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Heute Nacht sing ich für dich

1. KAPITEL

Wie jeden Montagmorgen tauschten die Angestellten von Multimedia Promotions die Erfahrungen des Wochenendes aus, bevor sich alle an die Arbeit machten. Nick Armstrong grüßte nur flüchtig, während er zu seinem Büro ging, im Schlepptau seinen Freund und Geschäftspartner Leon Morrell. Sobald die Tür geschlossen und er mit dem einzigen Menschen allein war, der seine Situation eigentlich verstehen sollte, ließ Nick seiner angestauten Wut freien Lauf.

“Weißt du, was Tanya am Samstag zu mir gesagt hat, nachdem ich unseren geplanten Ausflug noch einmal verschoben hatte?”

“Zweifellos irgendetwas, was darauf angelegt war, dich in die Wüste zu schicken.”

Nick verzog das Gesicht. Er dachte an die hässliche Trennung, die Leon gerade erlebt hatte. “Sie hat gesagt, in Wirklichkeit wolle ich eine Puppe, die nicht verletzt sei, wenn ich sie links liegen lasse, bis ich Zeit zum Spielen hätte.”

“Klingt gut! Eine Puppe nörgelt nicht.”

“Eine, die wie eine Märchenprinzessin aussieht …”

“Ja. Bezaubernd schön, langes blondes Haar und ein strahlendes Lächeln …”

“Mit einem Zauberstab, der mir die Kraft gibt, so gut im Bett zu sein, wie es sogar eine Gummipuppe von einem Mann verlangen würde.”

“Oooh, jetzt kommen wir zu den perversen Sachen.”

“Leon, es ist ernst. Und wir müssen ernsthaft miteinander sprechen.”

Er zog die Augenbrauen hoch. “Über Frauen?”, fragte er spöttisch.

“Übers Geschäft.” Nick blickte seinen Freund finster an, ging um den Schreibtisch herum und sank in seinen Sessel. “Setz dich. Und hör auf, so blöd zu grinsen. Es ist sehr wichtig.”

“Der Mann ist verwundet”, sagte Leon seufzend, als er sich auf einen Stuhl setzte. Dann sah er, wie verärgert Nick war, und bemühte sich, ein ernstes Gesicht zu machen. Es war gefährlich, Nick zu reizen, wenn er in dieser Stimmung war. Er war ein kreativer Mensch, ein Ass am Computer und ein grüblerischer Typ, der oft aufgeheitert werden musste. Leon kam jedoch zu dem Schluss, dass dies nicht der richtige Moment war. Sein Freund und er waren grundverschieden, sogar was das Aussehen betraf. Nick war groß, hatte schwarzes Haar und blaue Augen, und nicht nur physische, sondern auch psychische Stärke kennzeichneten sein markantes Gesicht und den muskulösen Körper. Auch wenn er nur mittelgroß und mit seinem passablen braunen Haar und den braunen Augen nicht so auffallend attraktiv war, hatte Leon neben Nick niemals Minderwertigkeitsgefühle, denn er hatte ein flottes Mundwerk und konnte jede Frau für sich einnehmen, die er haben wollte.

Sie waren ein großartiges Team – der Kreative und der Geschäftstüchtige –, und Leon würde nicht dulden, dass irgendetwas ihre gute Zusammenarbeit störte. Außerdem war das psychische Wohl seines Partners von allergrößter Bedeutung für ihren Erfolg.

“Du weißt, wie fantastisch die Sache mit dem Internet angelaufen ist, Leon. Ich werde mit Arbeit überhäuft und brauche noch zwei Grafiker, die mich unterstützen.”

“Das wird unseren Gewinn verringern.”

“Ich muss auch noch ein Leben haben”, stieß Nick hervor.

Leon verdrehte die Augen. “Weil Tanya sich darüber aufgeregt hat, dass sie nicht deine ungeteilte Aufmerksamkeit bekommt? Sie besitzt dich nicht, und lass dir von mir sagen …”

Nick blickte ihn wütend an. “Ich lasse mir viel von dir sagen. Du bist ein Verkaufsgenie, und wir beide haben großen Erfolg zusammen. Aber unter so einem Druck arbeite ich nicht länger.”

“Okay, okay.” Leon hob beschwichtigend die Hände. “Das akzeptiere ich ja. Vorausgesetzt, dass es deine Meinung ist und nicht Tanyas. Du hast doch immer erklärt, wenn wir schuften würden wie Pferde, bis wir dreißig sind …”

“Ich werde nächste Woche dreißig. Wir haben im vergangenen Jahr beide fünf Millionen Dollar verdient …”

“Und wir können in diesem Jahr gut das Doppelte verdienen.”

“Aber wir haben einen hohen Preis dafür bezahlt. Du hast Liz verloren, und …”

“Da haben wir’s. Du ziehst Frauen hinein.”

“Verdammt, Leon! Ich will neben der Arbeit auch noch ein Privatleben haben. Genug ist genug. Ich brauche mehr Mitarbeiter.”

“Schon gut. Ich höre mich um und werbe einen guten Grafiker für dich ab.”

Nick hielt zwei Finger hoch.

Leon seufzte. Zwei Gehälter würden mehr zu zahlen sein. “Dann hole ich einen guten und einen von der Kunstakademie, den wir ausbilden. Wie findest du das?”

“Geizkragen.”

“Keineswegs. Es ist vernünftig, selbst Leute auszubilden.”

Insgeheim gab Nick seinem Freund recht. “Pack es sofort an, Leon. Und versuch nicht, mich hinzuhalten. Mir ist gleichgültig, wie viel es kostet. Es wird sehr viel teurer, wenn ich irgendwann am Burn-out-Syndrom leide.”

“Sprich nicht davon!” Leon stand entsetzt auf. “Dein Wunsch ist mir Befehl, alter Junge. Ich betätige mich sofort als Headhunter.”

“Vergiss nicht den Trainee.”

“Kein Problem. Die Studenten werden den Eingang stürmen, um den Job hier zu ergattern.” Leon ging zur Tür, blieb stehen und warf Nick über die Schulter einen zynischen Blick zu. “Ich wette, Tanya kommt trotzdem zu deiner Geburtstagsparty. Ihr gefällt, was für unser Geld zu haben ist. Vergiss das nicht, wenn sie dir wieder die Daumenschrauben anlegt.”

“Die Arbeit wartet”, erinnerte ihn Nick kurz angebunden, und Leon ging.

Nervös, mit sich und der Welt unzufrieden, schaltete Nick den Computer ein und versuchte, sich ans Werk zu machen. Leons Worte blieben ihm jedoch im Gedächtnis haften. Am Ende seines heftigen Streits mit Tanya hatte sie gesagt, die Party sei seine letzte Chance. Wenn er nicht sein Leben ändern würde … Nick presste die Lippen zusammen. Sie war zu weit gegangen. Es war ja nicht so, dass er nebenbei andere Frauen hatte. Er hatte wenig Zeit für sie, weil er hart arbeitete. Und es störte sie überhaupt nicht, das viele Geld auszugeben, das er verdiente. Immer bat sie ihn, sie in die teuersten Restaurants mitzunehmen und die besten Plätze bei den Konzerten zu besorgen, die sie sehen wollte. Leon hat recht, dachte Nick, sie nutzt mich aus. Nicht, dass es ihn übermäßig störte. Wozu war Geld gut, wenn man es nicht für die Freuden des Lebens verwendete? Nur dass Tanya ihm nicht besonders viel Freude bereitete. Tatsächlich wurde sie zu einer unvernünftigen Nörglerin, die am Ende eines gemeinsamen Abends regelmäßig Streit anfing, was ihm die Lust auf Sex mit ihr nahm. Ihm fehlte nicht so sehr die Energie als vielmehr das Verlangen.

Seine letzte Chance.

Ihm war danach, die Beziehung vor der Party zu beenden, die Tanya natürlich nicht verpassen wollte. Wer würde das wollen? Leon hatte ein großes Zelt auf dem Observatory Hill mit Aussicht auf den Hafen organisiert, eine fantastische Jazzband und einen erstklassigen Partyservice. Tanya würde einen Blick auf all die erfolgreichen jungen Männer werfen können, die sich gerade im Geschäftsleben einen Namen machten.

Soll sie doch, dachte Nick. Vielleicht würde er sich auch umsehen. Es musste eine Frau geben, die mehr Verständnis für seine Bedürfnisse und nichts dagegen hatte, sich zu beschäftigen, während er arbeitete. Auf eine unvernünftige Nörglerin konnte er zweifellos verzichten.

Leon ging in sein Büro und hoffte, dass er Tanya mit seiner letzten Bemerkung einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Egoistisches Miststück. Sie holte aus Nick so viel wie möglich heraus und gab niemals irgendetwas zurück. Vielleicht sollte er noch einige heiße Partygirls an Land ziehen und Nick an seinem Geburtstag zeigen, dass noch andere Frauen auf der Welt lebten. Frauen, die nur allzu glücklich wären, mit ihm zusammen zu sein, ohne Unruhe zu stiften.

Noch besser …

Leon lächelte. Warum nicht eine Märchenprinzessin mit einem Zauberstab, die Tanya Wells in einen hässlichen, quakenden Frosch verwandeln würde?

Sein Lächeln wich einem schadenfrohen Lachen.

Partyüberraschung”, meldete sich Sue Olsen und klemmte sich den Hörer zwischen Kinn und Schulter, während sie in der Hoffnung auf einen lukrativen Auftrag nach Notizblock und Kugelschreiber griff. “Wie sollen wir bei Ihnen plötzlich auftauchen?”

“Sie bieten Shownummern für Geburtstagsfeiern an, stimmt’s?”, fragte ein Mann.

“Ja, Sir. Wir haben ‘Die singenden Sonnenblumen’, ‘Die Farm der Kuscheltiere’, ‘Die Gummibärchen’ …”

“Ich möchte eine Märchenprinzessin mit einem Zauberstab, die Happy Birthday singt und ein bisschen Flitter streut”, verlangte er energisch.

Sue lächelte ihre Freundin und Teilhaberin Barbie Webster an, die von dem gestrigen Auftritt vor dreißig schreienden Fünfjährigen noch immer fix und fertig war. “Wir haben die perfekte Märchenprinzessin für Sie”, erwiderte sie selbstbewusst.

Barbie verdrehte die Augen. Offensichtlich musste sie selbst mit Zauberflitter bestreut werden, um an diesem Morgen Begeisterung aufzubringen. Vier Kinderpartys an einem Wochenende zu absolvieren bedeutete harte, kraftraubende Arbeit. Wenn sie es von der heiteren Seite betrachtete, war der neue Auftrag einfach, viel leichter auszuführen als die Clownsnummer.

“Und welchen Termin wünschen Sie?”, fragte Sue.

“Ich möchte zuerst einmal sichergehen, dass es wirklich das Richtige ist”, sagte der Anrufer argwöhnisch. “Sie muss schön sein.”

“Sie ist wunderschön.”

“Langes blondes Haar? Es soll ihr offen über die Schultern fallen.”

“Die Beschreibung ist genau richtig.”

“Es ist keine Perücke?”

“Ich verspreche Ihnen, dass sie keine trägt.”

“Gut. Lächelt sie herzlich? Gesunde Zähne?”

“Ein strahlendes Lächeln. Jeder Zahnarzt wäre stolz auf sie.”

“Tja, bisher genügt das den Ansprüchen. Wie groß ist sie?”

“Wie groß?” Sue runzelte die Stirn.

“Ich will keinen Zwerg. Ich meine, wir reden hier doch nicht etwa über ein kostümiertes Kind?”

“Nein. Unsere Märchenprinzessin ist eine schöne junge Frau, die über dem Durchschnitt liegt, aber nicht ganz die Größe eines Models erreicht.”

Barbie verzog das Gesicht, bleckte die Zähne und zerzauste sich das Haar, sodass sie aussah wie in ihrer Rolle als ‘Böse Hexe’. Sue streckte ihr die Zunge heraus.

“Prima!”, rief der Anrufer. “Das hört sich ja gut an. Nur noch eine Frage: Was ist mit ihrer Figur?”

“Wie bitte?”

“Hat Sie Rundungen an den richtigen Stellen?”

“Hm”, sagte Sue unverbindlich und wartete ab, wie weit er gehen würde.

“Eine Spindeldürre kommt nicht infrage”, erklärte er energisch. “Sie muss sexy sein.”

Das Wort ‘sexy’ machte Sue misstrauisch. Sie erhielten gelegentlich Anrufe von verrückten Typen. Es war an der Zeit, diesen festzunageln. “Sprechen wir hier zufällig über einen Junggesellenabschied?”, fragte sie zuckersüß.

“Glauben Sie mir, Hochzeiten sind nicht im Umlauf”, erwiderte er sarkastisch. “Ich organisiere eine große Party für meinen Freund, der dreißig wird. Die Nummer soll eine besondere Überraschung sein.”

“Werden auch Frauen dabei sein?”

“Natürlich. Die meisten sind Singles, wie die Männer. Man könnte sagen, dass sich auf der Party die junge Elite der Gesellschaft trifft. Nichts daran soll im Verborgenen bleiben. Die Feier findet in einem Zelt auf dem Observatory Hill statt.” Offensichtlich hatte er begriffen, was ihre Fragen bedeuteten.

Sue dachte an die Möglichkeiten, die sich boten, wenn begehrenswerte Junggesellen auf den Putz hauten. “Wenn wir den Auftrag übernehmen, müsste ich darauf bestehen, die Märchenprinzessin zu begleiten, um sicherzustellen, dass sie keinen, sagen wir mal, Unverschämtheiten ausgesetzt wird.”

“Sie sind herzlich eingeladen, hinterher mitzufeiern. Ich nehme an, sie sieht tatsächlich sexy aus.”

“Zweifellos hat sie eine gute Figur. Aber ich möchte nicht, dass sich irgendjemand falsche Vorstellungen macht. Sie tritt als Märchenprinzessin auf und singt Happy Birthday, mehr nicht. Richtig?”

“Haargenau. Oh! Das habe ich noch nicht gefragt. Kann sie singen?”

“Sie ist als professionelle Unterhaltungskünstlerin in diesem Land auf Tournee gegangen. Reicht das?”

“Großartig!”

Das wird teuer, Mister, dachte Sue. Sie notierte sich die näheren Einzelheiten und vervierfachte kühn das Honorar für Barbie und sich selbst. Ein Engagement nach Geschäftsschluss plus Gefahrenzulage. Nicht, dass Sue irgendeine echte Gefahr sah, aber sie hielt eine solche Bezahlung durchaus für gerechtfertigt.

Barbie war ganz überwältigt, als sie hörte, was für ein unerhörtes Honorar Sue für diesen Auftritt verlangte. Nächste Woche Gewinn zu machen war kein Problem mehr. Seitdem sie Partyüberraschung gegründet hatten, mussten sie ständig kämpfen, um mit ihren Einkünften auszukommen. Zumindest hatten sie jetzt regelmäßig Arbeit, und sie wohnten wieder in Sydney. Mit der ‘Country and Western’-Nummer von einem Countryclub zum nächsten durchs Land zu reisen war schön gewesen, finanziell hatte es sich jedoch nicht gelohnt.

Nach dem zu urteilen, was Sue am Telefon gesagt hatte, ging es bei dem Auftrag nicht darum, Kinder zu unterhalten. Es klang ziemlich heikel. Zugegeben, sie konnten einem geschenkten Gaul nicht ins Maul sehen. Das Auto kostete Geld, sie mussten die Miete für die Dreizimmerwohnung in Ryde und andere Rechnungen bezahlen. Trotzdem …

Sue legte auf. “Hab es!”, rief sie. Ihre grünen Augen funkelten triumphierend. Mit ihrem kurzen roten Haar und der zierlichen Figur konnte sie sehr gut einen Kobold spielen, und im Moment machte sie zweifellos einen sehr mutwilligen Eindruck.

“Was genau hast du?”, fragte Barbie argwöhnisch.

“Er hat nicht einmal gezögert, als ich das Honorar genannt habe. Das beweist, dass er wirklich reich ist und nichts dagegen hat, sein Geld auszugeben. Ich liebe solche Männer!”

“Bist du sicher, dass er kein unanständiger alter Mann ist?”

Sue lachte. “Er könnte ein unanständiger junger Mann sein. Ganz bestimmt ist er jung. So um die dreißig. Und Junggeselle. Mitbesitzer von Multimedia Promotions. Vielleicht bitte ich ihn, eine Website für uns einzurichten. Dann bekommen wir Kunden aus dem Internet.”

“Wir haben noch nicht einmal einen Computer”, erinnerte Barbie ihre Freundin trocken. Sue hatte immer hochfliegende Träume, und es war oft schwierig, sie auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen.

Sie zuckte die Schultern. “Ich denke nur voraus. Dieser Auftrag ist wirklich gut für uns, Barbie. Viel Geld plus die Gelegenheiten, die sich an dem Abend bieten.”

“Würdest du so freundlich sein, mir zu erklären, worum es überhaupt geht?”

Vor Begeisterung tanzte Sue buchstäblich durch das kleine Wohnzimmer, während sie Barbie von der Party und der Einladung erzählte, zu bleiben und sich unter die Elite der Junggesellen Sydneys zu mischen.

Barbie musste zugeben, dass es interessant klang, wenn man bedachte, dass Sue und sie im Moment kein gesellschaftliches Leben hatten. “Wie heißt der Typ, der mich als Märchenprinzessin engagiert hat?”, fragte sie und überlegte, ob sie vor dem Abend irgendwie überprüfen könnten, ob er ehrlich gewesen war.

“Leon Morrell.”

Der Name berührte sie unangenehm. Hatte Nick Armstrong nicht einen Studienfreund gehabt, der so hieß? “Und sein Geschäftspartner, das Geburtstagskind?”

“Nick Armstrong.” Sue fing übermütig an zu singen. “Happy Birthday, dear Nick. Happy Birthday, dear Nick …”

“Hör auf damit!”, schrie Barbie. Die Hände zu Fäusten geballt, stand sie auf.

Sue verstummte und blickte sie an, als wäre sie verrückt. “Was ist los?”

“Erinnerst du dich nicht?” Barbie brannte das Gesicht, denn sie erinnerte sich nur allzu gut an die schlimmste Kränkung und Demütigung ihres Lebens.

“Woran?”, fragte Sue verwirrt.

Barbies graue Augen funkelten vor kalter Wut, während sie an den Mann dachte, der ihr das Herz gebrochen hatte. “Ich habe vor neun Jahren auf der Party anlässlich seines einundzwanzigsten Geburtstags für ihn gesungen.”

Ihre Freundin sah noch immer ratlos aus. “Wirklich?”

“Ja. Und ich habe dir damals alles darüber erzählt, wie er … Ich werde nie wieder für ihn singen!”, sagte sie energisch.

“Oh!” Sue verzog das Gesicht. “Der Typ, in den du als Schulmädchen mächtig verliebt warst.”

“Ich war sechzehn.” Barbie hatte Nick Armstrong von ganzem Herzen geliebt, und er hatte diese Liebe herabgesetzt, indem er ein sexy Flittchen mit einem protzigen Auto vorgezogen hatte. Sie hatte sich gesagt, er müsse ein oberflächlicher Mistkerl sein, wenn er sich von so seichten Dingen verführen lasse, aber sie war trotzdem völlig deprimiert gewesen.

“Seitdem ist schon sehr viel Wasser den Hawkesbury River heruntergeflossen, Barbie.”

Das stimmte, doch der tiefe Schmerz war nicht verschwunden. Kein anderer Mann hatte auch nur ansatzweise das in ihr geweckt, was sie früher einmal für Nick Armstrong empfunden hatte. Er hatte ihren Glauben an die Liebe zerstört, und vielleicht hielt sie seinetwegen nicht viel von Träumen.

“Es ist nur ein Auftritt von zehn Minuten, durch den wir zum ersten Mal mit Gewinn arbeiten.” Sue hob bittend die Hände. “Wahrscheinlich erkennt er dich nicht einmal wieder. Du hast damals eine Zahnspange getragen. Dein Haar war kurz und heller …”

Ja, und so drahtig wie das Fell eines Airedaleterriers. “Wauwau Webster”, hatten Nicks Freunde sie damals genannt, weil sie ihm und seiner Clique wie ein treuer Hund überallhin gefolgt war. Sie hatte den Spitznamen gehasst.

“Du hast eine Brille statt Kontaktlinsen getragen”, sprach Sue weiter. “Und du warst als Teenager spindeldürr. Du siehst jetzt viel reifer aus.”

“Das ist nicht der springende Punkt!”, brauste Barbie auf. “Ich werde nicht für ihn singen. Du kannst es ja selbst machen.”

“Oh ja, klar. Als wäre ich blond, schön und sexy. Die Märchenprinzessin ist deine Nummer, Barbie. Außerdem habe ich Leon Morrell versprochen, dass sie keine Perücke trägt.”

“Dann sag ihm, dass wir den Auftrag doch nicht übernehmen können. Soll er sich jemand anders suchen.”

“Und all das schöne Geld? Ganz zu schweigen von der Chance, aufstrebende junge Männer kennenzulernen?” Sue schüttelte den Kopf. “Es wäre am besten, wenn du dich erst einmal hinsetzt, dich beruhigst und vernünftig überlegst. Wenn der Gedanke an Nick Armstrong nach neun Jahren noch so wehtut, hast du ein echtes Problem, und es wird Zeit, dass du dich diesem Problem stellst und darüber hinwegkommst.”

Barbie ließ sich in einen Sessel sinken. Sie wollte nicht mit ihrer Freundin streiten, aber sie war fest entschlossen, nicht nachzugeben. Sie würde nicht für Nick Armstrong singen!

“Denk mal an die andere Abteilung unserer Firma: Geh zum Teufel.” Sue setzte sich auf die breite Armlehne.

Sie hatten ziemlich viele Auftraggeber, denen die Vorstellung gefiel, dass ein Strauß verwelkter Rosen an jemanden geliefert wurde, der ihnen unrecht getan oder sie gekränkt hatte. Barbie hatte Zweifel geäußert, aber Sue hatte argumentiert, dass es eine relativ harmlose Methode sei, seinen Gefühlen Luft zu machen, und die Leute davon abhalte, Schlimmeres zu tun. Sie würden dem Kunden die Befriedigung verschaffen, zumindest irgendetwas zu unternehmen, anstatt nur Opfer zu sein. Was wahrscheinlich stimmte. Trotzdem überließ Barbie diese Aufträge Sue, die sie gern erledigte. Und es war keine Lösung, Nick Armstrong verwelkte Blumen zu schicken, um ihm zu zeigen, was sie von ihm hielt. Sie wollte überhaupt nichts mit ihm zu tun haben. “Vergiss es, Sue. Lieber stelle ich mich einer Tigerotter, und du weißt, wie ich Schlangen finde.” Schaudernd stützte Barbie den Ellbogen auf die andere Lehne.

“Ich habe keine verwelkten Rosen im Sinn.”

“Warum fängst du dann davon an?”

“Weil nichts über ein bisschen Rache geht, wenn man gemein behandelt worden ist.” Sue nahm den Text auf, mit dem sie für Geh zum Teufel warben: Am Ende zu triumphieren ist wundervoll. Wenn man abgerechnet hat, kann man sein Leben weiterführen.

Barbie verdrehte entnervt die Augen.

Was Sue nicht stoppte. “Rache ist wirklich süß”, verkündete sie und breitete die Hände aus wie ein Zauberkünstler, der einen unglaublichen Trick vorführen wollte. “Jetzt stell dir mal Folgendes vor, Barbie …”

2. KAPITEL

Barbie zitterte am ganzen Körper vor Nervosität, während sie auf ihren Auftritt wartete. Sie hätte sich von Sue nicht überreden lassen sollen. Irgendwie hatte Sue ihren Stolz so wachgerüttelt, dass sie tatsächlich gemeint hatte, Nick Armstrongs verblüffte Miene könnte ihre seelischen Narben heilen. Besonders wenn sie ihren Zauberstab schwang und ihn in das Kind verwandelte, während sie die Erwachsene war, die ihn unaufrichtig anlächelte.

Sue nannte es süße Rache, aber im Moment bezweifelte Barbie, dass irgendetwas an diesem Engagement süß sein würde. Sie würde es hassen, von Nick nicht erkannt zu werden, und sie würde es hassen, wenn er sich an sie erinnerte.

Trotzdem stand sie jetzt vor dem Partyzelt auf dem Observatory Hill, und es war zu spät, die Vorstellung abzusagen. Drinnen hielt jemand eine Rede, die immer wieder von Beifallsstürmen und schallendem Gelächter unterbrochen wurde. Ungefähr hundert Gäste, sehr schicke Gesellschaftskleidung, eindeutig eine reiche Clique, hatte Sue berichtet.

Die Zeltwände waren aus durchsichtigem Plastik, damit die Gäste die Aussicht auf den Hafen und die wegen ihrer Form ‘Kleiderbügel’ genannte spektakuläre Brücke sowie auf die unzähligen Lichter von Nordsydney genießen konnten. Um nicht gesehen zu werden, musste Barbie hinter dem Auto stehen. Sue stand am Eingang und beobachtete, was drinnen vorging.

Mit dem Wagen ganz in der Nähe kann ich zumindest schnell entwischen, tröstete sich Barbie. Nur zehn Minuten, dann würde sie von hier weg sein.

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