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Herzklopfen unter griechischer Sonne

Sally Wentworth

Herzklopfen unter griechischer Sonne

1. KAPITEL

Endlich Sommerferien! Erleichtert schwang sich Alys hinter das Lenkrad ihres Wagens. Sie würde jetzt eine Woche lang ihre Eltern besuchen und sich danach mit einigen Freundinnen im Lake District zu einem Wanderurlaub treffen.

Dies war zumindest ihr Plan – bis zum Telefonat mit ihrer Großtante Louise wenige Tage später. Zufällig hatte Alys das Gespräch angenommen, als die jüngere Schwester ihrer verstorbenen Großmutter in heller Panik anrief. Nachdem sie die noch sehr rüstige Zweiundsiebzigjährige etwas beruhigt hatte, sagte diese, dass sich ihre Freundin gestern den Fuß gebrochen habe.

„Seit zwanzig Jahren machen wir gemeinsam Kreuzfahrten. Nun kann Helen nicht verreisen. Was soll ich bloß tun? Wir wollten am Donnerstag an Bord gehen.“

„Du rufst einfach beim Veranstalter an und stornierst die Buchung“, erklärte Alys geduldig. Wieso erzählte die Tante ihr das alles und nicht ihrer Mutter, die für gewöhnlich ihre Vertraute war? „Bestimmt wird man euch den Großteil der Kosten erstatten, wenn du …“

„Aber ich möchte mein Geld nicht zurück. Ich will an der Mittelmeerkreuzfahrt teilnehmen. Nur kann ich es unmöglich allein.“

Aha, daher wehte also der Wind. „Es tut mir leid, doch ich fahre selbst nächste Woche weg. Ich bin sicher, Mum wird dich begleiten …“

„Nein, das wird sie nicht. Du weißt, dass sie nie ohne deinen Dad verreist. Und wie ich gehört habe, hast du bloß eine lose Absprache mit den Leuten, mit denen du schon letztes Jahr gewandert bist.“

„Nein, wir haben uns fest …“

„Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass du in den Lake District möchtest, wenn Griechenland und die Türkei locken“, fuhr Louise fort, als hätte Alys nichts gesagt. „Im Lake District regnet es immer, insbesondere im Sommer.“

„Du musst dir jemand anderes suchen.“ Schnell nutzte sie den Moment, in dem ihre Tante Atem schöpfte. „Es ist sehr lieb von dir, mich einzuladen, nur bin ich bereits fest verabredet.“

„Es gibt niemand anderen. Du musst mitkommen. Ich kann nicht mehr Auto fahren und …“

„Ich hole dich gern ab und bringe dich zum Flughafen.“ Hoffentlich genügte dieses Angebot.

„Ich brauche wegen meiner gelegentlichen Schwindelanfälle ständig jemanden in meiner Nähe. Das weißt du doch. Ich bin erst letzten Monat gestürzt und habe mich verletzt.“

Nein, das hatte sie nicht gewusst. „Dann solltest du vielleicht nicht verreisen. Überhaupt, möchtest du nicht bei deiner Freundin bleiben und dich ein wenig um sie kümmern?“

„Sie ist bei einer Verwandten, die Krankenschwester ist, und deshalb bestens versorgt. Helen benötigt meine Hilfe nicht, aber ich benötige meinen Urlaub.“

Ich auch, dachte Alys verzweifelt. Sie sehnte sich nach der Ruhe und der frischen Luft der herrlichen Gebirgs- und Seenlandschaft. Seit Wochen freute sie sich auf ihre Ferien und wollte sie nicht mit ihrer Tante in einer kleinen Kabine auf einem Schiff mit lauter älteren Leuten verbringen.

„Dann solltest du eine deiner anderen Freundinnen mitnehmen. Es tut mir leid, aber ich komme nicht mit.“

„Alys“, begann ihre Tante in einem Ton, der nichts Gutes ahnen ließ. „Ich muss dich sicher nicht erinnern, dass ich dir Stab und Stütze war, als du mich gebraucht hast. Ich habe dir ein Zuhause gegeben, bis du wieder in der Lage warst, dich der Welt zu stellen.“

„Nein, du musst mich nicht erinnern“, erwiderte Alys angespannt, als ihre Tante schwieg. „Okay, ich begleite dich. Und wie hast du dir den weiteren Ablauf vorgestellt?“

„Wunderbar. Wie wäre es, wenn du am Mittwoch hier eintriffst? Ich koche uns ein Mittagessen, und am Nachmittag brechen wir zum Flughafen Heathrow auf und übernachten dort in einem Hotel. So hatten Helen und ich es geplant. Dir wird die Reise bestimmt Spaß machen. Wir werden Troja, Ephesos und viele andere geschichtsträchtige Orte besichtigen. Übermorgen erzähle ich dir alles ganz genau.“

Plötzlich kam Alys ein entsetzlicher Gedanke. „Einen Augenblick noch, Tante Lou. Du gehst normalerweise auf themenorientierte Kreuzfahrten mit Experten, die an Bord Vorträge halten und auch Landexkursionen leiten. Wer sind dieses Mal die Referenten?“

„Möchtest du es jetzt wissen?“

„Ja, bitte.“ Die energische Antwort ließ keinen Widerspruch zu.

„In Ordnung. Doch du wirst dich einen Moment gedulden müssen. Ich muss erst meine Brille aufsetzen und in den Reiseunterlagen nachschauen.“

Alys umklammerte den Hörer immer fester, während sie angespannt wartete. Schließlich las die Tante ihr vier Namen vor, die ihr nichts sagten, und sie atmete erleichtert auf.

„Das Thema lautet ‚Suleiman der Große‘. Ist das okay für dich?“

„Ja. Ja, völlig. Dann bis Mittwoch.“

Gelegentlich bist du schon etwas blöd, dachte Alys, als sie zu ihren Eltern ging, um ihnen mitzuteilen, dass sich ihre Pläne leider geändert hatten. Zu befürchten, dass der einzige Mann, den sie nie mehr wiedersehen wollte, vielleicht an Bord des Schiffes sein würde, grenzte fast an Verrücktheit. Und die osmanischen Sultane waren nun absolut nicht sein Fachgebiet.

Tante Louise hatte ein köstliches Mittagessen gekocht und tat ihr Möglichstes, um ihre Nichte fröhlich zu stimmen. Nicht, dass es wirklich nötig gewesen wäre. Alys hatte zugesagt, und nun würde sie auch versuchen, die Reise zu genießen.

Munter erzählte die Tante am Tisch von all den Orten, die sie besichtigen würden, und Alys bemühte sich, Vorfreude zu entwickeln. Außerdem erinnerte sie sich aufs Neue, wie selbstlos die Tante ihr vor zwei Jahren geholfen hatte, nachdem ihre Beziehung mit Trevor Irvine zerbrochen war.

Ohne zu fragen, hatte sie sie bei sich aufgenommen, als sie einen Ort gebraucht hatte, um ihre Wunden zu lecken. Louise hatte sie verwöhnt und ihr zugleich den nötigen Freiraum gelassen, bis sie wieder so weit gewesen war, sich der Welt zu stellen. Zumindest so weit, wie sie es je wieder sein könnte.

Damals war sie zunächst zu ihren Eltern gefahren. Anfangs hatte ihr der Ärger des Vaters darüber, wie man sie behandelt hatte, auch gutgetan. Doch dann war es ihr zu viel geworden, genauso wie die Fürsorge der Mutter. Diese hatte sie behandelt, als wäre sie krank und unfähig, etwas allein zu machen. Zudem hatte sie sie ständig gedrängt, über das Ganze zu reden.

Natürlich hatte sie das Verhalten der Eltern nachvollziehen können. Sie war ihr einziges Kind, weshalb sie sie zu sehr liebten. Nach rund einer Woche hatte sie es zu Hause nicht mehr ertragen und war zu ihrer Tante geflüchtet.

Und jetzt begleichst du deine Schuld und stehst ihr bei, dachte sie, während sie die letzten Reisevorbereitungen trafen. „Vergiss deine Tabletten nicht.“

„Meine Tabletten?“

„Ja, die für deinen Kreislauf. Wegen der Schwindelanfälle“, erinnerte sie sie freundlich.

Louise eilte ins Badezimmer, um sie zu holen, und Alys blickte lächelnd hinter ihr her. Die Zweiundsiebzigjährige war zwar ausgesprochen rüstig, aber nicht mehr frei von Altersbeschwerden. Alys verstand, dass sie gern jemanden in der Nähe hatte. Wie gut, dass die Tante in einem Mehrparteienhaus wohnte, in dem man sich noch umeinander kümmerte.

Am nächsten Morgen im Hotel wunderte sie sich jedoch ein wenig über Louises Verhalten. Normalerweise checkte die Tante stets mindestens zwei Stunden vor Abflug ein. Nur frühstückte sie heute in solcher Ruhe, dass Alys sie an die Zeit erinnern musste.

„Warum die Hetze? Wir sind in fünf Minuten da.“

Louise ließ sich nicht zur Eile antreiben. Das Ende vom Lied war, dass sie fast zu spät am Schalter der Airline eintrafen und beinahe nicht mehr abgefertigt worden wären.

Nach der Landung auf Korfu stiegen sie als die Letzten aus. Tante Louise hatte beim Aufstehen die Brille fallen lassen. Um sie unter den Sitzen zu suchen, mussten sie warten, bis die Passagiere im hinteren Teil der Maschine den Flieger verlassen hatten.

Zumindest brauchten sie sich um ihre Koffer nicht zu kümmern. Das Flugzeug war vom Reiseveranstalter der Kreuzfahrt gechartert worden. Deshalb sorgte dieser ebenfalls dafür, dass das Gepäck an Bord gelangte.

Nachdem sie die Passkontrolle passiert hatten, schlenderten sie auf den zweiten der bereitgestellten Busse zu, die sie zum Schiff bringen würden. Der erste fuhr gerade ab.

Tante Louise setzte sich auf einen Fensterplatz und Alys sich neben sie. Fasziniert betrachteten sie die bergige Landschaft mit den bewaldeten Tälern. Als sie dann an den Olivenhainen vorbeikamen, die den weidenden Ziegen und Schafen ein wenig Schatten spendeten, erwachte in Alys endlich ein Urlaubsgefühl.

„Vielen Dank für die Einladung.“ Sie küsste die Tante kurz auf die Wange.

Überrascht blickte Louise sie an. In ihren Augen spiegelte sich ein Ausdruck leisen Unbehagens. „Du wolltest eigentlich nicht mitfahren, sondern hättest lieber den Wanderurlaub gemacht.“

„Ja. Aber jetzt freue ich mich, hier zu sein.“

„Diese Leute aus der Gruppe“, begann Louise zögerlich. „Es sind alles junge Frauen, oder? Es ist kein Mann darunter, den du vielleicht gern getroffen hättest?“

Alys schüttelte den Kopf. „Nein, es sind alles ehemalige Studienkolleginnen.“

„Ja, das hatte ich angenommen.“ Die Tante wirkte seltsam erleichtert. „Da ist also niemand gewesen seit …“

„Nein“, unterbrach Alys sie schnell und deutete nach draußen. „Sieh mal, dort reitet eine Frau auf einem Esel.“

Louise wandte den Kopf und akzeptierte, dass die Nichte über dieses Thema nicht reden wollte. Dennoch war Alys erstaunt und zugleich beunruhigt, dass die Tante es überhaupt angesprochen hatte.

Vor zwei Jahren hatte sie ihr keine Fragen gestellt, sondern abgewartet, ob und wann sie etwas erzählen wollte. Aber vielleicht hat sie jetzt ein schlechtes Gewissen und sich deshalb danach erkundigt, überlegte Alys. Möglicherweise hatte Louise Angst gehabt, durch die letztlich erzwungene Änderung der Urlaubspläne eine junge Beziehung zu gefährden.

Schließlich hielt der Bus im Hafen vor einem relativ kleinen Schiff. Es besaß fünf Decks, war weiß und cremefarben angestrichen und hatte einen blauen Schornstein. Insgesamt wirkte es wie ein gediegener alter Passagierdampfer, der schon bessere Tage gesehen hatte, jedoch versuchte, den Schein zu wahren. Wie die meisten meiner Mitreisenden, dachte Alys liebevoll-spöttisch.

Die Kabine auf Deck B war zwar nicht gerade weitläufig, aber auch nicht so winzig, wie sie befürchtet hatte. Außerdem hatte sie kein Bullauge, sondern ein richtiges Fenster, was ihr half, sich nicht so eingesperrt zu fühlen. Und im Badezimmer gab es sogar eine Dusche und eine Wanne.

„Ich möchte erst meine Sachen auspacken, damit sie sich aushängen“, erklärte Louise, kaum dass der Steward die Koffer gebracht hatte. „Danach zeige ich dir das Schiff. Ich kenne es bereits von früheren Reisen.“

Pflichtschuldigst half Alys ihr, wunderte sich allerdings, warum die Tante es plötzlich so eilig damit hatte. Gestern Abend im Hotel hatte sie kein einziges Teil aus dem Koffer nehmen wollen. Irgendwann spürte sie dann einen Ruck, und als sie zum Fenster hinaussah, bemerkte sie, dass das Schiff ablegte.

„Es geht los.“ Sie lächelte ihre Tante an, von der eine Anspannung abzufallen schien.

„Ja, wie schön.“

„Wollen wir nun an Deck?“, erkundigte sich Alys, nachdem sie auch ihre Sachen im Schrank verstaut hatte.

Louise zögerte einen Moment. „Warum nicht? Ich würde gern etwas trinken.“

Sie verließen ihre Kabine, und wie selbstverständlich steuerte Alys auf den Salon zu, in dem man ihnen Tee oder Kaffee servieren würde. Doch zu ihrer Überraschung schlenderte ihre Tante in die Bar und bestellte zwei Cocktails.

„Ich hatte keine Ahnung, dass du so etwas trinkst“, sagte Alys, als der Drink serviert wurde. Sie nippte daran und fand ihn köstlich.

Louise, die gerade den Blick suchend über die Passagiere schweifen ließ, wandte sich ihr zu. „Vermutlich wirst du auf dieser Reise noch einiges über mich herausfinden, das du nicht weißt“, erwiderte sie geheimnisvoll, und Alys fragte sich, was sie davon halten sollte.

Schließlich brachen sie zu einem kleinen Rundgang auf. Sie kamen an einem kleinen Swimmingpool vorbei, überquerten das Promenadendeck und stiegen schließlich zum Peildeck hinauf.

Dort traf Louise auf zwei Damen, die sie von einer früheren Kreuzfahrt kannte. Sogleich begannen sie, miteinander zu plaudern. Alys trat ein paar Schritte zur Seite, stützte sich auf die Reling und schaute zum Festland hinüber.

„Ist das nicht schade mit Professor MacMichael“, hörte sie eine der Frauen sagen und spitzte die Ohren. Der Professor war einer der vier Referenten.

Louise hustete. „Was ist denn mit ihm?“

„Haben Sie es nicht in der Zeitung gelesen? Er war in die Massenkarambolage auf der Autobahn vor einem Monat verwickelt. Ich glaube, seine Frau wurde ebenfalls verletzt. Aber der Veranstalter hat einen Ersatz für ihn gefunden. Der Mann ist …“

„Wie schrecklich!“, warf Louise ein. „Wurde er sehr schwer verletzt?“ Während sie redete, entfernte sie sich etwas von Alys, und die weitere Unterhaltung ging im Rauschen der Bugwelle unter.

Alys genoss die Abendbrise, die ihr über das Gesicht strich und mit ihren Haaren spielte. Ihrem bisherigen Eindruck nach war sie wohl mit ihren fünfundzwanzig Jahren die jüngste Passagierin an Bord. Es gab noch mehrere Ehepaare mittleren Alters, aber die meisten Leute schienen Rentner zu sein.

Im Gegensatz zu vielen anderen Kreuzfahrtschiffen gab es hier keine festen Tische für die Reisenden. Auch aßen der Kapitän und seine Crew bis auf wenige Ausnahmen in der Offiziersmesse, wie Louise ihr erzählt hatte.

Kaum hatten sie im Speisesaal Platz genommen, gesellten sich zwei Frauen zu ihnen. Eine Gail Turnbull, die Anfang dreißig sein durfte, mit ihrer etwa sechzigjährigen Mutter Jennifer Gilbert.

„Dem Himmel sei Dank, dass es an Bord noch jemand anderen gibt, der nicht schon mit einem Fuß im Grabe steht“, sagte Gail leise zu Alys, nachdem sie sich neben sie gesetzt hatte. „Ich schätze, Sie sind wie ich als pflichtschuldige Verwandte hier, um das Kindermädchen zu spielen.“

„Ich begleite meine Tante.“ Sie wollte sich mit einer Fremden nicht sofort gegen die ältere Generation verbünden.

Gail nickte mitfühlend. „Meine Mum besteht darauf, dass ich diese Reisen mit ihr mache. Doch dann verbringt sie die ganze Zeit mit ihren Kumpaninnen, und ich langweile mich zu Tode. Aber was soll’s, wir zwei können uns ja aneinander halten. Wie wär’s, wenn wir uns duzen?“

„Okay.“ Sie konnte es wohl schlecht ablehnen, ohne unhöflich zu sein.

Der Ober kam an ihren Tisch und servierte die Vorspeise, und Gail wandte sich ihm zu. Verstohlen betrachtete Alys sie noch einen Moment. Ihre Nachbarin hatte einen von der Sonne gebräunten Teint, herrliche schwarze Locken und einen leuchtend rot angemalten Schmollmund. Sie war zweifellos sehr hübsch und besaß eine starke sinnliche Ausstrahlung. Und sie liebte Schmuck. Sie trug nicht nur einen Ehering, sondern auch noch einen Reif an fast jedem anderen Finger. Außerdem hatte sie diverse Armbänder angelegt sowie eine schwere goldene Halskette.

„Vermutlich sollte ich nicht darauf hoffen, dass es an Bord einen halbwegs passablen alleinstehenden Mann gibt“, wandte sie sich beim Essen leise an Alys. „Einige der Kellner sehen nicht schlecht aus. Doch ist das Problem bei den Griechen, dass sie oft recht klein sind.“ Sie beugte sich noch etwas näher. „Ich habe vorhin allerdings einen echt umwerfenden Mann erblickt, der sogar kein einziges graues Haar hatte, wie mir schien. Ich konnte noch nicht herausfinden, wer er ist. Aber man kann wohl sein Leben darauf verwetten, dass er mit seiner Frau hier ist. Ein solcher Adonis läuft bestimmt nicht mehr frei herum. Hast du ihn schon gesehen?“

Lachend schüttelte Alys den Kopf. „Nein, mir ist hier bestimmt noch niemand untergekommen, den ich als Adonis bezeichnen würde.“

„Du wirst wissen, von wem ich spreche, sobald du ihm begegnest.“ Gail bemerkte, dass Alys keinen Ring trug. „Du bist nicht verheiratet, oder?“

„Nein.“

„Ich auch nicht mehr. Ich bin geschieden … Zum zweiten Mal. Ich bin da etwas eigenartig. Wenn ich verheiratet bin, wünsche ich mir, ungebunden zu sein, und wenn ich ungebunden bin, möchte ich dringend wieder heiraten. Schrecklich, oder?“

Diese Offenheit erstaunte Alys. „Ja, vermutlich ist es das. Was machst du, wenn du nicht verheiratet bist?“

„Was ich dann mache? Oh, du meinst beruflich? Ich arbeite nicht. Ich habe noch nie gearbeitet. Gleich nach meinem Schulabschluss habe ich das erste Mal geheiratet. Bis zu meiner zweiten Ehe habe ich von meinem Ex Unterhalt bezogen. Und jetzt ist es wieder so. Was völlig okay ist. Ich könnte unmöglich den ganzen Tag im Büro sitzen. Es wäre todlangweilig.“ Sie ließ den Blick über Alys’ langes blondes Haar und den schlanken Körper schweifen. „Was ist mit dir? Bist du ein Model oder so?“

„Nein.“ Alys lächelte insgeheim amüsiert. „Ich bin Lehrerin an einer Mädchenschule und unterrichte Sport und Geschichte.“

„Wie interessant“, antwortete Gail aus purer Höflichkeit. „Dort hast du schätzungsweise kaum Gelegenheit, begehrenswerte Männer kennenzulernen.“

„Nein, nicht wirklich.“

„Was bei deinem Aussehen und deiner Figur echt schade ist. Vermutlich hast du die wegen des vielen Sports?“

„Wahrscheinlich“, erwiderte Alys und freute sich über das wenngleich etwas seltsam formulierte Kompliment.

Da Louise und Jennifer sich auch recht gut verstanden, setzten sie sich nach dem Essen zu viert in den Salon. An den großen runden Tischen hatte sich etwa die Hälfte der zweihundertfünfzig Passagiere versammelt. Alys schaute sich unter den Leuten nach dem Adonis um, als Gail den Kopf schüttelte.

„Er ist nicht hier“, flüsterte sie ihr wie eine Verschwörerin zu.

Ärgerlich auf sich trank Alys einen Schluck Kaffee. Sie war nicht hier, um wie Gail auf Männerfang zu gehen, sondern um sich um die Tante zu kümmern. Nur weil sie nicht verheiratet war, hieß es nicht, dass sie sich nach männlicher Gesellschaft sehnen musste. Wer einmal mit dem idealen Partner zusammen gewesen war, begnügte sich nicht mit einem geringeren.

Zwischen Trevor und ihr war es damals Liebe auf den ersten Blick gewesen. Sie hatte das Gefühl gehabt, er wäre der Mann ihres Lebens und ihr vom Schicksal vorherbestimmt. Welch ein Irrtum! Plötzlich war das Glück vorbei gewesen. Die große Liebe war in Wut, Eifersucht und sogar Hass umgeschlagen. Sie hatte es nicht ertragen und war aus dem gemeinsamen Zuhause geflohen.

Das ist jetzt zwei Jahre her, ermahnte sie sich. Sie musste die Vergangenheit endlich ruhen lassen. Energisch rief sie sich zur Vernunft und war froh, als ihre Tante erklärte, sie sei müde und wolle in die Kabine.

Sogleich stand sie auf, um sie zu begleiten. Sie hatte für heute genug Konversation betrieben. Außerdem spürte sie das dringende Bedürfnis, allein mit sich zu sein – und sei es nur in ihrem Bett.

Am nächsten Morgen erwachte Alys wie üblich früh, denn sie hatte die Angewohnheit, vor Schulbeginn eine Runde zu joggen. Überrascht stellte sie fest, dass ihre Tante bereits angekleidet war.

„Das Frühstück ist heute um sieben“, erinnerte Louise sie. „Wir brechen doch um acht nach Delphi auf.“

„Hat das Schiff schon angelegt?“

„Ja. Wir sind in Itea. Komm in die Gänge, Alys. Ich weiß, dass ihr jungen Leute gern den halben Vormittag im Bett verbringt“, erklärte Louise tadelnd.

Allerdings schwang in ihrer Stimme auch Aufregung mit, wie Alys deutlich hörte. Ihre Tante musste sich sehr auf die Kreuzfahrt gefreut haben. Jetzt war sie doppelt froh, dass sie ihr die Teilnahme ermöglichte.

Normalerweise hätte sie Shorts und ein trägerloses Top angezogen. Aber in Anbetracht der älteren Mitreisenden wählte sie lieber einen Sommerrock und eine Bluse. Gail hingegen zeigte sich weniger rücksichtsvoll. Sie schlenderte in leuchtend roten Shorts und einem rückenfreien Top mit Nackenband die Gangway entlang.

„Sollte einer der älteren Herren kurz vor einem Herzinfarkt stehen, dürfte er ihn jetzt bekommen“, sagte Alys leise zu ihrer Tante, während sie in den ersten Bus einstiegen.

„So ein Unsinn! Der Anblick wird ihnen guttun.“

Alys hatte schon einiges über Delphi gelesen. Trotzdem hatte sie nicht geahnt, welch landschaftliche Schönheit sie am Fuß des Parnass erwartete. Als sie um die letzte Kurve bogen, sah sie ringsum bis zum Horizont ein Gebirgsmassiv und links und rechts der Straße ein Meer von Olivenbäumen.

Es war noch recht früh am Morgen und ihre Besuchergruppe die erste des Tages. Alys hatte kaum ein paar Schritte in der herrlichen Umgebung gemacht, als sie den Frieden und die Ruhe dieses sagenumwobenen Ortes spürte.

Ein Fremdenführer begrüßte sie und geleitete sie zunächst zum Heiligtum der Athena Pronaia. Er überhäufte sie mit geschichtlichen Fakten, doch Alys schaltete zumeist ab. Sie ließ sich von der Atmosphäre der Ruinen aus der Antike gefangen nehmen.

Immer weiter drangen sie in die Ausgrabungsstätte vor, die sich über dreihundert Höhenmeter an den Hängen des Parnass erstreckte. Als sie schließlich zu einem besonders steilen Stück der Heiligen Straße gelangten, erklärte Louise, dass sie nicht weiter nach oben gehen wolle. Mehreren aus der Gruppe reichte es ebenfalls, und sie setzten sich unter einen Olivenbaum, um sich auszuruhen.

Da ihre Tante Gesellschaft hatte, schloss sich Alys den anderen an. Bald ließ sie sich jedoch mehr und mehr zurückfallen. Es war einfach viel schöner, allein auf den Pfaden der Vergangenheit zu wandeln.

Sie kam zu den Überresten des Theaters, blieb stehen und freute sich an dem wunderbaren Blick auf die Ebene von Kirra, die Bucht von Itea und den Golf von Korinth.

Dann stieg sie weiter hinauf zum Stadion, wo damals die sportlichen Wettbewerbe der Delphischen Spiele stattfanden. Mit einer gewissen Ehrfurcht ging sie unter dem teilweise erhaltenen dreitorigen Triumphbogen auf der Ostseite hindurch. Rechts von ihr gab es noch Sitzstufen, von wo aus die Zuschauer die Wettkämpfer angefeuert hatten. Linker Hand waren sie größtenteils zerstört.

Gemächlich schlenderte sie zur gegenüberliegenden Seite. Niemand außer ihr hatte sich bis hier hinauf bemüht. Sie genoss die stille Einsamkeit, denn sogar die lauten Stimmen der Touristenführer drangen nicht bis in diese Höhe vor.

Hier in Delphi herrschte zweifellos eine besondere, irgendwie magische Atmosphäre. Sie empfand einen tiefen inneren Frieden und zugleich eine wachsende Lebensfreude.

Wie hat das Stadion wohl einst ausgesehen, überlegte sie und wünschte sich, sie könnte in die Vergangenheit eintauchen und es sich anschauen. Als sie das andere Ende schließlich erreicht hatte, drehte sie sich um und ließ den Blick zurückschweifen.

Sie war nicht mehr allein. Ein Mann stand im Schatten des Triumphbogens. Jetzt trat er heraus in den Sonnenschein, und sie erkannte ihn, ohne irgendwie überrascht zu sein.

Es war Trevor.

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