie jetzt trotzig. »Sonst hätte ich ihn natürlich heute abgeholt.«

»Jetzt muss ich den grauen nehmen. Der ist nur leider eine Spur zu offiziell. Es ist ja schließlich nur ein Geschäftsessen und kein Vertragsabschluss«, brummt Heinrich rüde.

»Tut mir wirklich leid. Wenn Sie es mir gesagt hätten …«, beginnt Frau Dierksen, doch er winkt bereits ab.

»Ist schon in Ordnung. Jeder kann ja mal was vergessen«, sagt er schnell und ist schon wieder auf dem Weg nach oben.

So etwas kann ihm wirklich die Laune verderben.

Als er sich schließlich nach dem Umziehen in dem großen Garderobenspiegel betrachtet, findet er den grauen Dreiteiler tatsächlich viel zu steif. Hoffentlich legen die Texaner nicht so viel Wert auf diese Dinge. Wäre ihm sehr peinlich, wenn sie ihn unpassend gekleidet fänden.

Heinrich klopft sich auf den flachen Bauch, rückt die Krawatte zurecht und geht hinunter.

Vielleicht kann er noch ein versöhnliches Wort mit Frau Dierksen wechseln. Nach einer Zurechtweisung kann sie manchmal tagelang schmollen. Doch sie ist bereits fort.

Paul, der als Juniorpartner bei dem Abendessen mit den Texanern natürlich dabei sein wird, ist wahrscheinlich in der Stadt geblieben. Er hat für solche Geschäftsessen immer einen passenden Anzug in seinem Büro hängen. Karin hat heute ihren Bridge-Abend.

Kurz steht Heinrich unentschlossen in der Eingangshalle.

Er selbst bewohnt in dieser schönen Villa, die in Harvestehude direkt an der Alster liegt, die Belle Etage, wie man die erste Etage früher nannte. Sie ist vornehmer als die untere, in der man den Besuch empfing oder in der die Dienstboten ihre wenigen Räume hatten.

Die Wohnung ganz oben, direkt unter dem Dach, mit ihren Erkern und Winkeln, war eigentlich für Florian gedacht. Dort wohnte er, als er sein Abitur machte, und dort brachte er sein Ingenieursstudium zu Ende. Ganz so, wie sein Großvater es sich gewünscht hatte.

Doch dann kam es Schlag auf Schlag.

Zuerst zog er aus. Dann setzte irgendein Literaturprofessor ihm diesen Floh mit dem Schreiben in den Kopf. Ausgerechnet Theaterstücke. Um Himmels willen.

Er lehnte die Stelle als Werkstoffwissenschaftler im Betrieb einer befreundeten Familie ab. Und bekam somit auch keine Studienzulassung zum Patentanwalt, für die nun mal Berufserfahrung eine Voraussetzung gewesen wäre.

Als Krönung teilte er ihnen schließlich mit, er wolle »hauptberuflich schreiben«. Was für ein bodenloser Unsinn. Was die jungen Menschen heutzutage im Zeichen der Selbstverwirklichung alles anstellen!

Nun, vielleicht braucht er einfach ein paar Jahre. Eine gewisse Zeit, um sich in Theaterkreisen umzutun, sich wild und unabhängig zu fühlen, sich ein wenig die Hörner abzustoßen. Am Ende wird er schon noch begreifen, was er wegzuwerfen im Begriff ist. Eine gute Stelle werden sie auch später noch für ihn finden. Und das Studium kann er jederzeit draufsatteln. Dann kann er sein Examen machen und in die Kanzlei einsteigen.

Vielleicht wird er dann auch wieder hier wohnen.

Heinrich wäre durchaus bereit, ihn wieder aufzunehmen. Wenn er nur mit diesen seltsamen Sperenzchen aufhört. Aber leider sieht es momentan gar nicht danach aus. Der Junge scheint sich vielmehr häuslich einzurichten in der Theaterwelt. Und offenbar hat er auch noch Erfolg mit seinen Stücken. Das wird es erschweren, ihn wieder auf den richtigen Weg zurückzuführen.

Heinrich schüttelt den Kopf. Was für unerfreuliche Gedanken. Heute steckt wirklich der Wurm drin.

Rasch verlässt er das Haus. Martens wartet in der Einfahrt und vertreibt sich die Zeit damit, Radio zu hören. Als er Heinrich kommen sieht, schlägt er ironisch die Hacken zusammen und hält ihm mit einem »Denn man rein in die gute Stube, Chef« den Wagenschlag auf. Ab und zu übertreibt er es mit seinen Sprüchen ja nun doch etwas.

Das schöne Wetter hat offenbar alle Menschen aus ihren Häusern gelockt. Die Straßen sind voll mit Autos, Fahrrädern, flanierenden Männern und Frauen in leichten Sommerkleidern.

»Ich rechne mit zwei bis drei Stunden. Bleiben Sie in der Nähe«, sagt Heinrich zu Martens, als sie am Restaurant ankommen.

»Yep«, erwidert dieser und fügt rasch hinzu: »Herr Steinbeck.«

Heinrich verkneift sich ein Seufzen, steigt aus und streicht die grauen Hosenbeine glatt.

Dann klemmt er sich seine Aktentasche unter den Arm und geht die Stufen hinauf durch die Drehtür, vor der ein livrierter Hotelangestellter steht und auf Reisende wartet, denen er mit dem Gepäck helfen kann.

Wie selbstverständlich führt der Oberkellner, den Heinrich bereits seit zehn Jahren kennt, ihn an den gewünschten Tisch an der Säule mit der Palme. Paul ist noch nicht da. Heinrich ist für einen Moment irritiert, denn sein Sohn ist sonst meist vor der Zeit am verabredeten Treffpunkt.

»Darf es schon ein Aperitif sein, Herr Steinbeck? Oder wollen Sie auf die anderen Herren warten?«

»Was trinkt man denn in Texas?«, erkundigt sich Heinrich.

Der Oberkellner hebt die Brauen. »Scotch? Martini on the rocks?«

Heinrich rümpft die Nase. »Bringen Sie mir einen Sherry.«

Kaum hat er das gesagt, erscheinen John Hampton und Andy Donald in der großen Flügeltür.

Verflixt. Heinrich hat es ja befürchtet. Die beiden Texaner tragen lässige Anzüge in Beige und Braun, dazu diese albernen Lederschnüre als Krawatten, wie man sie in Texas wohl liebt. Sie sind sonnengebräunt und tragen die Energie von Endvierzigern zur Schau, die so viel Geld besitzen, dass ihnen die ganze Welt offensteht. Heinrich kann nicht verhehlen, dass er sich neben ihnen in seinem grauen Dreiteiler altmodisch vorkommt. Wo bleibt nur Paul? Jetzt sollte er wirklich langsam eintrudeln.

Heinrich beschließt, sich bis zu Pauls Eintreffen in Konversation zu flüchten, wo er mit seinem ausgezeichneten Englisch glänzen kann. Hampton und Donald sprechen breit und lässig von ihren Familien, den Kindern und den Pferden. Beim Lächeln zeigen sie weiße Zähne. Und sie scheuen sich nicht, noch vor der Suppe ihre Jacketts auszuziehen und über die Stuhllehne zu hängen.

Das werden bestimmt harte Verhandlungen. Wer derart in sich selbst ruht, weiß, was er wert ist. Doch Heinrich macht sich wenig Sorgen, dass auch diese Verhandlungen am Ende gut ausgehen werden. Das übliche Prozedere solcher Termine ist ihm nach all den Jahren in Fleisch und Blut übergegangen: freundliches Interesse an der Familie bekunden, Lobhudelei über das Management der Firma, bevor man später auf die wichtigen Fakten zu sprechen kommt. Daran hat sich in sechzig Jahren Geschäftsleben nichts geändert.

Wenn nur Paul endlich eintreffen würde. Ob er aufgehalten worden ist?

Hampton erzählt gerade von seinem Labrador, der ihn auch auf den Golfplatz begleitet, als das Handy in Heinrichs Anzugtasche vibriert. Herrje, wie unangenehm.

»Verzeihen Sie«, sagt er zu seinen Gästen.

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