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Heute bis zum Horizont

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1. KAPITEL

Lucy Barnes schaute wie gebannt auf die Worte an der Anzeigetafel, als ob dort jemand ein Angebot mache, auf das sie schon immer gewartet hatte.

Die einzelnen Buchstaben waren kräftig mit einem Filzstift auf die als Untergrund dienende Pappe geschrieben. Sie hätte wetten können, dass es eine männliche Hand gewesen war, von der diese Buchstaben stammten. Sie las die Notiz noch einmal:

Gesucht: Koch/Köchin, Mannschaftsmitglied für vier Wochen, ab sofort, auf gechartertem 50-Fuß-Sloop. Maximal vier Gäste zu bewirten. Bewerben bei der „Seawind“.

Sie hob ihren Kopf und sah an dem schwarzen Brett vorbei, an dem die Anzeige befestigt war, auf die von der Sonne beschienenen Jachten hinaus, die entlang der Hafenmole vertäut waren. Einige von ihnen waren Sloops. Welche war die Seawind? Wie als Antwort auf die Frage verfing sich der Wind in ihren Haaren und ließ die mahagonifarbenen Locken gegen den Nacken spielen. Die Passatwinde, dachte sie voller Aufregung. Die berühmten Passatwinde der Westindischen Inseln, über die sie als kleines Mädchen im Erdkundeunterricht gehört hatte. Damals hatte sie gedacht, die ganze Welt würde sich ihr öffnen … und dieses Gefühl hatte sie sich bis zum heutigen Zeitpunkt aufgehoben. Liebend gern würde sie aus diesem Hafen hinausfahren. An den grün bedeckten vulkanischen Inseln entlangsegeln, die sich aus der blauen See erhoben. Vor Glück konnte sie sich kaum noch bändigen. Sie machte zwei heftige Schritte auf den Anleger zu. Dann hielt sie inne. Denk nach, Lucy, überleg genau!, zwang sie sich selber. Du hast dich schon einmal durch vorschnelles Handeln in ein Unglück gestürzt, ein ziemlich großes sogar, mit dem du noch immer nicht abgeschlossen hast. Wirst du es ungeschehen machen, indem du dich für eine andere Sache entscheidest, ohne dir der Konsequenzen dabei bewusst zu sein? Mal ehrlich. Noch vor einer Stunde wolltest du nichts mehr als das erste Flugzeug Richtung Heimat nehmen. Dort kennst du wenigstens die Spielregeln, auch wenn du sie nicht besonders magst.

Sie blieb unentschlossen stehen und kaute auf der Lippe. Die Sonne schien ihr auf Gesicht und Arme. Der geblümte Rock umwehte wie ein Segel Lucys Beine.

Sie wünschte sich sehr, auf diesem Boot zu sein. Vier Wochen die Jungferninseln entlangzusegeln! Vier Wochen …

Lucy vergrub die Hände in den Rocktaschen und sah sich um. Auf der anderen Seite der Straße, die zu dem Jachthafen führte, stand eine von großen orangefarbenen Blüten umgebene Holzbank. Eine Oleanderhecke, deren spitzzulaufende Blätter leise raschelten und deren lachsfarbene Blüten auf und ab wogten, führte den Straßenrand entlang. Was für Farben, welche Schönheit … Lucy überquerte die Straße und setzte sich, sodass sie trotzdem sehen konnte, ob jemand vorbeikam und sich für den Job auf der Seawind interessierte.

Sie spürte ihre Tasche mit dem Geld. Wenigstens das hatte sie noch. Ihr Geld, das Rückreiseticket und den Reisepass. Das Gepäck befand sich jedoch in dem Gästezimmer von Raymond Blogdens Villa, der für kurze Zeit ihr Arbeitgeber gewesen war. Und vermutlich würde es dort auch bleiben, bis sie es, in Begleitung einer Vertrauensperson, holen könnte. Am besten einer männlichen Unterstützung, denn sonst würde sie dort nicht wieder hingehen, so viel stand fest.

Ihre beiden Schwestern hatten sie für verrückt gehalten, als sie auf die Anzeige in der Ottawaer Tageszeitung geantwortet hatte, in der eine Familie, die auf den Britischen Jungferninseln Urlaub machte, eine Massagetherapeutin suchte. Ihre hingegen eher rationale Mutter hatte gesagt: „Aber was wird aus deinem Kundenkreis, den du dir hier so mühsam aufgebaut hast, Lucy? Wenn du jetzt für einen Monat wegfährst, werden sich deine Kunden sicherlich anderweitig umsehen – gerade nachdem du erst drei Wochen krank warst. Hast du da einmal drüber nachgedacht?“

Die Anzeige war im März aufgegeben worden, als der Winter in Ottawa seinen Höhepunkt bereits überschritten hatte. Verdreckte Schneehügel begrenzten die Straßen. Grauer bewölkter Himmel. Keine einzige Blume war zu sehen … nur das fade, kraftlose Grün der Kiefern und Fichten, das von den frostigen Winden seit Dezember in Mitleidenschaft gezogen worden war. Kein Wunder also, dass sie auf die Gelegenheit, Wärme, Sonnenschein und Farben um sich zu haben, angesprungen war! Darüber hinaus war sie schon seit fast einem Monat krank, sogar recht heftig. Ein Grippevirus hing ebenso hartnäckig an ihr wie die Eiszapfen über ihrer Eingangstür. Sie sehnte sich nach einem Ortswechsel, einer Abwechslung ihres Alltags. Etwas anderes und Aufregenderes.

Nachdenklich verzogen sich ihre Lippen. Na ja, das hatte sie allerdings bekommen. Die schreckliche Szene in der großen Halle der Villa, an die sie sich plötzlich wieder erinnerte, versuchte sie zu verdrängen, und sie überlegte angestrengt; so, wie ihre Schwester Marcia es getan hätte.

Sie könnte zur Polizei gehen, dort erklären, wie dumm sie sich verhalten habe; hoffen, dass die Beamten bei der Wiederbeschaffung des Gepäcks behilflich sein würden, und sich dann auf den Weg Richtung Heimat machen. Die Rückfahrkarte war glücklicherweise nicht an einen festen Termin gebunden und von Mr Blogden im Voraus bezahlt worden. Sie könnte den nächsten Flug zurück nach Ottawa nehmen. Ihre Mutter hatte recht. Sie, Lucy, hatte die letzten vier Jahre wirklich sehr hart gearbeitet, um sich einen Namen zu machen und einen festen Kundenkreis aufzubauen. Es wäre unverantwortlich, all das jetzt aufzugeben.

Sie stand auf. Das Unangenehmste an der ganzen Sache war, der Polizei den Grund der Flucht zu erzählen. Nach der Angelegenheit könnte sie dann ungehindert nach Hause gehen.

Sie sollte wirklich nach Hause gehen. Sicherlich. Obwohl sie gerade erst den Rest der Schulden, der ihr noch aus Studienzeiten geblieben war, bezahlt hatte, hatte sie bereits ihr Augenmerk auf ein kleines Haus in der Umgebung von Ottawa gerichtet. Sollte sie dafür tatsächlich einen Kredit aufnehmen, musste sie alles daransetzen, ein geregeltes Einkommen zu haben.

In der Stadt wollte sie auf keinen Fall für immer bleiben. Eine gute Freundin von ihr, Sally, hatte gesagt, sie sollte doch in der Stadt bleiben – da wäre die Chance größer, neue Männer kennenzulernen. In ländlicher Gegend gäbe es, ihrer Ansicht nach, keine annehmbaren Partner. Die Einzigen, zu denen Lucy sich jemals hingezogen gefühlt hatte, waren große blonde Männer gewesen, die jedoch nicht da waren, wenn sie gebraucht wurden.

Eine Frau im bunten Sarong näherte sich der Bank. Lucy sammelte sich; dies war weder die Zeit noch der Ort, sich mit ihren Problemen mit dem anderen Geschlecht auseinanderzusetzen. Vielleicht konnte diese Frau ihr sagen, wo die nächste Polizeiwache war.

Aus den Augenwinkeln heraus sah Lucy auf einmal einen Schwarm Möwen über die festgemachten Jachten hinwegfliegen. Sie hielt inne, ihre Blicke folgten den geschmeidigen Kurven, welche die Möwen in dem unendlichen Blau des Himmels beschrieben, wo das Sonnenlicht die strahlend weißen Flügel der Vögel wie durchsichtig erscheinen ließ.

Die Schreie der Vögel hörten sich wie das Gegacker einer Hexenversammlung an, die sich über sie lustig machten.

Verantwortlich, sinnvoll, sollte, könnte. Schreckliche Wörter, dachte Lucy prompt. Worte, die ihr Leben bestimmt hatten, so lange sie denken konnte.

Die Frau in dem Sarong war schon an ihr vorbeigegangen. Panisch machte Lucy eine kleine Handbewegung, um sie zurückzurufen. Dann ließ sie jedoch ihre Hand wieder fallen. Sie spürte ihren Herzschlag. Lucy fühlte, dass sie gerade eine Entscheidung getroffen hatte. Sie würde nicht zurückgehen. Sie würde hinunter zum Anlieger gehen, die Seawind suchen und alles daransetzen, dort als Köchin und Mannschaftsmitglied angeheuert zu werden.

Während sie noch ihre feuchten Handflächen am Rock abwischte, festigte sich das Bild der Möwen wie ein Talisman in ihrem Gedächtnis. Sie überquerte die Straße. Die Anzeige war noch da, jeder Buchstabe so kraftvoll geschrieben, wie sie es in Erinnerung hatte. Es steckt eine gewisse Dringlichkeit hinter diesen Worten, stellte Lucy nachdenklich fest. Wer auch immer die Anzeige geschrieben hat, war bestimmt unter Druck: umso besser. So ist die Chance, angestellt zu werden, größer. Vier Wochen würde sie auf See bleiben. Vier Wochen, um herauszufinden, weshalb ihre noch sehr kurze berufliche Existenz sie schon im Entstehungsprozess so ausgelaugt hatte. Vier Wochen, um herauszufinden, warum sie sich immer zu dem falschen Typ Mann hingezogen fühlte – hübsch, blond, sexy und unzuverlässig.

Vier Wochen Zeit, um Spaß zu haben?

Sie bemerkte plötzlich, wie sie lächeln musste. Lucy atmete tief ein und ging hinunter zum Hafen.

Lucy ging an den Schiffen Lady Jane, Wanderer, Marliese und Trident vorbei. Dann blieb sie jäh stehen und fühlte ihr Herz im Brustkorb pochen. Die Seawind war weiß und hatte dunkelgrün gestrichene Ränder. Die zurzeit gerefften Segel waren mit einem grünen Rand verziert, und ebenso farblich passend dazu war das Sonnensegel. Sie war ein schönes Schiff. Wunderbar und äußerst geschmackvoll.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Lucy schreckte zusammen. Immer noch ein leicht verwirrtes Lächeln im Gesicht, drehte sie sich zu dem buchstäblich aus dem Nichts aufgetauchten Mann um. Er stand ein paar Meter von ihr auf der Mole und trug ein ausgewaschenes blaues T-Shirt und Shorts. Für einen Moment lang war sie aus dem Gleichgewicht gebracht. Lucy dachte, dass sie sich ihn nur einbildete, denn er hatte blondes Haar, war groß, hübsch und sexy – genau die Art Mann, die für sie in den letzten Monaten zu einem Gräuel geworden war. Der Typ, den sie um jeden Preis zu meiden suchte … „Oh, nein. Nein, vielen Dank!“, sagte sie. „Ich suche eigentlich den Kapitän der Seawind.“

„Bewerben Sie sich für den Job?“

Das geht dich nichts an, dachte Lucy. „Ja, das habe ich vor.“

Mit einem plötzlichen Anflug von Bestürzung sagte sie: „Er ist doch noch nicht vergeben, oder?“

„Nein. Was haben Sie für Qualifikationen?“

„Ich glaube, das erzähle ich besser dem Kapitän, meinen Sie nicht auch?“

„Ich bin der Kapitän der Seawind.“

Und warum hast du das nicht gleich gesagt? Lucy war verärgert. Und warum in Gottes Namen musst du groß, blond und überwältigend männlich sein? Während sie noch ihre Gedanken unterdrückte, hielt sie ihm die Hand hin und sagte mit ihrem gekonntesten Lächeln: „Ich bin Lucy Barnes.“

Sein Händedruck war kräftig, und er lächelte nur flüchtig. „Troy Donovan. Wie steht es mit Ihren Qualifikationen?“

Er hat das Recht dazu, mich danach zu fragen. Immerhin ist er der Kapitän. Lucy sagte ruhig: „Würde es Ihnen etwas ausmachen, an Bord zu gehen? Ich bin die Sonne nicht gewohnt und habe keine Sonnencreme dabei.“ Ihre Sonnenmilch war noch, wie alles andere auch, in der Villa.

Nach kurzem Zögern sagte er: „Gehen Sie vor!“

Sie ging an Bord und schlüpfte, ohne ausdrücklich dazu aufgefordert worden zu sein, aus ihren Sandalen, bevor sie das Teakdeck betrat. Im Schatten blieb Lucy stehen. Das Holz war angenehm warm unter ihren Fußsohlen. Ich muss diesen Job bekommen, dachte Lucy. Entschlossenheit stieg in ihr auf. Nachdem Troy Donovan sich ihr gegenüber gesetzt hatte, sagte sie: „Ungefähr vier Jahre lang habe ich als Teenager meine gesamte Freizeit mit Segeln verbracht. Erst nur Tagesausflüge, kurze Törns und später als Mannschaftsmitglied auf einer fünfundvierzig Fuß-Sloop, ähnlich wie dieser hier.“

Ganz nebenbei bemerkte er: „Würde es Ihnen etwas ausmachen, die Sonnenbrille abzunehmen? Ich sehe die Menschen gerne an, mit denen ich spreche.“

Sie schob ihre Brille in die Haare. Ihre Augen waren ausgesprochen schön – von dichten Wimpern umspielt und durch Brauen, die wie dunkle Flügel aussahen, im Ausdruck verstärkt. Die Augen selber hatten eine schöne Form, sie waren graublau und hatten einige rostbraune Flecken, die das kräftige Rotbraun ihrer Haare widerspiegelten. Ihr Gesicht war eher von gewöhnlicher Schönheit: Das Kinn war ausgeprägt, die Nase in einem leichten Bogen dazu. Das Gesicht ließ auf innere Konflikte schließen. Denn während ihre Lippen weich waren und ihr Lächeln warm und offen, deutete eine gewisse Verschlossenheit in den Augen darauf hin, dass sie weniger an Informationen preisgab, als sie besaß.

Troy Donovan fragte abrupt: „Wie alt sind Sie jetzt?“

„Fünfundzwanzig.“

„Sind Sie seit Ihrer Jugend nicht mehr gesegelt?“

Zielsicher hatte er ihren schwächsten Punkt gefunden. „Nein – ich habe für mehrere Jahre in Ottawa gelebt. Aber ich habe nie etwas vergessen, was ich einmal gelernt habe, ganz sicher.“

„Wo sind Sie damals gesegelt?“

„In Kanada. Außerhalb Vancouvers.“

„Also kennen Sie diese Gewässer hier noch gar nicht?“

Sie verschob ihren Unterkiefer. „Ich kann Karten lesen und lerne schnell.“

„Können Sie kochen?“

Obwohl der von ihr am häufigsten besuchte Ort der chinesische Imbiss gegenüber dem Apartment gewesen war, lautete ihre Theorie in diesem Fall: Wenn man lesen konnte, war auch das Kochen zu bewältigen. Irgendwie glaubte sie, dass diese Theorie Troy Donovan nicht überzeugen würde. Aber ihre Mutter hatte ihr immer wieder beigebracht, dass man alles konnte, was man ernsthaft wollte. Nicht einmal die zahlreichen nicht bestandenen Physikexamen und die fehlgeschlagene Verlobung hatten Lucys Glauben an diesen Grundsatz gänzlich zerstört. Mit dem unbehaglichen Gefühl, dass keine ihrer Antworten die richtige sein würde, sagte sie ausweichend: „Ich habe zwar bisher noch nie auf einem Schiff gekocht, denke aber, dass dort die gleichen Grundregeln gelten wie an Land.“

„Wie sieht es mit Empfehlungsschreiben aus?“

Auch seine Augen waren grau. Sie hatten aber, im Gegensatz zu ihren, eine nicht so große Tiefe, sondern waren von deckendem Grau, das eher an Schieferplatten erinnerte. Mit sinkendem Mut sagte sie: „Ich bin freiberuflich tätig. Aber ich kann Sie mit dem Bankangestellten, bei dem ich alle meine geschäftlichen Verhandlungen abwickle, verbinden, und mein Chefarzt würde Ihnen eine persönliche Empfehlung geben.“

Er wirkte ruhig und unbeeindruckt. „Sie können morgen wiederkommen, Mrs Barnes. Wenn ich bis dahin niemand anderes gefunden habe, werde ich vielleicht auf Sie zurückkommen.“

Er hatte sie abgetan. Er war nicht interessiert! Etwas, nach dem es sie stärker verlangte als nach der Luft zum Atmen, war im Begriff, ihr durch die Finger zu gleiten. Lucy sagte schnell: „Ich glaube, Sie verstehen mich nicht richtig – ich liebe die See! Unter einem Boot mit vollem Segel werde ich lebendig. Ich würde alles dafür geben, vier Wochen auf dem Wasser verbringen zu können … bitte!“

Er hatte eine Hand um das hintere Tau des Mastes gewickelt, richtete sich jetzt auf und strich sich mit den Fingern durch die Haare. Aufgebracht sagte er: „Ich habe auch ohne jemanden, der in diesen Gewässern noch nie zuvor gesegelt ist, genug zu tun. Es tut mir leid, Mrs –“

„Ich würde es auch umsonst tun“, platzte sie heraus. „Essen an Bord, das ist alles, was ich verlange.“

„Haben Sie etwa Ärger mit dem Gesetz?“, fragte er scharf.

„Nein!“ Ihre Gedanken überschlugen sich, um überzeugende Worte zu finden. „Haben Sie niemals etwas so sehr gewollt, dass Sie Ihre Seele dafür verkaufen würden, um es zu erreichen? Sie wissen gar nicht recht, warum – Sie wissen nur, dass Sie es von ganzem Herzen wollen. Und wenn Sie dieses Gefühl ignorieren, betrügen Sie sich selbst.“

Ein Schimmer von Mitgefühl huschte über sein regungsloses Gesicht, so schnell, dass sie es fast übersehen hätte. Er hatte, wie sie, die Sonnenbrille in die festen, sonnengebleichten Haare geschoben. Da Lucy eine Expertin in Körpersprache war, hatte sie keine Mühe zu erkennen, dass Troy Donovan in letzter Zeit unter starken Anspannungen gestanden hatte: Die Spuren waren deutlich in den umschatteten Augen, dem zusammengebissenen Kiefer und der verspannten Haltung seiner Schultern zu sehen.

Er antwortete nicht auf ihre Frage. Statt dessen sagte er langsam: „Sie haben also das Gefühl, es dringend zu brauchen … Weshalb ist es so wichtig für Sie, Lucy Barnes?“

„Das – das kann ich Ihnen nicht erzählen. Ich bin nicht einmal sicher, ob ich es selber weiß. Aber ich werde mein Bestes geben und mir die Finger wund arbeiten, um Ihre Gäste zufriedenzustellen. Und körperlich bin ich sicherlich stark genug für diesen Job.“

Seine Augen betrachteten ihr Gesicht. „Sie sehen nicht gerade kräftig aus. Um ehrlich zu sein, eher etwas mitgenommen.“ Mit fast teuflischer Genauigkeit fuhr er fort: „Sie sehen aus, als hätten Sie sich von einer Krankheit noch nicht ganz erholt.“

Verdammter Kerl! Er hatte jeden Riss in ihrer Rüstung entdeckt. Schlimmer noch, dadurch, dass sie ihm eingestand, wie sehr sie diesen Job wollte, konnte er in einen Teil ihrer Persönlichkeit blicken, den sie lieber für sich behalten hätte. „Ich hatte Grippe“, sagte sie kurz, und fuhr – während sie sein Stirnrunzeln einfach missachtete – mit ihrer Rede fort: „Warum nehmen Sie mich auf eine Probefahrt nicht einfach mit? Dann kann ich Ihnen beweisen, dass ich als Crew-Mitglied völlig geeignet bin.“

„Nennen Sie mir einen guten Grund, weshalb ich das tun sollte!“

Sie hatte nichts zu verlieren. Ihre Fingernägel gruben sich in ihre Handflächen, dann sagte sie mit gespielter Arglosigkeit: „In der Anzeige hieß es, dass sie sofort jemanden suchen.“ Sie sah sich um und lächelte unschuldig: „Und es scheint hier nicht gerade eine besonders lange Schlange von Bewerbern zu warten.“

Als sich seine Gesichtsmuskeln anspannten, fühlte Lucy einen kleinen Siegestriumph. Er sagte ausdruckslos: „Das Problem ist, dass es zu früh für Studenten ist, und jeder andere, der halbwegs verlässlich ist, wurde schon längst von den großen Charterkompanien angeheuert.“ Er fuhr mit etwas feindselig blickenden Augen fort: „Eines sei von Anfang an klargestellt, Mrs Barnes. Ich bin der Kapitän, Sie die Mannschaft. Ich gebe die Befehle, Sie führen sie aus. Ist das klar?“

Ohne ihre Augen zu senken, sagte Lucy: „Das sind die Regeln an Bord, ja.“

„Haben Sie keine Shorts mitgebracht?“

Leichte Röte stieg ihr in das Gesicht. „Nein. Ich – nein.“

„Schauen Sie in der vorderen Kabine nach – die Schublade unter der Koje. Sie können eine von meinen borgen.“

Sie konnte nichts gegen das Zittern ihrer Stimme machen. „Sie meinen, Sie nehmen mich mit auf eine Probefahrt?“

„Genau … das wollte ich damit sagen.“

Sie lächelte ihn noch etwas verwirrt an, was ihr Gesicht wieder aufhellte und die natürliche Schönheit hervorkommen ließ. „Danke!“, sagte sie atemlos. „Sie werden es nicht bereuen.“

Bevor er es sich noch anders überlegen konnte, kletterte sie auf das Vorderdeck. Ihre nackten Füße hielten sich an dem Fiberglas fest. Die vordere Luke war offen, und mit der Geschmeidigkeit eines Teenagers kletterte sie die Holztreppe hinab in seine Kabine. Zwei Kojen gab es, eine davon war ungemacht; ein schwacher, undefinierbarer Duft von reiner Männerhaut und Aftershave reizte angenehm ihre Nasenflügel. Lucy verdrängte diese Wahrnehmung, genauso wie sie die Tatsache verdrängte, dass sie wieder einmal alles daransetzte, mit einem blonden Mann in Kontakt zu kommen, der ihr Verhängnis bedeuten könnte. Sie zog eine Schublade auf und wühlte in Troy Donovans Kleidung. Dabei war sie sich sehr wohl dessen bewusst, was für eine intime Handlung das war. Sie wählte die kleinsten der drei Shorts aus und zog sie an. Ihren Rock legte sie auf die Koje. Aber auch die kleinsten Shorts waren ihr noch viel zu groß, die Taille war zu weit, und die Hosenbeine reichten ihr bis zu den Knien. Sie nahm sich einen ordentlich aufgewickelten Segeltuchgürtel aus der Schubladenecke und zog ihn durch die Hosentaschen, ihr T-Shirt ließ sie darüberfallen.

Sie sah albern aus. Aber Lucy war sich gar nicht sicher, ob das wirklich so schlecht war.

Während sie noch darüber nachdachte, stieg sie wieder an Deck. Ein anderer Kapitän war herübergeschlendert gekommen, um bei den Vertauungsleinen zu helfen. Troy gab Lucys Aussehen einen leicht spöttischen Blick und sagte dann: „Der Zündungsschalter ist bei dem Radio. Dann können Sie den Anker einholen – dieses sind die Handsignale, die ich benutzen werde.“ Er deutete sie kurz an. „Wir werden mit Maschinenkraft auslaufen, und sobald wir auf Kurs sind, können Sie das Hauptsegel hissen.“

Eigentlich hätte sie nervös sein müssen. Aber als der Dieselmotor unter ihren Füßen zu arbeiten begann, fühlte Lucy eine so starke Freude durch ihren Körper strömen, dass dort kein Platz mehr für ein anderes Gefühl war. Sie ging noch ein paar Schritte weiter, zog sich die Handschuhe an, die sie bei der Ankerwinde fand, und schaute zurück zu Troy, um alle seine Instruktionen zu erfassen.

Das Knarren der Winde und das Rasseln der Ankerkette belebten sie, jeder Nerv war wach und alle Muskeln vollkommen angespannt. Während sie die Kette auf die Winde führte, bemerkte Lucy, dass sie zum ersten Mal seit vielen Jahren darüber nachdachte, wie sie als Fünfzehnjährige in wirren Einzelheiten dieses Gefühl der völligen Angespanntheit mit der mysteriösen Sache des Miteinanderschlafens in Verbindung gebracht hatte.

Wie sehr hatte sie sich doch geirrt! Große blonde Männer. Pah! Das nächste Mal würde sie sich in einen verlieben, der klein, korpulent und glatzköpfig war. Da begann die Seawind sich zu bewegen, und alle ihre Belange – das Liebesleben inbegriffen – verschwanden aus dem Gedächtnis.

Binnen weniger Minuten hatte sie die Taue eingeholt. Sie ließen die Mole hinter sich. Jetzt wiesen die roten und grünen Bojen ihnen den Weg. „Es ist Sonnencreme in dem Schrank unter der Bar. Sie benutzen besser etwas davon, bevor wir auf die offene See gelangen“, sagte Troy.

Wieder stieg Lucy die Niedergangstreppe hinunter. Die Kabine war geräumig und mit poliertem Mahagoni ausgestattet. Zwei Couches standen an den Längsseiten eines Tisches mit eingelassener Marmorplatte. Zwei gepolsterte Drehstühle, ein Kartenschrank und eine hübsch eingerichtete Kombüse passten, ohne den Platz zu sehr zu beengen, in die Räumlichkeiten. Wieder fühlte Lucy dieses unerklärliche Glücksgefühl in sich aufsteigen. Während sie die Sonnenmilch auf Gesicht und Arme verteilte, begann das Schiff sich unter ihren Füßen zu heben und zu senken.

Als sie wieder hinausging, sagte Troy knapp: „Sie können jetzt das Hauptsegel hissen.“

Sie befestigte die Fallleine an dem Kopfbrett und begann – die Knie wegen der besseren Standsicherheit gebeugt – mit all ihrer Kraft, das Segel hinaufzuziehen. Und sie befolgte Troys Anweisungen, die Winde zu fixieren, den Griff einrasten zu lassen. Dann suchte sie an der Niedergangstreppe Halt und ließ das Hauptsegel sich entrollen. Problemlos lavierte sie es nach Backbord. Der Wind war kräftiger geworden, seit sie Road Bay verlassen hatten. Troy stellte die Maschinen ab, und mit einem Mal wurde die Seawind lebendig. Ihr Bug hob und senkte sich, als sie sich gegen den Wind legte.

„Ist es nicht wunderbar?“, schrie Lucy und gab Troy noch eines dieser strahlenden Lächeln, das zwar unbeabsichtigt, aber doch grenzenlos verführerisch war.

Ihr Shirt wurde vom Wind an ihren Körper gedrückt, das Haar wehte ihr um die Ohren. „Lassen Sie bei dem Hauptsegel etwas nach“, ordnete er knapp an.

Lucy wusste, dass sie besser das tat, was man ihr sagte. Aber durch die Zerstörung ihrer Begeisterung hatte sich eine kalte Bestürzung in ihrer Magengegend breitgemacht. Wollte sie mit einem Kapitän segeln, der seinen Job so offensichtlich hasste? Er hatte ihr bis jetzt noch nichts, was einem echten Lächeln auch nur nahekam, entgegengebracht. Sogar jetzt, während er die Fahne an der Mastspitze kontrollierte und das Steuerrad befestigte, sah er nicht im Geringsten glücklich darüber aus, sich auf dem Meer zu befinden.

„In ein paar Minuten werden wir den Kurs ändern“, sagte er. „Ich sage Ihnen, wenn es so weit ist.“

Dieses Manöver ging ohne Schwierigkeiten vonstatten. Dann verbrachte Lucy einige Zeit an dem Steuer und war überglücklich, dass ihr ehemaliger intuitiver Sinn für Wind und Segel sie nicht verlassen hatte. Nachdem sie ein zweites Mal den Kurs geändert hatten, befragte Troy sie über Schifffahrtsregeln und dachte sich einige unrealistische Situationen aus, um zu sehen, wie Lucy sie lösen würde. Dann hielten sie wieder, den Wind im Rücken, auf den Hafen zu.

Letztlich rollte Lucy das Kopfsegel auf, wickelte das Hauptsegel an den Baum, und bevor sie es überhaupt bemerken konnte, hatte Troy sie an den Anlieger manövriert. Er war, das musste Lucy zugeben, mehr als ein kompetenter Seemann.

Das Triebwerk verstummte, und in die Stille hinein fragte sie angespannt: „Habe ich bestanden?“

Er lehnte an dem Klapptisch, der in der Mitte des Cockpits stand, und beantwortete ihre Frage mit einer Gegenfrage. „Zehn oder elf Jahre ist es her, seit Sie nicht mehr gesegelt sind, stimmt’s?“

„Zehn.“

„Sie haben es geliebt?“

„Es waren die schönsten Jahre meines Lebens“, hörte Lucy sich selber sagen, und ihr Gesicht versteinerte vor Schreck, als sie die Ehrlichkeit dieser Worte realisierte. „Das ist verrückt …“, sagte sie, mehr zu sich selber als zu ihm. „Es kann nicht wahr sein …“

„Das sagt nicht viel Gutes über das, was seitdem passiert ist.“

„Nein …“, flüsterte sie. „Das tut es nicht.“

Rücksichtslos schleuderte er ihr noch zwei weitere Fragen an den Kopf. „Sind Sie verheiratet – oder leben Sie mit jemandem zusammen?“

„Nein und nein.“ Sie versuchte noch, die Kontrolle über sich zurückzugewinnen – was an diesem kalten, unfreundlichen Mann brachte sie dazu, so offen und ohne nachzudenken über sich zu erzählen? – und fuhr fort: „Sind Sie es denn?“

„Ich stelle die Fragen, nicht umgekehrt“, entgegnete er. „Wenn Sie unabhängig sind und das Segeln offenbar so sehr lieben, warum leben Sie nicht wieder an der Westküste?“

„Mr Donovan“, sagte Lucy kalt, „dies ist ein Einstellungsgespräch und kein Verhör.“

„Ich heiße Troy. Warum beantwortest du die Frage nicht?“

„Weil ich nicht kann!“, sagte sie aufbrausend. „Weil die Gründe dafür, dass ich dort lebe, wo ich lebe, mit Ihnen nichts zu tun haben. Ich frage Sie auch nicht, warum Sie niemals lächeln, warum Sie einen Job ausüben, der Ihnen scheinbar gründlich missfällt. Und zwar deshalb, weil es mich nichts angeht.“ Ihr Gesichtsausdruck änderte sich. „Bitte, stellen Sie mich ein?“

„Mir bleibt nicht viel anderes übrig, oder?“, sagte er unfreundlich. „Die ersten Gäste kommen übermorgen an Bord, und bis dahin ist noch viel Arbeit zu erledigen.

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