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Herzriss

Über die Autorin

Britta Sabbag hat bereits mehrere Romane veröffentlicht. Mit ihrem Debüt Pinguinwetter gelang ihr auf Anhieb ein Bestseller. Stolperherz, ihr erstes Jugendbuch, ist von einer wahren Geschichte inspiriert, denn die Autorin verbrachte als Jugendliche selbst einen Sommer lang mit einer Rockband. Herzriss ist nun die Fortsetzung von Sannys Geschichte.

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BASTEI ENTERTAINMENT

Das Leben hält drei Gewissheiten für dich parat.

Eine gute, eine schlechte und eine dritte.

Die Gute: Alles, was du dir erträumst, wird passieren.

Die Schlechte: Alles, wovor du dich fürchtest, wird eintreten.

Die dritte: Das ist das Leben.

(B. S.)

Sometimes we fall down and can’t get back up

We’re hiding behind skin that’s too tough

How come we don’t say I love you enough

Till it’s too late, it’s not too late

Our hearts are hungry for a food that won’t come

We could make a feast from these crumbs

This is all we got and we gotta start pickin it

Every second counts on a clock that’s tickin’

Gotta live like we’re dying

We only got 86 400 seconds in a day

to turn it all around or throw it all away

We gotta tell ’em that we love ’em

While we got the chance to say

(The Script, Live Like We’re Dying)

1. KAPITEL: Abschied

Zerrissenheit ist ein Begriff, der in unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet wird. Mit ihm bezeichnete man ursprünglich einen Zustand der Zerknirschung des Herzens, einen Zwiespalt des Menschen, eine Art Bedrängnis der Seele, die einen inneren Konflikt zwischen Wünschen und Wirklichkeit darstellt (…)

Es war eine Angewohnheit von mir, Begriffe und Wörter, die mich beschäftigen, im Duden nachzuschlagen. Mehr noch, es war zu einer Art Sucht geworden, mich in den Erklärungen der Wörter, die mich nicht schlafen ließen, wiederzufinden. Als ob es helfen würde, die genaue Definition zu kennen, als ob es wie eine Art Anleitung funktionieren würde, wenn ich den Sinn eines Wortes ganz und gar aufgesaugt und verinnerlicht hatte. Zerrissenheit – das war das Wort, das meinen Zustand im Moment ganz gut beschrieb.

Dass meine Eltern sich scheiden ließen, war vom ersten Schock zunächst zur Tatsache geworden und gehörte nun zu meinem Alltag wie das morgendliche Zähneputzen. Ich hatte geglaubt, ich hätte mich damit abgefunden, dass aus einer Liebe – denn sie mussten sich doch schließlich mal geliebt haben? – eine Art Krieg geworden war, in dem jeden Tag aufs Neue Verhandlungen um Zugewinne, Möbelstücke, Bilder, das Haus und die Autos geführt wurden.

Und um mich.

Vor Kurzem hatten wir im Geschichtsunterricht über Napoleon Bonaparte gesprochen. Sein Vorgehen, um die Säkularisierung durchzusetzen, erinnerte mich an meine Mutter, die sich in jeder Position als eine Art Weltmacht meinem Vater gegenüber sah und nicht zulassen konnte, dass ein geteiltes Sorgerecht vereinbart wurde. Ich war mir nicht sicher, ob die kühle Beharrlichkeit, mit der meine Mutter in dieser Sache vorging, auch etwas mit Paps’ angeblich neuer Freundin Nina zu tun hatte. Die ich im Übrigen noch nicht kennengelernt hatte. Ich vermutete aber, dass die Tatsache, dass mein Vater eine Freundin hatte, das ohnehin nicht besonders ausgeprägte Wohlwollen meiner Mutter gegenüber meinem Vater nicht gerade verstärkt hatte. Was die neue Frau an der Seite meines Vaters betraf, befand ich mich in einem Zwiespalt. Einerseits konnte ich verstehen, dass mein Vater nun endlich beschlossen hatte, einen Neustart mit einer anderen Frau zu versuchen. Anderseits war diese neue Beziehung wie ein Verrat an unserer Familie – wenn wir auch schon lange keine richtige mehr waren –, und dieser Verrat schmerzte wie ein stumpfer Stich in der Magengrube.

Mein Vater, der sich schon immer zurückgenommen hatte, wenn es um die Wünsche meiner Mutter ging, wollte zum allerersten Mal nicht wie gewohnt nachgeben. Und so wurde ich zum Gegenstand dieses Rosenkrieges. Manchmal wirkte es auf mich so, als ob DIE SCHEIDUNG, wie meine Mutter Lisa es immer besonders artikuliert und betont aussprach, nur ein weiteres ihrer vielen Projekte war, die sie anscheinend zum Leben brauchte.

Seit ich mit Greg zusammen war, und das waren jetzt fast genau drei Monate, sah ich Lisa allerdings kaum noch. Greg und ich verbrachten fast unsere gesamte Zeit bei ihm in der WG, die er gerade mit zwei anderen Bandmitgliedern seiner Rockband Crystal gegründet hatte – Alex, genannt Lex, und Daniel, von allen nur Schleicher genannt. Nur ein einziges Mal waren Greg und ich bei mir zu Hause in meinem Zimmer gewesen, das ich vorsichtshalber abgeschlossen hatte. Trotzdem fühlte ich mich unwohl, beobachtet, und jedes Geräusch schien zu verraten, was wir gerade taten, selbst wenn es noch so harmlos war. Ich traute meiner Mutter eben alles zu, es hätte mich noch nicht einmal gewundert, wenn sie durchs Schlüsselloch geguckt hätte. Und was hätte ich auch dagegen unternehmen sollen? Die Tür aufreißen und sie anbrüllen? Mir meine Mutter vorgebeugt und lauschend vorzustellen, während ich in Gregs Armen lag, war bestimmt so ziemlich das Letzte, was ich mir ausmalen wollte.

Überhaupt war der Platz in Gregs Armbeuge, in »der Kuhle«, wie ich es nannte, der beste Platz auf der Welt. Mein Kopf passte genau hinein, wie bei zwei Puzzleteilen, die man perfekt ineinanderstecken konnte. In der Kuhle fühlte ich mich geborgen und konnte alles um mich herum vergessen. Wenn Greg dann seinen Arm um mich legte und mich an sich heranzog, um mich auf die Stirn, meine Nase oder auf den Mund zu küssen, gab es nichts anderes um mich herum. Keine Scheidung, keinen Schulstress und vor allem eines nicht: keinen Herzschmerz. Und dies galt sogar im doppelten Sinne. Es war nicht nur so, dass die Beziehung zwischen Greg und mir zumindest kusstechnisch perfekt lief – denn das war es, was wir hauptsächlich taten –, auch mein angeborener Herzfehler löste sich quasi in Luft auf, wenn ich mit Greg zusammen war. Normalerweise wies mein krankes Herz mich in fast jeder Alltagssituation schnell in meine Grenzen. In Gregs Armen spürte ich die gefährlichen Extraschläge und Aussetzer jedoch nicht. Ich wusste nicht genau, ob sie tatsächlich in diesen Momenten verschwanden oder ob ich sie einfach nicht mehr wahrnahm, aber das war letztendlich auch egal.

Seit ich mit Greg zusammen war, konnte ich mein ganzes Leben in exakt zwei Zeiteinheiten unterteilen: Küssen und Nicht-Küssen.

Die Nicht-Küssen-Zeiten, wie zum Beispiel der Schulunterricht oder pädagogisch wertvolle Gespräche über DIE SCHEIDUNG mit meiner Mutter, zogen sich wie Kaugummi. Die Küssen-Zeit, die ich verständlicherweise ausschließlich mit Greg verbrachte, war zum Mittelpunkt meines Lebens geworden. Stunden verflogen in gefühlten Sekunden, und zum allerersten Mal verstand ich Einsteins Relativitätstheorie, die ich im Physikunterricht bei unserem Schulleiter Herrn Prof. Dr. Behrz nie begriffen hatte. Die Zeit ohne Greg dauerte nicht nur ewig, sondern sie kam mir zudem auch noch vollkommen sinnlos vor.

Ich konnte mir nicht vorstellen, jemals wieder ohne seine Küsse zu leben. Aber eigentlich konnte ich mich auch gar nicht mehr daran erinnern, wie ich es überhaupt so lange ausgehalten hatte, ohne sie zu existieren.

*

»Saaaanny!«, rief meine Mutter die Treppe zu meinem Zimmer hoch, »kommst du mal bitte runter?« Ihr angestrengter Tonfall klang verdächtig nach »Sanny, wir haben dringend etwas enorm Wichtiges zu besprechen« und verursachte bei mir ein spontanes Augenrollen.

»Ja-haaaaa!«, rief ich zurück, während ich mich vom Bett rollte. Im Grunde wusste ich schon, worum es ging, bevor sie nur ein einziges Wort gesagt hatte.

»Es geht um die SCHEIDUNG«, begann sie, während sie damit beschäftigt war, mundgerechte Portionen Obst für mich zu schnipseln. Sie sprach das Wort Scheidung immer so aus, als wäre es ein fieses Insekt, das sich gerade in ihrem Mund befand.

»Ich habe keinen Hunger.«

»Du musst aber deinem Vitamin-C-Bedarf nachkommen«, erklärte sie und stellte den Obstteller demonstrativ vor mir ab. »Der Vitamin-C-Haushalt ist enorm wichtig in deiner Entwicklungsphase, sagt Dr. Lund.«

Dann tippte sie auf einen der Apfelschnitze, während sie das Wort »essen« lautlos mit dem Mund formte. »Du bist ohnehin viel zu blass. Ich wette, deine Werte sind heute wieder schlechter. Hast du deine Medi…?«

Wenn sie mich fragte, ob ich meine Medikamente genommen hatte, war für gewöhnlich der Zeitpunkt gekommen, an dem ich nur noch rein körperlich anwesend war und in Gedanken längst woanders. Meistens bei Greg natürlich.

»Hmmm.«

»Wir müssen am Donnerstag noch mal zu Dr. Lund«, erklärte sie, »deine Werte müssen stabil bleiben.«

»Ich weiß«, seufzte ich.

Ich wusste das, seit ich fünf Jahre alt war, und trotzdem verkündete meine Mutter es jeden Tag aufs Neue wie die Wettervorhersage. Nur dass es für mein Herz seit Ewigkeiten nur eine Witterung gab: Regenwetter.

»Aber nun zurück zu der SACHE.«

Die SACHE war die Umschreibung ihrer Wahl, wenn sie das fiese Insekt nicht in ihren Mund lassen wollte.

Jetzt sah meine Mutter mich eindringlich an. »Dein Vater will das geteilte Sorgerecht.«

Ich wusste nicht, ob das eine Aussage oder eine Frage sein sollte.

»Und was ist verkehrt am geteilten Sorgerecht?«

Lisa hob die rechte Augenbraue. »Bitte? Dein Vater ist praktisch nie zu Hause. Wie in Gottes Namen stellt er sich das vor, sich um dich zu kümmern?«

»Ich kann mich schon ganz gut um mich selbst kümmern«, antwortete ich, während ich lustlos auf einem Stück Apfel herumkaute, dem ich den sicher hohen Vitamin-C-Gehalt deutlich anmerkte. Er war so sauer, dass ich mein Gesicht verzog. »Immerhin bin ich sechzehn.«

»Seit vier Tagen.«

Ich verstand nicht, was für einen Unterschied es machte, ob man seit vier Tagen, vier Wochen oder vier Monaten sechzehn war. In vier Wochen würde ich mir ein genauso gutes American Sandwich mit einer extra Portion gerösteten Zwiebeln machen können wie heute schon und brauchte dafür keine Hilfe. Meine Mutter hasste es, wenn ich ungesunde Sachen aß, und regte sich jedes Mal auf, wenn ich mich ihrer Meinung nach mit leeren Kohlenhydraten vollstopfte, die angeblich Versorgungslücken erzeugten. Aber ich liebte meine Sandwichkunst, die ich in unzähligen Variationen auslebte. Darauf gebracht hatte mich mein Nachbar Flocke, ein wahrer Sandwichexperte. Na ja, im Grunde war er generell ein Experte, solange es ums Essen ging. Flocke hieß eigentlich Simon Nepomuk Sapfel, wurde aber von allen nur Flocke genannt, nachdem er nach einer – seiner Meinung nach geglückten – Diät nach den Ferien wieder in die Schule gekommen war und behauptet hatte, sich wie eine Flocke zu fühlen. Dabei sah er immer noch wie eine Lawine aus. Damit hatte er sich ins eigene Knie geschossen und wurde von da an von allen nur noch Flocke genannt. Spätestens nachdem er als Keyboarder der Band Crystal mit mir und zwei anderen Mädchen unserer Schule den Sommer über durch Deutschland getourt war, hatte sich sein Name in die Gedächtnisse eingebrannt – immerhin hatte er sich seinen Platz in der Band hart erkämpft. Und seit dieser Tour war Flocke auch nicht mehr nur mein Nachbar, sondern längst ein Freund geworden.

»Und dann noch dieses Mädchen …« Lisa hatte wieder das Insekt im Mund.

Dieses Mädchen war Nina, die neue Freundin meines Vaters, die Lisa nur einmal von Weitem gesehen hatte. Das allein aber genügte ihr schon, um sie zu verachten. Und natürlich auch die Tatsache, dass sie so viel jünger war.

»Wie alt soll sie denn bitte sein? Ist sie überhaupt schon achtzehn? Ich weiß wirklich nicht was er sich dabei denkt. Das ist doch eine klassische Midlife-Crisis!«

»Dreiundzwanzig«, antwortete ich und legte das angeknabberte Stück Apfel wieder auf den Teller.

»Trotzdem, wie kann er nur! Das ist doch lächerlich! Das muss er doch selber merken, wie lächerlich das ist!«

Lisa sah aus dem Fenster, und ich konnte ihre Augen nicht sehen, aber ich hatte das Gefühl, dass sie ein wenig zu oft zwinkerte. Meine Mutter weinte nie, zumindest nicht, wenn ich dabei war. Sie funktionierte.

Aber in diesem Fall musste ich ihr sogar recht geben – mein Vater war fast doppelt so alt wie seine neue Liebe. Ich hatte mit ihm noch nicht über Nina gesprochen, aber irgendwie hatte ich auch keine besonders große Lust dazu. Nina war eine Art Beweis dafür, dass es unsere Familie nicht mehr gab. Und auch wenn mein Bauch schon lange vor Ninas Auftauchen gewusst hatte, dass wir keine glückliche Familie mehr gewesen waren, verweigerte mein Verstand die Annahme dieser Nachricht. Wie ein Einschreiben, das immer wieder zurück zum Absender geht, weil mein Verstand die Unterschrift nicht leisten wollte. Oder war es mein Herz?

*

»Wir müssen das höher spielen!« Tobi klang angestrengt. »Mindestens einen Ton höher!«

»Ja doch!«

Ich war wie fast jeden Freitagabend im Probenraum von Crystal dabei. Mit mir waren meistens noch Michelle und Kira Zuschauer, die seit unserer Sommertour mit Tobi und Schleicher zusammen waren. Na ja, mehr oder weniger zusammen. Mit Kira und Schleicher lief es gut, zumindest soweit ich das beurteilen konnte. Sie verstanden sich ohne große Worte, was bei ihm unbedingt notwendig war. Kira war häufig in der WG, und ich genoss es, sie an meiner Seite zu haben, wenn die Jungs mal wieder eine ihrer oft nächtelangen Diskussionen über Bands, Songs oder vergangene Gigs hatten. Was Michelle und Tobi betraf, war es schwieriger. Tobi war Sänger mit Leib und Seele – und manchmal eben auch mit ein wenig zu viel Leib. Er flirtete immer noch gerne, und Michelle hatte daran zu knabbern, auch wenn sie es nie zugeben wollte.

»Also los, diesmal höher. 3, 2, 1 …« Lex, der als Schlagzeuger der Band immer anzählte, ließ die Drumsticks blitzschnell in seinen Händen um die eigene Achse kreisen.

Ich liebte die Atmosphäre im Probenraum. Ich wusste nicht, ob es in allen Probenräumen dieser Welt gleich zuging. Auf jeden Fall war es völlig anders als auf den Konzerten, obwohl ich die natürlich auch mochte. Aber die Stimmung in diesem Raum war immer besonders, eine spezielle Mischung aus Spannung und Konzentration, als läge etwas in der Luft, wie Ideenblitze, aber zum Greifen nah. Dieser ganz bestimmte Zauber, den man weder beschreiben noch festhalten konnte, den man aber immer spürte.

Allerdings gab es einen, der diesen Zauber immer wieder gekonnt zu durchbrechen wusste.

»Urrghs!« Flocke rülpste in die Runde. »Sorry, people, ich muss mich mal kurz sammeln, zu viele Extra Spicy Onion Rings heute. Können wir noch mal neu …?«

Ein Stöhnen ging durch die Runde. »Also, 3, 2, 1 …«

Greg spielte die Saiten auf seinem Bass, und ich saß mit dem Rücken fest an die gedämmte Wand gepresst, den Hinterkopf angelehnt und die Augen geschlossen. Die Band hatte ein paar neue Lieder im Repertoire, und einige waren von Greg, der seit Kurzem neben Tobi ebenfalls Songs für Crystal schrieb. Besonders diese Liedzeilen wollte ich ganz auf mich wirken lassen. Manchmal sieht man mit geschlossenen Augen eben mehr. Immer wenn ich die Augen schloss, wurden die Geräusche um mich herum schlagartig lauter. Ich erwischte mich dabei, wie ich in den Songzeilen nach Inhalten suchte, die Greg vielleicht für mich geschrieben hatte. Ich versuchte genau hinzuhören, sodass ich keine Silbe verpasste, ich suchte sogar zwischen den Zeilen. Gleichzeitig war es mir peinlich, dass ich so erpicht darauf war, etwas zu finden, das Gregs und meine Liebe irgendwie offizieller machte. Dabei war alles in Ordnung, so wie es war, ob mit oder ohne Lied.

Du musst dringend aufhören, dich verrückt zu machen, Sanny, hämmerte es in meinem Kopf. Aber das mit Greg war nun mal meine erste Beziehung, und woher sollte ich wissen, was angemessen oder erwartbar oder richtig war, wenn ich es vorher noch nie erlebt hatte?

Es gab einige Zeilen, die von Liebe handelten, einige von Liebeskummer, dem Schmerz, den einen die verlorene Liebe kostete. Aber nichts deutete auf mich oder unsere Beziehung hin, und so gab ich es schließlich auf, danach zu suchen, und ließ den Text los, um nur noch die Melodie auf mich wirken zu lassen.

»Kommst du nachher noch mit in die WG?«, fragte Greg, als wir in der Raucherpause vor dem Probenraum standen. Ich ging immer mit, obwohl ich gar nicht rauchte.

»Klar«, antwortete ich, »gerne. Du weißt doch, dass ich froh bin, wenn ich mal nicht über DIE SCHEIDUNG reden muss.«

Greg lächelte mich verschmitzt an. »Das mit dem Reden können wir auch lassen …« Er zog mich an sich und gab mir einen zarten Kuss auf die Wange. »Ich weiß, ich stinke nach Rauch. Ich werd mir nachher einen Kaugummi reinziehen.«

Ich mochte es, dass er Rücksicht nahm, und noch schöner war es, daran zu denken, dass ich gleich mit ihm den sinnvollen Teil des Tages beginnen konnte: die KÜSSEN-Zeit.

*

»Das ist Nina.«

Mein Vater hatte seine rechte Handfläche leicht auf den Rücken der Frau neben ihm gelegt, knapp oberhalb ihres Pos, sodass er sie kaum berührte. Nur ihre langen blonden Haare streiften gerade so seine Finger. Es war eine zarte Geste, aber für mich lag in ihr die gewaltige Kraft der Zerstörung.

»Aha.«

»Sei nicht so unhöflich«, flüsterte er mir mit gespielt strengem Blick zu, »ich weiß, die Situation ist neu und noch fremd und sicher auch schwierig für dich, aber wir müssen das Beste daraus machen.«

Das Beste daraus machen. Ha! Mein Vater stellte mir eine Frau vor, die fast meine große Schwester sein könnte, und ich sollte das Beste daraus machen!

»Hallo, Sanny«, sagte Nina und lächelte mich an. Das konnte sie wohl gut, das Lächeln. Obwohl ich merkte, wie nervös sie war, denn ihre Oberlippe zitterte leicht. Sie hatte gerade, weiße Zähne und einen ziemlich großen Mund. Zu groß für ihren kleinen Kopf, wie ich fand. Mir fiel auf, dass dadurch ihr Gesicht nicht mehr symmetrisch wirkte, und das störte mich wirklich.

»Ich hab schon so viel von dir gehört«, sagte Nina angestrengt lächelnd und kämpfte weiter.

»Komisch, ich habe noch nie etwas von Ihnen gehört.«

Ich wusste, dass es unfair war, aber ich konnte nicht anders.

»Mensch, Sanny!« Mein Vater verlor sicher bald die Geduld, aber dann war diese Farce endlich zu Ende, und ich konnte zurück zu Greg in die WG gehen.

»Oh, bitte siez mich nicht«, meinte Nina, immer noch lächelnd, fast wie versteinert. »Das macht mich so alt. Nenn mich einfach Nina.«

Oder auch Ehezerstörerin, Verräterin, blöde Kuh, ergänzte ich in Gedanken.

»Kommt, wir trinken jetzt erst mal einen Kakao, und dann legen sich die leichten Wellen schon wie von selbst, wenn man etwas Warmes im Bauch hat, ja?«

Ich hatte von meinem Vater noch nie einen derartigen Blödsinn gehört, anscheinend hatte auch er mit der neuen Situation mehr zu kämpfen, als ich vermutet hatte.

Wir setzten uns in eine der hinteren Sitzecken des Schumann’s. Hier war ich früher oft mit Paps gewesen, wenn wir Vater-Tochter-Zeit verbringen wollten. Ich hatte ausschließlich schöne Erinnerungen an das Café, das allzeit nach dem warmem Käsekuchen duftete, den sie hier frisch machten, und nach heißem Kakao, den Paps für mich immer mit einer doppelten Portion Sahne bestellt hatte. Es war wie ein Ritual geworden, dass jeder beim ersten Schluck versuchte, den größeren Sahnebart zu bekommen, und ganz oft hatte ich gewonnen.

»Eine Runde Kakao mit extra viel Sahne«, bestellte Paps jetzt wie gewohnt bei der Kellnerin.

»Für mich nicht.«

Ich konnte nicht anders, es war wie eine Art Zwang, der mich beherrschte. Ich wollte nicht zulassen, dass unser Ritual für die ein wenig gekünstelte Stimmung herhalten musste, nein, das war zu viel.

»Was möchtest du stattdessen?«, fragte Paps.

»Kaffee. Schwarz.«

Die Kellnerin notierte die Bestellung und wiederholte: »Also zweimal Kakao mit extra Sahne und einmal Kaffee, schwarz, ja?«

Natürlich wusste ich, dass die Kakaorunde für mich war, und nun waren Paps und Nina darauf sitzen geblieben.

»Ja«, antwortete Paps und nickte der Kellnerin zu. Dann wandte er sich zu mir. »Seit wann trinkst du Kaffee? Ich meine … schwarz?«

Doch es war ganz offensichtlich nicht die Art, wie ich meinen Kaffee trank, die ihn beunruhigte, sondern die Tatsache, dass ihm dieser Entwicklungsschritt entgangen war.

»Schon ewig.«

Sofort bereute ich, was ich gesagt hatte. Aber es war Ninas pure Anwesenheit, die mich dazu brachte. Natürlich war meine Antwort ein stiller Vorwurf, dass Paps zu wenig Zeit mit mir verbrachte. Das war zwar nicht erst so, seit Nina da war, aber erst seit Nina da war, störte es mich. Denn ich wusste, dass er seine freie Zeit mit ihr verbrachte.

»Schwarzer Kaffee macht schön«, plauderte Nina betont locker drauflos, »hab ich mal gehört. Aber das hast du ja gar nicht nötig.«

Sie lächelte immer noch oder schon wieder, und ich vermutete, dass das gerade ein Kompliment gewesen sein sollte. Sie kämpfte sich weiter an mir ab, und ich hatte nicht vor, etwas dagegen zu unternehmen.

»Es heißt ›kalter Kaffee macht schön‹.«

»Ja stimmt, du hast vollkommen recht.«

Wenn sich Erwachsene deine Zuneigung erschmeicheln wollen, hat das immer etwas Würdeloses, schoss es mir durch den Kopf.

»Ich geh mal kurz für kleine …« Nina beendete den Satz nicht, wahrscheinlich weil sie selbst merkte, wie blöd das klang. Sie stand auf und ging Richtung WC, und ich folgte ihr mit meinem Blick. Sie hatte eine gute Figur, ziemlich sportlich. Ohne Zweifel war sie das, was man einen Schuss nannte. Trotzdem wusste ich nicht, was Paps an ihr fand. In meinen Augen hatte sie nichts Besonderes, und das musste sie doch, wenn mein Vater sie liebte. Oder?

»Sanny.«

Mein Vater zog meine Hand über den Tisch zu sich heran. »Bitte mach es uns allen doch nicht noch schwerer. Es ist schon schwer genug so, wie es ist.«

»DU hast es schwer gemacht«, antwortete ich, ohne ihn anzusehen. »SIE macht es schwer.«

»Nina kann nichts für unsere Situation, und das weißt du. Lisa und ich waren schon lange kein Paar mehr. Also nicht im wörtlichen Sinne …«

Ich wusste, was er meinte, aber ich wollte es nicht verstehen. »Ihr hättet es noch mal miteinander versuchen können.«

Paps schüttelte den Kopf. »Ich bin froh, wenn deine Mutter und ich es irgendwann schaffen, Freunde zu werden. Im Moment sieht es leider nicht danach aus.«

»Und ich weiß auch, wieso.«

»Godverdomme, Sanny!«

Paps strich sich mit der Handfläche über sein Gesicht und atmete tief aus. Er fluchte schon immer in seiner Muttersprache, Niederländisch. Früher wohl, damit ich es als Kleinkind nicht mitbekam, und später war es dabei geblieben.

»Sieh mich an, Sanny«, sagte er nun in einem festen, fast strengen Ton, den ich nicht von ihm kannte. »Es ist, wie es ist. Deine Mutter und ich lieben uns nicht mehr. Niemand ist schuld daran, Nina nicht und auch keine andere Frau der Welt. Niemand kann das rückgängig machen, auch du nicht, und wenn du dich noch so sehr anstrengst, unausstehlich zu sein oder Nina zu verscheuchen. Es ist eine neue und schwierige Situation, aber nicht nur für dich, sondern für uns alle. Du siehst doch, wie Nina sich abkämpft. Ich möchte nicht glauben, dass du das genießt. Sie ist ein nettes Mädchen.«

Wie er das sagte – nettes Mädchen. Als wäre Nina eine Freundin von mir.

»Ihr könntet Freunde werden«, ergänzte er.

Das hatte noch gefehlt. Langsam kam ich mir vor wie in einem schlechten Märchen 2.0: die blutjunge Stiefmutter als neue beste Freundin.

Eine andere Kellnerin kam und stellte unsere Getränke ab, sie ordnete den schwarzen Kaffee automatisch meinem Vater zu. Mit einer Handbewegung deutete er ihr an, dass es mein Kaffee war, den sie dann sichtlich erstaunt gegen eine der beiden Kakaotassen austauschte.

»Nein, ganz sicher nicht.« Ich schüttelte den Kopf.

»Versprich mir, dass du wenigstens versuchst, ihr eine Chance zu geben. Ich bitte dich darum, Sanny.«

Es war erstaunlich, auf wie viele unterschiedliche Arten man dasselbe sagen konnte, ohne sich gegenseitig zu verstehen. Meinen Vater so verzweifelt zu erleben machte mich traurig. Überhaupt machte mich alles hier traurig. Das Café, das nicht mehr nur unseres war, der Sahnebart, der nun der Vergangenheit angehörte, der Spaß, den ich sonst alleine mit ihm hatte und der nun fehlte. Es war viel eher ein Abschiedstreffen als ein Kennenlernen.

Ein Lebensabschnitt war zu Ende. Der, in dem Paps und ich wie zwei Avengers waren, die zusammen unschlagbar sind. Oft, wenn wir solche Filme zusammen im Kino gesehen hatten, hatte Paps gesagt: »Wir zwei sind wie Iron Man und Hulk. Du bist schlau, und ich bin stark. Wir sind unschlagbar.«

Und jetzt fühlte ich mich wie Iron Man, dem sie die Rüstung abgenommen hatten. Der einzige Panzer, der mir noch blieb, waren meine Worte.

»Da bin ich wieder«, sagte Nina und lächelte gekünstelt. »Ui, der Kakao ist ja schon da. Kommt, lasst uns anstoßen.« Sie hob ihren Becher, sah erst meinen Vater und dann mich an.

»Auf das Kennenlernen!«

Paps lächelte erst mich, dann sie an, aber es wirkte unsicher. »Genau, auf unser erstes Treffen!«

»Auf den Abschied«, antwortete ich und hielt ihr meine Kaffeetasse hin.

Es war das erste Mal, dass ich Nina nicht lächeln sah.

2. KAPITEL: Angebot

Als mir Flocke die Tür zu Gregs WG öffnete, war klar, dass auch der Rest der Band da war. Das passte mir ganz gut, denn ich hatte keine Lust, mit Greg über das Treffen mit Nina und Paps zu reden, und er hätte mich sicherlich danach gefragt. Ein bisschen Ablenkung konnte ich jetzt dagegen gut gebrauchen.

»Jabadabaduuuuuuu!«, begrüßte mich Flocke in seiner gewohnter Art. »Alles paletti bei unserem Sonnenschein? So treten Sie doch ein!«

»Hallo, Flocke«, sagte ich und musste grinsen. Dieser Typ schaffte es wirklich immer, dass man entweder mit ihm oder über ihn lachte, manchmal natürlich auch beides. »Alles paletti«, log ich. »Und bei euch?«

»Supermegakrassgeniale News am Start«, verkündete er, während ich meine Jacke im Flur ablegte, »du wirst es nicht glauben.«

»Da bin ich aber mal gespannt«, sagte ich und öffnete die Tür zum Wohnzimmer, in dem schon alle anderen versammelt waren. Sänger Tobi mit Michelle, Schleicher mit seiner Kira, Lex, der Schlagzeuger der Band, und natürlich Greg.

»Hey, schön, dass du da bist.« Greg zog mich auf seinen Schoß, und ich befürchtete, dass das uralte Sofa, das ohnehin schon wie eine Hängematte durchhing, unter uns zusammenbrechen und rechts und links hochklappen könnte, denn mit uns quetschten sich auch noch Kira und der zwei Meter große Schleicher auf dem Ding.

»Du glaubst nicht, was passiert ist«, begann er, »es ist absolut unglaublich!«

»Echt, Red! Das ist der Oberhammer!«, klinkte sich jetzt auch Tobi ein. Greg war damals der Erste gewesen, der mich wegen meiner knallrot gefärbten Haare Red genannt hatte, und irgendwie war es zu einer Art Spitzname geworden.

Tobi redete sichtlich aufgeregt weiter: »Und einen Teil davon haben wir sicherlich dir zu verdanken!«

Ich wusste, worauf er anspielte – die Tour, auf der ich die Jungs im Sommer begleitet hatte. Das eine oder andere Mal hatte ich mich eingemischt, was nicht immer für große Begeisterung bei allen Beteiligten gesorgt hatte, aber letztendlich doch für etwas gut gewesen war. Dadurch hatten die Jungs auf dem riesigen Maschseefest gespielt, und Greg, der bis dahin nur heimlich getextet hatte, hatte dort zum ersten Mal seine eigenen Lieder performed.

Ich war gespannt, was passiert war.

»Du erinnerst dich doch noch an Jess, oder?«

Klar erinnerte ich mich an Jess. Sie war eine superheiße Musikagentin, die die Jungs nach ihrem Konzert auf dem großen Fest angesprochen hatte. Und genau diesen besonderen Gig hatte ich mit mehr Glück als Verstand für sie organisiert. Damals wusste noch keiner, ob etwas aus diesem Kontakt werden würde, aber allein die Tatsache, dass ein renommiertes Musiklabel sich für Crystal interessierte, hatte alle in Euphorie versetzt.

Ich nickte also. »Klar weiß ich noch, wer Jess ist.«

Jess war so eine Frau, die Männer und Frauen gleichermaßen begeisterte, weil sie von Natur aus cool war. Dass sie nebenbei megaheiß aussah, verschlimmerte diese Tatsache nicht.

»Und was sagt sie?«, hakte ich nach.

»Sie will eine Demo-Aufnahme, die sie ein paar Leuten vorspielen wird, und danach sollen wir alle nach Berlin kommen!«

Gregs Augen leuchteten, und ich wusste, dass sich da gerade ein Traum erfüllte, und zwar der von mindestens fünf Personen in diesem Raum.

»Obergeil«, kommentierte Schleicher Gregs Ausführungen wie immer kurz und prägnant.

»Unsere Jungs werden echte Rockstars!«, jubelte Michelle und hielt mir ihre Hand zu einem High five hin. Ich schlug ein.

»Ich freu mich! Das ist großartig!«

Ich merkte allerdings, dass ich noch etwas Zeit brauchte, um mich von dem Nina-ist-die-neue-Frau-von-Paps-Erlebnis und dem Ihr-könnt-doch-Freunde-werden-Katastrophen-Vorschlag meines Vaters zu erholen. So richtig mitfreuen, wie ich es gewollt hätte, konnte ich mich noch nicht.

»Was ist los mit dir?«, flüsterte mir Kira prompt von der Seite zu, »du bist komisch. Ist was passiert?«

Ich versuchte ein schmales Lächeln und schüttelte den Kopf. Ich wollte jetzt nicht reden, nichts erklären und wusste auch nicht, ob mir danach überhaupt jemals der Sinn stehen würde.

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